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Was nehmen wir mit von 2018? Eine postmondäne Leseliste

Jahresrückblick 2018

Vor dem Aufbruch in 2019 haben acht postmondänler nochmal darüber nachgedacht, was sie 2018 beschäftigt hat, und wagen einen Rückblick ins Lesejahr. Im Zentrum stehen fünf Themen, die das Jahr umranden: Ausdrucksformen, Lebenskonzepte, Symbiosen, Zeitreisen und Rassismus.

von Dirk Sorge, Simon Rösel, Florence Wilken, Katharina van Dülmen, Lennart Colmer, Dominik Gerwens, Gregor van Dülmen und Moritz Bouws

Übers Schreiben schreiben

Dirk über Nichtrechthabenwollen von Martin Seel

Martin Seels Gedankenspiele mit dem sperrigen Titel „Nichtrechthabenwollen“ sind Spiele ohne festes Regelwerk. Es ist ein Buch ohne Handlung, das – vereinfacht gesagt – versucht, auf der Grenze zwischen Philosophie und Literatur zu balancieren. Es ist eine ungewöhnliche Mischung aus philosophischen Aphorismen, poetischen Einfällen und autobiographischen Einschüben. Es ist ein Buch, das das Schreiben selbst thematisiert und mit verschiedenen Formen experimentiert. Es lotet die Grenzen des logischen Argumentierens und des linearen Denkens aus und reflektiert dabei über die Möglichkeiten von Sprache.

Was zunächst sehr allgemein und abgehoben klingt, gelingt Seel insgesamt recht anschaulich. Wenn man sich darauf einlässt, ist es streckenweise sehr unterhaltsam, zu beobachten wie sich Seel immer wieder selbst im Denken unterbricht und von vorne beginnen muss. Seel baut in seine Überlegungen viele Querverweise zum Kanon der europäischen Philosophie und Literatur, zur Jazzmusik und zum Kino ein. An einigen Stellen wirkt das leider wie ein bloßes name dropping, ohne inhaltlichen Mehrwert.

Die stärksten Momente sind meiner Meinung nach die, in denen er über Alltagsbeobachtungen, wie das Bahnfahren oder das Auflösen einer Wohnung schreibt, oder über andere biographische Erlebnisse. An diesen Stellen gelingt es Seel am besten, mit Assoziationen zu arbeiten, ohne in einen belehrenden Duktus zurückzufallen. Hier hätte sich Seel gerne mehr vertiefen können, um sich etwas mehr von den großen Vorbildern und Gewährsmännern (Wittgenstein, Kant, Proust, etc.) lösen zu können. Jedenfalls führt Seel eindrücklich vor, wie schwierig es ist, eine Form zu finden, in der Gedanken ausgedrückt werden können, die nicht anfechtbar sein sollen.

Nichtrechthabenwollen erschien 2018 bei Fischer.

Selfieliteraturen

Simon über Kämpfen von Karl Ove Knausgard

Mein Jahr endete so, wie es begonnen hatte – mit Karl Ove Knausgard. Anfang des Jahres las ich gerade an Band 3 des autobiografischen Min-Kamp-Zyklus. Jetzt, zwischen den Jahren, beginne ich mit dem letzten Buch der Reihe. Auf Deutsch heißt er Kämpfen. Seit ich die Bücher 4 und gelesen habe sind sicher zehn Monaten vergangen. In der Zeit habe ich oft über Knausgard gelästert. Ich sagte auf Partys oder im Café, er sei eitel, ein Mann, der Männerprobleme aus einer Männersicht erörtere. Sein Gestus der Selbstoffenbarung ging mir auf die Nerven. Jedesmal sagte ich aber dazu, dass ich die Bücher gut fand.

Trotzdem hat meine Familie Weihnachten wenig von mir gesehen. Dafür hab ich schon 200 Seiten des sechsten Bandes gelesen. Knausgards eigener Zwiespalt zwischen Selbstzweifel und Narzissmus überträgt sich auf das Leseerlebnis, das abstoßend und anziehend zugleich ist. Er schafft es wie wenige andere, die Selbstreflexion seiner Leser٭innen in Gang zu setzen. Auf einmal sehe ich mich selber als literarische Figur und denke über mich in präzisen Sätzen. Außerdem erkenne ich manche seiner Geschichten in ähnlicher Form in meinem eigenen Leben. Welche das sind, ist mir hier zu peinlich zuzugeben, aber vielleicht wäre das Stoff für einen Roman?

Kämpfen erschien 2018 bei Luchterhand.

