Schlagwort: Bücher

Interpilz mit Frank Dukowski

Im Folgenden ein pilziges Walkthrough durch die E-Groteske „Vor dem Pilzgericht“ (Verlag Das Beben, 2013) des Berliner Autors und Schauspielers („Amateure“) Frank Dukowski, der nicht nur in Wuppertal geboren wurde, sondern u.a. auch am Staatstheater, in der Nervenklinik, im Baum und im Internet arbeitete.


 

Daniel Ableev
Wie viel Pilz ist nötig, um eine stabile Ich-Struktur auszubilden?

Frank Dukowski
Stabilität, wie wir sie als solche empfinden würden, ist im Reich der Pilze definitiv nicht zu finden. Eine Ich-Struktur, die sich der evolutionären Herausforderung stellt, auch nach dem nächsten Meteoriteneinschlag erfolgreich die Lande zu besiedeln, kann nicht genug von Pilzen lernen.
3 Hüte mittelgroßer Amanita muscaria, getrocknet und entspannt geraucht, wirken erfrischend und erhellend. Ich vermag aber nicht zu sagen, ob da nicht einige Konsumenten schon zu sehr geblendet werden. Dieses Licht misst man nicht in Lumen.

DA
Sind die typischen Waldpilzarten inzwischen internetfähig oder wenigstens aufrüstbar?

FD
Ihre Vernetzung dürfte das binär geschaltete Internet noch einige (digitale) Generationen meiden. Solange die Nullen und Einsen unsere Kommunikation dominieren, werden sie eher versuchen, dekonstruktiv einzuwirken, als sich in derart primitive Strukturen einzuloggen.

DA
Pilzernte durch Kopfschütteln – wie reagiert der bundesdeutsche Mykumpel auf diese neuartige Sammelgeste?

FD
Naturgemäß mit Kopfschütteln. Wo der Mykumpel nicht durch den Wald kriecht, da forscht er mit primitiven Mitteln.

DA
Der letzte Schrei der Humus Couture: smarte Bekleidung für Pilz.

FD
Ein Gewand, eine äußerliche Erscheinung, nutzt der Pilz lediglich für seinen Fruchtkörper, also quasi nur für die Geschlechtsorgane – und das nicht, um sie zu bedecken. Rätselhaft ist, für wen er das tut. Ob das smart ist, kann man nicht sagen. Zu irgendeiner Form von Austausch dient sein Kleid aber mit Sicherheit. Und schön ist es oft!

DA
Pilz : kitzlig = Kitzler : ?

FD
Ja, und:
Pilz : Penis = penetrant : ?
Oder wollte der Interviewer mir hier eine Aussage über Vaginalinfektionen entlocken? Hierzu befinden sich die Pilze zu tief unter der Gürtellinie.

DA
Ist ein am Rande der Waldmatrix positionierter Pilz eher ein Hurenkind oder ein Schusterpilz? Oder gar ein Vlogger?

FD
Am ehesten Letzteres. Wir kennen doch nur den Rand der Waldmatrix, wo „gevloggt” wird, fallen Sporen. Dahinter bleibt es dunkel.

DA
Ist „Pilzfinder“ inzwischen eigentlich ein militärischer Rang?

FD
Ist „Scout“ ein militärischer Rang? – Wir dürfen hier nicht Hierarchie und Einsatzfunktion vermischen.

DA
Was ist das Allerperverseste an einem Pilz?

FD
Dass er das Licht scheut und sich an Dingen ergötzt, die direkt oder indirekt von Licht leben – und dabei liebt er jegliche Feuchtigkeit!

DA
Was (oder wen) würdest du durch Pilze ersetzt wissen wollen, wenn du Zutritt zu den United Mushrooms hättest?

FD
Das Internet.

DA
Durch welche Mundwinkelmanipulation kann ein Pilzlächeln am besten emuliert werden?

FD
Man modifiziere eine Aufwärtsbewegung der Augenbrauen, bis sie die Mundwinkel in Mitleidenschaft ziehen. Lediglich über die Mundwinkel vorzugehen, entbehrt trotz Feuchtigkeit der nötigen Wärme.

DA
Könntest du ein paar Beispiele für Pilzpoesie anführen?

FD
Von mir:

Die Pilz-Uhr

Das weiße Haar, es schwindet rasch, verdirbt,
wird schwarz, zerfällt, zerfließt. Es bleibt das Wort.
BOLETUS EDULIS
Im Dunkel steht dort dreist ein fetter Herr,
Ein rechter Freund ist er; Er lädt uns ein:

Willkommen im Reich der Ständerpilze
Dunkel und feucht ist Mutters Hort
Es riecht spermatisch, faulig süß
Du löst Dich auf, wirst flüssig wie das Aas

MORCHELLA CONICA
Es ragen Türme gotisch aus dem Most
mit schwarzen Namen, wie morbid und Mord.
PHALLUS IMPUDICUS
Die Leichenfinger stoßen steil empor,
es schmiert aus ihren Hexeneiern Schleim.
AGARICUS SILVATICUS
Der Wald ist voller Männer, grau, im Kreis
versammelt. Sie opfern Blut und Milch.

Der unlichte Wald ist voll von Ständern
Modrig und warm ist Mutters Schoß
Es riecht nach Leben, riecht nach Tod
was eines ist, so man die Zeit vergisst

AMANITA PHALLOIDES
Drei Nächte hält er dich, der Todesengel,
sein Odem honigsüß, sein Kuss fatal.
RAMARIA FORMOSA
SPARASSIS KRISPA
POLYPORUS RAMOSISSIMUS

Es hocken Wesen reglos auf dem Stumpf,
die sind halb and‘res und halb sind sie Tier.
Wie Wächter sind sie ferner Welt und Zeit,
AMANITA MUSCARIA
von weißen Sternen eines roten Alls
so tief, als Du in wilden Träumen fliegst.

Wir fallen ins Reich der Ständerpilze
in Mutters tiefen, dunklen Schlund
Es riecht spermatisch, faulig süß
Hab Acht! In ihrer Tiefe ist kein Licht

MACROLEPIOTA PROCERA
Wir sind jetzt klein, und riesig das Gewächs.
Wir suchen Schutz im Schatten seines Schirms.
CALVATIA GIGANTEA
Ein bleicher Riesenschädel liegt im Weg,
der birgt mehr Leben als die ganze Welt,
HIRNEOLA AURICULA-JUDAE
und dort hängt am Holunderbusch ein Ohr,
der Wegzoll dessen, der den Gott verriet.

Die Mutter ist feucht und fett und willig
In ihren Tiefen wächst Geflecht
Befruchten lässt sie sich, empfängt
Am Ende wirst zu Erde Du, zu Leben

BOLETUS SATANAS
Zum letzten Gruß erscheint der feiste Herr,
nur ist er linkisch bunt nun, riecht nach Tod.
COPRINUS COMATUS

Die meiste Pilzpoesie kommt eher antiquiert parodistisch daher. Eugen Roth hat sich hier versucht („Der Waldgänger“), auch finden sich im „Tintling“ (einer anspruchsvollen Zeitschrift für Pilzkundige, deren langjähriger Abonnent ich bin) ab und zu Texte wie „We are the Champignons“ (frei nach Queen). Da gäbe es vieles zu nennen, wenig Erwähnenswertes …
Besonders hervorheben möchte ich allerdings Ulrich Roski („Liedermacher“) mit „Des Pudels Kern“ (1975). Hier finden sich interessanterweise neben Goethe- und Militärbezug auch jede Menge toller (erdachter) Pilznamen.

UND: (in anderen Dimensionen natürlich) „Fungi from Yuggoth“, ein Sonettzyklus von H. P. Lovecraft.

DA
Alles, was wir vergessen oder verdrängt haben, wird mittels einfacher Pilzschaltkreise in einem einzigen monströsen Cloudpilz akkumuliert.

FD
So kann es gehen. Pilzgeflechte und Synapsenverbindungen haben viel gemein.

DA
Was ist ein Pilz auf 450-Euro-Basis?

FD
Dosenchampignons, denn selbst Pilzwissen muss man sich leisten können.

DA
Gibt es eigentlich unter den Pilzen so etwas wie den „Schlimmen Finger“? Oder wenigstens einen Schimmelfinger? Reichlich.

FD
– Ophiocordyceps unilateralis z. B. tötet Ameisen in Windeseile.
(Wikipedia: Im PlayStation-3-/Playstation-4-Spiel „The Last of Us“ infiziert ein Pilz die Gehirne von Menschen und verwandelt sie so in äußerst aggressive, zombieähnliche Lebewesen, die andere Menschen attackieren, um den Pilz zu verbreiten. Die Produzenten gaben an, von Ophiocordyceps unilateralis inspiriert worden zu sein. Der Autor M. R. Carey veröffentlichte 2014 seinen postapokalyptischen Roman The Girl with All the Gifts, in dem ebenfalls zombieähnliche Mutanten (Hungries) von einer Variante von Ophiocordyceps unilateralis befallen sind.)

