Schlagwort: Ausstellung

Lange Nacht der Museen in Berlin – 25.08.18

Am 25. August ist es wieder soweit: In der Langen Nacht der Museen öffnen über 80 Berliner Museen und Ausstellung ihre Pforten für nächtliche Besucher. Zu diesem Anlass gibt es über 800 Sonderführungen und Events. Wir durften in einem Social-Media-Preview schon einmal drei davon besuchen und erleben.


Fabelhafte Fossilien im Naturkundemuseum Berlin

Das Museum für Naturkunde Berlin ist berühmt für seine riesigen Dinosaurierskellette. Heute wissen wir so einiges über den Fleischfresser Tyrannosaurus Rex und den Langhals Brontosaurus, doch das war nicht immer so. Knochen- und Fossilienfunde wurden sehr lange mit Mythen und Sagen in Verbindung gebracht. So entstanden Vorstellungen von Wesen wie Zyklopen, Drachen und sogar Einhörnern!

Zur langen Nacht der Museen gibt es im Naturkundemuseum eine Sonderführung durch die Hauptsammlung fossiler Wirbeltiere, in der man nicht nur die Originalknochen der ausgestellten Dinos bestaunen kann, sondern auch allerlei unterhaltsame Sagen und Mythen erkundet.

Der schönste Hörsaal Berlins im Tieranatomischen Theater

Kennt ihr das Tieranatomische Theater? Nein? Dann wird es aber Zeit! Das 1790 erbaute Gebäude ist nämlich nicht nur eines der wertvollsten klassizistischen Bauwerke in Berlin (architektonisch bedeutsamer als das Brandenburger Tor!), sondern verfügt auch über den wohl schönsten Hörsaal Berlins. Der beeindruckende Kuppelbau diente früher als veterinärmedizinischer Lehrsaal, in dem den Studenten Anatomie an Tierkadavern studierten.

Heute betreibt die Humboldt-Universität das Tieranatomische Theater als Forschungs- und Ausstellungszentrum. Aktuell ist die Ausstellung „Verschwindende Vermächtnisse: Die Welt als Wald“ zu sehen.

Matcha-Teezeremonie in der Mori-Ogai-Gedenkstätte Berlin

Mori Ogai ist ein Schriftsteller, der in Japan zur Pflichtlektüre  in der Schule gehört. Bei uns ist er wohl nur Kennern bekannt. Eigentlich schade! Schließlich hat er lange Zeit in Berlin verbracht und war der erste Übersetzer des „Faust“ ins Japanische. Die Mori-Ogai-Gedenkstätte Berlin informiert über Leben und Werk des temporären Wahlberliners und wirft zudem einen Blick auf Japans rasanten Sprung in die Moderne, der sich im 19. Jahrhundert vollzog.

Ein ganz besonderes Highlight ist die Möglichkeit einer traditionellen Matcha-Teezeremonie beizuwohnen, die von einem ausgebildeten Teemeister vorgeführt wird.


Lange Nacht der Museen in Berlin

25.08.2018

Tickets und Informationen

Titelbild und Fotos: Martin Kulik

Wider der klassischen Ausstellungspraxis. Anni Albers im K20

In Düsseldorf läuft seit ein paar Tagen eine Ausstellung zum Werk Anni Albers‘. Die Ausstellung gibt einen umfassenden Eindruck in das Gesamtwerk der Bauhaus-Ikone. Sie offenbart aber auch einige Probleme, mit denen die Künstlerin ihr gesamtes Schaffen lang zu kämpfen hatte.

von Fabian Korner

Anni Albers (1899-1994) kann sicherlich als die ambitionierteste Bauhauslehrerin bezeichnet werden. In der Malerklasse nicht zugelassen, in die Textilklasse verbannt, wollte sie sich zunächst nicht so recht auf das Material (Stoff) einlassen, später sollte es ihr Schaffen bestimmen. Die Ausstellung im K20 zeigt mehr als 200 Werke, Originale sowie Archivaufnahmen, die Leihgaben von verschiedensten Museen und Archivorten sind. In Anni Albers verbinden sich zwei Elemente, die eine klare Kanonkritik darstellen: Zunächst ist sie eine Frau – und mit Frauen in der Kunst tut man(n) sich gerne einmal schwer.

Des Weiteren hat sie mit Textilien, mit Stoffen gearbeitet; einem Material, das bis heute keinen festen Platz in den Kunstakademien hat. Zu sehr ist Stoff – sei es in Form von Klamotten, Bettwäsche oder Teppichen – ­Teil unseres Alltags. Was Teil unseres Alltags ist, wird seltener als Kunstgegenstand wahrgenommen, da Gebrauch künstlerische Qualitäten schmälert. Genau diesem klassischen Verständnis wird sich, so scheint es nach der Ausstellungsbetrachtung, hier widersetzt. Dies geschieht nicht nur durch das Material, sondern auch durch den Umgang mit Formen und Farben. In ihrem frühen Werken ist Geometrie sehr präsent, spätere Überlegungen führen zu mehr Dynamik. Weder die Geometrie, noch die Dynamik in Form und der Art und Weise des Spinnens, können als Selbstzweck verstanden werden. Albers bricht die geometrischen Formen auf konstruktivistische Weise und versucht ein Moment von Bedeutung zu erschaffen.

Der gefühlte Widerstand

Spätestens an dieser Stelle angekommen, fragt man sich, ob das Ausstellungskonzept das Werk überhaupt adäquat wiedergibt oder ob hier Zugriffsarten verstellt werden. Wer schon in Ausstellungen konstruktivistischer Künstler oder Werke (Malewitsch, Kandinsky, Klee) war, der mag sich an das Gefühl erinnern, dass „irgendwas nicht so ganz passt“. Woher kommt dieser Eindruck?

