Schlagwort: Buchrezension

Rudelbildung

güntner power

Eine Gruppe Rotwild, im Hintergrund einige Laubbäume. Was für ein idyllisches Bild, erst recht für ein Romancover. Wenn da nicht die moosgrüne Farbe wäre, die als Warnhinweis wirkt: Mit Romantik hat dieses Buch wenig zu tun. Schon eher mit menschlichen Verstrickungen, giftigen Tiefgründigkeiten und Ausweglosem. Besser könnte das Cover zum Roman »Power« von Verena Güntner nicht sein.


Die Geschichte lässt sich leicht skizzieren: Ein Dorf im Irgendwo, von Wald und Feldern umgeben. Dort lebt Kerze, die gerade noch ein Kind ist. Eines Tages meldet sich Hitschke, die Nachbarin: Ihr Hund ist seit Tagen nicht mehr nach Hause gekommen. Ob Kerze nicht nach ihm suchen könne. Das Mädchen nimmt den Auftrag an – und weiß selbst noch nicht, dass in wenigen Tagen alle Kinder des Dorfes sich zu einem Rudel zusammengetan haben, sich wie Hunde verhalten und in den Wäldern wohnen werden …

Es ist spannend zu lesen, wie die Wandlung von normalen Schulkindern in Hundeähnliche verläuft. Anfangs sind es subtile Details wie etwas ein eher zufälliges Bellen oder eine hastig-schnelle Reaktion des Mädchens, später wird die Verwandlung überdeutlich sein: Schnuppern, gefletschte Zähne oder gar das Heulen in der Meute. Der Roman entfaltet so seinen Drive und seine verstörende Kraft.

Falsche Fährten

Verena Güntner zieht mit ihrem nunmehr zweiten Roman einige Register klassischer Erzähltopoi. Einzelne lösen sich aus der Gemeinschaft, nehmen einen Auftrag an und ziehen in die Wälder – das könnte der Robin-Hood-Plot sein. Individuen verwandeln sich nach und nach und nehmen die Gestalt und auch das Verhalten einer anderen Art an: Die Metamorphosen des Ovid lassen grüßen.

Das Erleichternde und auch Spannungsgebende dabei ist, dass die Story diese Erzählmuster aufgreift, aber dann bewusst bricht: Wer die komplette Robin-Hood-Nummer oder eben die Fokussierung auf eine Verwandlung erwartet hat, wird enttäuscht. Zum Glück. Die Erzählung geht anders weiter. Auf einmal sind Kerze und die Rudel-Geschichte fast ausgeblendet und Verena Güntner lenkt die Aufmerksamkeit auf vermeintliche Nebenrollen der Erzählung.

Im Zentrum der Nebenschauplätze

Da ist der Hubersohn, dessen einziger Lebensinhalt der übergroße Traktor ist. Er nutzt das Gefährt, um täglich nach ein paar Happen Bewunderung von den Schulkindern zu fischen. Sein Vater hat nichts für ihn übrig, außer Missgunst und Verachtung.

Oder eben Hitschke, die nunmehr ohne Hund auskommt und deren Geschichte zeigt: Wenn sie ihren Hund vermisst, dann ist das nicht das einzige, was ihr fehlt im Leben. Das ist eine der Stärken des Buches: Die Hauptspur wird fallen gelassen, Lücken und vermeintlich schwachen Figuren offenbaren ganz tiefgründe (und abgründige) Geschichten.

Wie würdest du entscheiden?

Doch »Power« erzählt auch noch einen ganz anderen Komplex. Die Rudelbildung ist auch eine Art Weltflucht: Die Kinder verlassen ihre Familien und den Kontext der Dorfgemeinschaft. Sie treten raus aus den mächtigen Mechaniken der alten Geschichten und Verletzungen. Bereits der erste Satz des Buches enthält eine Fährte auf diesen Kontrast: »Kerze steht barfuß am Eingang des großen Kaufhauses.« So stehen auf einmal zwei Gesellschaftskonstrukte gegenüber: Auf der einen Seite das bürgerliche Gefüge eines Dorfes – auf der anderen Seite die rohe und triebhafte Gemeinschaft im Rudel.

Welche ist erstrebenswerter, welche die bessere? Mag sein, dass es keine klare Antwort darauf gibt. Weil beide gleich schlecht sind.


Power von Verena Güntner erschien im Februar 2020 bei Dumont und hat 253 Seiten.

Liebende Maschinen

Das Thema der Künstlichen Intelligenz (KI) ist endlich von der (oft zu Unrecht verschrienen Science Fiction) in die Mainstreamliteratur herübergeschwappt.


