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Prophetische Odyssee – Brad Mehldau

Mal im Quartett, mal im Trio, mal als Zusammenarbeit mit einem Mandolinenspieler, mal Cover-Versionen von Radiohead-Songs … Vielleicht ist diese Unberechenbarkeit einer der Gründe, warum Brad Mehldau in den letzten beiden Jahrzehnten als eine der prägendsten Gestalten des zeitgenössischen Jazz gefeiert wird. Nun ist „Finding Gabriel“ erschienen, das 25. Werk des Musikers.

Ein Gastbeitrag von Stefan Weigand


„Anything goes“ – so lautet der Titel eines der frühen Alben von Brad Mehldau; die Wendung könnte als Symbol für die Freiheit und Wandlungsfähigkeit des Jazz-Pianisten stehen. Jedes Album, bei dem er als Solist oder als Bandleader zeichnet, ist eine Überraschung. Nachdem der amerikanische Pianist sich zuletzt den Werken von Johann Sebastian Bach gewidmet hat, unternimmt er mit dem neuen Album eine Art Odyssee zu bzw. mit den biblischen Propheten. „The Garden“ lautet der Titel des ersten Songs – ein Beginn im Garten Eden. Von dort nehmen die insgesamt zehn Stücke den Hörer mit zu Werken, die sich Versen aus Ijob, Kohelet, Hosea oder den Psalmen widmen.

Von wegen Paradies!

Was vermeintlich paradiesisch beginnt, bekommt schnell eine düstere Färbung: „Denn nicht aus dem Staub geht Unheil hervor, nicht aus dem Ackerboden sprosst die Mühsal, sondern der Mensch ist zur Mühsal geboren, wie Feuerfunken nach oben fliegen.“ – Das zweite Stück auf dem Album trägt den Titel „Born to Trouble“ und greift die Gesellschafts-Kritik des Kohelet-Verses auf.

„Build that wall!“ Es hätte vielleicht gar nicht das eingespielte Zitat von Donald Trump zu Beginn des Songs „The Prophet Is a Fool“ gebraucht, um klarzumachen: Wenn Mehldau biblische Texte aufgreift, geht es ihm nicht um eine Reise in die Vergangenheit oder um Textanalyse. Das Album ist keine restaurative Reinszenierung biblischer Aussagen; vielmehr zeigt es deren Sprengkraft und Aktualität für die Gegenwart.

Alles aus wie aus einem Guss? Fehlanzeige!

Wer ein durchgängiges und homogenes Album erwartet, wird enttäuscht sein. Alles aus wie aus einem Guss? Fehlanzeige! „Eure Merksätze sind Sprüche aus Staub, eure Schilde aus Lehm.“ Auf Ijob 13 geht „Proverb of Ashes“ zurück, bei dem Mehldau eine Piano-Melodie fast schon komplett mit Pop-Elementen überlagert. Mehldau spielt hier geschickt mit Erwartungshaltungen, indem er den Hörer bzw. die Hörerin sich fragen lässt: Ist das noch dasselbe Album? Sicherheiten, Gewissheiten: Gar nicht so leicht, tragfähige zu finden.

So ähnlich die Themenkomplexe der zugrunde liegenden Bibelstellen sind, auf die Gestaltung der Stücke hat das kaum einen Einfluss. Im Gegenteil: Bei manchen agiert Mehldau als One-Man-Band und spielt alle Instrumente – darunter auch das Schlagzeug, ein Fender-Rodes-Piano oder OB-6-Synthesizer – komplett selbst; andere sind in größerer Besetzung mit Trompete, Saxophon, Streichern, Stimmen, Schlagzeug entstanden. Dabei sind die Gesangspassagen keine Transporteure von Sprache, sondern bilden Melodien und Emotionen ab. Stimmen treten auf wie Instrumente. Mal klingen die Songs wie alte Volksweisen, wie etwa „O Ephraim“, mal sind sie in überbordend-komplexer in Prog-Rock-Manier angelegt.

