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Japanisches Kammerspiel nahe Berlin: Kühmels Kintsugi

„Wo in leuchtenden Lettern LOVE draufsteht, ist nie LOVE drin.“

Miku Sophie Kühmel – Kintsugi

Kintsugi, das lernt man in Miku Sophie Kühmels Debütroman, ist ein japanisches Kunsthandwerk, in dem zerbrochenes Porzellan durch den Einsatz von Gold repariert wird. So kunstvoll, dass die goldgeaderten Tassen, Vasen, Teller oder Schalen wirken, als hätte erst der Bruch ihnen zu Vollendung verholfen. Die Metapher wäre schon stark genug, um auf ihr allein einen Roman über zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen. Doch Miku Sophie Kühmel geht noch ein paar Schritte weiter in die japanische Ästhetik hinein und unterstellt die Kapitel jeweils verschiedenen traditionellen Idealen, zum Beispiel „iki“, der Verführung roher Feinheit angesichts des Todes, oder „karumi“, der Leichtigkeit im Gewicht der Dinge. Parallel wechselt zwischen den Kapiteln die Perspektive und die Handlung wird, unterbrochen von szenischen Passagen, viermal hintereinander von allen Hauptpersonen einzeln ausgeleuchtet und eingeordnet. Dadurch verschiebt sich nicht nur die Ausgangssituation, sondern jedes Kapitel wirkt sich auf die Wahrnehmung jedes anderen aus und beeinflusst es im Voraus oder Nachhinein.

Doch was erzählt der Roman eigentlich? Ein Paar, Max und Reik, treffen ihren Freund Tonio und dessen Tochter Pega in ihrem Ferienhaus nahe Berlin. Max arbeitet als Archäologe im akademischen Mittelbau, Reik als Künstler, der schon in jungen Jahren seinen Durchbruch hatte, was den beiden unter anderem den Luxus des Ferienhauses verschaffte. Tonio, ein Jugendfreund Reiks, ist Pianist ohne künstlerischen Durchbruch, dessen Lebensfokus auf der Erziehung seiner Tochter liegt, die aus einer Teenager-Romanze hervorging. Letztere, Pega, ist inzwischen Anfang zwanzig, beim Vater ausgezogen und im Studium. Eigentlich suchen die vier bei dem Treffen nur Ruhe vom Leben in Berlin und versuchen, den Garten auf den Frühling vorzubereiten. Statt Ruhe finden sie Konfrontation, sowohl untereinander als auch mit den eigenen Konflikten, die sich immer weniger gut ausblenden lassen.

Auch das Buchcover interpretiert die Kintsugi-Ästhetik:

Quelle: Instagram

Kühmel lässt auch nicht einfach nur ein Paar und eine befreundete Kleinfamilie aufeinandertreffen, dafür ist ihr Roman zum Glück zu komplex erzählt. Alle kennen sich viel zu lange und sind einander jeweils einzeln eng verbunden. In Kintsugi treffen sich vier Personen, von denen einer den anderen um seinen künstlerischen Erfolg beneidet, ein anderer den einen um dessen Tochter. Von denen zwei davon überfordert sind, dass ihre alte Ausrede, homosexuelle Paare dürfen nicht heiraten, plötzlich nicht mehr greift. Von denen drei die Erziehung der vierten übernommen haben, einer diese für sich reklamiert und eine sich inzwischen fertig erzogen fühlt. Und denen allen klar wird, dass sie freie erwachsene Menschen sind und ihre Beziehung zueinander neu definieren können, ja, sogar müssen. Die wesentlichsten Konfrontationen, deren Wirkung auf die Psyche Kühmel fein ausarbeitet, betreffen neue Lebensphasen und den individuellen Mut, sich diesen zu stellen.

Was Miku Sophie Kühmels Roman so gut macht, und ihm bereits Literaturpreise einbrachte, ist seine wortgewaltige Erzählweise, die von der Kapitelstruktur bis zum kleinsten Nebensatz allem eine Bedeutung beimisst. In langen Passagen, die immer wieder von der Gegenwart in die Vergangenheit ausholen, gelingt es ihr, die passenden Horizonte herzustellen und genau die nötigen Worte auszuwählen, um das für die Handlung Wichtige zu herauszufiltern.

