Schlagwort: Berlin

„soif sauvage“ – Durst auf das Leben

Das Nachdenkliche und Wehmütige schließen Leichtigkeit und die pure Freude nicht aus. Wie verträumt und rastlos Berlin klingen kann, haben soif sauvage für sich entdeckt und nun mit uns geteilt.


Verträumt wie ein herbstlicher Nachmittag an einem stillen See und tanzbar wie eine durchwachte Nacht in Berlin – so hören sich soif sauvage auf ihrem gleichnamigen Debut an. Zwei Jahre ist es her, dass Florence Wilken und Pierre Burdy ihr Musikprojekt ins Leben gerufen haben, das sich irgendwo zwischen House und Indie-Pop bewegt. Seither haben sie einen sinnlichen Sound heranreifen lassen, der sich am besten mit einem simplen, aber anerkennenden „It feels good!“ beschreiben lässt.

Quelle: YouTube

Auf Bandcamp bezeichnen sie sich als „berlin based french duo“, deren melancholischer Electro-Pop von souligem Gesang untermalt wird. Im Sommer 2019, ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung ihres Albums, traten sie bereits als Nachwuchs auf dem Pop-Kultur-Festival Berlin auf.

Soif sauvage siedeln sich musikalisch in der Nachbarschaft einer jungen, diskursfähigen Generation von Pop an, die poetisch-sinnlich und selbstbewusst klingt. Die gefühlsbetonten Lyrics gehen Hand in Hand mit spielerischen Arrangements. Trotz verführerischer Verspieltheit wirkt das Album jedoch wie eine harmonischen Einheit, die wenig experimentierfreudig erscheint. Dass soif sauvage aber das Potenzial dazu haben, lassen sie durchschimmern.

Man kann sich in ihren Songs selbst wiedererkennen und zugleich zwischen den Klängen und Beats verlieren, die, mal subtil, mal ausdrücklich, aber stets zum Tanz auffordern. Auch wenn das Debut von soif sauvage von Melancholie getragen wird, lädt es zum Wohlfühlen ein und lässt die schwer wiegenden Gefühle zehn Tracks lang schweben.

Titelbild: © soif sauvage, bandcamp.com

Fenster. Gute Überraschungen

Schon passend, dass Fenster sich zum Ende des Supersommers geschlossen wie nie zurückmelden. Ein Zufall? Vermutlich.


Aber ein guter Zufall. Denn was Fenster inzwischen schon seit ein paar Alben auszeichnet, ist diese ureigene Verbindung aus Stilsicherheit und Genre-Offenheit. Wie wenig anderen Indie-Bands gelingt es, enorm vielseitige Songideen zuzulassen und diese gleichzeitig schon ihrem Sound unterzuordnen. In jedem Part ist jedes Bandmitglied so vollkommen fixiert auf Ausdruck und Rhythmus, dass ihre Musik niemals ins Treiben gerät, was sie inzwischen perfektionieren konnten. Im Zentrum aller Subgenres, in die sie verfallen, steht die Stilisierung selbst. In diesem Sinne sind sie eine sehr kunstvolle Band, die sich mit The Room nun ein weiteres Denkmal gesetzt hat, aber mit dem Album auch ein gewisses Lebensgefühl trifft.

Auf der Platte perfektionieren Fenster letztlich vieles, was sie sich über ihre zwei früheren Studioalben und dem gemeinsam realisierten Sciene-Fiction-Kunstfilm und -Soundtrack Emocean erspielt haben. Auf Bones hatte 2011 noch Folk durchgeklungen, was ja schon der Ausgangspunkt vieler wichtiger Bands war. Genauso wichtig war jedoch für all diese Bands auch, sich später vom Folk zu emanzipieren. Nicht zuletzt, weil eine Band, die sich komplett auf ein Genre festgelegt hat, schon tot ist. Aber die Emanzipation haben Fenster im Grunde noch während des ersten Albums selbst vollzogen und war 2013 auf Album zwei, Pink Caves, schon komplett abgeschlossen. Hier widmete man sich schon vollkommen dem perfekten Sound, graste eher im Experimentellen und suchte und fand den gemeinsamen künstlerischen Ausdruck als Gruppe. Den transportierten sie mit dem Film Emocean 2015 aus der Musik heraus in eine visuelle Kunstwelt, um ihn weiter zu vergrößern. Der Soundtrack dazu pendelt sich für sich betrachtet zwischen Psychedelic und Launchmusik ein. Um es als eigenständiges Album werten zu können, fehlen ihm aber Antrieb und Richtung. Aber das geht ja den meisten entkoppelten Soundtracks so.

© Simon Menges

Umso besser, dass The Room, dem es an Antrieb nun wirklich nicht fehlt, sich weniger an Emocean und stärker an Pink Caves anlehnt und vom Film-Experiment nur freigestzte Sounds in ihr Songwriting einbringen. Sie fließen einfach mit hinein und zu einem Album zusammen, das gleichzeitig bunt, fließend und glatt wie keines der bisherigen klingt. Fast könnte man bei alledem vergessen, dass Fenster musikalisch eigentlich noch immer gar nicht allzu sehr festgelegt sind. Zwischen Dreampop, Shoegaze, Nintendo-Pop, Disco und Psychedelic scheint gerade ihre Entschlossenheit, ihr schlichter Groove das verbindende Element in fassettentreicher Umgebung. Zusammenfassend könnte man es wohl Surprise Pop nennen.

Aber Fenster sind auch eine Band, die in gewisser Weise einen Berliner Zeitgeist verkörpert und musikalisch konserviert. Immerhin fanden die internationalen Bandmitglieder hier zueinander. Und ihr Album spiegelt in seinem Aufbau ein Lebensgefühl wider, das schon viele Künstler*innen in die Stadt trieb und aktuell wieder eine brodelnde Szene formt: die kunstvolle Wahrnehmung einer vielseitigen Umwelt, ein Fokus auf das, was erfüllt, was Spaß macht und was dadurch teilbar wird. Und lebt als eine Adaption dieser Vielfalt. Ein solcher Berliner Zeitgeist lässt sich nicht auf eine Band, einen Sound oder ein Album herunterbrechen. Aber wollte man in ein paar Jahrzehnten einen Film über die 2010er Jahre in Berlin machen, täte man gut daran, Fenster in den Soundtrack aufzunehmen. Vielleicht drehen sie diesen Film ja sogar selbst.

