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„Ich möchte Brücken bauen“ – Florence Brokowski-Shekete im Interview

Florence Brokowski-Shekete ist in Hamburg als Kind nigerianischer Eltern geboren, wuchs zunächst in Buxtehude bei einer deutschen Familie in Pflege auf. Mit acht Jahren nahmen ihre Eltern sie mit nach Nigeria, in ein Land, das ihr fremd war. Doch sie kam wieder zurück nach Deutschland, wo sie eine beachtliche Laufbahn durchlief. Sie legte das 1. und 2. Staatsexamen für Lehramt ab, arbeitete als Lehrerin und freie Beraterin und Coach. 2007 wurde sie Rektorin, 2013 Schulaufsichtsbeamtin, 2014 Schulrätin und 2020 Schulamtsdirektorin.

Wir haben mit ihr über ihre Biografie, ihr Buch „Mist, die versteht mich ja“ (Orlanda Verlag, Berlin, 2020) und ihre Erfahrungen als schwarze Frau in Deutschland, über Diskriminierung und sensible Sprache gesprochen.

Von Florian Birnmeyer


Sehr geehrte Frau Brokoswki-Shekete, Sie sind in Deutschland als Kind nigerianischer Eltern geboren, wuchsen dann in Lagos (Nigeria) in einem für Sie fremden Land auf und kamen zuletzt wieder zurück nach Deutschland. Wie hat diese Erfahrung Sie geprägt?

Ich war ja in Buxtehude zunächst das schwarze Kind in der weißen Mehrheitsgesellschaft, dort fühlte ich mich aber trotzdem wohl. Ich war neun, bevor wir nach Nigeria umgezogen sind. In Nigeria sah ich dann zwar genauso aus wie alle, wie die Mehrheitsgesellschaft, aber ich verstand die Sprache nicht und kannte die Kultur nicht. Das hat mir gezeigt, dass es nicht unbedingt mit dem Äußeren zu tun hat, ob man sich an seinem Ort wohlfühlt.

Ihr 2020 erschienenes Buch trägt den Titel „Mist, die versteht mich ja“ (Orlanda Verlag, Berlin) und spielt damit darauf an, dass Leute angenommen haben, Sie würden kein Deutsch sprechen, weil Sie schwarz sind. Welche Diskriminierungserfahrungen mussten Sie als schwarze Frau in Deutschland machen? Können Sie ein oder zwei Beispiele für typische Situationen?

Es gibt so viele und unterschiedliche Situationen. Zum Beispiel sprechen mich Leute aufgrund meiner Haare an oder weil sie meinen, dass eine bestimmte Farbe mir gut steht. Einmal war ich dienstlich unterwegs, als ich noch Schulrätin war. Ich wurde einer älteren Person in der Funktion vorgestellt. Er guckte mich völlig entgeistert an und sagte dann irgendwann: „Ne, ehrlich, dann bringen Sie wenigstens Farbe ins System!“ Das ist Rassismus, aber wenn man es den Leuten sagt, verstehen sie es gar nicht.

In einem bestimmten Geschäft wurde ich von der Verkäuferin derart blöd angepampt, dass ich zuerst nicht mehr in das Geschäft gehen wollte. Aber ich bin doch wieder hingegangen, habe dem Geschäftsführer die Situation erläutert und ihm gesagt, dass das einfach nicht geht. Zwei Wochen später bin ich ganz bewusst wieder in dieses Geschäft und die Verkäuferin hat mich ganz freundlich bedient. Ich vermute, er hat mit ihr gesprochen. Das sind Situationen, die einen nicht nur sprachlos, sondern auch erschüttert zurücklassen.

Was möchten Sie mit Ihrem Buch erreichen?

Ich werde ständig nach meiner Biografie gefragt. Irgendwann kam dann – mehr im Scherz – die Idee auf, ein Buch zu schreiben. Daraus wurde das tatsächliche Ziel, ein Buch zu machen. Ich möchte den Leuten die Möglichkeit bieten zu sehen, wie das Leben einer Person ist, die schwarz aussieht, nicht „deutsch“ aussieht, aber durchaus deutsch ist. Ich möchte den Menschen, die das Buch lesen, einen Blick hinter die Kulissen gewähren.

Sie haben beruflich eine beeindruckende Karriere gemacht. Zunächst haben Sie als Lehrerin gearbeitet, zwischendurch waren sie als freie Beraterin und Coach selbstständig, dann wurden Sie 2007 Rektorin, daraufhin waren Sie ab 2013 als Schulrätin tätig und nun sind Sie seit 2020 Schulamtsdirektorin. Was hat Sie dazu gebracht, im Bereich Bildung zu arbeiten? Haben Sie den Eindruck, dass Sie es schwerer als andere hatten?

Leichter hatte ich es auf keinen Fall. Ich wollte ursprünglich was anderes machen beruflich. Nach dem Abitur habe ich ein Praktikum in einem Jugendzentrum gemacht. Als ich in dem Jugendzentrum gearbeitet habe, habe ich gemerkt, das waren Jugendliche, die Bedarfe mitgebracht habe. Von den Schülern – es waren viele Hauptschüler – habe ich oft gehört, dass die Schule für sie nicht besonders prickelnd war. Daraufhin habe ich beschlossen, Grund- und Hauptschullehramt mit dem Schwerpunkt Hauptschule zu studieren, da ich der Meinung war und auch noch bin, dass gerade die Schüler*innen, die sich etwas schwer beim Lernen tun, besonders motivierte Lehrkräfte benötigen

Und ich hatte schon das Gefühl, dass es wesentlich schwerer war. Ich hatte den Eindruck, dass ich fünfmal besser sein musste, als wenn ich weiß gewesen sein wäre. Im Referendariat hatte ich sehr unangenehme Begegnungen. Hätte mir nicht der Beruf an sich Freude gemacht, hätten diese Begegnungen dazu geführt, dass ich aufgegeben hätte. Das Referendariat besteht aus zwei Teilen: Der praktische Teil des Referendariats war zwar wunderbar; doch der theoretische Teil im Seminar mit den Lehrbeauftragten und der Leitung war nicht besonders wertschätzend, ganz im Gegenteil, äußerst respektlos, im Nachhinein würde ich sogar sagen, besonders von Seiten einer Person sehr rassistisch.

Erleben Sie trotz Ihrer beruflich abgesicherten Position noch immer Rassismus im Alltag?

Ich erlebe auch in meinem Beruf Rassismus. Der wird manchmal intellektuell kaschiert und verpackt und hat letztlich auch etwas mit Machtherrschaft zu tun. Für die meisten, denen ich begegne, bedeutet Rassismus, jemanden zum Beispiel heftig zu beschimpfen. Aber Rassismus kann auch eine Bemerkung oder eine Verhaltensweise sein, die aufgrund des vermeintlichen kulturellen Andersseins oder der Hautfarbe entstanden ist. Wenn man den Leuten sagen würde, dass sie rassistisch sind, dann wären sie überrascht, um nicht zu sagen komplett entsetzt und echauffiert. Und wenn man die Leute tatsächlich darauf anspricht, gehen sie in eine absolute Verteidigungshaltung. Dann kann es dazu kommen, dass sie beleidigt sind, und man selbst sich dafür entschuldigen muss, dass man bemerkt hat, dass sie sich rassistisch verhalten haben und man dieses Verhalten für sich nicht möchte. Das sind zum Teil sehr skurrile Situationen.

Durch „Black Lives Matter“ bekam das Thema Rassismus und Antirassismus sehr viel Aufmerksamkeit. Was könnte man Ihrer Meinung nach konkret gegen Rassismus in der Gesellschaft unternehmen?

Im Grunde kann man genau das tun, was wir nun machen: sprechen, sprechen, sprechen. Es braucht Offenheit von beiden sein. Offenheit von der deutschen Mehrheitsgesellschaft, lernen zu wollen. Man muss rassismuskritisch die eigenen Gedanken, den gesellschaftlichen Alltag und die Schulbildung reflektieren. Man muss auch sehen, wo es institutionellen Rassismus innerhalb der Gesellschaft gibt. Eine wichtige Frage ist: Was können Menschen, die an gesellschaftlichen Stellschrauben sitzen, tun, dass der institutionelle Rassismus aufgebrochen wird?

Sie sind seit 1997 auch als interkulturelle Beraterin, als Coach und Trainerin aktiv. Mit Ihrer Agentur FBS intercultural communication bringen Sie Führungskräften und Unternehmen einen sensiblen sprachlichen Umgang, Kommunikation und interkulturelle Kompetenzen bei. Welche Kompetenzen sind nötig, damit interkulturelle Begegnungen gelingen?

Zunächst mal ist die Offenheit wichtig, lernen zu wollen, was überhaupt Rassismus bedeutet. Man muss aufhören, zu relativieren und gleich in eine Verteidigungshaltung zu gehen. Ich hatte neulich ein Gespräch mit jemandem, in dem ich geschildert habe, dass ein junger Mensch sich doppelt anstrengen muss, um auf eine berufliche Position zu kommen, weil er schwarz ist. Und die weiße Person hat das gleich vom Tisch geschoben und mir erklärt, dass das so nicht ist. Und das kann ja so nicht sein! Dann muss ich dem Gegenüber erstmal erklären, dass mein Erleben als schwarze Person überhaupt existiert und real ist.

Für mich ist das A und O, dass eine Offenheit und eine Bereitschaft vorhanden ist, den anderen verstehen und in seinem Sein wahrnehmen zu wollen und einen Perspektivwechsel einnehmen zu wollen. Wenn man mein Buch liest, kann es zunächst unangenehm sein, da es einen Spiegel vorhält, obwohl ich versuche, diesen Spiegel sehr sanft und liebevoll vorzuhalten. In jeder gesellschaftlichen Ecke müssen wir sehen, was wir dagegen tun können, um den institutionellen Rassismus auszumerzen.

In den letzten Jahren wurde sensible und diskriminierungsfreie Sprache wichtiger. Verlage streichen diskriminierende Begriffe aus älteren Büchern. Zuletzt wurde die „Mohrenstraße“ in Berlin umbenannt. Immer wenn solche Anpassungen vorgenommen werden, gibt es auch heftigen Widerstand. Was würden Sie Menschen antworten, die aus Tradition weiterhin diskriminierende Begriffe verwenden wollen?

Auch mir begegnen Leute, die sagen, dass das N-Wort früher nicht böse gemeint war. Dann versuche ich den Leuten zu erklären, dass es in allen Sprachen Begriffe gibt, die vor 50, 60 Jahren andere Konnotationen hatten, zum Beispiel im Gender-Bereich, im kulturellen Bereich, im Bereich sexuelle Orientierung. Aber das N-Wort ist einfach negativ konnotiert. Wenn jemand sagt, dieser Begriff sei noch normal, dann sage ich Nein, der ist negativ konnotiert und man darf ihn nicht mehr verwenden. Ich finde es auch nicht schön, wenn man von Mohrenköpfen spricht. Tradition hin oder her, es gibt auch Traditionen, die man ab und zu hinterfragen und verändern muss.

Warum ist sensible Sprache wichtig?

Sensible Sprache ist gesellschaftlich wichtig, um Menschen nicht zu diskriminieren. Ich werde ja eingeladen, um für Sprache im Allgemeinen zu sensibilisieren. Meine Gruppen sind zum Teil sehr divers zusammengesetzt. Dann geht es darum, die Kommunikation so sensibel zu gestalten, dass sich niemand diskriminiert fühlt, zum Beispiel weil jemand eine andere sexuelle Orientierung hat oder eine Behinderung hat. Die Sprache, die wir nutzen, sollte jedes einzelne Mitglied der Gesellschaft sensibel ansprechen, egal welchen Bedarf, welches Alter, welche Persönlichkeit jemand mitbringt.

Gerade jetzt in der Corona-Zeit geht es auch um die Älteren. Da wurde ja gesagt, dass die Älteren zuhause bleiben müssen. Wenn dann jemand zu einem älteren, der vielleicht noch korpulent ist, sagt: „Du bist ja sowieso Risikoperson, weil du nicht nur alt, sondern auch noch übergewichtig bist.“, dann ist das Diskriminierung.

Wenn jemand merkt, dass er sich nicht mehr im Körper eines Mädchens wohlfühlt, sondern ein Junge sein möchte, und daraufhin bei der Krankenkasse und anderen Institutionen immer noch als Frau angesprochen wird, obwohl die innere und äußere Entwicklung schon sehr weit vorangeschritten ist und die Person um eine bestimmte Ansprache bittet, diese jedoch ignoriert wird, dann ist das Diskriminierung.

