Kategorie: Kultur

Logik für die Krise

Vieles können wir uns kaum anschaulich vorstellen: exponentielles Wachstum, unsichtbare Viren und Handlungen, deren Konsequenzen wir erst in zwei bis drei Wochen bemerken. Die gegenwärtige Krise zwingt uns zum abstrakten Denken. Wenn die Welt da draußen so unberechenbar ist, brauchen wir ein paar feste Anker für unser Denken. Zeit für ein bisschen Logik!


Konträr oder kontradiktorisch?

Die Sätze „Heute ist mein Geburtstag“ und „Heute ist nicht mein Geburtstag“ widersprechen sich ganz offenkundig. Sie können nicht beide zugleich wahr sein. Wenn der erste Satz wahr ist, ist der zweite Satz falsch; und umgekehrt. Sie sind kontradiktorisch.

Der Satz „Die Erde ist ein Würfel“ widerspricht ebenfalls offenkundig dem Satz „Die Erde ist eine Pyramide“. Sie können nicht beide zugleich wahr sein. Sie können aber sehr wohl beide zugleich falsch sein (und sind es vielleicht sogar). Die Sätze sind nicht kontradiktorisch, sondern konträr. Dieser kleine logische Unterschied hat weitreichende Folgen, vor allem, wenn man ihn nicht beachtet.

Die meisten Widersprüche, die uns im Alltag und in den Medien begegnen, sind konträr. Das macht unser Leben so kompliziert. Wenn Günther auf seinem YouTube Kanal etwas sagt, das dem Robert-Koch-Institut widerspricht und die Aussage des Robert-Koch-Instituts sich als falsch erweist, hat Günther nicht automatisch die Wahrheit gesagt. Es ist logisch möglich, dass beide sich irren und etwas Falsches sagen.

Quantoren und Negation

Ich glaube nicht alles, was in den öffentlich-rechtlichen Medien gesagt wird. Aber die Reihenfolge der Worte ist hier sehr wichtig: „nicht alles“ ist nicht identisch mit „alles nicht“. Zu sagen „Ich glaube alles nicht, was in den öffentlich-rechtlichen Medien gesagt wird“, ist nicht nur Kritik an einzelnen Nachrichten oder Meldungen, sondern eine fundamentale Kritik, die ganz anders begründet werden müsste und ganz andere logische Konsequenzen hätte. Wenn ich nur einzelne Meldungen kritisiere, kann ich Gründe anführen, z. B. „Die Lage wurde sehr einseitig dargestellt“ oder „Da haben sie etwas vergessen oder nicht gründlich genug recherchiert“ oder „Sie berufen sich auf Quellen, die nicht vertrauenswürdig sind“. Auf dieser Ebene kann man diskutieren, nach Fehlerquellen suchen und mit einer Richtigstellung zu einem guten Ende kommen.

Wenn jemand aber systematisch alles nicht glaubt, angefangen beim Bericht aus dem Bundestag bis zum Wetterbericht und den Lottozahlen, dann wäre gar nicht klar, wie eine Diskussion ablaufen könnte. Auch eine Richtigstellung für eine Falschmeldung macht dann keinen Sinn mehr. Warum sollten die Kritiker٭innen dieser Richtigstellung glauben?

Ad-Hominem-Argumente

Häufig wird diese Ebene der Diskussion, wie sie oben beschrieben wurde, nicht erreicht, weil es nicht um die Sachlage geht, sondern um die Person oder die Gruppe, die etwas sagt. Anstatt eine Aussage mit Argumenten zu widerlegen, wird gerne die Person diskreditiert. Oder man ist einfach voreingenommen. Ich beobachte das bei mir selbst, wenn ich Politiker٭innen höre, von denen ich weiß, dass sie für Werte stehen, die ich nicht teile. Es ist nicht leicht, zuzugeben, dass ein٭e politische Gegner٭in auch mal richtigliegen kann. Wenn z. B. der Satz des Pythagoras wahr ist, bleibt er (zum Glück) wahr, selbst wenn ihn Donald Trump ausspricht.

Aber auch die umgekehrte Richtung darf man nicht vergessen: Eine Person, die man wertschätzt, der man vertraut und deren Meinung man teilt, kann sich dennoch irren und etwas Falsches sagen. Nur weil ich Fan eines Popstars oder eines Kochs bin, darf ich nicht aufhören, die Richtigkeit seiner Aussagen zu hinterfragen.

Falsifizierbarkeit

Die Lage ist unübersichtlich. Selbst Wissenschaftler٭innen sind sich nicht einig und müssen ihre Meinungen immer wieder revidieren. Das ist aber keine Schwäche der Wissenschaft, sondern gerade ihre Stärke. Wissenschaftliche Aussagen sind nicht in Stein gemeißelt, sondern können neu beurteilt und widerlegt werden, wenn es detailliertere Daten oder überzeugendere Theorien gibt. Wissenschaftliche Wahrheiten haben eine Halbwertszeit, die manchmal 500 Jahre beträgt und manchmal nur 5 Tage. Das führt zu dem Fehlschluss, dass jede٭r alles behaupten könne, solange es nicht widerlegt ist. Wichtig ist aber, dass egal wie innovativ oder verrückt eine neue Theorie ist, zumindest angegeben werden können muss, wie sie widerlegt werden könnte. Eine Theorie (oder eine einzelne Aussage), die immun gegen jede Überprüfung ist, ist gerade kein Garant für Wahrheit, sondern ein Anzeichen dafür, dass es sich um eine Ideologie oder ein Dogma handeln könnte.

Rotationssätze

Grundsätzlich sollte man im wissenschaftlichen Kontext also bereit sein, jeden Satz zu hinterfragen und keiner Theorie den Status einer absoluten Wahrheit attestieren. Der Fehlschluss wäre aber, zu glauben, dass daher alle Sätze im gleichen Maße auf wackligen Füßen stünden. Wenn bei einem physikalischen Experiment ein vollkommen unerwartetes Ergebnis rauskommt, das allem widerspricht, was wir bisher für wahr hielten, muss erstmal überprüft werden, ob das Messgerät richtig funktioniert, bevor man z. B. das Gravitationsgesetz infrage stellt. Vielleicht würde durch eine Änderung des Gravitationsgesetzes die seltsame Messung erklärbar. Aber der Preis wäre sehr hoch, weil gleichzeitig zahllose andere Gesetze und Annahmen mit geändert werden müssten, die auf dem Gravitationsgesetz aufbauen.

Je fundamentaler eine Annahme über die Welt ist, desto schwieriger und aufwendiger ist es, sie zu widerlegen, weil es einen Rattenschanz an Konsequenzen mit sich bringt. Wahrscheinlich hat es deswegen auch eine Weile gedauert, bis sich das heliozentrische Weltbild durchgesetzt hat. Man war eher bereit, den Beobachtungen mit Teleskopen zu mistrauen, als den Platz im Zentrum des Weltalls freiwillig zu räumen.

Als Faustregel kann gelten: Je mehr eine Aussage oder eine neue Theorie allen bisher geglaubten Annahmen widerspricht, desto zwingender müssen die Argumente und desto erdrückender die Beweislast für sie sein. Die Behauptung, dass im Inneren der Erde bluttrinkende Echsenmenschen leben, die ab und zu an die Erdoberfläche kommen, kann z. B. nicht dadurch belegt werden, dass jemand im Internet eine selbstgemalte Grafik zeigt.

Ockhams Rasiermesser

Die Lage ist auch deswegen so unübersichtlich, weil Beobachtungen und Messungen nicht von sich aus verraten, wie sie interpretiert werden sollen. Weiße Spuren am Himmel können entweder als Kondensstreifen von Flugzeugen interpretiert werden oder als Gift, das absichtlich und systematisch aus Flugzeugen versprüht wird. Den weißen Spuren ist egal, wie man sie erklärt. Jede Erklärung ist dabei aber eingebettet in ein Netz unzähliger anderer Aussagen und stillschweigend vorausgesetzter Annahmen, die sich gegenseitig stützen und nicht zu inneren Widersprüchen führen dürfen.

Es gibt ein pragmatisches Prinzip, das ein Hinweis für die Plausibilität einer Erklärung ist, nämlich das Sparsamkeitsprinzip. Je weniger neue Zusatzannahmen und Hilfssätze ich einführen muss, damit die Erklärung Sinn ergibt, desto mehr spricht dafür, mit ihr zu arbeiten.

Aus der Erklärung, dass es sich bei den weißen Spuren um Gift handelt, folgt z. B., dass es sehr viele Personen geben muss, die gezielt Giftbehälter an Flugzeugen befestigen und vor dem Start befüllen, dass es unzählige Personen bei den Fluggesellschaften und in Flughäfen gibt, die das wissentlich tolerieren und weder Familie noch Freunden davon erzählen und selbst dann, wenn sie in der Krise ihren Job verlieren, weiter das Geheimnis für sich behalten. Daraus folgt wiederum, dass es einen sehr guten Grund geben muss, warum konkurrierende Fluggesellschaften weltweit und aus teils verfeindeten Staaten zusammenarbeiten sollten und sich nicht gegenseitig anzeigen selbst nach Regierungswechseln oder während Kriegszeiten. Wenn man erst einmal soweit vorgedrungen ist und das plausibel findet, führt praktisch kein Weg mehr an der ganz großen Weltverschwörung vorbei, bei dem fast alle unter einer Decke stecken, außer der Günther, der als Einziger alles durchschaut hat.

Titelbild: © Joel und Jasmin Førestbird, Unsplash

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Die Totenmaske des Epidermes

Nach der Lektüre von Raoul Schrotts überaus ambitioniertem Epos Erste Erde, worin Kunst und Wissenschaft, Literatur und Natur ihre gemeinsamen Werte entdecken, drängen sich einem tausende von Fragen auf, darunter auch die folgenden:


Können Götter umgeboren werden?

(1 Spiralarm + 3 Stollenmundlöcher) x lächelnde Haut = ?

Was haben ultramarine Monaden unter der Motorhaube?

Wer gilt als der Begründer der Fernbohrkunst?

Wird prophylaktisches Sterben von den Krankenkassen übernommen?

In welchen Kulturen gilt es als unhöflich, das Synapsenköpfchen mit einem Leichentuch zu bedecken?

Durch welchen traditionellen Trick bringen Bergbewohner die Tatarenmatrix zum Pulsieren?

Was ist (außer „stunden“ natürlich) die Lieblingsvokabel der Dichter?

Was unternahm Kaiser Mark gegen Trugbildabrieb?

Unter welchen Umständen geht Fleischdetonation mit einer Humpelnden Druckwelle einher?

Was macht einen Bluterguss selig?

Welche Kristallkreatur kommt typischerweise als Fehldruck in der Magmakruste zum Vorschein?

Worauf weist ein erhöhter Serotoninspiegel im Lustwandelwurm hin?

Warum haben Astronauten Saurieraugen?

„Luzifers Gleichung“ beschreibt die Beziehung zwischen unterschwelliger Sphärenmusik und überirdischer Signifikanz – wahr oder falsch?

Wie vielen Lichtjahren lässt sich in einem mit Parabolspiegeln ausgekleideten Kneiff-Gyrov-Labyrinth auflauern?

Warum ist Schlamm aus dem Höllenpfuhl gesünder als Schaum aus dem Dorfkino?

Wie kann sich ein haarmenschlicher Fingerabdruck in Gischt einmieten?

Wie lautet der Terminus technicus für die frivolen Mehlreste einer Jahrmillionen alten Fabrik?

Eine Gestalt verlöre ihre Brustwarze, wenn der Pilznippel ________________.

Kommt ein Bleigürtel als Infusorienkluft in Betracht?

Wie funktioniert Eiweißumkehr bei Kameltreibern (Firmware)?

Honigwabe unter der Achsel?

Bei welchen Druckverhältnissen wird Blindenschrift von dreiäugigen Manierismen rezipiert?

Für wen kommt eine Kryptohumus-Nuklearbier-Diät am ehesten in Frage?

Wie kann Dahinkroch sein Präteritum überwinden?

Eine Brustwarze verlöre ihre Gestalt, wenn die Nippelsyntax-basierte Lippenchoreographie ________________.

Wie geht man mit schnarchenden Eukarioten und ihren schmatzenden Torsos um?

Was passiert, wenn man einen Hexameterdocht in lispelnde Luciferase taucht?

Wie reagieren Stummelfüßer auf filzige Photonen?

Macht Lähmung unsterblich, oder ist es eher andersherum?

Worüber verfügt ein Panzerfisch nicht: pralle Schleimhäute, elastische Keratinstirn oder laminiertes Schwanzphantom?

Golfhammer vs. Otolithen – wer wen?

Bei welchen Lebewesen lässt sich ein pigmentierter Schatten beobachten?

Was ängstigt Raum?

Wie tauschen sich die Tentakel einer sumpfigen Hyänenalge untereinander aus?

Aus welchem leider in Vergessenheit geratenen Frühwerk Xenomorphs stammt dieses Fragment:

„Strompulver zerknüllt Plankton im Knochen-Akkord
Omen bersten wie Lunarpixel prozesshafter Analogien
Opalisierte Mikroben mit Hydrokarbonstachel
Verschmelzen in Autopoiesis mit Scheißkorallen
Magnetischer Stoffwechsel ist das Umkehrbild der Irrläufer
Und die ölige Kulmination anekdotischer Kolbengeister
Das Loch im Lithium heißt Phoenix-Nautilus
Sein Feuerball ist Konjunktion und Kugelphosphor
Mikroskopwurzellkernnormierung
Als Nimbus im Nullpunkt
der Einfühlung ins Röhrchen dient er
Fragmentierte Haziendafetzen kreisen um uns
Wie der Hummelsatellit ums Apathit
Und ein Tränensäure-Selfie
[…]“?
Titelbild: © Hanser Berlin

Lange Nacht der Museen in Berlin – 25.08.18

Am 25. August ist es wieder soweit: In der Langen Nacht der Museen öffnen über 80 Berliner Museen und Ausstellung ihre Pforten für nächtliche Besucher. Zu diesem Anlass gibt es über 800 Sonderführungen und Events. Wir durften in einem Social-Media-Preview schon einmal drei davon besuchen und erleben.


Fabelhafte Fossilien im Naturkundemuseum Berlin

Das Museum für Naturkunde Berlin ist berühmt für seine riesigen Dinosaurierskellette. Heute wissen wir so einiges über den Fleischfresser Tyrannosaurus Rex und den Langhals Brontosaurus, doch das war nicht immer so. Knochen- und Fossilienfunde wurden sehr lange mit Mythen und Sagen in Verbindung gebracht. So entstanden Vorstellungen von Wesen wie Zyklopen, Drachen und sogar Einhörnern!

Zur langen Nacht der Museen gibt es im Naturkundemuseum eine Sonderführung durch die Hauptsammlung fossiler Wirbeltiere, in der man nicht nur die Originalknochen der ausgestellten Dinos bestaunen kann, sondern auch allerlei unterhaltsame Sagen und Mythen erkundet.

Der schönste Hörsaal Berlins im Tieranatomischen Theater

Kennt ihr das Tieranatomische Theater? Nein? Dann wird es aber Zeit! Das 1790 erbaute Gebäude ist nämlich nicht nur eines der wertvollsten klassizistischen Bauwerke in Berlin (architektonisch bedeutsamer als das Brandenburger Tor!), sondern verfügt auch über den wohl schönsten Hörsaal Berlins. Der beeindruckende Kuppelbau diente früher als veterinärmedizinischer Lehrsaal, in dem den Studenten Anatomie an Tierkadavern studierten.

Heute betreibt die Humboldt-Universität das Tieranatomische Theater als Forschungs- und Ausstellungszentrum. Aktuell ist die Ausstellung „Verschwindende Vermächtnisse: Die Welt als Wald“ zu sehen.

Matcha-Teezeremonie in der Mori-Ogai-Gedenkstätte Berlin

Mori Ogai ist ein Schriftsteller, der in Japan zur Pflichtlektüre  in der Schule gehört. Bei uns ist er wohl nur Kennern bekannt. Eigentlich schade! Schließlich hat er lange Zeit in Berlin verbracht und war der erste Übersetzer des „Faust“ ins Japanische. Die Mori-Ogai-Gedenkstätte Berlin informiert über Leben und Werk des temporären Wahlberliners und wirft zudem einen Blick auf Japans rasanten Sprung in die Moderne, der sich im 19. Jahrhundert vollzog.