 

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Kurz und intensiv

Florence über Das Leben ist kurz von Marin Mosebach

Ein Jahresrückblick ist dazu da, sich Vergangenes noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Noch einmal las ich Mosebachs Erzählband mit zwölf kurzen „Bagatellen“. Fein säuberlich in vier Kapitel geteilt mit je drei Erzählungen, mal fiktiv mal autobiographisch, begegnet man unterschiedlichen Charakteren. Mosebach legt sehr subtil und mit gekonnter Ironie auch die unsympathischen Charakterzüge seiner Protagonistinnen frei. Ein gekränkter, kränkelnder Tenor, dessen Eitelkeit sich als Vorbote des drohenden Karriereendes aufbläht. Oder die Malerin, die aus Faszination und Schaffensgier die Zerbrechlichkeit eines Taubeneis ignoriert. Es gibt da aber auch die liebevollen Worte eines Fahrradfreundes, der sich an den freien Schwung erinnert, mit welchem er dem erdrückenden Schulalltag entfuhr. Die Kürze der Texte spiegelt sich im Titel. Trotzdem erscheinen die Welten, in die Mosebach uns einen Blick werfen lässt, extrem reichhaltig. Man meint, den Fahrtwind zu spüren, fühlt die Beklommenheit in der Opernprobe, sieht die Eleganz des spaghettiservierenden Fräuleins unter der mit Weintrauben bewachsenen Pergola vor sich. Ein kurzweiliges und intensives Leseerlebnis.

Das Leben ist kurz erschien 2016 bei Rowohlt.

Der Fall Ida

Katharina über Ida von Katharina Adler

Stimmverlust, Husten, Ohnmachtsanfälle und ein Abschiedsbrief – ein klarer Fall für Doktor Sigmund Freud. Da war sich der Texilfabrikant Philipp Bauer sicher und schickte seine Tochter 1900 zu dem von ihm sehr geschätzten Arzt. Ida Bauer wurde eine der berühmtesten Patientinnen des Begründers der Psychoanalyse – nicht zuletzt, weil die „widerspenstige“ Patentin die Therapie eigenmächtig abbrach. Den „Fall Dora“ veröffentlichte Freud einige Jahre später, 1905, in seiner Schrift Bruchstücke einer Hysterie-Analyse.

Aber wer war diese Ida Bauer bzw. später Ida Adler wirklich? Das fragte sich auch ihre Urenkelin Katharina Adler. Sie wollte ein Buch über eine Frau schreiben, „die man nicht als lebenslängliche Hysterikerin abtun oder pauschal als Heldin instrumentalisieren kann“. Ist ihr das gelungen? Ida basiert auf dokumentarischem Material; alle Leerstellen füllte die Autorin jedoch mit Fiktion. Aber war es nicht auch Freud, der behauptete, dass seine „Krankengeschichten […] wie Novellen zu lesen sind“ [Studien über Hysterie, 1895]. Und wurden nicht auch in seinen Schriften literarische Muster aufgedeckt?

Nichtsdestotrotz: Ida ist keine Biografie, sondern ein Roman, in dem Freud nur indirekt zu Wort kommt. Und in dem eine Frau porträtiert wird, die kaum greifbar ist. Auch sind weder Arzt noch Patientin Sympathieträger٭in: Freud ist etwas zu fixiert auf seine (Traum-)Deutungen; Ida, zu sehr auf sich selbst fokussiert, fehlt es an Empathie für ihr Mitmenschen. Gespickt mit vielen Anekdoten, die sich nicht immer in den Gesamtkontext einordnen lassen, wird nicht ganz deutlich, wo der Roman hinmöchte – und geht selten in die Tiefe. Ob Freud das gefallen hätte? Gelungen ist der Autorin aber trotzdem ein sehr gut recherchierter und lesenswerter Familienroman.

Ida erschien 2018 bei Rowohlt.

 

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Zweimal zurück in die Neunziger

Lennart über Sommerfrauen, Winterfrauen von Chris Kraus

Die Neunziger sind zurück. Das sagen zumindest all die Plakate, die auf Motto-Events in jeder Nähe hinweisen. Sommerfrauen, Winterfrauen spielt zu der heute nostalgisch-reanimierten Zeit, in der Blümchen und Buffalos angesagt waren – jedoch weitab von jenen Eurodance-Trends. Es ist 1996 und ein junger deutscher Filmstudent taucht für wenige Wochen in New York ab, um… nun, er weiß es selbst nicht genau, zu suchen. Getreu nach dem Motto „Wer sucht, der findet nicht“ stößt er dabei auf merkwürdige Menschen (sich selbst eingeschlossen) und seine unbequeme Familiengeschichte. Chris Kraus erzählt auf eine distanzlose wie sensible Weise, von den Leben und Leiden seiner Protagonisten, ohne sie dabei zu verraten.

Sommerfrauen, Winterfrauen erschien 2018 bei Diogenes.

 

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Lennart über Nordkraft von Jakob Ejersbo

In vielerlei ist dieser Roman näher an den 90er Jahren dran als oben genannter von Chris Kraus. Jugendliche, bereits gescheiterte Existenzen verzweigen sich im Dänemark jener Jahre zu einem schicksalhaften Beziehungsgeflecht und werden zu einem Perpetuum Mobile ihrer eigenen Geschichten, die Jakob Ejersbo auf eindrückliche, schnörkellose Weise erzählt. Der Leser kommt Menschen und Situationen nahe, welchen er lieber fern bleiben möchte. Auf der anderen Seite saugen Ejersbos Protagonisten ihn wieder an – wer Klischees aus dem Drogensumpf erwartet, wird mit teils rührender, teils abstoßender Menschlichkeit entwaffnet. Harte Schale, weicher Kern – mit einem harten Kernchen.

