Kategorie: Interviews

NAHSCHUSS

Nahschuss, Regie: Franziska Stünkel, Kamera: Nikolai von Graevenitz, Bild: Lars Eidinger (Franz Walter)

Inspiriert von der Geschichte Werner Teskes erzählt Franziska Stünkel in ihrem Film NAHSCHUSS auf berührende und eindringliche Weise über die Todesstrafe in der DDR und die Geschichte eines Mannes, der seinen Halt und sein Vertrauen in und durch ein System nach und nach verliert.


Die Premiere des Films NAHSCHUSS findet am 4. Juli beim Filmfest München statt. Der Film thematisiert die Todesstrafe in der DDR – nicht unbedingt ein Thema, das nach Open-Air-Sommer-Popcorn-Kino schreit. Die Regisseurin Franziska Stünkel, die wir am Premierentag über Zoom sprechen, ist dennoch glücklich, ihren Film jetzt endlich auf der großen Leinwand einem Publikum präsentieren zu können:

„Es ist eine große Freude, dass Kino wieder möglich ist. Dass es diesen Raum wieder als kollektives Seh- und Fühlerlebnis gibt, um Themen zu sich zu lassen und in den Diskurs zu gehen.“

Franz Walter (Lars Eidinger) mit seiner Frau Corina (Luise Heyer), © Alamode Film

Werner Teske und die Todesstrafe in der DDR

Auf das Thema ist die in Göttingen geborene Fotokünstlerin und Filmregisseurin eher zufällig gestoßen. Von der Todesstrafe in der DDR hat sie beiläufig, in einem Nebensatz eines Artikels, erfahren. Bei der Recherche ist sie dann auf ein Foto von Werner Teske gestoßen, dem letzten offiziellen Hinrichtungsopfer der DDR. Stünkel wird schnell klar, dass dies das Thema ihres neuen Filmes sein wird. Das Schicksal dieses Menschen interessiert und bewegt sie:

„Das Foto war die Initialzündung. Denn man macht Filme nicht über ein Thema, sondern über Menschen. Und dann bin ich diesem Menschen gefolgt“

Die Geschichte von Franz Walter

Inspiriert vom Schicksal Werner Teskes erzählt Stünkel in NAHSCHUSS die Geschichte von Franz Walter (Lars Eidinger). Frisch promoviert wird Franz eine Professur an der Universität in Aussicht gestellt, eine Position, die manche nach jahrzehntelanger Forschungsarbeit nicht erreichen. An diese Stelle sind Bedingungen geknüpft. Bevor Franz diese antreten kann, soll er für die HVA (Hauptverwaltung Aufklärung der Staatssicherheit) arbeiten, wie ihm Dirk Hartmann (Devid Striesow) in einer konspirativen Wohnung eröffnet – alles unter strenger Geheimhaltung. Diese Position bringt viele Vorzüge mit sich und Franz genießt sein neues Leben mit Freundin Corina (Luise Heyer). Als die Anforderungen an ihn steigen und die Aufträge nicht mehr mit seinem Gewissen zu vereinbaren sind, ist es zu spät. Franz findet sich in einem System wieder, das ihn und alles kontrolliert und aus dem es kein Entkommen gibt.

Franz Walter (Lars Eidinger), © Alamode Film

Seite an Seite mit Franz

In ruhigen, langen Einstellungen und ganz ohne spezielle Effekte oder leitende Musik, schafft Franziska Stünkel in kürzester Zeit eine enorme Nähe zu Protagonist Franz herzustellen. Als Zuschauer٭in weicht man Franz nicht von der Seite, es gibt keine Szene ohne ihn. Wir sehen, was er sieht und wir erleben, was er erlebt. „Man schaut Franz zu wie ein Gefühl entsteht und eine Entscheidung“, erklärt Stünkel. Und man bleibt weiter bei ihm. Franz‘ persönlicher Entwicklung wird damit viel Zeit und Raum gegeben. Die Entscheidungen werden dadurch nachvollziehbar und es schafft zudem eine Intimität und intensive Beziehung zwischen Publikum und Protagonist.

Die entstandene Empathie für Franz weckt ehrliches Bangen um sein Schicksal. Was den Zuschauer٭innen viel Stärke abverlangt. Man ist erschüttert über die Wendungen, die Franz‘ Leben nimmt, über plötzlich ins Wanken geratenes Vertrauen zu nahestehenden Personen und über Entscheidungen, die sich als Fehler herausstellen. Hätte man nicht gleich gehandelt an Franz‘ Stelle? Franziska Stünkel beschreibt dazu: „Man muss es auch aushalten, einem Menschen lange zuzusehen, seinem Gegenüber. Da spürt man dann erst: die Angst, Ablehnung, Zuneigung oder Unsicherheit.“ All das spüren wir in Franz und in uns.

Das Team: „Lars, Devid und Luise waren große Wunscherfüllungen.“

Für diese rohe und intime Erzählweise braucht man einen fähigen Schauspieler. In Lars Eidinger hat Franziska Stünkel einen solchen gefunden: „Mir lag es sehr am Herzen, für den Franz diesen Menschen und Schauspieler zu finden, der diese Radikalität und Authentizität vermag herzustellen, da war Lars Eidinger der absolute Wunsch von mir.“

Stünkel war es wichtig, mit Schauspieler٭innen zu arbeiten, denen bewusst war, worum es in der Geschichte im Eigentlichen geht. Auch war es ihr wichtig, an Originalschauplätzen zu drehen. Sie betont: „Ich glaube sehr an die Kraft von Orten.“ Hier waren die Schauspieler٭innen und das Team hinter der Kamera eine Einheit, wofür Stünkel sehr dankbar ist. Dort konnten sie, wie Franziska Stünkel sagt, „eine Konzentration erzeugen, in der wir die Räume auch wahrnehmen konnten, sodass Lars, Devid und Luise in ihren Rollen dort einfach waren.“

So endgültig Franz Walters Schicksal im Film ist, so unausgesprochen bleibt vieles. Ganz bewusst, wie Stünkel sagt, denn der „Film möchte auch Fragen stellen dürfen.“ Er wirft viele Fragen auf: historische, politische und persönliche. NAHSCHUSS ist:

„… die Geschichte von Franz. Und dieser Film erzählt die Todesstrafe in der DDR. Mir geht es darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen und einen Diskurs aufzutun.“

Alle Zitate: Franziska Stünkel

Das ist ihr unserer Meinung nach gelungen. Wir möchten an dieser Stelle Franziska Stünkel ganz herzlich für das schöne, aufschlussreiche Gespräch danken und allen Leser٭innen sehr ans Herz legen, NAHSCHUSS im Kino anzusehen. Der deutschlandweite Kinostart ist am 12. August 2021.

Regie & Drehbuch: Franziska Stünkel

Kamera: Nikolai von Gravenitz

Montage: Andrea Mertens

Musik: Sebastian Karim Elias

Szenenbild: Anke Osterloh

Vor der Kamera: Lars Eidinger, Luise Heyer, Devid Striesow, Paula Kalenberg, Moritz Jahn, Peter Lohmeyer u. v. m.

Wut, Sex, Tod, Erwartungen und Humor. Jovana Reisinger im Interview

Jovana Reisinger hat einen neuen Roman veröffentlicht. Und unter vielen Gesichtspunkten ist dieser ganz anders geworden als ihr Debüt „Still halten“ von 2017. Dennoch haben beide Texte eine gemeinsame Wucht und prügeln auf Rollenbilder und ihre Protagonist٭innen ein. Erneut ist ihr ein intensiver Roman gelungen, der gleichzeitig erdrückt, dabei aber nicht vergisst, kurzweilig zu sein und zu unterhalten. Warum aber hat sie ihn „Spitzenreiterinnen“ genannt? Und wieso heißen die Frauen darin wie Zeitschriften? Welche Rolle spielen Männer? Worum geht es überhaupt? Gute Fragen, noch bessere Antworten.

Spoiler-Hinweis: am besten erst den Roman lesen, dann das Interview.

Worum geht es in „Spitzenreiterinnen“?

Es geht um Frauen, die nach Frauenzeitschriften benannt sind. Und um Rollenzuschreibungen, Klischees und Stereotype. Auch behandelt er Gewalt – in jeglicher Hinsicht –, Diskriminierungserfahrungen, Sexismus und neoliberale Leistungsversprechen. Jetzt hab ich viele Schlagwörter rausgeballert.

Wie bist du darauf gekommen, die Protagonistinnen nach Frauenzeitschriften zu benennen?

So genau weiß ich das nicht mehr. Aber ich finde das Medium Frauenzeitschrift sehr spannend, weil es einen großen Raum einnimmt. Nicht unbedingt in meinem Leben, aber generell verfügen sie über Reichweite, Macht und Geschichte.

Für Männer gibt es weniger Magazine, an denen man sich als Teenager orientieren kann. Widersprich mir gern, aber ich glaube nicht, dass man in der gleichen Form in Magazinen Hilfe suchte. Ich kann mich zum Beispiel noch gut daran erinnern, was in meiner Jugend zum Thema Sex in diesen Magazinen stand: Hier sind die fünf Supertipps, mit den Stellungen wird er wahnsinnig nach dir, so wirst du zur Blowjob-Queen. Es ging darum, den Mann zu befriedigen und überhaupt nicht darum, für sich ein Frausein zu erkennen und zu entwickeln. Es ging immer um die Frage: Was muss ich machen, damit man mich akzeptiert und anerkennt?

Ich fand spannend, mich Jahre später wieder mit diesen Zeitschriften auseinanderzusetzen und da entstand die Idee, einen Ensemble-Roman zu schreiben – mit gleichberechtigten Charakteren und Protagonistinnen. Der nächste Schritt war dann einfach, diese nach den Magazinen zu benennen, und sich gleichzeitig auf die Themen zu stürzen, die darin behandelt werden. Beauty, Fashion, Sex. Laura und Lisa haben ja zum Beispiel immer ganz viele Tipps und Tricks in ihren Kapiteln.

„Ganz viele Szenen im Roman basieren auf realen Ereignissen, teilweise aus meinem familiären Umfeld oder Freundeskreis, teilweise aus Medien, Nachrichten, Erzählungen, die mir zugetragen worden sind.“

Jovana Reisinger

Es ging also darum, die Rollenmodelle der Zeitschriften zu hinterfragen?

Nicht nur die der Zeitschriften. Der Gesellschaft. Aber ich habe mich gefragt, was passiert, wenn ich sie mit diesen Namen besetze. In meinem ersten Roman, du hast ihn ja gelesen, hat die Protagonistin keine charakterisierenden Beschreibungen. Man weiß nicht wirklich, wie alt sie ist usw. Das ist hier wieder so: Ganz selten kommt ein Alter vor, stattdessen Beschreibungen wie: „Sie ist Rentnerin und Witwe.“ Das verankert sie natürlich irgendwo, aber es wird nie beschrieben, wie sie aussehen, sondern sie sind alle irgendwie da.

Nirgends steht, was für Haarfarben, Haarstrukturen, Hautfarben oder Körpergrößen sie haben. Ich glaube trotzdem, wenn man dann aber die Frauenzeitschriften vor Augen hat und an die Frauen denkt, die einen von den Covern aus anlächeln, hat man eine Vorstellung davon, wie sie aussehen könnten. Ich hab mich gefragt, was das mit den Leser٭innen macht? Stellt man sie sich jetzt alle weiß, blond und blauäugig vor? Zu den Magazinen würde es passen. Aber vielleicht reflektiert man beim Lesen diesen Rückgriff und stellt sie sich dann ganz anders vor.

Für einen Capriccio-Beitrag hatte die Redakteurin alle Frauenzeitschriften gekauft, die im Buch vorkommen, und auf jedem Cover war eine weiße, dürre, blonde Frau mit blauen Augen. Die einzige Woman of Color war auf der Vogue.

Besonders kritisch stehen die Hauptfiguren ihren Rollen ja gar nicht gegenüber, oder?

Nein, die haben ja auch gar keine Zeit. Sie ackern und versuchen, ihr Leben hinzukriegen.

Kann es sein, dass sie alle vorgezeichnete Wege ausprobieren, dabei aber Schwierigkeiten haben, glücklich zu werden?

Ja, auch. Besonders die zwei Freundinnen Verena und Laura glauben, dass es einen vorgezeichneten Weg gibt, ein Frauen-Game, in dem man bestimmte Etappen gewinnen muss: guter Job, Macker, Ehe, Vermögen. Mit denen konnte ich natürlich gut den Konkurrenzkampf aufzeigen, der manchmal zwischen Frauen herrscht. 

Laura lädt ein Foto von ihrem Ringfinger bei Instagram hoch. Die Likes prasseln darauf wie ein Unwetter. Verena aktualisiert ihr Tinder-Profil.“

Jovana Reisinger – Spitzenreiterinnen

Was würdest du sagen, wer von beiden den Wettkampf entscheidet?

Das kommt auf die Perspektive an. Ich hätte lieber die Villa, die Verena erbt, als Lauras Typen.

Es ist schon generell in dem Roman so, dass Figuren von Todesfällen eher profitieren als daran zu zerbrechen, oder?

Findest du? Ja, vielleicht hast du recht, es sterben einige. Und ich meine, für Barbara ist es auch super, dass ihr Mann stirbt und auch, dass weitere Personen sterben. So kommt sie ja auch an ihren Hund.

 

Findest du eigentlich selbst manchmal, dass deine Texte ein bisschen zynisch sind?

Zynisch find ich besser als ironisch. Das möchte ich nämlich auf gar keinen Fall sein. Ironie in der Kunst ist ein billiges Mittel.  Aber wenn man ein Kunstwerk herausgibt, hat man ja schon selbst gar keine Macht mehr über die Rezeption. Das Buch ist draußen, wenn jemand sagt, es ist ironisch, dann ist es für diese Person so. Für mich ist es am Ende aber wirklich eher zynisch. Und es ist auf jeden Fall gemein und boshaft. Aber so ist es halt auch.

 

Du meinst, das Leben ist auch so?

Ja. Als der Text noch im Entstehen war, ist mich eine Förderreferentin harsch angegangen. Sie hat gesagt, so einen Text braucht man nicht, der sei zu rough, das sei nicht der Feminismus, den wir jetzt benötigen. Was wir bräuchten, sei ein Happy End. Ich hab ihr gesagt, es gibt für uns jetzt auch kein Happy End. Ich geh hier ja jetzt nicht raus und bekomm ein Happy End serviert. 

Übergriffe passieren mir, meinen Freundinnen und Freunden gefühlt auf einer daily basis. Sie landen dann in meinen Büchern oder Filmen und kommen so auch wieder heraus.“

Jovana Reisinger

Trotzdem suchen deine Protagonistinnen ja nach Happy Ends. In der Einleitung zum Beispiel steht der Satz: „Laura fiebert ihrer Hochzeit entgegen, dem Höhepunkt jedes weiblichen Lebens.“ – Warum schreibst du sowas?

Für Laura, genauso für Verena, ist der Höhepunkt ihres Lebens, sich einen guten Macker zu angeln. Wie eben im klassischen Rollenverständnis. Die sichere Ehe als ein Ideal. Aber dass die Ehe auch in jeglicher Form total unsicher sein kann, ob Gewalt, wirtschaftliche Abhängigkeit oder Scheidung, spielt in der klassischen Theorie überhaupt keine Rolle. Als wäre Ehefrau und Mutter die einzige Bestimmung.

Am Samstag vor zwei Wochen gab es in München eine Demo mit Abtreibungsgegner٭innen, die zum Teil Schilder mit Slogans wie: „Mutter werden, mehr Frau sein geht nicht“ trugen. Klare Rollenbilder. Ich bin in einer Bubble, in der man glaubt, sowas findet nicht mehr statt und hat keine Realität mehr. Aber da standen 900 Leute, die das Gegenteil behauptet haben. 

In deinem Buch kommt ja auch eine Demo vor.

Ja, die klassische 8.-März-Demo. Mit wütenden Männern, die etwas sagen wie „Frauen sind doch schon überall an der Macht. Jetzt wollen sie auch noch Gratis-Tampons – wie unfair.“

Was glaubst du, warum auch in der Realität viele Menschen unterschreiben würden, dass eine Hochzeit der Höhepunkt weiblichen Lebens ist?