Ein ganz besonderes Highlight ist die Möglichkeit einer traditionellen Matcha-Teezeremonie beizuwohnen, die von einem ausgebildeten Teemeister vorgeführt wird.


Lange Nacht der Museen in Berlin

25.08.2018

Tickets und Informationen

Titelbild und Fotos: Martin Kulik

1,603 kg Powergnosis

Es gibt gute Gründe, eine Schwäche für Eklektiker, Enzyklopädisten und polymathisch-polyhistorisch versierte Uomini universali zu haben: Zu wahrer Herrlichkeit erblüht Erudition doch erst, wenn Physiker komponieren, Schriftsteller IT-Systemelektronik treiben oder Biokryptographen Comedy-Bühnen unsicher machen, wenn Trudeau die (auswendig gelernten) Grundzüge des Quantencomputers darlegt und Gell-Mann sich von Finnegans Wake zu Quarks, oder zumindest deren Nomenklatur, verarb… inspirieren lässt. Doch Moment mal: In dem vorliegenden Kulturbrocken von Braunstein, Florence und Pépin, Jean-François werden die Naturwissenschaften nur nebenbei – immerhin – gestreift.


Welches Wissen ist bedeutender: die Funktionsweise von PET-Scans oder von Milorad Pavićs Metaphorik? Wer sich fürs Erstere entscheidet, könnte ein Philister sein. Wer sich fürs Letztere entscheidet, könnte eine „Entropie“ inflationär und/oder (grob) falsch verwendender Geisteswissenschaftler (pejorativ gemeint) sein. Fakt jedenfalls bleibt: Errungenschaften auf dem Gebiet der klassischen bis postmodernen Femtochemie, Mathephysik und Keksmechatronik sind selbstverständlich ebenso Teil der menschlichen Kulturgeschichte wie die Künste und unexakten Wissenschaften, zumal die Physik des 20. Jahrhunderts durch die Erschließung spekulativer Wunder seit langem wieder in die Nähe der Philosophie gerückt war und so die mannigfaltigen Avantgarden in Literatur, Musik, Malerei etc. kongenial zu komplementieren vermochte … Aber natürlich ist das hier Gezicke auf hohem Niveau, wäre doch eine derart grenzenlose Tour d’Horizon, die weder Bill Bryson noch Peter Watson (und schon gar nicht Dietrich „Thermodynamik ist nur was für Freaks“ Schwanitz) gelungen ist, für ein einziges Buch etwas viel verlangt. Andererseits gibt es Brockhausens lobenswert umfassenden, auf rund 600 Seiten aber naturgemäß nicht allzu tief greifenden Versuch in Form von Bildung21.

Kommen wir nun aber zu dem dennoch üppigen Weltwissen, das unter der Haube dieses von zwei grünen Buchdeckeln parforcerittlings gezäumten Bildungsboliden steckt …

*

Galilei lässt Unrat auf Newtons Haupt niedergehen, das, elffach verknotet, sogleich in die Mesosphäre entweicht. Murnau und Lang liefern sich erbitterte Klimm- und Kniffelduelle, woraufhin Lottab Reiniger einen Batzen Ton verfilmt und so das heliozentrische Weltbild als illegitimen Gauzentrismus-Nachfolger enttarnt. Frank Le Jefferson wird nach Kalkutta verfrachtet, wo angeblich 1 Qing wächst, Vasco da Gambas, Lebensmittel, kann sich sogar bis nach Austernitz durchboxen, muss aber spätestens beim Wiener Forellenkongress innehalten: Der Schinkenklimt ist ebenfalls mit von der Partie, nachdem Kleists Hölderline „gerissen“ ist. Gelich spürt diversen Phänomenologien nach, zuletzt der des Gefriertumblers, parallel entwickelt Søren eine ganz eigenwillige Butter, die anschließend von Nietzsche und Deleuze (fast) unverändert übernommen wird. Sigmunch Freud steuert auf die Psychopathologie zu, wobei der Bruckner Brahms die entsprechende Motivik anleitet. Dann erscheint Silur (403 bis 367 v. Kru.) und legt einen Würm ins Loch des Neandertalers, der von Früh- bis Spätneolithikum Dolmen schiebt. Es kommt zu Religion, in deren Rahmen Steppenmonaden ihre Hühner gen Zukunft und ihre Anti-Hühner gen Vergangenheit pfeifen. Der Hirsch aus Pekingmenschenfleisch formt einen ersten Keramikisolator sowie die dazugehörige Mesopotamische Null, mit der die Dynastie numerischer Fürsten eingeleitet wird. Fast zur selben Zeit wälzt sich Marcel Proust neurasthenisch auf der Chaiselongue, Apollinaire dreht am Radadad, Breton und Aragon sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen, wozu Jarry und Artaud sich wie paradoxe Cocteau-Zwillinge verhalten. Selbst Rilke neigt zu absurdem Theater, das tatsächlich aber von Neville Chamberlain auszugehen scheint. Beckett wittert die von Mussolinis billigen Tuchen durchgepeitschte Irland-Mafia und flieht als Codex Hammurapi nach Babybelon, als die Phönizier in ihrem eigenen Alphabet ersaufen. Die Kulaken klemmen sich ihre Simultanfäustchen ab und machen Iran unsicher, 300 Spartaner schauen phlegmatisch zu. Die Sphinx beginnt mit dem Gerüstbau für die Pyramiden, weil Osiris und Amon-Re eine viel zu komplizierte Wette abgeschlossen haben, deren Bedingungen bis heute unverstanden sind. Im Totenbuch wird die Zubereitung von Ramses genauestens beschrieben, während Kleopatra sich mit dem Leuchtturm von Alexandria orthogonal befriedigt. In der Bibliothek gleich nebenan lauert Ptolemäus darauf, Moses’ Wurfhammer zu inthronisieren. Die einzelnen Sippen fließen zu einer Großmischpoke zusammen, doch lediglich Talmud der Feine schlägt eine halbwegs akademische Laufbahn als Bundeslade ein und wird im Tempel von Jerusalem zwischengelagert, was dann und wann Nebukadnezar in Gel-Form zur Folge hat. In der Zwischenzeit wird Rigveda implementiert und die Upanishades of Grey verkaufen sich wie geschnitten Mehl, zumal Krishna als Brahmännchen in die Geschichte der MLB einzugehen beginnt. Auch Buddha lässt nicht lange auf sich warten und hilft als 8 ohne Grenzen jungen Fischkulturen beim Digitalisieren der Mahabharata mit: Darin streitet sich Kama Sutra mit einer tantrischen Swastika um den Wahlpflichtfach-Status an der École Polytechnique, unterdessen balsamiert Meister Brahmagupta seine Ayurvedenpitta kryogenetisch ein. Der Ukrainer von China seinerseits kann Konfuzianismus wenig bis viel abgewinnen und lässt folgerichtig Kafkas Metamorphoden von der Terrakotta-Armee zustampfen. Die Xing-Dynastie dauert nicht allzu lange an und macht dem Sechzehntelkönig Platz, der sich kurz zuvor an Rezikiller Shōtoku verhökert. Panzerkreuzer kommen – im Gegensatz zu Dumas – selten allein, daher entscheidet der Sowjet, Unkenrufen zum Trotzki, Lenins Akkreditierung greenzulighten. Als die UdSSR schließlich ihre Tore öffnet, kommt es unvermittelt zu Stalin: Die Gulags weisen niemanden zurück, Schwarze Donnerstage sind ebenso willkommen wie die Atlantik-Charta. Allmählich hält der Symbolismus Einzug, Hugo und andere Irrationale verzüchten sich an den Blumen of Steel, deren Vordenker Rimbautréamont sich mau passant zum experimentellen Flohbart-Naturalismus gedrängt fühlt. Der Beginn des Fin de siècle wird von Dekadandys gesäumt, die mit Mallarméladenbroten durch Verlaine und Wilde flanieren wie durch die Seine, ohne in Moralin zu versauern. Indochina dankt ab, #AffäreDreyfus kostet nicht nur Zola, sondern auch seine Kollegen Manet, Monet und Neo K. „Mango“ Lassizismus einen Balzac Money. William Turner reißt das Ganze aber noch einmal um, auch wenn Cézanne und Urinaro eigentlich kein Zurück zu kennen scheinen. Kurz zuvor wird in Pearl Harbor Ghandi-san via Hirohito Nagasaki nach Mao Zedong geleakt, um Äthiopien den erfolgreichen Launch von „Nok Nok“-Humor zu ermöglichen. Mykene zieht daraufhin Byzanz und verfüttert Kleisthenes an Thailand, die entsprechende Olympiade wird wegen Do Pings Unpässlichkeit auf n. Kru. vertagt, was Alexander dem Großen endlich die Gelegenheit gibt, Hellenismus nach Deutschland einzuschleppen. Inzwischen sind die Alliierten auseinandergestoben, und Captain Dunkirk organisiert einen finalen Fight zwischen Pétain und Göring. In Stalingrad führt Schukow Rommel derart hinters Licht, dass die V1 und V2 sich praktisch gegenseitig neutralisieren. Sobald die Charta der Vereinten Nationen beschlossen ist, werden van Goghs Ohren vollautomatisch nach Toulouse-Lautrec expatriiert. Aristoteles macht es sich als einer von insgesamt höchstens zehn Intellektuellen weltweit deutlich zu leicht und kümmert sich eher schlecht als recht um seine Landeier in Großprytanien. Als die Akropolis wegen Bombenalarm geräumt werden muss, hängen sich im Apollo-Tempel drei Säulensorten in einem lange Zeit für unverfilmbar gehaltenen Winkel auf, der die Propyläen missgünstig stimmt. Xo Naxos gelingt zum ersten Mal, den Donutismus Homers auch ihren zyklopischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern nahezubringen. Hesiod schildert in seiner fabelhaften Oper Äs die Geschichte der thespischen Koryphäen, es ist aber schlussendlich Euripides, der den Weg ins nächste Eigentor ebnet. Thales von Milet hilft mit seinem bis dato magersten Schaltkreis Heraklit, seiner Zenon-App (mit Hilfe eines pythagoreischen Einecks) auf die Sprünge zu helfen, wobei Leonardo, da Vincis chronisch unbeholfener Nygus konsequent totgeschwiegen wird. Immerhin verdankt er dem Atomismus das postsokratische Och in Form von Platons aristotelischem Duftorgan „Plotin“. Die Metaphysik der Kyniker reicht weit über Diogenes und seine (schlussendlich in des Teufels Zirkelschluss gehörende) Skepsisbande hinaus. Epikur genießt mit stoischer Unverfrorenheit das Delphinarium von Orca, während Nike sich mit des Orpheus Hybris versohlt. Gaia die Grundgütige bläst Hades ins Horn, mehrere Götter müssen infolgedessen abdanken. Der hippokratische Meineid genießt vor allem in Euklids Kreisen einiges an Streetcred, wenngleich Archimedes erst viel später Heurekiri begeht. Die Etrusker haben ihre Nekropolen nicht umsonst eingeschmolzen, wie Lucifers ausverkaufte Genugtuungstour unzweideutig belegt. Von „7, 5, 3“-Romulus bis „Bromid springt aus der Moleküleichenhalle“-Remus wird das Imperium Romanum quasi ab urbe vergilbt und entflacht, die Res Publica (vgl. SPQR-Code) soll in Form eines Kleinkrieges gegen Horazius Ovidus endlich Realität werden. Marc Aurels Dioklettverschluss schlägt sich dementsprechend lange genug mit Rambo herum, was im Großen Sackhüpfenlassen von 333 gipfelt. Als endlich Cloaca Maxima ihr Riesenarschloch über die patrizischen Großfamilien von Damaskus schleift, zeugen spätrömische Garnituren endgültig von Seneca. De rerum natura und andere rhetorische Taschenspielertricks werden um Panlyra, Dudensack und Cicero ergänzt, wobei die Redekunst des Letzteren Nero wegen unsachgemäß geminter ฿฿ in den Knast einwandern lässt (wobei „Armut + Psyche = Antidepressiva“ gilt). Auch Tacitus geht auf jeden zweiten Agricola los und bemannt solcherart die Astronomie mit den jeweils unabdingbaren Arithmetica. Pontius Pilatus lässt seine zuverlässigsten Pharisäer dermaßen langsam kommen, dass aus Saulus Sallust und aus Paulus Plinius werden. Hieronymus nimmt den Aposteln ihre Gnosis und verankert mit ihr Konstantinopel fest im Schlamm der Raumzeit. Beim Konzil von Nicäa wird der Papst in den Okzident eingebacken und schlägt sich anschließend als stattliches Schisma nieder, sodass Benedikt von Nursia dringend aufs Kloster muss. Le Cottbuser wettert gegen Gropius, Mies van der Grobe muss sich von Picasso die Zweitnase umtünchen lassen. Aus Wittgenstein wird mit der Zeit dem Jaspers sein Heidegger, Gödel stößt bei einer Kognietenziehung an seine Grenzen und deckt sich am Ende der Parabel mit Husserls Rüssel zu. Bergsons Köpfchen allerdings verführt Durkheim zum Positivismus, überhaupt schreiben sich ganz neue Wissenschaften an der AdK ein. Der Marshallplan läuft rund und lässt die Entropäische Union XaSS ausbaldowern. Lucius „D.“ Clay beteiligt sich am Grundgesetz, scheitert aber an mangelnden Deutschkenntnissen. Ludwig Erhard findet für seine Art von Comedy kaum Absatz, dafür sorgt die Rentenreform für Vollbeschäftigung. Die SED zieht eine zweite Schallmauer hoch, Willy Brandt vertraut Helmut Schmidt nicht einmal Kohl an, dessen Ära von kollateralen Verträgen merklich gezeichnet ist. Homöopathisch motivierte Völkerwanderungen schlagen Attila mehrfach nieder, und Geiserichs Kaiserreich muss sich dem Codex Seraphinianus unterordnen. Auch in der Peterskirche nimmt Lethargie eine Sonderstellung ein, als koptische Mumien wie von selbst nach Hause losschlendern. Bei den Alemannen ist der Odokaeder gern gesehen, die Langobarden hingegen wollen Karl dem Großen ihre Runen schenken, ohne vorher die Rechnung mit finnelnden Hunnen oder wenigstens selbstgoogelnden Wikingern gemacht zu haben. Joule, Ampère und Faraday werden endgültig vereinheitlicht und unterstützen so die Gebrüder Lumière bei der bemannten Raumfahrt. Max Weber konkurriert mit den Utopistenkommunen, die von Verdisraeli und dem Goth-Prinzen Albert von Sachsen-Cobalt betrieben werden. Die entscheidende Frage bleibt auch nach Eingreifen durch Blasetti zunächst unbeantwortet, ganz im Gegensatz zur Gothic Novel, deren Hauptvertreter Byron, Shaw, Dickens, Wells, Kipling, Stoker, Joyce, Lawrence, Konsalik und Doyle heißen. Der Stream of Consciousness wird erst spät auf die darwinistische Transformationslehre angewendet, da diese sich zunächst vom modernen Kreationismus lossagen muss. General de Gaulle kommt auf Hô Chí Minh überhaupt gar nicht klar und findet den Indochinakrieg „total gestört“ (G. Pompidou). Der Irak versucht sich vergeblich an der Unmöglichkeit, von Sarkozy so gut wie nichts mitzukriegen, bis Margaret Thatcher sich endlich die Zeit nimmt, mit ihrer Eisernen Lady die Downing Street durchzupflügen. Plötzlich muss die Labour Party mit Berlusconi haushalten, was sich als fataler Fehler erweist. Papst Franziskus gibt Franco und Juan Carlos jeweils 0 Chancen, Yggdrasil verschlingt Odins Asenedda und Freya lässt sich von Gyllinborsti die Nutte kraulen. Die Merowingers schließen sich mit den Karolingers zu einer Art Kartell zusammen, welches Karl der Einfältige für was zu essen gehalten haben wird. Theodulf Hitler kommt während des Zweiten Kreuzzugs gemeinsam mit Richard Löwenherz auf den ottonischen Cäsaropapismus, muss aber schlussendlich Barbarossas habsburgische Antwort auf die Goldene Bulle fehlgeleitetem Ästhetizismus zurechnen. Wolfram von Eschenbach zieht sich in die Villa Massimo zurück, nur um Meister Eckharts Minnespuren mundtot vorzufinden. Da Graf Innozenz IIII. sich behutsam um den Investiturstreit kümmert, benötigt sein Pontifikat zwölf Zündkerzen, daher die Kreuzzüge mit Gottfried von Bouillon am Kochlöffel und Franz von Assisi am Heiligen Gral. Die Dominikaner nehmen ihn ohne zu zögern auf und lassen ihm frühgotische Gewölbe und dergleichen Tand angedeihen. Diverse Wandteppiche mit Gaukelhuren liefern dabei köstliche Vorlagen für Chansons, Romanteppiche und Mysterienspiele um allegorische Universitäten feat. Thomas von Aquin, Albertus Magnus (PI) und nicht zuletzt Wilhelm von Ockham (dessen Rasur nach wie vor aussteht). Die Scholastik tritt die Erbfolge der Stochastik an, die wiederum einem Schaschlikstick entwachsen zu sein scheint, jener nekromechanischen Ethik also, die in der Summa technologia das Missverhältnis zwischen „Steigen Brentano, Hoffmann und Büchner in eine Bahn, deren Endstation MarsEgel heißt“ und Sprossen beleuchtet (wobei Gott den Allerkürzesten zieht). Chruschtschow wird vorsichtig von Gagarins Epidermis abgelöst, und sobald die beiden endlich separat bzw. zurück auf der Erde sind, wird mit Breschnew der Prager Lenz vorformatiert. Gorbatschow darf endlich den Ostblock freirubbeln, und in der Russischen Föderation verwaltet nun Jelzin, ein waschechter Melissa-McCarthyist, die Cougar-Krise. Ben Gurion geht sogar in Fukushima einkaufen, um den Jom-Kippur-Krieg zügig an die OPEC auszulagern. Martin Luther King hat einen hochgradig eskapistischen Traum, der dank Watergate, Reagan, Saddam Hussein und Monica Lewinsky so richtig zustande kommt: Obama denaturiert Osama. Gerade als die Dekabristen in den Krimkrieg einmarschieren, begegnet Casanova mit Rossini, Bugatti und Puccini zum allerersten Mal der i-Deklination in ihrer ursprünglichsten Form. Puschkins Meisterwerk macht auf Gogolew einen derart großen Eindruck, dass sie schnurstracks der Slawophilie erliegt. Dostojetski versucht sich als Westler, verliert aber im letzten Moment gegen Hogan, der sich auf die Nichtannahme des Literaturnobelpreises spezialisiert hat. Johannes von Gutenberg bewegt sich mit nur einer Letter durch die Welt der Unicode-Enthusiasten, Wilhelm der Eroberer liest Michael Ironsides Hasenfuß auf und gammelt anschließend studiosusmäßig ab. Die Magna Carla wird zwischen den großen CEOs ihrer Zeit herumgereicht, was Jeanne d’Arc nicht unkommentiert lässt. Die Kathedrale von Canterbury wird fachmännisch gefällt, und Caedmon veröffentlicht sein vorerst letztes Buch über die Vorzüge von Eichelhähern. Dante Ali stimmt sich mit Geologen über die Jahresringe seines Invertdendrons ab, Rubens und Delacroix finden unabhängig voneinander eine relativ umständlich Abkürzung von Malen bis nach Zahlen-Mitte (Westf.). Das Sonett führt Petrarca auf direktem Wege ins Purgatorio, welches Kosmen gerade die Geschichte von sich gegenseitig abzählenden Erzählern („Decamerone, Decamertwo …“) einzuflüstern scheint. Oleg geflügelt Jaroslaw, Kasimir nach Kiew zu holen, stattdessen repariert Alex Newski Iwan dem Schnecklichen sein Gehäuse. Von den Bojaren geht ein Dosenpfand aus, als würde Ogorod hochgezogen, sprich: Ayatollah Iljitsch Chomeini kämmt Otto „Dicks“ Grosz so lange durch, bis der Rote Bayouware inkommensurabel steht. Jackson Pollock widmet sich einer Art Brut à la Man Ray, während Naivling Rousseau mit Gustave Eiffel eine Art Nouveau à la Christo einführt. Tzara de Chirico lässt den Oomphressionismus auf die Leute los: Kleedinsky und Marcy Mack sind nur die Spitze eines Verrücktenberges, dessen Stijl später mehrfach kopiert wird und schließlich als Duchamp im Bidet landet. Hering Baselitz stellt das von einem Asylheymgöblin widerwillig initiierte Kunstverständnis für etwas weniger als 0 €/St. ein – die erste Postmoderne beginnt zu lugen. Hugo Ball, zu dessen diversen Nomdeplymen bedeutende Namen wie Benjamin, Tucholsky, Predator, Kästner, Cranston und Mann gehören, tut es seinen Kollegen Boll, Grass und Ingeborg Kollektiv gleich. Durch Arno Schmidt wird der sozialistische Determinismus berühmt, aber auch Durs Grünbein. Armin Müller-Stahl kann Georges Perec für seine Anden-Doku gewinnen, Simone und Jean-Paul knistern als exzellentes Paar durch die Mesosphäre. Sklaverei gehört von jetzt auf gleich der Vergangenheit an, Lincoln lässt zu diesem Zweck mehrere Sezessionskriege testen, um schließlich Roosevelt den Untergang des Hauses Ashram zu kolportieren. Neben Hemingway, Wile E. Coyote und Philip Roth gelingt es auch Rushdie und Tagore, an die Frankfurter Schule zu wechseln. Adorno überhöht (via Arendt und Canetti) die Phänomenologie der Wissenschaftsexistenz zu einem poststrukturalistischen Hermeneuter, derdas Derridas Dekonstruktion in die Auflösung sämtlicher Tonalitäten reinreitet. Neue Musik von Jazzup (Rolling Stones) bis Technoboob (Sugar Babes) lernt nichts aus der Eurokrise, obwohl selbst Russland seit der Arabischen Maienzeit weiß, dass Gaddafi von Ai Weiwei manipuliert worden ist. Immerhin geht Nelson Mandela nach Darfur und beißt die Afrikanische Union, wie der einzige uns bekannte, von Al-Chwarizmi überlieferte Algorithmus zur Wiederbelebung der Gupta-Schwestern belegt. Wang Wei und Wu Zhen reißen sich doch noch einmal zusammen und schlagen Wang Po Su Shi bei den umstrittenen, da Jahrzehnte Wabi-Sabi-Buddhaspuk voraussetzenden Teezeremonien im Shinto-Gorinto-Nirvana. Mit Zen legt Herr Khmer im Pantheon der Gegurgel eine Geisterrakete vor Angkor, Popol the Vuh steht dem grandiosen Meisterwuchs Tezcatlipocas gegenüber, und Quetzalcoatl weiß dem Reich der bösen Nerven von Taseromachetl zu entspringen. Poe, Melville und Theroux gehören zu den einzigen Schriftführern ihrer Generation, die das homoerotisch verwegene Autorenduo Clemens & Twain dem Landadel zuzuordnen bereit sind. Winston Churchill veröffentlicht seine „great American novel“, während Lesben in den Wäldern immer urbaner ausfallen. Magellan und Vespucci kommen auf der Gutenberg-Bibel angeschifft, der Vatikan ist nattermäßig aber offenbar schon „ganz gut aufgestellt“. Giordano Bruno kann zwar fließend Machiavelli, doch erst Max & Morus gelingt der ultimative Quappensprung: anatomischer Bildhub-Florentiner für Perugia, Pisa für Donatellos Straße der Manierismen. Venedig und Venedig II geißeln einander mit mutierten Dialogen, Guy Maddin Luthers Thesenkrach zettelt den Vishnuismus und mit ihm gegenreformatorische Anglizysten an. Die Hagebutten greifen eigenmächtig vor, indem sie Rabelais nach dem Gargantuel trachten, Montaigne versucht sich eher schlecht als Brecht an einigen Essaismen. Mit Don Quijote kommt endlich ein Kenner der Materie an den Hof und beginnt unverzüglich mit der Umwandlung der vorrätigen Erasmen: Erst gleicht Hieronymus Bosch seinem unbeschnittenen Brueghel, dann exkommuniziert der Erzbischof York, dann setzt Bloody Mary Maria Stuart auf ihre Tudor-Liste – erst jetzt kann das Elisabethronische Zeitalter mit der überaus gut geölten Shakespeare-Marlowe-Maschinerie anlaufen. Hector Pascal macht sich einige Gedanken über Descartes’ „Ich denkatatron…“-Kakophrenie und läutet provisorisch den Barock ein. Rubens van Dyck sägt schon mal am eigenen Gespenst, obwohl Monteverdi zur überaus sorgfältigen Einlösung von Vivaldis fast 12.000 Disketten umfassenden Versprechen ansetzt. Seine Matthäuspassion gilt seit eh und je als Abgesang auf den Minderjährigen Krieg, also kommt es letztendlich auf eine Leibnitz’sche Madenfütterung mehr oder weniger nicht an. Maria de Medici kastriert kurzerhand Richelieu und lässt Armand de Bourbon gemütlich abtropfen. In Absolutismus getaucht, ernährt sich die damalige Weltbevölkerung quasi nur noch von Racines Canaille und Versailler Knötchen. Empirismen greifen sich gegenseitig unter den cartesianischen Chapeau, Velázquez wird an Oliver Cromwell geleast, dessen Habeas-Corpus selbst in Hobbes’ Locke nachweisbar ist. Der utilitaristisch behauchte Bacon schreibt Vermeers Rembrandt auf Rubens um, Spinoza dringt mit den Romanows ins Osmanische Reich vor, wo Selim der Gestrenge und Süleyman der Prächtige sich von Dschingis Khan für das Taj Mahal hin- und herrichten lassen. Im Steppenwolf findet die Ming-Dynastie lobende Erwähnung, aber auch die Wu-Schule und das Säckchen Jesuitengranulat. Dem Los Alamos Kabuki Theater, formerly known as „Siebenjähriger Krieg“, gelingt es, Klopstock, Lessing und Herbig zu induzieren. Goethe und Schiller müssen sich ihre Hûme allerdings brüderlich teilen und lassen deshalb Kant häufiger an prionische Transzendentalkritik ran. Der Dialektik Bachs stellen Händel und Mozart je eine (in geschmacklos vergoldetem Prachtschubert ausgelieferte) Zauberflöte entgegen. Opiumkriege werden direkt im Konkubineninnern entfacht und durchgeführt, wo während der Samuraizeit ordentlich Voodoo geflossen sein muss. Klassische Zulu-Anarchie findet in den Aschanti genauso Anwendung wie Franz Ferdinand in Hindenburg. Marquise de Pompadour muss sich endgültig Marie Antoinette stellen, es folgt eine konstitutionelle, von Robespierre feinfühlig auf die Spitze getriebene Demonarchie. Die Französische Revolution ist gut zu Mirabeau und Marat, die mit Bruder Grimm das Große Französische Traumvirat bilden. Diderot schreibt gemeinsam mit dem von Humboldt an der Uncyclopédie, Ultrahochstapler Pasteur entdeckt die Geisteswissenschaften für sich, die Gebrüder Montgolfier bereisen hochrangige Kunstfehler, nebenbei entstehen aber auch Gluck und Despotismus. Ganz unvermittelt kommt Montesquieu aus dem Gesellschaftsvertrag ins Strauchelner Stadttheater angebahnt und lässt sich vom Barbier in Residence die Sexvilla notdürftig beurkunden. Swift stimmt mit Dafoe darin überein, dass der Immaterialismus keinerlei Kausalität zulässt, dafür aber Napoleons Spanischen Erbfolgekrieg (an dem auch Farinelli erbfolgreich teilnimmt). Goya paust hauptsächlich bei Poltawa ab, Potemkin und Lomonossow lassen sich kurzfristig auf der Mayflower nieder und gründen die New Jersey Teabaggers. Noch am selben Tag wird die Declaration of Terraforming von sämtlichen Parteien unterzeichnet und Zar Johannes Pawel XOXO. führt Stresemann kurzfristig in Scheidemann ein. Das angelsächsische Kapital findet sich vor allem in Heckler, Koch, Neff & Volckmar wieder, daher stiefelt Rom über Guernica nach Nürnberg und lässts dort BAMFtlich krachen. Papst Prius VI. wird durch Ignatius von Toyota in einen erbitterten Kampf gegen einen Flying Chaucer verwickelt, der die Hauptrolle in Anaximander Rühlmanns sublim angedeutetem Ai-Kino übernimmt. Kolbène gründet das „Mäzenat der Bartholomäuse“, Shōgünther & Bushidieter gehen in den Wald und kommen nicht wieder …

