Kategorie: Musik

„Innenansichten eines Außerirdischen“ – Teil 5

space bleibt the place – und wir heute weltlich.


guten tag. mein name ist tobert knopp und ich spiele bassgitarre in der gruppe turbostaat. seit 21 jahren. ich war 19, als das alles anfing. in husum. unsere neue platte „uthlande“ wird ab jetzt bespielt, hier da und dann dort und ich bin aufgeregt wie sau. das ist mir tatsächlich neu …

kurz gefasst, es wird heute nicht viel passieren. der friese ist krank, sein ladegerät im bus, der bus in der hafencity oder so und wir sind in bergedorf. marten und tobert gehen spazieren zur sternwarte. wir bestaunen diesen ort, er ist mir heilig. dass hamburg so wenig übrig hat für den ausblick in die sterne, mag mir nicht einleuchten. weltkulturerbe auf aussicht, engstirniges kleines pfeffersackloch. finsterer ausblick, blöde elbdings – ich bin in die vorstadt gezogen. hier sagen die eichhörnchen noch moin und marten gefallen die teleskopnamen und der verfall. ideen zu einem space album, nach all dem konkreten auf uthlande – ich seh die augen der anderen. seine glänzen.

ich koche dem kranken friesen eine hühnersuppe und wir freuen uns darüber, dass kapern jetzt lecker, milka aber bäh ist. ich bin lazy, du bist müde. morgen geht der wahnsinn weiter.

tobert knopp


„Innenansichten eines Außerirdischen“ – ein Gast-Blog aus Turbostaats Tourbus. Morgen geht das weiter. Hier geht’s zurück zu Teil 4.

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Titelbild: © Tobert Knopp

„Innenansichten eines Außerirdischen“ – Teil 4

rentnerschwemme und rastenhass, dann nudeln. 8 reisebusse voller rentner verstopfen die raste, 97 km vor hamburg. es ist 7 uhr früh, heute ist off day zu hause.


guten tag. mein name ist tobert knopp und ich spiele bassgitarre in der gruppe turbostaat. seit 21 jahren. ich war 19, als das alles anfing. in husum. unsere neue platte „uthlande“ wird ab jetzt bespielt, hier da und dann dort und ich bin aufgeregt wie sau. das ist mir tatsächlich neu …

nightliner drop, das geht so: bus hält. alle raus. sachenpack. regennass. weg der bus. ran der smart. alle rein, abfahrt.

marten, der friese und ich pennen heute bei mir. an offdays gehen wir eigentlich im egalwo ins kino und essen wirsingpizza – heute spielen wir mit suse und meinem sohn „nemesis“ am küchentisch. das ist son brettspiel, so wie alien, aber bissn anders, hat der friese gecrowdfundet. unzählbar viele steinchen und karten, das große monster sieht super aus. wir müssen raus aus der tiefkühle und das schiff reparieren. rumo will waffen sammeln, ich mach nix und bin als erster fertig damit. wir überleben alle und dann koch ich bolognese. lorbeer vom dach schmeckt anders als aus der tüte. der wichtigste bestandteil ist zitrone – und nur tomatenmark nehmen.

als wir noch in schleswig geprobt haben, auf der freiheit, von stadt der angst bis abalonia, da haben marten und ich dort zu zweit gepennt, jedes mal. er aufm boden, ich im feldbett, zwischen den kisten im lager. meist haben wir äthiopischen jazz und kate bush gehört und waren ganz lange wach, waren ganz fuselig und duselig von der freiheit auf der freiheit, nachts ist da ja nix und es war ein schloss für uns. kann ich im nachhinein schon verstehen, dass der rest der band am nächsten tag meistens nichts mit den erkenntnissen unseres vorabends anfangen konnte – muss man dabei gewesen sein. da hab ich auch immer spaghetti bratwurst oder carbonara gemacht oder marten hatte selbstmachpesto dabei, an den fenstern unzählige hornissen und ich durfte mal mit helges mofa fahren. kontaktmann rolf hat uns besucht und richtig geholfen, damit wir immer neue saiten für die gitarren haben … letztes waren wir mal kurz da, ist alles umgebaggert und die hornissen sind bestimmt tot. hatte ich aber auch ne heidenangst vor …

draußen stürmt es, freiheit war gestern, aber hier wohnt die liebe – ist schön, dass ihr zu besuch seid. eichhorn statt hornisse.

tobert knopp


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Beitragsbild: © Tobert Knopp

„Innenansichten eines Außerirdischen“ – Teil 3

auge+beule.


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mainz. waren wir schon mal in mainz? meins erinnert sich nicht … ich möchte einen hut kaufen und gerate in karnevalsmusikanten in der einkaufszone, ich verstecke mich in einem plattenladen und kaufe verlegenheitsjazz. die hüte sind alle scheiße und später verschneide ich meinen bart schief und dann zu kurz. ich will mir heute nicht gelingen. ich treffe 2 freunde und wir spielen mit unseren fantasykarten. das macht mich sehr glücklich, denn ich halte mich heimlich für einen wizard aus kotz und das begieße ich mit zu viel whiskey.

dann muss ich rennen, meine schuhe holen, weil es auf die bühne geht, in 2 minuten. raus aus den botten, rein in die slipper, dann hammer laut und doll und an der eins vorbei. es macht heute richtig spaß! ich möchte jan etwas von dem rauchigen getränk auf das shirt spucken (er mag den geruch nicht) und der gag geht in die hose, bzw. ins auge. müssen wir später spülen. er is böse, ich n bissn zu besoffen.

später sind ganz viele leute im backstage und ich muss irgendeiner eule sagen, dass sie mal nicht am catering rumsauen soll …

ich bin übrigens erstaunt, dass uthlande live so gut läuft, es wirkt so, als hätte das publikum schon viele lieder ganz oft gehört und sich freut, dass wir die spielen. ich erlaube mir keine einschätzungen vorab und erwarte nichts, ich wäre vollkommen ok damit, wenn es niemand interessiert, was wir tun – dann ist die überraschung riesig! auf der bühne merkt man, dass es schön ist, wieder unterwegs und laut zusammen zu sein. so viel scheiße fällt aus dem kopf. peter schaue ich heute die ganze zeit an und ich hab ihn so lieb – das ist übrigens erstaunlich: nach 21 jahren mögen sich alle noch und ich glaub, langsam sogar noch mehr. mag am alter liegen …


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When in Mainz:

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Halbwalknut Karneval Kongeggtion 🤦‍♂️

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Beitragsbild: Tobert Knopp

„Innenansichten eines Außerirdischen“ – Teil 2

kebapträume …

es ist kein verlass auf die zukunft von morgen. es ist kein verlass auf mich.


