Kategorie: Rezensionen

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DÖBLING’s BLUDENZ PNEUplatzt
LULUHONIGBrATZEN
FUCKARzT AUFKLAUBENd

[Friederikollage]

Friederike „Unstern über Wien“[1] Mayröckers ωte Makulatour de Force als Volljährige Kunstschrulle avantgärtnert sich mit schlichten Strichninkrüppelchen + Feststelltaste unterm Arm durchs Grusel-Ich zu bewerben, weckt womöglich Neugier. Doch die 200 Seiten starke Promotionsschrift zum Thema „Suadomasochismus“ ist eine eher schwächelnde Verklumpung von im Rahmen endloser Nabelschau gewonnenen Pulmäusen, deren Künstlernamen das lyrische (wortsp)I(el) dropt wie Netflix True-Crime-Shows.


„Althing“, wie die Grande Made des Wirrsals von Erbelke genannt wird, entfuhr im Café Sperl, inzwischen Deutschlands keinstes Endlager für Mottenfallen, jenes Quantum, mit dem sie fast zeitgleich das Einlaufen lernte. Doch schert sich Wunderschräubchen, im Gegensatz zu ihrer Namensvettelin Ingrischlotte, nen zitznassen Raptus um Wurmlöcher, da sie nun mal in die KUNST verknallt ist und hier dement-sprechend so einige Buchstabierflaschen, Malermeister oder Straßenmusiker durchästimiert kriegt. Am meisten steht das von Schmelzhure Zeit angesägte Tantchen allerdings auf deutschen Jugendjargon mit seinen Gabelstaplerfrühstückchen, Gurgeldingers und Klaubuntspechten. Die eine oder andere Lieblichkeit = allerliebst angekuckt! wie Kuckuck = mag das eine oder andere geistreich schmunzelnde Gespenst hinterm Spamofen hervorlocken, zugleich ist die so banan besungene „Sprachverspieltheit“ (vgl. Das Geheimnis dieses neugierig machenden Textes, ein Zwischending aus Ort und Zeit, lässt immer wieder aufhorchen. Das Schreiben am Morgen in seinem überaus fruchtbaren Zusammenspiel mit elegischen Blicken aus der Luke ist die Morgentoilette der Künstlerin und Intellektuellen. Durch eigenwillige Komma- und Beistrichsetzung beschwört die Autorin einen Ort der Träume und damit zugleich ein poetisches Programm herauf, das unbeirrbar Höhepunkte auslotet und um die Bedeutsamkeit des Neugierigwerdens – und -bleibens! –  weiß. Obwoolst ein grauer Schleier des Wenig-Tröstlichen sich über die Sollbruchstelle legt, arbeitet sich die Autorin im Rausch der Kaffeehäuser an jenem unbändigen Wechsel zwischen Lyrik und Prosa, Sub und Optimum ab, der mal als literarischer Lackmustest, mal als moralinverseuchtes Fanal Sollbruchstellen im Konjunktiv aufzeigt. Dabei eröffnet das Spracheffluvium einen Wahrnehmungsraum voller Mosaikschnappschüsse, eine geheimnisvolle Landschaft im poetischen Konjunktiv. Insofern haftet der Liebeserklärung an die Sprache etwas Hommage an – doch kann das funktionieren? Man darf jedenfails auf das nächste Buch gespannt sein – und darauf, wie es der Vergänglichkeit ein Schnippchen schlägt.) derart abkotzig, dass nicht einmal die Aufzählbarkeit von Eigenschaften den dazugehörigen Text veredelt. Ermüdend onanzephale Intellektuellenlängen, die Kunst so viel weniger voranbringen als etwa die von ihr erwähnten Suigeneratoren Beckett oder Schwitters, demontieren einmal mehr Belesenheit, die viel eher Zitier- als Zitierfähigkeit zur Folge hat. Selbst wenn Bildung sicherstellt, dass Salmonellen keine Fische sind und gegen Blutkruste am Mäulchen in 08 von 15 Fällen dnepropetrollhaltige Salben helfen, ist das noch lange kein Grund, zwischen zwei Suhrkamp-Deckel zu keulen. Musensöhne auf Psychonatrium müssen nun mal nicht über jede Noch-so-Umbuschigkeit abbeichten. Zumal Derrida-Fans beim Gamen zuzusehen bisweilen (durch verkapptes Mitleid mit Lutzleichen und vergleichbaren Kawaiitäten charakterisierte) Niedlichkeitsgefilde erschließt, in denen Tandoorian Chicken mit Dekompression und Tod reüssierte – doch kann das funktionieren?

Die draisingende Kultschabracke, deren Metal-Ümlaut leider nicht über logorrhoische Anämie hinwegzutrösten vermag, streamt ihr Conschissness bequem in die heimischen vier Augén, welche wie ein Päckchen Cojones unterm Sacktuch hervorfunkeln und sich, ganz analog zu Licht, mittels Welle-Genital-Dualismus fortpflanzen. Klar will die graphomanische Chimäre im Fichtenwäldchen durchaus noch ein Blättchen vollkritzeln, inzwischen ist es allerdings > 1 Akt, eine Treppe hinab[zu]steigen, schreibt man „dass“, da da, mit Droßßel-p und verzichtet bei einem Lamentation-Buchstabierchen (s. o.) nur unter Extrembedingungen auf „lame“. Denn ein Tag ohne Zeile ist ungefähr so, als würde die Schreibmaschine (eine Ex-Zentrifuge) losheulen, ohne die Tränen vorzuheizen.

Wem sweatshop ein Schweiszgeschäft ist, dem sind sweatpants womöglich auch US-Vize. Wer Frau Freude mit einschlägiger Ode begrüßt, sollte so konsequent sein und dem Taube seinen Kropf abkleben. Und wer den eigenen Vornamen hauptsächlich dazu nutzt, Sublämmer zu befehligen, ist nur eine Frage der Zeit, bis der erste klonende Mumienwurm das Spülicht der Welt erblökt. Jedenfalls muss es schon reichlich spät sein, wenn die Uhr 15er-Potenzen anzeigt und herauskatapultierbare Kausalitätskaskaden „Baum : Knospenkunst = Mensch : Knorpelkunst“ nahelegen.

Indes verzetteln sich glasierte Gürkchen in Traumata wie der am Mond deines Daumennagels […] empor. Kletterndste Verwahrloser aller Zeiten und lyrres Gewürm glotzt mit Geäug aus Enfant the Terribles Damenloch, um Multiples im Vorgarten anzutreffen: dentalsommerliche Krankheitswinde aus der Schattentüte, Deppenapostrophieh macht auch Mist & Last but not Liszt: Sobald GRAMMO’s BETTELARM überm Rohling v.GAIA zu levitieren beginnt, wird die Baustelle Hirn! blitzschnell mit einem sog. Mäntelchen aus baumelter (Ö-Ton Partizip VIII.) KUNSTSPRACHE verhüllt und gilt von da an als eine Art Brut, die sich nur der allerschlimmste Erzhold von Messi zusammengereimt haben kann. Sich jedoch darauf einen Reim zu machen heißt unweigerlich, in Graz zu beißen.

Die – ganz im Gegensatz zu einem Femtolaserpuls – am ehesten mit Hintergrundstrahlung gleichzusetzende FM-Einheit köchelt also auch nur mit Abwasser, weshalb es statt Siedepunkten bloß wärmliche Schachtelsätze à l’ich schreibe PROEME, schreibe digital gibt. Nebenbei jandlt sich Ready-Mademoiselle durch diverse Ernstigkeitsstufen, von Depressivität über melancholerische Sinti-Mentalität bis hin zum Schwulenpärchen Ruhm & Rühm (née Tieck & Tick), wobei einem enigmatische Maiskolben mit Klomatten v. Vögelchen (inkl. Bubenfrisur) leider kaum begegnen. Stattdessen hat Dr. skrrl. Augenhitze-mit-„Hot Eis“-Gleichsetzer offenbar von Otto gemopst und sollte dringend die Tierzeitung mit vorinstallierter Wurstware – von Tieren fürs Tieren! – abonnieren.

Fazit: Obgleich hier mitunter munter verhext, eingelernt und geteufelt wird, grassiert tendenziell unendliches, b. h. einer stark apoplektischen 8 ähnliches Grindwalium, welches am Schluss als eine Überdosis fnufffnuff fossilisiert – ‚fnuff said.

Friederike Mayröckers da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete erschien am 20.07.2020 bei Bibliothek Suhrkamp. und hat 12.000 Wörter. Weitere Infos unter: novelle.wtf/mayrock-n-roll/.

[1]   Alle Zitate kursiv.

Tobias – Vom Schriftsteller zum Priester

Jakob Nolte schreibt mit „Kurzes Buch über Tobias“ einen ungewöhnlichen Roman über einen studierten Schriftsteller namens Tobias und dessen unerwartete Bekehrung zum christlichen Glauben. Außerdem erleben wir, wie Tobias mit einem anderen Mann namens Tobias zusammenlebt, der ein Kind von ihm möchte. Was an diesem vielschichtigen Text schwer zu verstehen ist, erläutert die Rezension.


Der neue Roman von Jakob Nolte ist sein dritter Roman nach „ALFF“ (Matthes & Seitz, 2015) und „Schreckliche Gewalten“ (Matthes & Seitz 2017) sowie einigen Theaterstücken. Außerdem betreibt Nolte seit 2017 zusammen mit dem Schriftsteller Leif Randt und dem Grafikdesigner Manuel Brügel die Online-Plattform Tegel Media.