*

Wie man sieht, hat man es bei 1 Kilo Kultur mit einer atemberaubenden, Respekt und Ehrfurcht einflößenden Ansammlung von stereotypen Klischees, banalen Trivialitäten und platten Binsenweisheiten zu tun. Wer an einem entsprechenden Quizzical interessiert ist, möge bei der Novelle fündig werden.


1 Kilo Kultur: Das wichtigste Wissen von der Steinzeit bis heute von Florence Braunstein und Jean-François Pépin erschien 2017 bei C. H. Beck in deutscher Übersetzung von Nikolaus Palézieux unter Mitarbeit von Alexander Kluy. Das Buch hat 1.296 Seiten und wiegt eintausend Gramm.

Neueröffnung der Kunsthalle Mannheim – Kunstmuseum der Zukunft?

Am Freitag den 01.06.2018 feiert die Kunsthalle Mannheim ihr Grand Opening. Nach der Fertigstellung des imposanten Neubaus wird die Kunsthalle mit neuem Konzept als „Stadt in der Stadt“ präsentiert und will Impulse für das Kunstmuseum der Zukunft setzen. Neben einer Neuinszensierung der bisherigen Ausstellungen werden Werke des Fotokünstlers Jeff Wall in einer Sonderausstellung präsentiert. Wir waren zu einem Preview-Event eingeladen und durften dort schon einige Eindrücke für euch bildlich festhalten.


Nach fast drei Jahren Bauzeit präsentiert sich der architektonisch eindrucksvolle Neubau der Kunsthalle Mannheim, entworfen von Gerkan, Marg und Partner, am schönen Friedrichsplatz in Mannheim – sonst eher von Jugenstilgebäuden gesäumt.

Zusammen mit dem neuen Prachtgebäude stellt sich die Kunsthalle Mannheim auch konzeptionell neu auf: Die Kunsthalle soll als Kunstmuseum der Zukunft ein offener Raum in der Stadt sein, den Kuratoren, Künstler und Publikum gemeinsam gestalten. Ganz nach dem Mannheimer Stadtkonzept, welches vor allem durch die Stadtquadrate bestimmt ist, sammeln sich im Inneren des Baus sieben „Ausstellungshäuser“ um ein lichtdurchflutetes Atrium. So zerfließen die Grenzen zwischen Stadt und Museum, zwischen Bürger und Museumsbesucher.

In den offenen Ausstellungen sind einerseits Neuinterpretationen von Schlüsselwerken der Sammlung – so etwa von Edouard Manet und Auguste Rodin – gezeigt. Aber auch internationale Künstler der Gegenwart wie etwa William Kentridge, Alicja Kwade und Anselm Kiefer präsentieren ihre Installationen und Bilder in den 13 Ausstellungsflächen.


Als Sonderausstellung sind außerdem unter dem Titel „JEFF WALL. APPEARANCE“ Werke eines Pioniers der Fotokunst zu bewundern. Jeff Wall erkundet in seinen großformatigen Fotos den Platz der Fotografie innerhalb der Künste und spielt mit Bild-in-Bild-Beziehungen. Dabei sind viele seiner Bilder in riesigen Dia-Leuchtkästchen installiert.