Immer wieder staunt man, welche Worte es dann sind, die sie für maßgeschneiderte Beschreibungen findet. Eine Stärke entfaltet auch das Zusammenspiel individueller Perspektiven auf vermeintlich gemeinsam Erlebtes, ohne einer objektiven Erzählinstanz zu bedürfen. Da der Roman in wenigen Ereignissen viel Bedeutung findet, zwingt er zu genauem Lesen, bestraft das Überfliegen von Passagen mit dem Zwang, zurückzublättern, wodurch er gefühlt nochmal ein paar hundert Seiten länger wird. Das wiederum ist aber eher ein Vorteil als eine Strafe, denn so lässt sich das Beenden des Romans noch ein wenig hinauszögern. Vielleicht gewinnt Miku Sophie Kühmel mit ihrem Debütroman morgen sogar den Deutschen Buchpreis, vielleicht nicht. Aber es sind erst Romane wie Kintsugi, die solchen Preisen überhaupt Bedeutung verleihen.

Kintsugi von Miku Sophie Kühmel erschien im Verlag S. Fischer und hat 304 Seiten.

Billers Britney-Banalität

Manchmal fragt man sich, wie es ein Roman in die Feuilletons der Mainstream-Presse und auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schafft, außer dass dahinter ein prominenter Autorenname steht. Ein solcher Roman ist auch Maxim Billers Sechs Koffer.

Die Welt fragt, ob es sich dabei um eine autobiographische jüdische Version der Buddenbrooks handelt. Noch vollmundiger titelt Die Zeit, es handle sich um einen kafkaesken Familienroman. In Wahrheit ist das Buch zu Familiengeheimnissen und der Frage, wer Held und wer Verräter ist, eine konventionelle Banalität an die andere gereiht.


Sechs Koffer handelt von der Geschichte einer jüdischen Familie in Tschechien zur Zeit des Kalten Krieges. Aus sechs Perspektiven erzählt der Roman von einer Familiendenunziation, nämlich der Frage, wer 1960 den Großvater an die Sowjetunion verraten hat, um selbst zu überleben. War es einer seiner Söhne oder die traurige Schwiegertochter oder der Familienpatriarch und Schwarzhändler, der einen Kopf aus der Schlinge ziehen wollte? Einer dieser ex-post-Perspektiven wird von Biller selbst als Enkel eingenommen.

Durch die sich langsam, aber nicht komplett aufklärenden Abgründe einer Familie zwischen zwei Systemen, soll sich angeblich dem Leser die Frage stellen, wie er sich selbst in solchen moralischen Dilemmata verhalten würde. Doch damit so etwas gelingen könnte, bräuchte es einen viel besseren, tiefgehenden und distanzierteren Roman als Billers Geschwurbel. Auf dem sehr knappen Raum von 200 Seiten will der Autor uns über sechs Menschen aus drei Familiengenerationen berichten. Und das Ganze liefert zwar eine schöne Beschreibung der Atmosphäre, von Lebensgefühlen und Wünschen sowie der Kulturen des zeitgenössischen Prag, Zürich oder Hamburg; aber diese Ergüsse der konventionellen Einfühlung unterminieren ein Hineindenken in die Handlung und nehmen wertvollen Platz für die inhaltliche Auseinandersetzung.

Eine solche Auseinandersetzung entsteht auch nicht, da die Perspektiven immer und sehr unübersichtlich wechseln. Motive zu durchschauen oder gedanklich nachverfolgen zu können, bleibt so kaum möglich – vielleicht weil Biller sie selbst nicht ganz versteht. Das einzige Positivum an dem Büchlein ist tatsächlich, dass es den Leser bis zuletzt rätseln lässt, wer der Verräter ist.

