Kategorie: Kultur

Der reaktionäre Blick auf 100 Jahre Krieg

Während Deutschland noch im Taumel des Jubiläums der Russischen Revolution ist und damit endlich das Reformationsjahr hinter sich lassen kann, dreht der Historiker Gregor Schöllgen die Erinnerungsdebatte schon weiter. Denn er sieht sich in seinem Buch Krieg. Hundert Jahre Weltgeschichte, ausgehend von Russland 1917, die vergangenen 100 Jahre Weltgeschichte an – und kommt zu dem Schluss, dass es sich dabei um eine Geschichte der Kriege auf globaler Ebene handelt. Leider hat sein Sachbuch an sonstigen Erkenntnissen nicht viel zu bieten.


Schon sein Ausgangspunkt ist zweifelhaft und wirkt künstlich gewählt, um das Jubiläumsjahr der Revolution zu bedienen. Näherliegend wäre es für 100 Jahre Kriegsgeschichte den Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 zu wählen, und selbst wenn man sich für 1917 entscheidet eher den Kriegseintritt der USA, denn die Russische Revolution zu wählen, betrachtet man doch gerne das 20. Jahrhundert als amerikanisches Jahrhundert. Doch Schöllgen muss antisowjetische Reflexe bedienen. Denn die Bolschewiki seien (wie auch der Vietkong) Putschisten gewesen, die mit ihrer Idee der gesamten Welt den Krieg erklärt hätten.

Abgesehen davon, dass er bewusst pejorative Begriffe wie Putsch für Revolutionen gebraucht, hat er scheinbar den Bedeutungsgehalt solcher Begriffe in seiner unsachlichen Abneigung missverstanden, da ein Putsch von einer Herrscherclique in der Minderheit ausgeführt wird, oder auch eine gescheiterte Revolution beschreibt. Beides ist, auch wenn die Bolschewiki de facto eine Minderheit waren, nicht der Fall gewesen. Darüber hinaus zeugt dies von einer ideengeschichtlichen Unkenntnis Schöllgens: Denn erstens erklärt der Sozialismus nicht der Welt, sondern „nur“ dem Kapitalismus den Kampf (es heißt Klassenkampf, nicht Klassenkrieg), und zweitens, unterscheidet der Autor nicht zwischen dem trotzkistischen Konzept der permanenten Revolution bis zur Weltrevolution und dem Stalinismus als Sozialismus in einem Lande, ohne globalen Anspruch.

Hitler dagegen wird von Schöllgen als Putschist (im Hinblick auf 1923 ist das korrekt) und Revolutionär bezeichnet (im Hinblick auf 1933 ist das falsch, da die nationale Revolution ein Mythos ist). Es wirkt mehr als bedenklich, wenn Schöllgen die Realitäten so verschiebt, und es zusätzlich für sicher hält, Stalin habe einen Präventivschlag gegen Nazideutschland geplant, natürlich ohne dass in der Monographie irgendein Beleg angeführt wird. Eine solche Verschiebung könnte man nicht nur als antirevolutionär, restaurativ und antisowjetisch klassifizieren, sondern auch als relativierend gegenüber den Verbrechen der Feinde der Sowjetunion. Auch wenn Schöllgen sicherlich in Bezug auf Hitlerdeutschland nicht darauf hinaus will, könnte dieser Verdacht durch seine verquere Argumentation entstehen.

Von dort aus geht Schöllgen bis zum Beginn des Kalten Krieges weitgehend chronologisch vor und subsummiert die Kriegsphasen unter vereinfachte Schlagworte. Zwischen den Erläuterungen zum Zweiten Weltkrieg und dem Beginn des Kalten Krieges jedoch wird sein Zugang systematischer; sprich, er geht einzelne Charakteristika des Kalten Krieges und der Phase danach, wie Wett- und Abrüsten, durch und arbeitet damit dekadenübergreifend. Diese Teilung in Chronologie und Systematik wirkt ebenfalls willkürlich gewählt und nimmt dem Buch die Übersichtlichkeit. So hat er etwa ein Kapitel zu ethnischen Säuberungen zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg verfasst, das aber eben nicht die Phase der Nachkriegszeit umfasst und daher unsystematisch wirkt. Die späteren Kapitel wirken dafür teilweise recht sprunghaft.

Doch auch für die Phase des Kalten Krieges hat Schöllgen einige reaktionäre Weisheiten zu bieten. So unterteilt er die Blöcke tatsächlich in den freiheitlichen Westen unter amerikanisch-britischer Kontrolle und der unterdrückerischen Sowjetunion, was den irrsinnigen Anschein erweckt, der Westen sei ein gelungenes und eben nicht repressives System. Diese Simplifizierung, die eines jeden Intelligenz beleidigen muss, führt Schöllgen aber rund 100 Seiten später selbst ad absurdum. Denn dann weist er auf dem parallel verlaufenden Nord-Süd-Konflikt hin und gibt zu, die USA hätten sich sowohl hier als auch im Ost-West-Konflikt dilettantisch, ignorant und arrogant verhalten. Inwiefern eine ignorante Imperialpolitik freiheitlich sein soll, beantwortet der Historiker nicht.

Dafür hat Schöllgen noch ein paar Binsen zur Implosion der Sowjetunion 1991 zu bieten. Denn sowohl diese Erniedrigung Russlands wie auch die im Ersten Weltkrieg seien eine Erklärung für die Politik Wladimir Putins, die dem Land das Selbstbewusstsein als Großmacht zurückgeben will. Abgesehen davon, dass Putin dieses kritikwürdige Versprechen hält, handelt es sich dabei nicht gerade um eine tiefsinnige Erkenntnis, wegen der man Schöllgens Buch zu lesen bräuchte. Ähnlich verhält es sich bei den letzten Kapiteln zu Terrorismus und Flüchtlingen. Aufgrund des summarischen Charakters vieler Kapitel, fällt es schwer, mehr als nur eine Aneinanderreihung von Fakten zu erkennen – und dafür wäre jedes Lexikon oder Handbuch fruchtbarer.

Man gewinnt kaum Neues aus Schöllgens Buch, außer bekannter Daten und Banalitäten, wie der ausgelutschten These, die Nachkriegsphase sei in einen Dritten Weltkrieg gemündet, wegen globaler Krisen, Stellvertreterkriegen und dem globalen War on Terror etc. Und selbst wenn das noch als überschaubare Sammlung oder Einführung in die Weltgeschichte der vergangenen 100 Jahre fungieren könnte, so machen Schöllgens Ressentiments gegen alles Soziale oder Sozialistische Krieg nur zu einer Hassrede, voller reaktionärer Klassifizierungen. Vielleicht sollte sich Gregor Schöllgen wieder von der internationalen Politik abwenden, jetzt da er emeritiert ist, und sich abermals mit dem beschäftigen, was er die letzten Jahre gemacht hat: sehr wohlwollende Portraits deutscher Firmen schreiben oder eine Biographie über irgendeinen Sozialdemokraten. In beiden Metiers war er weniger störend als auf dem Parkett der Weltgeschichte.


Krieg. Hundert Jahre Weltgeschichte erschien 2017 bei der Deutschen Verlagsanstalt in München, hat 368 Seiten und kostet 24 Euro.
Titelbild: © DVA / Verlagsgruppe Randomhouse

Die Polarisierung der Welt. 1917. Revolution.

DHM 1917 Revolution

Epochenjahr 1917: Das Deutsche Kaiserreich erklärt den „uneingeschränkten U-Boot-Krieg“, die USA treten in den Ersten Weltkrieg ein – und in Russland bricht eine Revolution los, die die Welt aus den Angeln heben wollte. In der fulminanten Ausstellung „1917 Revolution – Russland und Europa“ beleuchtet das Deutsche Historische Museum zum hundertsten Jubiläum der Oktoberrevolution die weitreichenden Folgen des Urknalls des 20. Jahrhunderts und verzahnt dabei auf eindrucksvolle Weise gesellschaftliche Dynamik und Ereignisgeschichte mit künstlerischen Rezeption


Gesäumt von Schaukästen links und rechts, in denen anhand stellvertretender Kleidungsstücke die Gesellschaftsschichten des feudalistisch-vorrevolutionären Russlands präsentiert werden, erscheint zentral, am Ende des ersten Raumes, ein Portrait der russischen Zarenfamilie. Je mehr man sich dem Bild nähert, umso deutlicher tritt ein bärtiger Männerkopf schemenhaft bedrohlich aus dem Bildhintergrund hervor und überlagert die Gesichter der Familie Romanow – ein Hologramm? Erst unmittelbar vor dem Portrait stehend erkennt man, dass hinter der dünnen Leinwand eine überlebensgroße Büste des Philosophen Karl Marx aufgestellt worden ist. Treffend wird hier die starre und siechende Welt des Zarenhofes mit derjenigen Philosophie kontrastiert, die als Vehikel benutzt wurde, um eben jene durch den Zaren symbolisierte Ordnung hinwegzufegen. Zeitgleich irritiert Marx in der Ouvertüre dieser Ausstellung: Seiner Geschichtsphilosophie gemäß hätte die Revolution in einem industriell hoch entwickelten Land, etwa dem Kaiserreich, ausbrechen müssen – aber nicht im landwirtschaftlich geprägten Russischen Zarenreich, welches man im ersten Raum der Ausstellung kennenlernt. Wie ist es also möglich, dass gerade die starre russische Feudalgesellschaft binnen nicht einmal eines Vierteljahrhunderts dermaßen in Bewegung geriet, dass nicht nur der Zarismus beseitigt, sondern die gesamte Ordnung auf den Kopf gestellt und für Europa den Anbeginn eines Zeitalters zwischen den Polen der extremen Ideologien eingeläutet wurde?

Um die sich überschlagenden Ereignisse narrativ in gelenkte Bahnen zu bringen, wird die Perspektive in der Ausstellung zuerst tunnelartig verengt. Folgt der Besucher anfangs noch auf eng verschlungenen und serpentinenhaften Wegen dem ereignisgeschichtlichen Gang der innerrussischen Geschichte vom „silbernen Zeitalter“ über den Ersten Weltkrieg bis hin zum doppelten Revolutionsjahr 1917, so wird der Blick im zweiten Teil der Ausstellung erweitert: Mit sechs Kabinetten, die sich jeweils einem europäischen Land widmen, werden die vielseitigen Folgen des Revolutionsjahres, die Verfolgungen, die Massenemigration des Adels aber auch die Entstehung konterrevolutionärer und faschistischer Bewegungen, multiperspektivisch aufgezeigt. Die Weltrevolution, kühnes Ziel der Bolschewiki, konnte durch die russische Revolution und die darauffolgenden verheerenden Bürgerkriege nicht ausgelöst werden, dies wird durch die gesamteuropäische Perspektive nur allzu offensichtlich. Jedoch war sie als Gefahr für die bürgerliche Gesellschaft und als Kontrapunkt zu den entstehenden faschistischen Bewegungen der 20er Jahre stets präsent. Mit dem Oktober 1917 fand der Totalitarismus Eingang in die Moderne.

Wie stark Anspruch und Wirklichkeit der Revolution bisweilen auseinanderklafften, veranschaulicht ein monumentales Gemälde im Zentrum der Kabinette, es kann als Herzstück der Ausstellung angesehen werden: Isaak Brodskis Epochalwerk zur Eröffnung des II. Kongresses der Kommunistischen Internationalen (Komintern) aus dem Jahr 1924, an der über 200 Delegierte aus Asien und Europa teilnahmen, zeigt Lenin bei einer Rede, in der er den bewaffneten Kampf für die Errichtung der „Diktatur des Proletariats“ propagiert. Hauptziel des Kongresses war es, die Revolution nach bolschewistischem Vorbild in die Welt zu tragen, einen internationalen Flächenbrand auszulösen. Angestrebt war eine rigide Kaderdisziplin, alle kommunistischen Parteien hatten sich an den Richtlinien Moskaus auszurichten. Tagte die Komintern in den Folgejahren noch jährlich, vergrößerten sich die Abstände in den späten 20er Jahren immer mehr, 1943 wurde die sie aufgrund des gemeinsamen Kampfes der Sowjetunion mit den Westalliierten im Zeiten Weltkrieg endgültig aufgelöst. Auch Stalin, vor dem Lenin kurz vor seinem Tod noch gewarnt hatte, und mit dem Zwangskollektivierung und der „Große Terror“ kamen, ist auf dem Gemälde anhand seines markanten Bartes schon deutlich identifizierbar.

Und doch, so widersprüchlich dies auch klingen mag, weist die Ausstellung auch sehr ästhetisch ansprechende, ja „schöne“ Seiten auf. Insbesondere der erste Teil der Ausstellung, der sich dem „silbernen Zeitalter“ widmet, ist besonders gut gelungen. Es wird das Bild einer sich nach der Revolution 1905 und der zaghaften demokratischen Öffnung im Wandel befindlichen bürgerlichen Gesellschaft gezeigt, die sich – ähnlich der Mittelschichten während der ersten Phase der Französischen Revolution –Grundrechte, Freiheit und Gleichheit erhoffte. Das Aufblühen der Kunst, Malewitsch und Kandinsky, die sich entfaltende und künstlerische Avantgarde, die sich vom rigiden und engen Kunstbegriff des Zarismus emanzipierte – dies alles offenbart den Facettenreichtum einer sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts im Aufbruch befindlichen Gesellschaft.