Es geht also um unsere Haltungen, die wir infrage stellen müssen und die hinter Diskriminierungen stecken können. Wenn wir diese eigenen Haltungen bewusst betrachten, kann es zunächst für einen selber unangenehm, sogar schmerzhaft sein. Im besten Fall ist es ein innerer Erkenntnisprozess, wenn wir diesen zulassen, kann es zu einer hoffentlich positiven Weiterentwicklung kommen.

Was sind die typischen Fehler bei interkulturellen Zusammentreffen?

Ich möchte ein Beispiel nennen: Ich war als Lehrerin auf einer Fortbildung für Religionslehrkräfte, die mit Interkulturalität überhaupt nichts zu tun hatte. In der Pause kam ein Schuldekan zu mir und fragte: „Wo kommen Sie denn her?“ Ich nannte ihm meine Schule, denn das war das Naheliegendste. Daraufhin fragte er: „Was machen Sie denn dort?“ Ich sagte ihm, dass ich dort als Lehrerin arbeite. Er fragte: „So richtig Lehrerin?“ Ich fragte ihn, wie man denn nicht richtig Lehrerin sein könne. Er antwortete: „Ich dachte, Sie wären eine Praktikantin aus Timbuktu und gucken, wie es hier so ist.“

Was hat der Mann falsch gemacht? Er hat mich kontextlos gefragt, wo ich herkomme, und hat die Distanz überhaupt nicht gewahrt. In der Kommunikation gibt es Distanzringe. Man fühlt sich in der Regel dann wohl, wenn man eine Armlänge Distanz zum anderen hält. Das kann man auch auf die verbale Kommunikation übertragen. Man kann nicht beim ersten Treffen fragen: „Aus welchem Land kommen Sie?“ Das ist kontextlos und distanzlos. Wenn man in einem kulturellen Kontext ist und die Überschrift des Zusammentreffens „meine Wurzeln“ lautet, dann ist es kein Problem nach der Herkunft zu fragen. Es kommt also auf den Kontext an.

In der öffentlichen Diskussion ist in letzter Zeit immer wieder von Cancel Culture die Rede, d. h. der Boykott von Personen oder Organisationen, denen Diskriminierung vorgeworfen wird, zum Beispiel in Zusammenhang mit Lisa Eckhardt oder Dieter Nuhr. Wie stehen sie zu solchen Absagen?

Ich möchte mich nicht an einem öffentlichen Shitstorm beteiligen. Wenn mich eine Kontroverse sehr berührt oder ärgert, dann biete ich der betroffenen Person das persönliche Gespräch an. Ich habe auf meinem Instagram-Account einen Spruch: „Wenn ich über ein Thema etwas wissen möchte und ich spreche nicht mit denen, die es betrifft, dann führe ich Selbstgespräche.“ Ich finde es klasse, wenn man wertschätzend, respektvoll und achtend aufeinander zugeht und miteinander Brücken baut. Ich möchte aber zuletzt noch festhalten: Die meisten Menschenbegegnungen sind angenehm, freundlich, geneigt und offen.

„Mist, die versteht mich ja“ von Florence Brokowski-Shekte erschien am 1. September 2020 im Orlanda Verlag und hat 250 lesenswerte Seiten.


Florian Birnmeyer, 1990 in Nördlingen geboren, ist im Ries aufgewachsen. Während der Schulzeit am Albrecht-Ernst-Gymnasium Oettingen war er für verschiedene Online- und Print-Jugendmedien, die Lokalzeitung und in der Jungen Presse Bayern tätig. Nach dem Abitur studierte er an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und an der Sorbonne in Paris französische und lateinische Philologie. Seit 2020 arbeitet er als Kursleiter am Bildungszentrum Nürnberg sowie als Nachhilfelehrer für Französisch und Latein. Seiner Neigung zur Literatur, insbesondere zu deutschen und französischen Romanen, geht er als Rezensent nach, etwa auf seinem Blog www.der-leser.net, auf TITEL Kulturmagazin sowie postmondän.

 

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Die unstillbare Sehnsucht nach der Ferne

„Allerorten“, der Titel von Sylvain Prudhommes Roman, der im französischen Original „Par les routes“ lautet, ist ein veralteter, aber dafür umso schönerer Ausdruck für das Adverb „überall“. Und tatsächlich bewegt sich einer der Protagonisten dieses leichten und lebensbejahenden Romans überall in Frankreich. Es handelt sich um den Anhalter, der trampend durch das ganz Land reist.

Von Florian Birnmeyer


Doch von vorn: Der Schriftsteller und Ich-Erzähler des Textes Sacha hat das großstädtische Lebens in der französischen Hauptstadt satt und zieht daher von Paris in die kleine Stadt V. in der Provence um. Von V. erfahren die Leserinnen und Leser nicht viel mehr als den ersten Buchstaben. In dem Ort wohnt zufällig auch der Anhalter, mit dem Sacha 17 Jahre zuvor während des Studiums in Paris bereits befreundet war, ehe die beiden sich zerstritten und daraufhin getrennte Wege gingen.

Als die beiden ehemaligen Freunde sich in dem kleinen Ort nach fast zwei Jahrzehnten wieder begegnen, verstehen sie sich besser denn je. Was genau sie damals auseinander getrieben hat, kommt in dem Text nie zur Sprache, sodass man sich während des gesamten Romans immer wieder die spannende Frage stellt: Warum verstanden sich die zwei Freunde nicht mehr? Man erfährt bloß, dass der Anhalter die Geduld Sachas vor 20 Jahren schon einmal überstrapaziert hat. Außerdem hat es wohl damals eine Rivalität zwischen ihnen gegeben.

Der Anhalter hat seit der letzten Begegnung eine Familie gegründet, die aus seiner Frau Marie und einem Sohn im Schulalter, Agustín, besteht, während Sacha alleinstehend und kinderlos geblieben ist. Der Anhalter und Marie kommen über die Runden, indem er selbständig handwerkliche Aufträge fast jeder Art – Maurerarbeiten, Fliesenlegen, Bäder, Küchen – ausführt und Gelegenheitsjobs annimmt, und indem sie belletristische Bücher wie einen Romantext von Lodoli aus dem Italienischen übersetzt.

Überraschend ist nicht nur der Kontrast aus handwerklicher und intellektueller Tätigkeit. Auch sonst sind die Lebensentwürfe von Marie und dem Anhalter von Gegensätzen geprägt, was der Liebe bislang keinen Abbruch tut. Während Marie sich um ihre Arbeit und den gemeinsamen Sohn kümmert, zieht es den 40-jährigen immer wieder in die Ferne. Dann bereist er für längere Zeiträume per Anhalter ganz Frankreich.

„Ich brauche das, sagte er schließlich. So einfach ist das, glaube ich. Ich brauche es. Es gibt Leute, die müssen Sport machen. Es gibt Leute, die trinken, die feiern gehen. Und ich brauche es loszuziehen. Das ist für mein inneres Gleichgewicht notwendig. Wenn ich zu lange nicht losziehe, ersticke ich.“

Dabei fährt er anfangs nur über die Autobahnen des Landes, von einer Raststätte zur anderen trampend. Ob er an einem bestimmten Reiseziel ankommt, sei es Paris, Lille oder Brest, ist ihm dabei relativ egal. Es geht ihm vor allem um die Fahrt an sich, den Spaß am Reiseerlebnis.

Bei einem ist sich Sacha sicher: Der Anhalter flieht nicht vor seiner Familie und der Verantwortung. Denn „(e)r war keiner von den Männern, die ersticken, die es drängt, endlich den Ausbruch zu wagen (…).“ Vielmehr hat er das ständig Bedürfnis, anderen zu begegnen, Bekanntschaften und Freundschaften mit neuen Fahrerinnen und Fahrern zu machen. Für den Anhalter ist es nämlich ausnahmslos eine Freude, neue Menschen kennenzulernen.

„Ich bin in meinem Leben wenigen Menschen begegnet, für die andere nie lästig, ermüdend, langweilig sind. Sondern immer eine Chance. Ein Fest. Die Möglichkeit eines Mehrs an Leben. Der Anhalter gehörte dazu.“

Bei einem Abendessen erzählt der Schriftsteller Sacha von seinem neuen Buchprojekt, welches ebenfalls vom Reisen handelt und den Titel „Die Melancholie der großen Schiffe“ trägt: Es ist die Geschichte einer alten Dame, „die auf Reisen geht, von Stadt zu Stadt, von Begegnung zu Begegnung.“ Da die Dame sich bereits im Ruhestand befindet und keinerlei Verpflichtungen mehr hat, kann sie überallhin reisen, wo sie möchte. Sie reist in dem Buch zu verschiedenen Orten zugleich, „in ein und derselben absoluten Gegenwart“.

Auch der Anhalter hält seine Reiseerlebnisse fest, allerdings fotographisch: Von jeder Fahrerin und jedem Fahrer, der ihn ein Stück weit mitnimmt, egal ob weit oder kurz, macht er mit einer Polaroidkamera eine Aufnahme. Seine Sammlung umfasst Hunderte von Bildern, die er in einer Schublade in seiner heimischen Werkstatt sammelt. Als Sacha etwas später im Roman die Fotos durchzählt, sind es bereits weit über tausend Fotos. An viele der Fahrerinnen und Fahrer kann der Anhalter sich noch erinnern.

Später ändert der Anhalter seine Reisemethode: Er verlässt nun die Autobahnen die Autobahnen, um stattdessen von einem entlegenen Dorf zum nächsten zu reisen. Die Dörfer, in die er sich begibt, sucht er anhand ihrer Namen aus. Es handelt sich überraschend oft um Dörfer mit sprechenden Ortsnamen, zum Beispiel „Beausoleil“ (schöne Sonne), „Le Rendez-vous des chasseurs“ (Jägertreff), „La Réunion“ (Treffen), „Ogres“ (Menschenfresser), „Doux“ (Sanft). An der belgischen Grenze bereist er Dörfer, deren Name mit einem Z beginnt, etwa Zuytpeene, die „letzte Stadt im Alphabet“, oder Zydcooote, Zutkerque, Zoteux, Zouafques.

Um die Verbindung zu Sacha, Marie und Agustín nicht ganz abbrechen zu lassen, sendet er den dreien Ansichtskarten aus jeder neuen Stadt, in die er kommt. An festen Tagen und zu festen Zeiten – montagmorgens und donnerstagabends – ruft der Anhalter außerdem zuhause an, während er unterwegs ist.

Doch wie die Ansichtskarten mit der Zeit immer seltener eintrudeln, so machen sich auch die Besuche des Anhalters zuhause in V. immer rarer. Dauerten seine Touren anfangs in der Regel nur drei, vier Tage dauerten, bleibt er nach Sachas Ankunft in V. ein, zwei Wochen weg. Marie hat es irgendwann über, dass ihr Mann ständig auf Achse ist, wie der Anhalter seinem Freund an der Autobahnraststätte Lançon gesteht.

„Ich habe sie gefragt, ob ich ihr fehle, sie hat Nein geantwortet. Sie hat mir ins Gesicht geschaut und die Wahrheit gesagt: dass ich ihr immer weniger fehle. Sie sei traurig (…). Nicht weil ich losziehe. Nicht weil ich nicht da bin. Sondern traurig, weil sie sich daran gewöhnte. Traurig zu spüren, dass meine Abwesenheiten ihr fast nichts mehr ausmachen.“

Der Anhalter merkt, dass er durch seine vielen Reisen dabei ist, seine Beziehung zu Marie zu zerstören, die ihm offen gesteht, dass sie Sacha mag. Marie ist zunehmend traurig, wenn die Postkarten vom Anhalter ankommen, während zu Beginn ihre Freude, Traurigkeit und Unmut ausgewogen waren.

Und tatsächlich: Während der Abwesenheit des Anhalters kommen sich Sacha und Marie näher. Sie verbringen zunächst immer mehr Zeit miteinander. Sacha kümmert sich manchmal um Agustín, indem er ihn von der Schule abholt oder danach auf ihn aufpasst, um Marie zu entlasten.

Die Liebesbeziehung zwischen Marie und Sacha, die zu Beginn keine ist, keine sein darf, beginnt mit vorsichtigen Annäherungen, ausgetauschten Küssen, einem ersten Anschmiegen, Umarmungen. Dann geht Marie demonstrativ wieder auf Distanz, weil sie ihren Mann nicht betrügen möchte. Diese emotionale und intellektuelle Bewegung zwischen intuitiver Annäherung, lustvollem körperlichen Kennenlernen und Abstoßung aus rationalen Gründen ist vom Autor sehr fein beobachtet und hervorragend geschildert.