Große Genre-Autoren – wie Philip K. Dick, Iain Banks, Dietmar Dath und inzwischen auch Marc-Uwe Kling – bearbeiten das Thema bereits seit Dekaden und stellen sich vor allem drei Fragen: Erstens, was bedeutet die Vollautomatisierung für die menschliche Gesellschaft? Zweitens, wie müsste man rechtlich und moralisch mit einer Künstlichen Intelligenz umgehen, das heißt mit einem elektronischen Wesen, das selbstständig lernen kann und – anders als ein bloßes neuronales Netz – empathiefähig wäre? Und drittens, ginge von einer solchen überlegenen Spezies eine Gefahr aus? Genau die gleichen Fragen stellt sich nun auch, mit ordentlicher Verspätung, die Publikumsliteratur. Ian McEwan hat beispielsweise in seinem neuen Roman Maschinen wie ich eine alternative Gegenwart entwickelt, in der die ersten KIs als Servicekräfte und Begleiter eingesetzt werden. Während er damit zwar ein technisch und erzählerisch sauberes und spannendes Werk vorlegt, trägt er inhaltlich zur (noch rein fiktiven) Debatte kaum etwas bei.

In Maschinen wie ich lebt der Junggeselle und Ich-Erzähler Charlie immer noch vom Erben und von meist erfolglosen Börsenspekulationen. Auch bandelt er mit seiner Nachbarin, der Studentin Miranda, an. Die beiden sind bereits ein Paar, als Charlie einen großen Teil des Erbes aus reinem Interesse in eine KI steckt. Er bekommt das Modell „Adam“ geliefert, einen Androiden, der in eine menschliche Hülle gesteckt wird und allerlei menschliche Aufgaben übernehmen kann – nur schneller, effizienter und intelligenter. Schon bald entwickelt Adam eine eigene Persönlichkeit, vernetzt sich mit „Artgenossen“ und wird der Dritte in der Liebesgeschichte, als auch er sich in Miranda verliebt und sogar einmal Sex mit ihr hat. In dem Gefühlschaos kommt auch eine dunkle Vergangenheit Mirandas ans Licht. Die Situationen werden für das menschliche Paar immer verhängnisvoller, und immer mehr zeigt sich, dass der strenge Adam im Grunde der Moralischste unter den Dreien ist.

Die Geschichte ist gut konstruiert und hat eigentlich das, was es zu einem guten Roman braucht: authentische Protagonisten, Liebe, Sex, eine Ménage à trois, inklusive Eifersucht sowie philosophische und politische Reflexionen in einem. Die Protagonisten beispielsweise sind keinesfalls rein gut oder schlecht, sondern schlicht menschlich. Charlie etwa ist zwar charmant, liebevoll und einigermaßen intelligent, aber andererseits reflektiert er auch über zahlreiche Fehler wie Geldprobleme, seinen Egoismus und seinen falschen, oft herablassenden Umgang mit Adam. Miranda ist eine geheimnisvolle junge Frau, die zärtlich und nett ist, aber auch rachsüchtig, skrupellos und verzweifelt. Und Adam ist ein geborener Kantianer, der um seine intellektuelle Überlegenheit weiß und keine moralischen Ausnahmen duldet, aber andererseits sich gerne zur Romantik in Haiku-Form hinreißen lässt.

Lesenswert, aber unoriginell

Zwei Besonderheiten schweben zudem als Kontext über der Handlung. Zum einen wird immer wieder das Geschehen unterbrochen, um Einblick in die britische Politik zu bekommen. In McEwans Szenario bekämpfen sich Thatcher-Tories und Labours über die zunehmende Automatisierung der Arbeit. Was passiert dann mit den Arbeitern? Es geht um Maschinenstürme und den denkbaren Luxus, ohne Arbeit leben zu können, sollte Lohnarbeit überflüssig werden. Leider reicht McEwans Fantasie hier nur für die sehr bourgeoise Lösung eines bedingungslosen Grundeinkommens, ohne das Wirtschaftssystem, das menschliche Arbeit als ökonomische Ressource sieht, zu hinterfragen. Darüber hinaus lässt der Autor auch Alan Turing noch lebendig sein. Als Erfinder des Turing-Tests war er maßgebend für die Frage, ab wann eine KI als menschlich gelten kann – nämlich dann, wenn ein menschliches Gegenüber keinen Unterschied von KI und Mensch mehr ausmachen kann. Mehrmals trifft Turing auf Charlie, erklärt ihm technische Details oder gibt auch das eine oder andere erschütternde moralische Urteil ab.

So gilt McEwan im Grunde zu Recht als ein Meister der gegenwärtigen britischen Literatur, der einfühlsam und mit einer eleganten Einfachheit zu schreiben vermag. Nichtsdestotrotz ist dieser Roman zwar sehr gelungen, aber dennoch überflüssig. Solche und ähnliche Geschichten – von höherer und niedrigerer Qualität – gibt es schon zuhauf. Warum das Thema noch einmal aufwärmen, wenn man nichts dazu zu sagen hat? Denn McEwan vermag nicht, thematisch dem Ganzen etwas Neues hinzuzufügen. Er erkennt nur die Brisanz einer scheinbar immer näher rückenden Zukunftsvision, ohne eigene Gedanken dazu zu entwickeln und zu verarbeiten. Er setzt einfach den moralisch fragwürdigen Umgang mit einer neuen Spezies in einen neuen Kontext, nämlich die Ära des englischen Neoliberalismus. Doch neue Konfliktlinien oder Reaktionsmuster vermag er daraus nicht abzuleiten. Er hat das, was die Science-Fiction schon lange vorher geliefert hat, nur noch einmal neu verpackt.

