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Leinsee!

Kunstdruckorange, Plastikschildkrötengrün, Gottweiß. Mit diesen und anderen Farbprädikate sind die Kapitel in Anne Reineckes Debütroman „Leinsee“ überschrieben. In dem Buch geht es ums Aufräumen, Abschließen und Fortfahren.


2 + 1 = 2

Die Farbausdrücke beziehen sich auf einen Gegenstandes, ein Detail aus aus der Beobachtung oder der Erinnerung von Karl Stiegenhauer, der Hauptfigur des Romans. Karl ist ein junger erfolgreicher Künstler und Sohn des berühmten Künstlerpaares Ada und August Stiegenhauer. Diese sind durch Plastiken aus Gießharz berühmt geworden, in die sie Asche oder zerkleinerte Überreste von Gegenständen einschließen. Er selbst wendet eine Vakuumtechnik an, mit der er Gegenstände in Plastikfolie einschweißt. Karl ging als Schüler auf ein Internat, ist nach dem Abitur nach Berlin gegangen und hat den Kontakt zu seinen Eltern abgebrochen.

Die Eltern wohnten weiterhin in Leinsee (ein fiktiver Ort in der Nähe von Mannheim) in einer Villa inklusive Atelier, großem Garten und Bootshaus. Karl durfte sich öffentlich nie als Sohn der Stiegenhauers zu erkennen geben und musste das Pseudonym Karl Sund annehmen. Die Eltern haben nie öffentlich über ihren Sohn gesprochen. Die beiden waren sich immer genug und jede weitere Person war eine zu viel. Zu Beginn des Romans ist Karl 26 Jahre alt und wird schlagartig dazu gezwungen, sich mit seinen Eltern, seiner Vergangenheit und dem Haus in Leinsee auseinanderzusetzen. Die Mutter Ada ist im Krankenhaus, um einen Gehirntumor operativ entfernen zu lassen.

Der Vater August hat sich in der Villa erhängt, da er davon ausgeht, dass Ada die OP nicht überlebt. Karl muss die Beerdigung des Vaters organisieren, Fragen nach dem künstlerischen Nachlass der Eltern klären und sich um seine Mutter kümmern. Diese hat wider Erwarten die schwere OP überlebt, allerdings mit bleibenden geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen. Sie hält Karl für ihren Ehemann August. An Karl hat sie keine Erinnerungen mehr. Das alles ereignet sich wenige Tage vor der Eröffnung von Karls großer Einzelausstellung in einer Galerie in Berlin.

Das Mädchen, das nach Basilikum riecht

Der Roman beginnt also ganz klassisch mit einer Krise, die der Protagonist überwinden muss.
Karl möchte keine Anteilnahme seiner Freundin Mara, kein Mitleid seiner Verwandten und keine Fragen von neugierigen Reportern. Er braucht seine Ruhe und igelt sich im Elternhaus in Leinsee ein. Der einzige Kontakt, der ihm nicht zuwider ist, ist das achtjährige Mädchen Tanja, das eines Tages plötzlich im Kirschbaum im Garten sitzt. Nach und nach nähern ich Karl und Tanja an und es entsteht eine Art Freundschaft, indem sie sich gegenseitig durch kleine Gesten und spielerische Überraschungen Freuden bereiten.

Am Anfang ist Karl in seiner isolierten, fast klaustrophobischen Gedankenwelt gefangen. Schrittweise wendet er sich durch die Interaktion mit Tanja aber den Dingen in seiner Umgebung zu. Anne Reinecke beschreibt mit klarer und schnörkelloser Sprache Karls charakterlichen und künstlerischen Öffnungsprozess. Neben den Farben von Gegenständen, Wetter- und Lichtphänomenen spielen auch Gerüche eine wichtige Rolle, da diese bekanntlich eng mit Erinnerungen und subjektiven Empfindungen verknüpft sind. Hier wird auf kluge Weise ein Konzept der „Achtsamkeit“ veranschaulicht und neu belebt, das durch zu viel Ratgeberliteratur fast unerträglich geworden ist.

„Ein neuer Shootingstar am Kunsthimmel“

Die Stärke des Buchs ist die Beschreibung des Innenlebens des Protagonisten und die Verknüpfung mit einer phänomenologischen Beobachtung von Situationen und Stimmungen. Reinecke verdeutlicht, wie eng künstlerische Produktivität und persönliche Entwicklung mit der Wahrnehmung eines konkreten Ortes zusammenhängen. Das Haus und das Grundstück in Leinsee sind fast eigenständige Figuren des Romans. Nebenbei kritisiert Reinecke den Irrsinn des Kunstbetriebs und die reißerische Sprache von Journalist*innen. Die Handlung verliert dabei im Laufe des Romans zunehmen an Bedeutung.

Wendungen werden zwar konsequent und plausibel aufgebaut, deuten sich dadurch aber schon lange im Voraus an. „Spannend“ im Sinne von „was wird wohl als nächstes passieren?“ ist dieser Roman selten. Das muss er aber auch nicht sein, denn die Spannung liegt hier eher darin, wie etwas erzählt wird und nicht, was passiert. Im letzten Viertel verliert die Geschichte aber leider zu viel von ihrer anfänglichen Kraft. Das Buch ist zum Schluss nur noch ein geradliniger Liebesroman mit Happy End. Einfühlsam erzählt ist die Geschichte aber auf jeden Fall.

Hört, hört!

Der Roman erscheint nicht nur als gedruckte Ausgabe, sondern auch als ungekürztes Hörbuch auf sechs CDs. Gelesen wird es vom Schauspieler Franz Dinda. Dindas Stimme ist fest und meistens angenehm unaufdringlich. Die Betonung und der Rhythmus verstärken die Atmosphäre dezent, lassen aber dabei genug Platz zum eigenen Hören. Manche Figuren und Zitate aus Zeitungen werden von Dinda durch eine verstellte Stimme vom restlichen Text abgehoben. Das ist stellenweise aber zu viel und kippt ins Karikaturhafte. Insgesamt ist die Hörfassung aber dennoch gelungen und die gut siebeneinhalb Stunden sind ein intensives Erlebnis. Es bietet sich an, das Buch auf einer langen Bahnfahrt zu hören – z.B. auf der Fahrt von Berlin nach Leinsee.

„Leinsee“ von Anne Reinecke erschien am 28. Februar 2018 im Diogenes Verlag und kostet sowohl als Hardcover als auch als Hörbuch 24 €.
Titelbild: © Dirk Sorge

Wer braucht die Liebe in Gedanken? Schlinks „Olga“

Der neue Roman von Bernhard Schlink „Olga“ ist vieles. Doch am meisten eine Liebesgeschichte. Aber wie muss Liebe eigentlich beschrieben sein, damit die Leser*innen sie nachfühlen können?


Olga liebt Herbert. Bis zum Schluss. Obwohl diese Liebe die meiste Zeit nur in Form von Sehnsucht existiert. Sehnsucht, die von Erinnerungsfetzen und die Hoffnung auf ein Wiedersehen genährt wird. Denn während es Olga mithilfe von Fleiß und Willensstärke zu einer Anstellung als Lehrerin im preußischen Memelland schafft, packt den Gutsbesitzersohn Herbert regelmäßig die Abenteuerlust. Dann kämpft er fürs Deutsche Kaiserreich im Ersten Weltkrieg oder begibt sich auf Forschungsreisen. Und verlässt Olga – wieder und wieder. Bis er nicht mehr wiederkommt.

„Dass sich Olga und Herbert ineinander verliebten“

Bernhard Schlinks Roman „Olga“ ist vieles: Eine Roman über die deutsche Geschichte vom späten 19. bis zum frühen 21. Jahrhundert, ein Portrait einer Frau, eine Erzählung über eine generationsübergreifende Freundschaft und eine Liebesgeschichte. Das alles kennen wir bereits von Schlink. Doch eines fehlt: die Erotik, wie sie im Welterfolg „Der Vorleser“ thematisiert wird. Fast scheint es, als ginge es ihm in seinem neuen Werk weniger darum, eine körperliche als eine tiefe gedankliche Liebe zweier Menschen zu beschreiben. Doch diese Liebe bleibt merkwürdig blass. Warum ist sie für die Leser*innen so wenig nachvollziehbar? Vielleicht liegt es an der Sprache, die nicht den richtigen Rhythmus und nicht den richtigen Ton findet: Mal plätschert das Erzählte nüchtern dahin, mal schlägt es ins Extreme aus. Kommt ins Schwärmen, als müsse sie bewiesen, ja, gerechtfertigt werden, die Liebe zwischen Olga und Herbert.

„Ich bin schon wieder bei dir, Herbert.“

Vielleicht liegt es aber auch an der Wahl der Erzähler. So wie der Roman aus drei Teilen besteht, so gibt es drei Perspektiven. Im ersten Teil beschreibt ein auktorialer Erzähler Olgas Geschichte bis kurz nach ihrer Flucht von Ostpreußen nach Heidelberg. Hier erfahren die Leserinnen viel über den Verlauf ihres Leben, aber kaum etwas über ihr Innenleben. Und Herbert? Auch seine Innenwelt bleibt den Leserinnen verschlossen. Zwar gibt er vor Olga zu lieben und besucht sie zwischen seinen Reisen bis zu seinem Verschwinden, aber wirkt aufgrund seines Handelns fast desinteressiert. Ist es das, was die Liebe für die Leser*innen wenig nachfühlbar macht? Dass Herbert kein Sympathieträger ist? Vielleicht. Aber auch Olga ist unnahbar, ja, die Figur eindimensional. Denn was bleibt von ihr, wenn die Liebe zu Herbert herausgestrichen würde? Nicht viel.