Eine ménage à trois beginnt, bei der einer der Beteiligten nur aus der Ferne zusehen kann, da er fast nie anwesend ist. Und dennoch wird man bei der Lektüre das Gefühl nicht los, dass der Anhalter von Beginn an, womöglich schon bei den ersten Aufeinandertreffen der drei, ein sehr gutes Gespür dafür hat, dass zwischen seiner Frau und dem Neuankömmling Sacha etwas Ernsteres entstehen könnte. Statt gegen diese langsam vonstatten gehende Entwicklung vorzugehen oder Zeichen von Eifersucht an den Tag zu legen, lässt er den Dinge einfach ihren Lauf. Hier wird die wahrhafte Tramperseele offenbar.

Vielleicht ist die zunehmende Nähe zwischen Marie und Sacha einer der Gründe dafür, dass der Anhalter die drei Zuhausegebliebenen nun für immer längere Zeiträume allein in V. lässt. Die beiden fahren auf einen Vorschlag Sachas hin mit Agustín und einem Freund Agustíns ans Meer.

Als kurz nach dem idyllischen Ausflug ans Meer der Anhalter aus der Normandie anruft, wird Sacha kurzzeitig von dem paranoiden Gedanken beherrscht, dass der Anhalter in Wahrheit gar nicht verreise, sondern heimlich ihr Leben in V. beobachte. Eine Nacht lang kurvt er auf der Suche nach ihm mit dem Auto durch die dunklen Straßen der kleinen Stadt, jedoch ohne fündig zu werden, weshalb er die quälenden Gedanken am Ende verwirft.

Marie sagt nun, dass sie nicht mehr könne – die vielen Reisen des Anhalters werden ihr zu viel. Während Marie, die auf einmal den Impuls hat wegzufahren, für einige Tage verreist, kümmert sich Sacha um Agustín und hütet das Haus. Er fühlt sich dabei wie ein Kuckuck, der sich in ein fremdes, gemachtes Nest setzt – „mit dem Unterschied, dass ich kein Ei in ein fremdes Nest lege, im Gegenteil, ich beschütze die Brut, die schon da ist, ich kümmere mich darum, ich verhalte mich wie eine echte Mutter“.

Als Marie nach zehn Tagen zurückkehrt, wird sie von Agustín mit großer Freude empfangen und berichtet Sacha, was sie erlebt hat. Zunächst hat sie für drei, vier Tage ihren ehemaligen Studienkollegen und Geliebten Jean besucht, der mittlerweile, von seiner Frau getrennt, einen kleinen Verlag führt.

„Was ich nach drei Tagen mit Jean vor allem gesehen habe, war, dass der Anhalter mir weiter fehlte. ist ich mich in jedem Augenblick fragte, wo er war, was er machte.“

Am Morgen des vierten Tages ist sie ins Auto gestiegen, um nach Norden zu fahren, wo sich nach ihren Kenntnissen der Anhalter in diesem Moment aufhielt, der eine Karte aus den Orten gesendet hatte, die mit Z beginnen. Sie erreicht die Dörfer, die mit Z beginnen und irrt den ganzen Tag mit dem Wagen umher. Sie nimmt sich ein Motel und verbringt mehrere Tage im Norden, um ihren Mann zu suchen, im Bewusstsein, dass ihr Vorhaben eigentlich völlig verrückt ist. Nach vier Tagen passiert das Unwahrscheinliche: Sie findet den Anhalter an einer vierspurigen Straße am Ausgang von Dunkerque.

Nachts nehmen sie sich ein Hotel. An der Rezeption ereignet sich der Moment, der für beide den entscheidenden Wendepunkt in ihrer Beziehung markiert. Der Anhalter verlangt vom Rezeptionisten ein Zimmer für beide. Marie korrigiert ihn, indem sie um ein zweites Zimmer für sich selbst bittet. Am nächsten Morgen fährt Marie wieder nach Hause, wobei sie sich plötzlich immer sicherer und selbstbewusster fühlt.

Von nun ist Sacha immer öfter bei Marie und Agustín zu Besuch und übernachtet sogar. Die drei Zuhausegebliebenen gehen gemeinsam wandern, arbeiten im Gemüsegarten, Marie spielt Klavier und beendet ihre Übersetzung. Sie verbringen einige Tage des Nichtstuns. Das Fortsein des Anhalters wird immer mehr zu einer Tatsache. Zwischen den vier hat sich ein Gleichgewicht eingespielt, das keiner mehr infrage stellt. Das Zusammenleben mit Sacha ist zu einer Selbstverständlichkeit geworden.

Nachdem Agustín ein Bild von unterirdischen Gängen und dem Krieg gemalt hat, das Sacha an Les Éparges erinnert, fährt der Anhalter dorthin. Daraufhin ersinnen die vier ein Spiel: Sacha, Agustín und Marie diktieren dem Anhalter per Telefon, an welchen Ort er als nächstes reisen soll. Dieser nimmt die Herausforderung an. Währenddessen werden die Postsendungen weniger und bleiben schließlich ganz aus.

Eines Tages im Mai steht der Anhalter vor der Tür, um Sacha abzuholen. Er möchte ihn für zwei, drei Tage auf eine Reise in den Weiler Orion mitnehmen, der auf halbem Weg zwischen Pau und Bayonne liegt. Nur sie beide sollen noch einmal per Anhalter verreisen, wie früher. Gegen Ende des Buches erlebt man das Trampen und das damit einhergehende Lebensgefühl also aus nächster Nähe. Eine schöne Reiseepisode, die „eine vertraute Anspannung“, nämlich das Reisefieber, die „Freude, wieder auf Achse zu sein“ vermittelt.

Nach einem Tag Fahrt kommt Sacha in Orion an. Der Anhalter ist bereits vor Ort, wo er am Fuß eines Wasserturms sitzt, der in dem kleinen Ort kaum zu übersehen ist. Während der Anhalter mit neun Fahrten in das Städtchen gekommen ist, hat Sacha nur fünf gebraucht.

„Das sagte viel über uns aus. Der Vorausschauende, Abwägende, Vorsichtige, auf Effizienz Bedachte. Und der Abenteurer, bereit, jede sich bietende Gelegenheit zu ergreifen (…).“

Sie ruhen sich aus, bauen ihre Zelte neben dem Wasserturm auf und baden im Bach in der Nähe. Daraufhin lernen sie eine Frau aus dem Ort kennen, Souad, die sie abends zu sich nach Hause einlädt, wo sie ihnen ein Abendessen und eine Dusche anbietet. Der literarisch und mythologisch gebildete Sacha erzählt Souad und ihrer Tochter Lila die Geschichte, wie der riesenhafte Jäger Orion zu einem Sternbild wurde. Denn nach Orion kamen die beiden Freunde, wie sie berichten, nur deshalb, weil das Dorf den Namen eines Sternbilds trägt.

Schließlich müssen die Freunde wieder nach draußen, um in ihren Zelten die Nacht zu verbringen. Am nächsten Morgen dann die große Überraschung: Der Anhalter ist weg, abgereist, verschwunden mitsamt seinem Zelt. Sacha sucht im Dorf nach ihm, doch vergebens.

„Ich dachte an all die Momente, die wir in den letzten Monaten zusammen verbracht hatten. An die unerwartete Freude, die es mir bereitet hatte, ihn wiederzusehen. Ich dachte an die Worte zurück, die ich vor langer Zeit zu ihm gesagt hatte: Ich will, dass du aus meinem Leben verschwindest. (…) Ich wünschte mir auf einmal, er wäre wieder da.“

Nachdem Sacha nach V. zurückgekehrt ist, zieht er endgültig bei Marie und Agustín ein. Er widmet sich wieder seiner künstlerischen Arbeit. Marie gibt ihre Übersetzung ab. Im Juni machen Marie und Sacha Urlaub in Rom und Marseille, während Maries Mutter sich um Agustín sorgt. In Marseille legen sie während der Rückreise einen spontanen mehrtägigen Halt ein, obwohl sie dort eigentlich nur hätten umsteigen müssen. Marie, Agustín und Sacha ziehen daraufhin öfter los, etwa zu der Dune du Pilat. Der Anhalter bleibt ab dem Sommer verschwunden.

Dann erreicht sie im August überraschend eine Mail vom Anhalter, mit der er Hunderte seiner Fahrerinnen und Fahrer zu einem gemeinsamen Fest einlädt. Die Empfänger sollen einfach am nächsten Wochenende in das Dorf Camarade in Ariège kommen und etwas zu essen und zu trinken mitbringen.

Tatsächlich folgen Hunderte von Menschen dem Aufruf, „Menschen jeden Alters, jeden Milieus, jeden Stils. Männer. Frauen. Kinder. Sichtlich Reiche. Sichtlich Bescheidene.“ Nur der Anhalter kommt nicht. Er hat Freude daran, seine Fahrerinnen und Fahrer aus der Ferne zusammenzubringen, ohne selbst an dem ungewöhnlichen Fest teilzunehmen. Er möchte nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, nimmt Sacha an.

Die Feier wird ein Erfolg: Die Leute freuen sich, verblüfft über sich selbst, dass sie der spontanen Einladung gefolgt sind. Sie unterhalten sich miteinander, grillen, baden, spielen, singen. Der Roman schließt also auf eine sehr festliche und fröhliche Weise. Nur der Anhalter bleibt verschwunden. Das Konstante an ihm ist, dass er sich immer wieder entzieht, indem er sich in die Ferne begibt, die auch bei den Lesern im Lauf der Lektüre die Sehnsucht nach einer Reise weckt.

„Allerorten“ ist Werk über die Lust am Reisen, das Abfahren und Ankommen, das Sich-Entfernen und das Zurückkehren. Mal sprüht die Erzählung vor Energie, mal gibt sie sich den leiseren Tönen hin. Eigentlich wäre das Buch die perfekte Urlaubslektüre. Denn der Roman entführt die Leserinnen und Leser in die mehr oder weniger entlegenen Orte Frankreichs, in die Provence, die Normandie, die Bretagne, in Dörfer mit Namen, die man noch nie gehört hat, und an Orte, die man wahrscheinlich nie im Leben sehen wird.

Das Buch bezaubert durch eine gewisse Leichtigkeit, es hat etwas Entspanntes, Lockeres, das das Urlaubsgefühl in den heimischen Lesesessel bringt. In Zeiten, wo das Verreisen aufgrund des Coronavirus nicht möglich ist, kann ein solcher Text wenigstens eine kompensatorische Leistung übernehmen.

Darüber hinaus ist der Text hochgradig intertextuell: Er steckt voller Anspielungen auf andere musikalische wie auch literarische Werke. Der belesene Sacha nennt uns immer wieder Autorinnen und Autoren, auf die er sich bezieht und die für ihn Bedeutung haben, etwa Gustave Flaubert, Lobo Antunes, Claude Simon, Giani Stuparich, oder gegen Ende den Musiker Leonhard Cohen. Auch Marie ist literarisch gebildet: Sie liest Jim Harrison, Susan Sontag, Luca Sau, Antonio Moresco und Marco Lodoli.

Das Buch „Allerorten“ ist somit auch eine Ode an das Leben als Künstlerin oder Künstler, Schriftstellerin oder Schriftsteller und Übersetzerin oder Übersetzer. In dem Roman wird viel mehr als in anderen Büchern gelesen und über das Schreiben und Lesen nachgedacht.

Über Monate arbeitet Sacha in V. an seinem Projekt „Die Melancholie der großen Schiffe“, bei welchem er Leinwände mit safrangelber Farbe bemalt. Immer wieder sitzt er vor seinem begonnenen Word-Dokument. Ganz nebenbei wohnt man so in dem Roman der mit Scheitern und Schwierigkeiten verbundenen Arbeit des Künstlers bei.

Auch eine sehr bildhafte und anschauliche Würdigung der Übersetzkunst mittels einer militärischen Allegorie, vorgebracht von der Übersetzerin Marie selbst, enthält der Text:

„Sie verglich die Wörter mit alten Soldaten, die seit Jahrhunderten im Dienst der Sprache stehen. Sie sagte, sie gelangten nicht neu zu uns, sie hätten schon in vielen Schlachten gedient. Ein Wort statt eines anderen zu wählen bedeute, einen Veteranen mit seiner gesamten Geschichte, seinem gesamten Gedächtnis in sein Buch aufzunehmen, da dürfe man sich nicht vertun, sonst laufe die ganze Truppe der bisher gewählten Wörter Gefahr, ihre Einheit zu verlieren.“

Als Sacha etwa in der Mitte des Textes in der von Marie angefertigten Lodoli-Übersetzung liest, findet er Gefallen an dem titelgebenden Ausdruck „allerorten“:

„Maries Übersetzung war voller Trouvaillen, die mich begeisterten, zum Beispiel die Stelle, wo der Gärtner zum ersten Mal allein im Garten ist und beschließt, die Pflanzen zu gießen, „weil die Sonne sich neigte und Constantino wusste, dies war allerorten die Stunde, um die man die Gärten goss“. Ich liebte diesen Ausdruck, allerorten.“

Es fällt immer wieder auf, dass Prudhomme eine eigentümliche Interpunktion benutzt, was den Lesefluss bisweilen etwas unterbricht. Er setzt nach Fragesätzen kein Fragezeichen, sondern einen Punkt. Bei manchen Aufzählungen werden die Elemente der Aufzählung nicht durch Kommata abgetrennt, sondern stehen lose nebeneinander. Hat man sich einmal an diese Zeichensetzung gewöhnt, die auch aus seinen vorherigen Romanen „Legenden“ und „Ein Lied für Dulce“ schon bekannt sein könnte, liest sich der Text sehr flüssig.