  • Phallus impudicus heißt volkstümlich auch Leichenfinger.
    Schlimm, schlimm, schimmelig schlimm …
    Oder aber:

  • Die Frühjahrslorchel, Helvella esculenta, die als tödlich giftig gilt („esculata“ steht in der Regel für essbar), in Lappland aber sogar als Pilzkonserve erhältlich ist.

DA
Was ist der erbärmlichste Pilz aller Zeiten?

FD
Auch hier: Der Dosenchampignon. Ockerfarben und geschmacklos, domestiziert und ökonomisiert, berechnet, untergejocht, entstellt, entfremdet und ekel.

DA
Tier, Mensch, Pilz, Schleim – welche Evolutionsstufe erwartet uns deiner Meinung nach als Nächstes?

FD
Ich befürchte, zunächst werden wir nicht vor dem „Homo sapiens sapiens digitalensis“ verschont bleiben. Die Entfremdung des Menschen von seinen biologischen Ursprüngen schreitet fort und wird sich vom vermeintlich „primitiven“ Menschen abspalten. Die Mauern, mit denen der „Mensch der Künstlichkeit“ sich abschirmt, werden bald höher gezogen werden. Wer impulsiv ist, wird dumm genannt werden und unter Obhut gestellt. Reflexion und Manipulation werden gleichgeschaltet werden, um die mangelnde Moralität der Natur zu kompensieren – natürlich nur meine persönliche Theorie. (Wer wird die heilige Kuh „Mensch“ schon schlachten.)
Mit der Ozeanerwärmung sind aber auch einige Mollusken hoch im Evolutionskurs.
Viele Oktopoden sind hochintelligent. Die Luftatmung machte den Gastropoden keine Probleme, als sie sich an Land schneckten. Oktopoden können laufen, im Prinzip auch an Land. Nur an ihrem Sonnenschutz müssen sie noch arbeiten.

DA
Ist „Mykoplast-Pilzentsender“ mittlerweile eigentlich ein militärischer Rang?

FD
Eher ein militärisches Desaster.

DA
Wenn Pilze das Fleisch des Waldes sind, was ist dann das Fleisch des Kosmos?

FD
Alles, was lebt, was strebt. Energielieferanten jenseits des Lichtes.

DA
Pilzdebilität, Pilzhorror, Pilzhure, Pilzkrampf, Pilzmaut, Pilzmotor, Pilznazi, Pilzneid, Pilzplasma, Pilzquanten, Pilztheater, Pilzwitwe, Pilzzeit – welche Stichwörter fallen dir noch für ein dringend benötigtes Pilzlexikon ein?

FD
Pilzbewusstsein, Pilz-Descartes, Pilzschmerz, Pilztrieb, Pilzmoral, Pilzsexualität, Pilzbefreiung (nicht als die Befreiung VON Pilzen gemeint!), Myconomie, Mycolarisierung, Mycofizierung, Fungizion, Umfungizierung, Mycorrhizaschutz!

 

Titelbild: © Commons Wikimedia

Gion Mathias Cavelty! Der Autor im Interview

Gion Mathias Cavelty (geb. 1974) ist ein in Zürich lebender Autor und Kolumnist, dessen erste Veröffentlichung „Quifezit oder Eine Reise im Geigenkoffer“ (Suhrkamp, 1997) den Auftakt zu einer komisch-grotesken Romantrilogie mit den Nachfolgebänden „Ad absurdum oder Eine Reise ins Buchlabyrinth“ (1997) und „Tabula rasa oder Eine Reise ins Reich des Irrsinns“ (1998) bildet. In der 2000 ebenfalls bei Suhrkamp erschienenen Satire „Endlich Nichtleser“ rechnet Cavelty knallhart und präzise mit dem Buchmarkt ab, der von banalen Einfallslosern und Stumpfsinn aller Art und Abart zugekrustet ist. 2009 kam sein fünftes Buch „Die Andouillette oder Etwas Ähnliches wie die Göttliche Komödie“ heraus, um das es im folgenden Gespräch geht:


Daniel Ableev

Die erste Frage, lieber Gion, ist allgemeiner Natur: Wie viel Nichtleser steckt heute in dir, was nichtliest du am liebsten? Lässt sich eine Analogie zu Nichthören und Nichtsehen bilden?

Gion Mathias Cavelty

Vielen Dank, Daniel, für diese wichtige Frage. Da du sie mir schriftlich vorgelegt hast, weiss ich leider nicht, worum es geht, denn ich bin Nichtleser, falls dir das noch nicht bekannt war. Ich lese alle Bücher, die ich nicht geschrieben habe, nicht. Die Bücher, die ich geschrieben habe – bislang sechs an der Zahl, darunter eben „Endlich Nichtleser“ – lese ich auch nicht. Niemand soll sie lesen. Kaufen allerdings schon. Ich bin kein Leser, und auch kein Seher, ich bin ganz eindeutig ein Hörer. Ich höre alles, was sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen kann.

Dein Buch „Andouillette“, um das es hier geht, ist Myriam gewidmet. Darf man erfahren, wer das ist?

Durchaus.

Und wie kamst du auf die Idee, in diesem Buch Wurst und Dante unter einen Hut zu zaubern?

Ich bin in einem Pariser Bistro fast an einer Andouillette erstickt. Ich wusste nicht, was eine Andouillette ist, habe aufs Geratwohl eine bestellt, weil mir das Wort auf der Speisekarte aufgefallen und sympathisch war. Ich dachte, das sei vielleicht eine Art Wachtelchen oder so. Nun: Das Ding entpuppte sich als üble Höllenwurst. Beim ersten Bissen bin ich fast gestorben. Das stinkende Fleisch ist mir im Hals steckengeblieben, und ich hatte eine Vision, wohl wegen des daraus resultierenden Sauerstoffmangels: Ich war von hellem Licht umgeben, und Gott erschien mir als gigantische Seife. Das war total einleuchtend. Ich suchte dann nach einem Weg, diese Nahtoderfahrung literarisch zu verarbeiten, und da Dante für mich sowieso schon immer der Grösste war, schrieb ich dann meine eigene „Göttliche Komödie“. Die allerdings im Himmel anfängt und in der Hölle endet, also Dante auf den Kopf stellt. Genau das sollte man tun, wenn einem was im Hals stecken bleibt (also sich auf den Kopf stellen. Sich – oder die Welt um einen herum, man kann es sich aussuchen). Hallo? Sind Sie noch da?

Sorry, war kurz verschieden. Aber jetzt bin ich wieder voll existenzbereit und frage ganz unverblümt: Was genau ist eine „pseudostellare Nullstelle“, die zu Beginn dieses offenbar autobiographischen Romans auftaucht?

Das ist etwas sehr, sehr Wichtiges. Du weisst ja, dass sich am 21. Dezember 2012 laut Mayakalender die 33 kosmischen Portale öffnen, damit sich das göttliche Licht des letzten Kristallschädels von Atlantis über das Stirnchakra der Erde ergiessen kann. Da spielen die pseudostellaren Nullstellen eben auch eine gewisse Rolle. Hast du denn in der Primarschule gar kein bisschen aufgepasst?

Ich gebe zu, dass ich sowohl die Grund- als auch Hauptschule durchgepopelt habe. Du hingegen bist, wie mir scheint, in zahlreichen Themen dies- und jenseits der knallharten Naturwissenschaften gut bewandert. Könntest du vielleicht erläutern, warum die Engel und Himmelskardinäle japanische Namen wie „Mimutimaru“ oder „Kardinal Prof. Dr. Akahoshi Akimura“ haben. Oder was die bei 19 Millionen Gigahertz liegende Schwingungsfrequenz der Delphin-Fütterungs-Engel Sakassimaru und die durchschnittliche Kardinalshöhe von 88 Meter zu bedeuten haben? Könnte es sein, dass du ein begeisterter Wissenschaftsparodist bist?

Na ja, da ich von Wissenschaft keine Ahnung habe, bleibt mir gar nichts anderes übrig, als sie zu parodieren. Man sollte generell nur Dinge parodieren, die man nicht kennt. Die Parodien kommen am Schluss echter als das Original heraus (das wurde mir mehrfach bestätigt). Ich habe zum Beispiel einmal eine „Zauberberg“-Parodie geschrieben, ohne das Werk von Thomas Mann gelesen zu haben. Ein Mann-Kenner hat mir dann gesagt, das ich quasi 1:1 den Original-„Zauberberg“ verfasst habe, er sei sogar noch ein bisschen zauberbergiger als der „Zauberberg“. Irgendein griechischer Philosoph hat ja mal gesagt: „Ich weiss, dass ich nichts weiss“. Ich würde das umdrehen: „Ich weiss nicht, dass ich weiss.“ Im Prinzip weiss man alles, nur weiss man das nicht. Was die von dir angesprochenen Jenseits-Vision betrifft: Da ich noch nie im Jenseits war, gehe ich also davon aus, dass sich dort alles genau so abspielt wie von mir geschildert. Dass es dort also nur japanische Kardinäle gibt, die auf Motorrollern herumfahren, die mit Delfin-Urin betrieben werden. Ja, ich fürchte: genau so wird es sein.