Quelle: YouTube

The Room von Fenster enthält Two Doors sowie neun weitere Songs und erschien beim Label Altin Village & Mine.

Beitragsbild: © Fenster

Lange Nacht der Museen in Berlin – 25.08.18

Am 25. August ist es wieder soweit: In der Langen Nacht der Museen öffnen über 80 Berliner Museen und Ausstellung ihre Pforten für nächtliche Besucher. Zu diesem Anlass gibt es über 800 Sonderführungen und Events. Wir durften in einem Social-Media-Preview schon einmal drei davon besuchen und erleben.


Fabelhafte Fossilien im Naturkundemuseum Berlin

Das Museum für Naturkunde Berlin ist berühmt für seine riesigen Dinosaurierskellette. Heute wissen wir so einiges über den Fleischfresser Tyrannosaurus Rex und den Langhals Brontosaurus, doch das war nicht immer so. Knochen- und Fossilienfunde wurden sehr lange mit Mythen und Sagen in Verbindung gebracht. So entstanden Vorstellungen von Wesen wie Zyklopen, Drachen und sogar Einhörnern!

Zur langen Nacht der Museen gibt es im Naturkundemuseum eine Sonderführung durch die Hauptsammlung fossiler Wirbeltiere, in der man nicht nur die Originalknochen der ausgestellten Dinos bestaunen kann, sondern auch allerlei unterhaltsame Sagen und Mythen erkundet.

Der schönste Hörsaal Berlins im Tieranatomischen Theater

Kennt ihr das Tieranatomische Theater? Nein? Dann wird es aber Zeit! Das 1790 erbaute Gebäude ist nämlich nicht nur eines der wertvollsten klassizistischen Bauwerke in Berlin (architektonisch bedeutsamer als das Brandenburger Tor!), sondern verfügt auch über den wohl schönsten Hörsaal Berlins. Der beeindruckende Kuppelbau diente früher als veterinärmedizinischer Lehrsaal, in dem den Studenten Anatomie an Tierkadavern studierten.

Heute betreibt die Humboldt-Universität das Tieranatomische Theater als Forschungs- und Ausstellungszentrum. Aktuell ist die Ausstellung „Verschwindende Vermächtnisse: Die Welt als Wald“ zu sehen.

Matcha-Teezeremonie in der Mori-Ogai-Gedenkstätte Berlin

Mori Ogai ist ein Schriftsteller, der in Japan zur Pflichtlektüre  in der Schule gehört. Bei uns ist er wohl nur Kennern bekannt. Eigentlich schade! Schließlich hat er lange Zeit in Berlin verbracht und war der erste Übersetzer des „Faust“ ins Japanische. Die Mori-Ogai-Gedenkstätte Berlin informiert über Leben und Werk des temporären Wahlberliners und wirft zudem einen Blick auf Japans rasanten Sprung in die Moderne, der sich im 19. Jahrhundert vollzog.

Ein ganz besonderes Highlight ist die Möglichkeit einer traditionellen Matcha-Teezeremonie beizuwohnen, die von einem ausgebildeten Teemeister vorgeführt wird.


Lange Nacht der Museen in Berlin

25.08.2018

Tickets und Informationen

Titelbild und Fotos: Martin Kulik

Seltsam einnehmend intim. Hundreds in der Passionskirche

Stell dir vor, in Kreuzberg strömen die Menschen sonntags zu Hunderten in eine Kirche. Hören andächtig zu. Und werden noch nicht mal enttäuscht. Im Gegenteil.


Berlin, 3.12.2017

Gar nicht so leicht, ein gutes Konzert in einer Kirche zu spielen. Gerade die Passionskirche im Bergmannkiez mit ihrem endlosem Hall macht es ihrem Publikum schwer, sich auf die immer häufiger dort stattfindenden Konzerte zu konzentrieren. Sóleys Show im letzten Jahr litt unter dem Sound. Und auch Joco, die dankbarerweise die Hundreds-Tour als Support begleiteten, wirkten gegenüber ihrem voluminösen Albumsound ungekannt dünn. Wie man einem solchen Saal aber wirklich gerecht werden kann, stellten Hundreds, der ewige Geheimtipp, noch am selben Abend ein für allemal unter Beweis.

Auf wundersame Weise gelingt es Hundreds ja schon seit ein paar Jahren, mit einer Musik zu begeistern, die anmutig und verschroben zugleich ist und die sie immer wieder weiterentwickeln. Aus Liebe zum Perfektionismus eignen sie sich allerhöchstens Kleinstteile aus verschiedenen Stilen an, um daraus nur wieder ihren eigenen Sound neu zu entdecken. Gesampelter Gesang, Ambient- oder Dubstep-Elemente können bei einzelnen Songs zentrale Rollen spielen oder ein ganzes Album lang gar nicht auftreten. Was alles durchdringt, sind musikalische Virtuosität, die sich durch Harmonievielfalt, kalkulierte Dissonanzen und kontrolliert arhythmische Elemente auszeichnet, und ein brillianter Gesang, der imposant und melancholisch seinen Weg hindurch findet. Immer wieder ziehen sich die Songs auf Klavier und Gesang zurück in eine gitarrenlose Leere, die dem Ganzen etwas Intimes und Einzigartiges verleiht.

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::: danke, Berlin. Pic @kleinertorso <3

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Quelle: Instagram

Auf der gerade beendeten Elektro Akustik Tour, die sie auch in die Elbphilharmonie führte, riefen Hundreds nicht einfach ihre Veröffentlichungen ab, sondern präsentierten erhebliche Weiterentwicklungen der Arrangements. Und spiegelten teils ihre Songs gar in völlig veränderten Versionen. Aus dem einst vergleichsweise leichten Happy Virus wird eine düster aufgeladene, abstrakte Klavierballade. Andere Songs werden mit Elementen des Krautrocks, analogen Synthies und maschinellen Beats, aufgeblasen. Gerade das Spiel zwischen Bekanntem und Neuem erzeugt hier eine Grundspannung, die das Konzert über anhalten sollte. Abgerundet wurde der Berliner Hundreds-Auftritt von einer Kammerchor-Version mit Joco und Missincat des Songs Flume von Bon Iver, einer ähnlich kompromisslosen Band, die in den letzten Jahren gezeigt hat, wie weit sich ein komplett eigentümlicher Sound entwickeln kann. Und schon hat man vier wichtige Vertreter einer jungen Independent-Avantgarde in einem Satz erwähnt. Nicht nur wirkten die von Hundreds präsentierten Versionen, als seien die Songs bloß dafür komponiert worden. Die Passionskirche verräumlichte diese auf denkbar imposante Weise.

