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Props and Credibility to Nobody – De La Soul: „And the Anonymous Nobody“

De La Soul können’s noch.


Gute Musik zu machen ist nicht einfach. Will man das dann auch noch mit anderen zusammen tun und am besten mit kommerziellen Erfolg, dann bedeutet das viel harte Arbeit. Heute kommt noch etwas dazu, das nennt sich digitale Präsenz. Mit letzterem haben Kelvin Mercer David J. Jolicœur und Vincent Mason so ihre Probleme. Aber das erst mal beiseite gelegt. Denn für die anderen Punkte haben sie in ihrer Formation als De La Soul auf jeden Fall einige props und credibility verdient.

Seit 1988 arbeiten, reisen und rappen die drei Freunde aus Long Island gemeinsam und haben die 90er mit ihrer Musik zu dem Hip-Hop-Jahrzehnt überhaupt gemacht. Also ich kenn‘ keine, die keine kennt, die nicht wenigstens einen De-La-Soul-Hit kennt. Wie schon in einem ihrer ersten Musikvideos 1989 zu Me, myself and I ist die Positionierung der Gruppe innerhalb der damals groß werdenden Gangster Rap-/Hip-Hop-Szene klar: Ihr tragt dicke Ketten, De La Soul mehr so Blümchenhemden und ein großes Herz.

Quelle: YouTube

De La Soul hatten mit ihren humorvollen und kritischen Texten eher ein Interesse daran Musik mit anderen und für andere zu machen. Als sich selbst zu produzieren. Und mit dieser Einstellung sind sie bis heute ganz gut gefahren. Freundschaft und Kreativität sind nicht versiegt, nach zwölf Jahren gibt es wieder ein neues Album. Wegen ihrer ungewöhnlich hohen Dichte an Samples aus Jazz, Soul und sogar Country in ihren ersten Alben stellt sich das Label Warner quer und will die alten Sachen nicht für den digitalen Markt freigeben. Angst vor rechtlichen Ansprüchen, die irgendwer da nochmal geltend machen könnte. Naja, alle Pioniere müssen sich mit ähnlichen Problemen rumschlagen. De La Soul als Sample-Könige haben ebenso wenig wie alle anderen in dem wachsenden business damals über eine detaillierte rechtliche Absicherung nachgedacht.

Deshalb machen sie es jetzt ganz anders. Oder eben genauso wie es sich gehört, wenn Künstler ihr eigenes Werk auch anderen Menschen zugutekommen lassen möchten und davon ihren Lebensunterhalt bezahlen wollen. And the Anonymous Nobody ist durch Crowdfunding entstanden. Viele Menschen in den U.S.A. haben sich an der Finanzierung des neuen Albums beteiligt. Weil De La Soul unabhängig sein wollten, weil ihnen das Recht an ihrem Werk mehr wert ist, als die Kohle die ihnen das Label verspricht. Nobody, so die drei, sind nicht direkt sie selbst, sondern alle, die mit ihrer Unterstützung dafür gesorgt haben, dass etwas Kreatives ohne den Druck eines Majors Gestalt annehmen kann.

de-la-soul-nobody-cover

De La Soul nehmen sich zurück, sind bescheiden. Das bringt das Cover zum Ausdruck. Es geht nicht darum, wer da auf der Bühne steht, sondern das derjenige etwas beherrscht, nämlich die Menschen zu bewegen, Musik.

Aus knapp 200 Stunden Jamsession Material mit anderen Soul-, Pop- und Rockkünstlern haben De La Soul in Eigenregie ein Mammutwerk geschaffen. 18 Tracks, jeder anders als der davor und danach. So fügen sich die eigentümlichen musikalischen Profile von Damon Albarn, Jill Scott und Usher dennoch perfekt mit den Beats und Versen von De La. Es gibt Songs über Liebe, den Tod und alles was dazwischen liegt. Das Album ist eine kleine Reise durch vergangene und aktuelle Hip-Hop Stile. Die Reiseleiter von De La Soul stets an deiner Seite.