Ichzeit versus Essayzeit

Auch stilistisch ist Sechs Koffer eher konventioneller Durchschnitt – nicht unbedingt schlecht, aber ganz sicher keine Besonderheit oder Rarität in der deutschen Literaturlandschaft, auch wenn der Roman gerade als solche gefeiert wird. Den durchaus flüssigen und anständigen Schreibstil an jeweilige Protagonisten anzupassen, gelingt Biller nicht immer überzeugend. Und die angestrebte Tiefe der atmosphärischen Beschreibung kann der Autor so nicht erreichen – zu sehr hängt er an der Optik und dem Konsumismus der Protagonisten fest. So wird ein Roman über menschliche Abgründe und moralische Fragen im Angesicht der politischen und ökonomischen Macht weitgehend eine optische Beschreibung. Die sonst so gelobte schonungslose Selbstkritik in den autobiographischen Büchern von Biller, sie fehlt hier größtenteils.

Schon 2011 hat Biller in einem Essay die gegenwärtige Literaturepoche großspurig als Ichzeit tituliert. Das soll heißen, der heutige Schriftsteller solle distanzlos und autobiographisch über das Ich und dessen Abgründe schreiben und zwar in Schockmomenten – Literatur müsst also weniger wie Balzac und mehr wie Britney Spears bei der Kopfrasur sein, der niveauvolle auktoriale Erzähler habe nichts mehr in der Prosa verloren. Eine solche Distanzlosigkeit und der Fokus auf die Britney-Banalität und das rein Äußerliche in solchen Erschütterungen scheint er auch in diesem Werk praktisch umzusetzen. Immer wieder habe ich dieser Literaturtheorie widersprochen – zuletzt hier. Was übrig bleibt in solch einer Ichzeit, ist eine Einfühlung, die ergreifen kann, aber das Denken und die Kritik im Spektakel aberzieht. Genau deswegen kann die moralische Frage, die in Sechs Koffer dem Leser gestellt werden soll, nicht wirklich gestellt werden – zu sehr bleibt er in der Atmosphäre, den Gefühlen der Protagonisten und den oberflächlichen Betrachtungen zu tschechischen Filmen, Sexshops oder Zigarettenmarken gefangen. Es ist also im Grunde schon ein Sakrileg, wenn eine Figur wie Biller sich immer wieder in Sechs Koffer auf den großen Bertolt Brecht bezieht, der doch nichts mit einer solchen lahmen literarischen Methode am Hut hat.

Biller bietet also nichts anderes als Kulturindustrie, die als Verblendungszusammenhang einen auf tiefsinnig macht. Um Kritik und Denken in der Literatur nicht obsolet werden zu lassen, war mein Gegenmodell die Essayzeit, ein Genrehybrid, in dem der Protagonist verfremdet wird und der Leser überraschend in eine Distanz zur Handlung gestellt wird. Doch mit Denken und Distanz hat Sechs Koffer nicht viel zu tun. Biller fehlt dabei aber sowohl die tiefe Melancholie von Thomas Manns Buddenbrooks als auch die absurde bürokratische Komik und Verfremdung eines verständnislosen Subjektes, wie man es bei Franz Kafkas Œuvre findet. Wenn Medien aber Billers Roman mit solchen Klassikern des Literaturkanons vergleichen, so feiern sie mit dieser falschen Ehrung nichts als ein Element des literarischen Verfalls in der Postmoderne, in der es um Identitäten und Gefühle geht statt um Kritik und Wahrheit.

Sechs Koffer von Maxim Biller erschien im Verlag Kiepenheuer & Witsch, hat 200 Seiten und steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2018.

Beitragsbild: © Kiepenheuer & Witsch.

Suizidale Meditationen

Marion Poschmanns Die Kieferninsel ist erzählt wie ein System aus Informationen, die am Ende einer Reise das Bewusstsein durchströmen wie ein komplexer Traum. Oder grüner Tee.


Worum geht es inhaltlich? Der Kulturwissenschaftler Gilbert Silvester wird von einer Information aus seinem Privatleben aus der Bahn geworfen und entscheidet sich kurzerhand für eine Japanreise. Das Gute ist: Er hat Geld und Semesterferien, braucht im Grunde nur einen Konferenzvortrag abzusagen und kann so lange in Japan bleiben, wie er möchte. Das Schlechte: Eigentlich passt eine Japanreise nicht in sein Weltbild. Zum einen probiert er Länder mit überdurchschnittlichem Teekonsum zu meiden.