Das kann ich nicht sagen, ich bin ja keine Soziologin. Aber wenn das für die so ist, ist das ja auch toll. Im Feminismus muss es wichtig sein, dass dies freie Entscheidungen sind. Genauso wie zum Beispiel sexuelle Identitätspolitik. Dazu gehören auch Schwangerschaftsabbrüche. Wenn ich heirate, ist es auch meine Entscheidung. Auch, ob ich den Namen annehme. Trotzdem muss man meiner Meinung nach diese Rollen und was mit ihnen einhergeht, zumindest einmal durchdenken. Warum macht man es, warum kommt es so selbstverständlich daher? Warum wird es nicht hinterfragt – auch persönlich? Warum denkt man, etwas ist das Ziel? Und das Ziel von was überhaupt? Genauso ist es für mich beim Thema Schönheit: Ist doch egal, ob eine Frau sich die Brüste machen lässt oder nicht. Wenn sie’s machen will, ist alles gut.

Stimmt. In dem Roman gibt es immer wieder losgelöste Absätze Themen wie „Solidarität unter Frauen“, „weibliche Lust“, „Karrierefrauen“, „Haare“. Was hat es damit auf sich?

Das sind Sonderkapitel. Eine Figur, die es jetzt am Ende im Buch nicht mehr gibt, trug immer Powersuits. Es gab bei ihr einen längeren Abschnitt, in dem ich mich mit Hosenanzügen und dem Styling fürs Büro beschäftigt habe. Ich hab dann nach längerer Zeit festgestellt, dass die Figur für den Roman keinen Sinn macht, aber ich hing so an diesem Abschnitt. So entstand die Idee für diese Sonderkapitel, die auf jeden Fall inspiriert von diesen Frauen-Zeitschriften sind. 

Einiges, Haare und Haut, kommt ja direkt aus dem Beauty-Bereich, genau wie die Karrierefrau mit ihren Modetipps. Ich hatte hier das Gefühl, ich kann nochmal eine andere Sprache anwenden – fast wie für ein neutrales Medium, ein Nachschlagewerk. Aber es bietet natürlich auch die Möglichkeit, auf Gemeinheiten hinzuweisen wie den realen Fall, dass eine Frau entlassen wurde, weil sie zu sexy war. Dass das Gericht ihrem Chef recht gegeben und geurteilt hat, das sei gefährlich für seine Ehe und dass er diese Frau entlassen dürfe, ist doch spektakulär. Ich mochte, dass die Sonderkapitel so überraschend daherkommen, weil sie nicht im Inhaltsverzeichnis stehen.

Im ersten Sonderkapitel schreibst du, warum Frauen sich nicht als „Mädels” bezeichnen sollten. Dazu gab es bei postmondän auch schonmal einen Text. Warum sollten sie das aus deiner Sicht nicht tun?

Ich persönlich hasse es einfach, als „Mädels“ bezeichnet zu werden. Wenn ich mit einer Gruppe Frauen zusammen bin und wir sind die „Mädels“, die einen Mädelsabend machen, ist mir das viel zu niedlich, zu lieblich und harmlos. Was soll das? Und Jungs treffen sich dann zum Jungsabend? Sind wir jetzt alle wieder Kids? Es gab eine Zeit, in der ganz viele Produkte im Supermarkt so gebrandet wurden. Auf Prosecco-Flaschen stand dann in Rosa „Für den Mädelsabend“.

Und wieso heißt der Roman eigentlich „Spitzenreiterinnen“?

Die Idee hatte ich auch beim Konzipieren, was eine zweijährige Phase war: Ich glaube, ich habe eine Werbung gehört mit einem Solgan wie „Die Spitzenreiter der Charts“  oder „Spitzenreiter im Sport“. Mir ist dabei aufgefallen, erstens, was für ein tolles, klanghaftes Wort das ist, und zweitens, dass es aber weder „Spitzenreiter٭innen“ noch „Spitzenreiterinnen“ gibt. 

Ich hab mich erinnert, dass ich als Kind, wenn nachts Dauerwerbesendungen zur Schlager-Compilations im Fernsehen liefen, immer schon faszinierend fand, dass es diesen rein männlichen Begriff gibt. Das ist ja ein toller Superlativ, aber man benutzt ihn eigentlich auch nie, außer eben im Sport.

Neulich erzählte mir eine Buchhändlerin, dass bei ihr mein Buch jeden Tag gekauft wird, immer von Männern, und sie sich das Buch ganz lang nicht genauer angeschaut hat, weil sie dachte, das wär ein Buch über Sport oder antifeministischer Scheiß. Sie hat es sich dann irgendwann mal durchgelesen, und mich dann auch gleich zum Signieren eingeladen. Eine wahnsinnig lustige Frau. Spitzenreiterinnen – ein Sport-Roman.

Wäre eigentlich auch ein guter Name für Frauenzeitschriften, oder?

Ja, er klingt dann aber gleich wieder so nach Executive Chick, nach Managerinnen …

Ja stimmt, nach „Powerfrauen“. Das ist ja auch so eine ähnliche Kategorie wie der Begriff „Mädels“, oder?

Richtig schwierig. „Starke Frauen“ ist genau so eine Hass-Kategorie von mir wie „Mädels“.

„Power, also Macht, wird durch Powersuits, Powerfarben und Powerhandtaschen demonstriert. Mode als Power-Tool.“

Jovana Reisinger – Spitzenreiterinnen

Anderes Thema: Dein Debütroman „Still halten“ hat sich ja stark mit der Innenperspektive einer Figur beschäftigt, die an ihrer Umwelt zerbricht. „Spitzenreiterinnen“ konzentriert sich eher auf Außenperspektiven, auf Frauen in ihren Umfeldern. Was ist dir beim Schreiben leichter gefallen?

Der Schreibstil bei „Still halten“ war auch deswegen anders, weil ich versucht habe, über Form und Sprache dem Inhalt eine andere Ebene zu geben, und die Leser٭innen genau so verrückt zu machen wie die Protagonistin, sie in den Wahnsinn zu treiben. Das hat die Erzählerin zu einer unzuverlässigen Begleiterin gemacht. Bei Spitzenreiterinnen ist es leser٭innenfreundlicher. Es gibt ja immer diese kurzen Episoden, alles ist sehr beschreibend, immer mit einer Draufsicht. Auch dadurch, dass es hin und wieder diese kommentierende Erzählerin gibt, hat es eine ganz andere Perspektive. 

Ich würde aber sagen, dass sich rein sprachlich nicht so viel verändert hat, weil beide Sprachen relativ hart sind – das ist zumindest mein Anspruch –, gnadenlos und schonungslos. Was leichter zu schreiben ist, kann ich nicht beantworten, denn in beiden Büchern steckt viel Vorbereitung und eine lange Schreibzeit. In „Still halten“ nochmal wesentlich mehr, zwei Jahre länger, aber die Form, die „Spitzenreiterinnen“ jetzt angenommen hat, entspricht der Sprache, die ich jetzt gerade schreiben möchte.

Bei „Still halten“ gab es ja auch interessante Figuren, zum Beispiel den Förster: ein konservativer Gegenpart zur Protagonistin. Ich hatte das Gefühl, dass du ihm im Roman, trotz seines verschrobenen Verhaltens und Denkens, immer noch viel Liebe entgegenbringst. Kann es sein, dass dir diese Liebe in den Beschreibungen von Männern bei „Spitzenreiterinnen“ abhanden gekommen ist?

Das würde ich jetzt nicht sagen. Lisa hat ja am Ende einen Super Date mit einem Supertypen. Es kommen auch coole, nette, anständige, aufgeklärte Männer vor, die haben aber nicht so viel Platz. Deswegen werden sie auch ein bisschen überlesen.

Männer haben im Roman aber keine Namen, sondern nur Anfangsbuchstaben.

Genau. Die Männer sind durch ihre Taten sowieso präsent genug. Dadurch, dass ich mich auf die Gemeinheiten im Leben von Frauen gestürzt habe, Sexismus, häusliche Gewalt, brauchten diese Männer dann auch gewisse antagonistische Kräfte, und nicht noch mehr Identifikationsmöglichkeit.

Dementsprechend haben die keine richtigen Namen. Wonach hätte ich sie denn auch benennen sollen. Wenn ich meiner dramaturgischen Entscheidung treu bleibe, wonach alle Frauen nach Frauenzeitschriften benannt sind, wie soll ich denn die Männer benennen? Ich kann sie ja nicht „Beef“, „GQ“ und „11 Freunde“  nennen.

Komisch eigentlich, dass Männer-Lifestyle-Magazine nicht auch wie Männernamen heißen, oder?

Genau, die sind eher so nach Dingen benannt. „Beef“ sagt ganz klar, dass „Männer“ anders essen. Ich weiß nicht, was das soll. Und der Planet geht mit dem Fleischkonsum zugrunde. Aber egal. Hier ist dein Steak. In einer Rezension wurde mir vorgeworfen, ich hätte mich als Männerhasserin geoutet – der schlimmsten Form des Feminismus. Ich möchte hiermit sagen, ich bin keine Männerhasserin. Ich versteh auch nicht, wie man das herauslesen kann, aber es ist schon in Ordnung. Ich hab das Gefühl, es geht halt einfach eher um die Frauen. Und es darf auch einfach mal nur um die Frauen gehen. Und die Männer sind einfach Nebendarsteller. Ist doch auch okay.

In vielen Büchern ist es ja andersherum.

Eben, ist doch die ganze Zeit andersherum.

Männer können sich in deinem Roman relativ viel erlauben, kommen bspw. mit häuslicher Gewalt ungestraft davon. Die Frauen haben aber bei kleinsten Abweichungen mit starkem Widerstand zu kämpfen. Wie viel Wut steckt in diesen Beschreibungen?

Wut ist definitiv ein Motor für mich ist. Nicht der einzige, aber ein sehr starker. Ganz viele Szenen im Roman basieren auf realen Ereignissen, teilweise aus meinem familiären Umfeld oder Freundeskreis, teilweise aus Medien, Nachrichten, Erzählungen, die mir zugetragen worden sind. Ich denke dann jeweils weiter, was passen würde. Bei häuslicher Gewalt zum Beispiel: Es ist extrem kompliziert, aus so einer Beziehung wieder herauszukommen. Und es ist unfassbar anstrengend, vor allem wenn Kinder oder wirtschaftliche Abhängigkeiten im Spiel sind. 

Wie mit Tina umgegangen wird, ist für viele Frauen Realität. Dementsprechend war es mir auch so wichtig, ihr Hadern zu erzählen. Ganz oft sind Erzählungen so: „Er hat mich einmal geschlagen und dann bin ich gegangen. Ich geh als starke Frau heraus und mir kann sowas nie passieren.“  Klar, so etwas gibt es auch und es ist super, wenn das klappt. Aber wenn Abhängigkeiten geschaffen und festgezurrt sind, ist es viel schwieriger, wieder herauszukommen. Sie hat ein schlechtes Gewissen, diesen Mann zu verlassen und zu verraten. In ihren Augen ist sie ja auch so schon schuldig. Sie sagt, eigentlich müsste sie sterben, weil sie so eine schlechte Mama ist. Weder hat sie geschafft, ihre Kinder zu retten, noch ihre Ehe. Es ist wahnsinnig kompliziert, aus solchen Beziehungen herauszukommen. 

Ich wollte ihr Handeln weder bewerten oder verurteilen, sondern den einzelnen Storys Raum bieten, um nachvollziehbar zu machen, wie kompliziert und anstrengend das ist – alleine, zu so einer Beratungsstelle zu gehen und immer wieder diese Geschichte zu erzählen. Man wird immer wieder fotografiert, wenn man nach solchen Übergriffen zum Arzt geht. Die Fotos landen dann in einer Akte. Selbst wenn man schon mehrfach der Polizei gesagt hat, dass der Ex-Freund oder Ex-Mann oder wer auch immer einen attackiert, und ihm ein Annäherungsverbot ausgesprochen wurde, kann er ja trotzdem lauern und dich attackieren. 

Alles ist wahnsinnig anstrengend und kompliziert. Gleichzeitig ist es intensiv für weibliche Opfer häuslicher Gewalt – natürlich auch männliche, auch wenn das ein viel kleinerer Teil ist. Beratungsstellen sind unterbesetzt, man wird ins Frauenhaus gebracht. Warum überhaupt? Wieso wird das Opfer irgendwo hingebracht und nicht der Täter mitgenommen?

Du versuchst also eigentlich schon, etwas einfach so abzubilden, wie es ist?

Ich versuche die Wut in etwas anderes zu transportieren. Das versuche ich in meinen filmischen Arbeiten genauso. Eigentlich ist meine Herangehensweise Humor und Überstilisierung, also Übertreibung. Bei der Szene mit Lisa, in der im Restaurant Austern herumfliegen, wäre ich gern dabei gewesen. Ich find’s auch super, Barbara zu sehen, die auf ihrer Terrasse sitzt und sich so gerne fürchten möchte, weil nichts passiert und ihr so langweilig ist. 

Ihr Mann ist tot, sie ist Rentnerin, sie weiß nicht, was sie machen soll. Als Katalysator sucht sie sich die Angst aus und plötzlich kommt ein Hund dahergelaufen. Und zur Wut: Übergriffe passieren mir, meinen Freundinnen und Freunden gefühlt auf einer daily basis. Sie landen dann in meinen Büchern oder Filmen und kommen so auch wieder heraus. Jetzt zum Beispiel bin ich total friedlich. Ich bin gar nicht mehr wütend.

Was würdest du sagen, welche deiner Protagonistinnen am glücklichsten ist?

Das weiß ich nicht. Ich hoffe, am Ende sind sie alle glücklich. Nach welchen Parametern soll man Glück auch bemessen? Ich versuche sie ja eben nicht zu bewerten. Manche Lebensentscheidungen treffen eher auf meine Identität zu, aber ich find’s auch völlig okay, wenn sie andere Entscheidungen treffen.

Du hast dich beim Schreiben aber ja in alle hineinversetzt.

Ja, und ich liebe sie. Es hat Spaß gemacht, Zeit mit ihnen zu verbringen. Aber ich würde sagen, am Ende sind alle glücklich. Nur bei Tina ist es in bisschen gemein, mit dem offenen Ende. Aber Petra und Brigitte sind madly in love. Das ist doch mega schön. Jolie hat sich für ein Kind entschieden, das sie allein großziehen will. Verena hat eine geile Hütte. Barbara ist im Urlaub, bekommt ihren toten Mann endlich aus ihrem Kopf heraus. Er spricht nicht mehr mit ihr, was ja bestimmt auch ein bisschen anstrengend war. Lisa hat einen neuen Lover und einen geilen Job. Und sie lernt ihre neue Mitarbeiterin kennen, die auch irgendwie cool ist. Laura ist aufgeräumt, hat genau bekommen, was sie wollte. Ich würde unterm Strich sagen, Happy End für alle.

Letzte Frage: Mit wem von ihnen würdest du gerne tauschen?

Ich glaub, ich könnte mir vorstellen, mal in jede hineinzuschlüpfen. Selbst in Tina, die auch einfach eine absurde Stärke hat. Aber ganz tauschen, weiß ich nicht. Ich bin eigentlich ganz zufrieden mit meinem eigenen Leben. Guck mal, ich bin in einer totalen Luxusposition, sitze zu Hause und bekomme Interviewfragen gestellt. Ich liebe es.

Das ist ja auch was. Vielen Dank für das Interview.


„Spitzenreiterinnen“ von Jovana Reisinger erschien im Verbrecher Verlag, dem wir an dieser Stelle herzlich zum 25. Geburtstag gratulieren. Der Roman hat 264 Seiten.

„Den Raum des Bösen lote ich gerne aus“

Ute Cohen ist Schriftstellerin und Journalistin und lebt in Berlin. In ihrem neuen Roman „Poor Dogs“ nimmt sie die Welt der Unternehmensberatung und wie Menschen beginnen, alle Beziehungen nach einem ökonomischen Nutzenkalkül zu beurteilen, in den Blick. Philip hat mit ihr über das Buch, über Liebe, Grausamkeit und Kapitalismus geredet.


Ute, dein Roman Poor Dogs spielt in der Welt der transnationalen Unternehmensberatung. Er handelt davon, wie die beiden Protagonisten André und Eva in ihrer Liebesbeziehung immer mehr den Boden unter den Füßen verlieren und die Grenzen zwischen Wirtschaftlichem und Intimen verschwimmen. Was ist in diesem Kontext ein „Poor Dog“?