Und plötzlich ergab alles Sinn: Alle Formen, die die Songs bisher angenommen hatten, mussten zwangsläufig auf die neuen Fassungen hinauslaufen. Die ganzen Alben und EPs waren nur eine Vorbereitung des Berliner Konzerts. Die gesamte Musikgeschichte von Klassik bis Kraut dient bloß als begrifflicher Kontext für diesen Abend. Und die Passionskirche kann nur zu dem einen Zweck errichtet worden sein, sich von Hundreds einnehmen zu lassen. Das mit den Erscheinungen mag nun so ein Kirchending sein. Dennoch habe ich lange kein so einnehmendes und lang nachwirkendes Konzert besucht.

Beitragsbild: © Lars Kaempf

Überladung Spielwut. Dispatch im Columbia Theater Berlin

Eigentlich mehr Mythos als Band nahmen Dispatch ihr erstes Album nach 17 Jahren zum Anlass, mal wieder auf Europatour zu gehen. Das war so nötig, dass ihre Show im Berliner Columbia Theater in einer einstündigen Zugabe ausartete.


Wobei Show eigentlich das falsche Wort ist. Denn Dispatch machen keine, sie spielen einfach. Außerdem haben sie auf Konzerten eh schon viel zu viel vor, um eine Performance einzustudieren, wenn sie all ihren musikalischen Errungenschaften ihre Karriere auch nur ansatzweise gerecht werden wollen. Da Dispatch die altbekannte Formel verinnerlicht haben, dass Musik, die sich klar auf ein Genre begrenzt, bereits tot ist, schwanken sie tapfer zwischen Akustik, Rock, Reggae, Folk und Funk. Das macht das Ganze extrem abwechslungsreich und kurzweilig – nicht zuletzt einfach, weil sie es können. Sich selbst haben sie damit aber nie einen Gefallen getan. Zwar bleibt der Sound der Band damit einzigartig, doch das Alleinstellungsmerkmal der Band kann aber eben auch als ihre große Schwäche ausgelegt werden. Immerhin führte es dazu, dass die Wege der drei Bandmitglieder sich für einige Jahre trennten und man sich auf Projekte konzentrierte, die für die jeweils eigene Musik prägender war.

Dispatch in Berlin

https://www.instagram.com/p/BZSTvAsjhFV/?taken-by=dispatch

Quelle: Instagram

Gerade auf ihrem 2000er Album, dem stilistisch unentschlossenen, Who Are We Living For? sind die drei Richtungen schon recht exakt definiert, in die die drei Musiker sich im nächsten Jahrzehnt entwickeln sollten. Nur taten sie dies eben unabhängig voneinander: Chad Urmston gründete State Radio, machte politisch engagierten, aggressiven Reggae-Rock, und brachte zuletzt zwei Folk-Soloalben als Chadwick Stokes heraus. Brad Corrigan gab einer neuen Band sein Namenskürzel Braddigan und besann sich auf perkussiv aufgeladene Singer-Songwriter-Songs. Pete Francis widmete sich indes solo einem gitarrenlastigen Rock-Pop, dem produktionstechnisch saubersten, aber musikalisch auch angepasstesten Projekt der Reihe. Jeder baute unabhänig voneinander aus, was er zuvor bei Dispatch einbrachte. Und Dispatch wurde nachträglich zur Supergroup der in die Breite gehenden Szene.

2012 lotete man die gemeinsame Zukunft bereits mit einer EP aus. Als die Band ein neues Album ankündigte, war dennoch völlig unklar, in wohin es musikalisch geht. Im weitesten Sinne kam ein Folk-Rock-Album dabei herum, das aus verschiedenen Richtungen als geglücktes Experiment zu bewerten ist: dynamische Vielfalt, viel Platz für breite Riffs, vielseitige Texte und Gesangsspuren und durchdringende musikalische Präsenz, dazu eine viel sorgfältigere Produktion als frühere Alben der Band. Man merkt auf America, Location 12 schnell, dass die Band sich viel Zeit genommen hat, um sich gegenseitig gerecht zu werden. Nicht nur kommt niemand zu kurz, auch wird die Vielseitigkeit wieder zur Stärke ausgearbeitet. Heraus kommt ein perfektes Folk-Album für Leute, die Folk eigentlich hassen, wenn nicht musikalisch, dann für dessen wiederkehrende Begleiterscheinungen wie Kitsch, Konservatismus oder Sexismus. Es greift viele Richtungen des Genres auf, vereinnahmt sie und macht sie zu etwas durch und durch Wuchtigem und Entschlossenem. Zu Dispatch.

Dispatch – Skin the Rabbit

Quelle: YouTube

Diese wiederum stellten sich im Columbia Theater als spielwütige, jamverliebte Band vor und gaben einen ausgiebigen unverstellten Auftritt, der zum einen die Arbeitsweise der Band klarmachte: Sobald ein Part sich abnutzt, wird die rascheste Idee aufgegriffen, in welche ein Song abknicken könnte, so brutal der Tempo-, Dynamik- und Genrewechsel dann auch ausfallen mag. Zum anderen wurde die Rollenverteilung innerhalb der Band klar: Niemand nimmt sich vor den anderen zurück, alle ringen ständig um den Vordergrund. Was in keiner anderen Band funktionieren würde, wird bei Dispatch unterhaltsam ausgereizt. Wem am Schlagzeug langweilig wird, der nimmt eine Gitarre und stellt sich nach vorn, wer den Text kann, singt mit wann er will. Ein vierter, zusätzlicher Musiker schließt die Lücken, falls grad keiner Lust hat zu singen oder Schlagzeug zu spielen. Das bewährt erstaunlich gut.

