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Die 10 größten Fehler mit den „Gutmenschen“

Ob Journalist*innen, Wikipedia-Beitrag-Schreiber*innen, Sprachforscher*innen, AfD-Anhänger*innen oder vermeintliche Erfinder*innen des Wort „Gutmensch“ – alle haben mindestens einen der folgenden Fehler begangen. Und die haben ihre Folgen.


Wer das Wort „Gutmensch“ bis 2015 nicht kannte, der wünscht sich schon jetzt, es wäre nie erfunden worden. Denn durchtrieft von gehässiger Ironie dominiert es die Sozialen Medien, wenn es um „das Flüchtlingsthema“ geht. Gerne wird es gemeinsam mit den Wörtern „Bahnhofsklatscher“ oder „Teddywerfer“ verwendet. Erfunden für die Menschen, die die ersten Geflüchteten an Bahnhöfen herzlich begrüßten.

1. Fehler: Den „Schlechtmensch“ dem „Gutmensch“ vorziehen

Aber nein, „Gutmensch“ ist kein Kompliment. Als Schimpfwort – besonders für Menschen, die sich für Geflüchtete einsetzen – benutzt, stempelt der*die Verwender*in Hilfsbereitschaft und Political Correctness als naiv und weltfremd ab. Denn indem „Gutmenschen“ helfen, würden sie ihrem Land, ja, Deutschland, schaden. Anwendungsbeispiel sind zuhauf z. B. auf der Facebookseite der AfD zu finden. Die Beschimpften wehren sich: „Lieber ein Gutmensch als ein Schlechtmensch!“ oder „In was für einem Land leben wir, in dem ‚Gutmensch‘ als Schimpfwort gilt?“ Gute Frage: Können sich die Verwender*innen sicher sein, dass sie jemanden mit einem Wort, das sich aus „gut“ und „Mensch“ zusammensetzt, beleidigen?

2. Fehler: Nach Nietzsche und den Nazis fragen

Um das herauszufinden, muss man die Herkunft des Wortes „Gutmensch“ untersuchen. Und das ist nicht einfach: Denn das 2011 auf den 2. und 2015 auf 1. Platz gewählte Unwort des Jahres wird mal auf Friedrich Nietzsche, mal auf die Nationalsozialisten zurückgeführt. Zwar kritisiert Nietzsche den „guten Menschen“, verwendet das Wort „Gutmensch“ aber nicht. Ebenso verhält es sich mit der Behauptung des Journalisten Jürgen Hoppe:

„Erstmals findet sich das Wort als Bezeichnung für die Anhänger von Kardinal Graf Galen, die gegen die Vernichtung ‚lebensunwerten Lebens‘ […] gekämpft haben. Nicht klar ist, ob der Begriff von Josef Göbbels oder Redakteuren des ‚Stürmer‘ 1941 ersonnen worden ist. ‚Gutmensch‘ geht auf das jiddische ‚a gutt Mensch‘ zurück, womit von den Nationalsozialisten auch ein Bezug zu den ‚lebensunwerten‘ Juden hergestellt werden sollte. (In: Memorandum zur Initiative Journalisten gegen Rassismus, 27. März 2006)

Das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung prüfte den als Beleg angeführten „Stürmer“-Beitrag und schlussfolgerte, dass die „dortige Rede vom ‚guten Menschen‘ […] eine andere Bedeutung“ als „Gutmensch“ habe. Das Wort „Gutmensch“ selbst taucht im genannten Beitrag gar nicht auf.

3. Fehler: „Goodman“ und „bonhomme“ übersetzen

Ein weiterer Ansatz ist es, die Herkunft des Wortes in anderen Sprachen zu suchen: „Bonhommes“, auf deutsch „Gutmenschen“, nannten sich die Katharer, die französischen Ketzer des Mittelalters. Heute kann „bonhomme“ mit „Gentleman“ übersetzt werden. Glaubt man der Gesellschaft für deutsche Sprache e. V. (GfdS), so stammt ihr „Erstbeleg zu Gutmensch […] aus dem Jahr 1985“. In der US-amerikanischen Zeitschrift Forbes sei der damalige Gewerkschafter Franz Steinkühler als ein solcher bezeichnet worden. Ob er tatsächlich „Gutmensch“ oder „goodman“ genannt wurde, ist der Erklärung der GfdS nicht zu entnehmen. Allein die Erläuterung „[i]m Englischen existiert goodman […] auch im ironischen Sinne“, aber es sei „spekulativ, hier eine Verbindung zum deutschen Sprachgebrauch zu sehen“, lässt vermuten, dass die Forbes „goodman“ und nicht „Gutmensch“ verwendete.

4. Fehler: Nach einem „Gutmann“ und einem „Gutweib“ suchen

Und dann gibt es noch jemanden, der bei solchen Fragestellungen nicht fehlen darf: Johann Wolfgang von Goethe. Doch richtig fündig wird man auch bei ihm nicht. Zwar schrieb er die Ballade Gutmann und Gutweib, benutzte „Gutmensch“ jedoch so oft wie Nietzsche. Also gar nicht. Im Wörterbuch der Brüder Grimm ist ebenfalls „Gutmann“ gleichbedeutend mit „gutmütiger Mann“ und „Edelmann“ aufgeführt, „Gutmensch“ ist aber auch hier nicht zu finden. Und aus gleichem Grund kann Brechts Werk Der gute Mensch von Sezuan ignoriert werden.

Kann es sein, dass die Herkunft des Wortes dort gesucht wird, wo es gar nicht auftaucht?