Das ist ein Begriff, der aus der Portfolio-Theorie von Boston Consulting stammt. Das ist eine Matrix, in der es um Marktwachstum und die Entwicklungsmöglichkeiten von Unternehmen geht, also wie man diese einzuordnen hat. Und die „Poor Dogs“ sind die, die in diesem Portfolio am Schlechtesten dastehen, den geringsten Marktanteil und die geringste Aussicht auf Marktwachstum haben. Wenn aber auch Menschen so beurteilt werden, ist das äußerst bedenklich, etwa, wenn du diese Matrix deinen ganzen Freundes- und Bekanntenkreis überstülpst. Und ich hielt es für eine gute Idee, danach einen Roman zu konzipieren, weil ich tatsächlich in meiner beruflichen Laufbahn Menschen erlebt habe, die so in ihrem ganzen Leben vorgehen und alles nur nach dem Nützlichkeitsaspekt machen und eigentlich in dieser Matrix gefangen sind, dass sie nur noch ihr entsprechend handeln.

Ein solcher Mensch wird also ein reiner Homo Oeconomicus, der alle sozialen Beziehungen nur als Humanressource sieht?

Ja, genauso ist das.

Wer im Roman auf jeden Fall so vorgeht, ist André. Denn in deinem Roman mischen sich immer wieder die Motive wie Liebe, Erotik, Sexismus mit kalter wirtschaftlicher Kalkulation – aber alle werden nach denselben Kriterien von den Protagonisten behandelt: ökonomisch. Besonders André fällt mir da auf. Er sieht Frauen als austauschbare Sexobjekte, die er sich zum Spaß, Dekor, zur Lust oder Rentabilität hält. Das ist ein verlängerter, libidinöser Arm seines skrupellosen ökonomischen Handelns. Aber wirken dabei er und Eva, die zwischen ihren Hormonen, ihrer Selbstständigkeit und ihrer Arbeit bei McCrowley hin- und hergerissen ist, nicht oft allzu stereotyp?

Es entsteht einfach eine Konformität mit den Anforderungen einer Unternehmensberatung. Man ist einem System mit bestimmten Firmenwerten und Kommunikationsarten. Wenn sich alle daranhalten, gibt es nur noch ganz wenige Variablen. Denn anfangs wird man danach beurteilt, wie man sich in dieses System einfügt. Das Beharren auf Individualität und Besonderheit wird höchstens später wertvoll. Und das färbt auf die Persönlichkeit ab. Daher ist dieses Stereotype natürlich gewollt, denn diese Menschen – und meine Protagonisten – werden zum Abziehbild; sie sind lebendige Klischees.

Sie verlieren ihre Individualität und werden oberflächlich in jeder Hinsicht?

Ja, und die Konsequenz ist, dass man nach der Matrix seine Mitmenschen beurteilt. Man betrachtet sie nur noch als Spielfiguren. Für die Beziehung zwischen den beiden oder die Beziehungen, die André überhaupt zu Frauen hat, gehe ich also einen Schritt weiter als die Sozialtheoretikerin Eva Illouz, die sagt, die Romantik werde vereinnahmt vom Kapitalismus. Aber in Poor Dogs ist von Romantik gar nicht mehr die Rede. Denn die kapitalistische Matrix funktioniert nur nach dem Prinzip der Unterwerfung und Macht. Die Romantik ist dann nur noch ein Instrument, das man einsetzt, um etwas zu erreichen.

Wenn wir also Illouz’ Theorie weiterdenken, wäre Romantik nur noch eine instrumentelle Ideologie, um wirtschaftliche Ziele zu verwirklichen?

Ja, und zwar auf einer unternehmerischen und privaten Ebene.

Wenn solche Protagonisten zu kapitalistischen Klischees werden, siehst du dann noch einen Ausweg aus solchen Mechanismen, die indoktriniert werden, sodass sogar am Anfang des Buches Eva, als die in flagranti mit André von dessen Ehefrau erwischt wird, das Problem wie ein Businessgespräch managt?

Wenn man sich so diverse Unternehmensgeschichten ansieht und wie sich da immer wieder Geschichte wiederholt, habe ich da Schwierigkeiten mir einen Ausweg vorzustellen. Denn es wird einfach immer wieder die Verlockung des Geldes geben. Man kann versuchen, sie zu überzeugen, dass sie eines Tages auf der Verliererseite stehen, wenn sie weiter nach solchen Prinzipien handeln oder nicht das Zeug haben, um später an der Spitze anzukommen. Aber, was wir hier moralisch bewerten, sehe ich nicht als wandlungsfähig an, weil die Gier im Menschen (nicht nur in der Unternehmensberatung) extrem stark ist. Das kann keiner leugnen! Die meisten Menschen sind nur nicht dieser Versuchung ausgesetzt.

Individuell abzuwägen, ob es etwas wert ist. Oder Menschen zu überzeugen, von einem solchen System abzulassen, wäre aber auch nur instrumentell. Man braucht dann einen anderen Mehrwert, um etwa Karriere zu machen oder Macht zu bekommen. Alles andere wäre nur romantische Nostalgie, die Gier an sich verurteilt.

Ja, und das sehe ich als unrealistisch an. Wandel entsteht in solchen Bereichen nur, wenn man an einem Tiefpunkt angelangt ist. Dann findet man vielleicht einen anderen Zugang zu Menschen. Aber das aus einem eigenen Impuls zu machen, ist kaum vorstellbar.

Wie Eva hast auch du ein geisteswissenschaftliches Studium absolviert und danach in amerikanischen Unternehmensberatungen gearbeitet. Wie viel Autobiographisches steckt in Poor Dogs?

Ich sage nur: Die Realität übertrifft meistens noch die Vorstellungswelt. Das Buch ist schon an Leben gesättigt. Ich habe diese wirtschaftlichen Bereiche selbst durchwandert. Ich würde mich sowieso als Wanderin betrachten, und ich sauge aus verschiedenen Welten immer alles auf. Mein Vergnügen besteht darin, etwas genau zu beobachten, zu pointieren und dabei die Komik der Tragik zu sehen, das scheinbar Unvereinbare zusammenzubringen, und mir damit auch eine Erleichterung zu verschaffen. Ich schreibe aber vorweg keine Plots. Wenn ich Romane lese wie so manchen Krimi, die Reißbrettgeschichten sind, dann langweilt mich das. Ich verarbeite einfach Dinge, die mich ergreifen, die lebensentscheidend waren, so wie ich in meinem Roman Satans Spielfeld meine sexuellen Gewalterfahrungen und die Vergewaltigung als Kind transformiert und fiktionalisiert habe, so war auch die Zeit in der Unternehmensberatung für mich in all meinen Vorstellungswelten sehr erschütternd.

Ich habe erst an der Uni gearbeitet, und dann komme ich in eine Welt, in der nur noch ums Billing geht, wie im Rausch. Der Businessjargon hatte schon eine Faszination. Ich habe in der Kommunikationsabteilung gearbeitet – und immer mit dem Willen, tatsächlich was zu ändern. Und das Unternehmen hat dir auch das verkauft, indem man bei einem entsprechenden Gewinn etwa einen Literaturfond aufmachen kann. Und das habe ich geglaubt. Aber wenn es nicht so laufen konnte, wie ich es mir erhofft habe, habe ich einen Cut gemacht, den meine Protagonisten so nicht machen. Ich ziehe dann weiter und suche mir ein neues Feld. Vielleicht ist das Gerechtigkeitsstreben oder Idealismus, das ich in jedem Gebiet suche.

Naja, für die Suche nach Gerechtigkeit scheint mir die Unternehmensberatung nicht das beste Feld zu sein.

Das ist einfach meine wahnsinnige Neugierde, die mich dazu bringt. Aber Neugier ist von Gier gar nicht so weit entfernt, und man gerät schnell in so ein Business hinein durch seine Anziehungskraft, Geschwindigkeit, Spannung und Energie. Ich wollte einfach die große weite Welt entdecken. Und geprägt hat mich da so der Punk, die raw power. Es war eine Gipfelstürmersache: umhauen, Zusammenhauen und Neumachen, nach vorne preschen! Das hat eine große Energie, die natürlich schnell mit dem Bösen zusammenhängen kann. Den Raum des Bösen lote ich gerne aus. Und dazu muss ich es kennenlernen – auch, um es zu ändern. Viele aus dem Punk sind dann zu Businesspunks, etwa im Investmentbanking geworden und haben dort die raw power ohne Regeln praktiziert. Das Verbindungsstück aus beidem ist die Energie, die ich meine. Ich meine das aber nicht bewundernswert. Es fasziniert mich. So ist es auch mit der Gewalt. Sie schreckt uns alle ab, aber sie ist auch ein Faszinosum. Wir sind gebannt von ihr, jenseits des Bösen.

Poor Dogs ist ja selbst voyeuristisch. Das Buch hat auch viele innere Monologe. Wir erfahren sehr genau, was André und Eva denken, wünschen und planen. Gleichzeitig zu Gefühlen, wie Liebe, Hass und Anziehung wird eine Handlung der kalten Kalkulation und der Überlebenskämpfe geschildert – also wieder Dinge, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen. Und so wie sich diese Elemente abwechseln, so wechselt auch der Sprachstil. Mal ist dieser anheizend und spannend, mal ist er kalt und sehr zynisch. Würdest du das als grotesk bezeichnen? Und wie schaffst du es, bei so vielen verschiedenen Themen und Stilarten die Waage zu halten?

Die Waage oder das richtige Maß klingt camoufliert bei mir (lacht). Ich bin wirklich kein maßvoller Mensch. Ob es dann grotesk ist, wenn es kein Maß mehr gibt, ist egal. Maß und Mitte reizen mich nicht! Ich will das Maß überschreiten und die verschiedenen Facetten ausloten, wie auch meine eigene Beteiligung am Geschehen, etwa wenn es meinen Idealen widerspricht. Den eigenen Anteil erkennen kann ich nur, wenn ich alles durchleuchte. Das würde ich aber nicht unbedingt als grotesk bezeichnen. Aber aus dem menschlichen Handeln selbst ergeben sich oft bizarre Situationen, und die zeige ich auch im Stil. Das Leben ist nicht monokausal und nicht eingängig. Und mein Stil versucht die Lebendigkeit daran zu zeigen. Dass etwas verstörend wirkt, ist gewollt, denn die Handlung oder die Protagonisten sind verstörend. Vielleicht ertragen das Viele nicht, wenn sie von Angst geprägt sind. Man darf sich aber von seinen Ängsten nicht steuern lassen, sondern muss auf seine Ratio vertrauen und mal ein Risiko eingehen. Wir sind doch handlungsfähig, können transformieren und gestalten. Vielleicht hat mich auch das in die Welt der Unternehmensberatung gerade hineingezogen.


Poor Dogs von Ute Cohen erschein 2020 im Wiener Septime Verlag und hat 240 Seiten.

Beitragsbild: © Sonja Shenouda

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„Ich persönlich schreibe für niemand“ – Ein Gespräch mit dem Dichter Fabian Lenthe

Fabian Lenthe ist Lyriker und lebt in Nürnberg. Innerhalb kürzester Zeit hat er mehrere Lyrikbände veröffentlicht und arbeitet derzeit auch an einem Roman. Seine Gedichte handeln oft von Einsamkeit und Isolation – passen also erstaunlich gut zu den derzeitigen Verhältnissen. Philip hat mit ihm über alte und neue Projekte, über Lyrik generell und die Motivation des Schreibens gesprochen.


Fabian, seit 2018 veröffentlichst du jährlich einen Gedichtband. Dein neuestes Buch Apnoe ist 2020 erschienen, und auch für dieses Jahr wurde schon ein weiterer Titel von dir angekündigt. Andere Lyriker hingegen arbeiten jahrelang an einem Band und verfeinern diesen. Ist deine Arbeit schon eine lyrische Massenproduktion? Und wie arbeitest du, wenn du Gedichte schreibst?

Ich schreibe täglich. Eine gewisse Masse zu produzieren, lässt sich dabei kaum vermeiden. Andere Lyriker schreiben, wie sie schreiben, das geht mich nichts an. Ein Urteil lässt sich sowieso nur über das Ergebnis fällen.

Gedichte zu schreiben ist eine seltsame Angelegenheit. Ich setze mich nicht hin und sage: „Jetzt schreibe ich ein Gedicht!“ Es ist vielmehr so, dass ich womöglich etwas aufmerksamer wahrnehme, was um mich herum und in mir geschieht. Oft ist es nur ein Wort oder ein Gefühl, um welches sich thematisch alles aufbaut, aber das ist immer intuitiv. Einen bestimmten Weg gibt es nicht.

Die Lyrik kommt also von selbst zu dir? Im Grunde täglich?

Ja, das Schreiben ist immer da. Wenn man so will, ein ständiger Begleiter im Hintergrund.

Von Buch zu Buch werden deine Gedichte kürzer und dichter. Begonnen hast du mit längerer Poesie, die zwischen Trauer, Dunkelheit und kleinen alltäglichen Lichtschimmern im prekären Leben oszillieren. Das Ganze wurde schon einseitiger, knapper, melancholischer, aber auch verstörender (in einem poetischen Sinn) in deinem Band Da Draußen. In Apnoe nun sind die Gedichte noch verdichteter und behandeln weniger absurde Schilderungen als vielmehr abstrakte, metaphorisch verarbeitete Gefühle von Trauer, Isolation, Leere und auch Stillstand. Wie kommt es zu dieser Entwicklung? Was würdest du als deine Stimme in der deutschen Lyrikwelt bezeichnen?

Fabian Lenthes Gedichtsammlung Apnoe

Es lässt sich ganz gut mit dem Meißeln einer Skulptur vergleichen: Erst wenn alles Überflüssige entfernt worden ist, ist man fertig. Wie alle Künstler durchlaufe ich eine Entwicklung. Wenn ich es mit vier Zeilen schaffe, das auszudrücken, was ich möchte, wozu dann mehr schreiben? Man muss auf den Punkt kommen! Alles andere ist Zeitverschwendung!

Ich weiß nicht, ob man von einer Stimme sprechen kann, oder sollte. Alles, was ich zu sagen habe, kann man lesen, der Rest ist uninteressant. Wen interessiert es schon, was man zum Frühstück hatte oder wie oft man aus dem Fenster springen wollte.

Je kürzer dein Gedicht, desto besser ist es also für dich?

Nein, es geht darum, alles Unnötige wegzulassen. Dasselbe gilt auch für die Prosa. Wie dick oder dünn ein Buch ist, wie viele Zeilen ein Gedicht hat, sagt nichts über die Qualität aus. Wenn du vier Zeilen brauchst, brauchst du vier, wenn du hundert brauchst, brauchst du hundert.

Viele deiner Gedichte, laufen immer wieder auf ähnliche, traurige oder düstere Alltagsbetrachtungen hinaus. Gibt es ein bestimmtes Grundthema, von dem dein Werk handelt?

Das Leben, mit all seinen Vor- und Nachteilen. Nicht mehr, nicht weniger.

Das ist so allgemein, dass die Aussage inhaltsleer wird. Was für ein Leben oder Lebensformen meinst du?

Ich behaupte mal, dass die meisten Menschen auf dieser Erde mehr Zeit damit verbringen zu überleben, anstatt zu leben. Dem Gefühl des täglichen Verzweifelns versuche ich Ausdruck zu verleihen. Am besten so, dass sich jeder darin ein Stück weit wiederfinden kann.

Du veröffentlichst bisher alle deine Bücher bei Rodneys Underground Press, einem kleinen Punk-Verlag für sogenannte Underground-Lyrik. Sind aber deine Gedichte, je herkömmlicher und feinfühliger sie in ihrer Metaphorik und Bildsprache werden, nicht eigentlich schon im Mainstream angekommen? Und wenn ja, was bedeutet das für dein Schaffen?

Ob man in der Lyrikszene von Mainstream sprechen kann, wage ich zu bezweifeln, dazu wird zu wenig gekauft.

Wenn den Leuten gefällt, was ich schreibe, freue ich mich. Wenn sie daraufhin meine Bücher kaufen, freue ich mich noch mehr. Das ist alles.

Ja, Lyrik ist sicherlich kein literarischer Mainstream mehr. Ich meinte auch den „Mainstream“ innerhalb der Lyrik. Aber wo wir beim Thema sind: Warum glaubst du, wird Lyrik so wenig gekauft, aber in den Feuilletons relativ breit rezipiert? Schreiben Lyriker nur noch für ihre Kollegen und die Kritik? Wie ist das bei dir? Für wen schreibst du?