Und so sind Dispatch live eben auch ein Songwriterkollektiv, das seinem Publikum keine Facetten ihrer zahlreichen Projekte und historischen Ausformungen schuldig bleiben möchte. Auch wenn das präsentierte Set am Ende völlig überladen ist, kann dieses am Ende doch sehr zufrieden heimgehen. Dispatch wiederum scheinen von einer tiefen Unzufriedenheit angetrieben zu werden. Genauso wichtig wie ihre Musik ist der Band auch ihr politisches Engagement. Sie steht hinter mehreren Stiftungen und verbindet Touren immer auch mit Besuchen bei Hilfsprojekten, die sie unterstützen, und nutzen ihre Konzerte für Statements und Aufrufe. In Berlin war ersteres nun das Migration Hub und das Projekt Wefugees, letzteres neben Entsetzen über die amerikanische Regierung ein Aufruf, der hier nur abschließend wiederholt werden kann. Egal, was ihr auch macht: Geht Sonntag wählen.

Titelbild: Instagram

Chuckamuck. Von Berlin nach Nashville und zurück

Schrammel-schrammel, schrei-schrei, rausch-rausch. Chuckamuck haben ein neues Album veröffentlicht. Cool!


Irgendwann hat eine Freundin mir erzählt, dass sie früher einmal mit dem Drummer (oder war es doch der Gitarrist?) von Chuckamuck rumgeknutscht hätte. Das muss Ende der 2000er gewesen sein. Chuckamuck waren noch gänzlich unbekannt und 1000 Robota galten als die Zukunft der deutschsprachigen Indie-Musik. Ich als Spätzünder hab die Band erst etwas später für mich entdeckt, dann aber sehr gerne gemocht. Auch wenn ich ihr nie so nahegekommen bin.

Chuckamuck sind Oscar Wald, Lorenz O’Toole und besagter Jiles plus den ein oder anderen Bekanntem am Bass. Sie kommen aus Berlin und machen Rock’N’Roll mit Schrammelattitüde. Dazu singen sie deutsche Texte ohne diskursrockige Bedeutungsschwere, die trotzdem gut bis grandios sind. Bestes Beispiel war die Hitchhike, die Lead-Single zu „Jiles“. Nach verschiedenen EPs und zwei Alben veröffentlichen sie jetzt das dritte, das sie nach sich selbst benannt haben.

Quelle: YouTube

Und natürlich erwartet jeder Musikfan von einem self-titled-Album die große Rückbesinnung auf alte Werte. Auch Chuckamuck sind nach dem höherwertiger produzierten „Jiles“ jetzt zur DIY-Ästhetik zurückgekehrt. Das klingt aber trotzdem super. Ich glaube sowieso, dass sie auch immer absichtlich etwas schrumpeliger spielen, als sie es in Wirklichkeit können. Ist ja schließlich Rock’N’Roll. Oder gar Punk?

Wie auf jedem ihrer Alben sind nicht alle Songs gut, dafür andere umso besser. „20.000 Meilen“ ist ein schmerzhafter Trennungssong, der ziemlich country-mäßig klingt und gegen Ende auch Nashville als Sehnsuchtsort für den frischgetrennten Protagonisten namedropt. Mit „Berliner Luft“ haben sie dagegen eine Hymne auf das kultigste aller Kultgetränke aus Berlin. Saufen und Krawall sind ja Themen, die in der distinguierten deutschen Indieszene nur selten zur Sprache kommen. Umso erfrischender ist dieser Song über Saufen mit frischem Pfefferminzatem. (Song und Getränk sind auch eine ganz persönliche Empfehlung des Autors)

Etwas enttäuscht war ich dagegen, dass mit „Sayonara“ der beste Song, den sie vorab veröffentlicht hatten, nicht auf dem Album enthalten ist. Aber das ist vielleicht so ein Beatles-Ding, die hatten ja auch viele Singles auch nicht auf den Alben mit drauf. Ich glaub aber, wenn Chuckamuck bald wieder in meine Stadt kommen, werde ich hingehen und mir einige große Schlücke Berliner Luft trinken, bevor ich mich auf den Weg nach Nashville mache.

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Beitragsbild: © Jana Ritchie

Ethik und Kunst – ein schmaler Grat?

Ist es die Aufgabe von Kunst, die Menschen besser zu machen? Adrian Pipers aktuelles Werk im Hamburger Bahnhof öffnet die Diskussion um die Frage, wie ethisch Kunst sein darf und sollte. Aber leider bleibt sie uns eine konkrete und konsequente Umsetzung ihres Konzepts schuldig.


Stell dir vor, du befändest dich in einer Situation, in der die Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens noch nicht feststünden. Du müsstest mit fremden anderen gemeinsam neue Regeln aufstellen, die verbindlich für alle gelten sollen. Es müssen Regeln sein, die eingrenzen, was richtig und was falsch ist, die etwas darüber aussagen, wie wir unsere Handlungen sittlich und moralisch bewerten wollen. Wie gehen wir mit Menschen um, die anderer Meinung sind als wir? Welchen Wert haben Tiere und unsere natürliche Umwelt für uns? Wie schützen wir unsere Menschlichkeit? Was ist Menschlichkeit?

Wir geben all diesen Fragen tagtäglich Ausdruck. Wir positionieren uns zu ihnen, wenn wir bestimmte Entscheidungen treffen, uns durch Entscheidungen an explizite und unausgesprochene Regeln des Miteinanders halten. Du befindest dich also gerade in der Lage mit vielen anderen über diese Regeln nachzudenken und sie festzuhalten. Was würde dabei herauskommen?

So grob umrissen funktioniert das Gedankenexperiment des Philosophen John Rawls‘ (1921-2002) zu einer Idee einer gerechten Gemeinschaft. Der „Schleier des Nichtwissens“ betrifft dabei nicht nur die Identität der anderen, sondern auch die eigene. Rawls stellt sich vor, dass wir nur zu gerechten Regeln finden, denen alle zustimmen können und die dadurch besonders verbindlich und wirksam sind, wenn wir nicht wissen, welche Rolle wir selbst und alle andere in der künftigen Gemeinschaft spielen, ob wir alleinerziehender Vater, Bankmanagerin, Rentnerin oder eine Person mit einer Behinderung sind.

