Kategorie: Rezensionen

„Peter Doherty: Stranger in My Own Skin“ (2023)

Seinen Durchbruch feierte Pete Doherty als Frontmann der Libertines. Er gilt als der Vorzeige-Indie-Rocker der 00er-Jahre. In den britischen Tabloids schlägt er auch hohe Wellen – mit seinem Privatleben: der Beziehung zu Supermodel Kate Moss und seiner Heroinsucht. Die jüngst erschienene Dokumentation „Peter Doherty: Stranger in My Own Skin“ von Katia deVidas, Filmemacherin und Frau von Doherty, zeigt den privaten Pete Doherty. Und kommt ihm dabei sehr nah. Fast zu nah.


Als Filmmacherin Katia deVidas 2006 engagiert wird, ein Babyshambles-Konzert zu filmen, trifft sie zum ersten Mal auf Pete Doherty. Es entsteht eine enge Freundschaft und deVidas beginnt Dohertys Leben, insbesondere das abseits der Bühne und der Öffentlichkeit, zu dokumentieren. 10 Jahre lang. Und sie hört erst auf zu filmen, als die beiden ein Paar werden. 200 Stunden Filmmaterial hat sich zu diesem Zeitpunkt bereits angesammelt. Das 90-minütige Porträt „Peter Doherty: Stranger in My Own Skin“ zeigt eindrücklich Dohertys Kampf mit der Drogenabhängigkeit. Dem eigenen hohen Anspruch „pure truth“ darzustellen, kann es dabei aber nicht gerecht werden.

Pete Doherty wächst buchstäblich hinter Stacheldraht auf: Sein Vater ist beim britischen Militär und die Familie lebt auf verschiedenen Armeestützpunkten. Der junge Pete fühlt sich nie dazugehörig. Er zeigt früh Interesse an Literatur, beginnt zu schreiben und studiert später englische Literatur. Dann plötzlich die Begegnung mit seinem kreativen Seelenverwandten Carl Barât, die alles für immer verändert. Mit der Band The Libertines werden sie in kürzester Zeit zu den Rettern der britischen Musikszene, „den nächsten Beatles“, wie Mick Jones (The Clash) sagt. Wir sehen Fernsehauftritte bei Jools Holland, Top of the Pops und viele (NME-)Magazincover, die die Libertines und vor allem Doherty und Barât feiern. Für ihre Musik, aber auch für alles, was sie darstellen: ihre Rebellion und ihren Exzess

© Fédération Studio France-Wendy

Dann wird es ruhiger. Wir lernen den privaten Doherty kennen. Er ist charmant, kunstinteressiert und etwas spitzbübisch. Er ist ein junger Mann, der eine romantische Vorstellung des leidenden Künstlers hat und sich selbst in dieser Rolle gefällt. Er schreibt auf einer Schreibmaschine und Füllfederhalter, ist fasziniert von Paris und der Bohème. Gleichzeitig sucht er nach seiner Herkunft in einem mythischen Albion (altertümliche Bezeichnung für Großbritannien). Seine Vorbilder sind Oscar Wilde, James Joyce, Fjodor Dostojewski und Hunter S. Thompson, nicht nur literarisch. In den Drogen sieht Doherty zu Beginn eine mögliche Inspirationsquelle. Als er das erste Mal Heroin raucht, erzählt er, erwartet er offenbarende Träume. Er wird enttäuscht.

In seiner Sucht ist Doherty lethargisch, wirkt hilflos und zerbrechlich. Alles an ihm und um ihn herum ist kaputt. Sein Körper, seine Haut, seine Kleidung, seine Wohnung, die Möbel. Überall herrschen Unordnung und Chaos. Er möchte es hier rausschaffen, sagt er, und setzt sich kurz danach eine Spritze Heroin.

© Fédération Studio France-Wendy

Einige Momente stechen in der 90-minütigen tragischen Erzählung besonders heraus:

Pete Doherty braucht Geld. Dringend. Um eine Entziehungskur in Thailand zu finanzieren. Und bis es so weit ist, für seinen Konsum. Es wird eine „Auktion“ abgehalten. Diese wirkt eher wie ein Verscherbeln von Petes Kunstwerken und Habseligkeiten. Die Bietenden rechnen wohl mit einem frühen Ende Dohertys und der drastischen Wertsteigerung ihrer Käufe.

Kurz vor dem Entzug: Das Publikum sieht Pete in seiner Pariser Wohnung – unbeteiligt und abwesend. Er hat den ersten Flug verpasst. Auch in den darauffolgenden Tagen verschiebt er seinen Abflug auf unbestimmte Zeit. Er habe Angst, erzählt Doherty Katia deVidas, die ihn wie immer filmt. Er könne die Wohnung nicht verlassen. Der Gang zum Geldautomaten sei ihm unmöglich, eine unüberwindbare Hürde. Er wolle noch warten, vielleicht würde er ja doch noch – von wem auch immer – wundersam erlöst. Dann bindet er sich den Arm ab und nimmt Heroin. Es frustriert, Doherty so zu sehen. Gleichzeitig hat man Mitleid und fühlt sich unwohl, ihn in dieser Situation, in der er so verletzlich ist, zu beobachten.

Mehrfach muss man zusehen, wie sich Doherty Heroin aufkocht, die Spritze präpariert und sich den Arm abbindet. Dass abgeblendet wird, bevor die Nadel unter die Haut geht, hilft dabei nicht. Denn die Kamera ist wieder dabei, als die Drogen zu wirken beginnen. Wenn Pete Doherty nicht mehr ansprechbar ist und scheinbar alles Lebendige seinen Körper verlässt. Man kann solche Szenen mit dem Schlagwort „schonungslos“ überschreiben, aber auch mit „grenzwertig“ und teilweise „eine Zumutung“.

Die Nähe zu Pete Doherty ist Gewinn und gleichzeitig Problem dieses sehr intimen Porträts. DeVidas‘ Blick ist befangen. Eine außenstehende Person, die die Aufnahmen kommentiert und es wagt, den doch bewundernden Blick von Doherty abzuwenden, um ihn auch auf sein näheres Umfeld zu lenken, hätte dem Film gutgetan. Viele Themen, wie der tragische und noch immer unaufgeklärte Tod Mark Blancos auf einer Party, die auch Doherty besuchte und die CCTV-Aufnahmen, die Doherty zeigen, wie er am leblosen Körper Blancos vorbeiläuft, bleiben unangesprochen. Als Ergänzung empfiehlt sich hier das Gespräch, das Journalist Louis Theroux im Rahmen seiner BBC-Doku-Reihe „Louis Theroux Interviews“ mit Pete Doherty führt.

Während der Film das von Doherty geschaffene Bild des leidenden Künstlers weiter inszeniert, bricht er am Ende dankenswerterweise mit der Idee der heiligen Inspiration „Droge“. Also der Idee des Künstlers, der im Drogenrausch zu neuen künstlerischen Dimensionen aufsteigt. Doherty stellt für sich fest: Er sei Künstler trotz der Drogen.


„Peter Doherty: Stranger in My Own Skin” ist seit dem 16. November 2023 in deutschen Kinos zu sehen.

 

 

Hier geht’s zum Trailer:

Quelle: YouTube

 

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Voodoo trifft Post-Punk. Willkommen im YUM YUM CLUB

Wo sich Lo-Fi, Psychedelic, Krautrock, Noise, Bläser und wilde Percussions gute Nacht sagen: YUM YUM CLUB präsentieren ihr Debütalbum FULL HD.


Julian Knoth, bekannt durch DIE NERVEN, und sein Bruder Philipp Knoth, vor allem bekannt durch Karies, haben sich die zwei Multi-Instrumentalisten Paul Albrecht aka Sloe Paul und Mari Schwingel geschnappt und ein neues Projekt gegründet: den YUM YUM CLUB. Selbst produziert, gemischt von Max Rieger (auch DIE NERVEN) erschien diese Woche FULL HD: ein genauso irritierendes wie berauschendes Debütalbum von YUM YUM CLUB.

Irritierend ist die Platte schon von außen. Wie kann etwas so sehr vor Lo-Fi und Noise triefen, das FULL HD heißt? Und sind für ein musikalisch so breit aufgestelltes Projekt wirklich ausgerechnet die kulinarisch eintönigen Yum Yum Noodles namensgegebend? Und wer führt auf dem verpixelten Cover eigentlich wen spazieren? Der Hund die Drohne oder die Drohne den Hund?

