Kategorie: Film

New York, meine Hassliebe

In der sehr sehenswerten Netflix-Produktion „Pretend It’s a city“ von Martin Scorsese erzählt die in Deutschland bisher kaum bekannte amerikanische Intellektuelle Fran Lebowitz in sardonischer Weise von ihren Alltagsbeobachtungen im New York der Vor-Corona-Zeit und ihrer zwiespältigen Hassliebe zu der Großstadt, in der sie seit 1969 lebt.


„Pretend it’s a city“ („Tu so, als wäre das hier eine Stadt“), diesen titelgebenden Satz sagt die überaus schlagfertige Lebowitz zu störenden Touristen, die einfach auf dem Fußweg stehen bleiben, oder zu Menschen, die aufs Smartphone starren und nicht auf andere Fußgängerinnen und Fußgänger achten. Bereits als Schülerin erhielt sie eine Auszeichnung als schlagfertigste Person ihrer Jahrgangsstufe.

Und diese Eigenschaft, rasch, witzig, treffsicher und mit bissigem Sarkasmus die Zustände um sich herum kommentieren zu können, blieb ihr klar erhalten. Dies ist das tragende Element der unterhaltsamen und zugleich lehrreichen und bewundernswerten Dokumentation. Lebowitz erleben die Zuschauerinnen und Zuschauer in Gesprächen mit dem mit ihr befreundeten Regisseur Martin Scorsese in einem New Yorker Players Club, der von Edwin Booth, dem Bruder des Lincoln-Attentäters John Wilkes Booth, gegründet wurde, oder in der Interaktion mit Menschen aus dem Publikum bei einem ihrer Auftritte. Darin geht sie darauf ein, wie sich das heutige New York im Vergleich zu „ihrem“ New York der 70er Jahre verändert hat und welche Auswüchse des modernen Lebens sie weder versteht noch mitmachen möchte. Es ist eine unzerstörbare Hassliebe, die die Intellektuelle mit der Stadt verbindet und die zu sehen Freude bereitet.

Dabei muss man wissen, dass die Mini-Serie von dem New York der Massen, der Touristinnen und Touristen handelt, da sie vor dem Beginn der Corona-Pandemie abgedreht wurde und die Straßen damals noch nicht leergefegt waren. Aus diesem Grund ist allein das Zusehen eine willkommene Form des Eskapismus vor dem Corona-Alltag, der mit leeren Innenstädten, Mund-Nasen-Bedeckung und Social Distancing einhergeht.

Die Schriftstellerin Fran Lebowitz, geboren 1950 in New Jersey, hatte als Schülerin schlechte Noten und flog von der High School. Nach dem Erhalt eines Alternativabschlusses zog sie mit 18 Jahren zu ihrer Tante nach Poughkeepsie im Bundesstaat New York, 1969 dann direkt nach New York City. Sie lebte in den Wohnungen befreundeter Künstler und von kleinen Jobs, unter anderem schrieb sie zunächst für ein kleines Magazin. Daraufhin wurde sie als Kolumnistin für Andy Warhols Zeitschrift „Interview“ angenommen, für welche sie Filme rezensierte und die Kolumne „I Cover the Waterfront“ verfasste. Es folgte ein Engagement bei der Frauenzeitschrift „Mademoiselle“. In diesen Jahren schloss sie Freundschaft mit vielen Künstlern.

© Netflix

Die Autorin Lebowitz hat bis heute lediglich zwei Essaysammlungen sowie ein Kinderbuch veröffentlicht: „Metropolitan Life“ (1978), eine Sammlung komischer Essays aus „Interview“ und „Mademoiselle“ in sardonischem Ton, sowie „Social Studies“ (1981), eine weitere Essay-Sammlung. Beide von ihr herausgegebenen Bücher wurden später in dem Werk „The Fran Lebowitz Reader“ (1994) zusammengefasst. 1994 erschien außerdem ihr letztes Buch, ein Kinderbuch mit dem Titel „Mr. Chas and Lisa Sue Meet the Pandas“. Seit Mitte der 90er Jahre wird Fran Lebowitz von einer Schreibblockade vom Schreiben abgehalten, die sie „writer’s blockade“ nennt, anstatt den eigentlichen englischen Begriff „writer’s block“ zu benutzen.

Aufgrund ihrer langanhaltenden Schreibblockade verdient Lebowitz ihr Geld mit TV-Auftritten sowie Vorträgen als Sprecherin vor Publikum, bei denen sie ihre zahlreich vorhandenen Urteile im gewohnt sardonischen und komischen Stil kundtut. Auch als Schauspielerin hatte sie einige Engagements, insbesondere in der von ihr bevorzugten Rolle der Richterin in der Serie „Law & Order“, aber auch in „The Wolf of Wall Street“.

Fran Lebowitz – das zeigt auch „Pretend It’s A City – ist ein wahrhaftes New Yorker Original, eng verbunden mit der Kunst und Kultur der Stadt und befreundet mit zahlreichen anderen Intellektuellen und Künstlerinnen und Künstlern. Sie ist außerdem eine Stilikone mit dem von ihr getragenen Jackett und Herrenhemd sowie der dazugehörigen Levis-Jeans, den Cowboystiefeln und der Schildpattbrille. 2007 wurde sie von der „Vanity Fair“ als eine der bestgekleideten Frauen auf die „Annual International Best-Dressed“-Liste gesetzt.

Bereits in dem Film „Public Speaking“ hat Martin Scorsese seiner Freundin Lebowitz im Jahr 2010 eine Dokumentation gewidmet. Die siebenteilige Mini-Serie „Pretend It’s A City“ zu je ca. 30 Minuten bietet nun deutlich mehr Raum für Dialog. Jeder Episode ist ein vages Gesprächsthema wie zum Beispiel „Kultur“, „Verkehr“ oder „Sport und Gesundheit“ zugewiesen. Man erlebt Lebowitz im New Yorker Players Club, vor Publikum, aber auch, wie sie in den Straßen der Stadt und auf dem Times Square flaniert und zudem wie sie sich ihren Weg durch ein Miniaturmodell von New York im Queens Museum bahnt.

Die Serie ist für New-York-Fans und solche, die es werden wollen, sowie für alle Anhängerinnen und Anhänger gepflegter Unterhaltung und gewitzt-intellektueller Gespräche sehr empfehlenswert.

Einen Trailer gibt’s hier:

Quelle: YouTube

„Pretend It’s A City“ von Martin Scorsese mit Fran Lebowitz hat sieben Folgen und ist seit dem 8. Januar 2021 auf Netflix verfügbar.

Titelbild: © Netflix

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COVID-Filmreisen: Big Night

Lust auf ein authentisches, herzhaftes Festmahl? „Big Night“ ist ein altmodisches Comedy-Drama über Essen, Beziehungen und den amerikanischen Traum. Koch dir ein italienisches Essen, zünd ein paar Teelichter an, gieß dir etwas Wein ein und lass Tony Shalhoub und Stanley Tucci den Rest erledigen.