„Kurzes Buch über Tobias“ behandelt in 48 Kapiteln die Geschichte des Schriftstellers Tobias Becker, der als junger Mann ein Studium in Kreativem Schreiben in Hildesheim abgeschlossen hat. Im Laufe des Buches findet der Protagonist zu seiner Berufung als Pfarrer und wirkt religiöse Wunder, indem er beispielsweise seine unzufriedene Freundin Alina in ein Kaninchen verwandelt oder als einziger Mensch ein Flugzeugunglück überlebt. Die Schriftstellerei gibt er trotz des vorhergehenden Studiums auf, obwohl er mit seinem ersten Roman „100 Jahre 43“ recht erfolgreich war. Er schreibt fortan nur noch für sich selbst. Zuletzt wird Tobias nach seiner Exkommunikation aus der evangelischen Kirche, die auf eine außer Kontrolle geratene Predigt zurückgeht, zum viel beachteten Online-Prediger auf YouTube mit zahlreichen Followern, was letztlich allerdings seinen sozialen Abstieg einleitet.

Neben dieser Haupterzählung über die titelgebende Figur des Tobias Becker gibt es noch einige weitere Erzählstränge: Da sind zum Beispiel die Erinnerungen an die WG-Mitbewohner in Hildesheim. Oder an seine Ex-Freundinnen, die sich anscheinend ziemlich rasch abwechselten, so rasch, dass man sich ihre Namen kaum merken kann. Hängen bleibt eigentlich nur Alina, seine Berliner Freundin, mit der er nach seinem Umzug nach Berlin bis zu ihrer Verwandlung in einen Hasen regelmäßig Tischtennis spielte, um sich fit zu halten.

Schließlich wäre da noch der neueste Geliebte des Protagonisten, der ebenfalls Tobias heißt, ein Mann. Doch auch diese Beziehung steht auf wackeligen Beinen, da es zwischen den beiden Verliebten in den unmöglichsten Situationen zu Streit über die Frage kommt, ob sie eine Familie mit einem Kind gründen sollen oder nicht. Tobias Beckers Freund ist dafür, Tobias selbst ist dagegen. Überhaupt haben Kinder in diesem Buch eine etwas obskure Rolle, da in einem schwer zu durchschauenden Nebenschauplatz der Erzählung kleine Kinder auf Bäume in einem dichten Wald außerhalb von Berlin klettern und darauf warten, von Personen in einen Helikopter vom Baumwipfel gerettet zu werden. Was dieser mehrmals wiederkehrende Nonsens soll, bleibt wohl ein Geheimnis des Autors und des Textes…

Bei der Vorbereitung auf ein Lektüreseminar zu Thomas Pynchons postmodernem Roman „Die Versteigerung von No. 49“ in Wien, zu welchem der Protagonist Tobias eingeladen wurde, hält er Folgendes fest: „Nun passierte bei der Lektüre etwas für Tobias völlig Unerwartetes. Er hasste den Text. Er hasste ihn sehr. Er hasste das Setting, die Sprache, die Szenen, die Themen und die Erzählhaltung des Autors. (…) Nun war es aber so, dass Tobias dieses Büchlein hasste, obwohl er theoretisch etwas damit hätte anfangen können müssen. Er hasste es aus vollem Herzen.“ Ich habe mich bei der Lektüre dieser überaus unterhaltsamen Stelle gefragt, ob dies eventuell eine metatextuelle Reflexion, d. h. eine Vorwegnahme einer möglichen Reaktion auf den vorliegenden Romantext ist.

Auch „Kurzes Buch über Tobias“ wird Leserinnen und Lesern, die postmoderne Tendenzen in der Literatur ablehnen, allerlei Anlass zu Hass und Ablehnung bieten. Denn das Buch vereint moderne und schwer verständliche Gedichte über den Zustand des Protagonisten Tobias zu verschiedenen Zeitpunkten seines Lebens mit Aufzählungen von Trauminhalten der Hauptfigur sowie einer nach vorn und zurück springenden traditionellen personalen Erzählung, in der Biographie-, Heiligen- und Fantasy-Elemente auftauchen.

Der Roman springt wild zwischen Studien-, Liebes-, Urlaubs-Erzählung und religiöser Erweckung hin und her, was zunächst zu einiger Verwirrung führt. Die Frage, die man sich beim Lesen immer wieder stellt: Wozu das alles und wohin soll das Potpourri an mehr oder weniger verworrenen Themen und Erzählsträngen führen? Ich muss zugeben, dass ich mich mit dem Buch schwergetan habe – und erst gegen Ende ein wenig damit warm wurde, als die achronologisch erzählte Geschichte sich zu einem erkennbaren Ganzen gefügt hat.

Etwas merkwürdig an „Kurzes Buch über Tobias“ ist, dass manche Details in aller Ausführlichkeit berichtet werden. Muss man in einem Roman wirklich beschreiben, dass eine Gurke beim Kochen schräg abgeschnitten wird? Oder welche Markennamen ein Sebamed-Duschgel, eine Bifi-Wurst oder eine 0,2-Fanta-Dose haben? Mich hat diese Schein-Genauigkeit mehr genervt als amüsiert. Und falls damit irgendeine Kritik an der Langeweile und Sinnlosigkeit der kapitalistischen Existenz intendiert war, dann ist diese eher missglückt und auf Kosten der äußeren Form des Romans erzielt worden.

Auch die Tatsache, dass die Protagonisten offensichtlich ständig im Urlaub und auf Reisen sind, hat mich etwas irritiert: Wie kann sich ein Student in Kreativem Schreiben, später Schriftsteller, dessen Gehalt in diesem Roman mit einer erstaunlichen Freimütigkeit abgedruckt wird, es leisten, permanent ins europäische Ausland zu reisen, zumal mit dem Flugzeug? Natürlich kann man von Reisen mehr erzählen als von einem gewöhnlichen Alltag in Hildesheim oder Berlin, aber die Anzahl der Reisen überschreitet hier ein nachvollziehbares Maß.

Es gibt auch einige schöne Ideen in dem Roman: Z. B. bereist Tobias in seiner Freizeit Denkmale an ehemalige Führer sozialistischer Staaten. Auch die Szene in dem arabischen Imbissladen ist gelungen, in der christliche Religion und muslimische Religion aufeinandertreffen. Die Literaturszene wird vermutlich auf eine recht treffende Weise dargestellt, ist der Autor Jakob Nolte doch selbst ein Teil eben dieser und hat Szenisches Schreiben in Berlin studiert. Vom Studium in Hildesheim über die Korrespondenz mit der Literaturagentin bis hin zum Ende der Schriftstellerkarriere bekommen die Leserinnen und Leser einen Einblick in den Literaturbetrieb.

Am Schluss des Buches steht eine interessante Zufalls-Begegnung mit einer CDU-Bundestagsabgeordneten, die den inzwischen sozial abgestiegenen und obdachlosen Tobias Becker im Tischtennisclub aufliest und zu sich nach Hause einlädt, wobei schnell klar wird, dass zwischen Tobias und seinem Gegenüber wenig Sympathie besteht. Es scheint, als hätte Jakob Nolte ein Händchen für außergewöhnliche Begegnungen, Situationen und Orte, während er sich im Alltäglichen eher im Klein-Klein, Nebenschauplätzen und Fantasien verliert.

Es ist nicht ganz einfach, eine Deutung für „Kurzes Buch über Tobias“ zu finden. Ist es ein Buch über die totale Individualisierung der Lebensentwürfe? Über die kulturelle Zersplitterung der Gesellschaft und die daraus resultierende Wiederaufwertung der Religionen? Über das partielle Ende des Lebensentwurfes Heirat-Haus-Familie/Kinder in einer gewissen urbanen Schicht? Schließlich lässt sich Alina lieber in einen Hasen verwandeln, als weiter ihren familiären Pflichten nachzugehen, die sie mehr und mehr zermürben. Statt Alltag erleben wir in „Kurzes Buch über Tobias“ Ferien im Ausland, religiöse Erweckung, Wunder und Liebesbeziehungen von kurzer Dauer. Also ein Buch über Eskapismus ins Nicht-Weltliche, Nicht-Alltägliche, Transzendente?

Wahrscheinlich ist genau diese Vielschichtigkeit das Problem des Romans. Denn am liebsten möchte man am Ende noch eine Erklärung, ein Nachwort oder ein Fazit lesen, in dem die Fäden zusammengeführt werden. So aber bleibt ein fahler Nachgeschmack, als hätte man die zahlreichen Zutaten, die hier vermischt wurden – von Lyrik über Aufzählungen bis hin zu Prosa –, verschlungen, ohne sie richtig verdauen, d. h. verstehen zu können. Was man dem Buch anlasten kann, ist, zu viel zu wollen, ohne die zahlreichen Ansätze, Themen, Motive zu vereinen und auf einen sinnhaften, vernünftig deutbaren Nenner zu bringen. Sprachlich ist der Roman allerdings sehr gut geschrieben, sodass es zwar manchmal mühsam ist, sich durch den Text zu arbeiten, aber letztlich doch eine literarisch anspruchsvolle Geschichte wird.

Bei dem oben bereits genannten Literaturseminar in Wien wird der Hauptfigur Tobias auf seine vernichtenden Kritik an Pynchon hin vorgeworfen: „Für dich sind Bücher keine Wiesen mehr, man merkt es.“ Er wolle, so stellen die von Pynchon begeisterten anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer fest, wohl einen modernen Klassiker schreiben, aber man könne nur neue Bücher schreiben. Diese Passage ist zweifelsohne poetologisch zu verstehen: Jakob Noltes Roman ist eine solche „Wiese“ geworden, eine Roman-Spielwiese für all diejenigen, die sich darauf einlassen wollen.


„Kurzes Buch über Tobias“ von Jakob Nolte erschien im Februar im Suhrkamp Verlag und hat 231 Seiten.

Titelbild: © Suhrkamp Verlag

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Eurotrash – Kracht über Kracht

Sicher ist Christian Krachts neuer Roman Eurotrash nicht die Fortsetzung geworden, die man für Faserland hätte erwarten können. Das war aber irgendwie auch zu erwarten.


Was hat Eurotrash mit Faserland zu tun?

Eigenwillig, wie all seine Bücher es sind, setzt Christian Kracht nach 25 Jahren seinen Debütroman Faserland fort. Wie geht es seinem Hauptcharakter ein Vierteljahrhundert später? Wie kommt er mit den Veränderungen zurecht, die die Welt und auch die im Roman so umfassen portraitierte BRD zwischen den 90ern und 20ern durchzogen haben? Ist er heute überhaupt lebensfähig?