Titelbild: © di Matti/Commons Wikimedia

Das Konzept des Fortsetzungsromans – Tilman Rammstedt: „Morgen mehr“

Tilman Rammstedt und ich haben so einiges gemeinsam. Irgendwann mal in Tübingen Philosophie studiert.. Leben jetzt in Berlin… Nachtaktiv… Ingeborg-Bachmann-Preis… Ach ne, den hab ich ja garnicht. Bin aber auch kein Autor, wie der Tilman Rammstedt. Allerdings muss man als Autor ja Bücher veröffentlichen und das ist manchmal garnicht so einfach – seit Rammstedts letztem Roman „Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“ sind nun immerhin auch schon ein paar Jährchen vergangen. Glücklicherweise hat sich Tilman Rammstedt jetzt mit den pfiffigen Leuten der Hanser Literaturverlage zusammengetan, die die Idee hatten, ihren Autor quasi zum Zwangsschreiben zu verdonnern und nebenbei noch ein sowohl aus Leser- als auch aus Marketingsicht interessantes Projekt zu starten: Tilman Rammstedt schreibt einen Fortsetzungsroman.


 

„Morgen mehr“ von und mit Tilman Rammstedt

Jo Lendle, seines Zeichens Chef des Hanser Verlags, beschreibt den Arbeitsalltag mit Autor Rammstedt folgendermaßen:

„Zu den erfreulichsten Momenten in dem von freudvollen Momenten nicht gänzlich freien Leben eines Lektors gehört die Arbeit an einem neuen Buch von Tilman Rammstedt. Morgens kommt man in den Verlag, da wartet, von einem knappen Verzweiflungsseufzer begleitet, im Posteingang das noch schreibwarme Ergebnis der vergangenen Nacht. Man liest in stillvergnügtem Glück die neuen Seiten, ruft den Autor an, kritisiert zum Schein einen Halbsatz, ein Komma, ein stilistisches Detail, preist dann vollmundig das täglich klarer sich abzeichnende Ganze, worauf Tilman Rammstedt sich – grummelnd, übermüdet, aber halbwegs mit der Nacht versöhnt – zur Ruhe legt.“

(Jo Lendle: morgen-mehr.de – Aufwachen mit Tilman Rammstedt)

Die morgendlichen Mails, die sonst nur Jo Lendle zu Gesicht bekommt, sollen bei dem neuen Buch Rammstedts „Morgen mehr“ mit der Welt geteilt werden und zwar tagesaktuell. Ab dem 11.01.2016 werden jeden Werktag zwei Seiten des Romans veröffentlicht. Dabei sein (per Email oder Whatsapp, als Text oder vom Autor gelesen) kann jeder, der sich über die Crowdfunding Plattform Startnext ein Abonnement sichert. Preislich startet das Ganze bei 8€ (nur Lese/Hörtexte). Für 20€ bekommt man nach Abschluss des Projektes auch eine vollständig lektorierte Fassung des Buches zugeschickt, welche später auch von Nicht-Abonnementen ganz normal im Buchhandel erworben werden kann.

Zwar bleibt zu vermuten (und auch zu hoffen), dass sich da im Laufe des Projektes noch so einiges ändert, aber einen groben Inhaltsteaser gibts auch schon:

„Es ist Sommer 1972. Seit Jahren schon. Die Farben verblassen, die Musik leiert, und ein Mann sehnt sich nach der Zukunft. Er vermisst all das, was es noch nicht gibt: Navigationssysteme, Glutenintoleranz, die Nostalgie nach klareren Zeiten. Er vermisst auch seine Frau, die er noch nicht hat, seine Kinder, die es nicht gibt. Er will nicht länger warten. Er beschließt, die Uhr nach vorne zu drehen. Und zwar nicht nur seine eigene, sondern die Koordinierte Weltzeit, an der sich alle Uhren orientieren. Dafür muss er nach Paris. In einem gestohlenen Taxi fährt er durch ein merkwürdiges Europa und sammelt auf dem Weg all diejenigen ein, die auch endlich in die Zeit fallen wollen, am besten mit Karacho.“

(Hanser News zu „Morgen mehr“)

Ok. Klingt Rammstedtsch.

