Kategorie: Literatur

Eine Geschichte aus Lügen – „Hör auf zu lügen“ von Philippe Besson

Die Bücher des französischen Schriftstellers Philippe Besson, geboren 1967 in Barbezieux, werden in Frankreich regelmäßig zu Bestsellern. So verhielt es sich auch mit „Hör auf zu lügen“.


Die Geschichte beginnt damit, dass Philippe während eines Interviews in einem Hotel in diesem autobiographischen Roman eine scheinbare Erscheinung aus der Vergangenheit begegnet. Er ruft dem Mann „Thomas“ entgegen, rennt ihm hinterher, lässt die Journalistin ziehen und greift ihn schließlich an der Schulter. Doch was daraufhin passiert, erfahren die Leser*innen zunächst nicht.

Dann eine Rückblende ins Jahr 1984. Der Erzähler berichtet aus seiner Jugendzeit als siebzehnjähriger Schüler in Barbezieux in der französischen Provinz, wo er als schüchterner Musterschüler und Sohn des Schuldirektors lebt. Er fällt nicht auf. Doch sein Augenmerk richtet sich damals auf einen anderen Schüler, den etwas älteren Thomas Andrieu, hochgewachsen, feingliedrig, zurückhaltend, von dem ihn eine unüberwindliche Grenze zu trennen scheint. Es geht in diesem Buch darum, was es heißt, in den 80er Jahren schwul zu sein. Dass es viel mehr als heute mit sozialer Ausgrenzung und Verachtung verbunden war, mit Geheimhaltung und Sich-selbst-Verleugnen. Denn um Philippe ranken sich Gerüchte, dass er homosexuell sein könnte. Ihm werden – laut oder leise – Schimpfwörter wie „Schwuchtel“ hinterhergerufen.

(…) was ich möglichst nicht wahrnehmen will, worauf ich niemals antworte, sondern vielmehr die größte Gleichgültigkeit zur Schau stelle, so, als hätte ich es nicht gehört (als ließe es sich überhören!). Was meinen Fall noch verschlimmert: Ein waschechter und rüstiger Heterosexueller hätte sich niemals so etwas an den Kopf werfen lassen, er hätte lauthals protestiert, dem Beleidiger die Fresse poliert. Wer es zulässt, der bestätigt.

Philippe muss sein Begehren für Thomas Andrieu verbergen, indem er ihm verstohlene Blicke zuwirft, um die Gerüchte nicht noch anzuschüren. Zunächst ist der Erzähler überzeugt, dass der umschwärmte Thomas für Mädchen gemacht ist. Doch als eines Tages im Winter 1984 keiner seiner Schulkameraden zusieht, schlägt Thomas Andrieu Philippe vor, sie könnten gemeinsam am anderen Ende der Stadt etwas essen gehen. Das Verhältnis, das sich zwischen Philippe und Thomas entwickelt, ist ein verstecktes. Thomas hat Philippe ausgewählt, weil ihm – anders als Philippe – bereits bewusst ist, dass Philippe nach dem Ende der Schulzeit die ländliche Gegend, in der beide aufgewachsen sind, verlassen wird, um in der Stadt zu studieren: „Weil du fortgehen wirst und wir bleiben werden.“ Damit sind die Spuren verwischt.

Das Verhältnis der beiden, in das sich mit der Zeit auch Liebe mengt, findet zuerst an mehr oder weniger öffentlichen Orten statt. Sie kommen sich in der leerstehenden Turnhalle des Gymnasiums nahe, daraufhin ignorieren sie sich in der Schule neun Tage lang, ehe Thomas Philippe im Vorübergehen einen Zettel zusteckt. Diese riesige Vorsicht, aufgebracht, um nicht erwischt zu werden, hat zweierlei Gründe: Einerseits hat Thomas eine große Angst, entdeckt zu werden, andererseits hat er Angst um sich selbst, „die Angst davor, wer er ist“. Beim zweiten Mal treffen sie sich in einem Häuschen neben dem Fußballplatz, in das sie dank Thomas‘ Tür-Knacker-Fähigkeit einsteigen können.

Weil es draußen stark regnet und sie nicht sofort nach der Befriedigung der körperlichen Begierden wieder aufbrechen können, reden sie zum ersten Mal länger miteinander. Thomas erzählt nun, dass er in dem Dorf Lagarde-sur-le-Né wohnt, seine Eltern Bauern sind, die ein wenig Land besitzen, einen kleinen Weinberg bewirtschaften und Vieh besitzen. Philippes Großmutter ist in eben diesem Dorf auf der Straße überfahren worden. Thomas berichtet, dass er gern etwas anderes machen würde, als den Bauernhof zu übernehmen, aber dass er der einzige Sohn sei. Philippe versucht, ihn zu überreden, dass die Zeiten des Erbbauerntums vorbei seien, was Thomas allerdings wütend macht.

Bei der Verabschiedung schlägt Philippe vor, sie könnten sich beim nächsten Mal bei ihm zuhause treffen, wenn seine Eltern nicht anwesend seien. Es entwickelt sich eine engere Beziehung zwischen Thomas und Philippe, als man zu Beginn vermutet hätte. Thomas erzählt von seiner Mutter, die aus Spanien kommt und vor dem Franco-Regime nach Frankreich floh, von seinen zwei jüngeren Schwestern, von denen die jüngste behindert ist und deshalb gepflegt werden muss. Bei den Gesprächen zwischen Thomas und Philippe wird deutlich, dass die beiden eine unüberbrückbare soziale Kluft trennt. Denn während Thomas‘ Verwandte gewöhnliche Arbeiter- oder Angestelltenberufe ausüben, beendet Philippes Bruder gerade seine Dissertation in Mathematik mit Belobigung.

Thomas sagt: Du siehst, wir gehören unterschiedlichen Welten an. Welten, die nichts miteinander zu tun haben.

Dieses kleine Buch ist also ein Buch über eine mehrfach unmögliche Liebe – eine Liebe, die die Normen des provinziellen Umfelds herausfordert und daher nur im Verborgenen ausgelebt werden kann, und eine Liebe, der von vornherein nur eine vorübergehende Dauer beschieden ist, da sie die Klassengrenzen auf unerhörte Weise überschreitet. Das Buch feiert im Rückblick die Möglichkeit des eigentlich Unmöglichen. Darüber hinaus findet Thomas Andrieu, er passe nicht ganz hierher, da seine Mutter aus Spanien kommt und er selbst etwas von einem Ausländer habe. Philippe wächst durch diese heimliche Beziehung, wird selbstbewusster durch die häufiger werdenden Treffen bei ihm zuhause, durch den Gebrauch des eigenen Körpers.

Zugleich muss er – etwas gegen seinen Willen und seine Gefühlslage – damit leben, dass das Verhältnis mit Thomas aus Vorsicht unsichtbar bleibt, dass er und Thomas ein Geheimnis bleiben und sich niemals gemeinsam zeigen dürfen, nicht in der Schule und auch nicht bei einer Party, bei der sie zufällig beide anwesend sind.

Die anderen verfügten über dieses Recht [sich zu zeigen], nutzten es, verzichteten nicht darauf. Das machte sie noch glücklicher, ließ sie sich blähen vor Stolz. Wir jedoch verkrüppelt, eingekerkert in unser Verbot.
(…)
Eines Tages, wenn die Geschichte vorbei sein wird, denn sie wird vorbeigehen, wird niemand bezeugen können, dass es sie je gab. Einer ihrer Darsteller (er) wird sie sogar leugnen können und bei Bedarf gegen solch erfundenes Geschwätz auf die Barrikaden gehen. Der andere (ich) wird nur sein Wort haben, es würde nicht schwer wiegen. (…) Ich habe nie darüber gesprochen. Außer heute. In diesem Buch. Zum ersten Mal.

Im Juni des nächsten Jahres findet das Abitur statt. Danach geht Philippe, wie Thomas vorausgesagt hat, aus Barbezieux weg, um in Bordeaux zu studieren, und Thomas geht nach Spanien, um zu arbeiten, wo die Familie Verwandtschaft hat. Das Abitur ist scheinbar das endgültige Ende der kurzen Geschichte zwischen Thomas und Philippe – doch das stimmt nicht ganz. Denn über die Distanz geht die Geschichte Jahre später weiter, wie uns das Buch „Hör auf zu lügen“ belehrt.

Ein Sprung ins Jahr 2007. Philippe ist inzwischen Schriftsteller und wird in Bordeaux, wie in der Szene eingangs skizziert, von einer Journalistin zu seinem neuen Buch befragt, als er einen Mann mit erschreckender Ähnlichkeit zu Thomas Andrieu erfasst.

Die gleichen Gesichter, derselbe Blick, erschreckend. Beängstigend.
Doch ein winziger Unterschied, der wahrscheinlich mit der Gesamterscheinung oder mit dem Lächeln zu tun hat, besteht.
Und dieser winzige Unterschied lässt mich wieder zu Sinnen kommen, vernünftig werden.

Er spricht den jungen Mann, Lucas, an und beginnt ein Gespräch mit ihm, stellt sich als Jugendfreund seines Vaters vor. Lucas erzählt, dass er auf der Durchreise in Bordeaux ist. Er eröffnet Philippe den Lebenslauf seines Vaters, der nach der Schule nach Galicien ging, um dort bei Verwandten auf dem Landgut hart zu arbeiten, auf einem örtlichen Dorffest eine 17-jährige Frau namens Luisa kennenlernte, eine Beziehung mit ihr einging und schließlich ein Kind mit ihr bekam. Doch Philippe glaubt nicht, dass Thomas plötzlich anders geworden ist, seine Orientierung gewechselt hat; er ist vielmehr überzeugt, dass Thomas sich gemäß den Erwartungen der Gesellschaft um ihn herum in einen geradlinigen Lebensweg gezwungen hat.

[I]ch bin überzeugt davon, er macht sich mit demselben sturen Eifer ans Werk wie bei seiner Arbeit. Derselbe Aufwand, sich zu vergessen und auf den rechten Pfad, den ihm seine Mutter gewiesen hat, zurückzufinden, den einzig gangbaren. Glaubt er zum Schluss selbst daran? Das allein ist die Frage. Eine grundlegende Frage. Falls die Antwort Ja lautet, so mag im Laufe der Jahre alles ins Lot kommen. Falls die Antwort Nein lautet, ist man zum endlosen Unglück verdammt.

Später zog Thomas wieder zurück nach Frankreich, um bei seinem Vater zu arbeiten:

Vorbei mit Spanien, mit der Jugendzeit. Von nun an die Charente, die Ehefrau, der heranwachsende Sohn, die behinderte Schwester, das Weinfeld, das Vieh.

Zuletzt tauschen Lucas und Philippe Telefonnummern aus, doch keiner der beiden ehemaligen Kameraden wird den anderen jemals anrufen. Zu groß sind die Unterschiede, zu lange ist die gemeinsame Geschichte her, die sie mit 17, 18 Jahren verband.

Ein letztes Mal treffen sich der Schriftsteller und Erzähler Philippe und Thomas‘ Sohn Lucas noch im Jahr 2016, fast 30 Jahre nach den Ereignissen im Jahr 1984. Doch was in dieser Episode geschieht, soll nicht vorweggenommen werden, damit die Spannung noch erhalten bleibt. Nur so viel: Die Geschichte zwischen Philippe und Thomas Andrieu findet damit ihren endgültigen Abschluss – und die Verborgenheit, das Versteckspiel, das Geheimnis von Thomas‘ Homosexualität ein Ende. Außerdem erlaubt Lucas, sein Sohn, dem Schriftsteller, die Geschichte von Thomas aufzuschreiben und zu veröffentlichen, was dieser bereitwillig tut.

„Hör auf zu lügen“ ist ein passender Titel. Philippes Mutter hat früher zu ihrem Sohn häufiger „Hör auf zu lügen“ (frz. „Arrête avec tes mensonges“) gesagt, als eine Art Ermahnung, da dieser sich ständig Geschichten ausdachte. Er überlegte sich fiktive Lebensläufe für Menschen, die er sah oder die ihm begegneten, ohne dass dahinter ein Sinn erkennbar war. Und auch dem Protagonisten Thomas möchte man „Hör auf zu lügen“ entgegenrufen.

Insgesamt ist „Hör auf zu lügen“ eine authentische und durch und durch aufrichtige Erzählung über zwei Leben schwuler Männer, deren Wege sich in ihrer Jugend kurz kreuzten, ehe sich ihre Lebenswege auseinanderentwickelten. Danach gibt es Berührungspunkte über die Distanz und Gedanken an den anderen, doch niemals mehr einen wirklichen Kontakt, ehe der Schriftsteller Philippe am Ende die gemeinsame Geschichte in Erinnerung an Thomas Andrieu (1966-2016) in drei Kapiteln niederschreibt. Damit handelt es sich um eine gelungene Hommage, in der viele Facetten schwuler Lebensentwürfe aufleuchten – vor allem auch deswegen weil verschiedene soziale Klassen berücksichtigt werden.

Auch heute gibt es noch schwule Männer, die beim Dating nur in größter Diskretion und Verborgenheit ihre Sexualität ausleben; in manchen Ländern müssen Schwule eine Scheinehe eingehen, um der sozialen Ächtung durch ihre Familie und die Gesellschaft zu entgehen. Die von Lügen, Selbstverleugnung und Heimlichkeiten geprägten Lebensentscheidungen eines Thomas Andrieu, der nicht immer, aber häufig ins Unglück führt, ist also nicht so weit entfernt, wie mancher aufgeklärte, tolerante und weltoffene Westeuropäerin vermuten könnte.