Auf all diese Fragen hat das Buch insgesamt gar keine Antworten. Denn Eurotrash ist eigentlich nur ein Buch über Faserland, seine Bedeutung und seinen Autor. Ein überraschend spätes „Hinter den Kulissen“ oder „Was mich bewog, dieses Buch zu schreiben“ oder genauer „Welche äußeren Umstände es mir unmöglich machten, das Buch nicht zu schreiben“. Er macht die Handlung anhand seiner Familiengeschichte nachvollziehbar, in der die Entnazifizierung nicht bei allen Beteiligten so ganz erfolgreich war, sowie anhand seiner persönlichen Biografie, die zwischen Schweizer Landjugend und Ferien in Axel Springers Sommerhaus auf Sylt wirklich die Handlungsorte von Faserland umkreist. Vor allem im ersten Teil von Eurotrash erzählt Christian Kracht aus seiner eigenen Lebensgeschichte und konzentriert sich auch auf die Unterschiede des in Faserland erzählten. Er hatte ja nie explizit behauptet, das Buch sei autobiografisch, die Lesart aber durchaus offengelassen. Eine bewusste Täuschung? Vermutlich:

„Ich hatte mich damals mit fünfundzwanzig entschlossen, einen Roman in Ichform zu schrieben, erinnerte ich mich, bei dem ich mir selbst und dem Leser vorgaukeln würde, ich käme aus gutem Hause, wäre wohlstandsverwahrlost und hätte etwas von einem autistischen Snob.“

Christian Kracht – Eurotrash

Wie Kracht zum Popstar wurde

Dass er das Buch in einer Einzimmerwohnung in Hamburg-Ottensen schrieb, vom Vermögen des Vaters selbst als Scheidungskind offenbar weniger profitierte und sich von Pizza-Baguettes, Toast und Dosenravioli ernährte, ließ er damals einfach weg. Die Info liefert er nun nach. Genauso die Info, dass sein Leben sich nach Veröffentlichung des Romans schlagartig ändern sollte. Er hatte seine Rolle, seine Berufung nicht nur gefunden, sondern eigenständig erfunden. Auch wenn den meisten schon bei der Lektüre von Faserland klar gewesen sein muss, dass hier ein Autor mit seinem Publikum spielt, liest sich sein Buch noch heute als Meilenstein deutschsprachiger Popkultur.

In Augen vieler Kritiker٭innen beendete er 2001 diese literarische Epoche dann selbstbestimmt für sich und alle anderen mit seinem zweiten Roman 1979. Zwei ebenfalls wohlstandsverwahrloste Hauptcharaktere, denen man glaubt, dass sie es sich gern in einem Poproman gemütlich gemacht hätten, lässt er die Grenzen ihrer Komfortzone erleben und erst in die Iranische Revolution, dann ein chinesisches Arbeitslager hineinstolpern („Ich war ein guter Gefangener. […] Ich habe nie Menschenfleisch gegessen.“). Zwei dünne Romane, die den Diskurs bis heute beschäftigen und Kracht zu einem einflussreichen Autor gemacht haben. Ein Einfluss, den er immer wieder aufs Neue schamlos ausnutzt, um zu provozieren.

Rassist oder doch Absurdist?

Sein Markenzeichen, beim Schreiben selbst immer einen Schritt zu weit zu gehen, brachte ihm zwar kein Arbeitslager ein, dafür aber den Vorwurf, rassistisch zu sein. Ein Vorwurf, für den Formulierungen seines Romans Imperium eine berechtigte Grundlage bilden und immer wieder Rezensent٭innen dazu zwingen, einen kurzen Absatz darüber einzubauen. Bitte sehr.

Dabei ist Kracht, wenn man sein Gesamtwerk betrachtet, wahrscheinlich am ehesten ein Absurdist, was auch seine Selbstdarstellung in Eurotrash unterstreicht. Nach Abschluss der biographischen Einordnung entwickelt Eurotrash sich zu einem überdrehten, aber lesenswerten Roadtrip, in dem Kracht seine Mutter auf eine letzte gemeinsame Reise ausführt. Gemeinsam fahren sie durch die Gegend, besuchen Orte der gemeinsamen Vergangenheit und Bucket List der Mutter, diskutieren David Bowies Nachlass und verteilen wahllos Geld, das die Familie durch Waffen-Investionen eingenommen hat – ein absurdes Spektakel, in dem er etwas verspätet doch noch der wohlstandsverwahrloste Snob wird, der er gern immer gewesen wäre. Wobei er bei dem Versuch auch schnell wieder ins Fiktionale abrutscht.

Finger in Wunden

Sein Vater, Christian Kracht Senior, der erfolgreiche Verlagsmanager, kommt in beiden Teilen des Romans nicht sonderlich gut weg. In Erinnerungsfetzen wird er als egozentrischer Machtmensch charakterisiert, der über die Freundschaft zu Axel Springer Karriere gemacht hat, sogar Vorstandsvorsitzender von dessen Konzern wurde. Durch ihn und sein Umfeld lässt sich aber gut erzählen, wie in der jungen Bundesrepublik ehemalige Nationalsozialist٭innen Medienhäuser und Werbeagenturen gründeten. Dabei fallen auch Namen bekannter Verlagshäuser („Axel Springer“ gehört übrigens nicht dazu), die zu Zufluchtstellen wurden, und bekannter Wirtschaftswundermarken, die von denselben Personen entwickelt wurden, die vorher in Goebbels‘ Propaganda-Apparat tätig gewesen waren.

Einmal mehr legt Kracht hier seine Finger in die Wunde seines deutschsprachigen Publikums, das ganz im Gegensatz zu ihm eben doch gerne verdrängt. Indem er vorführt, mit welch einer verschrobenen Familiengeschichte er sich auseinandersetzt, macht er in Eurotrash allerdings auch deutlich, dass all dies auch seine eigenen Wunden sind. Der sadistische Zyniker, den man aus all seinen Büchern herausliest, quält nicht nur seine Kritiker٭innen und Leser٭innen, sondern auch sich selbst. Dieses Geständnis markiert vielleicht die Schlüsselrolle, die Eurotrash unter seinen Büchern einnimmt und ist der Grund, warum man es unbedingt lesen sollte.

Rezensionen, Einordnungen und Kritiken zum Roman kommen schon wenige Tage nach Erscheinen von vielen Seiten. Besonders hervor sticht eine Kritik Sibylle Bergs. Vielleicht ist sie gar nicht ihm gewidmet. Wenn doch aber sehr geschickt inszeniert. Auf dem Klappentext zu Sophie Passmanns gerade erschienenem Buch Komplett Gänsehaut schreibt sie:

„Prima Buch, das ganz ohne Jugend auf dem Land, Großvater bei der Waffen-SS oder den Geruch von Pflaumenkuchen auskommt und hier und heute nicht langweilt.“

Sibylle Berg über Sophie Passmanns Komplett Gänsehaut

Eurotrash und der Zeitgeist

Auch wenn sie hier vielleicht gar nicht konkret oder zumindest nicht nur Kracht meinen sollte, sagt sie damit dennoch mehr über sein Buch aus als über den frisch gekürten Bestseller Passmanns. Ob Eurotrash nun wirklich langweilt, sei mal dahingestellt. Ein objektiver Kritikpunkt, dem Kracht sich hier aber durchaus stellen muss, ist, dass sein neuer Roman hier und heute keinen Zeitgeist trifft und eigentlich egal ist, ob er dieses Jahr oder vor fünf oder in zehn Jahren erscheint. Den größten Wert hat er wahrscheinlich für die Kracht-Forschung. Für alle anderen hat er zumindest einen Unterhaltungswert.

Und eine kleine Debatte war ihm auch schon durch seinen Namen auf dem Cover von vornherein sicher. Letztendlich geht es in Krachts Roman aber um nicht viel mehr als um ihn selbst. Was durchaus in Ordnung ist, da es ja nunmal so etwas wie eine Autobiografie ist. Nur eben erstaunlich von einem Autor, der den Zeitgeist eigentlich so selbstverständlich zu treffen vermag und seinen Kritiker٭innen bisher immer einen Schritt voraus war, jetzt aber viele Schritte zurückgeht. Unter vielen mutigen Romanen, mit denen er sich angreifbar gemacht hat, ist Eurotrash damit sein vielleicht mutigster und er verdient es unbedingt gelesen zu werden. Sobald ihr mit Sophie Passmann durch seid.

Ergänzung: Sibylle Berg versicherte uns bei Instagram inzwischen, Eurotrash nicht gelesen zu haben.

 


Eurotrash erschien am 4.3. bei Kiepenheuer und Witsch und hat 224 Seiten.

Titelbild: © Gregor van Dülmen

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Zum Lachen: Die drei witzigsten Podcasts

Es gibt zu viele Podcasts. Und dann werden es auch noch immer mehr. Weil das schnell unübersichtlich wird, muss eine Vorauswahl her: Das hier sind die drei ganz objektiv witzigsten Podcasts der Welt.

Ein Gastbeitrag von Markus Hanfler


Wie erfolgreich Podcasts zurzeit sind, lässt sich an einer Zahl messen. 100 Millionen Euro. So viel hat der schwedische Musik-Streaming-Dienstleister Spotify dem streitbaren, kontroversen Podcaster Joe Rogan bezahlt. Ein Investment ,das sich wohl gelohnt hat. Spotify verkündete unlängst, dass die Nutzer٭innen um 27% auf 345 Millionen gestiegen sind. Und Schuld daran sind Podcasts, allen voran, die von Michelle Obama, Meghan Markle und eben Joe Rogan.