So entsteht ein äußerst breit angelegtes, Vor- und Rezeptions-, Ereignis- und Kunstgeschichte integrierendes Panorama, ein multiperspektivisches Panoptikum, bei dem zwangsläufig auch einige Aspekte etwas zu kurz kommen. Dies ist insbesondere schade, wenn es sich um die „großen Erzählungen“ handelt, die zur Mythifizierung der Oktoberrevolution und ihrer Ausprägung zum europäischen Erinnerungsort massiv beigetragen haben: So gerät Lenins berühmte Reise im (anscheinen doch nicht plombierten) Zug – immerhin war diese Episode Stefan Zweig eine seiner berühmten historischen Miniaturen wert – zu einer Randnotiz, die in die wortwörtlich dunkelste Ecke des Raums zur Oktoberrevolution verbannt worden ist. Auch in Anbetracht der unmittelbaren Nähe des Deutschen Historischen Museums zum Stadtschloss, bei dem just jener Balkon restauriert wurde und jetzt wieder für Besucher sichtbar ist, von dem Karl Liebknecht 1918 die Revolution in Deutschland ausgerufen hatte, ist zu Recht bereits die Frage gestellt worden, warum das DHM diese Steilvorlage nicht angenommen hat. Hingegen verdeutlicht der Blick auf die Nachbarländer in der Ausstellung äußerst eindrucksvoll, wie Utopie und Realität des Kommunismus sich mit wechselseitiger Dynamik bedingten und auch, dass geschichtlicher Fortschritt letzten Endes nicht planbar ist. Lenin hatte auf eine Fortführung der Revolution in Deutschland hoffen müssen, um die marxistische Idee des Wegs in den Sozialismus ausgehend von einem hochindustrialisierten kapitalistischen Land aus umzusetzen. Liebknecht und Rosa Luxemburg wurden in den Wirren des Spartakus-Aufstandes 1919 in Berlin ermordet. Die sozialistische Revolution blieb aus.

Was hingegen bleibt von der „Großen Revolution“? Am Anfang der Ausstellung werden dem Besucher per Videobotschaft auf die Frage verschiedene Erklärungsansätze öffentlicher Personen, u. a. Marianne Birthler, Gregor Gysi oder Wladimir Kaminer, präsentiert – eindeutig lässt sie sich dennoch gerade nach dem Besuch der Ausstellung nicht beantworten.

Und Lenin? Eingangs begrüßt er den Zuschauer im Foyer als Statue, gütig lächelnd und volksnah mit Schiebermütze. Seine sterblichen Überreste, die im Mausoleum am Roten Platz einbalsamiert zur Schau gestellt werden, sein in Formalin eingelegtes Hirn im Medizinischen Institut, sie sind immer wieder Anlass für Diskussionen in der Duma. Bisher wagt man noch nicht, den Revolutionsführer endgültig zu Grabe zu tragen. Im DHM begegnet er dem Zuschauer am Schluss noch einmal als Teil von Alexander Kosolapovs grellroter Skulpturengruppe „Hero, Leader, God“. Lenin und Jesus, in SozArt-Manier ausgestaltet, nehmen hier Mickey Mouse zwischen sich an ihre Hände. Alle drei erscheinen dem Betrachter als Götzen der Massenkultur des 20. Jahrhunderts.

Mit dem Zusammenbruch Sowjetunion 1994, deren Gründungsmythos die „Große Sozialistische Revolution“ mit Lenin als Fixstern war, endete das Zeitalter der bipolaren Weltordnung. Die Skulpturengruppe fordert nicht nur zur Beurteilung des Stellenwertes der Revolution aus, sondern auch zur Hinterfragung des eigenen Verhältnisses zu Ideologie, Personenkult und Heldenverehrung und wie bewusst wir uns ihrer eigentlich sind.


1917. Revolution.

Russland und Europa

18. Oktober 2017 bis 15. April 2018

Deutsches Historisches Museum

Neue Ausstellung „1917. Revolution. Russland und Europa“ im DHM

DHM 1917 Revolution

Seit dem 18. Oktober gibt es im Deutschen Historischen Museum in Berlin eine neue Ausstellung zu begutachten. Wir durften zur Eröffnung bei einem Social-Media-Event mitsamt Führung durch die Ausstellung dabei sein und möchten einige unserer Eindrücke mit euch teilen!


Vom 18. Oktober 2017 bis zum 15. April 2018 läuft im Deutschen Historischen Museum die Ausstellung „1917. Revolution. Russland und Europa“,  die sich mit den revolutionären Ereignissen in Russland und den damit verbundenen systemischen und kulturgeschichtlichen Veränderungen beschäftigt. Wir wollen euch heute auf die Ausstellung aufmerksam machen und einige unserer Social-Media-Fotos zusammenstellen – eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Ausstellung veröffentlichen wir als eigenständigen Artikel in den nächsten Wochen.

Die Lage in Russland vor der Revolution im Spiegel der Kunst:

Revolution 1917: Nicht nur auf Flaggen wird der Zar von der Farbe Rot verdrängt:

Auftritt Lenin…

… der im DHM auch in einer der inklusiven Erlebnisstationen erfahrbar ist:

Der neue kommunistische Staat wurde propagandistisch als Vielvölkerstaat in Szene gesetzt…

… aber auch anderswo als Feindbild inszeniert:

Die Ausstellung thematisiert nicht nur die verschiedenen Perspektiven auf die Revolution, sondern auch die erheblichen Migrationsbewegungen in der Folge des Bürgerkrieges:

Zitat DHM: „Die Russische Revolution war ein Schlüsselereignis für das Verständnis des 20. Jahrhunderts und ein Wegbereiter für die Polarisierung der Welt in zwei Lager. Daran zu erinnern, ist für das Verständnis der deutschen und europäischen Geschichte von herausragender Bedeutung.“

Zum Ende der Ausstellung werden zeitgenössische Perspektiven auf die Revolution vorgestellt:

Alle Informationen zur Ausstellung auf der Webseite des Deutschen Historischen Museums.

Noch mehr Eindrücke vom Social Media Event in der Story #DHMRevolution.

Und in Kürze dann unser tiefergehender Artikel!

„Es starben den Heldentod für Kaiser und Reich in Deutsch Südwestafrika…“

Lara Favarettos „The Stone“ aus der Reihe „Monumentary Moments“ steht im Rahmen der Münsteraner Skulptur Projekte in unmittelbarer Nähe zu einem verwitterten Kolonialdenkmal und weist auf Leerstellen der postkolonialen Erinnerungskultur im Umgang mit Imperialmonumenten in der Bundesrepublik hin.


„Kolonialamnesie“ war den Deutschen lange unterstellt worden. Angesichts des Zivilisationsbruchs des Holocausts und der Verbrechen des Zweiten Weltkriegs haben die Geschehnisse der 30 Jahre andauernden kolonialen Episode des Kaiserreichs, die mit dem Verlust der Kolonien nach dem Ersten Weltkrieg endete, zumindest in der Erinnerungskultur der Bundesrepublik lange Zeit keine große Rolle gespielt. Wurden die der Folgezeit während der Weimarer Republik überall aufgestellten Kolonialdenkmäler nach dem Zweiten Weltkrieg in der DDR aus antiimperialistischer Motivation heraus demontiert, so blieben sie im Westen bestehen und ragten so lange Zeit wie erratische Monumente aus einer längst vergessenen und versunkenen Epoche ohne sichtbare Funktion in die Gegenwart hinein.

Das Train-Denkmal in Münster (1925)

Jedoch: Seit langem fordern Aktivisten und Nachkommenverbände die Anerkennung kolonialer Verbrechen, insbesondere des Völkermordes an den Herero und Nama. Im Zuge der Bundestagsdebatte um den Völkermord an den Armeniern 1915 im Osmanischen Reich bezeichnete Bundestagspräsident Norbert Lammert auch das Vorgehen gegen die Herero und Nama in der damaligen Kolonie Süd-West, dem heutigen Namibia, als Völkermord. Jahrelang hatten sich Bundesregierungen davor gedrückt, das Vorgehen gegen die namibischen Bevölkerungsgruppen als das zu bezeichnen, was es war.

Im Januar 1904 hatten sich unter der Führung Samuel Mahareros einzelne Herero-Gruppen gegen die deutschen Kolonialherren erhoben. Schnell wurde deutlich, dass sich der Kampf der Herero gegen die kolonialen Unterdrückungsstrukturen allgemein richtete. Der schon zuvor bereits beim „Boxeraufstand“ in China eingesetzte Generalleutnant von Trotha ging skrupellos gegen die Aufständischen vor, ließ die Überlebenden nach der „Schlacht am Waterberg“ in die Omahekewüste treiben und den Zugang zu Wasserstellen abriegeln sowie auf Angehörige der Herero schießen, sollten diese sich zeigen. Dieser „Vernichtungsbefehl“ wurde vom Reichskanzler aufgehoben, sobald er in Berlin bekannt geworden war. Für tausende Herero, die zu diesem Zeitpunkt bereits in der Wüste umgekommen waren, kam diese Kehrtwende zu spät.

Zieht man Trothas Tagebuchaufzeichnungen hinzu, so treten seine Absichten, „dass die Nation [der Herero] als solche vernichtet werden muss“ unmissverständlich hervor. Ende 1904 erhoben sich unter der Führung Hendrik Witboois auch die Angehörigen der Nama. Bis 1908 zogen sich die Kampfhandlungen hin und kosteten mindestens 50000 Afrikaner das Leben. Die gegenwärtige Forschung geht davon aus, dass die deutsche Kriegsführung und der Umgang mit Kriegsgefangenen dazu geführt hatten, dass 50 Prozent der Gesamtbevölkerung der Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 den Kriegshandlungen zum Opfer gefallen sind.

Lange verdrängt, hat sich vieles inzwischen geändert. Das Gedenken an den Völkermord ist im Begriff institutionalisiert zu werden und bereits Bestandteil vieler Schulcurricula. Die deutschen Kolonialverbrechen können öffentlich weder marginalisiert noch in Abrede gestellt werden. Dass sich die gesellschaftliche Wahrnehmung der Kolonialvergangenheit in einer Transformationsphase befindet, offenbart auch die letztjährige große Ausstellung zum deutschen Imperialismus im Deutschen Historischen Museum. Und auch ein anderer Aspekt an der Ausstellung ist interessant: Am Ende der Ausstellung stieß der Besucher auf das in den 1960er Jahren demontierte und beschmierte Denkmal des für seine Strafexpeditionen gefürchteten ehemaligen Gouverneurs von Deutsch-Ostafrika, Hermann von Wissmann. So offensichtlich die Herrenreitersymbolik des Denkmals dem Besucher entgegentritt, so ratlos entlässt es ihn mit offenen Fragen aus der Ausstellung: Wie soll mit den öffentlich immer noch sichtbaren Versatzstücken imperialer Herrenmenschenhybris im öffentlichen Raum umgegangen werden?

Quelle: Twitter

Nach wie vor gibt es in deutschen Städten nach Carl Peters benannte Straßen, ja sogar eine „Mohrenstraße“. Auch der Umgang mit vielen steinernen Monumenten der Kolonialzeit erscheint in diesem Zusammenhang mehr als fragwürdig. Da die Denkmäler nach dem Zweiten Weltkrieg auf nichts mehr verwiesen, und man sich als nicht unmittelbar betroffener Akteur der Dekolonisierung auch nicht von postkolonialen Debatten betroffen fühlte, ließ die westdeutsche Politik die Denkmäler lange vor sich hinschlummern. Sie hatten ihre Funktion für das kulturelle Gedächtnis so oder so verloren und fanden bis in die 1980er Jahre hinein nicht viel Beachtung.

Wer sich dennoch mit ihnen beschäftigt, stößt auf Geschichten, die beispielhaft für den Umgang der Bundesrepublik mit ihrer Kolonialvergangenheit sind. Eines der Denkmäler, das sogenannte „Train-Denkmal“, steht unscheinbar auf einer Promenadenwiese am Ludgeriplatz im Westfälischen Münster. 1925 errichtet vom Traditionsverein des Westfälischen Trainbataillons Nr. 7, sollte es dem Gedenken der Gefallenen der Einheit im Ersten Weltkrieg dienen. Waren schon bei der Einweihung des Denkmals revanchistische Reden zu vernehmen, so erfuhr das Denkmal 1928 seine endgültige Umdeutung zum Kolonialdenkmal durch die Einlassung von zwei Platten, die an zwei Gefallene – vom „Heldentod für Kaiser und Reich“ spricht die Inschrift – der Einheit im Kolonialkrieg 1904 – 1907 und einen gefallenen Trainsoldaten bei der Niederschlagung des Boxeraufstandes erinnern.