5. Fehler: Sich für den*die Erfinder*in des „Gutmenschen“ halten

1997 behauptet der Merkur-Mitherausgeber Kurt Scheel in der Frankfurter Rundschau, er sei Schöpfer des Wortes und stellt klare Regeln zum Gebrauch auf:

„Als Erfinder des Wortes Gutmensch – es stand zum ersten Mal 1992 im Januarheft des ‚Merkur‘ – möchte ich darauf hinweisen, daß es nur ‚als süffisante, Heiterkeit erzeugende Bemerkung angesichts eines berufsmäßigen Moralisten‘ benutzt werden darf.“ (Frankfurter Rundschau, 19.11.1997, S. 16)

1998 erscheint dann Klaus Bittermanns Wörterbuch des Gutmenschen, in dem „Betroffenheitsjargon und Gesinnungskitsch“ aufgedeckt werden sollen. Schließlich hat sich der Terminus „Gutmensch“ seit Mitte der 1990er-Jahre in politischen Debatten – gehäuft auch in den Medien – etabliert, um politische Gegner als moralisierend zu kritisieren. Deswegen wird es auch 2004 in Neuer Wortschatz: Neologismen der 90er Jahre im Deutschen aufgenommen „Gutmensch“ soll also ein Neologismus der 1990er sein? Das Wort soll es erst seit den 90er Jahren geben? Bei aller Liebe, das ist abwegig. Denn wie auch die GfdS klarstellt, „das grammatische Muster […] [existiert] im Deutschen seit Jahrhunderten […] – man denke nur an Gutgeld […] oder Gutmann“. Trotzdem ist es der GfdS „nicht möglich, den Ausdruck genau zu datieren und einem bestimmten Urheber zuzuordnen.“

6. Fehler: Nach dem Begriff und nicht nach dem Wort „Gutmensch“ fragen

Warum ist es so schwer, den Ursprung des Wortes „Gutmensch“ zu eruieren? Weil ein Fehler gemacht wird bzw. gemacht wurde. Und das bei allen Diskussionen rund um „Gutmensch“ – egal, ob von der Welt oder der Süddeutschen Zeitung o. ä. Ja, auch der selbsternannte „Erfinder des Wortes Gutmensch“ Kurt Scheel hat ihn begangen und auch die GfdS:

Es wird nicht zwischen „Wort“, „Terminus“ bzw. „Ausdruck“ und „Begriff“ unterschieden. Denn es ist etwas völlig anderes, ob man nach der Herkunft des Wortes, Terminus‘ und Ausdrucks „Gutmensch“ fragt oder nach der Herkunft des Begriffs. Im zweiten Fall geht es um den Ursprung der heutigen Bedeutung, also um die ironische Verwendung, nicht aber um das Wort selbst. Natürlich ist es der GfdS „unmöglich, den Ausdruck genau zu datieren“. Wie sollte sie auch? Schließlich hat sie gar nicht nach der Herkunft des Ausdrucks, sondern nach dem Ursprung der heutigen Bedeutung gefragt. Und es kann zwar sein, dass Journalist Kurt Scheel den Begriff in den 90ern geprägt hat. Er ist aber auf keinen Fall der „Erfinder des Wortes Gutmensch“, so wie er sich selber betitelt.

7. Fehler: Nicht zu weit in der „Gutmensch“-Vergangenheit wühlen

Denn das Wort selbst ist um einiges älter. Und dafür muss man nicht das französische „bonhomme“ bemühen. Auch Belege, die in einen Artikel der Welt angeführt werden, reichen nicht weit genug zurück: Etwa das Zitat von 1870 aus der Zeitschrift Deutscher Sprachwart: „Wo ein besonderer Mensch bezeichnet werden soll, da bedarf der allgemeine Menschenname […] noch der Hinzufügung eines besonderen Prädikats. Athil-a, Edelmensch, Oth-o, Gutmensch.“ Oder in Gustav Karpeles 1890 erschienenen Fassung von Briefe an eine Jungfrau über die Hauptgegenstände der Ästhetik , in der es heißt: „Wird nicht ein solch unberatener Gutmensch für seine unbedingte Menschenliebe verlacht, für einen Thoren von der ganzen Welt gehalten werden und ein Opfer seiner Schwäche sein?“ Auch wenn sich das zweite Zitat wie eine weise Vorahnung zur aktuellen Dialogkultur liest, einer der ersten zu findenden Belege für den Wortgebrauch von „Gutmensch“ ist es nicht.

8. Fehler: Nicht davon ausgehen, dass „Gutmensch“ etwas Gutes bedeutet

Denn um nur zu erahnen, dass das Wort lange vor dem 20. und auch vor dem 19. Jahrhundert existierte, reicht ein Blick in die Bibel, nämlich in die Dietenberger-Übersetzung. Sie gilt als eine der katholischen Gegenbibeln zur Lutherbibel, einer sogenannte „Korrekturbibel“. Hier heißt es z. B. in der Ausgabe von 1603:

„Ein gutmensch bringt guts herfur auß seinem gutem schatz : vnd ein böß mensch bringt böses herfur auß seinem bösen schatz.“

Zwar schreibt Luther in seiner Übersetzung „Denn ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus seinem Schatz des Herzens“, nichtsdestotrotz nutzt Dietenberger explizit das Wort „gutmensch“. Denn im Gegensatz zu „gutem Schatz“ ist „gut“ bei „gutmensch“ nicht gebeugt. Und tatsächlich wird hier eine weitere wichtige Frage beantwortet: Denn das Gegenteil von „Gutmensch“ war ursprünglich nicht „Schlechtmensch“, sondern „Bösmensch“. Der Ursprung des Wortes „Gutmensch“ hingegen scheint noch weiter zurückzuliegen. So heißt es in der Schrift „Ewangelia vnnd Epistel teutsch vber das gantz jar“ von 1523:

„Der gut mensch von dem gutten Schatz/redt er guts/Vnd der böß mensch von dem bösen Schatz redt er böse ding.“

Kann es also sein, dass „Gutmensch“ im 16. und im 17. Jahrhundert positiv konnotiert war? Dass jene ganz unironisch und ohne jeglichen Spott als „Gutmenschen“ geschimpft wurden, die im christlichen Sinne Gutes redeten und hervorbrachten?

