Schlagwort: David Foster Wallace

Der Spaß am Lesen

Spätestens seit seinem Mammutwerk, dem Roman Unendlicher Spaß, gilt der US-amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace auch in Deutschland als literarischer Gigant. Sukzessive sind seine Werke posthum übersetzt worden, und nun ist in der deutschen Editionsgeschichte seines Œuvres ein Höhepunkt erreicht: Denn jetzt liegt auch die umfangreiche Sammlung sämtlicher Essays vor – ein vielseitiges, stilistisch hochwertiges und durch und durch humorvolles Werk, das Einblick in verschiedene Schaffensphasen und Topoi gibt. Der Spaß an der Sache heißt das von Ulrich Blumenbach herausgegebene Buch.


Vorab sei erwähnt: Editorisch gesehen ist der Band schon eine Besonderheit, denn er fasst die Übersetzungen von drei amerikanischen Essaybänden, und ist damit als einbändige komplette Sammlung ein großes Stück Editionsgeschichte – im Grunde ist diese Gesamtausgabe sogar den amerikanischen Fassungen überlegen.

Der Spaß an der Sache wiederum ist nicht chronologisch, sondern thematisch von Blumenbach untergliedert: in die Rubriken Tennis, Ästhetik, Sprache und Literatur, Politik, Fernsehen, Film und Radio, Unterhaltungsindustrie und alltägliches Leben. Damit ist dies wohl eine der vielseitigsten Sachtextsammlungen. Diese zeigt auch, dass David Foster Wallace über 20 Jahre hinweg ein wahrer Tausendsassa des New Journalism war, ob es sich nun um Auftragsarbeiten von Magazinen handelt, um Reden, Reportagen, Portraits oder eigenständige Reflexionen über den Wert literarischer Arbeit.

Der Autor hat beispielsweise für den Rolling Stone den Vorwahlkampf von John McCain im Jahr 2000, aber auch Radiomoderatoren, die als Hassprediger und Verschwörungstheoretiker fungierten, begleitet, hat ausführliche Rezensionen zum Verfall von Blockbusterfilmen verfasst, sich, schon bevor das Thema fancy wurde, zur Komik von Kafka geäußert, oder auch eine Luxuskreuzfahrt gemacht. All diese Texte weisen eine eigentümliche Ambivalenz auf: Einerseits versucht Foster Wallace wirklich ernsthaft, teilweise absurde Phänomene zu verstehen, nachzuvollziehen und gegen sie zu argumentieren – etwa bezüglich des Bedürfnisses der Superreichen auf einem Kreuzfahrtschiff mal zu entspannen, oder den seltsamen PR-Techniken und moralischen Abgründen von McCains und George W. Bushs Wahlkampfteam –, andererseits ergießt er sich häufig nur so vor höhnischem Witz und Biss.

Zwischen Philosophie und Atmosphärenerzählung

Gerade die Ironie, die sich hinter einer sehr atmosphärischen und bildhaften Erzählweise oder seinem Festklammern an kleinen optischen und eigentlich nebensächlichen Details verbirgt, sorgt dabei jedoch dafür, dass man zwar die Abneigung gegen bestimmte Akteure bemerkt, aber Foster Wallace dabei nie ausfallend oder beleidigend wird. Stattdessen muss man bei Der Spaß an der Sache häufig schmunzeln. Dennoch ist seine Ironie keinesfalls eine postmoderne Ironie, die sich von den beschriebenen Absurditäten abschotten und (pseudo-)cool bleiben will. Denn Foster Wallace nimmt immer Anteil und ist immer mitten im Geschehen. Alles macht er mit, alles wird beobachtet, erfasst und aufgenommen. Er berichtet mit Witz und Charme, ohne kulturrelativistisch, distanziert oder engagiert zu werden. Er hat einfach ein sehr glückliches Händchen, was es heißt, starke Positionen humorvoll und kritisch zugleich zu vertreten oder zu analysieren.