Widmungstafel am Train-Denkmal (1928)

Höchstwahrscheinlich waren beide Gedenktafeln zuvor in der Kaserne des Bataillons angebracht. Warum die Tafeln erst relativ spät Teil des Denkmals wurden, ist nur schwer zu rekonstruieren. Neben dem wachsenden Revisionismus der späteren Weimarer Republik ist jedoch auch zu beachten, dass der Dienst bei den Schutztruppen im Kaiserreich nicht sonderlich gut angesehen war. Außerdem war das katholische Münster eine Hochburg der kolonialkritisch ausgerichteten Zentrumspartei.

Die nachträgliche Anbringung wirft also nicht nur ein Schlaglicht auf das Gedenken an die Gefallenen des Hererokrieges sondern auch auf die Revanchegelüste der Rechten in der Weimarer Republik, die sich nach dem Verlust der Kolonien 1921 „im Schmollwinkel der Außenstehenden“ (Horst Gründer) befunden hatten. Die zur gleichen Zeit an Auftrieb gewinnenden Nationalsozialisten nahmen diese Steilvorlage gerne auf: Sowohl bestanden Schnittmengen im sozialdarwinistischen Menschenbild, als auch in der Überzeugung, dass das deutsche Volk mehr Raum benötige. Auch wenn Hitler nie vorhatte, an die Kolonialgeschichte in Afrika anzuknüpfen, so machte man sich die Kolonialbegeisterung der 20er Jahre, beispielweise durch die Stilisierung fragwürdiger Figuren wie Carl Peters zu nationalen Helden, doch zu Nutze. Vorzeigepersonen des öffentlichen Lebens, wie der Tierplastiker Fritz Behn, stellten ihr Schaffen bald in den Dienst der nationalsozialistischen Sache.

Doch wie ging es mit dem Train-Denkmal nach dem Zweiten Weltkrieg weiter? Da nur ein sekundäres Kolonialdenkmal, fand es zunächst keine Beachtung in der frühen Bundesrepublik. Erst ab den 1980er Jahren wurde es problematisiert und Forderungen nach Erklärungstafeln laut, gegen die sich die städtische Verwaltung unter Berufung auf den historischen Quellengehalt des Denkmals lange wehrte. Erst 2010 setzte eine Mehrheit im Rat durch, dass eine Gedenktafel am Train-Denkmal angebracht wurde, auf der „auch der zehntausenden Toten der unterdrückten Völker“ gedacht wird. Den Begriff „Völkermord“ sucht man auf der kleinen und inzwischen ziemlich beschädigten Tafel vergeblich.

Gedenktafel zum Train-Denkmal (2010)

Im Zuge der Skulptur Projekte 2017 ist wieder Bewegung in die Sache gekommen. Bereits 2015 hatte der Münsteraner Bundestagsabgeordnete Ruprecht Polenz die Auseinandersetzung im Rahmen des kulturellen Großereignisses angeregt.

Auf der nordöstlichen Promenadenwiese, in direkter Sichtlinie zum Train-Denkmal, steht nun Lara Favarettos „Momentary Monument – The Stone“. Aus Granit gearbeitet und über vier Meter hoch, korrespondiert es optisch mit dem äußeren Umriss des Train-Denkmals. Dies bleibt jedoch die alleinige Parallele – denn verweist das Train-Denkmal sowohl auf die Toten des Ersten Weltkriegs und der Kolonialzeit, so verweist „The Stone“ bewusst auf nichts: Der hohle Monolith, ohne Reliefs und äußeren Schmuck, wirkt auf den ersten Blick eher wie ein Findling. Wäre auf einer Seite nicht ein kleiner Schlitz, in den Spendengeld eingeworfen werden kann, vorhanden, so wäre das Kunstwerk zunächst eher schwer als solches wahrnehmbar.

Das Verhältnis von Kunst, institutionalisierter Denkmalpflege und Politik, in dessen Spannungsverhältnis „The Stone“ steht, tritt erst unverkennbar hervor, sobald der Besucher erfährt, dass das Kunstwerk nach Ende der Skulptur Projekte dekonstruiert und das eingenommene Geld einem wohltätigen Zweck zugeführt werden wird. Somit steht das „Momentary Monument“ der Denkmalkultur des Kaiserreichs, der auch das Train-Monument noch zuzuordnen ist, diametral entgegen: Die bisweilen gigantischen Denkmäler des Kaiserreichs wurden durch hohe Summen finanziert, die vorab von Vereinen gesammelt worden waren, um die Denkmalsarbeit dann von zumeist berühmten Künstlern ausführen zu lassen. Beachtet man die lange Lebensdauer und Deutungsgeschichte allein des Train-Denkmals, so wird deutlich, in welchem symbolischen Kontrast es zur kurzen Lebensdauer der Arbeit Favarettos steht.

Verweist ein Denkmal klassischerweise auf Ereignisse in der Vergangenheit, so verweist die Spendenintention hinter „The Stone“ auf die Gegenwart, lädt hingegen durch die räumliche Nähe zum Train-Denkmal gleichzeitig noch einmal zur kritischen Auseinandersetzung mit diesem Monument auf, das auch nach Ende der Skulptur Projekte dauerhaft Bestandteil des Stadtbildes sein wird. So ist es steinerner Restbestand kolonialer Vergangenheit und deutet nicht mehr die Verluste der Kolonien, sondern vor allem auf das erlittene Unrecht und die Genozide im kurzen Kapitel des deutschen Imperialismus hin.

„The Stone“ v. Lara Favaretto aus der Reihe „Monumentary Moments“, Skulptur Projekte Münster (2017)

Das Train-Denkmal, seine Geschichte, und die jüngste künstlerische Auseinandersetzung mit ihm lassen deutlich hervortreten, dass auch die Bundesrepublik eine postkoloniale Gesellschaft ist, die die Leerstelle des Umgangs mit den Monumenten kolonialer Vergangenheit im öffentlichen Raum langsam schließt. Hervorzuheben ist, und dies zeigt sich beispielhaft am Münsteraner Train-Denkmal, dass die Impulse kritischer Auseinandersetzung oft von zivilgesellschaftlichen Initiativen ausging und von staatlicher Seite oft ablehnend auf diese Erinnerungskultur „von unten“ reagiert wurde.

Die Antirassismus- und Friedensinitiativen der 1980er Jahre, die die fehlende Auseinandersetzung mit dem kolonialen Denkmalserbe angestoßen hatten, wollten oftmals auf die Kontinuität rassistischer Denkmuster bis in die Gegenwart hinweisen. Im Zeitalter der massenhaften Migrationsbewegung erscheint dieses Problem aktueller denn je.

Im gesamtgesellschaftlichen Kontext bleibt weiterhin offen, wie wir uns als postkoloniale und postheroische Gesellschaft generell zur zeremoniellen und symbolträchtigen Erinnerungskultur verhalten wollen und was diese im digitalen Zeitalter zu leisten vermag, um das bis in die Gegenwart doch eher randständige Gedenken an die Kolonialgeschichte und ihre zeitgenössischen Implikationen mehr ins Bewusstsein breiterer Gesellschaftskreise zu rücken.

Auch hinsichtlich der Kolonialgeschichte ist es wichtig, sich der Selektivität ritualisierten Erinnerns bewusst zu bleiben. Dies lässt sich am Beispiel Afrikas in zweifacher Hinsicht illustrieren: Kurz nach dem Witbooi-Aufstand brach aufgrund der Zustände auch in Deutsch-Ostafrika eine Rebellion aus, die sich bald zum sogenannten Maji-Maji-Krieg ausweitete. Nicht zuletzt aufgrund einer Politik der verbrannten Erde seitens der deutschen Kampfverbände geht die Forschung inzwischen von etwa 300.000 Opfern durch Kämpfe und Hungersnöte aus. Trotzdem spricht weder Politik noch Geschichtswissenschaft von einer auf Genozid ausgerichteten Form der Kriegsführung.

Kaum Beachtung findet zudem deutsche Kolonialgeschichte jenseits von Afrika. Dies offenbart sich schon an der Tatsache, dass Deutschland in allen sechs afrikanischen Nachfolgestaaten Botschaften unterhält, in den sechs pazifischen Staaten hingegen keine einzige. Nach wie vor ist auch nicht klar, wie Angehörige der Opfer in das Gedenken mit eingebunden werden sollen, von den Forderungen nach Reparation und Wiedergutmachung ganz zu schweigen. Es wäre ein großer Verlust für das kulturelle Gedächtnis, wenn die gerade in Bewegung geratene Erinnerungskultur im ritualisierten Zeremoniell erstarren sollte, ohne diese Fragen zu berücksichtigen.

Samuel Maharero gelang es 1904, allerdings mit lediglich 1.500 Überlebenden, durch die Wüste nach Britisch-Beschuanaland (Botswana) zu entkommen. Das gesammelte Geld aus „The Stone“ übrigens, welches in unmittelbarer Nähe zur Ausländerbehörde am Ludgeriplatz steht, wird einer Einrichtung für Geflüchtete in der Nähe von Büren gestiftet. „The Stone“ wird im Anschluss an die Skulptur Projekte dekonstruiert werden. Ob das Train-Denkmal nach dem Ende der Skulptur Projekte in Münster, immerhin der „Stadt des Westfälischen Friedens“, wieder in Vergessenheit geraten wird, bleibt abzuwarten.

 

Bilder: © Dominik Gerwens

Von Goethe bis Heidi Klum – die dunkle Geschichte der „Mädels“

Das Wort „Mädel“ ist im Sprachgebrauch (wieder) fest verankert. Und das, obwohl bereits aus guten Gründen versucht wurde, es aus dem deutschen Wortschatz zu streichen.


Heidi Klum spricht in den höchsten Tönen von ihren „Mädels“. Jüngst präsentierte der Focus „die besten Filme für den perfekten Mädelsabend“. Und ein Buchholzer Kaufhaus findet, dass sein Shoppingevent mit dem Titel „Mädelsabend“ ein „großer Erfolg“ war. Das Wort „Mädel“ ist gänzlich im alltäglichen Sprachgebrauch etabliert. Aber wer sind diese „Mädels“?

Freigegeben ist Platz sechs der besten „Mädelsabendfilme“, Fifty Shades of Grey, ab 16 Jahren. Heidi Klums Model-Anwärterinnen müssen ebenfalls das 16. Lebensjahr vollendet haben. Und Minderjährige sind nur bedingt geschäftsfähig, sodass sie bei großen Shoppingevents wohl kaum Zielgruppe Nummer eins sind. Nein, mit „Mädels“ sind hier ganz offensichtlich keine Mädchen zwischen sechs und zehn Jahren gemeint. Angesprochen werden Frauen – mehr oder weniger volljährig, aber doch Frauen.

Wann und warum der Trend aufgekommen ist, als erwachsene Frau „etwas mit seinen Mädels zu machen“, ist schwer nachzuvollziehen. Umso wichtig ist es, ihn zu hinterfragen.

„Meine Mädel verstehn’s Handwerk, wie man zu Männern kommt.“ – F. Müller

Man stelle sich vor, Heidi Klum würde statt von ihren „Mädels“ von ihren „Schlampen“ sprechen. Dann wäre das Geschrei aber groß. Auch das Buchholzer Shoppingevent wäre wohl kein großer Erfolg gewesen, wenn dieser Begriff vorherrschen würde. Zugegebenermaßen, diese Bedeutung des Wortes „Mädel“ ist weit hergeholt – nämlich aus der deutschen Sprachgeschichte.

„Mädel“ stammt wie „Mädchen“ von „Magd“ ab. Während im norddeutschen Sprachgebiet das Wort „Mädchen“ verwendet wurde, so war im süddeutschen Raum das Wort „Mädel“ geläufig. Doch ab dem 18. Jahrhundert tauchte „Mädel“ plötzlich auch in norddeutschen Texten auf. Und wie kommentiert das Wörterbuch der Brüder Grimm diese Wendung?

„[W]ährend mädchen der edeln sprache zufällt, bleibt mädel überall auf die trauliche und niedrige rede beschränkt.“ [Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. Leipzig 1854-1961]

„Mädel“ ist in dieser Zeit keineswegs positiv konnotiert, sondern beschreibt abfällig Frauen, die wüssten, „wie man zu Männern kommt“, [F. Müller: Adams Erwachen und erste selige Nacht] und „bei drei vier kerls liegen und sie eben der reihe herum lieb haben“ [J. W. v. Goethe: Götter, Helden und Wieland] könnten. Auch wenn der Dichter Johann W. L. Gleim das Wort „Mädel“ als Synonym für „junge Frau“ verwendete, er tat es, so urteilt das Grimm-Wörterbuch, „ohne dasz ihm der sprachgebrauch dazu irgend welches recht gegeben hätte“.

„Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?“ – Goethe

Die Vergangenheit des Wortes hinterlässt einen üblen Nachgeschmack. Aber abgesehen von der Bedeutung der „leicht zu habenden Frau“: Ist es nicht auch beunruhigend, dass „Mädel“ und „Mädchen“ von „Magd“ abstammen? Zwar werden beide Wörter heute nicht benutzt, um eine Leibeigene oder eine Bedienstete zu benennen oder gar sich selbst als eine solche zu bezeichnen. Aber schlägt sich hier nicht die (damalige) Ungleichstellung von Mann und Frau, ja, die traditionelle Rollenverteilung der Geschlechter in der Sprache nieder? Gewagte These, die sich nicht bestätigen lässt. Denn die Begriffsgeschichten der männlichen Pendants „Junge“ und „Knabe“ sehen ähnlich aus: So war der Junge ein „junger mensch in dienender oder in einem handwerk lernender stellung“ und der Knabe einst ein Knecht [s. Grimm: Deutsches Wörterbuch].

„Spinne, Mädlein, spinne! So wachsen dir die Sinne.“ – Volkslied

Trotzdem muss ein bedeutender Unterschied zwischen dem Gebrauch von „Mädel“ und dem von „Junge“ berücksichtigt werden. Zwar gibt es auch den Ausspruch: „Ich mache etwas mit den Jungs“. Jedoch ist „Mädel“ sowie auch „Mädchen“ im Gegensatz zu „Junge“ der Diminutiv, eine Verkleinerungs-, ja, Verniedlichungsform, wie auch „Fräulein“ oder „Mäuschen“. Im Gegensatz zum Wort „Fräulein“ – das laut Duden nicht als Anrede für eine erwachsene weibliche Person, […], benutzt werden sollte – werden „Mädchen“ und „Mädel“ im heutigen Sprachgebrauch nicht mehr als Verkleinerungsformen wahrgenommen. Zu sehr haben sich beide als eigenständige Wörter etabliert.

Aber macht sich eine Frau nicht trotzdem klein, wenn sie sich selbst als „Mädel“ bezeichnet? Wird sie nicht verniedlicht, ja, wenig ernst genommen, wenn sie von anderen so genannt wird? Denn obwohl „Mädel“ und „Mädchen“ den gleichen Ursprung und ähnliche Bedeutungen aufweisen, kaum eine Frau würde sich selbst als „Mädchen“ bezeichnen. Denn während der Duden darauf hinweist, dass „[i]m modernen Sprachgebrauch […] das Wort Mädchen nur noch in der Bedeutung Kind weiblichen Geschlechts verwendet werden“ sollte, da es in „den weiteren veraltenden oder veralteten Bedeutungen […] zunehmend als diskriminierend“ gilt, ist unter dem Wort „Mädel“ kein solcher Hinweis zu lesen. Dabei hat die Geschichte des Wortes „Mädel“ eine noch viel dunklere Vergangenheit.

„[E]rzieht mir die Mädel zu starken und tapferen Frauen!“ – Hitler

„Bei ,Mädel‘ weiß […] kaum noch jemand, dass es von den Nazis okkupiert wurde“, so der Sprachforscher Thorsten Eitz im SZ-Interview. Aber was war ein „Mädel“ im Dritten Reich? Die Reichsrefererentin Trude Mohr formulierte 1935 die Zielsetzung des Bundes Deutscher Mädel so:

„Unser Ziel ist der ganze Mensch, das Mädel, das gesund und klar seine Fähigkeiten einsetzen kann für Volk und Staat. Deshalb liegt uns nichts an der Anhäufung irgendwelcher Wissenschaften […], deren Sinn wir nicht verstehen, sondern alles an der Heranbildung der Gemeinschaft und der Mädelhaltung.“ [Trude Mohr: „Mädel von heute – Frauen von morgen“. In: Wille und Macht, Heft 1, Jahrgang 3, 1935]

„Mädelhaltung“? War das Wort „Mädel“ ein Synonym für „im Sinne des Nationalsozialismus zu formendes weibliches junges Wesen“, das mit der „richtigen Haltung“ zu einer – wie Hitler es formulierte – „starken und tapferen Frau“ und zur „kommende[n] Mutter“ [aus: Mein Kampf] herangezogen wird?

Ja, Bedeutungen von Wörtern ändern sich. Nichtsdestotrotz gehörte dieses Wort unzweifelhaft dem „Wortschatz der Gewaltherrschaft“ an, wie es die Autoren des „Wörterbuch der Unmenschen“ von 1957 formulierten. In diesem Buch wird „Mädel“ neben 28 weiteren Wörtern aufgelistet, die nach Meinung der Sprachkritiker Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm E. Süskind aus dem Sprachschatz gestrichen werden sollten. Ihr Ziel war es, die deutsche Sprache von Ausdrücken, die im Dritten Reich für Propaganda verwendet wurden, zu reinigen und diese Wörter wieder fremd zu machen.

„[U]nser Mädelring sucht aufrichtige, stolze und deutsche Mädels und Frauen.“ – Mädelring Thüringen

Hat das funktioniert? Wohl eher nicht. Zwar herrscht die Wortbedeutung des Dritten Reiches nicht mehr vor, jedoch wird „Mädel“ besonders heute inflationär verwendet. Wenn also die Begriffsgeschichte passé, ja, vergessen ist, kann das Wort dann nicht bedenkenlos als Synonym für „junge Frau“ benutzt werden? Nein, denn dieser Frage gehen ganz andere Fragen voraus – nämlich: Ist es nicht bedenklich, dass die Begriffsgeschichte nicht mehr mitgedacht wird? Sollte man sich nicht bewusst von dieser distanzieren? Denn der Begriff „Mädel“ im Sinne des Nationalsozialismus ist alles andere als vergessen. Er wird in rechtsextremen Kreisen noch genauso verwendet. So heißt es auf der Internetseite des Mädelring Thüringen:

„Wir nationale Sozialistinnen aber sind keine Emanzen (!), sondern stolze und selbstbewusste Mädels & Frauen, denen ihre Heimat und ihr Volk noch etwas wert sind.“ [Internetseite des Mädelring Thüringen; zur Recherche kurz ertragen am 20.7.2017]

„Okay, Mädels, jetzt möchte ich aber mal was sehen hier!“ – Klum

Natürlich werden Wörter benutzt – dafür ist Sprache da. Natürlich gehen sie durch verschiedene Epochen und durchlaufen Bedeutungswandel. Natürlich kann nicht jedes Wort, das im Dritten Reich benutzt wurde und noch heute in der rechtsextremistischen Szene gebraucht wird, gestrichen werden. Wie sähe dann unser Wortschatz aus? Und zugegebenermaßen zwischen Johann Wolfgang von Goethe und Heidi Klum liegt ein sehr, sehr langer Weg, ja, liegen ganze Welten.

Trotzdem ist es manchmal wichtig zu wissen, welche Bedeutungen in einem häufig benutzten Wort mitschwingt und wofür es einst missbraucht wurde – besonders wenn es zur Bezeichnung der eigenen Person dient. Um sich dann zu fragen: Möchte ich mich selbst so nennen oder vom Focus, einem Buchholzer Kaufhaus, von Kolleg٭innen oder Freund٭innen so genannt werden?

Gedenken durch Vergessen – die Reformation als Erinnerungsort in der deutschen Geschichtskultur

Reformation Luther Erinnerungskultur

Die Auseinandersetzung um den Antisemitismus Luthers zwischen Aktivisten und Organisatoren am Rande des Kirchentags offenbart, wie konfliktbeladen das Bild des Reformators teilweise ist und wie sehr die Deutschen den Antisemitismus oft von ihrem Bild des Reformators abspalten. Welche Rolle spielt Luther für die deutsche Identität?


Die Deutschen und Luther

Die Deutschen und Luther, das hat schon etwas Obsessives. Luthers Playmobilabbild ist bereits zur Mitte des Reformationsjahres die erfolgreichste Figur, die das Unternehmen je herausgebracht hat. Zwar bietet der aktuelle Hype um den kleinen Plastiktheologen mit Federkiel und Bibelübersetzung viel Potential, sich über postmoderne Beliebigkeit und Sinnentleerung zu echauffieren – indessen wirft die Figur ein interessantes Schlaglicht auf das Verhältnis der Deutschen zum Reformator. Woran liegt es, dass insbesondere Luthers Persönlichkeit im Reformationsjahr derart im Mittelpunkt des Interesses steht?

Mag der Playmoluther auch noch so wenig mit seinem Vorbild zu tun haben, so trägt er doch zumindest einen Teil der Skandalumwitterung immer mit sich herum. Luthers Antisemitismus, der sich durch mehr als zehn Schriften zieht, ist mehr als gut belegt. Allein der Wikipediaartikel zu Luthers Verhältnis zum Judentum nebst Rezeptionsgeschichte wäre in ausgedruckter Form 45 Seiten lang. Auch zum evangelischen Kirchentag, wäre der Reformator mit seinen aus heutiger Perspektive volksverhetzenden Gedanken nicht eingeladen worden.

Die Rezeptionsgeschichte und die weitreichenden Folgen von Luthers Judenfeindschaft umfangreich abzubilden ist äußerst komplex. Oft wurde gerade durch die jüngere Forschung betont, dass Luther als Kind seiner Zeit „antijudaisch“ gedacht habe – somit sei seine Judenfeindschaft nicht mit dem biologistischen und damit rassistischen Antisemitismus, wie er sich im 19. Jahrhundert herausgebildet hat, vergleichbar. In der Tat käme wohl niemand auf die Idee, etwa Ernst Moritz Arndt oder Heinrich von Treitschke eine Playmobilfigur zu widmen. Treitschke übrigens entlehnte Luthers Schriften seinen berühmten Ausspruch „Die Juden sind unser Unglück“ ebenso geht die Unterscheidung zwischen dem „Wirtsvolk“ und einem als parasitär dargestellten Judenvolk auf Luther zurück. Dies in Betracht gezogen stellt sich dann schon die Frage, ob die Unterscheidung zwischen Antijudaismus und Antisemitismus nicht doch ein wenig künstlich ist und zur Relativierung von Luthers Judenfeindschaft wirklich herangezogen werden kann. Luthers Verhältnis zum Judentum ist – ebenso wie seine Auffassungen zur Hexenverfolgung, zur Obrigkeit und zu den Osmanen – zumindest als kompliziert anzusehen, was den Reformator zum beispielhaften Exponent der sich in der frühen Neuzeit ausbildenden Persecuting Society macht, die Feindbilder konstruiert und auf Gruppen projiziert. Sicherlich ist das Verhältnis der Deutschen zu Luther ebenso wie zu seiner Rezeptionsgeschichte bis in den Nationalsozialismus vielschichtig und schwierig. Ganz unironisch betrachtet wirkt die Playmobilfigur in diesem Zusammenhang verniedlichend. Es erscheint als eine typische Eigenart der deutschen Reformationsrezeption zu sein, den Antisemitismus vom Reformator an sich abspalten zu wollen.

Im Fall des Playmobilluthers geschah dies sogar ganz physisch: Trug die Plastikbibel in der Hand des Bibelgelehrten 2015 noch die Aufschrift „ENDE“. Dies ließ sich so interpretieren, dass das Alte Testament, also die hebräische Bibel überwunden sei. Auf Empfehlung des Erziehungswissenschaftlers Micha Brumlik wurde die als antisemitisch interpretierbare Version, die sich am Wittenberger Lutherdenkmal orientiert hatte, bei der Neuauflage der Figur ersetzt.

Die Reformation als Kristallisationskern deutscher Nationalbewegungen im 19. Jahrhundert

Die Reformation hat sich mit Beginn der Nationalbewegung im 19. Jahrhundert als einer der nationalen Gründungsmythen tief in das kollektive Gedächtnis der Deutschen eingegraben und ist so gewissermaßen zum Erinnerungsort geworden. Die Theorie, dass Gesellschaften nichtphysische Erinnerungsorte, lieux de mémoire haben, in denen sich kollektive Identität bündelt, wurde Anfang der 1990er Jahre vom französischen Historiker Pierre Nora aufgestellt. Laut Nora bezieht man sich im Zeitalter der Postmoderne auf das nationale Gedächtnis gerade deshalb, „weil es keines mehr gibt“. Orte der Erinnerung sind jene, an die sich das Gedächtnis zurückzieht bzw. in denen es einlagert. Augenblicke des Übergangs gehen immer einher mit dem Bewusstsein des Bruches mit der Vergangenheit. Gerade in diesen Momenten wird noch so viel Gedächtnis freigesetzt, dass sich die Frage danach stellt, wie dieses nun zu verkörpern sei. Eben hier, an dieser Schnittstelle, entstehen die lieux de mémoire, da Milieus der Erinnerung freilich durch den Moment des Wechsels gar nicht existieren können: Wären wir selbst noch die Bewohner unseres Kulturellen Gedächtnisses, müsste man diesem keinen speziellen Platz in der Erinnerung zuweisen. Der Übergang vom Kommunikativen zum Kulturellen vollzieht sich dadurch, dass das Gedächtnis, wie Jan Assmann sagt, „nicht mehr bewohnt“ wird.

