Kategorie: Kultur

Glitzerwelten: Ist Barbie jetzt (über-)lebensfähig?

Barbie ist der Inbegriff gefährlicher Schönheitsideale, stereotypischer Geschlechterrollen und des Kapitalismus‘. Ein Imagewandel soll sie retten. Wird ihr der Ausbruch aus der pinken Glitzerwelt gelingen?

ein Kommentar


„Hallo, ich bin Bibigirl, die perfekte Puppe. Ich gehöre dir, alle werden dich um mich beneiden. Ich will mehr Sachen!“

Michael Endes Buch Momo führt die Absurdität der „vollkommenen Puppe“ in ihrer Traurigkeit vor Augen. Eine Puppe, die nichts kann, außer „schön“ auszusehen. Eine Puppe, mit der sich ein Kind nur länger beschäftigen kann, wenn es Accessoires und Kleider anhäuft. Trotzdem wird das Spiel irgendwann eintönig. Aber zum Glück gibt es ja noch die Freundinnen der perfekten Puppe und den festen Freund. Und die brauchen auch Kleider und viele, viele Accessoires. Und dann? Was ist, wenn das alles langweilig wird? Dann müssen neue Ideen her.

Im Mattel-Hirn rattert es

Das dachte sich auch der Barbie-Hersteller Mattel, nachdem er 2014 schockiert feststellte, dass ihn die Dänen von Lego, die noch 2000 kurz vor dem Ruin standen, vom Thron stießen und sich als Spielwaren-Weltführer feiern ließen. Kann es sein, dass Mädchen nun lieber eine Welt aus bunten Klötzchen für eckige Männchen mit gelben Gesichtern und Plastikfrisuren bauen? Obwohl sie mit prächtigen Kleidern und einem vollkommenen Körper in einer pinkfarbenen Villa herumhängen könnten? Im Mattel-Hirn rattert es: Wie kann Barbie gerettet werden? Was kann sie erleben? Die Tierliebe Barbies ist ausgeschöpft. Ebenso ihre Liebe zum Sport und ihre Beziehung zu Ken. Eine Liaison hatte sie schon. Wie hieß der australische Surferboy noch gleich? Achja, Blaine. Freundinnen hat sie genug. Da blickt ja keiner mehr durch. Was macht eine Frau wie Barbie, wenn sie nicht mit hochhackigen Schuhen vor dem Kleiderschrank steht, im Pool liegt, mit ihrem Cabrio herumfährt oder Sport treibt? Sie arbeitet!

Frauen wie Barbie können arbeiten

So richtig neu ist die Idee nicht. Man kann der Puppe mit den langen Beinen, der extrem schmalen Taille und den großen Brüsten einiges vorwerfen: Job-Hopping zum Beispiel oder das Tragen ungeeigneter Berufsbekleidung. Aber Berufe ausgeübt hat sie viele – genauer genommen mehr als 150, und das ohne äußerliche Erschöpfungserscheinungen. So war sie als Astronautin im All, hat als Feuerwehrfrau Brände gelöscht und schon 1973 als Chirurgin gearbeitet – wohlgemerkt in viel zu kurzem Rock und zu hohen Schuhen. Tatsächlich war Barbie nach Angaben der Erfinderin Ruth Handler, die am 4. November 100 Jahre alt geworden wäre, ursprünglich feministisch gemeint: Als Handler 1959 die erste Puppe mit Brüsten auf den Markt brachte, hatte sie Mädchen zeigen wollen, dass sie nicht Mutter sein müssen, sondern als unabhängige Frau alles werden können, was sie wollen. Heute muss man in einem riesigen Berg aus rosaroten Tüllkleidern, glitzernden Accessoires und neonfarbenen Pumps sehr tief graben, um diese Botschaft zu finden. Deswegen hat sich Mattel das Motto nun groß auf die Fahnen geschrieben und Ende 2015 eine Du-kann-alles-sein- bzw. You-can-be-anything-Kampagne gestartet:

Quelle: YouTube

Auch möchte das Unternehmen Barbie-spielenden Mädchen zeigen, dass Frauen in Berufen erfolgreich sein können, die hauptsächlich von Männern ausgeführt werden. Die neue Karriere-Barbie, herausgebracht im Juni 2016, macht es vor. So heißt es in der Pressemitteilung:

„Die Spieleentwicklerin Barbie [sic!] ist die neueste Kreation aus der Karrierereihe. Ihre Botschaft ist eine Welt voller Möglichkeiten für Mädchen zu zeigen. […] Dies […] soll die Mädchen ermutigen, sich auch mit anderen Berufsfeldern zu beschäftigen. Barbie setzt mit diesem neuen Beruf ein Zeichen für die Wahl von MINT-Fächern und bringt mit der Spielentwicklerinnen-Barbie jungen technikbegeisterten Mädchen die Welt der Spieleentwicklung ein Stück näher.“

Und als Spielentwicklerin muss man nicht nerdig aussehen. Nein, man kann verdammt sexy sein. Damit aber nicht genug. Barbie-Hersteller Mattel setzt noch einen drauf.

Wir sind gar nicht alle blond!

Wenn sich Mädchen mit eckigen Männchen mit gelbem Gesicht und Plastikfrisur beschäftigen, dann spielen sie auch mit Puppen mit Kurven und verschiedenen Haut- und Haarfarben. Das dachte sich wohl das Unternehmen, als es die neue Barbie-Kollektion auf den Markt brachte: Nach ein paar Puppen mit verschiedenen Hauttönen und normalen, flachen Füßen, die 2015 das Licht der Welt erblickten, folgten in diesem Jahr Barbie-Puppen mit breiterer Hüfte, mit kleinem und großem Körper, mit asiatischen Gesichtszügen, mit blauen und roten Haaren, mit Untercut usw. Denn wer es zuvor nicht wusste, nun wird es allen klar: Die Welt wird nicht nur von blonden großen Frauen mit sehr langen Beinen und blauen Augen, schmaler Hüfte und großen Brüsten bevölkert. Nein, im Jahr 2016 möchte Mattel die Diversität der Gesellschaft aufzeigen – Identifikationspotenzial gibt es inklusive:

Quelle: YouTube

Wer auch immer bei Mattel auf die Idee kam, ihm٭ihr wurde wahrscheinlich stolz auf die Schulter geklopft. Denn mit diesem Imagewandel sollten sie doch zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Mädchen bekommen neue Möglichkeiten, mit Barbie zu spielen, und die Feminist٭innen, Genderforscher٭innen sowie Barbie-kritische Eltern werden ruhiggestellt.

Ende gut, alles gut?

