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The Strokes – Future Present Past

The Strokes bauen eine Brücke zwischen den Zeiten. Bloß: Ist ihre neue EP nun ein Stück Konzeptkunst für sich oder bloß ein Teaser für mehr?


Erkennt noch jemand die fünf Herren auf dem Polaroid? Fast 15 Jahre ist es her, dass ihr Debütalbum Is This it? mit einem Schlag die langen 90er des Indie-Rocks beendete und die hochschwebenden Schöngeister von damals zurück in die Garage zwang. Was immer sich aus diesem halbwegs aktuellen Pressefoto über ihren Zustand ablesen lässt: The Strokes sind aktiv, kreativ und voller Tatendrang. Sagen sie zumindest selbst. Denn mit diesen Worten kündigte ihr Sänger Julian Casablancas unlängst neue Aktivitäten der Band an und löste Spekulationen über ein neues Album aus. Ob es kommt, ist noch immer ungewiss, zunächst testen The Strokes das Badewasser mit einer kleinen Vinyl-EP namens Future Present Past, die schon im Titel die Fragen aufwirft, was die Band gerade vorhat, wo sie im Moment eigentlich so steht und für was sie mal stand.

Denn Future Present Past kommt weitgehend aus dem Nichts. Da sie sich nicht die Mühe gemacht hatten, es zu promoten, ist ihr 2013er Album Comedown Machine ja eher untergegangen – und viele Konzerte spielen sie in letzter Zeit auch nicht. Bisher sind für dieses Jahr drei geplant, was einmal mehr für einen intensiven Studio-Aufenthalt spricht. Außerdem schienen ihre Solopfade sie zuletzt immer weiter voneinander wegzuführen. Wo sie momentan stehen, ist – so zumindest der mediale Eindruck – tatsächlich nicht so ganz klar, obwohl sie sich zumindest dem Zeitgeist bewusst zu sein scheinen und ihre Songs zeitgemäß präsentieren: auf buntem Vinyl und im Sonderformat. Sie erscheint haptisch nur als limitierte 10-Inch in drei verschiedenen Farbeditionen, was gleichzeitig das Sammlerherz erfreut, andererseits aber in der anhaltenden Hochphase von Vinyl-Hologrammen und bunten 180-Gramm-Editionen mit Farbübergängen eine ziemlich einfache Weise ist, um Songs gewinnbringend zu vermarkten. Aber vielleicht ist eine EP eben das beste Format, um einfach mal drei Singles gleichzeitig auf den Markt zu werfen und sich wieder ins Radiobewusstsein zu bringen. Aber greifen wir es mal wohlwollend als kleine Konzept-Platte auf. Vielleicht sollen die Songs ja tatsächlich im künstlerischen Sinne Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit der Band repräsentieren, was nur ein Soundcheck der Platte beantworten kann.

Komischerweise löste der Einstiegssong beim ersten Hören trotz aller Unterschiede zwischen den Bands bei mir zunächst eine Radiohead-Assoziation aus – hat das Grundriff von Drag Queen doch eine ähnlich ähnlich betäubende Wirkung wie Radioheads im Mai erschienene Single Burn the Witch, deren Pizzicato-Streicherarrangement ihr neues Album eröffnet und sein Publikum schon aufgrund des stilistischen Konventionsbruchs andächtig auf den verschobenen Status Quo der Band hebt. Ähnlich bei The Strokes, wenngleich etwas weniger extravagant, jener hohl dröhnende Bass-Sound, der wie eine Nebelschwade über Drag Queen liegt und die klaren Konturen aller anderen Spuren verhüllt. Zwar haben The Strokes immer mit Effekten gearbeitet, doch ihre früheren Resultate waren prägnanter. Aus dem Nebelspiel ergibt sich hier ein heroischer Sound, der The Strokes auf eine ungekannte Ebene hebt. Wie weit die Bandmitglieder zurzeit künstlerisch auseinanderstehen, zeigt dann spätestens ein Remix des Songs durch ihren Schlagzeuger Fabrizio Moretti, der mit der EP exklusiv mitgeliefert wird und eine völlig andere, von ihrer Schwere befreite Interpretation der Komposition vorstellt. Steht Drag Queen entsprechend der EP-Betitelung nun für die Zukunft der Strokes? Darüber lässt sich spekulieren, doch man kann es nur hoffen.

Dann müsste OBLIVION, der zweite Track, ihre Gegenwart markieren – die nach allem, was wir wissen – wahrheitsgemäß unbestimmt daherkommt. Ein interessanter Sound, dessen Strophen sich melodiös aufbäumen, jedoch allzu schnell in einem auf Dauer eher faden, da ziemlich repetativen, Refrain entladen und das Potenzial des Songs schon vor dem synthetisch-spielerischen Gitarrensolo verbraucht, das dahinter eher wie ein Fremdkörper wirkt. Threat of Joy, der jähe Abschluss-Song, kommt auch durchaus, womit das vermeintliche Konzept aufzugehen scheint, als Vertreter der Vergangenheit durch, denn der Song weist eine gewisse Schmiegsamkeit auf und hätte wohl auf jedem der bisherigen Strokes-Alben seinen Platz gefunden. Er lebt vor allem auf dem Zusammenspiel von Gesang und Schlagzeug, die hier wieder zueinander finden. Der Nebel aus Drag Queen verzieht sich in dem Song fast vollends zu einem Sonnendunst, der eine leichte Melancholie in einen Feel-Good-Sound legt. Ein klares Branding der Strokes, die ihre Diskographie nunmehr um drei vor allem soundtechnisch erfrischende Songs erweitern konnten.

Also: Das Badewasser stimmt schonmal, aber ob sich der Kauf wirklich lohnt, zeigt sich wohl erst im Nachhinein. Denn sollte der EP wirklich ein Album folgen, was nach Future Present Past mehr als wünschenswert wäre, reicht es vielleicht auch, das Geld für die EP erstmal aufzusparen und es später direkt in die LP zu stecken. Die Entscheidung zu buntem Vinyl und der 10-Inch-Sonderformatpresse diente wohl vor allem dazu, den drei Songs einen kostbaren Rahmen zu bauen und der 2013 versäumten Öffentlichkeitsarbeit diesmal mit allen Mitteln des Jahres 2016 entgegenzuwirken, welches ja neben der Neo-Vinyl-Ära ebenfalls das Jahr ist, in dem sich 23 Millionen Menschen gierig auf kurze Trailer stürzen. Einen limitierten Vinyl-Teaser für kommende Kostbarkeiten herauszubringen liegt also Strokes-untypischerweise voll im Trend.

Bloß ob ihrer kleinen Veröffentlichung wirklich noch eine große folgt, lässt sich mit Blick auf die Vergangenheit der Band auch nicht so richtig voraussagen. Es waren ja ebenfalls The Strokes, die Anfang der 2000er Albumspielzeiten wieder standardmäßig auf unter eine halbe Stunde drückten und, egal was im Festival-Timetable auch für eine Spielzeit steht, über Jahre hinweg niemals mehr als 12 Songs auf einem Konzert spielten. Sie sind stets für Überraschungen gut und meistens fallen diese zugunsten der Exklusivität ihrer Kunst aus, die sie wie eine Luxusmarke inszenieren. Am Weisesten wird es dann vielleicht doch sein, das Geld erstmal in die limitierte 10-Inch zu stecken, dann zum potenziellen Albumrelease gewinnbringend an eine Liebhaberin weiterverkaufen und davon die transparente Fanedition des Longplayers mit Hologrammen des Strokes-Logos und Julian Casablancas‘ neuer Frisur zu finanzieren.