Nordkraft erschien 2004 bei DuMont.

Eine zeitlose Liebe

Lennart über Gun Love von Jennifer Clement

Eine melancholische Geschichte, die in der heutigen Zeit angesiedelt ist und zugleich eine magische Zeitlosigkeit ausstrahlt, erzählt Jennifer Clement in Gun Love. Der American Way of Life stößt hier auf eine unnachgiebige, langsam zersetzende Realität, in der eine junge Mutter mit ihrer Tochter lebt. Letztere führt den Leser durch ihre Welt, die stets zwischen leichtem Traumtanz und bitterer Härte balanciert. Wo schließlich der kleine, selbst gewobene und immer wieder zusammengenähte Frieden der kleinen Familie von Zerstörung heimgesucht wird, erblüht stille aber unaufhaltsame Rache in der Protagonistin Pearl. Ob das, was man spontan Happy End nennen möchte, tatsächlich eines ist, lässt sich vor dem Hintergrund der sich immer dramatischer zuspitzenden Geschichte kaum beantworten.

Gun Love erschien 2018 bei Suhrkamp.

Geschichte einer Symbiose

Dominik über Das letzte Jahrhundert der Pferde von Ulrich Raulff

Vergangenheit entsteht ja eigentlich nur dadurch, dass der Mensch sich auf etwas bezieht, das nicht mehr präsent ist, und so setzt Erinnerung immer das Bewusstsein des Bruchs zwischen zwei Zeiträumen voraus, die Menschen meist Zeitalter nennen. Das Zeitalter, auf das der Westfale Ulrich Raulff in seinem Buch den Blick zurückwirft ist jenes, das dem Menschen den Eintritt in die Moderne und die industrialisierte Welt der Gegenwart ermöglichte und trotzdem der Vergangenheit angehört: es ist das Pferdezeitalter.

Animate History, Human Animal Studies – nicht erst seit den Bestsellern von Yuval Noah Harari wird in der Geschichtswissenschaft nach dem spezifischen Verhältnis von Mensch und Tier und wie es unsere Lebenswelt bestimmt, gefragt. In Das letzte Jahrhundert der Pferde lernt der٭die Leser٭in ebenjene Tiere als Akteure von historischer Tragweite kennen, deren enge Beziehung mit dem Menschen die unsere geteilte Welt so maßgeblich  geprägt haben, dass man letztere eigentlich in Pferdezeitaltern gliedern müsste – vor, während und nach dem, was der Autor den „kentaurischen Pakt“ nennt. Universalhistorisch angelegt, elegant und mit viel Einfühlsamkeit geschrieben, hier und da vielleicht auch mit ein bisschen Wehmut angereichert, verbindet Raulff mit beispielloser erzählerischer Souveränität und frei von Überfrachtung Kulturgeschichte mit persönlichen Anekdoten, Mythos mit Theorie und begründet mit seiner Geschichte des Pferdes nahezu ein eigenes Genre.

Das letzte Jahrhundert der Pferde erschien 2015 bei C. H. Beck.

 

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Über Verantwortung

Gregor über Die Tagesordnung Eric Vuillard

2018 war ja auch ein Jahr verschwimmender Grenzen zwischen Information und Fiktion – von redaktionell frei erfundenen Spiegel-Reportagen bis zu belletristischen Sachbüchern wie Judith Schalanskys Verzeichnis einiger Verluste und eben auch Eric Vuillards Die Tagesordnung. In diesem richtet Vuillard literarisch ein paar Außenseiterperspektiven auf die Machtexpansion des Nationalsozialismus. Mit einem Erzählstil, der an Tolstoi erinnert, gleitet Vuillard durch Szenen, Schauplätze und Köpfe. Er springt hin und her zwischen einigen strategisch-mafiösen Schachzügen deutscher Machthaber. Am imposantesten hallt eine zentrale Szene nach, die das Treffen einiger deutscher Großindustrieller im Februar 1933 nachvollzieht, welche einen Geschäftstermin beim neu ernannten Kanzler wahrnehmen. Dieser, Hitler, suchte in der geladenen Gesellschaft finanzielle Unterstützung für die Reichstagswahl, und stärkt deren Interesse durch das Versprechen, sie in ihren Fabriken durch Zerschlagung von Kommunismus und Gewerkschaften ebenfalls als kleinen Führern freie Hand zu lassen – ein ehrenwerter Pakt, dem alle Beteiligten konsequent Folge leisten sollten.

Auf wenigen Seiten veranschaulicht Vuillard so Verantwortungen und Kontinuitäten von 1933 bis heute in Namen wie Siemens, Opel oder thyssenkrupp. Im Unterschied zu Tolstoi führt Vuillard seine Betrachtung aber nicht als im Grunde allwissender Erzähler aus, sondern stellt seine Leser٭innen selbst als im Grunde allwissend bloß, die gezwungen werden, sich ein paar Zusammenhänge neu bewusst zu machen, zum Beispiel die von unseren Haushaltsgeräten, mittelmäßigen Autos oder Rolltreppen zu Zwangsarbeit und Massenmord. Das Bewusstsein wird sogar zum dringenden Appell, vor allem an heutige Unternehmen, sich zu positionieren. Die Tagesordnung erschien ja nicht zufällig in Tagen, in denen antidemokratische Strömungen in vielen Industriestaaten zunehmen und Unternehmen gleichzeitig mehr Macht denn je besitzen.