Insgesamt erhält man mit „Allerorten“ einen Kunst-, Beziehungs- und Reiseroman, der voller Lebensfreude und -bejahung steckt. Die sich ergebende ménage à trois zwischen Sacha, Marie und dem meist abwesenden Anhalter und die Reisen des Anhalters treiben die Handlung des Romans voran, die voller Überraschungen steckt – Ausflüge, eine plötzliche Rückkehr, die abschließende Feier. So wird es in diesem Text nie langweilig, obwohl im Grunde nicht viel passiert und sich die Dinge eher langsam entwickeln. Das liest sich schön, spannend und erfrischend.

„Par les routes“ wurde 2019 in Frankreich mit dem Prix Fémina ausgezeichnet.

Allerorten von Sylvain Prudhomme erschien in der Übersetzung Claudia Kalscheuers am 14. September 2020 im Unionsverlag und hat 256 Seiten. Alle Zitate stammen aus dem Buch.

Titelbild: © Unionsverlag

Florian Birnmeyer, 1990 in Nördlingen geboren, ist im Ries aufgewachsen. Während der Schulzeit am Albrecht-Ernst-Gymnasium Oettingen war er für verschiedene Online- und Print-Jugendmedien, die Lokalzeitung und in der Jungen Presse Bayern tätig. Nach dem Abitur studierte er an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und an der Sorbonne in Paris französische und lateinische Philologie. Seit 2020 arbeitet er als Kursleiter am Bildungszentrum Nürnberg sowie als Nachhilfelehrer für Französisch und Latein. Seiner Neigung zur Literatur, insbesondere zu deutschen und französischen Romanen, geht er als Rezensent nach, etwa auf seinem Blog www.der-leser.net, auf TITEL Kulturmagazin sowie postmondän.

 
 

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Schellenmann – ein Schwäbisch Noir

Philipp Böhms Schellenmann überzeugt vor allem durch seinen sphärischen Schreibstil, der expressionistische Unschärfe erzeugt. Und ein ungewöhnliches Romandebüt freisetzt.


Philipp Böhms Debütroman Schellenmann spiegelt eine Situation, die der Autor und vielleicht auch einige seiner Leser٭innen selbst ganz gut kennen: Die Jugend in einer Kleinstadt geht zu Ende, die wichtigste Lebensentscheidung besteht für einen Moment in der Frage: bleiben oder wegziehen? Das gespiegelte Bild jedoch verzerrt sich durch den Umstand, dass Protagonist Jakob sich fürs Dableiben entscheidet. Statt herauszuwollen und einer Ausbildung nachzugehen, folgt er seinem Freund Hartmann ungelernt in die Fabrik am Stadtrand. Von der er noch nicht einmal genau weiß, was produziert wird, deren Maschinen im ganzen Betrieb fast niemand wirklich versteht und deren Charaktere Böhm ihn in ihren Eigenheiten studieren lässt.

Fremd bleiben sie ihm und den Leser٭innen dennoch. Wie alles fremd bleibt, in dieser Stadt, in die Jakob erst ein paar Jahre vor Einsetzen der Handlung zugezogen ist. Das eigentliche Problem am Bleiben jedoch ist, wie er dann auch erfahren muss, dass um einen herum ja trotzdem vieles wegbricht. Und sei es nur die endende Jugend oder das Wegziehen von Freund٭innen. Bei Böhm wird es noch dramatischer: Selbst die Natur scheint zu protestieren und Jakob forttreiben zu wollen, was dramatische Züge annimmt.

Die Überspitzung dieses Konflikt führt Philipp Böhm auch ein Stück weit ins Fantastische, vielleicht, weil er eine Realität durchspielt, die er selbst hätte wählen können, die ihm dann aber selbst zu abstrakt und unrealistisch erscheint. Ein wertvolles Stilmittel dieser Fantasie ist die von ihm in die Handlung eingefügte Figur des Schellenmanns, die er sich aus der schwäbisch-allemannischen Fastnachts-Folklore leiht. In dieser tritt der Schellenmann, auch „Gschell“ genannt, seit einigen Jahrhunderten als Repräsentant des Sommers und Gegenspieler des Federahannes auf, der den Winter verkörpert. Letzterer soll mit lauten Glocken ferngehalten werden, die ersterer am Körper trägt. Auch in Böhms Schellenmann will ein Sommer nicht enden und hält an, bis selbst die Tiere beginnen, vor sich hinzusterben, und der Schellenmann Realität wird – eine Entscheidung des Autors, die maßgeblich dazu beiträgt, dass man als Leser٭innen mitfühlen kann, wie fremd Jakob, dem Zugezogenen, sein Umfeld eigentlich ist – die Riten, Verspanntheiten und Dynamiken eines verschlossenen Raums.

Der Roman lebt inhaltlich vor allem durch die persönliche Inhaltsebene und seine Porträts der Mikrokosmen Kleinstadt und Fabrik. Die noch größeren Stärken hat das Debüt aber in seinem Sprachstil, der es schafft, einen Farbfilter über die Handlung zu legen. Beschrieben wird so wenig wie möglich, was zum einen ein gewisses Desinteresse der Protagonist٭innen an ihrer Umwelt aufarbeitet, die eben nicht die spannende weite Welt ist, sondern der kleine, bedeutungslose Ort, an dem eben wohnt. Zum anderen setzt es Bilder frei.

Und wo doch etwas beschrieben wird, da ist es karg, unwirtlich und im Grunde auch nicht so richtig beeinflussbar, sondern einfach eine nutzlose Gegebenheit. Wie die Blätter und Zigarettenstummel in der Ecke des Fabrikhofs, die sich nach jedem Fegen neu sammeln oder „zusammgeknüllte Burger-Tüten, Bierflaschen, Umsonstzeitungen, Flip-Flops, Eierkartons“, die den Bach entlangtreiben – „und dann die Eichhörnchen“.

Ein einziges Manko dieses ausgereiften Erzählstils ist, dass die Handlung hinter ihm teilweise nur unscharf und benommen durchscheint und der eigentliche Plot, in dem immerhin auch noch eine Figur spurlos verschwindet, eher hintergründig wird. Das nimmt Böhm jedoch in Kauf, um der über allem schwebenden Warum-Frage und inneren Unruhe des Erzählten auf mehreren Ebenen gerecht werden zu können.

Wo es Schellenmann an Spannung fehlt, springt eine durchdringende Anspannung ein. Philipp Böhms Roman, der sich expressionistisch liest, entromantisiert das Idyll, stellt aber gleichzeitig die Sinnsuche junger Menschen überhaupt in Frage: Wieso löst es so einen starken inneren und äußeren Widerstand aus, sein Glück nicht in Selbstverwirklichung zu suchen, sondern einfach nur zu probieren, sich an dem Ort, an dem man lebt, einzurichten und ein kleines bisschen weniger fremd zu fühlen?

Schellenmann von Philipp Böhm erschien 2019 im Verbrecher Verlag und hat 224 Seiten.

 

 

Jenseits von Eden – Sarah Kuttners Kurt

Blühende Vorgärten, Kaffeegeruch am Morgen, ein Haus im Grünen und ein toter Sohn. Der neue Roman von Sarah Kuttner Kurt beschreibt das eigentlich Unbeschreibliche.


Wie erträgt man es, wenn der sechsjährige Sohn stirbt? Wie geht man mit diesem Schmerz um? Und wie sehr darf man leiden, wie traurig darf man sein, wenn es nicht der eigene Sohn ist? Wenn man nur die Stiefmutter ist, die Mitbewohnerin, die neue Lebensgefährtin des Vaters oder was auch immer? Denn das ist Lena in Sarah Kuttners neuem Roman Kurt. Sie ist die Freundin vom großen Kurt, der seinen Sohn ebenfalls Kurt genannt hat. Und mit dem ist sie gerade erst in ein Haus nach Brandenburg gezogen – irgendwo bei Oranienburg nahe dem Stadtteil Eden. Damit sie beide näher am kleinen Kurt und seiner Mutter Jana wohnen. Sie haben im neuen Haus das Kinderzimmer eingerichtet, Bäume gepflanzt. Der kleine und der große Kurt haben Kieselsäcke in den Garten geschleppt.

Häusliches Unglück

„Und dann fällt Kurt vom Klettergerüst.“ Ein Satz, der sich erst einmal unauffällig einreiht in die Beschreibung der heilen Biedermeier-Vorstadt-Welt und des glücklichen Patchworkfamilien-Idylls. Doch dann wird es dumpf. Ja, es wird dumpf. Anders ist er nicht zu beschreiben – der Ton, in dem das Buch zunächst fortfährt. Lena liest Beerdigungsgesetzestexte und Kurt ist irgendwie nie da. Lässt Lena nicht teilhaben an seinem Schmerz. Lena lässt ihn machen und zieht für ein paar Tage zu ihrer Schwester nach Berlin. Versucht, deren Dachgarten in Schuss zu bringen. Trinkt zu viel. Dabei versteckt die Ich-Erzählerin ihre Fassungslosigkeit über den Tod des kleinen Kurts sowie die Sorge um den großen Kurt hinter flapsiger Ironie und schlagfertigen Sprüchen. Ganz in bekannter Kuttner-Manier. So kommt man nicht umher in der Protagonistin die Autorin zu sehen. Doch diese schafft es in beeindruckender Weise, den Leser٭innen das Gefühl zu geben, etwas zu unterdrücken. Da ist plötzlich irgendwas, das herauswill, aber nicht kann.

Dreck im Idyll

Ja, hier wird ein bekanntes Erzählmittel gewählt: Je glücklicher und bunter das Leben der Protagonist٭innen beschrieben wird, desto härter trifft die Leser٭innen die dramatische Wendung. Doch bei Kurt ist etwas anders: Die Vorstadt-Idylle bleibt und gaukelt vor, alles sei wie immer. Die frisch gepflanzten Bäume im neuen Garten blühen bunt, die Nachbarn grillen an warmen Abenden. Die Protagonist٭innen sind eingesperrt in ein scheinbar friedliches Landleben, das sie nur noch durch einen Schleier betrachten können. Und das auch für die Leser٭innen immer unerträglicher wird. Denn jedes erwähnte Vogelgezwitscher, jeder Sonnenstahl, jeder blühende Baum unterstreicht noch einmal: Es könnte alles gut sein. Warum hat sich der kleine Kurt beim Sturz nicht nur den Arm gebrochen?

Neue Welt

Die Leser٭innen begleiten Lena in ihrer hilflosen Sorge um ihren Freund Kurt und durch ihre Wut auf ihn, dass er seine Gefühle nicht mit ihr teilt. Bis die Protagonistin endlich zu der Erkenntnis kommt, dass auch sie ein Recht darauf hat, so zu trauern, wie es sich für sie richtig anfühlt. Aber die Leser٭innen verfolgen auch eine Beziehung, die erst glücklicher nicht sein könnte in ihrer neu entdeckten Häuslichkeit und plötzlich am Schmerz zu zerbrechen droht. Dabei schafft es Kuttner immer, den richtigen Ton zu treffen, sich jedoch eine gewisse Leichtigkeit in der Sprache zu bewahren. Und mit dieser schiebt sie Lena und den großen Kurt am Ende langsam und ganz vorsichtig zurück ins Leben. Zwar ist es nicht Eden und auch nicht die glückliche Biedermeier-Vorstadt-Welt – beides gibt es ohne den kleinen Kurt nicht mehr. Aber sie entlässt sie in eine Welt, in der sie die Trauer des jeweils anderen verstehen und in der sie sich wiederfinden können. Und endlich kann auch bei den Leser٭innen das heraus, was sich die ganze Lektüre hindurch angestaut hat: Im letzten Kapitel rollen endlich die Tränen.

Kurt von Sarah Kuttner erschien am 13. März im S. Fischer Verlag und hat 240 Seiten.

