Kategorie: Literatur

Aber nur dieses eine Interview mit Tobias Premper

Wir fühlen Tobias Premper, dessen aktuelles Buch Aber nur dieses eine Mal, eine Sammlung autobiographischer Notizen, vorhin bei Steidl erschienen ist, auf den Leckzahn.


Wie und wo bist du aufgewachsen?

Ich hatte vergessen, wie inspirierend deine Fragen sind. Ich musste bislang nur ein paar kleine Morde unter Freunden begehen, die aber alle überlebt wurden, auch von mir. Ich frage mich auch manchmal, ob ich mehr Leuten die Augen ausstechen wollte als mich skalpieren wollten. Oder umgekehrt mit dem Faktor 3,25. Und je länger ich diesen Arztkittel trug, desto stärker wollte ich ihn merzen, pollocken, twomblen. So ging’s los.

Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Ich hab hier einen geflochtenen Korb, blau lackiert, an manchen Stellen blättert die Farbe schon ab, hat aber sentimentalen Wert. Da sind 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7 Hafer-Soja-Drinks und ein altes, Weißhaarige-Männer-junge-blondierte-Frauen-SHAMPOO drin. Weiß manchmal selber nicht, wer von beiden ich bin und welches der Tetra Paks ich als Erstes aufmachen soll.

Welcher Filmemacher, Musiker, Künstler hat dich und dein Schreiben am meisten beeinflusst?

Ein russischer Autor schrieb mal: „Wenn alle im Frack kommen, komme ich auf einer Bulette geritten“, und ich denke, das passt nicht so recht zu deiner Frage. Aber es steht ja bislang auch noch nicht im Grundgesetz, dass alle, die mit dem Hintern wackeln und das dann ins Internet stellen, das Recht auf Verbannung nach Kolyma haben. Leider, leider, leider. Aber das kommt, das kommt. Oder wolltest du über schlechte Bücher sprechen? Einfach wegschmeißen und aufs nächste hoffen. Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, selbst bei den schlechtesten Autoren, die die schlechtesten Bücher schreiben. Das kann uns auch mal passieren, dass uns zehn Bücher nacheinander abrutschen. Und dann wollen wir ja auch nicht von unserer Possy fallengelassen werden. Zurück zu deiner Frage: Am schlimmsten ist diese Konfrontation mit diesem „wir“. Ich bin nicht Papst, ich bin nicht Weltmeister, ich schaffe das nicht.

Stones oder Beatles?

Ach, das ist einfach: Verlieb dich in mich. Der Rest kommt dann von selbst.

Was sind deiner Meinung nach einige Meister der Kurzform?

Alle, die mein neues Buch kaufen.

Bist du religiös?

Den Schatten von Zeit nehme ich stets als Loch unter den Armen in meinen ehemals weißen T-Shirts wahr.

Was ist deiner Meinung nach der Sinn des Lebens bzw. gibt es überhaupt einen?

Den willst du gar nicht haben. Da haben die die Beine angesägt und drum herum n riesigen Graben ausgehoben mit so Viechern drin, die dich ganz langsam auffressen. Und was mir zum Thema „Lehrstuhl“ auch einfällt: Starkes Übergewicht und Schweißgeruch, bildlich gesprochen.

Was kannst du uns über Melancholie, Sentimentalität und/oder Depression verraten?

Unwetter können auch mal etwas Gutes haben, so wie ein wirklich gut geschriebener Krimi, der die Charts stürmt. Ich mache da gar nicht Halt vor. Ich lese alles Mögliche, also auch Mainstream-Sachen. Aber selber glaube ich, es gibt da einen bestimmten kleinen Kreis an Menschen, die sich für das interessieren, was ich schreibe, die das auch wirklich gerne lesen. Und das können natürlich immer noch ein paar mehr Menschen sein, überraschend mehr von mir aus. Oder als verdeckte Steuer eingeführt: Ein Buch von Premper ist Pflicht in jedem Haushalt.

Titelbild: © Lillian Birnbaum

Berliner Subkultur

Ein Jazzmusiker, der zugleich Professor für Philosophie ist und sich mit Nachtigallen beschäftigt: Das klingt zunächst eher nach Zutaten für eine schräge Kurzgeschichte mit ungewöhnlichen Figuren. Aber erfunden ist da nichts. Denn alles gibt es in echt. Noch dazu ist David Rothenbergs Buch „Stadt der Nachtigallen“ kein Roman, sondern ein Sachbuch, das sich der Suche nach dem perfekten Klang widmet.

Der Klarinettist hat Musik mit Walen, Insekten, mit Wasser und Wind gemacht: Den perfekten Sound haben ihm dann aber die Berliner Nachtigallen geliefert, die dort im Wettkampf mit dem Stadtlärm über sich hinauswachsen. „Nachtigallen genießen Geräusche. Der Lärm von uns Menschen macht ihnen offenbar nichts aus, möglicherweise ist er für sie sogar ein willkommener Ansporn.“

David Rothenberg, Korhan Erel und eine Berliner Nachtigall im Live-Konzert.

Leider zu spät für verbotene Liebe

Romantiker haben den kleinen Vogel als Wappentier der Liebe und der Sehnsucht außerkoren; die ganze Nacht singt er, bis die anderen Vögel ihn im Morgengrauen ablösen. Romeo sagt seiner geliebten Julia, dass es nicht mehr die Nachtigall ist, die sie hört – und es damit leider zu spät ist für verbotene Liebe. Aber was zieht uns eigentlich in den Bann, wenn wir den Gesang der kleinen Vögel hören?

Um das herauszufinden, setzt sich Rothenberg frühmorgens in die Berliner Hasenheide oder trifft Neuro- und Verhaltensbiologin und Leiterin des Nachtigall-Forschungsstelle an der Freien Universität, lässt sich vom Himmel über Berlin durch die Stadt leiten, trifft Berliner Musiker und Sänger und liest, was Kant zur Nachtigall geschrieben hat. „Stadt der Nachtigallen“ ist ein ungewöhnliches Buch über Töne, Klänge und dem, was wir als „schön“ erleben.

„Irgendetwas daran muss richtig sein“

Rothenberg schreibt über Nachtigallen – und offenbart ganz nebenbei, wie sehr wir im Lärm zuhause sind. Irgendwie haben wir uns mit Flugzeugdonner, Automotorenfauchen und Handyklingeltönen arrangiert. Vielleicht sind die Zeiten, in denen alles etwas heruntergefahren ist, eine gute Gelegenheit, auf die stilleren Töne unserer Geräuschwelt zu achten – und wenn es nur eine Vogelstimme ist. „Denken Sie daran, es ist die älteste Musik, die wir kennen. Sie ist Millionen von Jahren älter als unsere Spezies. Irgendetwas daran muss richtig sein, wenn sie schon so lange existiert.“

Stadt der Nachtigallen – Berlins perfekter Sound ist im Mai im Rowohlt Verlag erschienen.

Chor aus der Dunkelheit – ein Autorengespräch

Im März veröffentlichte Philip Dingeldey, auch bei postmondän ein fleißiger Autor, seinen ersten Roman „Chor aus der Dunkelheit“. Gutes Timing, denn er erzählt eine dystopische Geschichte, zwar ohne Pandemie, Shutdown und Abstandsregeln, dafür mit Großkonzernen, die in Europa die Regierung übernommen haben, Konzentrationslagern, in denen Menschen zu Opfergaben gezüchtet werden – achja, und Vampiren. Gregor, ebenfalls Autor bei postmondän, hat den Roman mittlerweile durchgelesen, und ein paar Fragen ihn.


Alles Gute zum Buchrelease! Hand aufs Herz: Wie autobiographisch ist der Roman?

Im Grunde gar nicht. Die meisten Autoren möchten ja etwas autobiographisches als Debüt vorlegen, in dem man sich intensiv mit seinem Innenleben auseinandersetzt. Das wollte ich für meinen ersten Roman vermeiden, denn ich finde, damit ist der Markt schon überflutet und ich wollte gern etwas anderes machen. Es ist nur insofern autobiographisch, dass er meine persönlichen Gedanken zu Politik und Gesellschaft umfasst, dafür aber nichts zu meinem Leben. Es gibt auch keine Figur, in der ich mich wiedererkenne.

Worum geht es denn in der Geschichte?

In der Ausgangslage ist Europa im 22. Jahrhundert ein zusammenhängender Staat mit neofeudalem System geworden ist. Plötzlich verbreiteten sich Vampire, die, vampirtypisch, das Tageslicht meiden und Blut trinken müssen. Es gab einen kriegerischen Konflikt, der mit einem Vertrag zwischen Regierung und Vampiren beigelegt wurde. Dieser besagt, dass Vampire für Menschen arbeiten, ihre körperlichen Fähigkeiten für sie einsetzen und zum Beispiel Ökostrom produzieren, wofür sie Blut geliefert bekommen. Für die Blutlieferungen werden Lager errichtet, in denen später Menschen gezüchtet werden. Damit das Gleichgewicht erhalten bleibt, ist es verboten, dass Vampire sich reproduzieren, also ihre Opfer in Vampire verwandeln, sie dürfen sie einfach nur töten.

Im Roman bricht eine Vampirin diese Abmachung und verwandelt ein Opfer aus dem Lager in einen Vampir, was der beaufsichtigende Wächter, George, zulässt. Der Grundkonflikt besteht also in einem Vertragsbruch und darin, dass die Vampire erkennen müssen, dass ihnen das System, auf das sie sich eingelassen haben, keinen Vorteil bringt, und neben ihnen auch noch Menschen unterdrückt. Sie beschließen, Widerstand zu leisten, und geraten zwischen verschiedene politische Fronten.

„Chor aus der Dunkelheit“. Was hat es mit dem Buchtitel auf sich?

Der Roman wird eingeleitet durch Brecht-Zitat:

„Und die andern sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.“

„Die im Dunkeln“ sind dabei ja die Subalternen, die keine Stimme haben, weder gesehen noch gehört werden und unterdrückt sind. Das sind in dieser Situation zum einen die Lagerinsassen, die für die Vampire geschlachtet werden, zum anderen die Vampire, die kein Mensch mag, aber mit denen man einen Frieden schließt, in dem sie ausgebeutet werden. Der Hauptcharakter Septimus, der frisch verwandelte Vampir, bemerkt irgendwann, dass dahinter eine Reihe von Grundproblemen stehen, und sich die unterdrückten Vampire und Menschen eigentlich zusammenschließen müssten. Das ist der Chor aus der Dunkelheit: die, die das System am Laufen halten, also brav singen, aber nichts zu melden haben – also im Dunklen stehen.

Kannst du damit leben, wenn jemand deinen Roman grotesk findet?

Mit Groteske hab ich eigentlich kein Problem, der Roman hat viele übertreibende Elemente und wird an vielen Stellen auch bizarr, was auch gewollt ist. Ich komme damit klar. Vielleicht trifft es dadurch nicht jeden Geschmack, denn Groteske muss man natürlich wollen.

Ich verstehe dein Buch als eine Dystopie mit Science-Fiction- und Fantasy-Elementen. Du auch?

