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Diskursrock als Kinderlied – Locas in Love mit Saurus X

Jede Band hat mal ein Album gemacht, mit dem sie ihren Sound definierten. Bei Locas in Love heißt es Saurus und hat zum zehnjährigen Jubiläum ein Reissue bekommen.


Zu ihrem zweiten Album Saurus ließen Locas in Love einen Rezensions-Generator programmieren. Wie könnte ich der Platte also besser gerecht werden, als davon Gebrauch zu machen und anschließend einen entspannten Feierabend zu genießen? Das klänge dann so:

„Locas In Love sind ja besonders unter ihren Kollegen hoch angesehen, aber nun melden sie sich mit ihrem zweiten Silberling zurück. Durchwachsen, weil orientierungslos präsentiert uns die Truppe um Björn Sonneberg Saurus (Sitzer/Virgin/EMI). Dabei gehen sie mit ehrlichen, unverkrampften Aussagen, die mitnichten honigsüß daherkommen zu Werke (…)“

Der Rest des Rezensionsgenerators ist ebenfalls Teil der Jubiläumsedition zum zehnjährigen Erscheinen von Saurus, genauso wie ein Haufen an weiteren Extras wie z. B. ein Songbook mit Akkorden zum Nachspielen der Lieder und einer genauen Entstehungsgeschichte des Albums voller Bilder, Texten und Zeitdokumenten, die erzählen wie das damals so war in den 2000ern Musik zu machen.

Und die Songs? Wenn ein typischer Locas-in-Love-Sound existiert, dann gibt es wohl kaum ein Lied, das ihn besser vorführt als der Saurus-Opener „Sachen“.

Quelle: Bandcamp

Aus dem Intro klingt die Strokes-Ära heraus, die sich gerade auf dem Zenit befand. Dieser Sound kommt nicht von ungefähr, denn das Album wurde von Peter Katis abgemischt, der schon den Indie-Rock Sound von The National, Interpol und The War on Drugs am Mischpult geformt hat. Zu den warm klingenden Gitarrenbendings singt Björn Sonnenberg über ein Treffen mit einem alten Bekannten. Es entspinnt sich ein Text zwischen WG-Küchengespräch und kritischer Selbstbeobachtung. So geht es auch in den ersten Refrain:

„Aber du kennst das ja selber/ und weißt ja wie du bist / wie es sich anfühlt, wenn man immer / so beschäftigt ist, mit Verpflichtungen, Erledigungen / und Freiwilligkeiten und Dingen / und den Fokus verliert / wir können ein Lied davon singen.“

Mit kurzen energetischen Ausbrüchen in der Bridge und einer lauter werdenden Soundwand gegen Ende, vereint der Song alle Elemente, die Indie-Rock gut gemacht haben. Doch die große Popkunst entfaltet die Band mit „Mabuse“. Über die eingängige – verdächtig an Sweet Jane von Velvet Underground erinnernde – Akkordfolge singt Bassistin Stefanie Schrank mit betont naiver Stimme einen Refrain, der die sanft plätschernden Akkorde konterkariert:

„Den Bankier bedroht, den Politiker entführt / Polizist k.o. geschlagen er hat kaum was gespürt / Mit meiner Handschrift, die Forderung geschrieben / dieses verdammte Deutschland hat mich dazu getrieben.“

Beim zweiten Durchlauf wird sie dabei noch von einem Kinderchor unterstützt und gemeinsam treiben sie den Kontrast auf die Spitze. Abgesehen von diesen beiden besten, versammelt Saurus eine Mischung an albernen, ernsten, traurigen und optimistischen Songs, die auch an ihrem zehnten Geburtstag noch eine emotionale und musikalische Wucht entfalten, die in der hiesigen Popmusik oft ihresgleichen sucht.

Quelle: Bandcamp

Tourdaten:

19.11.2017 Köln – BRITNEY powered by Schauspiel Köln
14.02.2018 Nürnberg – MUZ
15.02.2018 Frankfurt – Das Bett
16.02.2018 Karlsruhe – Jubez
17.02.2018 Freiburg – White Rabbit
21.02.2018 Fulda – Kreuz
22.02.2018 München – Milla
23.02.2018 AT-Wien – Flex
24.02.2018 Augsburg – Brechtnacht
Titelbild: Christian Faustus

Japanischer Indie, Filmmusik, Spirit Fest, Notwist und die Kunst. Im Gespräch mit Markus Acher

Markus Acher steckt mal wieder in zahlreichen Projekten, weiß nicht einmal mehr, wann er mit Notwist proben soll. Dabei machen sie doch grad ein neues Album. Aber alle Bandmitglieder sind derzeit viel unterwegs. Er selbst sucht den Austausch mit japanischen, britischen und US-amerikanischen Musiker*innen, welcher aktuell in Bands wie Spirit Fest oder Hochzeitskapelle aufgeht.

Die großen Fragen („Heißt es ‚Notwist’ oder ‚The Notwist’?“) wurden von dieser Seite bereits letztes Jahr im Interview geklärt. Am Rande des European Art Cinema Day, für den er in Berlin war, gab es wieder Gelegenheit für ein Gespräch. Höchste Zeit, weiter in die Tiefe zu gehen, über aktuelle Veröffentlichungen und seine künstlerische Arbeitsweise selbst zu sprechen.


Notwist gilt für viele, auch international, als relevanteste deutsche Indie-Band. Hättet ihr das bei der Gründung für möglich gehalten?

Nein, natürlich nicht. Als wir angefangen haben, waren da einfach Weilheim, Frust und Langweile und ein Rauswollen aus der Kleinstadt. Vor der eigentlichen Notwist-Besetzung gab’s schon eine frühere Besetzung, die stark von Underground und Punk beeinflusst: Velvet Underground und Camper Van Beethoven waren die Vorbilder. Das, wozu der Originalpunk geworden war, Deutschpunk zum Beispiel, hat mir nicht gefallen, aber über Frontline Mailorder habe ich die ganzen amerikanischen Hardcore-Bands kennengelernt. Aus diesen Einflüssen hat sich die Notwist-Trio-Besetzung gegründet.

Wir haben versucht, in diese Richtung zu gehen. Von der ersten Besetzung waren zu dem Zeitpunkt nur noch als Schlagzeuger Mackie Messerschmidt und ich dabei. Wir haben noch meinen Bruder als Bassisten gefragt, der kurz davor bei einer anderen Punkband aufgehört hatte. Das war so 1987. 1990 kam die erste Platte. Ich weiß gar nicht mehr, wie wir an das erste Label kamen. Die haben uns irgendwo gesehen. Die Hardcore-Szene war ja damals noch sehr vernetzt und man kam als Vorband für amerikanischen Bands von einem Jugendzentrum zum anderen.

Setzt es euch, wenn ihr an neuer Musik arbeitet, unter Druck, dass die Songs mittlerweile ein so großes Publikum finden?

Schon ein wenig. Aber wir versuchen sowieso immer, einen Außenblick in unsere Arbeit miteinzubeziehen. Die letzte Instanz sollte sein, was man selbst gern hören würde. Aber mit zunehmendem Alter der Band und der Anzahl der Platten, die wir schon gemacht haben, fängt man natürlich an, zurückzublicken und zu schauen, ob man nicht das Gleiche schonmal gemacht hat, nur cooler und besser. Das ist eigentlich immer das größte Problem. Man will ja immer etwas machen, das man selber in der Form noch nicht gemacht hat, oder im besten Fall etwas, was es an sich sonst noch nicht gibt. Wir sind uns zwar bewusst, dass man nie etwas komplett selbst erfindet, sondern sich selbst irgendwo her zusammensucht, aber probieren immer, etwas zu finden, für das es zur bestimmten Zeit in genau dieser Kombination und dem Arrangement einen Grund gibt, es zu machen.

„Bestimmte Platten klingen für mich auch rein intuitiv eher farbig, andere monochrom. Also fange ich oft damit an, diese Aspekte zu hinterfragen und mit ihnen zu arbeiten.“

Markus Acher über sein Arbeit

Ist dieser Ansatz auch Ausgangspunkt dafür, dass ihr euch alle an so vielen weiteren Projekten beteiligt?

Ja. Es ist eine gute Art, sich Inspiration zu holen oder Verantwortung abzuwälzen. Zum Beispiel sind an dem Projekt Spirit Fest, mit den beiden Mitgliedern Saya und Takashi Ueno von Tenniscoats, Mat Fowler von Jam Money und Cico Beck (Joasihno, Aloa Input, You + Your D. Metal Friend, Notwist), Personen beteiligt, die sehr viel einbringen, genauso viel wie ich. In so einem Umfeld kann man einfach loslassen und weiß, dass etwas Cooles dabei herauskommt. Das Debütalbum erscheint im November bei Morr Music.

Und wie entsteht ein Projekt wie Spirit Fest? Habt ihr im Vorfeld Songs ausgetauscht oder ist alles in den zwei gemeinsamen Aufnahmewochen entstanden?

Bei Spirit Fest haben alle ihre eigenen Stücke mitgebracht, die schon komponiert und getextet waren. Aber dazu, wie wir sie arrangieren und aufnehmen würden, gab es vorher keinerlei Kommunikation. Letztendlich wusste ich auch nicht genau, was sie mitbringen und dass sie überhaupt etwas mitbringen. Aber ich bin schon lange großer Fan, habe die Band 2005 entdeckt, als wir mit Lali Puna zum ersten Mal in Japan waren. Damals habe ich mir einen Sampler namens Songs for Nao gekauft, auf dem sie selbst, aber auch viele Bands aus ihrem Umfeld versammelt sind. Dadurch bin ich auf sie aufmerksam geworden und habe angefangen, nach ihrer Musik zu suchen, ihre CDs zu bekommen, weil es mich extrem angesprochen und berührt hat.