Was nehmen wir mit von 2018? Eine postmondäne Leseliste

Jahresrückblick 2018

Vor dem Aufbruch in 2019 haben acht postmondänler nochmal darüber nachgedacht, was sie 2018 beschäftigt hat, und wagen einen Rückblick ins Lesejahr. Im Zentrum stehen fünf Themen, die das Jahr umranden: Ausdrucksformen, Lebenskonzepte, Symbiosen, Zeitreisen und Rassismus.

von Dirk Sorge, Simon Rösel, Florence Wilken, Katharina van Dülmen, Lennart Colmer, Dominik Gerwens, Gregor van Dülmen und Moritz Bouws

Übers Schreiben schreiben

Dirk über Nichtrechthabenwollen von Martin Seel

Martin Seels Gedankenspiele mit dem sperrigen Titel „Nichtrechthabenwollen“ sind Spiele ohne festes Regelwerk. Es ist ein Buch ohne Handlung, das – vereinfacht gesagt – versucht, auf der Grenze zwischen Philosophie und Literatur zu balancieren. Es ist eine ungewöhnliche Mischung aus philosophischen Aphorismen, poetischen Einfällen und autobiographischen Einschüben. Es ist ein Buch, das das Schreiben selbst thematisiert und mit verschiedenen Formen experimentiert. Es lotet die Grenzen des logischen Argumentierens und des linearen Denkens aus und reflektiert dabei über die Möglichkeiten von Sprache.

Was zunächst sehr allgemein und abgehoben klingt, gelingt Seel insgesamt recht anschaulich. Wenn man sich darauf einlässt, ist es streckenweise sehr unterhaltsam, zu beobachten wie sich Seel immer wieder selbst im Denken unterbricht und von vorne beginnen muss. Seel baut in seine Überlegungen viele Querverweise zum Kanon der europäischen Philosophie und Literatur, zur Jazzmusik und zum Kino ein. An einigen Stellen wirkt das leider wie ein bloßes name dropping, ohne inhaltlichen Mehrwert.

Die stärksten Momente sind meiner Meinung nach die, in denen er über Alltagsbeobachtungen, wie das Bahnfahren oder das Auflösen einer Wohnung schreibt, oder über andere biographische Erlebnisse. An diesen Stellen gelingt es Seel am besten, mit Assoziationen zu arbeiten, ohne in einen belehrenden Duktus zurückzufallen. Hier hätte sich Seel gerne mehr vertiefen können, um sich etwas mehr von den großen Vorbildern und Gewährsmännern (Wittgenstein, Kant, Proust, etc.) lösen zu können. Jedenfalls führt Seel eindrücklich vor, wie schwierig es ist, eine Form zu finden, in der Gedanken ausgedrückt werden können, die nicht anfechtbar sein sollen.

Nichtrechthabenwollen erschien 2018 bei Fischer.

Selfieliteraturen

Simon über Kämpfen von Karl Ove Knausgard

Mein Jahr endete so, wie es begonnen hatte – mit Karl Ove Knausgard. Anfang des Jahres las ich gerade an Band 3 des autobiografischen Min-Kamp-Zyklus. Jetzt, zwischen den Jahren, beginne ich mit dem letzten Buch der Reihe. Auf Deutsch heißt er Kämpfen. Seit ich die Bücher 4 und gelesen habe sind sicher zehn Monaten vergangen. In der Zeit habe ich oft über Knausgard gelästert. Ich sagte auf Partys oder im Café, er sei eitel, ein Mann, der Männerprobleme aus einer Männersicht erörtere. Sein Gestus der Selbstoffenbarung ging mir auf die Nerven. Jedesmal sagte ich aber dazu, dass ich die Bücher gut fand.

Trotzdem hat meine Familie Weihnachten wenig von mir gesehen. Dafür hab ich schon 200 Seiten des sechsten Bandes gelesen. Knausgards eigener Zwiespalt zwischen Selbstzweifel und Narzissmus überträgt sich auf das Leseerlebnis, das abstoßend und anziehend zugleich ist. Er schafft es wie wenige andere, die Selbstreflexion seiner Leser٭innen in Gang zu setzen. Auf einmal sehe ich mich selber als literarische Figur und denke über mich in präzisen Sätzen. Außerdem erkenne ich manche seiner Geschichten in ähnlicher Form in meinem eigenen Leben. Welche das sind, ist mir hier zu peinlich zuzugeben, aber vielleicht wäre das Stoff für einen Roman?

Kämpfen erschien 2018 bei Luchterhand.

 

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Kurz und intensiv

Florence über Das Leben ist kurz von Marin Mosebach

Ein Jahresrückblick ist dazu da, sich Vergangenes noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Noch einmal las ich Mosebachs Erzählband mit zwölf kurzen „Bagatellen“. Fein säuberlich in vier Kapitel geteilt mit je drei Erzählungen, mal fiktiv mal autobiographisch, begegnet man unterschiedlichen Charakteren. Mosebach legt sehr subtil und mit gekonnter Ironie auch die unsympathischen Charakterzüge seiner Protagonistinnen frei. Ein gekränkter, kränkelnder Tenor, dessen Eitelkeit sich als Vorbote des drohenden Karriereendes aufbläht. Oder die Malerin, die aus Faszination und Schaffensgier die Zerbrechlichkeit eines Taubeneis ignoriert. Es gibt da aber auch die liebevollen Worte eines Fahrradfreundes, der sich an den freien Schwung erinnert, mit welchem er dem erdrückenden Schulalltag entfuhr. Die Kürze der Texte spiegelt sich im Titel. Trotzdem erscheinen die Welten, in die Mosebach uns einen Blick werfen lässt, extrem reichhaltig. Man meint, den Fahrtwind zu spüren, fühlt die Beklommenheit in der Opernprobe, sieht die Eleganz des spaghettiservierenden Fräuleins unter der mit Weintrauben bewachsenen Pergola vor sich. Ein kurzweiliges und intensives Leseerlebnis.

Das Leben ist kurz erschien 2016 bei Rowohlt.

Der Fall Ida

Katharina über Ida von Katharina Adler

Stimmverlust, Husten, Ohnmachtsanfälle und ein Abschiedsbrief – ein klarer Fall für Doktor Sigmund Freud. Da war sich der Texilfabrikant Philipp Bauer sicher und schickte seine Tochter 1900 zu dem von ihm sehr geschätzten Arzt. Ida Bauer wurde eine der berühmtesten Patientinnen des Begründers der Psychoanalyse – nicht zuletzt, weil die „widerspenstige“ Patentin die Therapie eigenmächtig abbrach. Den „Fall Dora“ veröffentlichte Freud einige Jahre später, 1905, in seiner Schrift Bruchstücke einer Hysterie-Analyse.

Aber wer war diese Ida Bauer bzw. später Ida Adler wirklich? Das fragte sich auch ihre Urenkelin Katharina Adler. Sie wollte ein Buch über eine Frau schreiben, „die man nicht als lebenslängliche Hysterikerin abtun oder pauschal als Heldin instrumentalisieren kann“. Ist ihr das gelungen? Ida basiert auf dokumentarischem Material; alle Leerstellen füllte die Autorin jedoch mit Fiktion. Aber war es nicht auch Freud, der behauptete, dass seine „Krankengeschichten […] wie Novellen zu lesen sind“ [Studien über Hysterie, 1895]. Und wurden nicht auch in seinen Schriften literarische Muster aufgedeckt?

Nichtsdestotrotz: Ida ist keine Biografie, sondern ein Roman, in dem Freud nur indirekt zu Wort kommt. Und in dem eine Frau porträtiert wird, die kaum greifbar ist. Auch sind weder Arzt noch Patientin Sympathieträger٭in: Freud ist etwas zu fixiert auf seine (Traum-)Deutungen; Ida, zu sehr auf sich selbst fokussiert, fehlt es an Empathie für ihr Mitmenschen. Gespickt mit vielen Anekdoten, die sich nicht immer in den Gesamtkontext einordnen lassen, wird nicht ganz deutlich, wo der Roman hinmöchte – und geht selten in die Tiefe. Ob Freud das gefallen hätte? Gelungen ist der Autorin aber trotzdem ein sehr gut recherchierter und lesenswerter Familienroman.

Ida erschien 2018 bei Rowohlt.

 

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Zweimal zurück in die Neunziger

Lennart über Sommerfrauen, Winterfrauen von Chris Kraus

Die Neunziger sind zurück. Das sagen zumindest all die Plakate, die auf Motto-Events in jeder Nähe hinweisen. Sommerfrauen, Winterfrauen spielt zu der heute nostalgisch-reanimierten Zeit, in der Blümchen und Buffalos angesagt waren – jedoch weitab von jenen Eurodance-Trends. Es ist 1996 und ein junger deutscher Filmstudent taucht für wenige Wochen in New York ab, um… nun, er weiß es selbst nicht genau, zu suchen. Getreu nach dem Motto „Wer sucht, der findet nicht“ stößt er dabei auf merkwürdige Menschen (sich selbst eingeschlossen) und seine unbequeme Familiengeschichte. Chris Kraus erzählt auf eine distanzlose wie sensible Weise, von den Leben und Leiden seiner Protagonisten, ohne sie dabei zu verraten.

Sommerfrauen, Winterfrauen erschien 2018 bei Diogenes.

 

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Lennart über Nordkraft von Jakob Ejersbo

In vielerlei ist dieser Roman näher an den 90er Jahren dran als oben genannter von Chris Kraus. Jugendliche, bereits gescheiterte Existenzen verzweigen sich im Dänemark jener Jahre zu einem schicksalhaften Beziehungsgeflecht und werden zu einem Perpetuum Mobile ihrer eigenen Geschichten, die Jakob Ejersbo auf eindrückliche, schnörkellose Weise erzählt. Der Leser kommt Menschen und Situationen nahe, welchen er lieber fern bleiben möchte. Auf der anderen Seite saugen Ejersbos Protagonisten ihn wieder an – wer Klischees aus dem Drogensumpf erwartet, wird mit teils rührender, teils abstoßender Menschlichkeit entwaffnet. Harte Schale, weicher Kern – mit einem harten Kernchen.

Nordkraft erschien 2004 bei DuMont.

Eine zeitlose Liebe

Lennart über Gun Love von Jennifer Clement

Eine melancholische Geschichte, die in der heutigen Zeit angesiedelt ist und zugleich eine magische Zeitlosigkeit ausstrahlt, erzählt Jennifer Clement in Gun Love. Der American Way of Life stößt hier auf eine unnachgiebige, langsam zersetzende Realität, in der eine junge Mutter mit ihrer Tochter lebt. Letztere führt den Leser durch ihre Welt, die stets zwischen leichtem Traumtanz und bitterer Härte balanciert. Wo schließlich der kleine, selbst gewobene und immer wieder zusammengenähte Frieden der kleinen Familie von Zerstörung heimgesucht wird, erblüht stille aber unaufhaltsame Rache in der Protagonistin Pearl. Ob das, was man spontan Happy End nennen möchte, tatsächlich eines ist, lässt sich vor dem Hintergrund der sich immer dramatischer zuspitzenden Geschichte kaum beantworten.

Gun Love erschien 2018 bei Suhrkamp.

Geschichte einer Symbiose

Dominik über Das letzte Jahrhundert der Pferde von Ulrich Raulff

Vergangenheit entsteht ja eigentlich nur dadurch, dass der Mensch sich auf etwas bezieht, das nicht mehr präsent ist, und so setzt Erinnerung immer das Bewusstsein des Bruchs zwischen zwei Zeiträumen voraus, die Menschen meist Zeitalter nennen. Das Zeitalter, auf das der Westfale Ulrich Raulff in seinem Buch den Blick zurückwirft ist jenes, das dem Menschen den Eintritt in die Moderne und die industrialisierte Welt der Gegenwart ermöglichte und trotzdem der Vergangenheit angehört: es ist das Pferdezeitalter.

Animate History, Human Animal Studies – nicht erst seit den Bestsellern von Yuval Noah Harari wird in der Geschichtswissenschaft nach dem spezifischen Verhältnis von Mensch und Tier und wie es unsere Lebenswelt bestimmt, gefragt. In Das letzte Jahrhundert der Pferde lernt der٭die Leser٭in ebenjene Tiere als Akteure von historischer Tragweite kennen, deren enge Beziehung mit dem Menschen die unsere geteilte Welt so maßgeblich  geprägt haben, dass man letztere eigentlich in Pferdezeitaltern gliedern müsste – vor, während und nach dem, was der Autor den „kentaurischen Pakt“ nennt. Universalhistorisch angelegt, elegant und mit viel Einfühlsamkeit geschrieben, hier und da vielleicht auch mit ein bisschen Wehmut angereichert, verbindet Raulff mit beispielloser erzählerischer Souveränität und frei von Überfrachtung Kulturgeschichte mit persönlichen Anekdoten, Mythos mit Theorie und begründet mit seiner Geschichte des Pferdes nahezu ein eigenes Genre.