„Sie erzählte, wie Herbert und sie umeinander warben und zueinanderfanden.“

Aber zum Glück gibt es noch einen zweiten Teil. Und als habe der zunächst noch junge Ferdinand schon ungeduldig darauf gewartet, endlich zu Wort kommen zu dürfen, bricht mit ihm Lebendigkeit aus. Hier gelingt es Schlink auf beeindruckende Art, den männlichen Protagonisten und die Freundschaft zwischen ihm und der nun in die Jahre gekommenen Olga mithilfe eines Ich-Erzählers so authentisch zu beschreiben, als handele es sich um ein autobiografisches Erlebnis. Ferdinand, bis ins Erwachsenenalter und noch lange nach ihrem Tod fasziniert von Olgas Liebe zu Herbert, macht sich auf die Suche nach ihren Briefen. Und wird fündig. Doch die Spannung, die kurz auflodert, erlischt im dritten Teil: Hier wird das Innenleben Olgas, das im ersten Teil fehlt, in Form von Briefen an den verschollenen Herbert offengelegt. Und ja, die Leser*innen erfahren Neues und können im ersten Teil entstandene Leerstellen schließen. Aber wirkliche Überraschungen sind es nicht.

„Dann fragt ich sie, warum sie nach Herberts Tod keinen anderen genommen hat.“

Aber noch etwas wird in den Briefen deutlich: Olga existiert nur, weil die Gedanken an Herbert sie existieren lassen. Der Roman ist kein Portrait einer unabhängigen Frau im 19. bis 21. Jahrhundert, was er hätten werden können, sondern zeichnet eine Frau, die nur für einen Mann lebt. Damit hinterlässt er kein Gefühl von Ergriffenheit über diese bedingungslos anhaltende Liebe, sondern ein Gefühl von Wut. Darüber, dass die kurz aufkeimende Hoffnung, Olga könnte sich doch noch abwenden, sich von der Macht Herberts befreien und sich dem von ihr angetanem Kollegen zuwenden, enttäuscht wird. Darüber, dass diese Frau ein einsames Leben voller Warten aufgrund eines Mannes führt, der nie zu Kompromissen bereit war. Somit lässt sich die Frage, wie Liebe im Roman beschrieben sein muss, damit sie nachfühlbar wird, einfach beantworten: Sie darf nicht zu gewollt, nicht zu erzwungen sein. Sie darf nicht wütend machen.

„Olga“ von Bernhard Schlink erschien am 12. Januar 2018 im Diogenes Verlag.
Titelbild © Katharina van Dülmen.

Tod der Natur – Jovana Reisingers Still halten

Mit ihrem Debüt Still halten gelingt Jovana Reisinger ein benommenes Drama, das in postmoderner Manier eine morbide Perspektive auf Existenz und Gesellschaft wirft.


„Nur die schwachen Geister lassen sich von der Natur einnehmen.“

Still halten ist erzählt als depressiver Monolog seiner Protagonistin, die damit beschäftigt ist, ihrer Umwelt gefällig zu sein, ohne selbst völlig unterzugehen. Teilweise gelingt es ihr ganz gut, gegenüber den Personen in ihrer Umgebung zu funktionieren oder sie dies zumindest glauben zu lassen. Was ihr hilft, ist, Personen als Rollen wahrzunehmen. Was sie herausfordert, sind Situationen, in denen Rollen von Personen ihr gegenüber sich wandeln oder Personen hinter Rollen sich ändern. Ihr Sparkassenfilialleiter etwa wird einfach ungefragt ausgetauscht. Ihre Mutter wechselt die Funktion in ihrem Leben – und liegt, was Ausgangspunkt der Handlung ist, neuerdings im Sterben.

Da die Mutter sich hierzu in einer Privatklinik eines kleinen Kurorts befindet, die Erzählerin sich jedoch in der Stadt aufhält, in die sie vor ein paar Jahren gezogen ist, beschäftigt sich ein großer Teil des Buchs mit ihrem Aufbruchversuch, der sich weniger einfach gestaltet, als es den Leser*innen lieb ist. Denn die stecken tief in der Gedankenwelt der Protagonistin, die sich ständig darum bemüht, sich in den Personen, denen sie begegnet, zu spiegeln, aus ihrer Perspektive heraus die Welt zu begreifen, verschiedene Perspektiven auf sich selbst zu richten, und gedanklich weite Kreise aufzumachen. Gerade eigene Entscheidungen fallen ihre schwer, weshalb sie ausgiebig darüber grübelt, wie sie ihrer Mutter einen letzten Besuch abstatten kann, der eines letzten Besuchs bei der eigenen Mutter würdig ist. Beziehungsweise der der Mutter eines letzten Besuchs ihrer Tochter als würdig erscheinen würde. Der die Tochter der Mutter gefallen lässt.

„Niemand ist jemals für die Mutter von dieser Wohnung aus über Maria Bitter und Maria Elend nach Maria Schmolln gelaufen, um dann in den Luftkurort zu gehen, ohne dabei nur in einer der Wallfahrtskirchen für sie zu beten.“

Ein spannender Effekt ist, dass sich Gedankenwelt und Erzählstil entspannen, sobald sie etwas mehr Ruhe findet. Die sie dann auch findet, als sie in ihre Heimat zurückkehrt, was den Roman deutlich an Tempo gewinnen lässt und seine Anspannung immer mehr in Spannung auflöst. Was ihr jedoch fehlt, sind Bezugspersonen. Denn auch ihr Mann ist derzeit unterwegs. Dass sie trainiert darin ist, sich fremdbestimmen zu lassen, macht nicht nur die Handlung, sondern auch die Erzählweise deutlich, da sie meisten ihrer Handlungen passiv erlebt. Mit ihr wird geredet, über sie wird entschieden, mit ihr wird geschlafen.

„Dem Richard war mein Körper schon immer wichtiger als mir.“

Immer wieder lässt sie sich leiten und beißt sich in kleine Gedanken fest, bis sie sich in fatale Dimensionen in diese hineingesteigert hat. Anstatt eines aktiven Erzählstils entsteht dadurch ein reaktiver, der sich in starke Abhängigkeit von Einflüssen bringt, die von außen auf die Erzählung treffen.

Still halten erschien im Verbrecher Verlag:

Quelle: Instagram

Worauf könnte ein Buch nun hinauslaufen, das zu Beginn einen depressiven Hauptcharakter mit der Nachricht konfrontiert, dass die Mutter im Sterben liegt? Genau, auf eine Auseinandersetzung mit Leben und Tod. Das wäre weit weniger innovativ, würde Jovana Reisinger dabei nicht so ein interessantes Gegensatzpaar aufmachen. Zwar lässt das Buch konträre Charaktere aufeinandertreffen, aber diese sind sich in gewissen Punkten seltsam einig, vor allem in ihrer Auseinandersetzung mit der Natur. Denn sowohl seine Protagonistin als auch der Förster ihres Heimatdorfs, der sich in der Handlung zum immer größeren Charakter entwickelt, begreifen die Natur als ständige Existenzbedrohung. Für ihn ist die Gefahr strukturell, aber so lang es Leute wie ihn gibt, zähmbar. Für sie ist die Angst persönlich. Die Natur, konkret der Wald, wird sie alle einholen. Sie ist die letzte in der Reihe, er wartet nur auf sie.

„Die Fläche hinter mir ist überschaubar, ich kann mich beim Zurückgehen durch den Garten nicht verirren. Ich kann den Ausgang nicht verfehlen. Ich kann mich hier nicht mehr verlieren. Ich darf nur nicht in den Wald geraten. Und ich bin das letzte Opfer, das es noch zu holen gilt.“

Das Gegensatzpaar Kultur–Natur bildet die Verbindungslinie zwischen den Gedankenwelten des konservativen Dörflers und der feministischen Städterin. Nur könnten die Sphären, die sie davon berührt sehen – hier die dörfliche Gesellschaft mit ihrer Forst- und Landwirtschaft, da die bloße Existenz – unterschiedlicher nicht sein. Zwar beginnen beide von einem bestimmten Punkt im Roman an wie damit, wie besessen Tiere zu erschießen. Aber die Mikroperspektive auf die nichtsdestotrotz unterschiedlichen gedanklichen Sphären, die die Personen haben, gibt Still halten etwas Besonderes.

Damit und mit ihrem assoziativen Schreibstil schafft Jovana Reisingers ein kleines wie feines, depressives Gesellschaftsportrait österreichischen Lebens, das am Ende viele Kreise schließt und bloß eine wichtige Frage offenlässt: Darf man seiner toten Mutter eigentlich die Finger brechen?

„Was macht es ihr schon aus, wenn ihr eine Hand gebrochen wurde, sie wird nie wieder meinen Kinderkopf damit streicheln können. Jetzt hat sie endlich ihr Kind verloren und kriegt es nicht mit!“

alle Zitate © Jovana Reisinger / Verbrecher Verlag

Suizidale Meditationen

Marion Poschmanns Die Kieferninsel ist erzählt wie ein System aus Informationen, die am Ende einer Reise das Bewusstsein durchströmen wie ein komplexer Traum. Oder grüner Tee.


Worum geht es inhaltlich? Der Kulturwissenschaftler Gilbert Silvester wird von einer Information aus seinem Privatleben aus der Bahn geworfen und entscheidet sich kurzerhand für eine Japanreise. Das Gute ist: Er hat Geld und Semesterferien, braucht im Grunde nur einen Konferenzvortrag abzusagen und kann so lange in Japan bleiben, wie er möchte. Das Schlechte: Eigentlich passt eine Japanreise nicht in sein Weltbild. Zum einen probiert er Länder mit überdurchschnittlichem Teekonsum zu meiden.

„Eine Tradition der Sichtbarkeit, der Vorhandenheit, der Deutlichkeit. In Kaffeeländern lagen die Dinge offen zutage. In Teeländern spielt sich alles unter dem Schleier der Mystik ab.“

Zum anderen forscht er momentan zu dem Thema „Bartmode und Gottesbild“, und japanische Männer tragen keine Bärte. Dazu sind Silvester drei Theorien bekannt.