Vielleicht gibt’s ja auch noch ein Schnapsglas und Postkarten-Set dazu, denkt ein Teil von mir. Mensch, was die mal wert sein wird …

Den Stream zur EP gibt’s auf jeden Fall hier.

Das neue Boys-Noize-Album – Mayday

Sein neues Album Mayday führt Boys Noize zurück zu seinen musikalischen Wurzeln. Und nimmt seine Hörerinnen gleich mit zu ihren.


Wenn ich heute meinen fast vergessenen iPod Mini (Farbe Gold) aus irgendeiner Kiste krame, findet sich da nicht so viel elektronische Musik. Ja, er funktioniert noch (2005), allerdings wie so viele Apple-Geräte nur, wenn man permanent das Ladekabel anschließt. Ich scrolle also durch die musikalischen Schätze und Sünden meines 15-jährigen Ichs und höre vor allem Rock, Pop und Soul. Ein bisschen TLC hier, ein wenig Arctic Monkeys dort. Aber ein paar wenige elektronische Tracks gibt es doch und ein Song war damals relativ lange – einen ganzen Sommer – in jeder meiner Playlists: „Young Love“ von Kid Alex. Damals wusste ich noch nicht, dass Kid Alex eigentlich zwei sind und der eine, Alexander Ridha, eigentlich Boys Noize.

Quelle: Vimeo

Ich muss zugeben, dass ich den Track heute noch ziemlich cool finde. Vielleicht liegt es an der Melancholie meiner Jugend. „I take you to a special place where the girls are topless, topless, topless…“ Also mein 15-jähriges Ich hätte sich sicher niemals topless irgendwo gesonnt und heute mit meinem von feministischer Denke geprägten Ich könnte frau natürlich diesen Songinhalt ziemlich auseinandernehmen, aber was soll’s. Ich kann mich nicht daran stoßen, denn irgendwie schwebt der Text auf eine Wolke der Unschuld. Alexander Ridha musste, so steht es zumindest bei Wikipedia, den Text selbst einsingen, weil die Sängerin nicht zum Aufnahmetermin erschienen sei. Welch ein Glück, denn diese unbeholfene Stimme macht das Ganze ganz unprätentiös.

Eigentlich soll ich hier über Ridhas also Boys Noizes neues Album schreiben. Mach ich jetzt auch. Heute gehört elektronische Musik nicht mehr zur Ausnahme meiner CD-Sammlung. Von Boys Noize stand aber bis vor ein paar Tage noch nichts im Regal. Ich setze mich etwas zerknautscht und immer noch müde an den Schreibtisch. Kopfhörer auf und starte das Album. „Mayday“, da muss ich zuerst an das Mayday-Festival für elektronische Musik denken, das Anfang 2000 unter anderem von WestBam organisiert wurde. Aber der Künstler wollte wohl eher auf den internationalen Notruf im Sprechfunk hindeuten. Ich stelle mir vor, wie Ridha am Fenster steht und durch ein Megafon ruft: Mayday, Mayday! Hört euch mein neues Album an und ihr werdet gerettet! Und tatsächlich, der erste Track weckt mich auf. Aus der trägen schwülen Sommermüdigkeit Berlins oder der Langeweile, die sich im Laufe eines Masters ab und zu mal einstellt. Ich bin auf einmal wach und wackele in meinem Sessel hin und her. „Overthrow“ ist eine ziemliche Sahneschnitte und gut platziert, als erster Track holt es die Hörerin direkt ab. Keine Kompromisse.

Ich mache mir Sternchen hinter die Tracks, die mir besonders gut gefallen und bis zur Hälfte werden es irgendwie immer mehr. Die Mischung aus Techno und House macht jeden Track tanzbar und sorgt für eine gewisse Klarheit. Nichts Verschnörkeltes, nicht zu viel. Die Beats sind hart und eindeutig. Das macht Spaß. Was man aber auch heraushört, sind Ridhas frühere Verbindungen zur Indie- und Punkszene. Es gibt da immer etwas Rotziges. Ein Element, das jeden Track kratzig und provokativ macht. Einige Titel erinnern mich an die experimentellen Rave Bewegungen der 90er und 00er Jahre. In der zweiten Hälfte der 13 Tracks sind auch ein paar dabei, die mir teilweise zu einseitig sind. Aber das kann mensch durchaus verschmerzen. In „Midnight“ meine ich wieder Ridhas Stimme zu hören, hat er sich doch noch mal getraut, selbst zu singen?

Boys Noize aka. Alexander Ridha hat eine interessante Mischung aus Techno, House und Rockelementen produziert, die nicht super innovativ ist, aber eben durch die Verweise in die 90er und 00er Jahre einem Genre in der elektronischen Clubmusik huldig, das sich damals Uneindeutigkeit und Grenzgängertum auf die Fahne geschrieben hatte. Auf jeden Fall finde ich in 20 Jahren auf meinem Mp3-Player von heute den besten Track: „Euphoria“.
„Mayday, mayday macht, was euch gefällt“, höre ich Ridha durch sein Megafon rufen.

Quelle: YouTube

Quelle Titelbild: boysnoizerecords.com

#Trümmer #Interzone #Google #Diskurspop

Was passiert eigentlich mit dem guten alten Diskurspop, wenn ein Teil des Pop-Diskurses gar nicht mehr für Menschen schreibt, sondern für Algorithmen? Das neue Trümmer-Album Interzone für seinen Teil klingt, als würde der Online-Journalismus wieder von der Musik aus zurückschwappen, die er beschreibt, und rechnet auf subtile Weise brutal mit seinen Kritiker٭innen ab.


Als Trümmer die Interzone betraten, kam das bisher spannendste deutschsprachige Indie-Album dieses Jahres dabei heraus. Es ist weder subversiv noch eskapistisch, geht aber mit Bestimmtheit in eine Richtung, die Trümmer schon vor ein paar Jahren eingeschlagen haben. Wie auf ihrem selftitled-Debüt Trümmer setzen sie dabei vor allem auf eines: intuitive Texte. Teilweise so intuitiv, dass es weh tut. Musikalisch hingegen lösen sie, mittlerweile zu viert, das Versprechen ihrer ersten Platte ein und klingen gereift und besonnener. So zusammengewürfelt, wie ihre Bandmitglieder wirken, ist auch ihre gemeinsame Musik schwer zu fassen, da sie in einigen Teilen sehr originär ist, in anderen doch auch jede Menge abruft. Vielleicht lässt sich zunächst über das Erbe, das Trümmer antreten, ein Zugang zur Platte gewinnen.