Nach Lektüre des Albums erscheint der öffentliche Auftritt jedoch stimmig zum Hörerlebnis. Dargeboten wird ein entgrenzter, verspielter Post-Punk. Beklommen und selbstbewusst. Weltabgewandt und tanzbar. Während die Geschwisterprojekte, vor allem DIE NERVEN, zuletzt immer sortierter klangen, geht YUM YUM CLUB zurück zu den rohen Wurzeln. FULL HD klingt, als hätten die CLUB-Mitglieder ihr Streben bis zu diesen Wurzeln zurückgeschnitten und als wären ihre musikalischen Triebe nochmal völlig neu ausgeschlagen. Nicht wirklich zur Sonne, sondern eher in die Breite, zu anderen Genres.

Hier trifft Lo-Fi auf Percussions, Synthie- treffen auf Bläser-Spuren und Voodoo-Chöre. Manche Songs wie der nichtmal einminütige DER HUND SIEHT AUS WIE EIN SCHAL brechen wütend aus. Andere versinken in ständig wiederholten, ängstlichen Parolen (HEUTE NICHT RAUS). Dann wieder gibt es experimentelle Songs wie ALLES TOT, der fast nach Mariachi klingt. Das Krautrock-Outro SAUBERMANN rundet den Eindruck ab, viel erlebt und wenig verstanden zu haben. So als hätte FULL HD den Soundtrack zu einem Film präsentiert, den man nicht kennt – der aber fantastisch sein muss.

Apropros Film, auch visuell ist die Band durchaus überfordernd – YUM YUM CLUB mit ihrem Musikvideo zu SECURITY MANN:

Quelle: YouTube

Das Album FULL HD der Band YUM YUM Club erschien am 28.7.23 bei tomatenplatten und hat 12 Tracks.

Coverbild: © YUM YUM CLUB / Tomatenplatten

 

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Liebesgeschichte im Alkoholrausch. Martin Suters „Melody“

Es geht um gutes Essen, viel Alkohol und eine tragische Liebeserzählung. Und lange fragen sich die Leser*innen wie auch der Protagonist Tom, worauf das hinausläuft. Sicher ist: Es wird auf etwas hinauslaufen. Sonst wäre es kein Roman von Martin Suter.


Eigentlich soll der junge Jurist Tom den Nachlass des reichen und schwerkranken Dr. Peter Stotz, einst Politiker und Nationalrat, ordnen. Und dafür sorgen, dass jener nach seinem Tod noch so gesehen wird, wie er Zeit seines Lebens gern gesehen worden war. Für diesen Job hat ihm Dr. Stotz ein Angebot gemacht, dass er nicht ablehnen konnte. Sogar in die Villa am Zürichberg war Tom gezogen. Doch zwischen hervorragendem italienischen Essen der Köchin Mariella und regelmäßigen Drinks mit seinem Chef kommt er kaum dazu, die Papiere zu schreddern, so wie es ihm Dr. Stotz aufgetragen hat. Irgendwann interessiert Tom auch nur noch eins: die geheimnisvolle junge Frau, deren unzählige Porträts in der Villa hängen, und Antwort auf die Fragen zu finden, was mit ihr passiert ist.

Martin Suter ist für seinen schnörkellosen Schreibstil bekannt. Seine Romane funktionieren ohne große Ausschmückungen und Pomp. Jeder Satz in einem Text des Schweizer Bestsellerautors hat seine Berechtigung und eine Funktion, die sich später offenbart. Doch in seinem neuen Roman „Melody“ ist etwas anders. Ungewöhnlich detailliert und an einigen Stellen etwas langatmig werden Räume, Mahlzeiten, alkoholische Getränke und Gespräche beschrieben. So wird den Leser٭innen kein Wort vorenthalten, wenn Dr. Stotz – am Kamin sitzend mit unzähligen Drinks intus – ausschweifend von seiner Vergangenheit erzählt. Von seiner großen Liebe Melody, die kurz vor der Hochzeit vor 40 Jahren plötzlich und spurlos verschwand. Hier schiebt sich eine zweite Ebene ins Erzählte. Stotz wird zum intradiegetischen Erzähler, einem Erzähler in der erzählten Welt.

Seitenlang wechseln sich beide Welten ab – die Welt in der Villa und die Welt um die Liebe zu Melody. Und immer lauter wird die Frage, worauf eigentlich hingearbeitet wird. Denn erfahrene Suter-Leser٭innen ahnen: Auch für das Hinhalten wird es einen Grund geben. Der große Twist wird kommen, irgendwann. Doch zuvor merken sie, wie auch Tom immer ungeduldiger wird und anfängt, nachzuforschen: Er spricht mit Stotz’ Bediensteten über Melody. Er versucht, den Dokumenten etwas zu entnehmen. Er betritt private Räume, in denen er nichts verloren hat, und fliegt prompt auf. Denn das Haus hat Augen und nichts ist, wie es scheint. Das wird ihm irgendwann bewusst.

Vielleicht haben einige Leser٭innen bald eine Vermutung, wie das Ganze enden, ja, wohin der Plot führen wird. Und doch kommt es ganz anders als gedacht. Wie so oft bei Suters Romanen. Ob das überraschende Ende den vorherigen Spannungsbogen trägt, muss jede٭r Leser٭in selbst entscheiden. Sicher ist: „Melody“ ist ein runder, gut zu lesender Roman – wenn auch nicht Suters bester.


„Melody“ von Martin Suter erschien im März 2023 im Diogenes Verlag und hat 336 Seiten.

Buchcover: © Diogenes Verlag

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Last Night in the Bittersweet von Paolo Nutini

Lange war es still um den schottischen Künstler Paolo Nutini. Ganze acht Jahre sind vergangen seit seiner letzten Veröffentlichung. Im Juli meldete sich Nutini mit einem Album und Sound zurück, mit dem wohl niemand gerechnet hat. Über einen Künstler, der sich ständig weiterentwickeln will und dies auch kann.


Paolo Nutini ist zurück. Nach „These Streets“ (2006), „Sunny Side Up“ (2009) und „Caustic Love“ (2014) veröffentlicht Nutini sein viertes Studioalbum „Last Night in the Bittersweet“ (2022). Und man darf sagen: endlich! Acht Jahre musste man sich in Geduld üben. Nicht zum ersten Mal, denn Paolo Nutini ergibt sich nicht dem gewohnten Release-Rhythmus von zwei bis drei Jahren. Er nimmt sich Zeit. Nutini möchte sich weiterentwickeln und nicht wiederholen. Das, so viel sei schon vorab verraten, ist ihm mehr als nur gelungen. „Last Night in the Bittersweet“ ist eine 72-minütige in 16 Songs verpackte Masterclass, die sich so leicht nicht in Worte fassen lässt. Aber einen Versuch ist es wert.

Das Album eröffnet mit unerwarteten Klängen: In „Afterneath“ baut sich die Musik bedrohlich schleichend auf, durchsetzt von Klagerufen Nutinis, gefolgt von einem Sample von Patricia Arquette aus Tarantinos „True Romance“ (1993) sowie Beatnik-Poesie. Das ist erst einmal eine Ansage! Mit „Radio“ folgt eine melancholische Ballade, die ganz unaufgeregt daherkommt und gleichzeitig entwaffnend ehrlich ist.

Radio (Live In The Bittersweet)

Gemeinsam mit „Through the Echoes“ spannt „Radio“ eine verbindende Brücke zum 2014 erschienen Album „Caustic Love“. Sie bieten sicheres Geleit für die Hörer*innen ins neue Album, um dann sofort Platz zu machen für basslastigen Post-Punk-Sound („Acid Eyes“) und mit „Lose It“ Krautrock wieder aufleben zu lassen.

„Lose It“ bei Later with Jools Holland vom 11.6.2022

In der zweiten Hälfte lässt sich Nutini weiter treiben durch die weite Welt der Musik-Genres: Von Fleetwood-Mac-/Stevie-Nicks-Hippie-Rock („Children of the Stars“) über New-Wave-Pop („Petrified in Love“) bis hin zur Piano-Ballade „Julianne“, die ganz im Stile Paul McCartneys ist. Dieser Sound-Mix dürfte eigentlich nicht funktionieren und wenn dann nur in Form eines Compilation-Albums. Doch „Last Night in the Bittersweet“ funktioniert. Gut sogar. Sehr gut. Denn alles wird von zwei Dingen zusammengehalten: viel Emotion und Paolo Nutinis Stimme.

„Through the Echoes” bei Later with Jools Holland vom 11.6.2022

Und das Album funktioniert auch live. Auf der Bühne ist die Transformation des Künstlers sogar noch deutlicher zu sehen. 2007 stellte Rod Stewart in einer BBC-Dokumentation, die Nutini auf US-Promo-Reise seines ersten Albums „These Streets“ begleitete, fest: „He’s a bit awkward on the microphone at the moment. (…) He’s got to look at the audience more.“ Nutini hat damals noch fast ausschließlich vorneübergebeugt (man kann es nicht anders sagen) und mit geschlossenen Augen gesungen. Im Laufe der Jahre hat er sich aufgerichtet und angefangen, auf der Bühne zu tänzeln, das erinnerte aber eher an den etwas hüftsteifen Onkel auf einer Hochzeitsfeier. Und 15 Jahre später?

