Schlagwort: Debüt

Chor aus der Dunkelheit – ein Autorengespräch

Im März veröffentlichte Philip Dingeldey, auch bei postmondän ein fleißiger Autor, seinen ersten Roman „Chor aus der Dunkelheit“. Gutes Timing, denn er erzählt eine dystopische Geschichte, zwar ohne Pandemie, Shutdown und Abstandsregeln, dafür mit Großkonzernen, die in Europa die Regierung übernommen haben, Konzentrationslagern, in denen Menschen zu Opfergaben gezüchtet werden – achja, und Vampiren. Gregor, ebenfalls Autor bei postmondän, hat den Roman mittlerweile durchgelesen, und ein paar Fragen ihn.


Alles Gute zum Buchrelease! Hand aufs Herz: Wie autobiographisch ist der Roman?

Im Grunde gar nicht. Die meisten Autoren möchten ja etwas autobiographisches als Debüt vorlegen, in dem man sich intensiv mit seinem Innenleben auseinandersetzt. Das wollte ich für meinen ersten Roman vermeiden, denn ich finde, damit ist der Markt schon überflutet und ich wollte gern etwas anderes machen. Es ist nur insofern autobiographisch, dass er meine persönlichen Gedanken zu Politik und Gesellschaft umfasst, dafür aber nichts zu meinem Leben. Es gibt auch keine Figur, in der ich mich wiedererkenne.

Worum geht es denn in der Geschichte?

In der Ausgangslage ist Europa im 22. Jahrhundert ein zusammenhängender Staat mit neofeudalem System geworden ist. Plötzlich verbreiteten sich Vampire, die, vampirtypisch, das Tageslicht meiden und Blut trinken müssen. Es gab einen kriegerischen Konflikt, der mit einem Vertrag zwischen Regierung und Vampiren beigelegt wurde. Dieser besagt, dass Vampire für Menschen arbeiten, ihre körperlichen Fähigkeiten für sie einsetzen und zum Beispiel Ökostrom produzieren, wofür sie Blut geliefert bekommen. Für die Blutlieferungen werden Lager errichtet, in denen später Menschen gezüchtet werden. Damit das Gleichgewicht erhalten bleibt, ist es verboten, dass Vampire sich reproduzieren, also ihre Opfer in Vampire verwandeln, sie dürfen sie einfach nur töten.

Im Roman bricht eine Vampirin diese Abmachung und verwandelt ein Opfer aus dem Lager in einen Vampir, was der beaufsichtigende Wächter, George, zulässt. Der Grundkonflikt besteht also in einem Vertragsbruch und darin, dass die Vampire erkennen müssen, dass ihnen das System, auf das sie sich eingelassen haben, keinen Vorteil bringt, und neben ihnen auch noch Menschen unterdrückt. Sie beschließen, Widerstand zu leisten, und geraten zwischen verschiedene politische Fronten.

„Chor aus der Dunkelheit“. Was hat es mit dem Buchtitel auf sich?

Der Roman wird eingeleitet durch Brecht-Zitat:

„Und die andern sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.“

„Die im Dunkeln“ sind dabei ja die Subalternen, die keine Stimme haben, weder gesehen noch gehört werden und unterdrückt sind. Das sind in dieser Situation zum einen die Lagerinsassen, die für die Vampire geschlachtet werden, zum anderen die Vampire, die kein Mensch mag, aber mit denen man einen Frieden schließt, in dem sie ausgebeutet werden. Der Hauptcharakter Septimus, der frisch verwandelte Vampir, bemerkt irgendwann, dass dahinter eine Reihe von Grundproblemen stehen, und sich die unterdrückten Vampire und Menschen eigentlich zusammenschließen müssten. Das ist der Chor aus der Dunkelheit: die, die das System am Laufen halten, also brav singen, aber nichts zu melden haben – also im Dunklen stehen.

Kannst du damit leben, wenn jemand deinen Roman grotesk findet?

Mit Groteske hab ich eigentlich kein Problem, der Roman hat viele übertreibende Elemente und wird an vielen Stellen auch bizarr, was auch gewollt ist. Ich komme damit klar. Vielleicht trifft es dadurch nicht jeden Geschmack, denn Groteske muss man natürlich wollen.

Ich verstehe dein Buch als eine Dystopie mit Science-Fiction- und Fantasy-Elementen. Du auch?

Ja, so war es auf jeden Fall gedacht. Mein Verlag war der Meinung, es gehört auch zum Horror-Genre, was auch nicht komplett falsch ist, da Vampire dort ja oft eingeordnet werden. Es ist aber kein typischer Gruselroman, sondern eher ein Horrorszenario, eine Dystopie. Ich hab versucht, das Fantasy-Element der Vampire in eine zukünftige Gesellschaft hineinzudenken. Das gab es so bisher noch nicht wirklich, vor allem nicht politisiert.

Stehen sich die beiden Genres Science Fiction und Fantasy nicht eigentlich gegenseitig im Weg?

Jein. Es gibt schon viele Science-Fiction-Romane, die ein metaphysisches Wesen haben – oder eines, dessen Technik oder Funktionsfähigkeit nicht erklärt werden kann. Wir wissen auch gar nicht, wie metaphysisch diese Vampire sind: Sie haben übermenschliche Kräfte, aber keine übersinnlichen. In anderen Romanen können sie Gedanken lesen oder zaubern. Hier können sie bloß in gewisser Weise ihre Form ändern, sich zum Beispiel Flügel wachsen lassen, sich aber nicht in Fledermäuse oder Wölfe verwandeln oder Tiere kontrollieren. Insofern sind sie beschränkt metaphysisch. Es ging darum, eine Entität zu finden, die nichtmenschlich ist, aber intelligenter ist als etwa ein Zombie, der einfach nur Gehirne fressen will und kein anderes Motiv damit verbinden kann. Während Vampire einfach als intelligenter gelten und sich besser organisieren können, mehr Gefühle und Gedanken äußern können. Man hätte als Pendant auch eine Alienrasse nehmen können, wenn man daraus ein Space Adventure hätte machen wollen.

Vielleicht im nächsten Roman.

Genau.

Um das Buch in eine Beziehung zum laufenden Jahrhundert zu setzen: Findest du okay, wenn man eine Kritik am Neoliberalismus herausliest?

Wenn man möchte, ja. Eigentlich möchte ich das natürlich dem Leser überlassen, weil der Autor ja nicht die Deutungshoheit hat. Aber aus meiner Sicht ist es definitiv angedacht. Zum Beispiel, wenn es darum geht, dass sich das System im Roman als freiheitlich, kosmopolitisch und progressiv versteht und Gleichberechtigung als wichtiges Motiv sieht – Schlagworte wie Nachhaltigkeit bedient. Andererseits verteufeln sie jede Form von Gleichverteilung, sind brutale Ausbeuter und unzufrieden mit dem Vampirvertrag, der ja eine Planwirtschaft festhält, an die sie sich halten müssen.

