Schlagwort: Avantgarde

Im leeren Raum

Josins Albumdebüt In the Blank Space war ein schlecht bewahrtes Geheimnis, klingt fast schon nerdig stilisiert und ist ein krasser Downer. Wie großartig.


Auf diesen Moment hatte Josin sich gut vorbereitet. Dass sie Klavier, Produktion, Synthesizer und Singen ganz gut beherrscht, kam ja inzwischen schon einige Jahre lang bei ihren Konzerten, auf EP- und Single-Veröffentlichungen durch. Nun erschien das überfällige Debütalbum der Perfektionistin, bei dem glücklicherweise eine goldene Regel greift: Wenn Perfektionist٭innen sich Zeit nehmen, lohnt sich das Warten. In the Blank Space heißt die Platte, die diesen Freitag beim Stockholmer Indie-Label Dumont Dumont sowie beim Londoner MVKA veröffentlicht wurde. Allein schon der Umstand, dass sie Josins Vielseitigkeit als Sängerin und Multiinstrumentalistin aufgreift und in einen künstlerisch geschlossenen Kontext setzt, macht es zu einem Album der Stunde.

Klassik und Ambient, Intuition und Diskurs

Josins sphärisch-stilisierte Musik klingt völlig eigen und intuitiv, was ja bekanntlich das Gegenteil von diskursiv ist. Dabei greift sie einen experimentellen Ansatz auf, nämlich Ambient Sounds und klassisches Klavierspiel zu verbinden, der in den letzten Jahren schon von mehreren zeitgenössischen Pianist٭innen, zum Beispiel Federico Albanese und Midori Hirano, aufgegriffen wurde. Diese Melange aus klarem Klavier und tragenden Electro Sounds entwickelt sich in Josins Musik weiter, zum einen offensichtlich, weil er von eindringlichem opernhaften Gesang getragen wird. Zum anderen, weil sich von Song zu Song der Fokus zwischen den drei Elementen verschiebt und keinen so klaren Ausgangspunkt hat wie die Kunst der anderen Musiker٭innen. In den Fokusverschiebungen, die auch Genregrenzen schlicht ignoriert, deutet sich die Komplexität ihrer anspruchsvollen Kompositionen an, die in Wahrheit noch viel weitergetrieben wird.

Quelle: YouTube

Josins depressiver Mikrokosmos

In der insgesamt 40-minütigen Laufzeit von In the Blank Space wird der gesamte Mikrokosmos deutlich, den Josins Musik einnimmt. Mal introvertiert zusammengezogen, mal dramatisch entfaltet, erkundet das Album musikalisch viele Wege, um Unruhe zu erzeugen. Teils treiben, wie bei Healing, subtile Beats die Songs voran, teils bringt Josin mit dem Klavier allein eine innere Unruhe in ihre Musik, wie bei Once Apart (der übrigens ein bisschen an Rufus Wainwrights The Art Teacher erinnert). Bedrückende Texte tun ihr übriges. Auch wenn Josin bei Instagram und Facebook zeigt, dass sie Humor hat und noch nicht ganz an der Welt verzweifelt sein kann, ist ihr Album ein krasser Downer. Und die albumtitelgebende Leere fällt angespannt aus, weil sie stilisiert, weil sie künstlich ist, wie eine eingeredete Freiheit oder eine unter hohem Aufwand hergestellte Ruhe.

Ein insgesamt nicht mehr als melancholisch, sondern schon depressiv anmutender Gesamteindruck, zeigt facettenreich auf, was eigentlich alles geht, wenn man ein bisschen mehr kann als die anderen. Das Album begibt sich in die beste Gesellschaft mit anderen depressiven Künstler٭innen, die nicht viel auf Genres, dafür durch enormen Aufwand auf eine maximale Entfaltung intimer Kompositionen geben. Zum Beispiel Sóley und Hundreds, die Josin ja sogar schon bei Konzerten supportet hat. Andere Beispiele wären vielleicht Sufjan Stevens oder Thom Yorke, die sie allerdings bisher nicht supportet hat.

Einziger Wermutstropfen des Albums: Wer sich schon vor dem Release mit Josins Veröffentlichungen beschäftigt hat, erlebt wenig Neues. Zwar bietet der Albumkontext einen kunstvollen Rahmen, der viele Kreise schließt, doch bisher unveröffentlicht waren eigentlich nur zwei der Songs. Dass Josin die anderen sieben Kompositionen bereits social-media-freundlich entweder in EP-Form, als Singles oder Remixes zur Verfügung gestellt hatte, ist ja eigentlich dankbar, macht In the Blank Space aber im Nachhinein zu einem schlecht bewahrten Geheimnis. Anhören sollte man es sich dennoch.

Josins In The Blank Space erschien am 25. Januar 2019 bei Dumont Dumont und MVKA.

Titelbild: © Dumont Dumont

Seltsam einnehmend intim. Hundreds in der Passionskirche

Stell dir vor, in Kreuzberg strömen die Menschen sonntags zu Hunderten in eine Kirche. Hören andächtig zu. Und werden noch nicht mal enttäuscht. Im Gegenteil.


Berlin, 3.12.2017

Gar nicht so leicht, ein gutes Konzert in einer Kirche zu spielen. Gerade die Passionskirche im Bergmannkiez mit ihrem endlosem Hall macht es ihrem Publikum schwer, sich auf die immer häufiger dort stattfindenden Konzerte zu konzentrieren. Sóleys Show im letzten Jahr litt unter dem Sound. Und auch Joco, die dankbarerweise die Hundreds-Tour als Support begleiteten, wirkten gegenüber ihrem voluminösen Albumsound ungekannt dünn. Wie man einem solchen Saal aber wirklich gerecht werden kann, stellten Hundreds, der ewige Geheimtipp, noch am selben Abend ein für allemal unter Beweis.