Hier und da fällt es natürlich auf, dass immer wieder dieselben Namen neben Goethe und Rilke in den Buchläden zu finden sind und vom Feuilleton besprochen werden. Auch ist es schade, dass dadurch dem Leser das wahre Spektrum der Gegenwartslyrik völlig verborgen bleibt. Wer nicht wirklich Teil der „Szene” ist oder sie zumindest regelmäßig verfolgt, dem werden einige großartige Dichter und Dichterinnen entgehen. Ich persönlich schreibe für niemanden. Schreiben ist mit das Schrecklichste, was man sich antun kann. Ich rate jedem davon ab. Wenn du es trotzdem nicht lassen kannst: „Willkommen im Club!“

Würdest du sagen, dass deine Texte noch Hoffnung vermitteln?

Das dürfen die Leser selbst entscheiden.

Wie heißt dein neues Projekt, und worum soll es im neuen Lyrikband gehen?

Fabian Lenthes bald erscheinendes acedia

Der neue Band trägt den Namen acedia, die im christlichen Glauben als eine der sieben Todsünden angesehen wird. Übersetzt bedeutet acedia „Sorglosigkeit“, „Nachlässigkeit“ oder „Nichtsmachenwollen“. Eine Haltung, die sich gegen Sorge, Mühe oder Anstrengung wendet und darauf mit Abneigung, Überdruss oder Ekel reagiert. Man könnte durchaus sagen, ich habe einen ganzen Gedichtband dem Nichtstun gewidmet.

Kann das Nichtstun oder Nichtsmachenwollen nicht auch eine Tugend sein, so wie es Vertreter des Rechts auf Faulheit (im Sinne der Muße) oft vertreten?

Ja, durchaus. Paradoxerweise entstehen alle meine Gedichte während ich, zumindest, wenn man mich beobachten würde, nichts tue. Wie schon erwähnt, das Schreiben hört nie auf, es ist immer da.

Das finde ich nicht sehr paradox. Vielen Dank für das Gespräch.


Apnoe von Fabian Lenthe erschien 2020 mit vier Zeichnungen von Michael Blümel bei Rodneys Underground Press und hat 79 Seiten.

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„Ich möchte Brücken bauen“ – Florence Brokowski-Shekete im Interview

Florence Brokowski-Shekete ist in Hamburg als Kind nigerianischer Eltern geboren, wuchs zunächst in Buxtehude bei einer deutschen Familie in Pflege auf. Mit acht Jahren nahmen ihre Eltern sie mit nach Nigeria, in ein Land, das ihr fremd war. Doch sie kam wieder zurück nach Deutschland, wo sie eine beachtliche Laufbahn durchlief. Sie legte das 1. und 2. Staatsexamen für Lehramt ab, arbeitete als Lehrerin und freie Beraterin und Coach. 2007 wurde sie Rektorin, 2013 Schulaufsichtsbeamtin, 2014 Schulrätin und 2020 Schulamtsdirektorin.

Wir haben mit ihr über ihre Biografie, ihr Buch „Mist, die versteht mich ja“ (Orlanda Verlag, Berlin, 2020) und ihre Erfahrungen als schwarze Frau in Deutschland, über Diskriminierung und sensible Sprache gesprochen.


Sehr geehrte Frau Brokoswki-Shekete, Sie sind in Deutschland als Kind nigerianischer Eltern geboren, wuchsen dann in Lagos (Nigeria) in einem für Sie fremden Land auf und kamen zuletzt wieder zurück nach Deutschland. Wie hat diese Erfahrung Sie geprägt?

Ich war ja in Buxtehude zunächst das schwarze Kind in der weißen Mehrheitsgesellschaft, dort fühlte ich mich aber trotzdem wohl. Ich war neun, bevor wir nach Nigeria umgezogen sind. In Nigeria sah ich dann zwar genauso aus wie alle, wie die Mehrheitsgesellschaft, aber ich verstand die Sprache nicht und kannte die Kultur nicht. Das hat mir gezeigt, dass es nicht unbedingt mit dem Äußeren zu tun hat, ob man sich an seinem Ort wohlfühlt.

Ihr 2020 erschienenes Buch trägt den Titel „Mist, die versteht mich ja“ (Orlanda Verlag, Berlin) und spielt damit darauf an, dass Leute angenommen haben, Sie würden kein Deutsch sprechen, weil Sie schwarz sind. Welche Diskriminierungserfahrungen mussten Sie als schwarze Frau in Deutschland machen? Können Sie ein oder zwei Beispiele für typische Situationen?

Es gibt so viele und unterschiedliche Situationen. Zum Beispiel sprechen mich Leute aufgrund meiner Haare an oder weil sie meinen, dass eine bestimmte Farbe mir gut steht. Einmal war ich dienstlich unterwegs, als ich noch Schulrätin war. Ich wurde einer älteren Person in der Funktion vorgestellt. Er guckte mich völlig entgeistert an und sagte dann irgendwann: „Ne, ehrlich, dann bringen Sie wenigstens Farbe ins System!“ Das ist Rassismus, aber wenn man es den Leuten sagt, verstehen sie es gar nicht.

In einem bestimmten Geschäft wurde ich von der Verkäuferin derart blöd angepampt, dass ich zuerst nicht mehr in das Geschäft gehen wollte. Aber ich bin doch wieder hingegangen, habe dem Geschäftsführer die Situation erläutert und ihm gesagt, dass das einfach nicht geht. Zwei Wochen später bin ich ganz bewusst wieder in dieses Geschäft und die Verkäuferin hat mich ganz freundlich bedient. Ich vermute, er hat mit ihr gesprochen. Das sind Situationen, die einen nicht nur sprachlos, sondern auch erschüttert zurücklassen.

Was möchten Sie mit Ihrem Buch erreichen?

Ich werde ständig nach meiner Biografie gefragt. Irgendwann kam dann – mehr im Scherz – die Idee auf, ein Buch zu schreiben. Daraus wurde das tatsächliche Ziel, ein Buch zu machen. Ich möchte den Leuten die Möglichkeit bieten zu sehen, wie das Leben einer Person ist, die schwarz aussieht, nicht „deutsch“ aussieht, aber durchaus deutsch ist. Ich möchte den Menschen, die das Buch lesen, einen Blick hinter die Kulissen gewähren.

Sie haben beruflich eine beeindruckende Karriere gemacht. Zunächst haben Sie als Lehrerin gearbeitet, zwischendurch waren sie als freie Beraterin und Coach selbstständig, dann wurden Sie 2007 Rektorin, daraufhin waren Sie ab 2013 als Schulrätin tätig und nun sind Sie seit 2020 Schulamtsdirektorin. Was hat Sie dazu gebracht, im Bereich Bildung zu arbeiten? Haben Sie den Eindruck, dass Sie es schwerer als andere hatten?

Leichter hatte ich es auf keinen Fall. Ich wollte ursprünglich was anderes machen beruflich. Nach dem Abitur habe ich ein Praktikum in einem Jugendzentrum gemacht. Als ich in dem Jugendzentrum gearbeitet habe, habe ich gemerkt, das waren Jugendliche, die Bedarfe mitgebracht habe. Von den Schülern – es waren viele Hauptschüler – habe ich oft gehört, dass die Schule für sie nicht besonders prickelnd war. Daraufhin habe ich beschlossen, Grund- und Hauptschullehramt mit dem Schwerpunkt Hauptschule zu studieren, da ich der Meinung war und auch noch bin, dass gerade die Schüler*innen, die sich etwas schwer beim Lernen tun, besonders motivierte Lehrkräfte benötigen

Und ich hatte schon das Gefühl, dass es wesentlich schwerer war. Ich hatte den Eindruck, dass ich fünfmal besser sein musste, als wenn ich weiß gewesen sein wäre. Im Referendariat hatte ich sehr unangenehme Begegnungen. Hätte mir nicht der Beruf an sich Freude gemacht, hätten diese Begegnungen dazu geführt, dass ich aufgegeben hätte. Das Referendariat besteht aus zwei Teilen: Der praktische Teil des Referendariats war zwar wunderbar; doch der theoretische Teil im Seminar mit den Lehrbeauftragten und der Leitung war nicht besonders wertschätzend, ganz im Gegenteil, äußerst respektlos, im Nachhinein würde ich sogar sagen, besonders von Seiten einer Person sehr rassistisch.

Erleben Sie trotz Ihrer beruflich abgesicherten Position noch immer Rassismus im Alltag?

Ich erlebe auch in meinem Beruf Rassismus. Der wird manchmal intellektuell kaschiert und verpackt und hat letztlich auch etwas mit Machtherrschaft zu tun. Für die meisten, denen ich begegne, bedeutet Rassismus, jemanden zum Beispiel heftig zu beschimpfen. Aber Rassismus kann auch eine Bemerkung oder eine Verhaltensweise sein, die aufgrund des vermeintlichen kulturellen Andersseins oder der Hautfarbe entstanden ist. Wenn man den Leuten sagen würde, dass sie rassistisch sind, dann wären sie überrascht, um nicht zu sagen komplett entsetzt und echauffiert. Und wenn man die Leute tatsächlich darauf anspricht, gehen sie in eine absolute Verteidigungshaltung. Dann kann es dazu kommen, dass sie beleidigt sind, und man selbst sich dafür entschuldigen muss, dass man bemerkt hat, dass sie sich rassistisch verhalten haben und man dieses Verhalten für sich nicht möchte. Das sind zum Teil sehr skurrile Situationen.

Durch „Black Lives Matter“ bekam das Thema Rassismus und Antirassismus sehr viel Aufmerksamkeit. Was könnte man Ihrer Meinung nach konkret gegen Rassismus in der Gesellschaft unternehmen?

Im Grunde kann man genau das tun, was wir nun machen: sprechen, sprechen, sprechen. Es braucht Offenheit von beiden sein. Offenheit von der deutschen Mehrheitsgesellschaft, lernen zu wollen. Man muss rassismuskritisch die eigenen Gedanken, den gesellschaftlichen Alltag und die Schulbildung reflektieren. Man muss auch sehen, wo es institutionellen Rassismus innerhalb der Gesellschaft gibt. Eine wichtige Frage ist: Was können Menschen, die an gesellschaftlichen Stellschrauben sitzen, tun, dass der institutionelle Rassismus aufgebrochen wird?

Sie sind seit 1997 auch als interkulturelle Beraterin, als Coach und Trainerin aktiv. Mit Ihrer Agentur FBS intercultural communication bringen Sie Führungskräften und Unternehmen einen sensiblen sprachlichen Umgang, Kommunikation und interkulturelle Kompetenzen bei. Welche Kompetenzen sind nötig, damit interkulturelle Begegnungen gelingen?

Zunächst mal ist die Offenheit wichtig, lernen zu wollen, was überhaupt Rassismus bedeutet. Man muss aufhören, zu relativieren und gleich in eine Verteidigungshaltung zu gehen. Ich hatte neulich ein Gespräch mit jemandem, in dem ich geschildert habe, dass ein junger Mensch sich doppelt anstrengen muss, um auf eine berufliche Position zu kommen, weil er schwarz ist. Und die weiße Person hat das gleich vom Tisch geschoben und mir erklärt, dass das so nicht ist. Und das kann ja so nicht sein! Dann muss ich dem Gegenüber erstmal erklären, dass mein Erleben als schwarze Person überhaupt existiert und real ist.

Für mich ist das A und O, dass eine Offenheit und eine Bereitschaft vorhanden ist, den anderen verstehen und in seinem Sein wahrnehmen zu wollen und einen Perspektivwechsel einnehmen zu wollen. Wenn man mein Buch liest, kann es zunächst unangenehm sein, da es einen Spiegel vorhält, obwohl ich versuche, diesen Spiegel sehr sanft und liebevoll vorzuhalten. In jeder gesellschaftlichen Ecke müssen wir sehen, was wir dagegen tun können, um den institutionellen Rassismus auszumerzen.

In den letzten Jahren wurde sensible und diskriminierungsfreie Sprache wichtiger. Verlage streichen diskriminierende Begriffe aus älteren Büchern. Zuletzt wurde die „Mohrenstraße“ in Berlin umbenannt. Immer wenn solche Anpassungen vorgenommen werden, gibt es auch heftigen Widerstand. Was würden Sie Menschen antworten, die aus Tradition weiterhin diskriminierende Begriffe verwenden wollen?

Auch mir begegnen Leute, die sagen, dass das N-Wort früher nicht böse gemeint war. Dann versuche ich den Leuten zu erklären, dass es in allen Sprachen Begriffe gibt, die vor 50, 60 Jahren andere Konnotationen hatten, zum Beispiel im Gender-Bereich, im kulturellen Bereich, im Bereich sexuelle Orientierung. Aber das N-Wort ist einfach negativ konnotiert. Wenn jemand sagt, dieser Begriff sei noch normal, dann sage ich Nein, der ist negativ konnotiert und man darf ihn nicht mehr verwenden. Ich finde es auch nicht schön, wenn man von Mohrenköpfen spricht. Tradition hin oder her, es gibt auch Traditionen, die man ab und zu hinterfragen und verändern muss.

Warum ist sensible Sprache wichtig?

Sensible Sprache ist gesellschaftlich wichtig, um Menschen nicht zu diskriminieren. Ich werde ja eingeladen, um für Sprache im Allgemeinen zu sensibilisieren. Meine Gruppen sind zum Teil sehr divers zusammengesetzt. Dann geht es darum, die Kommunikation so sensibel zu gestalten, dass sich niemand diskriminiert fühlt, zum Beispiel weil jemand eine andere sexuelle Orientierung hat oder eine Behinderung hat. Die Sprache, die wir nutzen, sollte jedes einzelne Mitglied der Gesellschaft sensibel ansprechen, egal welchen Bedarf, welches Alter, welche Persönlichkeit jemand mitbringt.

Gerade jetzt in der Corona-Zeit geht es auch um die Älteren. Da wurde ja gesagt, dass die Älteren zuhause bleiben müssen. Wenn dann jemand zu einem älteren, der vielleicht noch korpulent ist, sagt: „Du bist ja sowieso Risikoperson, weil du nicht nur alt, sondern auch noch übergewichtig bist.“, dann ist das Diskriminierung.

Wenn jemand merkt, dass er sich nicht mehr im Körper eines Mädchens wohlfühlt, sondern ein Junge sein möchte, und daraufhin bei der Krankenkasse und anderen Institutionen immer noch als Frau angesprochen wird, obwohl die innere und äußere Entwicklung schon sehr weit vorangeschritten ist und die Person um eine bestimmte Ansprache bittet, diese jedoch ignoriert wird, dann ist das Diskriminierung.

Es geht also um unsere Haltungen, die wir infrage stellen müssen und die hinter Diskriminierungen stecken können. Wenn wir diese eigenen Haltungen bewusst betrachten, kann es zunächst für einen selber unangenehm, sogar schmerzhaft sein. Im besten Fall ist es ein innerer Erkenntnisprozess, wenn wir diesen zulassen, kann es zu einer hoffentlich positiven Weiterentwicklung kommen.

Was sind die typischen Fehler bei interkulturellen Zusammentreffen?

Ich möchte ein Beispiel nennen: Ich war als Lehrerin auf einer Fortbildung für Religionslehrkräfte, die mit Interkulturalität überhaupt nichts zu tun hatte. In der Pause kam ein Schuldekan zu mir und fragte: „Wo kommen Sie denn her?“ Ich nannte ihm meine Schule, denn das war das Naheliegendste. Daraufhin fragte er: „Was machen Sie denn dort?“ Ich sagte ihm, dass ich dort als Lehrerin arbeite. Er fragte: „So richtig Lehrerin?“ Ich fragte ihn, wie man denn nicht richtig Lehrerin sein könne. Er antwortete: „Ich dachte, Sie wären eine Praktikantin aus Timbuktu und gucken, wie es hier so ist.“

Was hat der Mann falsch gemacht? Er hat mich kontextlos gefragt, wo ich herkomme, und hat die Distanz überhaupt nicht gewahrt. In der Kommunikation gibt es Distanzringe. Man fühlt sich in der Regel dann wohl, wenn man eine Armlänge Distanz zum anderen hält. Das kann man auch auf die verbale Kommunikation übertragen. Man kann nicht beim ersten Treffen fragen: „Aus welchem Land kommen Sie?“ Das ist kontextlos und distanzlos. Wenn man in einem kulturellen Kontext ist und die Überschrift des Zusammentreffens „meine Wurzeln“ lautet, dann ist es kein Problem nach der Herkunft zu fragen. Es kommt also auf den Kontext an.