Ob „Ableev“ auf Ukrainisch wirklich „Auflauf“ bedeutet oder wie der von dir erwähnte griechische Philosoph heißt, das weiß ich leider nicht (ich weiß ja nicht einmal, was ich alles nicht weiß), aber deine Erklärungen scheinen plausibel. Im sechsten Kapitel – dem Purgatorium – hast du plötzlich die Form einer Monstrosität mit Fischkopf und Tentakeln angenommen. War das Motion-Capturing-Verfahren anstrengend?

Nicht ich selbst verwandle mich in dieses Fischmonster, sondern der Ich-Erzähler, das ist ein gewisser Unterschied. Ganz am Anfang des Buches stirbt der Ich-Erzähler, als Seele durchstreift er den Himmel (der Gott und somit eine gigantische Seife ist) und dann fällt er durch ein Loch im Himmel zurück auf die Erde, wo er in die Holzstatue von Tattuschili – eben diesem Fischungeheuer – fährt. Im Fortsetzungsroman zu „Die Andouillette“ nimmt das Fischmonster dann übrigens die Gestalt des österreichischen Sängers und Entertainers Peter Alexander an. Ganz schön esoterisch, finde ich. Peter Alexander ist übrigens just einen Monat nach Erscheinen der Fortsetzung (Titel: „Die letztesten Dinge“) gestorben. Da besteht ganz eindeutig ein metaphysischer Zusammenhang.

Hmm, eine beachtliche Verknüpfung. Ebenfalls beachtlich sind die stylishen und originellen Illustrationen, die in der Buchmitte ihr äußerst bizarres Unwesen präsentieren. Wie bist du mit den beiden Künstlern Beni Bischof und Yves Netzhammer in Kontakt gekommen und was kannst du über sie und ihre bildnerische Leistung erzählen? Und nebenbei gesagt: Vielleicht kannst bzw. solltest du eines Tages als Run-G.M.C. ein Rap-Album herausbringen.

Das ist eine gute Idee. Ich könnte auch die General Motors Company gründen. Oder dem Gambia Muslim Congress beitreten. – Beni Bischof und Yves Netzhammer sind zwei Schweizer Künstler ungefähr in meinem Alter, beide bewundere ich schon lange, und es war eine Riesenfreude für mich, dass sie ihre crazy Illustrationen zum Buch beigesteuert haben. Check out their work! Auf einem Rap-Album habe ich übrigens schon mal mitgemacht (Gimma: „Unmensch“).

Das zwölfte Kapitel, die Hölle, ist ganz großes Fleischtennis. Es gibt dort Dämonen des Eiters, einen blinden, verrückten Tintenfisch und überhaupt ganz viel Schwarzen Quatsch. Welche (fleischlichen) Inspirationen aus Film, TV, Radio etc. haben dich bei diesem „Höllen“ geritten?

Ich habe viel – real existierenden – okkulten Nonsens gelesen, Dutzende von spätmittelalterlichen Grimoires, Dämonenbeschwörungen von und à la Aleister Crowley, kiloweise gnostischen Kram etc. Nicht speziell für die „Andouillette“, sondern schon früher. Auf die Idee, dass die Hölle ganz aus Fleisch besteht und der Leibhaftige (genauer gesagt: DIE Leibhaftige) eine Wurst ist, bin ich allerdings selbst gekommen. Fleisch fasziniert mich sehr, wenn auch nur theoretisch. Ich weigere mich zum Beispiel standhaft, kochen zu lernen, weil mir Fleisch Angst macht. „Das Wort ist Fleisch geworden“ ist trotzdem mein Lieblingszitat aus der Bibel. Eines Tages wird mir das gelingen – aus Buchstaben so einen Homunkulus herzustellen, der mir dann zum Beispiel den Fernseher reparieren kann. Oder meine Texte schreiben. ’nen kleinen Wurstgolem. Ich werde ihn „Andi“ taufen.

Ach, ich weiß, das ganze un- bzw. abartige Fleisch. Aber Wurstgolem – genial! Apropos Happen: Irgendwann stolpert man in deinem Roman über den „Phallus Dei“– es gibt ja ein tolles Krautbum von Amon Düül II mit diesem Titel. Und das führt mich direkt zu der Frage, ob und inwieweit Musik, speziell Heavy „Fucking“ Metal, dich beim Schreiben antreibt. Ist es für dich zum Beispiel schwer, dem Schwermetall im Rahmen eines Buches keine Reverenz zu erweisen und dein Metalfan-Sein zeitweise zurückzuhalten? Wie viel Prozent Metal stecken denn wirklich in der Hölle, und ist Luzifer wahrhaftig ein wüst shreddender Saitenhexer?

Luzifer stelle ich mir eher wie Andi Borg vom Musikantenstadl vor. Hoppla, da ist der Name Andi ja schon wieder! Wobei sich Andi Borg mit Doppel-y schreibt, also Andyy oder AndDoppel-y. Zum Thema Metal nur so viel: „Endlich Nichtleser“ habe ich in sieben Tagen geschrieben, und dazu lief nonstop (!) der Song „Start the Fire“ von Metal Church, geschätzte 7000 Mal. Metal macht dich zur Maschine. Zur Schreibmaschine.

Lieber Gion – ich danke dir in der Tat für dieses sehr interessante Gespräch und wünsche dir alles Gute.

Lieber Dave, ich möchte dir auch noch einmal ausdrücklich für dieses sehr interessante Gespräch danken und dir alles Gute wünschen. Und einen herzlichen Gruss an die Frau Mutter.

Titelbild: Andri Pol

Die Qual des Kuschelbuchs

Schwierige Bücher gibt es an beiden Enden der Komplexitäts-Skala. Warum gehört neben Infinite Jest auch Tilda Apfelkern dazu?


„Tilda Apfelkern“ von Autor und Illustrator Andreas H. Schmachtl ist, wie man an dem Hinweis „Handwäsche bis 30 Grad“ unter dem Klappentext, der mehr Zeichen als der Buchinhalt aufweist, erkennt, ein Kuschelbuch, und zwar „mein liebstes“ – so will es zumindest der Untertitel. Tatsächlich habe ich kein Kuschelbuch lieber, da ich kein anderes kenne. Was aber eine kritische Auseinandersetzung mit dem Werk nicht verhindern wird, denn immerhin sollen dieses unsere Zukunft (= Kinder) zu lesen bekommen.

Die hauchdünne Geschichte beginnt damit, dass Tilda, eine „holunderblütenweiße“ Maus, auf der Wiese spielt. „Hallo, bunter Schmetterling!“, ruft sie dabei einem dreist dreinschauenden Schmetterling entgegen, während zwei wie Spiegel eiernde Gänseblümchen keinerlei Zivilcourage an den wunderbaren Sommertag legen. In der nächsten Episode der außerordentlich fragmentarischen, offenbar an die bizarren, zugleich von Drogen induzierten wie Drogenwirkung induzierenden Cut-up-Romane von W. S. Burroughs angelehnten Handlung singt ein Vogel, genauer ein Rotkehlchen, „so schön“, während Tilda dazu tanzt. Von dem im Klappentext angekündigten Singen um die Wette ist hier allerdings zu keinem Zeitpunkt die Rede – eine der unzähligen Enttäuschungen im Laufe der intellektuell brüllend unterfordernden und dennoch – oder gerade deswegen? – anstrengenden Lektüre.

Im dritten Akt dieser Tragödie von einer Publikation schließlich erfährt der allerkleinste Rezipient (hoffentlich nicht), dass Tilda, die mittlerweile in einem nicht näher spezifizierten Raum steht, Geschenke mag – ein himmelschreiender Gemeinplatz, denn wer mag sie nicht! Ihr gegenüber steht eine prachtvoll verpackte, mausgroße Geschenkbox. „Was da wohl drin ist?“, fragt sich nicht nur Tilda „Captain Obvious“ Apfelkern (übrigens ein nur mit Vorsicht zu genießender Nachname, da Kleinteile durch versehentliches Einatmen zum Erstickungstod führen können), sondern auch der (Vor-)Leser, und entdeckt sogleich beim Umblättern das einzig Löbliche an diesem „kuschelweiche[n] Babybuch zum Fühlen und Spielen – mit lustiger Knisterseite“ – nämlich die lustvoll knisternde Spezialseite. Nach ausreichendem Beknistern darf nun – ACHTUNG: SPOILER!!! – aufgelöst werden: Die „Überraschung für Tilda“ stellt sich als eine zweite, im Gegensatz zu Tilda hingegen grauhäutige Maus, allerdings ebenso sinnfrei und rotbeohrt, heraus, wahrscheinlich ein Zeichen von (eher körperlicher denn geistiger) Anstrengung. „Schön, dass du da bist“, lautet das Schlusswort, welches der geneigte Rezensent so sicher nicht unterschreiben kann, da auch der wahrscheinlich als krönend konzipierte Schluss jeglicher Logik entbehrt.

Prädikat: Knisterseite in „Infinite Jest“ reinkleben, Rest kann weg.