Die Tagesordnung erschien 2018 bei Matthes & Seitz.

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Träume aus der Zeitkapsel

Gregor über Nur einmal von Kathleen Collins

Nur einmal von Kathleen Collins ist eine Kurzgeschichtensammlung, die buchstäblich aus einer Zeitkapsel kommt: geschlossen irgendwann in den 1960er-Jahren, wieder geöffnet erst Jahre nach dem Tod der Autorin durch ihre Tochter, und voller knapper Manuskripte aus Jahren der Bürgerrechtsbewegung, als nicht wenige sich ein Leben in bunten, weltoffenen USA ausmalten. Durch einen fast fotografischen Schreibstil, mit dem es Collins schafft, Charaktere ihrer eigenen Lebenswelt realistisch abzubilden, gewährt sie Zugänge zu einer jungen Generation, die so hoffnungsfroh auf eine gleichberechtigte Zukunft im Regenbogenstaat blickt, dass es einen 2018 erschauern lässt, wie wenig von dieser Hoffnung überlebt hat.

Collins‘ Kurzgeschichte Whatever happened to interracial love? zum Beispiel fragt Ende der 60er-Jahre, warum sich die ganzen „interracial couples“, die in New York um 1963 herum eine Selbstverständlichkeit waren, nicht nur schon wieder getrennt, sondern bereits wieder undenkbar geworden sind. Der gerade erst gegründete Kampa Verlag tut sich und uns einen großen Gefallen damit, Collins‘ Geschichten in sein Debüt-Programm aufzunehmen. Endlich bekommt das Werk der bereits 1989 verstorbenen Autorin und Regisseurin auch bei deutschsprachigen Leser٭innen die Aufmerksamkeit, die es zu ihren Lebzeiten verdient hätten.

Nur einmal erschien 2018 bei Kampa.

How to be an African

Moritz zu Americanah von Chimamanda Ngozi Adichie

Dem dritten und aktuellsten Roman von Chimamanda Ngozi Adichie wird sicherlich nicht zu Unrecht bereits jetzt weltliterarischer Charakter zugeschrieben. Als Spiegelbild ihres literarischen und öffentlichen Engagements sowie der eigenen Lebenserfahrung gelingt es Adichie in Americanah auf beeindruckende Weise die weiten Felder Feminismus, Identität, Exil und Rassismus mit Stringenz und Leichtigkeit unter einen Hut zu bringen. Die Geschichte zweier sich liebender Menschen, die sich aus den Augen verlieren und doch wieder zueinander finden ist nicht innovativ. Dass die beiden Protagonist٭innen, die ihre Jugend zunächst im militärdiktatorischen Nigeria der 1990er Jahre in einer gebildeten und verhältnismäßig privilegierten Mittelschicht erleben, aus Perspektivlosigkeit das Herkunftsland mit verschiedenen Zielen verlassen und unerwartete Wendungen hinnehmen müssen, macht Americanah zu einem zeitgenössisch wichtigen Werk.

Der multiperspektivische Zugriff auf Migration und Identitätssuche in der US-amerikanischen und europäischen Gesellschaft bis in die Obama-Ära legt u. a. das antiquierte und klischeebeladene Weltbild auf den afrikanischen Kontinent, die graduellen Abstufungen von Rassismus und Sexismus, aber auch die Arroganz und Absurdität der akademischen Welt offen. Adichie selbst kennt diese Lebenswelten und präsentiert diese den Leser٭innen zwar humorvoll, verliert dabei die Hervorhebung der dargelegten Probleme aber nicht aus den Augen. Auch wenn Americanah nicht dieses Jahr, sondern im Original bereits 2013 veröffentlicht wurde, hat der Roman nicht an Relevanz verloren, sondern wird in der kommenden Zeit vielmehr an solcher zulegen – auch hinsichtlich der Tatsache, dass afrikanische Schriftsteller٭innen hierzulande nach wie vor zu wenig Berücksichtigung finden.

Americanah erschien 2014 bei Fischer.

Titelbild: Herbstprogramm ebenfalls 2018 entstandenen Kampa Verlags, © Gregor van Dülmen

Chris Kraus: Sommerfrauen Winterfrauen

Sommerfrauen Winterfrauen könnte ein sphärisches Jugendstil-Gemälde sein, das allegorisch von den vier Jahreszeiten schwärmt. Chris Kraus lässt jedoch eine ganz andere Geschichte erzählen, die eigentlich gar nichts mit dekorativer Malerei gemein hat. Wer dieses Buch aufschlägt, öffnet auch ein Tagebuch, das von den Irren und Wirren eines jungen Filmstudenten im New York der 1990er Jahre erzählt.