Wer möchte nun noch behaupten, Barbie vermittle kleinen Mädchen ein unrealistisches Frauenbild oder ein gefährliches Schönheitsideal? Schließlich müssen sie nicht aussehen wie Barbie, sondern Barbie sieht nun aus wie sie. Vielleicht wäre Barbie ja jetzt, da ihre Taille nicht mehr ganz so schmal ist, im echten Leben sogar überlebensfähig. Ja, vielleicht sind ihre Knöchel jetzt so stabil, dass sie sich nicht mehr krabbelnd fortbewegen müsste.

Wer möchte Mattel vorwerfen, dass Frauen in der Barbie-Welt nur auf Klamotten und Schminke reduziert werden? Schließlich können sie jeden Beruf ergreifen – fernab von Model- oder Popstar-Jobs. Sogar sexy Unternehmerin und attraktive Spieleentwicklerin können sie werden. Auch die Kritik, Barbie und ihre rosa Glitzerwelt fördere stereotypische Geschlechterrollen, greift jetzt nicht mehr. Oder doch? Leider doch!

Die Wahl in der begrenzten Welt

„Barbie hat Mädchen seit jeher Wahlmöglichkeiten gegeben – angefangen bei ihren mehr als 150 Karrieren und inspirierenden Rollen bis hin zu ihren unzähligen Kleidungsstilen und Accessoires“, so Mattel in einer Pressemitteilung. Ja, Mädchen haben die Wahl: Sie können zwischen einem Outfit bestehend aus einem rosa Top mit dem Glitzer-Sternen und blauer Jeans oder dem Prinzessinnen-Kleid wählen. Sie können ihrer Barbie auch eine Brille aufsetzen und ihr ein Smartphone in die Hand geben oder sie gar zur Ärztin kleiden. Ja, Mädchen haben die Wahl – in einer begrenzten Glitzerwelt. Einer Welt, die, wie Mattel es selber nennt, Rollen vorgibt und ungebrochen vorführt, wie diese Rollen auszusehen haben. Und mit „aussehen“ ist hier tatsächlich das äußere Erscheinungsbild gemeint. Denn was macht man mit einer Spielentwicklerinnen-Barbie, die ein Plastik-Tablet und Plastik-Kopfhörer in der Hand hält, eine Brille trägt und nur begrenzt beweglich ist? Was macht man mit einer Barbie, mit der man nichts machen kann, außer sie umzuziehen? Man zieht sie um. Man wechselt ihre Outfits – immer und immer wieder.

Du kannst alles sein – mit dem richtigen Outfit

Das, was Mattel mit der Du-kannst-alles-sein-Kampagne vermittelt, ist vielleicht gefährlicher, als das, was Barbie bisher ausgesagt hat. Barbie war nicht realistisch. Die Frauen und Mädchen, denen man auf der Straße begegnet, sehen zum Glück nicht aus wie Barbie. Deshalb leben die Frauen und Mädchen auf der Straße in der Realität und sie in ihrer pinken Glitzerwelt. Nimmt Barbie nun aber mehr und mehr das Aussehen der Mädchen an, die sich mit ihr identifizieren sollen, und bleibt gleichzeitig ihrer Glitzerwelt – so sieht es zurzeit aus – treu, verschwimmen die Grenzen. Und plötzlich vermittelt die Du-kannst-alles-sein-Kampagne etwas ganz anderes, nämlich: Du kannst alles sein, wenn du sexy, immer top gestylt bist und bitte keine äußeren Erschöpfungserscheinungen aufweist. Mädchen lernen von klein auf, dass es um das äußere Erscheinungsbild geht, um Kleidung, Accessoires und Trends. Ja, ihr könnt alles werden, aber bitte orientiert euch an unseren Rollenbildern und achtet als Frauen immer auf eurer perfektes Aussehen, denn das ist das, was euch zum Ziel bringt – das ist eure Waffe.

Achso, da gerade das Thema stereotypischer Geschlechterrollen aufgemacht wurde: Es geht die ganze Zeit um Mädchen. Was ist eigentlich mit Jungen? Jungen? War in einem Barbie-Werbespot jemals ein Junge zu sehen? Nein, natürlich nicht, denn Jungen spielen nicht mit Barbies. Pink ist schließlich eine Mädchenfarbe – jedenfalls in der Mattel-Welt.

Man sieht, durch die neue Barbie-Kampagne hat sich nicht viel geändert. Nein, es ist vielleicht sogar noch schlimmer geworden. Würde man Michael Endes Momo fragen, was dieser vollkommenen Puppe denn jetzt noch fehle, würde sie antworten: „Ich glaub, man kann sie nicht lieb haben.“

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Titelbild: © Lenn Colmer

Bücherschätze in der Bibliothek des Deutschen Historischen Museums

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Bücher erzählen Geschichten. Bücher sind wichtige Zeugen der Geschichte. Und zuletzt: Bücher haben ihre eigene Geschichte, die oft sehr persönliche Schicksale illuminieren. Diese Kombination macht Bücher zu echten Schätzen. Schätze die man entdecken kann – zum Beispiel in der Bibliothek des Deutschen Historischen Museums in Berlin.


Die Bibliothek des Deutschen Historischen Museums

Wer den historischen Lesesaal des Deutschen Historischen Museums betritt, fühlt sich, sofern er in irgendeiner Weise bücheraffin ist, sofort zuhause. Der große, helle Raum bietet neben den kunstvollen Deckenverzierungen und einigen geräumigen Arbeitsplätzen vor allem eines: Bücher, so weit das Auge reicht. Doch die Ausstellungen im Lesesaal sind nur ein Bruchteil des Bestandes der Bibliothek des Deutschen Historischen Museums, der heute über 250.000 Bänden umfasst.

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Historischeer Lesesaal des Deutschen Historischen Museums

Die Bibliothek ist einerseits Dienstbibliothek für die Mitarbeiter*innen des DHM, die zahlreiche Sammlungen für ihre Forschung und Ausstellungen nutzen, andererseits ist sie aber auch eine Spezialbibliothek zur deutschen Geschichte, deren Präsenzbestände öffentlich zugänglich sind. Entstanden ist die Bibliothek aus zwei Vorgängerinstitutionen: Die Königliche (später Staatliche) Zeughausbibliothek und das Museum für Deutsche Geschichte der DDR. Seit dem Jahre 2000 nutzt die Bibliothek nun das ehemalige Gebäude der Preußischen Centralgenossenschaftskasse in Berlin.

Wir hatten die Möglichkeit von Dr. Matthias Miller, Leiter der Bibliothek und der Sammlung für Handschriften sowie Alte und wertvolle Drucke, durch die Archive der Bibliothek geführt zu werden.