Das Konzept des Fortsetzungsromans: Ein Dinosaurier?

Einen Roman in kleinen Stücken zu veröffentlichen ist nicht neu. Der sogenannte Fortsetzungs- oder Feuilletonroman hat in der europäischen Weltliteratur Tradition und boomte vor allem im 19. und 20. Jahrhundert. So sind beispielsweise Werke wie „David Copperfield“ und „Oliver Twist“ von Charles Dickens, genauso wie „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde, vor der Buchveröffentlichung seriell in Zeitschriften erschienen. Fjodor Dostojewski schrieb gar einen Großteil seiner Bücher auf diese Weise – und das immer unter Zeitdruck.

Zeitlich wenig aktueller war das experimentelle Fortsetzungsprojekt der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zusammen mit Science-Fiction Autor Andreas Eschbach: „Exponentialdrift„. Von September 2001 bis Juli 2002 erschienen wöchentlich neue Textstücke von Eschbach in der FAS. Die Handlung bezog sich dabei oft auf tagesaktuelle Geschehnisse. Die Resonanz der Leser blieb allerdings hinter der Erwartungen zurück. Eschbach, der  zum Start des Projektes durch die Veröffentlichung von „Eine Billionen Dollar“ eine starke mediale Präsenz innehatte, zieht im Nachwort der Buchfassung von „Exponentialdrift“ ein ernüchtertes Fazit zum Konzept des klassischen Fortsetzungsromans:

„Völlig falsch eingeschätzt haben alle Beteiligten, glaube ich, das Bedürfnis nach der Form des Fortsetzungsromans. Es stimmt, seit Charles Dickens hat das niemand mehr gemacht – aber vermutlich aus gutem Grund. […] Ich glaube, dass der klassische Fortsetzungsroman – einige wenige Spalten in einer Zeitung – eine überholte Form ist.“

(Andreas Eschbach: „Exponentialdrift“ Making Of)

Oha. Wikipedia konstatiert gar: „Gegenwärtig (Stand 2014) ist der Fortsetzungsroman so gut wie ausgestorben.“ Hat Hanser sich da ein konzeptuell verstaubtes Dinossauriergerippe ausgebuddelt, um seinen prokrastinierenden Autor doch noch zum Schreiben zu zwingen?

Der Fortsetzungsroman als Marketingstrategie: Von #Hashtagliebhabern und Autoren in Ketten

Obwohl sich „Morgen mehr“ nach Eigenaussage klar in die Tradition des klassichen Fortsetzungsromans stellt, stellt es trotzdem ein Novum dar. Im Gegensatz zu den üblichen seriellen Veröffentlichungen in Printmedien beschreitet Hanser mit dem Projekt die große weite Welt des digitalen Nutzers, oder anders: das Buch soll eine „experimentierfreudige Klientel ansprechen – #ZumBeispielSolcheDieHashtagsMögen“. Den Bedürfnissen dieser Zielgruppe sind nun auch einige  Faktoren angepasst, die für eine Rückkehr des Konzeptes Fortsetzungsroman eine entscheidende Rolle spielen könnten.

Der Hauptkritikpunkt der Leserschaft von Eschbachs „Exponentialdrift“ in der FAS war die wöchentlich Veröffentlichungsfrequenz relativ kurzer Textstellen. Bei „Morgen mehr„werden nun jeden Werktag zwei Seiten versprochen (toi toi toi, Herr Rammstedt!) – und zwar nicht nur als Text, sondern auf Wunsch auch als vom Autor eingelesene Audiodatei. Genau die richtige Länge um die tägliche Dosis Rammstedt als festes Tagesritual zu etablieren – am Frühstückstisch, der Mittagspause oder in der Ubahn.  Und noch besser: Die Zielgruppe der #Hashtagliebhaber kommuniziert über sowas gerne. Zum Beispiel über Twitter,  Facebook oder auf einem Blog und kurbelt natürlich damit ordentlich die Werbetrommel. Klappt ja ganz gut, wie man sieht.