Auf wundersame Weise gelingt es Hundreds ja schon seit ein paar Jahren, mit einer Musik zu begeistern, die anmutig und verschroben zugleich ist und die sie immer wieder weiterentwickeln. Aus Liebe zum Perfektionismus eignen sie sich allerhöchstens Kleinstteile aus verschiedenen Stilen an, um daraus nur wieder ihren eigenen Sound neu zu entdecken. Gesampelter Gesang, Ambient- oder Dubstep-Elemente können bei einzelnen Songs zentrale Rollen spielen oder ein ganzes Album lang gar nicht auftreten. Was alles durchdringt, sind musikalische Virtuosität, die sich durch Harmonievielfalt, kalkulierte Dissonanzen und kontrolliert arhythmische Elemente auszeichnet, und ein brillianter Gesang, der imposant und melancholisch seinen Weg hindurch findet. Immer wieder ziehen sich die Songs auf Klavier und Gesang zurück in eine gitarrenlose Leere, die dem Ganzen etwas Intimes und Einzigartiges verleiht.

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::: danke, Berlin. Pic @kleinertorso <3

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Quelle: Instagram

Auf der gerade beendeten Elektro Akustik Tour, die sie auch in die Elbphilharmonie führte, riefen Hundreds nicht einfach ihre Veröffentlichungen ab, sondern präsentierten erhebliche Weiterentwicklungen der Arrangements. Und spiegelten teils ihre Songs gar in völlig veränderten Versionen. Aus dem einst vergleichsweise leichten Happy Virus wird eine düster aufgeladene, abstrakte Klavierballade. Andere Songs werden mit Elementen des Krautrocks, analogen Synthies und maschinellen Beats, aufgeblasen. Gerade das Spiel zwischen Bekanntem und Neuem erzeugt hier eine Grundspannung, die das Konzert über anhalten sollte. Abgerundet wurde der Berliner Hundreds-Auftritt von einer Kammerchor-Version mit Joco und Missincat des Songs Flume von Bon Iver, einer ähnlich kompromisslosen Band, die in den letzten Jahren gezeigt hat, wie weit sich ein komplett eigentümlicher Sound entwickeln kann. Und schon hat man vier wichtige Vertreter einer jungen Independent-Avantgarde in einem Satz erwähnt. Nicht nur wirkten die von Hundreds präsentierten Versionen, als seien die Songs bloß dafür komponiert worden. Die Passionskirche verräumlichte diese auf denkbar imposante Weise.

Und plötzlich ergab alles Sinn: Alle Formen, die die Songs bisher angenommen hatten, mussten zwangsläufig auf die neuen Fassungen hinauslaufen. Die ganzen Alben und EPs waren nur eine Vorbereitung des Berliner Konzerts. Die gesamte Musikgeschichte von Klassik bis Kraut dient bloß als begrifflicher Kontext für diesen Abend. Und die Passionskirche kann nur zu dem einen Zweck errichtet worden sein, sich von Hundreds einnehmen zu lassen. Das mit den Erscheinungen mag nun so ein Kirchending sein. Dennoch habe ich lange kein so einnehmendes und lang nachwirkendes Konzert besucht.

Beitragsbild: © Lars Kaempf

Irritat-451 mit Augäpfelgelee – ein Interview mit Zeha Schröder

1968 wird C(hristoph) H(enrik) Schröder in Wuppertal geboren, 1987 schlägt er die Familienlaufbahn als Bandwirker und Gummiumspinner aus und inszeniert mit 19 Jahren erstmals am Stadttheater seiner Heimatstadt. Ab 1989 Studium von Musikwissenschaft, Philosophie, Kunstgeschichte, Altgriechisch. Nach bundesweiter Arbeit als freischaffender Regisseur gründet er 1999 mit F(reuynde) + G(aesdte) eines der wenigen „reinrassigen“ Location-Theater Deutschlands. 2012 erhält er mit F + G einen Innovationspreis der bundeseigenen Stiftung „Land der Ideen“. 2013 präsentiert er zu Büchners 200. Geburtstag dessen Gesamtwerk. Er lebt in einem Steinhaus an der Ems und einem Holzhaus am Polarkreis. Und außerdem in diesem Irritat-451 von einem Interview.

Die Fragen stellt Daniel Ableev.


Für 2014 steht ja Kafkas Verwandlung auf dem „F + G“-Programm. Glaubst du, das ist ein guter Aufhänger für ein Gespräch über das Experimentelle in der Kunst?

 

Schwer zu sagen. Kafka selber ist sicher in mancher Hinsicht ein Experimenteller. Speziell bei der Verwandlung bleibt mir die Spucke weg, wie er groteske Phantastik und Familiendrama und schwarzen Humor miteinander verquirlt. Das ist in Sachen Style schon ziemlich „niedagewesen“. Aber was mache ich als Regisseur daraus? Wo ist die Balance zwischen Respekt vor dem Text und dem eigenen, neuen, letztlich respektlosen Kniff? – Wir sprechen uns nach der Premiere! …

Wie viel Experimentalitätshunger hattest du, als du F + G gründetest, abgesehen von dem Grundkonzept „Theater an ungewöhnlichen Orten“?

Genau 6417 Gramm bei Geburt des Theaters … Also, puh, ich  mein, wie soll man das quantifizieren? Es war definitiv so, dass ich Sachen radikal anders machen wollte, als ich es vorher als freischaffender Regisseur bei anderen Ensembles erlebt hatte. Aber das bezog sich größtenteils auf Organisationsstrukturen, Teamwork und so. Klar, solche Locations wie ein Burgturm, eine Kneipe oder eine Seebühne, die wir ja ganz anders „bespielen“ müssen als einen normalen Bühnenraum, die haben per se immer viel Experimentelles und vor allem Unwägbarkeiten mit reingebracht. Aber rein künstlerisch wollten wir nicht das Theaterrad neu erfinden. Mir kommt das immer etwas suspekt vor, wenn Künstler sagen: in all den Tausenden Jahren abendländischer Kultur hat’s das noch nie gegeben, was ich hier vorhabe! Ich definier das Experimentelle lieber umgekehrt: wir gehen mal los ins Unbekannte und gucken, was wir da finden. Wenn es komplett neu ist: klasse. Wenn es mich zu eher „konventionellen“ Inszenierungslösungen bringt: auch in Ordnung. Wichtig ist, dass es gut ist und passend – nicht um jeden Preis neu und unerhört.