Während der Aufnahmen in München, © Spirit Fest

2009 erschien eine gemeinsame Platte von Tenniscoats und The Pastels aus Schottland, von denen ich auch großer Fan bin. Durch diese und andere Kollaborationen der Band – etwa mit der schwedischen Band Tape, diversen japanischen Künstlern oder dem australischen Soundkünstler Lawrence English– ist die Idee zu diesem Projekt etwas näher gerückt. Ich habe, bevor wir nochmal mit Lali Puna in Japan waren, gesehen, dass sie inzwischen bei Afterhours veröffentlicht haben, einem befreundeten Label in Tokio, das auch Notwist-Alben lizensiert hat. Die haben für uns auf meine Bitte ein Treffen mit Tenniscoats organisiert. Wir haben uns auf Anhieb verstanden und sie haben gleich gefragt, ob wir nicht eine Kollaboration machen wollen. Als wir im letzten Jahr zum ersten Mal das Alien Disko-Festival organisiert haben, waren sie gleich die erste Band, die ich vorgeschlagen habe. Wir haben direkt ausgemacht, dass sie ein paar Tage eher kommen und wir die Gelegenheit nutzen, um Aufnahmen zu probieren.

Wie stießen Mat Fowler und Cico Beck zum Projekt?

Die habe ich eingeladen. Ich habe mich gefragt, was noch dazu passt. Mit Cico mache ich viel in München. Er ist ja inzwischen auch bei Notwist und ist ein sehr guter Musiker, der sich extrem gut in eine bestimmte Art von Musik einfühlen kann. Mit Mat habe ich mich auch gut angefreundet. Ich hatte mir die erste Platte von Jam Money direkt bei ihnen bestellt, weil noch kein Vertrieb sie hatte. Darauf hat er sofort geantwortet und schrieb, dass er auch Musik von uns kennt. Wir haben dann viel per E-Mail geschrieben. Irgendwann habe ich ihn gefragt, ob sie ein Album bei unserem Label Alien Transistor veröffentlichen möchten – was sie dann auch gemacht haben. Er ist ein guter Typ und hat einen total eigenen, kunstvollen Ansatz, Musik zu machen, sieht in jedem Gegenstand einen Klang, den er einbauen kann, und geht sehr spielerisch an die Musik heran. Er stellt immer wieder alles auf den Kopf und experimentiert sehr viel, zum Beispiel mit Spielzeuginstrumenten oder jetzt auf der Platte mit Steinen oder einem Radio. Er war für den generellen Klang der Platte sehr wichtig.

Das Video zu Hitori Matsuri liefert Eindrücke aus dem Studio

Quelle: YouTube

Die Musik, die Tenniscoats auf ihren eigenen Alben macht, lebt durch starke Präsenz, deine Projekte zeichnen sich ja eher durch Subtilität aus. Gerade mit Rayon hast du zuletzt ein sehr subtiles, bedrückendes Album veröffentlicht. Auf dem Album fügt es sich für mich zu einem intimen, aber auch optimistischen Sound zusammen. Hattet ihr im Vorfeld eine Intention, dass ein solches Album dabei herauskommt?

Mein Ansatz war wirklich bloß, dass ich ihre Musik nicht höher schätzen könnte. Wäre Neil Young zu Besuch gekommen, wäre ich wahrscheinlich weniger aufgeregt gewesen. Deswegen wollte ich eine Atmosphäre schaffen, die passt und das Besondere an der Band bestmöglich unterstützt. Und das besteht eben darin, dass sie unglaublich intensive Musik machen, auch wenn sie erstmal vielleicht einfach und nett klingt. Aber sie hat eine unglaubliche Tiefe und Traurigkeit, die einen aber gleichzeitig festhält. Man suhlt sich nicht darin, sondern sie ist vielleicht wirklich, wie du es beschreibst, optimistisch.

Wir sind dann auch nicht in eine normales, anonymes Studio gegangen, sondern zu einem Freund von uns, zu Nico, der mit Cico bei Joasihno spielt. Er hat ein Studio in seiner Wohnung, mit zwei Räumen. Im einen steht nur ein Mischpult, im anderen sein Bett und Mikrofone. Dort haben wir eng aneinander aufgenommen. Das hört man eben auch, es war sehr respektvoll. Alle haben wahnsinnig aufeinander gehört, was für alle eine außergewöhnliche Erfahrung war. Auch wenn es bei jedem Stück zusätzliche Overdubs gibt, ist ein Großteil der Platte und das Grundgerüst aller Songs aber eigentlich immer live gespielt und gesungen.

Ihr geht ja im Dezember gemeinsam auf Tour. Durch die räumlichen Distanzen stelle ich mir die Vorbereitung etwas schwierig vor. Schließt ihr euch vorher nochmal an einem bestimmten Ort ein, um die Konzerte vorzubereiten?

Zweimal haben wir ja schon zusammen live gespielt –in Köln und in München– und ich glaube, jeder weiß noch, was er da gespielt hat, und wir werden alle auch immer wieder Songs komponieren, die wir schnell, vielleicht schon während der Tour, erarbeiten. Einen Tag bevor die Tour in Genf startet, treffen wir uns dort schon und spielen alle Songs in einem Proberaum durch, den wir dafür angemietet haben, um es einmal wieder gespielt zu haben. Aber bei allen, die da mitspielen, gibt es nicht so etwas wie Fehler bzw. wenn jemand einen Fehler macht, ist das nichts Schlimmes oder wird nicht als Fehler betrachtet. Alles ist sehr offen und aus allem, was passiert, kann etwas gemacht werden. Tenniscoats selbst gestalten ihre Konzerte auch immer sehr offen und sie improvisieren gerne, was einen, wenn man es live sieht, in seinen Bann zieht.

Tourdaten:

Quelle: Facebook

Damit treffen in dem Projekt aber auch sehr unterschiedliche künstlerische Herangehensweisen aufeinander, oder?

Definitiv. Ich lerne bei jedem Projekt sehr viel, was mir auch sehr wichtig ist. Notwist zum Beispiel hat auch Freiräume, aber im Studio ist meistens alles sehr kontrolliert, und mit Tenniscoats ist es eben anders. Sie wissen ganz genau, was sie tun, aber sie haben eben eine grundsätzliche Offenheit, hören gerne zu, reagieren darauf, wenn etwas anders passiert, und nehmen es gerne auf. Bei Konzerten beziehen sie gern ihr Publikum mit ein, lassen es mitsingen. Das klingt zwar ziemlich hippiemäßig, ist es aber gar nicht, sondern anrührend und toll. Man kommt da schnell etwas ins Schwärmen.

Tenniscoats im Konzert:

Quelle: YouTube

Heute (15. Oktober) bist du aber wegen ganz anderer Kollaborationen in Berlin. Das IL KINO in Neukölln gestaltet zum European Art Cinema Day einen Thementag zu deinen bzw. euren Film-Soundtracks. Gezeigt werden neben der Notwist-Doku On / Off The Record, die Filme Was bleibt, Absolute Giganten, Solo Swim, N-Capace und Sturm, allesamt mit Soundtracks von Notwist bzw. von dir allein. Das sind sehr unterschiedliche Filme. Wie entscheidest du oder wie entscheidet ihr als Band, an welcher Filmproduktion ihr euch beteiligen möchtet?

Die Projekte, die wir auswählen, sind die thematisch für uns interessantesten, die uns auch als Idee oder Geschichte ansprechen, und bei denen wir uns etwas dazu vorstellen können. Wichtig ist uns auch, bei dem Regisseur oder der Regisseurin zu merken, dass wir miteinander gut klarkommen und verstehen, was sie erschaffen wollen. Uns ist wichtig, vorher zu erkennen, dass es eben keine schrecklichen, kitschigen Vorabendfilme werden. Mit Jörg Adolph, der unsere Musik auch abseits von Solo Swim schon in mehreren Dokus eingesetzt hat, oder Hans-Christian Schmid, dessen Filme Was bleibt und Sturm wir vertont haben, ist es inzwischen ein vertrautes und einvernehmliches Zusammenarbeiten, bei dem man ungefähr weiß, was der andere macht und kann.

Ist das dann die Arbeitsweise: Man stimmt seine Ideen ab und erarbeitet sie für sich allein?

Das ist ganz verschieden. Beim Dokumentarfilm zum Beispiel gibt es ja nicht so etwas wie ein Drehbuch, sondern man kennt das Thema, bekommt vielleicht schon erste Bilder zu sehen und eine Grundidee, was wichtig ist. Aber sehr viel mehr gibt es nicht. Man bekommt immer wieder neue Bilder zu sehen. Jörg aber verarbeitet die Musik sehr intensiv und lässt sich stark von ihr inspirieren. Dadurch entwickelt sich der Film mit der Musik, die man ihm gibt. Also geben wir ihm immer wieder Musik, er hört es sich an, und bei manchen Sachen sieht er, was im Film wie verarbeiten kann. Dadurch entsteht ein Dialog.

Das heißt bei Dokumentarfilmen ist die Musik viel stärker an der Entwicklung des Narrativs beteiligt als bei Spielfilmen?

Mehr noch: Musik und Bilder kommunizieren auf eine Art, die sogar eher ein Weggehen vom Narrativen ist, die Musik teilweise in den Vordergrund rücken lässt und die Bilder darauf zuschneidet. Bei Hans-Christian Schmids Filmen dagegen gibt es natürlich ein ganz klares Drehbuch, und es vor allem darum, mit der Musik auszudrücken oder zu verstärken, was in der Handlung vorkommt, aber man vielleicht in den Bildern allein noch nicht sieht. Man kann dadurch ein wenig in die Leute hineinsehen, interpretieren und etwas komponieren, was dienlich für die Geschichte, den Film und seine Figuren ist.

Eine aktuelle Kollaboration zwischen Hans-Christian Schmid und Notwist: die ARD-Serie Das Verschwinden

Quelle: YouTube

Was ist für dich als Künstler an diesen Kollaborationen der wichtigere Aspekt: dass sich beides am Ende zu einem sehenswerten Film zusammenfügt oder dass dich Bilder zu neuer Musik inspirieren, die dann auch wieder ohne die Bilder funktionieren? Ihr veröffentlicht ja teilweise auch Soundtracks.