Das 19. Jahrhundert ist oft als „Zeitalter der Geschichte“ bezeichnet worden.

Die Reformation wurde in Deutschland nach der Französischen Revolution und napoleonischen Ära zum Paradigma für Modernität und einem der Gründungsmythen der Nationsbildung. Programmatisch und zeitlich eingeordnet wurde der Thesenanschlag in Wittenberg zum Konterpunkt gegen den „mittelalterlichen Katholizismus“. Der Protestantismus und sein Initiator boten weitreichende Möglichkeiten zur Instrumentalisierung der Bewegung und zur Stilisierung Luthers zur Galionsfigur des Patriotismus, der Geistesfreiheit und der Vertretung bürgerlicher Werte. Im Zuge der 300-jährigen Wiederholung des Thesenanschlags, die durch Feste und Feiern eine Art Initialzündung kollektiven Erinnerns und Gedenkens wurde, trat die Person des Reformators in ihrer Historizität zugunsten der Idealisierung seiner Persönlichkeit zusehends zurück. Es war vor allem Hegel, der in seinen Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte die Idee der „Revolution des Geistes“ zu Beginn der frühen Neuzeit entwickelte, die auch von den Dichtern der Jungen Deutschland rezipiert wurde.

Auch das von Heine in seinen beiden großen Deutschlandschriften zur Geistes- und Kulturgeschichte – Heines Kernwerke zur deutschen Identität – entwickelte Lutherbild darf keinesfalls als Abhandlung mit dem Anspruch einer historisch objektiven Erörterung angesehen werden. Ganz im Gegenteil, Heine verdeutlicht sein Bild des Reformators an Einzelaspekten, fixiert diese und ordnet sie damit in sein an Hegel angelehntes Konzept des dreigliedrigen Geschichtsprozesses ein. Weniger interessieren ihn Probleme der Theologie bei Luther als seine Rolle für den emanzipatorischen Fortschritt. Auch ist sich Heine sehr wohl der Anerkennung des Drei-Stände-Systems und der Heerschildordnung bei Martin Luther bewusst sowie der klaren Absage des Reformators an revolutionäre Prozesse generell. Dessen ungeachtet unterschlägt Heine diese Aspekte und beschränkt sich auf das zweckgebunden-essentielle. Der Name Thomas Müntzers – Luthers erinnerungskultureller Antagonist – findet als Konsequenz weder in Die Romantische Schule noch in Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland Erwähnung. Heine grenzt diese Aspekte zugunsten der Darstellung des Geschichtsverlaufes aus. Die Reformation ist zwar der Ausgangspunkt und konnektive Struktur zu Lessing und Herder, sie löst jedoch den römischen Katholizismus ab, der ironischerweise ebenfalls eine ablösende Rolle in Form der Überwindung des träge gewordenen imperium romanum gespielt hatte. Heine stellt infolgedessen eine philosophische Verbindungskette her, in der die Reformation die obsolete Scholastik abgelöst hat.

Zwar fixiert sich Heine mit seinem Lutherbild auf die Freiheit der Vernunft, einer historisch und faktisch gesehen unzureichenden Fokussierung. Indessen hebt Heine jedoch nicht die Person sondern ihre Sprengkraft positiv hervor: Luther wird in der Heineschen Rezeption zum Erinnerungsort, indem er die Reformationsbewegung in ihrer Gesamtheit personifiziert. Heine ist sich der Konstruktion seines Lutherbildes selbstverständlich bewusst. Durch die Flexibilität der Reformation als deutscher Erinnerungsort gestaltet er diesen als Ankerpunkt und Orientierung für zukünftige Identitätskonstruktionen. Natürlich lag es Heine, dem kritischen Beobachter und Beurteiler der Nationalbewegung in Deutschland mehr daran, die seiner Ansicht nach restaurativ-reaktionären Romantiker zu kritisieren: Durch die Vereinigung von Geist und Materie in dem die Gesamtbewegung personifizierenden Luther erkennt Heine auch die Etablierung der deutschen Sprache und die Ermöglichung der Interkommunikativität im deutschsprachigen Raum. Diese kann nur in Kontrarität zur Mittelalterfixierung der Romantiker mit ihrem „rückwärtsgewandten Prophetismus“ verstanden werden. Luthers Judenfeindschaft findet in keiner Schrift des jüdischstämmigen Heines Erwähnung.

Institutionalisierung und Säkularisierung

Die nimbushafte Verehrung Luthers setzte früh nach seinem Tod ein. Bereits 1583 beging man Feiern zu seiner Geburt und gegenwärtige Fragen fanden bald Eingang in das Gedenken an den Reformator, Heilserwartungen paarten sich im 17. Jahrhundert mit Erinnerung. Dass wiederum ein weiteres Jahrhundert später Friedrich II. und Lessing Luther als Vorreiter von Vernunft und Aufklärung wahrgenommen haben, offenbart, dass es bei der Erinnerung um die Reformation nie um Historizität ging und die Reformation als Erinnerungsort vielseitig begehbar ist.

Mit der „kulturellen Ghettoisierung“ (Gerard Chaix) der katholischen Geschichtsschreibung im 19. Jahrhundert durch die borussische Schule beginnt die Vereinnahmung Luthers durch die preußische Geschichtsschreibung und Luther wird gewissermaßen säkularisiert. Diese Tendenz sehen wir bereits bei Heine. Die Charakteristika der Epoche, wie Massenveranstaltungen und Denkmalskult verquicken die Reformation mit dem bereits voll entfalteten Nationalgefühl, die fortan als Morgenröte am Ende des „dunklen“ Mittelalters erscheint. Luther steht fortan als eine der Schlüsselfiguren im nationalen Pantheon neben anderen Säulenheiligen wie Schiller und Goethe. Mit Geschichtsschreibung im klassischen Sinne hatte dies schon nicht mehr viel zu tun, selbst die Historizität des Thesenanschlags ist umstritten – immerhin der Kristallisationskern unseres stark auf die Persönlichkeit des Reformators fixierten Lutherbildes. Auch illustriert das Beispiel, wie überkonstruiert die Wahrnehmung der Reformation schon mit dem Einsetzen der Erinnerung an sie war.

Luthers gegenwärtige Bedeutung für die Deutschen ist daher fast zwangsläufig vielfältig. Abseits der extremen Rechten wird man ihn, gerade vor dem Hintergrund seiner Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten, wohl nicht mehr als nationale Heilsfigur ansehen. Ansonsten ist das Spektrum recht weit und reicht von absoluter Opposition aufgrund Luthers gruppenbezogen-menschenfeindlichen Äußerung bis hin zur Gleichgültigkeit und Desinteresse. Die „Lutherstadt Wittenberg“ wird von einer Berliner Indieband nur spöttisch als Kontrapunkt zum hippen Kreuzberg angesehen: Städte, die ein Ereignis oder eine Person im Selbstbild tragen, strahlen also inzwischen Abgehängtheit und Provinzialität aus. Der historische Ballast, den die Deutungsgeschichte Luthers mit sich bringt erschwert die Frage danach, wie viel Raum ihm in unserer Geschichtskultur eingeräumt werden soll zusätzlich.

Führt man sich noch einmal die politische Vereinnahmung vor Augen, die im 19. Jahrhundert zur Säkularisierung und Enttheologisierung Luthers geführt haben, so erscheint die weitergehende Prophanisierung und Banalisierung durch sein miniaturisiertes Plastikdenkmal letztendlich nur konsequent. Die deutsche Erinnerungskultur hat Luther schon immer wie Playmobil behandelt, sich seine Haltung je nach Bedarf zurechtgestellt und ihm sinnbildlich die verschiedensten Bibelrepräsentationen in die Hand gedrückt. Vielleicht ist es aber auch gerade diese sinnstiftende Beliebigkeit, aufgrund der man Luther eine Playmobilfigur zugesteht. Wagner hatte zu seinem Jubiläum 2013 keine bekommen.

„Hört erst mal auf zu jammern!“ – die Schizophrenie einer Generation

Seit einiger Zeit verwirren mediale Stimmen die Menschen einer Generation. Vom Selfie-Journalismus, dem Wir und dem Ich. Eine subjektive Beobachtung.


Um zu einer Generation zu gehören, muss du nichts tun, außer geboren worden zu sein. Denn ein*e jede*r wird aufgrund seines*ihres Geburtsjahrs einer Gruppe innerhalb der Gesellschaft zugeordnet. So ist eine*r jede*r, der*die ungefähr zwischen 1980 und 1999 – so der*die Soziolog*in will – unfreiwillig ein Teil der Generation Y, auch Millennials genannt. Und was verbindet die Menschen, die zufällig in diesem Zeitraum das Licht der Welt erblickten? Ihnen werden ähnliche Wertvorstellungen, Verhaltensweisen und Charakteristika zugeschrieben. Schließlich sind sie in den gleichen wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Verhältnissen groß geworden – da müssen sie ja Ähnlichkeiten aufweisen.

So und nicht anders bist du

Du bist zwischen 1980 und 1999 in Deutschland geboren? Dann verfügst du wahrscheinlich über einen Hochschulabschluss, kommuniziert über das Internet und hältst nicht allzu viel von Status. Dir ist es wichtig, einer Arbeit nachzugehen, die dich mit Sinn erfüllt. Sowieso bist du ständig auf der Suche nach dem Sinn – warum solltest du sonst zur Generation Why gehören? Du fühlst dich ertappt? Wir alle! Kulturwissenschaftler*innen gehen davon aus, dass die Charakteristika einer Generation keinem Naturgesetz folgen. Vielmehr sind sie „gemacht“. Der Begriff einer Generation entsteht in den Medien, wird dort definiert und weiterentwickelt. Und was passiert dann? Dann schließt sich die Echokammer. Denn Zeitungen und Magazine, die sich mit dem Generationsbegriff beschäftigen, tun dies verständlicherweise, weil er bei den Leser*innen auf Interesse stößt. Die Leser*innen, die sich wiederum für diese Medien und gleichzeitig für den Generationsbegriff interessieren, gehören dieser Altersgruppe an oder stehen mit ihr in engem Austausch.

Willkommen in der Echokammer!

Nun etablieren sich Medien, die Menschen dieser Altersgruppe als Leser*innen gewinnen möchten. Sie definieren ihre Zielgruppe und Inhalte aufgrund des medial hervorgebrachten Begriffs und von einigen Vertretender*innen der Generation abgenickten Definition. Wer sind also die Rezipient*innen dieser Medien? Eben die, die sich mit dem Generationsbegriff identifizieren (wollen) – ja die, die ihn abgenickt haben. Und was ist mit denjenigen, die im gleichen Zeitraum geboren, aber nicht Konsument*innen dieser Medien sind? Die, die sich durch die aufgeführten Inhalte nicht angesprochen fühlen? Ihre Eigenschaften, Wünsche und Bedürfnisse werde ausgeklammert. Denn wer sind die Macher*in und die Leser*innen der beschriebenen Medien? Menschen, die einen Hochschulabschluss haben, einer Arbeit nachgehen, die sie mit Sinn erfüllt und im Internet kommunizieren. Du fühlst dich ertappt? Wir alle!

Wir bin ich

Aber wer ist dieses Wir? Von wem ist die Rede bei Überschriften wie „Warum es gefährlich ist, wenn wir uns eine neue Beziehung schönreden“? Auf der Suche nach dem Wir im Artikel stolpert man über sehr viele Ichs. Eine Freundin ruft das Ich an, um von ihrem neuen Freund zu schwärmen. Es wird eine Szene aufgemacht, die auf eigenen Erfahrungen des Ichs basiert und keine vorangehende Recherche erforderte. Der sogenannte Selfie-Journalismus. War das Ich im klassischen Journalismus einst verteufelt, löst es nun die dritte Person Singular des szenischen Artikeleinstiegs, wie er in Reportagen üblich war, ab. Ein Artikel mit szenischem Einstieg fordert eine induktive Verfahrensweise: Es wird vom Kleinen (Beispielsituation) ins Große (Fakten rund um das Thema) geschlossen. So wird im Laufe des angeführten Artikels aus dem kleinen Ich ohne Faktengrundlage ein großes Wir:

„Wenn wir irgendwie selbst nicht so ganz von einer Sache überzeugt sind, müssen wir darüber reden.“

Das Wir ist nicht exklusiv, es meint nicht nur die Redaktion. Das Wir ist ein inklusives. Wir – die Leser*innen – sind gemeint. Die Generation, die sich Dinge schönredet, wenn sie nicht überzeugt davon ist. Die subjektive Wahrnehmung einer*s Einzelnen wird im Text selbst zu einem Fakt stilisiert, der allen Leser*innen – und womöglich einer ganzen Generation – eine Charaktereigenschaft zuschreibt.

