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„Hool“ von Philipp Winkler – mehr als nur ein Schlägerroman

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Philipp Winklers Debütroman „Hool“ erzählt die Geschichte des jungen Hooligans Heiko Kolbe, der sich durch den harten und dreckigen Alltag seines ganz persönlichen Absturzes quält. Der Roman hat es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2016 geschafft und wird von der Kritik bisher vor allem für seinen authentischen Einblick in eine sonst unzugängliche Welt gelobt. Dabei behandeln viele Rezensenten aber ein wichtiges Thema des Buches viel zu stiefmütterlich – „Hool“ ist ein Familiendrama aus der Sicht des wütenden jungen Mannes.


 

Die Clemens Meyer-Formel? Über Autorenmarketing und Aufregerthemen

Als Philipp Winkler zum ersten Mal seinen Debütroman „Hool“ vorstellte, ließen die unvermeidlichen Vergleiche mit Clemens Meyer nicht lange auf sich warten. Zugegeben – da gibt es schon einige Parallelen.

Clemens Meyer sprengte vor 10 Jahren mit „Als wir träumten“ eine deutsche Literaturszene, die sich prosaisch oft irgendwo zwischen Anwaltssohn und Philosophieabsolvent bewegte. Mit Meyer stand plötzlich einer im Mittelpunkt, der aus einem Leipziger Arbeiterviertel kam und seine Figuren auch so zur Sprache kommen ließ. Einer, der über das Leben in den sozialen Brennpunkten schrieb und zwar nicht von oben herab, sondern aus der Innenperspektive. Meyer hatte damit nicht nur einen Ton getroffen, der die deutsche Romanlandschaft ordentlich aufgewirbelt hat, sondern er trat auch als Typ auf, der sich obendrein wunderbar vermarkten ließ – mit echten Tattoos am Autorenarm, echter Leipziger Schnauze und allem Drum und Dran.

Mittlerweile mögen deutsche Buchpreise diese Art von „literarischem Querschläger“ sehr gerne. Clemens Meyer war mit „Als wir träumten“ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, den er 2008 für eine Geschichtensammlung dann auch gewann. 2013 schaffte er es mit dem Milieuroman „Im Stein“ dann auch auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises.

2016 hat es nun auch Philipp Winkler auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft und sitzt mit seinen eigenen Tattoos bei Lesungen seines „Schlägerromans“, der einen „hervorragenden Einblick in die deutsche Hooliganszene“ gibt. Da wird natürlich schnell die ewig lauernde Frage „Hat der Autor das selbst erlebt – oder nur extrem gut recherchiert?“ gestellt, die dem Feuilleton, welches sich durch solche Bücher einen Einblick in eine sonst unerreichbare Welt verschafft, immer auf der Zunge liegt, wenn da jemand mit einer literarischen Ausbildung einen Roman schreibt, in dem Ausdrücke wie „affenfotzenverhurte Pissscheiße“ vorkommen. Denn auch diese neue Rotzigkeit ist Teil der Erfolgsformel und wird heutzutage in der Schreibausbildung gefördert. Genau wie Meyer, der am Leipziger Literaturinstitut lernte, hat auch Winkler kreatives und literarisches Schreiben studiert, scheut sich aber keinesfalls, derbe Sprache zu benutzen.

Auf der Verleihung des Deutschen Buchpreises, den Winkler am Ende nicht gewonnen hat, wurde schließlich klargestellt: Er war kein Hooligan. Aber mal ganz ehrlich: Die Obsession des deutschen Literaturbetriebs mit dem Autorenmarketing (WER da schreibt ist oft interessanter als WAS) und die Zentrierung auf „Aufregerthemen“ (in diesem Falle die Hooliganszene) muss Philipp Winkler doch zumindest innerlich zum Augenrollen animieren. Bei aller Faszination, die deutsche Rezensenten bei Autoren, die mit Tattoos verziert sind, ergreift, sollte man das Werk junger Autoren doch bitte nicht auf Erfolgsformeln reduzieren. Denn ein näherer Blick in „Hool“ offenbart, dass Philipp Winkler sehr klassische Themen aufgreift: Erwachsenwerden, Wut und Familie.