guten tag. mein name ist tobert knopp und ich spiele bassgitarre in der gruppe turbostaat. seit 21 jahren. ich war 19, als das alles anfing. in husum. unsere neue platte „uthlande“ wird ab jetzt bespielt, hier da und dann dort und ich bin aufgeregt wie sau. das ist mir tatsächlich neu …

heute sind wir in köln, nachdem gestern das soundsystem in jena flöten ging, will sagen: alles üben wurde auf die probe gestellt, die teuren ohren einfach aus, oh weh. blindflug …

hauke ist übrigens unser soundmann, seit weit über 10 jahren. wie lange genau, das weiß ich nicht mehr. ich kenne hauke schon mein halbes leben. er hat früher bei akephal gitarre gespielt, im speicher husum konzerte gemischt und in seinem spärlichen wg-zimmer hab ich das erste mal kyuss gehört, danach war einiges anders. wir kachelten immer über alle landstraßen zu schnell, schwammen im lundener schwimmbad nachts und nackt und sven treubmann hatte da reingeköppert mit offenen augen, aber konnte dann doch recht schnell wieder sehen. auf dem weg in die umliegenden diskotheken beklauten wir über nacht angelieferte supermärkte und die reste vergammelten danach in unseren küchen, wochenlang. explodierende milchflasche macht quark an decke, bass zu laut macht sound scheiße, ego macht stimmung kaputt. irgendwann waren deine haare mal ganz weiß und weg und dann ging alles wieder von vorne los.

noch mehr schätzen gelernt hab ich ihn aber über die jahre auf ganz andere weisen: auf hauke ist verlass und gestern war ich ein arsch. für den ausfall des bühnensounds kann er gar nix und das müsste ich eigentlich wissen – unser busfahrer franklin hat gesagt, da muss man als profi drüberstehen. mein ego ist mir wichtiger als deutschland … heute tut mir das leid.

was noch viel wichtiger ist: jetzt ist das wieder egal. wir nehmen uns zeit und basteln alles wieder zurecht, aus dem grundvertrauen heraus, dass uns ja eigentlich nix passieren kann dabei, ist ja punkband und fehler is king …

wir versöhnen uns, indem wir in köln tun, was wir immer gemeinsam tun. auf das wir uns seit tagen freuen: wir fahren zum kebapland. wir heizen dahin und bestellen immer dasselbe, lammspießteller. das brot eingeschmiert mit schmeckiger marinade, gegrillt über der holzkohle, ganz heiß, und es dampft und riecht so gut. es ist ganz voll drinnen und alle wollen sitzen und auch und wir schmausen und loben verliebt. auf das kebapland ist genauso verlass wie auf den ausfall der technik, die zuversicht auf besserung meinerseits und auf hauke albrecht.

tobert knopp


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Inside Kebapland:

Bilder: © Tobert Knopp

„Innenansichten eines Außerirdischen“ – Teil 1

der weltraum – unendliche weiten.


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heute sind wir im kassablanca in jena. kaum ein ort, den ich mehr verehre, als das café im turm, mit seinen balken und der steinernen bank und dem airbrushgemälde vom vollständigen universum (teilhaft) an der decke. ein freundlicher ort, martin empfängt uns immer mit offenen armen und ich fühle mich auf eine art zu hause und bin sehr dankbar. hinten rein und dann hoch und vorbei an der küche, hallo nach oben, in die unendlichkeit. das eigens zubereitete essen is stets fantastisch und man spürt, dass sich hier immer mühe gegeben wird für die reisenden bands. das ist nicht immer selbstverständlich, unterwegs. 

der erste tag ist immer etwas stressig. obwohl jeder eigentlich weiß, was er zu tun hat, kommt meist einiges durcheinander. überall liegen die deckel von kisten und der inhalt davor. ich suche klett. ich muss ein echogerät befestigen, ich habe mir fest vorgenommen, an unvereinbarten stellen auf das ding zu treten und mächtig krach zu machen. ich mag die gesichter, die werden mit den tagen nämlich länger. je mehr routine in den ablauf kommt, desto erstaunter schauen sie. ein sample an komischer stelle oder der viel zu lange hall: es hat etwas ulkiges, dass musik so berechenbar zu wiederholen ist. 

Eindruck eins von zwei aus Jena:

 

ich frage mich stets, ob mich auch jemand beobachtet, wenn ich dort oben stehe, allerdings halte ich mich meist für unsichtbar. das ist übrigens ein geheimnis: ich war früher sehr aufgeregt vor konzerten. da mein gehirn nur mässig in der lage ist, sich anzupassen, habe ich mit den jahren meine multitasking-fähigkeit in vielerlei punkten kürzen müssen, um klarzukommen. als ich jahrelang nur traurig war, konnte ich den menschen nicht mehr in die augen sehen – ich habe mir dann meine sehstärke abtrainiert und keine brille getragen. lange konnte ich nur ahnen, was vor der bühnenkante passiert. ich bin ein sturer nordfriese und was ich nicht sehe, das existiert auch nicht. keine beweise, keine angst.

aufgeregt bin ich jetzt tatsächlich wieder, obwohl anders und erneut zum ersten mal. alles klappt momentan mit turbostaat. ich muss gar nicht hingucken beim spielen und ich habe mir abgewöhnt, alles analysieren und hören zu wollen, was ich da genau tue: auf meinem monitor mix sind jetzt wieder alle aus der band gleichmäßig laut vertreten, ich höre uns zusammen zu, das mag ich wieder gerne, denn die neue platte ist irgendwie ganz anders, als ich hätte ahnen können. ich empfinde sie als einfach und damit übernehmen wir uns irgendwie nicht. es ist etwas uneitel und das eigentlich gar nicht meine art. 

wenn da nicht der stete kopfschmerz wäre, der mich am ersten tag immer langsam macht und klapprig, und ich mich so alt fühle, wie ich wirklich bin, die ticks mich treppen zweimal und schmerzmittel viermal nehmen lassen, ich jeden tack zerzähle und dinge durch 5 teile, dann hätte ich nichts zu klagen. ach jena …

tobert knopp


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Eindruck zwei von zwei aus Jena (mit Buchtipp):

 