Als wir mit Soundtracks angefangen haben, haben wir noch stärker auf die Musik an sich gehört. Aber je länger man weitermacht, desto mehr sieht man, dass die Musik für sich allein zu leer und langweilig klingt. Aber im Zusammenhang mit den Bildern, gerade wenn es um etwas Erzählerisches geht, kann ein einzelner Ton schon eine unglaubliche Wirkung haben und wahnsinnig viel auslösen. Deswegen würden wir auch nie alles, was wir für einen Film machen, veröffentlichen. Unser Soundtrack-Album Sturm ist so ein Mittelding. Im Nachhinein hätte ich aus heutiger Sicht auch nicht mehr die Platte in dieser Form und dem Umfang veröffentlicht. Aber Messier Objects war das Gegenteil und wir haben wirklich versucht, aus allem, was es von uns an Theater- und Hörspielmusik gibt, etwas zusammenzustellen, was wirklich musikalisch für sich steht und einen ganz neuen Zusammenhang ergibt. Man muss dafür nicht mehr wissen, dass eine bestimmte Stelle nun bei Solo Swim die weite des Meeres illustriert. Bei Messier Objects fügt sich ein wildes Durcheinander auf eine Art zusammen, die es wieder einen Sinn ergibt.

Die meistens Songs des Albums sind auch bewusst nicht beschriftet, um sie zu entkoppeln?

Genau. Es sollte keine Vorgabe geben, wie man es sich anzuhören hat. Es steht einfach für sich und man kann sich seine eigene Idee dazu machen.

Was auch teilweise in Messier Objects aufgeht, ist eure Zusammenarbeit mit Jette Steckel für das Deutsche Theater bei Sartres Das Spiel ist aus. Wenn jedes Projekt und jeder Film, wie du sagst, eine andere Arbeitsweise erfordert, wie funktioniert dann die Vertonung für ein Theaterstück?

Das Stück ist ein Zwischending, weil auch mit Filmsequenzen im Theaterstück gearbeitet wird. Der Anfang des Stücks wird komplett als Kurzfilm präsentiert, der im Endeffekt eine Art Stummfilm ist, bei dem die Handlung klar erzählt wird, aber dazu läuft ein fast 13 Minuten langes Stück von uns. Die Vorgabe war, dass die Musik hierzu einen starken Zug benötigt, aber trotzdem diese Spieldauer benötigt und zu den Bildern funktionieren muss. Wir haben also eine Weile gesucht, bis wir etwas hatten, das dem Film gerecht wird. Denn bei einem einfachen Loop hört man nach acht Wiederholungen weg – was ja auch das Schöne an Minimal ist: Man gelangt durch die Musik woanders hin und die Musik selbst ist eigentlich gar nicht mehr da. Aber bei dem Stück sollte die Musik auch einfach in gewisser Weise permanent stressig sein. Im Theaterstück selbst gab es dann auch Stücke von uns, die gesungen werden oder im Hintergrund laufen.

Mit Jette Steckel zu arbeiten, ist super. Sie ist sehr genau, hat eine genaue Vorstellung und ist gleichzeitig total offen. Sie hinterfragt in ihrer Arbeit auch immer wieder die Situation und Theater an sich, wie bei Das Spiel ist aus, wo ja das Publikum auf der Bühne sitzt und die Schauspieler im Zuschauerraum sind. Das macht großen Spaß und ist sehr ergiebig. Und bei Jette Steckel kann man, was sonst selten der Fall ist, eben auch sagen: „Es wäre vielleicht gut, wenn die Musik hier laut ist“. Und dann ist sie eben auch laut.

Notwist – Das Spiel ist aus 

Quelle: Soundcloud

Das ist beim Film wahrscheinlich anders.

Beim Film funktioniert das nicht. Da sind wir auch gar nicht mehr beteiligt, sondern es gibt eigens Sound-Designer. Bestimmte Frequenzen würden einen Dialog übertonen. Und sobald die Musik auffällt und man nichts mehr versteht, funktioniert es nicht mehr als Soundtrack.

Wie du letztes Jahr im Interview angedeutet hast, ist es für dich auch unabhängig von Film und Theater Teil des künstlerischen Prozesses, unterschiedliche Kunstformen zu transferieren. Wie genau beeinflussen dich visuelle Medien?

Das ist eher etwas Intuitives. Ich kann nicht benennen, was genau es macht. Bei Musik denke ich oft sehr visuell. Oft ist es ja so, dass man in der Stimmung eines guten Films noch eine ganze Weile verbleibt, und alles ist, wie in diesem Film. Oft sehe ich ein Bild, bei dem ich feststelle, dass es auf eine andere, eine visuelle Art sehr gut das ausdrückt, was ich bei einer Platte oder einem Lied suche oder ausdrücken möchte. Bestimmte Platten klingen für mich auch rein intuitiv eher farbig, andere monochrom. Also fange ich oft damit an, diese Aspekte zu hinterfragen und mit ihnen zu arbeiten. Ich befasse mich nie mit Kunsttheorien oder -konzepten, sondern es ist ein unterbewusstes Antriggern oder Ablenken, um auf andere Ideen zu kommen und es sich anders anhören zu können.

Wie würde deine Musik ohne diese Einflüsse klingen – also wenn du nur geschlossen im Studio arbeiten würdest?

Es wäre garantiert anders. Beziehungsweise würde es bei mir gar nicht funktionieren. Ich bin mir sehr bewusst, dass ich alles, was ich mache, im Endeffekt nur zusammenklaue. In Kleinteilen kommt auch jede Melodie von irgendwo her. Auf eine Art sollte man versuchen, das zu finden, was an einem Kunstwerk so berührt, dass es einem im Gedächtnis bleibt, und etwas ausdrückt, was man anders nicht ausdrücken kann. Etwas, das eine Kraft hat, Erfahrungen auszudrücken, die mit Worten sehr schwer bis gar nicht auszudrücken sind. Wenn man diesen Kern mit dem trifft, was man selbst macht, und nicht nur eine Form, zum Beispiel eine Musikrichtung, adaptiert, sondern überlegt, was einen an einem bestimmten Stück eigentlich berührt, kann das nur unbewusst funktionieren. Für mich ist es essenziell, viel zu hören. Aber ich bin eh ein Sammlertyp und in erster Linie Fan von ganz vielem, höre und schaue mir viel an, lese Bücher, sehe viele Filme. Ich bin kein Techniker. Denn sich technisch mit etwas auseinandersetzten ist ja auch so ein Ansatz, der zu etwas Großartigem führen kann. Nur eben nicht meiner.

Ein weiteres Nebenprojekt von Notwist: Hochzeitskapelle

Quelle: SoundCloud

Gibt es denn aktuell Werke, zum Beispiel Filme, die dich besonders inspirieren?

Filme momentan weniger, weil ich es zurzeit so selten ins Kino schaffe. Ich konnte mir bisher noch nicht einmal Blade Runner 2049 anschauen, den ich unbedingt sehen möchte. Ich bin großer Fan des Originalfilms. Es sind zurzeit eher Bücher und Platten – und Fotografen. Vitas Luckus aus Riga zum Beispiel, ein Fotograf, der sich tragisch umgebracht hat, von dem ich mir, als wir in Italien auf Tour waren, zwei Bücher mit seiner Werkschau gekauft habe. Das hat mich zuletzt sehr beeindruckt und ich sehe es mir immer wieder an. Platten gibt es viele. Gerade habe ich Oro Swimming Hour gehört, ein neues Duo aus England, das ein großartiges Album gemacht hat: Gitarre, Gesang, eine bestimmte LoFi-Ästhetik, Orgeln, unglaubliche Stücke.

Und das neue Album von Ryuichi Sakamoto habe ich mir öfter angehört, dem vielleicht berühmtesten japanischen Musiker. Er war früher bei Yellow Magic Orchestra, die, was sie wahrscheinlich nicht so gerne hören, als japanische Kraftwerk gelten. Sie haben in den 80ern viel mit Synthesizern gearbeitet, waren international, auch hier, sehr erfolgreich und haben eine Art sehr tanzbares Proto-Electro entwickelt. Und Sakamoto wurde vor allem durch den Soundtrack zu Merry Christmas, Mr. Lawrence mit David Bowie sehr berühmt. Er macht zwar viel pianolastige, aber eben auch stark experimentelle und avantgardistische Musik.

Besteht die Chance auf eine Zusammenarbeit?

Nein! Auf keinen Fall. Er ist viel zu groß! Wie Brian Eno. Ich muss ja sagen, schon die Zusammenarbeit mit Tenniscoats kam mir sehr egoistisch vor, weil ich einfach ein großer Fan bin. Beim Studioaufenthalt gab es schon Momente, in denen ich mir dachte, „Markus, was machst du denn da? Die haben so tolle Platten mit anderen gemacht. Was kannst du schon einbringen, was sie nicht eh auch schon gemacht haben oder machen können?“

Musiktipp von Markus Acher: Oro Swimming Hour

Quelle: YouTube

Woran arbeitest du aktuell?

An neuen Notwist-Sachen. Wir möchten nächstes Jahr wieder ein Album veröffentlichen. Beim Alien Disko Festival spielen wir im Dezember in München. Wir müssen dort fast spielen, weil viele bisher nicht so bekannte Projekte dort auftreten. Also hoffen wir, dass einige Notwist-Leute kommen, denen wir die anderen Projekte vorstellen. Wir spielen aber nicht ein normales Programm, wie letztes Jahr, sondern greifen viele unserer Filmkompositionen auf.

Werdet ihr dort auch schon neue Songs spielen?

Das weiß ich noch nicht. Leider sind alle vielbeschäftigt. Überhaupt Termine zum Proben zu finden, wird schon abenteuerlich. Die Zusammenstellung des Festivals war schon sehr viel Arbeit.

Aber ich nehme momentan auch Songs mit Odd Nosdam auf. Wir haben bereits fünf Lieder. Er kommt aus dem Umfeld des Anticon-Labels, bei denen Themselves sind, mit denen wir die Band 13&God gemacht haben. Deren Rapper Doze One hatte die Band cLOUDDEAD – eigentlich die Königsband des ganzen Kosmos. Odd Nosdam war in dem Trio der Produzent und hat eine ganz eigene Art zu produzieren. Super Typ. Er ist bei Notwist-Konzerten in Amerika mitgefahren und hat vor unseren Show aufgelegt oder gespielt. Wir sind in den Städten herumgezogen, sind zusammen in Plattenläden gegangen und haben uns Alben empfohlen und zugesteckt. Daraus haben sich Freundschaft und musikalischer Austausch entwickelt. Wir sind auf einem Nenner, nur dass er den Hiphop-Background hat, sowie Noise und Ambient, bei mir eher Indie und Jazz. Aber wir treffen uns in den Schnittmengen in der Mitte und schicken uns Songs hin und her. Irgendwann soll eine Platte dabei herauskommen. Ich weiß nicht wann und hoffe bald.