Es ist selbst kein neoliberales System mehr, weil es auch einfach unrealistisch ist, dass der Neoliberalismus so lange Bestand haben wird. Aber natürlich spielen Elemente dort hinein: die vollkommene Macht der Wirtschaft, die völlige politische Kontrolle durch Unternehmen ist angedacht. Es hat mit dem Neoliberalismus zu tun, ist aber viel, viel schlimmer.

Kannst du dir vorstellen, dass wir momentan auf eine solche Herrschaft der Konzerne zusteuern?

Nicht in diesem offensichtlichen und dreisten Maß, wie es im Roman passiert, in dem Regierungen ja schlicht nicht mehr bestehen, bloß Pressesprecher in Erscheinung treten und Konzerne alles unter sich regeln. Die Tendenz dazu würde ich aber auf jeden Fall sehen. Politik hängt heute immer mehr davon ab, Konzernlobbys zu befriedigen, sich Gesetzesentwürfe von Konzernen schreiben zu lassen und durchzuwinken. Diese Elemente steuern ja bereits auf eine vollkommene Privatisierung hin.

Wie gefährlich wäre das?

Das kann sehr gefährlich werden, denn man kann über unser System sagen, was man will, muss es auch nicht mögen, aber es hat nach wie vor Grundfeste, die man verteidigen kann. Eine beschränkte Volksmacht gibt es noch immer. Gefährlich wäre, wenn die Bürger auch diese Kontrolle verlieren.

Auch Städte haben in deinem Buch Markennamen übernommen, „Walt Disney City“ oder „Telekom City“ zum Beispiel. Das erinnert mich an Ideen aus Infinite Jest oder Quality Land. Glaubst du, dass im ausschweifenden Neoliberalismus derzeit das größte dystopische Potenzial für die Literatur liegt?

Ja, das könnte man sagen. Beziehungsweise im Ende des Neoliberalismus. Man könnte ja auch schon den Neoliberalismus selbst als Horrorszenario bezeichnen, in dem alles kommerzialisiert werden kann, inklusive Städtenamen. Eigentlich basierte diese Idee bei mir eher auf dem Film Fightclub, wo es in einer Szene darum geht, dass große Konzerne die Namen von Planeten bestimmen dürfen. Ich fand die Idee so reizvoll, dass ich es auf Städte übertragen habe.

Žižek hat einmal gesagt, es fällt uns heute leichter, das Ende der Welt zu denken als eine Welt ohne Kapitalismus. Und da wir gar nicht wissen, wie es nach dem Neoliberalismus weitergehen wird, ist das Potenzial für Spekulation und Horrorszenarien natürlich hoch. Also einerseits der Neoliberalismus, andererseits die Frage: Was kommt danach? Wenn man zusätzlich dazu bestimmte Staatschefs wie Trump oder Johnson beobachtet, glaubt man sich manchmal näher an der Apokalypse als an der Überwindung der Ungerechtigkeit.

Sind Vampire Menschen ethisch überlegen?

Sie haben eine andere Art, miteinander umzugehen. Zwar sind sie weniger herzlich, aber ihr Eigentumsbegriff ist bedürfnisorientiert und alle sind in jederlei Hinsicht gleichberechtigt: rechtlich, politisch, sozial. Zumindest am Anfang des Romans gibt es unter ihnen keine sichtbaren Hierarchien. Vielleicht sind sie ethisch nicht überlegen, aber politisch sind sie partizipatorischer, egalitärer und solidarischer als Menschen heute und im 22. Jahrhundert. Dennoch sind sie korrumpierbar und müssen davon leben, Menschen zu töten. Den Weg des Vegetarismus könnten sie sich zum Beispiel nicht einfach aussuchen. Sie haben einfach eine andere Kultur, die auf eine Art rückständig ist, auf eine andere Art egalitärer.

Glaubst du wirklich, wenn wirklich eine Vampir-Invasion ansteht, ließe sich ein pragmatischer Friedensvertrag mit ihnen schließen?

Es gibt in diese Richtung ja auch wissenschaftliche Gedankenexperimente wie „Zombies in international relations“, wo dasselbe Problem mit einer Zombie-Invasion thematisiert wird. Mit denen ist ein Deal weniger leicht möglich, Vampire sind dagegen vernunftbegabt, und man kann sich fragen: Was sind die primären Interessen von Vampiren? Sie möchten ein dunkles Versteck und Blut. Im Falle einer Ausbreitung von Vampiren wäre es doch naheliegend, dass Menschen sagen: Wenn wir sie nicht besiegen können, da sie zu stark sind, sollten wir einen Friedensvertrag schließen. Wenn wir sie nicht unterdrücken können, unterdrücken wir eben andere und beuten alle aus. Als Lohn erhalten sie, was ihre primäre Interessen sind: Blut und Sicherheit.

Warum können Vampire in Romanen nie Sex haben?

Es gibt schon einige Romane, in denen Sex angedeutet wird, zum Beispiel in Ann Rices „Chronik der Vampire“. In meinem Roman sind sie im Grunde entsexualisiert. Der Sexualtrieb und die Fähigkeit dazu, sich fortzupflanzen, ist hier sexuall gar nicht nötig: Vampire reproduzieren sich nicht durch Geschlechtsverkehr, sondern dadurch, dass sie ein menschliches Opfer verwandeln. Das läuft bei mir durch einen Blutaustausch. Das Opfer wird nicht nur ausgetrunken, sondern bekommt Blut des Vampirs. Dadurch wird logisch, dass nicht jedes Opfer zum Vampir wird. Denn es musste einen Unterschied geben. Wenn wir dadurch eine Reproduktion haben, wird Sex biologisch überflüssig. Manche Vampire bereuen im Roman auch sehr, dass sie dazu nicht mehr fähig sind.

Deine Vampire sind anders als jüngste Adaptionen wie „I am Legend“ oder „Twilight“ eher klassisch angelegt: mit Buckel, Vampirzähnen, Flügeln und Verglühen im Sonnenlicht. Das ist ja nicht besonders progressiv. Gibt es andere progressive Aspekte in deinem Roman?