„Die langweiligste war biologistisch: Manchen asiatischen Völkern fehlte ein Gen oder was auch immer für den Bartwuchs verantwortlich zeichne, so daß sie, wenn überhaupt, nur äußerst spärliche Bärte entwickelten, die in ihrer Spärlichkeit nicht als Statussymbol taugten und daher lieber abrasiert würden.“

Die beiden anderen sind spannender. Doch im Grunde genügt ihm die erste schon, um kurz nach seiner Ankunft in Tokio Anschluss zu finden und in Yosa Tamagotchi, einem jungen Mann mit mysteriösem Schnurrbart, dessen Bedeutung ihm schnell klar wird, einen Reisebegleiter zu finden. Viel Spaß haben beide nicht gemeinsam, da der Japaner eine noch deutlich ernstere Lebenskrise durchmacht als Silvester. Dennoch macht es beim Lesen Spaß, sie einander in ihrer Unterschiedlichkeit begegnen zu lassen. Gemeinsam starten sie eine Reise durch ein Japan, dessen Natur von mystischer Schönheit zu sein scheint, dessen Kultur Gilbert Silvester bzw. Marion Poschmann aber als äußerst zwanghaft auffasst: beginnend mit einem Ordnungs- und Reinigungszwang, in den auch die Unterdrückung der Körperlichkeit spielt, über einen Höflichkeitszwang bis hin zu dem Zwang, sich um jeden Preis in der Gesellschaft beweisen zu müssen und den Freitod als notwendige Konsequenz für Scheitern zu akzeptieren.

Ihr Reiseplan ist ein Kompromiss aus zwei Routen: einem klassischen Pilgerpfad des legendären Haiku-Dichters Matsuo Bashō und dem neuzeitlichen Complete Manual of Suicide mit den beliebtesten und würdigsten Selbstmordorten Japans. Der gemeinsame Plan führt über Hochhaussiedlungen, durch Wälder, berühmte Bahnhöfe zu beeindruckende Klippenküsten, wo sie immer wieder auf historische Tempel treffen und zur Erkentnissicherung selbst Haikus schreiben. Der Bildungsreisende möchte seinem zugelaufenen Schützling durch seine eigene Faszination die japanische Lebensweise wieder nahebringen machen und ihn an seinen kulturellen Meditationen teilhaben lassen. Zwar ist dies in seinem eigenen Weltbild ein herzensguter Ansatz, aber es ist wohl auch nicht ohne Grund keine gängige Therapieform.

Japan als kultureller Spiegel?

Auffällig ist trotz der Originalität des Settings eine Ähnlichkeit der Geschichte zu Christian Krachts Die Toten. Beide Romane erzählen von Japanaufenthalten, die in Tokio beginnen und auf die kleineren Inseln des Nordens führt. Sie leben von einer ähnlichen Begeisterung für die japanische Kultur, insbesondere die darin verankerte vermeintliche Todessehnsucht. So kommen beide Texte schon während der ersten Seiten auf Seppuku, jene rituelle, brutale Samurai-Tradition des Ehrenselbstmords, zu sprechen. In dessen Tradition sehen Poschmann wie Kracht oder zumindest ihre Hauptcharaktere die Morbidität des modernen Japans begründet.

Doch während erstere nun in ebendieser einen zentralen Unterschied zur deutschen Gesellschaft sieht, markiert letzterer hier die wesentliche Gemeinsamkeit. Ein paar weitere Unterschiede sind dabei zu berücksichtigen: Die Toten spielt in den 1930er-Jahren, Die Kieferninsel heute. Und Christian Kracht ist im Gegensatz zu Marion Poschmann selbst kein Deutscher, sondern genau wie sein Hauptcharakter Emil Nägeli Schweizer. Schreibt er über „die deutsche Kultur“, tut er dies aus vermeintlicher Objektivität heraus als Provokateur. Marion Poschmann scheint ein solches Vorgehen fremd und geht in ihrer Arbeit deutlich subtiler und bescheidener vor. Die Kieferninsel und Die Toten haben am Ende vielleicht nur die eine große Gemeinsamkeit: Sie verraten viel mehr über deutsche Kultur, Denkmuster und Sehnsüchte als über japanische.

Wer meditiert hier?

Gilbert Silvester als deutscher Proto-Geisteswissenschaftler etwa stellt sich als beileibe nicht weniger verspannt und zwanghaft heraus als das von ihm kritisierte Umfeld heraus. Bemerkenswert an Die Kieferninsel ist vor allem ihr Erzählstil, der sicher nicht allen gefallen wird, andererseits aber wohl ausschlaggebend für alle Literaturpreise ist, die das Buch noch erhalten könnte. Im Prinzip setzt sich der gesamte Roman bloß aus Eindrücken zusammen, die zu allen besuchten Orten den zum Verständnis wichtigen gedanklichen Rahmen herstellen. Absätze machen nicht unmittelbar klar, ob in ihnen die erzählte Geschichte vorangetrieben oder der erinnerte oder kulturelle Rahmen weiter beleuchtet wird, der sie umgibt. E-Mails heben sich bloß durch Anredeformeln vom Fließtext ab. Und Dialoge mit Anführungszeichen zu kennzeichnen wäre für das Buch ebenfalls zu explizit. Sie fügen sich viel lieber stumm ein in den Informationsstrom. Liest man Die Kieferninsel, muss man sich ständig neu orientieren, in welcher Zeit und auf welcher Ebene man sich nun grad befindet. Dabei ist die Erzählweise deutlich sortierter und schärfer als ein blank notierter Stream of Consciousness.

So eingenommen man beim Lesen von den gewohnten Erzählkonventionen ist, mit denen das Buch bricht, und so kryptisch es dagegen wirkt – es scheint doch recht nah daran zu kommen, wie man tatsächlich eine solche Reise erleben würde. Oder wie man das Erlebte am besten ausdrücken könnte, wenn man die Reise eben nicht zu einer Geschichte fiktionalisiert, sondern einfach reflektiert, wie sie einem vorkam. Das Buch funktioniert als Meditation für alle Beteiligten: für seine Charaktere, seine Autorin, seine Leser٭innen. Jede٭r muss die eigenen Zwänge selbst erfahren. Das muss man erstmal wollen. Aber es könnte einen verändern.

Quelle: YouTube

Aufgeführte Zitate stammen aus Die Kieferninsel von Marion Poschmann. Der Roman hat 165 Seiten und erschien im Suhrkamp Verlag.

Titelbild: © Suhrkamp Verlag

Wiener Straße. Ekstase im Herr-Lehmann-Spin-Off

Sven Regeners Romane leben durch das Prädikat „beruhend auf wahren Begebenheiten“ und sind im halbbiographischen, im von der Erinnerung (und fürs Storytelling) verzerrten Raum angesiedelt. Und lassen alte Menschen für ein paar hundert Seiten wieder jung und naiv durch die ihnen zugeteilte Phase von Welt- und Kulturgeschichte stolpern. In Wiener Straße trifft dies nun Extremkünstler im ebenfalls extremen Kreuzberg Anfang der 80er Jahre. Heraus kommt vielleicht keine große Geschichte, doch eine geschichtliche Vergrößerung, die bleiben wird.


Bei Sven Regener läuft es grad richtig gut. Mit Element of Crime hat er ja eh schon alles erreicht, was man sich vorgenommen hatte, aber auch seine Schriftstellerkarriere entwickelt ein immer bemerkenswerteres Eigenleben. Gerade erst erschien die Verfilmung seines 2013 veröffentlichten Romans Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt, die nicht zufällig kongenial ausfiel. Zum einen schafft es Regisseur Arne Feldhusen, einen grandiosen Schauspielerstab um Charly Hübner, Annika Meier und Bjarne Mädel zu versammeln. Zum anderen schrieb Sven Regener ja selbst das Drehbuch – das erste nach Hai-Alarm am Müggelsee. Und während noch alle im Kino saßen, erschien fast unbemerkt eine Woche später auch noch sein neuer Roman: Wiener Straße.

Wem gehört die Wiener Straße?

Worum geht’s? Wir befinden uns im Jahr 1981. Ganz Osteuropa wird in Abhängigkeit von der Sowjetunion sozialistisch regiert und unterdrückt systematisch nicht zuletzt seine Kulturlandschaften. Ganz Osteuropa? Nein, eine kleine Exklave aus Demokratie, Punk, freier Kunst und freiem Markt hält sich wacker hinter bunten Berliner Betonmauern. Genau dorthin hatte es ja Frank Lehmann, Regeners mehrfachen Romanhelden, in Der kleine Bruder verschlagen. Wiener Straße setzt nur wenige Tage später ein, als Erwin, Besitzer des Cafés Einfall, Frank Lehmann, Karl Schmidt sowie Erwins Cousine Chrissie eine Zwangs-WG über der Kneipe in der Wiener Straße gründen lässt – vor allem, damit sie nicht mehr bei ihm wohnen. Da die drei auch mit Jobs im Einfall versorgt werden, können sie sich eigentlich auf ein ruhiges, gesichertes Westberliner Leben einstellen, das bis Ende der 80er, bis Herr Lehmann, anhält. Ende der Geschichte.

Doch der Buchtitel birgt einen Doppelsinn, denn die Wiener Straße heißt nicht nur so, sondern wird, einschließlich ihrer Läden und Bewohner, von ein paar österreichischen Aktionskünstlern vereinnahmt. Diese heißen etwa P. Immel und H. R. Ledigt, und versuchen, mit Aktion und Provokation Aufmerksamkeit zu erzielen, die Grenzen der Kunst auszuloten. Der Roman begleitet sie dabei, macht unsere üblichen Verdächtigen bloß zu Rand- und Rahmenfiguren und fokussiert auf die Verquickung von Kunst- und Punkszene. Die frühen 80er greift Regener als eine Phase auf, in der zahlreiche Kunstschaffende aus dem Gefühl nach Berlin kommen, hier keinen Abschluss einer Kunsthochschule zu benötigen, um sich als Künstler zu etablieren, sondern mit ihrer Kunst selbst in der selbstverwalteten Szene Anerkennung finden können. Die Anlaufstellen dafür waren Kreuz- und Schöneberg, und wo könnte es österreichische Avantgarde-Künstler eher hinziehen als in die Wiener Straße?