COVID-Filmreisen: 2020 ist für fast alle ein seltsames und hartes Jahr. Mir haben Netflix und Amazon Prime durch die Zeit geholfen und mich aufgemuntert. Gleich zu Beginn des Lockdowns stieß ich auf eine App namens JustWatch, die großartig darin ist, auf Grundlage meiner Abos, meines Geschmacks und des bereits Gesehen passende Filme zu empfehlen. Ich habe eine große Anzahl Juwelen ausgegraben, die in Netflix und Amazon Prime versteckt waren. Einige der besten Filme, auf die ich im vergangenen Jahr stieß, werde ich in dieser Reihe dokumentieren und diskutieren. Teil 2: Big Night von 1996.

Marcella‘s (Auftakt)

Marcella’s war ein italienisches Lokal in Edinburgh (Schottland, UK). Angelo, der charmante alte sizilianische Mann, der das Lokal ganz alleine betrieb, musste sich nicht allzu sehr anstrengen. Er murmelte einmal, dass es während seiner Blütezeit eine italienische Bäckerei war, in der er sich auf Kuchen spezialisiert hatte. Später wandelte er die Bäckerei in ein Imbisslokal um (das ist das beste Wort, um den Ort zu beschreiben). Der Ort hatte Charakter. Plastikblätter und Trauben schmückten die Wände. Himmelblaue Fliesen und die in derselben Farbe gestrichene Decke gaben mir das Gefühl, in einem Schwimmbecken zu sitzen. Die Wände waren wahllos behängt mit Plakaten aus den 1970er und 1980er Jahren mit Menschen, die Pasta assen, und Postern, auf denen Ragù- und Napolitana-Saucen erklärt wurden. Dies war nicht der Ort für ein Essen bei Kerzenschein, sondern für ein gemütliches, einfaches und leckeres Mahl. Die Speisekarte war unkompliziert – ein halbes Dutzend Nudeln und Pizzen, Knoblauchbrot, zwei Suppen, zwei Salate, alkoholfreie Getränke, ein wenig Gebäck, Kaffee und Tee.

Na ja … Angelo ist 2018 verstorben. Ich vermisse seine Spaghetti Carbonara. Ich versuchte ihn zu überreden, das Rezept mit mir zu teilen, nur um ein strahlendes Lächeln und Schweigen zu bekommen! Angelos Essen und Gebäck begeisterten viele. Marcella‘s italienisches Lokal stand nicht in den Reiseführern, es war ein verstecktes Juwel, von dem nur Einheimische wussten. Die Leute besuchten das Lokal für Angelo für sein köstliches Essen und die Behaglichkeit, die dieser Ort verströmte.

Paradise

In den 1950er Jahren an der Küste von New Jersey ist „Paradise“ ein angeschlagenes italienisches Restaurant, das von zwei italienisch-stämmigen Brüdern aus Kalabrien (Italien) geführt wird.

Primo (Tony Shalhoub) und Secondo (Stanley Tucci, ebenfalls Co-Regisseur) unterscheiden sich in ihren Ambitionen und Überzeugungen, aber sie verbindet ihre Liebe zum Essen und die Freude am Kochen für andere. Primo kämpft darum, an seiner italienischen Identität festzuhalten, während Secondo bereit ist, Kompromisse einzugehen, um den amerikanischen Traum zu verwirklichen. Der Versuch, die Amerikaner dazu zu bringen, authentisches italienisches Essen zu schätzen und gleichzeitig ihre Bank und Konkurrenz in Schach zu halten, wird zur Herausforderung.

Das „Paradise“ ist einer dieser Orte wie Marcella’s, stehengeblieben in der Zeit. Es muss sich an die amerikanische Idee eines italienischen Restaurants anpassen. Oder sollte es das wirklich? Das ist die große Frage, die „The Big Night“ stellt.

Beziehungen

Die drei Frauen im Film, gespielt von Minnie Driver, Allison Janney und Isabella Rossellini, bilden die Grundlage der Geschichte. All ihre Szenen sind mit Finesse geschrieben. Durch sie werden die Konflikte aufgeworfen und dann diskutiert. Der Antagonist Ian Holm (Bilbo Beutlin aus Der Herr der Ringe) liefert eine Liebes-/Hassfahrt. Er ist der Bösewicht, der aus guten Beweggründen handelt; meint er jedenfalls! Es ist herzerwärmend im Film zu sehen, wie sich die Brüder trotz ihrer Unterschiede gegenseitig unterstützen.

Timpano

In der Handlung veranstalten die Brüder ein großes Fest in ihrem Restaurant und servieren ein italienisches Vier-Gänge-Menü. Sie zeigen ihr Fachwissen und gießen ihr Herz in jedes Gericht, das sie für ihre Gäste kochen.

Das Hauptgericht ist „Timpano“, eine gebackene Pasta, die mir das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Es ist eine visuelle Freude und ich bin zuversichtlich, dass es auch den Gaumen verwöhnen wird! Hier gibt’s einen Vorgeschmack:

Quelle Titelbild: YouTube, Titelbild: © Allstar

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COVID-Filmreisen: Keepers – Die Leuchtturmwärter

Drei Leuchtturmwärter auf den abgelegenen Flannan-Inseln finden einen versteckten Koffer mit Gold, was zu ihrem mysteriösen Verschwinden führt.

Von Kathir Sid Vel


COVID-Filmreisen: 2020 ist für fast alle ein seltsames und hartes Jahr. Mir haben Netflix und Amazon Prime durch die Zeit geholfen und mich aufgemuntert. Gleich zu Beginn des Lockdowns stieß ich auf eine App namens JustWatch, die großartig darin ist, auf Grundlage meiner Abos, meines Geschmacks und des bereits Gesehen passende Filme zu empfehlen. Ich habe eine große Anzahl Juwelen ausgegraben, die in Netflix und Amazon Prime versteckt waren. Einige der besten Filme, auf die ich im vergangenen Jahr stieß, werde ich in dieser Reihe dokumentieren und diskutieren. Teil 1: Keepers – Die Leuchtturmwärter von 2018.

Auf diesen Film bin ich ich in einer Facebook-Gruppe schottischer Filmemacher gestoßen und er hat mich direkt fasziniert. „Leuchtturmwärter auf einer abgelegenen schottischen Insel, die gegen Gier und Paranoia kämpfen“ – ein perfekter Regentagsfilm.

Es ist schade, dass der Film nie in Kinos in meiner Nähe ankam – scheinbar war die Nachfrage zu gering. Außerdem erlangte zu der Zeit ein anderer Film, nämlich Der Leuchtturm (2019) von Robert Eggers mit Willem Dafoe und Robert Pattinson in den Hauptrollen, Popularität und Medienaufmerksamkeit. Beide Filme haben gemeinsame Themen – Leuchtturm auf einer Insel, historisches Stück, Psychothriller, Paranoia, Wahnsinn, tote Vögel, Sturm und sowas – die Liste ist lang!

Endlich bekam ich die Gelegenheit und sah mir Keepers – Die Leuchtturmwärter (OT: The Vanishing) bei Now TV (Sky Cinema) an. Mir gefielen die atmosphärische Ästhetik des Films und die transportierte Stimmung. Da ich in Schottland lebte und einige abgelegene Inseln und Leuchttürme besucht hatte, wusste ich die realistische Darstellung des Films zu schätzen.

