Kategorie: Titel

„Peter Doherty: Stranger in My Own Skin“ (2023)

Seinen Durchbruch feierte Pete Doherty als Frontmann der Libertines. Er gilt als der Vorzeige-Indie-Rocker der 00er-Jahre. In den britischen Tabloids schlägt er auch hohe Wellen – mit seinem Privatleben: der Beziehung zu Supermodel Kate Moss und seiner Heroinsucht. Die jüngst erschienene Dokumentation „Peter Doherty: Stranger in My Own Skin“ von Katia deVidas, Filmemacherin und Frau von Doherty, zeigt den privaten Pete Doherty. Und kommt ihm dabei sehr nah. Fast zu nah.


Als Filmmacherin Katia deVidas 2006 engagiert wird, ein Babyshambles-Konzert zu filmen, trifft sie zum ersten Mal auf Pete Doherty. Es entsteht eine enge Freundschaft und deVidas beginnt Dohertys Leben, insbesondere das abseits der Bühne und der Öffentlichkeit, zu dokumentieren. 10 Jahre lang. Und sie hört erst auf zu filmen, als die beiden ein Paar werden. 200 Stunden Filmmaterial hat sich zu diesem Zeitpunkt bereits angesammelt. Das 90-minütige Porträt „Peter Doherty: Stranger in My Own Skin“ zeigt eindrücklich Dohertys Kampf mit der Drogenabhängigkeit. Dem eigenen hohen Anspruch „pure truth“ darzustellen, kann es dabei aber nicht gerecht werden.

Pete Doherty wächst buchstäblich hinter Stacheldraht auf: Sein Vater ist beim britischen Militär und die Familie lebt auf verschiedenen Armeestützpunkten. Der junge Pete fühlt sich nie dazugehörig. Er zeigt früh Interesse an Literatur, beginnt zu schreiben und studiert später englische Literatur. Dann plötzlich die Begegnung mit seinem kreativen Seelenverwandten Carl Barât, die alles für immer verändert. Mit der Band The Libertines werden sie in kürzester Zeit zu den Rettern der britischen Musikszene, „den nächsten Beatles“, wie Mick Jones (The Clash) sagt. Wir sehen Fernsehauftritte bei Jools Holland, Top of the Pops und viele (NME-)Magazincover, die die Libertines und vor allem Doherty und Barât feiern. Für ihre Musik, aber auch für alles, was sie darstellen: ihre Rebellion und ihren Exzess

© Fédération Studio France-Wendy

Dann wird es ruhiger. Wir lernen den privaten Doherty kennen. Er ist charmant, kunstinteressiert und etwas spitzbübisch. Er ist ein junger Mann, der eine romantische Vorstellung des leidenden Künstlers hat und sich selbst in dieser Rolle gefällt. Er schreibt auf einer Schreibmaschine und Füllfederhalter, ist fasziniert von Paris und der Bohème. Gleichzeitig sucht er nach seiner Herkunft in einem mythischen Albion (altertümliche Bezeichnung für Großbritannien). Seine Vorbilder sind Oscar Wilde, James Joyce, Fjodor Dostojewski und Hunter S. Thompson, nicht nur literarisch. In den Drogen sieht Doherty zu Beginn eine mögliche Inspirationsquelle. Als er das erste Mal Heroin raucht, erzählt er, erwartet er offenbarende Träume. Er wird enttäuscht.

In seiner Sucht ist Doherty lethargisch, wirkt hilflos und zerbrechlich. Alles an ihm und um ihn herum ist kaputt. Sein Körper, seine Haut, seine Kleidung, seine Wohnung, die Möbel. Überall herrschen Unordnung und Chaos. Er möchte es hier rausschaffen, sagt er, und setzt sich kurz danach eine Spritze Heroin.

© Fédération Studio France-Wendy

Einige Momente stechen in der 90-minütigen tragischen Erzählung besonders heraus:

Pete Doherty braucht Geld. Dringend. Um eine Entziehungskur in Thailand zu finanzieren. Und bis es so weit ist, für seinen Konsum. Es wird eine „Auktion“ abgehalten. Diese wirkt eher wie ein Verscherbeln von Petes Kunstwerken und Habseligkeiten. Die Bietenden rechnen wohl mit einem frühen Ende Dohertys und der drastischen Wertsteigerung ihrer Käufe.

Kurz vor dem Entzug: Das Publikum sieht Pete in seiner Pariser Wohnung – unbeteiligt und abwesend. Er hat den ersten Flug verpasst. Auch in den darauffolgenden Tagen verschiebt er seinen Abflug auf unbestimmte Zeit. Er habe Angst, erzählt Doherty Katia deVidas, die ihn wie immer filmt. Er könne die Wohnung nicht verlassen. Der Gang zum Geldautomaten sei ihm unmöglich, eine unüberwindbare Hürde. Er wolle noch warten, vielleicht würde er ja doch noch – von wem auch immer – wundersam erlöst. Dann bindet er sich den Arm ab und nimmt Heroin. Es frustriert, Doherty so zu sehen. Gleichzeitig hat man Mitleid und fühlt sich unwohl, ihn in dieser Situation, in der er so verletzlich ist, zu beobachten.

Mehrfach muss man zusehen, wie sich Doherty Heroin aufkocht, die Spritze präpariert und sich den Arm abbindet. Dass abgeblendet wird, bevor die Nadel unter die Haut geht, hilft dabei nicht. Denn die Kamera ist wieder dabei, als die Drogen zu wirken beginnen. Wenn Pete Doherty nicht mehr ansprechbar ist und scheinbar alles Lebendige seinen Körper verlässt. Man kann solche Szenen mit dem Schlagwort „schonungslos“ überschreiben, aber auch mit „grenzwertig“ und teilweise „eine Zumutung“.

Die Nähe zu Pete Doherty ist Gewinn und gleichzeitig Problem dieses sehr intimen Porträts. DeVidas‘ Blick ist befangen. Eine außenstehende Person, die die Aufnahmen kommentiert und es wagt, den doch bewundernden Blick von Doherty abzuwenden, um ihn auch auf sein näheres Umfeld zu lenken, hätte dem Film gutgetan. Viele Themen, wie der tragische und noch immer unaufgeklärte Tod Mark Blancos auf einer Party, die auch Doherty besuchte und die CCTV-Aufnahmen, die Doherty zeigen, wie er am leblosen Körper Blancos vorbeiläuft, bleiben unangesprochen. Als Ergänzung empfiehlt sich hier das Gespräch, das Journalist Louis Theroux im Rahmen seiner BBC-Doku-Reihe „Louis Theroux Interviews“ mit Pete Doherty führt.

Während der Film das von Doherty geschaffene Bild des leidenden Künstlers weiter inszeniert, bricht er am Ende dankenswerterweise mit der Idee der heiligen Inspiration „Droge“. Also der Idee des Künstlers, der im Drogenrausch zu neuen künstlerischen Dimensionen aufsteigt. Doherty stellt für sich fest: Er sei Künstler trotz der Drogen.


„Peter Doherty: Stranger in My Own Skin” ist seit dem 16. November 2023 in deutschen Kinos zu sehen.

 

 

Hier geht’s zum Trailer:

Quelle: YouTube

 

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