9. Fehler: „Gutmensch“ als Schimpfwort verwenden

Sieht ganz danach aus. Welche Ironie der Begriffsgeschichte, dass jene, die plötzlich ihren christlichen Glauben wiederentdecken und ihn vor der „drohenden Islamisierung“ retten wollen, meinen, andere mit dem Wort „Gutmensch“ zu beleidigen. Denn nach den oben aufgeführten Belegen, ist es im Christentum ja sogar erstrebenswert, ein Gutmensch zu sein. Hingegen tragen die „Gutmenschen“-Schreier*innen nichts zum friedlichen Miteinander bei. Sie stören es sogar noch, indem sie meckern, hetzen und verspotten – ja, eben „böse Dinge reden“, weil sie sich benachteiligt fühlen. Aber um sie, die Bösmenschen, im „Gutmenschen“-Schreien zu entschuldigen: Sie werden die Luther- und nicht die Dietenberger-Bibel gelesen haben. Wer hat das schon? Und in ihrer Unwissenheit werden sie weiterhin mit arroganter Überheblichkeit glauben, „Gutmensch“ sei ein Schimpfwort.

10. Fehler: Gutmenschen mit Spott begegnen

Und dagegen kann man nichts tun, außer es hinzunehmen, sich für die Bezeichnung zu bedanken und so zu versuchen, dem Wort seine ursprüngliche positive Konnotation wiederzugeben. Patrick Orth, der Manager von Die toten Hosen, hat schon einen ersten Versuch gestartet und sich 2014 die Wortmarke „Gutmensch“ schützen lassen. Nun sind T-Shirts mit dem Spruch „Gutmensch – No one likes us. We don’t care!“ erhältlich. Ein Schritt in die richtige Richtung. Denn rückblickend betrachtet hat der Bedeutungswandel des Wortes nichts Gutes hervorgebracht. Mit ihm wurde es möglich, Toleranz, Mitgefühl, Hilfe und das Kämpfen für ein friedliches Miteinander mit gehässiger Ironie und Sarkasmus zu begegnen. Und wer möchte heutzutage im Jahr 2018 bei der aktuellen Dialogkultur noch mit Stolz behaupten, er*sie sei der*die Erfinder*in des Begriffs gewesen? Niemand.

„Postfaktisch? Am Arsch! Warum uns das neue Modewort nur noch tiefer in die Scheiße bringt“

Postfaktisch – das Wort des Jahres. Überall ist es gerade zu lesen und stellt so etwas wie das Gütesiegel aller Aufrechten gegen den grassierenden Rechtpopulismus dar. Hier Wahrheit – da Lüge. Doch war vor Höcke, Trump und Co. wirklich alles so richtig wahr? Und hilft uns diese Wortneuschöpfung irgendwie weiter? Nö.

Ein politischer Kommentar von Gastautor Nils Hesse


„Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster“

Antonio Gramsci

Oh, da ist ja was passiert, da hinten, über dem großen Teich. Da haben die Amis doch tatsächlich diesen Typen mit einer großen Portion Menschenverachtung unter dem blonden Scheitel zum Präsidenten gewählt. Die Aufregung der letzten Wochen könnte kaum größer sein. Am Tag nach der Wahl waren die Sozialen Netzwerke so etwas wie die Trauerfeier für die Welt, wie wir sie kannten. Alle schienen unglaublich überrascht, dass das „Irrationale“ (Trump) über das „Rationale“ (Clinton) gewonnen hat. In den Analysen tauchte immer wieder das Wort „postfaktisch“ auf, mit dem sich auch der Beitrag von Dirk Sorge auf postmondän beschäftigt. Es ist ja auch was dran: Viele Menschen scheinen gerade nicht zugänglich für eine demokratische Auseinandersetzung. Sicherlich spielen auch die Sozialen Medien dabei eine Rolle: Den Menschen fällt es deutlich leichter sich in den anonymen Blasen des Internets ihre eigenen Wahrheiten zu basteln und diese auch ständig von anderen bestätigt zu bekommen. Doch woher kommen diese Emotionen? Haben die Menschen auf einmal einen Schlag auf den Kopf bekommen oder waren sie schon immer da? Waren wir vor Trump, vor AfD und Pegida tatsächlich in einem seligen Zeitalter des Faktischen, in der sich immer das bessere, faktischere und letztlich wahrere Argument durchgesetzt hat? Waren wir wirklich auf so einer Habermas‘schen Party, auf der der alte Jürgen mit Partyhütchen und einem schönen Glas Rotwein glückselig grinsend in der Ecke hängt? Funktioniert Demokratie und Gesellschaft überhaupt so? Nicht wirklich.

Das Politische ist immer auch Emotion

Zunächst einmal: Ja, es stimmt, Donald Trump ist ein widerlicher Rassist, Sexist und Sozialchauvinist. Er verkörpert so ziemlich all das, was manche dazu bringt sich auf eine einsame Insel zurückzuziehen und der gesamten Menschheit den Mittelfinger zeigen zu wollen. Aber ist das Problem tatsächlich, dass Trump sich mit der Bedienung von Twitter, Facebook und Co besser auskennt als Hillary Clinton? Ist das Problem mit der AfD tatsächlich, dass sie zu Propagandazwecken auch gerne mal Fakten verdrehen oder sie ihnen schlicht egal sind und letztlich offensichtlich die Emotionen vieler Wähler*innen ansprechen? Nein. Das Problem ist, dass Trump und die Wir-sind-das-Volk-Schreihälse halt eben rassistische, sexistische und sozialchauvinistische Arschlöcher sind. Das Problem sind nicht die (Nicht-)Wahrheit und die Emotion, sondern die dahinterliegende und propagierte Ideologie.