Schonungsloser Sex in New Yorks zwielichtigsten Ecken und am besten das jenseits biederer, heterosexueller Normen. Was für den Professor Lila von Dornbusch der einzige Weg ist, noch einen halbwegs interessantes Filmprojekt zu machen, stellt für seinen Studenten Jonas Rosen allenfalls einen letzten Ausweg dar. Ihn beschäftigen ganz andere Dinge, als er seine vierwöchige Reise nach New York antritt: Die Beziehung mit seiner Freundin Mah und die unüberschaubare US-Metropole, in der er irgendwie eine Unterkunft und Filmequipment für seine Mitstudenten und seinen idealistischen Professor organisieren soll. Zu allem Überfluss an Eindrücken ist da noch Tante Paula, die er besuchen muss: ehemaliges Kindermädchen seines Vaters, Auschwitz-Überlebende.

Chris Kraus erzählt ungezwungen von den Zwängen der Kunst und dem Leben, mit denen sich seine Protagonisten herumschlagen müssen. Jonas‘ persönliche Aufarbeitung der NS-Vergangenheit seines Großvaters wirft zwar einen schweren Schatten, zieht die Erzählung aber nicht – wie vielleicht zu erwarten wäre – in die Sackgasse des Schreckens. Dafür kreuzen sich zu viele rührende wie absurde Situationen während Jonas‘ Aufenthalt in New York, der kathartische Züge annimmt.

Nahezu lakonisch dokumentiert er das ambivalente Verhältnis zu seinem unsympathischen wie mitleiderregenden Herbergsvater, in dessen Wohnung sich Fäkalien und Kunst unweigerlich die Hand reichen. Nicht zuletzt ist da noch eine junge Frau, die sein Interesse weckt und seine Beziehung zu Mah nicht unberührt lässt. Wer schließlich am Ende des Buches angelangt ist, wird feststellen müssen, dass er nicht alles erfahren hat, was er sich erhofft hat.

Würde man den Roman in eine Malerei übersetzen, wäre er wahrscheinlich eine abstrakte Farbschlacht. Ein Chaos wie jenes in Jonas‘ Kopf, welcher zudem wegen eines zurückliegenden Unfalls verletzlich wie ein rohes Ei ist (Zufall?). Chris Kraus geht vor allem dahin, wo es wehtut und findet zugleich einen unaufgeregten Umgang mit der Schonungslosigkeit.

Im wirren Strudel der Ideen

Nachdem bereits der im Januar dieses Jahres in Deutschland erschienene erste Band von Haruki Murakamis Roman Die Ermordung des Commendatore für Furore sorgte, ist nun der zweite Band mit dem Untertitel Eine Metapher wandelt sich herausgekommen. Schon der erste Band war im Vergleich zu sonstigen Werken des gefeierten japanischen Schriftstellers recht banal und langatmig. Es blieb zu hoffen, dass der zweite Band die Buchreihe retten würde. Doch auch diese Hoffnung hat Murakami enttäuscht.

Zur Erinnerung: Philips Besprechung des ersten Bands findet ihr hier.


Band zwei schließt direkt an die Begebenheiten des ersten Parts – diese Ereignisse zu nennen, wäre zu viel des Guten, denn im Grunde hatte sich bislang nicht viel ereignet – an. Der Ich-Erzähler, ein namenloser Porträtist, der in einer japanischen Provinz im Haus des Vaters eines früheren Kommilitonen wohnt und dessen Scheidung gerade am Laufen ist, soll die 13 Jahre alte Marie porträtieren und das Mädchen dabei dem reichen Exzentriker Menshiki näherbringen, der vermutet ihr Vater zu sein. Daneben versucht der Künstler, gebannt von dem Bild Die Ermordung des Commendatore, das Tomohiko Amada, der Vater des Freundes, in dem Haus gemalt und versteckt hat, der Biographie Amadas nachzuspüren sowie dessen traumatischer Vergangenheit im erfolglosen Widerstand gegen das NS-Regime während seiner Zeit in Wien.

Daneben erscheint ihm immer wieder eine groteske kleine Figur, eine Miniatur des Commendatore aus dem Bild, die eine Idee darstellt und rätselhafte Tipps gibt. Schließlich entstehen natürlich diverse Komplikationen und der Ich-Erzähler wird von diesen, in deren Mitte er sich durch Passivität befindet, mitgerissen, was ihn, wie so oft bei Murakami, in Parallelwelten führt, um Marie, die vermeintlich in Schwierigkeit ist, zu retten. Der Porträtist gelangt so in die dunkle und enge Welt der Ideen und Metaphern, voller unterbewusster Gefahren und Fallen.

Murakami, der doch auch ein Meister der Kurzprosa und des pointierten und gleichzeitig melancholischen Schreibens ist, kommt leider auch in Band zwei nicht zum Punkt. Das und die Belanglosigkeit vieler Handlungsstränge waren schon im ersten Band ein Problem. Allzu lange beschäftigt er sich mit den Bemerkungen eines nicht besonders willensstarken und fast schon flachen Charakters des Ich-Erzählers und seinen Wahrnehmungen der anderen Protagonisten. Die Auflockerungen durch das unregelmäßige Erscheinen des Commendatore, die wohl bizarr sein sollen, wirken dabei auch nur lächerlich.