„Hool“ – Bier, Gewalt und Hannover 96

Hauptfigur von „Hool“ ist Heiko Kolbe, ein junger Mann, der seine Tage damit verbringt, mit seinen Kumpels Bier zu trinken und sich mit gewaltbereiten Fußballfans konkurrierender Klubs zu sogenannten „Matches“ zusammenzufinden, bei denen es mal so richtig „auf die Fresse“ gibt. Dort treffen sich junge und alte Szenemitglieder zu gemeinsamen Gewaltorgien, die ihren Lebensmittelpunkt darstellen.  Die fanatische Verehrung des Heimklubs Hannover 96 schwappte bei Heiko und seinem Umfeld irgendwann vom Fußball zu grundlegenderen Themen – da geht es viel um Tradition. Um Bruderschaft. Um Ehre. Da geht es aber auch um Verwahrlosung, Abstumpfung und eine ständige Abwärtsspirale.

Heiko Kolbe lebt in einer Welt, die den normalen Bürger mit Schrecken erfüllt. Angefangen mit einem Alibijob im zwielichtigen Fitnessstudio seines Onkels, der sich durch Verbindungen zu Rockerklubs und Nazigangs eine Art Untegrundfirma aufgebaut hat, über sein Zimmer im Haus eines schmierigen Ex-Häftlings, der illegale Tierkämpfe in Käfigen veranstaltet, bis hin zur heroinabhängigen Exfreundin – alles ist ganz gehörig kaputt und so gar nicht bürgerlich. Die einzigen Strukturen, die Heiko scheinbar noch in seinem Leben hat, sind die Sauftreffen in der Fußballkneipe „Timpen“ und die „Matches“ seiner Hooligan-Karriere, die mit einer Ernsthaftigkeit und Professionalität vorangetrieben wird, die schockiert.

Die Abgrenzung der Außenseiter

Wie nicht anders zu erwarten, ist der Ton des Romans, durch den uns Heiko als Ich-Erzähler leitet, rau. Die Freunde von Heiko heißen eben nicht Theodor, sondern Kai, Ulf und Jojo – und dementsprechend wird auch mit derben Flüchen und Tiraden kommuniziert, bei denen dem auf political correctness getrimmten Akademiker die Augenbraue in die Höhe schnellt. Doch genau in dieser harten und groben Welt fühlt Heiko sich sicher, oder wie er es formuliert: „Hier fühl ich mich als Teil einer Geschichte“, die er ganz selbstverständlich in seinen eigenen Worten erzählt. Seiner Außenseiterstellung ist sich Heiko dabei vollkommen klar und er zelebriert sie. Denn auch, wenn er mal aufs Gymnasium gegangen ist, seine Lebenswirklichkeit hat schon lange gar nichts mehr mit normaler Bürgerlichkeit zu tun. Für Heiko ist der „verbale Dünnschiss“ den behütete Vorstadtehemänner mit „Jack-Wolfskin-Jacken und atmungsaktiven Ü30-Turnschuhen“ von sich geben viel schwerer zu ertragen, als die derben Beleidigungen seines Umfelds.

Wer nun einen vollkommen stumpfen Haudrauf erwartet, wird bei der Lektüre seine Vorstellung schnell revidieren müssen. „Hool“ stellt nämlich keineswegs nur ein Abziehbild der berüchtigten Hooliganszene dar, sondern zeichnet ein feines Psychogramm eines jungen Mannes, der in seinem Leben mehr Scheiße gesehen hat, als man aushalten kann.

Die zerbrochene Geschichte zweier Familien

„Jeder Mensch hat zwei Familien. Die, in die er hineingeboren wird, und die, für die er sich entscheidet.“

Das eigentliche Konzept von „Hool“ ist es, die Geschichten der zwei Familien des Heiko Kolbe zu erzählen. Achronologisch wechseln sich aktuelle Geschehnisse mit Rückblenden ab, in denen die zwei unterschiedlichen Verfallsabläufe dieser Familien geschildert werden.