Das letzte Jahrhundert der Pferde erschien 2015 bei C. H. Beck.

 

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Über Verantwortung

Gregor über Die Tagesordnung Eric Vuillard

2018 war ja auch ein Jahr verschwimmender Grenzen zwischen Information und Fiktion – von redaktionell frei erfundenen Spiegel-Reportagen bis zu belletristischen Sachbüchern wie Judith Schalanskys Verzeichnis einiger Verluste und eben auch Eric Vuillards Die Tagesordnung. In diesem richtet Vuillard literarisch ein paar Außenseiterperspektiven auf die Machtexpansion des Nationalsozialismus. Mit einem Erzählstil, der an Tolstoi erinnert, gleitet Vuillard durch Szenen, Schauplätze und Köpfe. Er springt hin und her zwischen einigen strategisch-mafiösen Schachzügen deutscher Machthaber. Am imposantesten hallt eine zentrale Szene nach, die das Treffen einiger deutscher Großindustrieller im Februar 1933 nachvollzieht, welche einen Geschäftstermin beim neu ernannten Kanzler wahrnehmen. Dieser, Hitler, suchte in der geladenen Gesellschaft finanzielle Unterstützung für die Reichstagswahl, und stärkt deren Interesse durch das Versprechen, sie in ihren Fabriken durch Zerschlagung von Kommunismus und Gewerkschaften ebenfalls als kleinen Führern freie Hand zu lassen – ein ehrenwerter Pakt, dem alle Beteiligten konsequent Folge leisten sollten.

Auf wenigen Seiten veranschaulicht Vuillard so Verantwortungen und Kontinuitäten von 1933 bis heute in Namen wie Siemens, Opel oder thyssenkrupp. Im Unterschied zu Tolstoi führt Vuillard seine Betrachtung aber nicht als im Grunde allwissender Erzähler aus, sondern stellt seine Leser٭innen selbst als im Grunde allwissend bloß, die gezwungen werden, sich ein paar Zusammenhänge neu bewusst zu machen, zum Beispiel die von unseren Haushaltsgeräten, mittelmäßigen Autos oder Rolltreppen zu Zwangsarbeit und Massenmord. Das Bewusstsein wird sogar zum dringenden Appell, vor allem an heutige Unternehmen, sich zu positionieren. Die Tagesordnung erschien ja nicht zufällig in Tagen, in denen antidemokratische Strömungen in vielen Industriestaaten zunehmen und Unternehmen gleichzeitig mehr Macht denn je besitzen.

Die Tagesordnung erschien 2018 bei Matthes & Seitz.

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Träume aus der Zeitkapsel

Gregor über Nur einmal von Kathleen Collins

Nur einmal von Kathleen Collins ist eine Kurzgeschichtensammlung, die buchstäblich aus einer Zeitkapsel kommt: geschlossen irgendwann in den 1960er-Jahren, wieder geöffnet erst Jahre nach dem Tod der Autorin durch ihre Tochter, und voller knapper Manuskripte aus Jahren der Bürgerrechtsbewegung, als nicht wenige sich ein Leben in bunten, weltoffenen USA ausmalten. Durch einen fast fotografischen Schreibstil, mit dem es Collins schafft, Charaktere ihrer eigenen Lebenswelt realistisch abzubilden, gewährt sie Zugänge zu einer jungen Generation, die so hoffnungsfroh auf eine gleichberechtigte Zukunft im Regenbogenstaat blickt, dass es einen 2018 erschauern lässt, wie wenig von dieser Hoffnung überlebt hat.

Collins‘ Kurzgeschichte Whatever happened to interracial love? zum Beispiel fragt Ende der 60er-Jahre, warum sich die ganzen „interracial couples“, die in New York um 1963 herum eine Selbstverständlichkeit waren, nicht nur schon wieder getrennt, sondern bereits wieder undenkbar geworden sind. Der gerade erst gegründete Kampa Verlag tut sich und uns einen großen Gefallen damit, Collins‘ Geschichten in sein Debüt-Programm aufzunehmen. Endlich bekommt das Werk der bereits 1989 verstorbenen Autorin und Regisseurin auch bei deutschsprachigen Leser٭innen die Aufmerksamkeit, die es zu ihren Lebzeiten verdient hätten.

Nur einmal erschien 2018 bei Kampa.

How to be an African

Moritz zu Americanah von Chimamanda Ngozi Adichie

Dem dritten und aktuellsten Roman von Chimamanda Ngozi Adichie wird sicherlich nicht zu Unrecht bereits jetzt weltliterarischer Charakter zugeschrieben. Als Spiegelbild ihres literarischen und öffentlichen Engagements sowie der eigenen Lebenserfahrung gelingt es Adichie in Americanah auf beeindruckende Weise die weiten Felder Feminismus, Identität, Exil und Rassismus mit Stringenz und Leichtigkeit unter einen Hut zu bringen. Die Geschichte zweier sich liebender Menschen, die sich aus den Augen verlieren und doch wieder zueinander finden ist nicht innovativ. Dass die beiden Protagonist٭innen, die ihre Jugend zunächst im militärdiktatorischen Nigeria der 1990er Jahre in einer gebildeten und verhältnismäßig privilegierten Mittelschicht erleben, aus Perspektivlosigkeit das Herkunftsland mit verschiedenen Zielen verlassen und unerwartete Wendungen hinnehmen müssen, macht Americanah zu einem zeitgenössisch wichtigen Werk.

Der multiperspektivische Zugriff auf Migration und Identitätssuche in der US-amerikanischen und europäischen Gesellschaft bis in die Obama-Ära legt u. a. das antiquierte und klischeebeladene Weltbild auf den afrikanischen Kontinent, die graduellen Abstufungen von Rassismus und Sexismus, aber auch die Arroganz und Absurdität der akademischen Welt offen. Adichie selbst kennt diese Lebenswelten und präsentiert diese den Leser٭innen zwar humorvoll, verliert dabei die Hervorhebung der dargelegten Probleme aber nicht aus den Augen. Auch wenn Americanah nicht dieses Jahr, sondern im Original bereits 2013 veröffentlicht wurde, hat der Roman nicht an Relevanz verloren, sondern wird in der kommenden Zeit vielmehr an solcher zulegen – auch hinsichtlich der Tatsache, dass afrikanische Schriftsteller٭innen hierzulande nach wie vor zu wenig Berücksichtigung finden.

Americanah erschien 2014 bei Fischer.

Titelbild: Herbstprogramm ebenfalls 2018 entstandenen Kampa Verlags, © Gregor van Dülmen

Ein Gedankenexperiment zum Weltuntergang

Es ist bekannt, dass der japanische Schriftsteller und Regisseur Ryū Murakami (nicht zu verwechseln mit Haruki Murakami!) gerne schonungslos über rohe Randgestalten dystopischer Gesellschaften schreibt. Zu Recht gilt daher auch sein Roman Coin Locker Babies als düsteres und misanthropisches Meisterwerk. Doch nun liegt ein weiterer grandioser Roman von ihm auf Deutsch vor: nämlich der erste Band des Werkes In Liebe, Dein Vaterland. Darin entwirft er erstmals ein gar nicht so abwegiges düsteres Gesamtbild einer zukünftigen Politik und Gesellschaft auf raffinierte und abgeklärte Weise.


Das Buch, bereits 2005 in Japan veröffentlicht, biegt Anfang des 21. Jahrhunderts ab und entwirft eine alternative Weltgeschichte. Die USA haben sich unter George W. Bush mit ihren Kriegen überhoben, sind pleite und  entwickeln sich zu einem gescheiterten Staat. Da der Yen an den US-Dollar gekoppelt ist, geht auch Japan bankrott. Das Sozialsystem kollabiert, marodierende Banden ziehen durch die Lande, die Yakuza (die japanische Mafia) übernimmt die Kontrolle über die Gesellschaft, und Massen an Obdachlosen bevölkern die Stadtränder. Auch sind die USA gezwungen, ihre Beziehungen zu Nordkorea aufzuweichen und sich aus der asiatisch-pazifischen Region zurückzuziehen.

Nordkorea sieht nun seine Chance gekommen und schleust heimlich eine Einheit an Elite-Soldaten unter Leitung des fanatischen Choi Rak-gi nach Japan. Die Soldaten besetzen ein Baseball-Stadion in Fukuoka, nehmen Tausende Zuschauer als Geiseln und geben sich als militärische Widerstandskämpfer gegen das totalitäre Nordkorea aus, die sich auf der Insel organisieren wollen. Während die Politik verwirrt und gelähmt ist, planen die Invasoren die Geheimoperation „In Liebe, Dein Vaterland“. Diese soll 120 000 nordkoreanische Soldaten nach Japan bringen, um es vollständig zu erobern.

Murakami übertrifft sich mit dem ersten Band Die Invasion dieser auf zwei Teile angelegten Reihe selbst. Mit einer überlangen – vom Umfang an russische Romane des 19. Jahrhunderts erinnernde – Liste an Protagonisten schreibt Murakami über verschiedenster Figuren auf verschiedensten Ebenen: von japanischen und koreanischen Politikern und Geheimdienstlern, die stets intrigant und bösartig auftreten, über japanische Mafiosis, die im Namen der Gerechtigkeit von den Invasoren hingerichtet werden, bis hin zu einer Gruppe an jugendlichen Soziopathen (die Ishihara-Gruppe), die das Geschehen amüsiert verfolgen und es für ihre eigenen Gewaltphantasien ausnutzen.

Gesellschaftskritik ohne moralischen Zeigefinger

Erstaunlich ist dabei, dass es keinen Helden und keine wirkliche Identifikationsfigur in dieser Liste gibt. Realistisch werden die Protagonisten als Egoisten, Bürokraten oder von der Gesellschaft zu Geisteskranken geformte Persönlichkeiten dargestellt. Es gibt keine guten Übermenschen, die das Land retten; es gibt nur Opfer, Täter und Kriegsgewinnler. Falls im zweiten Band überhaupt jemand Japan von der Besatzung befreien kann, dann eher die im ersten Teil der Handlung noch abseits der Handlung stehende Ishihara-Gruppe. Das birgt eine gewisse Ironie, denn in der Gruppe tummeln sich Satanisten, Nordkorea-Sympathisanten und mehrfache Mörder – und die haben eher Zerstörung und Chaos denn Rettung im Sinn. Durch die erzeugte Distanz zu den Akteuren – und damit auch dem Geschehen – entfaltet sich die Möglichkeit des Lesers, den Roman als radikale Gesellschaftskritik aufzufassen, zu denken, statt zu fühlen, trotz der sich abspielenden Monstrosität.

Doch Murakami hebt nicht den moralischen Zeigefinger. Das Buch ist im Grunde sogar gänzlich amoralisch und nichtnormativ. Denn auch der Erzähler geht demonstrativ auf Distanz zu den geschilderten Ereignissen und Gedanken der Protagonisten. Murakami erzählt seine Geschichte wie einen Bericht. Dabei gelingt ihm der erstaunliche stilistische Drahtseilakt trocken, sachlich und dokumentarisch, aber auch (schon bedingt durch die Krassheit der Handlung) spannend und bedrückend zu erzählen. Jenseits jeglicher Identifikation oder des Kitsches (den beispielsweise sein Namensvetter ab und an anheimfällt) erfasst der Autor so ein Bild von der Totalität einer perversen Gesellschaft. Und indem sein Stil nur als unparteiisch und zynisch zu klassifizieren ist, gespickt mit zahlreichen Ironien, satirischen Elementen, die den morbiden Leser zum Schmunzeln einladen, oder brutalen, manchmal auch überspitzten Gewaltszenen, ist das Buch auch herrlich unaufgeregt und unempört im Angesicht einer umwälzenden Handlung. In Liebe, Dein Vaterland, Band 1 ist damit nicht weniger als eine Meisterleistung einer vielseitigen und komplexen soziofiktiven Narration.

Zwar handelt es sich bei dem Buch um eine alternative Geschichtsschreibung, also eher ein umfassendes pessimistisches Gedankenexperiment in Romanform, an dessen Ende zweifellos die Zerstörung Tokios stehen wird – so ist es nämlich Tradition in der japanischen Science Fiction. Doch so unrealistisch ist das politische Szenario nicht einmal. Dass die USA sich oligarchisieren, also ihren Staat Wirtschaftsbossen überlassen, sowie sich und andere mit ihrer Außenpolitik ruinieren und aus Ostasien raushalten, ist spätestens in der Ära des Trump-Wahnsinns nicht unplausibel. Murakami zeigt uns damit, wie sich auch industrialisierte, als stabil geltende Staaten (wie Japan oder die USA, man kann aber auch die europäischen Nationen leicht hinzufügen) zu failed states entwickeln können, und die Bevölkerung dann leichte Beute für Invasoren aufstrebender fremder Mächte und innerländischer Warlords ist.