Ausstellung „Anni Albers“ im K20, hier fotografiert von Achim Kukulies, © Kunstsammlung NRW.

Die Ausstellung im Düsseldorfer K20 ist einem klassischen Ausstellungskonzept nachempfunden. Es werden uns die Werke Anni Albers auf geniale Weise pompös vorgestellt – bzw. im ganz buchstäblichen Sinne: vor die Nase gestellt. Kleine Veränderungen, wie das Ablösen vom rein Bildnerischen, dahin, dass ein Gegenstand liegt, um sein räumliches Element zu illustrieren, sind nur kosmetische Gesten und verstellen den eigentlichen Widerspruch. An dieser Stelle sei, bei all der Kritik, gesagt, dass die Ausstellung wirklich gut komponiert ist. Es wurde uns eine Künstlerin präsentiert, die gerne hinter all den Männern versinkt und dazu ein Material, welches selten so begutachtet wird. Im Versuch, dies wie eine Ausstellung eines Otto Dicks, Rennbrand oder Kandinsky aussehen zu lassen, wird versucht, Hegemonie aufzubauen. Es ist eine Form, in der Hegemonie des Kunstbetriebes Frau und Textilien ebenfalls Raum zu geben. Der Versuch muss aber kläglich scheitern. Nicht weil – wie schon betont – das Anliegen oder die Ausstellungskomposition schlecht wäre, sondern weil das Werk nach einem anderen Zugriff verlangt.

Konstruktivismus als Ausgangspunkt

Der Grundgedanke einer konstruktivistischen Kunst ist nicht im Altbewerten neue Foki zu erschaffen, sondern das bisher gedachte grundsätzlich hinter sich zu lassen. Es ist kein Einbruch in Bisheriges, sondern ein Aufbruch mit Neuem. Der Begriff des „neuen“ führt bei Malewitsch zur „gegenstandlosen Kunst“, die nicht zu verwechseln ist mit „abstrakter Kunst“ und letztlich zum schwarzem Quadrat, welches nur wirkt, wenn man versteht welchen Bedeutungshorizont es versucht zu eröffnen. El Lissitzkys Plakat „Roter Keil“ – ein Propagandaplakat der Roten Armee – zeigt auf offensichtlicher Weise wie die, von Malevich geforderte Gegenstandslosigkeit, eben keine Abstraktion, sondern eine vollkommene Neubelebung von Symbolen bedeutet: Ihre alte Bedeutung gilt nicht, ihnen wird neue verliehen.

Auch El Lissitzkys „Roter Keil“ findet Platz in Ausstellungen, hier in Berlin:
© postmondän bei Instagram

Allein dass der Konstruktivismus einen neuen Zugriff benötigt als er durch klassische Ausstellungen gegeben werden kann, ist schon ein erstes Indiz für die Problematik der Aufbereitung ihres Werkes im K20.

Wenn schon ihr eigenes Denken anders funktioniert?

Albers selber war als Lehrerin im Black Mountain College (North Carolina) überaus beliebt und bekannt. Ihre pädagogischen Methoden legen dabei zu gleich ein Zeugnis davon ab, wie sehr ihre Kunst auch außerhalb klassischer Verständnisse zu verstehen ist – ihr eigenes Herangehen möchte ich hier also als Argument anführen. So war es nicht unüblich, dass sie ihre Studierende an einen Strand setzte und diese sollten, lediglich aus den Materialien, welche sie umgaben, nun Gegenstände errichten. Diese Gegenstände waren nicht nur funktional (sie schützten vor Sonne), sondern können durchaus als sehr ästhetisch verstanden werden; ihre Form und Aussehen war häufig sehr unüblich. Weiterhin hat sie Schmuck geschaffen, aus Gegenständen, die sie „einfach zur Hand“ hatte: Haarnadeln, Siebe, Kronkorken. Hier deutet sich das ursprüngliche Element eines konstruktivistischen Denkens an: Baue die Welt neu, mit den Dingen, die du hast.

Anni Albers Anfang der 1930er Jahre, fotografiert von Josef Albers, © The Josef and Anni Albers Foundation / Kunstsammlung NRW.

Bauhaus neu denken

An dieser Stelle verschmelzen Bauhaus und Konstruktivismus zu einer Einheit und enthüllen einen Geist, der nur als modern beschrieben werden kann: Ablösung von bekannten Traditionen und Erschaffen neuer Bedeutungs- und Funktionselementen, durch die Fähigkeiten jedes einzelnen und erlernbar für jeden einzelnen.

Möchte man Anni Albers also ausstellen, sodass ein Zugriff erlangt werden kann, der ihrem Ausdruck gerecht wird, darf nicht in den Formen standardisierter Ausstellungsformate gedacht werden. Eine Kunst wie die von Anni Albers, hat doppeltes Ausbruchspotential: Sie schafft eine neue Sphäre der Hegemonie, in dem sie sich, schon durch ihre Ausdrucksweise, klassischer Ausstellungspraxis entzieht, ebenso durchbricht sie tradiertes Kunstdenken. Ganz im Sinne des Bauhauses, so führt Anni Albers uns vor, ist unsere Welt, jetzt genau, die uns umgibt, Objekt unseres eigenen, künstlerischen Ausdrucks und wir können sie gestalten, neu erfinden und stets umbilden.

Die Ausstellung „Anni Albers“ läuft vom 09.06. bis 09.09.18 im Düsseldorfer K20.


