Schlagwort: Deine Lakaien

Level: next shit

Gibt es die Musik von morgen? Meine zeitreisenden Gedanken versuchen Antworten zu finden, die sowieso noch keiner kennen kann.


Als neulich in der Tagesschau ein Bericht zu den MTV Video Music Awards kam, habe ich mich leicht erschrocken. Music Television – die Marke schwebt als mediales Kulturfossil lebendig vor derer Augen, die es noch miterlebt haben, stand es doch im Ursprung für das bahnbrechende Musikvideo, für das kollektive Erleben und Teilhaben an Popkultur… Und heute? Mir wurde plötzlich bewusst, dass sich nicht nur die Landschaft um die Charts in den letzten zehn Jahren merklich gewandelt hat, sondern überhaupt das Erleben und Konsumieren von Musik. Zufällig stolperte ich zur selben Zeit über einen Spex Artikel von Remo Bitzi aus dem Jahr 2013, in dem er über die Fusion von scheinbar nicht zusammenpassenden Musikstilen schrieb:

„Mit dem Eintreten des digitalen Zeitalters sind die Grenzen zwischen einzelnen Jugend- und Subkulturen zunehmend verschwommen. Musik allein dient weniger der Identifikation, sondern wird als weiterer Konsumgegenstand wahrgenommen.“

Musik als ein bloßes Konsumgut von vielen? Da bleibt nur zu hoffen, dass es weiterhin ein paar leidenschaftliche Hörer geben wird, die die kreative Arbeit von Musikern zu schätzen wissen. Mir kommen da so altbackene Begriffe wie „Avantgarde“ und „Nostalgie“ in den Sinn, die mehr oder weniger einen gewissen Anspruch an die Musik erheben. Sind sie eigentlich noch zeitgemäß? Kann man das Credo des Fortschritts überhaupt auf die Musik übertragen? Wozu und wohin avanciert Musik? Schließen sich Avantgarde und Nostalgie in der Musik eigentlich aus? Ich kann mir kaum vorstellen, dass eine Begrifflichkeit, ein Anspruch einfach so verschwindet, auch wenn sich das Verständnis von und unser Verhältnis zur Musik im letzten Jahrhundert ziemlich gewandelt hat. Wo ist also diese Avantgarde – kann es sein, dass ihre ehemalige Heimat Klassische Musik nun ihr endgültiges Exil geworden ist? Weil ich das irgendwie nicht glaube, habe ich ein wenig in meinem Musikfundus gewühlt und nach möglichen Anhaltspunkten gesucht…

Über Brücken und aus Ruinen

Vor acht Jahren feierte das Duo Deine Lakaien auf der Bühne zusammen mit der Neuen Philharmonie Frankfurt „20 years of Electronic Avantgarde“. Vor allem in der sogenannten Schwarzen Szene populär, bildeten Deine Lakaien jedoch schon immer eine kleine Ausnahme: bestehend aus Ernst Horn, der als Dirigent und Pianist aus der (klassischen) Neuen Musik stammt, und Alexander Veljanov, der seinerzeit in der entstehenden Gothic-Subkultur unterwegs war. Der furchtlose Brückenbau zwischen Klassik und Elektronik wirkt weniger wie eine Kombination als wie ein eigenständiges Konzept. Die Diskographie ist von elektronischen Sounds geprägt, die der Dark Wave entlehnt sind. Auf Konsole eher die Ausnahme, auf der Bühne inzwischen öfter praktiziert, ist die rein akustische Interpretation ausgewählter Lieder. Nur Gesang und ein zum Teil präpariertes Klavier (John Cage lässt grüßen!). Hört man sich ein bisschen in diese „Acoustic“-Eskapaden hinein, erkennt man, dass in „20 years of Electronic Avantgarde“ ein wenig mehr stecken muss als ein Orchester, das als hübsche Garnierung zum Jubiläum fungiert. Es war in dieser Live-Konstellation ein fester Bestandteil und kein „drübergegossener Klassiksirup à la Rock meets Classic“, wie Veljanov im Interview mit Whiskey Soda klarstellte. Wer sich ein eigenes Bild von einer Studioversion und seiner orchestralen Umsetzung machen möchte, kann das tun. Ich habe mal als Beispiel einen Lakaien-Klassiker herausgepickt:

(Quelle: Youtube)

Mit „20 years of Electronic Avantgarde“ haben sich Deine Lakaien wieder auf ihren Ursprung besinnt und elektronisch komponierte Sounds klassisch umgesetzt. Ein höchstinteressantes Verhältnis zwischen Avantgarde und Nostalgie… Der Bandname bezieht sich übrigens auf die Gruppe Einstürzende Neubauten, die ihrer Zeit nicht viel von Harmonien hielten – eher im Gegenteil.

Was steckt dahinter?