Quelle: Instagram
Bilder: © Tobert Knopp

„Innenansichten eines Außerirdischen“ – Teil 0

erst die hose, dann die schuhe. ein erster schuh, dann die hose: und dann die schuhe. was einst nonno hätte helfen können, soll heute mein hirte sein, ich weiss ja gar nicht mehr von vorn und hinten und wo das eigentlich ist. morgen bin ich in jena. (nonno hat mit peter und kwixi bei zack ahoi, gespielt. geile band … der konnte schreien wie son viech, im sitzen …)


guten tag. mein name ist tobert knopp und ich spiele bassgitarre in der gruppe turbostaat. seit 21 jahren. ich war 19, als das alles anfing. in husum. unsere neue platte „uthlande“ wird ab jetzt bespielt, hier da und dann dort und ich bin aufgeregt wie sau. das ist mir tatsächlich neu …

bevor ich um 23:05. zuerst einen bus, dann eine bahn, dann eine andere nehme und dann in einen richtig großen bus steige, muss ich etwas sortiertes vorstellen: den versuch, jeden tag ein kleines bisschen einblick in den ablauf dieser schönheit zu geben, den ich rollbettfahren nenne. dazu braucht es eine band inkl anhang, einen schlafbus, etwas gerät, frische bettwäsche (olfaktorisch unbedenklich), etwas tigerbalm, silikonohrstöpsel. ingwer. statt star trek diesmal ein buch von david byrne: „how music works“.

deswegen auch dies hier. wie das genau funktioniert, mit soner band, versteh ich seit jeher nämlich eher wenig und ich betrachte den ablauf stets mit staunen. es wird laut und kracht und blinkt und knackt und da kommen ja leute hin irgendwie und freuen und gehen und dann fährt das ding weiter und ich riech nach kampfer und hör ja gar nichts mehr – da muss man mit den füßen nach vorne schlafen, ich vorneuntenlinks und es wackelt dann … 

in einigen städten die lichter, woanders ein imbiss, hinterm-eck-versteck, ganz lang muss man anstehen. oder der weinmann immer mit seinen geschichten oder gluffke mal wiedersehen und vielleicht kommt ja olli, wenn er noch lebt. aber das kann carsten auch erzählen bestimmt. ein piratenhauptmann – noch ein piratenhauptmann.

in jena dann die sterne, oben im holz. die hat er gesprüht und ich hab seine namen verloren und ich will ihn da wieder treffen und diesmal mein ich es ernst, aber dazu morgen mehr … 

tobert knopp


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Ein erster Einblick:

Quelle: Instagram
Beitragsbild: © Andreas Hornoff

Uthlande, verdammt! Turbostaat im Interview

Das neue Turbostaat-Album Uthlande wirft Fragen auf: nach einem zermürbenden Sample, haufenweise Selbstreferenzen, miteinander verbundenen Songs und immer wieder diesen Songnamen.

Eine Woche vor Release der Platte fanden Jan Windmeier, Sänger der Band, Tobert Knopp, der Bassist, und Marten Ebsen, Gitarrist, zum Glück Zeit, das Nötigste zu klären. Gemeinsam mit Roland Santos, auch Gitarrist, und Schlagzeuger Peter Carstens haben sie die Band vor 21 Jahren in Husum, Schleswig-Holstein, gegründet. Das Album ist bereits ihr siebtes.


Hat sich irgendwann eine Routine eingestellt oder seid ihr nervös, so kurz vorm Release?

Jan: Beides so ein bisschen. Es gibt eine Routine, denn man weiß, wie es ist, eine Platte rauszubringen. Aber wie vor jeder Platte ist man auch nervös, besonders wenn man an die Live-Konzerte denkt, auf denen man das neue Zeug präsentiert.

Tobert: Mir geht das vollkommen am Arsch vorbei. Ich hab einen ganz anderen Umgang damit. Seit Abalonia ist es so, dass die Platte einfach so herauskommt. Also klar, wir müssen natürlich viel regeln. Wenn wir losfahren, wird mir erst wirklich bewusst, dass wir ja neue Lieder haben, und dann bin ich von uns selbst überrascht. Da ich nicht so der Vorfreude-Typ bin, hab ich immer das Gefühl, als sei ich vorher gar nicht dabei gewesen. Es ist dann eine direkte Belohnung, Songs live zu spielen. Das ist eh am wichtigsten.

Die neuen Songs habt ihr bisher noch nicht live gespielt?

Jan: Ne.

Aufregend.

Jan: Siehste.

Wie würdet ihr euer neues Album beschreiben?

Tobert: Elegant wie ein Puma.

Marten: Ein bisschen hat man versucht, Turbostaat auszupressen und in einen kleinen Flakon zu füllen. Beim Album davor haben wir dagegen eher probiert, Türen aufzustoßen und ein paar Sachen anders zu denken. Diesmal wollten wir alles nehmen, um es auf den Punkt zu bringen – würde ich jetzt mal so sagen.

Tobert: Ich finde, in der Selbstreferenz liegt eine große Aufgabe. Mich hat es früher immer wahnsinnig gemacht, wenn wir ein paar Lieder hatten, aber nicht wussten, wo wir mit der Platte stehen. Wenn dann jemand sowas sagte wie „Wir machen das einfach so wie früher, war das für mich ein inhaltliches Problem. Denn es ist eigentlich schwer, wie früher zu klingen, ohne sich zu wiederholen. Aber obwohl es, wie Marten sagte, diese zusammengequetschte Essenz gibt, ist es diesmal total leicht. Deswegen gefällt mir das Album so gut. Für mich persönlich ist es das erste Mal ein Album, bei dem ich von vorne bis hinten vergesse, was passiert. Ich bin immer wieder überrascht. Bei den letzten Alben war es nicht so. Es gab viele Lieder wie Eisenmann, bei denen wir entscheiden mussten, ob wir sie überhaupt live spielen. Bei diesem kann ich mich jetzt gar nicht entscheiden, welches ich als erstes spielen will.

Das Licht am Ende des Tunnels ist eine brennende Fabrik.

Tobert Knopp

Der Titel Uthlande ist ein alter Name für die damalige nordfriesische Inselwelt. Ist das Album auch eine Auseinandersetzung mit eurer Heimat?

Marten: Nein, nicht mit der Heimat, sondern mit unserem Werden oder Sein. Es beschäftigt sich von der Pose her damit, wie wir gewesen sind, als wir Turbostaat gegründet haben. Zum Namen „Uthlande“ kam es, weil wir einen Plattentitel brauchten. Wir waren auf der Suche nach einem Begriff, der alles vereint.

Tobert: Ich fand schön, als jemand zu mir sagte, das ist ja alles nicht mehr da. Und ich ihm geantwortet hab: Ja, das, was mal war, ist ab und zu nicht mehr da oder zu etwas anderem geworden.

Marten: Aber diese poetische inhaltliche Aufladung kommt erst als zweites.

Tobert: Ich wollte auch nur sagen: Was immer du auch darin siehst oder wo du uns siehst, ob wir Skelette mit Äxten im Watt sind oder sonst was, es ist okay. Ich hab schon viele Sachen darüber gehört und fand viele davon schön – und schön, wenn Leute damit etwas anfangen können.