Politik und Emotion haben schon immer und werden auch immer zusammengehören wie Punk und Sterni. Kann mensch sich wirklich vorstellen sich aus rein rationalen Gründen für Politik zu interessieren? Keine*r beginnt sich für Politik zu interessieren, weil das Rentenkonzept jener Partei die Rentenformel viel rationaler anpassen will als eine andere (Obwohl, vielleicht funktioniert das bei Menschen, die in der Jungen Union aktiv werden tatsächlich so. Wer da Erfahrungen hat, möge sich melden!). Politisierung funktioniert über Empörung, Abgrenzung und eben Emotion. Zum Beispiel gibt da immer diese Zeit im Leben – vielleicht zwischen 14 und 18 oder so –, in der die Welt so wunderschön beschissen ist. Der Kopf ist voll von Fragen, Wut und Abgrenzung: Warum verhungern Menschen, wenn auf der Welt doppelt so viel Nahrung produziert wird, wie alle Menschen bräuchten? Das ist doch ungerecht! Warum produzieren wir Strom mit einer Technologie, die in der Lage ist die Welt vollkommen zu verwüsten? Das ist doch bescheuert! Warum zünden Leute Unterkünfte von Geflüchteten an? Scheiß Nazis! Und so geht es weiter. Im besten Fall entsteht daraus eine nachhaltige Politisierung, die Dinge hinterfragt und aus den politischen Angeboten ein Weltbild zusammenbastelt. Dazu braucht es allerdings klare politische Alternativen, die auch fernab von langweiligen Sitzungen und Besprechungen Emotionen und Wut kanalisieren und positiv in politische Forderungen umsetzt.

Postfaktisch war der ganze Laden schon lange / Entpolitisierung

Der (institutionalisierten) Politik sind allerdings weitgehend die Emotion und die Alternativen abhandengekommen. Das liegt zum großen Teil daran, dass etwa seit Mitte der 80er das Dogma „There is no alternative“ (Thatcher) über allem Politischem schwebt. Findige Thinktanks hatten ganz „faktisch“ herausgefunden, dass es keine Alternative zu Deregulierung, Privatisierung, Sozialabbau und ausgeglichenen Staatshaushalten gebe. Diese Idee wurde durch die Standortkonkurrenz im globalen Kapitalismus in die meisten Köpfe gepresst. Letztlich war der Neoliberalismus so hegemonial, dass letztlich nahezu alle Parteien in den westlichen parlamentarischen Demokratien, egal ob konservativ, sozialdemokratisch oder liberal in den westlichen Industrienationen die Alternativlosigkeit verinnerlicht hatten. Plötzlich führten sozialdemokratische Parteien Kürzungen im sozialen Bereich durch, die sonst nur von staatsskeptischen liberalen zu erwarten waren. Grüne führten Kriege, die sonst eher den Konservativen zugerechnet werden worden wären. Kurz: Die Parteien wurden sich immer ähnlicher und kämpften um die sogenannte „Mitte“.

Das Ganze passierte aber nicht nur in den Sphären der parlamentarischen Politik. In den Unis und Hochschulen wurden mittlerweile mehrere Generationen von Wirtschaftswissenschaftler*innen ausgebildet, die genau eine Theorie kennen: Der rationale Nutzenmaximierer – Homo Oeconomicus. Wie wissenschaftlich es ist eine Wissenschaft genau auf einer Annahme zu basieren, lassen wir mal dahingestellt. Die Alternativlosigkeit wurde also vor allem durch Expert*innen legitimiert, die „faktenbasiert“ darlegen konnten, wie die Welt aus ihrer Sicht denn so läuft. Abgesehen davon, dass viele ihrer Annahmen faktisch nicht eingetreten sind – Stichwort Trickle-Down-Effekt – , ist die proklamierte Alternativlosigkeit natürlich Quatsch. Es gibt immer Alternativen, es ist nur die Frage, ob sie gedacht, artikuliert und um sie gekämpft werden, oder nicht. Die paradoxe Situation einer faktenbasierten Alternativlosigkeit, die es faktisch nicht geben kann, könnte vielleicht am ehesten als faktischer Postfaktizismus beschrieben werden.

Die zwei Folgen dieses gesellschaftlichen Klimas:

Einerseits zogen sich die Menschen immer mehr auf sich als Individuum und vielleicht noch ihren nächsten Verwandtschafts- und Freundeskreis zurück. Große politische Organisationen wie Kirchen, Gewerkschaften oder auch Parteien verloren und verlieren an Bindekraft. Ganz im Sinne der hegemonialen neoliberalen Ideologie wurde jede*r „seines Glückes Schmied“. Überall muss Leistung gebracht werden, auf der Arbeit, beim Poweryoga oder in der Beziehung. Zunehmend sind die Menschen auf sich als Individuum zurückgeworfen. Wer es in dieser Welt nicht bringt, ist eben ein*e Versager*in und soll sich auch ruhig wie einer fühlen. Das ist die Kehrseite der Story mit dem ‚Tellerwäscher‘ und dem ‚Millionär‘, die als American Dream so populär ist. Wenn alle Gewinner*innen sein wollen sind letztlich doch die meisten Verlier*innen. Ohne Verlieren kann es kein Gewinnen geben. Und gerade im neoliberalen Kapitalismus stehen wohl die meisten eher auf der Tellerwäscher-Seite.

Andererseits erlebt gerade die Nation als kollektiver gesellschaftlicher Kit eine große Renaissance. Hierbei bedingen sich zwei Dinge gegenseitig. Zum einen waren Rassismus und Nationalismus nie komplett aus den Köpfen verschwunden, es war nur nicht besonders angesehen ihn auch öffentlich vor sich herzutragen oder gar in diesem Sinne zu handeln. Zum anderen kommt auch ein globalisierter neoliberaler Kapitalismus nicht ohne die Heimstatt Nationalstaat aus. Er braucht ihn als rechtlichen Bezugsrahmen, der die Eigentumsverhältnisse absichert, wichtiger in diesem Zusammenhang ist aber, dass die Nation auch eine wichtige ideologische Bindewirkung in einer ökonomisch entgrenzten Welt darstellt. Wenn mal wieder der Exportweltmeister Deutschland gefeiert wird, kann sich jede*r Deutsche ein bisschen auf die Schulter klopfen und sich selbst beglückwünschen etwas zum Sieg Deutschlands im großen Kampf der nationalen Wirtschaftsstandorte beigetragen zu haben. Von der Beute dieses Kampfes gibt’s natürlich nichts, aber ein gutes Gefühl irgendwie was für Deutschland getan zu haben, hilft ja vielleicht auch ein bisschen die Unübersichtlichkeiten der Welt hinter einem Vorhang aus schwarz-rot-gold zu vergessen.