Was Vampire betrifft: Stimmt, die Darstellung ist nicht progressiv, sondern konventionell. Sie entsprechen im Grunde dem hässlichen Nosferatu-Bild und kommen nicht mit der Sonne klar. Ich bin mir aber nicht sicher, ob neue Romane wirklich dadurch progressiv werden, dass Vampire im Sonnenlicht einfach nur glitzern. Meiner Meinung nach ist das zu vereinfachend. Im Grunde sind Vampirfähigkeiten doch etwas Tolles: Du hast übermenschliche Fähigkeiten, lebst, wenn du möchtest, ewig. Diese Vorteile musst du teuer bezahlen – was ein sehr gängiges Motiv in Fantasy-Romanen ist. Erstens dadurch, dass du nur durch den Tod anderer lebst, zweitens durch die Vermeidung von Sonnenlicht. Wenn sich ein Vampir nicht mehr davor scheuen muss, ist für mich der dialektische Reiz an der Figur verloren.

Was hat es mit dem Christlichen Staat auf sich?

Der Christliche Staat ist eine Untergrund-Organisation, ein Pendant zum IS in einer säkularisierten Zeit. Der vorherrschende neokapitalistische Feudalismus hat mit Religion nicht mehr viel zu tun und funktioniert durch andere Mechanismen: wirtschaftliche Rationalität, Effizienz, Freiheitsideologie. Das Christentum, vor allem der Katholizismus, hat hier nicht mehr viel zu bieten. Im Gegensatz zum Protestantismus hat er große Probleme, sich in ein solches System einzugliedern. Da ihrer Meinung nach durch den Deal mit den Vampiren, welche sie für Dämonen halten, in Europa der Teufel herrscht, ist das gesamte System für sie verkommen. Es gibt für sie keine Möglichkeit, allzu offen Kritik zu üben. Darum gründen sie diese reaktionäre Untergrundorganisation, die das Ganze rückchristianisieren und auch die Vampire besiegen möchte.

Im Buch gibt es zwei Verwandlungen: Ein Mensch wird zum Vampir, ein anderer zum Cyborg. Was von beidem ist erstrebenswerter?

Ich weiß nicht, ob ich sagen würde, dass eines davon erstrebenswert ist. Das eine ist das Science-Fiction-, das andere das Fantasy-Element. Der Wärter wird zum Cyborg, der instrumentalisiert wird. Er kann ziemlich viel, ist aber immer noch sterblich. Er kann tagsüber hinaus und muss, anders als Vampire, nicht Menschen töten, um zu überleben. Das ist natürlich ein Vorteil für ihn, aber aus meiner Sicht auch nicht unbedingt erstrebenswert.

Wenn du es dir ganz frei aussuchen könntest, wo würdest du am liebsten leben: im Europa der Konzerne, im Christlichen Staat oder in der Vampirgesellschaft?

Wenn man die Vampire, die in Clans leben, für sich isoliert sehen kann, und sich anschaut, wie das Leben innerhalb der Clans aussieht, würde ich sagen, okay, lieber etwas unterentwickelt leben, aber dafür eine gewisse Gleichheit und volle Handlungsfreiheit innerhalb des Hoheitsgebiets haben. Dass man in kleinen Gruppen lebt, in denen man alles ausdiskutieren kann, ist ein urdemokratisches Bild, das ich vorziehen würde. Bloß mit den externen Konflikten, in die sie wieder hineingezogen werden, würde ich mich eher ungern auseinandersetzen. Vielleicht ist es aber trotzdem besser als das Europa der Konzerne.

Der christliche Staat kommt aber trotzdem nicht in Frage?

Nein, der ist raus.

Danke für das Gespräch.


„Chor aus der Dunkelheit“ von Philip Dingeldey erschien in der Reihe APEX HORROR des Apex-Verlags und hat 372 Seiten.

„soif sauvage“ – Durst auf das Leben

Das Nachdenkliche und Wehmütige schließen Leichtigkeit und die pure Freude nicht aus. Wie verträumt und rastlos Berlin klingen kann, haben soif sauvage für sich entdeckt und nun mit uns geteilt.


Verträumt wie ein herbstlicher Nachmittag an einem stillen See und tanzbar wie eine durchwachte Nacht in Berlin – so hören sich soif sauvage auf ihrem gleichnamigen Debut an. Zwei Jahre ist es her, dass Florence Wilken und Pierre Burdy ihr Musikprojekt ins Leben gerufen haben, das sich irgendwo zwischen House und Indie-Pop bewegt. Seither haben sie einen sinnlichen Sound heranreifen lassen, der sich am besten mit einem simplen, aber anerkennenden „It feels good!“ beschreiben lässt.

Quelle: YouTube

Auf Bandcamp bezeichnen sie sich als „berlin based french duo“, deren melancholischer Electro-Pop von souligem Gesang untermalt wird. Im Sommer 2019, ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung ihres Albums, traten sie bereits als Nachwuchs auf dem Pop-Kultur-Festival Berlin auf.

Soif sauvage siedeln sich musikalisch in der Nachbarschaft einer jungen, diskursfähigen Generation von Pop an, die poetisch-sinnlich und selbstbewusst klingt. Die gefühlsbetonten Lyrics gehen Hand in Hand mit spielerischen Arrangements. Trotz verführerischer Verspieltheit wirkt das Album jedoch wie eine harmonischen Einheit, die wenig experimentierfreudig erscheint. Dass soif sauvage aber das Potenzial dazu haben, lassen sie durchschimmern.

Man kann sich in ihren Songs selbst wiedererkennen und zugleich zwischen den Klängen und Beats verlieren, die, mal subtil, mal ausdrücklich, aber stets zum Tanz auffordern. Auch wenn das Debut von soif sauvage von Melancholie getragen wird, lädt es zum Wohlfühlen ein und lässt die schwer wiegenden Gefühle zehn Tracks lang schweben.

Titelbild: © soif sauvage, bandcamp.com

Japanisches Kammerspiel nahe Berlin: Kühmels Kintsugi

„Wo in leuchtenden Lettern LOVE draufsteht, ist nie LOVE drin.“

Miku Sophie Kühmel – Kintsugi

Kintsugi, das lernt man in Miku Sophie Kühmels Debütroman, ist ein japanisches Kunsthandwerk, in dem zerbrochenes Porzellan durch den Einsatz von Gold repariert wird. So kunstvoll, dass die goldgeaderten Tassen, Vasen, Teller oder Schalen wirken, als hätte erst der Bruch ihnen zu Vollendung verholfen. Die Metapher wäre schon stark genug, um auf ihr allein einen Roman über zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen. Doch Miku Sophie Kühmel geht noch ein paar Schritte weiter in die japanische Ästhetik hinein und unterstellt die Kapitel jeweils verschiedenen traditionellen Idealen, zum Beispiel „iki“, der Verführung roher Feinheit angesichts des Todes, oder „karumi“, der Leichtigkeit im Gewicht der Dinge. Parallel wechselt zwischen den Kapiteln die Perspektive und die Handlung wird, unterbrochen von szenischen Passagen, viermal hintereinander von allen Hauptpersonen einzeln ausgeleuchtet und eingeordnet. Dadurch verschiebt sich nicht nur die Ausgangssituation, sondern jedes Kapitel wirkt sich auf die Wahrnehmung jedes anderen aus und beeinflusst es im Voraus oder Nachhinein.

