Kategorie: Rezensionen

EXIL – Der ewige Fremde? Ein Filmreview

Der intensive Kinofilm EXIL, der ein offenes Drama erzählt, beeindruckt durch seine erschreckende Aktualität.


Für Xhafer (Mišel Maticevic, kennt man aus Babylon Berlin) ist alles klar. Der im Kosovo geborene Chemieingenieur lebt seit Jahren in Deutschland, wo er für alle Zeiten als unfähiger Ausländer, als niemals vollwertiges Gesellschaftsmitglied und Schmarotzer angesehen wird. Seine eigene Schwiegermutter hält ihn, wie er selbst sagt, für einen Kanacken, der ihrer Tochter nicht würdig ist, seine Kolleg*innen (u. a. gespielt durch Rainer Bock und Thomas Mraz) schikanieren ihn mit Streichen und systematischer Ausgrenzung. Bloß seine Frau Nora (Sandra Hüller, kennt man aus Toni Erdmann) denkt anders. Nicht, dass sie ihn unkritisch vergöttern würde oder dass die beiden überhaupt ein gutes Verhältnis zueinander hätten. Aber sie hält es durchaus für möglich, dass er nicht schikaniert wird, weil er Ausländer ist:

„Es kann ja auch sein, dass sie dich als Menschen nicht mögen.“

 

Die Grundfrage des Films von Regisseur Visar Morina (kennt man durch Babai) ist nun, ob ihre Position auf Scharfsinn oder Verblendung zurückgeht. Für beides sprechen Indizien.

© Alamode Film

Filmisch wird das Leiden des seelisch vereinsamten Protagonisten durch schroffe, farblose Bilder, abweisende Kulissen, schwitzende Akteur*innen und eine reaktive, intensive Kameraführung unterstützt, die immer viel zu nah an die unbeholfenen Charaktere heranzoomt. Auch erzählerisch findet Verengung statt, denn man folgt Xhafers benommener Wahrnehmung der Welt, wodurch dramatische Wendungen des Films ungefiltert und unvorhersehbar einschlagen. Ein wenig ratlos lässt EXIL einen durch seine subtile Erzählweise zurück. Einfache Antworten auf die aufgeworfenen Fragen zu Rassismus, Mobbing und Grundfragen des Zusammenlebens bietet der Film nicht an. Aber er liefert ein Komplexitätsbewusstsein. Und auch wenn er nicht leicht zu schauen ist, ist er dennoch für die wichtigen Themen, die er diskutiert, ein großer Gewinn.

Die pandemiebedingte Verschiebung des Starttermins platziert ihn darüber hinaus in ungeahnt aktuellen Stimmungen. Nicht nur liefert er in aktuellen Diskussionen um Alltagsrassismus und -schikanen sowie Racial Profiling einen Beitrag, die er in keiner Weise verharmlost, auch wenn er in seinen Grundfragen mit Tabus spielt. Auch erfuhren Orte wie Xhafers Arbeitsplatz, während der Film im Schrank lag, durch hohe Erwartungen an die Impfstoff-Entwicklung ein unvorhersehbares Comeback kollektiver Zustimmung, wie es dieses Jahr ansonsten nur Coffee-to-go-Becher und eingeschweißtes Gemüse erlebten: Xhafer arbeitet in einem Forschungslabor für Tierversuche.

Quelle: YouTube

Nach seiner Premiere beim Sundance Film Festival im Januar und Vorführungen im Panorama der 70. Berlinale ist EXIL seit dem 20. August 2020 im Kino.

Titelbild: © Alamode Film

Monos – Das Ende der Guerillaromantik à la Che Guevara

Kriegsfilme sind nichts für Kinder, Kriege leider schon.


Und zwar nicht ausschließlich als (zivile) Opfer, sondern auch als Opfer, die selbst zu Tätern werden. Zu Kindersoldaten. Nur wenige Themen sind so hart wie dieses, nur wenige Themen verführen so sehr zu einer rührseligen Erzählung, einfach, weil die Last der Bilder, die zu zeigen wären, anders kaum zu ertragen wäre. Ob als Dokumentarfilm oder als Spielfilm, der Stoff weckt den Wunsch, doch lieber wegzuschauen. Doch gibt es überhaupt eine Möglichkeit, diese Schrecken auf die Leinwand zu bringen, ohne das Publikum zu erschlagen?

Alejandro Landes macht eigentlich Dokumentarfilme, und das merkt man seinem jüngsten Spielfilm „Monos – Zwischen Himmel und Hölle“ auch an. Aber sind es weniger die Bilder, die seinen dokumentarischen Ansatz zutage treten lassen als vielmehr die schonungslose Art der Erzählung.

© trigon-film.org

Extrem nah und mit all den Schrecken der Gruppendynamik im Gepäck begleiten wir einen jugendlichen Guerillatrupp, der irgendwo in den lateinamerikanischen Bergen Militärübungen absolviert und eine Geisel – wir wissen nicht, woher sie stammt – bewacht. Dieses „wir wissen nicht woher, wofür und wohin“ wird mehr und mehr zum roten Faden des Filmes und lässt die Sinnlosigkeit und absurde Brutalität dieser Truppe an – scheinbar wie Marionetten gesteuerten – Jugendlichen, greifbar werden.

Was anfangs noch wie eine seltsame, aber doch mehr oder weniger harmonierende, Einheit wirkt, deren Mitglieder mit Maschinengewehren in der Einöde herumballern und Militärübungen veranstalten, wird mehr und mehr zu einer Gruppe, in der Misstrauen, Angst und Hass an die Stelle militärischer Verbundenheit treten. Die verschiedenen Facetten, die diese Gruppendynamik hat, werden durch die, ausnahmslos großartige, schauspielerische Leistung ihrer acht Mitglieder: Patagrande (Moises Arias), Rambo (Sofia Buenaventura), Leidi (Karen Quintero), Sueca (Laura Castrillón), Pitufo (Deiby Rueda), Lobo (Julián Giraldo), Perro (Paul Cubides) und Bum Bum (Sneider Castro) sichtbar.

Angefeuert wird dieses bizarre Spektakel durch den Ausbilder (Wilson Salazar) der Truppe. Er taucht hin und wieder wie aus dem Nichts auf und trimmt die Jugendlichen. Und während sich in den jungen Soldatinnen und Soldaten auch immer wieder die Jugendlichen zeigen, die sie eigentlich sein könnten, bleibt dieser Ausbilder ganz Soldat, ganz Drill Instructor.