Bitte keine Eindeutigkeit

Was verbindet ein derartiges Album eigentlich, das musikalisch so vielschichtig angelegt ist? Was macht seinen Reiz aus? Ich denke, es ist erst einmal ein gutes Musikalbum. Es macht einfach Spaß, sich in diese jazzige Mehldau-Welt zu begeben, die sich immer wieder neu erfindet. Von Song zu Song. Wenn es dabei so etwas wie eine Festlegung gibt, dann erfolgt sie auf Ambiguität hin. Das klingt paradox. Dennoch zeigt die Vielseitigkeit der Stücke, dass Eindeutigkeit eben nicht immer automatisch zu Sicherheit führt, dass biblische Verse nie automatisch dieselbe Stimmen tragen. Das veranschaulicht auch die meines Erachtens schwächste Stelle auf dem Album: Dort wo Mehldau die Stimme Trumps in das Stück einmischt, wird die Musik unmittelbar auf eine einzige Bedeutungsebene geplättet. Zum Glück erliegt Mehldau dieser Versuchung sonst nicht auf dem Album und zeigt damit seine musikalische Stärke. Wer Inhalte fahrlässig vereinfachen will, wird der Welt nicht gerecht. Stattdessen gilt es, Komplexität auszuhalten – und zu gestalten. Für diese Überzeugung liefert „Finding Gabriel“ das passende Plädoyer.

Finding Gabriel von Brad Mehldau erschien am 17. Mai 2019 bei Nonesuch Records/Warner.

Coverbild: © Nonesuch Records/Warner

Über Stefan Weigand

Auf die einsame Insel würde Stefan Weigand seine Familie, ein schönes Buch und seinen Plattenspieler mitnehmen. Nach dem Theologie- und Philosophie- Studium in Würzburg und Indien war er zunächst Sachbuchlektor in einem großen deutschen Verlag. Seit mehreren Jahren führt er eine Agentur für Buch- und Webgestaltung und wird als Konzeptionsberater bei Buchprojekten gebucht. An ruhigen Abenden widmet er sich seinem Faible für Kunst, Jazz und Indie-Musik.

Schellenmann – ein Schwäbisch Noir

Philipp Böhms Schellenmann überzeugt vor allem durch seinen sphärischen Schreibstil, der expressionistische Unschärfe erzeugt. Und ein ungewöhnliches Romandebüt freisetzt.


Philipp Böhms Debütroman Schellenmann spiegelt eine Situation, die der Autor und vielleicht auch einige seiner Leser٭innen selbst ganz gut kennen: Die Jugend in einer Kleinstadt geht zu Ende, die wichtigste Lebensentscheidung besteht für einen Moment in der Frage: bleiben oder wegziehen? Das gespiegelte Bild jedoch verzerrt sich durch den Umstand, dass Protagonist Jakob sich fürs Dableiben entscheidet. Statt herauszuwollen und einer Ausbildung nachzugehen, folgt er seinem Freund Hartmann ungelernt in die Fabrik am Stadtrand. Von der er noch nicht einmal genau weiß, was produziert wird, deren Maschinen im ganzen Betrieb fast niemand wirklich versteht und deren Charaktere Böhm ihn in ihren Eigenheiten studieren lässt.

Fremd bleiben sie ihm und den Leser٭innen dennoch. Wie alles fremd bleibt, in dieser Stadt, in die Jakob erst ein paar Jahre vor Einsetzen der Handlung zugezogen ist. Das eigentliche Problem am Bleiben jedoch ist, wie er dann auch erfahren muss, dass um einen herum ja trotzdem vieles wegbricht. Und sei es nur die endende Jugend oder das Wegziehen von Freund٭innen. Bei Böhm wird es noch dramatischer: Selbst die Natur scheint zu protestieren und Jakob forttreiben zu wollen, was dramatische Züge annimmt.

Die Überspitzung dieses Konflikt führt Philipp Böhm auch ein Stück weit ins Fantastische, vielleicht, weil er eine Realität durchspielt, die er selbst hätte wählen können, die ihm dann aber selbst zu abstrakt und unrealistisch erscheint. Ein wertvolles Stilmittel dieser Fantasie ist die von ihm in die Handlung eingefügte Figur des Schellenmanns, die er sich aus der schwäbisch-allemannischen Fastnachts-Folklore leiht. In dieser tritt der Schellenmann, auch „Gschell“ genannt, seit einigen Jahrhunderten als Repräsentant des Sommers und Gegenspieler des Federahannes auf, der den Winter verkörpert. Letzterer soll mit lauten Glocken ferngehalten werden, die ersterer am Körper trägt. Auch in Böhms Schellenmann will ein Sommer nicht enden und hält an, bis selbst die Tiere beginnen, vor sich hinzusterben, und der Schellenmann Realität wird – eine Entscheidung des Autors, die maßgeblich dazu beiträgt, dass man als Leser٭innen mitfühlen kann, wie fremd Jakob, dem Zugezogenen, sein Umfeld eigentlich ist – die Riten, Verspanntheiten und Dynamiken eines verschlossenen Raums.