Das Archiv im Tresor

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Historische Tresortür

Die Preußische Centralgenossenkasse nutzte den Keller des Gebäudes mit der Adresse „Unter den Linden 2“ einst für die Verwahrung von Kreditgegenwerten in Gold. Heute befinden sich dort immer noch wertvolle Schätze – die Sammlung des Deutschen Historischen Museums. Hinter dicken Tresortüren ist der Hauptteil des Bücherbestandes des DHMs in verschiedenen Abschnitten verwahrt. So gibt es zum Beispiel den mit „rar“ (für lat. rarum – selten) gekennzeichneten Bereich, der seltene Bücher und Handschriften beinhaltet. Aber auch aus den Archiven des Museums für Deutsche Geschichte gibt es noch riesige Bestände. Einer der prominentesten Teile ist der mit „g“ gekennzeichnete Bereich der „gesperrten“ Literatur, der vor allem aus nationalsozialistischen Werken besteht. Dabei sind Ausgaben von Hitlers „Mein Kampf“ übrigens eine der häufigsten Schenkungsanfragen, berichtet Dr. Matthias Miller. Doch das DHM ist nur noch auf der Suche nach besonderen Ausführungen, wie etwa der Erstausgabe, die recht einfach durch den Einschlagband zu erkennen ist.

Teile der Sammlung werden Bücher, „die deutsche Geschichte entweder transportieren, illustrieren oder interpretieren“ oder eben solche Texte, die selbst eine einzigartige Geschichte überliefern. Einige Beispiele für die verschiedenen Prachtschätze der Bibliothek präsentiert uns Dr. Miller im historischen Lesesaal.

Bücher erzählen einzigartige Geschichten

Manchmal sind die Geschichten der Überlieferung von Textzeugen schon kurios. So ist beispielsweise das „Fragment P“ (ca. 830) aus dem Heliand-Lied einer der wenigen noch existierenden Texte, die in altsächsisch verfasst wurden. Entdeckt wurde die Handschrift auf einem Pergamentblatt in einer Bibliothek in Prag – aber nicht etwa in einer Vitrine, sondern als bloße Einschlagsseite für ein anderes Werk. Nachdem der Prager Bibliotheksmitarbeiter festgestellt hatte, dass der Einband seines zu restaurierenden Buches wesentlich älter als das Original war, wurde die Handschrift als Staatsschenkung an das Deutsche Historische Museum übergeben.

Das Deutsche Historische Museum hat aber nicht nur eine einzigartige Sammlung von Handschriften – auch seltene Drucke führt uns Dr. Matthias Miller stolz vor. Dabei sind seltene Ausgaben oft solche, die sich durch ihren besonderen Inhalt, oder ihre besondere Form abheben. Die Erstausgabe von Max und Moritz (1865)  ist etwa ganz einfach durch den Druckfehler auf der ersten Seite zu erkennen. Dort heißt es nämlich:“Ach, was muss man oft von bösen Kinder hören oder lesen!“

Einige der präsentierten Kostbarkeiten scheinen zunächst auch gar nicht in eine Bibliothek zu gehören. Als Dr. Miller eine kleine Tüte mit Tomatensaat aus einem Briefumschlag holt, muss er selber schmunzeln. Tatsächlich verbirgt sich in dem kleinen Behälter aber nicht nur Saatgut, sondern auch ein kleines Heft mit dem Titel „Der letzte Appell“, in dem Autor Gustav Regler unmittelbar vor dem Kriegsausbruch 1939 vor dem Wahnsinn eines zweiten Weltkrieges warnt.

Eine Auswahl der Bücherschätze des DHM

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Bücher erzählen lebendige Geschichte

Sammlungen von Bibliotheken und Museen werden erst dann richtig interessant, wenn man sie in ihren individuellen Kontexten erlebt. Deshalb sei neben dem Besuch der frei zugänglichen Präsenzbibliothek des DHM vor allem auch auf die zahlreichen Ausstellungen verwiesen, in denen genau diese kleinen Geschichten rund um die seltenen Bestände erzählt werden.


Homepage des Deutschen Historischen Museums mit Blog.

Öffnungszeiten der Bibliothek des DHM: Mo-Fr 9.00 bis 16.30 Uhr

Aktuelle Ausstellungen des DHM


Fotos von Gregor van Dülmen mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Historischen Museums.

Wir bedanken uns beim Deutschen Historischen Museum und Dr. Matthias Miller für den interessanten Rundgang durch die Bibliothek.

 

Was vom Hipster übrig blieb

Hipster-Bashing ist eine Jagd auf Phantome: Der zeitgenössische Hipster ist ein Mythos. Und der ursprüngliche Hipster wurde verehrt. Eine Begriffsgeschichte.


Spätestens seit Kraftklubs „Ich will nicht nach Berlin“ kann jede٭r die Merkmale des Prototypen „Hipster“ im Schlaf herunterbeten. Das ist doch dieser Typ mit Bart in engen Jeans, der auf seinem Fixie die Hand schützend über seine Spiegelreflex gelegt Richtung Friedrichshain radelt! Jetzt mögen die einen schreien: „Der Hipster ist schon lange tot!“ oder „Den EINEN Hipster gibt es nicht, alle sind individuell!“. Die anderen lassen schnell ihre Retro-Brille verschwinden. Denn die Bezeichnung „Hipster“ wird als Beleidigung verstanden. Zu oft wurde das Phänomen medial diskutiert und wissenschaftlich analysiert: Es galt schließlich die Modeerscheinungen, Lebensentwürfe, politischen Meinungen sowie Musik- und Literaturgeschmäcker auf einen Nenner zu bringen, um die Begriffe „Hipster“ und „Hipstertum“ zu rechtfertigen, zu definieren, ja, greifbar zu machen. So häufen sich Begriffserklärungen wie die vom Soziologen Philipp Ikrath:

„Mit diesem Lebensstil verbindet man urbane junge Erwachsene aus der Mittelschicht, überwiegend hoch gebildet, (populär-)kulturell interessiert und in der Medien- oder Kreativwirtschaft beschäftigt.“

Philipp Ikrath in „Hipster – Der Versuch ein Begriffsbestimmung“

Andere Wissenschaftler٭innen meinen, dass man „[a]m Ende […] meist bei intensionalen phänomenologischen Definitionen [landet], die Accessoires auflisten, an denen man Hipster erkennt“ [Mark Greif in „Hipster. Eine transatlantische Diskussion“]. Trotz der Schwierigkeit, eine allgemeingültige Definition zu finden, trotz der Verachtung, der Totsagung und der vehementen Abwehr, selbst einer zu sein, geht vom Hipster eine Anziehungskraft aus. Er – wer auch immer er sein mag – muss medial herhalten: Als Erklärung für eine neue Modeerscheinung, als jemand, der „places to be“ erschafft, als Hassobjekt und als ironisch überzeichnete Figur, über die jede٭r lachen kann. Und warum? Weil ein٭e jede٭r ein Bild, eine Vorstellung, eine Bedeutung von ihm hat. Der Hipster ist ein Mythos – ein Mythos des Alltags.

