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Von Wegen Lisbeth: „Grande“

Für ein Albumdebüt ist „Grande“ ein nicht gerade bescheidener Titel. Von Wegen Lisbeth waren schon als Support von Element Of Crime und AnnenMayKantereit unterwegs. Wie klingt die erste, große Eigenständigkeit? Eine Rezension.


Von Wegen Lisbeth und Zugezogen Maskulin passen nicht so recht zusammen, befinden sich aber direkt aufeinanderfolgend in meiner Playlist. Beide Bands kommen aus Berlin und haben ein familiäres Verhältnis zur Ironie, weitere Gemeinsamkeiten lassen aber sich ebenso wenig finden wie ich mich mit deutschem Indie-Pop auskenne. Nichtsdestotrotz habe ich mir mal Von Wegen Lisbeths Debüt zu Gemüte geführt und mich an eine Rezension gewagt.

Grande – woran erinnert mich das nur? An Urlaub, an Speisekarten, an große Gefühle à la Amore; es könnte sich glatt um einen Gruß an die österreichischen Kollegen von Wanda handeln.

Mit 14 Titeln tischen Von Wegen Lisbeth dem Hörer eine Palette auf, die sich sehen – Verzeihung – hören lässt. Jedes Lied stellt eine kleine Geschichte aus dem alltäglichen Dasein junger Urbanesen dar. So führt der Opener Meine Kneipe in das Grande-Universum ein, das bei genauerer Betrachtung gar nicht mal so groß ist.

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Was Von Wegen Lisbeth ausmacht, ist ihre Liebe zum mit „kleinen Scheißinstrumenten“ unterstützten Indie-Sound (wie im Interview mit sPiTV verraten wird) und eine fast schon stoische Leichtigkeit des Seins, die sich in ihren Lyrics ausdrückt. „Immer wenn ich kotzen muss, geht Liebe durch den Magen“, heißt es im Song Lisa. Irosie könnte man das nennen – eine Mischung aus Ironie und Poesie.

In Komm mal rüber bitte konkurrieren, untermalt mit schrägen Soundsamples, von außen verübter Leistungsdruck und die süßen Verlockungen des Alltags miteinander. Kollidiert das spätpubertäre Ausleben der Sexualität nicht mit den akademischen Anforderungen, die der Herr Vater stellt? Ein etwas altbackenes Bild, das jedoch weniger traditionell formuliert wird.

Der darauffolgende Song Drüben bei Penny setzt verletzbare Gefühle mit einem günstigen Produkt, das sich neben dem Kaffee in ebendieser Supermarktkette befindet, gleich. So melancholisch das auch klingt – Von Wegen Lisbeth haben sich darauf spezialisiert, den Hörer eher zum Schmunzeln als zum Heulen zu bringen. Good guys.

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Fun fact: Gewisse Items werden zu Stellvertreter gescheiterter oder problematischer Beziehungen. Wie das iPhone in Chérie oder das Sushi in Sushi, wird in Becks Ice das gleichnamige Getränk mit einer erahnbaren (Ex-)Freundin in Verbindung gebracht. Von Wegen Lisbeth kreieren hier humorvolle Wortspiele, die auf dem ersten Blick ganz witzig sind und zum Großteil auch funktionieren: „Warum kommst du eigentlich unter Einfluss eines reichlich süßen Alkopop-Getränks auf eine Schnapsidee?“ – Ja, warum auch nicht?

An vielen Stellen frage ich mich dennoch, was hinter den spritzigen bis nachdenklich-humorvollen Lyrics stecken soll. Das Lied Bitch wirkt ein bisschen zu sehr darum bemüht, sich auf die leichte Schulter und gleichzeitig ernst zu nehmen. Immerhin: Liebe ist vielleicht doch nicht für alle da, wie Rammstein behaupteten, aber manche können damit eben gut umgehen. Von Wegen Lisbeth zum Beispiel!

Überraschenderweise entpuppt sich ausgerechnet der letzte Track als ein Party-hard-Song: In der Kneipe gibt’s nun Freigetränke und genau deswegen sind offenbar alle da. Neben Becks Ice gibt es bestimmt auch richtiges Bier und O-Saft. Unüberhörbar lehnen sich Von Wegen Lisbeth an die gute alte NDW, denn „jetzt wird wieder in die Lobby gespuckt“. Prost!

Die behandelten Themen auf Grande lassen sich auf eine Handvoll herunterkochen und wirken zum Teil ziemlich banal. Es kommt hier eher auf die lyrische Verpackung an; wie erwähnt haben Von Wegen Lisbeth ein poetisch-ironisches Verhältnis zu ihrer Umwelt und sich selbst. Dafür, dass sie nun ihr Debüt veröffentlichen, haben sie sich bereits einen Namen gemacht und werden – wer weiß – vielleicht sogar noch grande. Morgen ist Release, überzeugt euch selbst!