Im Hamburger Bahnhof in Berlin gibt es zurzeit eine Installation der Künstlerin Adrian Piper, deren Werk man als eine Version dieses Gedankenexperiments beschreiben könnte. Für vier Euro betritt man den Hauptsaal des alten Bahnhofsgebäudes und findet sich vor drei hintereinander aufgebauten Schaltern. Die großen grauen Halb-Flügel, die jeden Schalter einrahmen, lassen das Ganze ein wenig wie die Pforte zum jüngsten Gericht wirken. Erst einmal imposant. Tritt man näher, um zu lesen, was auf den grauen Flügeln geschrieben steht, bekommen die Schalter tatsächlich eher etwas von Hotelrezeptionen. In goldenen Buchstaben steht über jedem Schalter ein anderer Satz: „I will always be too expensive too buy“, „I will always mean what I say“ und „I will always do what I say I am going to do“. Ohne mehr zu wissen, bewegt man sich langsam auf die Schalter zu, vielleicht hat man unbewusst denjenigen gewählt, dessen Regel einer eher zusagt. Eine freundliche Person hinter dem Schalter erklärt dann Folgendes: Man könne hier einen Vertrag mit sich selbst abschließen. Mit der eigenen Unterschrift verpflichte man sich freiwillig dazu, diejenige Regel uneingeschränkt („Eintritt höherer Gewalt ausgenommen“) zu befolgen. Die persönlichen Daten werden in einem Pool mit all den anderen Teilnehmerinnen gesammelt. Nach dem Ende der Ausstellung werden die Namen allen Teilnehmerinnen zugänglich gemacht, man könne dann Kontakt mit den anderen „wahrscheinlich Vertrauenswürdigen“ aufnehmen.

Adrian Piper. The Probable Trust Registry: The Rules of the Game #1-3
Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin
24.02. – 03.09.2017
© Adrian Piper Research Archive (APRA) Foundation Berlin Foto: David von Becker

The Probably Trust Registry“ soll dazu beitragen, dass sich alle Registrierten verbindlich an ihre jeweilige Regel halten und somit das gegenseitige Vertrauen erhöhen. Da sich die Registrierten zumindest für eine Weile von einigen Monaten nicht kennen werden, knüpft Piper hier in diesem Sinne an Rawls Idee an. Man weiß ja nicht, ob nicht vielleicht die nächste Person an der Kasse ebenfalls ihre Unterschrift gegeben und somit potenziell vertrauenswürdig ist, deshalb, so eine Interpretation des Werks, müsse man eben grundsätzlich erst einmal allen anderen vertrauen. Das könnte Piper vielleicht im Sinn gehabt haben. Die Künstlerin formuliert das in einem Interview mit „Der Welt“ im März 2017 so :

„Man macht sich zu einem Menschen, der nie die Wahl trifft, Eigeninteresse vor Stabilität und Gerechtigkeit in der Umgebung zu stellen. TPTR bietet jedem öffentlich die Möglichkeit, Vertrauen in sich selbst zu entwickeln und sich gleichzeitig als vertrauenswürdig in einer Gemeinschaft von anderen vertrauenswürdigen Menschen darzustellen.“

Quelle: Die Welt

Aber ist es die Aufgabe von Kunst, die Menschen besser zu machen? Und wenn man diese Frage bejaht, inwieweit hängen ethischer und ästhetischer Wert miteinander zusammen? Darf ein Kunstwerk ästhetische Aspekte zu Gunsten einer ethischen oder erzieherischen Wirkung zurückstellen? Handelt es sich dann noch um Kunst?

Was ist die ästhetische Wirkung in Pipers Werk? Bis auf die schnellverflogene Imposanz der grauen Flügel hinter den Schaltern bleiben als sinnlicher Eindruck ein paar golden bemalte Buchstaben auf einer Wand und ein Stück Papier, das man unterschrieben hat, übrig. Nicht jedes Kunstwerk muss ein Schocker sein. Aber Pipers materielle Darstellung erzeugt doch zu wenig. Die Installation ist zu nüchtern, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, den man als bewegenden oder kritischen Moment bezeichnen könnte. Man steckt sich den Vertrag in die Tasche und geht wieder.

The Probably Trust Registry ist ein Fall von ästhetischem Moralismus par excellence. Gegen Kunst mit moralischen Anspruch oder Kunst, die zu einer ethischen Reflexion anregen soll, ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Aber es muss gut gemacht sein. Hier kommt die ästhetische Erfahrungsdimension zu kurz. Pipers Werk ist zu verkopft und dabei widersprüchlich.

Die drei Maximen an den Schaltern sind nicht zufällig gold bemalt, sie stehen sinnbildlich für eine alte, volkstümliche, ethische Position „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“ – die goldene Regel. Dieses Prinzip des Handelns gründet sich darauf, was man selbst gern für sich in Anspruch nehmen möchte. Gerechtigkeit wird also hier auf der Grundlage der Verwirklichung des Eigeninteresses erzeugt. TPTR scheint ähnlich ausgerichtet zu sein. Wir unterschreiben und binden uns an einen ethischen Grundsatz, weil wir nicht von anderen ausgenutzt oder übers Ohr gehauen werden wollen. Wir wollen anderen vertrauen, also müssen wir uns auch so verhalten, dass uns andere vertrauen können.

Adrian Piper. The Probable Trust Registry: The Rules of the Game #1-3
Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin
24.02. – 03.09.2017
© Adrian Piper Research Archive (APRA) Foundation Berlin, Foto: David von Becker

Andererseits erinnern die drei Grundsätze auch stark an kantische Maximen. Der Philosoph Immanuel Kant gilt als der wichtigste Denker der deutschen Aufklärung. Seine Ideen zu Erkenntnistheorie und Moralphilosophie gelten bis heute als wegweisend und werden in der gegenwärtigen Wissenschaft immer noch stark diskutiert. Sein Konzept der Menschenwürde ist heute fest in unserer Verfassung verankert. Unsere Würde ergibt sich konsequent aus unserer Fähigkeit zu Autonomie, also der Möglichkeit, sich selbst eine Handlungsregel verbindlich zu machen. Für Kant sollten sich alle Handlungsmaximen nach einem allgemeinen Prinzip auf ihre ethische Rechtfertigung prüfen lassen. Wollen wir wissen, was wir in Fragen der Moral und Gerechtigkeit tun sollen, müssen wir unsere Überzeugungen und Regeln in eine bestimmte Form bringen. Entspricht eine Regel dieser Form, dann können wir guten Gewissens danach handeln. Die Form des kategorischen Imperativs lautet heruntergebrochen: „[H]andle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ (BA 52, Immanuel Kant Kritik der praktischen Vernunft. Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Suhrkamp 2012). Auch Rawls‘ Gedankenexperiment des „Schleiers des Nichtwissens“ spielt mit diesem Prinzip. Wenn alle anderen einer Regel zustimmen können, wenn sie einem Gesetz ähnlich gelten kann, dann ist sie tauglich.