Als Paolo Nutini am Montagabend, den 26.9.2022, die Bühne des ausverkauften Leipziger Täubchenthals betritt, ist von Unbeholfenheit am Mikrofon nichts mehr zu sehen. Völlig gelöst, grinsend von einem Ohr zum anderen, steht und tanzt Nutini über die Bühne, hält lange und intensiven Blickkontakt mit dem Publikum. Als hätte dieses Album auch für die Liveshows eine Befreiung gebracht. Nutini und seine grandiose Band haben sichtlich Spaß an dem, was sie tun. Und das Publikum dankt es ihnen lautstark.

© Shamil Tanna / Atlantic Records UK

Am Ende des Konzertabends sitzt Paolo Nutini allein auf der Bühne: ohne Backdrop, ohne Video im Hintergrund, ohne Lichteffekte, ohne Band. Nichts lenkt ab, nichts, womit er konkurrieren müsste aber auch nichts, hinter dem er sich verstecken könnte. Er beendet den Abend wie auch das Album mit „Writer“, dem wohl persönlichsten Lied des Albums. „This is as honest as I can possibly be”, erklärt Nutini. Und das geht am besten mit der Akustikgitarre und dieser einzigartigen Stimme.


„Last Night in the Bittersweet“ erschien am 1. Juli 2022 bei Warner.

Titelbild: © Last Night in the Bittersweet, Shamil Tanna / Atlantic Records UK 

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Fett, Schweiß und Zersetzung in Niendorf 

Wenn der Verlag einen Roman als „eine Art norddeutsches ‚Tod in Venedig‘“ ankündigt, sind die Erwartungen hoch. Es sei denn die Betonung liegt auf „eine Art“. Denn bei einem Vergleich zwischen Thomas Mann und Heinz Strunk wird man beiden nicht gerecht.


Nein, Heinz Strucks neuer Roman „Ein Sommer in Niendorf“ ist nicht „Tod in Venedig“. Aber ja, vielleicht ist er eine Art „Tod in Venedig“, dann aber auch eine Art „Die Verwandlung“ oder eine Art „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“. Am Schluss ist er jedoch ein Roman, der für sich und gleichzeitig ganz in der Tradition der Heinz-Strunk-Werke steht. Denn worum geht es? Es geht um die Abgründe des männlichen Seins, es geht um das Unappetitliche, es geht um menschliche Ausdünstungen, Essensmief, Körper- und andere Flüssigkeiten. Es geht um „einen eifleckigen, einen Geruch hinter sich herziehenden Freak“.

Dabei fängt er doch so sauber und geordnet an, der Plot. Anwalt Dr. Roth, 51, mitten im Berufsleben stehend, gönnt sich eine dreimonatige Auszeit zwischen zwei Jobs im schleswig-holsteinischen Niendorf an der Ostsee. Als Ortsteil der Gemeinde Timmendorfer Strand verspricht dieser Aufenthaltsort wenig Aufregung und Ruhe zum Schreiben. Genau das, was der Protagonist sucht, will er doch nichts weniger als einen Bestseller schreiben – über seine bürgerliche Familie. Diese Rechnung hat er jedoch ohne seinen Vermieter, dem Strandkorbverleiher und Spirituosenladenbesitzer Breda, gemacht. Herr Breda ist die Personifizierung von allem, was Roth verabscheut. Von allem, was Roth niemals werden will, niemals sein möchte, nie sein wollte. Doch die Langweile, die Trostlosigkeit, die Einsamkeit und der Wunsch nach Gesellschaft regelt das. Und viel zu später merkt Roth, dass seine Verwandlung bereits in vollem Gange ist.

Aber ist es wirklich eine Verwandlung? Kämpft sich da nicht eher etwas an die Oberfläche, was immer schon tief in ihm geschlummert hat? Oder ist es doch ein Befreiungsschlag aus einem Leben, das er schon lange nicht mehr leben wollte? Fest steht, irgendwas passiert mit dem Protagonisten. Und lange ist nicht klar, wohin das führen wird und was das alles in der Konsequenz bedeutet.

Währenddessen werden die Leser*innen durch den Plot geführt wie durch ein Horrorkabinett. Denn Strunk porträtiert einmal mehr den Blick seines Protagonisten auf seine Mitmenschen. Und dieser ist meist kein freundlicher, wohlwollender, sondern ein abfälliger, ein oberflächlicher, auf das Äußere reduzierender Blick: Ihre abstoßenden Gerüche werden beschrieben, ihre gelb verfärbten Achselhöhlen und ihre Haut, die die „Farbe von fauligem Obst angenommen“ hat. Das ist nicht neu, werden doch die Protagonisten (nicht gegendert, da ausschließlich männlich) in Strunks Romanen weniger über die Schilderung ihrer Gefühlswelt, ihres Innenlebens charakterisiert, als mehr darüber, wie sie die Welt um sich herum sehen, ertasten, riechen, schmecken und verurteilen. Und das ist es, was Strunks Werke ausmacht: seine sehr detailreichen Beschreibungen neben den pointierten Dialogen, die lustig und tieftraurig zugleich daherkommen.

Doch zwischen diesem Abstoßenden und Trübsinnigen gibt es einen Lichtblick in „Ein Sommer in Niendorf“: das ältere Ehepaar Klippstein. Können sie Dr. Roth retten?

Nein, Heinz Strucks neuer Roman „Ein Sommer in Niendorf“ ist nicht „Tod in Venedig“. Und auch keine Sommerlektüre im klassischen Sinne. Aber er liest sich schnell und er unterhält. Doch eines muss wirklich einmal ausführlich analysiert und diskutiert werden: das Frauenbild ins Strunks Werken. Denn auch in diesem Roman wirft es einige Fragen auf.


„Ein Sommer in Niendorf“ von Heinz Strunk erschien im Juni 2022 im Rowohlt Verlag und hat 240 Seiten.

Buchcover: © Rowohlt-Verlag 

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Falling – Über die Unbarmherzigkeit von Demenz

„Falling“ ist schonungslos, fordernd und gleichzeitig von seltsamer Schönheit. Über das ambitionierte Regiedebüt von Viggo Mortensen.


Altern, toxische Männlichkeit, Demenz und der stetige Kampf um die Liebe und Akzeptanz des eigenen Vaters. Das sind sensible und anspruchsvolle Themen für einen Film, noch dazu für ein Regiedebüt. Liest man jedoch den Namen des Mannes, der sich dieser Themen angenommen hat, schwindet die Skepsis und das Interesse steigt: Viggo Mortensen. Der Schauspieler, Fotograf, Maler, Schriftsteller, Musiker (und rechtmäßiger König von Gondor) scheint so gar nicht in die glitzernde Welt Hollywoods zu passen. Seinen Weltruhm der Herr-der-Ringe-Saga hat Mortensen genutzt, um an Filmprojekten außerhalb der Hollywood-Blase und in Sprachen abseits von Englisch mitzuwirken. Jauja von Lisandro Alonso und Loin des hommes (Den Menschen so fern) von David Oelhoffen sind hier besonders sehenswerte Beispiele.

Nun hat sich Mortensen zum Regisseur entwickelt, und zu einem Drehbuchautor – das Drehbuch zu „Falling“ hat er nämlich auch selbst geschrieben.

Sohn John (Viggo Mortensen) mit Vater Willis (Lance Henriksen), © PROKINO

Ein Wiedersehen von Vater und Sohn

Der Film „Falling“ handelt von einer Vater-Sohn-Beziehung, die geprägt ist von konservativen Rollenbildern, Gewalt und Enttäuschung. Sohn John (Viggo Mortensen) konnte seit seiner Kindheit den Erwartungen seines Vaters Willis (Lance Henriksen) nicht entsprechen. Dies lässt ihn sein Vater bei jeder Gelegenheit spüren. Der nun erwachsene John hat sich komplett vom Vater abgewandt, ist ans andere Ende der USA gezogen und führt ein glückliches Leben in Kalifornien mit Ehemann Eric und Adoptivtochter Mónica. Sein mittlerweile verwitweter Vater lebt allein auf der im ländlichen New York gelegenen Familienfarm. Als dieser an Demenz erkrankt und nicht mehr für sich selbst sorgen kann, erklärt Willis sich widerwillig bereit, zu seinem Sohn nach Kalifornien überzusiedeln, in eine Welt, die er zutiefst verabscheut.

Willis (Lance Henriksen), © PROKINO

Ring frei für Lance Henriksen

Vater Willis ist ein alter, knorriger Mann, gezeichnet vom harten Farmleben, mit schneeweißen Haaren und konservativ bis aufs Mark. Die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau scheint für ihn naturgegeben, ebenso, was einen echten Mann auszumachen hat.