Und gerade durch seinem Fokus auf das Alltägliche, auf die kleinen Details seiner Erlebnisse, gelingt ihm eine enorme stilistische Vielfalt, die zu einer literarischen Aufwertung der Absurditäten des Alltags führt. Angereichert wird dies durch altmodische Gags, von denen er sich den einen oder anderen hätte sparen können, und unzähligen Gedankenschlaufen in Marginalien, Fußnoten und Fußnoten von Fußnoten. Gerade Letzteres hat bei seinen Texten ja Methode. Damit laviert Foster Wallace, wie auch Blumenbach im Vorwort bemerkt, stilistisch irgendwo zwischen komplexen philosophischen Diskussionen, anhand konkreter Objekte und präzisionsfrenetischen, oft auch unübersichtlichen Satzkonstruktionen. Einen größeren Wermutstropfen hat diese Methode dennoch: Indem er sich über zig Seiten hinweg etwa über Kollegen lustig macht, anstatt über das zu schreiben, worüber er und diese Journalisten eigentlich berichten, verliert er häufig den Überblick für das Wesentliche. Jegliche Filterfunktion – die doch, als die Unterscheidung von wichtigen und unwichtigen Informationen, ein, wenn nicht das entscheidende Element eines guten Journalismus‘ ist – ist bei Foster Wallace zugunsten der flüssigen Erzählung deaktiviert. Ab und an gehen so zentrale Thesen, sofern es diese überhaupt gibt, in der Detailliebe unter.

Auch wenn ich ihn, anders als der Mainstream der Literaturkritik, damit nicht für ein Literaturgenie halte (auch Unendlicher Spaß erscheint mir persönlich kaum zugänglich, geschweige denn spaßig), beziehungsweise solche Attribute zeitgenössischen Autoren ungern verleihe, so hat Foster Wallace immerhin mit seinen Essays und Reportagen bewiesen, dass er ein großer Könner des Unterhaltungs- und Kulturjournalismus‘ ist, einer, der aus dem Einfachen gute Literatur machen kann. Bei jemandem, der posthum dermaßen (und teilweise zu Recht) gefeiert wird, sind die Abgründe natürlich nicht weit weg: Schon 2009 warf ihm seine Ex-Partnerin, die Schriftstellerin Mary Karr, vor, er habe sie gestalkt und sei gewaltbereit gewesen. Das tut natürlich seinem literarischen und journalistischen Werk keinen Abbruch, seiner Person jedoch sehr wohl – ein Unterschied, der in Zeiten von #Metoo auch den führenden Feuilletons gerne abhandenkommt.

Der Spaß an der Sache enthält alle Essays von David Foster Wallace in Übersetzung von Ulrich Blumenbach, der den Band auch herausgegeben hat, und Marcus Ingendaay. Die Sammlung erschien am 16. August 2018 bei Kiepenheuer & Witsch und hat 1.087 Seiten.

Coverbild: © Kiepenheuer & Witsch

Fußnoten in Romanen

– muss das sein?

Fußnoten gehören vor allem in wissenschaftlichen Texten zum Standardrepertoir. Doch immer wieder versuchen Autoren sie auch in narratives Schreiben – etwa in Romane – einzubinden. Bei der Benutzung von Fußnoten in diesem Kontext stellen sich aber ganz neuartige Fragen über ihre grundlegende Funktion als literarisches Mittel. Können Fußnoten einen Roman bereichern oder machen sie ihn nur unnötig schwierig?


Was sind Fußnoten?

Fußnoten und Anmerkungen werden gegenwärtig in vielen akademischen Disziplinen als Standard des wissenschaftlichen Arbeitens gesehen. Fußnoten dienen hier dazu, Belege für Ausschnitte aus dem Haupttext anzugeben, zu erläutern, oder Informationen auszugliedern. Die Anmerkung, ob als Fußnote (im unteren Teil der Seite), als Randbemerkung oder als Endnote (am Ende des Buches), fällt klassisch unter die Definition des „Paratextuellen“ – d.h. sie ist dem Haupttext beigestellt und untergeordnet. Doch wie Dr. Sabine Zubarik (Die Strategie der Fußnote(n) im gegenwärtigen Roman, S. 12) treffend bemerkt, ist das „kreative wie auch subversive Potential [der Fußnote als Paratext] bereits in der Etymologie des Namens verankert“. Die altgriechische Präposition παρά kann nämlich sowohl mit „neben„, als auch im übertragenen Sinne mit „gegen“ oder „wider“ übersetzt werden.