Dieses Buch ist für LGBTQ-Menschen ein wahrer Schatz. Es werden Diskriminierungen genannt, denen heterosexuelle Menschen nicht ausgesetzt sind, beispielsweise die Beleidigungen, die Philippe auf dem Schulhof und -flur nachgerufen werden. Außerdem bringt der Erzähler unverhohlen schwule Sexualpraktiken zur Sprache, ohne dass diese mit irgendeiner Form von Scham besetzt sind. Auch dass schwule und andere LGBTQ-Personen, die auf dem Land aufgewachsen sind, häufig in die Stadt ziehen, wird reflektiert. So fühlt man sich als LGBTQ von diesem Autor, der selbst offenkundig homosexuell ist, von der ersten bis zur letzten Seite verstanden. Ein durchweg empfehlenswertes Buch für alle, die anspruchsvolle queere Literatur zu schätzen wissen!

Titelbild: © C. Bertelsmann Verlag

Philippe Bessons Roman erschien 2017 als „Arrête avec tes mensonges“ bei Juillard und 2018 als „Hör auf zu lügen“ im C. Bertelsmann Verlag. Zitiert nach der deutschen Ausgabe.

Wie ein Witzebuch, nur witzig: Seinfelds gesammelte Werke

Das Witzebuch aus den Kinderzimmern der 90er hat abgesehen von dem Buchformat nichts mit Jerry Seinfelds „Is this anything“ zu tun. Der größte Unterschied: Seinfelds Werk, das seine gesamten Witze beinhaltet, ist zum Lautlachen. Auch darüber hinaus gewährt das Buch einen einmaligen Einblick.

Ein Gastbeitrag von Markus Hanfler


„Weißt du, was ich mag?“, fragt J.B. Smooth. „Wenn die Leute über die Prämisse lachen, bevor du überhaupt zur Pointe gekommen bist“.

Und Jerry Seinfeld erwidert in der berühmten Netflix-Serie Comedians in Cars getting Coffee: „Das ist das Beste.“, und erzählt von einem Witz mit folgender Prämisse: „Die Stäbchen zeigen, die Chinesen haben Durchhaltevermögen.“ In Seinfelds Buch steht die Pointe dazu: „Natürlich kennen die Chinesen die Gabel … Aber sie sagen: ‚Ja, sehr schön. Aber wir bleiben bei den Stäbchen.‘“

Das Wundervolle an diesem Witzebuch ist die verdichtete Chronologie. Jerry Seinfeld ist bekannt für seinen „Act“, für seine Bühnenperformance, für seine Mimik und Gestik. Aber die 480 gefüllten Seiten an einem Ort, ohne ablenkende Bewegtbilder, geben den Leser٭innen die Möglichkeit sich mit der Essenz und der Struktur eines Witzes zu beschäftigen. Nach 413 Witzen wird deutlich, wie die Prämisse aufgebaut ist, wann sie endet und dass sie oft etwas Absurdes, Gegensätzliches zur Pointe verarbeitet. Auch Seinfelds Entwicklung wird mit dem Buch erfahrbar. Am Anfang, in den 80ern, sind es mehr Wortwitze, am Ende in den 2010ern sind es vermehrt Geschichten. Die Chronologie ist das Einmalige an dem Buch. Das kann ein zweistündiges Stand-up-Programm nicht leisten.

Aber die Wissenschaft des Witzes muss nicht trocken und beschwerlich sein. Das Buch kann auch am Stück durchgelesen werden, so kurzweilig ist es dann auch. Bisher wurde „Is This Anything“ nicht übersetzt und ist nur auf Englisch erhältlich. Am besten sollte es auch dabei bleiben. Was bei dem Witz mit den Stäbchen am Anfang gerade so ging, ist bei vielen anderen Wortwitzen nicht möglich. Das Buch lässt sich auch ohne Englisch-Studium sehr gut lesen.

Es ist aber auch nicht viel mehr als das beste Witzebuch aller Zeiten. Seinfeld gibt eine knappe Einordnung in die Jahrzehnte seines Schaffens, mehr leider nicht. Es ist keine Biografie. Es sind Witze, auch wenn immer wieder biografische Züge durchscheinen. Diesen einmaligen Einblick gewährt Seinfeld. Am Anfang seines Schaffens stehen Reisen, Autos und die eigene Kindheit im Vordergrund. In der Gegenwart geht es um das Verheiratetsein und die eigenen Kinder. Was bleibt, sind Seinfelds Beobachtungsgabe und sein Faible für das Absurde im Alltag. Sein Genie spielt er in pointierten Prämissen aus, die sein Publikum direkt zum Lachen bringen. Es müssen nicht immer Stäbchen sein. Schlüssel gehen auch:

„Neulich saß ich im Flugzeug und dachte: ‚Ich frage mich, ob es Schlüssel für das Flugzeug gibt. Benötigt man Schlüssel, um das Flugzeug zu starten?‘ …“ Die Pointe gibt es dann im Buch.

Ein Trailer zum Buch:

Quelle: YouTube

„Is This Anything“ von Jerry Seinfeld erschien bei Simon & Schuster und hat 470 Seiten.


Markus Hanfler schreibt über Kultur, Sport und Sportkultur und alles was dazwischen liegt. Als der Traumberuf Dinosaurier nicht funktionierte, studierte er Geschichte und Politik in Aachen und Berlin. Nach Stationen im Journalismus, zog ihn die dunkle Seite der Macht in den Bann und er arbeitet jetzt im Marketing. Schreiben will er aber trotzdem, deswegen ist er hier.

Titelbild: Jerry Seinfeld 1992, © Alan Light (FlickR/Wikimedia Commons)

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„Ich persönlich schreibe für niemand“ – Ein Gespräch mit dem Dichter Fabian Lenthe

Fabian Lenthe ist Lyriker und lebt in Nürnberg. Innerhalb kürzester Zeit hat er mehrere Lyrikbände veröffentlicht und arbeitet derzeit auch an einem Roman. Seine Gedichte handeln oft von Einsamkeit und Isolation – passen also erstaunlich gut zu den derzeitigen Verhältnissen. Philip hat mit ihm über alte und neue Projekte, über Lyrik generell und die Motivation des Schreibens gesprochen.


Fabian, seit 2018 veröffentlichst du jährlich einen Gedichtband. Dein neuestes Buch Apnoe ist 2020 erschienen, und auch für dieses Jahr wurde schon ein weiterer Titel von dir angekündigt. Andere Lyriker hingegen arbeiten jahrelang an einem Band und verfeinern diesen. Ist deine Arbeit schon eine lyrische Massenproduktion? Und wie arbeitest du, wenn du Gedichte schreibst?

Ich schreibe täglich. Eine gewisse Masse zu produzieren, lässt sich dabei kaum vermeiden. Andere Lyriker schreiben, wie sie schreiben, das geht mich nichts an. Ein Urteil lässt sich sowieso nur über das Ergebnis fällen.

Gedichte zu schreiben ist eine seltsame Angelegenheit. Ich setze mich nicht hin und sage: „Jetzt schreibe ich ein Gedicht!“ Es ist vielmehr so, dass ich womöglich etwas aufmerksamer wahrnehme, was um mich herum und in mir geschieht. Oft ist es nur ein Wort oder ein Gefühl, um welches sich thematisch alles aufbaut, aber das ist immer intuitiv. Einen bestimmten Weg gibt es nicht.

Die Lyrik kommt also von selbst zu dir? Im Grunde täglich?

Ja, das Schreiben ist immer da. Wenn man so will, ein ständiger Begleiter im Hintergrund.

Von Buch zu Buch werden deine Gedichte kürzer und dichter. Begonnen hast du mit längerer Poesie, die zwischen Trauer, Dunkelheit und kleinen alltäglichen Lichtschimmern im prekären Leben oszillieren. Das Ganze wurde schon einseitiger, knapper, melancholischer, aber auch verstörender (in einem poetischen Sinn) in deinem Band Da Draußen. In Apnoe nun sind die Gedichte noch verdichteter und behandeln weniger absurde Schilderungen als vielmehr abstrakte, metaphorisch verarbeitete Gefühle von Trauer, Isolation, Leere und auch Stillstand. Wie kommt es zu dieser Entwicklung? Was würdest du als deine Stimme in der deutschen Lyrikwelt bezeichnen?

Fabian Lenthes Gedichtsammlung Apnoe

Es lässt sich ganz gut mit dem Meißeln einer Skulptur vergleichen: Erst wenn alles Überflüssige entfernt worden ist, ist man fertig. Wie alle Künstler durchlaufe ich eine Entwicklung. Wenn ich es mit vier Zeilen schaffe, das auszudrücken, was ich möchte, wozu dann mehr schreiben? Man muss auf den Punkt kommen! Alles andere ist Zeitverschwendung!

Ich weiß nicht, ob man von einer Stimme sprechen kann, oder sollte. Alles, was ich zu sagen habe, kann man lesen, der Rest ist uninteressant. Wen interessiert es schon, was man zum Frühstück hatte oder wie oft man aus dem Fenster springen wollte.

Je kürzer dein Gedicht, desto besser ist es also für dich?

Nein, es geht darum, alles Unnötige wegzulassen. Dasselbe gilt auch für die Prosa. Wie dick oder dünn ein Buch ist, wie viele Zeilen ein Gedicht hat, sagt nichts über die Qualität aus. Wenn du vier Zeilen brauchst, brauchst du vier, wenn du hundert brauchst, brauchst du hundert.

Viele deiner Gedichte, laufen immer wieder auf ähnliche, traurige oder düstere Alltagsbetrachtungen hinaus. Gibt es ein bestimmtes Grundthema, von dem dein Werk handelt?

Das Leben, mit all seinen Vor- und Nachteilen. Nicht mehr, nicht weniger.

Das ist so allgemein, dass die Aussage inhaltsleer wird. Was für ein Leben oder Lebensformen meinst du?

Ich behaupte mal, dass die meisten Menschen auf dieser Erde mehr Zeit damit verbringen zu überleben, anstatt zu leben. Dem Gefühl des täglichen Verzweifelns versuche ich Ausdruck zu verleihen. Am besten so, dass sich jeder darin ein Stück weit wiederfinden kann.

Du veröffentlichst bisher alle deine Bücher bei Rodneys Underground Press, einem kleinen Punk-Verlag für sogenannte Underground-Lyrik. Sind aber deine Gedichte, je herkömmlicher und feinfühliger sie in ihrer Metaphorik und Bildsprache werden, nicht eigentlich schon im Mainstream angekommen? Und wenn ja, was bedeutet das für dein Schaffen?

Ob man in der Lyrikszene von Mainstream sprechen kann, wage ich zu bezweifeln, dazu wird zu wenig gekauft.

Wenn den Leuten gefällt, was ich schreibe, freue ich mich. Wenn sie daraufhin meine Bücher kaufen, freue ich mich noch mehr. Das ist alles.

Ja, Lyrik ist sicherlich kein literarischer Mainstream mehr. Ich meinte auch den „Mainstream“ innerhalb der Lyrik. Aber wo wir beim Thema sind: Warum glaubst du, wird Lyrik so wenig gekauft, aber in den Feuilletons relativ breit rezipiert? Schreiben Lyriker nur noch für ihre Kollegen und die Kritik? Wie ist das bei dir? Für wen schreibst du?

Hier und da fällt es natürlich auf, dass immer wieder dieselben Namen neben Goethe und Rilke in den Buchläden zu finden sind und vom Feuilleton besprochen werden. Auch ist es schade, dass dadurch dem Leser das wahre Spektrum der Gegenwartslyrik völlig verborgen bleibt. Wer nicht wirklich Teil der „Szene“ ist oder sie zumindest regelmäßig verfolgt, dem werden einige großartige Dichter und Dichterinnen entgehen. Ich persönlich schreibe für niemanden. Schreiben ist mit das Schrecklichste, was man sich antun kann. Ich rate jedem davon ab. Wenn du es trotzdem nicht lassen kannst: „Willkommen im Club!“

Würdest du sagen, dass deine Texte noch Hoffnung vermitteln?

Das dürfen die Leser selbst entscheiden.

Wie heißt dein neues Projekt, und worum soll es im neuen Lyrikband gehen?

Fabian Lenthes bald erscheinendes acedia

Der neue Band trägt den Namen acedia, die im christlichen Glauben als eine der sieben Todsünden angesehen wird. Übersetzt bedeutet acedia „Sorglosigkeit“, „Nachlässigkeit“ oder „Nichtsmachenwollen“. Eine Haltung, die sich gegen Sorge, Mühe oder Anstrengung wendet und darauf mit Abneigung, Überdruss oder Ekel reagiert. Man könnte durchaus sagen, ich habe einen ganzen Gedichtband dem Nichtstun gewidmet.

Kann das Nichtstun oder Nichtsmachenwollen nicht auch eine Tugend sein, so wie es Vertreter des Rechts auf Faulheit (im Sinne der Muße) oft vertreten?

Ja, durchaus. Paradoxerweise entstehen alle meine Gedichte während ich, zumindest, wenn man mich beobachten würde, nichts tue. Wie schon erwähnt, das Schreiben hört nie auf, es ist immer da.

Das finde ich nicht sehr paradox. Vielen Dank für das Gespräch.


Apnoe von Fabian Lenthe erschien 2020 mit vier Zeichnungen von Michael Blümel bei Rodneys Underground Press und hat 79 Seiten.

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Amanda Gorman – der wahre Star der Inauguration

Die 22-jährige Lyrikerin, Schriftstellerin und Aktivistin Amanda Gorman war die jüngste Inaugural-Poetin, die je bei einer Präsidenteneinführung in den USA aufgetreten ist. Mit ihrem lebhaft vorgetragenen, optimistischen und hoffnungsvollen Gedicht „The Hill We Climb“ wurde die junge Harvard-Absolventin zum Star der Inauguration, von der Presse gleichermaßen gelobt und gefeiert wie von den Sozialen Medien und bekannten Persönlichkeiten wie Oprah Winfrey, Michelle Obama oder Hillary Clinton.


Die Gepflogenheit, einen Dichter oder eine Dichterin bei der Amtseinführung des Präsidenten auftreten zu lassen, kann in den USA auf eine Tradition zurückblicken, wobei bislang nur Präsidenten der Demokratischen Partei Poeten engagiert haben. Die Ehre, als „Inaugural Poet“ ausgewählt zu werden, wurde vor Gorman fünf weiteren Dichterinnen und Dichtern zuteil.