Man kann sogar so weit gehen zu behaupten, dass der Autor uns die mögliche Folge der Perversionen von imperialistischem Krieg, kapitalistischer Oligarchisierung der Politik und Verarmung der Gesellschaft dank Währungskursen trocken und auch ein bisschen amüsiert aufzeigt. Böser, drastischer, pessimistischer und brillanter als Murakami hätte man die Weiterentwicklung des Weltsystems nicht denken, aber vor allem nicht erzählen können. In Liebe, Dein Vaterland, Band 1 ist ein Zukunftsroman, der noch seinesgleichen sucht.

In Liebe, Dein Vaterland, Band 1, Die Invasion von Ryū Murakami wurde von Ursula Gräfe ins Deutsche übersetzt. Der Band erschien im September beim Septime Verlag Wien und hat 456 Seiten. Band 2, Der Untergang, ist fürs Frühjahr 2019 angekündigt.

Benedict Wells und die Angst vor dem Unerzählten

Leser٭innen und Kritiker٭innen lieben den Bestsellerautor Benedict Wells. Kein Wunder, schließlich hat er immer wieder Beeindruckendes abgeliefert. Doch sein neues Werk „Die Wahrheit über das Lügen“ offenbart eine Schwäche.


Benedict Wells bezeichnet sie liebevoll als „Mixtape“ – seine Kurzgeschichtensammlung, die im August im Diogenes Verlag erschienen ist. Eine recht passende Bezeichnung, denn die zehn Geschichten zusammengefasst unter dem Titel „Die Wahrheit über das Lügen“ haben wenig gemein: Sie alle stammen aus unterschiedlichen Jahren, ihre Themen könnten verschiedener nicht sein und auch der Erzähl- und Schreibstil variiert von Geschichte zu Geschichte. Da liegt der Verdacht nahe, dass hier Material, das sich über Jahre angesammelt hat und in der Schublade gelandet ist, irgendwie mal den Weg in die Öffentlichkeit schaffen sollte. Eine gute Idee?

Kein Ende der Einsamkeit

Die Antworten auf die Frage würden so unterschiedlich ausfallen wie die zehn Geschichten selbst. Fest steht jedoch: Das, was Wells mit seinem zu Recht gefeierten Werk „Vom Ende der Einsamkeit“ gelungen ist, schafft er mit diesem Buch nicht noch einmal. Nun werden einige denken: „Naja, einen Roman und einen Erzählband kann man ja auch nicht vergleichen!“ Der Vergleich aber enthüllt einen Aspekt, der „Vom Ende der Einsamkeit“ so groß gemacht hat – und zeigt eine große Schwachstelle bei „Die Wahrheit über das Lügen“ .

Eine Anleitung zum Berührtsein

Wells ist dafür bekannt, dass er sich für das Innenleben seiner Figuren interessiert, ihre Emotionen und Gedanken erforscht – und das in Bezugnahme auf ihre Vergangenheit, ihre Erfahrungen. So auch bei „Die Wahrheit über das Lügen“. Leider neigt Wells hier dazu, zu viel zu erzählen. Ganz so, als habe er Angst, die Geschichten würden zu kurz, wenn er nicht alles von vorne bis hinten auserzählte. Dabei wäre „Hunderttausend“ – die Kurzgeschichte über einen jahrelang gereiften und nie ausgesprochenen Vater-Sohn-Konflikt – viel stärker und berührender, wenn nicht jede innere Regung des Protagonisten detailliert beschrieben und analysiert werden würde. Wells lässt hier keine Leerstellen, keinen Interpretationsspielraum für die Leser٭innen. Fast scheint es, als wolle er ihnen vorgeben, wie sie sich während des Lesens fühlen sollen.

Kitschige Outtakes

Dabei haben es die Geschichten gar nicht nötig. Denn die Plots sind so angelegt, dass die Geschichten auch mit Unerzähltem funktionieren würden – und das sogar besser. Nicht nur deswegen ist eine der besten Kurzgeschichten „Ping Pong“. Hier ist die Ausgangssituationen der zwei Figuren so wenig nachvollziehbar (Denn wie fühlt man sich wohl, wenn man von Unbekannten entführt und, ohne zu wissen warum, in eine Zelle mit einer Tischtennisplatte gesperrt wird?), dass hier die Beziehung der beiden und ihr Handeln fast wie in einer Sozialstudie im Fokus stehen. Das tut der Geschichte gut und tröstet die Leser٭innen fast über die ihr vorangegangene Geschichte „Die Muse“ hinweg.

Denn während des Lesens dieser Kurzgeschichte könnte bei den Leser٭innen der Verdacht entstehen, diese stamme gar nicht aus der Feder Wells, sondern aus der von Marc Levy. So liest sie sich fast wie Outtakes aus „Solange du da bist“. Zumal Wells hier mit altbekannten Hollywood-Motiven experimentiert und dabei fast ins Kitschige abrutscht.

Das erzählte Unerzählte

Apropos Outtakes: Zwei Kurzgeschichten – „Die Nacht der Bücher“ und „Die Entstehung der Angst“ – waren einst Teil des gefeierten Romans „Vom Ende der Einsamkeit“, wurden aber noch im Schaffensprozess herausgestrichen. Mit dem Erzählband haben sie es nun doch in die Öffentlichkeit geschafft. Aber warum? Lebt nicht eben jener Roman auch vom Unerzählten, vom Unerklärten? Davon, dass die Leser٭innen nicht die Vergangenheit von Jules‘ Vater kennt? Davon, dass den Leser٭innen nicht jedes Detail bekannt ist? Ist das nicht gerade die Stärke des Romans? Vor beiden Kurzgeschichten erklärt sich Wells und ordnet sie in den Romankontext ein, macht deutlich, dass er sich von diesen Schriftstücken nicht recht trennen konnte. Das alles ist ein bisschen so, als schaue man hinter die Theaterkulissen oder bei einem Filmdreh zu. Es zerstört so manche Illusionen und schmälert ein wenig den Zauber um seinen großartigen Roman.

Keinen Mut zur Lücke

Das alles klingt negativer als es soll. Schließlich lesen sich die Geschichten gut. Und die namengebende Kurzgeschichte „Das Franchise oder Die Wahrheit über das Lügen“ ist ein spannendes Gedankenexperiment, bei dem Wells mit den Namen und Geschichten echter Menschen hantiert, „Mutig, mutig“, mögen da einige Leser٭innen denken.

Aber tatsächlich bleibt am Ende dann doch dieser Beigeschmack, dass der Erzählband veröffentlicht wurde, um etwas zu veröffentlichen. Und offenbart damit den fehlenden Mut zur Lücke. Der Mut, den Leser٭innen Leerstellen zu hinterlassen, die sie mit eigenen Interpretationen füllen dürfen. Und der Mut, Herausgestrichenes als das zu sehen, was es ist: etwas, das nicht erzählt werden wollte oder erzählt werden sollte, um den Zauber des Unerklärten wirken zu lassen.

Die Wahrheit über das Lügen von Benedict Wells erschien am 29. August 2018 im Diogenes Verlag und hat 256 Seiten.

Im wirren Strudel der Ideen

Nachdem bereits der im Januar dieses Jahres in Deutschland erschienene erste Band von Haruki Murakamis Roman Die Ermordung des Commendatore für Furore sorgte, ist nun der zweite Band mit dem Untertitel Eine Metapher wandelt sich herausgekommen. Schon der erste Band war im Vergleich zu sonstigen Werken des gefeierten japanischen Schriftstellers recht banal und langatmig. Es blieb zu hoffen, dass der zweite Band die Buchreihe retten würde. Doch auch diese Hoffnung hat Murakami enttäuscht.

Zur Erinnerung: Philips Besprechung des ersten Bands findet ihr hier.


Band zwei schließt direkt an die Begebenheiten des ersten Parts – diese Ereignisse zu nennen, wäre zu viel des Guten, denn im Grunde hatte sich bislang nicht viel ereignet – an. Der Ich-Erzähler, ein namenloser Porträtist, der in einer japanischen Provinz im Haus des Vaters eines früheren Kommilitonen wohnt und dessen Scheidung gerade am Laufen ist, soll die 13 Jahre alte Marie porträtieren und das Mädchen dabei dem reichen Exzentriker Menshiki näherbringen, der vermutet ihr Vater zu sein. Daneben versucht der Künstler, gebannt von dem Bild Die Ermordung des Commendatore, das Tomohiko Amada, der Vater des Freundes, in dem Haus gemalt und versteckt hat, der Biographie Amadas nachzuspüren sowie dessen traumatischer Vergangenheit im erfolglosen Widerstand gegen das NS-Regime während seiner Zeit in Wien.

Daneben erscheint ihm immer wieder eine groteske kleine Figur, eine Miniatur des Commendatore aus dem Bild, die eine Idee darstellt und rätselhafte Tipps gibt. Schließlich entstehen natürlich diverse Komplikationen und der Ich-Erzähler wird von diesen, in deren Mitte er sich durch Passivität befindet, mitgerissen, was ihn, wie so oft bei Murakami, in Parallelwelten führt, um Marie, die vermeintlich in Schwierigkeit ist, zu retten. Der Porträtist gelangt so in die dunkle und enge Welt der Ideen und Metaphern, voller unterbewusster Gefahren und Fallen.

Murakami, der doch auch ein Meister der Kurzprosa und des pointierten und gleichzeitig melancholischen Schreibens ist, kommt leider auch in Band zwei nicht zum Punkt. Das und die Belanglosigkeit vieler Handlungsstränge waren schon im ersten Band ein Problem. Allzu lange beschäftigt er sich mit den Bemerkungen eines nicht besonders willensstarken und fast schon flachen Charakters des Ich-Erzählers und seinen Wahrnehmungen der anderen Protagonisten. Die Auflockerungen durch das unregelmäßige Erscheinen des Commendatore, die wohl bizarr sein sollen, wirken dabei auch nur lächerlich.

Zwischen Nationalsozialismus und Ehebruch

Im Grunde plätschert ein Großteil des Romans vor sich hin, während sich die verschiedenen Erzählstränge ziemlich berechenbar und ohne sonderliche Wendepunkte fortentwickeln. Besonders absurd wirkt dabei das Ende. Der Porträtist muss, um ein Schicksal zu erfüllen und Marie zu retten, den Commendatore vor den Augen des geistig umnachteten Amada ermorden, um das Bild nachzuvollziehen und in die Ideenwelt zu gelangen. Dadurch soll er Marie retten, die verschwunden ist, aber im Endeffekt nur in einer sehr misslichen Lage ist, da sie Menshiki hinterherspionierte. Die Ideenwelt hält dabei Reminiszenzen an Murakamis Roman Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt bereit, und die Ereignisse um die Geliebte des Ich-Erzählers schließen nahtlos an seinen grandiosen Roman Afterdark an. Im Vergleich zu diesen beiden Werken, die man getrost zumindest als höchst lesenswert bis meisterhaft titulieren kann, bleiben die Schilderungen des Mysteriösen und Fantastischen verhältnismäßig blass, passend zum langweiligen und willensschwachen Hauptprotagonisten. Getoppt wird diese Blässe nur noch durch Murakamis Vorliebe für große weibliche Brüste, etwas das immer wieder und nicht so subtil wie in seinen anderen Büchern eine dominante Rolle spielt.

Das einzig Spannende, aber auch Spekulative an Die Ermordung des Commendatore bleibt die Frage, inwiefern die Ereignisse, etwa der Abstieg in die Ideenwelt und Maries Rettung durch den Commendatore, zusammenhängen und was überhaupt in den Bänden geschehen ist, was erzählenswert wäre, außer dass der Porträtist technisch-künstlerisch Fortschritte gemacht hat. Der Ich-Erzähler ist gefangen in einem wirren Strudel, den die Ideen und Figuren, die ihn umgeben, die er aber nicht ausreichend versteht, konstruieren. Immerhin regt dies, wenn man schon die vielen hundert Seiten der beiden Bücher durchgelesen hat, zum weiteren Nachdenken an, und die Lösung ist wohl irgendwo zwischen dem Nationalsozialismus, bildender Kunst, klassischer Musik und unehelichem Sex zu finden – es hätte wohl doch ein bisschen präziser und pointierter sein können.