Schnell wird klar, dass Heiko ganz gute Gründe hatte, warum es zwischen der Familie in die er hineingeboren wurde und der, die er sich ausgesucht hat, keine großen Überschnitte gibt. Seine Geburtsfamilie besteht aus seinen Vater Hans, der als schwerer Alkoholiker ständig aus der „Reha“ (sprich: Entzugskur) entwischt um sich in irgendeiner Spelunke volllaufen zu lassen, seiner studierten Schwester Manuela, die sich in die Sicherheit des bürgerlichen Lebens geflüchtet hat und der sehr wortkargen Mie, einer Thailänderin, die Hans nach einem Bangkok-Trip mit nach Hause gebracht hat. Heikos Mutter stand irgendwann einfach mit gepackten Koffern vor der Tür und hat sich sang- und klanglos mit einem „Hab dich lieb, Heikochen“ verabschiedet. Dieses Trauma prägt die Familie – und keiner ihrer Mitglieder hat es je richtig überwunden.

Doch auch in dieser dysfunktionalen Familie gab es mal bessere Zeiten. Wenn Heiko sich an diese Zeiten erinnert, geht es bei ihm vor allem um Fußball und Hannover 96. Der erste Stadionbesuch mit den großen Männern, die respekteinflößend durch die Reihen schritten zum Beispiel – die einzige Gelegenheit, in der Vater und Sohn gleichsam noch respektvoll mit sich und einander umgehen können. Der Fußball und die Loyalität zum Heimklub war für Heiko so etwas wie ein Rettungsanker auf rauer See.

Im Laufe seiner Jugend flüchtet sich Heiko immer mehr in seine zweite Familie: Seine Kumpels, mit denen er – verbunden durch den Fußball – eine Art Blutsbrüderschaft eingeht, sind für ihn das Wichtigste. Zusammen erkämpfen Sie sich ihren Platz in der strengen Hierarchie der Hooliganszene. Zusammen feiern Sie die Verpflichtung des jungen Ballkünstlers und Cliquenmitglieds Joel bei Hannover 96. Und zusammen trauern Sie um ihre gefallenen Kameraden.

Die Hilflosigkeit des wütenden jungen Mannes

Trotz aller Abstumpfung entzieht sich Heiko seiner Verantwortung in den beiden Familien nicht. Er ist da, wenn Vaddern mal wieder besoffen Terz macht. Er füttert die ehemals großväterlichen Tauben. Nachdem sein bester Freund im Krankenhaus landet, weicht er nicht von seiner Seite und einen Großteil seiner Nächte verbringt er in stiller Wache vor der Wohnung seiner drogenabhängigen Exfreundin.

So richtig hilflos wirkt Heiko erst, als sich nach und nach seine Kumpels aus der Szene zurückziehen wollen – als also auch seine selbstgewählte Familie zu zerbrechen droht. Da formuliert er eine Wutrede, die eine Anklage gegen das Erwachsenwerden ist. Gegen diesen seltsamen Nicht-Ort zwischen Jugend und bürgerlichem Alltag, in dem die Suche nach dem Sinnhorizont alles überschattet, aber auch gegen all die „Spießer“, die ihren Sinnhorizont scheinbar so mühelos im „richtigen Leben“ behaupten.

„Du hast deine Familie, dein Haus, deinen scheißweißen Gartenzaun. Ihr alle habt etwas, auf das ihr euch am Ende des Tages freuen könnt […] Ich habe null. […] Ich beschwer mich nicht darüber. Und weißt du warum? Weil ich für das hier lebe. Weil ich dafür eintrete und dazu stehe.“

Am Ende ist Heikos Anklage vor allem auch eine Anklage gegen sich selbst. Gegen seine emotionale Beschränktheit, die sich in Sprachlosigkeit äußert. Gegen seine Unfähigkeit für die wenigen und verdrehten Kodexregeln, die er für sich selber aufgestellt, einzustehen und gegen die beschissene Zukunftsperspektive, die ihm so gut wie jede potentielle Vaterfigur in seinem Umfeld immer wieder bewusst macht.