Die diskursive Hamburg-Tradition

Bisweilen wird die Band ja der Hamburger Schule zugeordnet, was sie selbst schon aufgrund des Generationsunterschieds zurückweisen. Denn Hamburger Schule, das waren doch ein paar Bands der 90er und 2000er, eine offene Gemeinschaft von Sängern, denen das Geschichtenerzählen und Kodieren von Inhalten wichtiger ist als ihr Gesangsstil, umgeben von ein paar Musikern, die gern britische Bands aus den 80ern hören, ihre Einflüsse musikalisch nachvollziehen wollen und dabei in neue Kontexte transportieren. Oftmals kommt dabei Musik heraus, die sich selbst verortet, sei es musikalisch durch übertragene Motive und Sounds, oder textlich, wenn sich Motive zu Slogans bündeln, die eine bestimmte Szene ansprechen sollen und die Musik so selbst zum Teil der Szene werden lässt. Viele der Bands liefern die kulturelle Einordnung ihrer Musik gleich in derselben mit, was die diskursiven Tendenzen des Genres ausmacht und sie oftmals bei Kritiker٭innen aufgrund der offenen Kommunikation gut wegkommen lässt.

Dass Hamburger Schule und Diskurspop überhaupt noch Maßstäbe sind, nach denen eine junge Band wie Trümmer bewertet wird, haben sie sich großteils selbst zuzuschreiben, nicht nur, weil sie in Hamburg wohnen. Bereits der Titel ihrer Platte Interzone ist diskursiv und wurde von der gleichnamigen Kurzgeschichtensammlung von William S. Burroughs übernommen, der ja bereits zu Lebzeiten eine Ikone der Popkultur war. Auch ihr Sound, der sich immer wieder zu einem melancholischen Gitarrenpop-Tanz öffnet, kommt sicher auch nicht vor 80er-Bands wie Joy Division und Sonic Youth zurück. Aber Trümmer nehmen die Richtung, aus der sie kommen, auch mit auf völlig neue Wege. Es ist fraglich, ob Joy Division sich mit ihrem Erbe anfreunden könnten, unfraglich ist jedoch, dass sie auf Interzone einmal mehr in einen neuen Zeitgeist geworfen werden. Denn entgegen der Hamburger Tradition setzen Trümmer keineswegs auf kryptische Ausdrücke oder Slogans. Sie begegnen den immer gleichen Themen der Popkultur auf andere Weise und markieren dabei eine Veränderung der Sprache, die so seltsam vertraut ist, obwohl sie dem Deutsch-Indie bisher weitgehend fremd war.

Zertrümmerte Texte?

Die reflexive Verortung geschieht bei Trümmer assoziativer. Sie saugen bestimmte Themengebiete auf, formen sie jedoch nicht zu Slogans, sondern übernehmen eher die damit verbundenen Wortfelder und formen sie zu Stimmungsbildern. Dabei entstehen teilweise schrille Collagen, in denen es kein Narrativ ist, das unterschiedliche Ausdrücke miteinander verbindet, sondern manchmal vielleicht einfach bloß ihr Klang. Ein Beispiel ist Nitroglyzerin:

Mein Herz pocht schneller, schneller
Wir sind somewhere in between
Die Sterne leuchten heller, heller,
Wir sind Nitroglyzerin

Unsere Augen sind wie schwarze Teller
Die Welt ist schnell, doch wir sind viel viel schneller
Alles ist so verdammt komplex,
Komm wir machen lieber Love

Trümmer – Nitroglyzerin

Quelle: YouTube

Trümmer fassen in ihren Texten einen gewissen Mut zur Direktheit, der es schafft, diverse Themen abzudecken, ohne sie wirklich jemals anzusprechen. Sie richten die Aufmerksamkeit weg von den Gesamtkontexten hin zu einzelnen Phrasen und Wörtern. Was dabei auf der Strecke bleibt, sind solche veralteten Spielereien wie strukturierte Versmaße, abwechslungsreiche Reimschemen und 98 Prozent des Rhetorische-Mittel-Repertoires. Ihre Texte bilden teilweise eher ein fast panisches Gehangel zwischen Wörtern, die sie interessant finden. Die resultierenden Melodien sind flüchtige Erscheinungen. Bereits auf ihrem Debütalbum hat das brutale Ausmaße angenommen:

Ich singe ein Lied und es handelt von uns
Eine Melodie, die niemals verstummt
Wir verlassen den Alltag und das falsche Spektakel
Denn wir sind viel schöner als das ganze Debakel

Die Türen und Fenster öffnen sich
Und die Morgensonne fällt auf dein Gesicht
Wir verlangen vom Leben, dass es uns gehört
Und wir fangen einfach auf, was in der Luft rumschwirrt.

Trümmer – Morgensonne

Interessante Wortfelder werden hier leer aneinandergereiht und finden assoziativ zueinander (Alltag-Falschheit // Spektakel-Schönheit // Ganzheit-Debakel // Leben-Einfachheit), womit der Text sehr wohl Gefühle transportieren oder Bilder auslösen kann. Aber die Schlagwörter wie „Spektakel“ und „Debakel“ scheinen doch eher ihres ähnlichen Klanges als ihrer Bedeutung wegen ihren Weg in den Text gefunden zu haben. Und als Freund der nunmehr alt wirkenden Hamburger Schule hat man wirklich eine schlechte Zeit auf den Konzerten. „Er hat Spektakel ins Mikro gebrüllt. Jetzt nuschelt er etwas. Bitte jetzt nicht Debakel brüllen. Nicht Debakel. O, Debakel, natürlich. Sich – Gesicht. Cool.“

Gleich der Eröffnungstrack von Interzone setzt diese Form des Songwritings fort:

Wir sind die Kinder, vor denen uns die Eltern warnten
Wir explodieren in den allerschönsten Farben
Wir sind die Kinder, vor denen uns die Eltern warnten
Und wir eskalieren in den allerschönsten Phasen

Trümmer – Wir explodieren

Der Text ist nicht nur assoziativ oder intuitiv, sondern naiv, aber auch mutig: Denn aus Liebe zur Schönheit des Wortes wird die Hässlichkeit des Textes in Kauf genommen. Nicht, dass Bands wie Element of Crime oder Tomte für saubere Reime stehen. Aber woran es bei Trümmer fehlt, ist die Ironie. Da steht kein alter weiser Mann mit nordischem Akzent und einer Trompete unter dem Arm auf der Bühne, von dem schon drei Romane erschienen sind – einer, bei dem man, wenn er etwas nicht kann, denkt, er will es bloß nicht. Sondern ein enthusiastischer Marty McFly-Verschnitt, der mit seinem selbstbewussten Auftritt vielmehr eine Art Welpenschutz geltend zu machen scheint. Trümmers Frontmann Paul Pötsch erreicht seine Präsenz nicht durch Charisma, sondern durch Enthusiasmus. Seine Entschlossenheit, die er mit seinen drei Mitmusikern teilt, baut den Texten einen so stringenten Rahmen, dass man sich fragen könnte, ob die Band hier wirklich schlicht so kühn ist, schlechte Songtexte als bewusstes Stilmittel einzusetzen. Sie könnten doch vielleicht besser auf Englisch singen, wenn sie nichts zu sagen haben, möchte man ihnen raten. Aber so simpel ist es auch wieder nicht.

