Kategorie: Kunst

Kunst hat drei Buchstaben: TUN – Khine Min Tun

Was hat Malerei mit Freiheit zu tun und wieso interessiert uns eine kleine Kunstgalerie in Mrauk U, Myanmar? Moderne Kunst ist für szeneaffine Hipster und weltoffene Berliner alles andere als in Öl gemalte Landschaftsbilder – Bilder von Wiesen und Tempeln gehören in Oma Trudes Stube, mit Politik und Gesellschaft haben sie nichts am Hut. Wir wollen Ai Weiwei, wilde Mobs am Alex, irgendwas, das sexuell anstößig ist- wenn es das noch gibt. Dass auch „naive Malerei“ kritisches Potential und gesellschaftliche Relevanz besitzt, liegt vielleicht daran, dass Kunst mehr kann, als der Künstler weiß.


Kunst hat drei Buchstaben: TUN – Khine Min Tun,

Sohn des Künstlers Shwe Maung Thar aus Mrauk U an der Westküste Myanmars. Ein Land, das unlängst Schlagzeilen machte, weil am 8.11.2015 die ersten freien Wahlen seit 25 Jahren stattfanden – mit dem Ergebnis, dass die National League for Democracy eine absolute Mehrheit erreichte. Wenngleich ein politischer Umbruch des Landes dadurch nicht getan, scheint die militärische USDP in ihre Schranken verwiesen und die Weichen für eine demokratische Zukunft gestellt. Wo Aung San Suu Kyi als politische Leitfigur der National League for Democracy (NLD) seit Jahrzehnten für politische Freiheit kämpft, findet man in dem für Touristen schwer zugänglichen Mrauk U eine kleine Oase, in der Freiheit ebenfalls eine große Rolle spielt – die Freiheit künstlerischen Tuns. In der kleinen L‘ Amitié Art Gallery im Westen Myanmars befanden sich bis vor kurzem zahlreiche Ölgemälde, die dem Betrachter die unberührten Landschaften eines Landes zeigen, das die wenigsten von uns aus der Nähe kennen. Insbesondere Mrauk U, zeichnet sich durch die aus dem Nebel ragenden Tempelruinen aus, deren Spitzen die sattgrüne, bergige Landschaft überblicken. Welche gesellschaftliche Bedeutung einer kleinen Galerie zukommt, deren Ausstellungsstücke nichts anderes zeigen als malerische Abbilder der Umgebung, wird vielleicht erst auf den zweiten Blick klar. Denn so trivial es einer postmondänen Berlinerin scheinen mag, einen Pinsel in die Hand zu nehmen und eine Form von Kunst zu schaffen, die hierzulande von der Szene schon mal als antiquiert und langweilig belächelt wird, so bedeutsam ist jedes Gemälde, das in den diktatorischen Verhältnissen von Myanmar an den Wänden der L‘ Amitié Art Gallery zu sehen war.

Khine Min Tun 3

Mrauk U, Myanmar

In einem Land vor unserer Zeit

Zurückgeworfen in eine Zeit, in der Meinungsfreiheit nicht alltäglich ist, hineinversetzt in ein Land, das durch mystisch anmutende Landschaften lockt, konfrontieren uns die Bilder von Shwe Maung Thar und Khine Min Tun mit einem Aspekt von Kunst, der auch in einer in höchstem Grad modernisierten Gesellschaft oft zu kurz kommt: innere Freiheit. Freiheit auch, die eigene Haltung zu bewahren, in Zeiten, in denen Medien durchzogen sind von Angstbotschaften, Terrorwarnungen, Hiobsbotschaften, die unsere Gesundheit betreffen und Anleitungen, wie der moderne Mensch sich fitzuhalten hat. In Myanmar, wo die militärische USDP ihre Bevölkerung in nahezu allen für uns selbstverständlich gewordenen Bereichen einschränkt, ist künstlerische Praxis die vielleicht einzige Antwort auf den im Innern sich regenden Widerstand gegen Zwänge, Armut und die Fesseln des Alltags, in dem alternativen Lebensformen kein Raum gegeben wird. Die Rechnung ist einfach: Wo die Freiheit der Person nicht gelebt werden kann, realisiert sie sich in künstlerischem Tun.