In der öffentlichen Diskussion ist in letzter Zeit immer wieder von Cancel Culture die Rede, d. h. der Boykott von Personen oder Organisationen, denen Diskriminierung vorgeworfen wird, zum Beispiel in Zusammenhang mit Lisa Eckhardt oder Dieter Nuhr. Wie stehen sie zu solchen Absagen?

Ich möchte mich nicht an einem öffentlichen Shitstorm beteiligen. Wenn mich eine Kontroverse sehr berührt oder ärgert, dann biete ich der betroffenen Person das persönliche Gespräch an. Ich habe auf meinem Instagram-Account einen Spruch: „Wenn ich über ein Thema etwas wissen möchte und ich spreche nicht mit denen, die es betrifft, dann führe ich Selbstgespräche.“ Ich finde es klasse, wenn man wertschätzend, respektvoll und achtend aufeinander zugeht und miteinander Brücken baut. Ich möchte aber zuletzt noch festhalten: Die meisten Menschenbegegnungen sind angenehm, freundlich, geneigt und offen.


„Mist, die versteht mich ja“ von Florence Brokowski-Shekte erschien am 1. September 2020 im Orlanda Verlag und hat 250 lesenswerte Seiten.

Beitragsbild: © Matthias Purkart

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Filmemacherin und Enfant Terrible Malga Kubiak im Interview

Malga Kubiak ist ein Gesamtkunstwerk. Filmregisseurin, 70 Jahre alt, Schauspielerin. Aus Polen stammend, schwedische und polnische Staatsbürgerschaft, Weltenbürgerin. Enfant terrible, Aktivistin, Kämpferin für LGBT und Sexualität. In keiner Art und Weise irgendwie einzuordnen. Für viele Menschen nicht zu verstehen und von Künstler*innen und der Bohéme vergöttert. Ihre Filme werden nicht im großen Sinne vertrieben, sondern einem handverlesenem Publikum auf Festivals gezeigt und manchmal macht der polnische Staat gegen die Filme Front.

Ein Gastinterview von Thomas Goersch


Malga, du bist in erster Linie Filmregisseurin?

Ich war noch nie im traditionellen Film Sinne an einem Set. Natürlich habe ich Filme gesehen, verschiedene Filme, natürlich liebe ich Regisseure, wenn sie mich intellektuell entwickeln. Die traditionellen Filme langweilen mich, ich schaue diese einfach nicht an. Für meine eigenen Filme habe ich kein Budget, daher muss ich für alles etwas Besonderes machen, ich muss den Film auch produzieren. Meine Arbeit entwickelt sich immer noch: Meine Kameras werden immer besser, ich hatte früher Skripte, meine Skripte waren für die literarischen Dialoge und selten auch für Aktionen. Ich plante natürlich Maßnahmen wie: Sex, Essen, Tod, Selbstmord, Gewalt, Tanz. Aber es waren auch keine klassischen Drehbücher. Ich kaufe so viele Kostüme für die Filme, ich sammle Kostüme und Requisiten, deshalb ist mein Haus voll.

Und manchmal reise ich mit all den Kostümen durch die Welt wie zum Beispiel nach Marokko für den Film „PPPasolini“. Wir haben dort einen fantastischen Film gedreht, es ist sehr traurig, dass ich gute Filme drehe, aber nicht so talentiert bin beim Vertrieb der Filme. Wir hatten eine große Premiere, aber Vimeo erlaubte den Film nur mit gesperrtem Passwort aufgrund von Szenen, die Vimeo nicht zulässt. Einmal hatte ich „fast“ eine Option für NETFLIX,  die sich für „PPPasolini“ interessierten. Die wollten aber eine normiertes Drehbuch haben, das ich nicht liefern konnte, und da ging mir einfach die Luft aus.

Deine Filme sind provokant: Sexuell und politisch auch angreifend. Wie kommst Du damit in Polen zu recht?

Ich bin ein totaler Außenseiter, ich weiß nichts über das polnische Filmgeschäft, ich schaue sehr selten polnische Kinematografie, ich mag diese nicht so sehr. Aus verschiedenen Gründen. Meine Filme sind schwedische Filme (ich habe die doppelte Staatsangehörigkeit). Meine Produktion ohne Budget liegt in Schweden. Ich hoffe, schwedische Filme würden mich besser schützen, wenn Polen als Staat versuchen würde, mich zu verfolgen. Natürlich habe ich traurige Erfahrungen. Als ich einmal „Federico Garcia Lorca Noir Despair“ auf einem großen Filmfestival in Polen gezeigt habe, haben sie mich wegen ‚schwuler Pornografie‘ angeklagt.

Meine Familiengeschichte gibt mir hier etwas Schutz: Mein Vater Tadeusz Kubiak (1924-1979) war ein bekannter polnischer Dichter, er hatte großen Einfluss auf mich. Meine Mutter war die Theaterbühnen- und Kostümdesignerin Danuta Kubiak (1926-2012), auch nicht ohne Einfluss. Ich habe meine Kindheit und frühe Jugend während der Produktionen an Oper und Theater verbracht und diese von Grund auf bis zur Premiere gesehen. Ich habe meine Schule gehabt.

Der Damiecki-Schauspieler-Clan ist auch meine Familie, der seit den 1930er Jahren bis heute bekannt ist. Dobieslaw Damiecki (1899-1951) war mein Großvater väterlicherseits. In Polen bedeutet familiäre Herkunft sehr viel. Ich hoffe, meine doppelte Staatsangehörigkeit hilft mir auch.

Wiktor Morka, der Chef des LGBT-Filmfests Polen, musste mich nach 2015 von den Vorführungen außerhalb der Hauptstadt entfernen – nachdem ich „PPPasolini“ in anderen Städten gescreent hatte. Ich kann nicht einmal erklären, warum genau er Probleme mit meinen Filmen bekam, die die Sexualität meiner Protagonisten erforschen. Ja, die Sexszenen in meinen Filmen sind ziemlich wild, ich mag sie so. Ich habe eine schlechte Meinung vom Pornografen (ich bin nicht derjenige), aber keine rechtlichen Probleme. Aber natürlich halten sie mich vom Fernsehen oder von einem großen Publikum fern.

Auch im westlichen Ausland werde ich nicht immer akzeptiert. Ich kann dir nicht sagen, warum die Berlinale mich nicht akzeptiert hat. Sie haben mich nie akzeptiert, nur einmal führte mich Berlinale im Forum des Festivals vor, meine „Ego Trip Collection“, die über Negative Land und andere Videotheken in Berlin verliehen und verkauft wurde. Ich weiß nicht, wie mich die Berlinale gefunden hat, da ich mich nicht beworben habe, fragten sie mich. Ich wollte persönlich mitmachen, kam aber nie an. Ich war so glücklich und aufgeregt, bekam Reisegeld vom schwedischen SFI-Filminstitut, als ich die Institution anrief, es ging alles sehr schnell, ich ging mit meinem Mann aus und wir waren völlig betrunken … Es war einer dieser billigen Flüge, ich hatte dann noch vor, mit dem Zug zu fahren, und ich habe es da total versaut.

Du hast auch in Deutschland gearbeitet, an den Underground-Filmen Carl Andersens. Wie war diese Zeit?

Es war ungefähr 1992. Ich kann mich nicht erinnern. Die Zusammenarbeit mit Carl Andersen war fantastisch! Er fand mich durch meine „The Ego Trip Collection“ im Negativeland (Videogeschäft in Berlin), wo er arbeitete, und er bat mich, in seinem Film mitzuwirken. Ich stimmte direkt zu und reiste nach Berlin, um ihn zu treffen, danach spielte ich in fünf seiner Filme mit. Unsere Zusammenarbeit war überragend, ich bekam einen Schlüssel zu seiner Wohnung und das kleinste Zimmer gehörte mir. Ich konnte ankommen, wann immer ich wollte. Als meine Mutter alt wurde und an den Rollstuhl gefesselt war, musste ich aufhören, nach Berlin zu reisen und meine Filmarbeiten auf Warschau und Stockholm beschränken.

Meine Mutter war sechs Jahre in diesen Zustand, bis sie starb. Ein halbes Jahr später starb Carl. Ich habe auch in Carls Theaterstück mitgespielt und es war großartig, wir haben 17 Vorstellungen im BrotFabrik-Theater gegeben. Ich habe Carl nach Warschau eingeladen, aber er hatte Agoraphobie und verließ Berlin nie, er verließ den Prenzlauer Berg auch nicht gern, nur als wir zum Haus seines Freundes zum Filmen an den See fuhren. Bevor ich Carl kennengelernt habe, habe ich über ein Jahr in der französischen Theatergruppe Respublica gespielt. Wir waren in Brüssel ansässig. In den 80er Jahren hatte ich auch eine Performance-Gruppe meines eigenen DS Art Ensembles in Göteborg, Schweden.

Du arbeitest so viel. Woher bekommst du den Antrieb?

Meine Libido ist meine gegnerische Kraft – sie ist die führende Kraft in meinem Leben. Alles, was in meinen Filmen passiert, wird durch sie beeinflusst. Zum Zeitpunkt meiner Geburt gab ich meine Karriere zum ersten Mal auf (die Hebamme schob mich aus dem Mutterleib und nannte mich eine Tänzerin, vielleicht eine Ballerina) und später bei der Geburt meiner Kinder. Ich gebar meine Tochter, als ich 18 Jahre alt war, ganz öffentlich im Universitätsklinikum, beobachtet von einer Gruppe von Mädchen. Damals wurde ich eine starke Frau.

Du bist dieses Jahr 70 Jahre alt geworden.

Oh, mein Alter. Ich habe immer noch nicht bemerkt, dass ich alt geworden bin. Ich habe nie in die Zukunft geschaut oder Pläne gemacht. Ich habe immer in der Gegenwart gelebt, mit diesem riesigen Gepäck der Vergangenheit, das Hunderte von Jahren zurückreicht. Heute habe ich in meinem Privatleben keinen Sex und die maximale Menge an Sex in meinem Arbeitsleben, das Maximum, das durch die Filmbeschränkungen und die Bereitschaft der Schauspieler und Schauspielerinnen – meiner Mitarbeiter – bestimmt wird. Natürlich hätte ich gerne mehr.

Ich fühle mich oft wie ein männliches Pronomen, besonders beim Schreiben. Zu der Zeit, als Sex meine Nummer eins war, fühlte ich mich wie ein Mann und ich fühlte mich wie eine Frau. Meine Mutter war eine Art Zwitter. Mein Vater war Dichter. „FGLND“ („Federico Garcia Lorca Noir Despair“) wurde Ende Oktober auf dem Pornofestival Berlin 2019 gezeigt. Der Film hatte seine Premiere auf der New Horizons IFF 2013 im Bereich Third Eye. Es gab viel Aufsehen, aber keine Belohnung und keine Bewertung, außer der von der Directors Guild of Poland, nach der ich „eine ekelhafte schwule Homosexualität“ manifestierte, genau wie Alain Guiraudie, der den FIPRESCI Award für „Stranger am See” während des gleichen New Horizons Festivals.

Es war eine großartige Auszeichnung für mich, meinen Film und mein Team. Nach dem FIPRESCI-Preis verschwand die Überprüfung durch die Directors Guild of Poland. Für mich war es jedoch ein Akt der Rebellion, ob Sie es glauben oder nicht. Der sprachliche Pluralismus ist mir wichtig; nicht alles kann auf Polnisch ausgedrückt werden. So ist mein Geisteszustand. Ich bin wahrscheinlich durch das Gepäck meiner Erziehung belastet. Mein Geist und mein Gehirn bestimmen meine Sexualität mit der Rückkopplungsschleife in Form von Lust, Anziehung, Verlangen und Emotionen. Mein Gehirn war schon immer meine Priorität; mein Intellekt, meine Libido.

Der Drang zu schaffen ist absolut, es gibt fast keine Angst. Gut, ich habe Angst, zum Zahnarzt zu gehen, vielleicht wegen der körperlichen Nähe. Ein Fremder, der in mein Inneres schaut, bohrt, gräbt, zieht und bohrt sich in meinem Kopf, so nah am Gehirn. Wenn ich gegenüber Zahnärzten die gleiche Einstellung hätte wie gegenüber dem sexuellen Akt, wären meine Zähne auf mir, aber es ist, was es ist, und es ist schlecht. Im Moment ist mein Sexualleben auch ganz unten. Ich liebe meine Schauspieler und Schauspielerinnen, die mich spielen. Der Drang zu schaffen ist absolut und er ist gewachsen.

Mein neuester Film von ist „EPOKALIPSA“ (2019). Er wurde nur auf dem LGBT-Filmfestival gezeigt, im April 2019 in Warschau. Ich hatte gehofft, es beim Pomada Queer Festival 2019 wieder zu zeigen, aber dieses Jahr wird es keine Pomada geben. So traurig.


Vom 16. bis 18. Oktober kann man Malga Kubiaks Filme „Federico Garcia Lorca Noir Despair“ über das Leben des Schriftstellers Lorca und „Sweet Secrets – Tribute to Carl Andersen“ beim Online-Festival „Free Independent Film Weekend“ kostenlos anschauen. Bei diesem Festival werden 110 Filme aus 34 Ländern gezeigt und Independent-Filme einem größeren Publikum zugänglich gemacht.


Thomas Goersch verkörperte weit über 200 Rollen in Kino-, Musikvideo- und Independent-Produktionen. Wegen seiner Vielschichtigkeit und seines Interesses an verschiedenen Genres engagierte man ihn wiederholt für ausländische Filmproduktionen, welche nicht selten einen stark künstlerischen oder experimentellen Ton aufweisen. Daneben ist er dem deutschsprachigen Fernsehzuschauer seit vielen Jahren als Moderator beim Verkaufssender 1-2-3.tv bekannt.

 

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„Die einzige Heilung von Ängsten ist, sich ihnen zu stellen“ – Lars Eidinger im Interview

Der Jude Gilles (Nahuel Pérez Biscayart) kann seiner Exekution entkommen, indem er vorgibt Perser zu sein. Diese Lüge rettet ihn und bringt ihn doch weiter in Gefahr. Gilles wird beauftragt SS-Offizier Koch (Lars Eidinger) Farsi beizubringen – eine Sprache, die Gilles nicht spricht und nun Wort für Wort erfinden muss. Mit seinem Film „Persischstunden“ fordert Regisseur Vadim Perelman sein Publikum heraus. Dass dies auch schmerzhaft für ihn als Schauspieler war, erzählt uns Lars Eidinger im Gespräch.


Herr Eidinger, für Regisseur Vadim Perelman waren sowohl Sie als auch Nahuel Pérez Biscayart seine erste Wahl für die Besetzung der Protagonisten Koch und Gilles. War Ihnen das auch sofort klar?

Dass ich die erste Wahl bin? (lacht)

Dass Sie Koch spielen möchten?

Das war mir klar, nachdem ich das Drehbuch gelesen habe. Selten habe ich ein Buch gelesen, das mir so eingeleuchtet hat. Ich dachte, wenn man diesem Thema begegnen will, dann ist das die adäquate Form. Ich bin inzwischen sehr vorsichtig, was Drehbücher angeht, die in der Zeit des Nationalsozialismus spielen. Hier besteht oft die Gefahr, dass man Geschichte verharmlost, banalisiert oder vielleicht sogar verfälscht.

Was genau hat Sie an diesem Drehbuch angesprochen?

Es ist ein genialer Kunstgriff, eine Verbindung zweier Menschen über eine Sprache zu erzählen, die einer der beiden nur erfindet. Dass sie sich in dieser Sprache treffen und eine Intimität entsteht. Gleichzeitig macht er uns bewusst, was Sprache – und auch Religion und Nationalität – eigentlich ist. Etwas, das von Menschen gemacht ist. Und umso absurder ist es, jemanden dafür zu verurteilen.

Kann denn Kochs und Gilles’ Beziehung wirklich auf Augenhöhe stattfinden?

Ja, auf einer emotionalen Ebene. Aber natürlich ist die Beziehung auch ein Missverständnis. Einmal, weil die Sprache gar nicht existiert. Aber auch, weil diese Sprache für beide eine unterschiedliche Bedeutung hat. Koch erzählt zwar, dass er die Sprache lernen will, weil er ein Restaurant in Teheran eröffnen möchte. Ich habe es mir jedoch so konstruiert, dass Koch sich in eine Perserin verliebt hat. Für mich als Klaus Koch war dieses „Fake-Farsi“ somit die Sprache der Liebe und für Gilles die Sprache des Überlebens. Bei dem einen geht es um Liebe, bei dem anderen ums Leben. Insofern missverstehen sie sich und begegnen sich gar nicht.