Aber ihr selbst würdet es nicht überinterpretieren?

Marten: Natürlich schwingt immer irgendetwas mit. Irgendwelche Assoziationen, die man in einen Pott wirft. Aber in erster Linie muss man sich einfach irgendwann entscheiden: In diesem Falle ist es wirklich ganz banal, wir brauchten einen Plattentitel.

Tobert: Als du ihn vorgestellt und erklärt hast, konnten wir mit diesem plattdeutschen Wort alle direkt etwas anfangen. Die Köpfe fangen ja danach erst an. Was auch immer man sich dazu denkt, ist okay. Die Gedanken sind frei.

Auch dieses Album wurde, wie all eure Platten seit 2007, von Moses Schneider produziert. Wie würdet ihr ohne ihn klingen?

Marten: Das ist eine sehr schreckliche Frage.

Tobert: Das ist total interessant. Wir werden es nie herausfinden.

Jan: Zum Glück.

Tobert: Da hast du hundertprozentig recht. Ich muss echt sagen, dass wir in den Prozess, eine Platte zu machen, einfach so reingewachsen sind. Durch ihn und mit ihm haben wir eine Form gefunden, zu arbeiten und zu einem Ergebnis zu kommen. Du musst das so sehen: Wir fünf Eierköppe spielen ungefähr seit zehn Jahren mit dem gleichen Equipment, legen vielleicht mal ein Tretergerät drauf oder überlegen ab und zu, wo man Mikros hinstellt. Aber die Band, die da im Studio steht und spielt, macht eigentlich immer genau dasselbe, was sie live auch macht. Das haben wir anscheinend gelernt, gemeinsam gut hinzukriegen. Dass wir damit aber zu einem Ergebnis kommen, verdanken wir Moses. Wie wir ohne ihn klingen würden – keine Ahnung.

Jan: Wir hätten einige Lieder ohne Moses einfach gar nicht gemacht, weil im Vorfeld Sachen zerredet werden, zum Beispiel, dass das eine Lied so gar nicht geht und wir das so nicht machen können. Bis Moses es sich anhört und fragt: Wo ist euer scheiß Problem? – weil er das, was er hört, total geil findet und etwas darin sieht, was wir vorher nicht gesehen haben. Moses ist bei uns eine Instanz geworden, die so viel Vertrauen genießt, dass wir uns auf Dinge einlassen, auf die wir uns vielleicht nicht einlassen würden, wenn es einer aus der Band gesagt hätte.

Es ging mir total super, das Wetter war schön, ich hatte eine tolle Zeit. Und dann hörte ich mir das morgens nach dem Aufstehen an und dachte: Alter, ist das ätzend.

Jan Windmeier

Das Album erscheint auch auf Kassette. Gibt es inzwischen wieder ein breites Interesse an dem Tonträger oder ist das Liebhaberei?

Marten: Wir haben jetzt schon so viele Kassetten verkauft, wie wir nie gedacht hätten. Es ist das erste Mal, dass wir eine Kassette machen. Also nach den Demotapes am Anfang. Aber das war ja mehr der Zeit und Notdürftigkeit geschuldet.

Tobert: Ich finde es witzig, dass die jetzt gekauft wird, und wir uns fragen: „Wer kauft denn eine Kassette?“ Weil ich mich persönlich dafür interessiere, weiß ich, dass es grad so ein Ding ist. Aber gleichzeitig ja auch das, was wir früher gemacht haben: Anfangs haben wir die Demokassetten von Bands, die im Speicher Husum auftreten wollten, mit unseren eigenen Demos überspielt. Das ist so lange her.

Jan: Generell gesehen, ist immer noch das ein Ding, was Nerds gut finden. Das sehen wir deutlich in unserem Shop. Und das spricht ja auch für die Leute, die in unserem Shop kaufen. Aber im Großen und Ganzen ist eine Kassette immer noch etwas, was nicht so richtig stattfindet.

Marten: Es ist kein finanzielles Standbein einer Albumproduktion. Dann doch schon eher Liebhaberei.

Quelle: Instagram

Ihr wohnt in verschiedenen Städten: Flensburg, Berlin, Hamburg. Wo ist Uthlande entstanden?

Jan: In Loit.

Tobert: Wir proben dort bei einem Bekannten, Knut, alter Punk, in dessen Dorfkneipe in Scheggerott wir auch unsere Release-Party machen. Er hat uns das damals angeboten. Wir waren vorher in Schleswig, Auf der Freiheit, hatten da einen ganz tollen Proberaum in einer alten Kaserne. Das haben die alles weggeknallt für teure Butzen. Und auf der Suche haben wir Knut getroffen. Seitdem sind wir bei Knut und haben da auch unser neues Album gemacht. Ist immer traurig, einen Ort zurückzulassen und Schleswig aufzugeben. Auf der Freiheit war es im Nachhinein wirklich toll, aber es ist auch gut, sich zu bewegen und überall kleine Fähnchen hinzusetzen: Hier hab ich auch schonmal ein Album gemacht.

Schreibt ihr Songs also komplett gemeinsam im Proberaum?

Tobert: Diesmal haben wir viel mit Demos gearbeitet. Marten hat Demos angeschleppt, ich hab Demos angeschleppt, und wir sind mit den Sachen in den Proberaum gegangen, haben sie genauso gespielt oder ein bisschen verändert.

Jan: Zu anderen Platten hat man mehr gejammt, jetzt ist es viel Demoarbeit gewesen.

Ein paar Fragen in die Platte rein: Worum geht es in der ersten Single „Rattenlinie Nord“?

Tobert: Das weißt du doch schon.

Stimmt.

Marten: Um die Rattenlinie Nord …

Jan: Ich würde das jetzt nicht so platt sagen.

Marten: … und um Pflichterfüllung.

Jan: Um die Ausrede der Pflichterfüllung. Und um den geschichtlichen Ansatz. Um Leuten zu sagen, dass es eine Rattenlinie Nord gab.

Tobert: Marten hat recherchiert, den Film gefunden, aus dem das Sample Stammt, uns das gezeigt, dieses Lied geschrieben. Und für alle, die wissen wollen, was das ist, die können sich ans Internet setzen und lesen und schauen, und sich hoffentlich eine Meinung dazu bilden, die gut ist.

Das sollte man dann auch tun, oder?

Tobert: Wenn man das so sagen kann, würd ich drum bitten, ja.

Also: Zeit für eine Wikipedia-Pause.

Jan: Mir haben zum Beispiel ganz viele Flensburger geschrieben und sich für den Song bedankt.