Willis ist direkt, geradeheraus und sagt ohne Umschweife was er denkt – ohne Rücksicht auf seine Umgebung. So gehören rassistische Ausdrücke ebenso zu seinem Standardrepertoir wie homophobe Beleidigungen. Wenn er flucht und schimpft, dann sind das keine beiläufigen, vor sich hingemurmelten Bemerkungen, seine Beleidigungen knallen wie Peitschenhiebe und seine Worte hängen lange im Raum und drohen die Luft zu vergiften. Ziel seiner Beleidigungen ist der eigene Sohn. Dieser gibt ihm nur selten kontra, versucht diplomatisch zu sein und Schwester Sarah, gespielt von Laura Linney, ist ihrem Vater gegenüber absolut hilflos. Weglächeln kann man die Beleidigungstiraden gegen seinen Sohn und seine Familie nicht, zu persönlich, zu verletzend und zu ehrlich empfunden sind diese.

Lance Henriksens ist großartig als Vater Willis. Seine sonore Stimme füllt jeden Raum und strotzt geradezu beängstigend vor Kraft. Doch Henriksen trifft auch die leisen Töne. Auf subtile Weise schafft er den Wechsel von Aggression zu Verzweiflung und Hilflosigkeit. Plötzlich sieht man Willis in einem anderen Licht. Man sieht den alten Mann, der er ist, der die Kontrolle verliert über sein Gedächtnis und seinen Verstand.

Der junge John (Grady McKenzie) mit dem jungen Vater Willis (Sverrir Guðnason), © PROKINO

Rückblenden: Zwischen Realität und Verklärung

In vielen Rückblenden lernen wir den jungen Willis kennen, gespielt von Sverrir Guðnason (bekannt aus Mankells Wallander), der sich zunächst Mühe gibt, eine Beziehung zu seinem Sohn aufzubauen. Die allmähliche Enttäuschung über die Entwicklung, die sein Sohn und Willis‘ Frau, die den Jungen zu schützen versucht, vollziehen, lässt ihn immer dominanter, aggressiver und bedrohlicher werden. Guðnason verkörpert die Rolle eines Mannes, der sich mehr und mehr verloren und überfordert fühlt und dieses Gefühl mit Aggression und Gewalt zu kompensieren versucht, erschreckend überzeugend. Ein glücklicher Gesichtsausdruck und ein verliebtes Lächeln wechseln in einem Bruchteil einer Sekunde zu einem eiskalten und fiesen Blick voller Verachtung für seine Mitmenschen.

Die Rückblenden offenbaren zudem Willis Zustand im Hier und Jetzt. Je unsicherer der nun alte Willis ist, desto schöner, wärmer und verklärter werden seine Erinnerungen. Je idyllischer Willis Erinnerungen jedoch sind, desto stärker drängen sich die grausamen Erinnerungen des verletzten, jetzt erwachsenen Sohns in den Vordergrund. Wessen Erinnerungen der Wirklichkeit entsprechen, bleibt offen, vermutlich aber beide.

Beruhigendes Naturidyll

Der beschwerlichen Vater-Sohn-Beziehung stellen Mortensen und der dänische Kameramann Marcel Zyskind Naturaufnahmen entgegen. Jede Komposition ist dabei so schön, dass man sie gerne Rahmen möchte. Dieser Blick in die Natur gibt der Geschichte und den Emotionen Raum und ermöglicht gleichzeitig Momente, die verkrampften Fäuste zu lösen und tief durchzuatmen. Um sich dann wieder der Wut und Verachtung des Vaters ausgesetzt zu sehen, sodass der Atem wieder stockt und der Körper verkrampft.

Mit „Falling“ hat sich Viggo Mortensen viel vorgenommen und viel geschafft. Er beleuchtet die Unbarmherzigkeit der Krankheit Demenz und zeichnet eine Vater-Sohn-Beziehung, die neben der Krankheit vielen Belastungen ausgesetzt ist, nicht zuletzt der Vergangenheit, die mehr und mehr verschwimmt.

Titelbild: © PROKINO

Die Weltpremiere fand im Rahmen des Sundance Film Festivals im Januar 2020 statt. Seinen deutschlandweiten Kinostart hat „Falling“ am 12. August 2021.

Hier gibt es schon mal den Trailer:

Quelle: YouTube

Wiener Vagabunden-Jugend

Die österreichische Autorin und Humoristin Stefanie Sargnagel hat mit „Dicht“ einen unterhaltsamen Coming-of-Age-Roman geschrieben – über eine Wiener Herumtreiber-Jugend in Parks, vor Clubs und in Privatwohnungen abgedrehter, aber liebenswerter Freunde mit Zigaretten, Joints und viel Bier. Die Schule hingegen kommt konsequent schlecht weg.


Es ist eine ganz eigene Welt, in die Stefanie Sargnagel ihre Leserinnen und Leser in „Dicht“ mitnimmt, eine Welt, auf die man sich am Anfang ein wenig einlassen muss, was allerdings aufgrund des heiteren und unverkrampft humorvollen Erzähltons der Autorin nicht weiter schwerfällt. Bereits nach einigen Seiten fühlt man sich wieder in die eigene Jugend zurückversetzt, als Autoritäten infragegestellt wurden, wenn auch vielleicht nicht ganz so radikal wie das die Protagonistin von „Dicht“ tut, indem sie die Schule („Maturafabrik“, „gewalttätiger Polizeistaat“) schwänzt, den Unterricht verweigert und während ihrer so gewonnenen Zeit im Wiener Bezirk Währing herumstreicht wie eine junge, moderne Vagabundin.

Dabei sind die Verhältnisse in ihrer Familie im Grunde, wenn man von einigen Makeln absieht, geordnet: Vater und Mutter leben getrennt und der Vater lässt sich kaum blicken. Doch die Mutter arbeitet als Krankenschwester und kümmert sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten darum, dass ihre Tochter die Matura schafft, selbst wenn sie als alleinerziehende berufstätige Frau zunehmend von der rebellierenden Haltung ihrer Tochter überfordert ist und diese in einer Art Laissez-faire immer mehr gewähren lässt. Großeltern oder andere enge Verwandte kommen in dem kleinen Währinger Familienkosmos nicht vor.

Die Jugend der Protagonistin spielt sich im Laufe dieses autofiktionalen Romans an wechselnden Schauplätzen ab – in den „Beisl“ genannten Kneipen, in Wiener Parks, in Privatwohnungen, vor Clubs –, die alle gemeinsam haben, dass dort bereitwillig geraucht, gekifft und Alkohol getrunken wird. Mit dabei ist meist ihre beste Freundin Sarah, die allerdings im Gegensatz zur Erzählerin in der Schule weiterhin fleißig mitarbeitet und letztlich auch ihre Matura besteht, obwohl sie gleichzeitig von ihrem Freund Peter schwanger ist. Mit der Zeit bildet sich eine Gruppe von recht bunt zusammengewürfelten Freunden, die sich regelmäßig treffen und zu denen je nach Zeit und Laune einzelne Personen dazu stoßen und diese meist schnell auch wieder verlassen – Obdachlose, psychisch Kranke, Freaks, Drogensüchtige, Punks, in der Stadt bekannte Herumtreiber, einmal sogar zwei Nazis.

Zuerst streifen die Erzählerin und ihre Freundin durch die Kneipen des Bezirks wie das „Joe’s“ oder das „Café Stadtbahn“ und analysieren die Gesellschaft, die Schule und ihre Probleme. Auch im Türkenschanzpark treffen sie sich am Nachmittag regelmäßig mit einer Gruppe. Während für die Protagonistin die Schule immer mehr zur Last wird, versucht Sarah, ihr durch Mitschriften zu helfen. Die Erzählerin möchte vor allem zeichnen – dies tut sie auch während des Unterrichts, worüber die Lehrer sich beschweren. Über sich selbst sagt sie, dass sie bereits sechs Jahre Zeit hatte, sich den Ruf an dem humanistischen Gymnasium, auf das sie geht, zu verderben.

Im Beisl lernen die beiden auch Michael kennen, der „Aids Michl“ genannt wird, weil er HIV-positiv ist. Mit seinen lustigen Aphorismen, seiner verschmitzten Art und seinen ausgefallenen Witzen bringt er die jugendlichen Mädchen auf seine Seite – und sie freunden sich mit ihm an. Nachdem sie einmal mit zu ihm nach Hause gegangen sind, in eine relativ große, spartanisch eingerichtete Wohnung, treffen sie sich von da an immer bei „Michi“ zuhause. Jeden Nachmittag kommt eine Gruppe von Stammgästen in Michaels Wohnung, um zu reden, zu trinken, zu rauchen und um sich die Zeit zu vertreiben, denn angesichts der Macken und Ecken und Kanten, die so mancher der Freunde mitbringt, wird es dort selten langweilig.

