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In your face. ANOHNI und die Hoffnungslosigkeit

Pop und Weltschmerz – wie geht das zusammen? Hopelessness heißt das Solo-Debüt der Künstlerin Anohni (zuvor bekannt als Antony von Antony and the Johnsons), die ihren Unmut in elf Tracks kundtut. Es ist ein an der sich zuspitzenden weltpolitischen Lage und der globalen ökologischen Situation gewachsener Unmut. Anohni setzt dabei bewusst auf Unmissverständlichkeit: Der Eingangstrack heißt Drone Bomb Me und das Herzstück des Albums Obama.


Im letzten Jahr erschien Björks kathartisches Vulnicura (2015), das sich geschlossen den schweren Thematiken Liebe und Trennung widmete, ohne sich dabei als ein affektierter Soundtümpel zu entlarven, in dem sich das emotionale Wesen Björk selbstmitleidig wälzt. Die Kompositionen haben den ausgedrückten, individuellen Schmerz der Künstlerin auf eine objektivere Ebene gehoben, welche die nötige Distanz zwischen Interpretin und Zuhörer geschaffen hat. Hopelessness funktioniert da ähnlich. Bei aller von Anohni ungehemmt geäußerten Betroffenheit schafft sie es zum Großteil, das klebrige Kitschnäpfchen zu umgehen, indem sie zum einen mit warmer Leidenschaft zornige Zeilen singt und zum anderen auf populären Dance-Sound à la Hudson Mohawk und Oneohtrix Point Never setzt.

Dass Björk Anohni ein paar Mal zum Duett eingeladen hat, merkt man irgendwie. Der erste Track Drone Bomb Me erinnert entfernt an Hyper-ballad, wobei Anohnis Akteurin nicht auf dem Berg steht, um Sachen herunterzuwerfen, sondern um von einer Drohne abgeschossen zu werden. Es könnte eine Ode an die unerreichbare Liebe sein, wenn nicht dieses Drone vor dem Bomb wäre. Das Musikvideo dazu ist Promi-technisch sowie emotional stark aufgeladen und findet in einem düsteren Ambiente statt.



In 4 Degrees prallen Pauken und Fanfaren auf Anohnis sanften, doch kräftigen Gesang und erinnern zum Teil an Woodkid; jedoch hat der Song nichts von dem Pathos, den Iron oder Run Boy Run transportieren. Anohni beschwört apokalyptische Szenarien einer an der Erderwärmung zugrunde gehenden Flora und Fauna herauf, die zum Teil bereits eingesetzt haben. Die kritische Sängerin kann noch konkreter: Wie Black Lake das schwarze Herz von Vulnicura ist, so ist Obama das von Hopelessness. Die enttäuschte Liebe ist politisch, aber deshalb nicht weniger schmerzlich zu verdauen.

Nichts scheint sie auszulassen: Lässt man beim Song Crisis die ersten beiden Buchstaben weg, hat man den Adressaten des Stücks gefunden. Die Sängerin gerät zum Schluss des Liedes in eine barmherzige „I’m sorry“-Spirale, was ihm eine leicht sülzige Note verleiht. Spätestens hier merkt man, dass der Spagat zwischen inhaltlichem Anspruch und akustischer Ästhetik gar nicht so einfach ist. Anohni beschreibt auf Deutschlandradio Kultur ihr Solo-Debüt treffend als „trojanisches Pferd“.

Im Fadenkreuz stehen vornehmlich die profitorientierten Machenschaften der USA. Offensichtlich in Execution („It’s an American dream“) oder Marrow („We are all Americans now“), unterschwelliger in der zärtlichen NSA-Hymne Watch Me („Daddy, Daddy (…) I know you love me / ‘Cause you’re always watching me“). Das fragmentarische, feministische Mantra Violent Men reiht sich in die Abrechnung mit sämtlichen Mechanismen und Akteuren der Unterdrückung ein.