Sie haben nicht nichts zu sagen, sondern suchen bloß in einem weitgehend ins Abstrakte entglittenen Genre nach neuen Ausdrucksformen, und die finden sich dort, wo Popkultur momentan vor allem stattfindet: in Sozialen Medien. Damit schaffen sie es, gerade noch von alten Freund٭innen der Hamburger Schule verstanden zu werden, aber lassen diese sich auch ziemlich alt und konservativ fühlen, da denen der Zugang zu einem Verständnis fehlt, warum man diese Sprache in Songtexten benutzen sollte. Aber sie schaffen vor allem auch einem neuen Publikum Zugang. Und ein Gutes hat dieses schlagwortbasiertes Schreiben ja ganz augenscheinlich. Es vereinfacht die Öffentlichkeitsarbeit. Da reicht dann ein Facebook-Post mit dem Inhalt „euphorie + pisse = amore“ und jede٭r weiß Bescheid, was passiert – zumindest alle, Bescheid wissen sollen.

Quelle: Facebook

Sie verorten sich damit nicht bloß nur in einer fast schon nostalgisch wirkenden Kultur von Freund٭innen melancholischen Indie-Rocks, sondern auf der Höhe der Social-Media-Kultur, die momentan den gesellschaftlichen wie medialen popkulturellen Alltag bestimmt. Apropros Öffentlichkeitsarbeit: Ziemlich aufschlussreich an der neuen Platte ja auch der Meta-Track Grüße aus der Interzone, in dem sich die Problematik des guten Lebens auftut, das weder darin zu liegen scheint, endlich den verpassten Anschluss an die Leistungsgesellschaft zu finden („Das Leben ist ein Spiel // Ich hab leider verloren“), noch darin liegen kann, endgültig abzurutschen („Ich hab leider keine Zeit // Verzweifelt zu sein“). Gesucht wird eine neue Sphäre zwischen beiden Extremen, ein Raum zwischen anbiedern und aufgeben. Wer könnte diese Problematik glaubhafter vortragen als eine junge Band, die momentan ja einiges auf die Kunst setzt? Gefunden wird dieser Zufluchtsort in: einer Kneipe.

Was im Song nach einer unbestimmten transzendentalen Ausflucht klingt („Ich schick dir Grüße aus der Interzone“), wird mit etwas Kontextwissen ziemlich konkret und profan. Denn Trümmer haben im Zuge ihres Album-Releases tatsächlich eine Kneipe eröffnet – die Interzone-Bar, die das Hamburger Nachtleben in den letzten Tagen direkt mal um eine Konzertreihe bereichert hat. Wird nun in der Kneipe das Album oder im Album die Kneipe promotet? Auch wenn es ohne Frage ein guter Song ist, scheinen die mit ihm verfolgten Interessen außerhalb der Musik zu liegen. Ihr eigenes Konzert am Release-Tag der Platte war sogar live bei Facebook verfolgbar. Interzone in der Interzone. Das vieldimensionale simultane Kunstwerk im Jahr 2016.

Quelle: Youtube

Das Spiel mit den Erzählebenen setzt sich auf dem Album auch an anderen Stellen fort. Europa Mega Monster Rave etwa klingt erstmal nach Tokio Hotel. Nicht nur der Titel. Infantil, inhaltlich überwunden geglaubt, aber seltsam entschlossen. Der Song bedient in seinen Strophen ein paar subversive Wortfelder, drückt aber, sobald er auf den Refrain abbiegt nicht viel aus außer, dass man zu ihm sicher gut pogen kann. Aber er ist von äußeren Bedingungen eingeklammert, ist er doch der Rock-Oper Vincent entnommen, die Trümmer letztes Jahr für ein Engagement im Berliner Haus der Kulturen der Welt komponiert hatten. Dadurch wird es zum Stück im Stück und drückt vielleicht etwas für die Dramatik des Stücks Relevantes aus, das im Transfer verloren ging. Prallt also sämtliche Kritik an ihm ab? Müsste ich erst Vincent kennen, um das Europa Mega Monster Rave bewerten zu können? Aber wenn sie es nun auf der Platte präsentieren, stellen sie es doch selbst außerhalb des Erzählkontextes.

Heißt das, ich darf es auch für sich alleinstehend kritisieren? Aber müsste ich das nicht ohnehin selbst entscheiden dürfen? Und ist ein Tokio-Hotel-Vergleich eigentlich eine Beleidigung? Das ist doch schlagwortbasiertes Songwriting at it’s best. Und vielleicht macht der Song Trümmer ja international erfolgreich. Im Plattenkontext wirkt er dennoch eher störend und gibt zumindest einem seiner Hörer das Gefühl, nicht für ihn geschrieben worden zu sein. Dass die Texte an anderen Stellen eher eindimensional erscheinen, tut diesem Höreindruck keinen Abbruch, denn manche expliziten Verortungen fallen doch eher plump aus:

Lass uns unsterblich werden, bevor wir sterben,
Wie Rio Reiser von den Scherben

Trümmer – Nitroglyzerin

Die gesamten Texte der Platte erinnern an suchmaschinenoptimierte Texte, bei denen virales Potenzial wichtiger als Lesbarkeit ist, die aber eben auch nicht ganz an einer potenziellen menschlichen Leserschaft vorbeigeschrieben sein sollten. Wenn Trümmer sich textlich auf die Sprache der Onlinemedien einlassen, stellt sich die Frage, wie es denn um das Sprachniveau in Onlinemedien steht? Dass dieser Artikel digital veröffentlicht wird, erlaubt eine Introspektion.

Der SEO-Turn

Nach dem prägnanten Teaser, der alles andeutet und nichts aussagt und vielleicht für den Klick auf diesen Artikel verantwortlich ist, tauchte im ersten Textabsatz dieses Textes viermal das Wort Trümmer auf, weil dem Verfasser selbiges von einem SEO-Tool empfohlen wurde, das mit eigenen Algorithmen die Algorithmen von Suchmaschinen berechnet. Damit Google weiß, dass es in diesem Artikel um die Band Trümmer geht und dieser Text in all seiner Seltsamkeit möglichst weit oben erscheint, wenn jemand was über Trümmer und Interzone lesen will. Außerdem tauchen die Begriffe „subversiv“ und „eskapistisch“ auf, die gemeinsam die Skala bilden, auf der momentan fast alle Bands bewertet werden, die jedoch im Falle Trümmers im Grunde keine Rolle spielen. Aber sollte jemand einen der Begriffe zusammen mit Trümmer googeln, ist dieser Artikel hoffentlich am Start. Leser٭in und Verfasser werden also schon rein sprachlich durch zwei Algorithmenmaschinen voneinander getrennt. Vielleicht ist diese Textstelle ja sogar noch weit genug oben, um eine Schlagwortblase mit beliebten falschen Schreibweisen des Bandnamen zu präsentieren, damit auch hastig tippenden Leser٭innen diese Seite nicht verwehrt bleibt.