Völlig einleuchtend. Dennoch: Was war aus deiner Sicht das (inszenatorisch/inhaltlich, oder auch logistisch) Kühnste, was ihr bis dato gemacht habt?

Darf ich drei aus 52 nennen? Logistisch: eine schräge Musicalinszenierung im Freilichtmuseum, bei der die Handlung sich ständig verzweigte und die parallelen Handlungsstränge nach 5 oder 7 Minuten wieder sekundengenau aufeinander treffen mussten. Ästhetisch: eine Moby-Dick-Version, bei der wir im Innenraum einer denkmalgeschützten Kirche ein 2000-Liter-Bassin mit Milchwasser gefüllt haben, das durch einen Glasboden von unten elektrisch beleuchtet wurde. (Jeder Elektriker wäre ausgerastet.) Inhaltlich: eine Stückrecherche auf den Spuren des Tunguska-Events, wo wir 2009 mit vier sibirischen Trappern eine Woche lang knietief durch die Sümpfe gestapft sind auf der Suche nach nem abstürzten UFO. Na ja, oder nach sonst irgendwelchen mysteriösen Funden. Und ich hab sogar was Spektakuläres entdeckt, aber das hab ich erst zuhause kapiert.

Was ich dich unbedingt mal fragen wollte: Hast du in Tunguska eigentlich irgendwas Spektakuläres entdecken können?

Hahaha! … Ja. Aber das hab ich erst zuhause kapiert. – Du willst nicht zufällig wissen, was …?

Ich bin zwar nicht so der Fan von revolutionären Entdeckungen, Paradigmenwechseln und dergleichen, aber wenns unbedingt sein muss … Oder um es mit den Worten meines unironischen Ichs zu sagen: VERRAT ES SOFORT!!!

Nee, lieber nicht. Pause. Na gut, ausnahmsweise. Lange Pause. Aber es ist ein Geheimnis!! – Also, ich muss ein bisschen ausholen: Im Vorfeld unserer Recherche hatten wir damals Gerüchte gelesen, dass seit dem Tunguska-Event von 1908 irgendwas mit dem Magnetfeld in der Region nicht ganz richtig tickt. Die Rede war von drehenden Kompassnadeln, stehenbleibenden Quarzuhren usw. Als wir unsere Trapper darauf ansprachen, die ja zum Teil schon seit Jahrzehnten da durch die Wälder streifen, hieß es: „Alles Quatsch und Legendenbildung, nie was Außergewöhnliches bemerkt.“ Okay, gut so weit. Wieder zuhause in Deutschland, hab ich ein zerbrochenes Fahrtenmesser auf einen Tisch gelegt, das ich da im Wald gefunden hatte und das bestimmt ein paar Jahre da rumgelegen hatte, bevor es in meine Tasche gewandert ist. Auf dem Tisch lag fünf Zentimeter weiter eine kleine Metallfeder, so ähnlich wie die Federn in Kugelschreibern. Und das Ding ist regelrecht zum Messer rüber gesprungen und hat sich an die Klinge geklebt. Das Messer ist nach ein paar Jahren ruhigem Liegen in der Region zum Powermagneten mutiert. Cool, oder? Oder nicht? Ist das zu banal? Und was hat das mit experimenteller Kunst zu tun?

Nun, ist vielleicht kein unheimlicher Fall für die X-Akten, aber spannend und ein bisschen gruselig ist das schon – ich hatte so ein Erlebnis jedenfalls noch nicht. Experimentalität dürfte vielleicht in der Sprungkurve zu suchen sein, die die plötzlich angezogene Metallfeder hingelegt hat.

Interessant. Willst du damit andeuten, dass die Experimentalität eines Vorgangs durch seine Sprungkraft, also letztlich durch die Direktionskonstante bestimmt wird? Dann wäre nach dem Hooke’schen Gesetz die Direktionskonstante D, also die Experimentalität, definiert als Quotient aus der künstlerischen Kraft F und der Länge des Kunstwerks ΔL. Sprich: D gleich F durch Delta L. Das würde auch bedeuten: je mehr künstlerische Wucht sich auf je weniger Theaterminuten verteilt, desto experimenteller. Was wiederum eine schlüssige Erklärung dafür wäre, warum Hooke selber sich so in die Micrographia gestürzt hat: möglichst viel Art Power fokussiert auf ganz kleine Objekte. – War es das, was du damit sagen wolltest?

Eigentlich wollte ich darauf hinaus, dass es sich bei Peter Greenaway möglicherweise um einen sog. Rühlvogel handelt. Diesbezüglich zwei Fragen: Was ist für dich ein Rühlvogel? Und was macht Greenaway, der nicht nur zur Avantgarde, sondern auch zu deinen Favoriten zählt, in deinen Augen so besonders?