In den 1970er Jahren gehörte Adrian Piper zu der ersten Generation von Konzeptkünstlerinnen in den USA. Mit verbundenen Augen, Ohrstöpseln, Handschuhen und Nasenklammer lief sie in einer Performance durch New York und konfrontierte sich selbst und die ihr begegnenden Menschen mit der Schwierigkeit, nicht über die üblichen Sinne kommunizieren können. Oder sie bemalte ihre Kleidung mit frischer Farbe, hängte sich ein „Wet Paint“ Schild um den Hals und ging in einem Buchladen einkaufen. Sich selbst als Versuchsgegenstand zu benutzen und zu erfahren, sollte sich auch auf die Betrachterinnen übertragen.

1981 promovierte Adrian Piper bei Rawls, und ihre letzten großen Bände beschäftigen sich mit Kants Konzept von Rationalität und Selbstkonstitution. Man könnte Piper somit durchaus als Kantianerin bezeichnen. Enttäuschend inkonsequent scheint dann aber ihr aktuelles Werk. Es werden hier zwei ethische Ideen miteinander vermischt, die sich grundsätzlich ausschließen. Was Kant mit seiner Konzeption von Moral verfolgte, war, die moralische Entscheidung von allen egoistischen Interessen zu lösen und so normative Verbindlichkeit für alle Menschen zu gewährleisten. Pipers Maximen sind jedoch so schwammig und unkonkret, dass sie genau das nicht leisten können. „I will always do what I say I am going to do“ kann durchaus auch zur Verwirklichung egoistischer Interessen eingesetzt werden. Ich könnte sagen, dass ich immer etwas im Supermarkt stehle, wenn gerade keine hinsieht und solange ich es eben ankündige, handle ich der Regel gemäß. Doch Piper möchte ja gerade das vermeiden, sie skizziert das Grundproblem sozialer Verhältnisse folgendermaßen: „Wenn alle zustimmen, bestimmten Regeln zu folgen, aber einer entscheidet, die Regeln zu brechen, um seinen Eigeninteressen zu folgen (der „Schwarzfahrer“), dann darf jeder andere auch so wählen.“ Zugegeben, Pipers Maximen sind so einfach, dass sie für alle auf den ersten Blick zugänglich und zustimmungsfähig erscheinen. Schließlich hat nicht jede Kants Kritik der praktischen Vernunft im Bücherregal, geschweige denn gelesen. Aber spätestens bei der praktischen Anwendung treten Komplikationen auf.

Der Clou in Kants und in Rawls‘ Theorie ist, dass alle Beteiligten und jede, die sich die Frage stellt, „Was soll ich tun?“ (Wie sollte ich mich verhalten, dass ein gerechtes Miteinander möglich ist?) durch einen bestimmten Prozess des Überlegens und Entscheidens hindurchmüssen. Was gerecht oder moralisch ist, kann nur etwas sein, das auf eine bestimmte Art und Weise generiert wurde und dadurch die Form einer allgemeinen Aussage annimmt. Pipers Werk unterschlägt diesen Aspekt. Wir werden nicht dazu aufgefordert, selbst darüber nachzudenken, welche Regeln wir als sinnvoll und gültig ansehen. Wohlwollend könnte man behaupten, die Auswahlsituation zwischen den drei Regeln fordert zumindest ein paar Sekunden Bedenkzeit. Vielleicht ist es nicht Pipers Anspruch, eine Theorie der Moral aufzustellen, aber ihre Motivation (und ihr philosophischer Hintergrund), das Problem, dass manche sich eben nicht an die Regeln halten, ist doch entweder Ausdruck von der unzureichenden bindenden Kraft der moralischen Regeln (einem mangelhaften Zustimmungspotenzial) oder von der Willensschwäche einzelner Menschen. Um beiden Fällen zu begegnen, geht es im kantischen Sinne darum, Regeln zu finden, die ausreichend normative Kraft besitzen. Und das erfordert Reflexion und gesellschaftlichen Diskurs.

Warum hat Piper nicht eine Wand frei gelassen, an der jede selbst eine Maxime vorschlagen könnte? Oder man müsste sich im Vertrag auch dazu verpflichten, zu einem Treffen zu erscheinen, bei dem alle Beteiligten zusammenkommen und über die moralischen Regeln diskutieren. Das wäre eine überzeugendere Umsetzung der ethischen Vorbilder gewesen und es hätte vom Rezipienten mehr abverlangt, als nur seine Unterschrift zu geben, die heutzutage alles andere als verbindliche Kraft oder normativen Druck aufbaut. Schließlich schenken wir jeden Tag den unmoralischsten Akteuren dieser Welt all unsere personenbezogenen Daten.


Adrian Piper. The Probable Trust Registry: The Rules of the Game #1-3

24.02.2017 bis 03.09.2017
Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin

Interview mit Adrian Piper

Titelbild: © Adrian Piper Research Archive (APRA) Foundation Berlin,

Foto: Thomas Bruns

Tides from Nebula – Sternennebel im Urban Spree

Polens Nummer 1 in Sachen Post-Rock lockte die Berliner ins Urban Spree und zeigte was sie kann. Aber auch, woran es fehlt.


Tides from Nebula, Urban Spree, 17. Mai 2017

Obgleich die Sonne sich endlich auch auf den Sommer eingelassen zu haben schien, war eine ganze Menge Menschen in der letzten Woche gern bereit, den lauen Berliner Abend noch etwas warten zu lassen und sich ins dunkle Urban Spree zu verkriechen, um dort den melodischen, teils melancholischen Klängen der polnischen Post-Rock-Helden Tides from Nebula zu lauschen.