© trigon-film.org

Er scheint seine Rolle nicht nur – wie alle anderen im Film auch – großartig zu spielen und wirkt von mehr als nur den Dreharbeiten und der Maske gezeichnet. Der Eindruck täuscht nicht, er hat eine persönliche Geschichte, die enger mit den Schrecken auf der Leinwand kaum verbunden sein könnte und die zu erzählen den Rahmen des mit Ereignissen tendenziell überfüllten Filmes sprengen würde. Nur so viel, indem Regisseur Alejandro Landes Wilson Salazar als Schauspieler engagierte, hat er einmal mehr seine Wurzeln als Dokumentarfilmer offengelegt.

Mit seinem Film „Monos – zwischen Himmel und Hölle“ gelingt es Landes nicht nur, den Horror einer tötenden Gruppe von Kindersoldaten authentisch, aber dennoch konsumierbar auf die Leinwand zu bringen, es gelingt ihm auch endgültig mit dem durch eine gewisse Che-Guevara-Romantik verklärten Mythos der Guerilla-KämpferInnen aufzuräumen. Nach diesem Kinoerlebnis ist man nicht nur tief bewegt, man ist auch wütend ob der Menschen, die glauben, es gäbe Kriegshelden, bedingungslose Kameradschaft oder edle Guerilla-Krieger, die zu Schlüsselanhängern und Rucksackaufnähern taugen.

Ein schwer verdaulicher, aber großartiger Film, der als kompromisslose Aufforderung zur Gewaltfreiheit gesehen werden kann.

„Monos – zwischen Himmel und Hölle“ feierte beim Sundance Film Festival 2019 Premiere und ist seit dem 4. Juni 2020 in deutschsprachiger Fassung (OmU) im Kino.

Titelbild: © trigon-film.org

Weilheimer Spurenelemente

Nach gut sechs Jahren veröffentlichen The Notwist ein musikalisches Kleinod: Die EP „Ship“ enthält gerade mal drei Songs. Aber die sind so dicht und konzentriert, wie sonst nur Maggi-Würfel. Zum Glück helfen sie sogar über ein Covermotiv hinweg, mit dem man sich echt schwertun kann …


Störungen haben Vorrang. Also muss das Thema Cover zuerst auf den Tisch. Ich weiß, da begebe ich mich auf das dünne Eis von Geschmack und persönlich-ästhetischem Empfinden, aber ich kann es nicht anders formulieren: Für mich war das Titelmotiv echt eine Hürde, die Musik an mich heranzulassen.

Eine kleine Spielhalle in Ego-Shooter-Lichtstimmung. An einem der Spieltische kippt ein Mann mit seinem Stuhl nach hinten. Glücklich oder verzweifelt? Darüber geben auch die Rauchringe über dem Kopf des Schicksalhaften nicht Aufschluss. Jedenfalls eine Momentaufnahme, deren Groteskheit mir zuflüstern wollte (zumindest bildete ich mir das ein): „Ob du mit dieser Platte jemals glücklich werden wirst? Wir werden sehen!“

Zack, lag das Cover einfach umgedreht auf dem Tisch; der Zerberus für den Zugang zur Musik gebändigt. Und die Nadel tastete sich ins Vinyl.

Von wegen Sendepause

„Ship“ ist der Titel und zugleich auch der erste Track der EP, die The Notwist Ende August veröffentlichen. Drei Songs, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Und doch enthalten sie alle typische The-Notwist-Spurenelemente von Song zu Song, nur in ganz unterschiedlichen Rezepturen.

© Gerald von Foris

Mehr als sechs Jahre sind seit dem letzten Studioalbum vergangen. Das heißt aber nicht, dass die Band in Funkstille oder auf Sendepause war. Die Brüder Markus und Micha Acher, musikalischer Kernreaktor von The Notwist, widmeten sich in den letzten Jahren einfach verschiedenen anderen Projekten. Sie kuratierten das Münchener Festival Alien Disko, schrieben Soundtracks oder verschrieben sich Spirit Fest, ein Dream-Pop-Projekt, das Markus Acher mit britischen Musikern und dem japanischen Avantgarde-Folk-Duo Tenniscoats ins Leben rief.

Vergesst das Provinz-Narrativ

The Notwist – spätestens als „Neon Golden“, eines der erfolgreichsten Alben der Band, erschien, war fast in jeder Besprechung das Narrativ vom „Wunder von Weilheim“ zu lesen: eine kleine Band aus einer kleineren Stadt in Oberbayern, die einen Sound entwarf, den man gar nicht so leicht in eines der üblichen Koordinatensysteme einordnen konnte. Weilheim war die Metapher für Provinz, die auf einmal als Kreativzentrum heiliggesprochen wurde.

Ehrlich gesagt: Ich fand das damals schon versnobt, im besten Fall noch pseudo-kosmopolit, im schlimmsten Fall dämlich. Als ob nur Großstädte gute Musik hervorbringen können (und dürfen), als ob es auf den Postleitzahlenraum ankommt, wo Menschen sich finden und einen Musikstil entwickeln, der unverkennbar und anmutig ist. Es braucht nicht diese unbeholfene Kleines-Dorf-irgendwo-in-der-Provinz-Metapher, um klarzumachen: The Notwist versuchen einfach das, was gute Musik leisten soll – ins Blut, in die Beine und in den Kopf gehen. Genau darin sind sie sich treu geblieben. Was für ein Glück.

„I want to go outside, I want to meet people“

Beim Opener „Ship“ hört man gleich eine neue Stimme: Saya. Die japanische Sängerin ist im Duo Tenniscoats beheimatet und eben auch beim Spirit-Fest-Projekt mit an Bord. Der Song ist so etwas wie der perfekte Opener für eine EP, unzaghaft, pochend und treibend. Und ja, auch ein bisschen vertraut-ungewöhnlich: Dieses eigentümliche knusprige Scheppern, die robust-verzerrte E-Gitarre – und doch lässt der Sound aufhorchen. Leicht technischer, spaciger, pulsierender als sonst.

© Stefan Weigand

„I want to go outside, I want to meet people“, singt Saya. Markus Acher versteht das als Grundprinzip der Band: sich immer immer weiterzuentwickeln, unterschiedliche Stile in die eigene Musik zu integrieren – und eben mit Musiker*innen zusammenzuarbeiten, die man selbst bewundert.