Der Roman lebt inhaltlich vor allem durch die persönliche Inhaltsebene und seine Porträts der Mikrokosmen Kleinstadt und Fabrik. Die noch größeren Stärken hat das Debüt aber in seinem Sprachstil, der es schafft, einen Farbfilter über die Handlung zu legen. Beschrieben wird so wenig wie möglich, was zum einen ein gewisses Desinteresse der Protagonist٭innen an ihrer Umwelt aufarbeitet, die eben nicht die spannende weite Welt ist, sondern der kleine, bedeutungslose Ort, an dem eben wohnt. Zum anderen setzt es Bilder frei.

Und wo doch etwas beschrieben wird, da ist es karg, unwirtlich und im Grunde auch nicht so richtig beeinflussbar, sondern einfach eine nutzlose Gegebenheit. Wie die Blätter und Zigarettenstummel in der Ecke des Fabrikhofs, die sich nach jedem Fegen neu sammeln oder „zusammgeknüllte Burger-Tüten, Bierflaschen, Umsonstzeitungen, Flip-Flops, Eierkartons“, die den Bach entlangtreiben – „und dann die Eichhörnchen“.

Ein einziges Manko dieses ausgereiften Erzählstils ist, dass die Handlung hinter ihm teilweise nur unscharf und benommen durchscheint und der eigentliche Plot, in dem immerhin auch noch eine Figur spurlos verschwindet, eher hintergründig wird. Das nimmt Böhm jedoch in Kauf, um der über allem schwebenden Warum-Frage und inneren Unruhe des Erzählten auf mehreren Ebenen gerecht werden zu können.

Wo es Schellenmann an Spannung fehlt, springt eine durchdringende Anspannung ein. Philipp Böhms Roman, der sich expressionistisch liest, entromantisiert das Idyll, stellt aber gleichzeitig die Sinnsuche junger Menschen überhaupt in Frage: Wieso löst es so einen starken inneren und äußeren Widerstand aus, sein Glück nicht in Selbstverwirklichung zu suchen, sondern einfach nur zu probieren, sich an dem Ort, an dem man lebt, einzurichten und ein kleines bisschen weniger fremd zu fühlen?

Schellenmann von Philipp Böhm erschien 2019 im Verbrecher Verlag und hat 224 Seiten.

 

 

Jenseits von Eden – Sarah Kuttners Kurt

Blühende Vorgärten, Kaffeegeruch am Morgen, ein Haus im Grünen und ein toter Sohn. Der neue Roman von Sarah Kuttner Kurt beschreibt das eigentlich Unbeschreibliche.


Wie erträgt man es, wenn der sechsjährige Sohn stirbt? Wie geht man mit diesem Schmerz um? Und wie sehr darf man leiden, wie traurig darf man sein, wenn es nicht der eigene Sohn ist? Wenn man nur die Stiefmutter ist, die Mitbewohnerin, die neue Lebensgefährtin des Vaters oder was auch immer? Denn das ist Lena in Sarah Kuttners neuem Roman Kurt. Sie ist die Freundin vom großen Kurt, der seinen Sohn ebenfalls Kurt genannt hat. Und mit dem ist sie gerade erst in ein Haus nach Brandenburg gezogen – irgendwo bei Oranienburg nahe dem Stadtteil Eden. Damit sie beide näher am kleinen Kurt und seiner Mutter Jana wohnen. Sie haben im neuen Haus das Kinderzimmer eingerichtet, Bäume gepflanzt. Der kleine und der große Kurt haben Kieselsäcke in den Garten geschleppt.

