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Die Evolution des Superhelden – ONE PUNCH MAN

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Superhelden sind ein elementarer Bestandteil der gegenwärtigen Popkultur. Obwohl sie übermenschliche Kräfte haben, bieten sie uns durch ihre Schwächen und Fehler Identifikationspunkte und erlangen moralische Fallhöhen.  Durch diese basalen Story-Telling-Elemente lässt sich der Erfolg des Superheldengenres erklären, welches die Nische der Comics längst verlassen hat. Doch was passiert, wenn man diese Grundzutaten des Erfolgsrezeptes „Superheld“ abändert?


Warum mögen wir Superhelden?

Gehen wir zunächst auf die Frage „Warum mögen wir Superhelden?“ ein. Um diese Frage zu beantworten lohnt sich ein (sehr verkürzter) Rückblick auf einige Archetypen des Superheldengenres. Ich möchte hier stellvertretend auf zwei der bekanntesten Superhelden eingehen: Superman und Batman.

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Ausgabe Action Comics #1 von 1938

Superman war wohl der erste richtige Superheld der Comicgeschichte. 1938 erschien Superman zuerst auf dem Cover eines DC-Comics. Der im normalen Leben als Clark Kent auftretende „Man of Steel“ wartet mit übermenschlichen Kräften auf – er ist unverwundbar, hat immense Kraft, gesteigerte Sinne und kann fliegen. Kurzum: Superman ist die übersteigerte Version der Unbesiegbarkeit. Genau diese Überhöhung ist aus narrativer Perspektive schwierig. Wie soll sich der Leser mit einem – für ihn sehr fremden – Superhelden identifizieren?

Hier haben sich die Macher zwei kluge Gedanken gemacht: Erstens verpassen sie Superman das Alter Ego Clark Kent – eine Manifestation des Durchschnitts, die seine menschliche Seite plakativ zeigt. Durch Clark Kent wird nicht nur Vertrautheit beim Rezipienten erweckt, gleichzeitig wird auch der Wunsch bedient, aus dieser Durschnittswelt auszubrechen und vom normalen Bürger zum Superhelden zu werden. Zweitens hat Superman mit dem Kryptonit einen Schwachpunkt, der Scheitern möglich macht. Dadurch wird der Spannungsbogen hochgehalten – Superman ist nicht unantastbar.

Die zweite ikonenhafte Figur aus dem Univserum der Superhelden ist Batman. Das interessante an Batman im Gegensatz zu Superman ist, dass er keine direkt übermenschlichen Fähigkeiten besitzt. Batman ist ein normaler Mensch, der mit modernster Technik und hartem Training seine eigene Begrenztheit überwindet. Des Weiteren liegt in der Geschichte von Bruce Wayne aka Batman ein viel höheres Augenmerk auf der Charakterentwicklung. Bruce Wayne ist ein zutiefst verstörter und kaputter Charakter, der ständig vor dem Dilemma steht, sich seiner dunklen Seite zu entziehen und sich auch in seinem Fledermauskostüm seine Menschlichkeit zu erhalten. Batman erhält so eine moralische Fallhöhe, die der Geschichte Tiefe verleiht und den Leser fasziniert.

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Batmans moralisches Dilemma den „Joker“ betreffend.

 

 

 

 

 

 

 

Es gibt natürlich in der Geschichte des Superhelden-Narrativs noch viele weitere Erzählstrategien und Ausprägungen, doch für unsere Zwecke reicht festzuhalten: Superhelden müssen Identifikationspotentiale für den Rezipienten bieten. Zwei Möglichkeiten diese Potentiale zu erschaffen, sind dem Held Schwächen und moralische Fallhöhen zu verpassen.

ONE PUNCH MAN – ein Bruch mit der Konvention?

Sprung ins Jahr 2009. Comicverfilmungen sind der Renner im Kino. Batman, Spiderman, Ironman, Wachtmen… die Liste der Blockbuster lässt sich beliebig fortsetzen. Superhelden haben den Sprung aus der Nische geschafft. Das bewährte Erfolgsrezept fruchtet immer noch. Doch in einer anderen Nische traut man sich noch zu experimentieren. In Japan, wo Comics „Mangas“ heißen, läuft eine neue Webcomicserie des Künstlers ONE unter dem Titel ONE PUNCH MAN an. Später erschien der Manga auch als digitales Remake und 2015 schließlich auch als animierte Fernsehserie.