Die Geschichte ist eine Analyse der menschlichen Natur. James (Gerard Butler), Thomas (Peter Mullan) und Donald (Connor Swindells) kommen aus rauen Verhältnissen. Das Leben im entlegenen Schottland des Jahres 1900 muss hart gewesen. Die drei hatten mit Geldproblemen und Trauer zu kämpfen und waren gesellschaftlich isoliert. Die Leuchtturminsel war wahrscheinlich der einzige Ort, an dem sie Ausflucht finden konnten. Dies demonstrieren sonnige und fröhliche Szenen zu Beginn der Geschichte.

Kann ein Hauch von Glück in den Weiten des Elends verweilen? In dieser Geschichte zumindest löst es schlechte Entscheidungen aus, die in Todesfällen und Traumata gipfeln. Es war erfrischend, Gerard Butler in einer, sagen wir, geerdeten Rolle zu sehen. Betrachtet man sein Profil von Rotten Tomatoes, erreichen nur zehn seiner Filme etwa 60 %, und Keepers steht davon auf Platz sieben. Peter Mullan hingegen ist zweifellos einer der besten Schauspieler unserer Zeit und sein Talent sollte mehr Anerkennung finden. Er überzeugt mit Leichtigkeit. Wahrscheinlich die einzige Figur, die in der Geschichte nichts zu verlieren hat, ist seine Rolle, Achtung, Spoiler, auch die einzige, die überlebt und lernt, die Last der Traurigkeit zu tragen.

Ich habe über das mysteriöse Verschwinden der Leuchtturmwärter auf den Flannan-Inseln gelesen, bevor ich diesen Film sah. Die wirkliche Lebensgeschichte, das Mysterium, gab dem Film einen Kontext. Ich konnte nachvollziehen, warum im Film bestimmte Dinge geschahen und welche Überlegungen möglicherweise dahinterstanden. Ich bin mir nicht sicher, ob das auch bei jemandem der Fall wäre, der den Film ohne Hintergrundinformationen anschauen würde. In den Anfangsszenen gab es wahrscheinlich eine Text-Einblendung dazu, aber Regisseur Kristoffer Nyholm und die Drehbuchautor*innen Celyn Jones und Joe Bone hätten eine weitere am Ende des Films hinzufügen können, statt ihn plötzlich und abrupt enden zu lassen.

Doch Keepers – Die Leuchtturmwärter hat das Herz an der richtigen Stelle. Es gibt in der Geschichte einige emotionale Einschläge, die vielleicht nicht stark genug sein mögen, um das Publikum gänzlich zu überwältigen, mich jedoch mit dem Wunsch nach mehr zurückließen.

Tipp: Sie ihn dir den Film einem tristen, regnerischen Tag an.

Ein Trailer:

Quelle Trailer: YouTube, Titelbild: © Saban Films

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Über hundert Independent-Filme gratis im Stream

Vom 16. bis 18. Oktober schon etwas vor? Wenn ja: am besten absagen, denn das Free Independent Film Weekend hält genau, was der Name verspricht.


Bei postmondän werden ja selten Ankündigungen geteilt, aber wir sind froh, diese hier verbreiten zu dürfen: Vom 16. bis 18. Oktober sind beim Free Independent Film Weekend 110 Independent-Filme per Stream zu sehen, die sonst nur schwer zu finden sind. Filme aller Genres, aus 34 Produktionsländern, kostenfrei, ohne Registrierung.

Das komplett umkommerzielle Festival, das bereits zum zweiten Mal stattfindet, wurde ins Leben gerufen, um Independent-Filme einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Viele der teilnehmenden Filme sind außerhalb des Zeitraums nur auf kleinen lokalen Festivals oder Filmbörsen zu finden und werden in dem Zeitraum einmalig weltweit zugänglich gemacht.

Die Plattform des Festivals ist ihre Facebook-Seite. Hier sind zur Übersicht in durchnummerierten Postings alle Filme von 110 bis zurück zur 1 mit Informationen zu finden. Im Festival-Zeitraum wird jeder Post um einen Link ergänzt, über den der Film direkt anzusehen ist. Das Festival ist interaktiv und wir haben uns durch Mitorganisator Thomas Goersch dort auch ein bisschen hineinziehen lassen: Wer Kontakt mit den teilnehmenden Regisseur*innen aufbauen möchte, kann das einfach hier in den Kommentaren schreiben.

Wer einfach nur Filme anschauen möchte, findet diese hier.

 

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Filmemacherin und Enfant Terrible Malga Kubiak im Interview

Malga Kubiak ist ein Gesamtkunstwerk. Filmregisseurin, 70 Jahre alt, Schauspielerin. Aus Polen stammend, schwedische und polnische Staatsbürgerschaft, Weltenbürgerin. Enfant terrible, Aktivistin, Kämpferin für LGBT und Sexualität. In keiner Art und Weise irgendwie einzuordnen. Für viele Menschen nicht zu verstehen und von Künstler*innen und der Bohéme vergöttert. Ihre Filme werden nicht im großen Sinne vertrieben, sondern einem handverlesenem Publikum auf Festivals gezeigt und manchmal macht der polnische Staat gegen die Filme Front.

Ein Gastinterview von Thomas Goersch


Malga, du bist in erster Linie Filmregisseurin?

Ich war noch nie im traditionellen Film Sinne an einem Set. Natürlich habe ich Filme gesehen, verschiedene Filme, natürlich liebe ich Regisseure, wenn sie mich intellektuell entwickeln. Die traditionellen Filme langweilen mich, ich schaue diese einfach nicht an. Für meine eigenen Filme habe ich kein Budget, daher muss ich für alles etwas Besonderes machen, ich muss den Film auch produzieren. Meine Arbeit entwickelt sich immer noch: Meine Kameras werden immer besser, ich hatte früher Skripte, meine Skripte waren für die literarischen Dialoge und selten auch für Aktionen. Ich plante natürlich Maßnahmen wie: Sex, Essen, Tod, Selbstmord, Gewalt, Tanz. Aber es waren auch keine klassischen Drehbücher. Ich kaufe so viele Kostüme für die Filme, ich sammle Kostüme und Requisiten, deshalb ist mein Haus voll.

Und manchmal reise ich mit all den Kostümen durch die Welt wie zum Beispiel nach Marokko für den Film „PPPasolini“. Wir haben dort einen fantastischen Film gedreht, es ist sehr traurig, dass ich gute Filme drehe, aber nicht so talentiert bin beim Vertrieb der Filme. Wir hatten eine große Premiere, aber Vimeo erlaubte den Film nur mit gesperrtem Passwort aufgrund von Szenen, die Vimeo nicht zulässt. Einmal hatte ich „fast“ eine Option für NETFLIX,  die sich für „PPPasolini“ interessierten. Die wollten aber eine normiertes Drehbuch haben, das ich nicht liefern konnte, und da ging mir einfach die Luft aus.

Deine Filme sind provokant: Sexuell und politisch auch angreifend. Wie kommst Du damit in Polen zu recht?