Titelbild: © Von Wegen Lisbeth

We had to leave. Geschichten von Monstern, Gejagten und schäumendem Sauerstoff

Am gestrigen Abend stellten We had to leave. im Bremer Tower ihr erstes Album A Rather Confident Thought vor. Während sie in ihrer Heimatstadt längst weitaus mehr als ein Geheimtipp sind, wollen sie nun auch in anderen Städten von ihrer Definition des Indie reden machen.


Aus dem kleinsten Bundesland ist seit jeher eine überschaubare Anzahl von positiven Nachrichten zu vermelden. Das Bildungssystem liegt brach, der einst so stolze örtliche Fußballverein blickt wehmütig auf seinen avantgardistischen Charakter der Nullerjahre zurück und das Viertel als kulturelles Zentrum droht der Bourgeoisie anheimzufallen. Nicht gerade erbaulich.

Doch es ist Hoffnung in Sicht. Etwas an der prekären Situation ändern könnte die hier ansässige junge Szene an Musikschaffenden, die sich ihrer Kreativität in vielfältiger Weise genreübergreifend bedient. Ein Beispiel für diese positive Entwicklung ist die dreiköpfige Band We had to leave., die vergangene Woche ihren ersten Longplayer A Rather Confident Thought veröffentlichten. Die Combo definiert sich vorrangig als Liveband, die ihren Ursprung in Gigs in anderer Leute Wohnzimmer sieht und bereits über Bühnenerfahrung auch im Ausland verfügt, da sie bereits mehrmals bei Festivals und Konzerten in den Niederlanden, Belgien, Frankreich und der Schweiz auftrat. Die neuen Aufnahmen sollen jedoch zunächst in heimischen Gefilden wie Bremen, Hamburg, Kiel oder Oldenburg dem konzertaffinen Publikum vorgestellt werden. Mitte Mai gilt es dann, Hörer٭innen in etwas weiter entfernten Gebieten zu überzeugen, wenn Auftritte im Kukulida in der Dresdener Neustadt (14.05.) und schließlich im Auster Club in Berlin-Kreuzberg (15.05.) folgen.

Was aber macht We had to leave. aus und wie präsentiert sich deren erstes Album? Sie selbst beschreiben sich als Indie-Electro-Trio, das „mit progressivem Geschrammel und subtiler Arroganz so ziemlich jeden Club in eine seriöse Spielwiese [verwandelt]“ (Quelle: Pressetext). Klingt vielversprechend. Tatsächlich kann von Geschrammel aber kaum die Rede sein. Wer sich an der 2014 erschienenen EP Awake Asleep orientiert, auf der der Titel Branches heraussticht, wird sich ob des stringenten Arrangements auf A Rather Confident Thought überrascht zeigen.

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Während die EP äußerst experimentell daherkommt und sich durchaus gefällig, aber unvorhersehbar zwischen elektronischen Elementen, melodischem Songwriting, aber auch härteren Gitarrenriffs und damit irgendwo zwischen Dream Pop und Shoegaze bewegt, ist nun ein klar nachvollziehbarer Stil zu erkennen. Im Vergleich zum Vorgänger erscheint das Album einerseits weitaus poppiger, andererseits deutlich reifer und wohldurchdacht, was gleich die erste Singleauskopplung Small Voices illustriert.

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Unüberhörbar greift die Band auf verschiedene Einflüsse zurück. Bemerkbar macht sich dies in der Betrachtung der einzelnen Stücke. So erscheint Understanding In A Heartcrash wie eine Reminiszenz an die früheren Foals. Das instrumentale R.S. lässt mit seinem Glockenspiel an Alt-J denken und das Interludium Transitional Arrangement vereint Merkmale von Sigur Rós. The Hunted erinnert in einigen Elementen an Deerhunters Halcyon Digest.

 

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Eine Besonderheit entwickelt sich zudem aus den diversen Wirkungskreisen, die sich ohnehin aus der Zusammensetzung der Mitglieder ergeben. Sänger und Gitarrist Julian kommt laut eigener Aussage eher aus der Indie-Ecke, Drummer Torben hingegen erkennt seine Herkunft im Post-Hardcore und Bassist Christian spielte vormals in einer Metalcore-Band, kann darüber hinaus auf ein Studium der klassischen Musik verweisen. Ein für drei Bandmitglieder vergleichsweise großer Melting Pot also. Dennoch kommt während des Hörens nie der Eindruck auf, dass bei der Komposition der Konsens fehlte. Man scheint sich auf die Gemeinsamkeiten geeinigt zu haben.

Ergebnis ist, dass sich A Rather Confident Thought als ein variantenreiches Werk zeigt, durch das sich trotz der erwähnten vielfältigen Inspirationen eine erkennbare Linie zieht, und sich die Band einen für sich stehenden Stil mit Wiedererkennungswert zu eigen gemacht hat. Es gibt also auch in der Hansestadt allen Grund für eher zuversichtliche Gedanken, die sich auch in anderen Städten der Tristesse ausbreiten dürfen.

Titelbild: © We had to leave.