Es gibt noch ein weiteres Projekt, auch mit einem japanischen Musiker: Hochzeitskapelle. In der Band spielen wir rein akustisch, mit Tuba, Posaune, Banjo, Bratsche und Schlagzeug. Wir spielen in der Formation sehr gerne, weil es so unkompliziert ist und man sich einfach ohne Vorbereitung hinsetzen und rein akustisch losspielen kann: auf dem Markt, an der Isar, auf Geburtstagsfesten, in der Wirtschaft. Unter anderem spielen wir auch die Komposition eines japanischen Musikers, Kama Aina, der ganz tolle Musik macht. Wir mögen das Stück, genau wie viele andere Leute, sehr gern und haben ihm unser Album geschickt. In Japan habe ich ihn dieses Jahr getroffen, als ich Tenniscoats besucht habe. Nächsten Monat kommt er nach Deutschland und wir werden gemeinsam eine Platte mit Stücken aufnehmen, die er extra für Hochzeitskapelle komponiert hat und treten mit ihm auf einem Festival auf.

Dankeschön für das Interview.


Spirit Fests Debütalbum erscheint am 1o. November bei Morr Music und klingt in etwa so farbenfroh wie sein Cover aussieht:

Cover und Titelbild: © Spirit Fest

Frühstück nach einer langen Nacht

Ganz still und dunkel war es um ihn – eine lange Zeit. Nun erzählt Gisbert zu Knyphausen auf seinem neuen Album Das Licht dieser Welt, das am 27.10. erscheint, von dieser langen Nacht und dem Morgen danach.


Er ist einer der sympathischsten Freiherrn Deutschlands. Und das nicht nur, weil er jährlich zum „Heimspiel Knyphausen“-Festival auf dem Weingut seiner Familie einlädt, sondern weil er es ohne großes Geklotze und aus ehrlicher Freude tut. Da man bei einem Freiherrn nicht so viele Vergleichsmöglichkeiten hat, kann man ruhig noch weitergehen: Der Freiherr zu Knyphausen ist einer der besten, aber auch einer der sympathischsten deutschen Liedermacher. Das kann jede*r bestätigen, die*der ihn einmal live erleben durfte. Denn wenn jemand ein großartiges Konzert im vollen Clubraum des Union-Berlin-Stadions abliefert, obwohl er kurz zuvor noch an Durchfall erkrankt war und sich dann zurückhaltend grinsend um Kopf und Kragen redet, weil er feststellt, dass das vielleicht doch eine etwas zu intime Information für die vielen unbekannten Gesichter im Publikum ist, dann ist das sympathisch.

„Wie es wird, kann nur der bucklige Winter entscheiden“

Sowieso war das besagte Konzert an einem unglaublich dunklen, kalten und verschneiten Januarabend 2017 in Berlin etwas Besonderes: Zu der Aufrichtigkeit mischte sich Dankbarkeit. Auf beiden Seiten. Das Publikum war dankbar, nach so langer Zeit wieder etwas von Gisbert zu Knyphausen hören zu dürfen. Überall wurde freudig getuschelt: „Oh, das ist mein Lieblingslied… ach, nee … das ist ein anderes. Aber das ist auch so schön!“ Und während er spielte und sang, so andächtig, traute sich kaum jemand zu atmen. Und Gisbert zu Knyphausen war sichtlich erleichtert und dankbar, einige seiner neuen Songs präsentieren und sein neues Album ankündigen zu können. Das sagte er dann auch so.

Vor sieben Jahren war sein zweites Album Hurra! Hurra! So nicht. erschienen. Dann hatte er mit Nils Koppruch die Band Kid Kopphausen gegründet und 2012 das erste und leider letzte Album herausgebracht.

„Nils‘ Tod kam vollkommen unerwartet, ein totaler Schock. Unser Album war gerade erst erschienen, wir hatten die ersten Konzerte gegeben, hatten einen Riesenspaß und Pläne für das ganze Jahr – und dann das … Sein Tod war ein großer persönlicher Verlust, auch beruflich stand ich danach erstmal vor dem Nichts. Ich beschloss, eine längere Auszeit zu nehmen, um Luft zu holen“, reflektiert er.

Er reiste viel – nach Russland, in den Iran, nach Albanien und Südfrankreich. Er las das Märchen Der Froschkönig für eine CD ein, spielte Bass in der Band von Olli Schulz und nahm mit Moses Schneider und Der dünne Mann als Band Husten eine EP auf. Und nun ist es endlich da, sein drittes Album Das Licht dieser Welt, das bereits Anfang des Jahres von der gleichnamigen Single angekündigt wurde.

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Hat sich die Melancholie jetzt ins Knie gefickt?

„So viel Lachen, Freude, Wunder? Und so eine fröhliche Gitarrenmelodie, eine lustige Trompetenpassage, zu der Gisbert zu Knyphausen heiter pfeift? Steht ihm zwar auch. Aber wo ist denn die ganze Melancholie hin?“, fragten sich sicher einige Fans, als sie den Song Das Licht dieser Welt das erste Mal hörten, der als Titellied für den Kinderfilm Timm Thaler diente und im Radio hoch- und runtergespielt wurde. Keine Angst, wenn man genau hinhört, ist er noch da, der Weltschmerz. Und auch all die anderen Themen, mit denen sich Gisbert zu Knyphausen in seinen ersten Alben beschäftigte, sind auf seinem neuen Album zu finden:

Sonnige Grüße aus Khao Lak, Thailand […] handelt von der Einsamkeit eines älteren Mannes in einer Großstadt […]. Das Licht dieser Welt ist […] eine Liebeserklärung an jede neue Existenz. Kommen und Gehen handelt vom Sterben, Stadt Land Flucht vom Suchen, Dich zu lieben von der Liebe […] und in Cigarettes & Citylights geht’s um die rasende Sehnsucht danach, endlich irgendwo anzukommen.“

Tino Hanemann

Weltschmerz, Einsamkeit, Liebe, Sehnsucht, die Suche nach einer Heimat, das Fernweh – alles Motive der Romantik. Ja, zu recht kann behaupten werden, Gisbert zu Knyphausen ist ein Romantiker der alten Schule durch und durch, schließlich ist er „Freund von Klischees und funkelnden Sternen“ (aus Freund von Klischees). Klingt negativ? Klingt nach Kitsch? Könnte man meinen. Besonders weil er in seinen neuen Liedern mit sanfter Stimme vom „Mondlicht“, einem „weitgesäumten Himmelszelt“, vielen „funkelnden Sternen“, „leise rauschendem Wind“, „Lächeln“, einem „Fenster mit Aussicht aufs Meer“, einem „hellblauen Himmel“, küssenden Pärchen und von ganz viel „Licht“ singt. Nein, das ist nicht kitschig – ganz im Gegenteil.

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„Die Welt ist grässlich und wunderschön“

Denn was ist Kitsch? Kitsch ist trivial, unaufrichtig. Kitsch blendet die Schattenseiten und das Wirkliche aus, wie man es zum Beispiel aus dem Schlager kennt. Und Gisbert zu Knyphausen ist nicht nur auf der Bühne und in seinen Texten ehrlich. Er kann auch etwas, das nur sehr wenigen Singer-Songwritern gelingt. Er bricht diese romantischen Motive, er spielt mit den Bildern: Ja, da liegen sich Unter dem hellblauen Himmel ein Junge und ein Mädchen im Arm, aber es werden auch die Stecker der Geräte eines Kranken gezogen. Und wenn jemand über den Strand schwebt, dann ist er „umnebelt von Whiskey“ und sieht dabei aus wie „eine eiernde Frisbee“ (aus Stadt, Land, Flucht). Und dann fängt nunmal ein hellblauer Tag ohne das süße Mädchen an, denn es „lag tot in Mutters Arm“ (aus Kommen und Gehen). Schließlich war „[d]iese Welt […] nie gerecht und das Glück hält nie lange an“ (aus Kommen und Gehen).

Mit seinen Texten erschafft er Bilder, die ganz plötzlich dunkel werden, wie in Kommen und Gehen. Aber auch Bilder, die mal dunkel waren und wieder hell werden, wie in Dich zu lieben, Sonnige Grüße aus Khao Lak, Thailand und Teheran Smile. Und unvollkommene Bilder, die jede*r für sich selber weiterdenken muss, wie in Niemand, Stadt Land Flucht und Keine Zeit zu verlieren. „Die Lieder handeln von der ewigen Sinnsuche, dem Nicht-einfach-nur-sein-Können, vom Tod und dem Umgang damit, und wie man es schafft, mehr Licht und Optimismus in sein Leben zu lassen“, beschreibt er selbst das Album.

„Und jetzt schau nicht so gequält – das sieht scheiße aus!“

Aber waren seine Songs nicht immer schon angesiedelt zwischen „Die Welt ist nicht fair“ und „Jetzt jammer doch nicht immer so rum!“? Man erinnere sich an sein Lied Spieglein Spieglein seines ersten Albums, in dem er bissig fragt: „Glaubst du du bist so interessant, wie du dich suhlst in deinem Schmerz? Blablabla!“ Wieder ein Spielen – ein Spielen mit der Grenzen zwischen Melancholie und Selbstmitleid. Der Grenze zwischen verzweifeltem Pessimismus und ja, was eigentlich? Optimismus? Klar, ist jedenfalls mit seinen lyrischen Ichs und lyrischen Dus, die immer noch etwas Zuversicht in sich tragen, geht er nicht so hart ins Gericht wie mit jenen, die in Selbstmitleid zerfließen. Auch auf dem neuen Album ist ab und zu mal ganz leicht dieser bissiger Ton zu hören. Etwa wenn er singt: „Du willst eine verlorene Seele sein, obwohl du ahnst, damit bist du nicht allein.“ (aus Keine Zeit zu verlieren). Oder wenn er seinen Protagonisten als „elend wankende[n], am Wohlstand erkrankender[n] Mann“ (aus Stadt Land Flucht) beschreibt. Doch mit genau diesem ganz leichten Zynismus schafft es Gisbert zu Knyphausen, die Situationen seiner Figuren noch ein Stück bitterer darzustellen.