Fabian Korner studiert seit 2014 Philosophie und Germanistik an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Im Rahmen seines Studiums beschäftigt er sich mit den politischen Momenten von Kunst und Kultur. Dabei geht es ihm stets darum, Ausstellungen, Theater, Literatur oder alternative Formate nach ihrer Aktualität zu befragen. In diesem Zusammenhang erfolgt eine Auseinandersetzung mit Kultur, die stets die Frage stellt: „Und was soll ich jetzt damit machen?“

Beitragsbild: © Achim Kukulies / Kunstsammlung NRW

Die Polarisierung der Welt. 1917. Revolution.

DHM 1917 Revolution

Epochenjahr 1917: Das Deutsche Kaiserreich erklärt den „uneingeschränkten U-Boot-Krieg“, die USA treten in den Ersten Weltkrieg ein – und in Russland bricht eine Revolution los, die die Welt aus den Angeln heben wollte. In der fulminanten Ausstellung „1917 Revolution – Russland und Europa“ beleuchtet das Deutsche Historische Museum zum hundertsten Jubiläum der Oktoberrevolution die weitreichenden Folgen des Urknalls des 20. Jahrhunderts und verzahnt dabei auf eindrucksvolle Weise gesellschaftliche Dynamik und Ereignisgeschichte mit künstlerischen Rezeption


Gesäumt von Schaukästen links und rechts, in denen anhand stellvertretender Kleidungsstücke die Gesellschaftsschichten des feudalistisch-vorrevolutionären Russlands präsentiert werden, erscheint zentral, am Ende des ersten Raumes, ein Portrait der russischen Zarenfamilie. Je mehr man sich dem Bild nähert, umso deutlicher tritt ein bärtiger Männerkopf schemenhaft bedrohlich aus dem Bildhintergrund hervor und überlagert die Gesichter der Familie Romanow – ein Hologramm? Erst unmittelbar vor dem Portrait stehend erkennt man, dass hinter der dünnen Leinwand eine überlebensgroße Büste des Philosophen Karl Marx aufgestellt worden ist. Treffend wird hier die starre und siechende Welt des Zarenhofes mit derjenigen Philosophie kontrastiert, die als Vehikel benutzt wurde, um eben jene durch den Zaren symbolisierte Ordnung hinwegzufegen. Zeitgleich irritiert Marx in der Ouvertüre dieser Ausstellung: Seiner Geschichtsphilosophie gemäß hätte die Revolution in einem industriell hoch entwickelten Land, etwa dem Kaiserreich, ausbrechen müssen – aber nicht im landwirtschaftlich geprägten Russischen Zarenreich, welches man im ersten Raum der Ausstellung kennenlernt. Wie ist es also möglich, dass gerade die starre russische Feudalgesellschaft binnen nicht einmal eines Vierteljahrhunderts dermaßen in Bewegung geriet, dass nicht nur der Zarismus beseitigt, sondern die gesamte Ordnung auf den Kopf gestellt und für Europa den Anbeginn eines Zeitalters zwischen den Polen der extremen Ideologien eingeläutet wurde?

Um die sich überschlagenden Ereignisse narrativ in gelenkte Bahnen zu bringen, wird die Perspektive in der Ausstellung zuerst tunnelartig verengt. Folgt der Besucher anfangs noch auf eng verschlungenen und serpentinenhaften Wegen dem ereignisgeschichtlichen Gang der innerrussischen Geschichte vom „silbernen Zeitalter“ über den Ersten Weltkrieg bis hin zum doppelten Revolutionsjahr 1917, so wird der Blick im zweiten Teil der Ausstellung erweitert: Mit sechs Kabinetten, die sich jeweils einem europäischen Land widmen, werden die vielseitigen Folgen des Revolutionsjahres, die Verfolgungen, die Massenemigration des Adels aber auch die Entstehung konterrevolutionärer und faschistischer Bewegungen, multiperspektivisch aufgezeigt. Die Weltrevolution, kühnes Ziel der Bolschewiki, konnte durch die russische Revolution und die darauffolgenden verheerenden Bürgerkriege nicht ausgelöst werden, dies wird durch die gesamteuropäische Perspektive nur allzu offensichtlich. Jedoch war sie als Gefahr für die bürgerliche Gesellschaft und als Kontrapunkt zu den entstehenden faschistischen Bewegungen der 20er Jahre stets präsent. Mit dem Oktober 1917 fand der Totalitarismus Eingang in die Moderne.

Wie stark Anspruch und Wirklichkeit der Revolution bisweilen auseinanderklafften, veranschaulicht ein monumentales Gemälde im Zentrum der Kabinette, es kann als Herzstück der Ausstellung angesehen werden: Isaak Brodskis Epochalwerk zur Eröffnung des II. Kongresses der Kommunistischen Internationalen (Komintern) aus dem Jahr 1924, an der über 200 Delegierte aus Asien und Europa teilnahmen, zeigt Lenin bei einer Rede, in der er den bewaffneten Kampf für die Errichtung der „Diktatur des Proletariats“ propagiert. Hauptziel des Kongresses war es, die Revolution nach bolschewistischem Vorbild in die Welt zu tragen, einen internationalen Flächenbrand auszulösen. Angestrebt war eine rigide Kaderdisziplin, alle kommunistischen Parteien hatten sich an den Richtlinien Moskaus auszurichten. Tagte die Komintern in den Folgejahren noch jährlich, vergrößerten sich die Abstände in den späten 20er Jahren immer mehr, 1943 wurde die sie aufgrund des gemeinsamen Kampfes der Sowjetunion mit den Westalliierten im Zeiten Weltkrieg endgültig aufgelöst. Auch Stalin, vor dem Lenin kurz vor seinem Tod noch gewarnt hatte, und mit dem Zwangskollektivierung und der „Große Terror“ kamen, ist auf dem Gemälde anhand seines markanten Bartes schon deutlich identifizierbar.