Titelbild: © Arena Verlag/Andreas H. Schmachtl


 

Daniel Ableev

Daniel Ableev, *1981 in Nowosibirsk; lebt als freier Seltsamkeitsforscher in Bonn. Veröffentlichungen in On- und Offline-Zeitschriften und –Anthologien; ausgezeichnet mit dem „KAAS & KAPPES“-Theaterpreis 2011 für D’Arquette; Mitherausgeber von „DIE NOVELLE – Zeitschrift für Experimentelles“. www.wunderticker.com / www.wunderticker.de

Das Konzept des Fortsetzungsromans – Tilman Rammstedt: “Morgen mehr”

Tilman Rammstedt und ich haben so einiges gemeinsam. Irgendwann mal in Tübingen Philosophie studiert.. Leben jetzt in Berlin… Nachtaktiv… Ingeborg-Bachmann-Preis… Ach ne, den hab ich ja garnicht. Bin aber auch kein Autor, wie der Tilman Rammstedt. Allerdings muss man als Autor ja Bücher veröffentlichen und das ist manchmal garnicht so einfach – seit Rammstedts letztem Roman “Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters” sind nun immerhin auch schon ein paar Jährchen vergangen. Glücklicherweise hat sich Tilman Rammstedt jetzt mit den pfiffigen Leuten der Hanser Literaturverlage zusammengetan, die die Idee hatten, ihren Autor quasi zum Zwangsschreiben zu verdonnern und nebenbei noch ein sowohl aus Leser- als auch aus Marketingsicht interessantes Projekt zu starten: Tilman Rammstedt schreibt einen Fortsetzungsroman.


 

“Morgen mehr” von und mit Tilman Rammstedt

Jo Lendle, seines Zeichens Chef des Hanser Verlags, beschreibt den Arbeitsalltag mit Autor Rammstedt folgendermaßen:

“Zu den erfreulichsten Momenten in dem von freudvollen Momenten nicht gänzlich freien Leben eines Lektors gehört die Arbeit an einem neuen Buch von Tilman Rammstedt. Morgens kommt man in den Verlag, da wartet, von einem knappen Verzweiflungsseufzer begleitet, im Posteingang das noch schreibwarme Ergebnis der vergangenen Nacht. Man liest in stillvergnügtem Glück die neuen Seiten, ruft den Autor an, kritisiert zum Schein einen Halbsatz, ein Komma, ein stilistisches Detail, preist dann vollmundig das täglich klarer sich abzeichnende Ganze, worauf Tilman Rammstedt sich – grummelnd, übermüdet, aber halbwegs mit der Nacht versöhnt – zur Ruhe legt.”

(Jo Lendle: morgen-mehr.de – Aufwachen mit Tilman Rammstedt)

Die morgendlichen Mails, die sonst nur Jo Lendle zu Gesicht bekommt, sollen bei dem neuen Buch Rammstedts “Morgen mehr” mit der Welt geteilt werden und zwar tagesaktuell. Ab dem 11.01.2016 werden jeden Werktag zwei Seiten des Romans veröffentlicht. Dabei sein (per Email oder Whatsapp, als Text oder vom Autor gelesen) kann jeder, der sich über die Crowdfunding Plattform Startnext ein Abonnement sichert. Preislich startet das Ganze bei 8€ (nur Lese/Hörtexte). Für 20€ bekommt man nach Abschluss des Projektes auch eine vollständig lektorierte Fassung des Buches zugeschickt, welche später auch von Nicht-Abonnementen ganz normal im Buchhandel erworben werden kann.

Zwar bleibt zu vermuten (und auch zu hoffen), dass sich da im Laufe des Projektes noch so einiges ändert, aber einen groben Inhaltsteaser gibts auch schon:

“Es ist Sommer 1972. Seit Jahren schon. Die Farben verblassen, die Musik leiert, und ein Mann sehnt sich nach der Zukunft. Er vermisst all das, was es noch nicht gibt: Navigationssysteme, Glutenintoleranz, die Nostalgie nach klareren Zeiten. Er vermisst auch seine Frau, die er noch nicht hat, seine Kinder, die es nicht gibt. Er will nicht länger warten. Er beschließt, die Uhr nach vorne zu drehen. Und zwar nicht nur seine eigene, sondern die Koordinierte Weltzeit, an der sich alle Uhren orientieren. Dafür muss er nach Paris. In einem gestohlenen Taxi fährt er durch ein merkwürdiges Europa und sammelt auf dem Weg all diejenigen ein, die auch endlich in die Zeit fallen wollen, am besten mit Karacho.”

(Hanser News zu “Morgen mehr”)

Ok. Klingt Rammstedtsch.

Das Konzept des Fortsetzungsromans: Ein Dinosaurier?

Einen Roman in kleinen Stücken zu veröffentlichen ist nicht neu. Der sogenannte Fortsetzungs- oder Feuilletonroman hat in der europäischen Weltliteratur Tradition und boomte vor allem im 19. und 20. Jahrhundert. So sind beispielsweise Werke wie “David Copperfield” und “Oliver Twist” von Charles Dickens, genauso wie “Das Bildnis des Dorian Gray” von Oscar Wilde, vor der Buchveröffentlichung seriell in Zeitschriften erschienen. Fjodor Dostojewski schrieb gar einen Großteil seiner Bücher auf diese Weise – und das immer unter Zeitdruck.

Zeitlich wenig aktueller war das experimentelle Fortsetzungsprojekt der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zusammen mit Science-Fiction Autor Andreas Eschbach: “Exponentialdrift“. Von September 2001 bis Juli 2002 erschienen wöchentlich neue Textstücke von Eschbach in der FAS. Die Handlung bezog sich dabei oft auf tagesaktuelle Geschehnisse. Die Resonanz der Leser blieb allerdings hinter der Erwartungen zurück. Eschbach, der  zum Start des Projektes durch die Veröffentlichung von “Eine Billionen Dollar” eine starke mediale Präsenz innehatte, zieht im Nachwort der Buchfassung von “Exponentialdrift” ein ernüchtertes Fazit zum Konzept des klassischen Fortsetzungsromans:

“Völlig falsch eingeschätzt haben alle Beteiligten, glaube ich, das Bedürfnis nach der Form des Fortsetzungsromans. Es stimmt, seit Charles Dickens hat das niemand mehr gemacht – aber vermutlich aus gutem Grund. […] Ich glaube, dass der klassische Fortsetzungsroman – einige wenige Spalten in einer Zeitung – eine überholte Form ist.”

(Andreas Eschbach: “Exponentialdrift” Making Of)

Oha. Wikipedia konstatiert gar: “Gegenwärtig (Stand 2014) ist der Fortsetzungsroman so gut wie ausgestorben.” Hat Hanser sich da ein konzeptuell verstaubtes Dinossauriergerippe ausgebuddelt, um seinen prokrastinierenden Autor doch noch zum Schreiben zu zwingen?

Der Fortsetzungsroman als Marketingstrategie: Von #Hashtagliebhabern und Autoren in Ketten

Obwohl sich “Morgen mehr” nach Eigenaussage klar in die Tradition des klassichen Fortsetzungsromans stellt, stellt es trotzdem ein Novum dar. Im Gegensatz zu den üblichen seriellen Veröffentlichungen in Printmedien beschreitet Hanser mit dem Projekt die große weite Welt des digitalen Nutzers, oder anders: das Buch soll eine “experimentierfreudige Klientel ansprechen – #ZumBeispielSolcheDieHashtagsMögen”. Den Bedürfnissen dieser Zielgruppe sind nun auch einige  Faktoren angepasst, die für eine Rückkehr des Konzeptes Fortsetzungsroman eine entscheidende Rolle spielen könnten.

Der Hauptkritikpunkt der Leserschaft von Eschbachs “Exponentialdrift” in der FAS war die wöchentlich Veröffentlichungsfrequenz relativ kurzer Textstellen. Bei “Morgen mehr“werden nun jeden Werktag zwei Seiten versprochen (toi toi toi, Herr Rammstedt!) – und zwar nicht nur als Text, sondern auf Wunsch auch als vom Autor eingelesene Audiodatei. Genau die richtige Länge um die tägliche Dosis Rammstedt als festes Tagesritual zu etablieren – am Frühstückstisch, der Mittagspause oder in der Ubahn.  Und noch besser: Die Zielgruppe der #Hashtagliebhaber kommuniziert über sowas gerne. Zum Beispiel über Twitter,  Facebook oder auf einem Blog und kurbelt natürlich damit ordentlich die Werbetrommel. Klappt ja ganz gut, wie man sieht.