Doch was erzählt der Roman eigentlich? Ein Paar, Max und Reik, treffen ihren Freund Tonio und dessen Tochter Pega in ihrem Ferienhaus nahe Berlin. Max arbeitet als Archäologe im akademischen Mittelbau, Reik als Künstler, der schon in jungen Jahren seinen Durchbruch hatte, was den beiden unter anderem den Luxus des Ferienhauses verschaffte. Tonio, ein Jugendfreund Reiks, ist Pianist ohne künstlerischen Durchbruch, dessen Lebensfokus auf der Erziehung seiner Tochter liegt, die aus einer Teenager-Romanze hervorging. Letztere, Pega, ist inzwischen Anfang zwanzig, beim Vater ausgezogen und im Studium. Eigentlich suchen die vier bei dem Treffen nur Ruhe vom Leben in Berlin und versuchen, den Garten auf den Frühling vorzubereiten. Statt Ruhe finden sie Konfrontation, sowohl untereinander als auch mit den eigenen Konflikten, die sich immer weniger gut ausblenden lassen.

Auch das Buchcover interpretiert die Kintsugi-Ästhetik:

Quelle: Instagram

Kühmel lässt auch nicht einfach nur ein Paar und eine befreundete Kleinfamilie aufeinandertreffen, dafür ist ihr Roman zum Glück zu komplex erzählt. Alle kennen sich viel zu lange und sind einander jeweils einzeln eng verbunden. In Kintsugi treffen sich vier Personen, von denen einer den anderen um seinen künstlerischen Erfolg beneidet, ein anderer den einen um dessen Tochter. Von denen zwei davon überfordert sind, dass ihre alte Ausrede, homosexuelle Paare dürfen nicht heiraten, plötzlich nicht mehr greift. Von denen drei die Erziehung der vierten übernommen haben, einer diese für sich reklamiert und eine sich inzwischen fertig erzogen fühlt. Und denen allen klar wird, dass sie freie erwachsene Menschen sind und ihre Beziehung zueinander neu definieren können, ja, sogar müssen. Die wesentlichsten Konfrontationen, deren Wirkung auf die Psyche Kühmel fein ausarbeitet, betreffen neue Lebensphasen und den individuellen Mut, sich diesen zu stellen.

Was Miku Sophie Kühmels Roman so gut macht, und ihm bereits Literaturpreise einbrachte, ist seine wortgewaltige Erzählweise, die von der Kapitelstruktur bis zum kleinsten Nebensatz allem eine Bedeutung beimisst. In langen Passagen, die immer wieder von der Gegenwart in die Vergangenheit ausholen, gelingt es ihr, die passenden Horizonte herzustellen und genau die nötigen Worte auszuwählen, um das für die Handlung Wichtige zu herauszufiltern.

Immer wieder staunt man, welche Worte es dann sind, die sie für maßgeschneiderte Beschreibungen findet. Eine Stärke entfaltet auch das Zusammenspiel individueller Perspektiven auf vermeintlich gemeinsam Erlebtes, ohne einer objektiven Erzählinstanz zu bedürfen. Da der Roman in wenigen Ereignissen viel Bedeutung findet, zwingt er zu genauem Lesen, bestraft das Überfliegen von Passagen mit dem Zwang, zurückzublättern, wodurch er gefühlt nochmal ein paar hundert Seiten länger wird. Das wiederum ist aber eher ein Vorteil als eine Strafe, denn so lässt sich das Beenden des Romans noch ein wenig hinauszögern. Vielleicht gewinnt Miku Sophie Kühmel mit ihrem Debütroman morgen sogar den Deutschen Buchpreis, vielleicht nicht. Aber es sind erst Romane wie Kintsugi, die solchen Preisen überhaupt Bedeutung verleihen.

Kintsugi von Miku Sophie Kühmel erschien im Verlag S. Fischer und hat 304 Seiten.

Im Anfang war die Stille

Es gibt Worte, die man manchmal monatelang oder vielleicht über Jahre hinweg nicht mehr benutzt. Und dann fallen sie wie vom Himmel. Sind einfach da, weil sie treffender nicht sein können. Als das erste Stück des Albums „A New Beginning“ von Henning Fuchs bei mir lief, habe ich zu mir selbst gesagt: „Was für eine Anmut!“ Tatsächlich könnte die Platte so etwas wie ein Plädoyer für eine romantische Weltsicht sein. Doch dabei bleibt es nicht.


Streicherarrangements verbinden sich mit Harfenklängen. Dazu kommen Klavierpassagen und Flöten und bilden glasklare Melodiestrukturen, die melodisch-sanft wirken. Und cool. Ich weiß, solche Musik läuft schnell Gefahr, bei all der Einfachheit ins Kitschige zu gleiten. Oder ganz an der Banalität zu zerschellen. Doch Fuchs bekommt hier gut die Kurve und bleibt auf Kurs. Das gelingt ihm, weil er Brücken zwischen den Jahrhunderten schlägt und eine weitere Sounddimension einzieht: Auf das klassische Arrangement legt er ein modern-individuelles Sounddesign und Samples von Großstadt- und Naturgeräuschen. Das klingt jetzt hier in der Beschreibung vielleicht etwas befremdlich und tosend-hupend, bereichert aber die Songs mit rhythmischen Details und packenden Percussionelementen. Es zirpt, es knarzt – und sorgt für Fußwippen.

Wie Tanzende auf einer Bühne

Auch wenn das Album sein Debut als Solokünstler ist, so ist Fuchs in der Musikszene alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. Kooperationen mit Klezmerformationen, Musik für Tanz, Film, Konzerte sowie Songwriting und Albumproduktionen stehen auf der Werkliste des Berliner Künstlers. Als Bandleader und Leadsänger begann er mit 14 Jahren eigene Songs zu schreiben. Dann folgte eine Zeit als Geographie- und Soziologiestudent, doch musste er bald feststellen, dass er vielleicht woanders besser aufgehoben sein könnte – und kehrte zur Musik zurück. Man kann nur sagen: Eine gute Entscheidung!

 „Ich wollte eine Welt erschaffen, in die man eintaucht und der man seinen Gefühlen und seiner Phantasie freien Lauf lassen kann“, beschreibt Fuchs sein Anliegen. Und tatsächlich lassen die Songs so etwas wie Bilder im Kopf entstehen. Besonders eindrucksvoll zeigt das der Song „A Friendship“: Hier entwickeln Harfe, Geige und Cello nach und nach das Thema und spielen sich gegenseitig Melodieideen zu. Mal umarmen sie sich, mal gehen sie in die Weite – wie Tanzende auf einer Bühne sich gegenseitig Raum und Nähe geben.