Und doch, so widersprüchlich dies auch klingen mag, weist die Ausstellung auch sehr ästhetisch ansprechende, ja „schöne“ Seiten auf. Insbesondere der erste Teil der Ausstellung, der sich dem „silbernen Zeitalter“ widmet, ist besonders gut gelungen. Es wird das Bild einer sich nach der Revolution 1905 und der zaghaften demokratischen Öffnung im Wandel befindlichen bürgerlichen Gesellschaft gezeigt, die sich – ähnlich der Mittelschichten während der ersten Phase der Französischen Revolution –Grundrechte, Freiheit und Gleichheit erhoffte. Das Aufblühen der Kunst, Malewitsch und Kandinsky, die sich entfaltende und künstlerische Avantgarde, die sich vom rigiden und engen Kunstbegriff des Zarismus emanzipierte – dies alles offenbart den Facettenreichtum einer sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts im Aufbruch befindlichen Gesellschaft.

So entsteht ein äußerst breit angelegtes, Vor- und Rezeptions-, Ereignis- und Kunstgeschichte integrierendes Panorama, ein multiperspektivisches Panoptikum, bei dem zwangsläufig auch einige Aspekte etwas zu kurz kommen. Dies ist insbesondere schade, wenn es sich um die „großen Erzählungen“ handelt, die zur Mythifizierung der Oktoberrevolution und ihrer Ausprägung zum europäischen Erinnerungsort massiv beigetragen haben: So gerät Lenins berühmte Reise im (anscheinen doch nicht plombierten) Zug – immerhin war diese Episode Stefan Zweig eine seiner berühmten historischen Miniaturen wert – zu einer Randnotiz, die in die wortwörtlich dunkelste Ecke des Raums zur Oktoberrevolution verbannt worden ist. Auch in Anbetracht der unmittelbaren Nähe des Deutschen Historischen Museums zum Stadtschloss, bei dem just jener Balkon restauriert wurde und jetzt wieder für Besucher sichtbar ist, von dem Karl Liebknecht 1918 die Revolution in Deutschland ausgerufen hatte, ist zu Recht bereits die Frage gestellt worden, warum das DHM diese Steilvorlage nicht angenommen hat. Hingegen verdeutlicht der Blick auf die Nachbarländer in der Ausstellung äußerst eindrucksvoll, wie Utopie und Realität des Kommunismus sich mit wechselseitiger Dynamik bedingten und auch, dass geschichtlicher Fortschritt letzten Endes nicht planbar ist. Lenin hatte auf eine Fortführung der Revolution in Deutschland hoffen müssen, um die marxistische Idee des Wegs in den Sozialismus ausgehend von einem hochindustrialisierten kapitalistischen Land aus umzusetzen. Liebknecht und Rosa Luxemburg wurden in den Wirren des Spartakus-Aufstandes 1919 in Berlin ermordet. Die sozialistische Revolution blieb aus.

Was hingegen bleibt von der „Großen Revolution“? Am Anfang der Ausstellung werden dem Besucher per Videobotschaft auf die Frage verschiedene Erklärungsansätze öffentlicher Personen, u. a. Marianne Birthler, Gregor Gysi oder Wladimir Kaminer, präsentiert – eindeutig lässt sie sich dennoch gerade nach dem Besuch der Ausstellung nicht beantworten.

Und Lenin? Eingangs begrüßt er den Zuschauer im Foyer als Statue, gütig lächelnd und volksnah mit Schiebermütze. Seine sterblichen Überreste, die im Mausoleum am Roten Platz einbalsamiert zur Schau gestellt werden, sein in Formalin eingelegtes Hirn im Medizinischen Institut, sie sind immer wieder Anlass für Diskussionen in der Duma. Bisher wagt man noch nicht, den Revolutionsführer endgültig zu Grabe zu tragen. Im DHM begegnet er dem Zuschauer am Schluss noch einmal als Teil von Alexander Kosolapovs grellroter Skulpturengruppe „Hero, Leader, God“. Lenin und Jesus, in SozArt-Manier ausgestaltet, nehmen hier Mickey Mouse zwischen sich an ihre Hände. Alle drei erscheinen dem Betrachter als Götzen der Massenkultur des 20. Jahrhunderts.

Mit dem Zusammenbruch Sowjetunion 1994, deren Gründungsmythos die „Große Sozialistische Revolution“ mit Lenin als Fixstern war, endete das Zeitalter der bipolaren Weltordnung. Die Skulpturengruppe fordert nicht nur zur Beurteilung des Stellenwertes der Revolution aus, sondern auch zur Hinterfragung des eigenen Verhältnisses zu Ideologie, Personenkult und Heldenverehrung und wie bewusst wir uns ihrer eigentlich sind.


1917. Revolution.

Russland und Europa

18. Oktober 2017 bis 15. April 2018

Deutsches Historisches Museum

Documenta, Dinosaurier, UFO

Es scheint schwierig, trotz der Standorterweiterung ein gutes Haar an der documenta 14 unter der Regie von Adam Szymczyk zu lassen. Der plakative moralisch-politische Zeigefinger eckt an. Macht das Kunst nicht eigentlich aus? Ein Projekt documenta-kritischer Künstler rief als Antwort einen Gegenentwurf ins Leben.