Die Serie folgt dem glatzköpfigen Saitama, der in der fiktiven Stadt Z gegen allerlei Monster antritt. Saitama bricht dabei die Konvention des Superhelden Narrativs gleich mehrmals. Der durchschnittliche junge Mann ist nämlich nur aus Spaß ein Held geworden. Nachdem er gegen ein auftauchendes Monster nichts ausrichten konnte, trainierte er einige Jahre und war plötzlich enorm stark – so stark, dass er nun jedes Monster mit nur einem Schlag besiegt, was ihm später auch den Superheldennamen ONE PUNCH MAN einbringt.

Zu Beginn der Handlung verspürt Saitama deshalb vor allem eins: Langeweile. Egal welcher lautstarke und spektakuläre Gegner sich ihm in den Weg stellt, am Ende zerplatzen sie alle nach nur einem Schlag und lösen alles andere als Ehrfurcht bei Saitama aus.

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Saitama is not impressed. Auszug aus der Single Issue des originalen Webcomics (entnommen von mangareader.net)

Saitama sehnt sich nach einer Herausforderung, nach einem Kampf, der ihn mal wieder in Aufregung versetzen kann. Ein Superheld, der sich unterfordert fühlt? Das ist mal was anderes.

Die unerklärte Übermenschlichkeit des Durchschnittsbürgers

Eine Frage, die natürlich sofort im Raum steht: Wie kam Saitama zu den übermenschlichen Fähigkeiten, die es ihm erlauben die mächtigsten Gegner scheinbar mühelos auszuschalten? In der Welt von ONE PUNCH MAN gibt es vielfältige Superhelden, die ihre Kraft z.B. durch genetische Manipulation, Cyborgtechnik, Psykräfte oder ihre außerirdische Herkunft erlangen. Doch keiner dieser Helden kann auch nur ansatzweise mit Saitama mithalten. Als Erklärung seiner Kräfte führt der ONE PUNCH MAN schließlich folgendes Trainingsprogramm an:

Er habe über einen Zeitraum von 3 jahren jeden Tag folgende Übungen ausgeführt:

100 Liegestütz

100 Situps

100 Kniebeugen

10 km Lauf

und drei ausgewogene Mahlzeiten zu sich genommen.

Die Erklärung von Saitamas Kraft. Auszug aus Staffel 1 des OPM Animes aus dem Jahre 2015 ; Quelle: Youtube

Diese Erklärung löst natürlich prompt Empörung aus. Ein Superheld, der 50 Meter große Monster mit einem Schlag auf die Matte schickt, soll über ein durchschnittliches Fitnessprogramm zu seinen Kräften gekommen sein?

Hier zeigt sich das gut umgesetzte parodistische Stilmittel von ONE PUNCH MAN. Außer Saitama sind viele der Helden und Monster völlig überzeichnet. Der glatzköpfige Protagonist und Held der Serie hingegen wirkt in seinem abgegriffenen Cape und den Reinigungshandschuhen reichlich deplaziert. Dieser Kontrast zwischen überzeichneter Effekthascherei und unbeeindruckter Normalität zeigt sich auch im Zeichenstil des Comics und der Animation. Die ist nämlich bezeiten auch bei Saitama sehr hochwertig, bricht aber in den parodistischen Momenten in buchstäbliche Strichmännchenzeichnung.

ONE PUNCH MAN karikiert die konventionellen Vorstellung und Erzählmuster des Superheldengenres, indem es für wichtig gehaltene Erzählstrategien unterminiert. Die Serie hat trotzdem einen international beträchtlichen Erfolg – woran liegt das?

Wie Parodie das Story-Telling des Superheldenthemas verändert

Zu Beginn dieses Artikels wurden zwei wesentliche Möglichkeiten angeführt, Superhelden dem Rezipienten näherzubringen: dem Held Schwächen geben und moralische Fallhöhen schaffen. Wie geht nun also ONE PUNCH MAN mit diesen Grundlagen des Storytelling um?

Saitama aka ONE PUNCH MAN hat zumindest im bisherigen Verlauf keine Schwächen. Er muss sich nicht einmal Mühe geben, wenn er die stärksten Gegner seines Universums besiegt (man vergleiche seine Spezialattacke: „consecutive normal punches“). Doch wie soll man als Zuschauer nun ein Interesse an einem Charakter haben, der so stark ist, dass sein Superheldenalltag ihn selbst langweilt?

Was hier auf narrativer Ebene geschieht, ist nichts anderes als eine Erwartungsspiegelung des Rezipienten. Im Falle von Superman etwa wissen wir relativ schnell, dass er mit Kryptonit verwundbar und besiegbar ist. Was uns hier also interessiert, ist die Frage „Wie setzt sich unser Held gegen seine eigenen Schwächen durch?“ Im Falle von ONE PUNCH MAN lautet die Frage aber viel eher „Findet unser Held doch irgendwann seine Schwäche?“. Beide Fragen sind dafür geeignet einen Spannungsbogen aufzubauen.