Also, dass Greenaway ein führender Rühlvogel sein soll, sogar Leiter der europäischen Sektion, das hab ich schon öfter gehört – halte ich aber für ein böses Gerücht. Ich mein, ich sehe da kaum Parallelen, außer eben, dass er sich wie ein Rühlvogel von Eklektizismen ernährt. Aber das tun wir beide ja auch, ohne welche zu sein. (Oder bist du etwa einer?) Was allerdings stimmt: er gehörte, neben Bausch und Ciulli, zu meinem persönlichen Dreigestirn – damals, als ich noch klein war, also Anfang der Neunziger. Ich hab ihn mal darauf angesprochen, dass er Linkshänder ist, genauso wie der Draughtsman im Kontrakt des Zeichners. Seine Antwort war: „Kein Wunder, das ist ja auch immer meine eigene Hand, die in den Naheinstellungen zu sehen ist.“ Und das wäre wohl auch meine Antwort auf deine Frage: das Spezielle an Greenaway oder genauer: das, was geblieben ist, obwohl ich mich von dem Tableaukino und Bildertheater des Dreigestirns inzwischen meilenweit entfernt habe – das ist seine persönliche Codierung. Viele Künstler gerade in den Darstellenden Künsten versuchen ja, allgemeinverständlich und globalwirksam zu sein. Das ganze System Hollywood baut darauf auf, und das funzt ja auch und hat seine Berechtigung. Aber dann gibt es die anderen: ein Greenaway-Film ist eine verschlüsselte Nachricht, und der Dechiffrierungscode, den niemand komplett kennt, das ist er selbst: der Künstler. Ich mag das, auch in der eigenen Arbeit. Ich finde das wichtiger als einen bestimmten konstanten Stil, also die sog. „künstlerische Handschrift“.

Ich komme mir hin und wieder auch wie ein Rühlvogel vor, ehrlich gesagt. Deine kunsttheoretischen Ausführungen finde ich interessant. Und schade, dass Greenaway nichts über das Schicksal von Prof. Klandestine Fallobst zu berichten wusste. Ein hartes Versäumnis?

Na ja, einerseits andererseits. Ich meine, dafür hat er immerhin das Leben von Tulse Luper haarklein rekonstruiert. Also, der arme Mann kann sich ja nicht um alles kümmern! – Wusstest du übrigens, dass Luper mit vollem Vornamen „Tulse Henry Purcell“ heißt? Immerhin DER Purcell, der mit seiner Frostgeistarie den Grundsound für Greenaways Koch, Dieb usw. geliefert hat. Und dessen Dido, geschrieben 1689 für ein ohlala Mädchengymnasium, gute dreihundert Jahre später meine allererste Operninszenierung war. So schließt sich der Kreis …

Du hast eine Oper inszeniert?! Und was war eigentlich das anspruchsvoll zu timende Musical, von dem du vor ein paar Fragen gesprochen hast?

Ähm, ja. Nein. Drei Opern. Aber reden wir jetzt nicht zu viel über mich und zu wenig über das Experimentelle?

Du verlierst ein paar Worte über deine Operntätigkeit, und ich mache im Gegenzug einen auf Metawechsel und frage dich: Welchen konversationsdramaturgischen Move (oder Kniff, oder „Rühl“) sollte ich an dieser Stelle wagen, um unser Gespräch zu einem wahrhaft experimentellen Interview werden zu lassen?

Also gut, mit den Opern war das so — oh! ah! holy fu**! Puh, das war knapp, das hätte böse enden können. Sorry, ich war kurz abgelenkt, mir sind nach deiner Frage zwei Rentiere im Dunkeln fast auf die Motorhaube gesprungen, daraufhin hab ich mich spontan gegen Rentierfrikassee und auch gegen das entgegenkommende Auto entschieden und bin zwei Meter tief im Straßengraben gelandet, wo ich dann eine halbe Stunde im Schneesturm auf den Trecker warten musste, der mich da rausgezogen hat. DAS IST KEIN WITZ! Ähm … Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, die Opern. Also, Purcells Dido und Aeneas, das war wirklich experimentell, das hab ich mit Sprechschauspielern und ohne Sänger als eine Art Playbackoper inszeniert. Der Soundtrack lief die ganze Zeit durch, und die Darsteller haben dazu agiert, teils pantomimisch oder mit Taubstummenzeichen, teils auch sprechend. Die beiden anderen Opern waren Webers Freischütz und Rossinis Barbier von Sevilla als Hochschulprojekte mit Studenten der Berliner Universität der Künste (was damals noch die HdK war). Da bestand das Experimentelle eher darin, mit Sängern so zu arbeiten, dass sie aus der typischen Arienstatik mal rauskommen und sich natürlich bewegen und verhalten. Der Hauptdarsteller hat damals wochenlang gewettert, dass da so ein Sprechtheaterfuzzi seine Finger drin hat und dass das, was ich vorhabe, gar nicht klappen kann. (Wobei, bitte, ich hatte zumindest ein komplettes Musikwissenschaftsstudium auf dem Buckel.) Aber immerhin, nach der Premiere – und nach dem Applaus von 1.200 entzückten Leutchen – ist er zu mir gekommen und hat so was gesagt wie: „Okay, du hattest recht, hat doch geklappt.“ Das fand ich sehr sportlich von ihm … So. Und jetzt dein Move!

Ist es nicht ziemlich experimentell, wenn ein selbsternannter Seltsamkeitsforscher mit 32 Jahren zum ersten Mal Kafkas Verwandlung liest?

Denkst du dabei an jemand bestimmten? Und wie ist es dir beim Lesen ergangen?

Na ja, streng genommen hab ich noch nicht zu Ende gelesen … Aber ich behaupte mal, dass Herr Kafka die tolle Eigenschaft hat, einen psychologisch vielschichtigen und feinsinnigen, regelrecht dokumentarischen Surrealismus (vielleicht nicht ganz das richtige Wort) zu pflegen, dessen zwei Hauptpotentiale – zu verstören und zu berühren – zueinander in wechselseitiger Beziehung zu stehen scheinen. Apropos – warum fühlst du dich vom Genre der Mockumentary eigentlich so angezogen?

Huch – tu ich das?! Könnte sein. Denkst du an was Konkretes, abgesehen von der Verwandlung?

Ib blaube, bich entbinnen zu bönnen, dass du Zelig sehr mochtest und Fraktus sehen wolltest. Ich kenne bisher nur den ersteren. Schon mal daran gedacht, eine Pseudoku auf die Bühne zu bringen?