Der erste unter ihnen war 1961 Pulitzer-Preisträger und Nationaldichter David Frost, der bei der Inauguration von John F. Kennedy eigentlich das eigens geschriebene „Dedication“ vortragen wollte, aber dann, weil er wegen der blendenden Sonne auf dem Kapitol nichts sah, sein älteres Gedicht „The Gift Outright“ vortrug“ welches er auswendig konnte. Weitere Inaugural-Dichterinnen und -Dichter traten bei den jeweils zwei Amtseinführungen Bill Clintons (Maya Angelou, 1993; Miller Williams, 1997) und Barack Obamas (Elizabeth Alexander, 2009; Richard Blanco, 2013) auf.

Die Tradition der Herrscherdichtung lässt sich im Grunde bis in die Antike zurückverfolgen, als Dichter für Fürsten und Kaiser Nationaldichtung anfertigten, wie etwa Vergils „Aeneis“, das bedeutendste Epos der Römer, in welchem nicht nur die Größe des römischen Reiches gefeiert wird, sondern auch Augustus‘ Ankunft vorweggenommen wird.

Wenn man solche Traditionslinien im Auge hat, lässt es sich besser verstehen, dass die Gattung der Inauguralgedichte in den USA klassischerweise nationale Themen wie den Ursprung Amerikas, die Größe, die Weite und den Ruhm der Nation und Visionen wie Zusammenhalt, Vielfalt und Einheit bearbeitet. Das Gedicht bei der Amtseinführung darf durchaus politisch sein, es darf auch heikle Themen anschneiden, sollte dem Land letztlich aber Hoffnung, Optimismus und eine Identität geben.

Frost, der erste Inauguraldichter, thematisierte in seinem Beitrag „The Gift Outright“ 1961 das amerikanische Land und die Eroberung Amerikas, was aus heutiger Sicht durchaus als kolonialistisch ausgelegt werden kann. Bei den Inauguralpoeten neueren Datums ging es weniger staatstragend zu, obwohl natürlich dennoch die amerikanische Seele gestreichelt wurde: Elizabeth Alexander trug bei Obamas erster Amtseinführung 2009 mit „Praise Song for the Day“ ein Gedicht über den amerikanischen Alltag vor, der das Land zusammenhält, das aber auch von Hoffnung („I know there’s something better down the road“), dem ewigen Kampf und der Sklavenhalter-Vergangenheit handelte. Richard Blanco rezitierte 2013 mit „One Today“ ein Inauguralpoem über die Weite des amerikanischen Landes und die Vielfalt der Landschaft und der Menschen, die alle verbunden sind.

Amanda Gorman schließt an diese Tradition an, interpretiert sie aber auch neu, indem sie aktuelle gesellschaftliche Themen in ihr Gedicht „The Hill We Climb“ einflicht, zum Beispiel den Sturm auf das Kapitol, die Gefährdung der Demokratie und die Gespaltenheit der amerikanischen Nation. Mit den Vorgängern Elizabeth Alexander und Richard Blanco hat sich Gorman offensichtlich im Vorfeld der Inauguration abgesprochen. Eine besondere Referenz ist für sie aber die afroamerikanische Dichterin Maya Angelou, was sich allein schon daran erkennen lässt, dass Gorman während der Amtseinführung einen Ring trug, der aus einem in einen Käfig eingesperrten Vogel bestand – eine Hommage an Angelous Werk „Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt“ (1969).

Angelou war 1993 die erste schwarze Frau, die als Inauguralpoetin engagiert wurde; ihr theatralischer Vortrag von „On the Pulse of Morning“ im Jahr 1993 blieb im Gedächtnis und wurde mit Auftritten von schwarzen Ikonen und Bürgerrechtsaktivisten wie Martin Luther King und Malcom X verglichen. Auch Amanda Gorman konnte durch die lebendige Vortragsweise und die gelungene mimische, gestische und stimmliche Inszenierung überzeugen, die den Inhalt unterstrichen hat.

Doch worum ging es genau in ihrem Gedicht „The Hill We Climb“? Den Text hat Amanda Gorman kurz nach dem Angriff aufs Kapitol zu Ende geschrieben, und dies ist ihm auch anzumerken: Die Nation wird bei Gorman angesichts der Gegenwart nicht glorreich überhöht, sie wird aber auch nicht als „broken“, kaputt, abgeschrieben, wie es manche Kommentatoren und Journalisten diagnostizieren würden. Stattdessen ist die USA für Gorman „simply unfinished“, hat also noch das Potenzial sich zu verbessern. Über sich selbst spricht das lyrische Ich als ein dünnes „Black girl / descended from slaves and raised by a single mother“, welches den Traum hegt, eine schwarze Präsidentin zu werden, und gerade vor einem Präsidenten ein Gedicht vorträgt.

Amanda Gormans „The Hill We Climb“ benennt die Sollbruchstellen der amerikanischen Gesellschaft, die Kluft, die die Gesellschaft spaltet, die Unterschiede, die in den Trump-Jahren in Untiefen geratene Demokratie. Sie greift die Tradition des Inauguralpoems insofern auf, als sie dem Negativen die sehr amerikanische Vision von Hoffnung, Einheit, besserer Zukunft und Optimismus entgegenstellt – eine Vision, die auch Joe Biden in seiner 20-minütigen Rede zu vermitteln versuchte. Die Dichterin unterstützt damit den Politiker, es handelt sich auf eine gewisse Weise um gattungstypische Nationaldichtung:

We are striving to forge a union with purpose
To compose a country committed to all cultures, colors, characters and
conditions of man
(…)
We close the divide because we know, to put our future first,
we must first put our differences aside
We lay down our arms
so we can reach out our arms
to one another

The Hill We Climb

Gorman beschwört etwas pathetisch die „Ära gerechter Wiedergutmachung“, der Versöhnung und des Wiederaufbaus und den „Stolz“ des amerikanischen Volkes, sie möchte ein neues Kapitel aufschlagen und in die Zukunft blicken, nachdem eine Katastrophe überwunden ist. Trump und seine Anhänger werden so als einmaliger Ausrutscher der amerikanischen Geschichte offenbar nur wenige Tage nach dem Abtritt des Ex-Präsidenten ad acta gelegt. Ob der rein patriotische Blick nach vorn der richtige Weg ist, die Dämonen der amerikanischen Demokratie zu beseitigen, die immer noch als Trump-Supporter, Verschwörungstheoretiker, Proud Boys und Rechtsextreme die Gesellschaft spalten?

Wie mehrere Inauguralpoeten vor ihr evoziert Amanda Gorman den Topos des amerikanischen Landes und der darin lebenden Vorfahren. Es wird in bildhafter Sprache die Weite Amerikas beschrieben, die von den goldbeschienenen Hügeln des Westens über den windgepeitschten Norden, die Städte des Mittleren Westens bis hin zum sonnenbeschienenen Süden reicht. Auch eine weitere zentrale Referenz Amerikas, die Bibel, wird von Gorman zitiert. Vor allem die letzten, aufgrund ihrer Assonanzen, Anaphern und Wiederholungen besonders eingängigen Verse des Gedichtes mit ihrem Aufruf zu Mut, Erneuerung und Veränderung werden wohl in der Öffentlichkeit in Erinnerung bleiben:

When day comes we step out of the shade,
aflame and unafraid
The new dawn blooms as we free it
For there is always light,
if only we’re brave enough to see it
If only we’re brave enough to be it

The Hill We Climb

Durch die Berufung der jungen Dichterin und Harvard-Absolventin in Soziologie, die mit 16 zur „Youth Poet Laureate“ ihrer Heimatstadt Los Angeles gewählt wurde und später zur ersten „National Poet Youth Laureate“ ernannt wurde, wollte der 78-jährige und weiße Präsident Joe Biden eindeutig eine Botschaft an die jüngeren sowie die diversen Teile der amerikanischen Gesellschaft wie People of Color, Latinos und Migrantinnen und Migranten senden, um ihnen zu zeigen, dass sie von seiner Regierung anerkannt und gehört werden. Denn Biden selbst steht für einen Teil der amerikanischen Gesellschaft, der Privilegien besitzt, über die viele andere nicht verfügen.

Dass Biden es nicht nur bei reiner Symbolik belässt, hat sich an seinem ersten Tag im Amt gezeigt: Binnen weniger Stunden nach Amtsantritt unterzeichnete er 17 Erlasse, die Teile der Politik seines Amtsvorgängers Donald Trump zurücknehmen. So ist die USA in das Pariser Klimaabkommen und die WHO zurückgekehrt. Außerdem wurde der sogenannte „Muslim Ban“ abgeschafft, der Einreisebeschränkungen für Menschen aus mehreren mehrheitlich muslimisch geprägten Ländern vorschrieb. Durch eine weitere Verfügung Bidens wird fortan die Diskriminierung am Arbeitsplatz aufgrund der sexuellen Orientierung oder der Geschlechtsidentität untersagt, was Trump im Namen der Religionsfreiheit erlaubt hatte.

Von Amanda Gorman ist übrigens bisher kaum etwas veröffentlicht: 2015 ist der Gedichtband „The One for Whom Food Is Not Enough“ erschienen, der allerdings vergriffen ist. Im September 2021 wird ein neuer Lyrikband mit dem Titel „The Hill We Climb“ publiziert. Außerdem wird 2021 das Kinderbuch „Change Sings: A Children’s Anthem“ mit Illustrationen von Loren Long erscheinen, in welchem Kindern die Möglichkeit von Veränderung nahegebracht werden soll. Beide Bücher stehen durch die öffentliche Aufmerksamkeit infolge ihres Auftritts inzwischen auf der Amazon-Bestseller-Liste.

Amanda Gormans Auftritt in Washington am 20. Januar 2021:

Zum Nachlesen gibt es das Gedicht in voller Länge hier. Und hier in deutscher Übersetzung.

Titelbild: Wikimedia Commons

Was nehmen wir mit von 2020? Eine postmondäne Leseliste

Auch wir konnten 2021 kaum erwarten. Trotzdem möchten wir noch einen vorsichtigen Blick zurück auf 2020 wagen und haben uns gefragt, welche Bücher uns in jenem merkwürdigen Jahr beschäftigt haben. Insgesamt fällt die Liste – mit Ausnahmen – etwas weniger bedrückend aus als in den letzten Jahren (also 2016, 2017, 2018 und 2019) und während des Lockdowns (Teil eins und zwei). Dabei lassen die Themen das gar nicht vermuten. Immerhin behandeln die Bücher den Untergang Roms, eine Höllenreise, Einsamkeit, den Brexit, unsichtbare Fäden (gleich zweimal), Eingesperrtsein, Unterdrückung und – das darf nicht fehlen – Endzeit. Also los, ein letzter Blick zurück.


von Dominik Gerwens, Stefan Weigand, Katharina van Dülmen, Franziska Friemann, Florian Birnmeyer, Lukas Lehning und Gregor van Dülmen

 

210 problems, but the plague ain’t one

Dominik über Fatum von Kyle Harper

Ist die Rolle von Pandemien beim Untergang des Römischen Reichs bislang vernachlässigt worden?

Das zurückliegende Jahr möchten die allermeisten von uns wohl am ehesten mit einem gehörigen Tritt in den Allerwertesten verabschieden. Und mag sich der Mensch auch vor dem Hintergrund von aktuellen Krisen auch gerne in der Geschichte spiegeln, so braucht wohl wirklich niemand noch den gefühlt 100-sten Artikel, der eine Analogie zwischen Coronazeiten und der Spanischen Grippe herstellt. Warum also trotzdem ein Buch zur Seuchengeschichte auf diese Leseliste setzen?

Zum einen sind groß angelegte Geschichtsstudien gerade angesagt. Das zeigt nicht zuletzt die jüngste Graphic Novel-Adaption zu Yuval Hararis „Eine kurze Geschichte der Menschheit“. Zum anderen ist Kyle Harper mit seiner Darstellung der seuchen- und klimageschichtlichen Gründe, die das Römische Reich auch zum Einsturz brachten, ein großer Wurf und zugleich spannend erzählter Geschichtsthriller gelungen.

Zwar ist das Imperium Romanum bestimmt nicht allein durch Klimaveränderungen und Pandemien in den Untergang gerissen worden – Althistoriker Alexander Demandt hat einmal 210 mögliche Gründe aufgelistet –, die Rolle von Umweltfaktoren indes ist bislang nie so umfassend ausgeleuchtet worden wie bei Harper, der seine Klimathese anschaulich vorträgt und umfangreich belegt, welchen Einfluss das Klima auf Aufstieg und wirtschaftliche Prosperität des Weltreiches hatten. Brillant aber ist insbesondere die Darstellung der Seuchengeschichte des Römischen Reichs, die etwa am Beispiel der Justinianischen Pest den engen Zusammenhang zwischen gefährlichen Krankheitserregern, überregionalen Handelswegen und Urbanisierung ausleuchtet. Hier liegt der große Wert des Buches, das die Leser*innen mit der Erkenntnis zurücklässt, dass COVID-19 bei Weitem nicht die erste Erkrankung ist, die Zivilisationen in ihren Grundfesten erschüttert. Auch fragt man sich, ob es weiterhin sinnvoll ist, von „Naturkatastrophen“ in Bezug auf die großen Menschheitspandemien zu sprechen, an deren Entstehung und Verbreitung die Menschheit anscheinend immer maßgeblich beteiligt gewesen ist.

„Eine schon frühzeitig globale Welt, in der die Rache der Natur spürbar zu werden beginnt, auch wenn man glaubt, die Kontrolle zu besitzen … Das kommt einem vielleicht gar nicht so fremd vor“, resümiert Harper in seinem Epilog und es schaudert einen beinah aufgrund des prophetischen Gehalts dieses im Original bereits 2017 erschienenen Buches.

Fatum von Kyle Harper erschien 2020 im Verlag C.H. Beck.