„Eine Tradition der Sichtbarkeit, der Vorhandenheit, der Deutlichkeit. In Kaffeeländern lagen die Dinge offen zutage. In Teeländern spielt sich alles unter dem Schleier der Mystik ab.“

Zum anderen forscht er momentan zu dem Thema „Bartmode und Gottesbild“, und japanische Männer tragen keine Bärte. Dazu sind Silvester drei Theorien bekannt.

„Die langweiligste war biologistisch: Manchen asiatischen Völkern fehlte ein Gen oder was auch immer für den Bartwuchs verantwortlich zeichne, so daß sie, wenn überhaupt, nur äußerst spärliche Bärte entwickelten, die in ihrer Spärlichkeit nicht als Statussymbol taugten und daher lieber abrasiert würden.“

Die beiden anderen sind spannender. Doch im Grunde genügt ihm die erste schon, um kurz nach seiner Ankunft in Tokio Anschluss zu finden und in Yosa Tamagotchi, einem jungen Mann mit mysteriösem Schnurrbart, dessen Bedeutung ihm schnell klar wird, einen Reisebegleiter zu finden. Viel Spaß haben beide nicht gemeinsam, da der Japaner eine noch deutlich ernstere Lebenskrise durchmacht als Silvester. Dennoch macht es beim Lesen Spaß, sie einander in ihrer Unterschiedlichkeit begegnen zu lassen. Gemeinsam starten sie eine Reise durch ein Japan, dessen Natur von mystischer Schönheit zu sein scheint, dessen Kultur Gilbert Silvester bzw. Marion Poschmann aber als äußerst zwanghaft auffasst: beginnend mit einem Ordnungs- und Reinigungszwang, in den auch die Unterdrückung der Körperlichkeit spielt, über einen Höflichkeitszwang bis hin zu dem Zwang, sich um jeden Preis in der Gesellschaft beweisen zu müssen und den Freitod als notwendige Konsequenz für Scheitern zu akzeptieren.

Ihr Reiseplan ist ein Kompromiss aus zwei Routen: einem klassischen Pilgerpfad des legendären Haiku-Dichters Matsuo Bashō und dem neuzeitlichen Complete Manual of Suicide mit den beliebtesten und würdigsten Selbstmordorten Japans. Der gemeinsame Plan führt über Hochhaussiedlungen, durch Wälder, berühmte Bahnhöfe zu beeindruckende Klippenküsten, wo sie immer wieder auf historische Tempel treffen und zur Erkentnissicherung selbst Haikus schreiben. Der Bildungsreisende möchte seinem zugelaufenen Schützling durch seine eigene Faszination die japanische Lebensweise wieder nahebringen machen und ihn an seinen kulturellen Meditationen teilhaben lassen. Zwar ist dies in seinem eigenen Weltbild ein herzensguter Ansatz, aber es ist wohl auch nicht ohne Grund keine gängige Therapieform.

Japan als kultureller Spiegel?

Auffällig ist trotz der Originalität des Settings eine Ähnlichkeit der Geschichte zu Christian Krachts Die Toten. Beide Romane erzählen von Japanaufenthalten, die in Tokio beginnen und auf die kleineren Inseln des Nordens führt. Sie leben von einer ähnlichen Begeisterung für die japanische Kultur, insbesondere die darin verankerte vermeintliche Todessehnsucht. So kommen beide Texte schon während der ersten Seiten auf Seppuku, jene rituelle, brutale Samurai-Tradition des Ehrenselbstmords, zu sprechen. In dessen Tradition sehen Poschmann wie Kracht oder zumindest ihre Hauptcharaktere die Morbidität des modernen Japans begründet.