Trümer, Truemmer, Trmümer, Türmmer, Trümme, Rtümmer.

Und „Trümmre“ (persönlicher Favorit) nicht zu vergessen. Wobei solche Schlagwortblasen bei Leser٭innen schon wieder als relativ störend empfunden werden und man sie sich ja nicht dauerhaft vergraulen will. Ständige Wiederholungen von Schlüsselworten sind da subtiler. Die Einleitung las sich doch fast, als wäre sie für Menschen geschrieben. Je weiter nach unten dieser Text nun fortschreitet, desto egaler werden die Algorithmen. So richtig wichtig sind sie ohnehin nicht, da sich dieser Artikel sich auf einer nach wie vor non-kommerziellen Freizeitseite befindet.

Wichtig für das Ranking sind auch Schlagworte in Zwischenüberschriften. Trümmer. Interzone. Scheiße.

Romantisch fällt der Blick zurück auf die Zeit, als Artikel noch von Menschen für Menschen geschrieben wurden, falls es diese idealisierte Kommunikationsform jemals gab. Herrscht hier nun ein Sprachverfall vor? Die Sprache hat an Direktheit und Unabhängigkeit eingebüßt. Wer beides beim Schreiben für Ideale hält, macht sich in digitalen Zeiten auch schnell unabhängig vom Publikum, das buchstäblich keinen Zugang mehr findet. Herrscht denn umgekehrt ein Fortschritt vor? Es scheint doch eine Errungenschaft der Sprache zu sein, aus sich selbst heraus die Reichweite der vermittelten Information festzulegen. Schade ist bloß, dass sie dazu auf einen kommerziellen und undurchsichtigen Apparat zurückgreifen muss, der selbst außerhalb der Sprache steht.

Zusätzliche Mittlungsapparate mit eigenen sprachlichen Gesetzen bilden die Sozialen Netzwerke. Facebook etwa ist selbst für Slogans zu schnell geworden, sondern machte erst den pictorial-, dann den Emoji-Turn mit, um immer multimedialere Ausdrucksformen anbieten und bedienen zu können. Eine Herausforderung des Online-Journalismus ist es ohne Frage, immer aktuell zu sein, und oftmals schon zum finanziellen Selbsterhalt auf die aktuellen Schlagwörter und Hashtags zu ranken, also auf die sich massiv verbreitenden Sprachwandel des Internets zu reagieren, ohne die Stammleserschaft zu vergraulen, was oftmals zu sarkastischen Facebookposts führt, die offen für verschiedene Lesarten sind. Denn im Facebook eine Rolle spielen zu wollen, bedeutet schon, selbst bei der Popkultur mitmachen zu müssen. Durch ein ironisierendes Aufgreifen von Jugendbegriffen in Posts oder Artikeln werden diese nur umso mehr verbreitet. Dieses Dilemma der Popkulturkritiker٭innen hauen ihnen Trümmer, auf die schon aus Zwecken der Suchmaschinenfreundlichkeit mal wieder zurückgekommen werden sollte, nun um die Ohren, wenn sie so etwas singen wie:

Wir sind Dandys im Nebel
Keiner weiß, was wir tun
Wir sind Dandys im Nebel
Wir haben den Swag im Blut

Trümmer – Dandys im Nebel

Wie die einen sich verpflichten, die selbstverständliche Verwendung bestimmter nicht-ignorierbarer Phrasen durch Ironisierung zumindest ein Stückweit kritisch betrachten zu können, während sie selbst in der Popkultur gefangen sind, verpflichten Trümmer sich, es wieder ernst zu meinen. Dandys im Nebel ist ein melancholischer Song. Denn sie sind eben der nicht-ironische Teil der Popkultur, über die die anderen schreiben. Und Diskurspop verortet sich nunmal selbst.

Aus der immer stärkeren Vereinsamung der٭des Lesenden zwischen den Maschinen des Internets wird bei Trümmer eine Einsamkeit der٭des Hörerenden im offenen Verbund unzusammengehöriger Phrasen. Es ist nicht nur die vierte Wand der Rock-Oper, die einen Zugang zum Europa Mega Monster Rave erschwert. Die Wand liegt eher in der vermittelnden Distanz einer in sich selbst bereits digitalisierten Kommunikation und in der Herausforderung, zum Erschließen der Texte mit der Geschwindigkeit von Social-Media-Trends mithalten können zu müssen und zu wollen, was Trümmer selbst nur auf Kosten sinnvoller Textstrukturen gelingt. Die alte Herausforderung des Diskurspops, sich über die Musik hinaus umfassend mit der Popkultur beschäftigen zu müssen, um mitzuhalten, erreicht hier eine neue Dimension.

Vom Wesen eines Popsongs

Nun könnte man Trümmer womöglich vorwerfen, mit der Art, wie sie Texte schreiben, ein wesentliches Element ihres Genre zu zerstören, nämlich die Errungenschaften der poetischen Tradition. Aber liegt darin wirklich ihr Wesen? Die Bands der Hamburger Schule haben den Eindruck erweckt, es ginge nur um Texte bei dem Ganzen. Und ihre Texte waren so einnehmend, dass bisweilen kaum noch auffiel, was um sie herum passiert. Dass Kettcar musikalisch dem Mainstreampop gar nicht so fern sind wie ihre Texte vermuten lassen. Dass Tomte fast immer dieselben Sounds benutzen und ihre Songs nachlässig arrangiert und produziert sind. Dass Tocotronic sich überhaupt erst auf ihre alten Tage Gedanken über ihren Sound gemacht zu haben scheinen und man auf frühen Konzerten Glück haben musste, um ihre Texte überhaupt zu verstehen.

Denn so provokant sie sind, sind Trümmers Texte doch nicht so einnehmend, dass sie darüber hinwegtäuschen könnten, dass bei Interzone ebenfalls eine musikalisch anspruchsvolle und sorgfältig aufgenommene Platte herausgekommen ist. Zwei rifffreudige Gitarristen, ein versierter Schlagzeuger, ein Bassist mit Sinn für Melodien schaffen einen dezenten, funkigen Post-Pop bis Post-Punk, der zu jedem Zeitpunkt hinter den zwar aufwühlenden, aber doch nicht allzu prägnanten Texten voluminös durchdringt. Es stellt sich die Frage, ob sie damit nicht wieder bei einer ursprünglicheren Version ihres Genres ankommen. Ihre Texte sind da allenfalls ein untermalendes Element, das teilweise alles gefährdet und zu Kitsch auflöst, aber dieselben Texte sind es eben auch, welche Trümmers an und für sich zeitlosen Sound mitten in den Zeitgeist schleudert und aus Interzone ein mehr als aktuelles, vielleicht wegweisendes Indie-Album macht. Wenn es im Jahr 2016 noch aktuellen deutschsprachigen Diskurspop gibt, dann machen Trümmer ihn.