Kreuzberger Kulturen im Hier und Damals

Und so diskutierte man eben nicht mehr in der Hochschule der Künste, sondern am physischen Objekt in der Kneipe, ob nun ein verbrannter Kuchen Kunst sei, wenn ein Künstler ihn dazu erhebt und in einer Vitrine ausstellt. Und ob dem Künstler nicht die Hälfte des Gewinns zusteht, wenn die Kneipenbedienung, die ihn immerhin ja auch gebacken hat, ihn in seiner Abwesenheit Stück für Stück verkauft. Aber als Kuchen, nicht als Kunst. Oder man tut so, als sei das Haus, in dem lebt besetzt, um das Fernsehen anzulocken, und verkleidet sich dann als Punks, damit sie überhaupt über einen berichten. Und die Grenzen der Kunst definiert man am besten direkt vor der Polizei mit einer Kettensäge.

Spannend an der Lektüre ist auch, zu betrachten, was aus dem Viertel wurde. Denn ein paar dieser Kneipen gibt es noch in der Wiener Straße und um sie herum – immerhin ist das Café Einfall, Angelpunkt der Story, nach Angaben Regeners recht konkret der Madonna Bar nachempfunden. Doch Konkurrenz machen ihm heute weniger die Avantgarde-Galerien in besetzten Häusern, sondern vegetarische Burgerläden, Unverpackt-Supermärkte oder Spätzle-Expresse. Und am Ende des kleinen Straßenblocks zwischen Görlitzer Park und Landwehrkanal, wo man heute so wunderbar in Farbrikloftetagen investieren kann, endete damals eben noch die westliche Welt.

Wiener Straße erschien im Galiani Verlag Berlin

Quelle: Instagram

Erzählerisch lebt der Roman vor allem durch seine Dialoge, die einerseits von glaubhaft abgebildeter jugendlicher Naivität profitieren, andererseits das Clash-Potenzial aus Wiener Schmäh und Berliner Schnauze ausnutzen. Dabei hat der Roman dramaturgisch durchaus Schwachstellen, denn dazu, wirklich Großes zu erleben, stehen sich die Charaktere selbst viel zu sehr im Weg. Sven Regeners Storytelling erinnert in dieser Hinsicht ein bisschen an Woody Allen, der ja manchmal auch einen ganzen Film für eine allzu kleine künstlerische Aussage benötigt und die Aufmerksamkeit seines Publikums ausreizt, dabei aber so wach erzählt, dass es wieder kurzweilig wird. Same here, denn Regener legt durch seine unruhigen Charaktere und raschen Perspektivwechsel Tempo und einen wachen Geist in die Geschichte, erzählt sie ruhelos und spannt einen Bogen, der, wenn er auch nicht übermäßig durchgebogen, doch immer noch sehr schön geschnitzt ist.

Wozu brauchen wir Sven Regener?

Was macht die Faszination dieser Settings aus? Kann man Sven Regener nun eigentlich vorwerfen, sich mit seinen halbbiographischen Settings und Plots einzugrenzen? Denn beispielsweise beim Debütroman Über uns der Schaum des Messer-Sängers Hendrik Otremba hoben ja zahlreiche Kritiker positiv hervor, dass jener debütromanuntypischerweise ohne autobiographische Elemente auskommt. Und objektiv betrachtet ist an der grundsätzlichen Kritik halbbiographischer Werke ja auch etwas dran: Immerhin klingt im Prädikat „beruht auf wahren Begebenheiten“ unterschwellig an, dass die Phantasie des Autors nicht für ein komplett fiktionales Werk gereicht hat, seine privaten Erlebnisse aber auch nicht spannend genug waren, um ein ganzes Buch zu füllen. Also fiktionalisiert man eben Zeit und Raum, in denen man gelebt hat und nutzt die Gelegenheit, sich und seine Perspektive auf die Welt vorzustellen. Und gleichzeitig abzubilden. Offenbar scheint es sich, wie in der Rezeption Otrembas deutlich wird, zum üblichen Karriereweg entwickelt zu haben, zunächst mit einem zumindest halbbiographischen Buch aufzufahren, bevor man seiner Phantasie mehr Raum gewährt.

Sven Regener nun geht einen dritten Weg und verortet gleich all seine Romane nicht nur im halb- bis viertelbiographischen, sondern sogar in ein und demselben Kosmos. Immerhin lässt er Frank Lehmann erst eine Jugend in Bremen Neue Vahr Süd, dann eine westdeutsche Wehrdienstzeit, seinen Umzug nach Berlin, die Akklimatisierung mit dem dortigen Lebensgefühl und dann einiges später die im Niedergang befindliche und ums Überleben ringende Kunst- und Freigeistszene Berlins kurz vor der Wende nachvollziehen, also seine eigenen biografischen Eckdaten abklappern. Für den etwas erwachseneren und nüchterneren Blick auf die Technoszene der 90er wählt er dann geschickt anhand der bisherigen Charakterentwicklung als Protagonisten, den gescheiterten und am Leben verzweifelten Künstler Karl Schmidt. Kann man Regener dies vorwerfen?

Für immer Sven Regener

Nein. Mit seinen Romanen verfolgt er ein anderes Anliegen als sich die großen Geschichten dieser Welt auszudenken. Viel lieber baut er seiner Zeit in der Welt Denkmäler und stellt sicher, dass etwas bleibt vom Lebensgefühl junger Künstler Anfang der 80er, vom den Überlebenskünstlern im Hoch- und Niedergang der Berliner Subkulturen von Neuer Deutscher Welle bis Techno. Und gibt sich demütig, denn er weiß genau, dass er nicht der erfolgreiche Musiker hätte werden müssen, der er wurde, sondern auch heute noch selbst im Café Einfall kellnern könnte.

Im Prinzip stellt Regener wieder und wieder eine Sache klar: Die Figuren in seinen Romanen oder seinem persönlichen Umfeld mögen verrückt sein – vermutlich nimmt er sich selbst da auch nicht heraus –, doch die Welt, die ihnen begegnet, ist noch viel verrückter. Man kann diesseits der Mauer ungeschadet Aussichtsplattformen in Stücke sägen, um seine neue Kettensäge auszuprobieren, jenseits derselben jedoch auch mit einem westdeutschen Reisepass ernsthafte Probleme bekommen, wenn dieser seit ein paar Tagen abgelaufen ist. Die Bitterkeit des Romans wird noch deutlicher, liest man ihn zum Beispiel parallel zu Thomas Brussigs Am kürzeren Ende der Sonnenallee, der fast zur selben Zeit ein paar im Grunde ähnliche Charaktere die Ostseite der Mauer betrachten lässt. Was passiert ist, können wir zum Glück in vielen Büchern nachlesen. Wie es sich angefühlt hat, dafür brauchen wir Autoren wie Thomas Brussig oder Sven Regener.

Nicht nur diesem großen Bedürfnis wird Regener mit Wiener Straße gerecht, auch den kleineren seines Stammpublikums: Denn äußerst subtil findet am Rande der Handlung eine vielleicht nur für Liebhaber der Reihe wahrnehmbare (und relevante) Wandlung statt: Der kleine Bruder, den in seiner Anfangszeit in Berlin noch niemand als Individuum wahrnahm, wird für sein Umfeld still und heimlich zum respektierten, eigenständigen Subjekt mit Job und Wohnung. Herr Lehmann fasst Fuß in Berlin.

Titelbild: Gregor van Dülmen

Verlängerte Abstimmfrist beim Buchblog-Award

Am 13. Oktober ist es so weit: Auf der Frankfurter Buchmesse wird erstmals der Buchblog-Award verliehen. Da der Award eine ziemlich große Sache für die deutschsprachige Bloglandschaft und eine wichtige Anerkennung von Autor٭innen abseits der großen Feuilletons ist, seien ihm ein paar Kinderkrankheiten wie technische Probleme im Abstimmungsverfahren für die Shortlist nachgesehen. Zumal mittlerweile alles gefixt ist.

Außerdem wurde fairerweise die Votingfrist verlängert. Noch bis zum 14. September kann man also noch für seine Lieblingsblogs, zum Beispiel für postmondän oder einen der großartigen anderen, abstimmen. Und zwar hier:

Longlist Buchblog-Award 2017

Thomas J. Hauck – Leonie oder der Duft von Käse

Thomas J. Haucks „Leonie oder der Duft von Käse“ ist ein schwer zu kategorisierendes Buch. Sören Heim mit Überlegungen zu der Frage, ob Rezensenten junge Leser unterschätzen.

Ein Gastbeitrag von Sören Heim


Kinderliteratur zu besprechen ist eine komplizierte Angelegenheit. Man ist ja als Besprechender ja für gewöhnlich kein Kind mehr. Und so klar man heute sagen zu können glaubt, was gute, was weniger gute Literatur ausmache, als Kind oder Jugendlicher stand man auf Sachen, die das erwachsene Heute dem jungen Damals kaum guten Gewissens aushändigen würde. Darum bin ich vorsichtig mit dem Besprechen von Kinder- und Jugendliteratur, esseidenn es geht darum die normativen Ansprüche zurückzuweisen, die andere Erwachsene gern an solche Texte herantragen.

Eine Ausnahme mache ich gern, nachdem mir das schmale Bändchen Leonie oder der Duft von Käse von Thomas J. Hauck in den Briefkasten geflattert ist. Ich habe Hauck vergangenes Jahr auf einer Lesung kennengelernt und die Art, wie er für Kinder liest, beeindruckt. Damals war es Sing Jacob, Sing, ein Langgedicht in melodischen freien Versen, vorgetragen mit Mut zur Musikalität und sichtlich in der Überzeugung, man müsse Kindern Literatur nicht in vorgekaut all zu verdaulichen Happen darreichen. Ein Gedicht von teils bedrückender Schwermut, das sich zur Hoffnung hin öffnet, ohne dass dabei der Zeigefinger erhoben würde.