Wie ein Kommentar auf dieses komische Leben gerade

Naja, ich brauche gar nicht um den heißen Brei reden. „Loose Ends“ hat sich ganz tief in meiner Herzkammer eingenistet. Der zweite Song auf der EP ist eine Notwist-Nummer im klassischen Sinn. Aber wie lässt sich der überhaupt beschreiben? Klar, wieder gibt es diese kleinteiligen Klangstrukturen, die verzerrte Gitarre, die ausgetüftelte Percussion … Ich denke, es ist die warmherzige Melancholie, die einen beim Hören umarmen will – und man lässt sich gerne von ihr umarmen.

„We live on loose ends“, haucht Markus Acher im Refrain. Da läuft eine Ballade, und auf einmal wirkt sie wie ein Kommentar auf dieses komische Leben gerade.

„Loose Ends“ bringt Gegensätze zusammen, ohne sie auflösen zu müssen. Der Songs bezieht seine Kraft aus seiner Zerbrechlichkeit. Anmut und vertraute Alltäglichkeit stehen nebeneinander. Für einen muskulösen Ohrwurm ist er zu zart, fürs Vergessen zu eingehend. In geisteswissenschaftlichen Diskussionen gibt es hierfür den Begriff der Ambiguität – Mehrdeutigkeit, eine Vielgestalt an Bedeutungen, die gleichzeitig möglich sind.

Vielleicht hat es The Notwist gar nicht so in den Sinn gehabt, als der Song entstand – er wurde ursprünglich für den Film One of these days geschrieben –, trotzdem hält er ein Plädoyer für einen unbekümmert-entschlossenen Umgang mit dieser verrückten Zeit. Stimmungsmäßig leistet „Avalanche“ dazu einen Beitrag. Der dritte Track der EP ist ein kürzeres, leicht optimistisch angehauchtes Instrumentalstück.

Halt dich fest – an was?

„We live on loose ends“ – ich denke oft an diese eine Songzeile, eingebettet im Notwist-Sound. Das Covermotiv ist mir inzwischen egal, weil die drei Songs wie eine Lossprechung wirken, wie ein Zauberspruch für die Corona-Situation: Auf was soll man sich schon festlegen in dieser Zeit?

Auch wenn das Weltgefüge und der eigene Nahbereich noch so fragil sich, arbeite dich erst gar nicht am Wunsch nach Stabilität ab. Sondern lass dich auf die offenen Enden ein:

© moers festival/arte concerts, YouTube

Ship von The Notwist erschien am 21. August bei Morr Music.

Beitragsbild: © Stefan Weigand

Teufelszeug mit Echolot

Ping. Ping. Ping. Wo gerade noch die ausgedehnte Anfangsstille war – ein Markenzeichen für die Alben des ECM-Labels –, tastet nun ein Echolot den Raum ab. Ping. Ping. Ping. Das Tasten, das Suchen und Erkunden könnte so etwas wie ein Leitmotiv sein, aus dem heraus Avishai Cohen mit seiner Band Big Vicious sein neues Album geschaffen hat.


»Wir kommen alle vom Jazz, aber einige von uns haben ihn früher verlassen. Jeder bringt seinen Hintergrund mit ein und macht ihn zum Teil des Klangs der Band«, beschreibt Avishai Cohen die Grundkonstruktion seiner Formation. Es ist das vierte Album, das der bärtige Trompeter (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Bassisten) beim Münchner Label ECM veröffentlicht. Diesmal allerdings ist es kein Projekt mit kleiner Besetzung, sondern das Ergebnis einer vielseitigen Bandstruktur, die lakonisch »Big Vicious« heißt – das große Böse. Ok, das klingt bedrohlich, fast nach einem düsteren Metal-Act; doch das Album ist ganz anders angesiedelt. Electronica, Ambient-Musik und Psychedelia sind Teil der Mischung, ebenso wie Grooves aus Rock, Pop, Trip-Hop und mehr. Jazz eben.

Monolith

»In dieser Band geht es nicht wirklich um die Soli. Das ist hier nicht das Ziel oder die Ästhetik. Es geht vielmehr darum, wie man einen Song erschafft, auch wenn niemand singt.« Tatsächlich wirken die Songs wie aus einem Guss – fast schon so, ob hier nicht vier oder fünf Musikern zuhört, sondern nur einem einzigen.

Das liegt vielleicht daran, dass sich Big Vicious auf langjährige Freundschaften stützt: Avishai Cohen und der Gitarrist Uzi Ramirez besuchten die gleiche High School in Tel Aviv. Gitarrist bzw. Bassist Jonathan Albalak und der Schlagzeuger Aviv Cohen, beide aus Jerusalem, spielen sein zwanzig Jahren in verschiedenen Ensembles zusammen. Die Besetzung ergänzt der zweite Drummer Ziv Ravitz, der noch zusätzliche Energie ins Musikgeschehen pumpt.

Was bündelt eigentlich das Album?

Gibt es einen Signature Track, also eine Art Filetstück, in dem sich alle Qualitäten und Charaktereigenschaften des Albums verdichten? Ich schaue auf meine Notizen. Wo sonst ein-zwei Stücke unterstrichen sind, gibt es hier eine ganze Liste von Songs. Und die könnten kaum unterschiedlicher sein.

Da ist das Eröffnungsstück »Honey Fountain« mit seinem mitreißenden Thema und dem besagten Echolot. Smart kommt es daher und gibt dem Album alles andere als eine akademische Grundstimmung, sondern eher eine zugänglich-poppige. Cool ist hier, wie sich die beiden Drummer ergänzen und ein Koordinatensystem von Beats in den Raum hauen. Man dreht den Lautstärkeregler gleich etwas lauter …

Dann begeistert mich das Energiepaket »King Kutner«. Wie ein Turbolader gibt auch hier das Schlagzeug Schub und baut in Komplizenschaft der rotzigen E-Gitarre aus dem Stück eine punkige Nummer. Von akademisch und esoterisch-ätherisch – Vorurteile, die man dem ECM-Label und seinem vermeintlich nordischen Sound oft nachsagt – ist hier nichts zu spüren.

»This Time It’s Different« zeigt die Offenheit der Band für Synthesizer-Effekte und wie sie gelungen in eine doch ganz klassische Jazz-Nummer Einzug finden. Fiepsen, Pfeifen, dazu die Trompete – Big Vicious schaffen daraus einen ganz lässigen Sound mit Ohrwurmcharakter.