Khine Min Tun 2

Shwe Maung Thar

Kunst und Freiheit

Der 1955 in Mrauk U geborene Künstler Shwe Maung Thar hat sich zeitlebens dafür eingesetzt dieses Tun auch in Mrauk U am Leben zu halten. In seiner kleinen Galerie konnten seine Bilder seit 2008 betrachtet und diskutiert werden. Und trotz seiner Ausstellungen in Canberra, Melbourne, Wien und Yangon, ist es jene Galerie an der Westküste Myanmars, die diesen Artikel motivieren. Denn die L’Amitié Art Gallery bot mehr, als dass sie unseren visuellen Sinnen schmeichelte. Sie war Begegnungsstätte, in der man sich austauschen, ästhetische Maßstäbe, herausarbeiten und Kritik üben konnte. Praktiken, die für funktionierende Demokratien unabdingbar sind und die zugleich Funktionen darstellen, die untrennbar mit Kunst verbunden sind. Mag ein Kunstwerk noch so naiv daherkommen, die Aufforderung an den Betrachter zu reflektieren ist immanent: sich von dem distanzieren, was als unhinterfragt Gegebenes vorgefunden wird, sich in ein neues Verhältnis zu Kunstwerk und Welt zu setzen. Diese Form kritischer Praxis ist eine Errungenschaft, eine Säule unserer Gesellschaft, die aus dieser nicht wegzudenken ist. Eine Form kritischer Auseinandersetzung, die auch in Myanmar zu reifen beginnt. Schon deshalb ist das Lebenswerk von Shwe Maung Thar mehr als „nur“ schöne Kunst – in einem der abgeschiedensten Landstreifen Myanmars wurde der Grundstein gelegt für ein freies Leben von Menschen, die sagen dürfen, was sie zu sagen haben. Dazu gehört auch, sich die Freiheit zu nehmen an Werten und Traditionen festzuhalten. Die unberührten Landschaften Mrauk U’s nicht der touristischen Ausbeute preiszugeben und dennoch eine politische Veränderung zu fordern, die auf eine gerechtere Verteilung von Gütern und Bildungschancen abzielt, auf die Etablierung eines funktionierenden Gesundheitssystems und den für den Vielvölkerstaat wichtigen Punkt der Religionsfreiheit. Forderungen, die durch kritische Praxis aus dem Privaten ins Öffentliche gezogen und so politisch werden. In dem ganz basalen Sinn, dass ein jeder die Möglichkeit hat, sich eine Meinung zu bilden, sich an Diskussionen und Volksversammlungen zu beteiligen und sich durch Proteste gegen herrschende Parteien zur Wehr zu setzen.

Khine Min Tun 6

Überschwemmt

Schaung Mar Thars Einsatz für den Erhalt künstlerischer Praxis in Mrauk U war und ist deshalb von gesellschaftlicher Relevanz, die den Rahmen Schöner Kunst sprengt. Umso trauriger ist es, dass der Künstler im Januar 2015 plötzlich an einem Herzinfarkt verstarb und die L`Amitié Art Gallery seinem Sohn Khine Min Tun überlassen musste. Auch für Khine ist Kunst eine nicht wegzudenkende Lebensaufgabe und -grundlage, weshalb er sich der Aufgabe stellt, das Lebenswerk seines Vaters fortzuführen. Eine Aufgabe, die zunächst die einmalige Chance beinhaltete die Bilder seines Vaters in der Schöneberger Kunstgalerie „Kuhn und Partner“ im Juni 2015 zu präsentieren. Eine Aufgabe, die Khine voll Freude und Dankbarkeit nutzte und die zahlreichen Besucher mit den Werken seines Vaters begeisterte. Eine Aufgabe, die im Spätsommer zu einer enormen Herausforderung wurde, als zahlreiche Fluten die Westküste Myanmars großräumig zerstörten. Darunter auch die in mühsamer Arbeit aufgebaute und leidenschaftlich am Leben gehaltene L‘ Amitié Art Gallery, von der dieser Artikel handelt. Eine Galerie, die von unerschöpflichem Wert für die Bevölkerung von Mrauk U und die junge Familie von Khine Min Tun ist, die allen Schwierigkeiten zum Trotz an ihren Wiederaufbau glauben. Seit Monaten kämpfen sie tatkräftig  für die Wiederbelebung der Kunst, ließen sich auch von einer zweiten Flut nicht entmutigen, die abermals enorme Schäden anrichtete. Ein Einsatz, der Unterstützung braucht, weil auch das Wohnhaus von Khines Familie im Zuge der Fluten verschütt gegangen ist. Der eigenen Lebensgrundlage entrissen, steht der Sohn von Shwe Maung Thar nun alleine der Problematik gegenüber, das Lebenswerk seines Vaters fortzuführen. Ein Vorhaben, das von allen Freunden und Bekannten, Myanmarreisenden, Künstlern, Verfechtern von Freiheit und Kritik, und postmondän-Fans auf Unterstützung hofft. Dieser Artikel endet deshalb mit dem Appell: Einen Euro in die Reisekasse und so bald wie möglich Myanmar erkunden, einen Euro an Khine Min Tun – für die Kunst und die Freiheit.