„You’re digging a new hole, that you can crawl in and then call it your home“

Und das ist neu. Gisbert zu Knyphausen zeichnet in fast allen neuen Songs Figuren und bedient sich ihrer Gefühle: „Überwiegend über mich zu singen, schien mir ermüdend, außerdem hatte ich auf den ersten beiden Alben schon so vieles gesagt, das ich nicht noch einmal durchkauen wollte. Darum der Wechsel der Perspektive, die Hinwendung zu den Geschichten anderer Leute, die Erweiterung des Themenspektrums“, begründet er diese Entscheidung. Die beiden englischen Songs seien ebenfalls aus künstlerischer Neugierde entstanden. Und musikalisch? Auch hier hat er sich neuer Ausdrucksmöglichkeiten bedient. Neben der gisbertesken Gitarre haben sich neue Instrumente und damit auch ein neuer, an einigen Stellen für Gisbert zu Knyphausen außergewöhnlich wuchtiger Sound untergemischt: Bläser sind zu hören, eine Ukulele, eine E-Gitarre und ein -Bass, ein Vibraphone, Synthesizer und Klavier. Das letzte Stück des Albums Carla Bruno ist sogar ausschließlich instrumental, ein Klavierstück.

„Aber wir sehen uns wieder – ganz bestimmt – irgendwann“

Bevor Gisbert zu Knyphausen seine Zuhörer*innen jedoch in das Klavierstück, ins letzte Lied, entlässt, macht er noch einmal mit einem Zitat aus dem Märchen Die Bremer Stadtmusikanten deutlich, worum es wirklich geht: „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“, zum Beispiel im U-Bahn-Schacht, auf der Linksabbieger-Spur und in der Hosentasche. Und dabei plätschert der Song so leicht, humorvoll und unschuldig dahin. Ein Song, den Nils Koppruch begonnen und Gisbert zu Knyphausen nun beendet hat. Aber die letzte Stimme des Albums ist nicht seine eigene, sondern die seines verstorbenen Freundes.

Das Licht dieser Welt ist ein aufrichtiges und damit wahnsinnig berührendes Album. Denn auch wenn Gisbert zu Knyphausen die Geschichten anderer erzählt, so ganz glaubt man ihm nicht, dass er nicht weiß, wovon er da spricht. Er breitet textlich wie musikalisch die gesamte Gefühlspalette aus, um sie dann leise wieder zusammenzurollen – und beweist damit einmal mehr sein großartiges Können.

Und nun sollte man ein Glas Weißwein vom Weingut Baron Knyphausen heben. Darauf, dass „wir alle hier sind, obwohl uns niemand braucht“ (aus Keine Zeit zu verlieren) und jede*r für sich lernen muss, ein Niemand zu sein. Darauf, dass es ganz plötzlich ganz dunkel werden kann. Dass aber – auch wenn es schwer zu glaube ist – immer ein neuer Morgen anbricht – mit viel Licht. Und dass dann vielleicht jemand da ist, der Frühstück macht. Auf das Leben, auf die Liebe, auf das Licht, auf den Pathos, der keiner ist, aber mal einer sein darf – zumindest, wenn er von einem der sympathischsten Freiherrn Deutschlands kommt.

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Alle Zitate in den Überschriften stammen aus Liedern von Gisbert zu Knyphausen.

Titelbild by Franz Deelmann – Own work, CC BY-SA 3.0 de

Zeitgeist + Mittelfinger

alle-gegen-alle_zugezogen-maskulin

Undercut und Tumblrblog wurden von Mönchsfrisur und Instagram abgelöst, doch darunter stecken immer noch dieselben Lifestyle-Hacks. Finden Zugezogen Maskulin, die weder Dada noch Spaß verstehen.


Nachdem „Alles brennt“ (2015) sind „Alle gegen Alle“ – nicht zu verwechseln mit „Alles oder Nix Records“, denn mit deutschem Gangster Rap haben ZM so wenig zu tun wie Schwester Ewa mit einem Blatt vor dem Mund. Das haben Grim104 und Testo übrigens auch nicht.

Ob im Titeltrack Alle gegen Alle, im Releasetrack Was für eine Zeit oder im Detox-Diss Stirb! – ZM kritisieren gnadenlos die belanglosen und fragwürdigen Interessen ihrer Generation.

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Hipster Bashing ist ihr Steckenpferd. Als Vertreter ihrer Art scheuen sich Zugezogen Maskulin aber nicht, einen (selbst-)ironischen Track unter die Austeilungen zu mischen: Im lyrischen Vor Adams Zeiten dreht es sich rund um den Planet Mann, auf und um den es vor Klischees nur so wimmelt.

Von skurrilen Kinderzimmerimpressionen und frustrierenden Provinzwüsten erzählen – mal bedrückend, mal humorvoll – Teenage Werewolf und Nachtbus, während Uwe & Heiko mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf ihre guten Zeiten zurückblicken, die aber inzwischen gar nicht mehr so toll aussehen.

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Das aufreibende Album – was heute übrigens rauskommt – schließt mit seinem wohl stärksten (und ruhigsten) Track Steine & Draht, der mit wortgewaltigem Feingefühl die letzten hundert Jahre Deutschlands Revue passieren lässt. Wer zeitgeistigen deutschen Hip Hop mit hartem Biss mag, darf sich „Alle gegen alle“ auf keinen Fall entgehen lassen!

Kettcar. Am Ende der Geduld

Das neue Kettcar-Album heißt Ich vs. Wir und ist ein scharf einschlagendes, Musik gewordenes böses Erwachen. Musikalisch besinnt sich die Band auf alte Zeiten, textlich ist sie besonnen wie nie.


Dabei kommen sie nicht ohne Proto-Kettcar-Phrasen wie „Irgendwann ist immer nur ein anderes Wort für nie“ oder die Mitsingparole „Das Beste ist immer der Feind des Guten“ aus. Bloß drumherum hat sich einiges verändert. Die über vier Alben ausgebreiteten Themen wie das Älterwerden ohne den Selbstverrat, Linksbleiben in Phasen des Reichtums, die Adressierung von Ängsten oder die Verarbeitung von Verlusten rücken in den Hintergrund. Im Vordergrund steht das Konkrete: die Selbstbestimmung im Hier und Jetzt.

Denn die scheint für die Band ein ernsthaftes Problem darzustellen. Zum Vergleich: Im Sommer ’89, als die Bandmitglieder um die 20 waren und politisches Engagement noch klare Formen wie Fluchthilfe am Eisernen Vorhang fand, konnte man im Freundeskreis noch mit Leidenschaft und bis weit über die Schmerzgrenze über die Sehnsüchte und Gefahren einer deutschen Wiedervereinigung diskutieren. Heute ist man in dieser Diskussion trotz fast 30 Jahren Erfahrung kaum reicher an Erkenntnissen. Und die politische Debatte selbst ist diffus geworden. Außerdem ist sie deutlich zu weit nach rechts gerückt, wird irrational und populistisch geführt. Als kritisch denkender, sozialer Mensch durchlebt man da schon mal Zyankali-Tage, an denen doch recht deutlich wird, dass Menschen keinen Sinn ergeben. Was tun? Hier gibt es mehrere Möglichkeiten.

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Option 1: Eskapismus.

Zum Flughafen fahren, in die Ankunftshalle setzen, Leute bei Begrüßungsszenen beobachten. Wie sie etwas Aufrichtiges tun. Sie als echte Menschen mit echten Gefühlen betrachten. Sich klarmachen, dass sie nicht alle und nicht immer eine Meute sind. Das funktioniert so lange gut, bis die letzte Nachtmaschine abgefertigt wurde. Und selbst Fußballgucken hat seine Grenzen. Als langjährige St.-Pauli-Fans stehen Kettcar ja exemplarisch für linke Fußballkultur, die den Sport liebt, sich an nationalistischen Fußballkulturen aber soweit hochschaukeln kann, dass die Mannschaftsausstellung zum metaphorischen Politikum wird und einen im Länderspiel aller sportlichen Grundlage entbehrend plötzlich gegen Deutschland sein lässt. Aus Panik.

Option 2: Gedanken sortieren.

Wie kann es eigentlich zu egoistischen Massenbewegungen kommen? Steht da nicht Ich vs. Wir? Wie formen viele Ichs ein Wir der Einzelinteressen und formieren daraus dann auch noch eine Wagenburg? Das wäre ja auch praktisch zu wissen, um eine Gegenbewegung zu bilden. Aber einem widersprüchlichen Gedankengang kann man nunmal nicht mit Rationalität Herr werden, sondern verheddert sich bloß und kommt in derselben Starre aus, die ja Ausgangspunkt des Ganzen war. Es hilft nur eins.

Option 3: Handeln.

„Mama sagte, achte auf deine Gedanken, denn sie werden deine Worte. Und mit ein paar Worten fing das Ganze an.“

Kettcar – Benzin und Kartoffelchips

Aber wie denn nun? Nur weil man Unsinn nicht sortieren kann, bleibt man ja ein rationalen Denkens fähiges Wesen. Da wird man ja wohl nicht die Geduld verlieren und sich zu Gewalt hinreißen lassen. Denn mit einem Jahr im Gefängnis ist ja auch keinem geholfen.