Also nochmal die Frage nach dem Grundcharakter. Die Antwort: Das Album legt sich nicht fest, fährt sich nicht auf einen Songtypus ein, sondern führt viele Stile zusammen. In diesem Patchwork aus Feinsinnigem und Kantigem findet sogar eine Version von Beethovens Mondscheinsonate ihren Platz – und natürlich eine betörende Coverversion …

Und dann kommt ein Übersong aus den 90ern

 »Wir spielten zu Beginn einige Coverversionen. Vor allem Musik aus den 1990er Jahren, weil das bei unserer Generation nachklingt, die Dinge, die wir in der Schule gehört haben. ›Teardrop‹  von Massive Attack ist eine Musik, von der wir nie müde werden. Es ist ein Stück, in dem man für immer bleiben kann – jedes Element darin ist so vollständig und gleichzeitig so einfach.« Zweifellos gehört »Teardrop« zum Größten, was die Neunziger Jahre musikalisch geschaffen haben.

Wie das so ist mit Coverversionen von solchen Megasongs: So manche Band verhebt sich und zerschellt im schlimmsten Fall im Duplikat-Kitsch. Doch die Big-Vicious-Version umschifft diese Gefahren souverän; sie schafft die Gratwanderung, dem Songs-Charakter zu erhalten und ihn doch in eine eigene Form zu gießen. Die Trompete übernimmt die Rolle der Leadsängerin, das Schlagzeug liefert den düster-schleppenden Puls und die wahnsinnig schön verzerrte Gitarre mengt entrückte Klangspuren im Bitches-Brew-Style bei.

Dass der Song schon mehr als 22 Jahre auf den Buckel hat, ist egal. Das, was Big Vicious daraus machen, offenbart: Er war, ist und bleibt cool.

Big Vicious – das große Böse. Wenn Avishai Cohen mit seiner Formation diese Begrifflichkeit so schön auslegt, dann kann man nur sagen: Bitte mehr davon von diesem Teufelszeug, das so großartig klingt!


Beitragsfoto: © Stefan Weigand, Bandfoto: © Ben Palhov/ECM, Galerie: © Stefan Weigand

Rudelbildung

güntner power

Eine Gruppe Rotwild, im Hintergrund einige Laubbäume. Was für ein idyllisches Bild, erst recht für ein Romancover. Wenn da nicht die moosgrüne Farbe wäre, die als Warnhinweis wirkt: Mit Romantik hat dieses Buch wenig zu tun. Schon eher mit menschlichen Verstrickungen, giftigen Tiefgründigkeiten und Ausweglosem. Besser könnte das Cover zum Roman »Power« von Verena Güntner nicht sein.


Die Geschichte lässt sich leicht skizzieren: Ein Dorf im Irgendwo, von Wald und Feldern umgeben. Dort lebt Kerze, die gerade noch ein Kind ist. Eines Tages meldet sich Hitschke, die Nachbarin: Ihr Hund ist seit Tagen nicht mehr nach Hause gekommen. Ob Kerze nicht nach ihm suchen könne. Das Mädchen nimmt den Auftrag an – und weiß selbst noch nicht, dass in wenigen Tagen alle Kinder des Dorfes sich zu einem Rudel zusammengetan haben, sich wie Hunde verhalten und in den Wäldern wohnen werden …

Es ist spannend zu lesen, wie die Wandlung von normalen Schulkindern in Hundeähnliche verläuft. Anfangs sind es subtile Details wie etwas ein eher zufälliges Bellen oder eine hastig-schnelle Reaktion des Mädchens, später wird die Verwandlung überdeutlich sein: Schnuppern, gefletschte Zähne oder gar das Heulen in der Meute. Der Roman entfaltet so seinen Drive und seine verstörende Kraft.

Falsche Fährten

Verena Güntner zieht mit ihrem nunmehr zweiten Roman einige Register klassischer Erzähltopoi. Einzelne lösen sich aus der Gemeinschaft, nehmen einen Auftrag an und ziehen in die Wälder – das könnte der Robin-Hood-Plot sein. Individuen verwandeln sich nach und nach und nehmen die Gestalt und auch das Verhalten einer anderen Art an: Die Metamorphosen des Ovid lassen grüßen.

Das Erleichternde und auch Spannungsgebende dabei ist, dass die Story diese Erzählmuster aufgreift, aber dann bewusst bricht: Wer die komplette Robin-Hood-Nummer oder eben die Fokussierung auf eine Verwandlung erwartet hat, wird enttäuscht. Zum Glück. Die Erzählung geht anders weiter. Auf einmal sind Kerze und die Rudel-Geschichte fast ausgeblendet und Verena Güntner lenkt die Aufmerksamkeit auf vermeintliche Nebenrollen der Erzählung.

Im Zentrum der Nebenschauplätze

Da ist der Hubersohn, dessen einziger Lebensinhalt der übergroße Traktor ist. Er nutzt das Gefährt, um täglich nach ein paar Happen Bewunderung von den Schulkindern zu fischen. Sein Vater hat nichts für ihn übrig, außer Missgunst und Verachtung.

Oder eben Hitschke, die nunmehr ohne Hund auskommt und deren Geschichte zeigt: Wenn sie ihren Hund vermisst, dann ist das nicht das einzige, was ihr fehlt im Leben. Das ist eine der Stärken des Buches: Die Hauptspur wird fallen gelassen, Lücken und vermeintlich schwachen Figuren offenbaren ganz tiefgründe (und abgründige) Geschichten.

Wie würdest du entscheiden?

Doch »Power« erzählt auch noch einen ganz anderen Komplex. Die Rudelbildung ist auch eine Art Weltflucht: Die Kinder verlassen ihre Familien und den Kontext der Dorfgemeinschaft. Sie treten raus aus den mächtigen Mechaniken der alten Geschichten und Verletzungen. Bereits der erste Satz des Buches enthält eine Fährte auf diesen Kontrast: »Kerze steht barfuß am Eingang des großen Kaufhauses.« So stehen auf einmal zwei Gesellschaftskonstrukte gegenüber: Auf der einen Seite das bürgerliche Gefüge eines Dorfes – auf der anderen Seite die rohe und triebhafte Gemeinschaft im Rudel.

Welche ist erstrebenswerter, welche die bessere? Mag sein, dass es keine klare Antwort darauf gibt. Weil beide gleich schlecht sind.


Power von Verena Güntner erschien im Februar 2020 bei Dumont und hat 253 Seiten.