Flensburg spielt für die Rattenlinie Nord ja auch eine zentrale Rolle.

Jan: Und wir, die ja nun alle lange in Flensburg gewohnt haben, haben ganz lange nicht gewusst, dass es diese Rattenlinie Nord gab. Genau wie es die Leute, die sich bedankt haben.

Im Song taucht ein Sample von Karl Dönitz auf, dem letzten Reichspräsidenten des Dritten Reichs. Die Aufnahme ist ganz schön zermürbend.

Marten: Ja, das ist tief schockierend.

Ein drastisches Stilmittel. Aber für das Thema notwendig?

Marten: Ich weiß es nicht. Früher war es so üblich, dass man Punk oder Emo-Punk spielt, und dann kommt in einem Original-Ton-Sample irgendein Arschloch und sagt irgendwas Gemeines. Gerne hat man da Nazis genommen. Für uns ist das ein ganz gebräuliches Stilmittel, was sich sehr natürlich anfühlt. Aber als ich das reinmontiert habe, war ich mir auch nicht ganz sicher, ob man das bringen kann.

Jan: Zu dieser Zeit, als Marten mir das geschickt hat, war ich in einem guten Zustand. Es ging mir total super, das Wetter war schön, ich hatte eine tolle Zeit. Und dann hörte ich mir das morgens nach dem Aufstehen an und dachte: Alter, ist das ätzend. Je häufiger ich es mir aber danach anhörte, desto wichtiger fand ich es. Mittlerweile ist es der Kern des Liedes geworden, sodass ich hoffe, dass wir das auch live umsetzen können. Denn die Leute ja sollen sich auch nicht wohlfühlen.

Sample ab 1′ 50“:

Quelle: YouTube

Anderer Song: Worum geht’s bei Hemmingstedt?

Marten: Um die Raffinerie in Hemmingstedt. Wenn wir auf einem Konzert waren oder selbst gespielt haben und zurück nach Husum gefahren sind, sind wir immer, meistens um 4 Uhr morgens, an dieser Raffinerie vorbeigefahren, die da dort mitten in der Nacht gebrannt hat. Meistens war man besoffen, irgendwas lief im Tapedeck, man hat viel geraucht und halb gepennt.

Hat euch die Raffinerie gestört oder wolltet ihr ihr ein Denkmal setzen?

Marten: Beides nicht. Es geht mehr um den Zustand des eigenen Lebens, wenn man war grad in Hamburg auf einem Konzert war und Montag wieder rausmuss. Und um die chemischen Prozesse, die sich in der Raffinerie abspielen. Ich fand interessant, diese im eigenen Alltag zu reflektieren. Das brodelnde Gefühl, kurz vor der Explosion zu stehen. Damit konnte ich sofort etwas anfangen.

Jan: Wenn man daran vorbeifährt und es ist dunkel und überall sind diese Lichter und es brennt – das war für mich immer sehr unwirklich, ganz egal, wie oft wir dran vorbeigefahren sind. Man hat halt immer hingeguckt. Wie bei einem Unfall, bei dem man sich zwingen muss, wegzugucken: Es hat keine schönen Gefühle in mir ausgelöst. Für mich waren es eher Kälte und Stahl.

Tobert: Das Licht am Ende des Tunnels ist eine brennende Fabrik.

Zwei Songs des Albums, Luzi und Stormi, haben denselben Refrain. Konntet ihr euch nicht entscheiden, welcher Song ihn bekommt?

Marten: Nein, das ist beides der gleiche Song. Wir hatten damals das Lied geschrieben und überlegt, dass man ihn entweder schnell oder langsam spielen kann. Und wir haben gesagt, wir können ja beides machen, und in den Text einen Perspektivwechsel einzubauen: eine Perspektive von außen und eine von innen. Das fanden wir irgendwie lustig. Bei Stormi singen übrigens all unsere Kinder mit.

Tobert: Auf diese Frage habe ich gewartet und gedacht: Deswegen bin ich hier, das will ich heute gefragt werden. Es muss nicht jedem auffallen, der nicht Musik macht, aber die Töne sind sogar gleich. Ich finde es so spannend, zu sehen, wie viele Leuten beim Anhören drüber stolpern. Vielleicht nimmt ja jemand beide Texte und guckt sie sich an. Mich interessiert, ob Leute was damit anfangen können: Ob sie denken, denen ist einfach kein besserer Refrain eingefallen oder sie sich tatsächlich damit auseinandersetzen, was aus welcher Perspektive erzählt wird. Dass uns kein besserer Refrain einfällt, kommt oft vor, aber in dem Fall war es nicht so. Es kann also sein, dass wir ihn aus der Not irgendwann noch mal aufgreifen. Revisited als Trilogie.

Es sind nur Schwäne für sie und tote Freunde für dich.

Turbostaat – Ein schönes Blau

Zwei eurer Alben heißen Schwan und Flamingo, ein Song Haubentaucher-Welpen, eurer Videos zu Wolter begleitet einen Vogelkundler im Wattenmeer, im Moment habt ihr Pinguin-T-Shirts im Shop, auf dem neuen Album tauchen erneut Schwäne  auf. Würdet ihr sagen, dass ihr ornithologisch interessiert seid?

Jan: Ja, ein bisschen.

Tobert: Ich auf jeden Fall. Das hat nichts mit der Band zu tun, aber ich will das jetzt trotzdem erzählen: Auf meinem Balkon kommen viele Eichhörnchen und Meisen vorbei. Und seit kurzem auch ein Eichelhäher-Geschwader. Die sind sehr schlau und machen verrückte Sachen. Tatsächlich ist es das, worüber ich mich an so ’nem Tag am meisten freue. Hat nichts mit Turbostaat zu tun. Ich wollte aber die Jungs mal grüßen, das Eichelhäher-Geschwader aus Bergedorf. Ich hab euch richtig lieb. Aber spielen Vögel für uns eine Rolle? Nein. Die sind halt da, schwirren herum, machen Sachen.

Also nur ein interessantes Motiv?

Jan: Genau, ein Motiv und damals dann ja auch Titel für zwei Platten.

Tobert: Ab und zu sind unsere Titel aber halt einfach nur Sachen, die wir lustig finden oder die wir alle gut fanden. Bei Schwan zum Beispiel ist irgendwann dieses Bild mit der Rose aufgetaucht, und irgendwer meinte, dass es doch witzig wäre, die Rose aufs Album zu nehmen und es dann Schwan zu nennen.