„Mama sagte, achte auf deine Worte, denn sie werden deine Taten. Wir waren nicht betrunken, nicht in der Unterzahl.“

Kettcar – Benzin und Kartoffelchips

Wobei man ja auch nicht gleich zuschlagen muss. Den Revolver entsichern wäre ja auch erstmal eine Maßnahme. Und mit dieser Maßnahme endet das Album dann auch. Weiter kann Kunst, zumal Indie-Pop-Rock, nicht gehen. Was das Album aber besonders macht, sind die vielen Stellen, an denen genau dieser eine Schritt zu weit höchst elegant umtanzt wird. Man spürt sehr deutlich die Wut der Band darüber, hier überhaupt nochmal in den Ring treten zu müssen. Hatte man nicht damals, zum Beispiel mit …But Alive, schon alles gesagt? Aber wenn schon, denn schon. Also produziert man es aus, denkt es zu Ende, nimmt alle sinnvollen und notwendigen Perspektiven ein, lässt dieses eine Mal wirklich nichts aus. Das Scheitern, das Zweifeln, die Wut, die Ursachen, die Konsequenzen oder den steten Versuch, einfach nur klarzukommen, den Mutspruch:

„Keine einfache Lösung haben, ist keine Schwäche. Die komplexe Welt anerkennen, keine Schwäche. Und einfach mal die Fresse halten, ist keine Schwäche, nicht zu allem eine Meinung haben, auch keine Schwäche.“

Kettcar – Den Revolver entsichern

Option 4: Ich vs. Wir veröffentlichen.

Der bemerkenswerteste Song der Platte bleibt trotz reicher Auswahl die Vorab-Single Sommer ’89, auch wenn die meisten im Kettcar-Publikum ihn vermutlich inzwischen schon totgehört haben. Doch seine konsequent prosaischen Strophen, die vom Schlagzeug durch die Handlung getrieben werden, sind nicht das einzig innovative Arrangement des Albums. Es fällt musikalisch vielseitig aus, lebt durch Ideenreichtum, nicht zuletzt spannende Gitarrenparts. Im Sound scheint es zwar ein bisschen, als entwickelten Kettcar sich im Kreis und wären viel näher an ihrem Frühwerk ausgekommen als am teilweise experimentelleren Vorgänger Zwischen den Runden. Aber sie entwickeln vieles weiter und machen einfach viel mehr daraus als früher.

Auf Ich vs. Wir kommt am Ende niemand zu kurz. Bloß wer sich davon angegriffen fühlt, hat Grund zur Sorge. Es gibt Schlimmeres.

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Kettcars Album Ich vs. Wir erscheint heute bei Grand Hotel van Cleef.

Titelbild: © Andreas Hornoff

Tanzt, ihr Träumer. Lali Puna – Two Windows

Mit ihrem neuem Album Two Windows erklären Lali Puna ihre Galaxie innerhalb des Weilheimer Banduniversums endgültig für unabhängig und formen den intimen Electro-Sound, den sie machen, zu ihrem eigenen Antityp: tanzbaren Songs.


Two Windows ist nun zwar bereits Album Nummer fünf innerhalb von 19 Jahren, dennoch kommt es, gerade durch die Neuausrichtung der Band, ohne Abnutzungsspuren aus. Was das Album bemerkenswert macht, ist die seltsame von ihm ausgehende Stimmung – diese Mischung aus Selbstbewusstsein und Melancholie. Irgendwie schön, dass Lali Puna es geschafft hat, das eine auszuprägen, ohne das andere einzubüßen. Denn es ist unzweifelhaft noch immer dieselbe Band, die groß geworden ist mit verschüchterten Alben wie ihrem 2001er Scary World Theory, das genauso klingt, wie es heißt. Immer noch sind da der markante Gesang Valerie Trebeljahrs, der sich durch detailverliebte Electro-Arrangements gleitet.

Und Two Windows ist auch kein durchgängiges Tanzalbum geworden, sondern öffnet und schließt sich gekonnt von Song zu Song. Die Vielseitigkeit wird auch bestimmt durch sorgfältig ausgewählte Kooperationen, zum Beispiel mit Dntel oder MimiCof. Das künstlerische Zentrum wiederum bildet wie immer Sängerin Trebeljahr, die in guter Tradition von den langjährigen Mitmusikern Christian Taison“ und Christoph Brandner begleitet wird. Dass ein vierter, Notwist-Sänger Markus Acher, sich erstmals nicht an den Aufnahmen eines Lali-Puna-Albums beteiligte, hinterlässt auch Spuren und leitet womöglich den emanzipatorischen Ansatz des Albums erst ein. In zwei Jahren Studioarbeit entstand letztendlich eine intime Platte, die sich auch die Bezeichnung Post-Pop“ wirklich verdient; denn es eignet sich durchaus recht explizit bekannte Versatzstücke an und kokettiert mit dem Mainstream.

Am deutlichsten tut es dies im überraschenden Cover The Bucket, das die Komposition des Kings-of-Leon-Songs völlig ent- und rekontextualisiert und vom Festival-Rock zum Clubsong transportiert. Hätte furchtbar werden können, ist aber großartig. Nur ein kleines wenig subtiler passiert es im Song Deep Dream, der, wenn es auf den Refrain zugeht, in Phrasen mündet, wie sie sich eigentlich Kylie Minogue schon Ende der 80er patentieren ließ: „I should be so lucky“. Ergänzt um die beiden Silben „… in love“ ist der Refrain textlich fast provokant verpopt. Doch auch wenn Deep Dream tatsächlich ein tanzbarer Song ist, führen Lali Puna die Verse auf ihren tieftraurigen Kern, die Unerzwingbarkeit des Glücks zurück. Das Thema des Lieds wird also gleich mehrfach gebrochen und macht im Grunde viel zu nachdenklich für den kleinen, verträumten Popsong, der er eben auch ist. Aber es sind genau diese Reflexionen, die Lali Puna mit feinem Gespür an vielen Stellen in ihre Musik streuen, welche beim Hören wachhalten. Und auch Lust auf die anstehende Tour wecken. Vielleicht könnte man sich sogar in die neue Volksbühne trauen, wenn Lali Puna schon den Mut dazu aufbringen.

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Ein paar Tourdaten (in Auswahl):

18.10.2017 Nürnberg (DE) Z Bau
19.10.2017 Köln (DE) Gebäude 9
25.10.2017 Frankfurt a.M. (DE) Zoom
22.11.2017 Wien (AT) Arena
24.11.2017 Wels (AT) Youki
25.11.2017 Leipzig (DE) Conne Island
26.11.2017 Berlin (DE) Volksbühne
28.11.2017 Hamburg (DE) Kampnagel
29.11.2017 München (DE) Kammerspiele

Titelbild: Patrick Morarescu

Chuckamuck. Von Berlin nach Nashville und zurück

Schrammel-schrammel, schrei-schrei, rausch-rausch. Chuckamuck haben ein neues Album veröffentlicht. Cool!


Irgendwann hat eine Freundin mir erzählt, dass sie früher einmal mit dem Drummer (oder war es doch der Gitarrist?) von Chuckamuck rumgeknutscht hätte. Das muss Ende der 2000er gewesen sein. Chuckamuck waren noch gänzlich unbekannt und 1000 Robota galten als die Zukunft der deutschsprachigen Indie-Musik. Ich als Spätzünder hab die Band erst etwas später für mich entdeckt, dann aber sehr gerne gemocht. Auch wenn ich ihr nie so nahegekommen bin.

Chuckamuck sind Oscar Wald, Lorenz O’Toole und besagter Jiles plus den ein oder anderen Bekanntem am Bass. Sie kommen aus Berlin und machen Rock’N’Roll mit Schrammelattitüde. Dazu singen sie deutsche Texte ohne diskursrockige Bedeutungsschwere, die trotzdem gut bis grandios sind. Bestes Beispiel war die Hitchhike, die Lead-Single zu „Jiles“. Nach verschiedenen EPs und zwei Alben veröffentlichen sie jetzt das dritte, das sie nach sich selbst benannt haben.

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Und natürlich erwartet jeder Musikfan von einem self-titled-Album die große Rückbesinnung auf alte Werte. Auch Chuckamuck sind nach dem höherwertiger produzierten „Jiles“ jetzt zur DIY-Ästhetik zurückgekehrt. Das klingt aber trotzdem super. Ich glaube sowieso, dass sie auch immer absichtlich etwas schrumpeliger spielen, als sie es in Wirklichkeit können. Ist ja schließlich Rock’N’Roll. Oder gar Punk?

Wie auf jedem ihrer Alben sind nicht alle Songs gut, dafür andere umso besser. „20.000 Meilen“ ist ein schmerzhafter Trennungssong, der ziemlich country-mäßig klingt und gegen Ende auch Nashville als Sehnsuchtsort für den frischgetrennten Protagonisten namedropt. Mit „Berliner Luft“ haben sie dagegen eine Hymne auf das kultigste aller Kultgetränke aus Berlin. Saufen und Krawall sind ja Themen, die in der distinguierten deutschen Indieszene nur selten zur Sprache kommen. Umso erfrischender ist dieser Song über Saufen mit frischem Pfefferminzatem. (Song und Getränk sind auch eine ganz persönliche Empfehlung des Autors)

Etwas enttäuscht war ich dagegen, dass mit „Sayonara“ der beste Song, den sie vorab veröffentlicht hatten, nicht auf dem Album enthalten ist. Aber das ist vielleicht so ein Beatles-Ding, die hatten ja auch viele Singles auch nicht auf den Alben mit drauf. Ich glaub aber, wenn Chuckamuck bald wieder in meine Stadt kommen, werde ich hingehen und mir einige große Schlücke Berliner Luft trinken, bevor ich mich auf den Weg nach Nashville mache.

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Beitragsbild: © Jana Ritchie

Zwischen Experiment, Soundtrack und Avantgarde. Ein Gespräch mit Midori „MimiCof“ Hirano

Wer ist Midori Hirano? Bereits seit ihren ersten Veröffentlichungen spannt die Musik der Japanerin einen Bogen zwischen Klassik und Ambient, und wirft insbesondere auch eine aufmerksame künstlerische Perspektive auf deutsche Erscheinungen der Musikgeschichte. Ihre Musik stellt nachdrücklich fest, dass diese sich nicht nur, wie allgemein angenommen, über Stilbrüche verstehen lassen, sondern auch als rückgekoppelte, geschlossene Kunst funktionieren.