Zubarik vertritt die These, dass sich die Fußnote aus einer Hilfs- und Nachweisfunktion (etwa im akademischen Bereich) ablösen kann und sich so nicht mehr dem Haupttext unterordnet:

„Statt der dezenten Unterordnung des Beigestellten zeigt sich Widerspruch, Überbordung und Störung“ [Zubarik, Fußnote(n) S. 9]

Besonders deutlich vollzieht sich dies bei der Benutzung von Anmerkungen im narrativen Schreiben. Im folgenden werden einige Autoren und Bücher betrachtet, die Fußnoten als literarisches Mittel nutzen.

James Joyce: Finnegans Wake

Auswahlseite Finnegans Wake

Auswahlseite James Joyce: „Finnegans Wake

James Joyces „Finnegans Wake“ gilt als eines der kompliziertesten Bücher der literarischen Moderne. Joyce nutzt neben unorthodoxen sprachlichen Mitteln  (Neologismen wie „bababadalgharaghtakamminarronnkonnbronntonnerronn-tuonnthuuntrovarrhounawnskawntoohoohoordenenthurnuk“ – „Donner“ aus zehn verschiedenen Sprachen zusammengesetzt), auch Fußnoten in einer konstitutiven narrativen Funktion. In Buch 2, Kapitel 2 nutzt der Autor drei Arten von Anmerkungen (am linken und rechten Rand, sowie unten), die für die Bemerkungen dreier Geschwister beim Erledigen ihrer Hausaufgaben stehen.

Fußnoten in SciFi und Fantasy: Terry Pratchett

Pratchett Guards Guards

Auswahlseite Terry Pratchett: „Guards! Guards!“

Viele Autoren von Science-Fiction- und Fantasyliteratur nutzen Fußnoten in ihren Büchern. Die Fußnote war für diese Bereiche ursprünglich interessant, weil man durch sie eine „Pseudowissenschaftlichkeit“ erzeugen kann – die Autorität der Fußnote, als Quellennachweis aus dem akademischen Bereich, wird in einen fiktionalen Raum überführt (vgl. etwa „physikalische“ Theorien zur „Erklärung“ eines Phänomens in der Welt des Buches).

Diese funktionale Einbindung wurde später immer wieder satirisch gebrochen (siehe etwa Abbildung). Terry Pratchett nutzt in seinen Scheibenweltromanen Fußnoten, um einen komischen Effekt zu erzeugen. Die Anmerkung bereitet durch ihre Verweis- oder Erläuterungsfunktion einen (oft wiederkehrenden) Witz vor. Manchmal widersprechen Fußnoten auch Aussagen des Textes und eröffnen so unterschiedliche narrative Ebenen.

David Foster Wallace: Infinite Jest

Auswahlseite David Foster Wallce: Infinite Jest

Auswahlseite David Foster Wallce: „Infinite Jest“

In David Foster Wallaces „Infinite Jest“ („Unendlicher Spaß„) findet sich nach dem Haupttext ein 200-seitiger Anmerkungsapparat, in dem über 300 Endnoten eingebunden sind, die sowohl erläutern/fiktive Quellen angeben, als auch narrative Nebenschauplätze einführen. Teilweise erstrecken sich einzelne Anmerkungen über mehrere Seiten und sind schon fast als eigenständige Kurzgeschichten zu lesen. Die detaillierte Ausschmückung der Welt von „Infinite Jest“ wird ganz wesentlich von diesen Anmerkungen getragen – der Roman wird oft als „enzyklopädisch“ beschrieben.

Bezeichnend für die zentrale Rolle von Fußnoten in David Foster Wallaces magnus opum ist, dass die gebundene deutsche Ausgabe von „Infinite Jest“ zwei Lesezeichen enthält, eines für den Haupttext und eines für die Anmerkungen.