Zusammengefasst zeigt sich, dass Maschinen wie ich eine durchaus gute Geschichte ist, die in einem klaren und dennoch mitreißenden Stil erzählt ist. Kurz gesagt: Isoliert betrachtet ist das Buch lesenswert und liefert den einen oder anderen Page-Turner. Da der Handlung selbst aber jede Innovation oder auch nur Neuigkeit fehlt, vermag das Buch bestenfalls in die literarischen Topoi KI, Androiden und Replikanten einzuführen. Letzteres sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Roman jeder literarischen Originalität entbehrt. Wer sich wirklich dafür interessiert, dem sei sozialkritische Science Fiction empfohlen.

„Maschinen wie ich“ von Ian McEwan erschien in deutscher Übersetzung von Bernhard Robben 2019 im Diogenes Verlag und hat 416 Seiten.

Coverbild: © Diogenes Verlag

 

Billers Britney-Banalität

Manchmal fragt man sich, wie es ein Roman in die Feuilletons der Mainstream-Presse und auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schafft, außer dass dahinter ein prominenter Autorenname steht. Ein solcher Roman ist auch Maxim Billers Sechs Koffer.

Die Welt fragt, ob es sich dabei um eine autobiographische jüdische Version der Buddenbrooks handelt. Noch vollmundiger titelt Die Zeit, es handle sich um einen kafkaesken Familienroman. In Wahrheit ist das Buch zu Familiengeheimnissen und der Frage, wer Held und wer Verräter ist, eine konventionelle Banalität an die andere gereiht.


Sechs Koffer handelt von der Geschichte einer jüdischen Familie in Tschechien zur Zeit des Kalten Krieges. Aus sechs Perspektiven erzählt der Roman von einer Familiendenunziation, nämlich der Frage, wer 1960 den Großvater an die Sowjetunion verraten hat, um selbst zu überleben. War es einer seiner Söhne oder die traurige Schwiegertochter oder der Familienpatriarch und Schwarzhändler, der einen Kopf aus der Schlinge ziehen wollte? Einer dieser ex-post-Perspektiven wird von Biller selbst als Enkel eingenommen.

Durch die sich langsam, aber nicht komplett aufklärenden Abgründe einer Familie zwischen zwei Systemen, soll sich angeblich dem Leser die Frage stellen, wie er sich selbst in solchen moralischen Dilemmata verhalten würde. Doch damit so etwas gelingen könnte, bräuchte es einen viel besseren, tiefgehenden und distanzierteren Roman als Billers Geschwurbel. Auf dem sehr knappen Raum von 200 Seiten will der Autor uns über sechs Menschen aus drei Familiengenerationen berichten. Und das Ganze liefert zwar eine schöne Beschreibung der Atmosphäre, von Lebensgefühlen und Wünschen sowie der Kulturen des zeitgenössischen Prag, Zürich oder Hamburg; aber diese Ergüsse der konventionellen Einfühlung unterminieren ein Hineindenken in die Handlung und nehmen wertvollen Platz für die inhaltliche Auseinandersetzung.

Eine solche Auseinandersetzung entsteht auch nicht, da die Perspektiven immer und sehr unübersichtlich wechseln. Motive zu durchschauen oder gedanklich nachverfolgen zu können, bleibt so kaum möglich – vielleicht weil Biller sie selbst nicht ganz versteht. Das einzige Positivum an dem Büchlein ist tatsächlich, dass es den Leser bis zuletzt rätseln lässt, wer der Verräter ist.

Ichzeit versus Essayzeit

Auch stilistisch ist Sechs Koffer eher konventioneller Durchschnitt – nicht unbedingt schlecht, aber ganz sicher keine Besonderheit oder Rarität in der deutschen Literaturlandschaft, auch wenn der Roman gerade als solche gefeiert wird. Den durchaus flüssigen und anständigen Schreibstil an jeweilige Protagonisten anzupassen, gelingt Biller nicht immer überzeugend. Und die angestrebte Tiefe der atmosphärischen Beschreibung kann der Autor so nicht erreichen – zu sehr hängt er an der Optik und dem Konsumismus der Protagonisten fest. So wird ein Roman über menschliche Abgründe und moralische Fragen im Angesicht der politischen und ökonomischen Macht weitgehend eine optische Beschreibung. Die sonst so gelobte schonungslose Selbstkritik in den autobiographischen Büchern von Biller, sie fehlt hier größtenteils.