Wenn Gletscher weinen

Stefan über Der Anhalter von Gerwin van der Werf

Vielleicht ist es ja so, dass die Gletscher gar nicht tauen – sondern weinen. Träne für Träne tropft vor sich hin, aus Mitgefühl oder – noch schlimmer– aus Mitleid. Genau das möchte man der Hauptfigur in »Der Anhalter« von Gerwin van der Werf wünschen. Tiddo, ein Mann in der Mitte seines Lebens bricht mit seiner Familie nach Island auf. Im Gepäck hat er mehr Midlife-Crisis und Beziehungsprobleme, als ihm lieb sind. Eine „Traumreise“, so das Vorhaben. Beeindruckende Weiten genießen, mit dem Wohnmobil die Landschaft durchpflügen und die Stille der Insel aufsaugen. Doch noch bevor er sich mit seiner Frau und dem Sohn darauf einlassen kann, ist der Traum schon zerplatzt: Der junge Isländer Svein, den sie als unscheinbaren Anhalter aufgabeln, nistet sich ein – und geht nicht mehr. Auf einmal reduziert sich die Weite der Landschaft auf Kammerspielgröße. Der Roadtrip wird zur Höllenreise, die Tektonik der Beziehungen sorgt für Beben. Heimlich, still und heftig.

Der Anhalter erschien 2020 bei S. Fischer.

© Stefan Weigand

Katharina über Irgendwann wird es gut von Joey Goebel

Anthony liebt die schöne Nachrichtensprecherin Olivia mit dem geheimnisvollen Mund. Er spricht mit ihr – jeden Abend, während sie auf Channel Seven das Tagesgeschehen zusammenfasst. Und er schreibt ihr Briefe. Viele Briefe. Aber nun ist er wild entschlossen, sie persönlich kennenzulernen.

Carly hat ein Ritual. Sie legt ihre Stirn gegen die Toilettentür und sagt: „Dir geht’s jetzt gut. Dir geht’s jetzt gut.“ Und nachmittags im Trödelmarkt ihrer Eltern geht es ihr auch meistens gut. Zwischen den älteren Dingen und älteren Menschen. Hier kann sie Gedanken und Zwischenfälle „ordnen“, „verschließen“, „beiseiteräumen“. All das Getuschel und die blöden Bemerkungen in der Schule. Hier gelingt ihr ein Neustart in den Tag – meistens.

Winston hingegen hat bereits vor drei Jahren „der Welt den Rücken gekehrt“. Seitdem verlässt er sein zugemülltes Haus nicht mehr. Warum auch? Anders als andere Menschen hat er schließlich keine Angst vorm Alleinsein. Doch dann passiert das Unmögliche: Er verliebt sich in die traurige Frau, die jeden Tag an seinem Fenster vorbeigeht.

Und es geschieht noch etwas, was wahrscheinlich niemand für möglich gehalten hätte: Eine Frau – Ende 20, erfolgreich, schön, von vielen Menschen verehrt – versucht, sich das Leben zu nehmen.

Anthony, Carly und Winston haben einiges gemeinsam: Sie alle leben in der trostlosen Kleinstadt Moberly, Kentucky. Sie alle sind auf ihre Art verloren. Und sie alle sind Protagonisten*innen in Joey Goebels neuestem Buch. Nach vier erfolgreichen Romanen (Freaks, Vincent, Heartland, Ich gegen Osborne) widmet er ihnen und weiteren Figuren Geschichten in seinem ersten Erzählband Irgendwann wird es gut. Der Band beinhaltet zehn Kurzgeschichten, die zwar unabhängig voneinander stehen, aber bei genauem Lesen ineinander verwoben sind. Zärtlich erzählt, tief gezeichnet, berührend beschrieben, aber aber auch witzig beobachtet. Doch niemals macht sich der Autor lustig über seine Figuren. Denn er möchte eines klarstellen: Sie alle haben ihre Marotten (Wer nicht?). Aber auch ihre Geschichte. Und sie alle haben das Recht auf ein bisschen mehr Glück und ein bisschen weniger Einsamkeit. Und dafür kämpfen sie – voller Hoffnung. Denn dann wird irgendwann alles gut, oder?

Irgendwann wird es gut erschien 2019 bei Diogenes.


Franziska über Middle England von Jonathan Coe

Mit dem Ende des Jahres 2020 endet auch die Übergangsphase des Brexits. Brexit, dieser damals noch so unscheinbar wirkende Begriff, der es geschafft hat seit 2016 die britische Bevölkerung zu spalten. Seit dem „Nein zur EU“ fragt man sich: Wie konnte es dazu kommen?

Jonathan Coe wagt sich mit seinem Roman Middle England, der oft recht unattraktiv als Brexit-Roman beschrieben wird, an eine große Brexit-Bestandsaufnahme und Ursachenanalyse. Schauplatz sind die West Midlands und Protagonist der (noch unveröffentlichte) Schriftsteller Benjamin Trotter, den man bereits aus vorherigen Romanen Coes kennt. Anhand des Trotter-Clans, inklusive Netz aus Bekannten und Freund*innen, lässt Coe entscheidende Ereignisse des letzten Jahrzehnts und deren unterschiedliche Wirkung auf die Familienmitglieder Revue passieren. Angefangen bei der Finanzkrise, über die Koalitionsbildung zwischen den Torries und den Lib Dems, die medial besprochen wurde, als wäre sie ein Fehler in der Matrix, den Olympischen Spielen in London mit Danny Boyles patriotisch-aufgeladener Eröffnungszeremonie, der Leave- und Remain-Kampagnen bis hin zum EU-Referendum selbst.

Mit Middle England gelingt Coe auf ziemlich lustige und unterhaltsame Weise, den Gemütszustand oder eher die Gemütszustände einer gespaltenen Nation sehr treffend zu beschreiben, ohne für die eine oder andere Seite Partei zu ergreifen.

Middle England erschien 2020 im Folio Verlag.


Franziska über Herzfaden von Thomas Hettche

Ob mit Geschichten von Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer, dem kleinen König Kalle Wirsch, oder Urmel aus dem Eis – die Augsburger Puppenkiste hat Generationen von Kindern geprägt. Thomas Hettche erzählt in seinem Roman Herzfaden die Geschichte dieses weltberühmten Marionettentheaters und ihrer Gründerfamilie Oehmichen. Eine berührende und bewegende Geschichte, die nicht zu trennen ist von den Schrecken des Nationalsozialismus, ideologischer Indoktrination und dem Wiederaufbau des zerstörten Deutschlands.

Herzerwärmend, ohne in Kitsch abzurutschen und rührend, ohne rührselig zu sein, beschreibt Hettche den unbändigen Willen der Familie Oehmichen, und besonders der Tochter Hannelore, genannt Hatü, einen Raum für Kunst und Theater im Nachkriegsdeutschland zu schaffen und diesen mit ihren Marionetten zu beleben. Mit Herzfaden hat Thomas Hettche ein modernes Märchen erschaffen, das die Wirkung und Kraft des Theaters durch das Schaffen gemeinschaftlicher Erlebnisse eindrücklich beschreibt. Insbesondere in diesem Jahr, in dem der öffentliche Kulturbetrieb fast vollständig zum Erliegen gekommen ist, scheint es besonders wichtig, eine solche Botschaft zu unterstreichen.


Florian, ebenfalls über Herzfaden von Thomas Hettche

Der Roman „Herzfaden“ lebt zu einem guten Teil von den Kindheitserinnerungen an die Augsburger Puppenkiste, die bei der Lektüre wieder lebendig werden. Denn in einer der beiden Zeitebenen des Romans werden die Marionetten der Puppenkiste unter der Ägide der Mitgründerin Hannelore Öhmichen, genannt Hatü, lebendig. Ein kleines Mädchen ohne Namen findet nach einer Theatervorstellung zufällig seinen Weg auf einen verzauberten Dachboden, wo es ein kleines Abenteuer mit Puppen wie dem kleinen Prinzen, dem Urmel, Jim Knopf, König Kallewirsch und einem böse dreinschauenden Kasperl erlebt.

Hatü erzählt ihr außerdem die Geschichte von der Entstehung der Augsburger Puppenkiste, die sich von der Zeit des beginnenden Nationalsozialismus über den Zweiten Weltkrieg bis in die beginnenden 50er Jahre spannt. Während die eine Ebene der Geschichte märchenhaft-verträumt anmutet, werden in der anderen Ebene auch die ernsten Seiten wie Holocaust, Judenverfolgung und der Krieg sowie die Wirren der Nachkriegszeit nicht ausgespart. Der Nationalsozialismus sowie der Krieg mit all seinen grausamen Konsequenzen für das Leben der Menschen sind in diesem Roman sehr präsent.

Doch zum Glück gibt es auch immer wieder poetische und lyrische Momente, wenn etwa die Marionetten zum Einsatz kommen. Der Zauber der Augsburger Puppenkiste überträgt sich bei der Lektüre auf die Leserinnern und Leser. Die Abschnitte des Romans, die Vorführungen der Augsburger Puppenkiste in wörtlichen Zitaten wiedergeben, sind für mich die stärksten Teile des Textes.

Wie in Michael Endes „Unendlicher Geschichte“ sind die beiden Zeitebenen in zwei unterschiedlichen Farben, in blauen und roten Lettern, gehalten. Hettche hat ein vielschichtiges Werk mit mehreren Ebenen geschrieben, welches ein breites Publikum anspricht. Jugendliche und Erwachsene mit Interesse an der Geschichte der Augsburger Puppenkiste können gleichermaßen zu „Herzfaden“ greifen.

Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste erschien 2020 bei Kiepenheuer & Witsch.


Vom Gefängniswärter zum Verbrecher

Lukas über Kieleck von Maximilian Pollux

Kieleck, Herrscher und Beherrschter hinter Mauern aus Stahl und Eisen. Die Geschichte einer tragischen Existenz als Gefängniswärter, der zum Verbrecher wird.

Wer Demütigung erfährt, wird sie weitergeben. Dies scheint so sicher, wie die Mauern eines Gefängnisses. Und genau dort spielt der erste Roman von Maximilian Pollux. Mit „Kieleck“ beschreibt Pollux die tragische Figur eines Gefängniswärters, der bereits vor seiner Karriere als Schließer genug Demütigungen erfahren musste, um sie an ein ganzes Gefängnis weitergeben zu können. Pollux nimmt uns mit in eine Welt, in der Menschen einander misstrauen, in der sie einander erniedrigen und in der sie hiervon interessanterweise kaum einen Vorteil zu haben scheinen. Denn in dieser Welt sind alle Gefangene, die Wärter wie die Insassen der JVA. Kieleck wäre in dieser Welt gerne der Herrscher, ja sogar der Held, doch in Wirklichkeit ist er nicht mehr als ein psychisch instabiler Mann, der sich – während er die Post der Gefangenen kontrolliert – in die Ehefrau, oder besser gesagt in die Briefe von ihr, verliebt. Während er von einer Zukunft mit dieser Frau phantasiert, nimmt die Realität ihren Lauf. Im Versuch diese zu verändern, verliert Kieleck endgültig die Kontrolle über seine Handlungen und schließlich auch über seinen Körper.

In seinem fast vierhundert Seiten starken Roman verarbeitet Maximilian Pollux eigene Erfahrungen aus über zehn Jahren im Gefängnis. Dabei gelingt es ihm, eine Sprache zu finden, die rau und schonungslos beschreibt, ohne sich am Beschriebenen zu ergötzen. Mit Kieleck schafft Pollux einen Nicht-Helden, der in einer Welt lebt, die ferner von der draußen kaum sein könnte, und dennoch eng mit dieser verwoben ist. Hierbei gleitet Pollux weder in Gangster-Romantik noch in Green-Mile-Horror ab, sondern schreibt fast analytisch, wie in einer Welt aus steilen Hierarchien, verraten, betrogen und gedemütigt wird. Scheinbar immer für einen kleinen eigenen Vorteil, doch immer um den Preis der Menschlichkeit. Ein Buch, das einen wirklich gefangen nimmt und ein Autor, der sich traut, eine Hauptfigur zu zeigen, mit der es schwerfällt, Mitleid zu haben.

Kieleck erschien 2020 im Rhein Mosel Verlag.


 

Lee Miller und Man Ray – viel mehr als eine Liebesgeschichte

Lukas über Die Zeit des Lichts von Whitney Scharer

Lee Miller, die bedeutendste Fotografin des 20. Jahrhunderts, musste erst erst an ihrer Kunst zerbrechen, um als Künstlerin anerkannt zu werden, und ist dennoch nie ganz aus Man Rays Schatten getreten.

Derzeit scheinen die Zwanziger- und Dreißigerjahre voll im Trend zu sein, ob in erfolgreichen Serien wie Babylon Berlin oder in so manchem Vintage-Laden. Doch woher kommt diese seltsame Faszination für die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, woher die Begeisterung für die Musik, den Stil und, ja, die Fotografie dieser Zeit.

Der Roman „Die Zeit des Lichts“ von Whitney Scharer bringt hier ein wenig Licht ins Dunkel. Beginnend mit der Liebesgeschichte zwischen der Fotografin Lee Miller und dem Fotografen Man Ray im Paris der Zwanzigerjahre beschreibt sie den Werdegang einer der größten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts: Lee Miller.

Und so schreibt Scharer hier weniger einen Liebesroman als eine kluge Analyse darüber, wie sich eine junge Frau aus dem Beruf des Models auf den Platz hinter der Kamera durchkämpft. Doch dies ist nicht der einzige Kampf, den sie zu führen hat. Neben dem immer wieder emporbrodelnden Machotum, dem sie mal erfolgreicher und mal weniger erfolgreich entgegenzutreten weiß, kämpft sie auch gegen Dämonen aus ihrer Vergangenheit, bis sie dann schließlich wirklich in den Krieg zieht. Als erste Kriegsfotografin dokumentiert sie die Gräueltaten der Nationalsozialisten für die amerikanische Zeitschrift Vogue. Es sind folgenreiche Fotos, sowohl für die Fotografin als auch für die Betrachter*innen. Auf der einen Seite gelingt es ihr, das Grauen für die Daheimgebliebenen greifbar zu machen, auf der anderen Seite kann sie diese Brutalität immer weniger begreifen, bis sie schließlich, dem Alkohol verfallen, an ihr zerbricht.