Daniela Krien: Muldental

In Muldental erzählt Daniela Krien elf Geschichten, die sich im Kern mit der Frage „Schicksal oder Schuld?“ befassen und im weitesten Sinne mit der Vereinigung zwischen Ost- und Westdeutschland zusammenhängen. Der Roman lässt erahnen, dass unter die Oberfläche blicken noch nicht bedeutet, auch in die Tiefe zu schauen.


Die auf dem Cover von Muldental abgebildete junge Frau in Schwarz, die vor einem dämmergrauen Hintergrund in die Ferne schaut, scheint zum Verwechseln ähnlich mit dem bekannten Gemälde Lucas Cranachs des Älteren, das Martin Luther zeigt. Auch wenn Welten zwischen ihnen liegen, stehen beide im Zeichen des Umbruchs. In elf Kapiteln lässt Daniela Krien verschiedene Protagonisten sprechen. Würde man ihr Konzept auf eine simple Gleichung herunterbrechen, würde es „Eine Portion Realität, eine Portion Fiktion“ lauten.

Die Autorin wahrt Distanz zu ihren Protagonisten, indem sie als Außenstehende über sie schreibt. Dennoch zeichnet sie auf lakonische, doch unter die Haut gehende Weise ihre jeweiligen Innenwelten nach. Es bedrückt, da jede in irgendeiner Form isoliert erscheint und sich um eine mehr oder minder starke Verzweiflung dreht. Doch sind viele dieser Welten auch irgendwie miteinander verknüpft – in der Vergangenheit, im Jetzt oder in beidem. Muldental ist der Ort, der die Geschichten in sich versammelt wie eine Senke, die sich bei Regen stets mit Wasser füllt.

Zwar macht Krien es einem leicht, in die Realitäten der jeweiligen Protagonisten einzutauchen. Doch sind die Erzählungen alles andere als einfach einzuordnen. Der Subtext von Muldental vermittelt uns deutlich, wie wir einerseits leicht verleitet werden, uns ein Urteil über das Denken und Handeln anderer zu bilden und wie es uns andererseits herausfordert, einfach zuzuhören und zu versuchen zu verstehen. Oft ist es nämlich diese Auseinandersetzung, worauf es zuerst und vor allem ankommt.

Beitragsbild: © Lennart Colmer

Die Klassenfrage kehrt zurück in die Literatur

Spätestens seit Anke Stellings Roman Schäfchen im Trockenen ist es in der deutschen Literaturszene wieder legitim, sozioökonomische und -kulturelle Selbstreflexionen zu verfassen, um den eher elitären Schriftstellerhabitus von Menschen, die doch meist in prekären Verhältnissen leben, zu hinterfragen. Doch nun hat der Journalist etwas wesentlich Gewagteres vorgelegt: eine Autobiographie über seine Jugend und Kindheit in Armut, eine Autobiographie, in der er die Klassenfrage stellt. Sein Buch Ein Mann seiner Klasse bringt endlich wieder Leben, ökonomische Fragen und gesellschaftliche Probleme zurück in die Literatur.


Baron schreibt im Grunde sogar mehr als eine Autobiographie, nämlich die Geschichte seiner Familie. Er berichtet, wie sich seine Eltern im Arbeitermilieu von Kaiserslautern kennengelernt und ein Kind nach dem anderen bekommen haben. Der Leser erfährt, dass die Mutter Dichterin werden wollte, aber ihr schulisches und soziales Umfeld es ihr vergätzt haben und sie schließlich depressiv wurde. Wir erfahren, dass der Vater ein Alkoholiker war, der Frau und Kinder verprügelte und nirgendwo hohes Ansehen besaß. In diese Familie wurde der Autor hineingeboren.

Nach dem frühen Tod der Mutter an Krebs kamen die Kinder zur Tante mütterlicherseits – die immer noch zur Unterschicht gehörte, aber resolut und ehrgeizig war und ihren Schwager verabscheute. Während sein Bruder immer wieder Drogenprobleme hatte, schafft Christian Baron es aber schließlich, auch durch die Förderung einer anderen, wohlhabenden und gebildeten Tante, das Abitur zu machen, und interessiert sich bald für Journalismus – jedoch nicht ohne in einer höheren Schule stets als Außenseiter zu gelten, als derjenige, der aus einer Unterschichtenfamilie kommt und vom Bildungssystem systematisch diskriminiert wird.

Das Buch erzählt nicht nur von sozialem Elend und der Armut, am Ende des Monats nicht mehr genug Nahrung zu haben, weil der Schläger-Vater zu viel vom wenigen Geld versoffen hat, und davon, zu Hause keine Förderung zu erhalten, sondern auch davon, in ständiger Angst leben zu müssen. Es geht auch um Barons Selbstreflexion. Denn er entschuldigt nicht nur dauernd die Passivität der Mutter, die selbst das Opfer ihres Ehemannes ist und gleichzeitig aber die Kinder, aufgrund ihrer Depression, schützt; er liebt auch seinen Vater bedingungslos. Nie wollte er ihn loswerden, egal wie bösartig der Patriarch war; nein, Baron will immer, dass sein Vater sich ändert. Diese ständige Ambivalenz durchströmt das ganze Buch. Und er wird sich bewusst, dass – was keine Entschuldigung, sondern eine Erklärung ist – der Vater ein „Mann seiner Klasse“ war, nie Aufstiegschancen hatte, nur Armut kannte und selbst bereits aus der Familie eines prügelnden Alkoholikers stammte.

Gewalt, Armut und Pathos

Barons Buch bildet also nicht einfach ein Milieu ab. Dabei erklärt er gar nicht einmal sonderlich viel, sondern beschreibt nur sehr genau – doch gerade dies gibt Ein Mann seiner Klasse eine große Kraft und dennoch einen explanatorischen Wert, den man selbst herausziehen kann, so deutlich ist die Schilderung. Denn Barons Stil und Sprache sind, selbst noch bei den Elementen der akademischen Selbstreflexion, einfach, simpel und klar. Baron gibt soziale Zustände exakt wieder, ohne Fremdworte nutzen zu müssen: ein stilistisches Bekenntnis zur Arbeiterklasse. Diese Klarheit wird ein bisschen unterminiert durch einige pathetische Elemente und der einseitigen Festsetzung des Vaters als Täter und der depressiven Mutter als Opfer – aber davon, dass sie ihre Kinder beschützt hat, liest man nichts. Doch es wäre natürlich zu viel erwartet von einer offenen Autobiographie, die so unangenehme, persönliche und doch gesellschaftlich relevante Themen berührt, wenn man hier noch eine nüchterne Analyse, statt dem kindlichem Pathos, das Baron als Junge fühlte, erwarten würde.