Vor über hundert Jahren verprügelten sich noch Ausstellungsbesucher ob der unverschämten Geste der impressionistischen Malerei gegenseitig mit Regenschirmen. 2017 schaut alle (Kunst-)Welt auf die documenta 14 und freut sich über das Spektakel; die Prügelei hat sich intellektualisiert auf Kritiken in Kunst- und Kulturmagazinen verlagert.

Daniel Chluba (aufmerksame postmondän Leser kennen seinen Namen bereits aus diesem Artikel) rief eine alternative documenta ins Leben. Resultierend aus dem Onlinepetitionsprojekt WIR WOLLEN NICHT ZUR DOCUMENTA 14 fand die documenta ulaanbaatar kassel UFO UFO UFO am 10. Juni auf dem REWE Parkplatz in Kassel statt. Die Ausstellungsdauer wurde nicht etwa auf hundert Tage begrenzt sondern durch hundert Besucher.

Zu sehen waren kleine Arbeiten von 12 Künstlern – und zwar in einem UFO. Eine Ausstellung auf minimalem Raum. Deutlicher kann der Dimensionsunterschied zwischen den Documenten nicht ausfallen. Die documenta ulaanbaatar kassel UFO UFO UFO setzt dem Hype um die altehrwürdig angesehene Kunstausstellung einen klaren Gegenstandpunkt. Ein Protest gegen den Ausstellungsgiganten, der Kunst und Künstler verschluckt? Klingt erstmal paradox. WIR WOLLEN NICHT ZUR DOCUMENTA 14 haben ihre ureigene Ansicht:

„Sie ist ein Prachtexemplar mit einer gewissen Pflanzenfressermoral. In ihrem Magen befinden sich fast alle Probleme unserer Zeit. Ihre Gestalt repräsentiert für uns das umfassende Dinosauriertum. (…) Wir setzen nur eine Wegmarke. Und es wird übrigens die erste Bewegung weltweit sein, die keine Symbole mehr braucht. Sie wird überhaupt nicht den Charakter von Größe haben. Die Kunstwerke hingegen werden dort gezeigt werden, wo einzig die Künstler es für richtig halten. Die Kunst wird darüber lächeln wie die Mona Lisa. Die ja übrigens auch nicht groß ist.“

Quelle: Critique Collective, ADAM SZYMCZYK WIR WOLLEN NICHT ZUR DOCUMENTA 14

Für eine eigentlich ausgestorbene Spezies hält sich der Saurier in Gestalt der documenta ziemlich gut. Was sie dieses Mal aber (außer stark ausgeprägtem Belehrungsehrgeiz) besonders macht, ist schwer zu sagen.

Die documenta 14 ist zwar besser besucht, aber möglicherweise hat die documenta ulaanbaatar kassel UFO UFO UFO ein breiteres Publikum erreicht. Wo treffen sich Kunst und Alltag schon, wenn nicht auf einem Parkplatz vor einem Supermarkt?

Titelbild: Daniel Chluba

Hieronymus Bosch. Visions Alive – Meisterwerk oder Todsünde?

Seiner Zeit einst weit voraus wirkt Hieronymos Boschs‘ Garten der Lüste heute, 500 Jahre nach dem Tod seines Malers, etwas aus der Zeit gefallen. Wie man es nicht einfach nur ausstellt, sondern auch seiner einstigen Progressivität mit zeitgemäßen Darstellungsformen gerecht werden kann, zeigt in Berlin die multimediale Ausstellung Hieronymus Bosch. Visions Alive. Doch kann sie ihrem Anspruch gerecht werden, ohne das Kunstwerk zu gefährden?


Hieronymus Bosch. Genie oder genialer Kopf einer ganzen Malerwerkstadt – darüber streitet sich die Kunstgeschichte bis heute. Unstrittig hingegen ist, dass Bosch seiner Nachwelt ein Universum aus grotesken Symbolen, Tieren und Menschen hinterlassen hat, mit dem er das Verhältnis von Mensch, Welt und ihrem „Schöpfer“ illustriert. Der sicher bekannteste Zugang zu diesem Universum führt über den Garten der Lüste, den Bosch um 1500 schuf. Zu einer Zeit, in der die Menschen nicht mehr alle Antworten im Glauben an Gott finden und im Süden Europas weiterhin das Schöne und Erhabene Platz in der Malerei findet, wendet sich der geborene Niederländer dem Dunklen und Mysteriösen zu. Hiermit überwindet er die mittelalterliche Kunst auf eine andere Weise als seine italienischen Zeitgenossen und fügt der Renaissance eine weitere Facette hinzu.

hieronymus-bosch-garten-der-lueste-rezension

Hieronymus Boschs Triptychon „Der Garten der Lüste“, gemalt um 1500, ausgestellt im Museo de Prado, Madrid, © pixabay.com

Daran knüpft auch die Ausstellung Hieronymus Bosch. Visions Alive in der Alten Münze in Berlin an. Doch zeigt sie das bekannteste Werk Boschs nicht klassisch, wie es das Museum Prado in Madrid tut, sie zergliedert es in seine Einzelheiten. Umgeben von Projektionsflächen findet sich der Besucher in der Mitte des Gartens der Lüste, während sich Ausschnitte des Werkes – mit Hilfe moderner Computeranimation behutsam zum Leben erweckt – um ihn herum bewegen.

Himmel, Hölle, buntes Treiben – Die Symbolwelt Boschs

Die Fülle an Details auf der einen, die Absurdität der Kombinationen seltsamsten Wesen und Gegenständen auf der andere Seite lassen den Betrachter Boschs Menschenbild erahnen: als eine Ansammlung von verrückten, zum Teil ziellos umherwandernden, zum Teil auf persönlichen Lustgewinn gierende Geschöpfen, die mal in Einklang und mal in Zwietracht leben. In jedem Fall aber ohne eine von außen erkennbare Ordnung. Mit seinem Triptychon aus Erde, Himmel und Hölle führt Bosch den Menschen die möglichen Konsequenzen ihres Lebenswandels vor Augen. Auf der linken Seite der Himmel, auf der rechten die Hölle, in der Mitte das bunte Leben auf der Erde.