Krise der parlamentarischen Demokratie – was tun?

In beinahe allen bürgerlich-parlamentarischen Demokratien erlebten wir in den letzten Jahren eine zunehmende Zentrierung der politischen Auseinandersetzung um die sogenannte gesellschaftliche Mitte, gepaart mit einer Politik, die weitgehend als alternativlos legitimiert wurde. Demokratie aber lebt vom Streit, vom Diskurs und davon, dass unterschiedliche Interessen um gesellschaftliche Hegemonie ringen. Passiert dies nicht mehr oder immer weniger, eröffnen sich Räume gerade für rassistische und menschenfeindliche Ideologien, wie etwa den Rechtpopulismus. Diesen Zusammenhang haben politische Theoretiker*innen wie etwa Chantal Mouffe (Lesetipp: Über das Politische: Wider der kosmopolitischen Illusion) deutlich herausgearbeitet.

Jedoch sind weder der Siegeszug des Rassismus und Nationalismus, noch die Vereinzelung und der Leistungsdruck im neoliberalen Kapitalismus alternativlos. Was allerdings ganz klar nicht gelingen wird, ist eine emotionale Auseinandersetzung, wie sie gerade etwa um und durch Trump oder auch die AfD geführt wird, einfach zu rationalisieren und sie als postfaktisch und damit nicht einer Auseinandersetzung würdig abzuqualifizieren. Klar müssen Lügen – gerade wenn sie rassistisch, sexistisch oder sonst wie menschenfeindlich sind – als solche entlarvt werden. Wir dürfen uns aber nicht der Illusion hingeben, dass Fakten die braunen Widerlichkeiten beenden würden. Es braucht keine neuen Kategorien um die Entwicklung, die wir gerade erleben zu beschreiben. Postfaktisch war der Laden schon lange. Neu ist, dass es aus einer anderen oder vielleicht auch nur radikaleren Richtung kommt.

Die Kritik muss an der Ideologie, die in den Köpfen derer herumspuckt, die an Stammtischen hetzen, in rechten Think-Tanks Strategien entwickeln, auf der Straße für Deutschland „spazieren gehen“ oder Brandsätze auf Unterkünfte für Geflüchtete werfen ansetzen. Sie sind nationalistisch, rassistisch, sexistisch und homophob – schlicht menschenfeindlich. Dagegen gilt es sich zu organisieren. Gleichzeitig muss der trostlosen Alternativlosigkeit etwas entgegengesetzt werden. Es braucht progressive, emanzipatorische, linke Kollektivität(en), die der Vereinzelung und dem Nationalismus etwas entgegensetzen. Gegenwärtig scheint sich alles eher auf einen Abwehrkampf zu fokussieren – es soll bloß nicht noch schlechter werden. Tatsächlich müssen daraus aber wenigstens mittelfristig Forderungen und Aktionen entstehen, die über Trump, AfD und die Verhältnisse vor dem Erstarken der Rechten hinausweisen.

Vielleicht können etwa die Bewegungen, die sich gerade in den USA gegen Trump bilden das schaffen. Sie sind sehr divers, das ist ihre Stärke und vielleicht auch ihre Schwäche. Wenn es aber gelingt, gemeinsam über die Verteidigung bürgerlicher Freiheiten gegen Trump hinaus, gemeinsame Forderungen zu artikulieren und auch zu erkämpfen, dann hätte die Wahl Trumps vielleicht doch einen positiven Aspekt. Die Offensive muss her, um Kollektivität jenseits von „Wir sind das Volk“, Nation und Dumpfbackigkeit herzustellen. Ja, das bedeutet Streit, Auseinandersetzungen, Emotion und eben keinen Konsens. Aber genau das ist es, was es schon viel früher gebraucht hätte, sowohl im Zweiparteiensystem der USA, als auch in der ziemlich mittigen politischen Landschaft in Deutschland. Nur mit echten Alternativen kann es gelingen diese Auseinandersetzung zu gewinnen.

Trump, Höcke, Petry und Konsorten sind Symptome einer gesellschaftlichen Entwicklung, die viel tiefer und früher angesetzt hat als bei ihren Wahlerfolgen. Sie sind nicht einfach aus dem Nichts gekommen und es hilft auch nichts den verbreiteten Hass aus einer intellektuellen Warte nonchalant als schlicht falsch zu klassifizieren und sich damit bei einem gemütlichen Rotwein auf das Vintage-Sofa einer hippen Szenekneipe fallen zu lassen. Das, was gerade passiert, ist vielleicht der letzte Weckruf. Auch Trump und das, wofür er steht, wird vor Deiner Haustür bekämpft.


Nils Hesse

Nils Hesse hat auch mal was mit Gesellschaft studiert. Schreit und spielt Gitarre bei Postford. Mag Bier aus 0,33er Flaschen, Gummibärchen und manchmal Menschen.

 

 

 

 

 

 


Titelbild: © Lenn Colmer

Wie diskutiert man mit Zombies?

Zombies erobern die Schaubühne. Von starken Bildern und Klängen begleitet sprechen, tanzen und schreien acht Schauspieler٭innen das Grauen der Rechtspopulist٭innen Deutschlands. FEAR illustriert diese Angst in einer Kollage aus Medienbeiträgen, Bürgerbefragungen und Parteiprogrammen.