So ziemlich genau vor einem Jahr präsentierte das Quartett aus Warschau – damals leider als Trio – auf dem RAW-Gelände sein viertes Album, Safehaven, welches in kompletter Eigenregie aufgenommen werden konnte, weil im band-eigenen Studio. Thisquietarmy hatte das Publikum letztes Jahr auf eher experimentelle Weise eingestimmt, dieses Mal hatten Tides from Nebula den ganzen Abend für sich allein; so gab es am Ende sogar zwei Zugaben! Und das Konzert war dann auch wie das „neue“ Album: Solide, ohne viel Klimbim, keine lange Stimmen-Samples oder atmosphärische Pausen. Das Publikum hörte gespannt zu und wurde weder von großen Licht-Effekten (wobei es schon ein bisschen Blinken und Glitzern gab), noch von langen Ansagen abgelenkt. Stand überhaupt ein Micro auf der Bühne?

Dafür gab es viele eingängige und schöne Melodien, denen Keyboard und Gitarre ihre prominenten Rollen zu verdanken hatten und die manchmal fast an maybeshewill erinnerten. Was nicht heißen soll, dass es den Songs an Druck oder sich steigernden „Gitarren-Ausbrüchen“ fehlte, doch macht die Band ihrem Namen alle Ehre. Bei Songs wie „Home“ hat man zwischenzeitlich eher den Eindruck verträumt durch einen nebligen Wald zu gehen und schließlich in den schwarzen Nachthimmel zu blicken – düster-ish, aber voller funkelnder Sterne –, als in ein schönes Gewitter. „We are the mirror“ hingegen vereint dann, nach guter alter Post-Rock-Manier atmosphärische Ruhe-Phasen, mit Chaos und Gitarren-Loops. Simple Melodien steigern sich in den Songs zu einem musikalischen Höhepunkt, zu aggressiven Klanglandschaften, in denen der Zuhörer einfach nur noch dabei ist und nirgends anders, so wie Fans des Genres es gewöhnt sein mögen.

Quelle: YouTube

Und da liegt dann auch der Knackpunkt, sofern es denn einen gibt. Tides from Nebula machen die Musik, die von einer europäischen Post-Rock-Band heute erwartet wird. Dies machen sie auch wirklich gut, sowohl live als auch bei Aufnahmen legen sie höchsten Wert auf die Soundqualität. Das Einzige, was man bei ihnen aber wohl nicht finden wird, sind schwierige, unzugängliche oder auch andersartige, innovative Parts. Nicht umsonst wurde „Safehaven“ 2016 auf Platz 10 der besten Post-Rock-Veröffentlichungen des Jahres gewählt und eine Tour reiht sich an die nächste, wobei die Reichweite sich von Polen auf Europa und die Welt ausgeweitet hat. Läuft bei denen.

Tides from Nebula sind aber auch im wahrsten Sinne des Wortes eine Live-Band. Nicht nur, dass sie es irgendwie schaffen über die Musik (oder auch das Spielen im Zuschauer-Raum) aus Publikum und Band eine vereinte Menschenmenge zu machen, die Zuhörer also zu berühren, sie scheinen in den letzten Jahren auch nonstop auf der Bühne gestanden zu haben. Trotz der paar hundert Gigs, die sie mittlerweile auf dem Buckel haben, geht ihnen die Puste nicht aus. Sicherlich ist ihnen eine gewisse Routine anzumerken, dennoch bringen sie live eine Fülle von Emotionen und eine sehr positive Atmosphäre rüber. Der Song „Only with presence“ vom Vorgänger-Album „Eternal Movement“ ist sodann live mindestens so energiegeladen und unbeschwert-mitreißend wie man es vermuten würde, wenn man ihn mal „von Band“ gehört hat. Auch wenn die vier Polen onstage wie ernste Rocker scheinen, sind sie in Wirklichkeit äußerst freundliche, junge Menschen ohne jegliche Star-Allüren, die ihr Gepäck auch mal endlos durch die Nacht tragen und einem Bierchen mit Fans meist eher zugeneigt sind.

Also, solltet Ihr die Chance haben Tides from Nebula live zu sehen, tut es! Ihre Musik ist zum Tag- (und Nacht-)Träumen bestens geeignet und lohnt sich immer.

THE HAUS – Wilde Kunst. Bleib(t) wild.

The Haus Titel

Wie bringt man Kunst von der Straße, den Wänden der U-Bahnen und jeglichen anderen öffentlichen Flächen in ein Museum, ohne dass sie ihre Wirkung verliert. Gar nicht. Das tut man nicht, das ist zum Scheitern verurteilt. Und überhaupt, wer hat gesagt, dass das, was in den Augen vieler Passant*innen eher Vandalismus ist, nun Kunst heißen soll?


Der Reihe nach. Was wird da jetzt zur Kunst erklärt? Doch nicht etwa die Kritzeleien auf öffentlichen Toiletten und die Schmierereien an frisch gestrichenen Hauswänden? Nein, tatsächlich nicht. Doch Wände und Toiletten gibt es in THE HAUS Berlin und die sind definitiv Teil des Kunstraums. Aber nicht nur sie. Das gesamte, ehemalige Commerzbankgebäude an der Nürnberger Straße wurde zum Raum für Künstler*innen aus Berlin und dem Rest der Welt. Auf fünf Etagen und in über hundert Räumen zeigen aufstrebende und zum größten Teil noch unbekannte Kunstschaffende, was in etablierten Museen noch nicht zu sehen ist. Von mit unzähligen Klebestreifen mosaikartig zusammengesetzten Tiersilhouetten an den Wänden des Treppenhauses über minutiös gestaltete Fantasiewälder mit echtem Waldboden, die einzelne Räume zu kleinen Naturparks werden lassen, über schrill mit neonfarben besprühten Wänden, die comichaft Albtraumszenen zeigen, bietet THE HAUS eine Art Rundumschau urbaner, unabhängiger und unprätentiöser Kunst der Gegenwart.

Begeistern manche Räume vor allem durch Handwerk und Stimmung, weisen andere Arbeiten unbarmherzig auf politische Missstände hin. Und auch wenn viele der Künstlerinnen andere Ausdrucksweisen als das Besprühen von Wänden gewählt haben, lassen sich die Wurzeln der Sprayergemeinde erkennen. Mit dieser Kunst wird derdie Betrachter*in im öffentlichen Raum konfrontiert. Sie macht aufmerksam. Auf sich und auf die, die sie sehen. Sie will nicht gesucht werden, sie trifft. Sie will nicht interpretiert, sie will wahrgenommen werden.