Sprachlich und stilistisch ist Band zwei gelungen, ähnlich wie Band eins, dennoch scheint Murakami auch hierbei momentan nicht auf seinem sonstigen Niveau zu sein. So gelingt es ihm nicht mehr, Romantik, Sehnsucht, Mystik und existenzielle Fragen der Freiheit zusammenzudenken und poetisch, verdichtet zum Ausdruck zu bringen. Realistisch und feinsinnig beobachtet schildert er zwar die Wahrnehmungen des Ich-Erzählers, die natürlich von seinen künstlerischen Fähigkeiten definiert sind, aber der sprachliche Tiefgang, etwa zu den eigentlichen Bedeutungen der auftretenden Metaphern und Ideen, fehlt. Murakami hat sich in den sehr beschränkten Verstand und den nahezu nur äußerlichen und oberflächlichen Beobachtungen des Ich-Erzählers gefangen.

Was ergo als großer Künstlerroman intendiert ist, reicht so leider auch nicht zum Entwicklungsroman oder zur Hommage an die Kunst in Zeiten politischer Katastrophen oder existenzieller Krisen. Vielleicht hätte es Murakamis Lesern besser getan, anstatt dieses langatmige und langweilige Werk zu schreiben, eine neue vielseitige Erzählungssammlung zu schreiben.


Haruki Murakamis Die Ermordung des Commendatore, Bd. II: Eine Metapher wandelt sich, übersetzt von Ursula Gräfe, erschien am 14. April 2018 beim Dumont Verlag Köln.

Titelbild: © Dumont-Verlag

Leinsee!

Kunstdruckorange, Plastikschildkrötengrün, Gottweiß. Mit diesen und anderen Farbprädikate sind die Kapitel in Anne Reineckes Debütroman „Leinsee“ überschrieben. In dem Buch geht es ums Aufräumen, Abschließen und Fortfahren.


2 + 1 = 2

Die Farbausdrücke beziehen sich auf einen Gegenstandes, ein Detail aus aus der Beobachtung oder der Erinnerung von Karl Stiegenhauer, der Hauptfigur des Romans. Karl ist ein junger erfolgreicher Künstler und Sohn des berühmten Künstlerpaares Ada und August Stiegenhauer. Diese sind durch Plastiken aus Gießharz berühmt geworden, in die sie Asche oder zerkleinerte Überreste von Gegenständen einschließen. Er selbst wendet eine Vakuumtechnik an, mit der er Gegenstände in Plastikfolie einschweißt. Karl ging als Schüler auf ein Internat, ist nach dem Abitur nach Berlin gegangen und hat den Kontakt zu seinen Eltern abgebrochen.

Die Eltern wohnten weiterhin in Leinsee (ein fiktiver Ort in der Nähe von Mannheim) in einer Villa inklusive Atelier, großem Garten und Bootshaus. Karl durfte sich öffentlich nie als Sohn der Stiegenhauers zu erkennen geben und musste das Pseudonym Karl Sund annehmen. Die Eltern haben nie öffentlich über ihren Sohn gesprochen. Die beiden waren sich immer genug und jede weitere Person war eine zu viel. Zu Beginn des Romans ist Karl 26 Jahre alt und wird schlagartig dazu gezwungen, sich mit seinen Eltern, seiner Vergangenheit und dem Haus in Leinsee auseinanderzusetzen. Die Mutter Ada ist im Krankenhaus, um einen Gehirntumor operativ entfernen zu lassen.

Der Vater August hat sich in der Villa erhängt, da er davon ausgeht, dass Ada die OP nicht überlebt. Karl muss die Beerdigung des Vaters organisieren, Fragen nach dem künstlerischen Nachlass der Eltern klären und sich um seine Mutter kümmern. Diese hat wider Erwarten die schwere OP überlebt, allerdings mit bleibenden geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen. Sie hält Karl für ihren Ehemann August. An Karl hat sie keine Erinnerungen mehr. Das alles ereignet sich wenige Tage vor der Eröffnung von Karls großer Einzelausstellung in einer Galerie in Berlin.

Das Mädchen, das nach Basilikum riecht

Der Roman beginnt also ganz klassisch mit einer Krise, die der Protagonist überwinden muss.
Karl möchte keine Anteilnahme seiner Freundin Mara, kein Mitleid seiner Verwandten und keine Fragen von neugierigen Reportern. Er braucht seine Ruhe und igelt sich im Elternhaus in Leinsee ein. Der einzige Kontakt, der ihm nicht zuwider ist, ist das achtjährige Mädchen Tanja, das eines Tages plötzlich im Kirschbaum im Garten sitzt. Nach und nach nähern ich Karl und Tanja an und es entsteht eine Art Freundschaft, indem sie sich gegenseitig durch kleine Gesten und spielerische Überraschungen Freuden bereiten.

Am Anfang ist Karl in seiner isolierten, fast klaustrophobischen Gedankenwelt gefangen. Schrittweise wendet er sich durch die Interaktion mit Tanja aber den Dingen in seiner Umgebung zu. Anne Reinecke beschreibt mit klarer und schnörkelloser Sprache Karls charakterlichen und künstlerischen Öffnungsprozess. Neben den Farben von Gegenständen, Wetter- und Lichtphänomenen spielen auch Gerüche eine wichtige Rolle, da diese bekanntlich eng mit Erinnerungen und subjektiven Empfindungen verknüpft sind. Hier wird auf kluge Weise ein Konzept der „Achtsamkeit“ veranschaulicht und neu belebt, das durch zu viel Ratgeberliteratur fast unerträglich geworden ist.

„Ein neuer Shootingstar am Kunsthimmel“

Die Stärke des Buchs ist die Beschreibung des Innenlebens des Protagonisten und die Verknüpfung mit einer phänomenologischen Beobachtung von Situationen und Stimmungen. Reinecke verdeutlicht, wie eng künstlerische Produktivität und persönliche Entwicklung mit der Wahrnehmung eines konkreten Ortes zusammenhängen. Das Haus und das Grundstück in Leinsee sind fast eigenständige Figuren des Romans. Nebenbei kritisiert Reinecke den Irrsinn des Kunstbetriebs und die reißerische Sprache von Journalist*innen. Die Handlung verliert dabei im Laufe des Romans zunehmen an Bedeutung.

Wendungen werden zwar konsequent und plausibel aufgebaut, deuten sich dadurch aber schon lange im Voraus an. „Spannend“ im Sinne von „was wird wohl als nächstes passieren?“ ist dieser Roman selten. Das muss er aber auch nicht sein, denn die Spannung liegt hier eher darin, wie etwas erzählt wird und nicht, was passiert. Im letzten Viertel verliert die Geschichte aber leider zu viel von ihrer anfänglichen Kraft. Das Buch ist zum Schluss nur noch ein geradliniger Liebesroman mit Happy End. Einfühlsam erzählt ist die Geschichte aber auf jeden Fall.

Hört, hört!

Der Roman erscheint nicht nur als gedruckte Ausgabe, sondern auch als ungekürztes Hörbuch auf sechs CDs. Gelesen wird es vom Schauspieler Franz Dinda. Dindas Stimme ist fest und meistens angenehm unaufdringlich. Die Betonung und der Rhythmus verstärken die Atmosphäre dezent, lassen aber dabei genug Platz zum eigenen Hören. Manche Figuren und Zitate aus Zeitungen werden von Dinda durch eine verstellte Stimme vom restlichen Text abgehoben. Das ist stellenweise aber zu viel und kippt ins Karikaturhafte. Insgesamt ist die Hörfassung aber dennoch gelungen und die gut siebeneinhalb Stunden sind ein intensives Erlebnis. Es bietet sich an, das Buch auf einer langen Bahnfahrt zu hören – z.B. auf der Fahrt von Berlin nach Leinsee.

„Leinsee“ von Anne Reinecke erschien am 28. Februar 2018 im Diogenes Verlag und kostet sowohl als Hardcover als auch als Hörbuch 24 €.
Titelbild: © Dirk Sorge

Ein literarischer Meisterkoch wärmt Altes neu auf

Normalerweise ist man von dem japanischen Schriftsteller Haruki Murakami, der seit Jahren als Anwärter auf den Literaturnobelpreis gilt, Meisterwerke zu zwischenmenschlichen Beziehungen und psychischen Abgründen gewöhnt. Sein neuer Roman Die Ermordung des Commendatore, dessen erster Band Eine Idee erscheint nun in deutscher Sprache vorliegt, ist dagegen leider eine Enttäuschung. Denn zu sehr spielt Murakami mit etablierten Motiven, sein Buch bringt nur wenig Neues.


Der Erzähler des Romans ist diesmal namenlos und Porträtmaler. Nachdem seine nichtssagende Ehe in eine Scheidung mündete, reist der Protagonist ziellos durch Japan, bis er schließlich in die Berge zieht, in eine Hütte des Vaters eines früheren Kommilitonen. Isoliert in den Bergen, sich unfähig zu jeder Art von Malerei fühlend, ergeben sich hier nun mehrere Handlungsstränge, die noch nicht ersichtlich miteinander koinzidieren. Zum einen beauftragt ihn der exzentrische und dubiose IT-Millionär Wataru Menshiki für ein besonderes Porträt, jedoch mit anderen Zielen im Hinterkopf. Ebenso versucht der Erzähler seine sexuelle Vergangenheit und seine eigentümliche Beziehung zu seiner toten Schwester in Rückblenden aufzuarbeiten. Und, vielleicht am wichtigsten, auch wenn dies eher so nebenbei geschieht, findet der Maler auf dem Dachboden ein altes Gemälde: Die Ermordung des Commendatore. Dieses Bild, das eine Szene aus der Oper Don Giovanni adaptiert, zieht ihn fortan in den Bann und bringt ihn in Kontakt mit einer unklaren materialisierten Idee aus einer anderen, zeitlosen Welt.

All diese Motive, ein farbloser Ich-Erzähler, ein Einzelgänger, der gerne ein Künstler wäre, Parallelwelten, schlechter Sex und nicht aufgeklärte mystische Geheimnisse, sind dem Murakami-Leser keinesfalls neu. Auch der enttäuschte Künstler, der sich in die Natur zurückzieht, ist nicht gerade eine kreative Idee. Generell ist vieles in dem Roman berechenbar. Es scheint, als ob der Meisterkoch der Literatur nur ein altes Gericht wieder aufgewärmt hätte. Frisch ist daran nur sehr wenig: etwa, dass der männliche Erzähler, diesmal fasziniert ist von einem Mann, nämlich Menshiki, aber auch überfordert, und dass er diesmal kein erfolgloser Schriftsteller oder Architekt ist, sondern Porträtist, der gerne freie Kunstwerke zeichnen und malen würde.

Insgesamt scheinen dieses Mal die Figuren farblos gestaltet zu sein. Während es in seinen früheren Romanen charakteristisch war, dass der Ich-Erzähler farblos war oder sich so empfand – so etwa in seinem melancholischen Roman Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki –, sind nun alle Figuren mehr oder weniger farblos. Das könnte einerseits dazu dienen, ihnen bei der Auflösung im zweiten Band, der im April erscheinen soll, Tiefe zu verleihen und sie nun geheimnisvoll zu gestalten; andererseits hat der Künstler prinzipiell Probleme Gesicht oder Charakter von Menshiki auf einer Metaebene zu malen. Es scheint, dass nur der Commendatore als Idee und die Vergangenheit des Hausbesitzers literarische Plastizität besitzt.

Doch selbst wenn dies Methode und womöglich einen Sinn hat, den der Leser noch nicht durchschaut, so ist es doch über einen ganzen Roman hinweg ziemlich langatmig. Daher ist es wohl auch keine gute Idee, das Projekt zweibändig zu gestalten, denn dadurch entstehen lästige Längen, und auch spannende Cliffhanger zählen – das zeigt auch sein an sich epochaler dreibändiger Roman 1Q84 – nicht zu Murakamis Stärken. Dafür ist sein Stil im neuen Werk modifiziert: Er beschreibt nun, seinem Erzähler angemessen, seine Umwelt wesentlich bildhafter, plastischer, farbiger, und in seiner literarischen Verarbeitung von Gemälden und Opern, generiert er eine künstlerische Kombination auf einer Metaebene.

Tatsächlich ist das Abdecken verschiedenster Kunstformen die größte Stärke von Die Ermordung des Commendatore, Bd. 1. Denn natürlich bleibt Murakami ein genialer Stilist. Jedoch scheinen ihm die Ideen für Neues auszugehen, so als ob ihm (hoffentlich nur zwischenzeitlich) die Luft während der Produktion ausgegangen ist. Darum ist auch im ersten Teil dieses Werkes noch kein großer Gehalt ersichtlich. Kreativ, innovativ, tiefsinnig und grandios sind eher seine anderen Romane und Erzählungen.


Haruki Murakamis Die Ermordung des Commendatore, Band I: Eine Idee erscheint, übersetzt von Ursula Gräfe, erschien am 22. Januar 2018 beim Dumont Verlag Köln.

Titelbild: © Dumont Verlag