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In einigen Momenten der Animation wird die wirkliche Kraft Saitamas offenbar. Auszug aus dem OPM Manga

Das zweite erwähnte Identifikationspotential des Aufbauens von moralischen Fallhöhen geht ONE PUNCH MAN auf einer tieferen Ebene an. Obwohl Saitama eigentlich nur aus Spaß ein Superheld geworden ist und sich auch nur widerwillig in die geordneten und öffentlichkeitswirksamen Heldenstrukturen seiner Welt einbindet, ist da doch ein versteckter Drang nach Anerkennung spürbar. Saitama sehnt sich insgeheim danach ein wirklicher Held zu sein, fordert diese Anerkennung aber nie ein. Die versteckte Tiefe der Serie besteht darin, dass sein Umfeld ihm trotz seiner offensichtlichen Fähigkeiten jegliche Anerkennung verwehrt – zu unglaublich ist es, dass dieser lächerliche glatzköpfige Durchschnitssmann diese unglaubliche Kraft besitzt. Saitama reagiert darauf aber nicht mit Bitterkeit, sondern mit Gelassenheit und fast einer gewissen Demut. Wie bereits Spiderman bemerkte „With great power comes great responsibility“ – und so ist Saitama am Ende doch ein echter Held, indem er seine Verantwortung stillschweigend erfüllt.

ONE PUNCH MAN hat es geschafft das Superheldenthema parodistisch aufzugreifen, ohne es ins Lächerliche zu ziehen. Das klappt natürlich auch deshalb so gut, weil wir in den letzten 70 Jahren viel Erfahrung mit dem grundlegenden Storytelling des Superheldenthemas gesammelt haben. Eine Spiegelung dieser Erzählstrategien ist frisch und unterhaltsam – das findet auch eine weltweite OPM-Fangemeinde, die momentan gespannt auf die zweite Staffel des Anime wartet, die voraussichtlich 2017 veröffentlicht werden soll.


Beitragsbild: litreactor.com

Asterix, Julian Assange und Obelix

Wie schaffen es Geschichten, die vor über 2000 Jahren spielen, eigentlich, uns so viel über die Gegenwart zu verraten? Der neue Asterix-Comic Der Papyrus des Cäsar gibt Antwort.


Große Ereignisse werfen ihre Schatten ja bekanntlich voraus. Nun wurden Asterix-Comics, diese kleinen, cleveren guilty pleasures des Feuilletons und die Highlights vieler WG-Toiletten, ja immer medial begleitet. Aber im Vorfeld der Veröffentlichung des neuen Bandes Der Papyrus des Cäsar (das Titelbild zeigt einen Ausschnitt) wurden ungekannte Geschütze aufgefahren. Mit einer eigenen Briefmarkenserie der Deutschen Post und einer 10-Euro-Sonderprägung werden Asterix und Obelix offiziell zu Kulturgütern erhoben. Dafür gibt es gute Gründe, aber trotzdem war diese Stellung in den letzten Jahren durchaus in Gefahr.

Denn wofür steht Asterix? Ein aktuelles Thema wird in ein wohlbekanntes Setting zu Lebzeiten Cäsars im fast vollständig von Rom besetzten Gallien übertragen. Immer wieder wird von außen die Ruhe eines wohlbekannten, kleinen, unabhängigen Dorfs mit seinen eckigen Charakteren gestört, das eigentlich genug interne Probleme hätte, um ganze Bücher zu füllen. Und immer wieder sind es Asterix, Obelix und Idefix, die sich unter Anleitung eines alten Druiden gerne jeder Abwechslung annehmen. Die Stärken der Comics liegen vor allem in einer detaillierten Betrachtung und Übertragung kultureller Phänomene in eine sympathische Parallelwelt. Asterix ist liebevolle Satire, immer politisch, aber nie zu erwachsen. Daher verwundert es auch nicht, dass Asterix-Zeichner und -Miterfinder Albert Uderzo eines der stärksten Bilder in der Aufarbeitung der Pariser Terroranschläge im Januar lieferte:

Quelle: Twitter

Wenn Asterix und Obelix trauern und Idefix nicht einmal hinsehen kann, begreift auch der Letzte, dass etwas Schreckliches passiert ist, das zwar kein Wort, aber ein Bild findet.