Titelbild: © Alexandra Kinga Fekete

AnnenMay­Kantereit. Die neue Naivität

Komisch, wie schnell man sich an diesen merkwürdigen Bandnamen gewöhnt hat. Aber AnnenMayKantereit geben in der Popkultur momentan nunmal den Takt an. Etwas machen sie richtig. Warum steht bei ihren aktuellen Konzerten dennoch so viel auf dem Spiel? Und wenn sie sich ihre eigene Nische geschaffen haben – warum gelingt es ihnen immer weniger, sie auszufüllen?


Freitag im Tempodrom

Der rote T3-Bulli, mit dem sie schon so viele Konzertreisen bestritten haben, muss im Moment viel hin- und herfahren, wenn er allein die aktuelle Tour von AnnenMayKantereit meistern muss. Da wollen plötzlich so große Hallen wie das Kölner Palladium, der Ringlokschuppen in Bielefeld oder die Hamburger Große Freiheit 36 beschallt und beleuchtet werden, dass man nur hoffen kann, er hat hochtourige Unterstützung. Am Freitag gaben die Herren aus Köln den ersten ihrer bislang drei angekündigten Berlin-Auftritte dieses Jahres, und bespielten erstmals das Tempodrom. Und obwohl das Konzert – wie alle anderen angekündigten Konzerte – innerhalb kürzester Zeit ausverkauft war, war es für AnnenMayKantereit ein Wagnis, dort aufzutreten. Denn mit Klubs oder Straßenshows hat die Atmosphäre in der Winterresidenz des Circus Roncalli nicht mehr viel zu tun.

Eine Veränderung der Räume verändert die Ansprüche an ein Konzert und zwingt Bands, sich neu zu erfinden, Shows zu entwickeln – ein Anspruch, dem AnnenMayKantereit mit Trotz begegnen und den zu erfüllen sie gar keine Zeit haben. Denn den Sprung vom Lido oder SO36 haben schon einige Bands geschafft, aber nicht in diesem Tempo. Der Auftritt im SO36 war erst im September, dazwischen lagen diverse Fernsehauftritte und eine Zirkuszelt-Tour. Und das nächste Konzert im Tempodrom ist auch schon im Mai. Der momentane Hype um die Kölner Band ist ohne Frage beispiellos. Seit Kurzem ist dann auch noch das heiß ersehnte Album Alles Nix Konkretes draußen, und kleinere Läden zu bespielen, ergibt ja irgendwie keinen Sinn, wenn man auch die großen vollkriegt. Warum AnnenMayKantereit am 1. April 2016 auf der Bühne des Tempodroms stehen, ist völlig klar. Weil sie’s können. Interessanter ist doch die Frage, warum alle anderen da sind?

Warum dieser Hype?

Denn wären AnnenMayKantereit bloß eine kitschige kleine Teenie-Popband, auf die sie einige Kritiker٭innen reduzieren möchten, wäre ihr Publikum nicht so wild gemischt. Und mit der unersättlichen Sehnsucht des deutschen Publikums nach Männern mit merkwürdigen Stimmen, die schon Lindenberg und Grönemeyer zu Marken machte, lässt sich der Erfolg auch nicht vollends erklären. Obwohl beide Ansätze natürlich helfen. Denn jedes Wort, das die Bandmitglieder am Freitag zwischen den Songs sagten, ertrank in Beifall, so als wäre jede ihrer Bewegungen Popkultur. Selbst ihr Tour- und Session-Trompeter, der ein Freund der Band zu sein scheint und gerade im Abi steckt, löste mit seinen zwei kurzen Bühnenauftritten in einem Teil des Publikums Sprechchöre und in einem anderen das Gefühl aus, man würde etwas verpassen, obwohl man doch die ganze Zeit mit dabei ist. Und eine besondere Stimme hat dieser Henning May ja.

Quelle: YouTube

Warum aber schlagen sie so ein? Sie werden ja oft als Klassensprecher einer Generation bezeichnet, was natürlich die Berichterstattung über diese vermeintliche Generation deutlich vereinfacht, lässt sie sich doch vollständig über die zwölf bisher veröffentlichten Songs einer jungen Band charakterisieren. Das erspart aufwendige empirische Erhebungen, weshalb Daniel Gerhardt in der Zeit zu dem fast freudigen Schluss über AnnenMayKantereit gelangt:

„Eine Band für die Nachfahren der Generation Y, die genauso desinteressiert und unpolitisch sind wie ihre Wegbereiter, sich aber nicht mehr dafür schämen.“

Quelle: Zeit Online

Was Gerhardt „Generation“ nennt, ist vielleicht mit dem sich schrittweise verschiebenden Zeitgeist der immer selben sowie nachkommenden Personen verschiedenen Alters mit ähnlichen kulturellen Interessen besser beschrieben, unter die sowohl der Konsum von Indie-Rock als auch der von feuilletonistischen Inhalten fallen. Ist nur nicht so catchy. Von den Vorurteilen wie Alter und Kleidung ausgehend war im Tempodrom jene vermeintliche Generation Z, also junge Leute mit Turnbeuteln und Beanies stark vertreten, was allerdings nicht heißt, dass sie unpolitisch sind, sondern vielleicht bloß, dass sie ab und zu gern einen guten Abend haben möchten. AnnenMayKantereit selbst ist übrigens auch keine unpolitische Band, wie nicht nur die „Kein Mensch ist illegal“-Aufdrucke auf jeder Eintrittskarte oder Henning Mays Feature auf dem letzten K.I.Z.-Album Hurra, diese Welt geht unter zeigen. Nur reicht ihr Engagement nicht in ihre Musik selbst, die eben auf einer anderen Ebene spielt.

Der Mikrokosmos AnnenMayKantereit

Denn so richtig viel zu sagen hat Henning May, die vermeintliche Stimme seiner Generation, ja gar nicht. Irgendwann möchte er das WG-Leben hinter sich lassen und mit seiner Freundin (in spe) in einer Altbauwohnung wohnen. Bis dahin raucht er gerne und trinkt Bier mit Freunden. Ansonsten umkreisen die Texte AnnenMayKantereits fast ausschließlich privilegierte Anfang-20er-Probleme wie private Neubeginne, Trennungen, Aufbrüche oder Orientierungslosigkeit, und schaffen ihnen ein Denkmal. Aus Neon-Magazin-Themen á la „Ich bin zum Studium eine Stadt weiter gezogen. Ist mein Elternhaus jetzt noch mein Zuhause?“ wird im Song Oft Gefragt, der Henning Mays Vater gewidmet ist: „Du warst allein zu Haus, hast mich vermisst und dich gefragt, was du noch für mich bist. Zu Hause bist immer nur Du.“ – eine relativ simple, glaubwürdige Antwort auf die Frage.

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Textlich am interessantesten ist vielleicht noch der Song Pocahontas, der klingt, als würde er in einer warmen Sommernacht vor dem Balkon einer Exfreundin vorgetragen. Er fängt die Verspieltheit in engen zwischenmenschlichen Beziehungen ein, die sich in merkwürdigen Kosenamen ausdrückt, und der damit die Größe der Details markiert, die mit einer Trennung verloren gehen können. Eine Ode an das Unverfängliche, die zwar einen Filmvergleich aufmacht, doch inhaltlich eher an Maren Ades Alle anderen als an Disney’s Pocahontas erinnert.