Philipp Winkler hat mit „Hool“ einen Roman geschrieben, der mitnimmt. Die Gewaltausbrüche und die Abstumpfung des Hauptcharakters spiegeln dabei die eigentlich viel brutalere Realität der Verlierer dieses Lebens wider. Dabei ist das Thema Fußball insofern gut gewählt, weil es für unglaublich viele junge Männer ein Wertelieferant ist. Loyalität, Bruderschaft und Standhaftigkeit – das sind die eigentlichen Werte, die in „Hool“ natürlich schon lange bis zur Unkenntlichkeit in stumpfer Wut untergangen sind. Glorifiziert wird das im Roman keinesfalls, sondern einfach nur beschrieben – und gerade das macht „Hool“ manchmal schwer zu ertragen.

Die eigentliche Leistung des Buches ist also nicht, dass es uns einen Einblick in die gewaltbereite Hooliganszene gibt, sondern, dass uns der Autor, auf seine eigene Art, zu einem uralten literarischen Projekt beigetragen hat: Der menschlichen Sprachlosigkeit und Wut durch Worte eine Ausdrucksform zu verleihen. Die kleinen Feinheiten des Charakters Heiko Kolbe, der sich hinter all dem Chaos am Ende doch noch ein großes Herz bewahrt hat, machen „Hool“ zu einer emotionalen Achterbahnfahrt. Kurzum: Sie machen den Roman zu guter Literatur.


Beitragsbild Foto: Kat Kaufmann/Aufbau Verlag

Beitragsbild Cover: Aufbau Verlag

Ronja von Rönne: Wir Kommen

Ronja von Rönne, 24, Literatur It-Girl, Bloggerin, Journalistin, Autorin ist von ziemlich vielen Dingen angeekelt. Vom Feminismus. Von den sozialen Medien. Von hippen Trends. Von Menschen im Allgemeinen. Und ganz neu: von ihrem Debütroman „Wir kommen“. Warum?


Auf dem blauen Sofa

Leipziger Buchmesse 2016, vorletzter Tag. Ronja von Rönne sitzt mit Tobi Schlegl auf dem „blauen Sofa“ und lässt sich zum gefühlten 50. Mal interviewen. Der eine will sich unterhalten, die andere ihr Buch promoten. Das führt dann schon mal zu Einzelszenen, in denen Frau von Rönne ihren Roman in die Kamera hält und Sätze wie „Bitte kaufen Sie das Buch, damit ich nicht noch eins schreiben muss.“ sagt, während Tobi mit einem etwas angenervten „Gucken Sie doch mal MICH an, Frau von Rönne.“ kontert.

Frau von Rönne antizipiert eigentlich auch schon alle Themen, die ihr bei den 49 vorherigen Interviews bereits gestellt wurde. Sie sei jung und naiv gewesen, als sie ihren kontroversen Beitrag „Warum mich der Feminismus anekelt“ in der Welt veröffentlicht hatte. Nein, sie sehe sich nicht als Sprachrohr einer Generation, weil sie dazu ja schließlich niemand gewählt habe. Ja, der Shitstorm mit Todesdrohungen auf Twitter habe ihr schwer zu schaffen gemacht.

Die lakonischen Sprüche, die Ronja von Rönne auf dem blauen Sofa zum Besten gibt, kommen nicht so recht beim Messepublikum an. Besser lief es nebenan bei Clemens Meyer, der andeutet bei einer seiner letzten Kneipentouren die Ochsenknecht-Brüder verprügelt zu haben – vielleicht auch ein Zeichen dafür, wie autorenfokussiertes Marketing funktioniert und wie nicht.