Michael, der hin und wieder in der Psychiatrie untergebracht wird, um wieder auf die Beine zu kommen, hat trotz aller guter Laune auch seine traurigen Tage, während sich manch anderer Gast scheinbar permanent in Hochstimmung befindet. Die beiden Mädchen nehmen die oft außergewöhnlichen Leute, die sie bei Michi treffen, so hin, wie sie sind – eine sehr angenehme Art, mit Menschen umzugehen, von der man sich etwas abschauen kann.

Der vorherrschende Tonfall in „Dicht“ ist der der heiter-humorvollen Ironie und des Unernsts, ohne dass den Dingen dadurch ihre Bedeutung genommen wird, weil alles als ironisch aufzufassen ist. Müsste man ein Sinnbild für die Erzählerin und ihre Freundesclique wählen, wäre es wohl ein herumreisender Hofnarr der Heutezeit, der die Gesellschaft durchschaut hat, in der er lebt, oder der nie erwachsen werdende WG-Bewohner, der von einer Party zur nächsten zieht und sein Studium schleifen lässt.

Das alles ändert nichts daran, dass auch ernste Themen wie Schulabbruch, Depression, Schizophrenie, Psychiatrie, Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit zur Sprache kommen, allerdings nicht mit erhobenem Zeigefinger und ohne jeglichen didaktischen Impetus. Die selbstverständliche Thematisierung psychischer Krankheiten in diesem Roman vermag dem Thema vielleicht ein wenig seinen Schrecken zu nehmen und zur Normalisierung dieser Erkrankungen beizutragen. Dass dennoch Drogen so präsent sind, kann man zumindest fragwürdig finden; immerhin kann auch das hier allgegenwärtige Cannabis, das die Erzählerin und ihre Freundin in zwielichtigen Kneipen erwerben, Psychosen auslösen. Als die Hauptfigur nach einem missglückten LSD-Trip beim Kiffen jedesmal doppelt sieht und andere Nebenwirkungen hat, gibt sie die weiche Droge allerdings auf und verlegt sich auf den Alkoholkonsum.

Eine witzige Nebenhandlung ist auch der Versuch der beiden Freundinnen, sich als Umweltaktivistinnen zu betätigen. Durch eine Greenpeace-Broschüre werden sie auf die Umweltbewegung aufmerksam und möchten in den Ferien zu einem Jugendumweltcamp in den Niederlanden fahren. Da sie die politischen Workshops dort langweilen, vergnügen sie sich lieber in dem dem Campingplatz benachbarten Freizeitpark mit Attraktionen und Popcorn. Und bei einem Ausflug nach Amsterdam ziehen sie trotz aller Verbote solange von einem Coffeeshop zum nächsten, bis sie etwas Gras erhalten.

Allgemein verkommt jede politische Tätigkeit, jede Art von versuchtem politischen Engagement bei Sargnagel rasch zur Karikatur und zur Quelle von Langeweile. Ist dies Ausdruck eines Glaubens daran, dass man in unserer ausdifferenzierten Gesellschaft ohnehin durch das Tätigwerden Einzelner kaum noch etwas verändern kann? Oder ist es nur eine weitere Ausgestaltung der Spaß- und Konsumgesellschaft, bei der selbst politisches Engagement nicht öde sein darf, wenn man die Leute bei Laune halten möchte?

Was die Protagonistin und ihre Freundin anbelangt, scheint der zur Schau getragene Wille zu Weltveränderung letztlich eine ephemere Teenie-Attitüde zu sein. Bei Sarah weicht die Rebellen-Haltung bald der Mutterschaft und der Zufriedenheit als Mutter und Partnerin. Der Erzählerin hingegen sind ihre Kunst, ihre Freunde und ein angenehmer Zeitvertreib wichtiger. Die Kunst ist es schließlich auch, die die Protagonistin darüber hinwegrettet, dass sie ihre Matura nicht bestanden hat. Am Ende bewirbt sich die Erzählerin an der Akademie der Bildenden Künste in Wien und findet sogar einen Partner. Michi sitzt indessen am Ende seines Lebens zwar im Rollstuhl, lässt sich aber seinen Hang zur Freude nicht nehmen.

Das Werk „Dicht“ ist Michi (1963-2014) gewidmet, dessen Portrait am Ende des Textes abgebildet ist. Außerdem erfährt man, dass eine Gruppe seiner alten Freunde bei seiner Beerdigung ein Lied des von ihm geliebten Georg Kreisler gesungen hat, nämlich „Das Beste“.

Der Debütroman von Stefanie Sargnagel ist insgesamt ein gelungenes Stück Literatur, das eindeutig nicht mehr als gute Unterhaltungsliteratur sein möchte. Wenn man nur dies davon erwartet – einen unterhaltsamen, mitunter leicht provokanten Text –, wird man damit einige vergnügliche Stunden verbringen. Die „Aufzeichnungen einer Tagediebin“, wie der Untertitel lautet, sind allerdings nicht nur von einer fiktiven Erzählerin aufgezeichnet, sondern bisweilen auch etwas überzeichnet. Kaum vorstellbar ist es, dass eine Schülerin im Teenageralter mit erwachsenen (oder auch nicht immer ganz erwachsenen) Freunden derart unbekümmert Alkohol und Drogen konsumiert, den Tag verstreichen lässt und davon nicht von ihren Eltern abgehalten wird.

Doch diese Übertreibung darf nicht verwundern. Schließlich ist Stefanie Sargnagel für die direkte, auch provokante Art zum Beispiel ihrer Facebook-Einträge bekannt geworden. Sargnagel ist Mitglied der Burschenschaft Hysteria, die durch Aktionen beim Wiener Opernball auf sich aufmerksam machte. Sie arbeitet als Schriftstellerin und Cartoonistin. 2016 erhielt sie den Publikumspreis beim Ingeborg-Bachmann-Preis.


„Dicht“ von Stefanie Sargnagel erschien im Oktober 2020 im Rowohlt Verlag und hat 256 Seiten.

Buchcover: © Rowohlt-Verlag

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DÖBLING’s BLUDENZ PNEUplatzt
LULUHONIGBrATZEN
FUCKARzT AUFKLAUBENd

[Friederikollage]

Friederike „Unstern über Wien”[1] Mayröckers ωte Makulatour de Force als Volljährige Kunstschrulle avantgärtnert sich mit schlichten Strichninkrüppelchen + Feststelltaste unterm Arm durchs Grusel-Ich zu bewerben, weckt womöglich Neugier. Doch die 200 Seiten starke Promotionsschrift zum Thema „Suadomasochismus“ ist eine eher schwächelnde Verklumpung von im Rahmen endloser Nabelschau gewonnenen Pulmäusen, deren Künstlernamen das lyrische (wortsp)I(el) dropt wie Netflix True-Crime-Shows.