Unter ihrem Pseudonym MimiCof entlädt sie die Spannung immer stärker in etwas Eigenes, führt uns tiefer ins Abstrakte und baut die Sphären, die sie vor langer Zeit betreten hat, zu synästhetischen Gebilden, mal Maschinen-, mal Welträumen aus. Das führte sie schon auf die Berlinale. Ihr neues Album „Moon Synch“ nun ist nicht zuletzt auch von ihrer Auseinandersetzung mit einem analogen Buchla-Synthesizer geprägt. Assoziationen zu Science-Fiction-Kino-Soundtracks oder Industrial Music bleiben schon deswegen nicht aus.

Doch es liegt in der Natur des Avantgarde, im Vorgefundenen bloß Vereinnahmungspotenziale zur Überwindung zu verstehen. Und so erlegt der schwere Industrial-Sound ihrem Projekt eine neue künstlerische Mitte auf, die „Moon Synch“ zu einem seltenen Fund macht – dem Ausgangspunkt eines aufschlussreichen Gesprächs.


Herzlichen Glückwunsch zu deinem neuen MimiCof-Album – wie lang hast du daran gearbeitet?

Dankeschön. Mit ein paar Pausen habe ich insgesamt vielleicht vier bis fünf Monate daran gearbeitet. Ich hatte zwei Residencies in Stockholm, einmal für zwei Wochen und einmal für eine Woche. Es gibt dort das DMS Studio, das einen großen Buchla-Synthesizer hat. Ich habe vorher nie mit einem analogen Synthesizer gearbeitet und war total interessiert, weil ich bisher nur digital am Computer gearbeitet habe.

Du bist extra für diesen Synthesizer nach Stockholm gekommen?

Genau, ich habe mich dafür auf diese Residency beworben und bin dann zum Glück angenommen worden.

Quelle: SoundCloud

Und während dieser Zeit in Stockholm sind sämtliche Songs des Albums entstanden?

Ich habe zunächst komplett ohne Ziel begonnen, mich mit dem Synthesizer auseinanderzusetzen, habe improvisiert und experimentiert, weil ich nicht wusste, wie er funktioniert. Das wurde mir im Studio aber gezeigt und ich habe es gelernt. Nach dem ersten Aufenthalt habe die Dateien mit nach Hause gebracht und sie ausgewertet, noch mehr Layer hinzufügt und sie digital bearbeitet.

Wie war es denn für dich, ein neues Instrument kennenzulernen?

Das war super. Ich habe ja klassische Musik studiert und früher viele Jahre lang Klavier gespielt. Aber das ist ein schon länger her, ich habe eine lange Pause vom Klavierspielen gemacht und meine Musik komplett am Computer komponiert. Mir wurde aber immer stärker bewusst, dass ich den Kontakt zu einem Instrument vermisse. Ich wollte jedoch nicht einfach zum Klavier zurück, sondern etwas anderes probieren.

Und gibt es Buchla-Synthesizer so selten, dass du dafür extra nach Stockholm musst?

Ja, tatsächlich. Die sind schon teuer und es gibt nicht so viele. Und es ist ein sehr altes Modell, aus den 60ern oder 70ern.

Der Buchla-Synthesizer im Stockholmer Elektronmusikstudion:

Quelle: Instagram

Im Gegensatz zu deinen vorherigen Alben gibt der Synthesizer deinem Sound ja auch eine durchaus neue Richtung, er klingt zeitloser und schwerer. Wie würdest du den Sound im Unterschied zu deinem 2012er MimiCof-Album „KotoLyra“ beschreiben?

Die beiden Alben sind komplett unterschiedlich. Bei „KotoLyra“ habe ich eher nur mit dem Computer komponiert und nur für wenige Stellen einen Synthesizer benutzt. Aber auf „Moon Synch“ geht es viel stärker in eine experimentellere Richtung. Es findet viel mehr zwischen analog und digital statt.

Würdest du auch sagen, dass es vom Sound her geschlossener klingt?

Ja, schon. Und es klingt viel physikalischer. Für mich hat es eine viel physikalischere Bedeutung.

Darauf sind ja auch die Songtitel wie „Spins“, „Rising“ und „Burning Lights“ angelegt, oder? Ist dies das Konzept des Albums geworden?

Am Anfang hatte ich kein Konzept, aber irgendwann habe ich das Ziel gefunden, dass der Sound etwas kosmischer wird. Im letzten Jahr habe ich ein anderes Album unter meinem wirklichen Namen Midori Hirano veröffentlicht, das „Minor Planet“ heißt. Und schon bei dem Albumnamen habe ich die Idee bekommen, ein zweites Album zu machen, das inhaltlich mit „Minor Planet“ verbunden ist. Aber das war eigentlich etwas zufällig.

Ambient-Musik ist ja oft sehr abstrakte, offene Musik, weshalb man beim Hören schnell die Tendenz hat, sich assoziativ durch Songtitel leiten zu lassen. Und Titel und Sound fügen sich auf „Moon Synch“ ja nun wirklich gut. Aber angenommen, jemand würde aber etwas ganz anderes, also nichts Kosmisches darin hören: Würde dich das stören oder findest du es schön, mit deiner Kunst Projektionsfläche zu bieten?

Ich freue mich, wenn jemand den Songs eine andere Bedeutung gibt. Jeder Mensch hat eigene Ideen zu jedem Stück.

Und ist es für dich wichtig, dich von Album zu Album in neue Richtungen zu entwickeln?

Es muss nicht immer anders sein. Es kommt nur darauf an, was ich gerade machen möchte. Das entscheide ich jedes Mal aufs Neue. Mein erstes Album habe ich schon vor zehn Jahren veröffentlicht. Und ich mache bei neuen Projekten gerne Sachen anders. Ich brauche manchmal die Veränderung.

als Midori Hirano:

Quelle: YouTube

War das der Grund für dich, anzufangen, auch das Pseudonym MimiCof zu benutzen?

Genau. Am Anfang habe ich immer nur als Midori Hirano Musik veröffentlicht. Dann kam ich nach Berlin, wo ich kein Klavier mehr hatte. Ich habe hier zunächst nur mit dem Computer und Geräten gearbeitet. In dieser limitierten Umgebung kam ich auf die Idee, etwas anderes zu machen, war stärker an elektronischer Musik interessiert und habe mir überlegt, mit einem neuen Projekt anzufangen. Deswegen habe ich als MimiCof angefangen. Heute sind für mich beide Projekte wichtig.

Und warum hast du dich damals für Berlin entschieden? Hatte das eine künstlerische Motivation?

Ich war, auch weil ich Klassik studiert habe, schon lange an deutscher Musik interessiert. Und noch mehr hat mich die Musikszene in Berlin interessiert.

… die elektronische?

Ja, schon. Außerdem war ich damals 29 Jahre alt und wollte etwas anderes in meinem Leben probieren.

Das hat ja künstlerisch auch sehr gut geklappt. Und obwohl du klassisches Klavier studiert hast, war die Musik, die du veröffentlicht hast, noch nie rein klassisch instrumentiert.

Ja, es war immer eine Mischung aus akustischer und elektronischer Musik. Auch mit Field-Recordings [aufgenommenen Alltagsgeräuschen] habe ich experimentiert, was ich auch immer noch gerne mache. Auf „Moon Synch“ nicht, aber auf „Minor Planet“ habe ich noch Field Recordings verwendet.

Aber auch Moon Synch ist ja ein wenig psychedelisch – mit maschinellen Klängen. Vom Höreindruck her könnten es auch echte Field Recordings sein, die du benutzt.

Ich habe auch tatsächlich darüber nachgedacht, Aufnahmen zu benutzen, aber der Klang des Buchlas hat mir so gut gefallen, dass ich nur damit gearbeitet habe.

Und du machst auch Film-Soundtracks.

Ja, manchmal schon. Nicht oft.

Einer der Filme lief sogar bei der Berlinale.

Ja genau, Vita Lakamaya, ein Animationsfilm.

Vita Lakamaya von Akihito Izuhara (Berlinale-Trailer):

Quelle: Vimeo

Wie entscheidest du, an welchen Projekten du mitwirken möchtest?

Ich beteilige mich nur, wenn jemand auf mich zukommt und fragt, ob er meine Musik verwenden kann. Der Regisseur von Akihito Izuhara kannte zum Beispiel meine Musik schon, weil wir uns schon kennengelernt haben. Er kam dann darauf, die Musik für den Film zu verwenden. So funktioniert es eigentlich immer: dass der Regisseur auf mich zukommt.

Würdest du sagen, dass deine Beteiligung an Filmsoundtracks deine Arbeit als Musikerin generell beeinflusst? Also dass auch deine Alben evtl. von visueller Kunst beeinflusst sind?

Ja, manchmal schon. Manchmal bin ich von bestimmten Bildern inspiriert, mit denen ich gearbeitet habe. Es gibt manchmal schon einen Zusammenhang. Ich sehe bestimmte Bilder, während ich komponiere. Ich mache das zwar abstrakt, schaue mir keine konkreten Bilder an, aber trotzdem fließen manche visuellen Ideen ein.

Apropos szenische Kunst – ein Song sticht aus dem abstrakten Konzept von „Moon Synch“ hervor: „Leaving the Country“ beginnt mit einem bedrückend klingenden, mechanischen Sound, welcher sich aber immer mehr auflöst. Ist dies das Gefühlsleben, das man hat, wenn man seine Heimat verlässt? Hast du daran gedacht bei dem Titel?

Vielleicht, ja, ein bisschen schon. Es muss nicht so traurig sein. Es geht ein bisschen um das Gefühl, vergänglich zu sein. Jeder Mensch stirbt irgendwann. Oder etwas geht kaputt. Das Gefühl, dass etwas endet. Alle gehen irgendwann weg. Dieses Gefühl hatte ich, als ich es komponiert hab, das wollte ich abbilden.

Und diese Art von Bedrückung klingt auf deinem Album ja auch an anderen Stellen immer wieder durch. Wie ist es, über mehrere Monate an einem so einnehmenden, impulsiven Projekt zu arbeiten? Belastet es dich auch?