Es scheint, als produzieren gefühlt alle Berühmtheiten, die etwas zu erzählen haben, Podcasts, so als ob es nun zum guten Ton gehört, dass jeder eine eigene Show hat. Dabei ist der Podcast keine neue Erfindung. Das Format ist aber in den letzten Monaten und Jahren immer erfolgreicher und beliebter geworden. Ständig kommen neue Podcasts dazu. Zurzeit sollen es 850.000 aktive Podcasts sein, 70% mehr als noch vor zwei Jahren. Das sind so viele, dass sich schnell die Angst einstellt, etwas zu verpassen. Aber die Angst wird bekämpft. Mit dieser finalen, vollkommenen und maßgebenden Liste der drei witzigsten Podcasts der Welt.

1. WTF with Marc Maron

© Jason Baldwin (flickr/Creative Commons)

Die Abkürzung im Titel steht wirklich für „What the fuck“. Ohne zwanghafte Überinterpretation, der Titel hat nichts mit der Show zu tun. Marc Maron schockiert nicht und Mist produziert er auch nicht. WTF ist einfach ein sehr guter, einfühlsamer Interviewpodcast, der den Gast und sein Werk im Detail beleuchtet. Warum ist er witzig? WTF ist nicht immer witzig, aber sehr oft. Marc Maron ist Stand-up-Comedian und nutzt oft den Anfang einer Sendung, um Witze zu testen. Auch im Interviewteil überzeugt Maron immer wieder mit seiner witzigen, trockenen Art und lockert so das Gespräch auf. Maron hat tausende Gäste aus allen Bereichen interviewt. Aber, und das ist entscheidend, der Podcast war und ist immer eine Anlaufstelle für alle Arten Komiker. Marc Maron sagt selbst: Das ist der Ort, wo über Comedy diskutiert wird.

Beste Folge: mit Jerry Seinfeld vom 08.06.20 / #1129

Die Folge beginnt traurig. Zwischendrin steigt die Spannung, vor allem weil Maron und Seinfeld jahrelang ein angespanntes Verhältnis pflegten und oft unterschiedlicher Meinung sind. Aber stets fliegen die Witze durch die Luft und die Zuhörer٭innen kommen nicht umhin beim Gelächter mit einzusteigen.

Jerry Seinfeld: „Haben wir uns schon mal getroffen?“
Marc Maron: „Ich glaube, ich hatte was Chaotisches, von dem du dich fern halten wolltest.“
Jerry Seinfeld: „Das stimmt vielleicht.“

2. The Daily Show with Trevor Noah: Ears Edition

Kann politische Satire witzig sein? Klar, wenn Trevor Noah verantwortlich ist und vorträgt. Trevor Noah ist der Moderator und Chef der Daily Show, der wichtigsten Nachrichten-Satireshow in den USA, und dem Vorbild für deutsche Formate wie Extra 3 und heute Show. Die Daily Show ist normalerweise ein TV-Format, aber es gibt eine wunderbare Adaption im Podcast-Form mit exklusiven Inhalten. Dass die Daily Show so unterhaltsam ist, liegt auch an Noahs Arbeitskollegen, die mit ihren Auftritten brillieren, allen voran Ronny Chieng, Roy Wood Jr. und Dulcé Sloan, alles erfahrene Komiker. Aber auch die Interviews, die Trevor Noah führt, glänzen durch Witz und Intelligenz. Hier zeigt sich seine jahrelange Stand-up-Erfahrung.

Beste Folge: mit Barack Obama vom 11.01.21

Barack Obama war zu Gast, um sein neues Buch vorzustellen und über seinen Alltag nach dem Ausscheiden aus dem Amt zu sprechen. Trevor Noah nutzte den Auftritt um die alles entscheidende Frage zu stellen: „Schickst du Angela Merkel Memes?“

3. Conan O’Brien needs a friend

© Gage Skidmore (Commons Wikimedia)

Der nächste Podcast mit einem Late-Night-Show-Hintergrund. Der nächste Podcast, bei dem der Titel nichts mit dem Inhalt zu tun hat. Der nächste Podcast mit einem Komiker. Es scheint hier ein Muster zu geben.

Conan blickt auf eine fast 35-jährige Karriere zurück. Er hat für die Simpsons geschrieben. Wenn er im Juni von seiner Show zurücktritt, dann stand er 28 Jahre lang vor der Kamera. Trotz der langen Zeit, in der Conan immer wieder Menschen für seine TV-Sendung interviewte, kam er zu dem Schluss, dass er keinen seiner Gäste richtig kennenlernen konnte, deswegen der Podcast mit circa einstündigen Interviews, deswegen der Name des Podcast „Conan O’Brien needs a friend“. „Die Leute wollen meine Stimme hören, ohne mein Gesicht zu sehen”, so sagt er selbst über seinen Podcast.

Doch Conan sucht nicht wirklich nach einem Freund, er schafft aber eine freundschaftliche Interview-Atmosphäre bei dem einmalig, lustige Gespräche entstehen, vor allem dann, wenn sich der Gast auf Conans Improvisations-Genie einlässt. Aber Conan profitiert auch von seinen Arbeitskollegen Sona Movsesian und Matt Gourley, die am Anfang und Ende einer jeden Folge zu Wort kommen. Die Dynamik der drei macht den Podcast so unterhaltsam.

Beste Folge: mit Will Arnett vom 16.03.20

Von den 121 bisher veröffentlichten Folgen ist bestimmt die Hälfte grandios und die andere Hälfte sehr unterhaltsam. Hervorzuheben sind die Folgen mit David Letterman, Will Ferrell, Keegan-Michael Key und Ali Wong. Doch die wahrscheinlich beste Folge ist die mit Will Arnett, nicht wegen Will Arnett, sondern wegen des Podcast-Quiz am Ende des Interviews, in dem Sona, Matt und Conan streiten, improvisieren und sich gegenseitig zum Lachen bringen.

Genauso verhält es sich mit der mit David-Spade-Folge vom 08.02.20. Das Quiz am Ende des Interviews ist absurd komisch und ultra lustig.

Einen Teaser gibt’s hier:

Quelle: YouTube

Markus Hanfler schreibt über Kultur, Sport und Sportkultur und alles, was dazwischen liegt. Als der Traumberuf Dinosaurier nicht funktionierte, studierte er Geschichte und Politik in Aachen und Berlin. Nach Stationen im Journalismus, zog ihn die dunkle Seite der Macht in den Bann und er arbeitet jetzt im Marketing. Schreiben will er aber trotzdem, deswegen ist er hier.

Titelbild: © Hayden Schiff (Commons Wikimedia)

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Eine Geschichte aus Lügen – „Hör auf zu lügen“ von Philippe Besson

Die Bücher des französischen Schriftstellers Philippe Besson, geboren 1967 in Barbezieux, werden in Frankreich regelmäßig zu Bestsellern. So verhielt es sich auch mit „Hör auf zu lügen“.


Die Geschichte beginnt damit, dass Philippe während eines Interviews in einem Hotel in diesem autobiographischen Roman eine scheinbare Erscheinung aus der Vergangenheit begegnet. Er ruft dem Mann „Thomas“ entgegen, rennt ihm hinterher, lässt die Journalistin ziehen und greift ihn schließlich an der Schulter. Doch was daraufhin passiert, erfahren die Leser*innen zunächst nicht.

Dann eine Rückblende ins Jahr 1984. Der Erzähler berichtet aus seiner Jugendzeit als siebzehnjähriger Schüler in Barbezieux in der französischen Provinz, wo er als schüchterner Musterschüler und Sohn des Schuldirektors lebt. Er fällt nicht auf. Doch sein Augenmerk richtet sich damals auf einen anderen Schüler, den etwas älteren Thomas Andrieu, hochgewachsen, feingliedrig, zurückhaltend, von dem ihn eine unüberwindliche Grenze zu trennen scheint. Es geht in diesem Buch darum, was es heißt, in den 80er Jahren schwul zu sein. Dass es viel mehr als heute mit sozialer Ausgrenzung und Verachtung verbunden war, mit Geheimhaltung und Sich-selbst-Verleugnen. Denn um Philippe ranken sich Gerüchte, dass er homosexuell sein könnte. Ihm werden – laut oder leise – Schimpfwörter wie „Schwuchtel“ hinterhergerufen.

(…) was ich möglichst nicht wahrnehmen will, worauf ich niemals antworte, sondern vielmehr die größte Gleichgültigkeit zur Schau stelle, so, als hätte ich es nicht gehört (als ließe es sich überhören!). Was meinen Fall noch verschlimmert: Ein waschechter und rüstiger Heterosexueller hätte sich niemals so etwas an den Kopf werfen lassen, er hätte lauthals protestiert, dem Beleidiger die Fresse poliert. Wer es zulässt, der bestätigt.

Philippe muss sein Begehren für Thomas Andrieu verbergen, indem er ihm verstohlene Blicke zuwirft, um die Gerüchte nicht noch anzuschüren. Zunächst ist der Erzähler überzeugt, dass der umschwärmte Thomas für Mädchen gemacht ist. Doch als eines Tages im Winter 1984 keiner seiner Schulkameraden zusieht, schlägt Thomas Andrieu Philippe vor, sie könnten gemeinsam am anderen Ende der Stadt etwas essen gehen. Das Verhältnis, das sich zwischen Philippe und Thomas entwickelt, ist ein verstecktes. Thomas hat Philippe ausgewählt, weil ihm – anders als Philippe – bereits bewusst ist, dass Philippe nach dem Ende der Schulzeit die ländliche Gegend, in der beide aufgewachsen sind, verlassen wird, um in der Stadt zu studieren: „Weil du fortgehen wirst und wir bleiben werden.“ Damit sind die Spuren verwischt.

Das Verhältnis der beiden, in das sich mit der Zeit auch Liebe mengt, findet zuerst an mehr oder weniger öffentlichen Orten statt. Sie kommen sich in der leerstehenden Turnhalle des Gymnasiums nahe, daraufhin ignorieren sie sich in der Schule neun Tage lang, ehe Thomas Philippe im Vorübergehen einen Zettel zusteckt. Diese riesige Vorsicht, aufgebracht, um nicht erwischt zu werden, hat zweierlei Gründe: Einerseits hat Thomas eine große Angst, entdeckt zu werden, andererseits hat er Angst um sich selbst, „die Angst davor, wer er ist“. Beim zweiten Mal treffen sie sich in einem Häuschen neben dem Fußballplatz, in das sie dank Thomas‘ Tür-Knacker-Fähigkeit einsteigen können.