Wenn man diesen Roman gelesen hat, hat man jedoch weit mehr als Einblicke in das Leben einer Fotografin erhalten, die erst an ihrer Kunst zerbrechen musste, um als Künstlerin anerkannt zu werden – man hat ein Stück der Faszination für diese Zeit erfahren. Eine Zeit, in der Rollenbilder aufgebrochen wurden und künstlerisch und gesellschaftlich experimentiert wurden. Und am Ende bleibt die Frage, wie diese Keimlinge eines freieren Lebens gewachsen wären, wenn sie nicht vom Zweiten Weltkrieg niedergewalzt worden wären.

Die Zeit des Lichts erschien 2019 bei Klett Cotta.


Ein vertrauter Schleier

Gregor über Auwald von Jana Volkmann

Ein besonders stilvoller Weg, um von Wien nach Bratislava zu gelangen, führt mit einer Donau-Fähre entlang des Auwalds. Auch Judith hält eine solche Fahrt für eine gute Idee. Ihr Chef hat sie dazu gezwungen, Urlaub zu nehmen, also kann sie ja auch etwas unternehmen.

Die Ausgangssituation aus Jana Volkmanns nach jenem Ufer-Waldstück benannten Roman ist beschreibend für das Leben ihrer Protagonistin: Ihren Beruf als Tischlerin übt sie akribisch aus, möchte sich am liebsten nie von ihm trennen, insgesamt strudelt sie aber eher passiv durchs Leben und hat sich mit dessen Sinnlosigkeit weitgehend abgefunden. „Holzarten erkennt sie am Geruch“, heißt es bereits auf dem Klappentext, „Menschen hingegen sind ihr ein Rätsel“. Judith ist eine einsame Seele mit zwanghaftem Charakter in einer überfordernden Umwelt, die weder viel Verständnis für sie hat noch starkes Interesse an ihr aufweist. Damit bringt sie eigentlich die besten Voraussetzungen als Protagonistin eines intimen Endzeitromans mit.

Während Judith anfangs von außen betrachtet wird, führt die Perspektive von Kapitel zu Kapitel immer tiefer in ihr Seelenleben und Handeln hinein, so weit, dass die Außenwelt zu einem schleierhaften Apparat verschwimmt, von dem sich nicht mehr genau sagen lässt, was eigentlich wirklich passiert, und in dem auch ein Wald sich wie eine Nebenfigur anfühlt. Ein Wendepunkt der Handlung ist das spurlose Verschwinden der Fähre auf ihrem Rückweg von Bratislava nach Wien, eine Katastrophe, die die gesamte Region in eine Endzeitstimmung stürzt. Da sie um Geld, Handy und eben auch ihr Fährticket bestohlen wurde, ist Judith nicht mit an Bord und wird von der plötzlichen Chance überrumpelt, unterzutauchen und ganz von vorn zu starten. Es beginnt eine Art Roadtrip, wenn auch zu Fuß und abseits von Straßen, auf dem sie nicht nur der Natur und sich selbst begegnet. Auch ihr Bestreben, herauszufinden, wie sich ein neues Leben in völlig anderer Umgebung anfühlt, wird von Erfolg gekrönt, in all dem Chaos trifft sie Komplizen.

Insgesamt präsentiert Jana Volkmann uns ein seltsames, aber einnehmendes Buch, das zwischen Verfassen und Erscheinen von einer endzeitlichen Lebensrealität überholt wurde. Der bedrohlichen Stimmung, der milchigen Schwere, dem inneren Zwang, sich neu zu sortieren, geht sie in Auwald, wie man mit der Erfahrung von 2020 definitiv sagen kann, meisterhaft auf den Grund.

Auwald erschien 2020 im Verbrecher Verlag.

Titelbild: Cover „Fatum“ © Verlag C.H. Beck, Cover „Der Anhalter“ © S. Fischer, Cover „Irgendwann wird es gut“ © Diogenes Verlag, Cover „Middle England“ © Folio Verlag, Cover „Herzfaden“ © Verlag Kiepenheuer & Witsch, Cover „Kieleck“ © Rhein Mosel Verlag, Cover „Die Zeit des Lichts“ © Klett Cotta, Cover „Auwald“ © Verbrecher Verlag

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„Ich möchte Brücken bauen“ – Florence Brokowski-Shekete im Interview

Florence Brokowski-Shekete ist in Hamburg als Kind nigerianischer Eltern geboren, wuchs zunächst in Buxtehude bei einer deutschen Familie in Pflege auf. Mit acht Jahren nahmen ihre Eltern sie mit nach Nigeria, in ein Land, das ihr fremd war. Doch sie kam wieder zurück nach Deutschland, wo sie eine beachtliche Laufbahn durchlief. Sie legte das 1. und 2. Staatsexamen für Lehramt ab, arbeitete als Lehrerin und freie Beraterin und Coach. 2007 wurde sie Rektorin, 2013 Schulaufsichtsbeamtin, 2014 Schulrätin und 2020 Schulamtsdirektorin.

Wir haben mit ihr über ihre Biografie, ihr Buch „Mist, die versteht mich ja“ (Orlanda Verlag, Berlin, 2020) und ihre Erfahrungen als schwarze Frau in Deutschland, über Diskriminierung und sensible Sprache gesprochen.


Sehr geehrte Frau Brokoswki-Shekete, Sie sind in Deutschland als Kind nigerianischer Eltern geboren, wuchsen dann in Lagos (Nigeria) in einem für Sie fremden Land auf und kamen zuletzt wieder zurück nach Deutschland. Wie hat diese Erfahrung Sie geprägt?

Ich war ja in Buxtehude zunächst das schwarze Kind in der weißen Mehrheitsgesellschaft, dort fühlte ich mich aber trotzdem wohl. Ich war neun, bevor wir nach Nigeria umgezogen sind. In Nigeria sah ich dann zwar genauso aus wie alle, wie die Mehrheitsgesellschaft, aber ich verstand die Sprache nicht und kannte die Kultur nicht. Das hat mir gezeigt, dass es nicht unbedingt mit dem Äußeren zu tun hat, ob man sich an seinem Ort wohlfühlt.

Ihr 2020 erschienenes Buch trägt den Titel „Mist, die versteht mich ja“ (Orlanda Verlag, Berlin) und spielt damit darauf an, dass Leute angenommen haben, Sie würden kein Deutsch sprechen, weil Sie schwarz sind. Welche Diskriminierungserfahrungen mussten Sie als schwarze Frau in Deutschland machen? Können Sie ein oder zwei Beispiele für typische Situationen?

Es gibt so viele und unterschiedliche Situationen. Zum Beispiel sprechen mich Leute aufgrund meiner Haare an oder weil sie meinen, dass eine bestimmte Farbe mir gut steht. Einmal war ich dienstlich unterwegs, als ich noch Schulrätin war. Ich wurde einer älteren Person in der Funktion vorgestellt. Er guckte mich völlig entgeistert an und sagte dann irgendwann: „Ne, ehrlich, dann bringen Sie wenigstens Farbe ins System!“ Das ist Rassismus, aber wenn man es den Leuten sagt, verstehen sie es gar nicht.

In einem bestimmten Geschäft wurde ich von der Verkäuferin derart blöd angepampt, dass ich zuerst nicht mehr in das Geschäft gehen wollte. Aber ich bin doch wieder hingegangen, habe dem Geschäftsführer die Situation erläutert und ihm gesagt, dass das einfach nicht geht. Zwei Wochen später bin ich ganz bewusst wieder in dieses Geschäft und die Verkäuferin hat mich ganz freundlich bedient. Ich vermute, er hat mit ihr gesprochen. Das sind Situationen, die einen nicht nur sprachlos, sondern auch erschüttert zurücklassen.

Was möchten Sie mit Ihrem Buch erreichen?

Ich werde ständig nach meiner Biografie gefragt. Irgendwann kam dann – mehr im Scherz – die Idee auf, ein Buch zu schreiben. Daraus wurde das tatsächliche Ziel, ein Buch zu machen. Ich möchte den Leuten die Möglichkeit bieten zu sehen, wie das Leben einer Person ist, die schwarz aussieht, nicht „deutsch“ aussieht, aber durchaus deutsch ist. Ich möchte den Menschen, die das Buch lesen, einen Blick hinter die Kulissen gewähren.

Sie haben beruflich eine beeindruckende Karriere gemacht. Zunächst haben Sie als Lehrerin gearbeitet, zwischendurch waren sie als freie Beraterin und Coach selbstständig, dann wurden Sie 2007 Rektorin, daraufhin waren Sie ab 2013 als Schulrätin tätig und nun sind Sie seit 2020 Schulamtsdirektorin. Was hat Sie dazu gebracht, im Bereich Bildung zu arbeiten? Haben Sie den Eindruck, dass Sie es schwerer als andere hatten?

Leichter hatte ich es auf keinen Fall. Ich wollte ursprünglich was anderes machen beruflich. Nach dem Abitur habe ich ein Praktikum in einem Jugendzentrum gemacht. Als ich in dem Jugendzentrum gearbeitet habe, habe ich gemerkt, das waren Jugendliche, die Bedarfe mitgebracht habe. Von den Schülern – es waren viele Hauptschüler – habe ich oft gehört, dass die Schule für sie nicht besonders prickelnd war. Daraufhin habe ich beschlossen, Grund- und Hauptschullehramt mit dem Schwerpunkt Hauptschule zu studieren, da ich der Meinung war und auch noch bin, dass gerade die Schüler*innen, die sich etwas schwer beim Lernen tun, besonders motivierte Lehrkräfte benötigen

Und ich hatte schon das Gefühl, dass es wesentlich schwerer war. Ich hatte den Eindruck, dass ich fünfmal besser sein musste, als wenn ich weiß gewesen sein wäre. Im Referendariat hatte ich sehr unangenehme Begegnungen. Hätte mir nicht der Beruf an sich Freude gemacht, hätten diese Begegnungen dazu geführt, dass ich aufgegeben hätte. Das Referendariat besteht aus zwei Teilen: Der praktische Teil des Referendariats war zwar wunderbar; doch der theoretische Teil im Seminar mit den Lehrbeauftragten und der Leitung war nicht besonders wertschätzend, ganz im Gegenteil, äußerst respektlos, im Nachhinein würde ich sogar sagen, besonders von Seiten einer Person sehr rassistisch.

Erleben Sie trotz Ihrer beruflich abgesicherten Position noch immer Rassismus im Alltag?

Ich erlebe auch in meinem Beruf Rassismus. Der wird manchmal intellektuell kaschiert und verpackt und hat letztlich auch etwas mit Machtherrschaft zu tun. Für die meisten, denen ich begegne, bedeutet Rassismus, jemanden zum Beispiel heftig zu beschimpfen. Aber Rassismus kann auch eine Bemerkung oder eine Verhaltensweise sein, die aufgrund des vermeintlichen kulturellen Andersseins oder der Hautfarbe entstanden ist. Wenn man den Leuten sagen würde, dass sie rassistisch sind, dann wären sie überrascht, um nicht zu sagen komplett entsetzt und echauffiert. Und wenn man die Leute tatsächlich darauf anspricht, gehen sie in eine absolute Verteidigungshaltung. Dann kann es dazu kommen, dass sie beleidigt sind, und man selbst sich dafür entschuldigen muss, dass man bemerkt hat, dass sie sich rassistisch verhalten haben und man dieses Verhalten für sich nicht möchte. Das sind zum Teil sehr skurrile Situationen.

Durch „Black Lives Matter“ bekam das Thema Rassismus und Antirassismus sehr viel Aufmerksamkeit. Was könnte man Ihrer Meinung nach konkret gegen Rassismus in der Gesellschaft unternehmen?

Im Grunde kann man genau das tun, was wir nun machen: sprechen, sprechen, sprechen. Es braucht Offenheit von beiden sein. Offenheit von der deutschen Mehrheitsgesellschaft, lernen zu wollen. Man muss rassismuskritisch die eigenen Gedanken, den gesellschaftlichen Alltag und die Schulbildung reflektieren. Man muss auch sehen, wo es institutionellen Rassismus innerhalb der Gesellschaft gibt. Eine wichtige Frage ist: Was können Menschen, die an gesellschaftlichen Stellschrauben sitzen, tun, dass der institutionelle Rassismus aufgebrochen wird?

Sie sind seit 1997 auch als interkulturelle Beraterin, als Coach und Trainerin aktiv. Mit Ihrer Agentur FBS intercultural communication bringen Sie Führungskräften und Unternehmen einen sensiblen sprachlichen Umgang, Kommunikation und interkulturelle Kompetenzen bei. Welche Kompetenzen sind nötig, damit interkulturelle Begegnungen gelingen?

Zunächst mal ist die Offenheit wichtig, lernen zu wollen, was überhaupt Rassismus bedeutet. Man muss aufhören, zu relativieren und gleich in eine Verteidigungshaltung zu gehen. Ich hatte neulich ein Gespräch mit jemandem, in dem ich geschildert habe, dass ein junger Mensch sich doppelt anstrengen muss, um auf eine berufliche Position zu kommen, weil er schwarz ist. Und die weiße Person hat das gleich vom Tisch geschoben und mir erklärt, dass das so nicht ist. Und das kann ja so nicht sein! Dann muss ich dem Gegenüber erstmal erklären, dass mein Erleben als schwarze Person überhaupt existiert und real ist.

Für mich ist das A und O, dass eine Offenheit und eine Bereitschaft vorhanden ist, den anderen verstehen und in seinem Sein wahrnehmen zu wollen und einen Perspektivwechsel einnehmen zu wollen. Wenn man mein Buch liest, kann es zunächst unangenehm sein, da es einen Spiegel vorhält, obwohl ich versuche, diesen Spiegel sehr sanft und liebevoll vorzuhalten. In jeder gesellschaftlichen Ecke müssen wir sehen, was wir dagegen tun können, um den institutionellen Rassismus auszumerzen.