Doch während erstere nun in ebendieser einen zentralen Unterschied zur deutschen Gesellschaft sieht, markiert letzterer hier die wesentliche Gemeinsamkeit. Ein paar weitere Unterschiede sind dabei zu berücksichtigen: Die Toten spielt in den 1930er-Jahren, Die Kieferninsel heute. Und Christian Kracht ist im Gegensatz zu Marion Poschmann selbst kein Deutscher, sondern genau wie sein Hauptcharakter Emil Nägeli Schweizer. Schreibt er über „die deutsche Kultur“, tut er dies aus vermeintlicher Objektivität heraus als Provokateur. Marion Poschmann scheint ein solches Vorgehen fremd und geht in ihrer Arbeit deutlich subtiler und bescheidener vor. Die Kieferninsel und Die Toten haben am Ende vielleicht nur die eine große Gemeinsamkeit: Sie verraten viel mehr über deutsche Kultur, Denkmuster und Sehnsüchte als über japanische.

Wer meditiert hier?

Gilbert Silvester als deutscher Proto-Geisteswissenschaftler etwa stellt sich als beileibe nicht weniger verspannt und zwanghaft heraus als das von ihm kritisierte Umfeld heraus. Bemerkenswert an Die Kieferninsel ist vor allem ihr Erzählstil, der sicher nicht allen gefallen wird, andererseits aber wohl ausschlaggebend für alle Literaturpreise ist, die das Buch noch erhalten könnte. Im Prinzip setzt sich der gesamte Roman bloß aus Eindrücken zusammen, die zu allen besuchten Orten den zum Verständnis wichtigen gedanklichen Rahmen herstellen. Absätze machen nicht unmittelbar klar, ob in ihnen die erzählte Geschichte vorangetrieben oder der erinnerte oder kulturelle Rahmen weiter beleuchtet wird, der sie umgibt. E-Mails heben sich bloß durch Anredeformeln vom Fließtext ab. Und Dialoge mit Anführungszeichen zu kennzeichnen wäre für das Buch ebenfalls zu explizit. Sie fügen sich viel lieber stumm ein in den Informationsstrom. Liest man Die Kieferninsel, muss man sich ständig neu orientieren, in welcher Zeit und auf welcher Ebene man sich nun grad befindet. Dabei ist die Erzählweise deutlich sortierter und schärfer als ein blank notierter Stream of Consciousness.

So eingenommen man beim Lesen von den gewohnten Erzählkonventionen ist, mit denen das Buch bricht, und so kryptisch es dagegen wirkt – es scheint doch recht nah daran zu kommen, wie man tatsächlich eine solche Reise erleben würde. Oder wie man das Erlebte am besten ausdrücken könnte, wenn man die Reise eben nicht zu einer Geschichte fiktionalisiert, sondern einfach reflektiert, wie sie einem vorkam. Das Buch funktioniert als Meditation für alle Beteiligten: für seine Charaktere, seine Autorin, seine Leser٭innen. Jede٭r muss die eigenen Zwänge selbst erfahren. Das muss man erstmal wollen. Aber es könnte einen verändern.

Quelle: YouTube

Aufgeführte Zitate stammen aus Die Kieferninsel von Marion Poschmann. Der Roman hat 165 Seiten und erschien im Suhrkamp Verlag.

Titelbild: © Suhrkamp Verlag

Wiener Straße. Ekstase im Herr-Lehmann-Spin-Off

Sven Regeners Romane leben durch das Prädikat „beruhend auf wahren Begebenheiten“ und sind im halbbiographischen, im von der Erinnerung (und fürs Storytelling) verzerrten Raum angesiedelt. Und lassen alte Menschen für ein paar hundert Seiten wieder jung und naiv durch die ihnen zugeteilte Phase von Welt- und Kulturgeschichte stolpern. In Wiener Straße trifft dies nun Extremkünstler im ebenfalls extremen Kreuzberg Anfang der 80er Jahre. Heraus kommt vielleicht keine große Geschichte, doch eine geschichtliche Vergrößerung, die bleiben wird.