Ich bin ein totaler Außenseiter, ich weiß nichts über das polnische Filmgeschäft, ich schaue sehr selten polnische Kinematografie, ich mag diese nicht so sehr. Aus verschiedenen Gründen. Meine Filme sind schwedische Filme (ich habe die doppelte Staatsangehörigkeit). Meine Produktion ohne Budget liegt in Schweden. Ich hoffe, schwedische Filme würden mich besser schützen, wenn Polen als Staat versuchen würde, mich zu verfolgen. Natürlich habe ich traurige Erfahrungen. Als ich einmal „Federico Garcia Lorca Noir Despair“ auf einem großen Filmfestival in Polen gezeigt habe, haben sie mich wegen ‚schwuler Pornografie‘ angeklagt.

Meine Familiengeschichte gibt mir hier etwas Schutz: Mein Vater Tadeusz Kubiak (1924-1979) war ein bekannter polnischer Dichter, er hatte großen Einfluss auf mich. Meine Mutter war die Theaterbühnen- und Kostümdesignerin Danuta Kubiak (1926-2012), auch nicht ohne Einfluss. Ich habe meine Kindheit und frühe Jugend während der Produktionen an Oper und Theater verbracht und diese von Grund auf bis zur Premiere gesehen. Ich habe meine Schule gehabt.

Der Damiecki-Schauspieler-Clan ist auch meine Familie, der seit den 1930er Jahren bis heute bekannt ist. Dobieslaw Damiecki (1899-1951) war mein Großvater väterlicherseits. In Polen bedeutet familiäre Herkunft sehr viel. Ich hoffe, meine doppelte Staatsangehörigkeit hilft mir auch.

Wiktor Morka, der Chef des LGBT-Filmfests Polen, musste mich nach 2015 von den Vorführungen außerhalb der Hauptstadt entfernen – nachdem ich „PPPasolini“ in anderen Städten gescreent hatte. Ich kann nicht einmal erklären, warum genau er Probleme mit meinen Filmen bekam, die die Sexualität meiner Protagonisten erforschen. Ja, die Sexszenen in meinen Filmen sind ziemlich wild, ich mag sie so. Ich habe eine schlechte Meinung vom Pornografen (ich bin nicht derjenige), aber keine rechtlichen Probleme. Aber natürlich halten sie mich vom Fernsehen oder von einem großen Publikum fern.

Auch im westlichen Ausland werde ich nicht immer akzeptiert. Ich kann dir nicht sagen, warum die Berlinale mich nicht akzeptiert hat. Sie haben mich nie akzeptiert, nur einmal führte mich Berlinale im Forum des Festivals vor, meine „Ego Trip Collection“, die über Negative Land und andere Videotheken in Berlin verliehen und verkauft wurde. Ich weiß nicht, wie mich die Berlinale gefunden hat, da ich mich nicht beworben habe, fragten sie mich. Ich wollte persönlich mitmachen, kam aber nie an. Ich war so glücklich und aufgeregt, bekam Reisegeld vom schwedischen SFI-Filminstitut, als ich die Institution anrief, es ging alles sehr schnell, ich ging mit meinem Mann aus und wir waren völlig betrunken … Es war einer dieser billigen Flüge, ich hatte dann noch vor, mit dem Zug zu fahren, und ich habe es da total versaut.

Du hast auch in Deutschland gearbeitet, an den Underground-Filmen Carl Andersens. Wie war diese Zeit?

Es war ungefähr 1992. Ich kann mich nicht erinnern. Die Zusammenarbeit mit Carl Andersen war fantastisch! Er fand mich durch meine „The Ego Trip Collection“ im Negativeland (Videogeschäft in Berlin), wo er arbeitete, und er bat mich, in seinem Film mitzuwirken. Ich stimmte direkt zu und reiste nach Berlin, um ihn zu treffen, danach spielte ich in fünf seiner Filme mit. Unsere Zusammenarbeit war überragend, ich bekam einen Schlüssel zu seiner Wohnung und das kleinste Zimmer gehörte mir. Ich konnte ankommen, wann immer ich wollte. Als meine Mutter alt wurde und an den Rollstuhl gefesselt war, musste ich aufhören, nach Berlin zu reisen und meine Filmarbeiten auf Warschau und Stockholm beschränken.

Meine Mutter war sechs Jahre in diesen Zustand, bis sie starb. Ein halbes Jahr später starb Carl. Ich habe auch in Carls Theaterstück mitgespielt und es war großartig, wir haben 17 Vorstellungen im BrotFabrik-Theater gegeben. Ich habe Carl nach Warschau eingeladen, aber er hatte Agoraphobie und verließ Berlin nie, er verließ den Prenzlauer Berg auch nicht gern, nur als wir zum Haus seines Freundes zum Filmen an den See fuhren. Bevor ich Carl kennengelernt habe, habe ich über ein Jahr in der französischen Theatergruppe Respublica gespielt. Wir waren in Brüssel ansässig. In den 80er Jahren hatte ich auch eine Performance-Gruppe meines eigenen DS Art Ensembles in Göteborg, Schweden.

Du arbeitest so viel. Woher bekommst du den Antrieb?

Meine Libido ist meine gegnerische Kraft – sie ist die führende Kraft in meinem Leben. Alles, was in meinen Filmen passiert, wird durch sie beeinflusst. Zum Zeitpunkt meiner Geburt gab ich meine Karriere zum ersten Mal auf (die Hebamme schob mich aus dem Mutterleib und nannte mich eine Tänzerin, vielleicht eine Ballerina) und später bei der Geburt meiner Kinder. Ich gebar meine Tochter, als ich 18 Jahre alt war, ganz öffentlich im Universitätsklinikum, beobachtet von einer Gruppe von Mädchen. Damals wurde ich eine starke Frau.

Du bist dieses Jahr 70 Jahre alt geworden.

Oh, mein Alter. Ich habe immer noch nicht bemerkt, dass ich alt geworden bin. Ich habe nie in die Zukunft geschaut oder Pläne gemacht. Ich habe immer in der Gegenwart gelebt, mit diesem riesigen Gepäck der Vergangenheit, das Hunderte von Jahren zurückreicht. Heute habe ich in meinem Privatleben keinen Sex und die maximale Menge an Sex in meinem Arbeitsleben, das Maximum, das durch die Filmbeschränkungen und die Bereitschaft der Schauspieler und Schauspielerinnen – meiner Mitarbeiter – bestimmt wird. Natürlich hätte ich gerne mehr.

Ich fühle mich oft wie ein männliches Pronomen, besonders beim Schreiben. Zu der Zeit, als Sex meine Nummer eins war, fühlte ich mich wie ein Mann und ich fühlte mich wie eine Frau. Meine Mutter war eine Art Zwitter. Mein Vater war Dichter. „FGLND“ („Federico Garcia Lorca Noir Despair“) wurde Ende Oktober auf dem Pornofestival Berlin 2019 gezeigt. Der Film hatte seine Premiere auf der New Horizons IFF 2013 im Bereich Third Eye. Es gab viel Aufsehen, aber keine Belohnung und keine Bewertung, außer der von der Directors Guild of Poland, nach der ich „eine ekelhafte schwule Homosexualität“ manifestierte, genau wie Alain Guiraudie, der den FIPRESCI Award für „Stranger am See“ während des gleichen New Horizons Festivals.