Obgleich es eine Autobiographie über die eigene Kindheit und Jugend ist, hat Baron es nicht nur geschafft, die eigene Entwicklung und Selbstfindung zu skizzieren. Seine Vergangenheit ist ein pars pro toto für eine ganze soziale Schicht oder Klasse. Ein Mann seiner Klasse steht dafür, als Junge in Armut, Not und damit auch Angst und Unfreiheit aufzuwachsen. Das Buch steht für Kinder, die früh männliche Gewalt erfahren. Das Buch steht für psychische Aufarbeitung dieses Leids, und für Liebe, Erinnern und die Suche nach Versöhnung mit der Familie und der Vergangenheit in einer widersprüchlichen Welt der Gewalt, sozialen Ungleichheit und Exklusion. Genau das ist der Verdienst: dass Baron die lange vergessene Klassenfrage wieder zurück in das öffentliche Bewusstsein rückt und dabei ohne ganz ohne Resignation oder Hass auskommt. Gegenüber diesem Debüt sehen andere deutsche, bourgeoise Debütromane – die meist davon handeln, wie ein rich kid auf Selbstfindungstrip geht, oder wie jemand mal als Kind gehänselt wurde – alt und abgeschmackt aus. Barons Klassenautobiographie gibt der Literatur ein wichtiges Stück Leben, Seele, Authentizität und die Behandlung manifester sozialer (statt nur individueller) Probleme zurück.

Ein Mann seiner Klasse von Christian Baron erschien am 31. Januar 2020 im Claassen Verlag und hat 288 Seiten.

Coverbild: © Claassen Verlag

„Schwesterlein“ – nicht ohne ihr Brüderlein

Nina Hoss und Lars Eidinger arbeiten sich im Schweizer Wettbewerbsbeitrag „Schwesterlein“ von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond der 70. Berlinale an existenziellen Themen wie Kreativität als Lebenskraft, dem besonderen Band zwischen Geschwistern und der Angst, Abschied zu nehmen, ab und glänzen im einfühlsamen Spiel miteinander.


Lisa (Nina Hoss) ist Dramaturgin, kann jedoch seit der Leukämiediagnose ihres Zwillingsbruders Sven (Lars Eidinger) nicht mehr schreiben. Sie lebt mit ihrem Mann Martin (Jens Albinus) und ihren zwei Kindern in der Schweiz. Dort leitet Martin ein Eliteinternat. Lisa lenkt sich mit den Pflichten, die sich daraus für sie ergeben, mehr oder weniger erfolgreich von ihrer Kreativitäts- und Schreibblockade ab. Ihr Bruder Sven ist der Star der Schaubühne, Publikumsliebling und nicht zuletzt in seiner Paraderolle als dänischer Prinz Hamlet ein Garant für ein volles Haus. Der Wille, als Hamlet auf die Bühne zurückzukehren, treibt Sven an, gegen seine Krankheit zu kämpfen. David (Thomas Ostermeier) – seines Zeichens Regisseur der Schaubühne – probt derweil das Stück mit der Zweitbesetzung. Lisa glaubt wie ihr Bruder an seine Rückkehr auf die Theaterbühne und versucht ihn gesund zu pflegen. Nach einem erneuten Zusammenbruch und der Verschlechterung von Svens gesundheitlicher Verfassung, müssen beide jedoch die Realität akzeptieren. Lisa findet dadurch zurück zum Schreiben und Sven die Kraft mit dem Kämpfen aufzuhören.

David (Thomas Ostermeier) und Lisa (Nina Hoss), © Vega Film 

Schwester und Bruder gegen den Rest

„Schwesterlein“ beleuchtet eine ganz besondere Geschwisterbeziehung. Zwillinge, die ohne einander nicht können – die beiden gegen den Rest. Ihre Mutter (Marthe Keller): eine ich-bezogene, verhuschte und wenig bodenständige Frau, die einst selbst Schauspielerin war und nun dem politischen Theater Brechts nachtrauert. Lisa und Sven waren also schon immer auf sich gestellt und mussten sich gegenseitig Halt geben, um nicht unterzugehen. Auch dem Regisseur der Schaubühne treten die beiden entgegen. Dieser zweifelt an der Genesung Svens und lehnt seine Rückkehr auf die Bühne ab. Später streicht er sogar die geplante Wiederaufnahme Hamlets und setzt das Stück ab. Niemand scheint die beiden so zu verstehen, wie sie einander verstehen. So versteht auch niemand, dass Sven nicht gesund werden muss, um auf die Bühne zurückzukehren, sondern eben auf die Bühne zurückkehren muss, um gesund zu werden. Die zwei Minuten jüngere Schwester Lisa kümmert sich aufopferungsvoll um ihren „großen“ Bruder. Tut alles für ihn, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen für ihr eigenes Leben.  Schlussendlich kann sie nur tun, was sie seit der Diagnose ihres Bruders nicht mehr tun konnte: Sie schreibt. Für ihn.

Sven (Lars Eidinger) als Prinz Hamlet, © Vega Film

Déjà-vu in einer parallelen Realität

Zu Beginn des Films wirken das Ensemble sowie der Schauplatz, die Schaubühne am Lehniner Platz, befremdlich real. Zu bekannt ist alles. Lars Eidinger spielt Sven, der Hamlet unter der Regie von David, also Thomas Ostermeier, an der Schaubühne spielt. Oder ist Sven doch einfach Lars Eidinger, der im realen Leben Hamlet an der Schaubühne spielt? Man könnte sich hier lange aufhalten und schwadronieren, wie viel Lars Eidinger in Sven, wie viel Thomas Ostermeier in David oder Nina Hoss in Lisa steckt, doch zielt dieses Spiel zwischen den Ebenen auf mehr ab, als Verwirrung beim Publikum zu stiften und Online-Publikationen Futter für Schlagzeilen à la „Selbstdarsteller Eidinger spielt sich selbst“ zu bieten. Es zeigt, wie sehr sich Fiktion und Realität in der Kunst verschränken. Wie sehr Kunst – und in Svens Fall das Schauspiel – kräftezehrend ist, aber gleichzeitig absolute Lebenskraft und -mut bedeutet. Dass die Realität ohne die Fiktion, also der Schauspieler und die Dramaturgin nicht ohne die Kunst sein können und zugrunde gehen. Wäre Sven als Hamlet genesen? Auf der Bühne kann ein٭e Künstler٭in unsterblich werden, doch was ist, wenn ein٭e Künstler٭in auf der Bühne stirbt?