Dieses Album ist ein nicht leicht zu schluckender Brocken. Eine bessere Aussicht, geschweige denn ein Happy End bleibt dem Hörer verwehrt. Hopelessness ist ein konsequentes Werk. Die erste Hälfte des gleichnamigen Songs wirkt wie eine wässerige Version von Family Violence aus Arcas Erstling Xen (2014), das wohl zu einem der genialsten Electronic-Alben des Jahrzehnts gezählt werden darf. Überraschend dringt der klagende Gesang Anohnis in Gospelgefilde vor und wiederholt stetig „How did I became a virus?“, als wolle sie eine Antwort herbeibeschwören.

Keine Illusionen, keine Antworten. Das unermüdliche Ausbreiten und Aufgreifen der immer selben Themen Erdzerstörung, Unterdrückung und eben Hoffnungslosigkeit unterstreicht, wie ernst es der Künstlerin damit ist. Auf ihrer Homepage sind die Songtexte sogar in 15 Sprachen zu lesen. Hopelessness verkörpert eine dystopische Realität. An manchen Stellen wirkt die von Anohni animistisch gemalte Natur zu dick aufgetragen und die gewollte Direktheit etwas unbeholfen. Nichtsdestotrotz ist das Album hörenswert, da es auf eigensinnige Weise Kritik an unserem Zeitgeist übt.

Titelbild: © Inez van Lamsweerde & Vinoodh Matadin

Französisches Fernsehen unter dem Meer. Trends doppelter Alben

We Are Scientists haben es schon im Frühjahr getan. Jetzt auch noch Björk. Remixalben und Unplugged-Versionen sind überrannte Trends. Gut, dass es noch Musiker*innen gibt, die neue setzen können.


Es gibt wenige Marken im Musikgeschäft, die sich so systematisch selbstdekonstruiert haben, wie das gute alte MTV Unplugged-Konzert. Neben den großen Awardshows markierten sie lange das letzte Fünkchen Bedeutung des Musikfernsehens. Bis dann plötzlich jeder durfte, alles gleich zu klingen begann, ein deutlicher Blick auf die Vermarktungsmaschine freigelegt wurde und der künstlerische Wert der neuen Arrangements im Schatten der Maschine verschwand. Dabei ist eine Konzertreihe mit Akustikversionen eine schöne Idee, die eine Intimität zwischen Bands und Fans herstellen kann, die einander sonst nur von zwei Enden einer Produktionskette aus betrachten können und sich nur auf Großveranstaltungen begegnen. Bei Nirvana war diese Intimität noch da. Bei Sido, den Sportfreunden Stiller und Revolverheld jedoch schien es allen Beteiligten eher darum zu gehen, alte Songs unter dem Gütesiegel MTV Unplugged in neuen Versionen neu zu vermarkten. Nur blöd, dass sie dabei das Gütesiegel zerstört haben.

Aber irgendwas an Akustik-Versionen übt offensichtlich nach wie vor einen starken Reiz aus. Vielleicht ist es ein Gefühl, dass die Ursprünglichkeit der Musik, die wir so hören, zu uns durchdringt, und wir Einblick in die Entstehung von Songs und das Wesen von Bands abseits großer Shows erlangen. So hat sich der Trend schon lange unabhängig von MTV gemacht. Auf Videoplattformen wimmelt es von Akustikkonzert-Reihen und auf den meisten großen Konzerten kommen kurze Akustikgitarreneinlagen vor. Viele Künstler*innen haben ganze Alben in zwei verschiedenen Versionen herausgebracht: erst in der Studioversion mit festivaltauglichen Produktionen, dann wenig später als reduzierte Wohnzimmerkonzert-Version. Ein schönes Geschenk an die Fans. Die doppelt zahlen.