Weil es draußen stark regnet und sie nicht sofort nach der Befriedigung der körperlichen Begierden wieder aufbrechen können, reden sie zum ersten Mal länger miteinander. Thomas erzählt nun, dass er in dem Dorf Lagarde-sur-le-Né wohnt, seine Eltern Bauern sind, die ein wenig Land besitzen, einen kleinen Weinberg bewirtschaften und Vieh besitzen. Philippes Großmutter ist in eben diesem Dorf auf der Straße überfahren worden. Thomas berichtet, dass er gern etwas anderes machen würde, als den Bauernhof zu übernehmen, aber dass er der einzige Sohn sei. Philippe versucht, ihn zu überreden, dass die Zeiten des Erbbauerntums vorbei seien, was Thomas allerdings wütend macht.

Bei der Verabschiedung schlägt Philippe vor, sie könnten sich beim nächsten Mal bei ihm zuhause treffen, wenn seine Eltern nicht anwesend seien. Es entwickelt sich eine engere Beziehung zwischen Thomas und Philippe, als man zu Beginn vermutet hätte. Thomas erzählt von seiner Mutter, die aus Spanien kommt und vor dem Franco-Regime nach Frankreich floh, von seinen zwei jüngeren Schwestern, von denen die jüngste behindert ist und deshalb gepflegt werden muss. Bei den Gesprächen zwischen Thomas und Philippe wird deutlich, dass die beiden eine unüberbrückbare soziale Kluft trennt. Denn während Thomas‘ Verwandte gewöhnliche Arbeiter- oder Angestelltenberufe ausüben, beendet Philippes Bruder gerade seine Dissertation in Mathematik mit Belobigung.

Thomas sagt: Du siehst, wir gehören unterschiedlichen Welten an. Welten, die nichts miteinander zu tun haben.

Dieses kleine Buch ist also ein Buch über eine mehrfach unmögliche Liebe – eine Liebe, die die Normen des provinziellen Umfelds herausfordert und daher nur im Verborgenen ausgelebt werden kann, und eine Liebe, der von vornherein nur eine vorübergehende Dauer beschieden ist, da sie die Klassengrenzen auf unerhörte Weise überschreitet. Das Buch feiert im Rückblick die Möglichkeit des eigentlich Unmöglichen. Darüber hinaus findet Thomas Andrieu, er passe nicht ganz hierher, da seine Mutter aus Spanien kommt und er selbst etwas von einem Ausländer habe. Philippe wächst durch diese heimliche Beziehung, wird selbstbewusster durch die häufiger werdenden Treffen bei ihm zuhause, durch den Gebrauch des eigenen Körpers.

Zugleich muss er – etwas gegen seinen Willen und seine Gefühlslage – damit leben, dass das Verhältnis mit Thomas aus Vorsicht unsichtbar bleibt, dass er und Thomas ein Geheimnis bleiben und sich niemals gemeinsam zeigen dürfen, nicht in der Schule und auch nicht bei einer Party, bei der sie zufällig beide anwesend sind.

Die anderen verfügten über dieses Recht [sich zu zeigen], nutzten es, verzichteten nicht darauf. Das machte sie noch glücklicher, ließ sie sich blähen vor Stolz. Wir jedoch verkrüppelt, eingekerkert in unser Verbot.
(…)
Eines Tages, wenn die Geschichte vorbei sein wird, denn sie wird vorbeigehen, wird niemand bezeugen können, dass es sie je gab. Einer ihrer Darsteller (er) wird sie sogar leugnen können und bei Bedarf gegen solch erfundenes Geschwätz auf die Barrikaden gehen. Der andere (ich) wird nur sein Wort haben, es würde nicht schwer wiegen. (…) Ich habe nie darüber gesprochen. Außer heute. In diesem Buch. Zum ersten Mal.

Im Juni des nächsten Jahres findet das Abitur statt. Danach geht Philippe, wie Thomas vorausgesagt hat, aus Barbezieux weg, um in Bordeaux zu studieren, und Thomas geht nach Spanien, um zu arbeiten, wo die Familie Verwandtschaft hat. Das Abitur ist scheinbar das endgültige Ende der kurzen Geschichte zwischen Thomas und Philippe – doch das stimmt nicht ganz. Denn über die Distanz geht die Geschichte Jahre später weiter, wie uns das Buch „Hör auf zu lügen“ belehrt.

Ein Sprung ins Jahr 2007. Philippe ist inzwischen Schriftsteller und wird in Bordeaux, wie in der Szene eingangs skizziert, von einer Journalistin zu seinem neuen Buch befragt, als er einen Mann mit erschreckender Ähnlichkeit zu Thomas Andrieu erfasst.

Die gleichen Gesichter, derselbe Blick, erschreckend. Beängstigend.
Doch ein winziger Unterschied, der wahrscheinlich mit der Gesamterscheinung oder mit dem Lächeln zu tun hat, besteht.
Und dieser winzige Unterschied lässt mich wieder zu Sinnen kommen, vernünftig werden.

Er spricht den jungen Mann, Lucas, an und beginnt ein Gespräch mit ihm, stellt sich als Jugendfreund seines Vaters vor. Lucas erzählt, dass er auf der Durchreise in Bordeaux ist. Er eröffnet Philippe den Lebenslauf seines Vaters, der nach der Schule nach Galicien ging, um dort bei Verwandten auf dem Landgut hart zu arbeiten, auf einem örtlichen Dorffest eine 17-jährige Frau namens Luisa kennenlernte, eine Beziehung mit ihr einging und schließlich ein Kind mit ihr bekam. Doch Philippe glaubt nicht, dass Thomas plötzlich anders geworden ist, seine Orientierung gewechselt hat; er ist vielmehr überzeugt, dass Thomas sich gemäß den Erwartungen der Gesellschaft um ihn herum in einen geradlinigen Lebensweg gezwungen hat.

[I]ch bin überzeugt davon, er macht sich mit demselben sturen Eifer ans Werk wie bei seiner Arbeit. Derselbe Aufwand, sich zu vergessen und auf den rechten Pfad, den ihm seine Mutter gewiesen hat, zurückzufinden, den einzig gangbaren. Glaubt er zum Schluss selbst daran? Das allein ist die Frage. Eine grundlegende Frage. Falls die Antwort Ja lautet, so mag im Laufe der Jahre alles ins Lot kommen. Falls die Antwort Nein lautet, ist man zum endlosen Unglück verdammt.

Später zog Thomas wieder zurück nach Frankreich, um bei seinem Vater zu arbeiten:

Vorbei mit Spanien, mit der Jugendzeit. Von nun an die Charente, die Ehefrau, der heranwachsende Sohn, die behinderte Schwester, das Weinfeld, das Vieh.

Zuletzt tauschen Lucas und Philippe Telefonnummern aus, doch keiner der beiden ehemaligen Kameraden wird den anderen jemals anrufen. Zu groß sind die Unterschiede, zu lange ist die gemeinsame Geschichte her, die sie mit 17, 18 Jahren verband.

Ein letztes Mal treffen sich der Schriftsteller und Erzähler Philippe und Thomas‘ Sohn Lucas noch im Jahr 2016, fast 30 Jahre nach den Ereignissen im Jahr 1984. Doch was in dieser Episode geschieht, soll nicht vorweggenommen werden, damit die Spannung noch erhalten bleibt. Nur so viel: Die Geschichte zwischen Philippe und Thomas Andrieu findet damit ihren endgültigen Abschluss – und die Verborgenheit, das Versteckspiel, das Geheimnis von Thomas‘ Homosexualität ein Ende. Außerdem erlaubt Lucas, sein Sohn, dem Schriftsteller, die Geschichte von Thomas aufzuschreiben und zu veröffentlichen, was dieser bereitwillig tut.

„Hör auf zu lügen“ ist ein passender Titel. Philippes Mutter hat früher zu ihrem Sohn häufiger „Hör auf zu lügen“ (frz. „Arrête avec tes mensonges“) gesagt, als eine Art Ermahnung, da dieser sich ständig Geschichten ausdachte. Er überlegte sich fiktive Lebensläufe für Menschen, die er sah oder die ihm begegneten, ohne dass dahinter ein Sinn erkennbar war. Und auch dem Protagonisten Thomas möchte man „Hör auf zu lügen“ entgegenrufen.

Insgesamt ist „Hör auf zu lügen“ eine authentische und durch und durch aufrichtige Erzählung über zwei Leben schwuler Männer, deren Wege sich in ihrer Jugend kurz kreuzten, ehe sich ihre Lebenswege auseinanderentwickelten. Danach gibt es Berührungspunkte über die Distanz und Gedanken an den anderen, doch niemals mehr einen wirklichen Kontakt, ehe der Schriftsteller Philippe am Ende die gemeinsame Geschichte in Erinnerung an Thomas Andrieu (1966-2016) in drei Kapiteln niederschreibt. Damit handelt es sich um eine gelungene Hommage, in der viele Facetten schwuler Lebensentwürfe aufleuchten – vor allem auch deswegen weil verschiedene soziale Klassen berücksichtigt werden.

Auch heute gibt es noch schwule Männer, die beim Dating nur in größter Diskretion und Verborgenheit ihre Sexualität ausleben; in manchen Ländern müssen Schwule eine Scheinehe eingehen, um der sozialen Ächtung durch ihre Familie und die Gesellschaft zu entgehen. Die von Lügen, Selbstverleugnung und Heimlichkeiten geprägten Lebensentscheidungen eines Thomas Andrieu, der nicht immer, aber häufig ins Unglück führt, ist also nicht so weit entfernt, wie mancher aufgeklärte, tolerante und weltoffene Westeuropäerin vermuten könnte.