Es war eine großartige Auszeichnung für mich, meinen Film und mein Team. Nach dem FIPRESCI-Preis verschwand die Überprüfung durch die Directors Guild of Poland. Für mich war es jedoch ein Akt der Rebellion, ob Sie es glauben oder nicht. Der sprachliche Pluralismus ist mir wichtig; nicht alles kann auf Polnisch ausgedrückt werden. So ist mein Geisteszustand. Ich bin wahrscheinlich durch das Gepäck meiner Erziehung belastet. Mein Geist und mein Gehirn bestimmen meine Sexualität mit der Rückkopplungsschleife in Form von Lust, Anziehung, Verlangen und Emotionen. Mein Gehirn war schon immer meine Priorität; mein Intellekt, meine Libido.

Der Drang zu schaffen ist absolut, es gibt fast keine Angst. Gut, ich habe Angst, zum Zahnarzt zu gehen, vielleicht wegen der körperlichen Nähe. Ein Fremder, der in mein Inneres schaut, bohrt, gräbt, zieht und bohrt sich in meinem Kopf, so nah am Gehirn. Wenn ich gegenüber Zahnärzten die gleiche Einstellung hätte wie gegenüber dem sexuellen Akt, wären meine Zähne auf mir, aber es ist, was es ist, und es ist schlecht. Im Moment ist mein Sexualleben auch ganz unten. Ich liebe meine Schauspieler und Schauspielerinnen, die mich spielen. Der Drang zu schaffen ist absolut und er ist gewachsen.

Mein neuester Film von ist „EPOKALIPSA“ (2019). Er wurde nur auf dem LGBT-Filmfestival gezeigt, im April 2019 in Warschau. Ich hatte gehofft, es beim Pomada Queer Festival 2019 wieder zu zeigen, aber dieses Jahr wird es keine Pomada geben. So traurig.


Vom 16. bis 18. Oktober kann man Malga Kubiaks Filme „Federico Garcia Lorca Noir Despair“ über das Leben des Schriftstellers Lorca und „Sweet Secrets – Tribute to Carl Andersen“ beim Online-Festival „Free Independent Film Weekend“ kostenlos anschauen. Bei diesem Festival werden 110 Filme aus 34 Ländern gezeigt und Independent-Filme einem größeren Publikum zugänglich gemacht.


Thomas Goersch verkörperte weit über 200 Rollen in Kino-, Musikvideo- und Independent-Produktionen. Wegen seiner Vielschichtigkeit und seines Interesses an verschiedenen Genres engagierte man ihn wiederholt für ausländische Filmproduktionen, welche nicht selten einen stark künstlerischen oder experimentellen Ton aufweisen. Daneben ist er dem deutschsprachigen Fernsehzuschauer seit vielen Jahren als Moderator beim Verkaufssender 1-2-3.tv bekannt.

 

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The Dune

Eine Art Film-Review.

von Jens Marder


Dünebarkeit? Offenbar nicht, denn Frank Heiberts Wormbuilding-Klassiker ist primär ein Epos, zumindest der Seitenzahl nach zu urteilen (gelesen habe ich die Scanvorlage nicht). Daher scheint es wenig förderlich, ein derart umfangreiches, grandioses, geradezu monströses Larger-than-Narrativ auf einen dreiminütigen Flick reduzieren zu wollen. Natürlich ist es ein origineller Ansatz, doch ob der Werbefilmer Villeneuve damit die harte Fanbase mehr überzeugt als seinerzeit der berüchtigte Versuch (bzw. Irrtum) von Davin Lynch, bleibt abzuwarten (bzw. zu bezweifeln).

Vom starken Storytelling und anspruchsvollen Beziehungsgeflecht der Charaktere ist in Denis Villeneuves neuem Machwerk jedenfalls nicht viel übrig. Nach seinen ebenfalls recht kurz geratenen Thrillern The Prisoner und The Sicario dringt der zweifelsohne begabte Franzose nun ins Herz der Avantgarde vor. Hektische Schnitte und kryptische Dialoge aus dem Off machen das arg fragmentierte Dekonstruktierchen zu einem intensiven, zumal sehr dichten Gewöhnungsbedürfnis. Es gibt Gastauftritte von Dave Bautista und Jason Mamoa, die sich beide offenbar aufs -a versteift haben. Und dass Oscar Isaacs nicht von Science-Fiction lassen kann, wäre noch löblicher, wenn er nicht ständig etwas vergessen würde (vgl. Rasur).

Als Hauptdarsteller hat man einen naiven Hänfling gewinnen können, dessen kanadisch klingender Nachname einen wertvollen Hinweis liefert – doch worauf? Zu Fragezeichen aus Fleisch und Blut verkrüppelte Zuschauer auf der Suche nach zu verlierender Zeit finden lediglich drei Minuten Filmmaterial vor und drängen sogleich auf jede Menge Antworten, ohne vorher die Fragen formuliert zu haben: Warum besteht der crowdpleasende Twisthuberwurm am Schluss darauf, The Big Lebowski genannt zu werden? Wer sind die grazil an Nylonfäden heruntergelassenen Neonazis, die einen maximalinvasiven Eingriff in das Grundnahrungsmittel Augenbutter planen? Und wäre es nicht effizienter, den Film wenigstens etwas zu strecken, damit die recht aufwendigen KGB besser zur Geltung kommen? Fun Fact: Dass Haus Zimmer nach meisterlichen Osten zu Twistopher Nolans Incepticon und Intrastellar gen The Dune abgewandert ist, wird unzweifelhaft als einer der massivsten Ofenschüsse in die Film- und Kinogeschichte eingehen – denn Villeneuve hat nur Zeit für einen einzigen Song, und der ist weder von Zimmer noch von dieser Welt.

In der Kürze liegt die Würze und in der Düne liegt der Hüne: Wie eine ins Fischnetz gegangene Lochbox lenkt Uncanny Ville ganz Arrktis in groteske Vistas. Schräge Ufos werden von Ed Wood höchstpersönlich in der Trashschwebe gehalten, ambitionierte Hyperlibellen umschwirren das Sandzeitkontinuum und animatronische Sonnenstrahlen beschleunigen den Frementierungsprozess. Seit jeher auf künstliche Beatmung angewiesen, gehen die indigenen Blaualgen vor Tremorpauls Ruckelphantasmen in die (unmerklich, aber umso fester gezwickten) Knie. Fazit: Independence Day meets Langoliers mit PS5-Grafik und Drohblickverlängerung via Schwert.

1 von 5 Sternen

There is an English version of the review at 366 Weird Movies available, which Jens Marder published under his real name.

Titelbild: © 2019 Warner Bros. Entertainment Inc.

 

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„Die einzige Heilung von Ängsten ist, sich ihnen zu stellen“ – Lars Eidinger im Interview

Der Jude Gilles (Nahuel Pérez Biscayart) kann seiner Exekution entkommen, indem er vorgibt Perser zu sein. Diese Lüge rettet ihn und bringt ihn doch weiter in Gefahr. Gilles wird beauftragt SS-Offizier Koch (Lars Eidinger) Farsi beizubringen – eine Sprache, die Gilles nicht spricht und nun Wort für Wort erfinden muss. Mit seinem Film „Persischstunden“ fordert Regisseur Vadim Perelman sein Publikum heraus. Dass dies auch schmerzhaft für ihn als Schauspieler war, erzählt uns Lars Eidinger im Gespräch.