Leonie oder der Duft von Käse geht in dieser Hinsicht sogar noch einen Schritt weiter. Die Geschichte um die neunzehnjährige Leonie, die zuerst ungern bei der eigenen Mutter ausziehen möchte und überhaupt ein besonders enges Verhältnis zur Mutter pflegt, die mit ihren Tränen den Pralinen der Mutter eine ganz besondere Note verleiht und später von einem Marktbeschicker, der streng nach Käse riecht – namentlich von dessen besonderem Duft – doch aus dem Haus der allein erziehenden Mutter gelockt wird, lässt sich kaum auf eine bestimmte Zielgruppe festnageln. Die Sprache ist von größter Einfachheit, in kurzen Haupt- mit seltenen Nebensätzen erhalten. Doch auch durch den Wechsel zwischen etwas längeren und immer wieder eingeworfenen ganz kurzen Satzbrocken von mitreisend rhythmischem Fluss. Und zwar, wie viele Werke Haucks, parallel auf Deutsch und Französisch.

Damit kommen sicher schon ganz junge Leser zurecht. Das Alter der Protagonistin und auch die angeschnittenen Themen sind für ein Kinderbuch dagegen eher ungewöhnlich, und hinter den Geschmacks- und Duftbildern, die sich mit dem Erwachen erste Liebe verbinden (besser vielleicht: Neugier, denn Haucks Figuren sind keine psychologisch konstruierten im Sinne des bürgerlichen Romans) scheint fast zwingend metaphorisch eine noch täppische Sexualität durch, was aber wiederum in dieser Erzählweise kaum die gewöhnliche Lektüre von Altersgenossinnen der Protagonistin sein dürfte:

Ein „Buch für alle und keinen?“ oder vielleicht ein Buch, das, ich habe den Verdacht ja bereits mehrfach geäußert, mal wieder darauf hinweist, wie die durchweg marktförmige Gesellschaft dazu tendiert, Kinder und Jugendliche zu unterschätzen? Hauck und Illustratorin Hanneke van der Hoeven haben wohl zu aller erst Texte und Bilder vorgelegt, die in sich stimmig sein sollen und dem eigenen Anspruch genügen. Eine Leser- und Betrachterschaft wird sich dann schon finden. Denn auch die teils in Montagetechnik erstellten, teils handgezeichneten surrealistischen Illustrationen, die den deutschsprachigen Text auf der oberen Hälfte der Buchseite vom französischsprachigen abtrennen sind nicht einfach gefällige Untermalung des Textes, sondern wollen eigentlich eingehend für sich und eingehender noch unter Berücksichtigung des Ganzen betrachtet werden. Schade, dass in dem schmalen Taschenbuch die Bilder dazu ein wenig klein ausfallen.

Illustration „Leonie oder der Duft von Käse“ von Hanneke van der Hoeven

Es ist, für Kinder und Jugendbücher durchaus ungewöhnlich, ein Text, der schwer im Ganzen zu greifen ist. Nicht zwingend einer, von dem sich sagen lässt, er habe keine Botschaft. Doch einer der vor allem Grübeln macht, was am Ende diese Botschaft genau sein soll. Ein Text, dessen Sprache den Leser förmlich durch das Buch rauschen lässt während die Illustrationen geradezu kontrapunktisch einhalten lassen, zum genauen Hinsehen auffordern.

Es bleibt die unbeantwortete Frage nach der Zielgruppe. Und die bleibt vielleicht zum Glück unbeantwortet. Am Ende dürfte Hauck, Autor von unzähligen Kinder und Jugendbüchern, seine Leser kennen.


Sören Heim Autorenfoto

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist u.a. Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku), des Binger Kunstförderpreises und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In seiner Kolumne HeimSpiel beleuchtet er die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten.


Titelbild: © Christoph Busse

14 Facetten – Das Kinderbuch-Special

Kinderbuch Rezensionen

Was es zwischen 100 Märchen und 1001 Büchern zu entdecken und übersehen gibt, kann ein kleiner Rundblick in die Kinderbuchlandschaft beleuchten. Da sind Bücher über Bücher, die Kinder ruhigstellen, übers Blaumachen, akute Lerngefahren, das Wunder Geduld, Frösche, Bären, Katzen, Fische, Füchse, Mäuse, Hunde, Mikroben – und Bücher, die Kinder so abholen, wie sie sind: verrückt. Im Folgenden seien 14 Bücher vorgestellt – 13 Kinderbücher und 1 Meta-Kinderbuch. Fangen wir doch mit Letzterem an:


Auf die Plätze … fertig … Lies!

Julia Eccleshare (Hrsg.) – 1001 Kinder- und Jugendbücher – Lies uns, bevor Du erwachsen bist!

Nach „1001 Filme, die Sie riechen sollten, bevor das Leben vorbei ist“, „1001 Bücher, die Sie riechen sollten, bevor das Leben vorbei ist“, „1001 Alben, die Sie riechen sollten, bevor das Leben vorbei ist“, „1001 Gemälde, die Sie riechen sollten, bevor das Leben vorbei ist“, „1001 Weine, die Sie riechen sollten, bevor das Leben vorbei ist“, „1001 Zitate, die Sie riechen sollten, bevor das Leben vorbei ist“, „1001 Löcher, die Sie riechen sollten, bevor das Leben vorbei ist“ u. a. wird die Kunstdruckschraube noch fester zugedreht, denn hier sind sie: die „1001 Kinder- und Jugendbücher“, welche verschlungen werden wollen, bevor das echte Leben (Kindheit, Jugend) vorbei ist und das Pseudo-Leben (Studium, Arbeit) beginnt. Für die meisten von uns dürfte der Zug ein bisschen abgefahren sein, für einige jedoch besteht noch Hoffnung. Ja, die Aufforderung ist erneut alles andere als nah am Realismus gebaut, denn außer Kunstrezeption muss der (heranwachsende) Mensch jede Menge Zeit dem Essen, Schlafen, Chatroulette und diversen WC-Besuchen widmen. Aber wahr ist: Nie mehr wird man so viel Zeit haben für Lesen und Bildung wie in der Kindheit und Jugend. Also, ran an das gute Buchfleisch, und los geht’s mit zahlreichen Entdeckungen.

Wie auch die anderen Titel aus der vom Londoner Verlagshaus „Quintessence Editions“ initiierten 1001-Reihe wartet dieses nach Lesealter und Erscheinungsdatum geordnete Empfehlungs- und Nachschlagewerk mit einer erstklassigen Aufmachung und viel Inhalt auf. Man entdeckt zahlreiche Titel, die man dort vermutet hat (Dr. Seuss, J. K. Rowling), natürlich die eine oder andere Überschneidung mit dem Weltliteraturkanon (Defoe, Twain, Kipling, Quinoa, Haddon) – wenn man also alle 1001 Bücher aus „1001 Bücher, die Sie riechen sollten, bevor das Leben vorbei ist“ gelesen hat, dann muss man hier nur noch etwa 930 nachholen –, aber auch (Nahezu-)Geheimtipps, was zu den großen Stärken dieser Reihe gehört. Denn bei „1001 …“ wird zum Glück nicht nur das Offensichtliche abgedeckt, sondern auch ein Profi-Auge auf das mehr oder minder Obskure geworfen. Ich jedenfalls habe mir fest vorgenommen, bei der nächsten Gelegenheit (also wahrscheinlich nie) folgende Autoren abzuchecken: Andy Griffiths, Anne Fine, Barbara Euphan Todd, David McKee, David Wiesner, John Burningham, Judith Kerr, Jutta Richter, Madeleine L’Engle, Mo Willems, Paul Jennings, Petra Mathers, Raymond Briggs, Spike Milligan, Walter Benjamin, Werner Holzwarth.

Was mir persönlich fehlt, sind ein paar mehr Empfehlungen aus östlicheren Ländern wie etwa Russland. Russland hat ja nicht nur bizarre Präsidenten und mit unmöglich starken Akzenten sprechende Filmschurken, sondern auch Kinderbuchklassiker (Marschak, Uspenski, Oster) zu bieten, die das vorliegende Werk sicher aufgewertet hätten. Aber wie dem auch sei – dies hier ist ein sehr lobenswerter Schinken für Eltern, Kinder und Jugendliche mit Qualitätsbewusstsein und Carpe-diem-Ambitionen – aber bitte nicht aufs Schulbrot.

„1001 Kinder- und Jugendbücher“ erschien 2010 bei Edition Olms

Professione: Ascensore

Kätlin Vainola und Ulla Saar: „Lift“

Der Lift ist „sehr glücklich“, heißt es gleich zu Beginn, denn er macht das, was er am besten kann: Hausbewohner befördern. Der als Gastgeber fungierende Aufzug macht den Leser nach und nach mit den unterschiedlichen, recht schrägen Charakteren bekannt.

Zunächst wäre da Frau Oktopus, die in ihrem Swimmingpool lässig „H2O“ schlürft, wenn sie nicht gerade dabei ist, mit ihrer Wäsche auf dem Dach abzuhängen. Im zweiten Stock residieren zwei dauerkichernde Eichhörnchen, denen gemeinsames Nüsseschmeißen am meisten Spaß bereitet. Herr Giraffe aus dem dritten Stock ist sehr schüchtern und verschämt ob seines langen Halses. Für den Lift rollt er den immer höflichst ein, draußen muss er ihn aber wieder aufknoten, weil er als Stadtgärtner beruflich mit Bäumen zu tun hat. Im vierten Stock wohnt Känguru, der im Wald Langstreckenlauf trainiert. Warum er dabei Boxhandschuhe anhat, weiß vielleicht nicht einmal er selbst. Der Igel aus dem fünften Stockwerk trägt nicht nur ein schickes „Igel sind spitze!“-Shirt, sondern ist auch sonst ein völliger Hipster. Sein Beruf ist Reporter, aber seine Leidenschaft gilt eindeutig der Rockmusik, weshalb man ihn nie ohne Kopfhörer und Luftgitarre antreffen wird. Im sechsten Stock schließlich haust ein Turteltäubchenpärchen: Herr Taube ist als Brieftaube tätig, während Frau Taube sich täglich in vertrauter Lästerrunde zu Kaffeekränzchen einfindet.