Das doppelte Album

Aber der Trend scheint weitgehend ausgereizt zu sein. Ihre Songs auch auf Akustikgitarren und Cajons statt auf E-Gitarren und Schlagzeugen spielen zu können, scheint zu den Tugenden zu gehören, die junge Bands beherrschen sollten, wenn sie im Musikgeschäft bestehen wollen. Aber warum machen das eigentlich alle mit? MTV Unplugged ist es wohl zu verdanken, dass wir uns daran gewöhnt haben, dass dieselben Songs in unterschiedlichen Versionen auf dem Markt sind. Und dass es unterschiedliche Varianten ganzer Alben gibt, hat sich mittlerweile auch etabliert, obwohl eine Doppelveröffentlichung nach wie vor eine merkwürdige Maßnahme ist, da eine einzige veröffentlichte Version doch viel prägnanter ist und eine eindeutigere Ästhetik hat, die einer Band Profil gibt.

Ein anderer Trend des Re-Releases, nämlich der der Remix-Veröffentlichungen, dient wohl vor allem dazu, Motive von Songs zu reinterpretieren und für andere Musikrichtungen aufzuarbeiten, um Künstler*innen einer bestimmten Szene für eine andere zugänglich zu machen. Endproduktionen und Akustikversionen derselben Songs hingegen sollen dieselbe Hörerschaft ansprechen. Bleibt die Frage: Wäre es nicht nach Jahren der Akustikgitarren-Cover-Songs an der Zeit, dieser Hörerschaft, die sich ja nun zwischenzeitlich an den Trend der Re-Releases gewöhnt hat, etwas Neues zuzutrauen? Wenn man schon zwei Versionen derselben Platte herausbringt: Kann man nicht auch zwei interessante Versionen daraus machen? Ein aktueller Trend zeigt: Man kann. Neben einigen anderen haben zwei sehr unterschiedliche Acts diesen Weg ausprobiert: We Are Scientists und Björk. Sie zeigen, welch unterschiedliche Versionen dabei herumkommen können, und damit auch, was wir jahrelang verpasst haben.

We Are Scientists – TV en Français / Sous la Mer

Der bisherige Weg von We Are Scientists war relativ klar bestimmt. Sie kommen aus der US-Dancerock-Nische, aus der es Mitte der 2000er auch Panic! at the Disco über Plattformen wie Myspace in die öffentliche Wahrnehmung geschafft haben. Im Gegensatz zu letzteren scheinen sie jedoch relativ früh gemerkt zu haben, dass sich zu starke Veränderungen in ihrem Genre nicht auszahlen. Auf ihrem 2005er Album With Love and Squalor, das zugleich ihr erstes kommerziell erfolgreiches war, traten sie als straighte Indie-Rock-Band auf:

Fünf Jahre später klangen sie so:

Etwas ruhiger, erwachsener vielleicht, aber nicht wesensverschieden. So sind es auch auf ihrem 2014er-Album TV en Français immer noch vor allem feine Details, an denen sich ihre Weiterentwicklung zeigt, wie etwa der Refrain der B-Seiten-Eröffnung Overreacting, dem vielleicht interessantesten Song der Platte:

Eine kreative Variation auf denselben Sound, den sie immer hatten. Das Album kam zwar relativ gut an (ich hab es mir auch gekauft), gilt jedoch nicht als der große Fang. So richtig kann es sich nicht davon lossagen, ein bloßer Nachklang ihrer alten Platten zu sein. Denn musikalisch scheinen sie auf festgefahrenem Fundament zu stehen und sich eher immer weiter einzuschränken. Aber sie scheinen sich dieses Problems bewusst zu sein und haben womöglich einen Ausweg parat. Denn deutlich mehr Aufsehen als TV en Français erregte ihr Re-Release der Platte in neuer Version zum diesjährigen Record Store Day. Sämtliche Songs sind hier neu aufgenommen, und zwar nicht mit Akustikgitarren, sondern im eigens kreierten „Sous la Mer“-Sound.