zur Crowdfunding-Aktion

 

Khine Min Tun 1

Khine Min Tun

Stell dir vor, das ist Kunst

das_ist_kunst

… und keiner versteht’s.


Ist das Kunst oder kann das weg? Als es nur Pinsel, Farbe und Kohle gab, war Kunst ganz einfach zu definieren. Heutzutage sieht die Lage aber etwas anders aus: In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben sich neben der Malerei, Zeichnung und Skulptur auch Fotografie, Video und der reine Gedanke zu Kunstbegriffen gemausert. Das sehen nicht alle so. Braucht Kunst überhaupt Verständnis oder brauchen wir von der Kunst Verständnis?

Ursprünglich wollte ich den Text mit Eigentlich wollte ich einen Beitrag zur Kunst verfassen, aber… einleiten. Ein Kunstbeitrag wird es definitiv werden, nur ohne aber. Wer nun einen Bericht zum Duktus eines Gerhard Richter oder zur Komposition einer Jeff Wall Fotografie erwartet hat, hat sich geschnitten. Ich habe mich nämlich auch ein bisschen geschnitten, denn die letzten Ausstellungsbesuche in diversen Museen und Galerien zeitgenössischer Kunst haben mich einerseits irritiert, andererseits meine Ahnung bestätigt: Kunst ist nicht nur das, was im White Cube stattfindet. Kunst ist auch, wenn ich auf Konzerte gehe oder mich eine Idee überwältigt. Ich verstehe immer weniger den gemachten Unterschied zwischen Kunst und Musik und Denken. Wer macht sowas und warum? Ist dieser Text hier eigentlich Kunst, Analyse oder eine Kunstanalyse?

Jetzt mal ehrlich. Kann man das überhaupt?

„From music people accept pure emotion but from art they demand explanation.”
Agnes Martins Œvre ist praktisch unmusikalisch. Umso bemerkenswerter, dass sie Musik als die vollkommenste Form der Kunst bezeichnete. Musik erreicht uns weniger rational als emotional. Wir kaufen das neue Album unserer Lieblingsband, auch wenn wir nicht unbedingt wissen, ob es uns gefällt. Auch wenn ein Konzert musikalisch gesehen nicht der Bringer ist, kann das ganze Drumherum es aufpolieren. Musik ist weitaus mehr als Schall und (Wohl-)Klang.

Stellen wir uns mal vor, wir haben nicht gerade wenig Eintritt für eine zeitgenössische Ausstellung gezahlt und was sehen wir: eine monochrom blaue Leinwand, rostige Metallplatten und eine mit Kohle beschmierte Wand. Unsere Erwartung war eine etwas andere und deswegen können wir uns nicht ganz von halb empörten, halb fassungslosen Gedanken freisprechen – geschweige denn den Anblick des rostigen Metalls genießen wie das Konzert gestern Abend.
Kann man das überhaupt? Agnes Martins reduzierte Zeichnungen und Malereien erscheinen vielleicht auch nicht so spannend, wenn man die dahinterstehende Philosophie nicht kennt. Eigentlich haben ihre Werke – bildnerische und literarische – einiges zu sagen, aber der sogenannte ungeübte Rezipient würde ihnen nicht sofort verfallen und Halleluja rufen. Eine Wahrnehmungs-Schranke, deren Überwindung in der Regel weniger an Desinteresse scheitert als an chronischem Informationsmangel.