Nach einem dermaßen erfüllten und nicht unanstrengenden Tag voller Passagiere hat sich der Lift natürlich ein kleines Nickerchen verdient und legt sich schlummern.

Dieses zugleich wunderbar unaufgeregte wie originelle Büchlein zeigt wieder einmal eindrucksvoll, welche Kunst und Kreativität aus Estland und vergleichbaren „Geheimtipp-Ländern“ kommt. Richtung Osten muss unbedingt weitergeforscht werden.

„Lift“ erschien 2015 bei Willegoos.

Alles (bzw. nix) für die Katz

Emily Gravett – Mathildas Katze

Das Besondere an dieser warmherzig gezeichneten und erzählten Geschichte ist, dass sie den kleinen Leser ein bisschen in die Irre führt. Erst heißt es: „Mathildas Katze mag mit Wolle spielen.“ Aber auf der nächsten Seite ist „mit Wolle spielen“ durchgestrichen, und stattdessen steht „Kisten“. Aber auf der nächsten Seite ist „Kisten“ durchgestrichen, und stattdessen steht „Dreirad fahren!“, und so weiter. Bald regt sich ein Verdacht: Was, wenn Mathildas Katze nichts von alledem mag, zumal sie auf den Bildern von ihren angeblichen Lieblingsbeschäftigungen (verrückte Hüte und Kaffeekränzchen könnten ihr ebenfalls, scheint es, egaler kaum sein) geradezu angewidert wegläuft wie der Vampir (Klaus Kinski) von Vin Helsing (Werner Herzog)? Tatsächlich stellt sich am Ende heraus, dass Mathilda, ihrerseits stets in einem Katzenkostüm unterwegs, das Einzige ist, was Mathildas Katze wirklich mag.

„Mathildas Katze“ erschien 2014 bei FISCHER Sauerländer.

Wenn’s um Buch geht … Nachbar

Koen Van Biesen – „Mein Nachbar liest ein Buch“

Das Mädchen nebenan spielt Basketball, singt, trommelt, boxt – und treibt damit den feinen Nachbarn, der es nicht recht schaffen kann, sich seinem Buch zu widmen, in den Wahnsinn. Immer wieder steht der Nachbar auf und klopft an die Wohnungstür des Störenfrieds, um das Hauptmotto der Geschichte durchzusetzen: „Pssssst! Der Nachbar liest. Der Nachbar liest ein Buch.“ Bis die Konzentration irgendwann hin ist. Also ändert er seine Taktik und schenkt dem Mädchen ein Buch. Als sie es auspackt, ist endlich Ruhe eingekehrt und der Nachbar kann sich in seine Lektüre vertiefen. Bis Nachbars illiterater Hund zu bellen anfängt.

Eine vor allem grafisch ausgezeichnete Geschichte, die mit ihrem individuellen Zeichenstil den Kindern eine wichtige Lektion beibringt – nämlich dass Lesen nicht zum Uncoolsten gehört, was man in seiner Freizeit machen kann. Und wenn selbst irgendein blöder Nachbar so auf Bücher abfährt, dann sollte das doch für dich gar kein Problem sein, Kleine(r)!

Eine Besonderheit hat das Buch noch in Form der beiliegenden CD zu bieten, auf der sich eine verspielt-jazzige Hörspiel-Interpretation der Geschichte findet, komponiert und eingespielt von Autor plus Band.

„Mein Nachbar liest ein Buch“ erschien 2014 bei mixtvision.

Sei kein Frosch-, sondern Märchenking

Daniela Drescher (Ill.) – Die 100 schönsten Märchen der Brüder Grimm

Wer kennt sie nicht: „Der Froschkönig“, „Der gestiefelte Kater“, „Dornröschen“, „Fando y Lis“, „Jorinde und Joringel“ … was bitte? Das kennt sogar die Uroma nicht. Und selbst, wenn dem Kind schon einige davon bekannt sind, steht einem Lese- und Guckvergnügen nichts im Wege. Aus den Grimm’schen „Kinder- und Hausmärchen“ wurden viele berühmte und einige obskure Texte ausgewählt und mit den wunderbar farbenfrohen, nicht selten zauberhaften Illustrationen von Daniela Drescher versehen. Ihre im besten Sinne des Wortes altmodisch-seelenvollen Bilder stellen ein wertvolles, vor allem vom Nachwuchs vielleicht nicht bewusst, aber umso dringender gebrauchtes „Gegengewicht zu dem Nüchternen, Hektischen unserer heutigen Zeit“ (Vita der Künstlerin) dar. Einige sind sogar ziemlich düster und ein wenig gruselig (etwa bei „Der Gevatter Tod“), was aber mit der grundsätzlichen Affinität so mancher Märchentexte zu Grausamkeit und Groteske übereinstimmt und bei Kindern einen nachhaltigen, hoffentlich reparablen Eindruck hinterlassen dürfte.

Wichtig wäre noch zu erwähnen, dass es sich hier primär um ein Text- und kein Bilderbuch handelt, sodass es mehr etwas für fortgeschrittene Leser ist.

„Die 100 schönsten Märchen der Brüder Grimm“ erschien 2016 bei Urachhaus.

Rex regi piscis

Imapla – Der König der Meere

Der König der Meere muss, wie sich bald in diesem hübschen, aber doch sehr schnell ausgelesenen Pappbilderbuch der spanischen Kinderbuchautorin Inma Pla (= Imapla) herausstellt, seinen Titel gegen den bereits hinter der nächsten Koralle auflauernden Gegner verteidigen. Erst ist es ein Fischchen, das ein offenbar viel zu harmloses „Blubb Blubb“ von sich gibt. Das war leider etwas unambitioniert bis grob fahrlässig, denn ein Räuber stößt den König mittels Auffressen von der Pole-Position, wobei er peinlich darauf bedacht ist, die Krone nicht mitzuvertilgen. Doch dann tappt er in dieselbe Blubb-Blubb-Hybrisfalle wie sein als ex-königliche FIFU (Fisch-im-Fisch-Untermenge) vorliegender Vorgänger und wird mit einem beherzten „Happs“ von einem noch größeren Fisch absorbiert. Was danach passiert, soll an dieser Stelle nicht verraten werden, nur so viel sei gesagt: Die nette Pointe hat etwas mit fraktalem Crowdfunding zu tun, womit selbst der sich als unbezwingbar gerierende Riesenfisch nicht gerechnet hat.

„Der König der Meere“ erschien 2016 bei FISCHER Sauerländer.

Ausgeganst

Sebastian Loth – Der Fuchs, der keine Gänse beißen wollte

Passend zur WHO-Verkündung von Fleischlechtigkeit will Jakob, der kleinste Fuchs im Wald, nimmer Gansivore sein und Gänsemarmelade mampfen, wie es von seinesgleichen erwartet wird, denn „er hatte im Sommer mit der kleinen Gans aus dem nahegelegenen Gemüsebeet Fangen gespielt und ihr dabei aus Versehen leicht in den Hintern gebissen. Das hatte ganz zäh und trocken und pelzig auf der Zunge geschmeckt.“ Also macht er sich auf die Suche nach vegetarischen/veganen Alternativen: An den Mirabellenkernen beißt er sich dabei allerdings fast die Beißerchen aus, und statt in den Genuss von Him- und Brombeeren zu kommen, kommt ein Bär beinahe in den Genuss von Jakob. Doch schließlich verrät ihm ein Schmetterling den Geheimtipp schlechthin, nämlich Blümchen, genauer: Gänseblümchen.

Sebastian Loths Geschichte überzeugt mit charmantem Witz und skurrilen, kontrastreichen Zeichnungen, die nicht nur (Kleinst-)Kinderaugen zum Leuchten, Gebanntsein und Grinsen bringen. Und zum Schluss gilt es sogar, ein Rezept für einen Gänseblümchen-Brotaufstrich nachzubauen.

„Der Fuchs, der keine Gänse beißen wollte“ erschien 2015 bei Lappan.

So ein Unsens aber auch

Grigorij Oster – Petka, die Mikrobe

Weil Kinder, insbesondere Kleinkinder, von Natur aus verrückt sind, sollten sie auch unbedingt verrücktes Nonsinnszeug zu lesen bekommen – wie beispielsweise Grigorij Osters vorliegendes Werk. Hier berichtet der kultige Kinderautor aus Grusel-Russland von den vielen kleinen Abenteuern, welche Peter (bzw. Pet(ь)ka), eine schlau-freche Mikrobe mit Brille, unternimmt. Da Osters Humor gut angeschrägt und reichlich albern daherkommt, gibt es unter anderem eine Jagd nach einem bissigen Elementarteilchen namens „Babytron“ sowie wissenschaftliche Diskussionen mit Anginchen, die – Halsschmerz lässt grüßen! – bemerkenswerterweise im „dritten Eisbecher“ residiert. Petkas Tante ist beim Militär und trägt eine entsprechende Uniform. Das ist natürlich kompletter Unfug, weil Mikroben keine Militärlaufbahn anstreben können. Und Petkas Onkel ist gar ein überzeugter Mutant, der nicht aufhören kann, seine Form und Frisur zu ändern, von dem Stirnbart ganz zu schweigen. So ein Quatsch.

Nur an einer Stelle wird es ansatzweise sinnvoll, als nämlich die Pendelfähigkeit von Petkas großem Bruder, der in der (Sauer-)Milchfabrik arbeitet – Petka hingegen ist mehr der „Kefir guy“ – und täglich mit dem Bus dorthin fahren muss, angezweifelt wird. Wie zum Kuckuck soll denn so ein kleiner Mann überhaupt so eine riesige Fahrkarte dem Kontrolleur vorzeigen können? Aber dann ist doch alles nicht so wild und man legt gemeinsam fest, dass das Erkennen des Fahrkartenbesitzers mit bloßem Auge zweitrangig ist, solange die Fahrkarte selbst anständig dimensioniert ist. Dennoch: was ein Blödsinn!