Der Neubau der Kunsthalle Mannheim ist aber nicht nur Ausstellungsfläche, sondern beinhaltet alle wesentlichen Museumsfunktionen – neben den offen zugänglichen Kuben sind das z.B. auch die Depot- und Technikräume, die Restaurationsflächen sowie das Museumsrestaurant LUXX.

Als Kunstmuseum der Zukunft setzt die Kunsthalle Mannheim auch dezidiert auf eine moderne Digitalstrategie. Neben einer eigens gestalteten App kann man die Sammlung der Kunsthalle auf interaktiven Touchmonitoren erkunden.

Alle Informationen zum Grand Opening der Kunsthalle Mannheim und den gezeigten Ausstellungen findet ihr unter kuma.art. Schaut vorbei – es lohnt sich!


Bildnachweise:

Titelbild: Der Neubau der Kunsthalle Mannheim Foto: Kunsthalle Mannheim/ Constantin Meyer

Alle sonstigen Bilder: Kunsthalle Mannheim und die respektiven Künstler/ Fotos Martin Kulik

I- & Undie-Videospiel-Special

Während sich auf der Novelle-Seite ein paar Deviews mit Independent-Entwicklern eingefunden haben, folgen hier (in folgender Reihenfolge) Einsätzer bis Wenigzeiler zu Videospielen, die über Steam zu beziehen sind – alles von Tripple-I bis UUUntergrund.


The Bridge

(The Quantum Astrophysicists Guild, 2013)

Ein von DJ Escher sowie And Yet It Moves inspiriertes Puzzle, dessen Hauptattraktion das besondere Spieldesign in Kombination mit knuspriger, erzskurriler Schwarz-Weiß-Bleistiftästhetik ist.

Geometry Wars: Retro Evolved

(Bizarre Creations, 2007)

Ein trotz Reduktion auf Drahtgitteroptik grafisch imposanter Shooter mit festlich implodierenden Schwarzen Prachtlöchern und einem rasant „bis zur Unerträglichkeit und noch viel weiter“ ansteigenden Schwierigkeitsgrad.

Pony Island

(Daniel Mullins, 2016)

Witziges bis verstörendes Metagame mit einer Idee Deep-Web-Satanismus sowie einem unvergesslichen Kampf um das Recht, das „Pony-Laser“-Kästchen anzuklicken.

Everyday Shooter

(Queasy Games, 2007)

Ein Gesamtkunstwerk aus Bild, Ton und Spielmechanik, wobei letztere in jedem der 8 Level, die als interaktive Umsetzung der von Jonathan Mak komponierten Gitarren-Tracks fungieren, moduliert bzw. neu erfunden wird.

Goat Simulator

(Coffee Stain Studios, 2014)

Völlig albernes 3D-Goatee, in dem man eine wahlweise mit Raketenrucksack, Atombola oder Eutereich ausgestattete Ziege durch die City steuert und Bitcoins durch Unfug, Chaos bzw. aggressive Ramm-Action sammelt, wobei das Auflesen kleinerer und größerer Objekte (Haltestelle, Mann etc.) mittels klebriger Tierzunge zum guten Ton gehört.

The Misadventures of P.B. Winterbottom

(2010, The Odd Gentlemen)

Manövriere einen veritablen Pince-nez-Gentleman mit Hilfe seiner subordinativen Klonkrieger durch stummfilmreife Knobelszenarien.

Papers, Please

(3909, 2013)

Ein Deprispiel erster Kajüte, in dem man als Kontrollbeamter in einem recht totalitär ostblöckenden Regime seine Arbeit am Schalter möglichst zur Zufriedenheit des Staates auszuführen hat, um genug Geld für die Versorgung seiner moribunden Mischpoke zusammenzusklaven.

Shatter

(Sidhe, 2009)

Eine moderne Variante von Breakout mit fantastischem Elektronik-Soundtrack von Module, ein paar Gameplay-Feinheiten sowie Levelnamen wie „Krypton Garden“, „Freon World“ oder „Boss Music“.

The Path

(Tale of Tales, 2009)

Tale of Tales produzieren seit Jahren AvantGames, darunter diese explorative Rotkappenbombe mit der Möglichkeit, abseits ausgetretener, ohne Umschweife zu Omas B&B führender Pfade die eine oder andere Seltsamkeitsbegegnung zu wagen.

Super Mario Odyssey

(Nintendo, 2017)

Nintendo als Indie-Entwickler oder -Publisher zu bezeichnen, ist in etwa so, als würde man ein zweijähriges Schreikind zum ISS-Kommandanten befördern.

A Story About My Uncle

(Gone North Games, 2014)

Auf der Suche nach seinem exzentrischen Erfinder-Onkel Fred landet das epische Avatarzan-Ich dieses First Person Jumpers mit spidermanischem Lasserlasso in einem charmanten Jules-Verne-Höhlenfantasmus, der von putzigen Blaumännchen und gefährlichen Eyehörnchen bewohnt wird.

Surgeon Simulator

(Bossa Studios, 2013)

Ein OMAO*-Schocker der schwarzhumorigsten Sorte, worin man mit lediglich einer, und zwar kackawkward zu steuernden Hand diffizile Aufgaben wie Herztransplantationen durchführen soll – Gigafail.

*Operating My Ass Off

VVVVVV

(Terry Cavanagh, 2010)

Absurd schwerer, selbst mit dem Unverwundbarkeitsetat von Nordkorea kaum schaffbarer, dafür äußerst charmanter Ultra-Retro-2D-Plattformer mit einem dramatisch-einnehmenden Soundtrack und einer einfallsreichen Wopp-Wobb-Grundidee.

Zeno Clash

(ACE Team, 2009)

Groteske Egoklopper-Jodorowskiabfahrt mit deftigen Faustattacken gegen Vogelmenschen und andere Xeno-Mutantchen.

And Yet it Moves

(Broken Rules, 2009)

Einen Yeti hat man hier zu erlegen, wenn „Yeti“ = „Boden unter den Füßen“ und „erlegen“ = „geschickt rotieren lassen“ heißt.

Thumper

(Drool, 2016)

Relativ verstörendes „Horror Violence Rhythmus Game“, das nicht nur als VR-Version beeindruckt – bizarre Ästhetik mit abstrakt thumpendem Soundtrack und einer bestialischen Geschwindigkeit machen diesen enorm tänzelnden Tentakelassiker aus.

140

(Jeppe Carlsen, 2013)

Äußerst fein designter Rhythmus-Hüpfer, der mit klarer Geometrie und Farbgebung sowie bemerkenswert durchgetakteten Endgegnerfights arbeitet.

The Talos Principle

(Croteam, 2014)

Man wage einen rätselhaften Jam mit dem Elohimmlischen Herrn, wobei großkalibrige Selbstschussanlagen und autark-schwebige Rutzdrohnen mit von der Partie sind.

Emily Is Away

(Kyle Seeley, 2015)

Windows XP voraussetzender Chatsimulator, in dem recht unprätentiös eine zunehmend bittersüße Geschichte vom Erwachsenwerden, dem Übergang Hochschule → Kolleg und erstem Auspacken eines Verknallbonbons erzählt wird.

The Binding of Isaac

(Edmund McMillen, 2011)

Auf der Flucht vor seiner irre gewordenen Reli-Mutter muss der kleine Isaac im Keller Schutz suchen – stattdessen findet er dort allerdings Misthaufen, -fliegen und polymorph perverse Feinde, die er mit seinen situationsbedingt endlosen Tränen bekämpfen muss – schweres, atmosphärisches Roguenbrot.

The Mammoth: A Cave Painting

(inbetweengames, 2015)

Auf einer Höhlenwand spielt sich die zum Heulen animierende Animation eines Präriemammuts ab, das in die jagende Frühmenschenmenge zu wüten gezwungen ist, um seinen Nachwuchs zu retten, am Ende aber als zwecklos tätlich gewordenes Opfer der Misere anheimfallen muss.

Boson X

(Mu and Heyo, 2014)

Voll das Indie-Gelegenheitsspiel, welches zügig den Geschwindigkeitsrauschenberg erklimmt und dementsprechend unspielbar wird, da man mit transhumanem Tempo einen Teilchenbeschleuniger durchpflügt.

Circa Infinity

(Kenny Sun, 2015)

Zu klasse Elektromucke dringt man immer tiefer ins Zentrum einer unendlich dynamischen Schwarz-Weiß-Rot-Zirkularität – und zugleich ins eigene hIm – vor.

The Franz Kafka Videogame

(Denis Galanin, 2017)

Leben und Werk des wohl populärsten Exzentrikers der Weltliteratur verschwimmen zu einem seltsamen und amüsanten Kniffelspaß für die halbe Familie, wobei einige Rätsel es echt faustdick hinter den kafkaesken Spitzeöhrchen haben.

Crayon Physics Deluxe

(Petri Purho, 2009)

Kleine Mechanik-Rätsel in hochauflösender und physikalisch plausibler Wachmalstiftästhetik lösen (oder lösen lassen).

Fez

(Phil Fish, 2012)

High-Concept-2/3D-Klassiker feat. Hütchenfein von kontroverser Indie-Ikone und Drama-Queen Phil Fish.

Life is Strange

(Dontnod Entertainment, 2015)

Der Publisher Square-Enix (Final Fantasy III, Final Fantasy IIIIII u. a.) ist nicht unbedingt independent, dennoch mag diese aufwendig produzierte, brillant inszenierte und spannende Geschichte um eine sonderbegabte Fotografie-Studentin auf dieser Liste nicht fehlen.

OLDTV

(Creability, 2017)

Audiovisuell vollkommen umgesetzter Konzentrationstest, der spätestens ab Level 4 einen vierstelligen IQ voraussetzt.

The Plan

(Krillbite Studio, 2013)

Es stimmt nicht, dass Fliegen keinen Plan haben, wie man hier auf unnachahmlich das-Numen-in-„monumental“-zurückholende, ins Kosmische ragende Weise erfährt.

The Polynomial

(Dmytry Lavrov, 2010)

Farbintensivste Explosionen lassen diesen meditativen Matheshooter ideal für vektoriell beglaubigte Spektralanalysten erscheinen.

Super Hexagon

(Terry Cavanagh, 2012)

Ohne Touch-Steuerung nahezu unspielbares Geschicklichkeitsgame mit prima pumpigen Chiptunes und einem gehörigen Benzolinnuendo.

A Raven Monologue

(Mojiken Studio, 2018)

Ein spaziergängerischer Rabe macht auf dem Hinweg ein paar Bekanntschaften, denen auf dem Rückweg entscheidende Mutamorphosen widerfahren sind.

Spooky’s Jump Scare Mansion

(Lag Studios, 2015)

Eine unendliche Anzahl von Korridoren, Abzweigungen und Türen, hinter denen zuweilen ein alberner Plötzlichkeitsgrusel lauert, legen das Prädikat „ziemlich sinnfrei“ nahe.

Blueberry Garden

(Erik Svedäng, 2009)

Ein Schnabelwesen, das ich Ali Pesto zu taufen versucht bin, durchwandert zu elegischen Pianoklängen eine saupoetische Landschaft, die aus disparaten Elementen wie Käse besteht und kräftig zu berücken weiß.

Gone Home

(Fullbright, 2013)

Ein stilles Explorationsspiel über die Wunder inadäquater, da autobiographischer Einschübe in DVD-Player-Rezensionen.

Morgul the Bloodwart

(Bloodwart Incarcerated, 2011)

Ein seltsames Spiel über einen phantasmagorischen Metallkunden namens Seinfeld, der mitten im Geheimkrieg gegen Asia steckt, ohne die zahlreichen Versprechungen in Bezug auf Transversalcouscous auch nur annähernd realisieren zu können.

Superhot

(SUPERHOT Team, 2016)

Innovativer und superb stylisher High-Concept First Person Strategist mit wenig zwingender Meta-Story, aus der sich allerdings der eine oder andere „Tree Dude“ zu ergeben weiß.

Bastion

(Supergiant Games, 2011)

Farbensprühendes Action-Adventure mit einem lässigen Hintergrund-Erzähler und einer Welt, die vom Helden ziemlich wörtlich erschlossen oder vielmehr „ergangen“ und so zum Entstehen gebracht wird.

 

Everything

(David O’Reilly, 2017)

In den Bonner Rheinauen beginnt das jenes titelgebende Alles umfassende Abenteuer, zunächst recht bescheiden mit einem schäbig vor sich hin krüppelnden Basaläffchen, später mit denkoptimierter Borke.

Mr. Shifty

(Team Shifty, 2017)

Eine echte Alternative zu Hotline Miami mit einem Teleprompter als Helden, der so zuschlägt, dass kein Fäustling mehr nachwächst.

Calendula

(Blooming Buds Studio, 2016)

Faszinierendes Metagame, in dem der typische Startbildschirm durch Spielbarmachung eine Groteskapotheose erfährt.

Hotline Miami

(Dennaton Games, 2012)

Eine echte Alternative zu Mr. Shifty ist dieser instantan kultige, zu Recht „äußerst positiv“ bewertete 80er-Actioner im Stile von Drive, der leidergeile Mucke auf verstörende Ultragewalt und verhängnisvolle Atmosphäre treffen und Blut zum integralen Kunstbestandteil avancieren lässt.

One Finger Death Punch

(Silver Dollar Games, 2013)

Ein mit genialer und entsprechend addiktiver Spielmechanik aufwartender 2-Button-(möglichst nicht)-Smasher, der Jet Li standesamtlich mit dem Keyboard vermählt, um so zu Jet Keyboard-Li zu gelangen.

Tacoma

(Fullbright, 2017)

Auf einer verlassenen Raumstation versuchst du, das Geschehene nachzuvollziehen, indem du teilweise verlorene Daten von AR-Geistern ausliest.

Plug & Play

(Mario von Rickenbach & Michael Frei, 2015)

Nach dem Einstöpseln finden in diesem meisterhaft minimalistischen Experimentalgame unterschiedliche Events statt, die einander mehr oder minder bedingen.

Inside

(Playdead, 2016)

Auf der Flucht vor den unheimlichen Machenschaften einer völlig sinistren Geheimgesellschaft durchqwert ein Junge verlassene Felder und Moore und Hallen und muss sich nicht zuletzt mit Hirnwürmern und ferngesteuerten Hûmen abplagen.

Islands: Non-Places

(Carl Burton, 2016)

Dieses surrealistische, in jedes anständige Museum gehörende Kunststück ist eine Videospielinstallation, in welcher das Betätigen leuchtender Schalter kryptomechanische Wunderlichkeiten aktiviert.

Bedlam

(Red Bedlam, 2015)

Eine der eher rar gesäten Buchverspielungen ist diese Hommage an das Shooter-Genre, präsentiert als Eklektoskop der letzten 20 Jahre FPSpielgeschichte.

Devil Daggers

(Sorath, 2016)

Der Möchtegernhardcoreler-N00b muss in diesem höllisch schweren Spiel nicht länger als 66 Sekunden überleben, um zu begreifen, dass hier die Satansgroteske optimal auf den Punkt gebraten wird.

Amnesia – The Dark Descent

(Frictional Games, 2010)

In diesem Horrorbrutkasten für angehende Draufgehende wird der Verstand von Meister Wahn rekrutiert.

Machinarium

(Amanita Design, 2009)

Ein paar Metallteile landen auf einem endlosen Schrottplatz und bauen sich mittels Adobe Flash zu einem der niedlichsten Cleverbots aller Zeiten zusammen, der sich auf die Suche nach stichhaltigen Argumenten gegen die sofortige Totalvernichtung der Menschheit macht und wahrscheinlich keine findet.

Awkward Dimensions Redux

(Steve Harmon, 2016)

Man bewege sich durch Harmons Autobiographie, tanze Tango mit Türen und finde hoffentlich jenen unsichtbaren Aufzug, der uns endlich aus der Unterwelt an die (vom Dieselskandal gesäuberte) Oberluft befördert.

Dr. Langeskov, The Tiger, and The Terribly Cursed Emerald: A Whirlwind Heist

(Crows Crows Crows, 2015)

Dieses Spiel hat leider ohne dich angefangen, aber zum Glück hast du ein Praktikum als Stück im Stück ergattern können und hilfst kräftig mit, indem du mehrfach den Telefonhörer nicht richtig abnimmst, die Laser reaktivierst und den Tiger-Hebel an Dr. Langeskov verfütterst – ein abstruses kleines Stanley-Parabellum.