Sehgal: der traditionellen Extravaganz entgegengesetzt

Dass ein ausstellender Künstler nicht verpflichtet ist, sich auf irgendwelche Formate oder Materialien zu beschränken, sollte klar sein – dass er immaterielle Kunst macht, klingt zugegeben schon etwas seltsam. Spannend, weil irgendwie bizarr, dieses Prinzip der Mund-zu-Mund-Propaganda in diesem Kontext. Schließlich lebt der Kunstmarkt von seinem Ruf Extravagante Preise für extravagantes Material. Sehgal lässt Personen (Interpreten) seine Werke verkörpern und verzichtet nicht nur auf jegliche Publikation oder Dokumentation seines Werks; er ist nicht einmal ein Künstler im herkömmlichen Sinne: Studiert hat er Choreografie und VWL. Allein diese Kombination könnte schon als Kunst durchgehen, darauf kommt letztendlich nicht jeder. Neulich habe ich mir die Werkpräsentation von Tino Sehgal im Berliner Gropius-Bau angesehen, ohne zu wissen, was mich dort erwartet. Der Ausstellungstitel beschränkte sich lediglich auf den Namen des Künstlers, wo andere wahrscheinlich eine Headline aus zusammenhangslosen Begriffen kreiert hätten, um ihr Bohemiendasein standesgemäß nach außen zu kehren. Manchmal steckt hinter weniger doch mehr – zumindest bei Tino Sehgal.

Der melancholische Wiederholungstäter – Kunst oder Farce?

Jeder kennt Ohrwürmer. Akustische Endlosschleifen, die eigentlich nur in unseren Köpfen ablaufen und nicht wirklich beeinflussbar sind. Der isländische Künstler Ragnar Kjartansson hatte eine außergewöhnliche Idee und dem Ohrwurm eine Art Gestalt gegeben. Dafür organsierte er 2013 die Band The National, die im MoMA PS1 ihr Lied „Sorrow“ in leicht abgewandelter Form – „A Lot Of Sorrow“ – sechs Stunden lang performte. Kjartansson filmte das Ganze. Innerhalb der Stunden variierten Songpassagen, die Zustände der Musiker änderten sich fortlaufend und das Publikum konnte dem beiwohnen. Ein Konzert oder eine Performance? Wo fängt das eine an und wo hört das andere auf?

Wem ein Vierteltag zu lang ist – hier das extra large Konzert in leicht gekürzter Form:

„A Lot Of Sorrow“ – die Zelebration einer klischeehaften Künstlerattitüde, des nie endenden, immer gegenwärtigen Weltschmerzes? Oder bloß ein überschminkter Versuch, in das Guinnessbuch der Rekorde zu kommen? Vielleicht ist es aber auch weniger der Inhalt des Liedes als die Wiederholung seiner Struktur. Paradox scheint, dass letztendlich nichts gleich bleibt, was sich ständig wiederholt. Abnutzung durch Zeit. Eine CD, die immer und immer wieder abgespielt wird, nutzt sich irgendwann ab. Ein Ohrwurm verändert sich oder verstummt nach einiger Zeit. Kjartansson und The National schaffen mit dem Non-stop-Song quasi einen extern verlagerten Ohrwurm und definieren Livemusik als eine immaterielle Skulptur, die schließlich in uns Gestalt annimmt.

Die König Galerie in Berlin-Kreuzberg zeigt bis zum 23. August die Aufnahme der Performance. Die Kombination einer übergroßen Videoprojektion mit drei Boxen transportiert das Fast-endlos-Lied sozusagen durch Raum und Zeit direkt in die ehemalige Kirche; wenn man die Augen schließt, hat man das Gefühl, unmittelbar vor der Bühne zu stehen (1a Akustik!). Jeder, der die Gelegenheit zu einem Besuch hat, sollte sie nutzen. Lohnt sich!

Spätestens seitdem weiß ich nicht mehr so recht, wo die Trennlinie zwischen bildender bzw. darstellender Kunst und Musik ist. Wahrscheinlich gibt es sie schlicht und einfach nicht und ist nur ein perfides Konstrukt von konkurrierenden Konzertveranstaltern und Kuratoren, die Platten- und Kunstmarkt gegeneinander ausspielen wollen… Vielleicht findet das alles aber auch nur in meinem Kopf statt, vielleicht war alles schon immer eins und ich zu engstirnig. Was Kunst nun wirklich ist, wird letztendlich jeder für sich herausfinden, indem er sie erlebt.