Mein größter Fan: Der Steuerberater

Tobi Schlegl durchbricht die dahinplätschernde Unterhaltung schließlich mit einer Frage an das Publikum: „Wer hat denn das Buch überhaupt gekauft? Sie, ja? Auch gelesen? Dann müssen wir Sie filmen, Gesichter zeigen und so.“ Flugs das Mikro geschnappt und den einsamen Armheber Herr Reinhold zum spontanen Interview aktiviert. Herr Reinhold hat das Buch schon fast ganz gelesen. 30 Seiten fehlen noch, aber das Ende hat er trotzdem schon mal durchgeblättert. Und was ist seine Meinung zu dem Buch? Besonders die Sprache findet er toll.

„In jedem einzelnen Satz steckt wahnsinnig viel. Man kann son Satz lesen und dann kann man denken – ja, was ist da? Und dann zögert man und denkt – was war da? Und dann liest man nochmal. Und dann merkt man wieder: WOW. Ne… Was hat sie da in den einen Satz gepackt? Und das ist schon… grandios.“ Chefkritiker Herr Reinhold im Interview mit Tobi Schlegl auf der LBM16

Als Tobi Schlegl nach dem Kurzinterview wieder aufs blaue Sofa zusteuert wird aus Frau von Rönne dann ganz kurz mal Ronja. Sie freue sich zwar über das hinreißende Lob, tragischerweise sei der Chefkritiker ihr Steuerberater. Da muss sie selbst ehrlich lachen – und das Publikum lacht mit, zum einzigen Male.

Ronja von Rönne: Wir kommen – #Langeweile

Chefkritiker/Steuerberater Reinhold hat zumindest in einem Punkt Recht: Die Sprache ist das Highlight des Romans, weil man nach echter Charaktertiefe oder gar einem überzeugenden Plot vergeblich sucht.

Ich-Erzählerin Nora leidet an Panikattacken und hat deshalb eine Therapie begonnen. Nach der zweiten Sitzung fährt ihr Therapeut allerdings in Urlaub und rät ihr, für die Zeit seiner Abwesenheit Tagebuch zu führen, um anschließend zu ergründen, wo denn diese Panik herrühre. „Wir kommen“ ist somit kein klassischer Roman, sondern eher eine Notizsammlung mit sehr losem Handlungsgerüst. Auch die Figuren bleiben über einen Großteil des Buches Skizzen.

Da gibt es also Nora, die in einer Fernsehsendung mit dicken Frauen shoppen geht, um schließlich den großen Vorher-Nacher Vergleich zu präsentieren. Nora ist sehr passiv, mag Sätze wie „Folgen Sie mir“ und notiert sich „Ich habe genickt. Das kann ich gut“. Nora ist irgendwie in einer offenen Viererbeziehung mit Karl, Leonie und Jonas gelandet. Für die Polyamorie haben sich die vier urbanen Narzissten entschieden, „damit nicht sofort alles zusammenkracht, wenn mal einer schwächelt“. Die Beziehungsdynamiken, inklusive Sex, sind dabei allerdings so gänzlich unspannend wie der Alltag der Figuren, die sich ihre Zeit damit vertreiben am Abend Blogposts mit „Gefällt Mir“ zu markieren, oder in einer abgefuckten Eckkneipe zu versacken: „Da gehen wir manchmal hin, weil dort außer uns nur kaputte Gestalten und Alkoholiker herumhängen und weil wir durch sie daran erinnert werden, wie jung und privilegiert wir sind.“ Alles ist irgendwie egal, die Figuren sind gefangen in einem urbanen Leben mit hippen Jobs, die ihnen zu viel Zeit lassen, um über ihr Leben nachzudenken.

Diese allgegenwärtige Langeweile wird durchbrochen von der Nachricht, dass Maja – eine Jugendfreundin von Nora, die für sie eine Leitfigur war, der sie folgen konnte – gestorben ist. Nora will das allerdings nicht so recht glauben, denn „wenn Maja gestorben wäre, hätte sie mir vorher bescheid gesagt. Solche Dinge haben wir immer abgesprochen.“ In einer Art Verdrängungs- und Fluchtmechanismus vor der traurigen Realität des eigenen Ichs machen sich die vier Mittendzwanziger inklusive eines schweigenden Kindes und einer Schildkröte auf den Weg ans Meer. Was dann schließlich in dem Ferienhaus am Strand passiert ist eigentlich gar nicht so wichtig. Das Grundmuster bleibt weitestgehend stabil: Nora beschreibt lakonisch und ironietriefend die Umrisse einer Generation, die als „die wohlbehütetste aber auch depressivste von allen“ betitelt wird.

