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Lass es nicht endgültig sein

Wann sind Gebäude eigentlich fertig, wann ist ihr Bau also abgeschlossen. Und wann sind sie endgültig „fertig“, also Ruinen? Der Bildband „Ruin and Redemption“ geht dieser Frage nach und zeigt: Wenn Gebäude aus Ruinen wieder auferstehen, bekommen sie manchmal die beste zweite Chance, die es für sie geben kann.


Klar, es gibt glattgeleckte Architekturbildbände, bei denen am besten weiße Baumwollhandschuhe beiliegen, um die Unantastbarkeit des Gezeigten noch zu unterstreichen. Dazu kommt das Arsenal an Magazinen, die die Schöner-Wohnen-Optiken auf die Spitze treiben. Und dann gibt es Bildbände wie „Ruin and Redemption in Architecture“ (Phaidon Press, 2019), die zwar sämtliche Register gelungener Buchgestaltung ziehen, aber doch Sehgewohnheiten charmant brechen. Denn hier geht es nicht um Überinszenierung oder visuelle Heiligsprechung – sondern erst einmal um Vergänglichkeit und Ruinöses.

Dan Barasch hat den Band kuratiert. Er war Führungskraft bei Google, Unicef oder auch der Stadtverwaltung New Yorks. Sein Projekt, aus einem stillgelegten Güterwagon-Terminal in New York einen unterirdischen Park zu gestalten, hat den Blick auf Transformationen und die Umnutzung von Gebäuden weltweit gelegt. Das Buch zieht einmal quer um den Globus und versammelt Beispiele von Architektur, die praktisch fertig war mit dem Leben: abgehalftert, ausgemustert, verlassen. Ruinen eben. Doch stimmt es eben keinen salbungsvollen Abgesang an das Alte in Form einer Überhöhung an, sondern feiert tatsächlich erst einmal die Vergänglichkeit. Der erste der vier Abschnitte heißt demnach schlicht „Lost“. Gebäude, die einfach verloren sind – und nur noch in Erinnerungen und Fotografien weiterexistieren.

Das Larkin-Verwaltungsgebäude in Buffalo, New York/USA. Nachdem die Firma sich gezwungen sah, den Komplex zu verkaufen, wurde das Gebäude verkauft und musste 1950 einem Parkhaus weichen. (Foto: Collection of The Buffalo History Museum)

Wie Grabsteine

„Completed 1962. Demolished 2013“ – die Zeitangaben wirken sehr nüchtern. Vollendet – zerstört. Wie Inschriften auf Grabsteinen kommen einen die nüchternen Angaben vor. Ein seltsames Gefühl befällt einen – vielleicht tatsächlich so etwas wie Trauer –, wenn die ersten Bilder des Bandes Gebäude zeigen, die es nicht mehr gibt. Abgerissen oder komplett verfallen.

Manchmal dokumentieren die Fotos sogar  Abrissarbeiten oder den Sekundenmoment einer Sprengung. Zu entdecken sind riesige Wohnkomplexe wie etwa Pruitt-Igoe in St. Louis (USA) – 2870 Apartments umfasste der Stadtteil, der schon nach 16 Jahren wieder zurückgebaut wurde.

Der Streifzug geht weiter: Das Olympiastadion von Athen, filigran von Santiago Calatrava entworfen – es steht leer und gerade einmal ein paar Büsche wuchern in dem verwilderten Gebäude. Dazu kommen die Skisprungschanzen von Sarajewo oder ein Panorama-Restaurant in Lissabon – die Bilder zeigen: Wenn Orte in Vergessenheit geraten, dann verschwinden sie nicht. Sondern bleiben und führen ihr Leben irgendwie in Einsamkeit weiter.

Als 1963 die Turbinen des Glenwood Elektrizitätswerk alterschwach wurden, gab man das Gelände auf und ließ die Gebäude verfallen. In den Jahrzehnten danach entwickelte sich der Ort zu einem Treffpunkt, der von Gewalt, Graffiti und Gang-Aktivitäten geprägt war. (Foto: Courtesy of Lela Goren Group)

Dort, wo das Leben fehlt, denkt man es sich dazu

Eine Industrieanlage, die ohne Qualm aus Schornsteinen auskommt und zwischen deren Schlöten Bäume wachsen. Ein Sportstadion, das längst keine Zuschauer mehr kennt, Werbetafeln oder Fanbanner erst recht nicht. Es fehlen Fenster, Mauerteile, Fahrzeuge, Menschen … und genau das macht den Reiz der Bilder aus, vielleicht auch an sich den Reiz von Ruinen: Sie zeigen Leerstellen. Man denkt sich das Leben dazu, füllt Leerstellen selbst aus und hört ins sich einen Soundtrack mit dem Sirren von Sirenen, dem Tuten von Schiffshörnern oder dem geschäftigen Klingeln und Klicken einer Büroetage.