Zwischen Nationalsozialismus und Ehebruch

Im Grunde plätschert ein Großteil des Romans vor sich hin, während sich die verschiedenen Erzählstränge ziemlich berechenbar und ohne sonderliche Wendepunkte fortentwickeln. Besonders absurd wirkt dabei das Ende. Der Porträtist muss, um ein Schicksal zu erfüllen und Marie zu retten, den Commendatore vor den Augen des geistig umnachteten Amada ermorden, um das Bild nachzuvollziehen und in die Ideenwelt zu gelangen. Dadurch soll er Marie retten, die verschwunden ist, aber im Endeffekt nur in einer sehr misslichen Lage ist, da sie Menshiki hinterherspionierte. Die Ideenwelt hält dabei Reminiszenzen an Murakamis Roman Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt bereit, und die Ereignisse um die Geliebte des Ich-Erzählers schließen nahtlos an seinen grandiosen Roman Afterdark an. Im Vergleich zu diesen beiden Werken, die man getrost zumindest als höchst lesenswert bis meisterhaft titulieren kann, bleiben die Schilderungen des Mysteriösen und Fantastischen verhältnismäßig blass, passend zum langweiligen und willensschwachen Hauptprotagonisten. Getoppt wird diese Blässe nur noch durch Murakamis Vorliebe für große weibliche Brüste, etwas das immer wieder und nicht so subtil wie in seinen anderen Büchern eine dominante Rolle spielt.

Das einzig Spannende, aber auch Spekulative an Die Ermordung des Commendatore bleibt die Frage, inwiefern die Ereignisse, etwa der Abstieg in die Ideenwelt und Maries Rettung durch den Commendatore, zusammenhängen und was überhaupt in den Bänden geschehen ist, was erzählenswert wäre, außer dass der Porträtist technisch-künstlerisch Fortschritte gemacht hat. Der Ich-Erzähler ist gefangen in einem wirren Strudel, den die Ideen und Figuren, die ihn umgeben, die er aber nicht ausreichend versteht, konstruieren. Immerhin regt dies, wenn man schon die vielen hundert Seiten der beiden Bücher durchgelesen hat, zum weiteren Nachdenken an, und die Lösung ist wohl irgendwo zwischen dem Nationalsozialismus, bildender Kunst, klassischer Musik und unehelichem Sex zu finden – es hätte wohl doch ein bisschen präziser und pointierter sein können.

Sprachlich und stilistisch ist Band zwei gelungen, ähnlich wie Band eins, dennoch scheint Murakami auch hierbei momentan nicht auf seinem sonstigen Niveau zu sein. So gelingt es ihm nicht mehr, Romantik, Sehnsucht, Mystik und existenzielle Fragen der Freiheit zusammenzudenken und poetisch, verdichtet zum Ausdruck zu bringen. Realistisch und feinsinnig beobachtet schildert er zwar die Wahrnehmungen des Ich-Erzählers, die natürlich von seinen künstlerischen Fähigkeiten definiert sind, aber der sprachliche Tiefgang, etwa zu den eigentlichen Bedeutungen der auftretenden Metaphern und Ideen, fehlt. Murakami hat sich in den sehr beschränkten Verstand und den nahezu nur äußerlichen und oberflächlichen Beobachtungen des Ich-Erzählers gefangen.

Was ergo als großer Künstlerroman intendiert ist, reicht so leider auch nicht zum Entwicklungsroman oder zur Hommage an die Kunst in Zeiten politischer Katastrophen oder existenzieller Krisen. Vielleicht hätte es Murakamis Lesern besser getan, anstatt dieses langatmige und langweilige Werk zu schreiben, eine neue vielseitige Erzählungssammlung zu schreiben.


Haruki Murakamis Die Ermordung des Commendatore, Bd. II: Eine Metapher wandelt sich, übersetzt von Ursula Gräfe, erschien am 14. April 2018 beim Dumont Verlag Köln.

Titelbild: © Dumont-Verlag

Ein literarischer Meisterkoch wärmt Altes neu auf

Normalerweise ist man von dem japanischen Schriftsteller Haruki Murakami, der seit Jahren als Anwärter auf den Literaturnobelpreis gilt, Meisterwerke zu zwischenmenschlichen Beziehungen und psychischen Abgründen gewöhnt. Sein neuer Roman Die Ermordung des Commendatore, dessen erster Band Eine Idee erscheint nun in deutscher Sprache vorliegt, ist dagegen leider eine Enttäuschung. Denn zu sehr spielt Murakami mit etablierten Motiven, sein Buch bringt nur wenig Neues.