Marten: Bei Flamingo damals dachte ich: Was soll dieses scheiß Kitschbild? Wenn man das macht, muss man das Album ganz trocken Flamingo nennen. Sonst geht das nicht. Bei der nächsten Platte hatten wir erst ein anderes Bild, zu dem wir uns den Namen Schwan überlegt hatten. Dann haben Tobert und Roland einfach dieses Bild mit der Rose genommen. Das hatte Roland irgendwie beim Pizzaaustragen gefunden.

Tobert: Roland und ich fanden das Bild unfassbar witzig. Auch die Vorstellung, dass uns nachher alle fragen, was denn jetzt der nächste Vogel wird. Wir waren damals mit unserem Punklabel Schiffen unterwegs, haben in AJZs gespielt. Irgendwann später sind wir dann bei Warner gelandet, und plötzlich sitzt man in Interviews und denkt sich: Oh nein, die fragen wirklich alle danach. Das haben wir uns selbst gebacken. Wie heißt denn jetzt das nächste Album? Drossel? Nein, Eichelhäher!

Alle Punkbands kennen Glufke.

Marten Ebsen

Und wie entscheidet ihr, wie eure Songs heißen?

Jan: Am Anfang heißen sie Lied 1, Lied 2, Lied 3, Lied 4. Irgendwann müssen wir ins Studio und merken, dass das echt doof ist, Lied 1, Lied 2, Lied 3, Lied 4 mit ins Studio zu nehmen, und dass wir unbedingt mal Titel finden müssen. Und der eine oder andere hatte sich im Laufe der Plattenprozesse Sachen aufgeschrieben, die er gut fand. Die werden dann bei den Proben besprochen und es wird mehr oder weniger abgestimmt.

Heißt das, für euch selbst haben die Songtitel keinen hohen Stellenwert?

Marten: Es hat einen hohen Stellenwert. Wenn du ein Lied hast, und nennst es zum Beispiel „Ich fühle nichts”, ärgerst du dich ja nachher, weil du dir die Mühe gemacht hast, ein schönes Lied zu schreiben und es da dann aufhört.

Tobert: Das ist ein Kampf geworden. Wir tragen, wenn wir Songs proben, bandintern immer die grundsätzliche Ansicht mit uns herum, dass wir ihnen irgendwann witzige Titel geben und los geht’s. Das ist aber schon lange nicht mehr so. Wir müssen schon immer etwas graben und zum Glück gibt’s Notizen oder Diskussionen und Momente, in denen man feststellt, dass man den Titel gefunden hat.

Marten: Es ist immer ein bisschen wie jetzt mit Uthlande. Man schaut sich um, hat einen Titel und denkt darüber nach, wozu er passen könnte. Und im nächsten Schritt fallen einem ein paar Dinge dazu ein.

Jan: Es wurde aber zum Beispiel nie darüber diskutiert, dass Rattenlinie Nord „Rattenlinie Nord“ heißen wird.

Marten: Nein, das war einfach immer klar.

Jan: „Nachtschreck“ ist ein Beispiel. Geiles Wort, das aber nicht unbedingt was mit dem Lied zu tun haben musste. Genauso wie auf früheren Alben „Ja, Roducheln“ oder „Nach fest kommt ab“. Die kamen nachträglich, da haben wir irgendwas genommen, viel drüber gelacht.

Marten: Aber Luzi, Stormi und Hemmingstedt zum Beispiel: Bei Hemmingstedt stand der Titel schon vorher fest. Und bei Luzi und Stormi war schon irgendwie klar, in welche Richtung es gehen wird.

Tobert: Für mich ist das dieses Mal auch wesentlich konkreter: „Brockengeist“ taucht im Text auf, „Le Hague“ taucht im Text auf, „Stine“ taucht im Text auf. Deswegen meinte ich grad, die Disziplin, die oft vermutet wird, dass wir unserem Kram irgendwelche verrückten Titel geben, gab es diesmal nicht. Am Ende passen die Titel ganz gut, aber keiner davon ist „Das Island Manöver“, bei dem der Titel von Peter, unserem Schlagzeuger, ausging.

Marten: Oder „Schalenka Hase“.

Tobert: Genau, mit „Schalenka Hase“ hat er sich den Schlagzeug-Beat gemerkt. Und beim Island Manöver musste er etwas spielen, was ihm absolut nicht reinging. Er hat gemeckert, warum er nicht einfach seinen normal Punkbeat spielen kann. Für ihn war es, als würde Turbostaat mit ihrem Kunstscheiß jetzt so ein Sigur-Rós-Lied spielen. Und irgendwann ist der Titel dann einfach mit dem Song verbunden. So rangeln wir uns da durch. Für mich ist es diesmal aber ein bisschen klarer.

Marten: Man möchte ja auch einfach immer vermeiden, einen Schlager zu schreiben, weshalb man das Lied am Ende nicht Polonaise nennt, sondern Ja, Roducheln“.

Anschlussfragen: Wer ist Harm Rochel?

Tobert: Das ist ein Arbeitskollege meines Opas in Husum gewesen, ein Polizist. Er hatte diesen Namen und seit jeher fand ich die viele Konsonanten ganz schön geil.

Wo liegt Fuhferden?

Tobert: Wo immer du willst.

Marten: Irgendwo, wo Dave Grohl wohnt.

Tobert: Genau, in Fooferden.

Und Abalonia?

Jan: Das weiß man nicht so richtig.

Marten: Man weiß nur, wo das Wort herkommt.

Tobert: Das kannst du doch mal erzählen.

Marten: Wir haben uns die Doolittle-Demos der Pixies angehört. Bei Debaser gab es noch keinen Songtext und Frank Black singt die ganze Zeit Ooh, A–ba–lo–ni–a. Ich fand das phonetisch sehr gut.

Wann habt ihr zuletzt bei Glufke gepennt?

Tobert: Bei ihm zu Hause? Das ist richtig lange her.

Marten: Kurz bevor wir den Song gemacht haben.

Tobert: Das letzte Mal mit einem Nightliner. Obwohl der ja vorher weggefahren ist, das gilt nicht. Und außerdem, das kannst du ja mal reinschreiben, falls er das liest, werden wir das auch nie wieder tun.

Jan: Doch, bei Glufke penn ich auf jeden Fall wieder. Der hat nämlich jetzt Whisky-Kirschen.

Tobert: Eben nicht. Er hat uns das letzte Mal nämlich Whisky-Kirschen versprochen, und Apfelstrudel und Vanilleeis, und hat sie dann einfach nicht vorbeigebracht. Er denkt, wir fahren nach Regensburg, weil man da eine geile Show spielen kann und viele Leute kommen – stimmt ja beides nicht. Wir fahren da nur seinetwegen und wegen der Whisky-Kirschen hin. Und er verkackt das.

Jan: Das stimmt wirklich, wir fahren nur hin, um ihn wiederzusehen.