So paradox es klingt: Ruinen erinnern an das Leben. Symbolhaft tauchen sie auf Gemälden der Romantik auf und feiern einen Weltschmerz und die Sehnsucht an vermeintlich bessere, frühere Zeiten. Sie geben aber auch ein klares Statement: Memento mori – bedenke, dass du sterblich bist. Also wende dich dem Leben zu.

Die Siloanlage im holländischen Deventer wurde im Jahr 1990 stillgelegt. 25 Jahre später ist dort wieder neues Leben eingezogen. (Fotos: Wenink \ Holtkamp Architecten)

Mehr als zweite Chancen

Der eigentliche Kern des Bandes ist Architektur, die ihre Erlösung – Redemption – feiern kann: Auferstanden aus Ruinen. Sieht man die Vorher-Nachher-Bilder der Zementfabrik im spanischen Sant Just Desvern, dann traut man seinen Augen kaum: Die Silos der Industrieanlage zeigten sich von 1921 bis 1968 eher austauschbar – heute könnten sie als Kulisse für den James-Bond-Schurken dienen: Surreal wirken begrünte Dächer, Bücherregale und Fenstermaßwerke geben dem Gebäude fast schon einen Klostercharakter.

Weltkriegs-Bunker bekommen einen Glaskubus als Hülle und damit ein neues kulturelles Leben. Brachliegende Hafenanlagen werden zu Bürogebäuden und Kreativzentren wachgeküsst. Das begeistert – und zeigt, dass wir Architektur und Nutzungsformen nicht zu eindimensional denken sollten.

Allerdings ist es auch so: Umnutzungen sorgen nicht immer automatisch für Jubel und Begeisterung. So ist etwa die ehemalige Dominikanerkirche im Herzen Maastrichts heute eine Buchhandlung mit maximalem Instagram-Potenzial: 1294 als Klosterkirche erbaut, birgt der gotische Raum nun ein riesiges schwarzes Bücherregal, das die Verkaufsfläche von ursprünglich 745 Quadratmeter auf 1200 Quadratmeter erweitert. Es gibt die üblichen Verkaufsinseln, zwei seitliche Emporen, auf denen Schallplatten und Fachliteratur verkauft werden und ein kleines Café im Altarraum der Kirche. Eine Kirche als umtriebige Verkaufsstätte? Das bringt zwangsläufig Blasphemie-Vorwürfe und zeigt: Umwidmungen sorgen auch für Emotionen und Kritik.

Die Dominikarkirche in Maastricht – Ort mit wechselvoller Geschichte: 1294 errichtet, 1577 teilweise zerstört, Militärlager in den Napoleonischen Kriegen, später Archiv, Warenhaus und Druckerei. Heute ist der Ort eine Buchhandlung und zieht Buchbegeisterte und Instagram-Junkies an. (Foto: Roos Aldershoff / Merkx+Girod / Merk X architects and designers)

Die Suche nach dem Vergessenem

Wenn ich mit Büchern zu tun habe, frage ich mich immer: Was lösen sie in mir aus? Was machen sie mit mir? In diesem Fall ist es so, dass das Buch eine Art Radarschirm anschaltet: Wo stehen auch Ruinen in meiner Umgebung? Welche Baulücken gibt es noch, die eigentlich gar keine sind, sondern einfach nur vergessene Orte. Wo liegen Gebäude an den Orten, mit denen ich zu tun habe, einen Dornröschenschlaf?

„Ruin and Redemption in Architecture“ ist nicht nur ein Buch über transformierte Gebäude und Orte – es transformiert auch den Leser. Die Bilder und Projekte machen Lust, Dinge neu zu denken. Wer sich mit Ruinen beschäftigt, dem öffnen sich die Augen für die Lücken um einen selbst.

Dan Barasch ist ein sehenswertes Band gelungen. Eben weil er nicht in die konservativ-pathetische Falle tappt und jede Veränderung gleich als Gefahr sieht, sondern Veränderung als Chance begreift. Das gilt auch für die Zukunft: Neue Gebäude sind die Ruinen von morgen. Und sie können immer wieder auferstehen. Etwas Besseres kann man ihnen nicht wünschen.