Das Konzept von “Morgen mehr” als Fortsetzungsroman ist nicht neu, aber im digitalen Kontext durchaus innovativ und trifft (vielleicht) den Zeitgeist. Ein großer Teil der Strategie im gegenwärtigen Buchmarketing ist die Vermarktung von Autoren und ihrer Schreibpraxis. Ein Fortsetzungsroman gibt dem Leser die Möglichkeit, sich dem kreativen Entstehungsprozess des Buches viel näher verbunden zu fühlen. Und zwar inklusive möglicher Schaffensflauten. Gerade jemandem wie Tilman Rammstedt, der sich schon mit Büchern wie “Der Kaiser von China” ein etwas kurioses Image aufgebaut hat, traut man tatsächlich zu, dass er, wie in einer Bilderserie des Hanser Verlags prognostiziert, an Tag 22 des Projektes völlig verzweifelt versucht sich hanebüchen lustige Wendungen für das Kapitel des nächsten Tages aus den Fingern zu saugen und es am Ende trotzdem gut wird. Man ist gar neugierig, ob der übernächtigte Rammstedt denn nun tatsächlich jeden Tag zwei Seiten hinkriegt, oder ob irgendwann eine peinlich  berührte Entschuldigungsmail von Verleger Jo Lendle im Emailpostfach wartet.

Dementsprechend selbstironisch wird der Roman auch beworben. Häufig wiederkehrende Themen: Verschiedene Phasen der Rammstedtschen Auflösung in den Ketten seiner Veröffentlichungsverantwortung, Verwirrung ob der geplanten Planlosigkeit des Projekts und ein vollkommen verzückter Lektor, der eben für ein paar Monate mal “ein wenig früher aufstehen muss”.

Der Plan für “Morgen mehr” steht also. Und ich bin gespannt auf das Experiment und freue mich morgens von den neuesten Rammstedtschen Schreibergüssen geweckt zu werden – ganz egal, ob der Autor nun wirklich jede Nacht schweißgebadet vor dem leeren Word-Dokument sitzt, oder ob das nicht doch alles strukturfester ist als suggeriert. In jedem Fall mal was Anderes!

Und was sagt eigentlich Tilman Rammstedt dazu?  Kein sehr guter Plan, sagt er laut eines aktuellen Youtubevideos von Hanser.

Er soll aber nicht so viel sagen, er soll verdammt nochmal schreiben. Seinen neuen Roman. Tag für Tag.

Na dann mal los, Herr Rammstedt.

Asterix, Julian Assange und Obelix

Wie schaffen es Geschichten, die vor über 2000 Jahren spielen, eigentlich, uns so viel über die Gegenwart zu verraten? Der neue Asterix-Comic Der Papyrus des Cäsar gibt Antwort.


Große Ereignisse werfen ihre Schatten ja bekanntlich voraus. Nun wurden Asterix-Comics, diese kleinen, cleveren guilty pleasures des Feuilletons und die Highlights vieler WG-Toiletten, ja immer medial begleitet. Aber im Vorfeld der Veröffentlichung des neuen Bandes Der Papyrus des Cäsar (das Titelbild zeigt einen Ausschnitt) wurden ungekannte Geschütze aufgefahren. Mit einer eigenen Briefmarkenserie der Deutschen Post und einer 10-Euro-Sonderprägung werden Asterix und Obelix offiziell zu Kulturgütern erhoben. Dafür gibt es gute Gründe, aber trotzdem war diese Stellung in den letzten Jahren durchaus in Gefahr.

Denn wofür steht Asterix? Ein aktuelles Thema wird in ein wohlbekanntes Setting zu Lebzeiten Cäsars im fast vollständig von Rom besetzten Gallien übertragen. Immer wieder wird von außen die Ruhe eines wohlbekannten, kleinen, unabhängigen Dorfs mit seinen eckigen Charakteren gestört, das eigentlich genug interne Probleme hätte, um ganze Bücher zu füllen. Und immer wieder sind es Asterix, Obelix und Idefix, die sich unter Anleitung eines alten Druiden gerne jeder Abwechslung annehmen. Die Stärken der Comics liegen vor allem in einer detaillierten Betrachtung und Übertragung kultureller Phänomene in eine sympathische Parallelwelt. Asterix ist liebevolle Satire, immer politisch, aber nie zu erwachsen. Daher verwundert es auch nicht, dass Asterix-Zeichner und -Miterfinder Albert Uderzo eines der stärksten Bilder in der Aufarbeitung der Pariser Terroranschläge im Januar lieferte:

Quelle: Twitter

Wenn Asterix und Obelix trauern und Idefix nicht einmal hinsehen kann, begreift auch der Letzte, dass etwas Schreckliches passiert ist, das zwar kein Wort, aber ein Bild findet.

Einen eigenen Trauerfall hatte die Asterix-Welt mit dem Versterben René Goscinnys, der die gallische Comicwelt gemeinsam mit Uderzo entworfen und die ersten 24 Bände geschrieben hatte. Von ihm stammten die klassischen Geschichten wie Asterix und Kleopatra, Der Kampf der Häuptlinge, Der Seher oder seine berühmten Reisegeschichten. Er entwickelte sämtliche Hauptcharaktere des Dorfs von Automatix bis Gutemine. Mit seinem Tod im Jahr 1977 verschwand auch sein scharfer, melancholischer Blick auf die Kultur aus den Comics. Zeichner Uderzo übernahm zunächst allein und produzierte über 30 Jahre hinweg Comics aus eigenen Geschichten. In diesen Büchern, die großteils mit der Widmung „Für René“ versehen sind, ließ er nie Zweifel daran, dass Goscinny fehlte. Nach und nach schien Uderzo jedoch den Blick für das Wesentliche der Comics zu verlieren.

Uderzos Einzelwerke leben weniger durch mehrdimensionale Geschichten und sind vor allem auf gewaltige Bilder ausgerichtet – wie der Band Obelix auf Kreuzfahrt, in dem die Besatzung eines gemeuterten Sklavenschiffs eine mythenhafte Insel bereist und einige Bildseiten als surrealistische Kompositionen einen künstlerischen Eigenwert entwickeln. Die Geschichte dazu ist, bei allem Respekt, allerdings teilweise sehr albern und eben im wahrsten Sinne des Wortes überzeichnet. Drastischer wird dies noch in Asterix und Latraviata, das mitunter unkreativ und sperrig ist. Später konzentrierte Uderzo sich auf Spezialausgaben wie den Band Wie Obelix als Kind in den Zaubertrank geplumpst ist, die vor allem als Ausschlachtungen alter Ideen wahrgenommen wurden. Hinzu kam eine immer modernere Kolorierung, die den Wiedererkennungswert gefährdete und die sympathische Bescheidenheit der gallischen Gemüter bedrängte.

Als 2014 mit Asterix bei den Pikten erstmals ein Band ohne Beteiligung Uderzos erschien, erfuhren die beiden neuen Schöpfer Jean-Yves Ferri (Autor) und Didier Conrad (Zeichner) in der Presse viel positive Resonanz. Kritiken verfielen dem Tenor, die beiden seien auf die klassischen Stärken der Comics zurückgekommen und würden nahtlos an die großen Asterix-Reisegeschichten der 60er-Jahre (Asterix bei den Spaniern, Asterix bei den Gothen, Asterix bei den Belgiern, …) anknüpfen. Ferri und Conrad hätten es sich, einmal so weit gekommen, in dieser Tradition bequem machen können, aber mit ihrem neuen Werk beweisen sie Mut. Denn in Der Papyrus des Cäsar wollen sie zu den großen Themen unserer Zeit und wagen sich an Big Data und Whistleblowing. Damit begeben sie sich in die Gefahr, an das Spätwerk Uderzos anzuknüpfen, dessen großes Problem wohl im Kern darin bestand, dass die Kulturbezüge, die er abbilden wollte, immer entweder für seine Leserinnen oder die Welt um Asterix keine Relevanz hatten. Und Big Data und das besetzte Gallien zu Zeiten der Römischen Republik scheinen füreinander kaum Bedeutung zu haben.

Aber zumindest ist das Thema für uns aktuell. Und wenn man genauer hinsieht, ergeben ein asylsuchender Whistleblower im gallischen Dorf und ein Herrscher, der eben dieses gallische Dorf lieber aus seiner Kriegschronik De bello Gallico streichen und Dokumente verschwinden lassen möchte, durchaus Sinn. Eine Übersetzung von digitalen Kurznachrichtendiensten mit Tauben und Eichhörnchen wirkt dagegen wie ein extern konstruierter Fremdkörper der gallischen Antike, der vor allem mal wieder daran erinnert, dass es sich bei dem Ganzen wohl auch um Kindergeschichten handeln soll. Aber es gibt auch abstraktere Übertragungen wie die eines geschützten Servers, die das Ganze interessant machen und teilweise erstaunlich gut funktionieren. Wirklich mutig sind Ferri und Conrad aber vor allem zum Ende des Bandes hin, denn so viel sei noch verraten: Der Comic schließt, anders als diese Rezension, nicht mit dem bekannten Friede-Freude-Wildschwein-Bankett als letztem Bild ab. Ein Grund mehr also, ihn zu lesen.

asterix friede freude wildschwein bankett

(Bildquelle)

Sprache und Begehren – Jonathan Franzen über Sexualität

In Franzens neuem Roman Purity geht es um Sexualität. Es geht nicht um Sex als reiner Akt der Bedürfnisbefriedigung. Es geht um Sexualität als treibende Kraft für jegliche Handlungen fast all seiner Figuren.