Längst hatte man sie tot geglaubt. Die, die gegen Menschenwürde und Gleichberechtigung in Europa anschreien. Doch sie sind es nicht. In seiner Uraufführung von FEAR stellt Falk Richter die Frage nach der Angst. Angst vor dem Fremden, Angst um die vermeintlich eigene Identität und Angst vor Veränderungen und der Zukunft im Allgemeinen, die sich zur Panik steigert. Sie spiegelt sich in den Gesichtern der Beatrix von Storch, der Beate Zschäpe, der Frauke Petry und weiterer Gleichgesinnter. Portraitiert werden sie als Anführer٭innen einer Zombie-Armee aus perspektivlosen und menschenfeindlichen Bürger٭innen. Diese schwadronieren unentwegt von einem „Deutschland“, das sich verändere. Das entfremdet werde. Das zu retten sei.

Während sich in Zeitungsfetzen und Lumpen gekleidete Schauspieler٭innen über den Bühnenboden wälzen und immer unverständlichere Parolen der Fremdenfeindlichkeit ausstoßen, schwillt unerträglicher Lärm aus großvolumigen Boxen am Bühnenrand. Das sich unaufhörlich steigernde Spektakel wird durch eine Videoinstallation im Bühnenhintergrund vervollständigt. Gezeigt werden, in rasender Folge, Bilder von deutschen Landschaften, Hobbyornithologen und aus Matsch emporsteigende Zombiefiguren.

Und plötzlich: Stopp!

Musik und Video brechen ab und die Zombie-Menge verschwindet von der Bühne. Einzig ein wohlgekleideter Mann bleibt zurück. Er schildert in gesetzter Sprache, wie es dazu kommen konnte, dass längst überkommen geglaubte Ideologien wieder salonfähig werden.

Dieses Wechselspiel zwischen intensiv ausgespielten, von Video- und Audioinstallationen unterstützen Szenen und anschließenden behutsam gezeichneten Gesellschaftsbildern begleitet den Zuschauer durch das zweistündige Stück. Immer wieder bahnen sich die „Zombies“ ihren Weg und immer wieder entsteht die Frage: Wie kann man gegen Totgeglaubtes kämpfen? Diese Totgeglaubten lässt Richter für sich selbst sprechen. Indem er die Zuschauer٭innen mit Originaltönen aus Medienberichten konfrontiert, stellt er immer wieder eine Frage: Wie geht man mit diesen Menschen um? Sind es die Flucht in eine Art Biedermeiertum, die studentische Revolte, die passenderweise in einem Glaskasten auf der Bühne stattfindet, oder gar Gewalt eine Antwort?

Quelle: YouTube

Acht Schauspieler٭innen weben ein dichtes Netz aus Tanz, Gesang, Geschrei und Gespräch, auf dem sie sich mit beeindruckender Energie bewegen, in dessen Maschen sie sich allerdings auch verfangen. Keiner von ihnen spielt nur eine bestimmte Rolle. Alle sind sie mal Hassprediger٭innen, mal wütende Bürger٭innen und mal ratlose Betrachter٭innen. So gibt es Szenen, für das Publikum schwer zugänglich sind und im letzten Drittel des Stückes nur noch dadurch aufgefangen werden, dass die Schauspieler٭innen anfangen miteinander zu spielen. Auf diese Weise wird in letzter Minute auch noch die Ebene der Improvisation eingezogen. Inwieweit eine solche Wendung nach eineinhalb Stunden noch mitvollzogen werden kann, bleibt jedem selbst überlassen. Was bleibt, ist: FEAR ist ein beeindruckendes Stück, das seinem Namen alle Ehre macht. Zu begreifen, dass die Zombies der Menschenverachtung mitten unter uns sind, ängstigt. Dies zeigt das Stück, ohne erhobenen Zeigefinger und ohne Relativismus. Ohne geheucheltes Verständnis für sogenannte „besorgte Bürger٭innen“ stellt es dem Publikum eine grundlegende Frage.

Wollen wir (wieder) in einer Welt leben, in der Menschen in Kategorien eingeordnet werden? Da die Antwort auf diese Frage klar und deutlich ausfallen muss, verzeiht man dem Stück gerne seine teilweise plakativen Darstellungen. Alles in allem regen Bernardo Arias Porras, Denis Kuhnert, Lise Risom Olsen, Kay Bartholomäus Schulze, Alina Stiegler, Tilman Strauß, Frank Willens und Jakob Yaw zu gesellschaftskritischen und klaren Überlegungen an, ohne das Publikum zu bevormunden.

Titelbild: Arno Declair

Stereotypen in Film und Fernsehen: Ist Olli Dittrich das Volk?

Die Frage: Sie benutzen eine Rhetorik der Konfrontation: Auf der einen Seite „die Fremden“, die nicht zum Abendland, zu Europa gehören, auf der anderen Seite die europäischen Werte, die vor den Fremden geschützt werden müssen. Obwohl die Medien seit den ersten Gehversuchen der „patriotischen Europäer“ über diese Bewegung berichten, ist mir bis heute nicht klar, was genau an Europa so schützenswert sein soll. Welche europäischen Werte sind das im Einzelnen, die da geschützt werden sollen?