Quelle: YouTube

Mythen im Alltag

Dieser Mythos ist nicht einzureihen in die Mythen des Alltags à la „Pilze darf man kein zweites Mal aufwärmen“. Nach dem französischen Philosophen und Semiotiker Roland Barthes von 1964 ist der Mythos des Alltags eine kollektive und unbewusste Bedeutung, die sich „von einem semiotischen Prozess abgeleitet“ [Roland Barthes in „Mythen des Alltags“]. Ein Mythos ist nie natürlich, sondern erzeugt – in unterschiedlicher Form und über verschiedene Medien vermittelt. Dabei entleert der Mythos bzw. die mythologische Aussage eine ursprüngliche Aussage. Wie alltäglich die Mythen nach Barthes sind, wird an einem Beispiel deutlich: Einst wurde „Weihnachten“ (1. Bedeutendes) als Bezeichnung für das Ereignis der Geburt Jesu Christi (2. Bedeutetes) verstanden.

Beides war unzertrennlichen miteinander verbunden (3. Zeichen) – ein sprachliches, ein linguistisches System. Dieses ursprüngliche Verständnis ist in den Hintergrund gerückt. Der Mythos hat die Bedeutung von Weihnachten entleert. Die Bezeichnung „Weihnachten“ (I Bedeutendes) ist nun unzertrennlich verbunden mit familiärem Zusammenkommen, Geschenken, Glühwein, geschmückten Bäumen, festlichem Essen (II Bedeutetes) usw. – vermittelt durch Medien. Ein neues Verständnis von Weihnachten (III Zeichen) ist entstanden, der Mythos des Alltags nach Roland Barthes. Genauso verhält es sich mit dem kollektiven Verständnis vom Hipster. Dem historisch aufgeladenen Begriff wurde seine ursprünglichen Bedeutung gestohlen und eine andere zurückgegeben.

Jenseits von Schwarz und Weiß

„Das Wort ‚Hipster‘ kommt aus den Tiefen der amerikanischen Geschichte und bezeichnete einst eine frühere, tatsächlich relevante Subkultur“, so der Amerikanist Mark Greif [in „Hipster. Eine transatlantische Diskussion“]. So tauchte das Wort im New York der vierziger Jahre das erste Mal in der Musikszene auf:

„Als Schöpfer des Begriffs ‚Hipster‘ wird häufig der Sänger und Boogie Pianist Harry „The Hipster“ Gibson genannt, der seinem 1944 erschienen Album Boogie Woogie In Blue, das einen Song mit dem Titel ‚The Hipster’s Blues‘ enthält, das kleine Glossar ‚For Charactes Who Don’t Dig Jive Talk‘ beilegte.“

Jens-Christian Raabe in „Gegenwärtigkeit als Phantasma – Über den Hass auf den Hipster“

Quelle: YouTube

Ob sich „Hipster“ vom Adjektiv „hip“ ableitet, das in der afroamerikanischen Jazzszene der Zwanziger entstand, vermag keiner zu beantworten. Ganz abwegig ist es aber nicht: Wurde doch mit „hip“ oder seinem Vorgänger „hep“ eine jazzverbundene Lebenseinstellung jenseits von einer „squaren“ (spießigen) beschrieben. Und die kleine avantgardistische Gruppe vorwiegend schwarzer Musiker٭innen (z. B. Thelonious Monk, Miles Davis, Charlie Parker), angesiedelt um den Freejazz und Bepop, ab den Vierzigen in den USA waren erst hep und dann hip. Denn: „Hipness is not a state of mind, it’s a fact of life“, so der Musiker Cannonball Adderley. Sie waren so hip, dass bald immer mehr dieser Lebensweise nachkommen und die Rassentrennung überwinden wollten. Mark Greif schreibt:

„In den Fünfzigern bezeichnete man mit dem Begriff Hipster dann einen weißen Angehörigen einer Subkultur oder der Boheme, der von dem Wunsch der angelsächsischen Avantgard getrieben war, sich von dem Weißen an und in sich zu lösen und das coole Wissen und die exotische Energie, die Lust und die Gewalt der Afroamerikaner zu erlangen“

Mark Greif in „Hipster. Eine transatlantische Diskussion“

Die vorwiegend weißen, politisch ambitionierten, jungen US-Amerikaner٭innen (z. B. Literat٭innen wir Jack Kerouac, Allen Ginsberg) bezeichneten sich selbst als „Hipster“ oder auch „Beatniks“. Im Jahr 1956 veröffentlichte dann der Schriftsteller Norman Mailer seinen sehr umstrittenen Essay „The White Negro: Superficial Reflections on the Hipster“ und machte den Szene-Begriff „Hipster“ einem breiten Publikum zugänglich.

Als alle Hipster sein wollten, aber Hippies wurden

Die Bewunderung und Verehrung der Hipster blieb nicht aus. Und schon bald wollten viele junge Amerikaner٭innen ein Teil der in sich geschlossenen Subkultur sein. Aber sie wurden keine Hipster, sondern „Hippies“:

„[D]as Wort ‚Hippie‘ war ursprünglich ja mal als Beleidigung gedacht. ‚Kleine Hipster‘ nannten die Hipster und Beatniks der fünfziger und frühen sechziger Jahre jene Kids, die nur tanzen und kiffen wollten, dabei jedoch keine Ahnung hatte von Jazz, Politik oder Literatur.“

Mark Greif in „Hipster. Eine transatlantische Diskussion“

Auch „Hippie“ war also genau wie „Hipster“ heute negativ konnotiert. Erst in den Sechzigern wurde der Begriff „Hippie“ dann von den Massenmedien verbreitet und mit einem Lifestyle in Verbindung gebracht. Dankbar sich einen Szenenamen geben zu können, nannten sich bald junge Menschen selbst „Hippies“. Der Hippie ist ein Mythos des Alltags. Denn wer denkt bei dem Wort „Hippie“ nicht direkt an Woodstock, Flowerpower, Drogen und tanzende Menschen mit runden Sonnenbrillen und bunten Bändern im zotteligen, langen Haar? Seiner ursprünglichen Aussage beraubt, wurde „Hippie“ eine neue kollektive Bedeutung zurückgegeben. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die kleine, ursprüngliche Hipster-Szene schon aufgelöst.

Der hippe, unpolitische Konsument ohne Musikgeschmack

Aber der Hipster kehrte 1999 in die USA zurück – jedenfalls das Wort „Hipster“. Zu finden waren sogenannte Hipster in „Lower East Side“ oder „Williamsburg“. Sie verehrten die weißen Angehörigen der Unterschicht sowie Provinzmenschen und ahmten sie nach, indem sie z. B. Trucker-Klamotten trugen.