„Althing“, wie die Grande Made des Wirrsals von Erbelke genannt wird, entfuhr im Café Sperl, inzwischen Deutschlands keinstes Endlager für Mottenfallen, jenes Quantum, mit dem sie fast zeitgleich das Einlaufen lernte. Doch schert sich Wunderschräubchen, im Gegensatz zu ihrer Namensvettelin Ingrischlotte, nen zitznassen Raptus um Wurmlöcher, da sie nun mal in die KUNST verknallt ist und hier dement-sprechend so einige Buchstabierflaschen, Malermeister oder Straßenmusiker durchästimiert kriegt. Am meisten steht das von Schmelzhure Zeit angesägte Tantchen allerdings auf deutschen Jugendjargon mit seinen Gabelstaplerfrühstückchen, Gurgeldingers und Klaubuntspechten. Die eine oder andere Lieblichkeit = allerliebst angekuckt! wie Kuckuck = mag das eine oder andere geistreich schmunzelnde Gespenst hinterm Spamofen hervorlocken, zugleich ist die so banan besungene „Sprachverspieltheit“ (vgl. Das Geheimnis dieses neugierig machenden Textes, ein Zwischending aus Ort und Zeit, lässt immer wieder aufhorchen. Das Schreiben am Morgen in seinem überaus fruchtbaren Zusammenspiel mit elegischen Blicken aus der Luke ist die Morgentoilette der Künstlerin und Intellektuellen. Durch eigenwillige Komma- und Beistrichsetzung beschwört die Autorin einen Ort der Träume und damit zugleich ein poetisches Programm herauf, das unbeirrbar Höhepunkte auslotet und um die Bedeutsamkeit des Neugierigwerdens – und -bleibens! –  weiß. Obwoolst ein grauer Schleier des Wenig-Tröstlichen sich über die Sollbruchstelle legt, arbeitet sich die Autorin im Rausch der Kaffeehäuser an jenem unbändigen Wechsel zwischen Lyrik und Prosa, Sub und Optimum ab, der mal als literarischer Lackmustest, mal als moralinverseuchtes Fanal Sollbruchstellen im Konjunktiv aufzeigt. Dabei eröffnet das Spracheffluvium einen Wahrnehmungsraum voller Mosaikschnappschüsse, eine geheimnisvolle Landschaft im poetischen Konjunktiv. Insofern haftet der Liebeserklärung an die Sprache etwas Hommage an – doch kann das funktionieren? Man darf jedenfails auf das nächste Buch gespannt sein – und darauf, wie es der Vergänglichkeit ein Schnippchen schlägt.) derart abkotzig, dass nicht einmal die Aufzählbarkeit von Eigenschaften den dazugehörigen Text veredelt. Ermüdend onanzephale Intellektuellenlängen, die Kunst so viel weniger voranbringen als etwa die von ihr erwähnten Suigeneratoren Beckett oder Schwitters, demontieren einmal mehr Belesenheit, die viel eher Zitier- als Zitierfähigkeit zur Folge hat. Selbst wenn Bildung sicherstellt, dass Salmonellen keine Fische sind und gegen Blutkruste am Mäulchen in 08 von 15 Fällen dnepropetrollhaltige Salben helfen, ist das noch lange kein Grund, zwischen zwei Suhrkamp-Deckel zu keulen. Musensöhne auf Psychonatrium müssen nun mal nicht über jede Noch-so-Umbuschigkeit abbeichten. Zumal Derrida-Fans beim Gamen zuzusehen bisweilen (durch verkapptes Mitleid mit Lutzleichen und vergleichbaren Kawaiitäten charakterisierte) Niedlichkeitsgefilde erschließt, in denen Tandoorian Chicken mit Dekompression und Tod reüssierte – doch kann das funktionieren?

Die draisingende Kultschabracke, deren Metal-Ümlaut leider nicht über logorrhoische Anämie hinwegzutrösten vermag, streamt ihr Conschissness bequem in die heimischen vier Augén, welche wie ein Päckchen Cojones unterm Sacktuch hervorfunkeln und sich, ganz analog zu Licht, mittels Welle-Genital-Dualismus fortpflanzen. Klar will die graphomanische Chimäre im Fichtenwäldchen durchaus noch ein Blättchen vollkritzeln, inzwischen ist es allerdings > 1 Akt, eine Treppe hinab[zu]steigen, schreibt man „dass“, da da, mit Droßßel-p und verzichtet bei einem Lamentation-Buchstabierchen (s. o.) nur unter Extrembedingungen auf „lame“. Denn ein Tag ohne Zeile ist ungefähr so, als würde die Schreibmaschine (eine Ex-Zentrifuge) losheulen, ohne die Tränen vorzuheizen.

Wem sweatshop ein Schweiszgeschäft ist, dem sind sweatpants womöglich auch US-Vize. Wer Frau Freude mit einschlägiger Ode begrüßt, sollte so konsequent sein und dem Taube seinen Kropf abkleben. Und wer den eigenen Vornamen hauptsächlich dazu nutzt, Sublämmer zu befehligen, ist nur eine Frage der Zeit, bis der erste klonende Mumienwurm das Spülicht der Welt erblökt. Jedenfalls muss es schon reichlich spät sein, wenn die Uhr 15er-Potenzen anzeigt und herauskatapultierbare Kausalitätskaskaden „Baum : Knospenkunst = Mensch : Knorpelkunst“ nahelegen.

Indes verzetteln sich glasierte Gürkchen in Traumata wie der am Mond deines Daumennagels […] empor. Kletterndste Verwahrloser aller Zeiten und lyrres Gewürm glotzt mit Geäug aus Enfant the Terribles Damenloch, um Multiples im Vorgarten anzutreffen: dentalsommerliche Krankheitswinde aus der Schattentüte, Deppenapostrophieh macht auch Mist & Last but not Liszt: Sobald GRAMMO‘s BETTELARM überm Rohling v.GAIA zu levitieren beginnt, wird die Baustelle Hirn! blitzschnell mit einem sog. Mäntelchen aus baumelter (Ö-Ton Partizip VIII.) KUNSTSPRACHE verhüllt und gilt von da an als eine Art Brut, die sich nur der allerschlimmste Erzhold von Messi zusammengereimt haben kann. Sich jedoch darauf einen Reim zu machen heißt unweigerlich, in Graz zu beißen.

Die – ganz im Gegensatz zu einem Femtolaserpuls – am ehesten mit Hintergrundstrahlung gleichzusetzende FM-Einheit köchelt also auch nur mit Abwasser, weshalb es statt Siedepunkten bloß wärmliche Schachtelsätze à l’ich schreibe PROEME, schreibe digital gibt. Nebenbei jandlt sich Ready-Mademoiselle durch diverse Ernstigkeitsstufen, von Depressivität über melancholerische Sinti-Mentalität bis hin zum Schwulenpärchen Ruhm & Rühm (née Tieck & Tick), wobei einem enigmatische Maiskolben mit Klomatten v. Vögelchen (inkl. Bubenfrisur) leider kaum begegnen. Stattdessen hat Dr. skrrl. Augenhitze-mit-„Hot Eis“-Gleichsetzer offenbar von Otto gemopst und sollte dringend die Tierzeitung mit vorinstallierter Wurstware – von Tieren fürs Tieren! – abonnieren.

Fazit: Obgleich hier mitunter munter verhext, eingelernt und geteufelt wird, grassiert tendenziell unendliches, b. h. einer stark apoplektischen 8 ähnliches Grindwalium, welches am Schluss als eine Überdosis fnufffnuff fossilisiert – ‘fnuff said.

Friederike Mayröckers da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete erschien am 20.07.2020 bei Bibliothek Suhrkamp. und hat 12.000 Wörter. Weitere Infos unter: novelle.wtf/mayrock-n-roll/.

[1]   Alle Zitate kursiv.

Tobias – Vom Schriftsteller zum Priester

Jakob Nolte schreibt mit „Kurzes Buch über Tobias“ einen ungewöhnlichen Roman über einen studierten Schriftsteller namens Tobias und dessen unerwartete Bekehrung zum christlichen Glauben. Außerdem erleben wir, wie Tobias mit einem anderen Mann namens Tobias zusammenlebt, der ein Kind von ihm möchte. Was an diesem vielschichtigen Text schwer zu verstehen ist, erläutert die Rezension.


Der neue Roman von Jakob Nolte ist sein dritter Roman nach „ALFF“ (Matthes & Seitz, 2015) und „Schreckliche Gewalten“ (Matthes & Seitz 2017) sowie einigen Theaterstücken. Außerdem betreibt Nolte seit 2017 zusammen mit dem Schriftsteller Leif Randt und dem Grafikdesigner Manuel Brügel die Online-Plattform Tegel Media.

„Kurzes Buch über Tobias“ behandelt in 48 Kapiteln die Geschichte des Schriftstellers Tobias Becker, der als junger Mann ein Studium in Kreativem Schreiben in Hildesheim abgeschlossen hat. Im Laufe des Buches findet der Protagonist zu seiner Berufung als Pfarrer und wirkt religiöse Wunder, indem er beispielsweise seine unzufriedene Freundin Alina in ein Kaninchen verwandelt oder als einziger Mensch ein Flugzeugunglück überlebt. Die Schriftstellerei gibt er trotz des vorhergehenden Studiums auf, obwohl er mit seinem ersten Roman „100 Jahre 43“ recht erfolgreich war. Er schreibt fortan nur noch für sich selbst. Zuletzt wird Tobias nach seiner Exkommunikation aus der evangelischen Kirche, die auf eine außer Kontrolle geratene Predigt zurückgeht, zum viel beachteten Online-Prediger auf YouTube mit zahlreichen Followern, was letztlich allerdings seinen sozialen Abstieg einleitet.

Neben dieser Haupterzählung über die titelgebende Figur des Tobias Becker gibt es noch einige weitere Erzählstränge: Da sind zum Beispiel die Erinnerungen an die WG-Mitbewohner in Hildesheim. Oder an seine Ex-Freundinnen, die sich anscheinend ziemlich rasch abwechselten, so rasch, dass man sich ihre Namen kaum merken kann. Hängen bleibt eigentlich nur Alina, seine Berliner Freundin, mit der er nach seinem Umzug nach Berlin bis zu ihrer Verwandlung in einen Hasen regelmäßig Tischtennis spielte, um sich fit zu halten.