Den Himmel präsentiert Bosch in feinster Harmonie, Geselligkeit und Einklang. Schonungslos und furchteinflößend hingegen zeigt er die Qualen der Hölle. Spätestens hier wird Bosch seinem Spitznamen „Ehrenprofessor der Alpträume“ gerecht. In der Hölle gibt es nicht nur Habgier, Neid, Trunksucht und vieles mehr. Neben der Darstellung dieser Sünden übt Bosch hier auch Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen seiner Zeit und kritisiert – mit Hilfe eindeutiger Verweise auf die Unersättlichkeit der Reichen – Verschwendung und Habgier des Bürgertums, zu dem er selbst gehört. Damit fügt er dem Bild neben seiner Vorstellung über die Menschheit als Ganzer und der Verbildlichung eben ihrer Vorstellungen über Himmel und Hölle die Ebene hinzu auf der er die Scheinheiligkeit gesellschaftlicher Zustände darstellt.

Bis heute ist das Universum der Symbolik bei Bosch nicht völlig erforscht. Interpretationen, die sein Werk als Warnung vor sündhaftem Leben sehen, stehen Betrachtungen gegenüber, die die Bilder eher als Darstellung persönlicher Traumbilder eines schwer zu ergründenden Künstlers sehen. Ein Beispiel hierfür ist die auf fast allen Bildern, die Bosch zugeschrieben werden, vorkommende Eule. Bis heute wird darüber gestritten, ob sie als klassisches Symbol der Weisheit oder als Nachttier und Symbol der Undurchschaubarkeit zu interpretieren ist.

Visions Alive – Wiederbelebung der Vielseitigkeit

Durch die behutsame Belebung des Werks „Gartens der Lüste“ trägt die Ausstellung „Hieronymus Bosch – Visions Alive“ eben dieser Tatsache Rechnung. Ohne den Blick in eine bestimmte Richtung zu dirigieren, lädt sie dazu ein, durch das Angebot der Videoprojektion zu treten und das Bild neu zu sehen. Der Reichtum an Details genauso wie die Möglichkeit diese individuell und ohne Vorwissen wahrnehmen zu können. Bei dieser auf allen vier Wänden des Raumes laufenden Projektion dieses vielschichtigen Werks wird sich jeder im „Garten der Lüste“ anders zurechtfinden – eine einzige herrschaftliche Blickrichtung gibt es hier nicht.

Indem der Zuschauer nicht vor, sondern im Werk steht, hat jeder eine andere Perspektive und kann sich auf die ihn umschwirrende Fabelwesen, Tiere und Menschen einlassen. Auch wenn man sich an dieser Stelle die Frage stellen kann, ob man hier eigentlich noch das Werk des 500 Jahre alten Meisters Hieronymus Bosch oder eher die Arbeit von “ARTPLAY MEDIA“ , erlebt. Sicherlich bedeuten die Symbole für den zeitgenössischen Betrachter etwas völlig anderes als für den der Renaissance. Dennoch bedeuten sie etwas für ihn, und diese Bedeutung wird ihm zeitgemäß zugänglich gemacht. Das innovative Ausstellungskonzept reduziert den Kulturwert Boschs nicht auf seinen Ausstellungswert allein. Ob die Aura des großen Meisters darunter nun leidet, verloren geht oder sich gar neu mit Bedeutung füllt, muss jeder Besucher für sich selbst herausfinden.

Auch Die sieben Todsünden finden einen Platz bei Hieronymus Bosch. Visions Alive - © boschalive.com

Auch Die sieben Todsünden finden einen Platz bei Hieronymus Bosch. Visions Alive – ©ARTPLAY Media/BOSCH.Visions Alive

Umso bedauerlicher, dass sich die behutsame Liebe zum Detail im zweiten Raum nicht wieder fortsetzt. Hier werden Daten und Fakten zu Boschs Leben eher lieblos an den Wänden eines schwach beleuchteten Raumes präsentiert. Auf einer Seite des Raumes lassen sich auf einem Touchscreen mit Grammatikfehlern gespickte Erläuterungen zum zuvor gesehen Triptychon auswählen. Auf der andere Seite hängt in einer Ecke des Raumes – als wäre es beinah vergessen worden – noch das Werk „Die sieben Todsünden“. Wäre man nicht immer noch zugleich ergriffen und fasziniert von der wundersamen Welt im ersten Raum der Ausstellung, würde einen dieser zweite und letzte Raum der Ausstellung enttäuschen.

Diese Ausstellung lädt weit weniger zur Zerstreuung ein, als man es zunächst von einer Videoinstallation erwarten könnte. Reproduktion und Zergliederung greifen hier reibungslos ineinander. Auch schiebt sich nicht – wie befürchtet – die Leinwand zwischen Zuschauer und Künstler. Indem sie zwar einzelne Elemente des Werkes belebt, diesen aber keine Dramaturgie aufzwingt, geht sie den Drahtseilakt zwischen Darstellung und Veränderung ohne Boschs Werk zu Verfälschen. Damit ermöglicht die Ausstellung einen, an zeitgenössische Formen der Rezeption angepassten, Zugang zu Boschs bekanntestem Werk und ist weit mehr als eine Spielerei in Sachen Videotechnik.