Bei Sven Regener läuft es grad richtig gut. Mit Element of Crime hat er ja eh schon alles erreicht, was man sich vorgenommen hatte, aber auch seine Schriftstellerkarriere entwickelt ein immer bemerkenswerteres Eigenleben. Gerade erst erschien die Verfilmung seines 2013 veröffentlichten Romans Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt, die nicht zufällig kongenial ausfiel. Zum einen schafft es Regisseur Arne Feldhusen, einen grandiosen Schauspielerstab um Charly Hübner, Annika Meier und Bjarne Mädel zu versammeln. Zum anderen schrieb Sven Regener ja selbst das Drehbuch – das erste nach Hai-Alarm am Müggelsee. Und während noch alle im Kino saßen, erschien fast unbemerkt eine Woche später auch noch sein neuer Roman: Wiener Straße.

Wem gehört die Wiener Straße?

Worum geht’s? Wir befinden uns im Jahr 1981. Ganz Osteuropa wird in Abhängigkeit von der Sowjetunion sozialistisch regiert und unterdrückt systematisch nicht zuletzt seine Kulturlandschaften. Ganz Osteuropa? Nein, eine kleine Exklave aus Demokratie, Punk, freier Kunst und freiem Markt hält sich wacker hinter bunten Berliner Betonmauern. Genau dorthin hatte es ja Frank Lehmann, Regeners mehrfachen Romanhelden, in Der kleine Bruder verschlagen. Wiener Straße setzt nur wenige Tage später ein, als Erwin, Besitzer des Cafés Einfall, Frank Lehmann, Karl Schmidt sowie Erwins Cousine Chrissie eine Zwangs-WG über der Kneipe in der Wiener Straße gründen lässt – vor allem, damit sie nicht mehr bei ihm wohnen. Da die drei auch mit Jobs im Einfall versorgt werden, können sie sich eigentlich auf ein ruhiges, gesichertes Westberliner Leben einstellen, das bis Ende der 80er, bis Herr Lehmann, anhält. Ende der Geschichte.

Doch der Buchtitel birgt einen Doppelsinn, denn die Wiener Straße heißt nicht nur so, sondern wird, einschließlich ihrer Läden und Bewohner, von ein paar österreichischen Aktionskünstlern vereinnahmt. Diese heißen etwa P. Immel und H. R. Ledigt, und versuchen, mit Aktion und Provokation Aufmerksamkeit zu erzielen, die Grenzen der Kunst auszuloten. Der Roman begleitet sie dabei, macht unsere üblichen Verdächtigen bloß zu Rand- und Rahmenfiguren und fokussiert auf die Verquickung von Kunst- und Punkszene. Die frühen 80er greift Regener als eine Phase auf, in der zahlreiche Kunstschaffende aus dem Gefühl nach Berlin kommen, hier keinen Abschluss einer Kunsthochschule zu benötigen, um sich als Künstler zu etablieren, sondern mit ihrer Kunst selbst in der selbstverwalteten Szene Anerkennung finden können. Die Anlaufstellen dafür waren Kreuz- und Schöneberg, und wo könnte es österreichische Avantgarde-Künstler eher hinziehen als in die Wiener Straße?

Kreuzberger Kulturen im Hier und Damals

Und so diskutierte man eben nicht mehr in der Hochschule der Künste, sondern am physischen Objekt in der Kneipe, ob nun ein verbrannter Kuchen Kunst sei, wenn ein Künstler ihn dazu erhebt und in einer Vitrine ausstellt. Und ob dem Künstler nicht die Hälfte des Gewinns zusteht, wenn die Kneipenbedienung, die ihn immerhin ja auch gebacken hat, ihn in seiner Abwesenheit Stück für Stück verkauft. Aber als Kuchen, nicht als Kunst. Oder man tut so, als sei das Haus, in dem lebt besetzt, um das Fernsehen anzulocken, und verkleidet sich dann als Punks, damit sie überhaupt über einen berichten. Und die Grenzen der Kunst definiert man am besten direkt vor der Polizei mit einer Kettensäge.