Zwei Versuche, die Frage nach dem Abendland zu beantworten: Christentum und Aufklärung

Da die Volksverhetzer von PEGIDA die Islamisierung ausdrücklich als Bedrohung darstellen, liegt es nahe, bei europäischen Werten an das Christentum zu denken. Aber was ist denn eigentlich dieses Christentum? Um das Jahr 4 oder 6 v. Chr. wurde knapp 3000 km südöstlich von Dresden, ein Typ geboren, der das Christentum erfunden hat. Was der alles gemacht hat, kann man in einem Buch nachlesen. Das Buch gibt es auf Amazon schon für knapp 20 €. Das Buch wurde Gott sei Dank auch auf Deutsch übersetzt, es wurde im Original nämlich in einer ganz fremden Sprache geschrieben. Jedenfalls ist das Christentum nach dem Tod seines Gründers in Europa immer populärer geworden. Man kann ohne große Interpretation einige wichtige christliche Werte benennen: Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Hilfsbereitschaft. Insbesondere gegenüber Armen, Kranken, und sozial schlechter Gestellten sollen Christen diese Werte leben. Sind das die Werte, die die PEGIDA-Anhänger verteidigen wollen? Aber kann das funktioniert, indem sie den Armen, Kranken, und sozial schlechter Gestellten die Hilfe verweigern?

Aber Moment! Nicht alle „patriotischen Europäer“ müssen praktizierende Christen sein. Europa rühmt sich ja auch oft damit, Kirche und Staat klar voneinander getrennt zu haben. Die Säkularisierung könnte als europäischer Wert gelten. Noch stärker als an das Christentum könnte man beim Ausdruck „Abendland“ an die Aufklärung und die Französische Revolution im 18. Jahrhundert denken. Anstatt einem Gott oder einem König willenlos zu folgen, wurden Bürger- und Freiheitsrechte damals plötzlich groß geschrieben. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!“, das klingt doch prima. Vielleicht will PEGIDA diese Werte schützen? Kann man aber die Freiheit schützen, indem man Zäune baut, die die Bewegungsfreiheit einschränken? Kann man Gleichheit fordern und gleichzeitig einen Unterschied machen zwischen „unseren“ und „deren“ Rechten? Kann man Brüderlichkeit wollen und sie dabei von äußerlichen, zufälligen Faktoren wie Hautfarbe, Religion und Staatsangehörigkeit abhängig machen? Wie man es dreht und wendet: Die Forderungen von PEGIDA scheinen ein performativer Widerspruch zu sein.

Dittsche: Der wirklich wahre Deutsche?

Die Versuche, verstehen zu wollen, welche Werte für PEGIDA typisch europäisch, typisch abendländisch sind, ist gescheitert. Und ohnehin liegt der Verdacht nahe, dass PEGIDA sich nicht so sehr um das Abendland als Ganzes sorgt, sondern vor allem versucht, Deutschland abzuschotten. Immerhin gibt es nicht ohne Grund eine enge Verbindung zur Europa-kritischen Partei AfD. Versuchen wir es deshalb mal eine Nummer kleiner: Was ist denn typisch deutsch? „Wir“ waren Papst. „Wir“ sind Fußballweltmeister. Und die ganze Welt, die nicht „wir“ ist, war schon mal hier bei uns „zu Gast bei Freunden“. Aber wer genau sind denn die Deutschen, die sich „wir“ nennen? Wer ist „das Volk“? Olli Dittrich hat vielleicht eine Antwort darauf, immerhin behauptet die Fernsehsendung „Dittsche“, in der er die Hauptrolle spielt, „das wirklich wahre Leben“ zu zeigen. Da „Dittsche“ in Deutschland (in Hamburg) spielt, zeigt die Fernsehserie das wirklich wahre Leben in Deutschland. Die Serie hat es seit dem Jahr 2004 auf stolze 22 Staffeln gebracht und hat den Deutschen Fernsehpreis, den Grimme-Preis und die Goldene Kamera gewonnen.

Olli Dittrich spielt hier einen einerseits liebenswürdigen, andererseits furchtbar nervigen Zeitgenossen. Er steht in Bademantel und Schlappen angetrunken in einer Imbissbude und plappert improvisierend munter drauf los. Seine Gesprächspartner sind Ingo, der Besitzer des Imbiss‘ sowie ein abgewrackter Typ namens Schildkröte, der im Baumarkt arbeitet. Dittsche hat zu allem eine Meinung, eine Menge Halbwissen und legt sich seine eigenen Verschwörungstheorien zu recht. Er hat vieles im Kopf, was er irgendwo aufgeschnappt hat und vieles davon hat er falsch verstanden oder verwechselt es. Bei manchem weiß man gar nicht so recht, woher er das haben könnte. In dieser Art der „Informationsverarbeitung“ gleicht er den PEGIDA-Mitläufern. Allerdings hat Dittsche zu den Themen, die er anspricht, mehr Distanz und dadurch weniger Angst. Bei PEGIDA ist die Angst die wichtigste Zutat. Halbwissen + Angst = Hass. Dittsche ist eine Figur, die jeder in ähnlicher Form schon mal in irgendeiner Eckkneipe gesehen hat. Für eine zünftige Stammtischrunde ist er weder laut noch gesellig genug. Solche Type sitzen lieber im kleineren Kreis mit einem Bierchen oder einem Doppelkorn und quasseln dummes Zeug. Sie sind harmlos. Er würde wahrscheinlich weder zu PEGIDA noch zu Anti-PEGIDA auf die Straße gehen, denn dafür misstraut er Massenbewegungen zu sehr und hat sich zu sehr in seiner eigenen privaten, gemütlichen Welt eingerichtet. Konfrontationen geht er lieber aus dem Weg und Veränderung betrachtet er mit Skepsis. Dittsche meckert zwar über dieses und jenes, aber er möchte eigentlich gar nichts am Status Quo ändern, denn er meckert ja gerne. Dittsche ist überhaupt unpolitisch, denn er gehört zu den „Politikverdrossenen“, die denken, dass „die da oben ohnehin machen, was sie wollen“. Glücklicherweise ist er verdrossen genug, um auch den naiven Lösungsvorschlägen von PEGIDA und AfD nicht zu glauben.