Na gut, ertappt; und die X-Files, meine Darlings, haben ja auch durchgängig was „Mockumentarisches“ … Also, dran gedacht schon, aber bisher ist der richtige Stoff noch nicht aufgetaucht. (Oder ich hatte Tomaten auf den Augen und hab ihn nicht erkannt.) Andererseits sind die echten Dokus, die ja rund zwei Drittel unseres Spielplans ausmachen, auch immer eine großartige Sache. Auf der Recherche für ein Stück durch die Sahara zu streifen oder auf den Äußeren Hebriden in umtosten Felsklippen zu hängen, macht ja auch nicht wenig Spaß!

Wie ist das bei dir? Würdest du sagen, dein Pinguinmädchen Alu ist eine Mockumentation? Vielleicht sogar eine autobiografische Mockumentation?

Autobiografisch, ja. Damals floss das Aluminium noch aus allen Öffnungen, so ähnlich wie das Spice in Dune. Aber das einst Erlebte ist endgültig zu Kunst erstarrt, so ähnlich wie der Masterstorch im Gebärmutterprisma. Damit wären wir auch schon beim Thema: Welche Synonyme für „experimentell“ fallen dir ein?

Uff. Deine Fragen, Kollege … Also, Word hat mir gerade „versuchsweise“ und „probeweise“ angeboten, aber auch „geprüft“ und „bestätigt“. Letzteres sehe ich radikal anders. Könnte „ungeprüft“ ein Synonym sein? Ich sag’s mal so: Mein Synonym für das Experimentelle wäre kein Wort, sondern ein Bild – die Taube auf dem Dach. So gesehen, sollte eh alle Kunst experimentell sein. Der Spatz in der Hand – das, was wir schon können, was „geprüft und bestätigt“ ist – das ist künstlerisch uninteressant. Wenn Yves Klein hundertmal dasselbe blaue Bild malt, dann bete ich für ihn, dass er dabei immer noch nen neuen Dreh hat. Also entweder in jedem einzelnen Gemälde nen neuen Strich. Oder von mir aus besteht das Experiment auch in der Serie, im steten Tropfen, im Versuch, hundertmal exakt denselben Strich zu ziehen. Aber wenn nur das erste Blaubild ein Experiment war und der Rest fürs Konto: dann kommt er ins Künstlerfegefeuer und der Fitzliputzli zwingt ihn, viertausend Jahre lang gelbe Bilder zu machen. Selbst schuld!!

Aber wenn gerade jene von dir mit Vorsicht bis Abscheu „genossenen“ epigonalen Geometrien den Kern des Künstlerisch-Experimentellen bilden, was dann? Oder ist der Gedanke, Stumpfsinn zur neuen Originalität zu erklären, zu fies (oder gar viehisch)?

Nun ja … – ja.

Und wie doof (oder gar bestialisch) würdest du mich finden, wenn ich dich darum bäte, Argumente dafür zusammenzutragen, warum Musik/Tonkunst nichts weiter als primitive Scheiße ist? Immerhin sind das bloß Schallwellen, die unsere beknackten Innenorgane kitzeln und unseren beschissenen Hirnchen irgendwelche erlesenen Feinheiten suggerieren usw.

Ist das ein FSK18-Interview?!? Hoffentlich. Falls ja: Das schweinische Kitzeln aller möglichen inneren Organe ist ja an sich schon ein Wert, ob nun Prommelfell oder Trostata. Erst recht, wenn Musik im Spiel ist. – Oh, und jetzt, wo ich sowieso im Fettnapf steh, lass uns über Peinlichkeit sprechen. Peinlichkeit und Experimentalität wohnen ja eh quasi Wand an Wand … Einer meiner peinlichsten musikalischen Momente war der, als ich mit, weiß gar nicht, 16 oder 17 Jahren in München in der Philharmonie gesessen und relativ viel Unruhe generiert hab, weil mich Celibidaches Dirigat von Bruckners Vierter in eine, ähm, peinlich, mehr oder minder konvulsivische Trance versetzt hat. Da saß also dieser langhaarige leptosome Teen im ersten Rang, zuckend und japsend und mit geschlossenen Augen, und drumherum eine Schar von wohlbetuchten bajuwarischen Konzertabonnenten, die sich von mir gelinde gesagt auf die Füße gepisst fühlten wie weiland Henry Hathaway von John Wayne. Und ich? Hab davon nix mitgekriegt, ich war wirklich in einer anderen Welt, in Brucknistan oder was weiß ich. Komplett weggebeamt. Das und nichts anderes ist Musik: die größte Macht der fühlenden menschlichen Welt. Ich kann über Tonfolgen ins Heulen kommen, buchstäblich, keine Metapher. Ich mach nur deshalb ersatzweise Theater, weil ich so ein elend dilettantischer Musiker bin. Wenn ich deine Instrumentbeherrschung hätte, würdest du keine einzige Inszenierung von mir sehen können. Ergo: Prostata, Bruckner, Heulkrampf – genug Argumente?

Dein leidenschaftliches Plädoyer für jenes Phänomen, das ich soeben für überbewertet erklären wollte, lässt mich augenblicklich verstummen. Doch will ich als starker Vertreter der Denkschule der Psychopathischen Skepsis anmerken, dass ich – von informationellem Flüsterschwachsinn umgeben – nichts unhinterfragt lassen will, daher die Frage: Hatte dein Bruder schon mal Sex mit Außerirdischen?

Nun ja … – nein.

An dieser Stelle sei ein Intermezzo zwecks Sagung von „dass dieses unser Gespräch erdenklich positiv ist“ erlaubt: Es ist erhellend, ergiebig, erstaunlich, erogen, erheiternd, erratisch, erfreulich, und natürlich – erdogan. Daher wäre es erwünschenswert, wenn es noch möglichst lange währen würde. Übrigens waren mir vorhin die beiden Wörter „Celibidaches“ und „Dirigat“ nicht geläufig, sodass ich im ersten Moment annahm, es handle sich bei den beiden um Namen eines fremdländischen Musikers, immerhin reimt sich Dirigat auf Montserrat. Erst das genauere Hinsehen gab mir die Erkenntnis, dass „Dirigat“ von „dirigieren“ kommt, analog zu Eregat/erigieren, Manipulat/manipulieren oder Systemat/systematisieren. Thymian.