„Der zeitgenössische Hipster scheint also aus einer verworfenen Ahnenreihe von Jugendbewegungen hervorgegangen zu sein, die alle versucht hatten, ihre Unabhängigkeit von der Massenkultur zu wahren, eine Alternative zu dieser zu bilden, bevor sie dann doch integriert, gedemütigt und zerstört wurden.“

Mark Greif in „Hipster. Eine transatlantische Diskussion“

Mit den untergegangenen Jugendbewegungen sind hier u. a. der Punk und Postpunk gemeint. Was hörten dieser als unpolitisch bezeichneten Hipster für Musik? Was lasen sie für Bücher? Was sahen sie für Filme? Hier mag sich kein٭e Wissenschaftler٭in wirklich festlegen zu wollen. Sicher ist, dass dieser Hipster alles liebte, was fernab vom Mainstream lag. Und wie stand es mit der Bezeichnung „Hipster“? Auch in den USA um 1999 wie später in Deutschland haben sich junge Menschen nie als „Hipster“ bezeichnet – somit gab es nie eine Szene mit dem Namen „Hipster“. Der Name wurde einer Menschengruppe, die sie nicht als Gruppe verstanden, angehängt:

„‚Hipster‘ ist ein anderer Name für eine Figur, die man auch schlicht als ,hippen Konsumenten‘ oder […] als ,rebellischen Verbraucher‘ bezeichnen könnte. Der Hipster selbst erschafft keine echte Kunst. […] „Der Hipster ist eine Person, die Konsumentenentscheidungen – das richtige T-Shirt, die richtige Jeans, das richtige Essen – als Kunstform versteht.“

Mark Greif in „Hipster. Eine transatlantische Diskussion“

Auf der unendlichen Suche nach dem Hipster

Warum die Bezeichnung „Hipster“ im 21. Jahrhundert in den USA und später auch in Deutschland wieder aufgegriffen wurde, ist ungeklärt. Einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der damaligen kleinen Hipster-Szene und den Menschen, die mit Spiegelreflexkameras und Nerdbrillen durch Friedrichshain laufen und als Hipster beschimpft werden, gibt es nicht. Der Mythos des Alltags nach Roland Barthes ist perfekt: Der einst innerhalb einer Szene entstandene Begriff wurde seiner ursprünglichen Bedeutung beraubt. Kaum jemand denkt heute bei dem Wort „Hipster“ an die Subkultur der Vierziger und Fünfziger in den USA. „Hipster“ ist zu einem inflationär und unreflektiert verwendeten, von den Medien verbreiteten Sammelbegriff geworden.

Fast scheint es, als habe man nach Einführung des Wortes festgestellt, dass der Begriff dahinter nicht scharf definiert ist. Denn keiner behauptet stolz, ein Hipster zu sein. Und von einer richtigen Szene kann beim Hipstertum auch nicht die Rede sein. Schließlich wollen die vermeintlichen Mitglieder überhaupt keine Mitglieder sein. Damit begann die Suche nach dem gemeinsamen Nenner. Medien und Wissenschaft häuften Definitionen an. Und der Markt reagiert vermehrt: Kleidung, Retro-Möbel, Kameras, handgemachte Seife, Zahnpasta usw. Aber auch hier stellt sich die Frage: Was war zuerst da – das Huhn oder das Ei? Alles, was wir heute mit dem Wort „Hipster“ verbinden, ist somit nicht natürlich entstanden. Es ist erzeugt, künstlich definiert. Der Hipster selbst ist ein Phantom. Ein Mythos des Alltags eben.

Nachtrag zur Titelfrage

Wie für alle Fragen, die die Menschheit beschäftigt, hat auch Google eine Antwort auf die Frage, was vom Hipster übrig blieb. Nämlich eine kleine Notiz des Google-Übersetzers:

Hipster Bedeutung Definition Google

Quellen:

„Hipster – Der Versuch einer Begriffsbestimmung. Eine subjektive Annäherung“ von Philipp Ikrath, auf: Österreichisches Institut für Familienforschung der Universität Wien 2013.

Vorwort zu „Hipster. Eine transatlantische Diskussion“, Mark Greif/n+1-Research (Hrsg.), Suhrkamp Verlag, Berlin 2012.

„Mythen des Alltags“ von Roland Barthes, edition suhrkamp SV, Frankfurt am Main 1964.

Vorwort zur amerikanischen Ausgabe, von Mark Greif in „Hipster. Eine transatlantische Diskussion“, Mark Greif/n+1-Research (Hrsg.), Suhrkamp Verlag, Berlin 2012.

„Gegenwärtigkeit als Phantasma – Über den Hass auf den Hipster“ von Jens-Christian Raabe, in „Hipster. Eine transatlantische Diskussion“, Mark Greif/n+1-Research (Hrsg.), Suhrkamp Verlag, Berlin 2012.

Titelbild: © Wikimedia Commons (bit.ly/29H49EO)

„Böhmermann, du dummes Arschloch!“* Reflexionen über Freiheit und Beschränktheit

Das Neo Magazin Royale vom 31. März 2016 war ein paar Minuten kürzer als die anderen Folgen dieser Unterhaltungssendung. Was ist der Grund für diese Unregelmäßigkeit in dem ansonsten so professionell durchgeplanten Produkt? Die Beschwerde des türkischen Präsidenten, Recep Tayyip Erdoğan, der offenbar mit seinen politischen Aufgaben nicht ausgelastet ist und noch Zeit hat, nachts durchs globale TV-Programm zu zappen.


„Der Boss vom Bosporus“

Recep Tayyip Erdoğan schaut zwar viel fern, aber er lacht nicht gern. Schon gar nicht über sich selbst. Der mächtigste Mann in ganz Eurasien kontrolliert den sogenannten Flüchtlingsstrom, der flussabwärts Richtung Mitteleuropa fließt und er ist seit Neusten auch der stellvertretende Programmchef der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten in Deutschland. Zum ersten Mal machte er von seiner Macht Gebrauch, nachdem am 17. März 2016 das NDR-Satiremagazin extra 3 einen Song mit dem Titel „Erdowie, Erdowo, Erdogan“ ausstrahlte. Erdoğan ließ daraufhin den deutschen Botschafter in das türkische Außenministerium bestellen und verlangte von diesem, dass die Bundesregierung die weitere Verbreitung des Satire-Songs verhindert. Es handelt sich um dieses Video hier:

Quelle: YouTube

Erdoğan bestätigte dadurch den Inhalt des Liedes, in dem behauptet wird, dass „der Boss vom Bosporus“ Presse- und Meinungsfreiheit missachte. In der deutschen Presse entbrannte eine hitzige Debatte darüber, was Satire darf (#witzefrei) und wie weitreichend die Befugnisse von Erdoğan sind. Diese Debatte und Erdoğans undemokratisches Verhalten waren dann der Anlass für Jan Böhmermanns Schmähkritik im besagten Neo Magazin Royale am 31. März. Auch hier wurde Erdoğan aktiv und verlangte von der Bundeskanzlerin höchstpersönlich, dass der entsprechende Teil dieser Sendung aus ‚dem Internet‘ entfernt werde. Erdoğan und Merkel gehören noch zu der Generation, die gelernt hat, unbequeme Dokumente einfach vom Aktenvernichter zerschreddern zu lassen. In der digitalen Welt ist das aber nicht mehr so einfach.