„Purity“ bedeutet im Englischen so viel wie Reinheit. Wenn wir etwas als „rein“ bezeichnen, schwingt da auch immer eine Art Achtung mit. Reines Wasser, sie hat eine reine Seele, oder das ist der reinste Saustall. Rein kann alles sein. Es ist das Vorherrschen einer Eigenschaft, eines Zustands, der scheinbar nicht durch etwas anderes verunreinigt ist. Doch natürlich ist der Gebrauch dieses Wortes meist idealistisch, nichts ist je wirklich vollkommen rein. Der deutsche Titel Unschuld bringt meines Erachtens noch mehr das zum Ausdruck, worum es in dieser Geschichte geht: die Unmöglichkeit von Unschuld.

Ein weiteres Thema des Buches ist die Frage nach der eigenen Identität. Detailliert lässt Franzen bei seinen Protagonisten immer wieder die Fragen auftauchen: Wer bin ich eigentlich? Wie frei, meine eigene Geschichte zu schreiben, bin ich wirklich? Oder setzt jeder Mensch nur die Story seiner Eltern fort? Sexualität scheint für Franzen das Hauptmotiv zu sein, an welchen sich diese Fragen immer wieder entzünden und Relevanz erzeugen. Denn wer kann schon behaupten, sich seiner sexuellen Neigungen und seines Begehrens voll und ganz im Klaren zu sein. Sind wir an dieser Stelle nicht alle einer Unsicherheit ausgesetzt, die nur wir nur allein bestreiten können?

Wen oder wie wir begehren, ist nicht etwas was, wir uns aussuchen, sondern was sich im Laufe unseres Lebens herauskristallisiert. Sexuelle Identität bildet und verändert sich mit den Menschen, mit denen wir sexuelle Praktiken ausleben. Aber vor allem dadurch, wie wir über Sex und unser Geschlecht (physisch wie auch psychisch) sprechen und denken.

„Du hattest ja anscheinend nichts gegen mich, als dein Schwanz in meinem Mund war“, sagte sie.
„Ich hab ihn nicht da reingesteckt“, sagte er. „Und lange war er auch nicht drin.“
„Nein, weil ich nach unten musste, um ein Kondom zu holen, damit du ihn in mich reinstecken kannst.“
„Wow. Dann bin ich jetzt also schuld?“

Die Hauptfigur des Romans Pip, ihr voller Name ist Purity, nimmt sämtliche sexuellen Handlungen anderer in Bezug auf sich als Anlass dafür, ihr Gefühl, nicht begehrenswert zu sein, zu bestätigen. In dem Gespräch versucht Pip ihren Liebhaber zu provozieren und ihrem Unmut Luft zu machen, da der geplante Sex wohl doch nicht stattfinden wird. Wer hier Schuld hat, ist jedoch nicht die eigentliche Frage. Vielmehr wird deutlich, dass es bei sexuellen Handlungen überhaupt um Schuld geht. Pip will ein Kondom holen, wird aber länger in der Küche aufgehalten und so muss der Freund auf sie warten. Pips Handlung wirkt wie ein vergeblicher, aber ritualisierter Akt dem „Schmutzigen“ den Schleier der Reinheit anzulegen. Und somit das Warten zu entschuldigen. Franzen lässt Pip sogar selbst darüber nachdenken, wenn sie sich während dieses peinlichen Streits darüber bewusst wird, dass sie in diesem Spiel niemals diejenige sein wird, die Macht hat. Männern fällt es leicht, ihr „verdinglichendes Begehren“ Ausdruck zu verleihen. Sie werden anders sozialisiert, sprechen mit Freunden und Kollegen in einer ganz bestimmten Sprache über Sexualität. Während Frauen diese Sprachspiele nicht erlernen. Für sie gibt es scheinbar nur die gefühlvollen, poetischen Worte und somit ein Verbleiben auf der schwachen, angreifbaren Ebene.

Was eigentlich nur privat stattfinden darf, wird immer auch öffentlich diskutiert. Eine Schwierigkeit besteht darin, die Momente auszumachen, in welchen das, was wir als individuelle und private sexuelle Identität bezeichnen, unter dem Druck der gesellschaftlichen Normen, geformt wird. Aber nicht nur die junge Pip, sondern auch die charismatische Annegret (Opfer stiefväterlichen Missbrauchs) und die zweite Hauptfigur im Roman Andreas Wolf (führt eine penible Liste über mehr als 50 junge Mädchen, die er im Rahmen eines sozialen Projekts verführen konnte) müssen sich mit ihrer gestörten Sexualität und der Schuldfrage auseinandersetzen. Franzen übernimmt die klischeehaften Rollen der gängigen Mann/Frau-Dualismen. Dem männlichen Charakter wird mehr Aktivität und weniger Ausgesetztsein zugesprochen. Wenn Andreas Wolf mit ein wenig Pathos sagt: „Stimmt, ich bin ein Mann und verfüge über gewisse Macht.“ Da zeigt er sich wenig emanzipiert und es wirkt sogar höhnisch, wenn er hinzufügt, dass er ja nicht darum gebeten habe, als Mann geboren zu werden. Er ist das Raubtier und sie, Pip und Annegret, sind und bleiben Opfer – die „kleineren Tiere“, mit denen man Mitleid haben kann.

Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901-1981) verstand den Menschen als das begehrende Subjekt, dessen Begehren eine innere, treibende Kraft ist und diesen dazu veranlasst, Beziehungen mit anderen Menschen einzugehen. Dazu zählen in erster Linie sexuelle Beziehungen. Interessant an Lacans Überlegungen ist, dass sie nicht nur psychologische, sondern auch soziologische Aspekte einbeziehen – die Ebene der Sprache. So wird das begehrende Subjekt bei Lacan zu einem, das zwar von inneren Urtrieben angetrieben, aber auch von äußeren Kräften durch die Gesellschaft gelenkt wird:

Es gibt bereits eine aufgebaute Fabrik, und sie funktioniert. Diese Fabrik ist die Sprache […]. Deshalb auch ist das Es, das Sie in den Tiefen zu suchen pflegen, nicht etwas derart Natürliches, es ist noch weniger natürlich als die Imagines.

(Lacan „Die Objektbeziehungen: Das Seminar. Buch 4.“ 2003)

Nach Lacan ist der Prozess, bei welchem das Kind in die Sprachgemeinschaft eintritt und mündig wird, der Entscheidende. Im Geist des Kindes trenne sich nun Bewusstsein von Unbewusstsein. Die Bedeutung anderer Dinge und Personen, welche sich für das Kleinkind bisher nur über die rein körperliche Ebene wirklich wurde, wird nun auf einer abstrakteren Ebene strukturiert und reflektiert. Es entsteht ein Bezugssystem. Man schafft die Welt, indem man sie aktiv benennt und ihr somit Bedeutungen zuschreibt. Aber auch, indem man in Strukturen hineinwächst und bestimmte Bedeutungen übernimmt. Die Unterscheidung von Mann und Frau geschieht laut Lacan aufgrund der Unterschiedlichkeit – der unterschiedlichen Beschreibung – der Körper, der Genitalien. Die eigene Beschreibung der Genitalien in Abgrenzung zum anderen Geschlecht bilde somit die Basis der sexuellen Identität. Es werden aber nicht nur Körper und Dinge identifiziert, sondern auch Normen und Wertvorstellungen kommuniziert, die mit den Körpern in Verbindung stehen und sich im Unbewussten festschreiben. Das Kind macht sich selbst mittels der Sprache zum Objekt, indem es anfängt von sich aus in Bezug auf andere Subjekte zu denken. Für Lacan findet damit die Entfremdung statt, welche dem jungen Menschen bis ins Alter in Form seines Begehrens vor Augen tritt.

Diese Entfremdung scheint sich auch in den Beziehungen Pips zu ihren Männern zu offenbaren. Sie versucht die mangelnde Eindeutigkeit ihrer sexuellen Identität mit der Suche nach der Identität ihres unbekannten Vaters auszugleichen. Denn die Mutter ist kein Anhaltspunkt für eine eventuelle Identifikation. Pip und sie verbindet eine emotionale Abhängigkeit, eine Machtverhältnis das einseitig von der Mutter zur Tochter verläuft:

Das Problem, wie Pip es sah, […] bestand darin, dass sie ihre Mutter liebte. Mit ihr litt, sie bedauerte, den Klang ihrer Stimme mochte, sich auf eine gewisse verstörende nichtsexuelle Weise von ihrem Körper angezogen fühlte […]. Das war der massive Granitblock im Zentrum ihres Lebens, der Ursprung allen zornigen Sarkasmus.

(Franzen „Unschuld“ 2015)

Und so sieht sich Pip damit konfrontiert, dass sich ihre eigene Geschichte nur in vorgegebenen Bahnen fortbewegt. In den Bahnen, die ihre Mutter bereits beschritten und vorgezeichnet hat. Pip ist im Rahmen ihrer Möglichkeiten frei zu entscheiden. Was ihre sexuelle Identität angeht, scheint sie darauf angewiesen zu sein, Menschen zu treffen, die anders über Sexualität sprechen und ihr somit Mut machen können.