Was erstmal wie ein ins Meer gefallenes Radio klingt, funktioniert tatsächlich über die gesamte Albumspielzeit. Es ist nicht nur ein ganz netter Remix der Platte, sondern ein komplett eigenständiges Kunstwerk, in dem die Songs des Albums detailliert und mit viel musikalischem Gefühl in den neuen Sound übersetzt wurden. In der Ankündigung las sich das Projekt noch etwas befremdlich:

„Darker, more spacious, with distorted Rhodes and delayed Farfisas replacing electric guitars, …Sous la Mer (“under the sea”) draws the lyrics closer and casts them in a bluer light.”

Ankündigung dinealonerecords.com

Beim ersten Hören der Platte wird das Projekt jedoch klarer. Vielleicht ist es die bessere Version des Albums. Sie wirken im neuen Sound viel sicherer, viel abgeklärter, sie scheinen sich wohlzufühlen. Aber marketingtechnisch war der Weg des Doppelreleases sicher ein ziemlich cleverer Spielzug – und am Record Store Day kann man sowas ja machen. Denn We Are Scientists zeigen hier nach all den Jahren des Dancerocks ein paar ungekannte Facetten, ohne in irgendeiner Weise ihr Andenken zu gefährden. Hinter dem sperrigen Titel TV en Français, Sous la Mer verbirgt sich in Wahrheit ein Befreiungsschlag. Warum nun wählt ausgerechnet eine Künstlerin den Weg der alternativen Albumversion, deren gesamtes bisheriges Werk als Befreiungsschlag betrachtet werden kann?

Jetzt also Björk

Erst im Januar hatte Björk ihr neuntes Studioalbum Vulnicura veröffentlicht, das noch immer seine Wellen schlägt. Darauf knüpft sie an den Sound ihres 2011er-Albums Biophilia an und streift weiter durch einen Crossover-Dschungel aus Elementen aus klassischer Musik und Ambient House, zwei Richtungen, zwischen denen, wie Björk zeigt, alles passieren kann:

Jetzt hat sie auch noch eine zweite Albumversion angekündigt, Vulnicura Strings, die am 6.11. erscheint und zugegebenermaßen eine an anderer Stelle verschriene Akustikversion ist. Aber zumindest ohne Akustikgitarren und Cajon. Denn es treten neben Björks Gesang darin ausschließlich Streichinstrumente auf. Und Björk wäre nicht Björk, wenn sie es dabei belassen würde. Unter anderem kommt auch ein einst von Leonardo daVinci entworfenes Instrument zum Tragen, die Viola Organista, eine Kombination aus Orgel und Geige, von der es weltweit momentan nur ein Exemplar gibt. Warum auch nicht? Der darauf interpretierte Song allerdings wird sicher einen Sonderling der Platte ausmachen, weil er ein bloßes Instrumentalcover des Songs Black Lake ist. Aber wer die 10 Minuten hat, sollte ihn sich anhören:

Bereits vor der Veröffentlichung zeichnet sich ein entscheidender Unterschied zur ursprünglichen Version der Platte und zu ihren früheren Alben ab: Björk legt ihrem Sound erstmals äußere Grenzen auf und gibt diese Beschränkung sogar schon im Vorfeld der Platte preis. Dabei macht doch gerade die Grenzenlosigkeit der Elemente ihre Einzigartigkeit aus. Denn seit Jahren stilisiert sie sich als Gebieterin über unzählige Elemente, als Beherrscherin experimentellen Chaos. Man könnte die angekündigte Version also durchaus als Sehnsucht nach geordneten Bahnen verstehen, wobei schon die vorab veröffentlichten Songs zeigen, dass man sie damit verkennen würde. Denn dass ausschließlich Streichinstrumente zum Einsatz kommen, heißt nicht, dass das Album nicht experimentell ist, es lässt bloß die verbleibenden Instrumente näher zusammenrücken. Björk bleibt die Anführerin, aber die Elemente bilden, wie vor allem die String-Version von Lionsong zeigt, einen vertrauteren Kreis, fast wie eine Ritterrunde:

Warum das Ganze?