Herr Eidinger, für Regisseur Vadim Perelman waren sowohl Sie als auch Nahuel Pérez Biscayart seine erste Wahl für die Besetzung der Protagonisten Koch und Gilles. War Ihnen das auch sofort klar?

Dass ich die erste Wahl bin? (lacht)

Dass Sie Koch spielen möchten?

Das war mir klar, nachdem ich das Drehbuch gelesen habe. Selten habe ich ein Buch gelesen, das mir so eingeleuchtet hat. Ich dachte, wenn man diesem Thema begegnen will, dann ist das die adäquate Form. Ich bin inzwischen sehr vorsichtig, was Drehbücher angeht, die in der Zeit des Nationalsozialismus spielen. Hier besteht oft die Gefahr, dass man Geschichte verharmlost, banalisiert oder vielleicht sogar verfälscht.

Was genau hat Sie an diesem Drehbuch angesprochen?

Es ist ein genialer Kunstgriff, eine Verbindung zweier Menschen über eine Sprache zu erzählen, die einer der beiden nur erfindet. Dass sie sich in dieser Sprache treffen und eine Intimität entsteht. Gleichzeitig macht er uns bewusst, was Sprache – und auch Religion und Nationalität – eigentlich ist. Etwas, das von Menschen gemacht ist. Und umso absurder ist es, jemanden dafür zu verurteilen.

Kann denn Kochs und Gilles‘ Beziehung wirklich auf Augenhöhe stattfinden?

Ja, auf einer emotionalen Ebene. Aber natürlich ist die Beziehung auch ein Missverständnis. Einmal, weil die Sprache gar nicht existiert. Aber auch, weil diese Sprache für beide eine unterschiedliche Bedeutung hat. Koch erzählt zwar, dass er die Sprache lernen will, weil er ein Restaurant in Teheran eröffnen möchte. Ich habe es mir jedoch so konstruiert, dass Koch sich in eine Perserin verliebt hat. Für mich als Klaus Koch war dieses „Fake-Farsi“ somit die Sprache der Liebe und für Gilles die Sprache des Überlebens. Bei dem einen geht es um Liebe, bei dem anderen ums Leben. Insofern missverstehen sie sich und begegnen sich gar nicht.

Nahuel Pérez Biscayart und Lars Eidinger in Persischstunden, © Alamode Film

Das „Fake-Farsi“ ist zwar die Sprache der Liebe und des Überlebens. Aber doch auch der Toten …

Ja, das Besondere an dieser Sprache ist, dass sie sich aus den Namen der Insassen speist. Gilles kann die Vokabeln nicht aufschreiben, da er vorgibt, die Sprache zu kennen. Er orientiert sich also an den Namen auf den Listen. „Ich“ heißt beispielsweise „il“, wie Gilles, und „duheißt „au“ wie Klaus.

Und ausgerechnet durch diese Sprache kann sich Koch öffnen.

Meine Figur wird eingeführt als jemand, der Schwierigkeiten mit der Sprache hat und im Deutschen stottert. Kochs Aggression und Dominanz haben viel damit zu tun hat, dass er seine Ängste und Minderwertigkeitskomplexe kompensiert. Diese kommen auch durch das Stottern zum Ausdruck. Das „Fake-Farsi“ ist eine Sprache, in der er plötzlich frei ist.

Inwiefern wird Koch frei?

Koch befürchtet die ganze Zeit, dass man sich über ihn lustig macht. Somit, glaube ich, ist es kein Zufall, dass er jemandem begegnet, der das tatsächlich tut und ihn hintergeht. Diese Person erklärt er zu seinem engsten Verbündeten. Und in letzter Konsequenz weiß Koch sogar, dass er belogen wird. Aber er spielt dieses Spiel mit. Auch Gilles weiß, dass Klaus Koch weiß, dass Gilles ihn betrügt. Beide spielen mit. Das ist wie eine Vereinbarung. Ich fand es interessant, zu behaupten, dass das die eigentliche Intimität ist: das Teilen eines Geheimnisses.

Warum lässt sich Koch hintergehen, obwohl das seine größte Angst zu sein scheint?

Ich glaube, weil die einzige Heilung von Ängsten ist, sich ihnen zu stellen. Ihnen nicht aus dem Weg zu gehen, sondern sich mit ihnen zu konfrontieren.

„Konfrontieren“ ist ein gutes Stichwort. Als Zuschauer*in wird man mit dem Menschen Klaus Koch konfrontiert und kann ihm nicht den für Zuschauer*innen erlösenden Stempel „typischer Nazi, abnormal, böse“ aufdrücken, aber ihn auch nicht als glückliche Ausnahme freisprechen.

Das stimmt.

Wie haben Sie die Figur Koch mit sich und dem Regisseur Vadim Perelman verhandelt?

Wahrscheinlich ist „Konfrontation“ hier wirklich das richtige Stichwort. So versuche ich, allen Figuren zu begegnen. Ich glaube, das ist der Schlüssel. Sowohl für mich als auch für den Zuschauer, eine Erkenntnis zu gewinnen. Man konfrontiert sich mit diesen Figuren und begeht nicht den Fehler, sie von sich wegzuhalten. Denn gerade bei einer Figur wie Koch besteht die Gefahr, zu sagen: „Das hat mit mir nichts zu tun“. Ich glaube, so banal das klingen mag: Es gibt viele Leute, die sich nicht vorstellen können, im Nationalsozialismus auf der Seite der Nationalsozialisten gewesen zu sein. Dabei war es eine Mehrheitsbewegung. Das vergessen die Menschen. Im Nachhinein wird es oft verklärt: „Nazis waren eigentlich nur Hitler, Goebbels, Göring, Himmler. Der Rest waren nur Soldaten, die für sie gekämpft haben.“ Das Gegenteil ist ja der Fall. Und damit muss man sich auseinandersetzen. Es hilft also, zu versuchen, sich in jemandem wie Klaus Koch zu sehen und sich mit ihm zu identifizieren. Dieser Versuch ist natürlich schmerzhaft – auch für mich als Spieler. Es ist immer leichter, sich zu schützen und so etwas von sich wegzuhalten.

Es war sehr bedrückend zu sehen, wie – jetzt hätte ich beinahe menschlich gesagt – aber wie nahbar dieser SS-Offizier gezeigt wird. Menschlich waren und sind ja alle …

Ganz genau, das ist, finde ich, ein interessanter Punkt. Ich habe schon so oft auch im Zusammenhang mit Der Untergang gehört: Man zeige Hitler als Menschen. Das ist doch total abstrus. Natürlich wäre nichts schöner, als die Erkenntnis zu sagen: „Zum Glück, die Nationalsozialisten waren Außerirdische, die sich der Welt bemächtigt haben, und es hat mit uns nichts zu tun.“ Aber die Erkenntnis ist ja, zu sagen: „Das waren Menschen wie du und ich. Das waren wir. Da muss man sich stellen“.

Schon im Geschichtsunterricht bin ich darüber gestolpert, dass gesagt wurde, Hitler habe man am Anfang verharmlost und über ihn gelacht. Die größte Witzfigur unserer Zeit ist Donald Trump, der gefährlichste Mensch. Und ich glaube, es ist an der Zeit, aufzuhören, über diese Menschen zu lachen und anzufangen sie ernst zu nehmen. Und sich ihrer Gefährlichkeit zu stellen.