Berührende Vertrautheit der Protagonist٭innen

Bleibt noch die überragende Schauspielleistung der Protagonist٭innen zu betonen. Unheimlich ehrlich und ernsthaft, stark und gleichzeitig verletzlich. In einem Moment erlebt man, wie Sven eine angsteinflößend reale Panikattacke beim Gleitschirmfliegen erleidet, dass sich selbst bei höhenerprobten Menschen kalter Angstschweiß auf der Stirn bildet, und im anderen Moment durchlebt man den kompletten Nervenzusammenbruch Lisas vor einem Krankenhaus-Kaffeeautomaten. Besonders beeindruckend ist, dass die beiden nicht nebeneinander, sondern eben miteinander spielen. Kleine, subtile Gesten und kurze Blicke, die sich die beiden zuwerfen, vermitteln eine Vertrautheit, eine Art Seelenverwandtschaft, die man selten so ernsthaft und frei von Kitsch gesehen hat. Eine der wohl rührendsten Szenen des Films zeigt genau das: Lisa umsorgt ihren Bruder, während dieser sich völlig erschöpft und betrunken übergibt. Sven wiederum sorgt sich um seine kleine Schwester Lisa. Sagt, weinend, kindlich hilflos, doch absolut ehrlich: „Du bist doch mein Schwesterlein, oder? (…) Ich muss auf dich aufpassen.“

Die Premiere fand 24.02.2020 im Rahmen der 70. Berlinale als Teil des offiziellen Wettbewerbs statt. Seinen Kinostart hat „Schwesterlein“ am 29.10. Bis dahin gibt’s schonmal den Trailer:

Quelle: YouTube
Titelbild: © Vega Film

Peers Penis oder Eidingers Finger?

Peer Gynt an der Schaubühne in Berlin ist eine Inszenierung Lars Eidingers – in mehrfachem Sinn. Mit diesem Satz ist schon vieles gesagt, ja, vielleicht alles.


Oder man geht hin und beschreibt das Bühnenbild des Aktionskünstlers John Bock, thematisiert das große Stoffgebilde mitten auf der Bühne – verziert mit unzähligen Stoffwürsten, vielleicht Zitzen, vielleicht Penisse, schwer zu sagen. Das Gebilde, das von einigen Rezensent٭innen als ruhender Elefant erkannt wurde, von anderen als undefinierbares Plüschtier, sich am Schluss aber doch eindeutig als übergroßer Kuheuter herausgestellt.

Penis & Porno

Oder man entscheidet sich für eine Rezension, in der man alle Wortwitze einflicht: Peer-fect, Peer-peroni, peer pedes, Peer-rücke. Ja, Perücken gab es einige, und Kostüme auch, aber selten mit richtiger Hose. Immer nur mit Unterhose. Überall Unterhosen. Oder halt nur Penis. Nicht Peers Penis, sondern eher Lars‘ Penis. Kennt man. Und dann wären da noch die ganzen Intertextualität: Songfetzen von a-ha, Zitate von Kanye West oder Brecht.

Das zuvor bei der Buchung angekündigte pornografische Material ist dabei kaum provozierend im Gegensatz zum ekelhaften Rumgeschmier: Bier, Tiefkühlpizza, saure Gurken, Cola, Eier in einen Standmixer püriert und dann getrunken, bis einem beim Zugucken die Galle hochkommt. Aber auch nichts Neues an der Schaubühne: Hat sich nicht in Thomas Bernhards „Das Kalkwerk“ Schauspieler Felix Römer in kiloweise Eiern und Mehl selbst paniert?

Profilneurose & Publikum

Und was bleibt? Henrik Ibsens „Peer Gynt“? Ja, wahrscheinlich. Ist die Inszenierung doch ebenso weit weg wie nah dran am dramatischen Gedicht über den lügenden Bauernsohn und seine realitätsfernen Fantasiewelten. Aber ganz zum Schluss steht immer nur eines im Scheinwerferlicht: die Suche nach der eigenen Bedeutung, nach Geltung. Und eben Lars Eidinger, Lars Eidinger, Lars Eidinger und Lars Eidinger.

Lars Eidinger, © Benjakon

Hier soll aber kurz der Blick weg von ihm – sorry! – und das Licht auf jene Menschen geworfen werden, die ihm eine Bühne bauen: sein Publikum. Denn kaum erscheint er (Mist, da ist er ja wieder!) am Anfang auf der übergroßen Leinwand, sorgen einzelne Zuschauer٭innen für Irritationen. Sie zücken die Handys. Bei Konzerten bekannt, aber im Theater? Als er seine ersten Takte zum Besten gibt, filmen einige. Auch nach der Vorstellung machen ein paar Zuschauer٭innen weiter Bilder – ein Foto mit Lars Eidinger an der Bar. Eidinger, der Popstar der Theaterwelt. Und ja, es ist unmöglich, einen Absatz in einem Review eines Lars-Eidinger-Stücks zu schreiben, ohne ihn zu erwähnen. Aber ein Versuch war es wert.

Peer & Presse

In der Presse gibt es keinen Konsens. Einige loben, andere zerreißen. Viele können sich nicht entscheiden: Ist das „Taten-Drang-Drama“ nun gut oder schlecht? Oder mehr so mittel? Oder hat man selbst sie nur einfach nicht verstanden, die Inszenierung, Nebenverweise und Andeutungen übersehen? Oder war es nicht doch eher eine Performance, eine Peer-formance? Und kann man dem Ganzen mit bloßer Beschreibung des Bühnenbilds oder einzelnen Aktionen gerecht werden?

Vielleicht ist es der Reizüberflutung geschuldet, dass es gar nicht einfach ist, hier zu urteilen. Gut gespielt war es, keine Frage. Fast zurückhaltend für Eidinger-Verhältnisse. Und teilweise wirklich gute Ideen. Aber auch diese Rezension kann sich nicht entscheiden. Und so bleibt am Schluss dieser eine Satz: „Peer Gynt an der Schaubühne in Berlin ist eine Inszenierung Lars Eidingers – in mehrfachem Sinn.“

PS: Eidinger – oder war es Gynt? – hat sich übrigens den Finger abgeschnitten. Aber kein Grund zur Sorge, es ist alles wieder dran. Weiteres ist einschlägigen Medien zu entnehmen.