Vielleicht also führt Björk uns, wenn das Album am 6.11. erscheint, nach den vielen öffentlichen Auftritten endlich auf ihr Schloss. Die Zeichen stehen zumindest ganz gut für uns. Wie das Album letztendlich dann auch klingen mag, so scheint die Idee doch letzten Endes schlicht und einfach eine Björk-eigene Variante des MTV Unplugged-Ethos zu sein. Der einzige wirkliche Unterschied ist, dass Björk in der Lage ist, aus dieser Idee noch etwas Interessantes herauszuholen, was die meisten anderen Musiker*innen eben nicht sind.

Von daher scheinen We Are Scientists anderen Künstler*innen das interessantere Vorbild zu sein. Denn Björk kann ohnehin machen, was sie will, aber viele Indiebands wie We Are Scientists bewegen sich in festen Schienen, die sie zwar vorwärts bringen, aber ihnen keine Bewegungen in die Breite erlauben. Nach der Veröffentlichung von TV en Français, Sous la Mer steht die Band erstmals in ihrer Karriere an einem Punkt, von dem aus sie verschiedene Richtungen einschlagen kann. Hätten sie das Album nur als Sous la Mer veröffentlicht, hätte es sicher nicht dieselbe Aufmerksamkeit bekommen, weil es schlicht nicht als neues We Are Scientists-Album verstanden worden wäre. Der Doppelrelease zahlt sich also aus und bietet eine Plattform zum Experimentieren, die zu nutzen andere Bands nur ermutigt werden können. Denn treue Fans zahlen nach wie vor gerne doppelt und holen sich eh beide Versionen, freuen sich bloß ab und zu, wenn sie mehr für ihr Geld bekommen.

Level: next shit

Gibt es die Musik von morgen? Meine zeitreisenden Gedanken versuchen Antworten zu finden, die sowieso noch keiner kennen kann.


Als neulich in der Tagesschau ein Bericht zu den MTV Video Music Awards kam, habe ich mich leicht erschrocken. Music Television – die Marke schwebt als mediales Kulturfossil lebendig vor derer Augen, die es noch miterlebt haben, stand es doch im Ursprung für das bahnbrechende Musikvideo, für das kollektive Erleben und Teilhaben an Popkultur… Und heute? Mir wurde plötzlich bewusst, dass sich nicht nur die Landschaft um die Charts in den letzten zehn Jahren merklich gewandelt hat, sondern überhaupt das Erleben und Konsumieren von Musik. Zufällig stolperte ich zur selben Zeit über einen Spex Artikel von Remo Bitzi aus dem Jahr 2013, in dem er über die Fusion von scheinbar nicht zusammenpassenden Musikstilen schrieb:

„Mit dem Eintreten des digitalen Zeitalters sind die Grenzen zwischen einzelnen Jugend- und Subkulturen zunehmend verschwommen. Musik allein dient weniger der Identifikation, sondern wird als weiterer Konsumgegenstand wahrgenommen.“

Musik als ein bloßes Konsumgut von vielen? Da bleibt nur zu hoffen, dass es weiterhin ein paar leidenschaftliche Hörer geben wird, die die kreative Arbeit von Musikern zu schätzen wissen. Mir kommen da so altbackene Begriffe wie „Avantgarde“ und „Nostalgie“ in den Sinn, die mehr oder weniger einen gewissen Anspruch an die Musik erheben. Sind sie eigentlich noch zeitgemäß? Kann man das Credo des Fortschritts überhaupt auf die Musik übertragen? Wozu und wohin avanciert Musik? Schließen sich Avantgarde und Nostalgie in der Musik eigentlich aus? Ich kann mir kaum vorstellen, dass eine Begrifflichkeit, ein Anspruch einfach so verschwindet, auch wenn sich das Verständnis von und unser Verhältnis zur Musik im letzten Jahrhundert ziemlich gewandelt hat. Wo ist also diese Avantgarde – kann es sein, dass ihre ehemalige Heimat Klassische Musik nun ihr endgültiges Exil geworden ist? Weil ich das irgendwie nicht glaube, habe ich ein wenig in meinem Musikfundus gewühlt und nach möglichen Anhaltspunkten gesucht…