Wenn man jemanden als Witzfigur abtut, muss man sich nicht ernsthaft mit ihr auseinandersetzen …

Genau, und man erhöht sich und nimmt sich den Impuls zu rebellieren. Der Widerstand oder das Aufbegehren gegen eine Witzfigur verpufft. Ein Feindbild lädt ja viel mehr dazu ein, angegriffen zu werden, als jemand, über den ich lachen kann.

Hatten Sie trotz allem Bedenken, Ihre Figur zu nahbar darzustellen?

Ich war schon überrascht, dass Vadim Perelman der Figur Koch so viel Zuneigung entgegengebracht hat, bis hin zu einer gewissen Sympathie. Es hat, glaube ich, geholfen, dass Vadim Perelman selbst Jude und kein Deutscher, sondern Ukrainer ist, der in Kanada lebt und mit einer Distanz darauf schaut. Vielleicht erlaubt ihm das eher, sich eine Sympathie oder Identifikation einzugestehen. Aber ich denke, dass man solche Figuren gar nicht nahbar genug darstellen kann, eher erhört es den Konflikt. Denn wenn es gelingt, diese Figuren nachvollziehbar zu erzählen, dann ist es für den Zuschauer noch schwerer sie von sich wegzuhalten. Und das ist ja der Anspruch eines solchen Films. Dass der Zuschauer sich erkennt und in einen Konflikt gerät, auch mit sich selbst.

 

Quelle: YouTube

Die Weltpremiere von „Persischstunden“ fand am 22. Februar 2020 als Teil der 70. Berlinale in der Sektion Berlinale Special Gala statt. Am 24. September 2020 ist nun der Kinostart in Deutschland. Der Film von Regisseur Vadim Perelman und Drehbuchautor Ilya Zofin wurde 2019 in Deutschland und Russland produziert und ist 127 Minuten lang.

Vor der Kamera mit dabei: Nahuel Pérez Biscayart, Lars Eidinger, Jonas Nay, Leonie Benesch, Alexander Beyer, Luisa-Céline Gaffron, David Schütter, Guiseppe Schillaci, Antonin Chalon, Mehdi Rahim-Silvioli, u.v.m.

Mehr über Lars Eidinger bei postmondän findet ihr hier.

Titelbild: © Alamode Film

 

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EXIL – Der ewige Fremde? Ein Filmreview

Der intensive Kinofilm EXIL, der ein offenes Drama erzählt, beeindruckt durch seine erschreckende Aktualität.


Für Xhafer (Mišel Maticevic, kennt man aus Babylon Berlin) ist alles klar. Der im Kosovo geborene Chemieingenieur lebt seit Jahren in Deutschland, wo er für alle Zeiten als unfähiger Ausländer, als niemals vollwertiges Gesellschaftsmitglied und Schmarotzer angesehen wird. Seine eigene Schwiegermutter hält ihn, wie er selbst sagt, für einen Kanacken, der ihrer Tochter nicht würdig ist, seine Kolleg*innen (u. a. gespielt durch Rainer Bock und Thomas Mraz) schikanieren ihn mit Streichen und systematischer Ausgrenzung. Bloß seine Frau Nora (Sandra Hüller, kennt man aus Toni Erdmann) denkt anders. Nicht, dass sie ihn unkritisch vergöttern würde oder dass die beiden überhaupt ein gutes Verhältnis zueinander hätten. Aber sie hält es durchaus für möglich, dass er nicht schikaniert wird, weil er Ausländer ist:

„Es kann ja auch sein, dass sie dich als Menschen nicht mögen.“

 

Die Grundfrage des Films von Regisseur Visar Morina (kennt man durch Babai) ist nun, ob ihre Position auf Scharfsinn oder Verblendung zurückgeht. Für beides sprechen Indizien.

© Alamode Film

Filmisch wird das Leiden des seelisch vereinsamten Protagonisten durch schroffe, farblose Bilder, abweisende Kulissen, schwitzende Akteur*innen und eine reaktive, intensive Kameraführung unterstützt, die immer viel zu nah an die unbeholfenen Charaktere heranzoomt. Auch erzählerisch findet Verengung statt, denn man folgt Xhafers benommener Wahrnehmung der Welt, wodurch dramatische Wendungen des Films ungefiltert und unvorhersehbar einschlagen. Ein wenig ratlos lässt EXIL einen durch seine subtile Erzählweise zurück. Einfache Antworten auf die aufgeworfenen Fragen zu Rassismus, Mobbing und Grundfragen des Zusammenlebens bietet der Film nicht an. Aber er liefert ein Komplexitätsbewusstsein. Und auch wenn er nicht leicht zu schauen ist, ist er dennoch für die wichtigen Themen, die er diskutiert, ein großer Gewinn.

Die pandemiebedingte Verschiebung des Starttermins platziert ihn darüber hinaus in ungeahnt aktuellen Stimmungen. Nicht nur liefert er in aktuellen Diskussionen um Alltagsrassismus und -schikanen sowie Racial Profiling einen Beitrag, die er in keiner Weise verharmlost, auch wenn er in seinen Grundfragen mit Tabus spielt. Auch erfuhren Orte wie Xhafers Arbeitsplatz, während der Film im Schrank lag, durch hohe Erwartungen an die Impfstoff-Entwicklung ein unvorhersehbares Comeback kollektiver Zustimmung, wie es dieses Jahr ansonsten nur Coffee-to-go-Becher und eingeschweißtes Gemüse erlebten: Xhafer arbeitet in einem Forschungslabor für Tierversuche.

Quelle: YouTube

Nach seiner Premiere beim Sundance Film Festival im Januar und Vorführungen im Panorama der 70. Berlinale ist EXIL seit dem 20. August 2020 im Kino.

Titelbild: © Alamode Film

 

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Monos – Das Ende der Guerillaromantik à la Che Guevara

Kriegsfilme sind nichts für Kinder, Kriege leider schon.


Und zwar nicht ausschließlich als (zivile) Opfer, sondern auch als Opfer, die selbst zu Tätern werden. Zu Kindersoldaten. Nur wenige Themen sind so hart wie dieses, nur wenige Themen verführen so sehr zu einer rührseligen Erzählung, einfach, weil die Last der Bilder, die zu zeigen wären, anders kaum zu ertragen wäre. Ob als Dokumentarfilm oder als Spielfilm, der Stoff weckt den Wunsch, doch lieber wegzuschauen. Doch gibt es überhaupt eine Möglichkeit, diese Schrecken auf die Leinwand zu bringen, ohne das Publikum zu erschlagen?

Alejandro Landes macht eigentlich Dokumentarfilme, und das merkt man seinem jüngsten Spielfilm „Monos – Zwischen Himmel und Hölle“ auch an. Aber sind es weniger die Bilder, die seinen dokumentarischen Ansatz zutage treten lassen als vielmehr die schonungslose Art der Erzählung.

© trigon-film.org

Extrem nah und mit all den Schrecken der Gruppendynamik im Gepäck begleiten wir einen jugendlichen Guerillatrupp, der irgendwo in den lateinamerikanischen Bergen Militärübungen absolviert und eine Geisel – wir wissen nicht, woher sie stammt – bewacht. Dieses „wir wissen nicht woher, wofür und wohin“ wird mehr und mehr zum roten Faden des Filmes und lässt die Sinnlosigkeit und absurde Brutalität dieser Truppe an – scheinbar wie Marionetten gesteuerten – Jugendlichen, greifbar werden.