„And then I (…) started the cult experimental anarchy sort of terrorist Einsturzende Neubauten kinda band. (…) That’s the most important band I was in, still for me, some of the most important music I’ve done”, sagt Björk in einem Interview mit Evelyn McDonnell in Björk (orange press, 2002, S.86/88). Sie spricht hier von der isländischen Band K.U.K.L., die weniger populär war als The Sugarcubes, durch die Björk erst international bekannt wurde. Mittlerweile ist die Frau eine feste Größe in der Popwelt, die mit Künstlern diverser Disziplinen kooperiert. Das MoMA versuchte in diesem Jahr ihr bisheriges Werk in einer Retrospektive zusammenzufassen. Bis ins MoMA hat Madonna es nicht geschafft, wobei sie ihrer Zeit keine geringere Rolle gespielt hat. Als erste eigenständige weibliche Pop-Ikone behauptete sie sich in der männlich dominierten Unterhaltungsindustrie. Madonnas Erfolgsrezept des ständigen Imagewechsels hat bis heute Bestand – siehe Lady Gaga, Nicki Minaj, Miley Cyrus, etc. Die Maskerade macht auch einen wesentlichen Teil von Björks Arbeit aus, wobei sie bei weitem nicht die primäre mediale Aufmerksamkeit anstrebt wie es ihre eben genannten Kolleginnen tun. Ist das nicht die Avantgarde, die da verräterisch aus der Maskeraden-Parade blitzt? Ein Spiegel unserer Zeit? Oder ist es doch nur ein uraltes Bedürfnis nach gesehen werden und verstecken spielen? Klaus Biesenbach, der Björks Retrospektive im MoMA organisiert hat, schreibt folgendes:

„The symbol of the mask has been thematized throughout the ages. In the plays of antiquity, actors went on stage with a mask, thus simultaneously embodying a person and a persona, a living and a dead body. (…) As an artist, Björk has adopted many visually compelling personas. (…) But the mask is only one palpable, tangible embodiment of the idea of a character. Björk also created distinct, semi-fictitious characters to evoke and perform the author/actor/singer/protagonist/heroine/role of each album, channeling the creative energies of a musical period and galvanizing a mask to reflect the art and artist simultaneously.”

(Björk: Archives, 2015; Klaus Biesenbach’s introduction, S. 4)

Aus alt mach anders

Ich vermute ja, dass avantgardistische Musik heute nicht mehr denselben absolut bahnbrechenden Charakter haben kann wie es sich Kunst-Pioniere vor etwa sechzig Jahren ausgemalt haben. Zwölftonmusik. Anklagende und brutale Disharmonien. Neue Klänge und Beats. Das Aufbrechen der Grenze zwischen Hoch- und Popkultur – all das ist schon längst passiert. Das Vorkämpfertum musikalischer Innovationen ist genauso diffus geworden wie die Popkultur selbst (Kunst und Pop, wo ist der Wertunterschied?). Avantgarde findet ständig überall statt, wo doch das Crossover von Stilen und das Sampeln inzwischen an der Tagesordnung sind. Hat sie sich dadurch aber nicht selbst abgeschafft? Die Avantgarde schaut über Grenzen, während die Nostalgie anscheinend genau das Gegenteil tut. Heute würde eine Psychedelic Rock-Band zum Beispiel, die ihrem Genre strikt treu bleibt, nichts tun, außer ihr Genre zu reproduzieren – ein quasi in sich geschlossenes Soundsystem. Es geht nicht um das Experimentieren und was daraus entstehen kann, sondern um die Bewahrung eines Ideals. Auf der anderen Seite besitzt Nachahmung das Potenzial, Veränderungen hervorzubringen. Demzufolge könnten Nostalgie und Avantgarde sich doch auch wechselseitig beeinflussen! Ein potentialträchtiges Genre – wenn man es denn so nennen kann – mache ich in einer schummrigen, zwielichtigen Ecke aus, wo der Begriff der Avantgarde eigentlich gar nicht hinpasst: im Trash.

(Quelle: Youtube)

Natürlich ist Alexander Marcus eine Nummer für sich, weshalb er stark polarisiert. Das Unerträgliche sehen viele in der Künstlichkeit dieser Figur, aber ich finde gerade diesen Aspekt spannend. Er parodiert kein spezielles Genre oder eine spezielle Person und gibt damit niemanden außer sich selbst der Lächerlichkeit preis. Er greift lediglich Schlager-Klischees auf und treibt sie schamlos auf die Spitze. Alexander Marcus spielt nicht unbedingt vor 60.000 Menschen auf einmal, spricht dafür aber ein ziemlich breites Publikum an. Sinnfreie Lyrics kombiniert er mit Beats, die weniger an den billigen, unbeholfenen Schlagersound erinnern (den man in diesem Kontext eigentlich erwarten würde), sondern viel eher an Clubmusik der 80er und 90er. Alexander Marcus hat mit der Schöpfung des Genres „Electrolore“ schon einen kleinen avantgardistischen Beitrag geleistet, auch wenn die einzige Message Unterhaltung lautet. Was ja eigentlich total unavantgardistisch ist… Oder?