Der Erzähler des Romans ist diesmal namenlos und Porträtmaler. Nachdem seine nichtssagende Ehe in eine Scheidung mündete, reist der Protagonist ziellos durch Japan, bis er schließlich in die Berge zieht, in eine Hütte des Vaters eines früheren Kommilitonen. Isoliert in den Bergen, sich unfähig zu jeder Art von Malerei fühlend, ergeben sich hier nun mehrere Handlungsstränge, die noch nicht ersichtlich miteinander koinzidieren. Zum einen beauftragt ihn der exzentrische und dubiose IT-Millionär Wataru Menshiki für ein besonderes Porträt, jedoch mit anderen Zielen im Hinterkopf. Ebenso versucht der Erzähler seine sexuelle Vergangenheit und seine eigentümliche Beziehung zu seiner toten Schwester in Rückblenden aufzuarbeiten. Und, vielleicht am wichtigsten, auch wenn dies eher so nebenbei geschieht, findet der Maler auf dem Dachboden ein altes Gemälde: Die Ermordung des Commendatore. Dieses Bild, das eine Szene aus der Oper Don Giovanni adaptiert, zieht ihn fortan in den Bann und bringt ihn in Kontakt mit einer unklaren materialisierten Idee aus einer anderen, zeitlosen Welt.

All diese Motive, ein farbloser Ich-Erzähler, ein Einzelgänger, der gerne ein Künstler wäre, Parallelwelten, schlechter Sex und nicht aufgeklärte mystische Geheimnisse, sind dem Murakami-Leser keinesfalls neu. Auch der enttäuschte Künstler, der sich in die Natur zurückzieht, ist nicht gerade eine kreative Idee. Generell ist vieles in dem Roman berechenbar. Es scheint, als ob der Meisterkoch der Literatur nur ein altes Gericht wieder aufgewärmt hätte. Frisch ist daran nur sehr wenig: etwa, dass der männliche Erzähler, diesmal fasziniert ist von einem Mann, nämlich Menshiki, aber auch überfordert, und dass er diesmal kein erfolgloser Schriftsteller oder Architekt ist, sondern Porträtist, der gerne freie Kunstwerke zeichnen und malen würde.

Insgesamt scheinen dieses Mal die Figuren farblos gestaltet zu sein. Während es in seinen früheren Romanen charakteristisch war, dass der Ich-Erzähler farblos war oder sich so empfand – so etwa in seinem melancholischen Roman Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki –, sind nun alle Figuren mehr oder weniger farblos. Das könnte einerseits dazu dienen, ihnen bei der Auflösung im zweiten Band, der im April erscheinen soll, Tiefe zu verleihen und sie nun geheimnisvoll zu gestalten; andererseits hat der Künstler prinzipiell Probleme Gesicht oder Charakter von Menshiki auf einer Metaebene zu malen. Es scheint, dass nur der Commendatore als Idee und die Vergangenheit des Hausbesitzers literarische Plastizität besitzt.

Doch selbst wenn dies Methode und womöglich einen Sinn hat, den der Leser noch nicht durchschaut, so ist es doch über einen ganzen Roman hinweg ziemlich langatmig. Daher ist es wohl auch keine gute Idee, das Projekt zweibändig zu gestalten, denn dadurch entstehen lästige Längen, und auch spannende Cliffhanger zählen – das zeigt auch sein an sich epochaler dreibändiger Roman 1Q84 – nicht zu Murakamis Stärken. Dafür ist sein Stil im neuen Werk modifiziert: Er beschreibt nun, seinem Erzähler angemessen, seine Umwelt wesentlich bildhafter, plastischer, farbiger, und in seiner literarischen Verarbeitung von Gemälden und Opern, generiert er eine künstlerische Kombination auf einer Metaebene.

Tatsächlich ist das Abdecken verschiedenster Kunstformen die größte Stärke von Die Ermordung des Commendatore, Bd. 1. Denn natürlich bleibt Murakami ein genialer Stilist. Jedoch scheinen ihm die Ideen für Neues auszugehen, so als ob ihm (hoffentlich nur zwischenzeitlich) die Luft während der Produktion ausgegangen ist. Darum ist auch im ersten Teil dieses Werkes noch kein großer Gehalt ersichtlich. Kreativ, innovativ, tiefsinnig und grandios sind eher seine anderen Romane und Erzählungen.


Haruki Murakamis Die Ermordung des Commendatore, Band I: Eine Idee erscheint, übersetzt von Ursula Gräfe, erschien am 22. Januar 2018 beim Dumont Verlag Köln.

Titelbild: © Dumont Verlag

Wer braucht die Liebe in Gedanken? Schlinks „Olga“

Der neue Roman von Bernhard Schlink „Olga“ ist vieles. Doch am meisten eine Liebesgeschichte. Aber wie muss Liebe eigentlich beschrieben sein, damit die Leser*innen sie nachfühlen können?


Olga liebt Herbert. Bis zum Schluss. Obwohl diese Liebe die meiste Zeit nur in Form von Sehnsucht existiert. Sehnsucht, die von Erinnerungsfetzen und die Hoffnung auf ein Wiedersehen genährt wird. Denn während es Olga mithilfe von Fleiß und Willensstärke zu einer Anstellung als Lehrerin im preußischen Memelland schafft, packt den Gutsbesitzersohn Herbert regelmäßig die Abenteuerlust. Dann kämpft er fürs Deutsche Kaiserreich im Ersten Weltkrieg oder begibt sich auf Forschungsreisen. Und verlässt Olga – wieder und wieder. Bis er nicht mehr wiederkommt.