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Alles Nix Konkretes ist übrigens ein ziemlich gut gewählter Albumtitel, der zwar willkürlich gewählt daherkommt, gleichzeitig jedoch ein wesentliches Erfolgsgeheimnis der Band birgt: Sie bieten Unmengen an Projektionsfläche. All ihre Songs strotzen vor Übertragbarkeit. Denn den 4000 Menschen im Tempodrom scheint nicht viel gemein zu sein, so willkürlich durcheinandergewürfelt wie sie wirken. Sie unter einem gemeinsamen Generationsbegriff fassen zu wollen, erscheint von vornherein sinnlos. Aber nahezu alle sollten sich in irgendeiner Phase ihres Lebens einmal mit den von Henning May besungenen Problemen auseinandergesetzt haben, die von außen wie Luxusprobleme wirken, aber im Detail doch ziemlich konkrete Ausmaße einnehmen können. Die Vorstellrunde des Konzerts hätte also genauso gut so laufen können:

„Hallo, ich bin Henning. Wir leben in schwierigen Zeiten, aber auch ich habe Probleme. Ich traue mich, sie anzusprechen, denn alles, was ich sage, klingt cool.“ –„Hallo Henning.“

Das Wagnis, zu wachsen

Die israelische Indie-Folk-Band Lola Marsh zeigte als Support-Act, wie man dem Tempodrom künstlerisch begegnen kann, und stellten ihm ein prägnantes Set ihrer episch-theatralischen Songs entgegen. Das wurde zwar dankbar angenommen, aber so richtig klar wurde nicht, warum sie AnnenMayKantereit begleiten, denn das Hauptkonzert, auf das sie einstimmen sollten, ist doch eher als Gegenentwurf zum Theatralischen angesetzt, und sollte ja bloß die unverstellte Weiterentwicklung einer ehemaligen Schüler- und Straßenband auf die nächste Stufe heben. Auf dieser gibt es zwar eine professionelle Lichtshow und ein paar Leute, die hauptberuflich im Dienste des perfekten Sounds stehen. AnnenMayKantereit selbst könnten hingegen denselben Auftritt schon vor drei Jahren auf der Kölner Domplatte gegeben haben. Doch es ist eben diese vermeintliche Naivität, mit der sie ihrem Publikum gegenüberstehen, die im Tempodrom und angesichts des Produktionsaufwands der Tour plötzlich inszeniert wirkt. Klar hat man mit Anfang 20 seinen Klamottenstil noch nicht so ganz gefunden, aber auf einer ausverkauften Hallentour und mit einem Majorlabel im Nacken findet sich doch sicher jemand, der einem Klamotten rauslegt. Da wirken die Schluffhosen und Ballon-T-Shirts, die sie wahrscheinlich wirklich jeden Tag tragen, plötzlich gegenüber dem Anlass wie ein Kostüm, und die Holprigkeit der Bühnenshow wie ein nostalgischer Nachklang auf die Straßenband, die sie mal waren.

Und das oben beschriebene Wagnis, ohne viel Aufsehens das Tempodrom zu bespielen, wurde tatsächlich nicht immer belohnt. Zwar sind sie musikalisch so einnehmend, dass die langen und mit unbeholfenen Ansagen gespickten Pausen nach jedem Song, zu Beginn des nächsten schon wieder vergessen waren. Doch die veränderte Atmosphäre verändert auch die Songs. 3. Stock („Ich will mit dir in einer Altbauwohnung wohnen – zwei Zimmer, Küche, Bad und ein kleiner Balkon“) etwa ist ein perfekter Song für Mixtapes oder einen Rotwein in der Badewanne. Aber im Tempodrom erzeugte er aus dem Nichts eine Kirchtags-Atmosphäre. Durch den Hall der Kuppel wollte plötzlich jeder mit jedem in einer Altbauwohnung wohnen. Und morgens auch mal Brötchen holen. Da war sie plötzlich, die Scham. Auch ein paar verstaubte Coversongs wie das umarrangierte Sunny von Bobby Hebb, das sie, so der Mythos, von ihrem ersten Konzert an über jedes weitere begleitet hat, betont doch vor allem einmal mehr die besondere Stimme ihres Sängers, und soll diese einem Publikum vorstellen, das sie längst kennt. Darüber hinaus sagt das Lied nichts aus. Vielleicht spielen sie es einfach gern, aber irgendwann kommt ein Set nicht mehr drumherum, sich zu entwickeln, und es wird spannend sein, zu sehen, wie sie weitermachen. Denn die authentischen kleinen Straßenmusiker wird man ihnen bald nicht mehr abnehmen. Auch wenn sie bis dahin noch vor vielen tausend Menschen spielen werden.

Alles auf Null – die Macht des Moses Schneider

Langsam, aber sicher, geraten AnnenMayKantereit in ein Image-Problem, und zwar aus dem einfachen Grund, dass ihre Karriere schneller abläuft, als es vorgesehen ist. Die Do-It-Yourself-Indie-Sensation der letzten zwei Jahre ist immerhin mittlerweile bei Universal, und für ihr Album stand als Produzent niemand Geringeres als der große Moses Schneider in der Pflicht, der doch eine gewisse Verantwortung am Sound deutscher Bands der letzten eineinhalb Jahrzehnte trägt. Diese Wahl ist für das Album eine glückliche Fügung, in der jedoch auch Kalkül mitschwingt, ist Schneider doch vor allem bekannt dafür, die Live-Qualitäten der Bands, die er produziert, auf Tonträger zu bekommen. Aber wenn man die Wahl hat, warum sollte man sein Debütalbum auch nicht kalkulieren? Die Erwartungen an das Album waren immerhin enorm.

Vielleicht lässt sich die Bedeutung AnnenMayKantereits anhand der Figur Moses Schneider verstehen – hat dieser doch mit dem Diskursrock Tocotronics und dem Fragmentpunk Turbostaats zwei der literarisch anspruchsvollsten deutschen Bands über ihre wichtigsten Alben hinweg begleitet, gleichzeitig jedoch auch SEEED und den Beatsteaks zu ihren individuellen Sounds und internationaler Relevanz verholfen. Gegen diese vier Bands wirken AnnenMayKantereit auf allen Ebenen wie eine Auf-Null-Setzung. Komplexe Texte weichen deutlichen Phrasen, in denen die Kommunikationssituation meist innerhalb weniger Verse klar wird, in der es keinen abstrakten Erzähler gibt sondern immer Henning May ist, der irgendeine Person aus seinem nahen Umfeld besingt. Auch die musikalischen Elemente sind auf das ursprüngliche, straßentaugliche Ensemble begrenzt, und die ohne Frage gekonnten Westerngitarrenriffs, auf denen die meisten Songs aufbauen, sind am Ende doch auch bloß eine geschickt transportierte Kontemporsaliserung bekannter Folk-Dynamiken. Am Ende klingt das Album gar unproduziert, dafür aber ziemlich professionell. Also so, wie es klingen sollte, möchte man denken.