Oh pardon. Ich wollte dich mit meinem Irritat nicht irritieren. Apropos, wusstest du übrigens, dass es sich bei den Irritieren um die verstörendsten Kreaturen des Universums handelt? Das männliche Irritier erreicht nur ein Vierhundertstel von der Größe des Weibchens, ist aber dabei zwölf Mal so schwer. Seine graphithaltigen Borsten werden auf manchen Planeten geerntet und als Bleistifte verwendet, und das Augäpfelgelee ist eine Delikatesse, die nur Halbgöttern und jungfräulichen Königinnen vorbehalten ist. Sowie Theaterregisseuren, natürlich.

Es ist ja so, dass heutzutage jegliche Kunst (darunter auch die Irritiere) in binärer, digitaler Form (Brits 8 Brytes) vorliegt. Empfindest du es nicht auch als eine extrem unökonomische Masche, dass beispielsweise eine mp3 erst in Elektrizität umgewandelt wird, dann über den Lautsprecher oder Kopfhörer in Schall, dann zurück in Elektrizität und schließlich in ein gehirnfähiges, im Folgenden provisorisch als *.geh bezeichnetes Informat? Könnte man nicht diese ganzen „Mittelsmänner“ umgehen, indem man jegliche der oben beschriebenen Umwandlungen für obsolet erklärt? Ist es nicht ein legitimer menschlicher Wunsch, alles Wiss- und Erfahrbare, also egal ob Star Wars oder das Preisschild an einem neuen Mountainbike bei Fahrrad Franz, zu uniformieren, um anschließend diesen ultramassiven Entropiebrei über irgendeine Form von Schlauchapparat zu internalisieren? Eins sein mit der Existenz und all ihren …?

Sehr interessante Frage, großartige Frage. Deine Fragen werden immer besser, sie erreichen allmählich die kritische Temperatur von Irritat 451. Insbesondere die letzte Rückumwandlung von Ohrschall in Hirnstrom hatte ich erfolgreich verdrängt. Und wir kennen das ja aus der Wechselstube: Wenn du Drachmen in Pesos in Drachmen in Pesos in Drachmen wechselst – dann sind wegen der Wechselgebühren hinterher keine Drachmen mehr übrig, siehe Griechenland. Fortgesetztes Hin- und Hertransformieren von Hertz in Watt hätte also letztinstanzlich entweder totale Stille oder totale Debilität zur Folge. Kein Schall mehr. Oder aber kein Hirnstrom. Lieber intelligent im ewigen Silentium oder hirntot im Klangparadies? Ich wähle Tor zwei. Was war nochmal deine Frage?

Wollt ihr das Totale Hirntot?! Eigentlich hätte ich hier 3 Experimentalnüsse in petto, die ich dir zum Knacken anbieten möchte, damit du sagst, was deiner Meinung nach drin ist: Nuss 1: „Menschelnde Würmer“, Nuss 2: „1 Kilo Zucht“ & Nuss 3: „Umbro ist ein idiotisches Wort, das einem wohl einfällt, wenn man zu wenig geschlafen hat und überarbeitet ist …“. Und wenn du vorhin auf die Frage „Hatte dein Bruder schon mal Sex mit Außerirdischen?“ mit „Ich habe keinen Bruder geantwortet hättest“ … öhm, ich meinte: „Ich habe keinen Bruder.“ geantwortet hättest, dann hätte ich „Also ja.“ entgegnet, um damit einen unaussprechlich grotesken Akt anzudeuten, der mit dem Verschwinden bzw. Niegewesensein eines Menschen/Kindes in unmittelbarem Zusammenhang steht.

Na gut. Diesmal wähle ich Nuss Drei. Das Problem beim Umbro wie generell bei jedem schlötbaren Neologismus ist ja, dass er sich im Moment der Niederschrift bereits in ein Hapaxlegòmenon verwandelt, bzw. durch meine reziproke Reprise bereits in ein Bislegòmenon. Er geht gewissermaßen vom Labor direkt in den Bestand, zumindest ins Archiv, er existiert aus eigenem Recht. Die Schöpfung negiert mithin den Schöpfer, da geht es dem Dichter nicht besser als dem Herrgott. Die einzige Möglichkeit, diesem kataklysmischen Verhältnis der Sprache zu ihrer Herkunft zu entkommen, bestünde darin, das eigene Heureka zu taggen wie Vespucci das neue Indien: Amerika. Dann würdest du aber keinen Umbro gebären (Trislegòmenon!), sondern allenfalls einen Ableff. Wäre das etwa besser als das Niegewesensein?

Dann frage ich mich, wie wohl ein selbstrefentielles Tagging aussehen würde, wenn ich einen Ableff entdecken würde? „Abafall“? Und wie sähe ein korrekter Metadatensatz für die Interviewfrage „Was hältst du als ‚Freier’ eigentlich von Stadttheatern?“ aus?

Letzteres ist eine so provokante wie tiefsinnige Frage. Offen gestanden, es ist wahrscheinlich die kühnste Interviewfrage, die mir als Freier, wie auch als Freiem, je gestellt wurde. Eine ehrliche Antwort darauf würde den Schlüssel liefern nicht nur zu meinem gesamten inszenatorischen Schaffen, sondern zum Verständnis experimenteller Kunst allgemein und auch des Universums. Umso bedauerlicher, dass ich dieses zugegeben erdogane Tastaturtelefonat nun umgehend beenden muss. Einerseits wegen der ridikulösen, ja nachgerade (stadt-)theatralischen Ferngesprächstarife, andernteils auch aufgrund der Tatsache, dass das Essen fertig ist. Der Theoretisch ist schon gedeckt, was wiederum sehr praktisch ist. Es gibt gesottenen Ableff und Augäpfelgelee vom männlichen (!) Irritier: exquisit lecker, wenn auch sehr schwer im Magen liegend. – Abschließend kannst du mich aber gern noch fragen, ob ich dir verrate, was ein experimentell kalauernder Gesprächspartner am Ende des Telefonats tut.