Ich bin Du

Dir als Mitglied der Generation Y werden Verhaltensweisen und Eigenschaften zugeschrieben – ob sie auf dich zutreffen, ist nicht wichtig. Denn es geht darum, eine Generation in ihrer Gänze zu erfassen, den Mitgliedern eine Identität zu geben und eine Gemeinschaft zu kreieren. Es geht also darum, das Wir zu definieren. Und wer ist das Du in Texten wie „20 Typen, die du auf jeder Party triffst“? Das Du dient als persönliche Ansprache, die dir unmissverständlich vermittelt, dass du Teil des Wirs bist:

„Wir kennen sie alle: die verschiedensten Typen von Menschen, die man beim Feiern eben so trifft“.

Eigentlich müsste die Überschrift aber „20 Typen, die ich auf jeder Party treffe“ heißen. Denn wieder werden die auf subjektiven Wahrnehmungen basierende „Fakten“ nicht in Frage gestellt. Ich, der*die Autor*in des Textes, vermittle dir meine eigenen Erfahrungen, keine repräsentative Umfragen oder gesicherte Studien. Und weil es mir als Autor*in so geht und ich Teil der Generation Y bin, ist es bei dir als Leser*in, die*der du zu meiner Generation, zu unserem Wir gehörst, genauso.

Weil ich nicht Du und nicht Wir bin

Den Leser*innen wird vorgegeben, wie sie sind (Gen-Y: Die Arroganz der Privilegierten), was sie machen (11 Fehler, die du in Restaurants immer wieder machst) und wie sie sein sollen (Diese 6 Sätze müsst ihr streichen, um wirklich Karriere zu machen). Und wie reagierst du, wie reagieren wir, wie reagieren sie auf diese Zuschreibungen? Die Antwort lässt sich in einem Neologismus fassen: mit „Rechtfertigungsjournalismus“. So häufen sich zurzeit Artikel wie „Alle haben einen Plan für ihr Leben – nur ich kann mich nicht entscheiden“. Warum aber „Rechtfertigungsjournalismus“? Weil sich in diesen Texten Autor*innen dafür rechtfertigen, dass sie sind, wie sie sind. So heißt es im angeführten Artikel:

„Manchmal frage ich mich, warum ich so anders bin. Während andere Menschen Angst vor Veränderungen haben, bereitet es mir Bauchschmerzen, wenn ich nicht auf mein Gefühl höre.“

Wer oder was hat dieser Autorin das Gefühl gegeben, anders zu sein? Was macht sie so sicher, dass alle anderen Menschen Angst vor Veränderungen haben? Wer oder was hat sie dazu gebracht, ihr privates Leben, ihre Emotionen und Verhaltensweisen in die Öffentlichkeit tragen und sich dafür rechtfertigen zu müssen? Das wird nicht vollends reflektiert, doch die Motivation des Artikels kommt mit dem Vorschlaghammer. Sie möchte sich selbst (vom Kleinen) und dem Wir (ins Großes) bewusst machen, dass es okay ist, so zu sein, wie man ist:

„Wir sind nicht nur A oder B, wir können so vieles sein. Deshalb sagen ich: Einfach mal machen!“

Sie möchte sich und ihre Leser*innen frei von Zuschreibungen machen, die sie zuvor selbst vornimmt. Die Zuschreibung, dass alle Menschen einen Plan für ihr Leben und Angst vor Veränderungen haben. Jetzt ist die Verwirrung komplett: Eigentlich müsste ich so sein, bin es jedoch nicht, aber das ist irgendwie auch in Ordnung.

Aber wer sind wir denn jetzt?

Was sagt das nun über die schreibenden bzw. lesenden Menschen der Generation Y aus? Eigentlich nicht viel. Nur dass sie bereit sind, ihre eigenen Erfahrungen, Ängste, Zweifel und Wünsche in die Öffentlichkeit zu tragen und mit fremdem Stimmen zu diskutieren – wie zuvor noch nie geschehen. Könnte es dann nicht sein, dass genau diese Erfahrungen, Ängste, Zweifel und Wünsche auch vielen Menschen vorheriger Generationen eigen waren? Hat sich vielleicht einfach nur die Bühne, auf der diese Themen diskutiert werden, verschoben – vom WG-Küchentisch ins Netz? Und sich damit die Stimmen, die sich in das eigene Leben mischen, vertausendfacht? Das würde ja bedeuten, dass der bestehende Generation-Y-Begriff nicht nur ein gemachter, sondern ein von einigen Protagonisten der Generation gewollter und bewusst inszenierter ist.

Denn hinter all diesen Texten steht nicht die Frage „Wer bin ich und wie möchte ich sein?“, sondern „Wie möchte ich mich und meine Generation in der Öffentlichkeit sehen?“. So sind am Schluss die Eigenschaften und Charakteristika der Generation Y kaum noch welche, die ältere Medienmacher*innen ihr zuschreiben. Vielmehr suhlen sich die schreibenden und lesenden Menschen der Generation Y in den Zuschreibungen. Entwickeln sie weiter, um sich als Gemeinschaft („Wir“) zu sehen und sich mit den Leser*innen („Du“) verbunden zu fühlen. Um sich jedoch im gleichen Atemzug doch als Individuum („Ich“) dazustellten, dass doch irgendwie anders, irgendwie besonders ist – „Ich bin wir, ich bin du, ich bin ich“. Du fühlst dich ertappt? Wir alle! Vielleicht ist das tatsächlich die Eigenschaft, die die Generation Y von den vorherigen abgrenzt.

„Postfaktisch? Am Arsch! Warum uns das neue Modewort nur noch tiefer in die Scheiße bringt“

Postfaktisch – das Wort des Jahres. Überall ist es gerade zu lesen und stellt so etwas wie das Gütesiegel aller Aufrechten gegen den grassierenden Rechtpopulismus dar. Hier Wahrheit – da Lüge. Doch war vor Höcke, Trump und Co. wirklich alles so richtig wahr? Und hilft uns diese Wortneuschöpfung irgendwie weiter? Nö.

Ein politischer Kommentar von Gastautor Nils Hesse


„Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster“

Antonio Gramsci

Oh, da ist ja was passiert, da hinten, über dem großen Teich. Da haben die Amis doch tatsächlich diesen Typen mit einer großen Portion Menschenverachtung unter dem blonden Scheitel zum Präsidenten gewählt. Die Aufregung der letzten Wochen könnte kaum größer sein. Am Tag nach der Wahl waren die Sozialen Netzwerke so etwas wie die Trauerfeier für die Welt, wie wir sie kannten. Alle schienen unglaublich überrascht, dass das „Irrationale“ (Trump) über das „Rationale“ (Clinton) gewonnen hat. In den Analysen tauchte immer wieder das Wort „postfaktisch“ auf, mit dem sich auch der Beitrag von Dirk Sorge auf postmondän beschäftigt. Es ist ja auch was dran: Viele Menschen scheinen gerade nicht zugänglich für eine demokratische Auseinandersetzung. Sicherlich spielen auch die Sozialen Medien dabei eine Rolle: Den Menschen fällt es deutlich leichter sich in den anonymen Blasen des Internets ihre eigenen Wahrheiten zu basteln und diese auch ständig von anderen bestätigt zu bekommen. Doch woher kommen diese Emotionen? Haben die Menschen auf einmal einen Schlag auf den Kopf bekommen oder waren sie schon immer da? Waren wir vor Trump, vor AfD und Pegida tatsächlich in einem seligen Zeitalter des Faktischen, in der sich immer das bessere, faktischere und letztlich wahrere Argument durchgesetzt hat? Waren wir wirklich auf so einer Habermas‘schen Party, auf der der alte Jürgen mit Partyhütchen und einem schönen Glas Rotwein glückselig grinsend in der Ecke hängt? Funktioniert Demokratie und Gesellschaft überhaupt so? Nicht wirklich.

Das Politische ist immer auch Emotion

Zunächst einmal: Ja, es stimmt, Donald Trump ist ein widerlicher Rassist, Sexist und Sozialchauvinist. Er verkörpert so ziemlich all das, was manche dazu bringt sich auf eine einsame Insel zurückzuziehen und der gesamten Menschheit den Mittelfinger zeigen zu wollen. Aber ist das Problem tatsächlich, dass Trump sich mit der Bedienung von Twitter, Facebook und Co besser auskennt als Hillary Clinton? Ist das Problem mit der AfD tatsächlich, dass sie zu Propagandazwecken auch gerne mal Fakten verdrehen oder sie ihnen schlicht egal sind und letztlich offensichtlich die Emotionen vieler Wähler*innen ansprechen? Nein. Das Problem ist, dass Trump und die Wir-sind-das-Volk-Schreihälse halt eben rassistische, sexistische und sozialchauvinistische Arschlöcher sind. Das Problem sind nicht die (Nicht-)Wahrheit und die Emotion, sondern die dahinterliegende und propagierte Ideologie.

Politik und Emotion haben schon immer und werden auch immer zusammengehören wie Punk und Sterni. Kann mensch sich wirklich vorstellen sich aus rein rationalen Gründen für Politik zu interessieren? Keine*r beginnt sich für Politik zu interessieren, weil das Rentenkonzept jener Partei die Rentenformel viel rationaler anpassen will als eine andere (Obwohl, vielleicht funktioniert das bei Menschen, die in der Jungen Union aktiv werden tatsächlich so. Wer da Erfahrungen hat, möge sich melden!). Politisierung funktioniert über Empörung, Abgrenzung und eben Emotion. Zum Beispiel gibt da immer diese Zeit im Leben – vielleicht zwischen 14 und 18 oder so –, in der die Welt so wunderschön beschissen ist. Der Kopf ist voll von Fragen, Wut und Abgrenzung: Warum verhungern Menschen, wenn auf der Welt doppelt so viel Nahrung produziert wird, wie alle Menschen bräuchten? Das ist doch ungerecht! Warum produzieren wir Strom mit einer Technologie, die in der Lage ist die Welt vollkommen zu verwüsten? Das ist doch bescheuert! Warum zünden Leute Unterkünfte von Geflüchteten an? Scheiß Nazis! Und so geht es weiter. Im besten Fall entsteht daraus eine nachhaltige Politisierung, die Dinge hinterfragt und aus den politischen Angeboten ein Weltbild zusammenbastelt. Dazu braucht es allerdings klare politische Alternativen, die auch fernab von langweiligen Sitzungen und Besprechungen Emotionen und Wut kanalisieren und positiv in politische Forderungen umsetzt.

Postfaktisch war der ganze Laden schon lange / Entpolitisierung

Der (institutionalisierten) Politik sind allerdings weitgehend die Emotion und die Alternativen abhandengekommen. Das liegt zum großen Teil daran, dass etwa seit Mitte der 80er das Dogma „There is no alternative“ (Thatcher) über allem Politischem schwebt. Findige Thinktanks hatten ganz „faktisch“ herausgefunden, dass es keine Alternative zu Deregulierung, Privatisierung, Sozialabbau und ausgeglichenen Staatshaushalten gebe. Diese Idee wurde durch die Standortkonkurrenz im globalen Kapitalismus in die meisten Köpfe gepresst. Letztlich war der Neoliberalismus so hegemonial, dass letztlich nahezu alle Parteien in den westlichen parlamentarischen Demokratien, egal ob konservativ, sozialdemokratisch oder liberal in den westlichen Industrienationen die Alternativlosigkeit verinnerlicht hatten. Plötzlich führten sozialdemokratische Parteien Kürzungen im sozialen Bereich durch, die sonst nur von staatsskeptischen liberalen zu erwarten waren. Grüne führten Kriege, die sonst eher den Konservativen zugerechnet werden worden wären. Kurz: Die Parteien wurden sich immer ähnlicher und kämpften um die sogenannte „Mitte“.

Das Ganze passierte aber nicht nur in den Sphären der parlamentarischen Politik. In den Unis und Hochschulen wurden mittlerweile mehrere Generationen von Wirtschaftswissenschaftler*innen ausgebildet, die genau eine Theorie kennen: Der rationale Nutzenmaximierer – Homo Oeconomicus. Wie wissenschaftlich es ist eine Wissenschaft genau auf einer Annahme zu basieren, lassen wir mal dahingestellt. Die Alternativlosigkeit wurde also vor allem durch Expert*innen legitimiert, die „faktenbasiert“ darlegen konnten, wie die Welt aus ihrer Sicht denn so läuft. Abgesehen davon, dass viele ihrer Annahmen faktisch nicht eingetreten sind – Stichwort Trickle-Down-Effekt – , ist die proklamierte Alternativlosigkeit natürlich Quatsch. Es gibt immer Alternativen, es ist nur die Frage, ob sie gedacht, artikuliert und um sie gekämpft werden, oder nicht. Die paradoxe Situation einer faktenbasierten Alternativlosigkeit, die es faktisch nicht geben kann, könnte vielleicht am ehesten als faktischer Postfaktizismus beschrieben werden.