Aus der Stille

Was ist der Reiz dieses Albums? Ich denke, er liegt in diesem famosen Tandem, das Henning Fuchs aus Zartheit und Entschlossenheit zusammengeschweißt hat. „Ich suchte die Einsamkeit und Stille der Natur, um mich auf den Neubeginn vorzubereiten“ – für Henning Fuchs ist die Abwesenheit von Tönen, Geräuschen und Musik der Anfang. Wie schön, dass er uns aus der Stille diese Musik mitgebracht hat.

Henning Fuchs

Henning Fuchs

A New Beginning

Label Neue Meister 2019

Als CD und Download

Kunst und kosmisches Grauen – HINAUS DURCH DIE ZWEITE TÜR

Eine Vernissage im Wald. Ein heruntergekommener Wohnwagen. Zwei Freunde, zwei Künstler: einer, dessen echtes Talent verkümmert ist, und einer, dessen Teufelspakt mit den Musen sein verkümmertes Talent echt werden lässt. In einer nur hundertseitigen Novelle erweckt Erik R. Andara die alten Meister des kosmischen Grauens zu neuem Leben und geht gleichzeitig über sie hinaus, um mit seiner Geschichte über Kunst und deren Preis auf eigenen Füßen zu stehen.


Am 29. September 2018 erschien im Nighttrain (einem Imprint des Whitetrain) die auf 100 Exemplare und 100 Seiten limitierte Novelle „Hinaus durch die zweite Tür“ von Erik R. Andara. Wer bislang noch nie von Andara gehört hat, sollte sich den Namen nun merken: sein Roman-Debüt „Im Garten Numen“ wird in Kürze erscheinen und könnte eine Renaissance der deutschsprachigen Weird Fiction befördern.

„Hinaus durch die zweite Tür“ ist rasch zu lesen und auf der Erzählebene nicht allzu kompliziert. Alles beginnt auf einer Lichtung im Wald. Alfred hat sein unbestreitbares Talent und seine gleißende Zukunft als Maler für ein geregeltes Einkommen und eine ereignislose Ehe begraben. Sein weit weniger talentierter Ex-Kommilitone Claus Patera hat zu einer Freiluft-Vernissage in der Wildnis geladen: und alles, was in der Kunstwelt Rang und Namen hat, ist gekommen.

Doch die Dinge sind nicht so, wie sie auf den ersten Blick erscheinen: Claus Patera hat sich verändert, und die Lichtung ist nun Teil seiner fremdartigen und verstörenden Welt. Die Novelle lässt sich im Wesentlichen in drei Teile gliedern: Sie beginnt mit Alfreds Ankunft auf der Lichtung, geht dann in die von Claus (der nicht nur wortwörtlich sein Gesicht verloren hat) erzählte Hintergrundgeschichte über, und kulminiert in einem letzten Akt, über den ich hier nicht zu viel verraten möchte.

Erik R. Andaras Sprache ist ganz leicht schwerfällig, manchmal etwas umständlich und altmodisch, aber sie hat einen Rhythmus, einen Sog, eine geradezu magnetische Anziehungskraft. Andara versteht es meisterhaft, eine Stimmung zu erzeugen und seine LeserInnen in die Bilder (man könnte sagen: Gemälde) seiner Geschichte hineinzuversetzen. Es ist hart, das Buch zur Seite zu legen, und es verfolgt seine LeserInnen auch nach dem letzten Wort noch weiter.

Wie in Alfred Kubins „Die andere Seite“, von dem die Novelle mehr als nur einige Namen übernommen hat, geht es hier um Inspiration und um die Opfer, die Künstler für ihre Kunst zu bringen bereit sind. Sowohl der Protagonist Alfred als auch sein ehemaliger Freund Claus durchleben eine Schaffenskrise, und beide sind am Ende bereit, einen erschreckenden Preis für deren Überwindung zu zahlen. Es geht um Ambition und um Scheitern, um Talent und um den Rausch, den nur der Schaffensakt gewähren kann.

Thematisch mag die Novelle in der Tradition von „Faust“ oder „Das Bildnis von Dorian Gray“ stehen: verwandt ist sie jedoch enger mit Lovecraft und dessen besten Nachfolgern. Der zentrale Teufelspakt ist „klassischer“ kosmischer Horror, und die dichte Stimmung erinnert an die weitgehend totgesagte österreichische Phantastik.

Das Grauen der Geschichte bleibt in weiten Teilen mehrdeutig, und oft ist nicht klar zu sagen, was der Protagonist wirklich erlebt und was ein Traum ist. Die Musen und ihre Surrealität sind nur aus dem Augenwinkel zu erahnen, sie leben in der Welt zwischen zwei Lidschlägen und sind nicht wirklich fassbar: im Nebel, in den Wolken, hinter der zweiten Tür.

Die Grundidee um den Künstler und seinen Teufelspakt mit der Kreativität mag nicht komplett neu sein, aber sie wird kraftvoll und leidenschaftlich vorgetragen. Andara bleibt in manchem vage und lässt vieles offen, aber er findet gekonnt den logischen Schlusspunkt seiner Geschichte und das Ende einer Reise, die mit dem ersten Satz (in dem Alfreds größte Sorge noch der Lack seines Autos ist) beginnt.

„Hinaus durch die zweite Tür“ erschien bei Nighttrain und hat 100 Seiten.

Coverbild: © Nighttrain/Whitetrain

Leinsee!

Kunstdruckorange, Plastikschildkrötengrün, Gottweiß. Mit diesen und anderen Farbprädikate sind die Kapitel in Anne Reineckes Debütroman „Leinsee“ überschrieben. In dem Buch geht es ums Aufräumen, Abschließen und Fortfahren.


2 + 1 = 2

Die Farbausdrücke beziehen sich auf einen Gegenstandes, ein Detail aus aus der Beobachtung oder der Erinnerung von Karl Stiegenhauer, der Hauptfigur des Romans. Karl ist ein junger erfolgreicher Künstler und Sohn des berühmten Künstlerpaares Ada und August Stiegenhauer. Diese sind durch Plastiken aus Gießharz berühmt geworden, in die sie Asche oder zerkleinerte Überreste von Gegenständen einschließen. Er selbst wendet eine Vakuumtechnik an, mit der er Gegenstände in Plastikfolie einschweißt. Karl ging als Schüler auf ein Internat, ist nach dem Abitur nach Berlin gegangen und hat den Kontakt zu seinen Eltern abgebrochen.