Einen eigenen Trauerfall hatte die Asterix-Welt mit dem Versterben René Goscinnys, der die gallische Comicwelt gemeinsam mit Uderzo entworfen und die ersten 24 Bände geschrieben hatte. Von ihm stammten die klassischen Geschichten wie Asterix und Kleopatra, Der Kampf der Häuptlinge, Der Seher oder seine berühmten Reisegeschichten. Er entwickelte sämtliche Hauptcharaktere des Dorfs von Automatix bis Gutemine. Mit seinem Tod im Jahr 1977 verschwand auch sein scharfer, melancholischer Blick auf die Kultur aus den Comics. Zeichner Uderzo übernahm zunächst allein und produzierte über 30 Jahre hinweg Comics aus eigenen Geschichten. In diesen Büchern, die großteils mit der Widmung „Für René“ versehen sind, ließ er nie Zweifel daran, dass Goscinny fehlte. Nach und nach schien Uderzo jedoch den Blick für das Wesentliche der Comics zu verlieren.

Uderzos Einzelwerke leben weniger durch mehrdimensionale Geschichten und sind vor allem auf gewaltige Bilder ausgerichtet – wie der Band Obelix auf Kreuzfahrt, in dem die Besatzung eines gemeuterten Sklavenschiffs eine mythenhafte Insel bereist und einige Bildseiten als surrealistische Kompositionen einen künstlerischen Eigenwert entwickeln. Die Geschichte dazu ist, bei allem Respekt, allerdings teilweise sehr albern und eben im wahrsten Sinne des Wortes überzeichnet. Drastischer wird dies noch in Asterix und Latraviata, das mitunter unkreativ und sperrig ist. Später konzentrierte Uderzo sich auf Spezialausgaben wie den Band Wie Obelix als Kind in den Zaubertrank geplumpst ist, die vor allem als Ausschlachtungen alter Ideen wahrgenommen wurden. Hinzu kam eine immer modernere Kolorierung, die den Wiedererkennungswert gefährdete und die sympathische Bescheidenheit der gallischen Gemüter bedrängte.

Als 2014 mit Asterix bei den Pikten erstmals ein Band ohne Beteiligung Uderzos erschien, erfuhren die beiden neuen Schöpfer Jean-Yves Ferri (Autor) und Didier Conrad (Zeichner) in der Presse viel positive Resonanz. Kritiken verfielen dem Tenor, die beiden seien auf die klassischen Stärken der Comics zurückgekommen und würden nahtlos an die großen Asterix-Reisegeschichten der 60er-Jahre (Asterix bei den Spaniern, Asterix bei den Gothen, Asterix bei den Belgiern, …) anknüpfen. Ferri und Conrad hätten es sich, einmal so weit gekommen, in dieser Tradition bequem machen können, aber mit ihrem neuen Werk beweisen sie Mut. Denn in Der Papyrus des Cäsar wollen sie zu den großen Themen unserer Zeit und wagen sich an Big Data und Whistleblowing. Damit begeben sie sich in die Gefahr, an das Spätwerk Uderzos anzuknüpfen, dessen großes Problem wohl im Kern darin bestand, dass die Kulturbezüge, die er abbilden wollte, immer entweder für seine Leserinnen oder die Welt um Asterix keine Relevanz hatten. Und Big Data und das besetzte Gallien zu Zeiten der Römischen Republik scheinen füreinander kaum Bedeutung zu haben.

Aber zumindest ist das Thema für uns aktuell. Und wenn man genauer hinsieht, ergeben ein asylsuchender Whistleblower im gallischen Dorf und ein Herrscher, der eben dieses gallische Dorf lieber aus seiner Kriegschronik De bello Gallico streichen und Dokumente verschwinden lassen möchte, durchaus Sinn. Eine Übersetzung von digitalen Kurznachrichtendiensten mit Tauben und Eichhörnchen wirkt dagegen wie ein extern konstruierter Fremdkörper der gallischen Antike, der vor allem mal wieder daran erinnert, dass es sich bei dem Ganzen wohl auch um Kindergeschichten handeln soll. Aber es gibt auch abstraktere Übertragungen wie die eines geschützten Servers, die das Ganze interessant machen und teilweise erstaunlich gut funktionieren. Wirklich mutig sind Ferri und Conrad aber vor allem zum Ende des Bandes hin, denn so viel sei noch verraten: Der Comic schließt, anders als diese Rezension, nicht mit dem bekannten Friede-Freude-Wildschwein-Bankett als letztem Bild ab. Ein Grund mehr also, ihn zu lesen.

asterix friede freude wildschwein bankett

(Bildquelle)