Die ungekürzte Version der Sendung hat sich glücklicherweise wieder angefunden, denn im Internet geht ja nichts verloren:

Quelle: Vimeo

„Was jetzt kommt, darf man nicht machen.“

… sagte Böhmermann in der Sendung und macht es dennoch: Er trägt ein Gedicht mit dem Titel „Schmähkritik“ vor. Darin sagt Böhmermann, dass Präsident Erdoğan Mädchen schlage, Sex mit Ziegen habe, einen kleinen Schwanz habe und vieles mehr. Böhmermann nutzt dieses Gedicht als Beispiel, um zu zeigen, was nicht durch Artikel 5 des Grundgesetzes gedeckt sei. Sein Sidekick weist ihn auch darauf hin, dass das Gedicht aus der Mediathek entfernt werden könne und, dass es juristische Konsequenzen haben könne. „Was jetzt kommt, darf man nicht machen.“ ist also kein einfacher Aussagesatz, sondern zusammen mit dem Gedicht und der Löschung des Videos ein performativer Akt.

Die Löschung des Videos war jedoch nicht genug – die türkische Regierung hat wegen Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhaupts am 10. April „ein förmliches Verlangen nach Strafverfolgung“ gegen Böhmermann eingereicht. Nun muss die Bundesregierung entscheiden, ob sie diesem Verlangen nachkommt. Hätte Böhmermann nur einen Tag gewartet, dann hätte er das Gedicht als Aprilscherz deklarieren können!

Inflation der Meinungen

Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Aber nicht alles, was jemand von sich gibt, ist überhaupt eine Meinung. Wenn ich sage „Ich glaube, dass es bald regnen wird.“ habe ich meine Meinung zum Wetter geäußert. Wenn der Nachrichtensprecher im Radio den Wetterbericht vorliest, hat er damit aber nicht seine Meinung geäußert. Der Geltungsanspruch der Sätze und die Rollen der Sprecher sind in beiden Fällen ganz verschieden. Die Wetterprognose kann an der Wirklichkeit scheitern und sich somit nachträglich als falsch herausstellen. Meine Meinung kann aber nicht im strengen Sinne falsch werden, denn als ich sie geäußert habe, habe ich ja wirklich geglaubt, dass es bald regnen werde.

Was ist nun der Unterschied zwischen Satz 1: „Ich bin der Meinung, dass Sex mit Ziegen verboten werden sollte.“ und Satz 2: „Ich bin der Meinung, dass Erdoğan Sex mit Ziegen hat.“? Satz 2 scheint ein ungewöhnlicher Sprachgebrauch von „Meinung“ zu sein. Das ist etwas, über das man gar keine Meinung haben kann. Es ist eine Behauptung, die sich je nach Beweislage als wahr oder falsch herausstellen kann. Satz 1 kann hingegen nicht wahr oder falsch sein, denn es ist ja nun einmal meine Meinung. Eine Meinung kann unbegründet, altmodisch oder unpassend sein, aber nicht wahr oder falsch. Die Meinungsfreiheit sollte für Sätze von Typ 1 gelten und nicht für Sätze von Typ 2 (das war jetzt eine Meinungsäußerung).

Jan Böhmermanns Äußerung „Erdoğan hat Sex mit Ziegen.“ ist gar kein Fall, in dem die Meinungsfreiheit greifen kann. Es ist aber auch nicht die Behauptung eines Nachrichtensprechers und sicherlich auch nicht die Äußerung eines Wissenschaftlers. Es ist der Satz, den ein Künstler in einem fiktionalen, distanzierten Kontext äußert. Die ganze Inszenierung macht das schon deutlich. Böhmermann trägt die Sätze in Reimform vor und wird von Musik begleitet – und zwar in einer Unterhaltungssendung. Er äußert weder seine persönliche, subjektive Meinung noch ist es eine Behauptung, mit der ein objektiver Geltungsanspruch verbunden ist. Böhmermann agiert hier wie ein Schauspieler, der in einer Rolle seinen Text spricht.

Die distanzierenden Anführungszeichen müssen bei der Rede eines Schauspielers implizit mitgehört werden. Es handelt sich um uneigentliche Rede. Das, was der Schauspieler sagt und das, was er denkt, müssen in gar keiner Beziehung zueinander stehen. Nicht die Meinung der Schauspieler steht im Drehbuch, sondern – wenn überhaupt – die Meinung einer fiktiven Figur. In diesem Fall ist es nur schwieriger zu erkennen, weil der Schauspieler Böhmermann den Fernsehmoderator Böhmermann spielt. Also geht es in der Causa Böhmermann gar nicht um Meinungs-, sondern um Kunstfreiheit. Wird es dadurch einfacher?

„Eine Zensur findet nicht statt.“

… heißt es in Artikel 5 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Dieser Artikel wird in der Debatte um Zensur und Verbote immer wieder angeführt. Er ist ein mächtiger, aber auch ein verschieden interpretierbarer Artikel. Das Problem liegt in seiner Struktur, die aus drei Absätzen besteht: Im ersten Absatz werden Meinungs- und Pressefreiheit garantiert, im dritten Absatz die Freiheit von Kunst und Wissenschaft. Kann also jeder – auch Böhmermann – sagen, was er will? Ganz so einfach ist es nicht, denn diese Rechte gelten nicht schrankenlos. Im zweiten Absatz werden die Rechte eingeschränkt: „Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.“ Aber auf welche Rechte bezieht sich „Diese“? Sind nur die Rechte des vorherigen Absatzes gemeint? Oder sind neben diesen Rechten auch jene gemeint, die erst im folgenden Absatz genannt werden? Sind nur die Meinungs- und Pressefreiheit eingeschränkt oder auch die Freiheit von Kunst und Wissenschaft? Mir als juristischen Laien erschließt sich das nicht aus der Lektüre des Artikels. Das ist ärgerlich, denn ich bin nicht nur ein Staatsbürger mit einer Meinung und als Autor bei postmondän tätig, sondern auch Künstler und Wissenschaftler. Ich bin also gleich vierfach von Artikel 5 betroffen und würde mir daher mehr Klarheit darüber wünschen, in welcher Rolle ich was sagen und tun darf und was nicht.

Der eigentliche Skandal, der sich im Neo Magazin Royale abspielte, wurde durch die Diskussion um Meinungs- und Kunstfreiheit natürlich ganz überschattet: Der eingeladene Studiogast, Ronja Rönne, hat in der Sendung eine Zigarette geraucht! Das ist sicherlich nicht durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Eigentlich hätte sie dazu vor die Tür gehen müssen. #rauchfrei

*Der Titel dieses Artikels ist keine Beleidigung, denn er steht zwischen Anführungszeichen.