Die Eltern wohnten weiterhin in Leinsee (ein fiktiver Ort in der Nähe von Mannheim) in einer Villa inklusive Atelier, großem Garten und Bootshaus. Karl durfte sich öffentlich nie als Sohn der Stiegenhauers zu erkennen geben und musste das Pseudonym Karl Sund annehmen. Die Eltern haben nie öffentlich über ihren Sohn gesprochen. Die beiden waren sich immer genug und jede weitere Person war eine zu viel. Zu Beginn des Romans ist Karl 26 Jahre alt und wird schlagartig dazu gezwungen, sich mit seinen Eltern, seiner Vergangenheit und dem Haus in Leinsee auseinanderzusetzen. Die Mutter Ada ist im Krankenhaus, um einen Gehirntumor operativ entfernen zu lassen.

Der Vater August hat sich in der Villa erhängt, da er davon ausgeht, dass Ada die OP nicht überlebt. Karl muss die Beerdigung des Vaters organisieren, Fragen nach dem künstlerischen Nachlass der Eltern klären und sich um seine Mutter kümmern. Diese hat wider Erwarten die schwere OP überlebt, allerdings mit bleibenden geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen. Sie hält Karl für ihren Ehemann August. An Karl hat sie keine Erinnerungen mehr. Das alles ereignet sich wenige Tage vor der Eröffnung von Karls großer Einzelausstellung in einer Galerie in Berlin.

Das Mädchen, das nach Basilikum riecht

Der Roman beginnt also ganz klassisch mit einer Krise, die der Protagonist überwinden muss.
Karl möchte keine Anteilnahme seiner Freundin Mara, kein Mitleid seiner Verwandten und keine Fragen von neugierigen Reportern. Er braucht seine Ruhe und igelt sich im Elternhaus in Leinsee ein. Der einzige Kontakt, der ihm nicht zuwider ist, ist das achtjährige Mädchen Tanja, das eines Tages plötzlich im Kirschbaum im Garten sitzt. Nach und nach nähern ich Karl und Tanja an und es entsteht eine Art Freundschaft, indem sie sich gegenseitig durch kleine Gesten und spielerische Überraschungen Freuden bereiten.

Am Anfang ist Karl in seiner isolierten, fast klaustrophobischen Gedankenwelt gefangen. Schrittweise wendet er sich durch die Interaktion mit Tanja aber den Dingen in seiner Umgebung zu. Anne Reinecke beschreibt mit klarer und schnörkelloser Sprache Karls charakterlichen und künstlerischen Öffnungsprozess. Neben den Farben von Gegenständen, Wetter- und Lichtphänomenen spielen auch Gerüche eine wichtige Rolle, da diese bekanntlich eng mit Erinnerungen und subjektiven Empfindungen verknüpft sind. Hier wird auf kluge Weise ein Konzept der „Achtsamkeit“ veranschaulicht und neu belebt, das durch zu viel Ratgeberliteratur fast unerträglich geworden ist.

„Ein neuer Shootingstar am Kunsthimmel“

Die Stärke des Buchs ist die Beschreibung des Innenlebens des Protagonisten und die Verknüpfung mit einer phänomenologischen Beobachtung von Situationen und Stimmungen. Reinecke verdeutlicht, wie eng künstlerische Produktivität und persönliche Entwicklung mit der Wahrnehmung eines konkreten Ortes zusammenhängen. Das Haus und das Grundstück in Leinsee sind fast eigenständige Figuren des Romans. Nebenbei kritisiert Reinecke den Irrsinn des Kunstbetriebs und die reißerische Sprache von Journalist*innen. Die Handlung verliert dabei im Laufe des Romans zunehmen an Bedeutung.

Wendungen werden zwar konsequent und plausibel aufgebaut, deuten sich dadurch aber schon lange im Voraus an. „Spannend“ im Sinne von „was wird wohl als nächstes passieren?“ ist dieser Roman selten. Das muss er aber auch nicht sein, denn die Spannung liegt hier eher darin, wie etwas erzählt wird und nicht, was passiert. Im letzten Viertel verliert die Geschichte aber leider zu viel von ihrer anfänglichen Kraft. Das Buch ist zum Schluss nur noch ein geradliniger Liebesroman mit Happy End. Einfühlsam erzählt ist die Geschichte aber auf jeden Fall.

Hört, hört!

Der Roman erscheint nicht nur als gedruckte Ausgabe, sondern auch als ungekürztes Hörbuch auf sechs CDs. Gelesen wird es vom Schauspieler Franz Dinda. Dindas Stimme ist fest und meistens angenehm unaufdringlich. Die Betonung und der Rhythmus verstärken die Atmosphäre dezent, lassen aber dabei genug Platz zum eigenen Hören. Manche Figuren und Zitate aus Zeitungen werden von Dinda durch eine verstellte Stimme vom restlichen Text abgehoben. Das ist stellenweise aber zu viel und kippt ins Karikaturhafte. Insgesamt ist die Hörfassung aber dennoch gelungen und die gut siebeneinhalb Stunden sind ein intensives Erlebnis. Es bietet sich an, das Buch auf einer langen Bahnfahrt zu hören – z.B. auf der Fahrt von Berlin nach Leinsee.

„Leinsee“ von Anne Reinecke erschien am 28. Februar 2018 im Diogenes Verlag und kostet sowohl als Hardcover als auch als Hörbuch 24 €.
Titelbild: © Dirk Sorge

Tod der Natur – Jovana Reisingers Still halten

Mit ihrem Debüt Still halten gelingt Jovana Reisinger ein benommenes Drama, das in postmoderner Manier eine morbide Perspektive auf Existenz und Gesellschaft wirft.


„Nur die schwachen Geister lassen sich von der Natur einnehmen.“

Still halten ist erzählt als depressiver Monolog seiner Protagonistin, die damit beschäftigt ist, ihrer Umwelt gefällig zu sein, ohne selbst völlig unterzugehen. Teilweise gelingt es ihr ganz gut, gegenüber den Personen in ihrer Umgebung zu funktionieren oder sie dies zumindest glauben zu lassen. Was ihr hilft, ist, Personen als Rollen wahrzunehmen. Was sie herausfordert, sind Situationen, in denen Rollen von Personen ihr gegenüber sich wandeln oder Personen hinter Rollen sich ändern. Ihr Sparkassenfilialleiter etwa wird einfach ungefragt ausgetauscht. Ihre Mutter wechselt die Funktion in ihrem Leben – und liegt, was Ausgangspunkt der Handlung ist, neuerdings im Sterben.