Mark Z. Danielewski: House of Leaves

Beispielseite aus

Auswahlseite aus Mark Z. Danielewski: „House of Leaves“ (via readsbymandm)

„House of Leaves“ von Mark Z. Danielewski ist noch stärker von Fußnoten beherrscht. Zubarik beschreibt das Buch als „typographische(n) Exzess“ , „in dem alle nur möglichen Spielarten und Potentialitäten des Anmerkungsgebrauchs vorgeführt werden“ [Zubarik: Fußnote S. 10].

Der Autor benutzt Fußnoten hier nicht nur als Bezugspunkte für Nachweise (fiktiv und real) oder Erläuterungen, sondern schafft einen narrativen Bedeutungskontext, der das Buch übersteigt. Der Leser „verirrt sich“ im Netz der Verweise und repräsentiert so auf einer anderen Ebene eine Figur im Buch, die in einem Labyrinth gefangen ist. Zusätzlich beeindruckend ist dabei die Veränderung des Layouts parallel zur strukturellen Handlung des Buches. Nicht nur Anmerkungen bestimmten optisch das Format des Textes – er wird ständig verändert, aufgebrochen, gespiegelt und gegen sich selbst gestellt.

Funktionen von Fußnoten in Romanen

Die angeführten Beispiele machen klar, dass sich die Fußnote in literarischen Texten längst aus der Rolle des bloß Paratextuellen gelöst hat. Anmerkungen dienen nicht mehr als Zusätze für den Haupttext, sie sind ein zusätzliches literarisches Mittel, das mit seinem Störungspotential erheblichen Einfluss auf das Leseerlebnis des Rezipienten ausüben kann.

Positiv betrachtet erschließen Fußnoten ganz neue Möglichkeiten der Verschachtelung von Bedeutungsebenen im Roman. Spielt man ihrer Nachweisfunktion, können durch gezielte Kontradiktionen sogar Erzähler als unzuverlässig entlarvt werden und so entweder ein komischer Effekt, oder sogar eine Beeinflussung des Lesers, hinsichtlich der weiteren Rezeption, geschaffen werden. In gewisser Weise ist sogar ein Durchbrechen der „Vierten Wand“ – also eine direkte Kommunikation mit dem Leser möglich.

Anmerkungen sind, in diesen neuen Funktionen, oftmals nicht mehr bloß optionale Elemente des Textes. Um einen Fußnotenroman wirklich verstehen zu können, ist es zwingend notwendig die Anmerkungen als Teil des Textes ernstzunehmen. Doch genau dieser Umstand führt auch zu einer harschen Kritik an der Anmerkungspraxis im modernen Roman

Argumentation gegen Fußnoten in Romanen

„If you can’t say it in the main text of a novel, then you shouldn’t be saying it at all.“ Amanda Kendel (becomingafictionwriter.com)

Das obige Zitat ist so etwas wie das Motto der fiktiven Society for the Abolition of Footnotes in Novels. Die Emanzipierung der Fußnote, aus einem bloßen Beigestelltsein, ist nach dieser Auffassung exzessiv und störend. Die Beschränkung auf einen fließenden Haupttext ist vor allem einem reibungslosen Leseerlebnis geschuldet.  Dieses Argument ist auf den ersten Blick nachvollziehbar. Der Lesefluss wird allein durch das Springen im Text (auf das Ende der Seite oder gar des Buches) unterbrochen. In gewisser Weise infiltrieren Anmerkungen, zumindest wenn sie bedeutungskonstitutiv eingesetzt werden, den Text strukturell. Doch macht das die Fußnote als literarisches Mittel unnötig?

Komplizierte Bücher, wie etwa die angeführten Werke von Joyce und Foster Wallace, wären auch ohne die Benutzung von Anmerkungen eine schwierige Lektüre. Anmerkungen sind nur ein zusätzliches Mittel, um etwa die sprachlich-formale Anspruchsebene zu supplementieren und Bedeutungsebenen zusätzlich zu verschachteln. Ob man diese Art von Literatur mag, ist ein individuelles Urteil.