Hierzu bietet THE HAUS aus drei Gründen den perfekten Rahmen. Zum ersten ist es ein Gebäude, das nie als Ort für Kunst geplant worden war – war es doch eins ein Bürogebäude. Zum zweiten haben die Veranstalterinnen dieses Projektes – sicherlich auch mit Hinblick auf die Urheberrechte der Künstlerinnen – ein Fotografierverbot verhängt. Und unabhängig davon, wie man zu Verboten dieser Art steht, stellt man fest, dass es einem zugutekommt, zu sehen, was man sieht. Unvermittelt und ohne Handydisplay dazwischen. Der Wunsch die Bilder, Installationen und Stimmungen an diesem Ort noch tiefer in sich aufzunehmen, wird schließlich noch vom dritten Grund, der für diesen Ort spricht, unterstützt.

Superbadboys

Es klingt paradox, aber das Ganze wirkt auch deshalb so stark, weil das Gebäude, an dessen Wänden die Kunst direkt aufgebracht ist, dieses Gebäude, das Teil der Kunstwerke und nicht nur ihre Herberge ist, am Ende des Monats dem Erdboden gleichgemacht werden wird. Und auch wenn die Tatsache schmerzt, dass sich all diese Werke bald in Bauschutt verwandeln werden, trägt dieses Wissen doch dazu bei, dass der Besuch von THE HAUS zu etwas Besonderem wird.

Dennoch bleibt die Frage, ob diese Kunst ins Museum gehört oder ob sie da, ähnlich einem aus der Wildnis entrissenen Tier im Zoo, letztlich verkümmern würde. Zum Betrachtetwerden verdammt – ohne Entstehen und Vergehen. So, und warum soll das jetzt überhaupt Kunst heißen? Weil es von Menschen für Menschen geschaffen wurde. Ohne den Hintergedanken direkter Verwertbarkeit, dafür mit dem Ziel, Menschen zu berühren. Und diese Berührung entsteht nicht zwangsläufig nur in bekannten, staatlich geförderten Museen, sondern auch und vielleicht sogar öfter an Orten, an denen Menschen einander im Alltag begegnen. Diese Begegnungen miteinander und mit der Kunst wird in THE HAUS, auch mithilfe der Künstler*innen möglich, die selbst durch die Ausstellung führen.

Kleine Warnung: Spontane Besuche in THE HAUS werden leider schwer, da der Abriss naht und daher die Besucher*innen-Schlange lang ist. Eintritt ist allerdings weiterhin frei.

Weitere Infos zu THE HAUS

Fotos: © thehaus.de / Pressebilder

The xx in Berlin. Karneval auf Berlinerisch

Nachdem The xx ihre Berliner Fans fast vier Jahre hatten warten lassen, traten sie am Samstag endlich in der fast 9.000 Menschen fassenden Arena Treptow auf.


Die anstehende Menschenmenge vor der Arena ließ eher ein Konzert einer Größe wie Lana del Rey vermuten und auch innerhalb der Halle konnte man sich den besonderen Flair einer Hipster-Massenveranstaltung schwer wegreden. The xx versammeln mit ihrem minimalistischen, und doch tiefgründigen Indie-Pop, der zum Gläschen Wein bei Kerzenschein genauso passend sein kann, wie zu dröhnenden Bässen im Club, nun mal eine ganze Menge verschiedener Menschen. Diese unterschiedlichen Seiten ihrer Musik präsentierten die drei Musiker*innen auf dem Konzert sodann beispielhaft. Während der Auftakt ihrer Welt-Tournee im November 2016 noch etwas schüchtern, fast unsicher wirkte und Gitarristin Romy Madley Croft und Bassist Oliver Sim dort nicht müde wurden, zu betonen wie sehr sie sich freuten endlich wieder auf der Bühne zu stehen, was man ihnen durchaus abnahm, war die Show in Berlin sehr viel dynamischer und ließ bald eine Club-Atmosphäre entstehen.

Gespielt wurden Songs vom neuen Album „I See You“ – welches glücklicherweise Florian Silbereisen von der Spitze der deutschen Album-Charts verdrängen konnte – aber ebenso ältere, düster anmutende Ohrwürmer. Jamie xx hatte genügend Raum auch seine Solo-Stücke einfließen zu lassen und so das Publikum durch immer krassere Bässe zum Tanzen zu bringen. An einem elegant transparenten DJ-Pult stehend bediente er die Drum-Computer, griff jedoch auch mal zum analogen Drumstick, um Becken und Trommel klingen zu lassen. Licht- und Bühneninstallation passten perfekt zur jeweiligen Stimmung der Lieder, die oftmals fast nahtlos und gekonnt ineinander übergingen. Mal erzeugten übergroße, sich drehende Spiegelwände eine fast bedrohlich-psychedelische Atmosphäre, dann tanzten bunte Neonlichter fröhlich mit den Zuschauern zu „On Hold“.

Quelle: YouTube

Die gefühlvollere Seite von The xx betonte Sängerin Romy mit Songs wie „Say something loving“ und während Oliver Sim kunstvoll bewies wie stylisch sich ein Bass spielen lässt, konnte sich der Zuschauer des Eindrucks nicht verwehren, dass die drei Musikerinnen – jeder für sich – gewachsen zu sein scheinen. Ob auseinander, zusammen oder wieder zusammen – es lässt sich nicht wirklich sagen. The xx haben sich entwickelt, verändert; das lässt sich nicht zuletzt auch an ihrem neuen Album hören, auf dem man die alte Melancholie von „Coexist“ oder „xx“ nicht so einfach wiederfindet. Ihre Musik ist eindeutig ihre Musik, aber vielleicht klingt sie live zudem einen Funken weniger unbeschwert, daran ändert auch das Konfetti, das Zuschauer im Gedenken an einen in Berlin nicht stattfindenden Karneval immer wieder in die beeindruckende Lichtshow warfen, nichts. Aber hieran ist ja auch nichts Verwerfliches, denn auch Künstler werden älter.

Insgesamt war es ein rundes, vielleicht etwas kurzes Konzert, das die Zuhörer sicherlich ein kleines Stückchen glücklicher in die Samstagnacht entließ und was kann man von einem Konzert schon mehr erwarten?