Nahuel Pérez Biscayart und Lars Eidinger in Persischstunden, © Alamode Film

Das „Fake-Farsi“ ist zwar die Sprache der Liebe und des Überlebens. Aber doch auch der Toten …

Ja, das Besondere an dieser Sprache ist, dass sie sich aus den Namen der Insassen speist. Gilles kann die Vokabeln nicht aufschreiben, da er vorgibt, die Sprache zu kennen. Er orientiert sich also an den Namen auf den Listen. „Ich“ heißt beispielsweise „il“, wie Gilles, und „duheißt „au“ wie Klaus.

Und ausgerechnet durch diese Sprache kann sich Koch öffnen.

Meine Figur wird eingeführt als jemand, der Schwierigkeiten mit der Sprache hat und im Deutschen stottert. Kochs Aggression und Dominanz haben viel damit zu tun hat, dass er seine Ängste und Minderwertigkeitskomplexe kompensiert. Diese kommen auch durch das Stottern zum Ausdruck. Das „Fake-Farsi“ ist eine Sprache, in der er plötzlich frei ist.

Inwiefern wird Koch frei?

Koch befürchtet die ganze Zeit, dass man sich über ihn lustig macht. Somit, glaube ich, ist es kein Zufall, dass er jemandem begegnet, der das tatsächlich tut und ihn hintergeht. Diese Person erklärt er zu seinem engsten Verbündeten. Und in letzter Konsequenz weiß Koch sogar, dass er belogen wird. Aber er spielt dieses Spiel mit. Auch Gilles weiß, dass Klaus Koch weiß, dass Gilles ihn betrügt. Beide spielen mit. Das ist wie eine Vereinbarung. Ich fand es interessant, zu behaupten, dass das die eigentliche Intimität ist: das Teilen eines Geheimnisses.

Warum lässt sich Koch hintergehen, obwohl das seine größte Angst zu sein scheint?

Ich glaube, weil die einzige Heilung von Ängsten ist, sich ihnen zu stellen. Ihnen nicht aus dem Weg zu gehen, sondern sich mit ihnen zu konfrontieren.

„Konfrontieren“ ist ein gutes Stichwort. Als Zuschauer*in wird man mit dem Menschen Klaus Koch konfrontiert und kann ihm nicht den für Zuschauer*innen erlösenden Stempel „typischer Nazi, abnormal, böse“ aufdrücken, aber ihn auch nicht als glückliche Ausnahme freisprechen.

Das stimmt.

Wie haben Sie die Figur Koch mit sich und dem Regisseur Vadim Perelman verhandelt?

Wahrscheinlich ist „Konfrontation“ hier wirklich das richtige Stichwort. So versuche ich, allen Figuren zu begegnen. Ich glaube, das ist der Schlüssel. Sowohl für mich als auch für den Zuschauer, eine Erkenntnis zu gewinnen. Man konfrontiert sich mit diesen Figuren und begeht nicht den Fehler, sie von sich wegzuhalten. Denn gerade bei einer Figur wie Koch besteht die Gefahr, zu sagen: „Das hat mit mir nichts zu tun“. Ich glaube, so banal das klingen mag: Es gibt viele Leute, die sich nicht vorstellen können, im Nationalsozialismus auf der Seite der Nationalsozialisten gewesen zu sein. Dabei war es eine Mehrheitsbewegung. Das vergessen die Menschen. Im Nachhinein wird es oft verklärt: „Nazis waren eigentlich nur Hitler, Goebbels, Göring, Himmler. Der Rest waren nur Soldaten, die für sie gekämpft haben.“ Das Gegenteil ist ja der Fall. Und damit muss man sich auseinandersetzen. Es hilft also, zu versuchen, sich in jemandem wie Klaus Koch zu sehen und sich mit ihm zu identifizieren. Dieser Versuch ist natürlich schmerzhaft – auch für mich als Spieler. Es ist immer leichter, sich zu schützen und so etwas von sich wegzuhalten.

Es war sehr bedrückend zu sehen, wie – jetzt hätte ich beinahe menschlich gesagt – aber wie nahbar dieser SS-Offizier gezeigt wird. Menschlich waren und sind ja alle …

Ganz genau, das ist, finde ich, ein interessanter Punkt. Ich habe schon so oft auch im Zusammenhang mit Der Untergang gehört: Man zeige Hitler als Menschen. Das ist doch total abstrus. Natürlich wäre nichts schöner, als die Erkenntnis zu sagen: „Zum Glück, die Nationalsozialisten waren Außerirdische, die sich der Welt bemächtigt haben, und es hat mit uns nichts zu tun.“ Aber die Erkenntnis ist ja, zu sagen: „Das waren Menschen wie du und ich. Das waren wir. Da muss man sich stellen“.

Schon im Geschichtsunterricht bin ich darüber gestolpert, dass gesagt wurde, Hitler habe man am Anfang verharmlost und über ihn gelacht. Die größte Witzfigur unserer Zeit ist Donald Trump, der gefährlichste Mensch. Und ich glaube, es ist an der Zeit, aufzuhören, über diese Menschen zu lachen und anzufangen sie ernst zu nehmen. Und sich ihrer Gefährlichkeit zu stellen.

Wenn man jemanden als Witzfigur abtut, muss man sich nicht ernsthaft mit ihr auseinandersetzen …

Genau, und man erhöht sich und nimmt sich den Impuls zu rebellieren. Der Widerstand oder das Aufbegehren gegen eine Witzfigur verpufft. Ein Feindbild lädt ja viel mehr dazu ein, angegriffen zu werden, als jemand, über den ich lachen kann.

Hatten Sie trotz allem Bedenken, Ihre Figur zu nahbar darzustellen?

Ich war schon überrascht, dass Vadim Perelman der Figur Koch so viel Zuneigung entgegengebracht hat, bis hin zu einer gewissen Sympathie. Es hat, glaube ich, geholfen, dass Vadim Perelman selbst Jude und kein Deutscher, sondern Ukrainer ist, der in Kanada lebt und mit einer Distanz darauf schaut. Vielleicht erlaubt ihm das eher, sich eine Sympathie oder Identifikation einzugestehen. Aber ich denke, dass man solche Figuren gar nicht nahbar genug darstellen kann, eher erhört es den Konflikt. Denn wenn es gelingt, diese Figuren nachvollziehbar zu erzählen, dann ist es für den Zuschauer noch schwerer sie von sich wegzuhalten. Und das ist ja der Anspruch eines solchen Films. Dass der Zuschauer sich erkennt und in einen Konflikt gerät, auch mit sich selbst.

 

Quelle: YouTube

Die Weltpremiere von „Persischstunden“ fand am 22. Februar 2020 als Teil der 70. Berlinale in der Sektion Berlinale Special Gala statt. Am 24. September 2020 ist nun der Kinostart in Deutschland. Der Film von Regisseur Vadim Perelman und Drehbuchautor Ilya Zofin wurde 2019 in Deutschland und Russland produziert und ist 127 Minuten lang.

Vor der Kamera mit dabei: Nahuel Pérez Biscayart, Lars Eidinger, Jonas Nay, Leonie Benesch, Alexander Beyer, Luisa-Céline Gaffron, David Schütter, Guiseppe Schillaci, Antonin Chalon, Mehdi Rahim-Silvioli, u.v.m.

Mehr über Lars Eidinger bei postmondän findet ihr hier.

Titelbild: © Alamode Film

 

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Lyrik, The Beach Boys und die Kunst – Stephen Kalinich im Interview

Stephen Kalinich ist ein autodidaktischer Künstler mit vielseitiger Karriere. In den 1960-er Jahren erlangte er zunächst als Textdichter für The Beach Boys Berühmtheit. Seitdem hat er mit Paul McCartney, P. F. Sloan, Brian May und vielen anderen berühmten Komponisten und Interpreten zusammengearbeitet. Obwohl er oft als „Dichter“ beschrieben wird, der die Hippie-Werte der 1960er Jahre hochhält, war und ist Kalinich in vielen Bereichen aktiv: Er trägt seine Gedichte vor, nimmt eigene Songs auf, spielt in Filmen mit und hat nun mit Ende 70 begonnen, zu malen. Hier ist er im Interview mit Filmregisseur Alexander Tuschinski, der seit einigen Jahren mit ihm befreundet ist.

von Alexander Tuschinski

There’s an original version of the interview in English available, too.


Stephen, als wir uns im Februar dieses Jahres zum letzten Mal in Los Angeles trafen, hast du mir eine faszinierende Führung durch deine Wohnung gegeben, die inzwischen eigentlich eher ein Atelier für deine Malerei ist. Außerdem warst du zu der Zeit damit beschäftigt, ein Spoken-Word-Album aufzunehmen. Wie hast du die Monate seitdem verbracht?

Ich bleibe aktiv mit kreativen Dingen, sei es bei der Arbeit an neuen Gemälden oder beim Songschreiben. Außerdem habe ich ein paar Zoom-Performances gegeben und engagiere mich für Obdachlose sowie für Menschen, die vom Virus betroffen sind. Demnächst erscheint mein neues Album „The Essential Yo MaMa“ mit Jon Tiven und vielen talentierten Mitwirkenden; wir haben gerade einen Deal vereinbart. Ich halte es für wichtig, unter allen Umständen kreativ zu bleiben. Im Moment macht es mir wohl am meisten Spaß, Gedichte aufzuführen, zu malen und zu improvisieren. Ich fühle mich mehrmals am Tag inspiriert.

Mit diesem Interview möchte ich nicht nur etwas über dich und deine Karriere erfahren, sondern möglicherweise auch Menschen aus allen Lebensbereichen dazu inspirieren, einfach kreativ zu sein, wenn sie den Antrieb dazu verspüren. Das Ziel habe ich auch bei vielen meiner Dokumentarfilme. Was denkst du darüber?

Ich versuche immer, Menschen dazu zu inspirieren, sich kreativ auszuleben, also stimme ich dir vollkommen zu. Gleichzeitig möchte ich dabei nicht so tun, als ob ich anderen überlegen wäre. Etwas, was vielen Künstlern fehlt, ist Bescheidenheit. Ohne Bescheidenheit kann man kein großer Künstler, kein großer Dichter sein, und das ist etwas, was vielen Künstlern, Regisseuren, Produzenten und so weiter nicht haben. Für mich ist es wichtig, dass die Menschen das wissen.

Welche Künstler haben dich beeinflusst, als du begannst, dich fürs Schreiben zu interessieren? Hättest du anfangs gedacht, dass du mit dem Schreiben oder spezieller dem Songschreiben jemals eine Karriere aufbauen könntest? Hast du viel Unterstützung erhalten?

Ich halte nicht viel davon, „Einflüsse“ festzusetzen. Das ganze Leben ist ein Einfluss für mich – ich kombiniere es auf meine eigene Art und irgendwann macht man es sich zu eigen. Einige Künstler haben mich beeinflusst, aber das taten auch Lebenserfahrung, Reisen, einfach zu „leben“, kreieren und meine eigene Stimme entdecken. Mit dem im Hinterkopf gab es viele Künstler, deren Werke mir gefielen, als ich aufwuchs. Unter ihnen waren Walt Whitman, T.S. Eliot, P.F. Sloan, The Beach Boys, The Beatles und der Dichter Rainer Maria Rilke.

Meine Eltern waren geschieden. Meine Mutter unterstützte mich, während mein Vater nicht viel mit meiner Erziehung zu tun hatte – er war Profi-Golfer, Head Pro in vielen Country-Clubs und wiederverheiratet. Meine Mutter hat meinen kreativen „Flow“ nicht aufgehalten, sie ließ mich fast alles tun, was ich wollte. Sie war ein liebevoller Mensch, sehr freundlich und gutherzig. Auch wenn ich nicht sehr diszipliniert war, war sie selten wütend auf mich. Ich mochte es, vor Publikum aufzutreten, seit meine Großeltern mich  Gäste in ihrem Haus unterhalten ließen. Außerhalb des Hauses erhielt ich nicht viel Unterstützung bei meinen kreativen Arbeiten, besonders bei der Lyrik. Viele sagten, es würde nie eine Laufbahn werden. Also schrieb und trat ich einfach auf und dachte nie an eine Karriere.

In Songs der Beach Boys wurden Stephen Kalinichs Texte berühmt:

Quelle: YouTube

Du wurdest an der Ostküste geboren und gingst dort aufs College, hast dich dann aber 1965 entschieden, nach Los Angeles zu ziehen. LA muss in den 60ern als junger Künstler ein faszinierender Ort gewesen sein. Kanntest du dort vorher irgendwen? Wie begann deine künstlerische Laufbahn?

Als ich mit Anfang 20 nach LA kam, wollte ich hier eigentlich Medizin studieren. Außer ein paar Freunden meines Vaters kannte ich niemanden. Es war ein faszinierender Ort. Ich erinnere mich, wie aufregend es für mich war, Orangen auf einem Baum wachsen zu sehen, das tolle Wetter zu erleben, die Stars zu sehen … Es war wie ein Traum, aber direkt neben dem Reichtum gab es die totale Armut. Schon damals lebten viele Obdachlose auf der Straße.

Kurz nachdem ich angefangen hatte, brach ich das College ab, als sich Gelegenheiten für meine künstlerische Laufbahn ergaben. Von da an wusste ich, dass ich Dichter, Spoken-Word-Performer und später auch Textdichter für Songs werden wollte. Aber vor allem interessierte ich mich fürs Vortragen. Brian Wilson regte in jener Zeit an, ich sollte ein Rock-Album aufnehmen, aber ich tat es nicht, da mir klar wurde, dass mein „Antrieb“ weder Ruhm noch das Streben nach Bekanntheit waren. Ich wollte als Friedensbringer bekannt sein und hatte bloß das Ziel, dass meine Arbeit dem Weltfrieden dienen sollte. Selbst als ich 1968 zu Brian Wilson ging und begann, mit den Beach Boys zusammenzuarbeiten, ging es mir um die Liebe und den Frieden und nicht so sehr darum, „Star“ oder gar „Rockstar“ zu sein. Natürlich bin ich auch nur ein Mensch und befinde mich nicht auf einer „höheren Ebene”. Obwohl es damals bereits mein Ziel war, war ich nicht völlig selbstlos, und in meiner Karriere genoss ich es, wenn ein Song erfolgreich war. Aber im Laufe meines Lebens habe ich gelernt, meinen Wunsch, Gutes tun zu wollen und ein Leben zu schaffen, das für alle Wesen besser ist, immer an erste Stelle zu setzen.

Deine Zusammenarbeit mit den Beach Boys – insbesondere mit Dennis Wilson – auf dem Album „Friends“ im Jahr 1968 wurde oft diskutiert. Deine wunderbaren Lieder „Little Bird“ und „Be Still“ werden zu Recht hoch geschätzt. Die sehr poetischen Texte kamen zu einer Zeit, als die Beach Boys anfingen, sich von ihrem ursprünglichen Surf-Image zu lösen. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit? Du warst Hobbydichter, neu in Los Angeles, und The Beach Boys, damals unter der Leitung des legendären Brian Wilson, waren große Stars.

Dennis erfuhr über seinen Bruder Brian von mir. Die Geschichte begann mit einem glücklichen Zufallstreffen: Eines Tages traf ich in Hollywood beim YMCA Jim Critchfield, der mit dem berühmten Jay Ward von Bullwinkle arbeitete. Jay und ich freundeten uns an und er wurde ein großer Fan meiner Gedichte, nachdem ich privat in seinem Auditorium aufgetreten war. Er war mit Brian befreundet und erzählte mir, dass dieser gerade eine neue Plattenfirma gegründet hatte und für einen Dichter/Songwriter offen sein könnte. Um es kurz zu machen: Sie arrangierten ein Treffen mit Brian, und innerhalb weniger Wochen wurde ich als Autor unter Vertrag genommen. Es war aufregend, ich erhielt einen Vorschuss von 500 Dollar. Damals betrug die Miete 100 Dollar pro Monat, deshalb fühlte sich das wie viel Geld an. Das war der Anfang. Es war ein großer Glücksfall für mich, der zu vielen weiteren Kontakten führte. Außerdem war ich zu der Zeit, als ich „Be Still“ und „Little Bird“ schrieb, verliebt, was in den Texten durchscheinen könnte.