Da die Mutter sich hierzu in einer Privatklinik eines kleinen Kurorts befindet, die Erzählerin sich jedoch in der Stadt aufhält, in die sie vor ein paar Jahren gezogen ist, beschäftigt sich ein großer Teil des Buchs mit ihrem Aufbruchversuch, der sich weniger einfach gestaltet, als es den Leser*innen lieb ist. Denn die stecken tief in der Gedankenwelt der Protagonistin, die sich ständig darum bemüht, sich in den Personen, denen sie begegnet, zu spiegeln, aus ihrer Perspektive heraus die Welt zu begreifen, verschiedene Perspektiven auf sich selbst zu richten, und gedanklich weite Kreise aufzumachen. Gerade eigene Entscheidungen fallen ihre schwer, weshalb sie ausgiebig darüber grübelt, wie sie ihrer Mutter einen letzten Besuch abstatten kann, der eines letzten Besuchs bei der eigenen Mutter würdig ist. Beziehungsweise der der Mutter eines letzten Besuchs ihrer Tochter als würdig erscheinen würde. Der die Tochter der Mutter gefallen lässt.

„Niemand ist jemals für die Mutter von dieser Wohnung aus über Maria Bitter und Maria Elend nach Maria Schmolln gelaufen, um dann in den Luftkurort zu gehen, ohne dabei nur in einer der Wallfahrtskirchen für sie zu beten.“

Ein spannender Effekt ist, dass sich Gedankenwelt und Erzählstil entspannen, sobald sie etwas mehr Ruhe findet. Die sie dann auch findet, als sie in ihre Heimat zurückkehrt, was den Roman deutlich an Tempo gewinnen lässt und seine Anspannung immer mehr in Spannung auflöst. Was ihr jedoch fehlt, sind Bezugspersonen. Denn auch ihr Mann ist derzeit unterwegs. Dass sie trainiert darin ist, sich fremdbestimmen zu lassen, macht nicht nur die Handlung, sondern auch die Erzählweise deutlich, da sie meisten ihrer Handlungen passiv erlebt. Mit ihr wird geredet, über sie wird entschieden, mit ihr wird geschlafen.

„Dem Richard war mein Körper schon immer wichtiger als mir.“

Immer wieder lässt sie sich leiten und beißt sich in kleine Gedanken fest, bis sie sich in fatale Dimensionen in diese hineingesteigert hat. Anstatt eines aktiven Erzählstils entsteht dadurch ein reaktiver, der sich in starke Abhängigkeit von Einflüssen bringt, die von außen auf die Erzählung treffen.

Still halten erschien im Verbrecher Verlag:

Quelle: Instagram

Worauf könnte ein Buch nun hinauslaufen, das zu Beginn einen depressiven Hauptcharakter mit der Nachricht konfrontiert, dass die Mutter im Sterben liegt? Genau, auf eine Auseinandersetzung mit Leben und Tod. Das wäre weit weniger innovativ, würde Jovana Reisinger dabei nicht so ein interessantes Gegensatzpaar aufmachen. Zwar lässt das Buch konträre Charaktere aufeinandertreffen, aber diese sind sich in gewissen Punkten seltsam einig, vor allem in ihrer Auseinandersetzung mit der Natur. Denn sowohl seine Protagonistin als auch der Förster ihres Heimatdorfs, der sich in der Handlung zum immer größeren Charakter entwickelt, begreifen die Natur als ständige Existenzbedrohung. Für ihn ist die Gefahr strukturell, aber so lang es Leute wie ihn gibt, zähmbar. Für sie ist die Angst persönlich. Die Natur, konkret der Wald, wird sie alle einholen. Sie ist die letzte in der Reihe, er wartet nur auf sie.

„Die Fläche hinter mir ist überschaubar, ich kann mich beim Zurückgehen durch den Garten nicht verirren. Ich kann den Ausgang nicht verfehlen. Ich kann mich hier nicht mehr verlieren. Ich darf nur nicht in den Wald geraten. Und ich bin das letzte Opfer, das es noch zu holen gilt.“

Das Gegensatzpaar Kultur–Natur bildet die Verbindungslinie zwischen den Gedankenwelten des konservativen Dörflers und der feministischen Städterin. Nur könnten die Sphären, die sie davon berührt sehen – hier die dörfliche Gesellschaft mit ihrer Forst- und Landwirtschaft, da die bloße Existenz – unterschiedlicher nicht sein. Zwar beginnen beide von einem bestimmten Punkt im Roman an wie damit, wie besessen Tiere zu erschießen. Aber die Mikroperspektive auf die nichtsdestotrotz unterschiedlichen gedanklichen Sphären, die die Personen haben, gibt Still halten etwas Besonderes.

Damit und mit ihrem assoziativen Schreibstil schafft Jovana Reisingers ein kleines wie feines, depressives Gesellschaftsportrait österreichischen Lebens, das am Ende viele Kreise schließt und bloß eine wichtige Frage offenlässt: Darf man seiner toten Mutter eigentlich die Finger brechen?

„Was macht es ihr schon aus, wenn ihr eine Hand gebrochen wurde, sie wird nie wieder meinen Kinderkopf damit streicheln können. Jetzt hat sie endlich ihr Kind verloren und kriegt es nicht mit!“

alle Zitate © Jovana Reisinger / Verbrecher Verlag

Identität gesucht: Sasha Marianna Salzmann: Ausser sich

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Sasha Marianna Salzmann erzählt in ihrem Prosadebüt die Geschichte von Zwillingen, die auf der Suche nach ihren Identitäten Konventionen und Grenzen überwinden – ein sprachgewaltiges und experimentierfreudiges Buch über den Kampf mit der der Frage „Wer bin ich?“.


Sasha Marianna Salzmann war bislang vor allem als Hausdramatikerin des Berliner Gorki Theaters bekannt. Doch nun hat die 1985 in Wolgograd geborene Autorin den Schritt zum Roman gewagt und ist dabei vielen ihrer dramaturgischen Mittel treu geblieben. Ausser sich ist der Titel ihres Prosadebüts, das es auf Anhieb auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat – ein Titel, der bereits das große Thema des Romans andeutet: die Überschreitung weltlicher, gesellschaftlicher und persönlicher Grenzen auf der Suche nach dem „Ich“.

Das Thema der Grenzüberschreitung begegnet uns bereits auf den ersten Seiten des Romans. Die junge Alissa, genannt Ali, begibt sich auf die Suche nach ihrem Zwillingsbruder Anton. Einzige Spur ist eine Postkarte, die ohne Text und Absender aus Istanbul verschickt wurde. Als Ali schließlich die Grenze in die Türkei überschreitet verspürt sie den bekannten Geschmack von Hähnchenfleisch auf der Zunge, den sie noch von ihrer ersten Reise in die alte Heimat, Moskau, kennt, als sie noch ein kleines Mädchen war. Mit diesem einfachen szenischen Trick inszeniert Salzmann sprachlich die Dramaturgie eines  Romans, der von komplexen Verflechtungen einer Familie bestimmt wird, deren Mitglieder auf der Suche sind: auf der Suche nach ihrer Heimat, nach Geborgenheit und vor allem nach sich selbst. Um diese verworrene Sinnsuche darzustellen, sprengt Sasha Marianna Salzmann sprachliche und erzählerische Konventionen. Die Prosa des Romans ist verschachtelt, lebendig und wild – verworrene Sinneseindrücke durchbrechen immer wieder Wahrnehmungen der Hauptfigur, die Zeitwahrnehmung wird verzerrt, Halluzinationen vermischen sich mit Realität, Erinnerungen mit Wahnvorstellungen.