Ja, so war es auf jeden Fall gedacht. Mein Verlag war der Meinung, es gehört auch zum Horror-Genre, was auch nicht komplett falsch ist, da Vampire dort ja oft eingeordnet werden. Es ist aber kein typischer Gruselroman, sondern eher ein Horrorszenario, eine Dystopie. Ich hab versucht, das Fantasy-Element der Vampire in eine zukünftige Gesellschaft hineinzudenken. Das gab es so bisher noch nicht wirklich, vor allem nicht politisiert.

Stehen sich die beiden Genres Science Fiction und Fantasy nicht eigentlich gegenseitig im Weg?

Jein. Es gibt schon viele Science-Fiction-Romane, die ein metaphysisches Wesen haben – oder eines, dessen Technik oder Funktionsfähigkeit nicht erklärt werden kann. Wir wissen auch gar nicht, wie metaphysisch diese Vampire sind: Sie haben übermenschliche Kräfte, aber keine übersinnlichen. In anderen Romanen können sie Gedanken lesen oder zaubern. Hier können sie bloß in gewisser Weise ihre Form ändern, sich zum Beispiel Flügel wachsen lassen, sich aber nicht in Fledermäuse oder Wölfe verwandeln oder Tiere kontrollieren. Insofern sind sie beschränkt metaphysisch. Es ging darum, eine Entität zu finden, die nichtmenschlich ist, aber intelligenter ist als etwa ein Zombie, der einfach nur Gehirne fressen will und kein anderes Motiv damit verbinden kann. Während Vampire einfach als intelligenter gelten und sich besser organisieren können, mehr Gefühle und Gedanken äußern können. Man hätte als Pendant auch eine Alienrasse nehmen können, wenn man daraus ein Space Adventure hätte machen wollen.

Vielleicht im nächsten Roman.

Genau.

Um das Buch in eine Beziehung zum laufenden Jahrhundert zu setzen: Findest du okay, wenn man eine Kritik am Neoliberalismus herausliest?

Wenn man möchte, ja. Eigentlich möchte ich das natürlich dem Leser überlassen, weil der Autor ja nicht die Deutungshoheit hat. Aber aus meiner Sicht ist es definitiv angedacht. Zum Beispiel, wenn es darum geht, dass sich das System im Roman als freiheitlich, kosmopolitisch und progressiv versteht und Gleichberechtigung als wichtiges Motiv sieht – Schlagworte wie Nachhaltigkeit bedient. Andererseits verteufeln sie jede Form von Gleichverteilung, sind brutale Ausbeuter und unzufrieden mit dem Vampirvertrag, der ja eine Planwirtschaft festhält, an die sie sich halten müssen.

Es ist selbst kein neoliberales System mehr, weil es auch einfach unrealistisch ist, dass der Neoliberalismus so lange Bestand haben wird. Aber natürlich spielen Elemente dort hinein: die vollkommene Macht der Wirtschaft, die völlige politische Kontrolle durch Unternehmen ist angedacht. Es hat mit dem Neoliberalismus zu tun, ist aber viel, viel schlimmer.

Kannst du dir vorstellen, dass wir momentan auf eine solche Herrschaft der Konzerne zusteuern?

Nicht in diesem offensichtlichen und dreisten Maß, wie es im Roman passiert, in dem Regierungen ja schlicht nicht mehr bestehen, bloß Pressesprecher in Erscheinung treten und Konzerne alles unter sich regeln. Die Tendenz dazu würde ich aber auf jeden Fall sehen. Politik hängt heute immer mehr davon ab, Konzernlobbys zu befriedigen, sich Gesetzesentwürfe von Konzernen schreiben zu lassen und durchzuwinken. Diese Elemente steuern ja bereits auf eine vollkommene Privatisierung hin.

Wie gefährlich wäre das?

Das kann sehr gefährlich werden, denn man kann über unser System sagen, was man will, muss es auch nicht mögen, aber es hat nach wie vor Grundfeste, die man verteidigen kann. Eine beschränkte Volksmacht gibt es noch immer. Gefährlich wäre, wenn die Bürger auch diese Kontrolle verlieren.

Auch Städte haben in deinem Buch Markennamen übernommen, „Walt Disney City“ oder „Telekom City“ zum Beispiel. Das erinnert mich an Ideen aus Infinite Jest oder Quality Land. Glaubst du, dass im ausschweifenden Neoliberalismus derzeit das größte dystopische Potenzial für die Literatur liegt?

Ja, das könnte man sagen. Beziehungsweise im Ende des Neoliberalismus. Man könnte ja auch schon den Neoliberalismus selbst als Horrorszenario bezeichnen, in dem alles kommerzialisiert werden kann, inklusive Städtenamen. Eigentlich basierte diese Idee bei mir eher auf dem Film Fightclub, wo es in einer Szene darum geht, dass große Konzerne die Namen von Planeten bestimmen dürfen. Ich fand die Idee so reizvoll, dass ich es auf Städte übertragen habe.

Žižek hat einmal gesagt, es fällt uns heute leichter, das Ende der Welt zu denken als eine Welt ohne Kapitalismus. Und da wir gar nicht wissen, wie es nach dem Neoliberalismus weitergehen wird, ist das Potenzial für Spekulation und Horrorszenarien natürlich hoch. Also einerseits der Neoliberalismus, andererseits die Frage: Was kommt danach? Wenn man zusätzlich dazu bestimmte Staatschefs wie Trump oder Johnson beobachtet, glaubt man sich manchmal näher an der Apokalypse als an der Überwindung der Ungerechtigkeit.

Sind Vampire Menschen ethisch überlegen?

Sie haben eine andere Art, miteinander umzugehen. Zwar sind sie weniger herzlich, aber ihr Eigentumsbegriff ist bedürfnisorientiert und alle sind in jederlei Hinsicht gleichberechtigt: rechtlich, politisch, sozial. Zumindest am Anfang des Romans gibt es unter ihnen keine sichtbaren Hierarchien. Vielleicht sind sie ethisch nicht überlegen, aber politisch sind sie partizipatorischer, egalitärer und solidarischer als Menschen heute und im 22. Jahrhundert. Dennoch sind sie korrumpierbar und müssen davon leben, Menschen zu töten. Den Weg des Vegetarismus könnten sie sich zum Beispiel nicht einfach aussuchen. Sie haben einfach eine andere Kultur, die auf eine Art rückständig ist, auf eine andere Art egalitärer.

Glaubst du wirklich, wenn wirklich eine Vampir-Invasion ansteht, ließe sich ein pragmatischer Friedensvertrag mit ihnen schließen?

Es gibt in diese Richtung ja auch wissenschaftliche Gedankenexperimente wie „Zombies in international relations“, wo dasselbe Problem mit einer Zombie-Invasion thematisiert wird. Mit denen ist ein Deal weniger leicht möglich, Vampire sind dagegen vernunftbegabt, und man kann sich fragen: Was sind die primären Interessen von Vampiren? Sie möchten ein dunkles Versteck und Blut. Im Falle einer Ausbreitung von Vampiren wäre es doch naheliegend, dass Menschen sagen: Wenn wir sie nicht besiegen können, da sie zu stark sind, sollten wir einen Friedensvertrag schließen. Wenn wir sie nicht unterdrücken können, unterdrücken wir eben andere und beuten alle aus. Als Lohn erhalten sie, was ihre primäre Interessen sind: Blut und Sicherheit.

Warum können Vampire in Romanen nie Sex haben?

Es gibt schon einige Romane, in denen Sex angedeutet wird, zum Beispiel in Ann Rices „Chronik der Vampire“. In meinem Roman sind sie im Grunde entsexualisiert. Der Sexualtrieb und die Fähigkeit dazu, sich fortzupflanzen, ist hier sexuall gar nicht nötig: Vampire reproduzieren sich nicht durch Geschlechtsverkehr, sondern dadurch, dass sie ein menschliches Opfer verwandeln. Das läuft bei mir durch einen Blutaustausch. Das Opfer wird nicht nur ausgetrunken, sondern bekommt Blut des Vampirs. Dadurch wird logisch, dass nicht jedes Opfer zum Vampir wird. Denn es musste einen Unterschied geben. Wenn wir dadurch eine Reproduktion haben, wird Sex biologisch überflüssig. Manche Vampire bereuen im Roman auch sehr, dass sie dazu nicht mehr fähig sind.

Deine Vampire sind anders als jüngste Adaptionen wie „I am Legend“ oder „Twilight“ eher klassisch angelegt: mit Buckel, Vampirzähnen, Flügeln und Verglühen im Sonnenlicht. Das ist ja nicht besonders progressiv. Gibt es andere progressive Aspekte in deinem Roman?

Was Vampire betrifft: Stimmt, die Darstellung ist nicht progressiv, sondern konventionell. Sie entsprechen im Grunde dem hässlichen Nosferatu-Bild und kommen nicht mit der Sonne klar. Ich bin mir aber nicht sicher, ob neue Romane wirklich dadurch progressiv werden, dass Vampire im Sonnenlicht einfach nur glitzern. Meiner Meinung nach ist das zu vereinfachend. Im Grunde sind Vampirfähigkeiten doch etwas Tolles: Du hast übermenschliche Fähigkeiten, lebst, wenn du möchtest, ewig. Diese Vorteile musst du teuer bezahlen – was ein sehr gängiges Motiv in Fantasy-Romanen ist. Erstens dadurch, dass du nur durch den Tod anderer lebst, zweitens durch die Vermeidung von Sonnenlicht. Wenn sich ein Vampir nicht mehr davor scheuen muss, ist für mich der dialektische Reiz an der Figur verloren.

Was hat es mit dem Christlichen Staat auf sich?

Der Christliche Staat ist eine Untergrund-Organisation, ein Pendant zum IS in einer säkularisierten Zeit. Der vorherrschende neokapitalistische Feudalismus hat mit Religion nicht mehr viel zu tun und funktioniert durch andere Mechanismen: wirtschaftliche Rationalität, Effizienz, Freiheitsideologie. Das Christentum, vor allem der Katholizismus, hat hier nicht mehr viel zu bieten. Im Gegensatz zum Protestantismus hat er große Probleme, sich in ein solches System einzugliedern. Da ihrer Meinung nach durch den Deal mit den Vampiren, welche sie für Dämonen halten, in Europa der Teufel herrscht, ist das gesamte System für sie verkommen. Es gibt für sie keine Möglichkeit, allzu offen Kritik zu üben. Darum gründen sie diese reaktionäre Untergrundorganisation, die das Ganze rückchristianisieren und auch die Vampire besiegen möchte.

Im Buch gibt es zwei Verwandlungen: Ein Mensch wird zum Vampir, ein anderer zum Cyborg. Was von beidem ist erstrebenswerter?