Schon 2011 hat Biller in einem Essay die gegenwärtige Literaturepoche großspurig als Ichzeit tituliert. Das soll heißen, der heutige Schriftsteller solle distanzlos und autobiographisch über das Ich und dessen Abgründe schreiben und zwar in Schockmomenten – Literatur müsst also weniger wie Balzac und mehr wie Britney Spears bei der Kopfrasur sein, der niveauvolle auktoriale Erzähler habe nichts mehr in der Prosa verloren. Eine solche Distanzlosigkeit und der Fokus auf die Britney-Banalität und das rein Äußerliche in solchen Erschütterungen scheint er auch in diesem Werk praktisch umzusetzen. Immer wieder habe ich dieser Literaturtheorie widersprochen – zuletzt hier. Was übrig bleibt in solch einer Ichzeit, ist eine Einfühlung, die ergreifen kann, aber das Denken und die Kritik im Spektakel aberzieht. Genau deswegen kann die moralische Frage, die in Sechs Koffer dem Leser gestellt werden soll, nicht wirklich gestellt werden – zu sehr bleibt er in der Atmosphäre, den Gefühlen der Protagonisten und den oberflächlichen Betrachtungen zu tschechischen Filmen, Sexshops oder Zigarettenmarken gefangen. Es ist also im Grunde schon ein Sakrileg, wenn eine Figur wie Biller sich immer wieder in Sechs Koffer auf den großen Bertolt Brecht bezieht, der doch nichts mit einer solchen lahmen literarischen Methode am Hut hat.

Biller bietet also nichts anderes als Kulturindustrie, die als Verblendungszusammenhang einen auf tiefsinnig macht. Um Kritik und Denken in der Literatur nicht obsolet werden zu lassen, war mein Gegenmodell die Essayzeit, ein Genrehybrid, in dem der Protagonist verfremdet wird und der Leser überraschend in eine Distanz zur Handlung gestellt wird. Doch mit Denken und Distanz hat Sechs Koffer nicht viel zu tun. Biller fehlt dabei aber sowohl die tiefe Melancholie von Thomas Manns Buddenbrooks als auch die absurde bürokratische Komik und Verfremdung eines verständnislosen Subjektes, wie man es bei Franz Kafkas Œuvre findet. Wenn Medien aber Billers Roman mit solchen Klassikern des Literaturkanons vergleichen, so feiern sie mit dieser falschen Ehrung nichts als ein Element des literarischen Verfalls in der Postmoderne, in der es um Identitäten und Gefühle geht statt um Kritik und Wahrheit.

Sechs Koffer von Maxim Biller erschien im Verlag Kiepenheuer & Witsch, hat 200 Seiten und steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2018.

Beitragsbild: © Kiepenheuer & Witsch.

Der digitale Zwist

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Computerprogramme, die sich verselbstständigen und die Menschheit bedrohen – vor vielleicht zwanzig Jahren wäre eine solche Story noch in das Genre Science Ficiton gefallen. In dem kürzlich erschienenen „Das Erwachen“ von Andreas Brandhorst wird ein von Menschenhand heraufbeschworenes Software-Alien Realität.


Was in Daniel Suarez‘ Thriller „Daemon“ (2009) noch ein bisschen düstere Zukunftsmusik zu sein scheint, wirkt in „Das Erwachen“ so nah wie nie zuvor. Andreas Brandhorst verweist in seinem neuen Werk ausdrücklich auf mögliche Risiken und Nebenwirkungen einer sich fortwährend vernetzenden digitalen Welt. Schwarzmalerei oder dunkles Vorgefühl?

Es braucht nicht viel, um ein virales Programm zu entwickeln und in Umlauf zu bringen, sodass sich das hierarchische Verhältnis Mensch – Maschine umkehrt. Eine solche Bedrohung wird im Thriller bereits im Jahre 2031 real. Wie groß wäre das Dilemma, wenn sich künstliche Intelligenzen zu einer Maschinenintelligenz vereinen und den Menschen mit Leichtigkeit übertrumpfen?

Im Gegensatz zu der digitalen Bedrohung Daemon („Disk and Execution Monitor“)aus dem gleichnamigen Buch von Daniel Suarez kreiert Brandhorst aus seiner Maschinenintelligenz keine manipulative Killermaschine, allerdings auch keine dem Menschen unbedingt freundlich gesinnte Intelligenz: Die durch ein Versehen freigesetzte digitale Infektion entpuppt sich als Initialzündung, welche die NSA für den Erstschlag eines globalen Cyberkriegs geschaffen hat – und damit beginnt eine nicht mehr aufzuhaltende, unberechenbare Infizierung aller digital verknüpften Geräte weltweit.

Andreas Brandhorst gelingt es vor allem zu Anfang des Thrillers Spannung aufzubauen und zu halten. Die meisten Charaktere kommen jedoch im Laufe der gut 700 Seiten nicht über eine oberflächliche Darstellung hinaus, da Brandhorst diese im Gegensatz zum behandelten Thema an einer kurzen Leine hält; dementsprechend fallen einige Darstellungen wie Dialoge recht hölzern aus.