Schließlich wäre da noch der neueste Geliebte des Protagonisten, der ebenfalls Tobias heißt, ein Mann. Doch auch diese Beziehung steht auf wackeligen Beinen, da es zwischen den beiden Verliebten in den unmöglichsten Situationen zu Streit über die Frage kommt, ob sie eine Familie mit einem Kind gründen sollen oder nicht. Tobias Beckers Freund ist dafür, Tobias selbst ist dagegen. Überhaupt haben Kinder in diesem Buch eine etwas obskure Rolle, da in einem schwer zu durchschauenden Nebenschauplatz der Erzählung kleine Kinder auf Bäume in einem dichten Wald außerhalb von Berlin klettern und darauf warten, von Personen in einen Helikopter vom Baumwipfel gerettet zu werden. Was dieser mehrmals wiederkehrende Nonsens soll, bleibt wohl ein Geheimnis des Autors und des Textes…

Bei der Vorbereitung auf ein Lektüreseminar zu Thomas Pynchons postmodernem Roman „Die Versteigerung von No. 49“ in Wien, zu welchem der Protagonist Tobias eingeladen wurde, hält er Folgendes fest: „Nun passierte bei der Lektüre etwas für Tobias völlig Unerwartetes. Er hasste den Text. Er hasste ihn sehr. Er hasste das Setting, die Sprache, die Szenen, die Themen und die Erzählhaltung des Autors. (…) Nun war es aber so, dass Tobias dieses Büchlein hasste, obwohl er theoretisch etwas damit hätte anfangen können müssen. Er hasste es aus vollem Herzen.“ Ich habe mich bei der Lektüre dieser überaus unterhaltsamen Stelle gefragt, ob dies eventuell eine metatextuelle Reflexion, d. h. eine Vorwegnahme einer möglichen Reaktion auf den vorliegenden Romantext ist.

Auch „Kurzes Buch über Tobias“ wird Leserinnen und Lesern, die postmoderne Tendenzen in der Literatur ablehnen, allerlei Anlass zu Hass und Ablehnung bieten. Denn das Buch vereint moderne und schwer verständliche Gedichte über den Zustand des Protagonisten Tobias zu verschiedenen Zeitpunkten seines Lebens mit Aufzählungen von Trauminhalten der Hauptfigur sowie einer nach vorn und zurück springenden traditionellen personalen Erzählung, in der Biographie-, Heiligen- und Fantasy-Elemente auftauchen.

Der Roman springt wild zwischen Studien-, Liebes-, Urlaubs-Erzählung und religiöser Erweckung hin und her, was zunächst zu einiger Verwirrung führt. Die Frage, die man sich beim Lesen immer wieder stellt: Wozu das alles und wohin soll das Potpourri an mehr oder weniger verworrenen Themen und Erzählsträngen führen? Ich muss zugeben, dass ich mich mit dem Buch schwergetan habe – und erst gegen Ende ein wenig damit warm wurde, als die achronologisch erzählte Geschichte sich zu einem erkennbaren Ganzen gefügt hat.

Etwas merkwürdig an „Kurzes Buch über Tobias“ ist, dass manche Details in aller Ausführlichkeit berichtet werden. Muss man in einem Roman wirklich beschreiben, dass eine Gurke beim Kochen schräg abgeschnitten wird? Oder welche Markennamen ein Sebamed-Duschgel, eine Bifi-Wurst oder eine 0,2-Fanta-Dose haben? Mich hat diese Schein-Genauigkeit mehr genervt als amüsiert. Und falls damit irgendeine Kritik an der Langeweile und Sinnlosigkeit der kapitalistischen Existenz intendiert war, dann ist diese eher missglückt und auf Kosten der äußeren Form des Romans erzielt worden.

Auch die Tatsache, dass die Protagonisten offensichtlich ständig im Urlaub und auf Reisen sind, hat mich etwas irritiert: Wie kann sich ein Student in Kreativem Schreiben, später Schriftsteller, dessen Gehalt in diesem Roman mit einer erstaunlichen Freimütigkeit abgedruckt wird, es leisten, permanent ins europäische Ausland zu reisen, zumal mit dem Flugzeug? Natürlich kann man von Reisen mehr erzählen als von einem gewöhnlichen Alltag in Hildesheim oder Berlin, aber die Anzahl der Reisen überschreitet hier ein nachvollziehbares Maß.

Es gibt auch einige schöne Ideen in dem Roman: Z. B. bereist Tobias in seiner Freizeit Denkmale an ehemalige Führer sozialistischer Staaten. Auch die Szene in dem arabischen Imbissladen ist gelungen, in der christliche Religion und muslimische Religion aufeinandertreffen. Die Literaturszene wird vermutlich auf eine recht treffende Weise dargestellt, ist der Autor Jakob Nolte doch selbst ein Teil eben dieser und hat Szenisches Schreiben in Berlin studiert. Vom Studium in Hildesheim über die Korrespondenz mit der Literaturagentin bis hin zum Ende der Schriftstellerkarriere bekommen die Leserinnen und Leser einen Einblick in den Literaturbetrieb.

Am Schluss des Buches steht eine interessante Zufalls-Begegnung mit einer CDU-Bundestagsabgeordneten, die den inzwischen sozial abgestiegenen und obdachlosen Tobias Becker im Tischtennisclub aufliest und zu sich nach Hause einlädt, wobei schnell klar wird, dass zwischen Tobias und seinem Gegenüber wenig Sympathie besteht. Es scheint, als hätte Jakob Nolte ein Händchen für außergewöhnliche Begegnungen, Situationen und Orte, während er sich im Alltäglichen eher im Klein-Klein, Nebenschauplätzen und Fantasien verliert.

Es ist nicht ganz einfach, eine Deutung für „Kurzes Buch über Tobias“ zu finden. Ist es ein Buch über die totale Individualisierung der Lebensentwürfe? Über die kulturelle Zersplitterung der Gesellschaft und die daraus resultierende Wiederaufwertung der Religionen? Über das partielle Ende des Lebensentwurfes Heirat-Haus-Familie/Kinder in einer gewissen urbanen Schicht? Schließlich lässt sich Alina lieber in einen Hasen verwandeln, als weiter ihren familiären Pflichten nachzugehen, die sie mehr und mehr zermürben. Statt Alltag erleben wir in „Kurzes Buch über Tobias“ Ferien im Ausland, religiöse Erweckung, Wunder und Liebesbeziehungen von kurzer Dauer. Also ein Buch über Eskapismus ins Nicht-Weltliche, Nicht-Alltägliche, Transzendente?

Wahrscheinlich ist genau diese Vielschichtigkeit das Problem des Romans. Denn am liebsten möchte man am Ende noch eine Erklärung, ein Nachwort oder ein Fazit lesen, in dem die Fäden zusammengeführt werden. So aber bleibt ein fahler Nachgeschmack, als hätte man die zahlreichen Zutaten, die hier vermischt wurden – von Lyrik über Aufzählungen bis hin zu Prosa –, verschlungen, ohne sie richtig verdauen, d. h. verstehen zu können. Was man dem Buch anlasten kann, ist, zu viel zu wollen, ohne die zahlreichen Ansätze, Themen, Motive zu vereinen und auf einen sinnhaften, vernünftig deutbaren Nenner zu bringen. Sprachlich ist der Roman allerdings sehr gut geschrieben, sodass es zwar manchmal mühsam ist, sich durch den Text zu arbeiten, aber letztlich doch eine literarisch anspruchsvolle Geschichte wird.

Bei dem oben bereits genannten Literaturseminar in Wien wird der Hauptfigur Tobias auf seine vernichtenden Kritik an Pynchon hin vorgeworfen: „Für dich sind Bücher keine Wiesen mehr, man merkt es.“ Er wolle, so stellen die von Pynchon begeisterten anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer fest, wohl einen modernen Klassiker schreiben, aber man könne nur neue Bücher schreiben. Diese Passage ist zweifelsohne poetologisch zu verstehen: Jakob Noltes Roman ist eine solche „Wiese“ geworden, eine Roman-Spielwiese für all diejenigen, die sich darauf einlassen wollen.


„Kurzes Buch über Tobias“ von Jakob Nolte erschien im Februar im Suhrkamp Verlag und hat 231 Seiten.

Titelbild: © Suhrkamp Verlag

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Eurotrash – Kracht über Kracht

Sicher ist Christian Krachts neuer Roman Eurotrash nicht die Fortsetzung geworden, die man für Faserland hätte erwarten können. Das war aber irgendwie auch zu erwarten.


Was hat Eurotrash mit Faserland zu tun?

Eigenwillig, wie all seine Bücher es sind, setzt Christian Kracht nach 25 Jahren seinen Debütroman Faserland fort. Wie geht es seinem Hauptcharakter ein Vierteljahrhundert später? Wie kommt er mit den Veränderungen zurecht, die die Welt und auch die im Roman so umfassen portraitierte BRD zwischen den 90ern und 20ern durchzogen haben? Ist er heute überhaupt lebensfähig?