Ja, es ist manchmal sehr anstrengend und man braucht viel Energie, um ein bestimmtes Stück zu machen. Vielleicht ist es eine Belastung. Aber man kommt damit zurecht. Ich habe nicht immer daran gedacht.

Quelle: YouTube

Und was auch sehr beeindruckend ist, ist dass du immer geschlossen und allein arbeitest. Du spielst alle Instrumente selbst, oder?

Beim allerersten Album haben Gastmusiker die Streichinstrumente aufgenommen. Aber ansonsten mache ich alles alleine, Klavier und Computer.

Erfordert es viel Disziplin, sich Tag für Tag damit zu beschäftigen?

Es ist wirklich schwer, denn es gibt zu viel Ablenkung. Aber ich versuche trotzdem immer etwas zu machen – zu spielen, etwas zu entwickeln. Aber das geht nicht jeden Tag.

Du stehst, während wir uns unterhalten, gerade direkt vor einer Japan-Tour, in der du dein neues Album präsentierst. Wie ist es, als Künstlerin in die Heimat zurückzukehren?

Ich kehre ungefähr einmal pro Jahr nach Japan zurück. Es ist eine Mischung aus Besuch und Tour. Meine Familie und viele Freunde sind noch dort.

Und ist es anders, vor denen zu spielen als hier in Europa?

Für mich ist es hier einfacher. Hier kann ich offener sein und freier auftreten – und arbeiten. In Japan gibt es auch viele Künstler*innen, die Musik in diese Richtung spielen. Aber ich bin auch hier, weil es dort viel schwieriger, viel stressiger ist, zu leben.

Du denkst also nicht darüber nach, zurückzukehren?

Momentan nicht. Vielleicht in zehn Jahren. Ich weiß es noch nicht.

Und zum Abschluss: Spielst du auch in Deutschland noch Release-Shows für das Album?

Das steht noch nicht fest. Ich plane meine Konzerte eigentlich immer noch unabhängig von Albumveröffentlichungen. Es kommt für mich eher darauf an, Anfragen zu bekommen, die ich spannend finde. Aber am 2. Juni spiele ich in Chemnitz und am 1. Juli in Bielefeld, zusammen mit Driftmaschine.


Eine Release-Show in Berlin ist inzwischen für den 23. Juni angekündigt. MimiCofs Album „Moon Synch“ erschien indes am 5. Mai bei Alien Transistor.

Titelbild: © Sylvia Steinhäuser

Elegante Störakzente – Albrecht Schrader: Nichtsdestotrotzdem

Was macht Albrecht Schrader eigentlich, wenn er nicht das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld im Neo Magazin Royale leitet? Sein exzentrisches Debütalbum gibt Aufschluss.


Wie locker aus der Hüfte geschossen kommt Albrecht Schraders erstes eigenes Album Nichtsdestotrotzdem daher, das am 5. Mai erscheinen soll. Das ist fetzige Pop-Musik, die mal schräg, mal selbstironisch, aber stets schlicht, subtil und wirksam den Widersprüchen und Brüchen unseres Zeitgeistes auf der Spur ist, ohne in abstrakte Höhen zu steigen oder mit dem moralisch erhobenen Zeigefinger die besungenen Missstände zu kritisieren.

Zehn Songs befinden sich auf dem Album. Dazu gehören je ein instrumentelles Intro und Outro, das den Protagonisten Peter zum Inhalt hat, dessen desolater Zustand auch Teil der Songs ist, wodurch jener Peter als pars pro toto für sozial verzweifelte Charakter fungiert. Das Duett Zufrieden ahnungslos, das Schrader mit Tiana Wagner in der Mitte des Albums singt, ist dabei eine klare Zäsur im Aufbau, in dem vor Ironie nur so triefender Pathos mit metalartigen Gitarrensoli kombiniert wird, was dem Song eine bewusste Peinlichkeit verleiht.

Scheinbar emphatisch schildern die Songtexte in einer hyperbolischen und teilweise assoziativen Art die vermeintliche Nutz- und Formlosigkeit des menschlichen Daseins. Besonders im titelgebenden Song werden locker, unverkrampft und wie nebenbei der islamistische Terrorismus und Eurovision Song Contest in einer Aufzählung willkürlich nebeneinander gesetzt. Das postmoderne Ich verliert damit nicht nur jegliche soziale Struktur und Verortung, es fließt auch isoliert parallel zu diesen Phänomenen, ohne die Möglichkeit Einfluss die „Katastrophen“ zu nehmen. Garniert wird dies in mehreren Texten mit scheinbar unsinnigen, neologistischen Dopplungen.

Zwischen Metal und 80er-Pop

Zugegeben, die Texte könnten einfach nur zynisch, resigniert oder boshaft wirken, ja, soziale Missstände scheinen gar affirmativ. Im Text selbst findet sich keine Form der Kritik oder Unterscheidung. Durch den einzigartigen Stil von Schraders Gesang und instrumenteller Musik wird dies jedoch untergraben. Eine übertrieben lustig wirkende Sopranstimme, elektronische Soundmittel aus dem 80er-Pop, wie dem altmodischen DX7-Sound, die jeden Schlagersong noch überspitzen, und eine rhythmisch angelegte Gitarrenschraffur wirken aufeinander und setzen klare Stör-Akzente. So wird eine musikalische Entfremdung zum Text erzeugt.

Eigentlich Unvereinbares wird also nicht nur sprachlich kommuniziert, sondern vom Sound und dem einfachen Klangspektrum stilistisch noch übertroffen. Auch wenn die Lieder in ihrer Machart sehr authentisch wirken, so beinhalten sie doch beabsichtigte und sehr eigenwillige Brüche. Die Ambivalenzen und Widersprüche unseres sozialen Lebens werden damit dezent und subtil in Szene gesetzt, Inhalt und Form widersprechen sich in krasser und faszinierender Form. Das ist emphatischer und exzentrischer Pop, eine Musik der puren, improvisierten und unnatürlichen Unstimmigkeit.

Zugegeben, das mag für den Hörer zunächst gewöhnungsbedürftig sein, aber Schraders schräg klingende Musik ist kein seichtes Plätschern des Pop-Mainstreams, sondern die textuell-musikalische  Verwirklichung der Konfrontation, Neukombination und Verfremdung, mit den Mitteln des Alternative Pop. Wer sich nach einigen Songs erst einmal damit angefreundet hat, wird noch mehr Alben wollen.

Titelbild: © M. Koehler

Next level Punk – Postfords aufwühlendes Debüt

Kennt ihr diese stilisierten, verträumten Softpunk-Alben, die momentan aus dem Boden sprießen? Postfords Debütplatte ist keines davon.


Schon gar nicht soft. Und das ist auch gut so. Denn Postford greifen Punk für sich als uneingeschränkte Möglichkeit auf, ihrer Angefressenheit Luft zu machen. Und da sie kluge, kritische Geister sind, die bekannterweise viel zu sagen haben, teilt sich ihre Wut gut sortiert unter verschiedenen Themenfeldern auf. Einerseits sind da die Banalität von Kapitalismus, Medienapparat und Leistungsgesellschaft, andererseits sinnlose Kriege und Radikalisierungen. Mit kryptisch zersplitterten Texten und vielschichtigen, wuchtigen Arrangements greifen sie diese Komplexe breit an. Denn „zwischen Schampus und Ignoranz passt noch ein Hummerschwanz“. Und aus Kopf-Hoch/Weitermachen wird die Negation, wird „Hinfallen/Liegenbleiben“. Aus den Phrasen entsteht ein Narrativ, das keine abstrakten Parolen produziert, sondern Politik auf die direkte Ebene zurückholt, auf der sie stattfinden sollte.

„in der Glotze Krieg und Audi // auf der Straße Gold und Dreck“

Postford – La Déluge

Mal ernsthaft aufgebracht, mal zynisch erzeugen die Texte auch abseits der Lautstärke stete Unruhe. Damit stellen die Bremer٭innen sich konzeptuell in eine Reihe mit nordischen Diskurspunk-Bands wie Turbostaat, die sicher auch musikalisch als Inspiration durchklingen. Das Aufgreifen präganter Fetzentexte und ineinder herumwühlenden Spuren ist hier ein klares Plus der Platte, erstens weil es ohnehin ziemlich brillante Stilmittel sind, zweitens, weil es Postford gelingt, es zu etwas Eigenem zu formen und mit frischen Inputs zurückzuschießen. Eine weitere Stärke ist ohne Frage der Gesangsvortrag selbst, der ziemlich souverän sowohl zwischen verschiedenen Stimmen als auch Sprachen als auch Techniken der Trias Schreien, Singen, Sprechen kreist. Gerade die Vielseitigkeit ist hier prägnant.

Quelle: YouTube

Postford selbst holen übrigens auch ein altes Schätzchen aus dem großen Genre-Schubladenschrank, wenn sie sich beschreiben, und bemühen neben „Punk“ auch das Wörtchen „Emo“, auf welches man aufgrund von Genre-Verwirrungen und -Fehlzuschreibungen vielleicht gar nicht unbedingt gekommen wäre. Aber zunächst einmal gibt es ja nur Aufschluss über die persönliche Dimension der Texte. Und das ist etwas, worauf schon der Bandname „Postford“ angelegt ist: auf die Durchdringung von Individuum und der Gesellschaft. Von Persönlichkeitsentfaltung und Arbeitswelt. Von Nichtstun und Politik. Von H&M-Shopping und Welthungerbericht. Von der Band Postford und dem Album „Postford“. Die beiden letzten sind (die anderen genauso) nämlich in der Tat nicht zu trennen. Denn herausgekommen ist eben kein stilisiertes Kunstprodukt, sondern ein glaubhafter Versuch, sich selbst musikalisch als engagierte Individuen innerhalb von Zwängen abzubilden.

Nicht zuletzt sind es aber Spielfreude und Neugier, die das Album antreiben. Da geht es um Neuerfindung, Spaß an der Musik, an Riffs, an Pogo – ein paar Tugenden, die Postford sich hoffentlich erhalten. Ein konsequentes, waches Album haben sie nun schon hervorgebracht.

Titelbild: © Christina Kühn


Postford – s/t ist am 28. April 2017 bei Antikörper-Export und Raccoone Records erschienen.