Über Brücken und aus Ruinen

Vor acht Jahren feierte das Duo Deine Lakaien auf der Bühne zusammen mit der Neuen Philharmonie Frankfurt „20 years of Electronic Avantgarde“. Vor allem in der sogenannten Schwarzen Szene populär, bildeten Deine Lakaien jedoch schon immer eine kleine Ausnahme: bestehend aus Ernst Horn, der als Dirigent und Pianist aus der (klassischen) Neuen Musik stammt, und Alexander Veljanov, der seinerzeit in der entstehenden Gothic-Subkultur unterwegs war. Der furchtlose Brückenbau zwischen Klassik und Elektronik wirkt weniger wie eine Kombination als wie ein eigenständiges Konzept. Die Diskographie ist von elektronischen Sounds geprägt, die der Dark Wave entlehnt sind. Auf Konsole eher die Ausnahme, auf der Bühne inzwischen öfter praktiziert, ist die rein akustische Interpretation ausgewählter Lieder. Nur Gesang und ein zum Teil präpariertes Klavier (John Cage lässt grüßen!). Hört man sich ein bisschen in diese „Acoustic“-Eskapaden hinein, erkennt man, dass in „20 years of Electronic Avantgarde“ ein wenig mehr stecken muss als ein Orchester, das als hübsche Garnierung zum Jubiläum fungiert. Es war in dieser Live-Konstellation ein fester Bestandteil und kein „drübergegossener Klassiksirup à la Rock meets Classic“, wie Veljanov im Interview mit Whiskey Soda klarstellte. Wer sich ein eigenes Bild von einer Studioversion und seiner orchestralen Umsetzung machen möchte, kann das tun. Ich habe mal als Beispiel einen Lakaien-Klassiker herausgepickt:

(Quelle: Youtube)

Mit „20 years of Electronic Avantgarde“ haben sich Deine Lakaien wieder auf ihren Ursprung besinnt und elektronisch komponierte Sounds klassisch umgesetzt. Ein höchstinteressantes Verhältnis zwischen Avantgarde und Nostalgie… Der Bandname bezieht sich übrigens auf die Gruppe Einstürzende Neubauten, die ihrer Zeit nicht viel von Harmonien hielten – eher im Gegenteil.

Was steckt dahinter?

„And then I (…) started the cult experimental anarchy sort of terrorist Einsturzende Neubauten kinda band. (…) That’s the most important band I was in, still for me, some of the most important music I’ve done”, sagt Björk in einem Interview mit Evelyn McDonnell in Björk (orange press, 2002, S.86/88). Sie spricht hier von der isländischen Band K.U.K.L., die weniger populär war als The Sugarcubes, durch die Björk erst international bekannt wurde. Mittlerweile ist die Frau eine feste Größe in der Popwelt, die mit Künstlern diverser Disziplinen kooperiert. Das MoMA versuchte in diesem Jahr ihr bisheriges Werk in einer Retrospektive zusammenzufassen. Bis ins MoMA hat Madonna es nicht geschafft, wobei sie ihrer Zeit keine geringere Rolle gespielt hat. Als erste eigenständige weibliche Pop-Ikone behauptete sie sich in der männlich dominierten Unterhaltungsindustrie. Madonnas Erfolgsrezept des ständigen Imagewechsels hat bis heute Bestand – siehe Lady Gaga, Nicki Minaj, Miley Cyrus, etc. Die Maskerade macht auch einen wesentlichen Teil von Björks Arbeit aus, wobei sie bei weitem nicht die primäre mediale Aufmerksamkeit anstrebt wie es ihre eben genannten Kolleginnen tun. Ist das nicht die Avantgarde, die da verräterisch aus der Maskeraden-Parade blitzt? Ein Spiegel unserer Zeit? Oder ist es doch nur ein uraltes Bedürfnis nach gesehen werden und verstecken spielen? Klaus Biesenbach, der Björks Retrospektive im MoMA organisiert hat, schreibt folgendes:

„The symbol of the mask has been thematized throughout the ages. In the plays of antiquity, actors went on stage with a mask, thus simultaneously embodying a person and a persona, a living and a dead body. (…) As an artist, Björk has adopted many visually compelling personas. (…) But the mask is only one palpable, tangible embodiment of the idea of a character. Björk also created distinct, semi-fictitious characters to evoke and perform the author/actor/singer/protagonist/heroine/role of each album, channeling the creative energies of a musical period and galvanizing a mask to reflect the art and artist simultaneously.”

(Björk: Archives, 2015; Klaus Biesenbach’s introduction, S. 4)

Aus alt mach anders

Ich vermute ja, dass avantgardistische Musik heute nicht mehr denselben absolut bahnbrechenden Charakter haben kann wie es sich Kunst-Pioniere vor etwa sechzig Jahren ausgemalt haben. Zwölftonmusik. Anklagende und brutale Disharmonien. Neue Klänge und Beats. Das Aufbrechen der Grenze zwischen Hoch- und Popkultur – all das ist schon längst passiert. Das Vorkämpfertum musikalischer Innovationen ist genauso diffus geworden wie die Popkultur selbst (Kunst und Pop, wo ist der Wertunterschied?). Avantgarde findet ständig überall statt, wo doch das Crossover von Stilen und das Sampeln inzwischen an der Tagesordnung sind. Hat sie sich dadurch aber nicht selbst abgeschafft? Die Avantgarde schaut über Grenzen, während die Nostalgie anscheinend genau das Gegenteil tut. Heute würde eine Psychedelic Rock-Band zum Beispiel, die ihrem Genre strikt treu bleibt, nichts tun, außer ihr Genre zu reproduzieren – ein quasi in sich geschlossenes Soundsystem. Es geht nicht um das Experimentieren und was daraus entstehen kann, sondern um die Bewahrung eines Ideals. Auf der anderen Seite besitzt Nachahmung das Potenzial, Veränderungen hervorzubringen. Demzufolge könnten Nostalgie und Avantgarde sich doch auch wechselseitig beeinflussen! Ein potentialträchtiges Genre – wenn man es denn so nennen kann – mache ich in einer schummrigen, zwielichtigen Ecke aus, wo der Begriff der Avantgarde eigentlich gar nicht hinpasst: im Trash.

(Quelle: Youtube)

Natürlich ist Alexander Marcus eine Nummer für sich, weshalb er stark polarisiert. Das Unerträgliche sehen viele in der Künstlichkeit dieser Figur, aber ich finde gerade diesen Aspekt spannend. Er parodiert kein spezielles Genre oder eine spezielle Person und gibt damit niemanden außer sich selbst der Lächerlichkeit preis. Er greift lediglich Schlager-Klischees auf und treibt sie schamlos auf die Spitze. Alexander Marcus spielt nicht unbedingt vor 60.000 Menschen auf einmal, spricht dafür aber ein ziemlich breites Publikum an. Sinnfreie Lyrics kombiniert er mit Beats, die weniger an den billigen, unbeholfenen Schlagersound erinnern (den man in diesem Kontext eigentlich erwarten würde), sondern viel eher an Clubmusik der 80er und 90er. Alexander Marcus hat mit der Schöpfung des Genres „Electrolore“ schon einen kleinen avantgardistischen Beitrag geleistet, auch wenn die einzige Message Unterhaltung lautet. Was ja eigentlich total unavantgardistisch ist… Oder?