In den letzten Jahren wurde sensible und diskriminierungsfreie Sprache wichtiger. Verlage streichen diskriminierende Begriffe aus älteren Büchern. Zuletzt wurde die „Mohrenstraße“ in Berlin umbenannt. Immer wenn solche Anpassungen vorgenommen werden, gibt es auch heftigen Widerstand. Was würden Sie Menschen antworten, die aus Tradition weiterhin diskriminierende Begriffe verwenden wollen?

Auch mir begegnen Leute, die sagen, dass das N-Wort früher nicht böse gemeint war. Dann versuche ich den Leuten zu erklären, dass es in allen Sprachen Begriffe gibt, die vor 50, 60 Jahren andere Konnotationen hatten, zum Beispiel im Gender-Bereich, im kulturellen Bereich, im Bereich sexuelle Orientierung. Aber das N-Wort ist einfach negativ konnotiert. Wenn jemand sagt, dieser Begriff sei noch normal, dann sage ich Nein, der ist negativ konnotiert und man darf ihn nicht mehr verwenden. Ich finde es auch nicht schön, wenn man von Mohrenköpfen spricht. Tradition hin oder her, es gibt auch Traditionen, die man ab und zu hinterfragen und verändern muss.

Warum ist sensible Sprache wichtig?

Sensible Sprache ist gesellschaftlich wichtig, um Menschen nicht zu diskriminieren. Ich werde ja eingeladen, um für Sprache im Allgemeinen zu sensibilisieren. Meine Gruppen sind zum Teil sehr divers zusammengesetzt. Dann geht es darum, die Kommunikation so sensibel zu gestalten, dass sich niemand diskriminiert fühlt, zum Beispiel weil jemand eine andere sexuelle Orientierung hat oder eine Behinderung hat. Die Sprache, die wir nutzen, sollte jedes einzelne Mitglied der Gesellschaft sensibel ansprechen, egal welchen Bedarf, welches Alter, welche Persönlichkeit jemand mitbringt.

Gerade jetzt in der Corona-Zeit geht es auch um die Älteren. Da wurde ja gesagt, dass die Älteren zuhause bleiben müssen. Wenn dann jemand zu einem älteren, der vielleicht noch korpulent ist, sagt: „Du bist ja sowieso Risikoperson, weil du nicht nur alt, sondern auch noch übergewichtig bist.“, dann ist das Diskriminierung.

Wenn jemand merkt, dass er sich nicht mehr im Körper eines Mädchens wohlfühlt, sondern ein Junge sein möchte, und daraufhin bei der Krankenkasse und anderen Institutionen immer noch als Frau angesprochen wird, obwohl die innere und äußere Entwicklung schon sehr weit vorangeschritten ist und die Person um eine bestimmte Ansprache bittet, diese jedoch ignoriert wird, dann ist das Diskriminierung.

Es geht also um unsere Haltungen, die wir infrage stellen müssen und die hinter Diskriminierungen stecken können. Wenn wir diese eigenen Haltungen bewusst betrachten, kann es zunächst für einen selber unangenehm, sogar schmerzhaft sein. Im besten Fall ist es ein innerer Erkenntnisprozess, wenn wir diesen zulassen, kann es zu einer hoffentlich positiven Weiterentwicklung kommen.

Was sind die typischen Fehler bei interkulturellen Zusammentreffen?

Ich möchte ein Beispiel nennen: Ich war als Lehrerin auf einer Fortbildung für Religionslehrkräfte, die mit Interkulturalität überhaupt nichts zu tun hatte. In der Pause kam ein Schuldekan zu mir und fragte: „Wo kommen Sie denn her?“ Ich nannte ihm meine Schule, denn das war das Naheliegendste. Daraufhin fragte er: „Was machen Sie denn dort?“ Ich sagte ihm, dass ich dort als Lehrerin arbeite. Er fragte: „So richtig Lehrerin?“ Ich fragte ihn, wie man denn nicht richtig Lehrerin sein könne. Er antwortete: „Ich dachte, Sie wären eine Praktikantin aus Timbuktu und gucken, wie es hier so ist.“

Was hat der Mann falsch gemacht? Er hat mich kontextlos gefragt, wo ich herkomme, und hat die Distanz überhaupt nicht gewahrt. In der Kommunikation gibt es Distanzringe. Man fühlt sich in der Regel dann wohl, wenn man eine Armlänge Distanz zum anderen hält. Das kann man auch auf die verbale Kommunikation übertragen. Man kann nicht beim ersten Treffen fragen: „Aus welchem Land kommen Sie?“ Das ist kontextlos und distanzlos. Wenn man in einem kulturellen Kontext ist und die Überschrift des Zusammentreffens „meine Wurzeln“ lautet, dann ist es kein Problem nach der Herkunft zu fragen. Es kommt also auf den Kontext an.

In der öffentlichen Diskussion ist in letzter Zeit immer wieder von Cancel Culture die Rede, d. h. der Boykott von Personen oder Organisationen, denen Diskriminierung vorgeworfen wird, zum Beispiel in Zusammenhang mit Lisa Eckhardt oder Dieter Nuhr. Wie stehen sie zu solchen Absagen?

Ich möchte mich nicht an einem öffentlichen Shitstorm beteiligen. Wenn mich eine Kontroverse sehr berührt oder ärgert, dann biete ich der betroffenen Person das persönliche Gespräch an. Ich habe auf meinem Instagram-Account einen Spruch: „Wenn ich über ein Thema etwas wissen möchte und ich spreche nicht mit denen, die es betrifft, dann führe ich Selbstgespräche.“ Ich finde es klasse, wenn man wertschätzend, respektvoll und achtend aufeinander zugeht und miteinander Brücken baut. Ich möchte aber zuletzt noch festhalten: Die meisten Menschenbegegnungen sind angenehm, freundlich, geneigt und offen.


„Mist, die versteht mich ja“ von Florence Brokowski-Shekte erschien am 1. September 2020 im Orlanda Verlag und hat 250 lesenswerte Seiten.

Beitragsbild: © Matthias Purkart

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Gesammelte Zeugnisse der Liebe

Im Elisabeth Sandmann Verlag ist ein außergewöhnlicher Bildband erschienen, dessen Anliegen es ist, die Universalität der Liebeserfahrung über die Zeit, den Raum und soziale Grenzen hinweg abzubilden. Das Besondere an diesem Werk: Die Herausgeber Neal Treadwell und Hugh Nini, die die Bilder auf ihren jährlichen Reisen durch verschiedene Länder in Europa, Kanada und quer durch die USA sammelten, haben 350 Bilder von ausschließlich Männerpaaren zusammengetragen. Insgesamt besitzen sie über 2800 Originalfotos liebender Männer.


Das Kriterium für die Auswahl der Bilder war für die beiden Sammler der Blick in die Augen der fotografierten Männer:

„Im Blick von Verliebten liegt ein unverkennbarer Ausdruck. Man kann ihn nicht vortäuschen. Und wenn man Liebe empfindet, lässt sie sich nicht verbergen.“

Vorwort „Eine Zufallssammlung“ von Hugh Nini und Neal Treadwell

 

Doch nicht nur die Augen bringen die Zuneigung der Paare zum Ausdruck: Sie umarmen oder umschlingen sich auch, sind einander zugeneigt, sie haben die Arme über die Schultern gelegt, sind ineinander eingehakt, lehnen sich aneinander, sehen in dieselbe Richtung oder einander an, einer sitzt auf dem Schoß des anderen. Die Gesten der Liebe ähneln sich über Raum und Zeit hinweg auf auffällig deutliche Weise, wie Nini und Treadwell in ihrem Vorwort feststellen:

„Sie haben die Bilder der anderen nicht gesehen und konnten sie demnach nicht nachstellen. Die spiegelbildliche Ähnlichkeit in ihrer Körperhaltung ergab sich auf natürliche Weise aus ihrem Menschsein.“

s. o.

 

Einige wenige Paare simulieren eine Hochzeit, etwa in Form einer Trauungszeremonie, die natürlich keiner echten Eheschließung gleichkam, oder indem einer der Partner einen Sonnenschirm hält, wie er damals bei Trauungszeremonien in den Südstaaten üblich war. Auch Blumensträuße oder Ringe tauchen als Zeichen der emotionalen Nähe auf den Bildern häufiger auf. Auf den 300 Seiten des Bandes mit Bildern aus den Jahren 1850 bis 1950 – vom Amerikanischen Bürgerkrieg über den Zweiten Weltkrieg bis in die 1950er Jahre – findet sich der unanfechtbare Beweis dafür, dass die homosexuelle Liebe unabhängig von den sozialen Umständen und der gesellschaftlichen Form existiert hat, dass sie – wie die Liebe zwischen Mann und Frau – gewissermaßen eine Konstante in jeder Gesellschaft darstellt.

Da die Fotografien aus einer Zeit stammen, in der die gleichgeschlechtliche Liebe nicht nur geächtet, sondern auch gesetzlich verboten war, (wie sie es leider auch heute noch in manchen Staaten ist) erforderte es von den abfotografierten Partner Mut, sich zu ihrer intimen Beziehung und ihrer gegenseitigen Zuneigung zu bekennen, indem sie sich ablichten lassen. Wäre die Homosexualität der Fotografierten entdeckt worden, hätten sie sich einer strafrechtlichen Verfolgung ausgesetzt sehen können. Die Paare stammen aus unterschiedlichen sozialen Schichten. Man findet auf den Bildern Personen aus der Oberschicht, Geschäftsleute, aber auch Arbeiter, Soldaten, Matrosen, Studenten, Männer aus der Stadt sind genauso vertreten wie Menschen aus ländlichen Gebieten im Arbeitsanzug. In seinem Vorwort „Vom Inneren und Äußeren“ macht der Wissenschaftler Régis Schlagdenhauffen (École des Hautes Études en Sciences Sociales) darauf aufmerksam, dass gerade in männlich dominierten Gemeinschaften wie denen der Matrosen, Piraten, Gefangenen, aber auch in der Cowboy-Gesellschaft des Wilden Westen homoerotische und -sexuelle Beziehungen besonders häufig auftraten.

Größtenteils stammen die Bilder, die die Sammler auf Flohmärkten, in Antiquitätenläden und durch spezialisierte Händler zusammengetragen haben, aus den USA, doch vertreten sind auch Großbritannien, Frankreich, Italien, Deutschland, Bulgarien, Kroatien, Serbien, Ungarn, Australien, Japan, Singapur, China, die Tschechoslowakei, Estland, Russland, Portugal und einige südamerikanische Länder.

Die Szenerien, in denen die Bilder aufgenommen wurden, sind so bunt wie das Leben: in Fotostudios, in Privaträumen, mit einem Hund, vor dem Meer, am See, beim Baden im Wasser, auf einem Auto, auf einer Kutsche oder dem Motorrad sitzend, im Grünen, auf einer Bank, vor einem Haus, beim Tanzen. So spiegelt der Bildband die ganze Bandbreite des Lebens wieder. Auf erfrischend selbstverständliche Weise wird ganz nebenbei eine ikonographische Kulturgeschichte der Homosexualität zwischen 1850 und 1950 verfasst, die aber keine Partikulargeschichte bleibt, sondern in die Universalgeschichte menschlicher Liebe eingeschrieben wird. „Loving“ hält was der Titel verspricht: Man erhält eine ordentliche Portion Wärme, Zuneigung und Liebe. Ein liebenswerter, berührender Fotoband!


„Loving: Männer, die sich lieben – Fotografien von 1850-1950“, hrsg. von Neal Treadwell und Hugh Nini, erschien in deutscher Ausgabe am 12. Oktober 2020 im Elisabeth Sandmann Verlag und hat 336 Seiten.

Ein Trailer zum Buch ist bei YouTube verfügbar:

TItelbild: © Elisabeth Sandmann Verlag

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Die unstillbare Sehnsucht nach der Ferne

„Allerorten“, der Titel von Sylvain Prudhommes Roman, der im französischen Original „Par les routes“ lautet, ist ein veralteter, aber dafür umso schönerer Ausdruck für das Adverb „überall“. Und tatsächlich bewegt sich einer der Protagonisten dieses leichten und lebensbejahenden Romans überall in Frankreich. Es handelt sich um den Anhalter, der trampend durch das ganz Land reist.


Doch von vorn: Der Schriftsteller und Ich-Erzähler des Textes Sacha hat das großstädtische Lebens in der französischen Hauptstadt satt und zieht daher von Paris in die kleine Stadt V. in der Provence um. Von V. erfahren die Leserinnen und Leser nicht viel mehr als den ersten Buchstaben. In dem Ort wohnt zufällig auch der Anhalter, mit dem Sacha 17 Jahre zuvor während des Studiums in Paris bereits befreundet war, ehe die beiden sich zerstritten und daraufhin getrennte Wege gingen.

Als die beiden ehemaligen Freunde sich in dem kleinen Ort nach fast zwei Jahrzehnten wieder begegnen, verstehen sie sich besser denn je. Was genau sie damals auseinander getrieben hat, kommt in dem Text nie zur Sprache, sodass man sich während des gesamten Romans immer wieder die spannende Frage stellt: Warum verstanden sich die zwei Freunde nicht mehr? Man erfährt bloß, dass der Anhalter die Geduld Sachas vor 20 Jahren schon einmal überstrapaziert hat. Außerdem hat es wohl damals eine Rivalität zwischen ihnen gegeben.

Der Anhalter hat seit der letzten Begegnung eine Familie gegründet, die aus seiner Frau Marie und einem Sohn im Schulalter, Agustín, besteht, während Sacha alleinstehend und kinderlos geblieben ist. Der Anhalter und Marie kommen über die Runden, indem er selbständig handwerkliche Aufträge fast jeder Art – Maurerarbeiten, Fliesenlegen, Bäder, Küchen – ausführt und Gelegenheitsjobs annimmt, und indem sie belletristische Bücher wie einen Romantext von Lodoli aus dem Italienischen übersetzt.