Auf all diese Fragen hat das Buch insgesamt gar keine Antworten. Denn Eurotrash ist eigentlich nur ein Buch über Faserland, seine Bedeutung und seinen Autor. Ein überraschend spätes „Hinter den Kulissen“ oder „Was mich bewog, dieses Buch zu schreiben“ oder genauer „Welche äußeren Umstände es mir unmöglich machten, das Buch nicht zu schreiben“. Er macht die Handlung anhand seiner Familiengeschichte nachvollziehbar, in der die Entnazifizierung nicht bei allen Beteiligten so ganz erfolgreich war, sowie anhand seiner persönlichen Biografie, die zwischen Schweizer Landjugend und Ferien in Axel Springers Sommerhaus auf Sylt wirklich die Handlungsorte von Faserland umkreist. Vor allem im ersten Teil von Eurotrash erzählt Christian Kracht aus seiner eigenen Lebensgeschichte und konzentriert sich auch auf die Unterschiede des in Faserland erzählten. Er hatte ja nie explizit behauptet, das Buch sei autobiografisch, die Lesart aber durchaus offengelassen. Eine bewusste Täuschung? Vermutlich:

„Ich hatte mich damals mit fünfundzwanzig entschlossen, einen Roman in Ichform zu schrieben, erinnerte ich mich, bei dem ich mir selbst und dem Leser vorgaukeln würde, ich käme aus gutem Hause, wäre wohlstandsverwahrlost und hätte etwas von einem autistischen Snob.“

Christian Kracht – Eurotrash

Wie Kracht zum Popstar wurde

Dass er das Buch in einer Einzimmerwohnung in Hamburg-Ottensen schrieb, vom Vermögen des Vaters selbst als Scheidungskind offenbar weniger profitierte und sich von Pizza-Baguettes, Toast und Dosenravioli ernährte, ließ er damals einfach weg. Die Info liefert er nun nach. Genauso die Info, dass sein Leben sich nach Veröffentlichung des Romans schlagartig ändern sollte. Er hatte seine Rolle, seine Berufung nicht nur gefunden, sondern eigenständig erfunden. Auch wenn den meisten schon bei der Lektüre von Faserland klar gewesen sein muss, dass hier ein Autor mit seinem Publikum spielt, liest sich sein Buch noch heute als Meilenstein deutschsprachiger Popkultur.

In Augen vieler Kritiker٭innen beendete er 2001 diese literarische Epoche dann selbstbestimmt für sich und alle anderen mit seinem zweiten Roman 1979. Zwei ebenfalls wohlstandsverwahrloste Hauptcharaktere, denen man glaubt, dass sie es sich gern in einem Poproman gemütlich gemacht hätten, lässt er die Grenzen ihrer Komfortzone erleben und erst in die Iranische Revolution, dann ein chinesisches Arbeitslager hineinstolpern („Ich war ein guter Gefangener. […] Ich habe nie Menschenfleisch gegessen.“). Zwei dünne Romane, die den Diskurs bis heute beschäftigen und Kracht zu einem einflussreichen Autor gemacht haben. Ein Einfluss, den er immer wieder aufs Neue schamlos ausnutzt, um zu provozieren.

Rassist oder doch Absurdist?

Sein Markenzeichen, beim Schreiben selbst immer einen Schritt zu weit zu gehen, brachte ihm zwar kein Arbeitslager ein, dafür aber den Vorwurf, rassistisch zu sein. Ein Vorwurf, für den Formulierungen seines Romans Imperium eine berechtigte Grundlage bilden und immer wieder Rezensent٭innen dazu zwingen, einen kurzen Absatz darüber einzubauen. Bitte sehr.

Dabei ist Kracht, wenn man sein Gesamtwerk betrachtet, wahrscheinlich am ehesten ein Absurdist, was auch seine Selbstdarstellung in Eurotrash unterstreicht. Nach Abschluss der biographischen Einordnung entwickelt Eurotrash sich zu einem überdrehten, aber lesenswerten Roadtrip, in dem Kracht seine Mutter auf eine letzte gemeinsame Reise ausführt. Gemeinsam fahren sie durch die Gegend, besuchen Orte der gemeinsamen Vergangenheit und Bucket List der Mutter, diskutieren David Bowies Nachlass und verteilen wahllos Geld, das die Familie durch Waffen-Investionen eingenommen hat – ein absurdes Spektakel, in dem er etwas verspätet doch noch der wohlstandsverwahrloste Snob wird, der er gern immer gewesen wäre. Wobei er bei dem Versuch auch schnell wieder ins Fiktionale abrutscht.

Finger in Wunden

Sein Vater, Christian Kracht Senior, der erfolgreiche Verlagsmanager, kommt in beiden Teilen des Romans nicht sonderlich gut weg. In Erinnerungsfetzen wird er als egozentrischer Machtmensch charakterisiert, der über die Freundschaft zu Axel Springer Karriere gemacht hat, sogar Vorstandsvorsitzender von dessen Konzern wurde. Durch ihn und sein Umfeld lässt sich aber gut erzählen, wie in der jungen Bundesrepublik ehemalige Nationalsozialist٭innen Medienhäuser und Werbeagenturen gründeten. Dabei fallen auch Namen bekannter Verlagshäuser („Axel Springer“ gehört übrigens nicht dazu), die zu Zufluchtstellen wurden, und bekannter Wirtschaftswundermarken, die von denselben Personen entwickelt wurden, die vorher in Goebbels’ Propaganda-Apparat tätig gewesen waren.

Einmal mehr legt Kracht hier seine Finger in die Wunde seines deutschsprachigen Publikums, das ganz im Gegensatz zu ihm eben doch gerne verdrängt. Indem er vorführt, mit welch einer verschrobenen Familiengeschichte er sich auseinandersetzt, macht er in Eurotrash allerdings auch deutlich, dass all dies auch seine eigenen Wunden sind. Der sadistische Zyniker, den man aus all seinen Büchern herausliest, quält nicht nur seine Kritiker٭innen und Leser٭innen, sondern auch sich selbst. Dieses Geständnis markiert vielleicht die Schlüsselrolle, die Eurotrash unter seinen Büchern einnimmt und ist der Grund, warum man es unbedingt lesen sollte.

Rezensionen, Einordnungen und Kritiken zum Roman kommen schon wenige Tage nach Erscheinen von vielen Seiten. Besonders hervor sticht eine Kritik Sibylle Bergs. Vielleicht ist sie gar nicht ihm gewidmet. Wenn doch aber sehr geschickt inszeniert. Auf dem Klappentext zu Sophie Passmanns gerade erschienenem Buch Komplett Gänsehaut schreibt sie:

„Prima Buch, das ganz ohne Jugend auf dem Land, Großvater bei der Waffen-SS oder den Geruch von Pflaumenkuchen auskommt und hier und heute nicht langweilt.“

Sibylle Berg über Sophie Passmanns Komplett Gänsehaut

Eurotrash und der Zeitgeist

Auch wenn sie hier vielleicht gar nicht konkret oder zumindest nicht nur Kracht meinen sollte, sagt sie damit dennoch mehr über sein Buch aus als über den frisch gekürten Bestseller Passmanns. Ob Eurotrash nun wirklich langweilt, sei mal dahingestellt. Ein objektiver Kritikpunkt, dem Kracht sich hier aber durchaus stellen muss, ist, dass sein neuer Roman hier und heute keinen Zeitgeist trifft und eigentlich egal ist, ob er dieses Jahr oder vor fünf oder in zehn Jahren erscheint. Den größten Wert hat er wahrscheinlich für die Kracht-Forschung. Für alle anderen hat er zumindest einen Unterhaltungswert.

Und eine kleine Debatte war ihm auch schon durch seinen Namen auf dem Cover von vornherein sicher. Letztendlich geht es in Krachts Roman aber um nicht viel mehr als um ihn selbst. Was durchaus in Ordnung ist, da es ja nunmal so etwas wie eine Autobiografie ist. Nur eben erstaunlich von einem Autor, der den Zeitgeist eigentlich so selbstverständlich zu treffen vermag und seinen Kritiker٭innen bisher immer einen Schritt voraus war, jetzt aber viele Schritte zurückgeht. Unter vielen mutigen Romanen, mit denen er sich angreifbar gemacht hat, ist Eurotrash damit sein vielleicht mutigster und er verdient es unbedingt gelesen zu werden. Sobald ihr mit Sophie Passmann durch seid.

Ergänzung: Sibylle Berg versicherte uns bei Instagram inzwischen, Eurotrash nicht gelesen zu haben.

 


Eurotrash erschien am 4.3. bei Kiepenheuer und Witsch und hat 224 Seiten.

Titelbild: © Gregor van Dülmen

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