Wie, das solls gewesen sein? Dabei hatte ich doch noch so viele Fragen an dich: Was ist deine wildeste und möglicherweise geheimste (Theater-)Vision, die du eines Tages zu realisieren hoffst? Verrätst du mir, was ein experimentell kalauernder Gesprächspartner am Ende des Telefonats tut – nen Platten auflegen? Was ist das experimentellste Stück Kunst, das du je gesehen hast und gut fandest?

Okay, okay, diese drei noch. Meine wildeste Theatervision: längst geschehen, ich hab doch schon hundert Inszenierungen aufm Buckel. Das experimentellste Stück (Theater-)Kunst: Oscar Wildes Salome als Berliner Puppentheater mit Müllobjekten, extrem weird! Und was war nochmal die dritte Frage? Na komm, sei nicht so!

Danke dir, lieber Zeha, für dieses amüsante Gespräch, das zwischen Tief- und Unsinn tunnelt wie ein experimenteller Thunfisch.

Wie, und die Antwort interessiert dich nicht???????????????????????????

DOCH!

Ja dann, anders klappt es leider nicht, frag mich nochmal, ob ich dir verrate —

Verrätst du mir, was ein experimentell kalauernder Gesprächspartner am Ende des Telefonats tut?

tut, tut, tut, tut, tut, tut, tut …

A B C D E F G H I J ……………….

(Fühlst du, wie das „K“ lauert?!)

;oP

Level: next shit

Gibt es die Musik von morgen? Meine zeitreisenden Gedanken versuchen Antworten zu finden, die sowieso noch keiner kennen kann.


Als neulich in der Tagesschau ein Bericht zu den MTV Video Music Awards kam, habe ich mich leicht erschrocken. Music Television – die Marke schwebt als mediales Kulturfossil lebendig vor derer Augen, die es noch miterlebt haben, stand es doch im Ursprung für das bahnbrechende Musikvideo, für das kollektive Erleben und Teilhaben an Popkultur… Und heute? Mir wurde plötzlich bewusst, dass sich nicht nur die Landschaft um die Charts in den letzten zehn Jahren merklich gewandelt hat, sondern überhaupt das Erleben und Konsumieren von Musik. Zufällig stolperte ich zur selben Zeit über einen Spex Artikel von Remo Bitzi aus dem Jahr 2013, in dem er über die Fusion von scheinbar nicht zusammenpassenden Musikstilen schrieb:

„Mit dem Eintreten des digitalen Zeitalters sind die Grenzen zwischen einzelnen Jugend- und Subkulturen zunehmend verschwommen. Musik allein dient weniger der Identifikation, sondern wird als weiterer Konsumgegenstand wahrgenommen.“

Musik als ein bloßes Konsumgut von vielen? Da bleibt nur zu hoffen, dass es weiterhin ein paar leidenschaftliche Hörer geben wird, die die kreative Arbeit von Musikern zu schätzen wissen. Mir kommen da so altbackene Begriffe wie „Avantgarde“ und „Nostalgie“ in den Sinn, die mehr oder weniger einen gewissen Anspruch an die Musik erheben. Sind sie eigentlich noch zeitgemäß? Kann man das Credo des Fortschritts überhaupt auf die Musik übertragen? Wozu und wohin avanciert Musik? Schließen sich Avantgarde und Nostalgie in der Musik eigentlich aus? Ich kann mir kaum vorstellen, dass eine Begrifflichkeit, ein Anspruch einfach so verschwindet, auch wenn sich das Verständnis von und unser Verhältnis zur Musik im letzten Jahrhundert ziemlich gewandelt hat. Wo ist also diese Avantgarde – kann es sein, dass ihre ehemalige Heimat Klassische Musik nun ihr endgültiges Exil geworden ist? Weil ich das irgendwie nicht glaube, habe ich ein wenig in meinem Musikfundus gewühlt und nach möglichen Anhaltspunkten gesucht…

Über Brücken und aus Ruinen

Vor acht Jahren feierte das Duo Deine Lakaien auf der Bühne zusammen mit der Neuen Philharmonie Frankfurt „20 years of Electronic Avantgarde“. Vor allem in der sogenannten Schwarzen Szene populär, bildeten Deine Lakaien jedoch schon immer eine kleine Ausnahme: bestehend aus Ernst Horn, der als Dirigent und Pianist aus der (klassischen) Neuen Musik stammt, und Alexander Veljanov, der seinerzeit in der entstehenden Gothic-Subkultur unterwegs war. Der furchtlose Brückenbau zwischen Klassik und Elektronik wirkt weniger wie eine Kombination als wie ein eigenständiges Konzept. Die Diskographie ist von elektronischen Sounds geprägt, die der Dark Wave entlehnt sind. Auf Konsole eher die Ausnahme, auf der Bühne inzwischen öfter praktiziert, ist die rein akustische Interpretation ausgewählter Lieder. Nur Gesang und ein zum Teil präpariertes Klavier (John Cage lässt grüßen!). Hört man sich ein bisschen in diese „Acoustic“-Eskapaden hinein, erkennt man, dass in „20 years of Electronic Avantgarde“ ein wenig mehr stecken muss als ein Orchester, das als hübsche Garnierung zum Jubiläum fungiert. Es war in dieser Live-Konstellation ein fester Bestandteil und kein „drübergegossener Klassiksirup à la Rock meets Classic“, wie Veljanov im Interview mit Whiskey Soda klarstellte. Wer sich ein eigenes Bild von einer Studioversion und seiner orchestralen Umsetzung machen möchte, kann das tun. Ich habe mal als Beispiel einen Lakaien-Klassiker herausgepickt:

(Quelle: Youtube)

Mit „20 years of Electronic Avantgarde“ haben sich Deine Lakaien wieder auf ihren Ursprung besinnt und elektronisch komponierte Sounds klassisch umgesetzt. Ein höchstinteressantes Verhältnis zwischen Avantgarde und Nostalgie… Der Bandname bezieht sich übrigens auf die Gruppe Einstürzende Neubauten, die ihrer Zeit nicht viel von Harmonien hielten – eher im Gegenteil.