Was anfangs noch wie eine seltsame, aber doch mehr oder weniger harmonierende, Einheit wirkt, deren Mitglieder mit Maschinengewehren in der Einöde herumballern und Militärübungen veranstalten, wird mehr und mehr zu einer Gruppe, in der Misstrauen, Angst und Hass an die Stelle militärischer Verbundenheit treten. Die verschiedenen Facetten, die diese Gruppendynamik hat, werden durch die, ausnahmslos großartige, schauspielerische Leistung ihrer acht Mitglieder: Patagrande (Moises Arias), Rambo (Sofia Buenaventura), Leidi (Karen Quintero), Sueca (Laura Castrillón), Pitufo (Deiby Rueda), Lobo (Julián Giraldo), Perro (Paul Cubides) und Bum Bum (Sneider Castro) sichtbar.

Angefeuert wird dieses bizarre Spektakel durch den Ausbilder (Wilson Salazar) der Truppe. Er taucht hin und wieder wie aus dem Nichts auf und trimmt die Jugendlichen. Und während sich in den jungen Soldatinnen und Soldaten auch immer wieder die Jugendlichen zeigen, die sie eigentlich sein könnten, bleibt dieser Ausbilder ganz Soldat, ganz Drill Instructor.

© trigon-film.org

Er scheint seine Rolle nicht nur – wie alle anderen im Film auch – großartig zu spielen und wirkt von mehr als nur den Dreharbeiten und der Maske gezeichnet. Der Eindruck täuscht nicht, er hat eine persönliche Geschichte, die enger mit den Schrecken auf der Leinwand kaum verbunden sein könnte und die zu erzählen den Rahmen des mit Ereignissen tendenziell überfüllten Filmes sprengen würde. Nur so viel, indem Regisseur Alejandro Landes Wilson Salazar als Schauspieler engagierte, hat er einmal mehr seine Wurzeln als Dokumentarfilmer offengelegt.

Mit seinem Film „Monos – zwischen Himmel und Hölle“ gelingt es Landes nicht nur, den Horror einer tötenden Gruppe von Kindersoldaten authentisch, aber dennoch konsumierbar auf die Leinwand zu bringen, es gelingt ihm auch endgültig mit dem durch eine gewisse Che-Guevara-Romantik verklärten Mythos der Guerilla-KämpferInnen aufzuräumen. Nach diesem Kinoerlebnis ist man nicht nur tief bewegt, man ist auch wütend ob der Menschen, die glauben, es gäbe Kriegshelden, bedingungslose Kameradschaft oder edle Guerilla-Krieger, die zu Schlüsselanhängern und Rucksackaufnähern taugen.

Ein schwer verdaulicher, aber großartiger Film, der als kompromisslose Aufforderung zur Gewaltfreiheit gesehen werden kann.

„Monos – zwischen Himmel und Hölle“ feierte beim Sundance Film Festival 2019 Premiere und ist seit dem 4. Juni 2020 in deutschsprachiger Fassung (OmU) im Kino.

Titelbild: © trigon-film.org

 

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We all love Ennio Morricone

Seine Filmmusik war so prägnant, dass sie berühmter wurde als die Filme, für die sie bestimmt war. Und auch darüber hinaus ist der Einfluss Morricones kaum zu unterschätzen. Am 6. Juli 2020 ist der zweifache Oscar-Preisträger im Alter von 91 Jahren verstorben.


1966 sollte ein bedeutendes Jahr für den italienischen Western werden. Glaubt man den im Internet kursierenden Gerüchten, dann enthält das Screenplay zu Sergio Leones Filmklassiker „Zwei glorreiche Halunken“ zur berühmtesten Szene des Filmes nur einen Eintrag: „Tuco enters the graveyard.“ Was der Regisseur und der Komponist Morricone dann daraus machten, ist Filmgeschichte: Der Gangster Tuco erreicht in besagter Szene als erster der konkurrierenden Halunken einen Friedhof, auf dem 200.000 US-Dollar in Gold vergraben sein sollen. Er betritt zögernd das riesige Areal, die Vogelperspektive wird eingenommen und zart entfaltet sich das musikalische Thema von „The Ecstasy of Gold“. Immer hektischer und manischer beginnt Tuco zu suchen, die Musik nimmt Fahrt auf, die Kameraführung wird hektischer, die Musik steigert sich in ein nahezu kakaphonisches Finale – und stoppt: Tuco hat das Grab gefunden.

Stimmt die Geschichte nun? Oder entspricht sie dem Bedürfnis einiger YouTuber, den Mythos des genialen Duos Leone/Morricone weiter zu befeuern? Eigentlich ist das nebensächlich, denn sie illustriert nur allzu gut, wie Morricone Filmmusik verstanden hat und was ihn so besonders ausgezeichnet hat: „Der Film muss der Musik Zeit geben“ hat Morricone 2003 in einem Interview gesagt. Und so bildete sie auch im Fall von „Drei glorreiche Halunken“ den Ausgangspunkt für die Entfaltung der Handlung. Der Regisseur ließ sogar große Lautsprecher am Set aufbauen, um die Musik während der Dreharbeiten gewissermaßen live abzuspielen. Auch schrieb Morricone vorab Leitmotive für die drei Hauptfiguren des Filmes und wir finden im Film alle der ihm so eigenen Trademarks: Die kojotenhaften Menschenstimmen, die „sägende Gitarre“ und selbstverständlich die schräge Mundharmonika.

So charakteristisch die Eigenheiten der Musik Morricones sind, sind sie doch nie zum Klischee geronnen, weit ragen sie über den Kontext des Films hinaus. Vom Klassikbereich bis in die Independentszene hinein hat Morricone künstlerische Arbeit inspiriert. 2004 interpretierte der Cellist Yo-Yo Ma Kompositionen Morricones, Mark Knopfler und Radiohead berufen sich explizit auf ihn und auch ohne das berühmte Mundharmonikaintro bei jedem Muse-Konzert wäre der Einfluss auf das immer im Set folgende „Knights of Cydonia“ unverkennbar. Spätestens durch die Zusammenarbeit mit Quentin Tarantino findet Morricones Musik wieder den Weg auf Hollywoods Filmbühne, 2016 erhält er den längst überfälligen regulären Oscar für „The hateful Eight“. „Wenn’s nach mir ginge, müsste ich alle zwei Jahre den Oscar kriegen“, hatte er einmal gesagt.

Quelle: YouTube

Am Dienstag ist der gebürtige Römer, der wortwörtlich an hunderten von Filmen mit Größen wie Petersen, Polanski und De Palma gearbeitet hat im Alter von 91 Jahren gestorben.
Gespielt wird er inzwischen nicht nur vor Konzerten von Metallica, sondern längst auch in den großen Konzertsälen. Vielleicht bringt es ein Tributalbum aus dem Jahr 2007 am besten auf den Punkt: We all love Ennio Morricone.

Titelbild: Ennio Morricone im Jahr 2013, © Gabriel Molina

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