Im Falle von Danielewskis „House of Leaves“ allerdings konstitutiert die Anmerkungspraxis direkt im Text eine eigene Struktur. Der Autor will den Leser im Text ganz gezielt stören, um ein Gefühl des Verirrt-seins zu erzeugen, dass das Leseerlebnis mit der Narration verbindet. Der Autor erzeugt fast filmisch eine Atmosphäre von Angst und Verwirrung, die dem Horrorgenre gerecht wird.

Können Fußnoten als literarisches Mittel also Romane bereichern? Ich denke schon. Ob das im Einzelfall immer gelingt und für den Leser funktioniert, steht (wie auch viele Anmerkungen) auf einem anderen Blatt Papier.

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Was sind „schwierige Bücher“ und warum werden sie gelesen?


Identitätskrise im Bücherregal

„Der sieht Literatur eben nicht so wie wir. Der steht auf Fantasy und Science Fiction, hört Metal und hat früher sicher Rollenspiele gespielt.“

Solche Sätze regen jemanden wie mich, dessen Bücherregale sich wie Genrefronten gegenüberstehen, zum Nachdenken an. Denn auch wenn ich nicht den Drang verspüre, mich in ein rostiges Kettenhemd zu zwängen und meine Freunde zu den Klängen von DragonForce mit einer originalgetreuen Gimli-Zwergenaxt durch den Wald zu jagen, so findet sich neben meiner Grundausrüstung-Geisteswissenschaftler-Buchwand auch eine recht umfangreiche und immer noch wachsende Fantasyabteilung. Zu allem Überfluss wird die Trias durch eine Schmökerwand der amerikanischen Postmoderne komplettiert.

Tja – da kann man schon mal die Frage nach seiner Leseridentität stellen. Was denn nun? McDowell, Robert Jordan oder DeLillo? Philosophische Untersuchungen, Der Kampf der Orks oder Infinite Jest? Die furchtbar langweilige Antwort auf diese Frage ist natürlich: Alle. Das sind ja ganz verschiedene Lesebereiche, die unterschiedliche Motivationen und Zielsetzungen haben!

Doch ich glaube, dass es hier mehr zu sagen gibt. Die dem Geisteswissenschaftler in Fleisch und Blut übergangene Intuition, „Trivialliteratur“ mit einem Augenrollen zu begegnen fußt auf einer Grundeinstellung gegenüber dem Lesen: „Einfache“ Alltagsliteratur dient als Entspannung – gemütliche Abende auf der Couch mit Tee, Wolldecke und dem neuen Bestseller des Lieblingsautors, während „schwierige“ Bücher intellektuell stimulieren und dabei kognitiv fordern. Diese Werke werden im Arbeitszimmer mit gezücktem Stift, Fremdwörterbuch und Textmarker bearbeitet. Im Vordergrund steht hier prima facie nicht eine Lustbefriedigung, sondern das schiere Bewältigen des Textes. Diese beiden Lesekategorien haben also verschiedene Geltungsorte, denen sie zugeordnet sind. Seltsamerweise fühle ich mich trotzdem von beiden Arten der Literatur angezogen – und zwar auf ähnliche Weise.

Was sind „schwierige Bücher“?

Doch was macht schwierige Bücher schwierig? Wann ist eine literarische Mammutaufgabe als prätentiöse Schikane enttarnt? Zur Beantwortung dieser Frage lohnt es sich einen primären Geltungsort deutlicher zu betrachten. Der amerikanische Autor und Dozent für kreatives Schreiben Jonathan Franzen sieht die Universität als einen Ausbildungsort für das Bearbeiten von schwierigen Büchern:

 „One pretty good definition of college is that it´s a place where people are made to read difficult books.” Jonathan Franzen: Mr. Difficult S. 4