Was steckt dahinter?

„And then I (…) started the cult experimental anarchy sort of terrorist Einsturzende Neubauten kinda band. (…) That’s the most important band I was in, still for me, some of the most important music I’ve done”, sagt Björk in einem Interview mit Evelyn McDonnell in Björk (orange press, 2002, S.86/88). Sie spricht hier von der isländischen Band K.U.K.L., die weniger populär war als The Sugarcubes, durch die Björk erst international bekannt wurde. Mittlerweile ist die Frau eine feste Größe in der Popwelt, die mit Künstlern diverser Disziplinen kooperiert. Das MoMA versuchte in diesem Jahr ihr bisheriges Werk in einer Retrospektive zusammenzufassen. Bis ins MoMA hat Madonna es nicht geschafft, wobei sie ihrer Zeit keine geringere Rolle gespielt hat. Als erste eigenständige weibliche Pop-Ikone behauptete sie sich in der männlich dominierten Unterhaltungsindustrie. Madonnas Erfolgsrezept des ständigen Imagewechsels hat bis heute Bestand – siehe Lady Gaga, Nicki Minaj, Miley Cyrus, etc. Die Maskerade macht auch einen wesentlichen Teil von Björks Arbeit aus, wobei sie bei weitem nicht die primäre mediale Aufmerksamkeit anstrebt wie es ihre eben genannten Kolleginnen tun. Ist das nicht die Avantgarde, die da verräterisch aus der Maskeraden-Parade blitzt? Ein Spiegel unserer Zeit? Oder ist es doch nur ein uraltes Bedürfnis nach gesehen werden und verstecken spielen? Klaus Biesenbach, der Björks Retrospektive im MoMA organisiert hat, schreibt folgendes:

„The symbol of the mask has been thematized throughout the ages. In the plays of antiquity, actors went on stage with a mask, thus simultaneously embodying a person and a persona, a living and a dead body. (…) As an artist, Björk has adopted many visually compelling personas. (…) But the mask is only one palpable, tangible embodiment of the idea of a character. Björk also created distinct, semi-fictitious characters to evoke and perform the author/actor/singer/protagonist/heroine/role of each album, channeling the creative energies of a musical period and galvanizing a mask to reflect the art and artist simultaneously.”

(Björk: Archives, 2015; Klaus Biesenbach’s introduction, S. 4)

Aus alt mach anders

Ich vermute ja, dass avantgardistische Musik heute nicht mehr denselben absolut bahnbrechenden Charakter haben kann wie es sich Kunst-Pioniere vor etwa sechzig Jahren ausgemalt haben. Zwölftonmusik. Anklagende und brutale Disharmonien. Neue Klänge und Beats. Das Aufbrechen der Grenze zwischen Hoch- und Popkultur – all das ist schon längst passiert. Das Vorkämpfertum musikalischer Innovationen ist genauso diffus geworden wie die Popkultur selbst (Kunst und Pop, wo ist der Wertunterschied?). Avantgarde findet ständig überall statt, wo doch das Crossover von Stilen und das Sampeln inzwischen an der Tagesordnung sind. Hat sie sich dadurch aber nicht selbst abgeschafft? Die Avantgarde schaut über Grenzen, während die Nostalgie anscheinend genau das Gegenteil tut. Heute würde eine Psychedelic Rock-Band zum Beispiel, die ihrem Genre strikt treu bleibt, nichts tun, außer ihr Genre zu reproduzieren – ein quasi in sich geschlossenes Soundsystem. Es geht nicht um das Experimentieren und was daraus entstehen kann, sondern um die Bewahrung eines Ideals. Auf der anderen Seite besitzt Nachahmung das Potenzial, Veränderungen hervorzubringen. Demzufolge könnten Nostalgie und Avantgarde sich doch auch wechselseitig beeinflussen! Ein potentialträchtiges Genre – wenn man es denn so nennen kann – mache ich in einer schummrigen, zwielichtigen Ecke aus, wo der Begriff der Avantgarde eigentlich gar nicht hinpasst: im Trash.

(Quelle: Youtube)

Natürlich ist Alexander Marcus eine Nummer für sich, weshalb er stark polarisiert. Das Unerträgliche sehen viele in der Künstlichkeit dieser Figur, aber ich finde gerade diesen Aspekt spannend. Er parodiert kein spezielles Genre oder eine spezielle Person und gibt damit niemanden außer sich selbst der Lächerlichkeit preis. Er greift lediglich Schlager-Klischees auf und treibt sie schamlos auf die Spitze. Alexander Marcus spielt nicht unbedingt vor 60.000 Menschen auf einmal, spricht dafür aber ein ziemlich breites Publikum an. Sinnfreie Lyrics kombiniert er mit Beats, die weniger an den billigen, unbeholfenen Schlagersound erinnern (den man in diesem Kontext eigentlich erwarten würde), sondern viel eher an Clubmusik der 80er und 90er. Alexander Marcus hat mit der Schöpfung des Genres „Electrolore“ schon einen kleinen avantgardistischen Beitrag geleistet, auch wenn die einzige Message Unterhaltung lautet. Was ja eigentlich total unavantgardistisch ist… Oder?