„Dass sich Olga und Herbert ineinander verliebten“

Bernhard Schlinks Roman „Olga“ ist vieles: Eine Roman über die deutsche Geschichte vom späten 19. bis zum frühen 21. Jahrhundert, ein Portrait einer Frau, eine Erzählung über eine generationsübergreifende Freundschaft und eine Liebesgeschichte. Das alles kennen wir bereits von Schlink. Doch eines fehlt: die Erotik, wie sie im Welterfolg „Der Vorleser“ thematisiert wird. Fast scheint es, als ginge es ihm in seinem neuen Werk weniger darum, eine körperliche als eine tiefe gedankliche Liebe zweier Menschen zu beschreiben. Doch diese Liebe bleibt merkwürdig blass. Warum ist sie für die Leser*innen so wenig nachvollziehbar? Vielleicht liegt es an der Sprache, die nicht den richtigen Rhythmus und nicht den richtigen Ton findet: Mal plätschert das Erzählte nüchtern dahin, mal schlägt es ins Extreme aus. Kommt ins Schwärmen, als müsse sie bewiesen, ja, gerechtfertigt werden, die Liebe zwischen Olga und Herbert.

„Ich bin schon wieder bei dir, Herbert.“

Vielleicht liegt es aber auch an der Wahl der Erzähler. So wie der Roman aus drei Teilen besteht, so gibt es drei Perspektiven. Im ersten Teil beschreibt ein auktorialer Erzähler Olgas Geschichte bis kurz nach ihrer Flucht von Ostpreußen nach Heidelberg. Hier erfahren die Leserinnen viel über den Verlauf ihres Leben, aber kaum etwas über ihr Innenleben. Und Herbert? Auch seine Innenwelt bleibt den Leserinnen verschlossen. Zwar gibt er vor Olga zu lieben und besucht sie zwischen seinen Reisen bis zu seinem Verschwinden, aber wirkt aufgrund seines Handelns fast desinteressiert. Ist es das, was die Liebe für die Leser*innen wenig nachfühlbar macht? Dass Herbert kein Sympathieträger ist? Vielleicht. Aber auch Olga ist unnahbar, ja, die Figur eindimensional. Denn was bleibt von ihr, wenn die Liebe zu Herbert herausgestrichen würde? Nicht viel.

„Sie erzählte, wie Herbert und sie umeinander warben und zueinanderfanden.“

Aber zum Glück gibt es noch einen zweiten Teil. Und als habe der zunächst noch junge Ferdinand schon ungeduldig darauf gewartet, endlich zu Wort kommen zu dürfen, bricht mit ihm Lebendigkeit aus. Hier gelingt es Schlink auf beeindruckende Art, den männlichen Protagonisten und die Freundschaft zwischen ihm und der nun in die Jahre gekommenen Olga mithilfe eines Ich-Erzählers so authentisch zu beschreiben, als handele es sich um ein autobiografisches Erlebnis. Ferdinand, bis ins Erwachsenenalter und noch lange nach ihrem Tod fasziniert von Olgas Liebe zu Herbert, macht sich auf die Suche nach ihren Briefen. Und wird fündig. Doch die Spannung, die kurz auflodert, erlischt im dritten Teil: Hier wird das Innenleben Olgas, das im ersten Teil fehlt, in Form von Briefen an den verschollenen Herbert offengelegt. Und ja, die Leser*innen erfahren Neues und können im ersten Teil entstandene Leerstellen schließen. Aber wirkliche Überraschungen sind es nicht.

„Dann fragt ich sie, warum sie nach Herberts Tod keinen anderen genommen hat.“

Aber noch etwas wird in den Briefen deutlich: Olga existiert nur, weil die Gedanken an Herbert sie existieren lassen. Der Roman ist kein Portrait einer unabhängigen Frau im 19. bis 21. Jahrhundert, was er hätten werden können, sondern zeichnet eine Frau, die nur für einen Mann lebt. Damit hinterlässt er kein Gefühl von Ergriffenheit über diese bedingungslos anhaltende Liebe, sondern ein Gefühl von Wut. Darüber, dass die kurz aufkeimende Hoffnung, Olga könnte sich doch noch abwenden, sich von der Macht Herberts befreien und sich dem von ihr angetanem Kollegen zuwenden, enttäuscht wird. Darüber, dass diese Frau ein einsames Leben voller Warten aufgrund eines Mannes führt, der nie zu Kompromissen bereit war. Somit lässt sich die Frage, wie Liebe im Roman beschrieben sein muss, damit sie nachfühlbar wird, einfach beantworten: Sie darf nicht zu gewollt, nicht zu erzwungen sein. Sie darf nicht wütend machen.

„Olga“ von Bernhard Schlink erschien am 12. Januar 2018 im Diogenes Verlag.
Titelbild © Katharina van Dülmen.