Und trotz dieser sprachgewaltigen Prosa bietet Ausser sich auch inhaltlich jede Menge Substanz. Über fast 100 Jahre erstreckt sich die Geschichte der Familie Tschepanow, die aus der Sicht von vier Generationen multiperspektivisch erzählt wird. Es ist eine Geschichte von Migration und Ausgrenzung. Ali und Anton fliehen als Kinder von russischen Juden von Moskau nach Deutschland und erfahren sowohl in der alten als auch in der neuen Heimat, wie schmerzhaft die Dynamiken der  Exklusion sein können. Halt finden die beiden Zwillinge in ihrer Zuneigung zueinander, doch nachdem Ali ihr Mathestudium abbricht, verschwindet Anton und Ali macht sich nach Istanbul auf, um ihn zu finden. Doch die Suche nach ihrem Bruder wird vor allem auch eine Suche nach dem eigenen „Ich“ – und ein Hinterfragen, wer denn eigentlich die Identität bestimmt. Ali hinterfragt nicht nur ihre Herkunft, sondern auch ihre Geschlechtsidentität und sieht gar nicht ein, warum sie zulassen sollte,  dass ihr irgendwelche Label aufgedrückt werden. So lernt sie in Istanbul eine Transperson kennen und beginnt eine selbstverordnete Hormontherapie, geht ihren eigenen Weg.

Genau wie Ali’s fluide Genderidentität ist der gesamte Debütroman von Sasha Marianna Salzmann kaum zu labeln. Die Erzählperspektive springt nicht nur wild zwischen Personen, Orten und Zeiten, sondern transformiert sich mit  seinen Figuren – inklusive Angleichung des Personalpronomens. Salzmann hat mit diesem Roman ein Debüt hingelegt, das Grenzen und Konventionen sprengt und Lust macht auf eine neue Gegenwartsliteratur, die sich nicht davor scheut die bekannten Pfade zu verlassen und einen Schritt ins Unbekannte zu gehen.


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Sasha Marianna Salzmann: Ausser sich
Roman

366 S., geb.

ISBN: 978-3-518-42762-0

22 €

erschienen am 11.09.2017 im Suhrkamp Verlag

Pabst: „Skinwalker“

Heute bringt nicht nur Xavier Naidoo eine neue Single raus. Pabst debütieren mit ihrer EP Skinwalker. Was hat ein indianischer Mythos mit Bier, einer Herzabhörmethode in der Tiermedizin oder einem Spuckbecken zu tun? Wahrscheinlich so viel wie Pabst mit Xavier Naidoo.


Im Zeichen der alten und neuen, retrospektiven Zeiten ist die Skinwalker EP natürlich auch als Vinyl erhältlich. Zu Reviewzwecken erwies sich der digitale Musikdownload zugegeben als praktischer. Nichtsdestotrotz wird sich gerade bei Pabst der Hörgenuss auf guter, alter Plattenbasis lohnen. Aber worauf genau kann sich der interessierte Hörer gefasst machen?

Quelle: YouTube

Im Titeltrack verschränken sich ursprünglicher Hard Rock nach legendärer Black-Sabbath-Art und davon inspirierter, jüngerer Stoner-Rock. Durch das gesamte Hörerlebnis der EP zieht sich des Weiteren ein gedrehter Strang aus fuzzigem Garagen Rock und Grunge.

Während Bias einen poppigen Einschlag hat, erinnert Members Only an die von The Cure gefärbten späten 1980er auf psychedelischer Grundlage. Die Palette der musikalischen Einflüsse reicht darüber hinaus bis zu Nirvana und Tame Impala.

Einem Cliffhanger gleich kommt übrigens der abschließende Song der EP. Watching People Die, den Grunge-Nerv der 90er treffend, zergeht rauschend in einem Bad aus pulsierendem Noise. Gibt es bald mehr davon?

Pabst machen die Frage, wie viel Rock-Genres in eine Band passen, überflüssig. Ihr Debüt dafür macht neugierig auf mehr und man hofft auf die Beibehaltung ihres Facettenreichtums.

Am 18.11.2016 spielt das Trio übrigens im Musik & Frieden in ihrer Heimatstadt Berlin. Die Gelegenheit, um sich abseits der sauberen Plattenproduktion ein Live-Bild von Pabst zu machen!

Titelbild: © Fabian Bremer

This is Body War!

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Gibt es den Underground noch? Durch Show Me The Bodys Debüt Body War fühlt man sich zumindest daran erinnert. Schrammelig, laut und impulsiv. 10 Tracks, Gesamtspielzeit 30 Minuten, wie das gute alte Punk-Format. Ein konkreterer Vergleich würde Beastie Boys mit ordentlichem Hardcore-Einschlag lauten.



Diverse Sub-Sounds tummeln sich auf der Platte: Von Punk (besonders hörbar in Tight SWAT) bis zum puritanischen Noise (Honesty Hour). Show Me The Body scheinen gut zu wissen, was man nach ihrer vollen Dröhnung Hardcore braucht. Das klangliche Gemetzel, das ab und zu in Verzweiflung untertaucht, sich aber immer wieder kräftig erhebt, endet mit einer Line Aspirin.

Feiern oder Frustration? Nur Anti oder doch Anarchie? Die New Yorker Band bewegt sich konstant zwischen solchen Spannungsfeldern. In Chrome Exposed wird der Lack des „Polizei Mythos‘“ Amerikas, der trotz rassistischer Gewaltvorgehen immer noch unanfechtbar zu sein scheint, angekratzt. Death Sounds 2 lässt Großstadt und Friedhof miteinander verschmelzen; selbst Freunde werden in urbaner Depression zu (Un-)Toten.

Gewalt, Schmerz und Euphorie bündeln sich auf Body War. „It’s more real than how I feel when I have no language / Anguish I’ll tell you with my body then”, heißt es im Song New Language. Wie gut, dass die Jungs in erster Linie ihre Instrumente verkloppen.

So authentisch der Underground Sound der New Yorker Band auch ist – nichts hält davon ab, sich das Album aus Spaß an der Freude anzuhören. Auf dem Weg vom Büro über die Autobahn nach Hause, im Skatepark, beim Putzen oder Kochen. Aus gesundheitlichen Gründen sollte man jedoch das Headbangen vor allem beim Autofahren unterlassen.

Titelbild: © Show Me The Body