Brothers: A Tale of Two Sons

(Starbreeze Studios AB, 2013)

Zwei eigentümliche Rühlknaben zeigen großen Logopädiebedarf und ein noch größeres Herz, indem sie es hilfemäßig knacken lassen und für ihren siechen Opa die erforderliche Tetrapack-Salbe aufsuchen.

Spore

(Maxis, 2008)

Man lasse einen Einzeller bis zum Stimmbruch mutieren und schicke das Resultat auf eine Dienstreise in das Organische Verbrechen namens Existenz.

Bad Dream: Coma

(Desert Fox, 2017)

Point & click dich durch morbide Dingschaften, tritt düstere Raben kaputt, kastriere Däumlinge und sieh zu, was aus dir wird.

Botanicula

(Amanita Design, 2012)

In gewohnt absonderlicher Amanita-Lieblichkeit werden Kreativität und Esprit krachen gelassen, wobei Pflanzliches, Allzupflanzliches zum Umtopfen des grün angelaufenen Daumens einlädt.

Deadlight

(Tequila Works, 2012)

Sehr atmosphärischer 2D-Zombie-Insider mit mehreren Dimensionen, wobei eine davon Grusel ist.

Garry’s Mod

(Garry Newman, 2004)

Mit diesem Spielkastensystem für Experimentellerminen kann man seinen Sauger an Stöpsel kleben und das Ganze magnetisch versiegeln – was 1 Half-Life.

Crypt of the Necrodancer

(Brace Yourself Games, 2015)

Der geniale Soundtrack ist mindestens die halbe Miete in diesem Rhythmus-Adventure, bei dem man sich den Respekt seiner Gegner taktvoll erhüpft.

Hand Simulator

(HFM Games, 2017)

Der Fidget Spinner liegt völlig entfremdet in der Ecke, ersatzweise greift die Hand nach der Horror-Oma, die Finger lassen sich dabei separat ansteuern – genau das Richtige für Handicaptain Debilly.

Fotonica

(Santa Ragione, 2011)

Bei diesem bis zum Abwinken durchstilisierten, fast monochromatischen Dauerrenner kann man die Hände deinstallieren, falls sie zu sehr vom Speed ablenken.

D4: Dark Dreams Don’t Die

(Access Games, 2015)

Sehr lustige Quiche-Time-Events machen diesen grafisch wie inhaltlich idiosyncrazy Shader-Hirni zu einem Erzeugnis.

Teslagrad

(Rain Games, 2013)

Mit einem magnetophonischen Bumsschuh ausgerüstet, macht sich der Held auf die Jagd nach Farbmarkierungen, um sich durch geschickte Manipolation zum Günstling seiner komplexen und wunderschön gestalteten Umgebung hochzupolen.

Crazy Machines

(peppergames, 2009)

Rube-Goldberg-Variationen für Physikheinz und seine kantenmechanischen TÜVtelgeister.

Overgrowth

(Wolfire Games, 2017)

Hier prügelt man sich als Assihasi durch Rummeldörfer, um seinen Leuten im Kampf gegen diverse Raubhasenhorden unter die SEK-bedürftigen Pfoten zu greifen.

Race the Sun

(Flippfly, 2013)

Bei enormen Geschwindigkeiten jenseits der Rauchmauer schwebt man in einem ätherischen Gleiter der fernen Sonne entgegen bzw. in Lebensgefahr, vor leiser Hoffnung auf mäßig programmierte Kollisionsabfrage schimmernd.

Chime

(Zoë Mode, 2010)

Arthouse-Tetris mit Musik von Philip Glass und bisher nicht für möglich gehaltenen Förmchen.

Limbo

(Playdead, 2010)

Der große (Indie-)Klassiker, ein über jeden Zweifel erhabenes Meisterwerk aus Style, Substanz und Design, vielleicht überboten vom noch perfideren Nachfolger Inside.

The Dream Machine

(Cockroach Inc., 2014)

Man untersucht Kisten, lässt sich vom Kühlschrank die kalte Schulter zeigen, enttäuscht seine Frau, sprich: führt als Knetmasse mit Klasse ein nicht zuletzt stilistisch famoses Gamesein.

Insanely Twisted Shadow Planet

(Shadow Planet Productions, 2011)

Als kleines Ufo lasert und schwebt man sich durch eine voivodesk extravagante Welt voller Finessen und Tentakelschwärzen.

GoNNer

(Art in Heart, 2016)

Grafisch und spieltechnisch recht eigener Gönner, der einen mitteltristen Wal mit sich herumschleppt.

Syberia

(Microids, 2002)

Soll wohl ein richtig marionettes Adventure sein, für genauere Angaben fehlt mir irgendein 3D-Beschleuniger oder so.

Fahrenheit

(Quantic Dream, 2005)

Dieser keinesfalls von Flatulenz handelnde Vorgänger des cinematisch-überbewerteten Heavy Rain ist eines der wenigen Spiele, in dem der Depressivitätsgrad angezeigt wird.

Five Nights at Freddy’s: Sister Location

(Scott Cawthon, 2016)

Man animiert Puppen zu mehr Leistung, indem man sie tasert und psychisch unter Druck setzt – witzigruseliger fünfter Teil einer auch Romane umfassenden Spielereihe.

Glittermitten Grove

(Mostly Tigerproof, 2016)

Primär ein Feensimluator, in dem es darum geht, ein Waldstück zu verzücken; sekundär die Verpackung für den Subversionsknüller Frog Fractions 2, den ambitionierten Nachfolger des Subversionsknallers Frog Fractions.

Event[0]

(Ocelot Society, 2016)

So ganz nullisch kann das Ereignis nicht gewesen sein, denn immerhin ist die Raumstation wie von allen Geistern verlassen (vgl. Tacoma), wenn man die Bord-KI mit ihrem unbestimmten NachHALl nicht mitzählt.

There’s Poop in my Soup

(K Bros Games, 2016)

Das Prinzip ist stinkbar einfach: Man lasse elende Häufchen auf Passantenköpfe, in Kinderwagen und nicht zuletzt feine Süppchen von draußen Speisenden fallen und ergattere so begehrte Punktierungen.

Shower with your Dad Simulator 2015: Do You Still Shower With Your Dad

(marbenx, 2015)

Das reichlich schräge Spielprinzip besteht darin, drei unterschiedlich pigmentierte Knaben den entsprechenden Zeugern zuzuordnen, während diese duschen.

Bucket Detective

(The Whale Husband, 2017)

Du wollen frau, aber schwer; schreiben bestseller und berühmt, dann frau; aber schreiben tut im kopf weh – wie machen bestseller ohne autsch?

Dominique Pamplemousse

(Squinkifer Productions, 2014)

Ein Krimical über einen singenden PI, prima gespielt von einer Art Plastikkarpfen mit Transgender-Ambitionen.

Hatoful Boyfriend

(Mediatonic & Hato Moa, 2014)

Die meisten Spiele tauben nicht viel, zumindest nicht im direkten Vogleich mit HB, worin ein Mensch die Vogelschule besucht – eine echt schräge Japanflöte von einem Vogel von einem Game.

Bloody Boobs

(Eduard Bulashov, 2017)

In diesem total trashigen Miststück (“Realistic physics of women’s breasts and butt“) steuert man üppig betittte, fast nackte Frauen durch unnötige Katakomben.

Hylics

(Mason Lindroth, 2015)

Suigenetisch evolviertes Dadaventure um einen möglicherweise zur Klebergilde gehörenden Mondmann auf der Suche nach dem verlorenen Grabdong (Papa als Leerzeichen).

I am Bread

(Bossa Studios, 2015)

Man ist ein Stück Toastbrot und kämpft gegen die superbescheuerte Steuerung, für die am ehesten 8-Axis-Butter in Frage kommt.

Oxenfree

(Night School Studio, 2016)

Vier Mumblecore-Hipster begeben sich auf eine Reise zu den Independent Game Awards.

Tormentor X Punisher

(E-Studio, 2017)

Dieser im „Metal as fuck“-Genre angesiedelte Twin-Tower-Shooter spielt auf dem Planeten Fuck You, wo eine mit ordentlich Munition und Aggros geladene A(K-47)mazone diversen Dämonen ihre widerlichen Wichsvisagen wegbolzt.

Doki Doki Literature Club

(Team Salvato, 2017)

Eine sehr entspannende Visual Novel, in der ein literarisch wenig begeisterter Protagonist einem mädchenlastigen Schreibclub beitritt, um in die Geheimnisse der Teen-Angst einzutauchen.

Rusty Lake Hotel

(Rusty Lake, 2015)

Ein etwas an Max Ernst erinnernder P&C-Freakling, der unterschiedlich knifflige Kniffel erkniffeln muss, um am Schluss an das begehrte Honkfleisch zu kommen.

N++

(Metanet Software, 2016)

Lürrer Rühlninja vs. infradünne Problemzonen in unerschwinglichen Levelbauten.

The Static Speaks my Name

(The Whale Husband, 2015)

Man plant den nächsten Urlaub unter Palmen Palmen Palmen … das Konzept „Palmen“ raubt dir den allerletzten Verstand, dein Frühstück besteht aus schimmligem Kühlschrankinnenwandtauwasser usw.

Fran Bow

(Killmonday Games, 2015)

Als junges Mädchen, dessen Eltern plötzlich zerfetzt daliegen, hat man eine wenig subtile Bekanntschaft mit Satan gemacht, der regelmäßig Alimente in Form von Horrorcameos entrichtet.

Nex Machina

(Housemarque, 2017)

Sauschick schillernde Schusswechsel zwischen Robotern, Drohnen und Geiseln, die einen mit Laserhämmern und anderen Kraft-Hochs versorgen.

Stories Untold

(Devolver Digital, 2017)

VHSieht wirklich superschick nach Stephen-King-80ern aus, ich habe allerdings keine Ahnung, worum es hier genau geht.

Painkiller

(People Can Fly, 2004)

Zu feinstem Prügelmetal werden Dämonen, Totaltote, ISkelettoren und Hexen zu Haxen, indem jeglichem Höllengesocks mit der herausschleuderbaren Kreissäge die Rüben auf- und abgesäbelt werden.

Jets’n’Guns

(Rake in Grass, 2014)

In diesem 2D-Shooter kann jeder einzelne Pixel durch geschicktes Beballern zur Explosion gebracht werden, gegnerische Soldaten werden einfach mit der M61 Vulcan umgemäht oder mit dem Schiffsbug gerammt.

Silence of the Sleep

(Jesse Makkonen, 2014)

Man wacht in der Unterwelt auf und muss irgendwie klarkommen, wobei einem nicht viel mehr als Taschenlampe und Existenzangst zur Verfügung stehen.

Mu Cartographer

(Titouan Millet, 2016)

Hier darf man auf einem Synthesizer für Alienerziehende an fremdartigen Topographien herumfrickeln.

Slender: The Arrival

(Blue Isle Studios, 2013)

Was ist schrecklicher, als nachts im Wald mit einer Taschenlampe unterwegs zu sein? – Nachts im Wald mit Slenderman unterwegs zu sein, während jener Erwartungsterror, der mit dem langsamen Schweifenlassen des Lichtkegels durch absolute Schwärze einhergeht, den ohnehin gut gefütterten Wahn weiter nährt.

Last Day of June

(Ovosonico, 2917)

Frei nach Dr. William Weirds „Da, wo wir hingehen, brauchen wir keine Augen“-Devise erzählt diese unendlich süße, mit Musik von Progmeister Steven Wilson untermalte Liebesgeschichte zwischen einem 0-äugigen Mädchen und seinem 2-äugigen Brillenschlangenmännchen von vollkommen umwerfender Stilistik, die die Guckkullern schlicht weggesprengt haben muss.

A Dump in the Dark

(Oubliette, 2018)

Wenn ein Spiel einen saftig animierten Hintern zum Helden erkürt, vor „violent diarrhea“ (Leertaste) nicht zurückschreckt, als Grafikeinstellung „The Shit“ aufweist und dennoch mit einem auf Hitler bei einer seiner demongorgisch ausgeklügelten Supermarionettensuaden gerichteten Fadenkreuz beginnt, wobei nach obligatorischer Betätigung des Abzugs seltsam maskierte, slipknotige Nasalvasallen sichtbar werden, dann ist jegliche Fäkalbernheit sogleich im Keim erstickt.

MirrorMoon EP

(Santa Ragione, 2013)

Eine Art Echoshooter, bei dem man mit Eigenwillis Wuchtwumme den Mondklon telekinetet.

Thirty Flights of Loving

(Blendo Games, 2012)

Ein Quader als Kopf reicht offenbar völlig aus, um nach einem missglückten Heist das Geheimnis des Fliegens zu lüften.

Valley

(Blue Isle Studios, 2016)

A Story About My Uncles hüpfigerer Bruder, worin ein nach einem albernen Akronym benannter Spezialanzug nicht nur eindrucksvolle Sprunggelenke in sagenhafter Grafikpracht offeriert, sondern auch durch und durch tote Forellen neustartet.

MIND: Path to Thalamus

(Pantumaca Barcelona, 2015)

Man lustwandelt durch himmlische, surrealistische Mindscapes, die von Pfaden der Unwahrscheinlichkeit axonal durchzogen werden.

This War of Mine

(11 Bit Studios, 2014)

Ein Kriegs- und Survivalsimulator, in dem die von Entwurzelung, Plünderung, Rastlosigkeit und rissigem Dach überm rissigeren Kopf ausgehende Gemütlichkeit zu einem grausamen Ganzen geschnürt wird.

The Stanley Parable

(Galactic Cafe, 2013)

Das Medium Videospiel als Subversionsvehikel, das Büro als transzendentale Spielwiese und der Auktorialerzähler als Vollversager, der gegen eine gelbe Lebenslinie ablost.

Four Last Things

(Joe Richardson, 2017)

Sehr alberne Renaissance-Comedy mit Gilliam’scher Cut-out-Ästhetik und Python’schen Metajokes.

Kentucky Route Zero

(Cardboard Computer, 2013)

In diesem ureigenen, mit Kentucky Fried Movie extremnichts zu tun habenden Mikrokosmos hat es ein LKW-Fahrer es nicht leicht, die verflixte Nullroute zu finden.

Virginia

(Variable State, 2016)

Ein von dem Entwicklertrio als strange intendiertes sowie auf 30 Frames pro Sekunde ausgelegtes Abenteuer um eine FBI-Agentin, die in weiß der Lynch was verwickelt wird.

The Novelist

(Orthogonal Games, 2013)

Man schlüpft in die Rolle eines Geistes, dem der Schriftsteller Dan Kaplan und seine Familie (wahlweise mit oder ohne ihr Mitwissen) Geistfreundschaft erweisen, und erfährt dabei mehr über seinen Geisteszustand.

Papo & Yo

(Minority Media Inc., 2013)

In dieser von magischem Realismus durchdrungenen Coming-of-H-Geschichte geht es keineswegs um Heroin, sondern einen jungen Eskapisten, der seiner tristen Favela mit Kreide mechatronische Spezial-Features entlockt.

There Is A Genie In My Szechuan Sauce

(Bmc Studio, 2017)

Fast 600 MB Pissendreck kommen auf den Spieler bzw. seine Festplatte zu, wenn er bei zwei frankokanadischen, sich leider dem Freirubbeln eines beknackten Saucengeistes verschrieben habenden Megaspacken hospitieren möchte – komplett danebener Tras(h)hit!

Orwell

(Osmotic Studios, 2016)

Man arbeitet als Rattenvolo eng mit Big Brother zusammen und versucht, eine Terrorattacke aufzuklären.

Superflight

(Grizzly Games, 2017)

Idealerweise in VR zu spielender 3rd-Person-Gleitsimulator, worin man sich durch fremdartige Landschaften freisegelt.

Bendy and the Ink Machine

(TheMeatly Games, 2017)

In diesem Disneyspaß-trifft-Puppengrusel stecken die Zeichentrickfiguren so tief in der Tinte, dass selbst ein Inkling nimmer hilft.