Dieses Buch ist für LGBTQ-Menschen ein wahrer Schatz. Es werden Diskriminierungen genannt, denen heterosexuelle Menschen nicht ausgesetzt sind, beispielsweise die Beleidigungen, die Philippe auf dem Schulhof und -flur nachgerufen werden. Außerdem bringt der Erzähler unverhohlen schwule Sexualpraktiken zur Sprache, ohne dass diese mit irgendeiner Form von Scham besetzt sind. Auch dass schwule und andere LGBTQ-Personen, die auf dem Land aufgewachsen sind, häufig in die Stadt ziehen, wird reflektiert. So fühlt man sich als LGBTQ von diesem Autor, der selbst offenkundig homosexuell ist, von der ersten bis zur letzten Seite verstanden. Ein durchweg empfehlenswertes Buch für alle, die anspruchsvolle queere Literatur zu schätzen wissen!

Titelbild: © C. Bertelsmann Verlag

Philippe Bessons Roman erschien 2017 als „Arrête avec tes mensonges“ bei Juillard und 2018 als „Hör auf zu lügen“ im C. Bertelsmann Verlag. Zitiert nach der deutschen Ausgabe.

Wie ein Witzebuch, nur witzig: Seinfelds gesammelte Werke

Das Witzebuch aus den Kinderzimmern der 90er hat abgesehen von dem Buchformat nichts mit Jerry Seinfelds „Is this anything“ zu tun. Der größte Unterschied: Seinfelds Werk, das seine gesamten Witze beinhaltet, ist zum Lautlachen. Auch darüber hinaus gewährt das Buch einen einmaligen Einblick.

Ein Gastbeitrag von Markus Hanfler


„Weißt du, was ich mag?“, fragt J.B. Smooth. „Wenn die Leute über die Prämisse lachen, bevor du überhaupt zur Pointe gekommen bist“.

Und Jerry Seinfeld erwidert in der berühmten Netflix-Serie Comedians in Cars getting Coffee: „Das ist das Beste.“, und erzählt von einem Witz mit folgender Prämisse: „Die Stäbchen zeigen, die Chinesen haben Durchhaltevermögen.“ In Seinfelds Buch steht die Pointe dazu: „Natürlich kennen die Chinesen die Gabel … Aber sie sagen: ‚Ja, sehr schön. Aber wir bleiben bei den Stäbchen.‘“

Das Wundervolle an diesem Witzebuch ist die verdichtete Chronologie. Jerry Seinfeld ist bekannt für seinen „Act“, für seine Bühnenperformance, für seine Mimik und Gestik. Aber die 480 gefüllten Seiten an einem Ort, ohne ablenkende Bewegtbilder, geben den Leser٭innen die Möglichkeit sich mit der Essenz und der Struktur eines Witzes zu beschäftigen. Nach 413 Witzen wird deutlich, wie die Prämisse aufgebaut ist, wann sie endet und dass sie oft etwas Absurdes, Gegensätzliches zur Pointe verarbeitet. Auch Seinfelds Entwicklung wird mit dem Buch erfahrbar. Am Anfang, in den 80ern, sind es mehr Wortwitze, am Ende in den 2010ern sind es vermehrt Geschichten. Die Chronologie ist das Einmalige an dem Buch. Das kann ein zweistündiges Stand-up-Programm nicht leisten.

Aber die Wissenschaft des Witzes muss nicht trocken und beschwerlich sein. Das Buch kann auch am Stück durchgelesen werden, so kurzweilig ist es dann auch. Bisher wurde „Is This Anything“ nicht übersetzt und ist nur auf Englisch erhältlich. Am besten sollte es auch dabei bleiben. Was bei dem Witz mit den Stäbchen am Anfang gerade so ging, ist bei vielen anderen Wortwitzen nicht möglich. Das Buch lässt sich auch ohne Englisch-Studium sehr gut lesen.

Es ist aber auch nicht viel mehr als das beste Witzebuch aller Zeiten. Seinfeld gibt eine knappe Einordnung in die Jahrzehnte seines Schaffens, mehr leider nicht. Es ist keine Biografie. Es sind Witze, auch wenn immer wieder biografische Züge durchscheinen. Diesen einmaligen Einblick gewährt Seinfeld. Am Anfang seines Schaffens stehen Reisen, Autos und die eigene Kindheit im Vordergrund. In der Gegenwart geht es um das Verheiratetsein und die eigenen Kinder. Was bleibt, sind Seinfelds Beobachtungsgabe und sein Faible für das Absurde im Alltag. Sein Genie spielt er in pointierten Prämissen aus, die sein Publikum direkt zum Lachen bringen. Es müssen nicht immer Stäbchen sein. Schlüssel gehen auch:

„Neulich saß ich im Flugzeug und dachte: ‚Ich frage mich, ob es Schlüssel für das Flugzeug gibt. Benötigt man Schlüssel, um das Flugzeug zu starten?‘ …“ Die Pointe gibt es dann im Buch.

Ein Trailer zum Buch:

Quelle: YouTube

„Is This Anything“ von Jerry Seinfeld erschien bei Simon & Schuster und hat 470 Seiten.


Markus Hanfler schreibt über Kultur, Sport und Sportkultur und alles, was dazwischen liegt. Als der Traumberuf Dinosaurier nicht funktionierte, studierte er Geschichte und Politik in Aachen und Berlin. Nach Stationen im Journalismus, zog ihn die dunkle Seite der Macht in den Bann und er arbeitet jetzt im Marketing. Schreiben will er aber trotzdem, deswegen ist er hier.

Titelbild: Jerry Seinfeld 1992, © Alan Light (FlickR/Wikimedia Commons)

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Aus den Fugen – Notwists Vertigo Days

Notwist gehen wild entschlossen in mehrere Richtungen gleichzeitig und filtern nach sieben Jahren endlich wieder ein Studio-Album heraus. Wie klingt Vertigo Days?


Viel passiert seit 2014, als Notwists Close to the Glass erschien. Trump kam (2017) und ging (2021), der Brexit wurde beschlossen (2016) und umgesetzt (2020), postmondän wurde gegründet (2015), feierte fünften Geburtstag (2020) und interviewte dreimal Markus Acher (2016, 2017, 2020), Notwist veröffentlichten ein Soundtrack- (Messier Objects, 2015) und ein Livealbum (Superheroes, Ghostvillains + Stuff, 2016), die einzelnen Bandmitglieder brachten mit weiteren Projekten, ohne Übertreibung, zahllose Releases hervor – bloß auf ein neues gemeinsames Studioalbum ließen sie warten. Nach langjähriger Arbeit daran zogen sie endlich einen Schlussstrich und veröffentlichten am Freitag Vertigo Days – ein Album, das vieles aufsaugt und zusammendenkt, an dem die Band in den letzten Jahren gearbeitet hat.

Improvisation trifft hier auf vollendete Arrangements, engmaschiger Krautrock auf entgrenzten Indie Pop, Soundtrack auf Live-Spiel, Hip-Hop Beats auf verträumte Chöre und Blasmusik. Fast wirkt es, als wären viele ihrer jüngeren Projekte – zu nennen wären hier als unzureichende Auswahl vielleicht Spirit Fest, 13&God, Rayon, Hochzeitskapelle oder ihr Festival Alien Disko – hier in einen Filter gelaufen und als Notwist-Album wieder herausgeflossen. Unterstützt wird dieser Fluss von einem perkussiven Drive, den man von ihnen bisher in dieser Intensität nur aus ihren Live-Arrangements kannte, der die Songs übergeordnet zusammenhält und ihnen eine Grundspannung verleiht. Sie klingen dadurch viel stärker verbunden als Notwists bisherige Studioalben und geben Vertigo Days einen collagenhaften Charakter, der die einzelne Songs eher zu Motiven verkleinert. Die Übergänge sind vielseitig – teilweise werden Songs überblendet oder hart abgeschnitten –, aber notwendig, denn das Album hat keine Zeit zu verschwenden.

Auch textlich sind die Songs auf Vertigo Days verbunden. Nach dem kurzen Intro Al Norte, das auf die Soundpalette einstimmt, werden die restlichen Songs eingeklammert von einem zweiteiligen Motiv, das zunächst im Song Into Love / Stairs auftaucht und sich im letzten Track in neuem Arrangement als Into love Again wiederholt. Der gemeinsame Text beider Tracks bildet eine Klammer:

Now that you know the stars ain’t fixed
the roads ain’t straight
now that the sky can fall on us
now that you know how much it hurts won’t save you from
falling into love again

Notwist – Into love / Stairs, Into Love Again (2021)

Eine Phrase, die auch politische Dimensionen hat. Denn während der Arbeit am Album hat sich die öffentliche Stimmung oftmals verkehrt, nicht nur durch eingangs erwähnte unvorhergesehene politische Entwicklungen, die auch die Popkultur kalt erwischt haben. Zuletzt dann eben auch die Corona-Pandemie, in deren Verlauf die finale Entstehungsphase des Albums fiel. Einige Songs, vor allem die Features, entstanden zwangsweise dezentral, während Cico Beck, Micha und Markus Acher sich als Produktionskern der Band im Münchner Studio vergruben und diese allgemeine Verunsicherung ins fast fertige Album einflochten. Womöglich setzt die kurze Textpassage auch ein Motiv von Close to the Glass fort:

When the stars fall of the ceiling
They rolling to the sea
One room for us
One room for both of us
One room for us
Is not available

Notwist – Casino (2014)

Casino vom 2014er Album, ein Song über ein verspieltes Leben, bringt existenzialistische Tendenzen mit, welche auch ein textlicher Ausgangspunkt für Vertigo Days sind und vor allem in Songs wie Loose Ends und Night’s Too Dark durchdringen, die auch im Sound am engsten an Notwists frühere Platten anknüpfen. Genau dieser Existenzialismus, der sich in melancholische Lebensbejahung flüchtet, scheint von externen Faktoren herausgefordert zu sein, verliert doch vieles angesichts dem kulturellen Stillstand und hinter dem Zwang, nichts zu tun, seine Leichtigkeit, ja, Ertragbarkeit. Doch zum Glück ist auch von jener Leichtigkeit, die sich die Band erarbeitet hat, an anderer Stelle noch vieles übrig auf den Aufnahmen. Denn eigentlich war sie bei Vertigo Days mal angetreten, um ihren Sound zu öffnen, zu verbreitern, zu reflektieren und gemeinsam als Band neue Gefilde zu betreten, ihm, anstatt weiter am eigenen Denkmal zu arbeiten, seine Flüchtigkeit zurückzugeben.