Spannend an der Lektüre ist auch, zu betrachten, was aus dem Viertel wurde. Denn ein paar dieser Kneipen gibt es noch in der Wiener Straße und um sie herum – immerhin ist das Café Einfall, Angelpunkt der Story, nach Angaben Regeners recht konkret der Madonna Bar nachempfunden. Doch Konkurrenz machen ihm heute weniger die Avantgarde-Galerien in besetzten Häusern, sondern vegetarische Burgerläden, Unverpackt-Supermärkte oder Spätzle-Expresse. Und am Ende des kleinen Straßenblocks zwischen Görlitzer Park und Landwehrkanal, wo man heute so wunderbar in Farbrikloftetagen investieren kann, endete damals eben noch die westliche Welt.

Wiener Straße erschien im Galiani Verlag Berlin
Quelle: Instagram

Erzählerisch lebt der Roman vor allem durch seine Dialoge, die einerseits von glaubhaft abgebildeter jugendlicher Naivität profitieren, andererseits das Clash-Potenzial aus Wiener Schmäh und Berliner Schnauze ausnutzen. Dabei hat der Roman dramaturgisch durchaus Schwachstellen, denn dazu, wirklich Großes zu erleben, stehen sich die Charaktere selbst viel zu sehr im Weg. Sven Regeners Storytelling erinnert in dieser Hinsicht ein bisschen an Woody Allen, der ja manchmal auch einen ganzen Film für eine allzu kleine künstlerische Aussage benötigt und die Aufmerksamkeit seines Publikums ausreizt, dabei aber so wach erzählt, dass es wieder kurzweilig wird. Same here, denn Regener legt durch seine unruhigen Charaktere und raschen Perspektivwechsel Tempo und einen wachen Geist in die Geschichte, erzählt sie ruhelos und spannt einen Bogen, der, wenn er auch nicht übermäßig durchgebogen, doch immer noch sehr schön geschnitzt ist.

Wozu brauchen wir Sven Regener?

Was macht die Faszination dieser Settings aus? Kann man Sven Regener nun eigentlich vorwerfen, sich mit seinen halbbiographischen Settings und Plots einzugrenzen? Denn beispielsweise beim Debütroman Über uns der Schaum des Messer-Sängers Hendrik Otremba hoben ja zahlreiche Kritiker positiv hervor, dass jener debütromanuntypischerweise ohne autobiographische Elemente auskommt. Und objektiv betrachtet ist an der grundsätzlichen Kritik halbbiographischer Werke ja auch etwas dran: Immerhin klingt im Prädikat „beruht auf wahren Begebenheiten“ unterschwellig an, dass die Phantasie des Autors nicht für ein komplett fiktionales Werk gereicht hat, seine privaten Erlebnisse aber auch nicht spannend genug waren, um ein ganzes Buch zu füllen. Also fiktionalisiert man eben Zeit und Raum, in denen man gelebt hat und nutzt die Gelegenheit, sich und seine Perspektive auf die Welt vorzustellen. Und gleichzeitig abzubilden. Offenbar scheint es sich, wie in der Rezeption Otrembas deutlich wird, zum üblichen Karriereweg entwickelt zu haben, zunächst mit einem zumindest halbbiographischen Buch aufzufahren, bevor man seiner Phantasie mehr Raum gewährt.

Sven Regener nun geht einen dritten Weg und verortet gleich all seine Romane nicht nur im halb- bis viertelbiographischen, sondern sogar in ein und demselben Kosmos. Immerhin lässt er Frank Lehmann erst eine Jugend in Bremen Neue Vahr Süd, dann eine westdeutsche Wehrdienstzeit, seinen Umzug nach Berlin, die Akklimatisierung mit dem dortigen Lebensgefühl und dann einiges später die im Niedergang befindliche und ums Überleben ringende Kunst- und Freigeistszene Berlins kurz vor der Wende nachvollziehen, also seine eigenen biografischen Eckdaten abklappern. Für den etwas erwachseneren und nüchterneren Blick auf die Technoszene der 90er wählt er dann geschickt anhand der bisherigen Charakterentwicklung als Protagonisten, den gescheiterten und am Leben verzweifelten Künstler Karl Schmidt. Kann man Regener dies vorwerfen?