Franzen beschreibt in seinem ArtikelMr. Difficult – Gaddis And The Problem of Hard-To-Read-Books sein eigenes ambivalentes Verhältnis zu schwierigen Büchern am Beispiel von Autoren der amerikanischen Postmoderne, die er in seiner eigenen Studienzeit als wütende Systemkritiker idolisierte. Ein Paradebeispiel für schwierige Literatur stellt er im Werk von William Gaddis vor. Gaddis, dem zu Lebzeiten oft die Gunst der Kritiker verwehrt blieb, trendet seit einigen Jahrzehnten wieder. Neben dem Roman JR (die Inspiration der Figur aus der Fernsehserie Dallas) steht vor allem sein komplexes Erstlingswerk The Recognitions hoch im Kurs. The Recognitions stellt tatsächlich so etwas wie eine Blaupause für ein kompliziertes Buch dar. Der Leser sieht sich mit über 900 Seiten dichtestem Text konfrontiert, in dem nicht nur narrativ, sondern auch stilistisch unorthodoxe Wege gegangen werden. So gibt es etwa Dialogstrukturen mit ständig wechselnden Sprechern, die ohne Kennzeichnung,  allein durch den Kontext und den Sprachstil, dechiffriert werden müssen. Im Text tauchen neun verschiedene Sprachen auf und um einigen Segmenten inhaltlich zu folgen sind zumindest Grundkenntnisse der Alchemie gefordert. Franzen vergleicht seine Erfahrung mit dem „Wortsturm“ in The Recognitions mit dem einsamen Besteigen eines Berges:

“I was alone and unprepared on a steep-sided, frigid, airless, poorly mapped mountain. Did I already mention that The Recognitions has nine hundred and fifty-six pages?” Franzen: Mr. Difficult S. 3

Für mich persönlich wirkten The Recognitions teilweise tatsächlich wie eine Sisyphusaufgabe.
Nun stellt sich die Frage: Warum erlegen sich Menschen diese Arbeit überhaupt auf?

Zwei Lesemodelle

Eine Antwort auf diese Frage findet man in der Literaturtheorie. Jonathan Franzen stellt zwei Modelle des Lesens gegenüber, die in ihren Grundlagen die Existenz von trivialer und überanspruchsvoller Literatur erklären.

Auf der einen Seite wird Lesen als eine Art Vertrag zwischen Autor und Leser gesehen. Die intime Verbindung von Werkschaffendem und Konsumenten entsteht, indem der Autor seinen Text direkt auf ein lustvolles Leseerlebnis ausrichtet.  Schreiben ist somit immer ein Balanceakt zwischen dem Selbstausdruck des Autors und der Aufrechterhaltung einer Art von „Kommunikation“ innerhalb einer Gruppe von Lesern mit der obersten Maxime eines zufriedenen Lesers, der sich ganz nach Couchmanier einfach der Geschichte ausliefern kann. Franzen nennt diese Art zu Lesen und Schreiben das „Contract Model“.

„Every writer is first a member of a community of readers, and the deepest purpose of reading and writing fiction is to sustain a sense of connectedness, to resist existential loneliness; and so a novel deserves a reader´s attention only as long as the author sustains the reader´s trust.” Franzen: Mr. Difficult

Auf der anderen Seite ist ein gutes Buch allein nach seinem Anspruch zu beurteilen. Schwierigkeit ist positiv konnotiert. Es geht tatsächlich um das Bewältigen des Textes – das Erklimmen des literarischen Berges – als Meistern der höchsten Ausdrucksart von Kunst. Dass das nicht besonders mainstreamtauglich daherkommt ist per definitionem einleuchtend: Gerade weil ein Großteil der Leser am Werk scheitern, ist es etwas Besonderes. Hat man sich irgendwann doch noch durchgekämpft, hat man etwas Besonderes geleistet und sich einen neuen Status verdient – Franzen nennt diese Sicht auf Literatur deshalb „Status Model“.

Leider klingt das alles schrecklich elitistisch, prätentiös und einfach unsympathisch. Wer möchte sich nach solch einer Definition schon als „Status“-Leser outen? Doch wohl nur Kultursnobs die pseudointellektuelle Masturbation betreiben. Das „Contract-Model“ scheint zumindest noch die Verbindung von Autor und Leser, sowie den nostalgischen Wohlfühlfaktor von packenden Büchern im Blick zu haben.