Ich weiß nicht, ob ich sagen würde, dass eines davon erstrebenswert ist. Das eine ist das Science-Fiction-, das andere das Fantasy-Element. Der Wärter wird zum Cyborg, der instrumentalisiert wird. Er kann ziemlich viel, ist aber immer noch sterblich. Er kann tagsüber hinaus und muss, anders als Vampire, nicht Menschen töten, um zu überleben. Das ist natürlich ein Vorteil für ihn, aber aus meiner Sicht auch nicht unbedingt erstrebenswert.

Wenn du es dir ganz frei aussuchen könntest, wo würdest du am liebsten leben: im Europa der Konzerne, im Christlichen Staat oder in der Vampirgesellschaft?

Wenn man die Vampire, die in Clans leben, für sich isoliert sehen kann, und sich anschaut, wie das Leben innerhalb der Clans aussieht, würde ich sagen, okay, lieber etwas unterentwickelt leben, aber dafür eine gewisse Gleichheit und volle Handlungsfreiheit innerhalb des Hoheitsgebiets haben. Dass man in kleinen Gruppen lebt, in denen man alles ausdiskutieren kann, ist ein urdemokratisches Bild, das ich vorziehen würde. Bloß mit den externen Konflikten, in die sie wieder hineingezogen werden, würde ich mich eher ungern auseinandersetzen. Vielleicht ist es aber trotzdem besser als das Europa der Konzerne.

Der christliche Staat kommt aber trotzdem nicht in Frage?

Nein, der ist raus.

Danke für das Gespräch.


„Chor aus der Dunkelheit“ von Philip Dingeldey erschien in der Reihe APEX HORROR des Apex-Verlags und hat 372 Seiten.

Das Halbdunkle im Alltäglichen

Schon lange gilt Hartmut Lange als ein Meister der Novelle – einer Gattung, die ansonsten eher selten Beachtung in den Feuilletons findet. Lange ist bekannt für seine kurzen, konzentrierten Texte mit nihilistischem Einschlag, in denen den Protagonisten irgendetwas Unbewusstes – anhand des, für die Novelle unverzichtbaren Dingsymbols – sich ein Stück weit offenbart und zum Verhängnis wird. Nun hat Lange einen neuen Band mit sehr kurzen Novellen vorgelegt, in denen es genau um das Verborgene, Tiefe, Traurige und Erschreckende im Banalen und Alltäglichen gilt. „Der Lichthof“ heißt das dünne Bändchen.


Das Buch ist eine Sammlung mit vier Novellen und dem autobiographischen Text. Die Protagonisten der vier Geschichten erleben im Grunde nur Alltägliches. Selbst die seltsamen Dinge, die ihnen widerfahren, sind im Grunde keine „unerhörten Neuigkeiten“, von denen Goethe meinte, die sie seien essenziell für diese Gattung. So lebt etwa eine Frau in einer sanierten 160-Quadratmeter-Altbauwohnung nahezu allein, da ihr Ehemann ständig auf Geschäftsreisen ist und sie, ihm zuliebe, ihre Lohnarbeit an den Nagel gehängt hat. Ihr Alltag ist äußerst langweilig und eintönig. Jedoch legt das Badezimmer einen Blick auf einen unverputzten und eigenartig scheinenden Lichthof frei, den die Frau als hässlichen Schandfleck, aber gleichzeitig als gruselig empfindet, bis schließlich ihr Mann ihr per Post eröffnet, sich unwillentlich in eine andere Frau verliebt zu haben.

Die drei kürzeren Novellen dagegen beschäftigen sich etwa mit einem in die Jahre gekommenen Theaterschauspieler, der sich nicht mehr in seine Rollen hineinfühlen kann und am Meer vergebens auf Besserung hofft. Oder aber mit einer Frau, die eine seltsame Beziehung zu ihrem Navigationsgerät aufbaut und ganz den, auch oft fehlerhaften, Anweisungen folgt – zum Ärger ihres Mannes und Mitreisenden.

Abgeschlossen wird der Band durch die autobiographische Erzählung In eigener Sache. Hier erzählt der Autor von seinem Weihnachten 1944 in Nazideutschland, von den Bombardements und wie er all dies, was um ihm herum passiert und den weihnachtlichen Zauber zerstört, als Kleinkind (noch) nicht versteht. Von da aus folgt überblickhaft seine biographische Entwicklung und ein Einblick, wie dieses Weihnachten ihn geprägt hat.

Eine geheimnisvolle Reduziertheit

Alle versammelten Texte haben also gemein, dass die Protagonisten vor irgendetwas stehen, dass ihnen unerhört scheinen mag – auch wenn es mehr oder weniger banal ist. Und genau das können sie nicht zu verstehen. Dabei sind sie stets von einem gewissen Zwang oder Fetisch erfasst, der im Halbdunkeln bleibt und dessen Ursprung sowie Bedeutung auch nicht aufgeklärt wird; sei es nun der Ehemann, der sich verliebt und dies nicht steuern kann, sondern sein Gefühl einen Zwang auf ihn ausübt (sprich, Liebe gerade das Gegenteil von Freiheit und Unabhängigkeit ist), was wiederum seine Ehefrau genauso wenig begreift, wie den scheinbaren Makel des Lichthofs (der wiederum das Einzige in ihrer Umgebung ist, das nicht gestellt wirkt, sondern authentisch in seiner Heruntergekommenheit), oder sei es der unerklärliche Fetisch für eine defektes Navigationsgerät.

Und genau das ist es, was eine gute Novelle ausmacht: das konzentrierte Erzählen eines Zwangs, eines Determinismus, der tiefenpsychologisch, mystisch, technisch oder naturwissenschaftlich sein kann, oder auch eine Mischung aus all dem, vermittelt durch einen starken Symbolismus, der das zentrale Motiv zeigt, ohne es gänzlich aufzuklären. Insofern sind Langes Texte überaus gelungen und durch das Halbverborgene auch noch spannend – so alltäglich die erzählten Erlebnisse auch sein mögen. Dieses Kriterium erfüllt Lange auch stilistisch gekonnt. Schon seine Sprache drückt eine geheimnisvolle und verdichtete Reduziertheit aus, die ahnen lässt, dass da noch mehr ist, das unaussprechlich ist für den Verstand der Protagonisten. Auch das Psychologisieren an mancher Stelle und die häufige, melancholische Nachinnengewandtheit der Charaktere erklärt nur wenig.

Das Halbdunkel im Alltag wird im Lichthof in verschiedensten Facetten fast kurzweilig und meisterhaft erzählt. Gleichzeitig ist der dahinterstehende Determinismus wohl eines der größten Probleme der Gattung Novelle selbst. Der Mensch ist stets beherrscht und kann sich, trotz aller Versuche, nicht von diesem, wie auch immer gearteten Determinismus befreien. Das macht solche Novellen allzu vorhersehbar und manchmal auch sehr konstruiert. Darüber hinaus vermittelt sich hier oft ein unfreiheitliches, resignatives (oder bei Lange: nihilistisches) Weltbild, das doch hinterfragt werden müsste. Vielleicht braucht es auch eine neue Form der Novelle.

Der Lichthof von Hartmut Lange erschien am 26. Februar bei Diogenes und hat 96 Seiten.

Beitragsbild: © Diogenes Verlag

Neue Buchtipps für die Quarantäne

Lesen hilft so oder so. Ob zur Ablenkung in der Quarantäne oder zur Einordnung von Isolation, Wahnsinn, Leben und Tod. Moment, das Intro kommt dir bekannt vor? Gut aufgepasst: Vor sechs Wochen sind hier schonmal Buchtipps für die Quarantäne erschienen. Hier kommen neue.


Stefan Weigand empfiehlt …

Die Straße von Cormac McCarthy

Es gibt Bücher, die sind wie Kometen: Man begegnet ihnen, liest sie, stellt sie ins Regal – und Jahre später kommen sie wieder ins Leben zurück. „Die Straße“ ist für mich so ein Buch.

Bestimmt ist es mehr als vier Jahre her, als ich die Erzählung zum ersten Mal gelesen habe. Nun, in Corona-Zeiten, fiel das Buch mir wieder in die Hände. Ein kurzes Blättern, und die vielen Bilder und klaren Szenen waren gleich wieder präsent. Cormac McCarthy zeigt hier seine großartige Erzählkunst in Perfektion. Kein Wunder, dass er hierfür 2007 den Pulitzer-Preis bekam.

Die Story selbst ist schlicht. Das Szenario ist die USA in einer Endzeitsituation. Es gibt kaum noch Menschen, eine moderne Infrastruktur ist so gut wie nicht mehr vorhanden. In dieser Welt macht sich ein Vater mit seinem Sohn auf dem Weg. „Wenn er im Dunkel und in der Kälte der Nacht im Wald erwachte, streckte er den Arm aus, um das Kind zu berühren, das neben ihm schlief.“ Wenn ein Roman so beginnt, dann ist klar: Der Leser bleibt nicht auf Distanz, sondern soll mitkommen auf diesen Weg, der an die Küste führen soll. Man begibt sich nicht unbedingt gerne, aber eben unweigerlich in die Obhut der beiden.

Warum die Reise eigentlich an die Küste gehen soll? Was erwarten die beiden dort? Die Fragen bleiben unbeantwortet. Wie eine Sehnsucht, die gar nicht näher bestimmt ist, entwickelt sich dadurch der Sog, der den Roman so bestimmt.

Die Straße wirkt wie ein Vakuum: Sie zieht einen hinein in die Geschichte. Es gibt Begegnungen mit anderen Menschen; kalte Nächte und die Suche nach Essen dominieren den Alltag. Doch das Eigentümliche und auch wundervoll Rätselhafte an der Erzählung ist, dass das Vakuum tatsächlich leer bleibt. Vielleicht ist es so, dass in einer Welt, in der alles infrage gestellt ist, allein schon die Erkenntnis trägt: Jede Leere ist mehr als das Nichts.

Die Straße erschien in der Übersetzung Nikolaus Stingls mit 256 Seiten bei Rowohlt.

Bild: © Stefan Weigand

Katharina van Dülmen empfiehlt …

Die Zeit, die Zeit von Martin Suter

Die Tage in der Quarantäne sind alle gleich. Oder ist es immer derselbe Tag, den wir erleben? Denn wer sagt denn, dass Zeit vergeht? Martin Suters „Die Zeit, die Zeit“ basiert auf der Theorie, „dass es keine Zeit gibt. Es gibt nur die Veränderungen. Wenn diese ausbleiben, steht das, was wir Zeit nennen, still.“

Eigentlich will Peter Taler nur den Tod seiner Frau Laura rächen: Ihren Mörder finden, umbringen und dann Selbstmord begehen. Anders sein alter Nachbar und Zeitnihilist Knupp, der ebenfalls um seine Frau trauert: Der will nämlich einen Moment wiederherstellen, an dem Martha noch lebt, und  ihren Tod verhindern. Taler soll ihm helfen, sträubt sich aber zunächst. Doch Knupp hat etwas, das er braucht, um Lauras Mörder zu finden. Und was ist, wenn sein seltsamer Nachbar recht hat? Wenn es stimmt, dass die Zeit nicht existiert? Dass ein bestimmter Moment wiederhergestellt werden kann, indem alle Veränderungen aufgehoben werden? Dann bestünde ja die Chance, Laura wiederzusehen.