Für immer Sven Regener

Nein. Mit seinen Romanen verfolgt er ein anderes Anliegen als sich die großen Geschichten dieser Welt auszudenken. Viel lieber baut er seiner Zeit in der Welt Denkmäler und stellt sicher, dass etwas bleibt vom Lebensgefühl junger Künstler Anfang der 80er, vom den Überlebenskünstlern im Hoch- und Niedergang der Berliner Subkulturen von Neuer Deutscher Welle bis Techno. Und gibt sich demütig, denn er weiß genau, dass er nicht der erfolgreiche Musiker hätte werden müssen, der er wurde, sondern auch heute noch selbst im Café Einfall kellnern könnte.

Im Prinzip stellt Regener wieder und wieder eine Sache klar: Die Figuren in seinen Romanen oder seinem persönlichen Umfeld mögen verrückt sein – vermutlich nimmt er sich selbst da auch nicht heraus –, doch die Welt, die ihnen begegnet, ist noch viel verrückter. Man kann diesseits der Mauer ungeschadet Aussichtsplattformen in Stücke sägen, um seine neue Kettensäge auszuprobieren, jenseits derselben jedoch auch mit einem westdeutschen Reisepass ernsthafte Probleme bekommen, wenn dieser seit ein paar Tagen abgelaufen ist. Die Bitterkeit des Romans wird noch deutlicher, liest man ihn zum Beispiel parallel zu Thomas Brussigs Am kürzeren Ende der Sonnenallee, der fast zur selben Zeit ein paar im Grunde ähnliche Charaktere die Ostseite der Mauer betrachten lässt. Was passiert ist, können wir zum Glück in vielen Büchern nachlesen. Wie es sich angefühlt hat, dafür brauchen wir Autoren wie Thomas Brussig oder Sven Regener.

Nicht nur diesem großen Bedürfnis wird Regener mit Wiener Straße gerecht, auch den kleineren seines Stammpublikums: Denn äußerst subtil findet am Rande der Handlung eine vielleicht nur für Liebhaber der Reihe wahrnehmbare (und relevante) Wandlung statt: Der kleine Bruder, den in seiner Anfangszeit in Berlin noch niemand als Individuum wahrnahm, wird für sein Umfeld still und heimlich zum respektierten, eigenständigen Subjekt mit Job und Wohnung. Herr Lehmann fasst Fuß in Berlin.

Titelbild: Gregor van Dülmen

Verlängerte Abstimmfrist beim Buchblog-Award

Am 13. Oktober ist es so weit: Auf der Frankfurter Buchmesse wird erstmals der Buchblog-Award verliehen. Da der Award eine ziemlich große Sache für die deutschsprachige Bloglandschaft und eine wichtige Anerkennung von Autor٭innen abseits der großen Feuilletons ist, seien ihm ein paar Kinderkrankheiten wie technische Probleme im Abstimmungsverfahren für die Shortlist nachgesehen. Zumal mittlerweile alles gefixt ist.

Außerdem wurde fairerweise die Votingfrist verlängert. Noch bis zum 14. September kann man also noch für seine Lieblingsblogs, zum Beispiel für postmondän oder einen der großartigen anderen, abstimmen. Und zwar hier:

Longlist Buchblog-Award 2017

_postmondän und der Buchblog-Award

Ihr Lieben,

gestern wurde die Longlist für den Buchblog-Award 2017 veröffentlicht, der dieses Jahr im Rahmen der Frankfurter Buchmesse erstmals verliehen wird. Neben vielen großartigen Seiten hat es auch postmondän in diese wundersame Liste geschafft. Nun läuft vom 1. bis 11. September ein Voting für die Shortlist – und wenn du mitmachen und deine Lieblingsseite unterstützen möchtest, dann klick doch einfach mal auf dieses hübsche Logo hier und lass deine Stimme hinterlassen. Geht auch ganz schnell. Unter allen Teilnehmern verlosen wir ein Lächeln.

Zum Voting für den Buchblog-Award 2017:

Longlist Buchblog-Award 2017Wir danken euch vielmals für eure Aufmersamkeit, Treue  und Unterstützung über die letzten zwei Jahre,

eure Postmondänen