Zu sehen ist die Ausstellung „Hieronymus Bosch – Visions Alive“ noch bis zum 31.01.2017, „Alte Münze Berlin“, Molkenmarkt 2, 10179 Berlin U Klosterstraße, U/S Alexanderplatz.

Titelbild: © ARTPLAY Media/BOSCH.Visions Alive

Deichtorhallen zeigen Sammlung Viehof

deichtorhallen_sammlung-viehof_knoebel

Bis Ende Januar 2017 sind an zwei Standorten in Hamburg zahlreiche Werke von 75 wichtigen Künstlern der Gegenwart zu sehen. Während in der Halle für aktuelle Kunst Joseph Beuys‘ Werke einen eigenen Andachtsraum haben, zeigt die Sammlung Falckenberg in Hamburg-Harburg auch Arbeiten von Baselitz, die keine drei Meter hoch sind.


Die angegebene Zahl der präsentierten Werke schwankt zwischen über 600 und 850, irgendwo dazwischen wird die Wahrheit liegen. Interessanter ist jedoch der qualitative Umfang der Sammlung Viehof. Dabei existiert sie an sich noch nicht all zu lang. Anteilig besteht sie aus den älteren, bedeutenden Sammlungen Speck und Rheingold.

Namenhafte Vertreter diverser Kunstströmungen der Nachkriegszeit prägen das ganze Konvolut. Eine besondere Position haben hier neue deutsche Maler wie Daniel Richter, Neo Rauch und Georg Baselitz inne, nicht weniger präsent sind aber auch ehemalige Becher-Schüler wie Thomas Ruff, Candida Höfer oder Thomas Struth.

Gelungen ist die Aufteilung der ausgestellten Sammlung auf beide Standorte. Dabei wurde nicht nach Künstlern oder Medien sortiert.
So machen sich in der geräumigen Halle für aktuelle Kunst Danh Vos We the people (detail) (2011), welche nachgebaute Fragmente der Freiheitsstatue darstellen, gut zwischen großformatigen Arbeiten Sigmar Polkes. In nächster Nähe zu Rosemarie Trockels minimalistischen Installationen und Strickbildern haben Objekte von Joseph Beuys scheinbar einen eigenen Andachtsraum erhalten.

carl-andre_sammlung-falckenberg_nov16

Leider bitte nicht betreten: Carl Andre, „81 Steel Cardinal“ (1989)

Der Standort Sammlung Falckenberg wartet nicht nur mit kleinformatiger Flachware auf. Jörg Immendorffs raumgreifende Akademie für Adler (1989) lässt noch Platz für Mike Kelleys Library (2012), ein mit Büchern, CDs und weiteren Objekten vollgestopftes Bücherregal. Malerisch thematisierte deutsche Polithistorie trifft auf die komprimierte Geschichte der Popkultur.

Wolfgang Tillmanns‘ großformatige, abstrakte Fotografien aus den 2000ern sind unweit von denen Boris Mikhailovs zu finden, die soziale Brennpunkte in der UdSSR zeigen und ein gar schon komisches Spannungsfeld zwischen dem Ideal und der Lebenswirklichkeit des Sozialismus‘ erzeugen.

Bedauerlich: Im Gegensatz zur diesjährigen Einzelausstellung Carl Andres in Berlin ist die Bodenskulptur aus Stahlplatten in der Sammlung Falckenberg nicht betretbar. Der Gedanke hinter seinen minimalistischen Skulpturen ist jedoch genau dieser: Der Rezipient darf und soll das Werk betreten. Was wäre nur, wenn der Kurator Georg Baselitz’ Bilder richtigherum gehängt hätte?

Titelbild + Beitragsbild: © Lenn Colmer, Titelbild Werke: Imi Knoebel

Der fragmentierte Blick auf die deutsche Kolonialgeschichte

Das Deutsche Historische Museum, in den letzten Jahren oft wegen wenig origineller Ausstellungskonzepte gescholten, hat gerade aufgrund des nachlässigen Umgangs mit seinen Kolonialexponaten oft Kritik erfahren. Die Kritik an der großen aktuellen Ausstellung zum deutschen Kolonialismus hingegen ist nur teilweise berechtigt.


Ausstellung „Deutscher Kolonialismus“ im DHM Berlin

„The Kaiser’s Holocaust“ ist jenes Vorgehen deutscher Schutztruppen in provokant überspitzter Form genannt worden, das ab 1904 zur Auslöschung der Herero und Nama in Namibia, führte. Nur langsam sickert das Thema in die öffentliche Wahrnehmung, Feuilletons und Schulcurricula ein. Zusätzlich mit Brisanz wird die Beurteilung der Geschehnisse um die Jahrhundertwende durch die Debatte um den Begriff des Völkermords: von den meisten Historikern klar als solcher bezeichnet, wird er immer noch von der Bundesregierung, aus Angst vor Reparationsforderungen, abgelehnt.

Colon-Figur - Offizier, Nigeria oder Kamerun, um 1900 © Deutsches Historisches Museum

Colon-Figur – Offizier, Nigeria oder Kamerun, um 1900
© Deutsches Historisches Museum

Die bislang größte Ausstellung zur Geschichte des deutschen Kolonialismus, über 500 Exponaten auf knapp 1000 qm Ausstellungsfläche, kann angesichts des Ringens der deutschen Öffentlichkeit mit dem Kolonialerbe als überfällig bezeichnet werden. Mit ihrem ersten Exponat verbindet sich indes einer Blickumkehr. Man steht vor einer geschnitzten, sogenannten „Kolonfigur“, entstanden um 1900 in Nigeria oder Kamerun, die einen deutschen Offizier in Paradeuniform zeigt: Karikaturhaft überzeichnet, ausgestattet mit überdimensionalisierten Orden, Tropenhelm und Wilhelm II.-Bart gleicht er der Stereotypisierung des preußischen Herrenreiters und Bewohners jener „kasernierten Nation“, die Heinrich Mann im „Untertan“ beschreibt.