Sextapes, Genderdebatte und Zensur

Rezension eines Sextapes?


Als Prominenter hat man es heutzutage wirklich nicht leicht: Da will man einfach nur Sex mit der Frau seines besten Freundes haben – und schwupps! – sechs Jahre später taucht ein Video davon im Internet auf und sorgt für einen Skandal, der Karriere und Privatleben ruiniert. So erging es Hulk Hogan, dem wohl bekanntesten Wrestler der Welt. Hogan (Terry Bollea) ist auf dem Video beim Sex mit Heather Clem, der Frau von „Bubba the Love Sponge“ zu sehen. Teile dieses Videos wurden im Mai 2012 auf der Online-Plattform Gawker veröffentlicht und Hogan klagte dagegen. Die sexuellen Handlungen waren aber nicht der Auslöser des großen Skandals, der dann erst 2015 entstand. Hogan wollte mit der Klage dafür sorgen, die Veröffentlichung des Sextapes zu verbieten und dadurch sein Image zu schützen. Ironischerweise ist es genau diese Klage, die dazu führte, dass weiteres Material an die Öffentlichkeit gelangte, das seinen Ruf noch weiter schädigte.

Skandalös war nämlich das, was der Hulkster verbal von sich gab, was aber nicht im veröffentlichten Videoausschnitt auf Gawker enthalten war. Hogan beschimpfte Afroamerikaner auf rassistische Weise und benutzte mehrfach das N-Wort. Die Transkription dieser Äußerungen lag dem Gericht vor, bei dem er Klage gegen Gawker eingereicht hatte, und gelangte von dort an den National Enquirer und RadarOnline, zwei Klatsch-und-Tratsch-Webseiten.

Die Äußerungen von Hogan sorgten für eine mediale Welle der Empörung und führten dazu, dass Hogans Arbeitgeber World Wrestling Entertainment (WWE) sich mit sofortiger Wirkung von ihm trennte. Doch nicht nur der aktuelle Vertrag zwischen WWE und Hogan wurde aufgelöst – viel interessanter ist der Versuch der WWE, sämtliche historischen Verbindungen zu ihrem einstigen Aushängeschild zu kappen.

Rewriting History

Hulk Hogan war jahrzehntelang das perfekte Maskottchen für das Unternehmen, das positive, strahlende Gesicht der Company in seinem gelb-roten Kostüm, muskelbepackt und braungebrannt. In Millionen Kinderzimmern hing er als Poster an der Wand und predigte im Fernsehen, dass man Vitamine zu sich nehmen und immer das richtige tun müsse. Das war in den 80er und 90er Jahren, als alles, was aus den USA kam, per se cool war. Dadurch konnte die WWE zu einem globalen Imperium heranwachsen. Heute genügt es im Wrestling-Business jedoch nicht mehr, im Ring und am Mikrofon gute Leistungen zu zeigen – auch das Privatleben muss makellos sein, denn jeder Fehltritt wird in den sozialen Medien in Sekundenschnelle weltweit verbreitet. Die WWE ist heute ein globales Medienunternehmen, das an der Börse gehandelt wird. Ein sauberes, positives Image ist daher überlebenswichtig. Eine Verbindung zu einem Rassisten ist geschäftsschädigend, da sie Investoren, Sponsoren und Werbepartner abschreckt. Es reicht daher nicht aus, die Zusammenarbeit mit Hulk Hogan in Gegenwart und Zukunft zu beenden, auch die Vergangenheit muss entsprechend angepasst, gesäubert werden.

Als unmittelbare Folge des Rassismus-Skandals löschte die WWE Hogans Profil und „sämtliche Erwähnungen von Hogan auf wwe.com“„. Nur noch indirekt kann man Videoausschnitte finden, in denen er zu sehen ist. Auch aus der Hall of Fame wurde er entfernt. Der größte Star in der Geschichte des Wrestlings hat quasi nie existiert. Die Geschichte wurde somit umgeschrieben. Wenn die Vergangenheit nachträglich geändert wird, verschwinden – so die Hoffnung – auch die Probleme der Gegenwart.

Solch ein Vorgehen ist zwar sehr bizarr und erinnert an das „Ministerium für Wahrheit“ aus Orwells 1984. Aber bei einer Wrestlingorganisation ist das durchaus verzeihlich. Es handelt sich um eine private Firma, die Unterhaltung anbietet. Wie sie sich in der Öffentlichkeit präsentiert, ist ihre Entscheidung. Wie jeder weiß, ist Wrestling eine Show, in der die Sieger der Matches im Vorfeld bestimmt werden. Die Storywriter können die Zukunft nach ihren Wünschen entwerfen. Da scheint es nur konsequent, dass sie auch die Vergangenheit manipulieren. Sie sind nicht verpflichtet, die Vergangenheit aufrichtig und unverzerrt darzustellen. Doch wie sieht es mit den öffentlich-rechtlichen Medien aus?

Frank Plasberg is running wild!

Darf eine Fernsehsendung aus einer Onlinemediathek gelöscht werden, nachdem sie ausgestrahlt wurde? Mit dieser Frage sahen sich die Verantwortlichen der ARD-Talkshow Hart aber fair konfrontiert. Die Sendung vom 2. März 2015 sorgte in der deutschen Medienwelt für einen Skandal. Zwar wurde der Moderator Frank Plasberg nicht aus der Hall of Fame entfernt, aber gelitten hat sein Image allemal. In der Sendung mit dem Titel „Nieder mit den Ampelmännchen – Deutschland im Gleichheitswahn?“sollte darüber diskutiert werden, wie der Stand der Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen in Deutschland ist, was dabei aktuell schief läuft und was geändert werden soll. Die geladenen Gäste waren die Autorin Anne Wizorek, Anton Hofreiter von den Grünen, die Publizistin Birgit Kelle, Wolfgang Kubicki von der FDP sowie Sophia Thomalla, die dabei war, weil sie auch eine Meinung zu dem Thema hat.

Die Zuschauerreaktionen während und nach der Sendung waren heftig. Es wurde nicht nur über die Inhalte und Argumente gestritten, sondern vor allem über die Form. Kritisiert wurde, dass die Themen nicht seriös genug behandelt und die falschen Gäste eingeladen wurden. Nicht nur einige der Talk-Gäste, sondern auch der Moderator und die Redaktion hätten das Thema ins Lächerliche gezogen und sich sexistisch geäußert. Ähnlich wie bei Hogans Sextape war diese erste Reaktion auf die Veröffentlichung rückblickend betrachtet aber das kleinere Übel. Der volle Skandal entfaltete sich erst, als das Video der Sendung im August aus der ARD-Mediathek entfernt wurde. Dies wurde als Zensur bzw. Selbstzensur wahrgenommen und der Aufschrei und das Entsetzen waren groß. Es wurde um die Presse- und Meinungsfreiheit gefürchtet. Schließlich war der Druck so groß, dass die Sendung wieder in die Mediathek gestellt wurde. Auf Youtube gab es ohnehin Kopien des Videos. Das Ganze war eine skurrile und ungeschickte Form des Krisenmanagements, aber damit hätte man es nun bewenden lassen können. Doch offenbar hatte man bei ARD bzw. WDR sich die Kritik sehr zu Herzen genommen.