Die zwei Folgen dieses gesellschaftlichen Klimas:

Einerseits zogen sich die Menschen immer mehr auf sich als Individuum und vielleicht noch ihren nächsten Verwandtschafts- und Freundeskreis zurück. Große politische Organisationen wie Kirchen, Gewerkschaften oder auch Parteien verloren und verlieren an Bindekraft. Ganz im Sinne der hegemonialen neoliberalen Ideologie wurde jede*r „seines Glückes Schmied“. Überall muss Leistung gebracht werden, auf der Arbeit, beim Poweryoga oder in der Beziehung. Zunehmend sind die Menschen auf sich als Individuum zurückgeworfen. Wer es in dieser Welt nicht bringt, ist eben ein*e Versager*in und soll sich auch ruhig wie einer fühlen. Das ist die Kehrseite der Story mit dem ‚Tellerwäscher‘ und dem ‚Millionär‘, die als American Dream so populär ist. Wenn alle Gewinner*innen sein wollen sind letztlich doch die meisten Verlier*innen. Ohne Verlieren kann es kein Gewinnen geben. Und gerade im neoliberalen Kapitalismus stehen wohl die meisten eher auf der Tellerwäscher-Seite.

Andererseits erlebt gerade die Nation als kollektiver gesellschaftlicher Kit eine große Renaissance. Hierbei bedingen sich zwei Dinge gegenseitig. Zum einen waren Rassismus und Nationalismus nie komplett aus den Köpfen verschwunden, es war nur nicht besonders angesehen ihn auch öffentlich vor sich herzutragen oder gar in diesem Sinne zu handeln. Zum anderen kommt auch ein globalisierter neoliberaler Kapitalismus nicht ohne die Heimstatt Nationalstaat aus. Er braucht ihn als rechtlichen Bezugsrahmen, der die Eigentumsverhältnisse absichert, wichtiger in diesem Zusammenhang ist aber, dass die Nation auch eine wichtige ideologische Bindewirkung in einer ökonomisch entgrenzten Welt darstellt. Wenn mal wieder der Exportweltmeister Deutschland gefeiert wird, kann sich jede*r Deutsche ein bisschen auf die Schulter klopfen und sich selbst beglückwünschen etwas zum Sieg Deutschlands im großen Kampf der nationalen Wirtschaftsstandorte beigetragen zu haben. Von der Beute dieses Kampfes gibt’s natürlich nichts, aber ein gutes Gefühl irgendwie was für Deutschland getan zu haben, hilft ja vielleicht auch ein bisschen die Unübersichtlichkeiten der Welt hinter einem Vorhang aus schwarz-rot-gold zu vergessen.

Krise der parlamentarischen Demokratie – was tun?

In beinahe allen bürgerlich-parlamentarischen Demokratien erlebten wir in den letzten Jahren eine zunehmende Zentrierung der politischen Auseinandersetzung um die sogenannte gesellschaftliche Mitte, gepaart mit einer Politik, die weitgehend als alternativlos legitimiert wurde. Demokratie aber lebt vom Streit, vom Diskurs und davon, dass unterschiedliche Interessen um gesellschaftliche Hegemonie ringen. Passiert dies nicht mehr oder immer weniger, eröffnen sich Räume gerade für rassistische und menschenfeindliche Ideologien, wie etwa den Rechtpopulismus. Diesen Zusammenhang haben politische Theoretiker*innen wie etwa Chantal Mouffe (Lesetipp: Über das Politische: Wider der kosmopolitischen Illusion) deutlich herausgearbeitet.

Jedoch sind weder der Siegeszug des Rassismus und Nationalismus, noch die Vereinzelung und der Leistungsdruck im neoliberalen Kapitalismus alternativlos. Was allerdings ganz klar nicht gelingen wird, ist eine emotionale Auseinandersetzung, wie sie gerade etwa um und durch Trump oder auch die AfD geführt wird, einfach zu rationalisieren und sie als postfaktisch und damit nicht einer Auseinandersetzung würdig abzuqualifizieren. Klar müssen Lügen – gerade wenn sie rassistisch, sexistisch oder sonst wie menschenfeindlich sind – als solche entlarvt werden. Wir dürfen uns aber nicht der Illusion hingeben, dass Fakten die braunen Widerlichkeiten beenden würden. Es braucht keine neuen Kategorien um die Entwicklung, die wir gerade erleben zu beschreiben. Postfaktisch war der Laden schon lange. Neu ist, dass es aus einer anderen oder vielleicht auch nur radikaleren Richtung kommt.

Die Kritik muss an der Ideologie, die in den Köpfen derer herumspuckt, die an Stammtischen hetzen, in rechten Think-Tanks Strategien entwickeln, auf der Straße für Deutschland „spazieren gehen“ oder Brandsätze auf Unterkünfte für Geflüchtete werfen ansetzen. Sie sind nationalistisch, rassistisch, sexistisch und homophob – schlicht menschenfeindlich. Dagegen gilt es sich zu organisieren. Gleichzeitig muss der trostlosen Alternativlosigkeit etwas entgegengesetzt werden. Es braucht progressive, emanzipatorische, linke Kollektivität(en), die der Vereinzelung und dem Nationalismus etwas entgegensetzen. Gegenwärtig scheint sich alles eher auf einen Abwehrkampf zu fokussieren – es soll bloß nicht noch schlechter werden. Tatsächlich müssen daraus aber wenigstens mittelfristig Forderungen und Aktionen entstehen, die über Trump, AfD und die Verhältnisse vor dem Erstarken der Rechten hinausweisen.

Vielleicht können etwa die Bewegungen, die sich gerade in den USA gegen Trump bilden das schaffen. Sie sind sehr divers, das ist ihre Stärke und vielleicht auch ihre Schwäche. Wenn es aber gelingt, gemeinsam über die Verteidigung bürgerlicher Freiheiten gegen Trump hinaus, gemeinsame Forderungen zu artikulieren und auch zu erkämpfen, dann hätte die Wahl Trumps vielleicht doch einen positiven Aspekt. Die Offensive muss her, um Kollektivität jenseits von „Wir sind das Volk“, Nation und Dumpfbackigkeit herzustellen. Ja, das bedeutet Streit, Auseinandersetzungen, Emotion und eben keinen Konsens. Aber genau das ist es, was es schon viel früher gebraucht hätte, sowohl im Zweiparteiensystem der USA, als auch in der ziemlich mittigen politischen Landschaft in Deutschland. Nur mit echten Alternativen kann es gelingen diese Auseinandersetzung zu gewinnen.

Trump, Höcke, Petry und Konsorten sind Symptome einer gesellschaftlichen Entwicklung, die viel tiefer und früher angesetzt hat als bei ihren Wahlerfolgen. Sie sind nicht einfach aus dem Nichts gekommen und es hilft auch nichts den verbreiteten Hass aus einer intellektuellen Warte nonchalant als schlicht falsch zu klassifizieren und sich damit bei einem gemütlichen Rotwein auf das Vintage-Sofa einer hippen Szenekneipe fallen zu lassen. Das, was gerade passiert, ist vielleicht der letzte Weckruf. Auch Trump und das, wofür er steht, wird vor Deiner Haustür bekämpft.


Nils Hesse

Nils Hesse hat auch mal was mit Gesellschaft studiert. Schreit und spielt Gitarre bei Postford. Mag Bier aus 0,33er Flaschen, Gummibärchen und manchmal Menschen.

 

 

 

 

 

 


Titelbild: © Lenn Colmer

Postfaktisch – Die Politik des Bauchgefühls

Das US-amerikanische Wahlvolk hat gesprochen. Es rief „TRUMP!“ Was es damit ausdrücken will, ist aber unklar, denn es spricht mit einem kaum verständlichen Dialekt, den Sprachforscher „Postfaktisch“ nennen.


Postfaktische Zeiten

Das kleine Wörtchen „post“ hat es ganz schön in sich: Es zeigt nicht nur einen zeitlichen Verlauf an (etwas ist nach etwas anderem), sondern es markiert auch einen qualitativen Unterschied. Die Postmoderne ist reflektierter als die Moderne. Die postcolonial studies sind besser als koloniale Forschungsreisen. Postmondän ist cooler als Die Welt. Doch was ist der Unterschied zwischen dem Postfaktischen und dem Faktischen?

Das Oxford Dictionary hat das englische Pendant „post-truth“ zum Wort des Jahres 2016 gewählt und begründet die Entscheidung mit dem Gebrauch des Worts im Zusammenhang mit dem Brexit und Donald Trumps Kandidatur im US-Wahlkampf. Das Wort bezeichne „circumstances in which objective facts are less influential in shaping public opinion than appeals to emotion and personal belief“. Objektive Tatsachen sind also für die öffentliche Meinungsbildung weniger einflussreich als Gefühle und die persönliche Überzeugung. Bezogen auf das Titelbild dieses Artikels würde der postfaktisch denkende Mensch sagen: „Ich könnte die Größe der Figuren auf dem Bild zwar nachmessen, aber ich verlasse mich lieber auf mein Bauchgefühl. Und das sagt mir, dass die Figuren nach hinten größer werden.“ Postfaktisch denkende sind anfällig für Täuschungen.

Angela Merkel sprach von „postfaktischen Zeiten“, als sie im September die schlechten Wahlergebnisse der CDU bei den Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern kommentierte.

„Postfaktisch“ scheint sogar eine treffendere Benennung der gemeinten Phänomene zu sein als „post-truth“. Schließlich wird das Konzept der Wahrheit (truth) nicht insgesamt aufgegeben. Nur die Rolle, die Fakten bei der Wahrheitsfindung und bei der Begründung der Meinung spielen, ändert sich. Fakten sind nur noch dann Fakten, wenn sie mit meinen persönlichen Gefühlen übereinstimmen. Wenn nicht, dann sind die Fakten Lügen.

Tatsächlich kann aber niemand, der seine Meinung lautstark äußert, das Konzept der Wahrheit ganz über Bord werfen. Er fühlt sich ja zu seiner Meinung berechtigt und muss sie äußern, weil sie bis jetzt noch nicht von ‚denen da oben‘, vom Establishment oder von den Massenmedien genügend berücksichtigt wurde. Der Ausruf „Lügenpresse!“ setzt gerade voraus, dass es eine Wahrheit gibt, über die die Medien eigentlich berichten sollten.

Post-Kompetenz

Das Spannende ist nun, dass diese postfaktische Haltung nicht nur den wütenden Mob auf der Straße betrifft, sondern ins Innerste des politischen Systems vorgedrungen ist. Das Neue ist dabei nicht, dass Politiker heutzutage lügen – das haben sie vermutlich immer schon getan. Die neue Qualität entsteht, wenn sie nicht einmal mehr versuchen, ihre Meinung durch Fakten zu belegen. Und wenn sie einer Lüge überführt werden, hat das oftmals keine gravierenden Konsequenzen mehr. Die Lüge ist eben keine Lüge, wenn sie sich richtig anfühlt oder dem Belogenen in seiner Überzeugung bestätigt. Und ein digitaler Shitstorm wird so schnell vom nächsten abgelöst, dass die aufgedeckte Lüge in Vergessenheit gerät.

Nun haben wir den Salat: Donald Trump wird bald der mächtigste Politiker der Welt sein. Dass Prominente aus dem Showbusiness politische Ämter bekleiden, ist in den USA nicht neu. Arnold Schwarzenegger und Ronald Reagan sind die wohl bekanntesten Beispiele. Reagan hatte vor der Wahl zum US-Präsidenten 1980 allerdings immerhin schon viele Jahre lang politische Erfahrungen gesammelt (er war Gouverneur von Kalifornien 1966-1974). Trump hingegen ist politisch genau so erfahren wie ein Autoreifen. Man muss sich einmal klar machen, was die Wahl Trumps wirklich bedeutet: Das ist so, als wäre Dieter Bohlen der deutsche Bundeskanzler!

Aber nicht nur nimmt es Trump mit den Fakten nicht so genau. Auch das schwächere Kriterium der Kohärenz ignoriert er, die Forderung also, dass Aussagen einer Person wenigstens widerspruchsfrei zueinander passen. Seine Reden während des Wahlkampfs enthielten nicht nur zahlreiche Selbstwidersprüche, auch seine erklärten Ziele vor und nach der Wahl widersprechen sich bereits. Beispielsweise nannte er im Wahlkampf das Ziel, Obamacare abzuschaffen. Nach der Wahl ruderte er zurück und möchte Teile der Gesundheitsreform nun doch beibehalten. Das grundsätzliche Problem ist also, dass gar nicht klar ist, was die Wahl von Trump für Folgen haben wird – er scheint es ja selbst nicht zu wissen. Seine Ziele ändern sich mit seinen Gefühlen je nach Tagesform. Konrad Adenauer wird gerne mit der flapsigen Bemerkung zitiert: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Nichts hindert mich, weiser zu werden.“ Trumps Motto ist sinngemäß: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Nichts hindert mich, heute andere Gefühle zu haben.“

Donald Trump funktioniert wie eine Fernsehserie, bei der in jeder Episode eine unerwartete, schockierende Wendung in der Story das Publikum bei der Stange hält. Ob die Geschichte dabei logisch schlüssig ist, ist zweitrangig.