The Swapper

(Tom Jubert, 2013)

Man ist allein in der Weltraumfremde unterwegs, die Einsamkeit wird gelegentlich von bis zu vier Holoklonen aufgebrochen, die man auch als Transportmittel nutzen kann – sehr atmosphärisch und ein-bisschen-bei-Winterbottom-abgegucktisch.

Mountain

(David O’Reilly, 2014)

Bevor er sich ALLEM zuwandte, war O’Reilly ein Berg mit Eigenschaften.

Plants vs. Zombies

(PopCap Games, 2009)

So ähnlich wie ein Schachspiel, nur ohne König und Dame, dafür mit Tag- und Nachunterschied, jeder Menge spuckender Bauernflora und, ach ja, Zombies (mitsamt dazugehörigem Zombieeditor).

Cogs

(Lazy 8 Studios, 2009)

Fordernder Zahnrädchen-Dreher, der die Vorgänge im Innern des Spielergehirns in Echtzeit abzubilden versteht.

Getting Over It with Bennett Foddy

(Bennett Foddy, 2017)

Diese ÖPNV-Parodie ist eine geniale Metapher für den Hindernisparcours Leben und die zahlreichen Limonen, dies es uns mit auf den Weg gibt – Frédéric Frust lässt grüßen.

Off-Peak

(Cosmo D, 2015)

Hypnoide Erkundungstour durch eine Bahnstation am Ende der Zeit.

Soma

(Frictional Games, 2015)

Soll ein herausrangendes Horrorspiel sein, das ich mir allerdings noch nicht installiert habe, weil ich meine arme HDD vorerst nicht mit weiteren 25 GB zu fragementieren wage.

Depression Quest

(The Quinnspiracy, 2014)

Einer der wenigen, wenn nicht gar einzigen Depressionsemulatoren, die halbwegs realistisch in der Form eines Text-Adventures mit einigen Entscheidungsmöglichkeiten den beschwerlichen Weg eines jungen Mannes schildern, der trotz sehr niedriger Energiewerte eine Beziehung mit einem Party-Girl zu meistern versucht.

Bonus:

Samorost

(Amanita Design, 2003)

Sämtliche Screenshots: © Steam

Das Leid der Anderen – Schaulust heute befriedigen

Dem Sterben und dem Tod zuzusehen, war im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit ein Volksspektakel. Doch ist es heute anders? Oder befriedigen Krimis die moderne Schaulust? Und was passiert eigentlich, wenn das bloße Zusehen nicht mehr reicht?


Tag für Tag den Ermordeten

Der Sonntagabend gehört seit Jahrzehnten den Ermordeten. Doch seit geraumer Zeit breiten sich die Leichen aus. Ein Blick ins Fernsehprogramm und in die Netflix-Bibliothek zeigt: Auch der Montag gehört den Erschlagenen, den Erdrosselten. Am Dienstag können Wasserleichen betrachtet werden. Und Vergiftete am Mittwoch, Erhängte am Donnerstag, Zerstückelte am Freitag und Verbrannte am Samstag. Neben den Todesarten unterscheiden sich die Ermordeten durch ihren Auffindungsort: Mal werden sie in Dresden aus dem Elbe gefischt, mal im dunklen Göteborg von einem Baum geschnitten. Auch das Mordmotiv und ihre Mörderinnen unterscheiden sich meist, ja, müssen sich unterscheiden, schließlich wäre sonst die Spannung dahin. Doch diese Toten haben eines gemeinsam: Ihre Körper werden von Millionen von Augen inspiziert. Ihre Leichen aus Kellerlöchern gezogen, während sich Familien eifrig die Kartoffelchips zum Mund führen. Ihre einzelnen Teile zusammengesucht, während Tausende auf Facebook und Twitter ausdiskutieren, ob ihr Tod realistisch sei oder nicht. Zwar sind das keine echten Toten und die Morde nur die Hirngespinste der Drehbuchautorinnen. Aber kann es sein, dass die Beliebtheit von Krimis aus der Lust am Betrachten von Sterben und Tod resultiert?

Hinrichtung als Volksattraktion

Dass Menschen anderen Menschen beim Sterben und im Tod zusehen, ist ein uraltes Phänomen. Schaulust lässt sich „zu allen Zeiten und in allen Kulturen finde[n]“ (Lexikon der Psychologie/spektrum.de). Man nehme als Beispiel die Hexenprozesse mit anschließenden Hinrichtungen durch den Feuertod, die noch bis ins späte 18. Jahrhundert stattfanden. Sie galten als Volksattraktion, ja, als Volksspektakel. Dafür kamen die Menschen aller Schichten, jeden Alters und Geschlechts auf den Marktplatz gelaufen. Sie schauten zu, wie Menschen unter schrecklichen Schmerzen verreckten; offenbar musste ein Bedürfnis befriedigt werden. Zu jeder Zeit spielte die Schaulust auch der Politik in die Hände. Denn öffentliche Hinrichtungen waren politisch motiviert. Sie sollten abschreckend wirken, aber auch als „symbolische Wiederherstellung der Ordnung“ und zur „Veranschaulichung des Rechtsstaats“ (Richard van Dülmen in: Theater des Schreckens) dienen.

Lustbefriedigung bei Mord und Totschlag

Zwar fanden die beiden letzten öffentlichen Tötungen dieser Art im deutschen Staat 1864 statt, der menschliche Zwang hin- und nicht wegzuschauen ist damit aber keineswegs verschwunden. Wie auch? Er gehört laut Wissenschaft zur Natur des Menschen. Soziologische Untersuchungen haben ergeben, dass 90 Prozent aller Menschen von einer „natürlichen Schaulust“ betroffen seien. Denn wie heißt es bei Milan Kundera? „Ich aber weiß […], dass es Blicke gibt, die kein Mensch sich versagen kann; zum Beispiel auf einen Verkehrsunfall oder einen fremden Liebesbrief“ (in: Das Buch vom Lachen und Vergessen). Und auch die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag hat sich in ihren Büchern über Fotografie mit diesem Phänomen beschäftigt und festgestellt, dass das Bild verstümmelter und verletzter Körper, das Bild des Abstoßenden auch etwas Faszinierendes habe (in: Das Leiden der Anderen betrachten). Dies erklärt auch die Behinderungen von Einsatzkräften bei Verkehrsunfällen durch sogenannte „Gaffer*innen“. Und kann es sein, dass in den Sozialen Medien unter Berichten zu Mord- und Totschlag mehr Interaktionen zu verzeichnen sind als unter Berichten z. B. zu politischen Themen (ausgenommen es hat irgendwas mit Geflüchteten zu tun)?

Wonnegefühle beim Zuschauen

Geht man davon aus, dass die meisten Menschen von einer natürlichen Schaulust betroffen sind, bleibt noch eine Frage: mit welchem Motiv? Was wird mit dem Schauen bezweckt? Zwischen 1920 und 1930 ging man davon aus, dass die Schaulust einem angeborenen Neugiermotiv folge. Heute gibt es andere Ansätze: So meinen einige Forscher*innen, dass mit dem Hinschauen, z. B. bei Verkehrsunfällen, nicht etwa der Nervenkitzel gesucht würde. Vielmehr würden die Schaulustigen unbewusst Informationen sammeln, um die Gefahr zu verringern, beispielsweise ebenfalls in einen solchen Unfall involviert zu werden. Andere hingegen sehen in dem Schautrieb den „unbewussten Wunsch nach Bestätigung der eigenen Unversehrtheit beim Miterleben des Leides anderer“ (Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik). Der Erziehungswissenschaftler Felix von Cube spricht hier von dem „Sicherheitstrieb“. Ähnliches wurde bereits in der Antike vermutet. So schreibt der Dichter Lukrez im zweiten Buch seines Werkes De rerum natura: „Nicht als ob es uns freute, wenn jemand Leiden erduldet, sondern aus Wonnegefühl, dass man selber vom Leiden befreit ist.“ Und auch bei Albert Camus findet sich diese Theorie wieder, wenn sein Protagonist Meursault in Der Fremde über seine bevorstehende Hinrichtung nachdenkt und den Wunsch offenbart, bei dieser doch nur ein Zuschauer zu sein: „Denn bei der Vorstellung, eines frühen Morgens als freier Mann hinter einer Polizeikette zu stehen, gewissermaßen auf der anderen Seite, bei der Vorstellung, der Zuschauer zu sein, der zusieht und sich hinterher übergeben kann, stieg mir eine Woge giftiger Freude ins Herz.“ Trotz der negativen Konnotation, die die Schaulust mit sich führt, ist der Soziologe Wolf R. Dombrowsky der Meinung, dass die Schaulust, ja, das Hinsehen immer auch etwas Positives in sich birgt: das Erlernen des Umgangs mit dem Unerträglichen.

Ersatzbefriedigung bei Krimis

Egal aus welchem Grund Menschen oft nicht widerstehen können, hinzuschauen, fest steht: Die „Lust am Schauen von Greuel, Kampf und Tod“ ist ein im Menschen tief verwurzeltes Bedürfnis (Walter Serner in: Kino und Schaulust). Und ein Bedürfnis, eine Lust, will befriedigt werden. Dabei muss jedoch Folgendes beachtet werden:

„Zu allen Zeiten gab es eine Unterscheidung zwischen ‚guter‘ und ‚schlechter‘ Schaulust, die daraus folgenden Normen variieren jedoch im Laufe der Geschichte und zwischen den Gesellschaften. […] Das Betrachten grauenvoller Bilder in seriösen Nachrichtensendungen […] gilt in unserem heutigen Normgefüge als durchaus akzeptabel; eher als unmoralisch das Verweilen auf einer Brücke bei einem Massenunfall.“

Lexikon der Psychologie/spektrum.de

 

Krimis sind gesellschaftlich akzeptiert – keine Frage. Damit auch ihre Bilder von Gewalttaten, Mord, Totschlag, vom Sterben und von Folter. Das Hinsehen ist unbedingt erwünscht. Für die Zuschauerinnen ergibt sich durch ein solches Fernseherlebnis ein Gruseln auf Zeit. Ein kontrolliertes Ekeln, dem durch das Wiederherstellen der Ordnung, also das Fassen desder Mörders*Mörderin, ein Ende bereitet wird. Kann der Krimi also als Ersatzbefriedigung der natürlichen Schaulust betrachtet werden? „Schiebt sich ein Medium zwischen Wahrnehmenden und Wahrgenommen, sei es Bild oder Film, erhält die Lust am Schauen neue Begründungen (wie Lustersatz, Schadenfreude, ästhetischer Genuss)“, beantwortet das Filmlexikon der Uni Kiel die Frage. Susan Sontag geht bei der Analyse von Science-Fiction-Filmen sogar noch einen Schritt weiter:

„Eine andere Art der Befriedigung, die diese Filme bieten, beruht auf der extremen, moralischen Vereinfachung, die ihr Charakteristikum ist, das heißt, sie bieten eine moralisch akzeptable Phantasie, die als Ventil für grausame oder zumindest amoralische Gefühle dienen kann.“

Susan Sontag – Die Katastrophenphantasie

Teilhabe an Katastrophen

Dank der zahlreichen Krimifilme und -serien ist es also einfach geworden, die natürliche Schaulust zu befriedigen und unbewusst grausamen Gedanken und Phantasien ein Ventil zu geben. Eine Befriedigung kann tatsächlich jedoch nur eintreten, wenn sich die Zuschauerinnen dem Gesehenen hingeben, also wirklich hinsehen. Nur dann, wenn nebenbei keine Kartoffelchips zum Mund geführt und keine Decken gehäkelt werden. Doch das scheint oftmals gar nicht der Fall zu sein. Denn die Diskussionen auf Facebook oder Twitter, z. B. zum Tatort, verdeutlichen etwas ganz anderes: Der Krimi wird nur mit einem Auge geschaut. Fast könnte man meinen, die zerstückelten Körper, die aus irgendwelchen Kellerlöchern gezogen werden, und die kindliche Wasserleiche, die Taucherinnen in der Elbe finden, sind keine Bilder, die irgendwie verstören, schocken. Keine Bilder, die die Zuschauer*innen an den First Screen fesseln.

Hat etwa der übermäßige Konsum von Gewaltszenen und Leichenbildern zu einer Abstumpfung geführt? Muss bald etwas Härteres her? Empathielose, hetzerische und vorurteilsbehaftete Kommentare unter solchen Nachrichtenmeldungen und Fotos in den Sozialen Netzwerken prophezeien die Gefahr, dass weder die Häkeldecke noch der Second Screen weggelegt werden, wenn die Nachrichtenkanäle echte Tote zeigen. Oder hat etwa das Kommentieren solcher Meldungen die Schaulust abgelöst? Reicht das alleinige Sehen nicht mehr aus, muss es die Teilhabe an einer Katastrophe sein, damit sie spürbar wird? Zumindest würde dies bei realen Katastrophen die Muster von Twitter-Debatten oder den Drang einiger Menschen erklären, zu filmen oder zu fotografieren. Sie selbst werden damit zu Schausteller*innen des Leids.

Titelbild: © Katharina van Dülmen

Die 10 größten Fehler mit den „Gutmenschen“

Ob Journalist*innen, Wikipedia-Beitrag-Schreiber*innen, Sprachforscher*innen, AfD-Anhänger*innen oder vermeintliche Erfinder*innen des Wort „Gutmensch“ – alle haben mindestens einen der folgenden Fehler begangen. Und die haben ihre Folgen.


Wer das Wort „Gutmensch“ bis 2015 nicht kannte, der wünscht sich schon jetzt, es wäre nie erfunden worden. Denn durchtrieft von gehässiger Ironie dominiert es die Sozialen Medien, wenn es um „das Flüchtlingsthema“ geht. Gerne wird es gemeinsam mit den Wörtern „Bahnhofsklatscher“ oder „Teddywerfer“ verwendet. Erfunden für die Menschen, die die ersten Geflüchteten an Bahnhöfen herzlich begrüßten.

1. Fehler: Den „Schlechtmensch“ dem „Gutmensch“ vorziehen

Aber nein, „Gutmensch“ ist kein Kompliment. Als Schimpfwort – besonders für Menschen, die sich für Geflüchtete einsetzen – benutzt, stempelt der*die Verwender*in Hilfsbereitschaft und Political Correctness als naiv und weltfremd ab. Denn indem „Gutmenschen“ helfen, würden sie ihrem Land, ja, Deutschland, schaden. Anwendungsbeispiel sind zuhauf z. B. auf der Facebookseite der AfD zu finden. Die Beschimpften wehren sich: „Lieber ein Gutmensch als ein Schlechtmensch!“ oder „In was für einem Land leben wir, in dem ‚Gutmensch‘ als Schimpfwort gilt?“ Gute Frage: Können sich die Verwender*innen sicher sein, dass sie jemanden mit einem Wort, das sich aus „gut“ und „Mensch“ zusammensetzt, beleidigen?

2. Fehler: Nach Nietzsche und den Nazis fragen

Um das herauszufinden, muss man die Herkunft des Wortes „Gutmensch“ untersuchen. Und das ist nicht einfach: Denn das 2011 auf den 2. und 2015 auf 1. Platz gewählte Unwort des Jahres wird mal auf Friedrich Nietzsche, mal auf die Nationalsozialisten zurückgeführt. Zwar kritisiert Nietzsche den „guten Menschen“, verwendet das Wort „Gutmensch“ aber nicht. Ebenso verhält es sich mit der Behauptung des Journalisten Jürgen Hoppe:

„Erstmals findet sich das Wort als Bezeichnung für die Anhänger von Kardinal Graf Galen, die gegen die Vernichtung ‚lebensunwerten Lebens‘ […] gekämpft haben. Nicht klar ist, ob der Begriff von Josef Göbbels oder Redakteuren des ‚Stürmer‘ 1941 ersonnen worden ist. ‚Gutmensch‘ geht auf das jiddische ‚a gutt Mensch‘ zurück, womit von den Nationalsozialisten auch ein Bezug zu den ‚lebensunwerten‘ Juden hergestellt werden sollte. (In: Memorandum zur Initiative Journalisten gegen Rassismus, 27. März 2006)

Das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung prüfte den als Beleg angeführten „Stürmer“-Beitrag und schlussfolgerte, dass die „dortige Rede vom ‚guten Menschen‘ […] eine andere Bedeutung“ als „Gutmensch“ habe. Das Wort „Gutmensch“ selbst taucht im genannten Beitrag gar nicht auf.