Alexander Strohmaiers Illustrationen von Anginchen mit Wintermütze oder fieszahnigen Babytrons sind übrigens nicht nur schön bunt, sondern teilweise auch picassomäßig, was sehr ansprechend ist. Dieses Buch ist ebenfalls wunderbar für bescheuerte Erwachsene geeignet, die nicht zu viel Wert auf den sogenannten „Ernst des Lebens“ legen. Wie ernst kann schon Leben sein, wenn es Mikroben namens Petka gibt?

„Petka, die Mikrobe“ erschien 2011 bei Edition Liaunigg.

Wenn’s um Buch geht … Bären

Peter Carnavas – Oliver, Bär und das Buch

Oliver möchte mit seinem bebrillten Kumpel Bär spielen, aber Kumpel Bär ist vollkommen in ein Buch vertieft. Oliver fängt an, sich zu langweilen, und nervt Bär mit Papierflugzeugen, macht seinen Stuhl kaputt und kippt sogar klebrigen Brei auf seinen Kopf. Aber Bär bleibt tiefenentspannt und liest unbekümmert weiter. Erst als Oliver dem Bären sein Buch aus den Pfoten schnappt, dreht dieser durch. Aber nur kurz, denn die beiden Freunde versöhnen sich schnell – und nun ist Oliver (SPOILER ALERT!) derjenige, der die Augen nicht vom Buch loskriegt.

Eine etwas unspektakuläre, aber pädagogisch wertvolle Geschichte, die den Kindern eine wichtige Lektion beibringt – nämlich dass Bücher „bärenstark“ sein können. Und wenn selbst ein Bär, der normalerweise mehr an Honig- denn Buchstabenlese interessiert ist, so auf Bücher abfährt, dann sollte das doch für dich gar kein Problem sein, Kleine(r)!

„Oliver, Bär und das Buch“ erschien 2015 bei Lappan.

Das Wunder Geduld

Julie Fogliano und Erin E. Stead Und dann ist Frühling!

Hier wird Melancholie großgeschrieben: Ein Junge und sein Hund beobachten das gräuliche Braun des Herbstes und Winters. Samenkörner werden ausgesät, aber noch sieht es nicht unbedingt nach viel aus. Obgleich sich allmählich ein „hoffnungsvolles, vielversprechendes Braun“ herauskristallisiert. Doch Voreile ist hier fehl am Platz, denn glaubt man ein Grün auszumachen, so muss man doch bald enttäuscht feststellen, dass es eher ein „‚Nein, einfach nur Braun’-Braun“ ist. Zur Sicherheit stellt man ein Schild auf: „Bitte nicht herumtrampeln: Hier gibt es Samenkörner, die sich gerade versuchen.“ Es passiert immer noch nichts. Man fängt an, sich Sorgen zu machen. Ob die Natur je wiederkommt? Dann ist wieder Schnee. Und Regen. Und dann, eines unverhofften Tages, ist plötzlich … alles grün!

Eine ehrliche und herzliche Geschichte in warmen Tönen, die auch Erwachsene zu berühren weiß.

„Und dann ist Frühling!“ erschien 2015 bei FISCHER Sauerländer

Une Couleur: Bleu

Ann Cathrin Raab – Lenni mag Blau

Warum sind Tiere eigentlich immer so verdammt putzig und süß? Vielleicht, weil sie weniger können als wir Menschen. Doch das, was sie können, können sie richtig gut – zum Beispiel putzig und süß sein. Sie ziehen halt ihr Ding voll durch.

Wenn Lenni ein Mensch wäre, dann würde man ihn aufgrund seiner Fixation sicher irgendwo auf dem autistischen Spektrum wiederfinden. Doch zum Glück ist Lenni ein kleiner Mäuserich und als solcher in erster Linie niedlich. Es ist nämlich nicht Ferris, der blau macht, sondern Lenni, der Blau mag. Das cyanophile Mäuschen lebt in einer minimalistsichen Farbfleckenwelt, die ein wenig an das feine Design des Indie-Games „Blueberry Garden“ erinnert, und steht mächtig auf die Farbe Lila … Blau. Aber genug der gschupften Filmverweise – worum gehts in Ann Cathrin Raabs wunderschönem Bilderbuch für die ganz Kleinen eigentlich? Wie bereits angedeutet, fühlt sich Lenni durch jene Farbe mit einer Wellenlänge zwischen 400 und 500 Nanometern ästhetisch zutiefst angesprochen. Zugegeben, Blau ist richtig schick. Daher macht Lenni erst seinen Zaun blau, dann den Baum, auch Wolken – eigentlich macht Lenni auf seine Weise doch ganz schön blau. Irgendwann ist alles komplett blau in blau. Ist der kleine Eigenbläudler nun im Paradies angelangt? Leider nö, wie er bald ziemlich blue aus der Wäsche schauen muss. Denn Blau kann nur dann seine Lieblingsfarbe sein, wenn auch andere Farben das Universum bereisen und durch ihre Nichtblauität dem Blau seine ganze B(l)e(u)sonderheit verleihen. Ansonsten findet nämlich Ennui statt. Wieder was gelernt.

„Lenni mag Blau“ erschien 2010 im Thienemann Verlag

Vorsicht: Akute Lerngefahr!

Susanne Riha Tiere entdecken in ihren Verstecken

Dieses lehrreiche Buch über die Lebens- und Arbeitsweise verschiedener Waldtiere ist für etwas ältere Kinder, aber auch jüngere Erwachsene: Zum ersten Mal lernt man als zoologisch ungebildeter Rezensent vom Schwalbenschwanz und der Haselmaus, die besonders gerne Brombeeren und Haselnüsse frisst. Und dass der Maulwurf sich von Engerlingen ernährt. Und und und. Das Besondere sind auch die aufklappbaren Halbseiten, die unter die Erdoberfläche oder hinter eine Baumrinde blicken lassen, um so auch unsichtbare Vorgänge oder Lebensräume (Wildkaninchens Setzhöhle etwa) zu veranschaulichen. Detaillierte und farbenfrohe Zeichnungen begleiten das Kennen- und Schätzenlernen des jeweiligen Tieres und seiner wunderbar putzigen Eigenheiten. Der Schwanz des Bibers heißt „Kelle“.

„Tiere entdecken in ihren Verstecken“ erschien 2015 im Verlag Annette Betz.

Bärissimo

Sophy Henn – Ein Platz für Bär

Ein kleiner Weißbär lebt bei einem Jungen und tut, was getan werden muss, nämlich größer und größer (und größer) werden. Unausweichliche Folge: Eines Tages ist der Bär „einfach zu groß und zu bärig geworden“ – und der Junge will für seinen Freund ein entsprechend bärenmäßiges neues Zuhause finden. Doch weder Spielzeuggeschäft noch Zoo kommt in Frage, weder Zirkus noch Wald, weder Dschungel noch Kühlschrank … doch! Der Kühlschrank, genauer: die Arktis, stellt sich als genau das Richtige für den weißen Riesen heraus. Dort fühlt sich der Bär gleich heimisch, gründet eine Familie und wird glücklich. Doch der Kontakt zwischen den beiden bricht nie ab, denn wozu gibt es telefonbeschichtete Bratpfannen?

Eine humorvoll ge(kenn)zeichnete Geschichte für Jung & Älter.

„Ein Platz für Bär“ erschien 2015 im Verlag Annette Betz

Go Estland

Andrus Kivirähk und Anne Pikhov – „Frösche küssen“

Nach einem anständigen Einkauf kehrt der Weihnachtsmann in seiner Einmotorigen zum Nordpol zurück. Dabei fallen ihm aus dem gewaltigen Geschenkesack ein paar Märchenbücher heraus. Der Brummbär Petz bekommt von dem herunterplumpsenden Buch gar nichts mit, weil er total tief schläft. Der Hase kriegt einen tierischen Schreck, weil ein Buch seine Möhre halbiert. Was aber halb so schlimm ist, denn das Geschoss stellt sich sogleich als spannende Lektüre und die Möhrenhälfte als ideales Lesezeichen heraus. Das dritte Buch landet in der Badewanne des Fuchses, der, statt die Dusche abzustellen, lieber zum Regenschirm greift, um in Ruhe zu schmökern. Das vierte Buch lässt den Wolf mit seinem Fahrrad gegen einen Baum knallen. Die genannten Tiere haben eines gemeinsam: Von einem ganz bestimmten, hier aber nicht weiter gespoilerten Märchen inspiriert, wollen sie einen Frosch durch gezielten Kuss in eine Prinzessin verwandeln und sind bereits unterwegs zum nahegelegenen See. Dort sitzen „drei kleine Froschmädchen, die alle ein sauberes Röckchen“ anhaben. Der minimal irritierende Hinweis auf deren Reinlichkeit ist nicht weiter von Bedeutung, denn einen Froschjungen, welchen sie damit zwecks gemeinsamen Tanzens beeindrucken könnten, scheint es nicht zu geben. Stattdessen werden sie jeweils vom Hasen, Fuchs und Wolf geküsst – was wider Erwarten die Kussgeber in Froschjungen verwandelt. Am Ende darf also doch noch getanzt werden. Und, ach ja, unser Bär („der alte Trottel“) ist inzwischen aufgewacht, nimmt das Buch falsch herum in die Tatz, sieht darin eine auf dem Kopf stehende Prinzessin und stellt ohne Umschweife seinen Modus vivendi dementsprechend auf „Umgekehrt-Bär“ um.

Dieses witzige Buch liefert genau das, was Kinder brauchen: keinesfalls zu brave, sondern frech-skurrile Charaktere in einer ebensolchen Geschichte.

„Frösche küssen“ erschien 2015 bei Willegoos

„Rosarot, wie ein Marzipanschweinchen, aber intensiver“ – Suters Elefant

Treffen sich ein Obdachloser, ein Elefantenflüsterer, ein Zirkusdirektor, ein Genforscher und ein rosaroter Mini-Elefant – willkommen in Martin Suters neuem Roman „Elefant“.