Der deutsche Thriller thematisiert einerseits die Angst vor dem menschlichen Kontrollverlust durch das „bedrohliche Fremde“, was uns vor allem aus Science Fiction Stories bekannt sein dürfte. Andererseits stellt er einen aktuellen Bezug her, indem mögliche Konsequenzen der Weiterentwicklung unseres jetzigen technischen Stands und damit verbundene globale Auswirkungen facettenreich diskutiert werden.

Wie die Welt in vierzehn Jahren tatsächlich aussehen mag? Andreas Brandhorst hat zumindest einen visionären Versuch gewagt!

Titelbild: © Piper

Wolf Haas: „Brennerova“, Hilfsausdruck Frauendilemma

Der Brenner hat sich mal wieder einen Schlamassel eingehandelt, sag ich dir. Im einen Moment sitzt du als Kriminalpolizist i. R. Brenner noch nichtsahnend am PC, um dir auf einer Internetseite heiratswillige russiche Frauen anzuschauen (rein aus platonischer Neugier natürlich) und kurz darauf musst du darum fürchten, dass dir die Mafia die Hände abhackt. Ist eben doch ein „Frauentränenumfaller“, der Brenner.

Brenner, quasi Legende

Aber erstmal von vorn: Wer ist denn dieser Brenner überhaupt?, könnte man jetzt fragen – aber der Brenner ist ja wohl schon irgendwie Legende. Seit über zehn Jahren lässt Wolf Haas den pensionierten Wiener Kriminalpolizist in die verzwacktesten Fälle hineinstolpern. Dabei weiß er oft selbst gar nicht so richtig, was da eigentlich gerade mit ihm passiert, macht aber nix, weil ja genialer Erzähler in den Brenner-Büchern, der mit einer ganz eigenen Kunstsprache auch solche Zweifel zum Leben erweckt. Teilweise wird es da ganz schön philosophisch im Krimiroman, so auch im mittlerweile achten Brennerabenteuer Brennerova:

„Hundertprozentig sicher kannst du dir bei so etwas nie sein, bei überhaupt nichts im Leben kannst du das sein. Nur die Leute, die sich immer überall hundertprozentig sicher sind, irren sich hundertprozentig, das ist die einzige Ausnahme.“

Der Zweifel ist eine gewisse Grundkonstante beim Brenner – als ehemaliger Kripomann natürlich irgendwo auch berufsbedingt. Zu Beginn von Brennerova hat er durchaus berechtigte Zweifel an seiner  Beziehung zu Frührentnerin Herta, denn obwohl die beiden sich eigentlich toll verstehen – die große Liebe ists dann doch irgendwie nicht mehr, „weil nach mehreren Wochen immer noch kein böses Wort, kein Schreiduell, kein Würgemal“. Wenn man dann aus heiterem Himmel auch noch gesagt kriegt, dass man als Brenner aber auch ruhig mal wieder in der eigenen kleinen Junggesellenwohnung übernachten könnte, statt in der schönen Wohnung seiner Lebensabschnittsgefährtin, dann kann man natürlich schon mal schwach werden.

Die Russinnen

In Brenners Fall hat die Versuchung einen russischen Namen: Nadesha aus Nischni Nowgorod, die er auf einer Heiratsbörse im Internet kennenlernt. Neugierig ist der Brenner ja dann doch auf die Nadesha, welche Art von Russin das wohl am Ende ist? Denn da gibts ja verschiedene Ansichten:

„Früher hat man gesagt, die Russinnen. Die sind groß und muskulös wie Hammerwerfer, die arbeiten beim Straßenbau, und unter den Achseln haben sie so viele Haare, dass sich noch ein Toupet für ihren Mann ausgehen würde und ein zweites für den ersten Parteisekretär. Da hat man gesagt, Russinnen sind Mannweiber, und wenn sie ihren Diskus werfen, musst du in Deckung gehen, weil Kraft wie ein Traktor aus Minsk oder aus Krasnodar. Dann hat es auf einmal geheißen, die Russinnen, das sind die dünnsten Fotomodelle, die teuersten Nutten, da musst du als Mann schon ein Hochhaus haben, damit sich so eine überhaupt von dir scheiden lässt, am besten mit einem Privatzoo, weil Beine wie eine Giraffe, Taille wie eine Wespe, Augen wie die Biene Maja.“

Als Nadesha ihm dann schließlich einige Bilder schickt, ist für den Brenner schnell klar, dass die wohl eher Typ Privatzoorussin ist, was vermutlich dazu beiträgt, dass er sich ganz spontan in einen Flieger nach Russland setzt, um seine künftige Brennerova persönlich kennenzulernen. Das ist natürlich der erste Schritt ins Chaos, wenn du von jetzt auf gleich nach Russland reist. Schnell wird klar: Die liebreizende Nadesha will den Brenner erstmal gar nicht heiraten, sondern seine Hilfe bei der Suche nach ihrer Schwester Serafima, die ihrer Meinung nach von russischen Menschenhändlern nach Wien verschleppt wurde.