Wie fühlte es sich an, als du das erste Mal die Aufnahmen deiner Songs fürs „Friends“-Album hörtest?

Ich erinnere mich vor allem, wie ich „Little Bird“ das erste Mal hörte. Ich wohnte damals in einem Motel und nutzte ein Münztelefon auf dem Gehweg direkt neben meinem Zimmer als Telefon. Wenn es draußen klingelte, konnte ich es von innen hören. Die Beach Boys dachten, die Nummer sei ein normales Telefon in meiner Wohnung, weil ich mich zu sehr schämte, dass ich mir keines leisten konnte. Eines Tages im Jahr 1968 klingelte es, ich rannte aus dem Zimmer, hob ab, und am anderen Ende der Leitung war Al Jardine, der mir „Little Bird“ durchs Telefon vorspielte. Ich hörte also meine erste Zusammenarbeit mit den Beach Boys auf einem Gehweg in LA durch ein Münztelefon. Ich war sehr aufgeregt, es war ein Augenblick, den ich nie vergessen werde.

Du hast auch mit Dennis Wilson zusammengearbeitet, als er in den 1970er Jahren ein Soloalbum aufnahm. Wie habt ihr euch verstanden?

Dennis und ich wurden enge Freunde. Wir machten fast alles zusammen. Zuerst verbrachten wir bei der Arbeit viel Zeit und daraus wurde schnell eine Freundschaft. Wenn wir gemeinsam an einem Song arbeiteten, schrieben wir ein wenig Musik und gingen in Pausen gemeinsam Essen. Wir waren eng verbunden. Er hatte großen Respekt vor meiner Lyrik und sagte, ich könne die Welt zum Guten beeinflussen – was Brian, der ebenfalls ein guter Freund wurde, ebenso sagte. 

Wie lief die Zusammenarbeit mit Brian und Dennis Wilson ab?

Die Zusammenarbeit mit beiden war wunderschön. Dennis erfand spontan Melodien, während ich meine Worte vortrug. Er hatte eine seltene Gabe: Er konnte ein Gedicht hören, es sofort in seinem Kopf vertonen und singend wiederholen. Nur sehr wenige Menschen kannten diese Seite von ihm. Bei anderen Songtextern gab er zuerst die Musik vor und fand dann die Worte dazu, aber nicht bei mir. Bei all unseren gemeinsamen Liedern schrieb ich zuerst die Texte. Es war eine schöne Zusammenarbeit. Mit Brian habe lief es auf beide Arten ab. Normalerweise schrieb ich zuerst die Texte, aber für den Song „A Friend Like You“, den er mit Paul McCartney sang, gab er mir zunächst die Melodie vor. 

Neben Brian und Dennis Wilson hast du mit vielen anderen Komponisten an Songs zusammengearbeitet. Hast du ein „übliches“ Verfahren, wenn jemand deine Texte vertonen soll? Welche Erfahrungen hast du gemacht?

Das kommt darauf an. Normalerweise schreibe ich die Worte zuerst, aber ich habe schon auf beide Arten gearbeitet. Ich glaube, um ganz ehrlich zu sein, dass ich die Zusammenarbeit an Liedern die meiste Zeit nicht mag; es ist ein Kampf, aber hin und wieder funktioniert es. Es kommt wirklich auf die Person an. Ich habe nicht die Einstellung, dass der Koch allein fürs ganze Essen verantwortlich ist, es braucht viele Mitwirkende, sei es beim Film, beim Kochen und so weiter. Aber Lyrik ist eher eine einsame Reise. Sie erfordert eine besondere Sicht des Lebens, die weniger an Perfektion als an Freude gebunden ist. Abgesehen davon liebe ich es, wenn Musiker zu meinen Gedichten und gesprochenen Worten improvisieren.

Du hast deine Gedichte nie in Buchform veröffentlicht sondern stattdessen als Spoken-Word-Performances. Das begann mit der LP „A World of Peace Must Come“, die du 1969 mit Brian Wilson aufgenommen hast. „Be Still“ auf dieser LP ist für mich eines deiner besten Werke. Erst vor kurzem hast du damit begonnen, Gedichte auch in Schriftform in sozialen Netzwerken zu veröffentlichen. Ist dir der Vortrag genauso wichtig wie der Text selbst?

Der Vortrag ist wichtig, aber das Gedicht muss auch für sich selbst wirken. Wenn ich auftrete, versuche ich, jede Person im Publikum zu erreichen, zu berühren, anzusprechen. Ich versuche, sie einzubeziehen und eine Kommunikation für uns alle zu erschaffen – in dem Sinne, dass ich die Menschen im Publikum erreichen möchte, sie aber zu ihren eigenen Schlussfolgerungen kommen lasse. Als ich jünger war, war ich Sportler, und ich habe meine Energie aus dem Sport in den Vortrag eingebracht. Meine Darbietungen waren nicht gedämpft, sondern sehr energisch. Jemand verglich sie damals mit Mick Jagger. Im Allgemeinen ziehe ich Liveaufnahmen vor – sie sind spontaner, und auch wenn es Mängel und Fehler geben mag, fühlen sie sich drängend, „echt“ an. Studioaufnahmen sind schön, aber ich bevorzuge die direkte Inspiration aus dem Leben. Obwohl „Be Still“ nicht vor einem Publikum aufgenommen wurde, war es sehr „im Moment“ – ich habe das Gedicht einfach rezitiert, während Brian in einem Take spontan die Orgel dazu spielte. Allgemein denke ich, alles ist wichtig, der Text, die Aufführung, die Inszenierung. Ich liebe den Vortrag, das Schreiben, die Malerei, es gehört alles zusammen.

„Be Still“, bekannt als Song der Beach Boys, hier erweitert als Spoken-Word-Performance:

Quelle: YouTube

Als wir letztes Jahr einmal abends in Los Angeles spazieren gingen, begannst du einfach, einen kreativen, tiefgründigen und poetischen Text über unsere Umgebung zu improvisieren. Bist du normalerweise so intuitiv und schnell oder „feilst“ du manchmal lange an einem Werk? Was hältst du von Poetry Slams?

Wenn es um Malerei geht, lasse ich gerne „Fehler“ als Teil des Kunstwerks in den Gemälden, aber bei Songs und Gedichten eher weniger. Ich schreibe meine Gedichte um, poliere, bearbeite, kultiviere sie; ich lege einen Garten an und entferne das „Unkraut“, bis er zu seiner vollendeten Form gewachsen ist. Es hängt jedoch vom Werk ab – wenn mir seine rohe Fassung gefällt, lasse ich es in Ruhe. Man muss sich jedes Werk einzeln ansehen, um zu sehen, was es braucht. In meinem Schreiben möchte ich den Menschen Raum für Entdeckungen lassen. Ich hoffe, dass ich nicht fordere, aber ich versuche, einen Dialog zu eröffnen und auch meine Sicht der Dinge zu vermitteln. Ich mag zwar einige Poetry Slams, aber es ist lediglich ein einzelner Stil von Lyrik, der zudem oft auf einen „Showeffekt“ abzielt. Ich bevorzuge die Abwechslung: Manchmal mag ich ein langsam vorgetragenes Gedicht, das einen zur Ruhe bringt, oder manchmal eines, das aufschreckt.

Du hast mit vielen Genres experimentiert. Bspw. bist du in den 80ern mit einem Rap in einem Musikvideo aufgetreten. Diese Rap-Performance „Everybody’s Got a Car In LA“ untergräbt auf freundlich-alberne Art alle Erwartungen, die man an ein solches Video stellen könnte. Du hast mir einmal gesagt, dass du dabei „einfach nur Spaß“ hattest. Es ist ein ziemlicher Kontrast zu einigen deiner „tieferen“ Arbeiten. Erzählen uns ein wenig darüber.

Wir alle sind eine Kombination aus vielen Gefühlen. Manchmal genieße ich es, ein absichtlich albernes Lied zu kreieren, das einen zum Lachen bringt, und ich schaffe auch gerne ernste Werke, die einen fesseln wie die „Galaktischen Sinfonien“. Mein Credo lautet: Lasst uns mit Freude Frieden schaffen, aber, wenn es relevant ist, auch mit todernsten Worten. Zum Rap-Song, von dem du sprichst – ich hatte die Idee, schrieb schnell den Text und Chris Pelcer vertonte ihn. So ist er entstanden, spontan, ohne viele Korrekturen, ich mochte den spontanen kreativen Fluss. Es hat Spaß gemacht, denn ich schuf ein alter ego für das Musikvideo: Stevie Nobody, den ich später mit Jon Tiven in „Yo MaMa“ weiterentwickelte. Irgendwo habe ich einen groben Entwurf eines Drehbuchs für einen Film über Stevie Nobody, bei dem ich eines Tages Regie führen möchte.

Du hast erst vor ein paar Jahren mit der Malerei begonnen und bist Autodidakt. Deine Gemälde haben einen sehr eigenen Stil, und deine „Leinwand“ sind oft Objekte wie leere Getreideschachteln, Karton- und Holzstücke oder andere Materialien. Was hatte dich mit Mitte 70 dazu bewogen, dich auf diese Weise kreativ auszuleben? Gibt es Maler, deren Werke dich beeinflussen?

Ich denke, dass viele Maler mich inspirieren, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich von ihren Werken beeinflusst wurde oder nicht. Ich liebe Renoir, Monet, Cezanne, Picasso, Matisse und Franz Kline. Besonders haben mich die Werke von Vicci Sperry berührt. Sie war eine gute Freundin, die mich ermutigt und unterstützt hat. Heute mag ich Landschaften nicht mehr so gerne wie früher. Stattdessen bevorzuge ich kleine Gesichter, aber auch abstrakte Formen, Gestalten oder Farben. Ich weiß nie, was ich von einem Tag auf den anderen malen werde, es ist meist ein sehr intuitiver Prozess. Ich liebe es, beim Malen das Unerwartete zu suchen, ich liebe die Überraschung, die spontanen Ausbrüche, das Beruhigende, die Wut, die Ruhe, das Chaos, und versuche, daraus ein Werk zu formen, das mich und hoffentlich auch einige andere berührt. Nur in seltenen Fällen, hin und wieder, beginne ich ein Gemälde mit einem konkreten Plan.

Du hast mit zahlreichen Künstlern zusammengearbeitet, darunter auch mit einigen Musikern, deren Werke du schon als Jugendlicher mochtest. Viele von ihnen sind Freunde geworden. Wie fühlst du dich beim Gedanken daran?

Dankbar. So, wie ich es heute sehe, bin ich dankbar für alle Menschen, die ich getroffen habe. Dankbar für all die positiven und sogar für jene, mit denen ich negative Erfahrungen gemacht habe, weil ich daraus gelernt habe. Ich liebe meine Freunde, viele haben mich ermutigt, mich inspiriert, aber ich bin schlussendlich meinen eigenen Weg gegangen.

Du bist inzwischen Ende 70 und nach wie vor sehr produktiv. In einem kürzlich auf Facebook veröffentlichten, autobiographischen Gedicht schreibst du, dass du seit drei oder vier Jahren täglich malst. Hast du eine Botschaft für Menschen, die versuchen möchten, sich kreativ auszudrücken, aber immer noch zögern?

Seid offen für diese Lebensreise, seid leidenschaftlich. Dreht einen Film, malt, wandert, was immer ihr im Rahmen des Möglichen wollt – versucht es. Seid freundlich zu anderen Lebewesen, räumt euer Ego aus dem Weg, lasst euch auf die Menschlichkeit ein. Erschafft einfach. Tut es einfach, versucht es. Verurteilt euch nicht selbst, bleibt einfach dabei. Zögert nicht, probiert es einfach, was immer ihr auch tut. Haltet in allen Lebensbereichen die Freude und den Sinn für Abenteuer am Leben. Gerda Herrmann, die autodidaktische „Liedermacherin von Botnang“, über die du einen wunderbaren Dokumentarfilm gedreht hast, ist ein schönes Beispiel. Sie ist 89 Jahre alt, schrieb ihr erstes Lied mit 53 Jahren und verbreitet immer wieder Freude durch ihre Musik. Letztes Jahr vertonte sie mein Gedicht „If I Can Be a Benefit“, was mich sehr glücklich gemacht hat. Es ist nie zu spät. Erschafft einfach.

Alexander Tuschinskis Interview mit Gerda Herrmann findet ihr hier.


Mehr über Regisseur und Filmemacher Alexander Tuschinski im Interview von Schauspieler Thomas Goersch.

 

Titelbild: © Alexander Tuschinski

 

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Aber nur dieses eine Interview mit Tobias Premper

Wir fühlen Tobias Premper, dessen aktuelles Buch Aber nur dieses eine Mal, eine Sammlung autobiographischer Notizen, vorhin bei Steidl erschienen ist, auf den Leckzahn.


Wie und wo bist du aufgewachsen?

Ich hatte vergessen, wie inspirierend deine Fragen sind. Ich musste bislang nur ein paar kleine Morde unter Freunden begehen, die aber alle überlebt wurden, auch von mir. Ich frage mich auch manchmal, ob ich mehr Leuten die Augen ausstechen wollte als mich skalpieren wollten. Oder umgekehrt mit dem Faktor 3,25. Und je länger ich diesen Arztkittel trug, desto stärker wollte ich ihn merzen, pollocken, twomblen. So ging’s los.

Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Ich hab hier einen geflochtenen Korb, blau lackiert, an manchen Stellen blättert die Farbe schon ab, hat aber sentimentalen Wert. Da sind 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7 Hafer-Soja-Drinks und ein altes, Weißhaarige-Männer-junge-blondierte-Frauen-SHAMPOO drin. Weiß manchmal selber nicht, wer von beiden ich bin und welches der Tetra Paks ich als Erstes aufmachen soll.

Welcher Filmemacher, Musiker, Künstler hat dich und dein Schreiben am meisten beeinflusst?

Ein russischer Autor schrieb mal: „Wenn alle im Frack kommen, komme ich auf einer Bulette geritten“, und ich denke, das passt nicht so recht zu deiner Frage. Aber es steht ja bislang auch noch nicht im Grundgesetz, dass alle, die mit dem Hintern wackeln und das dann ins Internet stellen, das Recht auf Verbannung nach Kolyma haben. Leider, leider, leider. Aber das kommt, das kommt. Oder wolltest du über schlechte Bücher sprechen? Einfach wegschmeißen und aufs nächste hoffen. Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, selbst bei den schlechtesten Autoren, die die schlechtesten Bücher schreiben. Das kann uns auch mal passieren, dass uns zehn Bücher nacheinander abrutschen. Und dann wollen wir ja auch nicht von unserer Possy fallengelassen werden. Zurück zu deiner Frage: Am schlimmsten ist diese Konfrontation mit diesem „wir“. Ich bin nicht Papst, ich bin nicht Weltmeister, ich schaffe das nicht.

Stones oder Beatles?

Ach, das ist einfach: Verlieb dich in mich. Der Rest kommt dann von selbst.

Was sind deiner Meinung nach einige Meister der Kurzform?

Alle, die mein neues Buch kaufen.

Bist du religiös?

Den Schatten von Zeit nehme ich stets als Loch unter den Armen in meinen ehemals weißen T-Shirts wahr.

Was ist deiner Meinung nach der Sinn des Lebens bzw. gibt es überhaupt einen?

Den willst du gar nicht haben. Da haben die die Beine angesägt und drum herum n riesigen Graben ausgehoben mit so Viechern drin, die dich ganz langsam auffressen. Und was mir zum Thema „Lehrstuhl“ auch einfällt: Starkes Übergewicht und Schweißgeruch, bildlich gesprochen.

Was kannst du uns über Melancholie, Sentimentalität und/oder Depression verraten?

Unwetter können auch mal etwas Gutes haben, so wie ein wirklich gut geschriebener Krimi, der die Charts stürmt. Ich mache da gar nicht Halt vor. Ich lese alles Mögliche, also auch Mainstream-Sachen. Aber selber glaube ich, es gibt da einen bestimmten kleinen Kreis an Menschen, die sich für das interessieren, was ich schreibe, die das auch wirklich gerne lesen. Und das können natürlich immer noch ein paar mehr Menschen sein, überraschend mehr von mir aus. Oder als verdeckte Steuer eingeführt: Ein Buch von Premper ist Pflicht in jedem Haushalt.