Das Faszinierende an Suter ist doch, dass er das scheinbar Unmöglichste, ja, Unglaubwürdigste, mit einer Leichtigkeit und einer Portion Sachlichkeit glaubhaft macht. Sei es ein rosaroter leuchtender Elefant oder eben das Zurückdrehen der Zeit – alles ist möglich, ergibt Sinn, ja, ist logisch, verständlich und spannend zugleich. „Die Zeit, die Zeit“ ist einer der besten Romane Suters. Und die Zeit in der Quarantäne sollte genutzt werden, um ihn zu lesen.

Dabei könnte es sein, dass die Leser٭innen der Ausgabe von 2012 einen anderen Schluss lesen als die einer Ausgabe nach 2015. Denn laut Tages-Anzeiger hat Suter das Ende noch einmal umgeschrieben. Das würde ja heißen, beide Fassung existieren trotz Veränderung zur gleichen Zeit. Explodierender-Kopf-Emoji.

Die Zeit, die Zeit erschien bei Diogenes und hat 304 Seiten.

Bild: Katharina van Dülmen

Martin Kulik empfiehlt …

Utopien für Realisten von Rutger Bregman

Nicht verzagen, Bregman fragen.

Der junge niederländische Historiker Rutger Bregman hat in den letzten Jahren Aufsehen erregt. Nicht nur durch seine Wutrede gegen die Reichen auf dem Weltwirtschaftsgipfel 2019 in Davos, sondern auch durch seine kämpferischen und visionären Bücher. Und es gibt wohl kaum einen besseren Zeitpunkt als jetzt, sich Gedanken darüber zu machen, wie unsere Zukunft aussehen sollte. Die COVID19-Pandemie sorgt dafür, dass einige der Utopien, die Bregman in seinem Buch „Utopien für Realisten“ vorstellt, gar nicht mehr so weit von unserem Alltag entfernt scheinen: so stellt er uns beispielsweise die 15-Stunden-Woche als Antwort auf die Digitalisierung der Arbeit und das bedingungslose Grundeinkommen als realistische Option vor.

Bregmans Rede in Davos:

Quelle: YouTube

Doch Bregman ist nicht nur utopischer Realist, sondern auch Optimist. In seinem aktuellen Buch „Im Grunde gut“ stellt er eine These vor, die sich in der aktuellen Lage noch bewähren muss – der Mensch, so Bregman, sei im tiefsten Kern seines Wesens gut. Damit meint er vor allem, dass der Mensch eben nicht nur auf den eigenen Vorteil bedacht, sondern ein soziales, sanftmütiges und solidarisches Geschöpf ist. In Zeiten, in denen im Supermarkt kein Klopapier mehr zu finden ist, sicher eine steile Behauptung, die dem Pessimismus der plötzlichen Krise aber erfrischend widerspricht. „Das wahre Problem unserer Zeit ist nicht, dass es uns nicht gut ginge oder dass es uns in Zukunft schlechter gehen könnte. Das wahre Problem ist, dass wir uns nichts Besseres vorstellen können.“, sagt Bregman. Versuchen kann man es ja mal …

Utopien für Realisten erschien in der Übersetzung Stephan Gebauers bei Rowohlt und hat 304 Seiten.


Gregor van Dülmen empfiehlt …

Miroloi von Karen Köhler

Karen Köhlers Debütroman Miroloi warnt vor sozialen Gefahren dauerhafter Isolation, und ist damit im Moment noch aktueller als bei seinem Erscheinen letzten Sommer.

Das Buch erzählt aus dem glücklosen Leben einer namenlose Protagonistin, die als Findelkind in einem fast völlig von der Außenwelt abgeschnittenen Dorf auf einer abgeschlagenen Insel aufwächst und systematisch gemobbt und misshandelt wird. Eigentlich ließe sich die Geschichte locker in ein historisches Setting übertragen, zumal sie Informations- und Machtmechanismen nachzeichnet, die geschichtlich schon zu manchem gedanklichen und gesellschaftlichen Rückschritt geführt haben. An manchen Stellen würde man sich das sogar wünschen. Doch Köhler wählt einen fiktiven Handlungsraum, um die Kausalketten, passend zum Thema, zu isolieren. Das hat den entscheidenden Vorteil, dass sie mit Konservatismus, religiösem Fanatismus und dem Patriarchat abrechnen kann, ohne konkrete Personen zu diffamieren. Auch wenn Miroloi teilweise karg und rau erzählt ist, ist Köhler damit ein lesenswertes, wichtiges Buch gelungen. Nicht zuletzt zeigt es uns, wie gut wir es haben, dass das Internet noch vor COVID-19 erfunden wurde. Besonderes Highlight: Miroloi wird mit einem Hannah-Arendt-Zitat eingeleitet und diesem voll und ganz gerecht.

Miroloi erschien bei Hanser und 463 Seiten.

Bild: © Katharina van Dülmen

Rudelbildung

güntner power

Eine Gruppe Rotwild, im Hintergrund einige Laubbäume. Was für ein idyllisches Bild, erst recht für ein Romancover. Wenn da nicht die moosgrüne Farbe wäre, die als Warnhinweis wirkt: Mit Romantik hat dieses Buch wenig zu tun. Schon eher mit menschlichen Verstrickungen, giftigen Tiefgründigkeiten und Ausweglosem. Besser könnte das Cover zum Roman »Power« von Verena Güntner nicht sein.


Die Geschichte lässt sich leicht skizzieren: Ein Dorf im Irgendwo, von Wald und Feldern umgeben. Dort lebt Kerze, die gerade noch ein Kind ist. Eines Tages meldet sich Hitschke, die Nachbarin: Ihr Hund ist seit Tagen nicht mehr nach Hause gekommen. Ob Kerze nicht nach ihm suchen könne. Das Mädchen nimmt den Auftrag an – und weiß selbst noch nicht, dass in wenigen Tagen alle Kinder des Dorfes sich zu einem Rudel zusammengetan haben, sich wie Hunde verhalten und in den Wäldern wohnen werden …

Es ist spannend zu lesen, wie die Wandlung von normalen Schulkindern in Hundeähnliche verläuft. Anfangs sind es subtile Details wie etwas ein eher zufälliges Bellen oder eine hastig-schnelle Reaktion des Mädchens, später wird die Verwandlung überdeutlich sein: Schnuppern, gefletschte Zähne oder gar das Heulen in der Meute. Der Roman entfaltet so seinen Drive und seine verstörende Kraft.

Falsche Fährten

Verena Güntner zieht mit ihrem nunmehr zweiten Roman einige Register klassischer Erzähltopoi. Einzelne lösen sich aus der Gemeinschaft, nehmen einen Auftrag an und ziehen in die Wälder – das könnte der Robin-Hood-Plot sein. Individuen verwandeln sich nach und nach und nehmen die Gestalt und auch das Verhalten einer anderen Art an: Die Metamorphosen des Ovid lassen grüßen.

Das Erleichternde und auch Spannungsgebende dabei ist, dass die Story diese Erzählmuster aufgreift, aber dann bewusst bricht: Wer die komplette Robin-Hood-Nummer oder eben die Fokussierung auf eine Verwandlung erwartet hat, wird enttäuscht. Zum Glück. Die Erzählung geht anders weiter. Auf einmal sind Kerze und die Rudel-Geschichte fast ausgeblendet und Verena Güntner lenkt die Aufmerksamkeit auf vermeintliche Nebenrollen der Erzählung.

Im Zentrum der Nebenschauplätze

Da ist der Hubersohn, dessen einziger Lebensinhalt der übergroße Traktor ist. Er nutzt das Gefährt, um täglich nach ein paar Happen Bewunderung von den Schulkindern zu fischen. Sein Vater hat nichts für ihn übrig, außer Missgunst und Verachtung.

Oder eben Hitschke, die nunmehr ohne Hund auskommt und deren Geschichte zeigt: Wenn sie ihren Hund vermisst, dann ist das nicht das einzige, was ihr fehlt im Leben. Das ist eine der Stärken des Buches: Die Hauptspur wird fallen gelassen, Lücken und vermeintlich schwachen Figuren offenbaren ganz tiefgründe (und abgründige) Geschichten.

Wie würdest du entscheiden?

Doch »Power« erzählt auch noch einen ganz anderen Komplex. Die Rudelbildung ist auch eine Art Weltflucht: Die Kinder verlassen ihre Familien und den Kontext der Dorfgemeinschaft. Sie treten raus aus den mächtigen Mechaniken der alten Geschichten und Verletzungen. Bereits der erste Satz des Buches enthält eine Fährte auf diesen Kontrast: »Kerze steht barfuß am Eingang des großen Kaufhauses.« So stehen auf einmal zwei Gesellschaftskonstrukte gegenüber: Auf der einen Seite das bürgerliche Gefüge eines Dorfes – auf der anderen Seite die rohe und triebhafte Gemeinschaft im Rudel.

Welche ist erstrebenswerter, welche die bessere? Mag sein, dass es keine klare Antwort darauf gibt. Weil beide gleich schlecht sind.


Power von Verena Güntner erschien im Februar 2020 bei Dumont und hat 253 Seiten.

Daniela Krien: Muldental

In Muldental erzählt Daniela Krien elf Geschichten, die sich im Kern mit der Frage „Schicksal oder Schuld?“ befassen und im weitesten Sinne mit der Vereinigung zwischen Ost- und Westdeutschland zusammenhängen. Der Roman lässt erahnen, dass unter die Oberfläche blicken noch nicht bedeutet, auch in die Tiefe zu schauen.


Die auf dem Cover von Muldental abgebildete junge Frau in Schwarz, die vor einem dämmergrauen Hintergrund in die Ferne schaut, scheint zum Verwechseln ähnlich mit dem bekannten Gemälde Lucas Cranachs des Älteren, das Martin Luther zeigt. Auch wenn Welten zwischen ihnen liegen, stehen beide im Zeichen des Umbruchs. In elf Kapiteln lässt Daniela Krien verschiedene Protagonisten sprechen. Würde man ihr Konzept auf eine simple Gleichung herunterbrechen, würde es „Eine Portion Realität, eine Portion Fiktion“ lauten.

Die Autorin wahrt Distanz zu ihren Protagonisten, indem sie als Außenstehende über sie schreibt. Dennoch zeichnet sie auf lakonische, doch unter die Haut gehende Weise ihre jeweiligen Innenwelten nach. Es bedrückt, da jede in irgendeiner Form isoliert erscheint und sich um eine mehr oder minder starke Verzweiflung dreht. Doch sind viele dieser Welten auch irgendwie miteinander verknüpft – in der Vergangenheit, im Jetzt oder in beidem. Muldental ist der Ort, der die Geschichten in sich versammelt wie eine Senke, die sich bei Regen stets mit Wasser füllt.