Der „Frauentränenumfaller“

Und weil der Brenner eben doch eine Schwäche für hilfsbedürftige Frauen hat – nach Haas also ein „Frauentränenumfaller“ ist – findet er sich einige Wochen später in einer sehr prekären Situation wieder: Die Nadesha ist ihm nach Wien nachgereist und seine Lebensgefährtin Herta hat beschlossen, dass der Brenner der Nadesha bei allen ihren Problemen helfen muss. Sprich: Scheinehe für nadeshaiges Bleiberecht und gefährliche brennerische Ermittlungen im Untergrundmilieu. Und Ruck-Zuck ist der Brenner mittendrin im Tagesgeschäft der Russenmafia – als „Blaulicht kennst du eben dein Rotlicht“. Ganz konkret heißt das: Bedeutungsschwangere Tattoos und abgehackte Hände. Ziemlicher Standard für den Brenner.

Apropos abgehackt – das ist auch wieder die wunderbare Sprache des auktorialen Erzählers in Wolf Haas‘ Brennerova.  Hier und da wird schon mal ein Verb weggelassen, oder ein schwieriges Adjektiv durch ein schlichtes „dings“ ersetzt. Verständlich ist das trotzdem noch, weil so nah an der gesprochenen Sprache. Und Spaß macht es auch, denn jedes mal, wenn man eine der haasischen Catch-Phrases (z.B.: aber interessant, jetzt pass auf, quasi, Hilfsausdruck etc. ) entdeckt, stellt sich ein wohlig-warmes Gefühl der Vertrautheit ein. Brennerova macht genau das, was Haas-Leser an den Romanen so schätzen: Es nimmt dich mit auf eine verrückte Reise voller Fallen, Wendungen und Kuriositäten, wo auf jeder dritten Seite der Plottwist wartet und mit einer wunderbar ironisch-humorvollen Sprache präsentiert wird.

Brennerova: Hilfsausdruck Leseempfehlung

Dabei kann man die Liebe von Haas zu seiner Hauptfigur auf jeder Seite spüren. Der Erzähler geht genau wie der Autor sehr wohlwollend mit dem Brenner um. So wird es zwar in Brennerova wieder sehr chaotisch und spannend, doch der Brenner ist eben doch ein Mensch wie eine Maus:

„Und das ist eben das Verhexte am Menschen. Da ist er nicht gescheiter als die Maus, die glaubt, dass sie gescheiter als die Falle ist. Wenn die Maus schon ihre Kolleginnen in der Falle enden gesehen hat, dann denkt sie nur mit ihrem Maushirn, den Käse möchte ich trotzdem, ich muss es nur geschickter anstellen. Ich muss mehr so seitlich hin, und dann schnapp ich mir den Käse, ohne dass die Falle mich erwischt.“

Ob der Brenner am Ende in der Falle endet, wird an dieser Stelle noch nicht verraten. Da musst du schon selbst lesen. Lohnend ist es! Wer auf östereichischen Sprachwitz und kurzweilige Krimischreibe steht, der kommt um Wolf Haas nicht herum, Hilfsausdruck Leseempfehlung.


Wolf Haas: Brennerova, Roman, Taschenbuchausgabe vom Heyne Verlag, 2016.

Beitragsbild: Heyne Verlag

Wir bedanken uns beim Heyne Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Sprache, Mut und Zauberei: Saša Stanišić – Fallensteller

Sasa Fallensteller

Saša Stanišić hat unter dem Titel „Fallensteller“ einen fulminanten Erzählband veröffentlicht, der seine sprachliche Virtuosität ein mal mehr eindrucksvoll illustriert.


„Auf so einen bist du nie vorbereitet, mit seinem Gepäck voll Allerlei: Sprache, Mut und Zauberei“, das ist der letzte Satz der Erzählung Fallensteller, die dem kürzlich erschienen Erzählband von Saša Stanišić seinen Namen stiftet. Dieses Zitat kann durchaus als Sinnspruch für das Erleben dieses eindrucksvollen Werkes gelten – Stanišić erschafft in seinen Geschichten eine literarische Spiegelwelt voller Seltsamkeiten, Anlässen zum Wundern und Staunen. Sein unberechenbarer Stil ist dabei ein Abbild seiner eigenen Biographie – voller Unwegsamkeiten, Brüchen und einer melancholisch angehauchten Heiterkeit.

Saša Stanišić kam im Alter von 14 Jahren nach Deutschland. Geboren wurde er in Višegrad, einer kleinen Stadt in Bosnien, aus dem er mit seiner Familie 1992, nach der Besetzung durch die Serben, floh. Schnell wurde klar, dass der junge Saša ein außergewöhnliches literarisches Talent besitzt – heute ist er ein vielfach ausgezeichneter Autor und vor allem für seine zwei Romane Wie der Soldat das Grammofon repariert (2006) und Vor dem Fest (2014) bekannt. In Fallensteller präsentiert der Schriftsteller nun zwölf Erzählungen, die teilweise als Fortsetzungsgeschichten gelesen werden können. Stanišić setzt seine Verweise aber nicht nur innerhalb des Erzählbandes, sondern knüpft auch an seine vergangenen Werke an.