Das Konzept von „Morgen mehr“ als Fortsetzungsroman ist nicht neu, aber im digitalen Kontext durchaus innovativ und trifft (vielleicht) den Zeitgeist. Ein großer Teil der Strategie im gegenwärtigen Buchmarketing ist die Vermarktung von Autoren und ihrer Schreibpraxis. Ein Fortsetzungsroman gibt dem Leser die Möglichkeit, sich dem kreativen Entstehungsprozess des Buches viel näher verbunden zu fühlen. Und zwar inklusive möglicher Schaffensflauten. Gerade jemandem wie Tilman Rammstedt, der sich schon mit Büchern wie „Der Kaiser von China“ ein etwas kurioses Image aufgebaut hat, traut man tatsächlich zu, dass er, wie in einer Bilderserie des Hanser Verlags prognostiziert, an Tag 22 des Projektes völlig verzweifelt versucht sich hanebüchen lustige Wendungen für das Kapitel des nächsten Tages aus den Fingern zu saugen und es am Ende trotzdem gut wird. Man ist gar neugierig, ob der übernächtigte Rammstedt denn nun tatsächlich jeden Tag zwei Seiten hinkriegt, oder ob irgendwann eine peinlich  berührte Entschuldigungsmail von Verleger Jo Lendle im Emailpostfach wartet.

Dementsprechend selbstironisch wird der Roman auch beworben. Häufig wiederkehrende Themen: Verschiedene Phasen der Rammstedtschen Auflösung in den Ketten seiner Veröffentlichungsverantwortung, Verwirrung ob der geplanten Planlosigkeit des Projekts und ein vollkommen verzückter Lektor, der eben für ein paar Monate mal „ein wenig früher aufstehen muss“.

Der Plan für „Morgen mehr“ steht also. Und ich bin gespannt auf das Experiment und freue mich morgens von den neuesten Rammstedtschen Schreibergüssen geweckt zu werden – ganz egal, ob der Autor nun wirklich jede Nacht schweißgebadet vor dem leeren Word-Dokument sitzt, oder ob das nicht doch alles strukturfester ist als suggeriert. In jedem Fall mal was Anderes!

Und was sagt eigentlich Tilman Rammstedt dazu?  Kein sehr guter Plan, sagt er laut eines aktuellen Youtubevideos von Hanser.

Er soll aber nicht so viel sagen, er soll verdammt nochmal schreiben. Seinen neuen Roman. Tag für Tag.

Na dann mal los, Herr Rammstedt.

Kunst hat drei Buchstaben: TUN – Khine Min Tun

Was hat Malerei mit Freiheit zu tun und wieso interessiert uns eine kleine Kunstgalerie in Mrauk U, Myanmar? Moderne Kunst ist für szeneaffine Hipster und weltoffene Berliner alles andere als in Öl gemalte Landschaftsbilder – Bilder von Wiesen und Tempeln gehören in Oma Trudes Stube, mit Politik und Gesellschaft haben sie nichts am Hut. Wir wollen Ai Weiwei, wilde Mobs am Alex, irgendwas, das sexuell anstößig ist- wenn es das noch gibt. Dass auch „naive Malerei“ kritisches Potential und gesellschaftliche Relevanz besitzt, liegt vielleicht daran, dass Kunst mehr kann, als der Künstler weiß.