Zwar macht Krien es einem leicht, in die Realitäten der jeweiligen Protagonisten einzutauchen. Doch sind die Erzählungen alles andere als einfach einzuordnen. Der Subtext von Muldental vermittelt uns deutlich, wie wir einerseits leicht verleitet werden, uns ein Urteil über das Denken und Handeln anderer zu bilden und wie es uns andererseits herausfordert, einfach zuzuhören und zu versuchen zu verstehen. Oft ist es nämlich diese Auseinandersetzung, worauf es zuerst und vor allem ankommt.

Beitragsbild: © Lennart Colmer

Buchtipps für die Quarantäne

Norbert Elias Über die Einsamkeit der Sterbenden

Lesen hilft so oder so. Ob zur Ablenkung in der Quarantäne oder zur Einordnung von Isolation, Wahnsinn, Leben und Tod. Welche Buch- oder eBook-Händler ihr im Moment auch unterstützen möchtet, hier sind ein paar Titel für eure Bestellliste.


Dirk Sorge empfiehlt …

 

Wenn ich mich nicht irre von Geert Keil

In den letzten Wochen ist vielen von uns wieder bewusst geworden, wie wichtig es ist, sicheres und verlässliches Wissen über die Welt zu erlangen.

Wir müssen uns auf Aussagen verlassen, die wir nicht alle bis ins letzte Detail nachprüfen können. Wir haben aber auch erlebt, dass selbst Wissenschaftler٭innen und Expert٭innen sich irren können. Wir alle sind fehlbar. Geert Keil analysiert die Fehlbarkeit als eine grundlegende menschliche Eigenschaft und untersucht, wie sie mit den Begriffen Wissen und Wahrheit zusammenhängt. Das schmale Büchlein gliedert sich in 11 Kapitel und wendet sich ausdrücklich nicht an Fachleute, sondern an interessierte Laien. Philosophisches Vorwissen wird nicht vorausgesetzt (kann aber nicht schaden, um den anspruchsvollen Gedankengang leichter nachzuvollziehen).

Die Lektüre von „Wenn ich mich nicht irre“ tut gut, denn Geert Keil rehabilitiert den Wissensbegriff, den wir jetzt dringender denn je brauchen. Einer radikalen grundlosen Skepsis erteilt er genauso eine Absage wie der Selbstüberschätzung des eigenen epistemischen Standpunkts.

Keil räumt in dem Buch mit einem populären Fehlschluss auf: Aus der Tatsache, dass wir uns irren können und nie sicher sein können, ob unsere Aussagen wahr oder falsch sind, folgt nicht, dass unsere Aussagen nie wahr sind und dass es gar keine Wahrheit gibt. Es folgt nur, dass wir die Möglichkeit des Irrtums nie ausschließen können und Fehler eingestehen müssen, sobald bessere Belege oder überzeugendere Argumente vorgelegt werden. Fehler zuzugeben, ist also kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen für Rationalität und Offenheit. Gute Wissenschaftler٭innen und Politiker٭innen räumen ein, wenn sie sich geirrt haben. Das unterscheidet sie von Scharlatanen, Esoteriker٭innen und Fanatiker٭innen.

Wenn ich mich nicht irre. Ein Versuch über die menschliche Fehlbarkeit erschien bei Reclam und hat 96 Seiten.

Bild: © Dirk Sorge

Franziska Friemann empfiehlt …

Grief Is the Thing with Feathers von Max Porter

Max Porter Grief is the thing with feathers

Was passiert, wenn ein Mensch plötzlich stirbt? Wie geht man mit der Leere um, die bleibt, wenn auch der letzte Kondolenzbesuch endet? Wie hält man den Schmerz und die Trauer aus?

In seinem Debütroman Grief is the Thing with Feathers widmet sich Max Porter auf überraschende, ergreifende, lustige und ehrliche Weise diesen Fragen. Ein Vater lebt mit seinen zwei Söhnen in London. Die Ehefrau und Mutter ist plötzlich verstorben. In einem Moment der Verzweiflung und der tiefen Trauer erscheint Crow, die Krähe – eben dieses Ding mit Federn – vor der Haustür der Familie und kündigt an, sie erst wieder zu verlassen, wenn sie nicht mehr gebraucht werde. Sie platzt in das Familienleben, ungehobelt, rotzfrech und gleichzeitig charmant. Allgegenwärtig und wenig zurückhaltend reißt die Krähe das Zepter innerhalb der Familie an sich.

CROW: “I was friend, excuse, deus ex machina, joke, symptom, figment, spectre, crutch, toy, phantom, gag, analyst and babysitter.”

Der Text wirkt seltsam lebendig, unbändig und schlicht wild. Er wechselt von Seite zu Seite die Perspektive – vom Vater zur Krähe, zu den Söhnen und wieder zurück. Auch sprachlich ist alles im Fluss. Prosatext wird durch lyrische Elemente gebrochen. Porter schafft, sozusagen federleicht, das Verschmelzen von Märchen, Wahn und der bitteren Realität der Trauer. Eine Geschichte, die noch lange nach Beenden der letzten Seite nachwirkt.

Grief Is the Thing with Feathers erschien 2015 bei Faber und hat 128 Seiten, die deutsche Übersetzung bei Hanser Berlin.

Bild: © Franziska Friemann

Lennart Colmer empfiehlt …

Rote Kreuze von Sasha Filipenko

Dass nur eine funktionierende Nachbarschaft bereichernd sein kann, hat die jetzige landesweite Quarantänesituation mit Sasha Filipenkos neuem Roman gemeinsam.

Wir schreiben das Jahr 2001 und sehen dem vom Schicksal gebeutelten Alexander bei der Wohnungsübergabe in einem Mehrparteienhaus in Minsk zu. Noch am selben Tag macht er die (anfangs widerwillige) Bekanntschaft mit seiner 90jährigen, an Alzheimer erkrankten Nachbarin. In lebhaften Rückblenden erzählt Tatjana ihre bewegende, vom sowjetischen System verstümmelte Lebensgeschichte, sodass sie schließlich auch zu einem Teil von Alexanders wird. Filipenkos Roman zeichnet ein stoisches wie einfühlsames Bild einer vom Sowjetsystem traumatisierten Gesellschaft, die noch Jahrzehnte später zwischen Erinnern und Vergessen schwankt. Bedrückend, herzlich, packend.

Rote Kreuze von Sasha Filipenko erschien 2020 bei Diogenes und hat 288 Seiten.

Tag der geschlossenen Tür von Rocko Schamoni

Der Titel des Romans scheint aktueller denn je.

Für Schamonis Antihelden Michael Sonntag hingegen stehen vielleicht sämtliche Türen offen, aber er hat wenig Elan, hindurchzugehen. Eingeschlossen in Lethargie und dem Gefühl der Sinnlosigkeit streift der Mittdreißiger ziellos durch Hamburg und legt paradoxerweise dadurch ein großes, kreatives Potenzial zutage, das Schamoni in unverwechselbarer Döspaddeligkeit schildert: Von dem Sammeln von Krankheiten in öffentlichen Räumen über jenes von Absagen bis zum vorgetäuschten Wärterjob in der Kunsthalle wird kaum etwas ausgelassen. So krude wie der Roman auch ist, so unterhaltsam und aus dem Leben gegriffen liest er sich.

Tag der geschlossenen Tür erschien 2012 bei Piper und hat 272 Seiten.

Rumo & Die Wunder im Dunkeln von Walter Moers

Ein Heldenroman wie man ihn nur selten findet, eine Liebesgeschichte wie keine zweite, eine einzigartige Reise ins Ungewisse.

Dieses Fantasy-Meisterwerk aus dem Hause Moers kann ich alle paar Jahre mit derselben Begeisterung lesen wie beim ersten Mal. Dass Harmlosigkeit ein Luftschloss ist, muss Rumo bereits in jüngstem Alter erfahren, als er seinem behutsamen Zuhause plötzlich entrissen wird. Statt den Kopf in den Sand zu stecken, lernt Rumo das Entdecken und das Kämpfen, was sich ihm in den verschiedensten Lebenslagen noch als nützlich erweisen wird. Eine mitreißendes, düsteres Märchen vom Erwachsenwerden und seinen Herausforderungen.

Rumo & Die Wunder im Dunkeln erschien 2003 bei Piper und hat 704 Seiten.


Filiz Gisa Çakir empfiehlt …

Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen von Norbert Elias

Norbert Elias Über die Einsamkeit der Sterbenden

Der Tod ist ein Problem der Lebenden. Tote Menschen haben keine Probleme.

Und er ist ein großes Problem. Unseren Umgang mit dem Thema Tod und Sterben beleuchtet der deutsch-britische Soziologe Norbert Elias in seinem essayistischen Werk „Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen“. Erschienen im Jahre 1982, ist es aktuell wie eh und je. Denn welches Thema liegt während einer Pandemie näher als unsere Vergänglichkeit? Aber Spaß bei Seite, auch wenn es schwer zu glauben klingt, ist dieses Buch keineswegs so deprimierend zu lesen, wie der Titel vermuten lässt!

Ganz im Gegenteil … Obwohl, erbauend ist es auch nicht unbedingt. Es ist nun mal die Realität, dass auch in „Nicht-Corona-Zeiten“ Menschen einsam und allein in einem Krankenhausbett oder in einem kahlen Zimmer im Altersheim sterben. Warum ist das so? Warum schieben wir diesen einzigartigen, wichtigen Moment so weit aus unserem Blickfeld? Aus Angst, Egoismus, oder ist doch der Kapitalismus schuld? Mit diesen Fragen setzt sich der Autor in seiner soziologischen Abhandlung auseinander. Ursachen, aber auch Folgen dieser Verdrängung der Sterblichkeit, die in den westlichen Industrieländern vorherrscht und im Auslagern der sterbenden Menschen oder auch im Zulauf (alternativer) religiöser Strömungen endet, werden analysiert und untersucht. Aber keine Sorge, dies geschieht in einer verständlichen und kurzweiligen Art und Weise.

Bei der Reflexion unserer Auffassung vom Tod und was für uns „gelungenes Sterben“ bedeutet, können wir viel über uns selbst und die Zivilisationsprozesse deren Teil wir sind, lernen. Gerade in Zeiten, die zum Innehalten zwingen, haben wir die Chance uns aufs Wesentliche zu besinnen und uns essentiellen Fragen jenseits der täglichen Zerstreuung zu stellen. Und genau dafür gibt dieser Text von Elias großartigen Input. Es ist kleines Büchlein voller schlauer Sätze und Aha-Effekte, welches in wirklich keinem vernünftigen Bücherregal fehlen sollte!

Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen erschien 1982 bei Suhrkamp und hat 264 Seiten.

© Filiz Gisa Çakir

Lukas Lehning empfiehlt …

Manhattan Beach von Jennifer Egan

In Manhattan Beach lernen wir eine junge Amerikanerin kennen, die sich in den 40er Jahren in New York für den Zweiten Weltkrieg engagiert.