Die Fragen vom Anfang bleiben offen. Wer bin ich, ist eine Frage, die eigentlich keine ist. Denn wir sind frei und unfrei zugleich. Pip ist eine Romanfigur und somit von vornherein dazu verdammt, ein vom Autor bestimmtes Ich zu leben. Aber Franzen schafft es, ein zutiefst menschliches bzw. gesellschaftliches Problem wieder zu spiegeln und in der Form der Fiktion in unsere Realität hineinzutragen. Denn es erfordert Mut, sich in den vorherrschenden gesellschaftlichen Sprachspielen über Sexualität zu lösen – falls es überhaupt möglich ist. Sexuelle Identität ist ein wichtiger Teil jeder individuellen menschlichen Identität. Sie ist privat und öffentlich zugleich. Um sich der Frage nach dem eigenen Ich anzunähern, muss man/frau immer auch mit beantworten, was und wie er/sie begehrt.

Vom Nichts Schreiben und Alles Sagen

Die Gegenüberstellung von entspannender Alltagsliteratur und intellektueller Stimulans wurde hier an anderer Stelle bereits thematisiert. Und ich möchte diese Unterscheidung wieder aufgreifen. Denn ich lese gern „schwierige Bücher“. Neben meinem persönlichen Outing an dieser Stelle, möchte ich gleich noch etwas anderes enttarnen. Ich glaube, dass nicht gerade besonders wortreiche und verschnörkelte Texte der „bedeutungs-schaffenden Tätigkeit“ gerecht werden, die ja den besonderen Gehalt literarischer Werke ausmacht, sondern ganz andere.


Ob Beckett, Bernhard oder Kafka, ich liebe das oft wortkarge Dickicht dieser Autoren. Es ist erstaunlich, wie schmucklos und aufs Nötigste beschränkt eine Geschichte oder Erzählung dieser Autoren daherkommen kann, ohne dass ich mich auch nur im Entferntesten langweile. Was diese Texte auszeichnet, was sie „schwierig“ macht, ist die Art wie sie geschrieben sind. Man liest nicht nur das geschriebene Wort, sondern auch alle diejenigen, die zwischen den Zeilen stehen. Je kompakter und reduzierter ein Text ist, umso mehr passt dazwischen. Und das ist es, was für mich den Reiz des Lesens ausmacht. Ich will mich verlieren. Und zwar nicht in den parallel laufenden Szenen und endlosen Sätzen eines Musils, sondern in den Bildern und Vorstellungen meines eigenen Geistes, die genau dann zum Vorschein kommen, wenn einige wenige Worte sie hervorlocken und ihnen ihren Freiraum lassen.

Wer spricht?

Ich erinnere mich noch genau, wie ich einmal in der Schule ein freiwilliges Referat zu Kafkas „Die Brücke“ hielt. Diese Geschichte hatte mich dermaßen gepackt, dass ich der Meinung war, ich müsste dieses Kleinod der Weltliteratur auch allen meinen Mitschülern nahe bringen. Meine Deutschlehrerin war glücklich, wenigstens eine Schülerin zu haben, die gern las. Meine Mitschülerinnen gaben sich unbeeindruckt. Leider. Denn sie verstanden nicht, welche Großartigkeit ihnen entging. Ein Versicherungsangestellter, der sein tägliches Brot mit dem Bewerten von Schadensfolgen und detaillierten Beschreibungen von Hobelmaschinen verdiente und zu Hause die tiefsten Skizzen der menschlichen Seele mit seinem Füller einfing.

„Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke, über einem Abgrund lag ich. Diesseits waren die Fußspitzen, jenseits die Hände eingebohrt, in bröckelndem Lehm habe ich mich festgebissen. Die Schöße meines Rockes wehten zu meinen Seiten. In der Tiefe lärmte der eisige Forellenbach.“ (Kafka 1916/1917, Die Brücke)

Die Brücke lebt nicht lang. Jemand kommt und springt „mit beiden Füßen mir mitten auf den Leib“. Also nicht mir, sondern der Brücke, vielleicht Kafka…? Ein unbarmherziges Ende, denn ich/er/es dürfen nicht einmal erfahren, wer da überhaupt springt und die Existenz zerstört. Gerade als sich die Brücke im Fallen umdrehen will, ist sie nicht mehr, „und schon war ich zerrissen und aufgespießt“. Was diese Geschichte ebenso gnadenlos wie zärtlich macht, ist die unklare Position des Erzählers. Man weiß nicht genau, wer eigentlich spricht. Ist es der Autor, dem man beim Denken oder Träumen zuhört? Oder sind es die Gedanken und Bilder selbst, die sich der Sprache der Schreibenden ermächtigen und sich ihren Weg in die Wirklichkeit bahnen. Ausgeliefert sind nicht nur Schreiber und Protagonisten, sondern auch der Leser.

Nicht Herr im eigenen Haus

„Sie kleideten mich und gaben mir Geld. Ich wußte wozu das Geld dienen sollte, es sollte dazu dienen mir auf die Beine zu helfen. Sobald ich es ausgegeben hätte, müßte ich mir neues beschaffen, wenn ich weitermachen wollte.[…]Die Kleider – Schuhe, Socken, Hose, Hemd, Rock und Hut – waren nicht neu, der Tote mußte aber ungefähr meine Figur gehabt haben.“

(Beckett 1947-1952, Das Ende)

In diesen ersten Beckett`schen Sätzen der Kurzgeschichte „Das Ende“ befindet sich bereits das ganze Schicksal des Protagonisten (Die Deutung bleibt an dieser Stelle jedem Leser selbst überlassen.). Becketts Erzählungen und Texte um Nichts verleihen gerade dem Unsagbaren Ausdruck. Die einfache Sprache und ereignislosen Szenen geben dem Erzähler die Möglichkeit, seine monolog-artigen Lebensbeschreibungen in einer Direktheit zu schildern, die den Leser mitten ins Geschehen werfen. Man ist unmittelbar betroffen. Von den Widersprüchen, den Zweifeln und der scheinbaren weltlichen Nicht-Relevanz des erzählenden Individuums. Es geschieht fast nichts, bis auf das bloße Dasein und reflektieren dieses Daseins der Erzählfigur.

Ausgeliefert-Sein und mit-sich-geschehen-lassen sind die treibenden Motive in Becketts und Kafkas Geschichten. Man hat die Kontrolle verloren, man ist nicht Herr im eigenen Haus. Und genau das ist die bezaubernde Kraft von guten/„schwierigen“ Texten. Der Text macht etwas mit einem, er lässt einen manchmal einfach so da stehen. Was diese Texte gemein haben, ist, dass sie nicht für ein Publikum geschrieben wurden. Ich stelle mir das gern vor und unterstelle diese Haltung einfach den Autoren: Sie schrieben, weil sie etwas sagen wollten, weil „etwas raus musste“, ganz gleich, wer oder ob diese Zeilen jemals jemand liest. Das macht die Texte so wunderbar intim und unmittelbar.

Warum Schreiben, warum Lesen?

Ich denke der Anspruch, mit dem diese Texte gelesen werden müssen, liegt darin, nicht wie ein Wanderer daherzukommen und nach etwas bestimmten zu suchen, ja es sogar mit der Eisenspitze des Stockes zu beklopfen und die Rockschöße hoch zu heben, um zu sehen, was da runter steckt und es auf seine Nützlichkeit hin zu prüfen. Man muss sich einlassen und Angreifbar machen. Man muss die Gedanken eines anderen denken, um bei sich selbst anzukommen. Das ist „schwierig“ und anstrengend, aber auch verdammt schön.

Damit Thomas Bernhard hier noch gebührend erwähnt wird, lasse ich ihn selbst sprechen:

„ich schreibe eine Zeile, seit wie vielen Wochen habe ich keine Zeile mehr geschrieben?, es ist unwichtig, ob ein Mensch schreibt, was er schreibt, ich sage mir immer wieder vor, wie unwichtig es ist, erbärmlich, unanständig, aber diese Zeile ließe sich fortsetzen, entwickeln, zu einem Gedicht machen, zu einem Fetzen, einem …

(Bernhard 1959, In der Höhe, Rettungsversuche Unsinn)

Fußnoten in Romanen

– muss das sein?

Fußnoten gehören vor allem in wissenschaftlichen Texten zum Standardrepertoir. Doch immer wieder versuchen Autoren sie auch in narratives Schreiben – etwa in Romane – einzubinden. Bei der Benutzung von Fußnoten in diesem Kontext stellen sich aber ganz neuartige Fragen über ihre grundlegende Funktion als literarisches Mittel. Können Fußnoten einen Roman bereichern oder machen sie ihn nur unnötig schwierig?


Was sind Fußnoten?