 

 

„Vive la France“ – Sempés Studie einer vielgestaltigen Nation

Auf der Frankfurter Buchmesse ist Frankreich der diesjährige Ehrengast. Grandement l‘heure, sich mit dem Nachbarn auseinanderzusetzen. Gelegenheit dazu bietet der umtriebige Sempé, der im Diogenes Verlag seinen Blick auf Land und Mitbürger offenbart.


Er kann problemlos zu den bedeutendsten Karikaturisten unserer Zeit gezählt werden. Jean-Jacques Sempé, 1932 in Bordeaux geboren, begann früh damit, die Kunst des Zeichnens für sich zu entdecken. Bereits in jungen Jahren fanden sich seine Werke in flächendeckenden Printmedien Frankreichs wieder. Später wurde er auch dem Ausland bekannt, insbesondere durch seine Titelblätter in The New Yorker. In seinen zahlreichen Koproduktionen traf er auf einflussreiche Figuren der illustrativen und literarischen Szene, wie unter anderem Asterix-Schöpfer René Goscinny, Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano oder Patrick Süskind.

Anlässlich der diesjährigen Frankfurter Buchmesse beschloss der Diogenes Verlag nun, einen Bildband herauszugeben, der mit ausgewählten Zeichnungen von 1970 bis heute gewissermaßen Sempés Portrait des eigenen Heimatlandes zusammenstellt und dem Œuvre des Künstlers im gleichen Zuge eine Hommage widmet. Dabei ist es dem Zürcher Verleger gelungen, eine ebenso träumerische wie launige Komposition zu schaffen.

Humoristisches Licht- und Schattenspiel…

Beim Betrachten reihen sich farbenfrohe Aquarelle an monochrome Bleistiftzeichungen. Einem erheblichen Teil ist jedoch die charakteristische Weite der zahlreichen Panoramazeichnungen natürlicher und sozialer Landschaften gemein. In diesem Zusammenhang wendet der Karikaturist seinen Blick gleichermaßen auf die urbane Struktur Paris‘ und die geographische Vielfalt des ruralen Frankreichs. Mitten in diesen Bildnissen finden sich einzelne, sich äußernde Gestalten wieder. Diese übernehmen zwar immer wieder eine Schlüsselrolle für das jeweilige Zeichenwerk, wirken darin meist aber doch verloren. Auf diese Weise schafft Sempé ein faszinierendes Zusammenspiel zwischen individueller Wertigkeit und paralleler Bedeutungslosigkeit.

Portraitiert werden verschiedene Lebenswelten. Dabei erfreuen sich das Bürgertum, die Arbeiterschaft oder Landbevölkerung alltäglicher Lebensfreuden ebenso wie sie sich über vermeintliche Belanglosigkeiten echauffieren. Während die Bilder gelegentlich eine triste und hoffnungslose Atmosphäre vermitteln, wohnt dem Schaffen Sempés stets eine unübersehbare Komik inne. Dies und die Tatsache, dass der Künstler die Betrachterrolle ausfüllt, indem er sich als stiller Beobachter vom Menschen und dessen Verhältnis zu Umwelt auszeichnet, gehören zweifellos zur großen Stärke Sempés.

…mit Leerstellen

Jean-Jacques Sempés Anspruch scheint es zu sein, den Blick teils als kritisches, teils als urteilsfreies Stillleben sozialer Interaktionen auf die französische Nation zu werfen. Dies vollführt er durchweg auf eine liebenswürdige und charmante Art und Weise, möglicherweise um somit einerseits niemanden seiner Landsleute zu verprellen und andererseits aus nachvollziehbaren Gründen seine universelle Reichweite nicht einzubüßen. Was dabei offensichtlich mit Bezug auf die hier besprochene Sammlung auf der Strecke bleibt, ist aber die soziokulturelle Vielfalt Frankreichs, die sich nicht zuletzt in der jüngeren Vergangenheit als nationale Herausforderung herausgestellt hat. Angesichts dieser Tatsache ist es nur verwunderlich, dass bei der Lektüre von „Vive la France“ wenig bis gar nichts vom nicht zu verschweigenden und prägenden kolonialen Erbe zu erkennen ist. In dieser Hinsicht wird dieser Kunstband auch seinem jubilierenden Titel gerecht.


Vive le France hat 128 Seiten und erschien im Diogenes Verlag.