Kunst hat drei Buchstaben: TUN – Khine Min Tun,

Sohn des Künstlers Shwe Maung Thar aus Mrauk U an der Westküste Myanmars. Ein Land, das unlängst Schlagzeilen machte, weil am 8.11.2015 die ersten freien Wahlen seit 25 Jahren stattfanden – mit dem Ergebnis, dass die National League for Democracy eine absolute Mehrheit erreichte. Wenngleich ein politischer Umbruch des Landes dadurch nicht getan, scheint die militärische USDP in ihre Schranken verwiesen und die Weichen für eine demokratische Zukunft gestellt. Wo Aung San Suu Kyi als politische Leitfigur der National League for Democracy (NLD) seit Jahrzehnten für politische Freiheit kämpft, findet man in dem für Touristen schwer zugänglichen Mrauk U eine kleine Oase, in der Freiheit ebenfalls eine große Rolle spielt – die Freiheit künstlerischen Tuns. In der kleinen L‘ Amitié Art Gallery im Westen Myanmars befanden sich bis vor kurzem zahlreiche Ölgemälde, die dem Betrachter die unberührten Landschaften eines Landes zeigen, das die wenigsten von uns aus der Nähe kennen. Insbesondere Mrauk U, zeichnet sich durch die aus dem Nebel ragenden Tempelruinen aus, deren Spitzen die sattgrüne, bergige Landschaft überblicken. Welche gesellschaftliche Bedeutung einer kleinen Galerie zukommt, deren Ausstellungsstücke nichts anderes zeigen als malerische Abbilder der Umgebung, wird vielleicht erst auf den zweiten Blick klar. Denn so trivial es einer postmondänen Berlinerin scheinen mag, einen Pinsel in die Hand zu nehmen und eine Form von Kunst zu schaffen, die hierzulande von der Szene schon mal als antiquiert und langweilig belächelt wird, so bedeutsam ist jedes Gemälde, das in den diktatorischen Verhältnissen von Myanmar an den Wänden der L‘ Amitié Art Gallery zu sehen war.

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Mrauk U, Myanmar

In einem Land vor unserer Zeit

Zurückgeworfen in eine Zeit, in der Meinungsfreiheit nicht alltäglich ist, hineinversetzt in ein Land, das durch mystisch anmutende Landschaften lockt, konfrontieren uns die Bilder von Shwe Maung Thar und Khine Min Tun mit einem Aspekt von Kunst, der auch in einer in höchstem Grad modernisierten Gesellschaft oft zu kurz kommt: innere Freiheit. Freiheit auch, die eigene Haltung zu bewahren, in Zeiten, in denen Medien durchzogen sind von Angstbotschaften, Terrorwarnungen, Hiobsbotschaften, die unsere Gesundheit betreffen und Anleitungen, wie der moderne Mensch sich fitzuhalten hat. In Myanmar, wo die militärische USDP ihre Bevölkerung in nahezu allen für uns selbstverständlich gewordenen Bereichen einschränkt, ist künstlerische Praxis die vielleicht einzige Antwort auf den im Innern sich regenden Widerstand gegen Zwänge, Armut und die Fesseln des Alltags, in dem alternativen Lebensformen kein Raum gegeben wird. Die Rechnung ist einfach: Wo die Freiheit der Person nicht gelebt werden kann, realisiert sie sich in künstlerischem Tun.