Titelbild: © Lillian Birnbaum

 

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Chor aus der Dunkelheit – ein Autorengespräch

Im März veröffentlichte Philip Dingeldey, auch bei postmondän ein fleißiger Autor, seinen ersten Roman „Chor aus der Dunkelheit“. Gutes Timing, denn er erzählt eine dystopische Geschichte, zwar ohne Pandemie, Shutdown und Abstandsregeln, dafür mit Großkonzernen, die in Europa die Regierung übernommen haben, Konzentrationslagern, in denen Menschen zu Opfergaben gezüchtet werden – achja, und Vampiren. Gregor, ebenfalls Autor bei postmondän, hat den Roman mittlerweile durchgelesen, und ein paar Fragen ihn.


Alles Gute zum Buchrelease! Hand aufs Herz: Wie autobiographisch ist der Roman?

Im Grunde gar nicht. Die meisten Autoren möchten ja etwas autobiographisches als Debüt vorlegen, in dem man sich intensiv mit seinem Innenleben auseinandersetzt. Das wollte ich für meinen ersten Roman vermeiden, denn ich finde, damit ist der Markt schon überflutet und ich wollte gern etwas anderes machen. Es ist nur insofern autobiographisch, dass er meine persönlichen Gedanken zu Politik und Gesellschaft umfasst, dafür aber nichts zu meinem Leben. Es gibt auch keine Figur, in der ich mich wiedererkenne.

Worum geht es denn in der Geschichte?

In der Ausgangslage ist Europa im 22. Jahrhundert ein zusammenhängender Staat mit neofeudalem System geworden ist. Plötzlich verbreiteten sich Vampire, die, vampirtypisch, das Tageslicht meiden und Blut trinken müssen. Es gab einen kriegerischen Konflikt, der mit einem Vertrag zwischen Regierung und Vampiren beigelegt wurde. Dieser besagt, dass Vampire für Menschen arbeiten, ihre körperlichen Fähigkeiten für sie einsetzen und zum Beispiel Ökostrom produzieren, wofür sie Blut geliefert bekommen. Für die Blutlieferungen werden Lager errichtet, in denen später Menschen gezüchtet werden. Damit das Gleichgewicht erhalten bleibt, ist es verboten, dass Vampire sich reproduzieren, also ihre Opfer in Vampire verwandeln, sie dürfen sie einfach nur töten.

Im Roman bricht eine Vampirin diese Abmachung und verwandelt ein Opfer aus dem Lager in einen Vampir, was der beaufsichtigende Wächter, George, zulässt. Der Grundkonflikt besteht also in einem Vertragsbruch und darin, dass die Vampire erkennen müssen, dass ihnen das System, auf das sie sich eingelassen haben, keinen Vorteil bringt, und neben ihnen auch noch Menschen unterdrückt. Sie beschließen, Widerstand zu leisten, und geraten zwischen verschiedene politische Fronten.

„Chor aus der Dunkelheit“. Was hat es mit dem Buchtitel auf sich?

Der Roman wird eingeleitet durch Brecht-Zitat:

„Und die andern sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.“

„Die im Dunkeln“ sind dabei ja die Subalternen, die keine Stimme haben, weder gesehen noch gehört werden und unterdrückt sind. Das sind in dieser Situation zum einen die Lagerinsassen, die für die Vampire geschlachtet werden, zum anderen die Vampire, die kein Mensch mag, aber mit denen man einen Frieden schließt, in dem sie ausgebeutet werden. Der Hauptcharakter Septimus, der frisch verwandelte Vampir, bemerkt irgendwann, dass dahinter eine Reihe von Grundproblemen stehen, und sich die unterdrückten Vampire und Menschen eigentlich zusammenschließen müssten. Das ist der Chor aus der Dunkelheit: die, die das System am Laufen halten, also brav singen, aber nichts zu melden haben – also im Dunklen stehen.

Kannst du damit leben, wenn jemand deinen Roman grotesk findet?

Mit Groteske hab ich eigentlich kein Problem, der Roman hat viele übertreibende Elemente und wird an vielen Stellen auch bizarr, was auch gewollt ist. Ich komme damit klar. Vielleicht trifft es dadurch nicht jeden Geschmack, denn Groteske muss man natürlich wollen.

Ich verstehe dein Buch als eine Dystopie mit Science-Fiction- und Fantasy-Elementen. Du auch?

Ja, so war es auf jeden Fall gedacht. Mein Verlag war der Meinung, es gehört auch zum Horror-Genre, was auch nicht komplett falsch ist, da Vampire dort ja oft eingeordnet werden. Es ist aber kein typischer Gruselroman, sondern eher ein Horrorszenario, eine Dystopie. Ich hab versucht, das Fantasy-Element der Vampire in eine zukünftige Gesellschaft hineinzudenken. Das gab es so bisher noch nicht wirklich, vor allem nicht politisiert.

Stehen sich die beiden Genres Science Fiction und Fantasy nicht eigentlich gegenseitig im Weg?

Jein. Es gibt schon viele Science-Fiction-Romane, die ein metaphysisches Wesen haben – oder eines, dessen Technik oder Funktionsfähigkeit nicht erklärt werden kann. Wir wissen auch gar nicht, wie metaphysisch diese Vampire sind: Sie haben übermenschliche Kräfte, aber keine übersinnlichen. In anderen Romanen können sie Gedanken lesen oder zaubern. Hier können sie bloß in gewisser Weise ihre Form ändern, sich zum Beispiel Flügel wachsen lassen, sich aber nicht in Fledermäuse oder Wölfe verwandeln oder Tiere kontrollieren. Insofern sind sie beschränkt metaphysisch. Es ging darum, eine Entität zu finden, die nichtmenschlich ist, aber intelligenter ist als etwa ein Zombie, der einfach nur Gehirne fressen will und kein anderes Motiv damit verbinden kann. Während Vampire einfach als intelligenter gelten und sich besser organisieren können, mehr Gefühle und Gedanken äußern können. Man hätte als Pendant auch eine Alienrasse nehmen können, wenn man daraus ein Space Adventure hätte machen wollen.

Vielleicht im nächsten Roman.

Genau.

Um das Buch in eine Beziehung zum laufenden Jahrhundert zu setzen: Findest du okay, wenn man eine Kritik am Neoliberalismus herausliest?

Wenn man möchte, ja. Eigentlich möchte ich das natürlich dem Leser überlassen, weil der Autor ja nicht die Deutungshoheit hat. Aber aus meiner Sicht ist es definitiv angedacht. Zum Beispiel, wenn es darum geht, dass sich das System im Roman als freiheitlich, kosmopolitisch und progressiv versteht und Gleichberechtigung als wichtiges Motiv sieht – Schlagworte wie Nachhaltigkeit bedient. Andererseits verteufeln sie jede Form von Gleichverteilung, sind brutale Ausbeuter und unzufrieden mit dem Vampirvertrag, der ja eine Planwirtschaft festhält, an die sie sich halten müssen.

Es ist selbst kein neoliberales System mehr, weil es auch einfach unrealistisch ist, dass der Neoliberalismus so lange Bestand haben wird. Aber natürlich spielen Elemente dort hinein: die vollkommene Macht der Wirtschaft, die völlige politische Kontrolle durch Unternehmen ist angedacht. Es hat mit dem Neoliberalismus zu tun, ist aber viel, viel schlimmer.

Kannst du dir vorstellen, dass wir momentan auf eine solche Herrschaft der Konzerne zusteuern?

Nicht in diesem offensichtlichen und dreisten Maß, wie es im Roman passiert, in dem Regierungen ja schlicht nicht mehr bestehen, bloß Pressesprecher in Erscheinung treten und Konzerne alles unter sich regeln. Die Tendenz dazu würde ich aber auf jeden Fall sehen. Politik hängt heute immer mehr davon ab, Konzernlobbys zu befriedigen, sich Gesetzesentwürfe von Konzernen schreiben zu lassen und durchzuwinken. Diese Elemente steuern ja bereits auf eine vollkommene Privatisierung hin.

Wie gefährlich wäre das?

Das kann sehr gefährlich werden, denn man kann über unser System sagen, was man will, muss es auch nicht mögen, aber es hat nach wie vor Grundfeste, die man verteidigen kann. Eine beschränkte Volksmacht gibt es noch immer. Gefährlich wäre, wenn die Bürger auch diese Kontrolle verlieren.

Auch Städte haben in deinem Buch Markennamen übernommen, „Walt Disney City“ oder „Telekom City“ zum Beispiel. Das erinnert mich an Ideen aus Infinite Jest oder Quality Land. Glaubst du, dass im ausschweifenden Neoliberalismus derzeit das größte dystopische Potenzial für die Literatur liegt?

Ja, das könnte man sagen. Beziehungsweise im Ende des Neoliberalismus. Man könnte ja auch schon den Neoliberalismus selbst als Horrorszenario bezeichnen, in dem alles kommerzialisiert werden kann, inklusive Städtenamen. Eigentlich basierte diese Idee bei mir eher auf dem Film Fightclub, wo es in einer Szene darum geht, dass große Konzerne die Namen von Planeten bestimmen dürfen. Ich fand die Idee so reizvoll, dass ich es auf Städte übertragen habe.

Žižek hat einmal gesagt, es fällt uns heute leichter, das Ende der Welt zu denken als eine Welt ohne Kapitalismus. Und da wir gar nicht wissen, wie es nach dem Neoliberalismus weitergehen wird, ist das Potenzial für Spekulation und Horrorszenarien natürlich hoch. Also einerseits der Neoliberalismus, andererseits die Frage: Was kommt danach? Wenn man zusätzlich dazu bestimmte Staatschefs wie Trump oder Johnson beobachtet, glaubt man sich manchmal näher an der Apokalypse als an der Überwindung der Ungerechtigkeit.

Sind Vampire Menschen ethisch überlegen?

Sie haben eine andere Art, miteinander umzugehen. Zwar sind sie weniger herzlich, aber ihr Eigentumsbegriff ist bedürfnisorientiert und alle sind in jederlei Hinsicht gleichberechtigt: rechtlich, politisch, sozial. Zumindest am Anfang des Romans gibt es unter ihnen keine sichtbaren Hierarchien. Vielleicht sind sie ethisch nicht überlegen, aber politisch sind sie partizipatorischer, egalitärer und solidarischer als Menschen heute und im 22. Jahrhundert. Dennoch sind sie korrumpierbar und müssen davon leben, Menschen zu töten. Den Weg des Vegetarismus könnten sie sich zum Beispiel nicht einfach aussuchen. Sie haben einfach eine andere Kultur, die auf eine Art rückständig ist, auf eine andere Art egalitärer.

Glaubst du wirklich, wenn wirklich eine Vampir-Invasion ansteht, ließe sich ein pragmatischer Friedensvertrag mit ihnen schließen?

Es gibt in diese Richtung ja auch wissenschaftliche Gedankenexperimente wie „Zombies in international relations“, wo dasselbe Problem mit einer Zombie-Invasion thematisiert wird. Mit denen ist ein Deal weniger leicht möglich, Vampire sind dagegen vernunftbegabt, und man kann sich fragen: Was sind die primären Interessen von Vampiren? Sie möchten ein dunkles Versteck und Blut. Im Falle einer Ausbreitung von Vampiren wäre es doch naheliegend, dass Menschen sagen: Wenn wir sie nicht besiegen können, da sie zu stark sind, sollten wir einen Friedensvertrag schließen. Wenn wir sie nicht unterdrücken können, unterdrücken wir eben andere und beuten alle aus. Als Lohn erhalten sie, was ihre primäre Interessen sind: Blut und Sicherheit.

Warum können Vampire in Romanen nie Sex haben?

Es gibt schon einige Romane, in denen Sex angedeutet wird, zum Beispiel in Ann Rices „Chronik der Vampire“. In meinem Roman sind sie im Grunde entsexualisiert. Der Sexualtrieb und die Fähigkeit dazu, sich fortzupflanzen, ist hier sexuall gar nicht nötig: Vampire reproduzieren sich nicht durch Geschlechtsverkehr, sondern dadurch, dass sie ein menschliches Opfer verwandeln. Das läuft bei mir durch einen Blutaustausch. Das Opfer wird nicht nur ausgetrunken, sondern bekommt Blut des Vampirs. Dadurch wird logisch, dass nicht jedes Opfer zum Vampir wird. Denn es musste einen Unterschied geben. Wenn wir dadurch eine Reproduktion haben, wird Sex biologisch überflüssig. Manche Vampire bereuen im Roman auch sehr, dass sie dazu nicht mehr fähig sind.

Deine Vampire sind anders als jüngste Adaptionen wie „I am Legend“ oder „Twilight“ eher klassisch angelegt: mit Buckel, Vampirzähnen, Flügeln und Verglühen im Sonnenlicht. Das ist ja nicht besonders progressiv. Gibt es andere progressive Aspekte in deinem Roman?

Was Vampire betrifft: Stimmt, die Darstellung ist nicht progressiv, sondern konventionell. Sie entsprechen im Grunde dem hässlichen Nosferatu-Bild und kommen nicht mit der Sonne klar. Ich bin mir aber nicht sicher, ob neue Romane wirklich dadurch progressiv werden, dass Vampire im Sonnenlicht einfach nur glitzern. Meiner Meinung nach ist das zu vereinfachend. Im Grunde sind Vampirfähigkeiten doch etwas Tolles: Du hast übermenschliche Fähigkeiten, lebst, wenn du möchtest, ewig. Diese Vorteile musst du teuer bezahlen – was ein sehr gängiges Motiv in Fantasy-Romanen ist. Erstens dadurch, dass du nur durch den Tod anderer lebst, zweitens durch die Vermeidung von Sonnenlicht. Wenn sich ein Vampir nicht mehr davor scheuen muss, ist für mich der dialektische Reiz an der Figur verloren.

Was hat es mit dem Christlichen Staat auf sich?

Der Christliche Staat ist eine Untergrund-Organisation, ein Pendant zum IS in einer säkularisierten Zeit. Der vorherrschende neokapitalistische Feudalismus hat mit Religion nicht mehr viel zu tun und funktioniert durch andere Mechanismen: wirtschaftliche Rationalität, Effizienz, Freiheitsideologie. Das Christentum, vor allem der Katholizismus, hat hier nicht mehr viel zu bieten. Im Gegensatz zum Protestantismus hat er große Probleme, sich in ein solches System einzugliedern. Da ihrer Meinung nach durch den Deal mit den Vampiren, welche sie für Dämonen halten, in Europa der Teufel herrscht, ist das gesamte System für sie verkommen. Es gibt für sie keine Möglichkeit, allzu offen Kritik zu üben. Darum gründen sie diese reaktionäre Untergrundorganisation, die das Ganze rückchristianisieren und auch die Vampire besiegen möchte.

Im Buch gibt es zwei Verwandlungen: Ein Mensch wird zum Vampir, ein anderer zum Cyborg. Was von beidem ist erstrebenswerter?

Ich weiß nicht, ob ich sagen würde, dass eines davon erstrebenswert ist. Das eine ist das Science-Fiction-, das andere das Fantasy-Element. Der Wärter wird zum Cyborg, der instrumentalisiert wird. Er kann ziemlich viel, ist aber immer noch sterblich. Er kann tagsüber hinaus und muss, anders als Vampire, nicht Menschen töten, um zu überleben. Das ist natürlich ein Vorteil für ihn, aber aus meiner Sicht auch nicht unbedingt erstrebenswert.

Wenn du es dir ganz frei aussuchen könntest, wo würdest du am liebsten leben: im Europa der Konzerne, im Christlichen Staat oder in der Vampirgesellschaft?

Wenn man die Vampire, die in Clans leben, für sich isoliert sehen kann, und sich anschaut, wie das Leben innerhalb der Clans aussieht, würde ich sagen, okay, lieber etwas unterentwickelt leben, aber dafür eine gewisse Gleichheit und volle Handlungsfreiheit innerhalb des Hoheitsgebiets haben. Dass man in kleinen Gruppen lebt, in denen man alles ausdiskutieren kann, ist ein urdemokratisches Bild, das ich vorziehen würde. Bloß mit den externen Konflikten, in die sie wieder hineingezogen werden, würde ich mich eher ungern auseinandersetzen. Vielleicht ist es aber trotzdem besser als das Europa der Konzerne.

Der christliche Staat kommt aber trotzdem nicht in Frage?

Nein, der ist raus.

Danke für das Gespräch.


„Chor aus der Dunkelheit“ von Philip Dingeldey erschien in der Reihe APEX HORROR des Apex-Verlags und hat 372 Seiten.

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