Dies tut sie, indem sie sich in der Marinewerft als Unterwasserschweißerin meldet – ein Knochenjob. Dabei kämpft sie nicht nur mit den Grenzen ihres Körpers, sondern auch mit denen der Gesellschaft. Weder ihr Chef noch ihre Kollegen und Kolleginnen trauen ihr diese Tätigkeit zu. Doch nach zahlreichen Rückschlägen, Enttäuschungen und Zufällen zu ihren Gunsten erreicht sie ihr Ziel: Die Heldin ist, nur umgeben von unendlichen Wassermassen und repariert den Rumpf eines Kriegsschiffs. Hierbei gelangt sie jedoch nicht nur auf den Grund des Hudson Rivers, sie erfährt auch, warum ihr Vater vor vielen Jahren spurlos verschwunden ist.

Jennifer Egan schreibt weniger ein Buch über eine junge Patriotin, als dass sie das Portrait einer Gesellschaft zeichnet, in der junge Frauen gesagt bekommen, was sich für sie schickt und was nicht, in der ihnen eine feste Rolle zugeschrieben wird und in der Ausbrechen nicht vorgesehen ist. All diese – erschreckend aktuellen Beobachtungen – verpackt Egan in einen Roman, der halb Gesellschaftskritik und halb Kriminalroman ist. Und genau darin liegt die Stärke dieses fast fünfhundert Seiten umfassenden Buches. So unbefangen, wie die Hauptdarstellerin zwischen New Yorker Nachtleben der 30er und 40er Jahre und der Arbeit in der Werft hin und her tanzt, gelingt es Egan, ein schwieriges Thema mitreißend zu erzählen.

Manhattan Beach erschien bei S. Fischer und hat 488 Seiten.

Bild: © Lukas Lehning

Die Klassenfrage kehrt zurück in die Literatur

Spätestens seit Anke Stellings Roman Schäfchen im Trockenen ist es in der deutschen Literaturszene wieder legitim, sozioökonomische und -kulturelle Selbstreflexionen zu verfassen, um den eher elitären Schriftstellerhabitus von Menschen, die doch meist in prekären Verhältnissen leben, zu hinterfragen. Doch nun hat der Journalist etwas wesentlich Gewagteres vorgelegt: eine Autobiographie über seine Jugend und Kindheit in Armut, eine Autobiographie, in der er die Klassenfrage stellt. Sein Buch Ein Mann seiner Klasse bringt endlich wieder Leben, ökonomische Fragen und gesellschaftliche Probleme zurück in die Literatur.


Baron schreibt im Grunde sogar mehr als eine Autobiographie, nämlich die Geschichte seiner Familie. Er berichtet, wie sich seine Eltern im Arbeitermilieu von Kaiserslautern kennengelernt und ein Kind nach dem anderen bekommen haben. Der Leser erfährt, dass die Mutter Dichterin werden wollte, aber ihr schulisches und soziales Umfeld es ihr vergätzt haben und sie schließlich depressiv wurde. Wir erfahren, dass der Vater ein Alkoholiker war, der Frau und Kinder verprügelte und nirgendwo hohes Ansehen besaß. In diese Familie wurde der Autor hineingeboren.

Nach dem frühen Tod der Mutter an Krebs kamen die Kinder zur Tante mütterlicherseits – die immer noch zur Unterschicht gehörte, aber resolut und ehrgeizig war und ihren Schwager verabscheute. Während sein Bruder immer wieder Drogenprobleme hatte, schafft Christian Baron es aber schließlich, auch durch die Förderung einer anderen, wohlhabenden und gebildeten Tante, das Abitur zu machen, und interessiert sich bald für Journalismus – jedoch nicht ohne in einer höheren Schule stets als Außenseiter zu gelten, als derjenige, der aus einer Unterschichtenfamilie kommt und vom Bildungssystem systematisch diskriminiert wird.

Das Buch erzählt nicht nur von sozialem Elend und der Armut, am Ende des Monats nicht mehr genug Nahrung zu haben, weil der Schläger-Vater zu viel vom wenigen Geld versoffen hat, und davon, zu Hause keine Förderung zu erhalten, sondern auch davon, in ständiger Angst leben zu müssen. Es geht auch um Barons Selbstreflexion. Denn er entschuldigt nicht nur dauernd die Passivität der Mutter, die selbst das Opfer ihres Ehemannes ist und gleichzeitig aber die Kinder, aufgrund ihrer Depression, schützt; er liebt auch seinen Vater bedingungslos. Nie wollte er ihn loswerden, egal wie bösartig der Patriarch war; nein, Baron will immer, dass sein Vater sich ändert. Diese ständige Ambivalenz durchströmt das ganze Buch. Und er wird sich bewusst, dass – was keine Entschuldigung, sondern eine Erklärung ist – der Vater ein „Mann seiner Klasse“ war, nie Aufstiegschancen hatte, nur Armut kannte und selbst bereits aus der Familie eines prügelnden Alkoholikers stammte.

Gewalt, Armut und Pathos

Barons Buch bildet also nicht einfach ein Milieu ab. Dabei erklärt er gar nicht einmal sonderlich viel, sondern beschreibt nur sehr genau – doch gerade dies gibt Ein Mann seiner Klasse eine große Kraft und dennoch einen explanatorischen Wert, den man selbst herausziehen kann, so deutlich ist die Schilderung. Denn Barons Stil und Sprache sind, selbst noch bei den Elementen der akademischen Selbstreflexion, einfach, simpel und klar. Baron gibt soziale Zustände exakt wieder, ohne Fremdworte nutzen zu müssen: ein stilistisches Bekenntnis zur Arbeiterklasse. Diese Klarheit wird ein bisschen unterminiert durch einige pathetische Elemente und der einseitigen Festsetzung des Vaters als Täter und der depressiven Mutter als Opfer – aber davon, dass sie ihre Kinder beschützt hat, liest man nichts. Doch es wäre natürlich zu viel erwartet von einer offenen Autobiographie, die so unangenehme, persönliche und doch gesellschaftlich relevante Themen berührt, wenn man hier noch eine nüchterne Analyse, statt dem kindlichem Pathos, das Baron als Junge fühlte, erwarten würde.

Obgleich es eine Autobiographie über die eigene Kindheit und Jugend ist, hat Baron es nicht nur geschafft, die eigene Entwicklung und Selbstfindung zu skizzieren. Seine Vergangenheit ist ein pars pro toto für eine ganze soziale Schicht oder Klasse. Ein Mann seiner Klasse steht dafür, als Junge in Armut, Not und damit auch Angst und Unfreiheit aufzuwachsen. Das Buch steht für Kinder, die früh männliche Gewalt erfahren. Das Buch steht für psychische Aufarbeitung dieses Leids, und für Liebe, Erinnern und die Suche nach Versöhnung mit der Familie und der Vergangenheit in einer widersprüchlichen Welt der Gewalt, sozialen Ungleichheit und Exklusion. Genau das ist der Verdienst: dass Baron die lange vergessene Klassenfrage wieder zurück in das öffentliche Bewusstsein rückt und dabei ohne ganz ohne Resignation oder Hass auskommt. Gegenüber diesem Debüt sehen andere deutsche, bourgeoise Debütromane – die meist davon handeln, wie ein rich kid auf Selbstfindungstrip geht, oder wie jemand mal als Kind gehänselt wurde – alt und abgeschmackt aus. Barons Klassenautobiographie gibt der Literatur ein wichtiges Stück Leben, Seele, Authentizität und die Behandlung manifester sozialer (statt nur individueller) Probleme zurück.

Ein Mann seiner Klasse von Christian Baron erschien am 31. Januar 2020 im Claassen Verlag und hat 288 Seiten.

Coverbild: © Claassen Verlag

Was nehmen wir mit von 2019? Eine postmondäne Leseliste

Bevor wir uns mit 2020 auseinandersetzen, haben sich sieben postmondänler nochmal gefragt: Welche Bücher haben uns dieses Jahr beschäftigt? Wir müssten, könnte man nach 2016, 2017 und 2018 meinen, schon eine gewisse Routine in diesem Ritual haben. Doch in diesem Jahr ist eine auffallend bedrückende Liste zusammengekommen, die sich um Themen dreht wie Gewalt, Tod, Bedrohung, Verschwörungstheorien, Depression, Heimatliebe, Heimatverluste und Online-Kniffel.

von Moritz Bouws, Stefan Weigand, Katharina van Dülmen, Lennart Colmer, Martin Kulik, Gregor van Dülmen und Dominik Gerwens.

Manifest gegen die Heimat

Moritz über Eure Heimat ist unser Albtraum von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah (Hrsg.)

Ich bin privilegiert. Ich bin weiß. Ich bin jung. Ich bin männlich – ich habe es mir im binären Geschlechterkonstrukt mit einem heteronormativen Lebensstil bequem gemacht. Und ich habe keinen sogenannten Migrationshintergrund – zumindest keinen, der nicht vor mehr als dreihundert Jahren auszumachen ist. Trotzdem – oder gerade deswegen – ist mir der Begriff der „Heimat“, wie vielen von euch Leser٭innen, insbesondere im aktuellen Diskurs, zuwider. Denn er verfolgt ein Ideal einer homogenen, christlichen und weißen Gesellschaft, in der Männer das Zepter in der Hand halten und Frauen für die Volksvermehrung verantwortlich sind. Andere Lebensrealitäten tauchen in dieser Utopie schlichtweg nicht auf, wie Aydemir und Yaghoobifarah im Vorwort von „Eure Heimat ist unser Albtraum“ feststellen, das Anfang des Jahres erschien.

Wie fühlt es sich an, zu den anderen zu gehören? In Zeiten, in denen das vormalige Innenministerium ohne nennenswerte Diskussion zum Heimatministerium getauft wird. Wie fühlt es sich an, im ach so liberalen Deutschland als Jüdin, als Muslim, als transidenter Mensch zu leben? In Zeiten, in denen die Alternative für Deutschland zur dritt- oder bald zweitstärksten Kraft geworden ist. Wie fühlt es sich an, als Teil des anderen als Bedrohung wahrgenommen zu werden?

Der Essayband „Eure Heimat ist unser Albtraum“ bietet diese Perspektive. In vierzehn Beiträgen schildern nicht ganz unbekannte Vertreter٭innen vorwiegend aus dem kulturschaffenden Bereich ihre eigenen Erfahrungen und Sichtweisen, durch die sich auch einige Leser٭innen mit ihrem weltoffenen Selbstverständnis auf die Füße getreten fühlen dürfen. In diesen schnelllebigen Zeiten, in denen die Orientierung schwerfällt und kategorisierte Denkmuster gerade recht kommen, ist die kritische Selbstreflektion wichtiger denn je. Somit ist „Eure Heimat ist unser Albtraum“ ein bedeutendes Manifest, das Wachsamkeit, Sensibilität und Weitblick für das kommende Zusammenleben in unseren Gesellschaften verleiht.

Eure Heimat ist unser Albtraum erschien 2019 im Ullstein Verlag.