Titelbild: Peer Gynt, ein Taten-Drang-Drama von John Bock und Lars Eidinger, © Benjakon

Von Be, Breach und Dreamern

Ein Sammelband mit Geschichten über die Zukunft. Die nicht weit entfernte, technisch vielleicht mögliche Zukunft. So beschreiben die Herausgeber selbst ihr im Oktober 2019 bei Suhrkamp erschienenes Buch 2029 – Geschichten von morgen.


Und genau diesen Anspruch verspricht ja auch der Titel. Geschichten, die man sich in zehn Jahren erzählen könnte, mit denen wir uns unmittelbar identifizieren, die etwas über unseren Alltag sagen. Ein Alltag mit viel Technik, mit neuen Technologien und daraus resultierenden veränderten sozialem Gefüge. Dieses Konzept ist verführerisch, denn man erhofft sich, jenseits von Hollywood-Großproduktionen der Science-Fiction mit fliegenden Autos oder perfekten menschengleichen Robotern, die kleinen leisen Veränderungen aufgezeigt zu bekommen.

Die ideellen Herausgeber Christian Granderath, Fernsehproduzent beim NDR, und Manfred Hattendorf, Leiter der Abteilung Film und Planung im SWR, haben sich mit diesem Buch gleich mehrere Träume zumindest in Papierform realisiert. Elf Autor_innen zeigen in elf Kurzgeschichten ihr zukunftsvisionäres Können. Darunter Science-Fiction-Erprobte wie Dietmar Dath, Emma Braslavsky und Leif Randt. Der Sammelband ist vor allem in seiner Komposition gelungen: Man liest Texte mit sehr unterschiedlichen Erzählweisen, Sprachstilen und technischem Hintergrundwissen. Das ist abwechslungsreich und unterstreicht die Einzigartigkeit jeder Geschichte, jedes_r Autors_in.

Was einem jedoch direkt beim Lesen des Eröffnungstextes auffällt: Der zuvor aufgestellte Anspruch „Geschichten von morgen“ zu präsentieren, wird nicht eingelöst. Auch nicht Seiten später, eigentlich bei keiner der Kurzgeschichten. Man liest von Hubots, perfekten menschenähnlichen Robotern, die das menschliche Gefühlschaos nicht verstehen, von einem Haus, das seine Bewohner komplett unter Kontrolle hat und von einem gescheiterten Experiment, das ein sich ausbreitendes schwarzes Loch und Menschen zwischen Sensationslust und Verunsicherung zurücklässt. Alles Motive, die doch eher so 50-100 Jahre in der Zukunft liegen und deren wissenschaftlicher Forschungs- und technischer Realisierungsstand heute noch in den Kinderschuhen stecken.

Die Enttäuschung hält jedoch nur kurz an. Denn wie gesagt ist die Zusammenstellung sehr unterschiedlicher Erzählungen durchaus überzeugend. Alle Autor_innen schaffen es, die Leserin auf wenigen Seiten in ihren Bann zu ziehen. Den Autor_innen gelingt es, die Komplexität und Verwobenheit technologischer Systeme und Werkzeuge mit der sozialen Ebene und dem individuellen Denken und Handeln in den Blick zu nehmen.

Da wäre z. B. Dietmar Daths „Hoffnung ruft Angst“. Wie so oft in Daths fiktiven Geschichten wird man einfach hineingeworfen, ohne viele Erklärungen. Die eigenen Wortkreationen und eigenwilligen Namen der Protagonisten verstärken noch das Gefühl, hier in eine völlig andere Welt einzudringen, in der man nicht alles versteht. Ein Konzern, der unter dem Symbol eines Seepferdchens jederzeit abrufbare Therapeuten verkauft, eine Gesellschaft, in der Interpretation und Bedeutung vorherbestimmt zu sein scheint, eine Bewusstsein verstärkende Droge, eine Informatikerin, die sich aus Überzeugung, das digitale-technische sei nicht genug, radikalisiert und Anschläge verübt, und die zum Schluss nicht durch Technik, sondern durch einen bloßen Faustschlag gestoppt wird.

„Das Haus“ von Dirk Kurbjuweit ist ein anderes bemerkenswertes Beispiel für die Komplexität des Zusammenspiels von Gesellschaft und Individuum, vermittelt durch Technik. Um den politischen und beruflichen Konsequenzen aus Johanns journalistischen Tätigkeiten zu entgehen, fährt das Paar Johann und Lucia in ihr Urlaubshaus auf einer Hallig. Die politischen Verhältnisse in Deutschland haben sich geändert, zum negativen nationalistischen. Johann wurde mit einem Veröffentlichungsverbot bestraft. Das Haus soll den beiden den nötigen Schutz vor weiterer Verfolgung durch staatliche Institutionen und etwas Entspannung bieten. Doch während ihrer Zeit auf der Insel müssen sie erkennen, dass das technisch hochaufgerüstete Haus nicht zu ihrem Schutz agiert. Das überspitzte Szenario lässt die Leserin etwas kritischer über die zeitsparenden und unterhaltenden Möglichkeiten von Smart Home nachdenken.

Fast alle Geschichten in diesem Band sind Dystopien, sie hinterlassen einen bitteren Beigeschmack, der den eigenen Optimismus für die Zukunft dämpft. In seinem Nachwort schreibt der österreichische Zukunftsforscher Reinhold Popp, dass es einen motivationalen roten Faden der Autor_innen zu geben scheint: In den Texten wird „[…] die große Sehnsucht nach einem mitmenschlichen Zusammenleben und nach sozialem Zusammenhalt deutlich erkennbar.“ Nicht zuletzt machen die hier versammelten Geschichten über den wohl spekulativsten Gegenstand der Literatur, die Zukunft, einmal mehr klar, dass neben all der digitalen Technik das physische und subjektive Erleben und Wahrnehmen des Menschen in seinem Facettenreichtum und seiner Komplexität wohl nicht so leicht zu täuschen oder nachzuahmen ist. Denn: „Was kann nur ein Buch?“

Der Sammelband 2029 – Geschichten von morgen wurde von Stefan Brandt, Christian Granderath und Manfred Hattendorf im Suhrkamp Verlag herausgegeben, enthält elf Erzählungen und hat 541 Seiten.

Beitragsbild: © Suhrkamp Verlag