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Shwe Maung Thar

Kunst und Freiheit

Der 1955 in Mrauk U geborene Künstler Shwe Maung Thar hat sich zeitlebens dafür eingesetzt dieses Tun auch in Mrauk U am Leben zu halten. In seiner kleinen Galerie konnten seine Bilder seit 2008 betrachtet und diskutiert werden. Und trotz seiner Ausstellungen in Canberra, Melbourne, Wien und Yangon, ist es jene Galerie an der Westküste Myanmars, die diesen Artikel motivieren. Denn die L’Amitié Art Gallery bot mehr, als dass sie unseren visuellen Sinnen schmeichelte. Sie war Begegnungsstätte, in der man sich austauschen, ästhetische Maßstäbe, herausarbeiten und Kritik üben konnte. Praktiken, die für funktionierende Demokratien unabdingbar sind und die zugleich Funktionen darstellen, die untrennbar mit Kunst verbunden sind. Mag ein Kunstwerk noch so naiv daherkommen, die Aufforderung an den Betrachter zu reflektieren ist immanent: sich von dem distanzieren, was als unhinterfragt Gegebenes vorgefunden wird, sich in ein neues Verhältnis zu Kunstwerk und Welt zu setzen. Diese Form kritischer Praxis ist eine Errungenschaft, eine Säule unserer Gesellschaft, die aus dieser nicht wegzudenken ist. Eine Form kritischer Auseinandersetzung, die auch in Myanmar zu reifen beginnt. Schon deshalb ist das Lebenswerk von Shwe Maung Thar mehr als „nur“ schöne Kunst – in einem der abgeschiedensten Landstreifen Myanmars wurde der Grundstein gelegt für ein freies Leben von Menschen, die sagen dürfen, was sie zu sagen haben. Dazu gehört auch, sich die Freiheit zu nehmen an Werten und Traditionen festzuhalten. Die unberührten Landschaften Mrauk U’s nicht der touristischen Ausbeute preiszugeben und dennoch eine politische Veränderung zu fordern, die auf eine gerechtere Verteilung von Gütern und Bildungschancen abzielt, auf die Etablierung eines funktionierenden Gesundheitssystems und den für den Vielvölkerstaat wichtigen Punkt der Religionsfreiheit. Forderungen, die durch kritische Praxis aus dem Privaten ins Öffentliche gezogen und so politisch werden. In dem ganz basalen Sinn, dass ein jeder die Möglichkeit hat, sich eine Meinung zu bilden, sich an Diskussionen und Volksversammlungen zu beteiligen und sich durch Proteste gegen herrschende Parteien zur Wehr zu setzen.

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Überschwemmt

Schaung Mar Thars Einsatz für den Erhalt künstlerischer Praxis in Mrauk U war und ist deshalb von gesellschaftlicher Relevanz, die den Rahmen Schöner Kunst sprengt. Umso trauriger ist es, dass der Künstler im Januar 2015 plötzlich an einem Herzinfarkt verstarb und die L`Amitié Art Gallery seinem Sohn Khine Min Tun überlassen musste. Auch für Khine ist Kunst eine nicht wegzudenkende Lebensaufgabe und -grundlage, weshalb er sich der Aufgabe stellt, das Lebenswerk seines Vaters fortzuführen. Eine Aufgabe, die zunächst die einmalige Chance beinhaltete die Bilder seines Vaters in der Schöneberger Kunstgalerie „Kuhn und Partner“ im Juni 2015 zu präsentieren. Eine Aufgabe, die Khine voll Freude und Dankbarkeit nutzte und die zahlreichen Besucher mit den Werken seines Vaters begeisterte. Eine Aufgabe, die im Spätsommer zu einer enormen Herausforderung wurde, als zahlreiche Fluten die Westküste Myanmars großräumig zerstörten. Darunter auch die in mühsamer Arbeit aufgebaute und leidenschaftlich am Leben gehaltene L‘ Amitié Art Gallery, von der dieser Artikel handelt. Eine Galerie, die von unerschöpflichem Wert für die Bevölkerung von Mrauk U und die junge Familie von Khine Min Tun ist, die allen Schwierigkeiten zum Trotz an ihren Wiederaufbau glauben. Seit Monaten kämpfen sie tatkräftig  für die Wiederbelebung der Kunst, ließen sich auch von einer zweiten Flut nicht entmutigen, die abermals enorme Schäden anrichtete. Ein Einsatz, der Unterstützung braucht, weil auch das Wohnhaus von Khines Familie im Zuge der Fluten verschütt gegangen ist. Der eigenen Lebensgrundlage entrissen, steht der Sohn von Shwe Maung Thar nun alleine der Problematik gegenüber, das Lebenswerk seines Vaters fortzuführen. Ein Vorhaben, das von allen Freunden und Bekannten, Myanmarreisenden, Künstlern, Verfechtern von Freiheit und Kritik, und postmondän-Fans auf Unterstützung hofft. Dieser Artikel endet deshalb mit dem Appell: Einen Euro in die Reisekasse und so bald wie möglich Myanmar erkunden, einen Euro an Khine Min Tun – für die Kunst und die Freiheit.

zur Crowdfunding-Aktion

 

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Khine Min Tun