Tobert: Glufke ist also wirklich ein Typ in Regensburg in der alten Mälzerei.

Marten: Alle Punkbands kennen Glufke.

Tobert: Super Kerl.

Was ist Schwinholt?

Marten: Die Straße, in der wir proben.

Was ist der Brockengeist?

Jan: Es ist eigentlich das Brockengespenst, aber „Gespenst“ ist so scheiße zu singen. Das Brockengespenst taucht bei Nebel und Nacht auf.

Marten: Es ist eine optische Täuschung. Wenn du durch den Nebel läufst und der Schatten gebrochen wird, siehst du ihn halt. Du siehst hinter dir einen riesigen Schatten, der dich verfolgt.

Jan: Wenn man „Brockengeist“ nachguckt, ist das auch mal ein Schnaps.

Tobert: Den findest du bei uns ab Plattenrelease im Shop – topmäßig im Angebot. Am besten eisgekühlt genießen mit Gurkensaft.

Vielen Dank für das Gespräch.

 


Uthlande erscheint am 17. Januar auf Kassette, CD und Vinyl bei PIAS und hat zwölf Songs.

Titelbild: © Andreas Hornoff

„soif sauvage“ – Durst auf das Leben

Das Nachdenkliche und Wehmütige schließen Leichtigkeit und die pure Freude nicht aus. Wie verträumt und rastlos Berlin klingen kann, haben soif sauvage für sich entdeckt und nun mit uns geteilt.


Verträumt wie ein herbstlicher Nachmittag an einem stillen See und tanzbar wie eine durchwachte Nacht in Berlin – so hören sich soif sauvage auf ihrem gleichnamigen Debut an. Zwei Jahre ist es her, dass Florence Wilken und Pierre Burdy ihr Musikprojekt ins Leben gerufen haben, das sich irgendwo zwischen House und Indie-Pop bewegt. Seither haben sie einen sinnlichen Sound heranreifen lassen, der sich am besten mit einem simplen, aber anerkennenden „It feels good!“ beschreiben lässt.

Quelle: YouTube

Auf Bandcamp bezeichnen sie sich als „berlin based french duo“, deren melancholischer Electro-Pop von souligem Gesang untermalt wird. Im Sommer 2019, ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung ihres Albums, traten sie bereits als Nachwuchs auf dem Pop-Kultur-Festival Berlin auf.

Soif sauvage siedeln sich musikalisch in der Nachbarschaft einer jungen, diskursfähigen Generation von Pop an, die poetisch-sinnlich und selbstbewusst klingt. Die gefühlsbetonten Lyrics gehen Hand in Hand mit spielerischen Arrangements. Trotz verführerischer Verspieltheit wirkt das Album jedoch wie eine harmonischen Einheit, die wenig experimentierfreudig erscheint. Dass soif sauvage aber das Potenzial dazu haben, lassen sie durchschimmern.

Man kann sich in ihren Songs selbst wiedererkennen und zugleich zwischen den Klängen und Beats verlieren, die, mal subtil, mal ausdrücklich, aber stets zum Tanz auffordern. Auch wenn das Debut von soif sauvage von Melancholie getragen wird, lädt es zum Wohlfühlen ein und lässt die schwer wiegenden Gefühle zehn Tracks lang schweben.

Titelbild: © soif sauvage, bandcamp.com

Im Anfang war die Stille

Es gibt Worte, die man manchmal monatelang oder vielleicht über Jahre hinweg nicht mehr benutzt. Und dann fallen sie wie vom Himmel. Sind einfach da, weil sie treffender nicht sein können. Als das erste Stück des Albums „A New Beginning“ von Henning Fuchs bei mir lief, habe ich zu mir selbst gesagt: „Was für eine Anmut!“ Tatsächlich könnte die Platte so etwas wie ein Plädoyer für eine romantische Weltsicht sein. Doch dabei bleibt es nicht.


Streicherarrangements verbinden sich mit Harfenklängen. Dazu kommen Klavierpassagen und Flöten und bilden glasklare Melodiestrukturen, die melodisch-sanft wirken. Und cool. Ich weiß, solche Musik läuft schnell Gefahr, bei all der Einfachheit ins Kitschige zu gleiten. Oder ganz an der Banalität zu zerschellen. Doch Fuchs bekommt hier gut die Kurve und bleibt auf Kurs. Das gelingt ihm, weil er Brücken zwischen den Jahrhunderten schlägt und eine weitere Sounddimension einzieht: Auf das klassische Arrangement legt er ein modern-individuelles Sounddesign und Samples von Großstadt- und Naturgeräuschen. Das klingt jetzt hier in der Beschreibung vielleicht etwas befremdlich und tosend-hupend, bereichert aber die Songs mit rhythmischen Details und packenden Percussionelementen. Es zirpt, es knarzt – und sorgt für Fußwippen.

Wie Tanzende auf einer Bühne

Auch wenn das Album sein Debut als Solokünstler ist, so ist Fuchs in der Musikszene alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. Kooperationen mit Klezmerformationen, Musik für Tanz, Film, Konzerte sowie Songwriting und Albumproduktionen stehen auf der Werkliste des Berliner Künstlers. Als Bandleader und Leadsänger begann er mit 14 Jahren eigene Songs zu schreiben. Dann folgte eine Zeit als Geographie- und Soziologiestudent, doch musste er bald feststellen, dass er vielleicht woanders besser aufgehoben sein könnte – und kehrte zur Musik zurück. Man kann nur sagen: Eine gute Entscheidung!

 „Ich wollte eine Welt erschaffen, in die man eintaucht und der man seinen Gefühlen und seiner Phantasie freien Lauf lassen kann“, beschreibt Fuchs sein Anliegen. Und tatsächlich lassen die Songs so etwas wie Bilder im Kopf entstehen. Besonders eindrucksvoll zeigt das der Song „A Friendship“: Hier entwickeln Harfe, Geige und Cello nach und nach das Thema und spielen sich gegenseitig Melodieideen zu. Mal umarmen sie sich, mal gehen sie in die Weite – wie Tanzende auf einer Bühne sich gegenseitig Raum und Nähe geben.

Aus der Stille

Was ist der Reiz dieses Albums? Ich denke, er liegt in diesem famosen Tandem, das Henning Fuchs aus Zartheit und Entschlossenheit zusammengeschweißt hat. „Ich suchte die Einsamkeit und Stille der Natur, um mich auf den Neubeginn vorzubereiten“ – für Henning Fuchs ist die Abwesenheit von Tönen, Geräuschen und Musik der Anfang. Wie schön, dass er uns aus der Stille diese Musik mitgebracht hat.