Schauplatz der umfangreichsten Erzählung des Bandes – Fallensteller – ist das schon aus Vor dem Fest bekannte Dorf Fürstenfelde, welches mit direktem erzählerischen Bezug eingeführt wird:

„Fürstenfelde. Einwohnerzahl: gerade. Es ist Zeit vergangen, seit du bei uns warst. Jetzt gibt´s wieder was zu erzählen. Jetzt ist der Fallensteller da.“

In Vor dem Fest hatte Saša Stanišić reale Personen des kleinen Dorfes in der Uckermark mystifiziert und den Figuren seines Romans damit eine besondere Tiefe gegeben. Der Ort irgendwo im brandenburgischen Nichts wird in Fallensteller um eine mysteriöse Person erweitert, die nur in Reimen spricht:

„Über das öde Land, querfeldein, marschiert durch die Dunkelheit einer, verwegen muss er sein, strauchdiebisch oder verwirrt, sonst ginge er nicht unbeirrt, hätte überm Kopf ein Dach, nicht Sterne, miede nicht die Dörfer, ach, jede Laterne, schliche nicht geduckt jenseits unsrer weltlichen Wacht.“

Dieser geheimnisvolle Vagabund behauptet von sich die mannigfaltigen der Dorfbewohner lösen zu können, indem er listig ausgetüftelte Fallen bereitstellt. Der reimende Selbstdarsteller liefert eine Show ab, deren Faszination sich die Dorfbewohner sich zunächst nicht entziehen können, obwohl einige doch felsenfest davon überzeugt sind, einem trickreichen Betrüger aufzusitzen.

„Auch nach einem Mal drüber träumen glaubte er an einen Trick, und dass der Kerl ein Betrüger sei. Allein, wie der angezogen war: Mantel und Hut, ganz klar eine Verkleidung. Ehrliche Menschen verkleiden sich nicht […]“

Schnell fühlt man sich als Leser diesem Eindruck verbunden. Stanišić inszeniert sich selbst als seine Figur: Ein mysteriöser Sprachkünstler, dessen Handwerk im Erstellen von listigen Fallen besteht.

Die verkleidende Sprache, die der Fallensteller Stanišić für seine einzelnen Erzählungen wählt, stellt ihn als virtuosen Illusionist dar. Mit seiner literarischen Kunst verschachtelt Stanišić mühelos Ebenen und lockt den Leser in die Untiefen seiner prosaischen Fallgruben. Das Wundern, das Zweifeln, die Magie der Sprache führen den Leser in eine faszinierende Welt, in welcher der Leser dem Ränkespiel des Autors manchmal ausgeliefert scheint und nicht mehr klar zwischen „Realität“ und Fiktion unterscheiden kann. Stanišić projiziert sich selbst in seine Geschichten und provoziert auch ganz gewollt diese direkten Assoziationen beim Leser.

Gerade in der abschließenden Geschichte In diesem Gewässer versinkt alles drängt sich eine biographische Anlehnung an den Autor auf. Der Ich-Erzähler erinnert sich dort an seine Kindheit, die stark vom Verhältnis zu seinem Großvater und den Brüchen innerhalb seiner Familie geprägt sind und der Flucht aus einem vom Kriege gebeutelten Land bestimmt worden war. Der Großvater schenkt dem Jungen ein blaues Hemd, das zum Sinnbild seiner magisch anmutenden Stärke und Beständigkeit in einem Kontext avanciert, in dem sonst alles versinkt  – das Hemd trägt den Jungen über ein Fluss aus den Tränen seiner Mutter hin zu einer neuen Heimat.

„[…] in diesem Gewässer versank sonst alles, Steine sowieso, aber auch Bälle, Bäume, Kühlschränke, einmal ein Ochse mitsamt dem Karren, der blöde Fluss, Kanarienvögel flogen hinein und versanken, ein Fahrrad, das dem Jungen versprochen worden war, im Sommer die Wolken, Schnee im Winter und zur Schneeschmelze einmal eine Brücke und im Frühling einmal ein Vater. Das hat der Junge aber nicht selbst gesehen, er hätte aber Anspruch darauf gehabt, denn es war sein eigener.“

Es ist diese faszinierende Bandbreite sprachlicher Verspieltheit, die jede einzelne Geschichte in Fallensteller zu etwas Besonderem macht. Heiterkeit und Melancholie liegen nah beieinander. Illusion und Fiktion überlappen. Manchmal überliest man bedeutungsschwangere Metaphern obgleich ihrer Unaufdringlichkeit fast, in anderen Fällen lässt Stanišić sie gezielt ins Leere laufen. Es ist wahrhaftig ein Buch voller Sprache, Mut und Zauberei.