Endzeit im Kammerspielmodus

Stefan über Milchzähne von Helene Bukowski

Mit manchen Büchern ist es so, dass man erste ein paar Hürden überspringen muss, bis man zu ihnen findet. Doch dann ist man wirklich am richtigen Platz. Mit „Milchzähne“ von Helene Bukowski ging es mir so. Erst der Titel: Vielleicht ein Jugendroman oder eine Geschichte für Kinder? Komisch! Dann erzählen die ersten Seiten von Gemüseanbau, von Kaninchenzucht, von Nachbarn, die Obst tauschen, und von dem Brennnesselsud, mit dem man die Beete düngt. Bin ich jetzt in ein Landlust-Setting geraten?

Doch das Buch ist bitterernst. Die Geschichte spielt in einer Siedlung, in der die Menschen beschlossen haben, für sich zu bleiben. Das Mädchen Skalde lebt mit ihrer Mutter Edith am Rande dieser Gegend, die am Ende der Welt zu liegen scheint. Immer wieder ist von der sengenden Hitze die Rede, es drohen Felder zu verdorren. Endzeitstimmung. Dazu kommt die unheimliche Bedrohung, die von der Gemeinschaft selbst ausgeht. Die Menschen hier wollen keine Fremden bei sich. Um sicherzugehen, haben sie die letzte Brücke über den Fluss vor Jahren gesprengt. Aber dann schafft es doch jemand: Ein junges Mädchen taucht auf, wie aus dem Nichts, und alles gerät aus den Fugen. Skalde beschließt, das Kind aufzunehmen, und stellt dabei nicht nur das Selbstverständnis der Gemeinschaft auf die Probe, sondern eben auch deren Menschlichkeit.

© Stefan Weigand

Man kann gar nicht glauben, dass es das Romandebüt einer jungen Autorin ist. Helene Bukowski, 1993 in Berlin geboren, schreibt schnörkellos und gefühlvoll zugleich und setzt die Figuren und die Handlung in ein klaustrophobisches Kammerspiel. Das Buch hat mich deshalb gepackt, weil es eine wahnsinnig dichte Atmosphäre aufbaut und zugleich eine geschickte Parabel zu den Themen Herkunft, Identität und der Offenheit einer Gemeinschaft ist. Klar, die Gefahr ist da immer, dass ein Buch moralisch oder gar belehrend auftritt. „Milchzähne“ kommt hier gut durch. Das gelingt, weil die Erzählung geschickt Leerstellen lässt – man erfährt nicht, was die Gefahr ist, wo denn genau die Gegend liegt oder welche Gründe die selbst auferlegte Abschottung der Gemeinschaft hat. Eine ergreifende Erzählung, die nicht zuletzt wegen ihrer poetischen Zwischentexte berührt: „Mit dem Kind im Haus sind die Nächte heller geworden. Die Dunkelheit ist jetzt weich wie ein Mantel aus Pelz. Ich lege sie mir um die Schultern.“

Milchzähne erschien 2019 bei Blumenbar im Aufbau Verlag.

Realitäten

Katharina über Befreit von Tara Westover

Tara Westover erzählt, wie sie als Jüngste von sieben Geschwistern einer Mormonen-Familie am Hang des Buck Peaks im US-Bundesstaat Idaho aufwächst. Wie sie auf dem Schrottplatz ihres Vaters arbeitet und von ihrer Mutter alles über Kräuter lernt, statt in die Schule zu gehen. Sie erzählt von familiärer Gewalt und schrecklichen Unfällen, nach denen nie ein Krankenwagen gerufen, sondern immer nur auf Gott gehofft wird. Und davon, wie sie sich auf die apokalyptischen „Tage des Gräuels“ durch den Y2K-Fehler vorbereitet – Essens- und Spritvorräte bunkert, Fluchtrucksäcke packt und sich mithilfe von Waffen kampfbereit macht. Und das alles in ständiger Angst. Vor den Illuminaten. Vor der Regierung. Und vor dem FBI, die all jene erschießen, die sich nicht ihrem System beugen. So ihr Vater.

Doch wie rekonstruiert man die eigene Geschichte, wenn man unter einem Patriarchen aufgewachsen ist, der seine Wirklichkeit als allgemeingültig deklarierte und keine andere zuließ (Viel später glaubt Tara, ihren Vater in einer Vorlesung zum Thema Bipolore Störung wiederzuerkennen.)? Wenn man nicht mehr unterscheiden kann zwischen jenen Geschichten, die man gehört und jenen, die man erlebt hat? Wenn die Geschwister von demselben Erlebnis ganz anders berichten, als man selber es tun würde? Tara Westover legt all ihre Zweifel und das Misstrauen ihrer eigenen Erinnerung gegenüber offen. Und es gruselt einen besonders, wenn sie schreibt:

„Meine früheste Erinnerung ist keine. Vielmehr etwas, was ich mir eingebildet hatte und mich dann daran erinnerte, als wäre es tatsächlich so geschehen. Das Erinnerte entstand  (…) aus einer Geschichte, die mein Vater derart detailliert erzählte, dass jeder von uns (…) eine eigene Kinoversion davon gebastelt hat, einschließlich Gewehrschüssen und Schreien.“ (S. 19)

und

„Wenn ich meine Tagebücher aus jener Zeit lese, kann ich die Entwicklung nachverfolgen – die einer jungen Frau, die ihre Geschichte umschrieb. In der Wirklichkeit, die sie sich zurechtbastelte, war alles in Ordnung gewesen (…).“ (S. 187)

Doch irgendwann entflieht Tara der Vorbestimmung ihres Vaters, der sagte, eine Frau müsse heiraten und dürfe nicht arbeiten. Ganz abgesehen natürlich von der Arbeit auf dem familieneigenen Schrottplatz und im Haus. Sie sucht sich kleine Nebenjobs, kauft sich vom selbstverdienten Geld Bücher und bringt sich selbst Mathematik bei. Letztendlich schafft sie die Aufnahmeprüfung fürs College. Ihre lesenswerte Autobiografie widmet sie dann ihrem Bruder Tyler, der sie immer ermutigte und ihr zeigte, wie sie sich durch Bildung ihre eigene Realität schafft, ihre eigene Geschichte schreibt und sich befreit.

Befreit erschien 2018 im Kiepenheuer & Witsch.

Depression und Kaputtheit

Lennart über Serotonin von Michel Houellebecq

Vor wenigen Jahren habe ich mit Unterwerfung (2015) Houellebecq für mich entdeckt. Darauf habe ich fast jedes seiner Bücher verschlungen. Auch wenn sich ein roter Faden durch die versch(r)obenen Wesenszüge und Weltansichten seiner Hauptprotagonisten zieht, hat mich das zunächst nicht weiter gejuckt. Wohlfühlliteratur interessiert mich nicht – Houellebecqs Schilderungen der Kaputtheit fesselten mich. Serotonin las ich also mit einer gewissen Vorahnung und mit diesem Buch kippte auch mein Houellebecq-Erlebnis. Mir erzählt er nichts Neues mehr, vielmehr überspannt er mit Serotonin den Bogen; übertreiben kann auch jeder Groschenroman von Bastei-Lübbe.

Serotonin erschien 2019 bei DuMont.

Lennart über Frau im Dunkeln von Elena Ferrante

Auch wenn es fern liegt, Ferrante und Houellebecq zu vergleichen, gelingt es Ferrante meiner Meinung nach besser als Houellebecq, Facetten der Depression zu erzählen. Kein anderer Ort als der sommerliche Strand scheint ferner von einem solchen Narrativ zu sein, doch Ferrante macht genau dieses Idyll zu einem zwielichtigen Schauplatz ihrer Protagonistin. Zudem schafft sie eine Perspektive, die mehr mit Empowerment zu tun hat als mit Verbitterung. Das ist erfrischend.

Frau im Dunkeln erschien 2019 im Suhrkamp Verlag.

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☀️☀️☀️/5 Leda beobachtet am Strand ein Mädchen, das intensiv mit seiner Puppe spielt. Leda nimmt die Puppe an sich und damit verflicht sich die Handlung der Gegenwart mit der der Vergangenheit und Leda erinnert sich. Sie stellt ihre Gefühle und Gedanken als Mutter dar. Hinterfragt die Elternschaft und die Rolle der Frau und stellt sie auf den Prüfstand. Macht einen das Muttersein nur glücklich oder „darf“ man an seine Grenzen kommen. Ferrante beweist, dass sie dicht und atmosphärisch schreiben kann, jedoch wurde ich mit der Protagonistin nicht warm. Hinterfragen ist die eine Sache, allerdings badet sie ständig in Selbstmitleid und lässt schließlich kein gutes Haar an der Mutterschaft, was sich nicht mit meiner Erfahrung deckt und wir somit keine Wellenlänge zueinander gefunden haben. #ferrantefieber #elenaferrante #frauimdunkeln ✨ #lesen #buch #bücher #read #books #bookstagram #booknerd #bookaholic #bibliophilie #makebooksgreatagain

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Schwaches Licht, starkes Teemännchen

Lennart über Das Licht von T. C. Boyle

An das neue Buch eines meiner Lieblingsautoren habe ich hohe Erwartungen gehabt. Die Adaption einer historischen Begebenheit durch Boyles absurden Filter zu lesen, hat mir im Jugendalter schon wahnsinnig gut gefallen – mit Wassermusik (1990) fing alles an, mit vielen, vielen weiteren Romanen von Boyle ging es schließlich weiter. Das Licht hingegen zähle ich zu den schwächeren Geschichten. Verspricht der Prolog, der im Grunde ein Vorspiel darstellt, noch viel, wirkt die Entwicklung der zentralen Protagonisten zuweilen zäh, der Spannungsbogen flach.

Das Licht erschien 2019 bei Hanser.

Lenn über Das Teemännchen von Heinz Strunk

Diese sympathische wie schräge Kurzgeschichtensammlung erschien zwar schon im letzten Jahr, aber sie gehört definitiv zu meinen persönlichen Lese-Highlights des Jahres. Nach dem fesselnden, doch sehr verstörenden Trip in Der Goldene Handschuh (2016) und dem seicht-schrulligen Roman Jürgen (2017) packte mich das schmale, schwarze Buch mit seinem Mikrokosmos der Eigenartigkeiten. Strunk vermengt realitätsnahe wie fantastische Elemente des einfachen Seins zu einem grau-bunten Eintopf.

Das Teemännchen erschien 2018 bei Rowohlt.

Don’t fear the Reaper

Martin über So sterben wir von Roland Schulz

Die Beschäftigung mit unserem Tod ist eines der letzten großen Tabus: Aus dem Unvorstellbaren ist das Unsagbare geworden. Seltsam eigentlich, ist doch kaum etwas so sicher wie die eigene Vergänglichkeit. Doch was genau passiert, wenn wir unseren letzten Atemzug nehmen? Wie fühlt sich Sterben an? Und was passiert eigentlich im Anschluss, wohin wird der Leichnam gebracht, womit müssen sich Angehörige auseinandersetzen?

Die Beschäftigung mit dem Ende des Lebens ist eine sehr intime und private Angelegenheit. Roland Schulz hat mit „So sterben wir“ ein Buch geschrieben, das uns nicht nur drängende Fragen rund um das Sterben beantwortet, sondern auch den richtigen Stil gefunden hat, um uns dieses schwere Thema näherzubringen. Schulz spricht die Leser٭in in der zweiten Person an, schildert einfühlsam, ohne dabei jemals zu belehren oder komplexe emotionale Reaktionen vorzuschreiben.