Cico Beck, Micha und Markus Acher, die gemeinsam mit Andi Haberl, Max Punktezahl und Karl Ivar Refseth Notwist bilden.

Vielleicht hat ihm die letzte Produktionsphase wieder ein Stück der Flüchtigkeit genommen, aber dennoch besticht Vertigo Days durch Offenheit und eine Entgrenzung des Sounds. Die fünf Features der Platte sind nicht einfach Notwist-Songs mit gemeinsam gesungenen Refrains, sondern mit den Gastmusiker*innen entworfene Schnittstellen, die einander auf den Grund gehen und abseits des Erwartbaren etwas völlig Eigenes schaffen. Vertreten sind die Tenniscoats-Sängerin Saya Ueno aus Tokyo und ihr Bläser-Ensemble Zayaendo, die beiden Jazzmusiker٭innen Angel Bat Dawid und Ben LaMar Gay aus Chicago sowie die argentinische Electro-Songwriterin Juana Molina. Und sie alle wussten die Freiheiten zu nutzen, die ihnen gewährt wurden.

Zwischen Flüchtigkeit und notorischem Fluss ist Vertigo Days ein spannungsreiches Album, das zwischen den Polen hin- und herspringt, auf dem vieles möglich und alles in einem warmen, handgemachten Sound verbunden wird. Sieben Jahre haben Notwist sich Zeit genommen, um ihre Collage zu Ende zu denken. Sie haben die Zeit genutzt.

Notwist 2021, ein Beispiel: Al Sur (feat. Juana Molina)

Quelle: YouTube

Vertigo Days von Notwist erschien am 29. Januar 2021 bei Morr Music und hat 14 Tracks.

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New York, meine Hassliebe

In der sehr sehenswerten Netflix-Produktion „Pretend It’s a city“ von Martin Scorsese erzählt die in Deutschland bisher kaum bekannte amerikanische Intellektuelle Fran Lebowitz in sardonischer Weise von ihren Alltagsbeobachtungen im New York der Vor-Corona-Zeit und ihrer zwiespältigen Hassliebe zu der Großstadt, in der sie seit 1969 lebt.


„Pretend it’s a city“ („Tu so, als wäre das hier eine Stadt“), diesen titelgebenden Satz sagt die überaus schlagfertige Lebowitz zu störenden Touristen, die einfach auf dem Fußweg stehen bleiben, oder zu Menschen, die aufs Smartphone starren und nicht auf andere Fußgängerinnen und Fußgänger achten. Bereits als Schülerin erhielt sie eine Auszeichnung als schlagfertigste Person ihrer Jahrgangsstufe.

Und diese Eigenschaft, rasch, witzig, treffsicher und mit bissigem Sarkasmus die Zustände um sich herum kommentieren zu können, blieb ihr klar erhalten. Dies ist das tragende Element der unterhaltsamen und zugleich lehrreichen und bewundernswerten Dokumentation. Lebowitz erleben die Zuschauerinnen und Zuschauer in Gesprächen mit dem mit ihr befreundeten Regisseur Martin Scorsese in einem New Yorker Players Club, der von Edwin Booth, dem Bruder des Lincoln-Attentäters John Wilkes Booth, gegründet wurde, oder in der Interaktion mit Menschen aus dem Publikum bei einem ihrer Auftritte. Darin geht sie darauf ein, wie sich das heutige New York im Vergleich zu „ihrem“ New York der 70er Jahre verändert hat und welche Auswüchse des modernen Lebens sie weder versteht noch mitmachen möchte. Es ist eine unzerstörbare Hassliebe, die die Intellektuelle mit der Stadt verbindet und die zu sehen Freude bereitet.

Dabei muss man wissen, dass die Mini-Serie von dem New York der Massen, der Touristinnen und Touristen handelt, da sie vor dem Beginn der Corona-Pandemie abgedreht wurde und die Straßen damals noch nicht leergefegt waren. Aus diesem Grund ist allein das Zusehen eine willkommene Form des Eskapismus vor dem Corona-Alltag, der mit leeren Innenstädten, Mund-Nasen-Bedeckung und Social Distancing einhergeht.

Die Schriftstellerin Fran Lebowitz, geboren 1950 in New Jersey, hatte als Schülerin schlechte Noten und flog von der High School. Nach dem Erhalt eines Alternativabschlusses zog sie mit 18 Jahren zu ihrer Tante nach Poughkeepsie im Bundesstaat New York, 1969 dann direkt nach New York City. Sie lebte in den Wohnungen befreundeter Künstler und von kleinen Jobs, unter anderem schrieb sie zunächst für ein kleines Magazin. Daraufhin wurde sie als Kolumnistin für Andy Warhols Zeitschrift „Interview“ angenommen, für welche sie Filme rezensierte und die Kolumne „I Cover the Waterfront“ verfasste. Es folgte ein Engagement bei der Frauenzeitschrift „Mademoiselle“. In diesen Jahren schloss sie Freundschaft mit vielen Künstlern.

© Netflix

Die Autorin Lebowitz hat bis heute lediglich zwei Essaysammlungen sowie ein Kinderbuch veröffentlicht: „Metropolitan Life“ (1978), eine Sammlung komischer Essays aus „Interview“ und „Mademoiselle“ in sardonischem Ton, sowie „Social Studies“ (1981), eine weitere Essay-Sammlung. Beide von ihr herausgegebenen Bücher wurden später in dem Werk „The Fran Lebowitz Reader“ (1994) zusammengefasst. 1994 erschien außerdem ihr letztes Buch, ein Kinderbuch mit dem Titel „Mr. Chas and Lisa Sue Meet the Pandas“. Seit Mitte der 90er Jahre wird Fran Lebowitz von einer Schreibblockade vom Schreiben abgehalten, die sie „writer’s blockade“ nennt, anstatt den eigentlichen englischen Begriff „writer’s block“ zu benutzen.

Aufgrund ihrer langanhaltenden Schreibblockade verdient Lebowitz ihr Geld mit TV-Auftritten sowie Vorträgen als Sprecherin vor Publikum, bei denen sie ihre zahlreich vorhandenen Urteile im gewohnt sardonischen und komischen Stil kundtut. Auch als Schauspielerin hatte sie einige Engagements, insbesondere in der von ihr bevorzugten Rolle der Richterin in der Serie „Law & Order“, aber auch in „The Wolf of Wall Street“.

Fran Lebowitz – das zeigt auch „Pretend It’s A City – ist ein wahrhaftes New Yorker Original, eng verbunden mit der Kunst und Kultur der Stadt und befreundet mit zahlreichen anderen Intellektuellen und Künstlerinnen und Künstlern. Sie ist außerdem eine Stilikone mit dem von ihr getragenen Jackett und Herrenhemd sowie der dazugehörigen Levis-Jeans, den Cowboystiefeln und der Schildpattbrille. 2007 wurde sie von der „Vanity Fair“ als eine der bestgekleideten Frauen auf die „Annual International Best-Dressed“-Liste gesetzt.

Bereits in dem Film „Public Speaking“ hat Martin Scorsese seiner Freundin Lebowitz im Jahr 2010 eine Dokumentation gewidmet. Die siebenteilige Mini-Serie „Pretend It’s A City“ zu je ca. 30 Minuten bietet nun deutlich mehr Raum für Dialog. Jeder Episode ist ein vages Gesprächsthema wie zum Beispiel „Kultur“, „Verkehr“ oder „Sport und Gesundheit“ zugewiesen. Man erlebt Lebowitz im New Yorker Players Club, vor Publikum, aber auch, wie sie in den Straßen der Stadt und auf dem Times Square flaniert und zudem wie sie sich ihren Weg durch ein Miniaturmodell von New York im Queens Museum bahnt.

Die Serie ist für New-York-Fans und solche, die es werden wollen, sowie für alle Anhängerinnen und Anhänger gepflegter Unterhaltung und gewitzt-intellektueller Gespräche sehr empfehlenswert.

Einen Trailer gibt’s hier:

Quelle: YouTube

„Pretend It’s A City“ von Martin Scorsese mit Fran Lebowitz hat sieben Folgen und ist seit dem 8. Januar 2021 auf Netflix verfügbar.

Titelbild: © Netflix

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COVID-Filmreisen: Big Night

Lust auf ein authentisches, herzhaftes Festmahl? „Big Night“ ist ein altmodisches Comedy-Drama über Essen, Beziehungen und den amerikanischen Traum. Koch dir ein italienisches Essen, zünd ein paar Teelichter an, gieß dir etwas Wein ein und lass Tony Shalhoub und Stanley Tucci den Rest erledigen.


COVID-Filmreisen: 2020 ist für fast alle ein seltsames und hartes Jahr. Mir haben Netflix und Amazon Prime durch die Zeit geholfen und mich aufgemuntert. Gleich zu Beginn des Lockdowns stieß ich auf eine App namens JustWatch, die großartig darin ist, auf Grundlage meiner Abos, meines Geschmacks und des bereits Gesehen passende Filme zu empfehlen. Ich habe eine große Anzahl Juwelen ausgegraben, die in Netflix und Amazon Prime versteckt waren. Einige der besten Filme, auf die ich im vergangenen Jahr stieß, werde ich in dieser Reihe dokumentieren und diskutieren. Teil 2: Big Night von 1996.