3. Fehler: „Goodman“ und „bonhomme“ übersetzen

Ein weiterer Ansatz ist es, die Herkunft des Wortes in anderen Sprachen zu suchen: „Bonhommes“, auf deutsch „Gutmenschen“, nannten sich die Katharer, die französischen Ketzer des Mittelalters. Heute kann „bonhomme“ mit „Gentleman“ übersetzt werden. Glaubt man der Gesellschaft für deutsche Sprache e. V. (GfdS), so stammt ihr „Erstbeleg zu Gutmensch […] aus dem Jahr 1985“. In der US-amerikanischen Zeitschrift Forbes sei der damalige Gewerkschafter Franz Steinkühler als ein solcher bezeichnet worden. Ob er tatsächlich „Gutmensch“ oder „goodman“ genannt wurde, ist der Erklärung der GfdS nicht zu entnehmen. Allein die Erläuterung „[i]m Englischen existiert goodman […] auch im ironischen Sinne“, aber es sei „spekulativ, hier eine Verbindung zum deutschen Sprachgebrauch zu sehen“, lässt vermuten, dass die Forbes „goodman“ und nicht „Gutmensch“ verwendete.

4. Fehler: Nach einem „Gutmann“ und einem „Gutweib“ suchen

Und dann gibt es noch jemanden, der bei solchen Fragestellungen nicht fehlen darf: Johann Wolfgang von Goethe. Doch richtig fündig wird man auch bei ihm nicht. Zwar schrieb er die Ballade Gutmann und Gutweib, benutzte „Gutmensch“ jedoch so oft wie Nietzsche. Also gar nicht. Im Wörterbuch der Brüder Grimm ist ebenfalls „Gutmann“ gleichbedeutend mit „gutmütiger Mann“ und „Edelmann“ aufgeführt, „Gutmensch“ ist aber auch hier nicht zu finden. Und aus gleichem Grund kann Brechts Werk Der gute Mensch von Sezuan ignoriert werden.

Kann es sein, dass die Herkunft des Wortes dort gesucht wird, wo es gar nicht auftaucht?

5. Fehler: Sich für den*die Erfinder*in des „Gutmenschen“ halten

1997 behauptet der Merkur-Mitherausgeber Kurt Scheel in der Frankfurter Rundschau, er sei Schöpfer des Wortes und stellt klare Regeln zum Gebrauch auf:

„Als Erfinder des Wortes Gutmensch – es stand zum ersten Mal 1992 im Januarheft des ‚Merkur‘ – möchte ich darauf hinweisen, daß es nur ‚als süffisante, Heiterkeit erzeugende Bemerkung angesichts eines berufsmäßigen Moralisten‘ benutzt werden darf.“ (Frankfurter Rundschau, 19.11.1997, S. 16)

1998 erscheint dann Klaus Bittermanns Wörterbuch des Gutmenschen, in dem „Betroffenheitsjargon und Gesinnungskitsch“ aufgedeckt werden sollen. Schließlich hat sich der Terminus „Gutmensch“ seit Mitte der 1990er-Jahre in politischen Debatten – gehäuft auch in den Medien – etabliert, um politische Gegner als moralisierend zu kritisieren. Deswegen wird es auch 2004 in Neuer Wortschatz: Neologismen der 90er Jahre im Deutschen aufgenommen „Gutmensch“ soll also ein Neologismus der 1990er sein? Das Wort soll es erst seit den 90er Jahren geben? Bei aller Liebe, das ist abwegig. Denn wie auch die GfdS klarstellt, „das grammatische Muster […] [existiert] im Deutschen seit Jahrhunderten […] – man denke nur an Gutgeld […] oder Gutmann“. Trotzdem ist es der GfdS „nicht möglich, den Ausdruck genau zu datieren und einem bestimmten Urheber zuzuordnen.“

6. Fehler: Nach dem Begriff und nicht nach dem Wort „Gutmensch“ fragen

Warum ist es so schwer, den Ursprung des Wortes „Gutmensch“ zu eruieren? Weil ein Fehler gemacht wird bzw. gemacht wurde. Und das bei allen Diskussionen rund um „Gutmensch“ – egal, ob von der Welt oder der Süddeutschen Zeitung o. ä. Ja, auch der selbsternannte „Erfinder des Wortes Gutmensch“ Kurt Scheel hat ihn begangen und auch die GfdS:

Es wird nicht zwischen „Wort“, „Terminus“ bzw. „Ausdruck“ und „Begriff“ unterschieden. Denn es ist etwas völlig anderes, ob man nach der Herkunft des Wortes, Terminus‘ und Ausdrucks „Gutmensch“ fragt oder nach der Herkunft des Begriffs. Im zweiten Fall geht es um den Ursprung der heutigen Bedeutung, also um die ironische Verwendung, nicht aber um das Wort selbst. Natürlich ist es der GfdS „unmöglich, den Ausdruck genau zu datieren“. Wie sollte sie auch? Schließlich hat sie gar nicht nach der Herkunft des Ausdrucks, sondern nach dem Ursprung der heutigen Bedeutung gefragt. Und es kann zwar sein, dass Journalist Kurt Scheel den Begriff in den 90ern geprägt hat. Er ist aber auf keinen Fall der „Erfinder des Wortes Gutmensch“, so wie er sich selber betitelt.

7. Fehler: Nicht zu weit in der „Gutmensch“-Vergangenheit wühlen

Denn das Wort selbst ist um einiges älter. Und dafür muss man nicht das französische „bonhomme“ bemühen. Auch Belege, die in einen Artikel der Welt angeführt werden, reichen nicht weit genug zurück: Etwa das Zitat von 1870 aus der Zeitschrift Deutscher Sprachwart: „Wo ein besonderer Mensch bezeichnet werden soll, da bedarf der allgemeine Menschenname […] noch der Hinzufügung eines besonderen Prädikats. Athil-a, Edelmensch, Oth-o, Gutmensch.“ Oder in Gustav Karpeles 1890 erschienenen Fassung von Briefe an eine Jungfrau über die Hauptgegenstände der Ästhetik , in der es heißt: „Wird nicht ein solch unberatener Gutmensch für seine unbedingte Menschenliebe verlacht, für einen Thoren von der ganzen Welt gehalten werden und ein Opfer seiner Schwäche sein?“ Auch wenn sich das zweite Zitat wie eine weise Vorahnung zur aktuellen Dialogkultur liest, einer der ersten zu findenden Belege für den Wortgebrauch von „Gutmensch“ ist es nicht.

8. Fehler: Nicht davon ausgehen, dass „Gutmensch“ etwas Gutes bedeutet

Denn um nur zu erahnen, dass das Wort lange vor dem 20. und auch vor dem 19. Jahrhundert existierte, reicht ein Blick in die Bibel, nämlich in die Dietenberger-Übersetzung. Sie gilt als eine der katholischen Gegenbibeln zur Lutherbibel, einer sogenannte „Korrekturbibel“. Hier heißt es z. B. in der Ausgabe von 1603:

„Ein gutmensch bringt guts herfur auß seinem gutem schatz : vnd ein böß mensch bringt böses herfur auß seinem bösen schatz.“

Zwar schreibt Luther in seiner Übersetzung „Denn ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus seinem Schatz des Herzens“, nichtsdestotrotz nutzt Dietenberger explizit das Wort „gutmensch“. Denn im Gegensatz zu „gutem Schatz“ ist „gut“ bei „gutmensch“ nicht gebeugt. Und tatsächlich wird hier eine weitere wichtige Frage beantwortet: Denn das Gegenteil von „Gutmensch“ war ursprünglich nicht „Schlechtmensch“, sondern „Bösmensch“. Der Ursprung des Wortes „Gutmensch“ hingegen scheint noch weiter zurückzuliegen. So heißt es in der Schrift „Ewangelia vnnd Epistel teutsch vber das gantz jar“ von 1523:

„Der gut mensch von dem gutten Schatz/redt er guts/Vnd der böß mensch von dem bösen Schatz redt er böse ding.“

Kann es also sein, dass „Gutmensch“ im 16. und im 17. Jahrhundert positiv konnotiert war? Dass jene ganz unironisch und ohne jeglichen Spott als „Gutmenschen“ geschimpft wurden, die im christlichen Sinne Gutes redeten und hervorbrachten?

9. Fehler: „Gutmensch“ als Schimpfwort verwenden

Sieht ganz danach aus. Welche Ironie der Begriffsgeschichte, dass jene, die plötzlich ihren christlichen Glauben wiederentdecken und ihn vor der „drohenden Islamisierung“ retten wollen, meinen, andere mit dem Wort „Gutmensch“ zu beleidigen. Denn nach den oben aufgeführten Belegen, ist es im Christentum ja sogar erstrebenswert, ein Gutmensch zu sein. Hingegen tragen die „Gutmenschen“-Schreier*innen nichts zum friedlichen Miteinander bei. Sie stören es sogar noch, indem sie meckern, hetzen und verspotten – ja, eben „böse Dinge reden“, weil sie sich benachteiligt fühlen. Aber um sie, die Bösmenschen, im „Gutmenschen“-Schreien zu entschuldigen: Sie werden die Luther- und nicht die Dietenberger-Bibel gelesen haben. Wer hat das schon? Und in ihrer Unwissenheit werden sie weiterhin mit arroganter Überheblichkeit glauben, „Gutmensch“ sei ein Schimpfwort.

10. Fehler: Gutmenschen mit Spott begegnen

Und dagegen kann man nichts tun, außer es hinzunehmen, sich für die Bezeichnung zu bedanken und so zu versuchen, dem Wort seine ursprüngliche positive Konnotation wiederzugeben. Patrick Orth, der Manager von Die toten Hosen, hat schon einen ersten Versuch gestartet und sich 2014 die Wortmarke „Gutmensch“ schützen lassen. Nun sind T-Shirts mit dem Spruch „Gutmensch – No one likes us. We don’t care!“ erhältlich. Ein Schritt in die richtige Richtung. Denn rückblickend betrachtet hat der Bedeutungswandel des Wortes nichts Gutes hervorgebracht. Mit ihm wurde es möglich, Toleranz, Mitgefühl, Hilfe und das Kämpfen für ein friedliches Miteinander mit gehässiger Ironie und Sarkasmus zu begegnen. Und wer möchte heutzutage im Jahr 2018 bei der aktuellen Dialogkultur noch mit Stolz behaupten, er*sie sei der*die Erfinder*in des Begriffs gewesen? Niemand.

Weihnachtlicher Warenfetisch

Es war einst ein beliebtes Thema innerhalb des philosophischen Intellektualismus’: die Kritik an der weihnachtlichen Konsumkultur und dem Warenfetisch. Inzwischen ist eine solche Kritik zahlreich rezipiert und zu hohlen Phrasen verunglimpft worden. Warum sich also noch mit dem Zusammenhang von Konsumkultur und Weihnachten beschäftigen? Ganz einfach: Weil diese Verquickung per se besteht.


Das Problem sowie seine Kritik gestalten sich keineswegs so simpel oder einseitig, wie so mancher es gerne hätte. Oft vertreten natürlich öffentliche, kirchliche Akteure die Position, dass Weihnachten als Geburt Jesu das Fest der Liebe und der Besinnlichkeit sei (das mit heidnischen Phallussymbolen, wie dem Christbaum, belebt wird) und der pejorative Konsumismus dieses eindeutig positiv konnotierte Weihnachtsfest entfremde und missbrauche, da der Blick auf das Wesentliche, das Religiöse, die Katharsis, durch den Warenfetisch verdeckt würde.

Eine solche Position ist philosophisch und kulturtheoretisch betrachtet eben viel zu kurz gedacht: Denn erstens kann das illusorische, naive Gerede von Besinnlichkeit eben nicht mit dem vermeintlichen Konkurrenten, den Konsumbedürfnissen der Menschen, mithalten; zweitens ist Weihnachten per se kein erstrebenswertes Fest, also kaum als positiver zu bewerten als die Konsumkultur selbst, die es forciert; und drittens bedingen Konsumismus und religiöse Festivitäten sowie Riten einander – kurz gesagt, Konsumismus und Warenfetisch sind dem System Weihnachten inhärent.

Warum das Christentum im Kampf mit dem Konsumismus nur verlieren kann, ist einfach erklärt: Das Christentum verkehrt freiwillig in einem (kapitalistischen) Warensystem. Wenn es innerhalb dieser ökonomisch-ideologischen Matrix agiert, braucht es sich nicht wundern, wenn es bei Negierung dieser Matrix – also dem Wettbewerb zur Bedürfnisbefriedigung des Konsumenten auf dem Markt – verliert. Zwar lehnt zumindest der Katholizismus von Zeit zu Zeit den Kapitalismus ab. Er favorisiert aber dafür nicht explizit andere sozioökonomische oder politische Alternativen – obgleich immerhin das Neue Testament partiell eine idealistische Art des Liebeskommunismus´ in der Phase zwischen der Auferstehung Jesu und dem Erscheinen des Heiligen Geistes forciert. Das Christentum ist also keinesfalls heute ein radikaler Kritiker bestehender Verhältnisse, sondern weitgehend systemimmanent.

Warum Weihnachten kein erstrebenswertes Fest ist, ist fast ebenso rasch und einfach erklärt: Gefeiert wird dort die Vermutung, dass eine historisch nicht erwiesene Persönlichkeit in einer Krippe geboren wird, dann auch noch ein Gott ist und mehrere Tage dort in der Wiege liegen bleibt. Kurz gesagt, man bläst eine reine Spekulation überbordend zu einem sakralen Fest auf und begründet damit eine Religion, die historisch auf Lügen und Blut gebaut wurde, und verkauft dies dann als Fest der Liebe. Man muss nicht erst Ludwig Feuerbach oder Karl Marx bemühen, um schlicht zu begreifen, dass es sich bei dieser Spekulation um eine Projektion irdischer Wünsche nach Erlösung handelt. Bereits bei dem Versteifen auf solch ein übermäßiges Zelebrieren von Religion, an dem an Weihnachten sogar die religiös eher Desinteressierten partizipieren, liegt ein religiöser Fetisch begründet. Sicherlich sind Werte wie Liebe, Großzügigkeit etc. erstrebenswerte ethisch-normative Parameter, jedoch lässt sich die Notwendigkeit dazu besser absolut säkularhumanistisch für einen moralphilosophisch denkenden Menschen legitimieren – mit dem Verzicht auf schädliche, scheinheilige und fetischistische Religiösitäten.

Sakraler Konsum

Der Fakt des sakralen Fetischs führt uns auch zum prinzipiellen Konnex zwischen Konsumismus und Weihnachten: Der Fetischismus ist, wie der Kulturphilosoph Hartmut Böhme festgestellt hat, ein religiöser Mechanismus, der in die Ökonomie translationiert wird, doch innerhalb dieser nur in seiner eigenen Logik operiert, da nach den Prinzipien Immanenz und Transzendenz agiert wird, zur Regulation des Verhaltens der Gläubigen, sodass ein obskurer Verkehr und Austausch mit dem Transzendenten entsteht und zur Erlösung führen soll. Marx hat dies ja bereits in die säkulare Warenanalyse implementiert, wodurch der Fetisch im Kapitalismus nach den Prinzipien Zahlen und Nichtzahlen operiert. Das Religiöse wird natürlich nicht vollständig in das Ökonomische übertragen; aber dadurch bedingen sich beide, im Zuge des religiösen Warenfetischs, zwecks Warenzirkulation.

Durch das Verblassen des Religiösen im weihnachtlichen Konsumprozess werden nun die religiösen Kultobjekte in etwas anderes verwandelt: in schlichte Waren, die meist mit Kitsch übertüncht werden. Andererseits konserviert und tradiert die Konsumkultur damit die Riten des Weihnachtsfestes. Marx hat ja auch nicht umsonst die aufgeklärt-moderne Gesellschaft als implizit religiöse Gesellschaft entlarvt; und Theodor W. Adorno und Max Horckheimer haben darauf aufbauend den universellen Verblendungszusammenhang von Konsumismus und Kulturindustrie – zu dem innerhalb des Sozioökonomischen und -kulturellen auch Religion und Weihnachten gehören – offengelegt. Der religiöse Fetisch forciert also noch eine Performanz respektive Theatralität der übermäßig mit metaphysischen Botschaften gefüllten Waren.