„Tage vor deinem Tod, wenn noch niemand deine Sterbestunde kennt, hört dein Herz auf, Blut bis in die Spitzen deiner Finger zu pumpen. Wird anderswo gebraucht. In deinem Kopf.“

Schulz bringt uns dazu, über etwas nachzudenken, worüber wir zunächst nicht nachdenken wollen. So wird die Lektüre seines Buches zu einer kraftvollen Selbstermächtigung: Angst haben wir nur vor dem Unbekannten. Allein die Auseinandersetzung mit dem Sterben macht es uns etwas leichter, diesem unvermeidlichen Ereignis würdevoll entgegenzutreten.

So sterben wir erschien 2019 im Piper Verlag.

Poesie im Dunkeln

Gregor über Du bist nicht allein von Aref Hamza

In Du bist nicht allein sucht Aref Hamza nach Worten, um seine Fassungslosigkeit über den Bürgerkrieg in seiner Heimat Syrien, das Leeregefühl eines ausgelöschten Alltags, die qualvolle Flucht und die Einsamkeit des Exils zu verarbeiten. Er findet sie in ca. 80 Gedichten, von denen jedes für sich so erdrückend ist, dass eine zusammenhängende Lektüre fast unmöglich ist. In teils rohen, klaren Beschreibungen, teils erdrückenden Metaphern umkreist er immer wieder seine eigene Fassungslosigkeit darüber, dass sich ein banaler Alltag so stark verdunkeln konnte und sich alles Gekannte in Tod und Zerstörung auflösen. Eine Umfrage durchfließt seine Texte: Wie konnte es soweit kommen?

Du bist nicht allein erschien 2018 im Secession Verlag.

Gregor über Auf Erden sind wir kurz grandios von Ocean Vuong

Weit mehr Aufmerksamkeit als Aref Hamzas Band erfuhr 2019 die Veröffentlichung des aus Vietnam stammenden US-Autors Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios. Vuong gelingt das Meisterstück, seine poetische Sprache, für die er bereits mehrere Lyrikpreise erhielt, in Prosa zu überführen. Er präsentiert uns einen offenen Brief an seine Mutter und reißt seine Leser٭innen in die Lebenswelt seines eigenen Außenseitertums als homosexueller Sohn einer ausländischen Analphabetin hinein, in einer Gesellschaft, die immer weniger für Minderheiten übrig hat. Seiner Sprache gewährt er, was das Bruch so fremdartig und gut macht, den radikalen Freiraum, sich schonungslos mitten durch seine Erinnerungen zu wühlen, und fern von räumlichen und zeitlichen Strukturkomponenten Zusammenhänge herzustellen, die für ihn sein Leben ausmachen und eindrucksvoll Verzweiflung, Einsamkeit, Andersartigkeit, Gewalt und Verlorensein verbildlichen. Seine Leser٭innen nehmen kurz Teil am Schicksal einer kleinen Familie, das auch nach Jahrzehnten noch fremdbestimmt von den Spätfolgen eines Bürgerkriegs ist.

Auf Erden sind wir kurz grandios erschien 2019 bei Hanser.

Kleines Denkmal des Egalen

Gregor über Das Leben ist eins der Härtesten von Giulia Becker

Wer sind eigentlich die Leute, die die Bestenlisten beim Online-Kniffel anführen? Oder die, die nachts dem Teleshopping erliegen, bis ihre Wohnungen in unnützen Gegenständen versinken? Deren sozialer Anker Selbsthilfegruppen für aus Eigenverschulden in Not Geratene sind? Oder die, deren größter Lebenstraum ein Besuch im Tropical Island ist? Jedenfalls allesamt Personengruppen, denen viel zu selten Bücher gewidmet werden, da im Grunde alles, was ihnen passiert, den meisten Autor٭innen und ihren Leser٭innen völlig egal sein kann. Giulia Becker macht es trotzdem. Das Beeindruckende: Nicht nur die Charaktere von Das Leben ist eins der Härtesten, auch die Handlung ist fast schon obszön irrelevant. Eine Herausforderung, die die Autorin spielerisch annimmt. Ohne Ende schöpft sie erzählerisches Potenzial aus Detailbeschreibungen der verschrobenen Empfindungen und Lebensstilen ihrer Protagonist٭innen. Ihrem Glauben, Wollen und Hoffen werden ungekannt viel Wohlwollen und Aufmerksamkeit geschenkt. Man will aufschreien und wegsehen, liest aber einfach immer weiter. Auch wenn die Handlung so undramatisch verpuffen mag wie von Anfang an vermutet, ist durch Das Leben ist eins der Härtesten viel gewonnen – nicht zuletzt ein besseres Verständnis für Lebensweisen außerhalb der eigenen Filterblase.

Das Leben ist eins der Härtesten erschien 2019 bei Rowohlt.

Ungeheure Erinnerungskultur

Dominik über Monster von Yishai Sarid

Menschen lieben Monster. Sie erzeugen wohliges Schaudern in Geschichten, bevölkern als personifizierte Verdrängungen des Unterbewussten die Romane von Stephen King. Und das Beste ist: Nach dem kathartischen Erlebnis eines Kinobesuchs oder eines Lektüreerlebnisses lässt man sie wieder in die Dunkelheit verschwinden, aus der sie gekommen sind. Das Monster aus Yishai Sarids Roman hingegen ist real, es verschwindet auch nicht – denn wir alle haben es heraufbeschworen.

Auslöser der kurzen Erzählung ist eine Art Verzweiflungstat. Mit einem Faustschlag streckt der Ich-Erzähler, ein erfahrener Tourguide, der regelmäßig Exkursionen in ehemaligen NS-Vernichtungslagern leitet, einen Dokumentarfilmer nieder. Wie konnte es soweit kommen? Rückblickend erklärt sich der Historiker seinem Chef, dem Direktor der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, und erläutert ihm und den Leser٭innen, welche Erfahrungen er mit Menschen gemacht hat, die Gedenkstätten des Holocaust besuchen. Das Bild, welches der Ich-Erzähler von den Menschen im Angesicht des nackten Grauens zeichnet, ihre egozentrischen Rückschlüsse aus dem Erlebnis mit dem radikal Bösen, sie sind der eigentliche Faustschlag und das Erschütternde dieses zutiefst verstörenden Lektüreerlebnisses.

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Von „Monster“ darf man das Ende verraten: Ein Tourguide wehrt sich in einer KZ-Gedenkstätte mit einem Faustschlag. Wie es dazu kam, davon berichtet der Ich-Erzähler in diesem Roman. Es geht um die Holocaust Erinnerungskultur. Das Buch nimmt immer wieder Anlauf, das Unfassbare aus verschiedenen Perspektiven zu fassen. Wissenschaftlich, intellektuell, religiös, politisch, emotional etc. Jeder Erklärungsversuch scheitert jedoch, weil er doch wieder nur als Missbrauch für egoistische Zwecke entlarvt wird. Die entscheidenden Lebensgeschichten bleiben jedoch für immer unerzählt, weil die vielen, vielen Mordopfer ihrer Stimme beraubt wurden. Ich hätte mir das Buch nicht ausgesucht und nun geht mein Dank an @herrfabel, der mich dazu gebracht hat. Ich bin tief berührt. Leseempfehlung! #monster #yishaisarid #keinundaber #roman #belletristik #holocaust #kzgedenkstätte #erinnerungskultur #niewieder #buchempfehlung

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Quelle: Instagram

Sicherlich, die eingefahrenen Muster der Erinnerungskultur, ihr Erstarren im Zeremoniell, all das ist ein auch in Deutschland seit langem bekanntes Problem – man denke nur an Shahak Shapiras Yolocaust-Aktion von 2017. Doch wie drastisch die Entfremdung zwischen den Intentionen offiziellen Gedenkens und der Wirkung auf alle Romanfiguren hat, rückt die Dringlichkeit der Revision des Gedenkens an die Shoa eindringlich vor Augen: Da ist zuerst einmal der Ich-Erzähler, ein relativ junger Historiker, kein akademisches Genie und auch eher ambitionslos, der eher durch Zufall an sein Fachgebiet Holocaust Studies gerät. Mehr und mehr wird er jedoch in den Bann des Monsters gezogen, das der Erzählung ihren Titel gibt und dem er vor allem deshalb nicht entrinnen kann, weil er sich einem janusköpfigen Ungeheuer stellen muss: So gelingt es ihm immer weniger, sich von den Schicksalen der Opfer des Menschheitsverbrechens emotional zu distanzieren – zugleich entfremdet er sich zunehmend von den Menschen, die er durch die Stätten des Verbrechens führt und die bestenfalls mit Indifferenz  reagieren. Und so sind es vor allem die Lebenden, die das Grauen des Monsters erzeugen, von ignoranten Jugendlichen in ihrem vom „Handyflimmern erfüllten Denken“ selbst im Angesicht der Krematorien bis hin zum realitäts- und inhaltsleeren Formeln staatlicher Institutionen – „Hoffnung einflößen statt Verzweiflung“.

Sarids Erinnerungsdystopie ist essayistisch gehalten, provokant, thesenhaft und finster, aber er ist keinesfalls zynisch. Die Zeitzeugen sterben, das gesamtgesellschaftliche Bewusstsein und auch Wissen über den Holocaust schwindet. Der Holocaust als negativer Gründungsmythos der Bundesrepublik und das aus ihm erwachsende Postulat des „Nie Wieder“ verliert seine identitätsstiftende Wirkung zunehmend durch seine Aushöhlung. Eine Antwort hierauf gibt der Roman nicht, denn auch wird deutlich, dass die Erinnerung der Opfer und der Täter niemals dieselbe ist und damit auch das Gedenken niemals ein Gemeinsames sein kann. Der Faustschlag am Ende des Romans zumindest, er trifft nicht nur das Gesicht des deutschen Dokumentarfilmers und verdeutlicht die Aktualität und die Verzweiflung und die Wut, die die offene Wunde der Shoah nach wie vor bewirkt – wer da noch vom „Schuldkult“ und einer „erkinnerungskulturellen Wende um 180 Grad“ redet, macht sich selbst zum Teil des Monsters.

Monster erschien 2019 bei Kein & Aber.

 

Quellen Titelbild: Cover „Milchzähne“ © Blumenbar/Aufbau Verlag, Cover „Serotonin“ © DuMont,Cover „Frau im Dunkeln“ © Suhrkamp Verlag, Cover „Eure Heimat ist unser Albtraum“ © Ullstein Verlag,Cover „Befreit“ © KiWi Verlag, Cover „Das Licht“ © Carl Hanser Verlag, Cover „So sterben wir“ © Piper Verlag, Cover „Monster“ © Kein & Aber, Cover „Das Leben ist eins der Härtesten“ © Rowohlt Verlag, Cover „Auf Erden sind wir kurz grandios“ © Carl Hanser Verlag