Warum: William Gaddis?

Franzens erste und wichtigste Regel des Schreibens (Guardian: Ten rules for writing fiction) identifiziert ihn klar als Vertreter des „Contract-Model“:

„1 The reader is a friend, not an adversary, not a spectator.“ Franzen: 10 Rules for writing fiction

Er beschreibt seine eigene Transformation von einem statushungrigen Literaturstudent hin zu einem Autor, der primär um das Wohl des Lesers besorgt ist als Katharsis vom Verlangen der intellektuellen Selbstbefriedigung.  Gaddis´ Werk bildeten für Franzen einst Bezugs- und Identifikationspunkte (soweit, dass der Titel seines Romans The Corrections als Hommage an Gaddis gedeutet werden kann) und sogar echte Tugenderfahrungen:

“By the time I reached the last page of `The recognitions´, I felt readier to face the divorce, deaths, and dislocations that were waiting for me out in the sunlit world. I felt virtuous, as if I´d run three miles, eaten my kale, been to the dentist, filed my tax return, or gone to church.” Franzen: Mr. Difficult S. 4

Doch mit einem zunehmenden persönlichen Reifeprozess meint Franzen Gaddis als prätentiösen Scharlatan enttarnt zu haben. Als einen Autor der seinen Selbstausdruck vor das Verlangen des Lesers stellt (Franzen: „being an asshole, in other words).  Als einen Autor, der literarische Schwierigkeit als Deckmantel dafür benutzt eigentlich nichts Unterhaltsames oder Kluges zu erzählen zu haben. Die Schwierigkeit von Gaddis Büchern signalisiert nicht mehr Exzellenz, sondern macht seine Bücher nur unlesbar:

„Difficult fiction of the kind epitomized by Gaddis seems to me more closely associated with the lower end of the digestive tract. His detractors refer to his `Loghorrhea´, but it´s more accurate to characterize him as retentive-constipated to the point of being unreadable, sometimes even unintelligible.” Franzen: Mr. Difficult S. 11

Mit dieser vernichtenden Konklusion alleingelassen ist man spontan erstmal versucht die literarische Bergsteigtour aufzugeben und sich mit irgendetwas anderem auf die Couch zu fläzen. Doch warum genieße ich (trotz zahlreichen gescheiterten Versuchen) diese Art von „schwieriger“ Literatur so sehr? Bin ich am Ende doch ein verkappter Statusleser? Und was sagt eigentlich Gaddis zu seiner Art zu schreiben?

Warum, William Gaddis?

Franzen wirft William Gaddis eine verklärte und überholte Vorstellung vom Verhältnis zwischen Autor und Werk vor. Er spricht ihm die Meinung zu, dass Kunstschaffende Retterfiguren seien, die eine einzigartige und heilige Arbeit verrichten. Tatsächlich sieht Gaddis den Autor als überflüssiges Element in der Rezeption eines literarischen Werkes:

„What is it they want from the man that they didn´t get from the work. What do they expect? What is there left when he´s done with his work, what´s any artist but the drags of his work, the human shambles that follows it around.“ William Gaddis

Allein zwischen Werk und Rezipient besteht eine Verbindung, die aber trotzdem sehr intim ist. Gaddis verteidigt seinen Hang zu übermäßig langen Dialogstrukturen, indem er auf ein Element verweist, dass bei orthodoxem erklärenden Schreiben in den Hintergrund gedrängt wird – ein lebendiger Text:

„It´s alive, it´s alive whereas expository writing is the writer writing.“ William Gaddis

So propagiert und fordert er einen aktiven Leser und argumentiert, dass gerade durch diese Partizipation ein Erlebnis entsteht, welches die Essenz des Lesens einfängt:

„I do ask something of the reader and many reviewers say I ask too much [. . .] and as I say, it’s not reader-friendly. Though I think it is, and I think the reader gets satisfaction out of participating in, collaborating, if you will, with the writer, so that it ends up being between the reader and the page [. . . .] Why did we invent the printing press? Why do we, why are we literate? Because of the pleasure of being all alone, with a book, is one of the greatest pleasures.“ William Gaddis, nach: Lingan: Gaddis, The Last Protestant

Diese Theorie des Lesens hat nichts mit dem Streben nach Exzellenz oder der Festigung eines Elitenstatus zu tun. William Gaddis erschafft in seinen Büchern eine Metaebene, die seinen Blick auf Kunst narrativ mimetisiert.