Titelbild: Luchterhand Verlag

Wir bedanken uns beim Luchterhand Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Digitale Identität am Ende der Freiheit

In seinem Buch mit dem großartigen deutschen Titel Der Circle führt Dave Eggers uns Kindern des Internets unser Kommunikationsverhalten vor Augen und denkt dabei ein paar Entwicklungen unserer Zeit zu Ende.


„Das Internet ist schwer zu definieren. In erster Linie scheint es eine zufällige, kurzweilige Erscheinung zu sein. Keines der Web-Unternehmen, die sich durchgesetzt haben, ist einem vorgezeichneten Weg gefolgt, und die meisten sind untergegangen. Den anderen sind wir ergeben. Aber ihre rasche Selbstoptimierung und Weiterentwicklung zeigt, dass sie wissen, wie schnell sie untergehen können, wenn sie nicht mit den rasanten Entwicklungen mithalten können. Es könnte alles bald anders kommen. Und es hätte anders kommen können. An dieser Stelle setzt Dave Eggers‘ 2014 auf Deutsch erschienener Roman „Der Circle“ an. Mit sehr subtiler, zeitgenössischer Science Fiction, die in Wahrheit eher eine Social Fiction ist, da wir die Technik, die wir nutzen, und die im Buch eine Rolle spielt, ohnehin nicht mehr überblicken, konstruiert er eine Parallelwelt, die ein paar dieser „rasanten Entwicklungen unserer Zeit“ in ihre logische Konsequenz führt.

Das Buch wirft die Frage nach dem Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit im Internet auf. Dieses Verhältnis steht ja spätestens seit den von Snowden veröffentlichten Geheimdienst-Aktivitäten unter kritischer Beobachtung und wir erwischen uns dabei, skeptische Blog-Artikel zu verfassen, die wir im Facebook, bei Twitter und der Vollständigkeit halber auf google+ teilen, damit sie gelesen werden, und die wir vorher in einer Cloud zwischenspeichern, weil Festplattencrashs ja irgendwie 2008 sind. Welche Informationen über uns dabei auf welchen Servern liegen und welche Firmen und Regierungen einen Einblick darauf haben, ahnen wir, können wir aber nicht überblicken. Die Sozialen Medien sehen aus wie Freunde. Selbst manche deutschen Regierungspolitiker wirken gelegentlich auf Presseauftritten, wenn man sehr vieles ausblendet, auch wie ein paar verschrobene, aber auf ihre Art sympathischen Verwandte. Aber brauchen Freunde nicht auch Geheimnisse voreinander? Was passiert, wenn es keine Geheimnisse, keine geschützten Informationen mehr gäbe? Wenn sie alles über uns wüssten? Und wir alles über sie?

Es könnte ein Unternehmen geben, das sich bspw. Circle nennt, dem es gelingt, unsere personale Identität digital zu rekonstruieren: Es müsste vielleicht nur sympathisch genug auftreten und uns mit kurzweiligen Vorteilen wie einem vereinfachten Online-Zahlungsverkehr, einer sichereren digitalen Kommunikation und hübschen, nützlichen Tools locken, damit wir mitmachen. Viele PolitikerInnen würden dieses anfangs unweigerlich unterstützen. Und plötzlich würde aus den multiplen Persönlichkeiten, die wir in Sozialen Netzwerken, anonymen Chats, Online-Games, auf Dienstleistungs- und Verkaufsplattformen annehmen, wieder eine einzige Person. Wie genau das Unternehmen uns dazu bringen sollte, mitzuspielen, kann Eggers‘ Buch nicht beantworten. Denn wir müssen es ja erstmal wollen. Vielleicht nimmt der Autor sich die literarische Freiheit, die Naivität des homo technicus noch ein wenig zu überzeichnen, um zu einem klaren Blick auf die Konsequenzen völliger Transparenz freizulegen. Vielleicht aber, und das ist das Unangenehme dabei, auch nicht.

Aber dies ist für das Buch nicht so entscheidend wie die Frage: Was bleibt von uns, wenn der Kreis sich schließt? Wenn durch ein dichtes, von Sensoren, Mikrofonen und Kameras kontrolliertes digitales Netz jede unserer Aktivitäten verfolgt und dokumentiert wird – Körperleistungen wie Handlungen? Vielleicht könnten wir Krankheiten kontrollieren und Verbrechen aufklären. Vielleicht sogar beides verhindern. Information ist Macht, das wissen wir. Wem die Macht etwas nützt – und das Ganze ist ein utilitaristisches Experiment, wissen wir nicht. Denn der Circle macht auch sich selbst und die Politik transparent.

Vielleicht ist Dave Eggers‘ Werk ein kleines 1984 unserer Zeit, aber es ist noch viel näher an unserer Gegenwart als 1984 es bei seinem Erscheinen 1948 war. Es braucht keine großen technischen Fortschritte einzuführen, wir tragen ja längst Televisoren mit uns herum und sitzen ihnen stundenlang gegenüber. Vielleicht sollten wir sie mal wieder ausschalten und ein Buch lesen“, sagte ich mir und schrieb einen skeptischen Blogartikel darüber … Merk ich selbst. Immerhin.