Martin Suter muss niemandem etwas beweisen. Seine Romane funktionieren ohne große mit Metaphern überladene Satzgefüge, wie wir sie etwa von Juli Zeh kennen. Sein Schreibstil ist schlicht. Seine Sätze sind kurz. Dafür wurde der ehemalige Werbetexter am Anfang seiner Karriere belächelt. Aber beweist es nicht Können? Denn bei Martin Suter sitzt jedes Wort. Jeder kleine Satz hat Bedeutung, eine Funktion. Mit dieser schlichten, fast sachlichen Sprache baut der Schweizer Autor Welten, die uns erst bekannt vorkommen und dann doch nicht: Plötzlich finden sich die Leser٭innen in der Business Class wieder, in einer Molekularküche oder jüngst in einem Labor eines skrupellosen Genforschers und der Wohnhöhle eines Obdachlosen. Schon lange belächelt niemand mehr den Bestsellerautor. Denn sein Erfolg gibt ihm recht.

Ein Perfektionist bei der Arbeit

Martin Suter arbeitet weniger wie ein Schriftsteller und mehr wie ein Journalist. Seine Geschichten sind präzise, ja, perfekt recherchiert. So hat der Obdachlose Schoch, den die Leser٭innen auf der ersten Seite des Romans „Elefant“ kennenlernen, wahrscheinlich mehr mit der Realität gemein als mit einer Romanfigur. Und wenn Schoch glaubt, dass dieser rosarote in der Dunkelheit leuchtende Mini-Elefant, der eines Nachts in seiner Schlafhöhle steht, seinem Alkoholkonsum geschuldet ist, wissen es Suter-Kenner٭innen besser: Es gibt für Außergewöhnliches in Suter-Welten immer eine Erklärung, eine bis ins kleinste Detail durchdachte Theorie. So ist es dann auch: Während Schoch seiner morgendlichen Routine auf den Straßen Zürichs nachkommt und die sonderbare nächtliche Begegnung längst vergessen hat, befinden sich die Leser٭innen bereits im Labor des Genforschers Roux. Dieser doktert mit Skalpell und Pinzette in den Eingeweiden einer auf dem Rücken liegenden und mit Gummibändern fixierten Ratte namens Miss Playmate herum. Ziel seiner Arbeit: der Nobelpreis. Am liebsten für einen rosaroten leuchtenden Elefanten – lebend, aber wenn es nicht anders geht auch tot.

Die Faszination des Durchdachten

Zu diesem Zeitpunkt weiß der Forscher noch nicht, dass ihm das Unvorstellbare gelingen wird. Die Leser٭innen sind ihm voraus. Oder doch nicht? Sie wissen ja nur, dass es einen rosaroten Elefanten geben wird. Aber nicht, wie es dazu kommt. Denn Suter wechselt nicht nur ständig zwischen den Handlungssträngen und Perspektiven der Figuren, wie dem Zirkusdirektor Pellegrini, der Tierärztin Valerie, dem Veterinär Reber und dem burmesischen Elefantenflüsterer Kaung, die er nach und nach in die Geschichte flicht. Er springt auch in der Zeit. Die Daten vor einem jeden Kapitel zeigen den Leser٭innen an, an welchem Zeitpunkt des Geschehens sie sich befinden. Und wenn sie sich anfangs fragen, warum eine bestimmte Passage erzählt wird, wird an späterer Stelle ihre Wichtigkeit für den Plot umso deutlicher. Denn, wie wir wissen, jeder Satz hat eine Funktion. Martin Suter erlaubt sich keine Fehler. Seinen Romanen geht ein ausführliches Konzept voraus: „Ich schreibe keinen ersten Satz ohne den letzten“ (Zeit-Interview). Dieses ist auch in „Elefant“ zu erkennen – und irgendwie doch nicht. Egal, wie sehr man sich beim Lesen auf das Analysieren der Sprache und Erzählweise konzentriert, früher oder später verfällt man dem Erzählten.

Spannung eines Sympathen

Nicht nur wegen des hohen Erzähltempos rast man durch den Plot. Je mehr sich die Handlung verdichtet, desto schneller liest man. Es gibt nämlich noch etwas, was Suter ziemlich gut kann: Spannung erzeugen. Dafür hat er einen Trick. Der ist zwar altbekannt, doch Suter treibt ihn auf die Spitze. Ebendann wenn sich die Leser٭innen an einen Handlungsstrang klammern, weil sie z. B. wissen wollen, wie eine Verfolgungsjagd ausgeht, wechselt er die Perspektive oder springt in der Zeit. Die Leser٭innen werden hingehalten. Diese Spannung ist unerträglich. Und führt dazu, dass der Roman innerhalb kurzer Zeit durchgelesen ist.

Es lässt sich noch viel zum Roman sagen, z. B. dass Suter verschiedene Sichten auf das Ungewöhnliche – hier der rosarote Mini-Elefant – zulässt: Glaube, in Form des Elefantenflüsterers Kaung, versus Wissenschaft, in Person des Genforschers Roux. Und dass er es sich nicht nehmen lässt, Gesellschaftskritik mit dem Aufgreifen aktueller Themen zu üben. Denn am Ende des Romans wissen die Leser٭innen nicht nur, was ein „mikrozephaler osteodysplastischer primordialer Zwergwuchs vom Typ II“ ist oder wie ein Elefant künstlich befruchtet wird, sondern auch dass das rosarote Elefäntchen kein Hirngespinst Suters ist. In seiner Danksagung erklärt der Autor, ein Hirnforscher habe ihm erklärt, dass es gentechnisch möglich sei, ein solches Tier zu erzeugen. Der Roman „Elefant“ ist die Arbeit eines Perfektionisten – eines sympathischen Perfektionisten. Denn schon allein für die Danksagungen, die Suter an jeden Roman anhängt, muss man ihn lieben.

Titelbild: © postmondän auf Instagram/Buchcover © Diogenes Verlag

Nasendes ohne Ende – Harald Stümpke: „Bau und Leben der Rhinogradentia“

Als Christian Morgenstern sein berühmtestes Tier erdichtete, stand er unter dem Einfluss von sprachschöpferischer Spielfreude, der Einsicht, dass einem „auf seinen Nasen” einherschreitenden Wesen vollendete Urkomik inhärent ist (vgl. auch diverse Nasen in Tristram Shandy), und ein wenig auch des eher pragmatischen Faktums, dass „Nasobēm“ sich ganz ordentlich auf „Brehm“ reimen lässt, in dem es bekanntlich noch nicht steht. Gewiss hat Morgenstern nie daran gedacht, dass über ein halbes Jahrhundert später der originelle Zoologe Gerolf Steiner alias Harald Stümpke die Idee der nasalen Fortbewegung nicht nur köstlich finden, sondern köstlicherweise aufgreifen und so weit treiben wird, dass das vorliegende Büchlein, in seiner Symbiose zwischen Kunst und Wissenschaft recht einzigartig, dabei herauskommt.


Man mag womöglich, insbesondere bei den sog. „Nasenblümchen“, an die asemischen Kreativitätshöhen eines Codex Seraphinianus denken, worin unter anderem Serafinis florisch-faunische Phantastereien behandelt werden, aber eine so konsequent durchgeführte Bio-Mockumentary wie die vorliegende ist wirklich eine rare Quatschigkeitsperle, für die wir dankbar sein müssen.

Doch am besten lässt man die wunderbar bescheuerten, stets nasal fixierten Fachtermini für sich sprechen, die in Stümpkes szientistischem Beitrag in großer Zahl vorhanden sind. Da wäre zunächst der monumentale Begriff des „Nasariums“ (vgl. die schwedische Grind-Metal-Band Nasum, Nasenaffen sowie NASA), das in der realen Zoologie womöglich am ehesten auf den sagenhaft realen Sternmull zuträfe. Es gibt auch die Weich- und Wandelnasen, die Ganz- und Nur-Nasen, Saugmund-Nasenhopfe, den Tyrannonasus imperator (Raubnase) aus der Familie der Tyrannonasidae, den „schneuzenden Schniefling“ – und natürlich das „Große MORGENSTERN-Nasobem, […] der bestbekannte Vertreter der Polyrrhinen“. Dieses verfügt phallischerweise über nasale Schwellkörper, die für einen großartigen Turgor sorgen, und kann seinen Schwanz lassoartig-burlesk ausschleudern: „Das geschieht so, daß der nur in seinem proximalen Teil noch von der Wirbelsäule durchzogene Schwanz einen mit dem Coecum in Verbindung stehenden Gaskanal in sich trägt und durch diesen (nach Erschlaffung des Sphincter Coeco-gasotubalis) plötzlich mit Darmgasen gefüllt werden kann, so daß er prall gebläht und auf einer Länge von über vier Metern hochgeschleudert wird.“

Ebenfalls nicht zu unterschätzen sind die meist idiotischen Namen der zitierten Wissenschaftler, die zu schön heißen, um wahr zu sein: Bitbrain, Bleedkoop, Combinatore, D’Epp, Mayer-Meier, Shirin Tafaruj u. a.

Erstaunlich an dieser trockenhumorig-feuchtnasigen Wissenschaftsparodie ist ihre Kongenialität in Bezug auf die Fortführung der Morgenstern’schen Vision, die nicht viel mehr als eine grandiose Albernheit des Humor-Exzentrikers hätte bleiben können. Und der Ausbau des Konzepts „Nasling“ bzw. „zu Nase gehendes Tier“ beschränkt sich nicht lediglich auf eine taxonomisch „korrekte“ Abhandlung über die verschiedenen Unterarten und Subspezies der Rhinogradentia, sondern wird durch talentierte Zeichnungen des Autors, die das gesamte Spektrum (der Wissenschaft) zwischen skurril bis grotesk erfolgreich abdecken, eindrucksvoll gestützt.