Henning May findet Freitag in einer Ansage auch für Schneider, der selbst ein paar der Songs des Albums mitgeschrieben hat, treffliche Worte, beschreibt seine Wirkung auf die Band als die Meister Yodas auf ein paar unerfahrene Padawans. Denn als solche haben sie momentan die besten Voraussetzungen, nicht der dunklen Mainstream-Seite des Musikgeschäfts zu verfallen. Aber der Weg eines jeden jungen Padawans, oder, um den Vergleich aufzulösen, einer jeden jungen Hype-Band, ist völlig offen. Das wissen wir nicht erst seit Star Wars: Episode VII und den Arctic Monkeys.

AnnenMayKantereit machen die Musik, auf die sie Lust haben, verstellen sich nicht und scheuen sich nicht, Gefühle zu zeigen, da ihr markanter Gesang bisher noch jede kitschige Passage wettgemacht hat. Sie schreiben die meisten Texte gemeinsam und brauchen dazu keine komplizierten Rollen zu erfinden oder ein intertextuelles Geflecht zu entwerfen. Denn das Alleinstellungsmerkmal bringt ihr Sänger ja von vornherein mit, und genießt die Freiheit, über alles singen zu können, was ihn interessiert. Ganz allein sind AnnenMayKantereit damit jedoch nicht. Immerhin haben selbst Tocotronic unlängst ihre Diskursphase für beendet erklärt und ein Konzeptalbum über Liebe, die Grundform des Pop-Albums, herausgebracht, was eine weitere deutsche Indie-Größe, nämlich Get Well Soon, ihnen wenig später unabgesprochen nachmachte, die damit ebenfalls aus epischen Gefilden zurückkehrten.

Wanda und das Bukowski-Manöver

Und auf einer ähnlichen Welle wie AnnenMayKantereit angeschwemmt kamen ja nicht zuletzt Wanda, die vielleicht Aufschluss über das Phänomen geben. Die Wiener Band, die den deutschsprachigen Indierock um einige Einflüsse des österreichischen und italienischen Schlagers erweiterte, eckten zunächst sosehr an, dass niemand umhin kam, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, und unterwanderten die Szene textlich wie einst Charles Bukowski die postmoderne amerikanische Literatur mit dem glaubhaften Vortrag triebhafter Sehnsüchte wie Drogenkonsum und Sex.

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Wanda werden ja oft mit Bilderbuch, der anderen Austropop-Hypeband verglichen, die allerdings bis auf Herkunft und Akzent nicht viel mit Wanda gemein haben – machen diese musikalisch doch pompösen Art-Punk, der am ehesten im Erbe Falcos zu stehen scheint. Wanda selbst hingegen umgibt eine unverhohlene Direktheit, die selbst Die Zeit (!) zu der Frage veranlasste, ob Wanda wirklich nur fünf ehrlich kaputte Typen sind, die Lieder spielen wollen.

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Die Wetten gehen auf Ja, auch wenn die Löcher in den unterschiedlichen Hosen ihres Sängers Michael Marco Fitzthum einander so verdächtig ähnlich sehen, als wären sie vom Universal-Chef persönlich gestanzt. In Sachen Authentizität und Erfolg ähneln sie AnnenMayKantereit ohne Frage, die für ähnliche Themen bloß romantischere Phrasen wählen und die Guter-Schwiegersohn-Front noch nicht ganz aufgegeben haben. Beide Bands tanzen auf der Grenze zum Kitsch, retten sich jedoch spielerisch durch markanten Gesang. Zwei Fragen erhellen die Unterschiede beider Bands:

  1. Würden Wandas Songs auf Hochdeutsch funktionieren? Nein. Sie funktionieren für den Indie-Bereich nur durch das Spiel mit ihrem Exotenstatus, denn ihre Jutebeutel-marktrelevanten Slogans pendeln sich zwischen „Amore!“ ein „Bussi!“ ein. „Liebe“ und „Kuss“ können da nicht mithalten und dieselben Songs in akzent- und ironiefreiem Hochdeutsch würden ohne Frage in einer anderen Schublade als der des Indie-Rocks landen. Vielleicht wären sie gezwungen, über Altbauwohnungen und Heimweh zu singen. Aber dann wäre ihre Naivität auch schon wieder dahin, denn:
  2. Würden AnnenMayKantereits Songs ohne die charismatische, raue Stimme ihres Sängers funktionieren? Ebenfalls nein. Was May singt, klingt zwar weise, jedoch nicht durch seine Texte, sondern durch die Art, wie diese vorgetragen werden. Sein bestimmter Gesang nimmt der Aussprache von Luxusproblemen oder romantischen Sehnsüchten die Scham und er genießt einen Anführerstatus im gemeinschaftlichen Aufkratzen unterdrückter Gefühle. Wäre die Stimme weniger markant, würde dieser Schutzschild wegfallen und die Band stände wieder dem Kitschvorwurf gegenüber. Und sie stände am Ende wohl doch eher nicht im Tempodrom. Vielleicht wären sie gezwungen, über Sex und lange Saufgelage zu singen. Oder einen Volkshochschulkurs in Wiener Schmäh zu belegen.

Die neue Naivität

Beide Bands schaffen es, durch den ungewöhnlichen Vortrag ihrer Musik, das Gewöhnliche ansprechen zu können, wo andere jahrelang versucht haben, das Ungewöhnliche im Gewohnten unterzubringen. Spannend wird der Vergleich beider Bands in der Frage, was für ein Feld zwischen ihnen freigesetzt wird. Denn eine Anforderung an junge Bands, die an dieser neuen Naivität teilhaben möchte, ist es sicherlich, sich wesentlich von anderen Vertretern der Szene zu unterscheiden. Aber danach sollten Musiker٭innen ja ohnehin immer streben. Von dort an gibt es noch einiges neu zu erfinden oder auszudrücken. Zum Beispiel den üblichen Karriereweg, den AnnenMayKantereit mit ihren selbstproduzierten Videos, selbstorganisierten Touren oder der schwarmfinanzierten EP letztes Jahr zurückgesetzt haben.

Auch wenn sie kein Ausdruck einer Generation ist, scheint es in der Popkultur eine gewisse Sehnsucht zum Einfachen zu geben. Zwar kann sie jeden Moment wieder in ihr Gegenteil umschlagen, aber ohne Frage ist diese Sehnsucht überzeitlich. Bloß gibt es momentan ein paar Bands, die neue Wege gefunden haben, sie zu stillen, und die damit nicht einfach nur einen Zeitgeist bedienen, sondern ihn selbst erschaffen. Ob sie selbst es sein werden, die die neugeschaffene Nische auch langfristig ausfüllen werden, ist vielleicht angesichts des gegenwärtigen Erfolgs nicht unbedingt relevant, aber dennoch fraglich. Denn AnnenMayKantereit haben, wie Wanda auch, von Karrieresprung zu Karrieresprung immer größere Schwierigkeiten, ihre Authentizität zu wahren, von der alles abhängt. Aber so bestimmt, wie Henning May das Unbestimmte klingen lassen kann, werden sie ihren Weg schon finden. Es gibt ja auch noch andere Nischen. Auf beiden Seiten der Macht.

Titelbild: © Stefan Bollmann/Creative Commons