Fußnoten und Anmerkungen werden gegenwärtig in vielen akademischen Disziplinen als Standard des wissenschaftlichen Arbeitens gesehen. Fußnoten dienen hier dazu, Belege für Ausschnitte aus dem Haupttext anzugeben, zu erläutern, oder Informationen auszugliedern. Die Anmerkung, ob als Fußnote (im unteren Teil der Seite), als Randbemerkung oder als Endnote (am Ende des Buches), fällt klassisch unter die Definition des “Paratextuellen” – d.h. sie ist dem Haupttext beigestellt und untergeordnet. Doch wie Dr. Sabine Zubarik (Die Strategie der Fußnote(n) im gegenwärtigen Roman, S. 12) treffend bemerkt, ist das “kreative wie auch subversive Potential [der Fußnote als Paratext] bereits in der Etymologie des Namens verankert”. Die altgriechische Präposition παρά kann nämlich sowohl mit “neben“, als auch im übertragenen Sinne mit “gegen” oder “wider” übersetzt werden.

Zubarik vertritt die These, dass sich die Fußnote aus einer Hilfs- und Nachweisfunktion (etwa im akademischen Bereich) ablösen kann und sich so nicht mehr dem Haupttext unterordnet:

“Statt der dezenten Unterordnung des Beigestellten zeigt sich Widerspruch, Überbordung und Störung” [Zubarik, Fußnote(n) S. 9]

Besonders deutlich vollzieht sich dies bei der Benutzung von Anmerkungen im narrativen Schreiben. Im folgenden werden einige Autoren und Bücher betrachtet, die Fußnoten als literarisches Mittel nutzen.

James Joyce: Finnegans Wake

Auswahlseite Finnegans Wake

Auswahlseite James Joyce: “Finnegans Wake

James Joyces “Finnegans Wake” gilt als eines der kompliziertesten Bücher der literarischen Moderne. Joyce nutzt neben unorthodoxen sprachlichen Mitteln  (Neologismen wie “bababadalgharaghtakamminarronnkonnbronntonnerronn-tuonnthuuntrovarrhounawnskawntoohoohoordenenthurnuk” – “Donner” aus zehn verschiedenen Sprachen zusammengesetzt), auch Fußnoten in einer konstitutiven narrativen Funktion. In Buch 2, Kapitel 2 nutzt der Autor drei Arten von Anmerkungen (am linken und rechten Rand, sowie unten), die für die Bemerkungen dreier Geschwister beim Erledigen ihrer Hausaufgaben stehen.

Fußnoten in SciFi und Fantasy: Terry Pratchett

Pratchett Guards Guards

Auswahlseite Terry Pratchett: “Guards! Guards!”

Viele Autoren von Science-Fiction- und Fantasyliteratur nutzen Fußnoten in ihren Büchern. Die Fußnote war für diese Bereiche ursprünglich interessant, weil man durch sie eine “Pseudowissenschaftlichkeit” erzeugen kann – die Autorität der Fußnote, als Quellennachweis aus dem akademischen Bereich, wird in einen fiktionalen Raum überführt (vgl. etwa “physikalische” Theorien zur “Erklärung” eines Phänomens in der Welt des Buches).

Diese funktionale Einbindung wurde später immer wieder satirisch gebrochen (siehe etwa Abbildung). Terry Pratchett nutzt in seinen Scheibenweltromanen Fußnoten, um einen komischen Effekt zu erzeugen. Die Anmerkung bereitet durch ihre Verweis- oder Erläuterungsfunktion einen (oft wiederkehrenden) Witz vor. Manchmal widersprechen Fußnoten auch Aussagen des Textes und eröffnen so unterschiedliche narrative Ebenen.

David Foster Wallace: Infinite Jest

Auswahlseite David Foster Wallce: Infinite Jest

Auswahlseite David Foster Wallce: “Infinite Jest”

In David Foster Wallaces “Infinite Jest” (“Unendlicher Spaß“) findet sich nach dem Haupttext ein 200-seitiger Anmerkungsapparat, in dem über 300 Endnoten eingebunden sind, die sowohl erläutern/fiktive Quellen angeben, als auch narrative Nebenschauplätze einführen. Teilweise erstrecken sich einzelne Anmerkungen über mehrere Seiten und sind schon fast als eigenständige Kurzgeschichten zu lesen. Die detaillierte Ausschmückung der Welt von “Infinite Jest” wird ganz wesentlich von diesen Anmerkungen getragen – der Roman wird oft als “enzyklopädisch” beschrieben.

Bezeichnend für die zentrale Rolle von Fußnoten in David Foster Wallaces magnus opum ist, dass die gebundene deutsche Ausgabe von “Infinite Jest” zwei Lesezeichen enthält, eines für den Haupttext und eines für die Anmerkungen.

Mark Z. Danielewski: House of Leaves

Beispielseite aus

Auswahlseite aus Mark Z. Danielewski: “House of Leaves” (via readsbymandm)

“House of Leaves” von Mark Z. Danielewski ist noch stärker von Fußnoten beherrscht. Zubarik beschreibt das Buch als “typographische(n) Exzess” , “in dem alle nur möglichen Spielarten und Potentialitäten des Anmerkungsgebrauchs vorgeführt werden” [Zubarik: Fußnote S. 10].

Der Autor benutzt Fußnoten hier nicht nur als Bezugspunkte für Nachweise (fiktiv und real) oder Erläuterungen, sondern schafft einen narrativen Bedeutungskontext, der das Buch übersteigt. Der Leser “verirrt sich” im Netz der Verweise und repräsentiert so auf einer anderen Ebene eine Figur im Buch, die in einem Labyrinth gefangen ist. Zusätzlich beeindruckend ist dabei die Veränderung des Layouts parallel zur strukturellen Handlung des Buches. Nicht nur Anmerkungen bestimmten optisch das Format des Textes – er wird ständig verändert, aufgebrochen, gespiegelt und gegen sich selbst gestellt.

Funktionen von Fußnoten in Romanen

Die angeführten Beispiele machen klar, dass sich die Fußnote in literarischen Texten längst aus der Rolle des bloß Paratextuellen gelöst hat. Anmerkungen dienen nicht mehr als Zusätze für den Haupttext, sie sind ein zusätzliches literarisches Mittel, das mit seinem Störungspotential erheblichen Einfluss auf das Leseerlebnis des Rezipienten ausüben kann.

Positiv betrachtet erschließen Fußnoten ganz neue Möglichkeiten der Verschachtelung von Bedeutungsebenen im Roman. Spielt man ihrer Nachweisfunktion, können durch gezielte Kontradiktionen sogar Erzähler als unzuverlässig entlarvt werden und so entweder ein komischer Effekt, oder sogar eine Beeinflussung des Lesers, hinsichtlich der weiteren Rezeption, geschaffen werden. In gewisser Weise ist sogar ein Durchbrechen der “Vierten Wand” – also eine direkte Kommunikation mit dem Leser möglich.

Anmerkungen sind, in diesen neuen Funktionen, oftmals nicht mehr bloß optionale Elemente des Textes. Um einen Fußnotenroman wirklich verstehen zu können, ist es zwingend notwendig die Anmerkungen als Teil des Textes ernstzunehmen. Doch genau dieser Umstand führt auch zu einer harschen Kritik an der Anmerkungspraxis im modernen Roman

Argumentation gegen Fußnoten in Romanen

“If you can’t say it in the main text of a novel, then you shouldn’t be saying it at all.” Amanda Kendel (becomingafictionwriter.com)

Das obige Zitat ist so etwas wie das Motto der fiktiven Society for the Abolition of Footnotes in Novels. Die Emanzipierung der Fußnote, aus einem bloßen Beigestelltsein, ist nach dieser Auffassung exzessiv und störend. Die Beschränkung auf einen fließenden Haupttext ist vor allem einem reibungslosen Leseerlebnis geschuldet.  Dieses Argument ist auf den ersten Blick nachvollziehbar. Der Lesefluss wird allein durch das Springen im Text (auf das Ende der Seite oder gar des Buches) unterbrochen. In gewisser Weise infiltrieren Anmerkungen, zumindest wenn sie bedeutungskonstitutiv eingesetzt werden, den Text strukturell. Doch macht das die Fußnote als literarisches Mittel unnötig?

Komplizierte Bücher, wie etwa die angeführten Werke von Joyce und Foster Wallace, wären auch ohne die Benutzung von Anmerkungen eine schwierige Lektüre. Anmerkungen sind nur ein zusätzliches Mittel, um etwa die sprachlich-formale Anspruchsebene zu supplementieren und Bedeutungsebenen zusätzlich zu verschachteln. Ob man diese Art von Literatur mag, ist ein individuelles Urteil.

Im Falle von Danielewskis “House of Leaves” allerdings konstitutiert die Anmerkungspraxis direkt im Text eine eigene Struktur. Der Autor will den Leser im Text ganz gezielt stören, um ein Gefühl des Verirrt-seins zu erzeugen, dass das Leseerlebnis mit der Narration verbindet. Der Autor erzeugt fast filmisch eine Atmosphäre von Angst und Verwirrung, die dem Horrorgenre gerecht wird.

Können Fußnoten als literarisches Mittel also Romane bereichern? Ich denke schon. Ob das im Einzelfall immer gelingt und für den Leser funktioniert, steht (wie auch viele Anmerkungen) auf einem anderen Blatt Papier.

Ähnlicher Beitrag: Lesen als Kunst der Wiedererkennung