Lesen als Kunst der Wiedererkennung

Ein zentrales Thema in The Recognition ist das Verhältnis zu Kunst. Die Handlung folgt Wyatt Gwyon, einem Pastorensohn der über verschlungene Pfade zum Kunstfälscher wird. Die Frage, was es heißt Kunst aktiv zu gestalten und zu genießen verwebt sich zwischen den auftauchenden Charakteren. Hier bietet Gaddis erneut seine Theorie der aktiven Partizipation an und verbindet sie mit einem kreativen Moment:

„Everybody has that feeling when they look at a work of art and it´s right, that sudden familiarity, a sort of… recognition, as though they were creating it themselves, as though it were being created through them while they look at it or listen to it.“ William Gaddis: The Recognitions

Kunst zu rezipieren – und insbesondere zu lesen – ist nach dieser Intuition ein kreativer Vorgang. Gute Bücher zeichnen sich dadurch aus, dass sich der Leser auf eine intime Verbindung mit dem Text einlassen kann. Das kann auf narrativer oder emotionaler Ebene passieren, aber auch kreativer. Die „Schwierigkeit“ eines Buches ist ein Werkzeug um das Gefühl der Wiedererkennung zu verstärken. Wichtig dabei ist aber, dass dieses Gefühl nicht vom Autor erschaffen, sondern vom Leser mit eingebracht wird. Die „harte Arbeit“, die von einem schwierigen Buch abverlangt wird ist, wie Gregory Comnes kommentiert, eine bedeutungsschaffende Tätigkeit, die den Leser aktiv am Text teilhaben lässt. Nach Comnes muss man „lesen, was nie geschrieben wurde“, um an dieser Art von Texten teilhaben zu können.

Im Gegensatz zu den von Franzen vorgestellten Modellen des Lesens wird das Potential des Lesers nicht ignoriert. Schwierige Bücher fordern, manchmal überfordern sie – aber das ist bei allen kreativen Vorgängen der Fall. Ein gutes, forderndes Buch, unter der aus Gaddis entwickelten Epistemologie des Lesens, zu rezipieren heißt, selbst aktiv mitzugestalten. Deshalb ist die Leseerfahrung gerade bei diesen Büchern noch individueller und erinnert stark an die Erfahrungen des eigenen Schreibens. So verschränkt etwa David Foster Wallace, der tief von dieser Idee und von Gaddis beeinflusst war, sein Autorsein sehr stark mit seiner Leseridentität:

„The way I am as a writer comes very much out of what I … want as a reader and what got me off when I was reading. A lot of it has to do with … really stretching myself … really having to think and process and feel in ways I don’t normally feel.“ David Foster Wallace

Sich auf die Herausforderungen eines Textes einzulassen ähnelt stark selbst einen Text zu schreiben – sich immer wieder an ihm zu versuchen. Ein Scheitern sagt nichts über einen prätentiös gedachten intellektuellen Status aus, sondern ist vielmehr die natürliche Folge des Betretens unbekannten Territoriums. Eine solche Theorie des Lesens erklärt nicht nur die Existenz von „schwierigen Büchern“, sondern auch, warum sie abseits des akademischen Betriebs genauso einen Platz im Bücherregal haben, wie das Schmökerbuch für die Couch. Natürlich signalisiert Schwierigkeit nicht immer kreatives Potential – entscheidend ist, ob der Leser diese Momente der „Wiedererkennung“ hat.

Ich werde weiter William Gaddis lesen.