Posten, liken, sharen

Das ‚alte‘ Massenmedium Fernsehen macht es einer kontroversen Figur wie Trump leicht, gehört und gesehen zu werden. Trump ist auf skurrile und verstörende Art unterhaltsam und unberechenbar – ein Garant für Einschaltquoten. Der Fernsehsender CNN hat selbst eingeräumt, Trumps Reden zu oft und zu ausführlich ausgestrahlt zu haben, als sich dieser 2015 neben anderen Bewerbern im Vorwahlkampf der republikanischen Partei befand.

Der hauptberufliche Miesepeter Neil Postman hat den Zusammenhang zwischen medialer Aufmerksamkeit und politischer Meinungsbildung schon in den 1980er Jahren anschaulich dargestellt. Ihn sorgte die Tendenz des Fernsehens, alles im Format der Unterhaltung zu präsentieren und den ernsthaften Diskurs zu verdrängen. Durch die sozialen Medien, die Postman nicht mehr miterlebt hat, hat sich diese Tendenz sicherlich noch verstärkt. Man muss gar nicht kulturpessimistisch eingestellt sein, um zu verstehen, dass mit 140 Zeichen keine komplexen politischen Zusammenhänge dargestellt werden können. Emojis drücken standardisierte Gefühle aus, aber zum Argumentieren sind sie eher ungeeignet. Während die FDP einst forderte, dass die Steuererklärung so einfach sein müsse, dass sie auf einen Bierdeckel passt, scheint sich heute der gesamte politische Diskurs an solchen begrenzenden Formatvorgaben zu orientieren. Bierdeckel passen ja auch gut zu Stammtischparolen, bei denen die Faust auf den Tisch donnert.

Auf der Jagd nach Clicks, Likes und Einschaltquoten berichten die Medien lieber über verbale Entgleisungen und andere Fehltritte von Politiker*innen als über politische Inhalte. Günther Oettinger beispielsweise war aus personenbezogenen Gründen in den letzten Wochen gleich mehrfach in den Schlagzeilen. Was seine politischen Ziele und seine Aufgaben als EU-Kommissar eigentlich sind, bleibt dabei aber völlig im Dunkeln und scheint niemanden zu interessieren. Mit der Überschrift „Politiker*in XY will die Einkommenssteuer um 0,5 Prozent erhöhen!“ lässt sich eben keine Aufmerksamkeit generieren. Und für die Wähler*innen ist es natürlich auch bequemer und leichter, sich über eine öffentliche Person eine Meinung zu bilden als über ein Parteiprogramm, eine politische Debatte oder einen konkreten aber langweiligen Gesetzentwurf. So werden schließlich Politiker*innen gewählt, weil sie ’sympathisch rüberkommen‘. Aber selbst ein unsympathischer Kandidat hat im Zweifelsfall bessere Chancen als ein Name, dem man zum ersten Mal in der Wahlkabine begegnet.

Schön wäre es, wenn der Wahlsieg Trumps als Weckruf für Redaktionen und andere Entscheidungsträger*innen in der Medienbranche ernst genommen würde und eine selbstkritische Analyse stattfände.

Postproduktion der Stimme

Donald Trump hat verstanden, wie die Medien funktionieren und hat es geschafft, mediale Aufmerksamkeit in Wählerstimmen umzuwandeln. Neue Medientechnologien zu verstehen und zu nutzen, wird sich für Politiker*innen zukünftig wohl noch mehr lohnen, denn die Wahrheit wird durch diese zunehmend flexibel gestaltbar.

Jeder Hobbyfotograf kann heute mit Photoshop Bilder retouchieren und so bearbeiten, wie es zu Zeiten der Analogfotografie nur für Profis möglich war. Kinobesucher*innen haben sich längst daran gewöhnt, dass in Filmen virtuelle Welten gezeigt werden, die vollständig am Computer entstanden sind. Die Stimmen von animierten Figuren wurden bislang jedoch von Schauspieler*innen im Tonstudio gesprochen. Das könnte sich bald ändern, denn Adobe, die Entwicklungsfirma von Photoshop, hat den Prototypen der Software VoCo präsentiert, mit der beliebige Texte von beliebigen Stimmen gesprochen werden können. Und zwar nicht so, wie es synthetische Stimmen schon seit Jahren können, sondern mit Stimmen von ‚echten‘ Personen. Man kann jeder beliebigen Person, von der genügend lange digitale Tonaufnahmen existieren, jedes Wort in den Mund legen – im Idealfall klingt die Sprachausgabe so echt, dass durch bloßes Hören nicht entschieden werden kann, ob die Person den Text tatsächlich gesprochen hat oder ob es die Software ist, die nur die Stimme der Person nutzt.

Jede sprachliche Äußerung von Trump, die zukünftige Journalist*innen finden, könnte also prinzipiell ein Fake sein. Und Trump könnte jede seiner früheren Äußerungen bestreiten, indem er behauptet, dass seine politischen Gegner sie mit der Software generiert hätten. Der Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge hätte dann nur noch eine theoretische Relevanz. Für eine politische Diskussion hätte er gar keine Auswirkungen mehr. Das wäre dann tatsächlich post-truth.

Vielleicht sollten wir aber erst mal klein anfangen und eine Crowdfunding-Kampagne starten, um Hillary Clinton einen EDV-Kurs an der Volkshochschule zu spendieren. Es ist nie zu spät, den richtigen Umgang mit Email-Programmen zu lernen.

Der fragmentierte Blick auf die deutsche Kolonialgeschichte

Das Deutsche Historische Museum, in den letzten Jahren oft wegen wenig origineller Ausstellungskonzepte gescholten, hat gerade aufgrund des nachlässigen Umgangs mit seinen Kolonialexponaten oft Kritik erfahren. Die Kritik an der großen aktuellen Ausstellung zum deutschen Kolonialismus hingegen ist nur teilweise berechtigt.


Ausstellung „Deutscher Kolonialismus“ im DHM Berlin

„The Kaiser’s Holocaust“ ist jenes Vorgehen deutscher Schutztruppen in provokant überspitzter Form genannt worden, das ab 1904 zur Auslöschung der Herero und Nama in Namibia, führte. Nur langsam sickert das Thema in die öffentliche Wahrnehmung, Feuilletons und Schulcurricula ein. Zusätzlich mit Brisanz wird die Beurteilung der Geschehnisse um die Jahrhundertwende durch die Debatte um den Begriff des Völkermords: von den meisten Historikern klar als solcher bezeichnet, wird er immer noch von der Bundesregierung, aus Angst vor Reparationsforderungen, abgelehnt.

Colon-Figur - Offizier, Nigeria oder Kamerun, um 1900 © Deutsches Historisches Museum

Colon-Figur – Offizier, Nigeria oder Kamerun, um 1900
© Deutsches Historisches Museum

Die bislang größte Ausstellung zur Geschichte des deutschen Kolonialismus, über 500 Exponaten auf knapp 1000 qm Ausstellungsfläche, kann angesichts des Ringens der deutschen Öffentlichkeit mit dem Kolonialerbe als überfällig bezeichnet werden. Mit ihrem ersten Exponat verbindet sich indes einer Blickumkehr. Man steht vor einer geschnitzten, sogenannten „Kolonfigur“, entstanden um 1900 in Nigeria oder Kamerun, die einen deutschen Offizier in Paradeuniform zeigt: Karikaturhaft überzeichnet, ausgestattet mit überdimensionalisierten Orden, Tropenhelm und Wilhelm II.-Bart gleicht er der Stereotypisierung des preußischen Herrenreiters und Bewohners jener „kasernierten Nation“, die Heinrich Mann im „Untertan“ beschreibt.

Jedoch bedeutet dieser Blick der Kolonisierten auf die Kolonialisten nur einen Perspektivenwechsel, der dem Besucher recht originell die Mechanismen der Vorurteilsbildung am eigenen Beispiel verdeutlicht. Das Interesse der Ausstellung hingegen richtet sich deutlich auf die Offenlegung der rassistisch-chauvinistischen Menschenbilder eben jener Herrenreiter und die Tradierung der im Kontakt mit den Einheimischen entstandenen langlebigen Stereotype, mit der sowie deren Ausweitung nicht nur auf alle Bewohner Afrikas, sondern generell Menschen mit anderer als weißer Hautfarbe.

Vielleicht mag hierin auch die bisweilen kritisierte fehlende Einbeziehung afrikanischer Organisationen in die Konzeptionierung der Ausstellung begründet liegen, die in erster Linie eine Auseinandersetzung der Deutschen mit der eigenen Identität ist. Sie offenbart die Kontinuität rassistischer Denkmuster, die sich vor der Kolonialzeit ausgeprägt hatten, während des späten 19. Jahrhunderts verfestigt wurden und trotz der – anhand der Exponate klar als Völkermord zu erkennenden – Menschheitsverbrechen in Kolonien wie „Deutsch-Südwest“ bis weit in die Gegenwart halten konnten. Die Ausstellung profitiert davon, dass gerade die Ungleichzeitigkeit einiger Exponate das schmerzliche Fehlen einer vertieften Auseinandersetzung mit der Kolonialzeit verdeutlicht. Wer den „Vernichtungsbefehl“ Lothar von Trothas, das zentrale Dokument des Völkermords an den Herero gelesen hat, wird nur staunen können, angesichts der Ignoranz, sich bis in die bundesrepublikanische Gegenwart das Bild des naiv-fröhlichen Negers, etwa in Gestalt des Sarotti-Mohrs, oder des faulen „Hotten-Totten“ halten konnte.

Auch weitere Beispiele, nach kolonialen Akteuren benannte Straßen etwa, illustrieren das lange fehlende Verständnis und die fehlende kritische Auseinandersetzung mit dem deutschen Traum vom „Platz an der Sonne“. Wie dieses Verdrängen möglich war, wird anhand der Romantisierung, mit kolonialrevisionistischem Gedankengut einhergehenden Verklärung der Kolonialgeschichte deutlich, die direkt nach dem Verlust der Kolonien 1919 begann – „Heia, Safari!“.

Die Ausstellung verzichtet weitestgehend auf chronologisches Erzählen, allzu oder ausufernde zeitliche Einordnungen oder biographische Porträts der Kolonialakteure. Man mag vor allem kritisieren, dass eine Rahmung durch die Beleuchtung der den gesamten europäischen Kontinent erfassenden Hybris im Zeitalter des Imperialismus im DHM fehlt.

Auf einen jener Herrenreiter, nach dem immer noch eine Straße in Neukölln benannt ist, trifft man am Ende der Ausstellung wieder: Ganz hinten rechts liegen die Überreste des Denkmals für den Gouverneur des damaligen Deutsch-Ostafrika, Herrmann von Wissmann, den man aufgrund seiner Strafexpeditionen wohl als einen der schlimmsten Kolonialverbrecher bezeichnen kann. Bereits kurz nach seinem Tod 1905 hatte die Deutsche Kolonialgesellschaft mehrere Denkmäler zu Ehren des ehemaligen Reichskommissars in Auftrag gegeben. Das Denkmal der Berliner Ausstellung zeigt Wissmann mit typischen Kolonialsymbolen, einem erlegten Löwen etwa und dem treuen Askari-Kolonialsoldaten. Ursprünglich in Daressalam aufgestellt, wurde es nach dem Verlust der Kolonien 1921 in Hamburg aufgestellt und für revisionistische Kundgebungen genutzt. Erst in den 1960er Jahren mehrten sich der Protest und die Forderungen nach der Demontierung, insbesondere seitens der linken Studentenschaft. 1967 schließlich wurde es gestürzt.

Quelle: Twitter

Und so steht der Betrachter im DHM etwas ratlos und leicht irritiert vor den Trümmern des Denkmals zu seinen Füßen, einem Fragment, an dem sich beispielhaft die Irrwege, Mystifikationen und Instrumentalisierungen der deutschen Kolonialgeschichte offenbaren. Vielleicht kann, nicht zuletzt aufgrund des bis in die Gegenwart wirkenden nachwirkenden Erbes der imperialen Episode des Kaiserreiches, auch kein geschlossenes, sicher jedoch bestimmt kein abgeschlossenes Bild der deutschen Kolonialgeschichte gezeichnet werden. Hingegen ist bemerkenswert, dass die Gräuel und Verbrechen des Kolonialzeitalters angesichts der Langlebigkeit seiner medialen Verklärung und Instrumentalisierungen so lange weiße Flecken auf der Karte der bundesrepublikanischen Erinnerungskultur geblieben sind. Die Vermessung dieser neuralgischen Zone ist ein großes Verdienst der Ausstellung im DHM.

Mehr Infos zur Ausstellung, die noch bis zum 14. Mai 2017 läuft, gibt’s hier.

Titelbild: Unterspülter Bahndamm zwischen Keetmanshoop und Lüderitz, Fotografie, um 1910, © Deutsches Historisches Museum