Überraschend ist nicht nur der Kontrast aus handwerklicher und intellektueller Tätigkeit. Auch sonst sind die Lebensentwürfe von Marie und dem Anhalter von Gegensätzen geprägt, was der Liebe bislang keinen Abbruch tut. Während Marie sich um ihre Arbeit und den gemeinsamen Sohn kümmert, zieht es den 40-jährigen immer wieder in die Ferne. Dann bereist er für längere Zeiträume per Anhalter ganz Frankreich.

„Ich brauche das, sagte er schließlich. So einfach ist das, glaube ich. Ich brauche es. Es gibt Leute, die müssen Sport machen. Es gibt Leute, die trinken, die feiern gehen. Und ich brauche es loszuziehen. Das ist für mein inneres Gleichgewicht notwendig. Wenn ich zu lange nicht losziehe, ersticke ich.“

Dabei fährt er anfangs nur über die Autobahnen des Landes, von einer Raststätte zur anderen trampend. Ob er an einem bestimmten Reiseziel ankommt, sei es Paris, Lille oder Brest, ist ihm dabei relativ egal. Es geht ihm vor allem um die Fahrt an sich, den Spaß am Reiseerlebnis.

Bei einem ist sich Sacha sicher: Der Anhalter flieht nicht vor seiner Familie und der Verantwortung. Denn „(e)r war keiner von den Männern, die ersticken, die es drängt, endlich den Ausbruch zu wagen (…).“ Vielmehr hat er das ständig Bedürfnis, anderen zu begegnen, Bekanntschaften und Freundschaften mit neuen Fahrerinnen und Fahrern zu machen. Für den Anhalter ist es nämlich ausnahmslos eine Freude, neue Menschen kennenzulernen.

„Ich bin in meinem Leben wenigen Menschen begegnet, für die andere nie lästig, ermüdend, langweilig sind. Sondern immer eine Chance. Ein Fest. Die Möglichkeit eines Mehrs an Leben. Der Anhalter gehörte dazu.“

Bei einem Abendessen erzählt der Schriftsteller Sacha von seinem neuen Buchprojekt, welches ebenfalls vom Reisen handelt und den Titel „Die Melancholie der großen Schiffe“ trägt: Es ist die Geschichte einer alten Dame, „die auf Reisen geht, von Stadt zu Stadt, von Begegnung zu Begegnung.“ Da die Dame sich bereits im Ruhestand befindet und keinerlei Verpflichtungen mehr hat, kann sie überallhin reisen, wo sie möchte. Sie reist in dem Buch zu verschiedenen Orten zugleich, „in ein und derselben absoluten Gegenwart“.

Auch der Anhalter hält seine Reiseerlebnisse fest, allerdings fotographisch: Von jeder Fahrerin und jedem Fahrer, der ihn ein Stück weit mitnimmt, egal ob weit oder kurz, macht er mit einer Polaroidkamera eine Aufnahme. Seine Sammlung umfasst Hunderte von Bildern, die er in einer Schublade in seiner heimischen Werkstatt sammelt. Als Sacha etwas später im Roman die Fotos durchzählt, sind es bereits weit über tausend Fotos. An viele der Fahrerinnen und Fahrer kann der Anhalter sich noch erinnern.

Später ändert der Anhalter seine Reisemethode: Er verlässt nun die Autobahnen die Autobahnen, um stattdessen von einem entlegenen Dorf zum nächsten zu reisen. Die Dörfer, in die er sich begibt, sucht er anhand ihrer Namen aus. Es handelt sich überraschend oft um Dörfer mit sprechenden Ortsnamen, zum Beispiel „Beausoleil“ (schöne Sonne), „Le Rendez-vous des chasseurs“ (Jägertreff), „La Réunion“ (Treffen), „Ogres“ (Menschenfresser), „Doux“ (Sanft). An der belgischen Grenze bereist er Dörfer, deren Name mit einem Z beginnt, etwa Zuytpeene, die „letzte Stadt im Alphabet“, oder Zydcooote, Zutkerque, Zoteux, Zouafques.

Um die Verbindung zu Sacha, Marie und Agustín nicht ganz abbrechen zu lassen, sendet er den dreien Ansichtskarten aus jeder neuen Stadt, in die er kommt. An festen Tagen und zu festen Zeiten – montagmorgens und donnerstagabends – ruft der Anhalter außerdem zuhause an, während er unterwegs ist.

Doch wie die Ansichtskarten mit der Zeit immer seltener eintrudeln, so machen sich auch die Besuche des Anhalters zuhause in V. immer rarer. Dauerten seine Touren anfangs in der Regel nur drei, vier Tage dauerten, bleibt er nach Sachas Ankunft in V. ein, zwei Wochen weg. Marie hat es irgendwann über, dass ihr Mann ständig auf Achse ist, wie der Anhalter seinem Freund an der Autobahnraststätte Lançon gesteht.

„Ich habe sie gefragt, ob ich ihr fehle, sie hat Nein geantwortet. Sie hat mir ins Gesicht geschaut und die Wahrheit gesagt: dass ich ihr immer weniger fehle. Sie sei traurig (…). Nicht weil ich losziehe. Nicht weil ich nicht da bin. Sondern traurig, weil sie sich daran gewöhnte. Traurig zu spüren, dass meine Abwesenheiten ihr fast nichts mehr ausmachen.“

Der Anhalter merkt, dass er durch seine vielen Reisen dabei ist, seine Beziehung zu Marie zu zerstören, die ihm offen gesteht, dass sie Sacha mag. Marie ist zunehmend traurig, wenn die Postkarten vom Anhalter ankommen, während zu Beginn ihre Freude, Traurigkeit und Unmut ausgewogen waren.

Und tatsächlich: Während der Abwesenheit des Anhalters kommen sich Sacha und Marie näher. Sie verbringen zunächst immer mehr Zeit miteinander. Sacha kümmert sich manchmal um Agustín, indem er ihn von der Schule abholt oder danach auf ihn aufpasst, um Marie zu entlasten.

Die Liebesbeziehung zwischen Marie und Sacha, die zu Beginn keine ist, keine sein darf, beginnt mit vorsichtigen Annäherungen, ausgetauschten Küssen, einem ersten Anschmiegen, Umarmungen. Dann geht Marie demonstrativ wieder auf Distanz, weil sie ihren Mann nicht betrügen möchte. Diese emotionale und intellektuelle Bewegung zwischen intuitiver Annäherung, lustvollem körperlichen Kennenlernen und Abstoßung aus rationalen Gründen ist vom Autor sehr fein beobachtet und hervorragend geschildert.

Eine ménage à trois beginnt, bei der einer der Beteiligten nur aus der Ferne zusehen kann, da er fast nie anwesend ist. Und dennoch wird man bei der Lektüre das Gefühl nicht los, dass der Anhalter von Beginn an, womöglich schon bei den ersten Aufeinandertreffen der drei, ein sehr gutes Gespür dafür hat, dass zwischen seiner Frau und dem Neuankömmling Sacha etwas Ernsteres entstehen könnte. Statt gegen diese langsam vonstatten gehende Entwicklung vorzugehen oder Zeichen von Eifersucht an den Tag zu legen, lässt er den Dinge einfach ihren Lauf. Hier wird die wahrhafte Tramperseele offenbar.

Vielleicht ist die zunehmende Nähe zwischen Marie und Sacha einer der Gründe dafür, dass der Anhalter die drei Zuhausegebliebenen nun für immer längere Zeiträume allein in V. lässt. Die beiden fahren auf einen Vorschlag Sachas hin mit Agustín und einem Freund Agustíns ans Meer.

Als kurz nach dem idyllischen Ausflug ans Meer der Anhalter aus der Normandie anruft, wird Sacha kurzzeitig von dem paranoiden Gedanken beherrscht, dass der Anhalter in Wahrheit gar nicht verreise, sondern heimlich ihr Leben in V. beobachte. Eine Nacht lang kurvt er auf der Suche nach ihm mit dem Auto durch die dunklen Straßen der kleinen Stadt, jedoch ohne fündig zu werden, weshalb er die quälenden Gedanken am Ende verwirft.

Marie sagt nun, dass sie nicht mehr könne – die vielen Reisen des Anhalters werden ihr zu viel. Während Marie, die auf einmal den Impuls hat wegzufahren, für einige Tage verreist, kümmert sich Sacha um Agustín und hütet das Haus. Er fühlt sich dabei wie ein Kuckuck, der sich in ein fremdes, gemachtes Nest setzt – „mit dem Unterschied, dass ich kein Ei in ein fremdes Nest lege, im Gegenteil, ich beschütze die Brut, die schon da ist, ich kümmere mich darum, ich verhalte mich wie eine echte Mutter“.

Als Marie nach zehn Tagen zurückkehrt, wird sie von Agustín mit großer Freude empfangen und berichtet Sacha, was sie erlebt hat. Zunächst hat sie für drei, vier Tage ihren ehemaligen Studienkollegen und Geliebten Jean besucht, der mittlerweile, von seiner Frau getrennt, einen kleinen Verlag führt.

„Was ich nach drei Tagen mit Jean vor allem gesehen habe, war, dass der Anhalter mir weiter fehlte. ist ich mich in jedem Augenblick fragte, wo er war, was er machte.“

Am Morgen des vierten Tages ist sie ins Auto gestiegen, um nach Norden zu fahren, wo sich nach ihren Kenntnissen der Anhalter in diesem Moment aufhielt, der eine Karte aus den Orten gesendet hatte, die mit Z beginnen. Sie erreicht die Dörfer, die mit Z beginnen und irrt den ganzen Tag mit dem Wagen umher. Sie nimmt sich ein Motel und verbringt mehrere Tage im Norden, um ihren Mann zu suchen, im Bewusstsein, dass ihr Vorhaben eigentlich völlig verrückt ist. Nach vier Tagen passiert das Unwahrscheinliche: Sie findet den Anhalter an einer vierspurigen Straße am Ausgang von Dunkerque.

Nachts nehmen sie sich ein Hotel. An der Rezeption ereignet sich der Moment, der für beide den entscheidenden Wendepunkt in ihrer Beziehung markiert. Der Anhalter verlangt vom Rezeptionisten ein Zimmer für beide. Marie korrigiert ihn, indem sie um ein zweites Zimmer für sich selbst bittet. Am nächsten Morgen fährt Marie wieder nach Hause, wobei sie sich plötzlich immer sicherer und selbstbewusster fühlt.

Von nun ist Sacha immer öfter bei Marie und Agustín zu Besuch und übernachtet sogar. Die drei Zuhausegebliebenen gehen gemeinsam wandern, arbeiten im Gemüsegarten, Marie spielt Klavier und beendet ihre Übersetzung. Sie verbringen einige Tage des Nichtstuns. Das Fortsein des Anhalters wird immer mehr zu einer Tatsache. Zwischen den vier hat sich ein Gleichgewicht eingespielt, das keiner mehr infrage stellt. Das Zusammenleben mit Sacha ist zu einer Selbstverständlichkeit geworden.

Nachdem Agustín ein Bild von unterirdischen Gängen und dem Krieg gemalt hat, das Sacha an Les Éparges erinnert, fährt der Anhalter dorthin. Daraufhin ersinnen die vier ein Spiel: Sacha, Agustín und Marie diktieren dem Anhalter per Telefon, an welchen Ort er als nächstes reisen soll. Dieser nimmt die Herausforderung an. Währenddessen werden die Postsendungen weniger und bleiben schließlich ganz aus.

Eines Tages im Mai steht der Anhalter vor der Tür, um Sacha abzuholen. Er möchte ihn für zwei, drei Tage auf eine Reise in den Weiler Orion mitnehmen, der auf halbem Weg zwischen Pau und Bayonne liegt. Nur sie beide sollen noch einmal per Anhalter verreisen, wie früher. Gegen Ende des Buches erlebt man das Trampen und das damit einhergehende Lebensgefühl also aus nächster Nähe. Eine schöne Reiseepisode, die „eine vertraute Anspannung“, nämlich das Reisefieber, die „Freude, wieder auf Achse zu sein“ vermittelt.

Nach einem Tag Fahrt kommt Sacha in Orion an. Der Anhalter ist bereits vor Ort, wo er am Fuß eines Wasserturms sitzt, der in dem kleinen Ort kaum zu übersehen ist. Während der Anhalter mit neun Fahrten in das Städtchen gekommen ist, hat Sacha nur fünf gebraucht.

„Das sagte viel über uns aus. Der Vorausschauende, Abwägende, Vorsichtige, auf Effizienz Bedachte. Und der Abenteurer, bereit, jede sich bietende Gelegenheit zu ergreifen (…).“

Sie ruhen sich aus, bauen ihre Zelte neben dem Wasserturm auf und baden im Bach in der Nähe. Daraufhin lernen sie eine Frau aus dem Ort kennen, Souad, die sie abends zu sich nach Hause einlädt, wo sie ihnen ein Abendessen und eine Dusche anbietet. Der literarisch und mythologisch gebildete Sacha erzählt Souad und ihrer Tochter Lila die Geschichte, wie der riesenhafte Jäger Orion zu einem Sternbild wurde. Denn nach Orion kamen die beiden Freunde, wie sie berichten, nur deshalb, weil das Dorf den Namen eines Sternbilds trägt.

Schließlich müssen die Freunde wieder nach draußen, um in ihren Zelten die Nacht zu verbringen. Am nächsten Morgen dann die große Überraschung: Der Anhalter ist weg, abgereist, verschwunden mitsamt seinem Zelt. Sacha sucht im Dorf nach ihm, doch vergebens.