„Wir kommen“ ist eigentlich eine Aneinanderreihung von kleinen Anekdoten und assoziativen Beobachtungen. Sprachlich wird alles zum Abschuss freigegeben, es findet sich, abgesehen von wenigen Ausnahmen, kaum ein Abschnitt, der nicht ironisch gebrochen wird. Dabei ist Ronja von Rönnes Prosa durchaus unterhaltsam. Die pointiert schwarzhumorigen Beobachtungen regen nicht nur manchmal zum Schmunzeln an, sondern bieten auch unangenehmes Identifikationspotenzial.

Crazy! Doch nicht so crazy! Hyperkrass!

Das Urteil, was man nun über Ronja von Rönnes Debütroman fällen möchte, kann kaum so vernichtend ausfallen, wie ihr eigenes: „Ich verachte dieses Buch. Das liegt aber glaub ich weniger daran, dass es so schlecht ist, als vielmehr daran, dass ich es geschrieben habe.“, sagt sie auf dem blauen Sofa. Die fatalistische Rhethorik des „ich verachte x und y hat mich schon immer angeekelt“ schwappt von Ronja von Rönne in „Wir kommen“ über. (Man vergleiche einen aktuellen Blogeintrag: Mir ist langweilig und alles egal ) Ob das Ausdruck eines Zeitgeistes ist kann man diskutieren – als Sprachrohr für eine Generation wird Von Rönne nach Äußerungen wie „Ich probiere Meinungen an, wie ich Kleider anprobiere.“ aber wohl nicht anerkannt werden.

Doch ist „Wir kommen“ denn nun trotzdem ein gelungenes Debüt? In ihrem Blog Sudelheft antizipiert Ronja von Rönne die Reaktion des stereotypen „Redakteurs eines hippen Onlinemagazins“ (Bin ich definitiv, oder? Oder…?) auf ihr Buch folgendermaßen:

„Dieses crazy Buch von der crazy Antifeministin ist doch nicht so crazy wie von diesem Winkels angenommen! Hyperkrass! Lest hier: Zehn Gründe, warum Rönnes Buch noch schlechter ist als die Lage in Syrien! Yolo!“ Sudelheft 5. Januar 2016

Für Ronja von Rönne ist Schreiben Konfrontation mit den eigenen Komplexen, das erkennt man an solchen Äußerungen recht deutlich. Die Auseinandersetzung mit sich und anderen geschieht immer auf einer Hipster 2.0 Metaebene. Sie seziert somit sämtliche Dynamiken in einer Sprache, die Ausdruck einer Ohnmächtigkeit des Selbstausdrucks ist. Die sprachlichen Grenzen des Ausdrucks machen den Text zum Gefängnis. Dass Ronja von Rönne also von so vielen Dingen angeekelt ist – inklusive der eigenen Reflexionen – gehört zum Programm ihres Schreibens. In „Wir kommen“ funktioniert das zumindest auf dieser Ebene recht gut. Allerdings ist ein Roman eben kein Blog – 200 Seiten metawitzige Beobachtungen mit ziemlich flachen Figuren und zu vernachlässigendem Plot strapazieren sogar den urbanen Postironisten.

In der Rezension der „Zeit“ zu „Wir kommen“ rät Daniel Haas Ronja von Rönne doch für Böhmermann Pointen zu schreiben, falls das mit der Literatur doch nichts wird. Ist ja momentan auch eher schwierig…. Doch wenn Literatur It-Girl von Rönne es irgendwann auch in ihren Büchern schafft echte Beziehungsebenen zwischen Figuren aufzubauen, wird das vielleicht ja doch noch was mit der Autorinnenkarriere.


Beitragsbild: Aufbau Verlag