Marcella‘s (Auftakt)

Marcella’s war ein italienisches Lokal in Edinburgh (Schottland, UK). Angelo, der charmante alte sizilianische Mann, der das Lokal ganz alleine betrieb, musste sich nicht allzu sehr anstrengen. Er murmelte einmal, dass es während seiner Blütezeit eine italienische Bäckerei war, in der er sich auf Kuchen spezialisiert hatte. Später wandelte er die Bäckerei in ein Imbisslokal um (das ist das beste Wort, um den Ort zu beschreiben). Der Ort hatte Charakter. Plastikblätter und Trauben schmückten die Wände. Himmelblaue Fliesen und die in derselben Farbe gestrichene Decke gaben mir das Gefühl, in einem Schwimmbecken zu sitzen. Die Wände waren wahllos behängt mit Plakaten aus den 1970er und 1980er Jahren mit Menschen, die Pasta assen, und Postern, auf denen Ragù- und Napolitana-Saucen erklärt wurden. Dies war nicht der Ort für ein Essen bei Kerzenschein, sondern für ein gemütliches, einfaches und leckeres Mahl. Die Speisekarte war unkompliziert – ein halbes Dutzend Nudeln und Pizzen, Knoblauchbrot, zwei Suppen, zwei Salate, alkoholfreie Getränke, ein wenig Gebäck, Kaffee und Tee.

Na ja … Angelo ist 2018 verstorben. Ich vermisse seine Spaghetti Carbonara. Ich versuchte ihn zu überreden, das Rezept mit mir zu teilen, nur um ein strahlendes Lächeln und Schweigen zu bekommen! Angelos Essen und Gebäck begeisterten viele. Marcella‘s italienisches Lokal stand nicht in den Reiseführern, es war ein verstecktes Juwel, von dem nur Einheimische wussten. Die Leute besuchten das Lokal für Angelo für sein köstliches Essen und die Behaglichkeit, die dieser Ort verströmte.

Paradise

In den 1950er Jahren an der Küste von New Jersey ist „Paradise“ ein angeschlagenes italienisches Restaurant, das von zwei italienisch-stämmigen Brüdern aus Kalabrien (Italien) geführt wird.

Primo (Tony Shalhoub) und Secondo (Stanley Tucci, ebenfalls Co-Regisseur) unterscheiden sich in ihren Ambitionen und Überzeugungen, aber sie verbindet ihre Liebe zum Essen und die Freude am Kochen für andere. Primo kämpft darum, an seiner italienischen Identität festzuhalten, während Secondo bereit ist, Kompromisse einzugehen, um den amerikanischen Traum zu verwirklichen. Der Versuch, die Amerikaner dazu zu bringen, authentisches italienisches Essen zu schätzen und gleichzeitig ihre Bank und Konkurrenz in Schach zu halten, wird zur Herausforderung.

Das „Paradise“ ist einer dieser Orte wie Marcella’s, stehengeblieben in der Zeit. Es muss sich an die amerikanische Idee eines italienischen Restaurants anpassen. Oder sollte es das wirklich? Das ist die große Frage, die „The Big Night“ stellt.

Beziehungen

Die drei Frauen im Film, gespielt von Minnie Driver, Allison Janney und Isabella Rossellini, bilden die Grundlage der Geschichte. All ihre Szenen sind mit Finesse geschrieben. Durch sie werden die Konflikte aufgeworfen und dann diskutiert. Der Antagonist Ian Holm (Bilbo Beutlin aus Der Herr der Ringe) liefert eine Liebes-/Hassfahrt. Er ist der Bösewicht, der aus guten Beweggründen handelt; meint er jedenfalls! Es ist herzerwärmend im Film zu sehen, wie sich die Brüder trotz ihrer Unterschiede gegenseitig unterstützen.

Timpano

In der Handlung veranstalten die Brüder ein großes Fest in ihrem Restaurant und servieren ein italienisches Vier-Gänge-Menü. Sie zeigen ihr Fachwissen und gießen ihr Herz in jedes Gericht, das sie für ihre Gäste kochen.

Das Hauptgericht ist „Timpano“, eine gebackene Pasta, die mir das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Es ist eine visuelle Freude und ich bin zuversichtlich, dass es auch den Gaumen verwöhnen wird! Hier gibt’s einen Vorgeschmack:

Quelle Titelbild: YouTube, Titelbild: © Allstar

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Gesammelte Zeugnisse der Liebe

Im Elisabeth Sandmann Verlag ist ein außergewöhnlicher Bildband erschienen, dessen Anliegen es ist, die Universalität der Liebeserfahrung über die Zeit, den Raum und soziale Grenzen hinweg abzubilden. Das Besondere an diesem Werk: Die Herausgeber Neal Treadwell und Hugh Nini, die die Bilder auf ihren jährlichen Reisen durch verschiedene Länder in Europa, Kanada und quer durch die USA sammelten, haben 350 Bilder von ausschließlich Männerpaaren zusammengetragen. Insgesamt besitzen sie über 2800 Originalfotos liebender Männer.


Das Kriterium für die Auswahl der Bilder war für die beiden Sammler der Blick in die Augen der fotografierten Männer:

„Im Blick von Verliebten liegt ein unverkennbarer Ausdruck. Man kann ihn nicht vortäuschen. Und wenn man Liebe empfindet, lässt sie sich nicht verbergen.“

Vorwort „Eine Zufallssammlung“ von Hugh Nini und Neal Treadwell

 

Doch nicht nur die Augen bringen die Zuneigung der Paare zum Ausdruck: Sie umarmen oder umschlingen sich auch, sind einander zugeneigt, sie haben die Arme über die Schultern gelegt, sind ineinander eingehakt, lehnen sich aneinander, sehen in dieselbe Richtung oder einander an, einer sitzt auf dem Schoß des anderen. Die Gesten der Liebe ähneln sich über Raum und Zeit hinweg auf auffällig deutliche Weise, wie Nini und Treadwell in ihrem Vorwort feststellen:

„Sie haben die Bilder der anderen nicht gesehen und konnten sie demnach nicht nachstellen. Die spiegelbildliche Ähnlichkeit in ihrer Körperhaltung ergab sich auf natürliche Weise aus ihrem Menschsein.“

s. o.

 

Einige wenige Paare simulieren eine Hochzeit, etwa in Form einer Trauungszeremonie, die natürlich keiner echten Eheschließung gleichkam, oder indem einer der Partner einen Sonnenschirm hält, wie er damals bei Trauungszeremonien in den Südstaaten üblich war. Auch Blumensträuße oder Ringe tauchen als Zeichen der emotionalen Nähe auf den Bildern häufiger auf. Auf den 300 Seiten des Bandes mit Bildern aus den Jahren 1850 bis 1950 – vom Amerikanischen Bürgerkrieg über den Zweiten Weltkrieg bis in die 1950er Jahre – findet sich der unanfechtbare Beweis dafür, dass die homosexuelle Liebe unabhängig von den sozialen Umständen und der gesellschaftlichen Form existiert hat, dass sie – wie die Liebe zwischen Mann und Frau – gewissermaßen eine Konstante in jeder Gesellschaft darstellt.

Da die Fotografien aus einer Zeit stammen, in der die gleichgeschlechtliche Liebe nicht nur geächtet, sondern auch gesetzlich verboten war, (wie sie es leider auch heute noch in manchen Staaten ist) erforderte es von den abfotografierten Partner Mut, sich zu ihrer intimen Beziehung und ihrer gegenseitigen Zuneigung zu bekennen, indem sie sich ablichten lassen. Wäre die Homosexualität der Fotografierten entdeckt worden, hätten sie sich einer strafrechtlichen Verfolgung ausgesetzt sehen können. Die Paare stammen aus unterschiedlichen sozialen Schichten. Man findet auf den Bildern Personen aus der Oberschicht, Geschäftsleute, aber auch Arbeiter, Soldaten, Matrosen, Studenten, Männer aus der Stadt sind genauso vertreten wie Menschen aus ländlichen Gebieten im Arbeitsanzug. In seinem Vorwort „Vom Inneren und Äußeren“ macht der Wissenschaftler Régis Schlagdenhauffen (École des Hautes Études en Sciences Sociales) darauf aufmerksam, dass gerade in männlich dominierten Gemeinschaften wie denen der Matrosen, Piraten, Gefangenen, aber auch in der Cowboy-Gesellschaft des Wilden Westen homoerotische und -sexuelle Beziehungen besonders häufig auftraten.

Größtenteils stammen die Bilder, die die Sammler auf Flohmärkten, in Antiquitätenläden und durch spezialisierte Händler zusammengetragen haben, aus den USA, doch vertreten sind auch Großbritannien, Frankreich, Italien, Deutschland, Bulgarien, Kroatien, Serbien, Ungarn, Australien, Japan, Singapur, China, die Tschechoslowakei, Estland, Russland, Portugal und einige südamerikanische Länder.

Die Szenerien, in denen die Bilder aufgenommen wurden, sind so bunt wie das Leben: in Fotostudios, in Privaträumen, mit einem Hund, vor dem Meer, am See, beim Baden im Wasser, auf einem Auto, auf einer Kutsche oder dem Motorrad sitzend, im Grünen, auf einer Bank, vor einem Haus, beim Tanzen. So spiegelt der Bildband die ganze Bandbreite des Lebens wieder. Auf erfrischend selbstverständliche Weise wird ganz nebenbei eine ikonographische Kulturgeschichte der Homosexualität zwischen 1850 und 1950 verfasst, die aber keine Partikulargeschichte bleibt, sondern in die Universalgeschichte menschlicher Liebe eingeschrieben wird. „Loving“ hält was der Titel verspricht: Man erhält eine ordentliche Portion Wärme, Zuneigung und Liebe. Ein liebenswerter, berührender Fotoband!


„Loving: Männer, die sich lieben – Fotografien von 1850-1950“, hrsg. von Neal Treadwell und Hugh Nini, erschien in deutscher Ausgabe am 12. Oktober 2020 im Elisabeth Sandmann Verlag und hat 336 Seiten.

Ein Trailer zum Buch ist bei YouTube verfügbar:

TItelbild: © Elisabeth Sandmann Verlag

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