„Ich dachte an all die Momente, die wir in den letzten Monaten zusammen verbracht hatten. An die unerwartete Freude, die es mir bereitet hatte, ihn wiederzusehen. Ich dachte an die Worte zurück, die ich vor langer Zeit zu ihm gesagt hatte: Ich will, dass du aus meinem Leben verschwindest. (…) Ich wünschte mir auf einmal, er wäre wieder da.“

Nachdem Sacha nach V. zurückgekehrt ist, zieht er endgültig bei Marie und Agustín ein. Er widmet sich wieder seiner künstlerischen Arbeit. Marie gibt ihre Übersetzung ab. Im Juni machen Marie und Sacha Urlaub in Rom und Marseille, während Maries Mutter sich um Agustín sorgt. In Marseille legen sie während der Rückreise einen spontanen mehrtägigen Halt ein, obwohl sie dort eigentlich nur hätten umsteigen müssen. Marie, Agustín und Sacha ziehen daraufhin öfter los, etwa zu der Dune du Pilat. Der Anhalter bleibt ab dem Sommer verschwunden.

Dann erreicht sie im August überraschend eine Mail vom Anhalter, mit der er Hunderte seiner Fahrerinnen und Fahrer zu einem gemeinsamen Fest einlädt. Die Empfänger sollen einfach am nächsten Wochenende in das Dorf Camarade in Ariège kommen und etwas zu essen und zu trinken mitbringen.

Tatsächlich folgen Hunderte von Menschen dem Aufruf, „Menschen jeden Alters, jeden Milieus, jeden Stils. Männer. Frauen. Kinder. Sichtlich Reiche. Sichtlich Bescheidene.“ Nur der Anhalter kommt nicht. Er hat Freude daran, seine Fahrerinnen und Fahrer aus der Ferne zusammenzubringen, ohne selbst an dem ungewöhnlichen Fest teilzunehmen. Er möchte nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, nimmt Sacha an.

Die Feier wird ein Erfolg: Die Leute freuen sich, verblüfft über sich selbst, dass sie der spontanen Einladung gefolgt sind. Sie unterhalten sich miteinander, grillen, baden, spielen, singen. Der Roman schließt also auf eine sehr festliche und fröhliche Weise. Nur der Anhalter bleibt verschwunden. Das Konstante an ihm ist, dass er sich immer wieder entzieht, indem er sich in die Ferne begibt, die auch bei den Lesern im Lauf der Lektüre die Sehnsucht nach einer Reise weckt.

„Allerorten“ ist Werk über die Lust am Reisen, das Abfahren und Ankommen, das Sich-Entfernen und das Zurückkehren. Mal sprüht die Erzählung vor Energie, mal gibt sie sich den leiseren Tönen hin. Eigentlich wäre das Buch die perfekte Urlaubslektüre. Denn der Roman entführt die Leserinnen und Leser in die mehr oder weniger entlegenen Orte Frankreichs, in die Provence, die Normandie, die Bretagne, in Dörfer mit Namen, die man noch nie gehört hat, und an Orte, die man wahrscheinlich nie im Leben sehen wird.

Das Buch bezaubert durch eine gewisse Leichtigkeit, es hat etwas Entspanntes, Lockeres, das das Urlaubsgefühl in den heimischen Lesesessel bringt. In Zeiten, wo das Verreisen aufgrund des Coronavirus nicht möglich ist, kann ein solcher Text wenigstens eine kompensatorische Leistung übernehmen.

Darüber hinaus ist der Text hochgradig intertextuell: Er steckt voller Anspielungen auf andere musikalische wie auch literarische Werke. Der belesene Sacha nennt uns immer wieder Autorinnen und Autoren, auf die er sich bezieht und die für ihn Bedeutung haben, etwa Gustave Flaubert, Lobo Antunes, Claude Simon, Giani Stuparich, oder gegen Ende den Musiker Leonhard Cohen. Auch Marie ist literarisch gebildet: Sie liest Jim Harrison, Susan Sontag, Luca Sau, Antonio Moresco und Marco Lodoli.

Das Buch „Allerorten“ ist somit auch eine Ode an das Leben als Künstlerin oder Künstler, Schriftstellerin oder Schriftsteller und Übersetzerin oder Übersetzer. In dem Roman wird viel mehr als in anderen Büchern gelesen und über das Schreiben und Lesen nachgedacht.

Über Monate arbeitet Sacha in V. an seinem Projekt „Die Melancholie der großen Schiffe“, bei welchem er Leinwände mit safrangelber Farbe bemalt. Immer wieder sitzt er vor seinem begonnenen Word-Dokument. Ganz nebenbei wohnt man so in dem Roman der mit Scheitern und Schwierigkeiten verbundenen Arbeit des Künstlers bei.

Auch eine sehr bildhafte und anschauliche Würdigung der Übersetzkunst mittels einer militärischen Allegorie, vorgebracht von der Übersetzerin Marie selbst, enthält der Text:

„Sie verglich die Wörter mit alten Soldaten, die seit Jahrhunderten im Dienst der Sprache stehen. Sie sagte, sie gelangten nicht neu zu uns, sie hätten schon in vielen Schlachten gedient. Ein Wort statt eines anderen zu wählen bedeute, einen Veteranen mit seiner gesamten Geschichte, seinem gesamten Gedächtnis in sein Buch aufzunehmen, da dürfe man sich nicht vertun, sonst laufe die ganze Truppe der bisher gewählten Wörter Gefahr, ihre Einheit zu verlieren.“

Als Sacha etwa in der Mitte des Textes in der von Marie angefertigten Lodoli-Übersetzung liest, findet er Gefallen an dem titelgebenden Ausdruck „allerorten“:

„Maries Übersetzung war voller Trouvaillen, die mich begeisterten, zum Beispiel die Stelle, wo der Gärtner zum ersten Mal allein im Garten ist und beschließt, die Pflanzen zu gießen, „weil die Sonne sich neigte und Constantino wusste, dies war allerorten die Stunde, um die man die Gärten goss“. Ich liebte diesen Ausdruck, allerorten.“

Es fällt immer wieder auf, dass Prudhomme eine eigentümliche Interpunktion benutzt, was den Lesefluss bisweilen etwas unterbricht. Er setzt nach Fragesätzen kein Fragezeichen, sondern einen Punkt. Bei manchen Aufzählungen werden die Elemente der Aufzählung nicht durch Kommata abgetrennt, sondern stehen lose nebeneinander. Hat man sich einmal an diese Zeichensetzung gewöhnt, die auch aus seinen vorherigen Romanen „Legenden“ und „Ein Lied für Dulce“ schon bekannt sein könnte, liest sich der Text sehr flüssig.

Insgesamt erhält man mit „Allerorten“ einen Kunst-, Beziehungs- und Reiseroman, der voller Lebensfreude und -bejahung steckt. Die sich ergebende ménage à trois zwischen Sacha, Marie und dem meist abwesenden Anhalter und die Reisen des Anhalters treiben die Handlung des Romans voran, die voller Überraschungen steckt – Ausflüge, eine plötzliche Rückkehr, die abschließende Feier. So wird es in diesem Text nie langweilig, obwohl im Grunde nicht viel passiert und sich die Dinge eher langsam entwickeln. Das liest sich schön, spannend und erfrischend.

„Par les routes“ wurde 2019 in Frankreich mit dem Prix Fémina ausgezeichnet.


Allerorten von Sylvain Prudhomme erschien in der Übersetzung Claudia Kalscheuers am 14. September 2020 im Unionsverlag und hat 256 Seiten. Alle Zitate stammen aus dem Buch.

Titelbild: © Unionsverlag 

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Aber nur dieses eine Interview mit Tobias Premper

Wir fühlen Tobias Premper, dessen aktuelles Buch Aber nur dieses eine Mal, eine Sammlung autobiographischer Notizen, vorhin bei Steidl erschienen ist, auf den Leckzahn.


Wie und wo bist du aufgewachsen?

Ich hatte vergessen, wie inspirierend deine Fragen sind. Ich musste bislang nur ein paar kleine Morde unter Freunden begehen, die aber alle überlebt wurden, auch von mir. Ich frage mich auch manchmal, ob ich mehr Leuten die Augen ausstechen wollte als mich skalpieren wollten. Oder umgekehrt mit dem Faktor 3,25. Und je länger ich diesen Arztkittel trug, desto stärker wollte ich ihn merzen, pollocken, twomblen. So ging’s los.

Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Ich hab hier einen geflochtenen Korb, blau lackiert, an manchen Stellen blättert die Farbe schon ab, hat aber sentimentalen Wert. Da sind 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7 Hafer-Soja-Drinks und ein altes, Weißhaarige-Männer-junge-blondierte-Frauen-SHAMPOO drin. Weiß manchmal selber nicht, wer von beiden ich bin und welches der Tetra Paks ich als Erstes aufmachen soll.

Welcher Filmemacher, Musiker, Künstler hat dich und dein Schreiben am meisten beeinflusst?

Ein russischer Autor schrieb mal: „Wenn alle im Frack kommen, komme ich auf einer Bulette geritten“, und ich denke, das passt nicht so recht zu deiner Frage. Aber es steht ja bislang auch noch nicht im Grundgesetz, dass alle, die mit dem Hintern wackeln und das dann ins Internet stellen, das Recht auf Verbannung nach Kolyma haben. Leider, leider, leider. Aber das kommt, das kommt. Oder wolltest du über schlechte Bücher sprechen? Einfach wegschmeißen und aufs nächste hoffen. Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, selbst bei den schlechtesten Autoren, die die schlechtesten Bücher schreiben. Das kann uns auch mal passieren, dass uns zehn Bücher nacheinander abrutschen. Und dann wollen wir ja auch nicht von unserer Possy fallengelassen werden. Zurück zu deiner Frage: Am schlimmsten ist diese Konfrontation mit diesem „wir“. Ich bin nicht Papst, ich bin nicht Weltmeister, ich schaffe das nicht.

Stones oder Beatles?

Ach, das ist einfach: Verlieb dich in mich. Der Rest kommt dann von selbst.

Was sind deiner Meinung nach einige Meister der Kurzform?

Alle, die mein neues Buch kaufen.

Bist du religiös?

Den Schatten von Zeit nehme ich stets als Loch unter den Armen in meinen ehemals weißen T-Shirts wahr.

Was ist deiner Meinung nach der Sinn des Lebens bzw. gibt es überhaupt einen?

Den willst du gar nicht haben. Da haben die die Beine angesägt und drum herum n riesigen Graben ausgehoben mit so Viechern drin, die dich ganz langsam auffressen. Und was mir zum Thema „Lehrstuhl“ auch einfällt: Starkes Übergewicht und Schweißgeruch, bildlich gesprochen.

Was kannst du uns über Melancholie, Sentimentalität und/oder Depression verraten?

Unwetter können auch mal etwas Gutes haben, so wie ein wirklich gut geschriebener Krimi, der die Charts stürmt. Ich mache da gar nicht Halt vor. Ich lese alles Mögliche, also auch Mainstream-Sachen. Aber selber glaube ich, es gibt da einen bestimmten kleinen Kreis an Menschen, die sich für das interessieren, was ich schreibe, die das auch wirklich gerne lesen. Und das können natürlich immer noch ein paar mehr Menschen sein, überraschend mehr von mir aus. Oder als verdeckte Steuer eingeführt: Ein Buch von Premper ist Pflicht in jedem Haushalt.

Titelbild: © Lillian Birnbaum

 

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Berliner Subkultur

Ein Jazzmusiker, der zugleich Professor für Philosophie ist und sich mit Nachtigallen beschäftigt: Das klingt zunächst eher nach Zutaten für eine schräge Kurzgeschichte mit ungewöhnlichen Figuren. Aber erfunden ist da nichts. Denn alles gibt es in echt. Noch dazu ist David Rothenbergs Buch „Stadt der Nachtigallen“ kein Roman, sondern ein Sachbuch, das sich der Suche nach dem perfekten Klang widmet.

Der Klarinettist hat Musik mit Walen, Insekten, mit Wasser und Wind gemacht: Den perfekten Sound haben ihm dann aber die Berliner Nachtigallen geliefert, die dort im Wettkampf mit dem Stadtlärm über sich hinauswachsen. „Nachtigallen genießen Geräusche. Der Lärm von uns Menschen macht ihnen offenbar nichts aus, möglicherweise ist er für sie sogar ein willkommener Ansporn.“

https://www.youtube.com/watch?v=MeKcr_35tys
David Rothenberg, Korhan Erel und eine Berliner Nachtigall im Live-Konzert.

Leider zu spät für verbotene Liebe

Romantiker haben den kleinen Vogel als Wappentier der Liebe und der Sehnsucht außerkoren; die ganze Nacht singt er, bis die anderen Vögel ihn im Morgengrauen ablösen. Romeo sagt seiner geliebten Julia, dass es nicht mehr die Nachtigall ist, die sie hört – und es damit leider zu spät ist für verbotene Liebe. Aber was zieht uns eigentlich in den Bann, wenn wir den Gesang der kleinen Vögel hören?

Um das herauszufinden, setzt sich Rothenberg frühmorgens in die Berliner Hasenheide oder trifft Neuro- und Verhaltensbiologin und Leiterin des Nachtigall-Forschungsstelle an der Freien Universität, lässt sich vom Himmel über Berlin durch die Stadt leiten, trifft Berliner Musiker und Sänger und liest, was Kant zur Nachtigall geschrieben hat. „Stadt der Nachtigallen“ ist ein ungewöhnliches Buch über Töne, Klänge und dem, was wir als „schön“ erleben.

„Irgendetwas daran muss richtig sein“

Rothenberg schreibt über Nachtigallen – und offenbart ganz nebenbei, wie sehr wir im Lärm zuhause sind. Irgendwie haben wir uns mit Flugzeugdonner, Automotorenfauchen und Handyklingeltönen arrangiert. Vielleicht sind die Zeiten, in denen alles etwas heruntergefahren ist, eine gute Gelegenheit, auf die stilleren Töne unserer Geräuschwelt zu achten – und wenn es nur eine Vogelstimme ist. „Denken Sie daran, es ist die älteste Musik, die wir kennen. Sie ist Millionen von Jahren älter als unsere Spezies. Irgendetwas daran muss richtig sein, wenn sie schon so lange existiert.“

Stadt der Nachtigallen – Berlins perfekter Sound ist im Mai im Rowohlt Verlag erschienen.

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