Warum wird nun gerade an Weihnachten dieser kapitalistisch-sakrale Fetisch so heftig ausgelebt, vor allem im Vergleich zum Rest des Jahres oder anderen religiösen Festen, Ereignissen und Veranstaltungen? Erstens sind Weihnachten und Ostern die wichtigsten christlichen Feste; zweitens entstand vor allem an Weihnachten eine Kultur des weitgehend reziproken Schenkens als Zeichen von Liebe und Freude, aber auch dem egoistischen Bedürfnis der himmlischen Erlösung durch gute Taten wie großzügigen Schenkungen; und drittens gelang es einigen ökonomischen Akteuren, das Weihnachtsfest zu profanisieren und ergo die Konsumkultur im Dezember allen Religionen und sogar den Atheisten und Areligiösen zu ermöglichen.

Santa Claus: Genussexperte

Der letzte Punkt verdient mehr Aufmerksamkeit. Das allseits bekannte Beispiel ist die Ablösung des Christkinds als religiöses Symbol des Schenkens durch den Weihnachtsmann, der am Nordpol lebe und durch den Kamin in die Wohnungen eindringe. Der Weihnachtsmann macht es möglich, Kulturgrenzen leicht zu überspringen und damit einer wesentlich größeren Kulturindustrie Weihnachten als Kaufanreiz zur Verfügung zu stellen. Brillant hat dies bekanntlich Coca-Cola genutzt, indem es in den 1930er Jahren, zur Zeit der Wirtschaftskrise, Santa Claus als Reklame für ihre Cola nutzte. Zum einen gelang damit eine Kultur der US-Amerikanisierung in nichtamerikanischen Weltregionen, und zum anderen wurde Coca-Cola somit zum Kultobjekt, da es behaupten konnte, der mythische Experte für Geschenke, Waren und Qualität würde ihr Produkt in seiner Freizeit gegenüber anderen Limonaden präferieren.

Außer dass durch die Gestalt des Weihnachtsmannes und seiner Instrumentalisierung die Konsumkultur, partiell entchristianisiert, angekurbelt wurde – so dass primär und fast ausschließlich im Weihnachtsstress zählt, was man kaufen möchte und welchen materiellen Wunsch man welchem Mitmenschen als Geschenkvorschlag vorlegt –, ist die Darstellung des Weihnachtsmannes exemplarisch für die Unterfütterung des weihnachtlichen Warenfetischs per Kitsch. Kitsch sorgt meiner Definition nach, stark angelehnt an Adorno, gerade dafür, dass das Ästhetische zu etwas Hässlichem wird; und die Kulturindustrie zementiert damit pseudokünstlerisch soziale Verhältnisse. Denn Kitsch verrät gerade jeden ästhetischen Wahrheitsanspruch, es neutralisiert alles Künstlerische durch seine biedere Tünche und dient der apolitischen Ablenkung von politischen, sozialen und kulturellen Missständen. Gerade darum begann die Instrumentalisierung des Weihnachtsmannes durch den kapitalistischen Großkonzern Coca-Cola in Zeiten der Wirtschaftskrise und dem Aufschwung des Totalitarismus, da der kitschige Weihnachtsmann perfekt von solchen Problemen ablenkte und semireligiös die nötige Erlösung von all diesen Missständen bot, zumindest für die Weihnachtszeit. Der Kitsch macht und das Unverträgliche verdaulich. Auch die Soziologin Eva Illouz hat darauf hingewiesen, dass gerade nichtmaterielle Phänomene, wie die Romantik, im Kapitalismus konsumierbar gemacht werden, sprich, Produkte werden verkauft und beworben, um ein Gefühl, eine Stimmung zu generieren, was meist mit Kitsch passiert. Wie das romantische Liebesideal, wird auch das Ideal eines Festes der Liebe so kommerzialisiert. Da es sich aber um Werbung und Kitsch handelt und nicht um ein authentisches Gefühl, kann es niemals das sein, was es seinem Anspruch nach sein soll.

Der Weihnachtsmann ist dabei natürlich die ideale Verquickung von kapitalistischer Konsumkultur, Kitsch und Weihnachten; denn er ist nicht nur selbst ein eifriger Konsument und Genießer, sondern leitet am Nordpol auch noch eine Fabrik, bestehend aus Rentieren und Weihnachtselfen, gilt also dem Märchen nach selbst als kapitalistischer Akteur. Der Kitsch zeigt sich hierbei auch nicht nur optisch, sondern auch darin, dass in einem solchem kitschigen Märchen man freilich nie von realer Sozialkritik hört, wie der Existenz von Gewerkschaften der Weihnachtselfen, deren Ausbeutung und Entfremdung der Arbeit oder, dass sich auch die Rentiere als Nutztiere nie beschweren und nie unter der Last des vollen und schweren Schlittens bei einer Fahrt rund um die ganze Welt zusammenbrechen.

Hauptsache Glühwein

Außer beim Weihnachtsmann gibt es natürlich noch unzählige weihnachtliche Kitschartikel, die es auf jedem Weihnachtsmarkt zu kaufen gibt, von Teelichtern und Glühweintassen über Weihnachtsbaumdekoration bis hin zur kompletten Inneneinrichtung der Wohnung. Die kitschige weihnachtliche Konsumkultur fungiert also auch als Verschleierung und Negierung von Problemen in der diesseitigen Realität. Auch dies teilt die Konsumkultur mit der religiösen Ablenkung durch hohle Predigten, Gebete und Lobpreisungen an einen imaginierten und projizierten Gott.

Inzwischen haben sich viele Medien dieser weihnachtlichen Konsumkultur gebeugt, indem sie diese nicht mehr erwähnen oder kritisieren, sondern andere vermeintlich weihnachtliche Themen herausarbeiten, indem sie entweder kirchlichen Würdenträgern eine Bühne geben, zum Weltfrieden aufrufen, das Feuilleton mit schmieriger Charles-Dickens-Romantik verkleben, den Mangel an Nächstenliebe in Politik und Privatheit kritisieren oder über Weihnachten als Familienfest berichten.

Was kann man also tun? Der Zusammenhang zwischen Konsumkultur und Weihnachten besteht prinzipiell durch den sakralen Warenfetisch, der von echten Problemen ablenkt und an Weihnachten besonders präsent ist. Durch diese starke Präsenz gelingt es niemandem, dem Konsum oder diesem spießbürgerlichen Fest der erzwungenen Familienharmonie wirklich zu entgehen. Was können kritisch und philosophisch Denkende und Intellektuelle schon tun? Der Zusammenhang von Konsumkultur und Weihnachten kann zwar immer neu interpretiert und kritisiert werden, aber reale Auswirkungen auf die Hegemonie der kitschigen und banalen Weihnachtskultur hat dies kaum. Viele Möglichkeiten bleiben nicht – und manche muten schon fast absurd an: Entweder man wird also radikal und bekämpft diese Weihnachtskultur und agiert als säkular-humanistischer Denker und Bürger, statt als Konsument (das wäre heute ja schon fast revolutionär), mit geringer Aussicht auf Erfolg, da dies bestenfalls bei einem individuellem Lifestyle bleibt; oder man taucht bis sechsten Januar unter und isoliert sich, so gut es geht, was sicherlich erfolglos ist; oder man versucht, wie zahlreiche Medien, systemimmanent ein bisschen etwas zu produzieren, das Adorno Richtiges im Falschen nennt und somit negieren würde, und auf die säkularen, nichtkonsumkulturellen Ideen hinter Weihnachten zu verweisen (Nächstenliebe etc.), freilich ohne diese in jenem Kontext von Weihnachten und missionarischem Monotheismus lösen zu können; oder, das ist wohl das Wahrscheinlichste, man erfreut sich wenigstens am Glühwein.


Verwendete Literatur:

Adorno, Theodor W.: Ästhetische Theorie (= Gesammelte Schriften, Bd. 7), Frankfurt a. M. 1990.

Adorno, Theodor W./ Horckheimer, Max: Dialektik der Aufklärung (= Gesammelte Schriften, Bd. 3), Frankfurt a. M. 1990.

Böhme, Hartmut: Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne, Hamburg 32012.

Hasse, Edgar S.: Weihnachten in der Presse (= Studien zur Christlichen Publizistik, Bd. 19), Erlangen 2010.

Haug, Wolfgang F.: Die kulturelle Unterscheidung. Elemente einer Philosophie des Kulturellen (= Berliner Beiträge zur kritischen Theorie, Bd. 12), Hamburg 2011.

Hauschild, Thomas: Weihnachtsmann. Die wahre Geschichte, Frankfurt a. M. 2012.

Illouz, Eva: Der Konsum der Romantik. Liebe und die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus, übersetzt von Wirthensohn, Andreas, Frankfurt a. M. 2003.

Žižek, Slavoj: The Puppet and the Dwarf. The Perverse Core of Christianity, Cambridge 2003.

Titelbild: © Mateusz Dach/Pexels

Der reaktionäre Blick auf 100 Jahre Krieg

Während Deutschland noch im Taumel des Jubiläums der Russischen Revolution ist und damit endlich das Reformationsjahr hinter sich lassen kann, dreht der Historiker Gregor Schöllgen die Erinnerungsdebatte schon weiter. Denn er sieht sich in seinem Buch Krieg. Hundert Jahre Weltgeschichte, ausgehend von Russland 1917, die vergangenen 100 Jahre Weltgeschichte an – und kommt zu dem Schluss, dass es sich dabei um eine Geschichte der Kriege auf globaler Ebene handelt. Leider hat sein Sachbuch an sonstigen Erkenntnissen nicht viel zu bieten.


Schon sein Ausgangspunkt ist zweifelhaft und wirkt künstlich gewählt, um das Jubiläumsjahr der Revolution zu bedienen. Näherliegend wäre es für 100 Jahre Kriegsgeschichte den Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 zu wählen, und selbst wenn man sich für 1917 entscheidet eher den Kriegseintritt der USA, denn die Russische Revolution zu wählen, betrachtet man doch gerne das 20. Jahrhundert als amerikanisches Jahrhundert. Doch Schöllgen muss antisowjetische Reflexe bedienen. Denn die Bolschewiki seien (wie auch der Vietkong) Putschisten gewesen, die mit ihrer Idee der gesamten Welt den Krieg erklärt hätten.

Abgesehen davon, dass er bewusst pejorative Begriffe wie Putsch für Revolutionen gebraucht, hat er scheinbar den Bedeutungsgehalt solcher Begriffe in seiner unsachlichen Abneigung missverstanden, da ein Putsch von einer Herrscherclique in der Minderheit ausgeführt wird, oder auch eine gescheiterte Revolution beschreibt. Beides ist, auch wenn die Bolschewiki de facto eine Minderheit waren, nicht der Fall gewesen. Darüber hinaus zeugt dies von einer ideengeschichtlichen Unkenntnis Schöllgens: Denn erstens erklärt der Sozialismus nicht der Welt, sondern „nur“ dem Kapitalismus den Kampf (es heißt Klassenkampf, nicht Klassenkrieg), und zweitens, unterscheidet der Autor nicht zwischen dem trotzkistischen Konzept der permanenten Revolution bis zur Weltrevolution und dem Stalinismus als Sozialismus in einem Lande, ohne globalen Anspruch.

Hitler dagegen wird von Schöllgen als Putschist (im Hinblick auf 1923 ist das korrekt) und Revolutionär bezeichnet (im Hinblick auf 1933 ist das falsch, da die nationale Revolution ein Mythos ist). Es wirkt mehr als bedenklich, wenn Schöllgen die Realitäten so verschiebt, und es zusätzlich für sicher hält, Stalin habe einen Präventivschlag gegen Nazideutschland geplant, natürlich ohne dass in der Monographie irgendein Beleg angeführt wird. Eine solche Verschiebung könnte man nicht nur als antirevolutionär, restaurativ und antisowjetisch klassifizieren, sondern auch als relativierend gegenüber den Verbrechen der Feinde der Sowjetunion. Auch wenn Schöllgen sicherlich in Bezug auf Hitlerdeutschland nicht darauf hinaus will, könnte dieser Verdacht durch seine verquere Argumentation entstehen.

Von dort aus geht Schöllgen bis zum Beginn des Kalten Krieges weitgehend chronologisch vor und subsummiert die Kriegsphasen unter vereinfachte Schlagworte. Zwischen den Erläuterungen zum Zweiten Weltkrieg und dem Beginn des Kalten Krieges jedoch wird sein Zugang systematischer; sprich, er geht einzelne Charakteristika des Kalten Krieges und der Phase danach, wie Wett- und Abrüsten, durch und arbeitet damit dekadenübergreifend. Diese Teilung in Chronologie und Systematik wirkt ebenfalls willkürlich gewählt und nimmt dem Buch die Übersichtlichkeit. So hat er etwa ein Kapitel zu ethnischen Säuberungen zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg verfasst, das aber eben nicht die Phase der Nachkriegszeit umfasst und daher unsystematisch wirkt. Die späteren Kapitel wirken dafür teilweise recht sprunghaft.

Doch auch für die Phase des Kalten Krieges hat Schöllgen einige reaktionäre Weisheiten zu bieten. So unterteilt er die Blöcke tatsächlich in den freiheitlichen Westen unter amerikanisch-britischer Kontrolle und der unterdrückerischen Sowjetunion, was den irrsinnigen Anschein erweckt, der Westen sei ein gelungenes und eben nicht repressives System. Diese Simplifizierung, die eines jeden Intelligenz beleidigen muss, führt Schöllgen aber rund 100 Seiten später selbst ad absurdum. Denn dann weist er auf dem parallel verlaufenden Nord-Süd-Konflikt hin und gibt zu, die USA hätten sich sowohl hier als auch im Ost-West-Konflikt dilettantisch, ignorant und arrogant verhalten. Inwiefern eine ignorante Imperialpolitik freiheitlich sein soll, beantwortet der Historiker nicht.

Dafür hat Schöllgen noch ein paar Binsen zur Implosion der Sowjetunion 1991 zu bieten. Denn sowohl diese Erniedrigung Russlands wie auch die im Ersten Weltkrieg seien eine Erklärung für die Politik Wladimir Putins, die dem Land das Selbstbewusstsein als Großmacht zurückgeben will. Abgesehen davon, dass Putin dieses kritikwürdige Versprechen hält, handelt es sich dabei nicht gerade um eine tiefsinnige Erkenntnis, wegen der man Schöllgens Buch zu lesen bräuchte. Ähnlich verhält es sich bei den letzten Kapiteln zu Terrorismus und Flüchtlingen. Aufgrund des summarischen Charakters vieler Kapitel, fällt es schwer, mehr als nur eine Aneinanderreihung von Fakten zu erkennen – und dafür wäre jedes Lexikon oder Handbuch fruchtbarer.

Man gewinnt kaum Neues aus Schöllgens Buch, außer bekannter Daten und Banalitäten, wie der ausgelutschten These, die Nachkriegsphase sei in einen Dritten Weltkrieg gemündet, wegen globaler Krisen, Stellvertreterkriegen und dem globalen War on Terror etc. Und selbst wenn das noch als überschaubare Sammlung oder Einführung in die Weltgeschichte der vergangenen 100 Jahre fungieren könnte, so machen Schöllgens Ressentiments gegen alles Soziale oder Sozialistische Krieg nur zu einer Hassrede, voller reaktionärer Klassifizierungen. Vielleicht sollte sich Gregor Schöllgen wieder von der internationalen Politik abwenden, jetzt da er emeritiert ist, und sich abermals mit dem beschäftigen, was er die letzten Jahre gemacht hat: sehr wohlwollende Portraits deutscher Firmen schreiben oder eine Biographie über irgendeinen Sozialdemokraten. In beiden Metiers war er weniger störend als auf dem Parkett der Weltgeschichte.


Krieg. Hundert Jahre Weltgeschichte erschien 2017 bei der Deutschen Verlagsanstalt in München, hat 368 Seiten und kostet 24 Euro.
Titelbild: © DVA / Verlagsgruppe Randomhouse