Jedoch bedeutet dieser Blick der Kolonisierten auf die Kolonialisten nur einen Perspektivenwechsel, der dem Besucher recht originell die Mechanismen der Vorurteilsbildung am eigenen Beispiel verdeutlicht. Das Interesse der Ausstellung hingegen richtet sich deutlich auf die Offenlegung der rassistisch-chauvinistischen Menschenbilder eben jener Herrenreiter und die Tradierung der im Kontakt mit den Einheimischen entstandenen langlebigen Stereotype, mit der sowie deren Ausweitung nicht nur auf alle Bewohner Afrikas, sondern generell Menschen mit anderer als weißer Hautfarbe.

Vielleicht mag hierin auch die bisweilen kritisierte fehlende Einbeziehung afrikanischer Organisationen in die Konzeptionierung der Ausstellung begründet liegen, die in erster Linie eine Auseinandersetzung der Deutschen mit der eigenen Identität ist. Sie offenbart die Kontinuität rassistischer Denkmuster, die sich vor der Kolonialzeit ausgeprägt hatten, während des späten 19. Jahrhunderts verfestigt wurden und trotz der – anhand der Exponate klar als Völkermord zu erkennenden – Menschheitsverbrechen in Kolonien wie „Deutsch-Südwest“ bis weit in die Gegenwart halten konnten. Die Ausstellung profitiert davon, dass gerade die Ungleichzeitigkeit einiger Exponate das schmerzliche Fehlen einer vertieften Auseinandersetzung mit der Kolonialzeit verdeutlicht. Wer den „Vernichtungsbefehl“ Lothar von Trothas, das zentrale Dokument des Völkermords an den Herero gelesen hat, wird nur staunen können, angesichts der Ignoranz, sich bis in die bundesrepublikanische Gegenwart das Bild des naiv-fröhlichen Negers, etwa in Gestalt des Sarotti-Mohrs, oder des faulen „Hotten-Totten“ halten konnte.

Auch weitere Beispiele, nach kolonialen Akteuren benannte Straßen etwa, illustrieren das lange fehlende Verständnis und die fehlende kritische Auseinandersetzung mit dem deutschen Traum vom „Platz an der Sonne“. Wie dieses Verdrängen möglich war, wird anhand der Romantisierung, mit kolonialrevisionistischem Gedankengut einhergehenden Verklärung der Kolonialgeschichte deutlich, die direkt nach dem Verlust der Kolonien 1919 begann – „Heia, Safari!“.

Die Ausstellung verzichtet weitestgehend auf chronologisches Erzählen, allzu oder ausufernde zeitliche Einordnungen oder biographische Porträts der Kolonialakteure. Man mag vor allem kritisieren, dass eine Rahmung durch die Beleuchtung der den gesamten europäischen Kontinent erfassenden Hybris im Zeitalter des Imperialismus im DHM fehlt.

Auf einen jener Herrenreiter, nach dem immer noch eine Straße in Neukölln benannt ist, trifft man am Ende der Ausstellung wieder: Ganz hinten rechts liegen die Überreste des Denkmals für den Gouverneur des damaligen Deutsch-Ostafrika, Herrmann von Wissmann, den man aufgrund seiner Strafexpeditionen wohl als einen der schlimmsten Kolonialverbrecher bezeichnen kann. Bereits kurz nach seinem Tod 1905 hatte die Deutsche Kolonialgesellschaft mehrere Denkmäler zu Ehren des ehemaligen Reichskommissars in Auftrag gegeben. Das Denkmal der Berliner Ausstellung zeigt Wissmann mit typischen Kolonialsymbolen, einem erlegten Löwen etwa und dem treuen Askari-Kolonialsoldaten. Ursprünglich in Daressalam aufgestellt, wurde es nach dem Verlust der Kolonien 1921 in Hamburg aufgestellt und für revisionistische Kundgebungen genutzt. Erst in den 1960er Jahren mehrten sich der Protest und die Forderungen nach der Demontierung, insbesondere seitens der linken Studentenschaft. 1967 schließlich wurde es gestürzt.

Quelle: Twitter

Und so steht der Betrachter im DHM etwas ratlos und leicht irritiert vor den Trümmern des Denkmals zu seinen Füßen, einem Fragment, an dem sich beispielhaft die Irrwege, Mystifikationen und Instrumentalisierungen der deutschen Kolonialgeschichte offenbaren. Vielleicht kann, nicht zuletzt aufgrund des bis in die Gegenwart wirkenden nachwirkenden Erbes der imperialen Episode des Kaiserreiches, auch kein geschlossenes, sicher jedoch bestimmt kein abgeschlossenes Bild der deutschen Kolonialgeschichte gezeichnet werden. Hingegen ist bemerkenswert, dass die Gräuel und Verbrechen des Kolonialzeitalters angesichts der Langlebigkeit seiner medialen Verklärung und Instrumentalisierungen so lange weiße Flecken auf der Karte der bundesrepublikanischen Erinnerungskultur geblieben sind. Die Vermessung dieser neuralgischen Zone ist ein großes Verdienst der Ausstellung im DHM.

Mehr Infos zur Ausstellung, die noch bis zum 14. Mai 2017 läuft, gibt’s hier.

Titelbild: Unterspülter Bahndamm zwischen Keetmanshoop und Lüderitz, Fotografie, um 1910, © Deutsches Historisches Museum