Henning Fuchs

Henning Fuchs

A New Beginning

Label Neue Meister 2019

Als CD und Download

Brittany Howard – Permission to fuck it up

Die Frontfrau der Alabama Shakes hat ein Soloalbum vorgelegt, das überzeugt. Brittany Howard hat elf starke Songs produziert, die sehr unterschiedlich, aber immer authentisch sind und Spaß machen.


Bis heute ist es in der Evolutionsforschung ungeklärt, was zuerst da war: die menschliche Sprache oder der Gesang. Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte, in einer Symbiose aus gesprochenem Wort und gesungenen Tönen. Der menschlichen Stimme wird in den letzten Jahren in ganz unterschiedlichen Disziplinen vermehrt Gehör geschenkt. Von der einzigartigen Individualität einer jeden einzelnen Stimme, dem Potenzial, mit nur einer Stimme auch vielen anderen Menschen eine „Stimme“ zu geben und der Möglichkeit verdrängte Erinnerungen über die eigene Stimme wieder zugänglich zu machen, ist die Rede (Alice Lagaay 2011, p. 57–69.). Die US-amerikanische Künstlerin Brittany Howard legt mit ihrem Solodebüt nun ein eindrückliches Werk vor, aus dem sich diese drei Dimensionen ablesen lassen.

Nach dem zweiten, 2015 erschienenen, sehr erfolgreichen Studioalbum mit ihrer Band Alabama Shakes präsentiert Howard nun mit elf Songs ein Album, das in Gedenken an ihre verstorbene Schwester den Titel „Jaime“ trägt. Fast könnte man von einem Konzeptalbum sprechen, denn was alle Songs vereint, sind sehr intime Einblicke in Howards Leben: unerwiderte Liebe, jemanden zu vermissen oder unabhängig von den Vorstellungen einer Gemeinde an Gott zu glauben. Ihr Leben war, wie sie selbst sagt, auch bestimmt von dem Gefühl anders zu sein:

“In a small town like where I come from, different is bad—I never wanted to be different. My greatest wish was to be like everybody else. I didn’t want to be almost six feet tall, didn’t want this big, bushy hair“.

Brittany Howard

Davon gibt besonders der Song „Goat Head“ ein Zeugnis. Über einen trip-hop-artigen Beat mit dezenten Piano-Tönen singt Howard: „My mama was brave to take me outside/cause mama is white and daddy is black/when I first got made, guess I made these folks mad“. Howard erzählt hier von dem traumatischen Erlebnis, als Unbekannte einen Ziegenkopf auf dem Hintersitz des väterlichen Autos platzierten, um die Familie einzuschüchtern. Diese privaten Erlebnisse stehen stellvertretend für viele farbige Menschen in den U.       S.A. und weltweit, die mit Rassismus alltäglich umgehen müssen.

Howards Stimme zeigt sich als perfektes Vehikel, um diese Lebenswirklichkeit vieler Menschen auf einmal zu transportieren. Ihr Timbre bewegt sich zwischen dem, was wir als typisch weiblich/männlich beschreiben würden. Mal kraftvoll und kratzig, mal sanft und melodisch wie in „Short & Sweet“. Howards Timbre und Wortbetonung lassen einen da unweigerlich an Nina Simone denken. Aber auch gewisse Einflüsse von Prince kommen vor allem in „Stay High“ und „Baby“ durch. Howard klingt ganz und gar nicht „wie ein Frosch mit einer sehr, sehr guten Soulstimme“, so Jens-Christian Rabe in der Süddeutschen.

Und auch dem Vorwurf einer nicht vorhandenen Genialität, was die einzelnen Songs angeht, muss widersprochen werden. Als ausgewiesener Pop-Kritiker sollte Rabe eigentlich die Kriterien kennen, die einen authentischen und dabei massentauglichen Song ausmachen. Auf „Jaime“ lassen sich mit „Stay High“ der ersten Single mit Videoveröffentlichung und „Goat Head“ mindestens zwei hitverdächtige Titel ausmachen, die den gegenwärtigen Pop-Geist einfangen und trotzdem so intelligent gemacht sind, dass sie nicht schon nach dem dritten Anhören langweilen. Immer wieder überrascht Howards Stimme. Über mehrere Oktaven schlängelt sie sich perfekt zwischen die Instrumente, wird gelegentlich von Backing Vocals pointiert und lässt sich vom Beat tragen. Insgesamt ist das Album vom Rhythmus bestimmt. Es fällt schwer, sich nicht mitzubewegen. Vom ersten Song an ist man drin. Das macht dieses Album so stark.

Quelle: YouTube

Man kann sich nicht entziehen, obwohl die Stücke sehr unterschiedlich in ihrer Struktur und der instrumentalen Besetzung sind. Die Songs sind auf unterschiedliche Weise entstanden. Viele Ideen hatte Howard bereits Jahre auf ihrem Computer, sie wurden dann im Studio ausgearbeitet. Andere Ideen wie z. B. „13th Century Metal“ flossen beim Jammen aus den Fingern des Jazz-Keyboarders Robert Glasper und des Drummers Nate Smith. Zusammen mit dem Shakes-Bassisten Jack Cockrell wurde das Album, wie auch das zweite Shakes-Album „Sound & Color“, im Studio von Shawn Everett in Los Angeles produziert. Everett ist fünfmaliger Grammy-Gewinner. Er machte u. a. das Mixing und Sound-Engineering für Warpaint oder War On Drugs. Durch die Alben von Radiohead und Björk beeinflusst, ist es Everetts Anspruch, einen möglichst originellen und puren Sound zu finden. Auch wenn das mal bedeutet, aus dem Mastertrack die Bass- und Drumspuren herauszufiltern, auf Vinyl zu pressen und dann mit diesen Spuren weiter zu mischen. Die Umwege lohnen sich. Auch auf „Jaime“ fühlt man bei jedem Song einen räumlichen Klang, der nicht allein durch digitale Tools hergestellt werden kann.

„I gave myself permission to just fuck it up“, sagt Howard. Diese Freiheit hat sie in eine überzeugende Leistung umgewandelt. Sie hat die richtigen Musiker mit ins Boot geholt und sich von dem bisherigen Soulbluesrock ihrer Band Alabama Shakes in neue Wasser vorgewagt. Nicht allzu weit weg, man begegnet Howards rockigem Gitarrenspiel wieder. Aber was die Arrangements und ihre facettenreiche Stimme angeht, hat sie neue Ufer erkundet. „Jaime“ ist ein spannendes Album, authentisch und detailliert. Egal, was am Anfang war, am Ende ist Musik.

Jamie von Brittany Howard erschien am 20. September bei Columbia/Sony Music.

Titelbild: © Danny Clinch