Reenactment einer Talkshow

Der erste Fehler war, die Sendung aus der Mediathek zu entfernen und dadurch scheinbar zu zensieren. Anstatt die Sendung nun wieder freizugeben und eine Diskussion um den Inhalt zuzulassen, geschah nun der zweite Fehler: Sie wurde am 7. September 2015 wiederholt. Sie wurde aber nicht in der ursprünglichen Form erneut ausgestrahlt, sondern quasi neu aufgeführt. Ein Reenactment. Das gleich Thema sollte erneut, diesmal aber ernsthafter, diskutiert werden. Alles aus Anfang, Klappe die zweite!

Die schlechte Originalsendung sollte von einer verbesserten Version überschrieben werden, um den Zuschauern zu zeigen, dass man professionell sein kann und den Auftrag einer lebendigen öffentlichen Meinungsbildung ernst nimmt. Der Titel der Neuauflage klingt allerdings so, als wäre die Redaktion etwas eingeschnappt: „Der Gender-Streit: Was darf zu Mann und Frau gesagt werden?“.

Die Auswahl der Gäste stand, wie gesagt, in der Kritik. Die Konsequenz: Dieselben Gäste wurden erneut eingeladen! Erweitert wurde die Runde nur um Sybille Mattfeldt-Kloth, stellvertretende Vorsitzende des Landesfrauenrats Niedersachsen, der eine Programmbeschwerde eingereicht hatte, da er in der Originalfassung der Sendung die Gleichberechtigung nicht gegeben sah. Plasberg beschönigte die Neuauflage der Sendung als ein Fernsehexperiment. Ein solches Vorgehen ist beispiellos in der Geschichte der ARD. Aber was ist ein Eintrag in dieses Geschichtsbuch wert, wenn es nachträglich verändert werden kann? In Zukunft wird man sich fragen müssen: „Welche Version der Sendung sehe ich denn gerade? Die Originalfassung, den Director’s Cut oder die Version, in der Frank Plasbergs Texte von WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn geschrieben wurden?“

Kaum besser als die Originalversion

Die Neuauflage der Sendung war leider erneut eine Enttäuschung. Einzelne Versuche der Gäste, über das eigentlich Thema zu debattieren, wurden von Plasberg lange unterdrückt und stattdessen wurde auf der Metaebene die Struktur der ersten Sendung und das Vorgehen des WDR analysiert. Zu diesem Zweck war auch Jörg Schönenborn eingeladen. Eine gute halbe Stunde wurde über das Löschen der Sendung und die Kompetenz der eingeladenen Gäste gestritten. Die Sendung beschäftigte sich also mit dem Grund ihrer Existenz. Das Thema Gleichberechtigung der Geschlechter wurde hingegen inhaltlich kaum vorangebracht. Das ist symptomatisch für eine Debattenkultur, in der es nicht um Argumente für Positionen geht, sondern um die Form, die Fassade, die kosmetische Hülle, die den Zuschauern präsentiert wird. Mit dem Reenactment der Sendung sollte guter Wille gezeigt werden, sich einem wichtigen gesellschaftlichen Thema zu widmen. Es sollte zeigen, dass man sich wirklich bemüht. Vieles von dem, was die Talkgäste von sich gaben, waren allerdings bloße Meinungen und – wie so oft – Beispiele von Einzelfällen aus dem Bekanntenkreis, die als Beleg für dieses oder jenes herhalten mussten.

Die öffentlich-rechtlichen Medienanstalten sollten weder skandalöse Meinungen zensieren noch eine misslungene Sendung neu produzieren. Sie sollen sich der Diskussion stellen, die eine ausgestrahlte Sendung auslöst. Wenn eine Äußerung politisch nicht korrekt ist, unbequem oder falsch, muss sie gerade deswegen weiterhin für die Öffentlichkeit abrufbar sein. Nur in der Diskussion kann sich dann zeigen, dass und warum eine Meinung richtig oder falsch ist. Das unterscheidet eine Talkshow im öffentlich-rechtlichen Fernsehen von Unterhaltungssendungen und Imagekampagnen.

Zensur im digitalen Zeitalter

Zensur gibt es schon solange, wie es Medien gibt. Durch die Digitalisierung ist sie aber heute viel bequemer durchführbar als im Analogzeitalter. Digitale Archive können mit einem Mausklick gelöscht werden, während Archive in Papierform mühsam geschwärzt, geschreddert oder verbrannt werden müssen. Digitale Suchanfragen können blockiert werden oder die Schlagworte zu einem Video entfernt werden. Dadurch wird es dann für die Internetbenutzer_innen unsichtbar. Der große Vorteil: Sobald sich die Empörung gelegt hat, kann das digitale Material einfach wieder freigeschaltet werden. Verbrannte Bücher lassen sich nicht ohne weiteres wiederherstellen.

Aber der Vorteil der digitalen Zensur ist gleichzeitig ihr größter Nachteil: Sobald ein Video einmal online veröffentlicht wurde, können weltweit auf beliebig vielen Computern Kopien davon existieren und im Umlauf sein. Das Recht auf Vergessen besteht theoretisch; praktisch durchsetzen lässt es sich kaum.

Genauso schnell wie ein Video im Internet geteilt werden kann, sind Leute mit Meinungen und Kommentaren zur Stelle. Aus dem Recht auf freie Meinungsäußerung folgt jedoch nicht die Pflicht, zu allem und immer seine Meinung zu äußern. Ein Shitstorm im Internet ist aus vielen Gründen problematisch, aber zu glauben, ein Shitstorm schade einer Fernsehsendung, ist naiv. Das Gegenteil wird bewirkt: Durch das gesteigerte mediale Interesse profitiert die Sendung davon, da mehr potentielle Zuschauer überhaupt auf sie aufmerksam werden. Wenn man die Redaktion einer Sendung tatsächlich abstrafen will, sollte man das einzige Mittel benutzen, das in der Logik der Medien etwas bewirken kann: Stille.

Im Wrestling kämpft üblicherweise ein Guter, ein Held, ein Publikumslieblinge gegen einen Bösen. Wenn der Gute vom Publikum bejubelt und der Böse ausgebuht wird, haben beide ihren Job gut gemacht. Totale Stille im Publikum ist die effektivste Methode, den Verantwortlichen zu zeigen, dass man mit der Show unzufrieden ist.