Leute wie Dittsche kann man in Deutschland zweifellos treffen. Das macht den Erfolg der Fernsehserie aus. Dittsche ist skurril, aber glaubhaft. Wer zufällig einschaltet und Olli Dittrich nicht kennt, könnte meinen, er sähe ein Video, das mit versteckten Kameras in irgendeiner norddeutschen Imbissbude aufgenommen wurde. Durch zufällig eingesetzte Schnitte zwischen den Bildern der fest installierten Kameras verstärkt sich der Eindruck des Reality TV oder Scripted Reality. Zeigt das TV also die wirklich wahre deutsche Reality?

Nein, denn liebenswürdige, angetrunkene Dummschwätzer kann es auch in jedem anderen Land geben. Typisch deutsch im Sinn eines Alleinstellungsmerkmals ist Dittsche sicher nicht.

Olli Dittrich: Der König von Deutschland?

Ich versuche immer noch, herauszufinden, was die Teilnehmer der PEGIDA-Demonstrationen schützen wollen. Was ist typisch deutsch an Deutschland, das durch „Überfremdung“ verloren zu gehen droht? Um das zu verstehen, müssen wir so viel wie möglich über den Durchschnittsdeutschen herausfinden. Geben wir Olli Dittrich eine zweite Chance. In dem Kinofilm „König von Deutschland“ aus dem Jahr 2013 spielt er den Durchschnittsdeutschen überhaupt, den 46-jährigen Thomas Müller. Thomas arbeitet in einem mittelständischen Unternehmen, das Navigationsgeräte herstellt, ist mit Sabine verheiratet, aber interessiert sich mehr für seine Arbeitskollegin. Der Sohn Alexander verachtet die Spießigkeit seiner Eltern und alles, wofür sie stehen. Thomas Lieblingsfilm ist „Herr der Ringe“, Lieblingsfarbe Blau und er mag Fußball. Er ist absolut normal, nichts an ihm ist besonders. Er ist die fleischgewordene statistische deutsche Durchschnittsperson. Er ist das Volk. Und gerade das macht ihn so besonders wertvoll für ein Marktforschungsunternehmen, das Teil einer Verschwörung aus Wirtschaft, Politik und Medien ist. Durch eine fingierte Volkszählung wird der Leiter des Marktforschungsunternehmens, Stefan Schmidt auf Thomas aufmerksam, sorgt dafür, dass Thomas seinen Job verliert und stellt ihn bei sich ein. Schmidt lässt Thomas im Unklaren über die Arbeit des Unternehmens und untersucht heimlich Thomas‘ Kaufverhalten, seinen Geschmack und Vorlieben und will immer wieder Thomas‘ Meinung zu politischen Themen wissen. Thomas wird von Schmidts Firma rund um die Uhr überwacht. Alle Ergebnisse dieser heimlichen Befragung und Überwachung schlagen sich direkt in die Gestaltung neuer Produkte und in der Werbung nieder. Auch Politiker passen den Kurs der Partei an Thomas‘ Durchschnittsmeinung an.

Thomas Müller verkörpert also den Durchschnittsdeutschen. Verkörpert er damit auch die Werte, die PEGIDA schützen will? Sind Langeweile, Angepasstheit und Trägheit Werte, und wenn ja, warum sollte man diese Werte schützen? Vielleicht will PEGIDA Thomas Müller schützen. Er selbst würde aber bei den Demonstrationen nicht mitmarschieren, da er zu der Uhrzeit gerade von der Arbeit kommt und nach dem Abendessen vor dem Fernseher sitzt. Genau wie Dittsche ist auch Thomas zu unpolitisch und zu gemütlich für jede Art von Protest.

Die Idee des Films ist gut und es werden viele relevante Themen angesprochen, wie Überwachung, Big Data, der gläserne Kunde, die Verquickung von Wirtschaft und Politik durch Meinungsforschung usw. Leider ist die Umsetzung halbherzig. Die Themen hätten das Potential für einen Psychothriller, werden aber in das Gewand einer Komödie verpackt und damit zu weich, ohne Kanten, ohne Brisanz präsentiert. Ist der Film damit vielleicht typisch deutsch?

Irgendwann entdeckt Thomas, die heimliche Überwachung, verhält sich absichtlich „unnormal“, indem er sich z.B. plötzlich vegan ernährt, und wird dadurch wertlos für die Marktforschung. Schließlich wird er von seiner Frau an die Firma verkauft und gezwungen, wieder zu kooperieren. Der einzige Ausweg ergibt sich durch die Teilnahme an der Quiz-Show „König von Deutschland“. In der Show müssen die Kandidaten die typischen Antworten von Deutschen erraten. Thomas beantwortet absichtlich die letzte Frage falsch, um unter die Bühne des Fernsehstudios zu gelangen und durch die Tiefgarage zu flüchten.

Der Durchschnittsdeutsche verlässt am Ende des Films das Abendland und flüchtet nach Osten, dort wo die Sonne aufgeht, ins Morgenland. Der König muss ins Exil. Die Schlussszene zeigt ihn mit seiner ehemaligen Arbeitskollegin in einer Jurte in der Mongolei. Leider zeigt der Film nicht, wie die Flucht verlaufen ist, ob es in der Mongolei Transitzonen gibt, ob mongolische Asylanträge ausgefüllt werden mussten und ob es Mongolen gibt, die gegen die Christianisierung des Morgenlandes protestieren.

Fazit

Ich weiß nach all diesen Überlegungen leider noch immer nicht, was abendländisch, was europäisch, nicht einmal was typisch deutsch ist. Ich gebe es daher auf, einen Sinn hinter diesen Worten zu suchen, die in der Rhetorik von PEGIDA instrumentalisiert werden, um unbestimmte, vage Ängste zu schüren. Dort wo Angst regiert, kommt man mit vernünftigen Überlegungen nicht weiter.

Wer sich nun zum Schluss noch etwas Erbauliches wünscht, dem empfehle ich folgendes Video, in dem Olli Dittrich und Wigald Boning als „Die Doofen“ auftreten. Dort heißt es „Jesus, Jesus du warst echt O.K. / Jesus, Jesus everytime fair play!“