Häusliches Unglück

„Und dann fällt Kurt vom Klettergerüst.“ Ein Satz, der sich erst einmal unauffällig einreiht in die Beschreibung der heilen Biedermeier-Vorstadt-Welt und des glücklichen Patchworkfamilien-Idylls. Doch dann wird es dumpf. Ja, es wird dumpf. Anders ist er nicht zu beschreiben – der Ton, in dem das Buch zunächst fortfährt. Lena liest Beerdigungsgesetzestexte und Kurt ist irgendwie nie da. Lässt Lena nicht teilhaben an seinem Schmerz. Lena lässt ihn machen und zieht für ein paar Tage zu ihrer Schwester nach Berlin. Versucht, deren Dachgarten in Schuss zu bringen. Trinkt zu viel. Dabei versteckt die Ich-Erzählerin ihre Fassungslosigkeit über den Tod des kleinen Kurts sowie die Sorge um den großen Kurt hinter flapsiger Ironie und schlagfertigen Sprüchen. Ganz in bekannter Kuttner-Manier. So kommt man nicht umher in der Protagonistin die Autorin zu sehen. Doch diese schafft es in beeindruckender Weise, den Leser٭innen das Gefühl zu geben, etwas zu unterdrücken. Da ist plötzlich irgendwas, das herauswill, aber nicht kann.

Dreck im Idyll

Ja, hier wird ein bekanntes Erzählmittel gewählt: Je glücklicher und bunter das Leben der Protagonist٭innen beschrieben wird, desto härter trifft die Leser٭innen die dramatische Wendung. Doch bei Kurt ist etwas anders: Die Vorstadt-Idylle bleibt und gaukelt vor, alles sei wie immer. Die frisch gepflanzten Bäume im neuen Garten blühen bunt, die Nachbarn grillen an warmen Abenden. Die Protagonist٭innen sind eingesperrt in ein scheinbar friedliches Landleben, das sie nur noch durch einen Schleier betrachten können. Und das auch für die Leser٭innen immer unerträglicher wird. Denn jedes erwähnte Vogelgezwitscher, jeder Sonnenstahl, jeder blühende Baum unterstreicht noch einmal: Es könnte alles gut sein. Warum hat sich der kleine Kurt beim Sturz nicht nur den Arm gebrochen?

Neue Welt

Die Leser٭innen begleiten Lena in ihrer hilflosen Sorge um ihren Freund Kurt und durch ihre Wut auf ihn, dass er seine Gefühle nicht mit ihr teilt. Bis die Protagonistin endlich zu der Erkenntnis kommt, dass auch sie ein Recht darauf hat, so zu trauern, wie es sich für sie richtig anfühlt. Aber die Leser٭innen verfolgen auch eine Beziehung, die erst glücklicher nicht sein könnte in ihrer neu entdeckten Häuslichkeit und plötzlich am Schmerz zu zerbrechen droht. Dabei schafft es Kuttner immer, den richtigen Ton zu treffen, sich jedoch eine gewisse Leichtigkeit in der Sprache zu bewahren. Und mit dieser schiebt sie Lena und den großen Kurt am Ende langsam und ganz vorsichtig zurück ins Leben. Zwar ist es nicht Eden und auch nicht die glückliche Biedermeier-Vorstadt-Welt – beides gibt es ohne den kleinen Kurt nicht mehr. Aber sie entlässt sie in eine Welt, in der sie die Trauer des jeweils anderen verstehen und in der sie sich wiederfinden können. Und endlich kann auch bei den Leser٭innen das heraus, was sich die ganze Lektüre hindurch angestaut hat: Im letzten Kapitel rollen endlich die Tränen.

Kurt von Sarah Kuttner erschien am 13. März im S. Fischer Verlag und hat 240 Seiten.

Einspruch gegen den ersten Eindruck

Äpfel, Federn, Gläser, Äste, ein Backstein, Krüge, Lineale, hier ein Löwenzahn, dort ein Messer – arrangiert zu Gefügen und Kompositionen. Die Werke von Mirko Schallenberg scheinen auf den ersten Blick ganz vertraut: Stillleben eben. Doch wer einen zweiten Blick wagt, den erfüllt Verunsicherung. Und die ist rätselhaft schön!

 

Ein Gastbeitrag von Stefan Weigand


„Ich möchte, dass man seinen Augen trauen kann, dass man auf seine Sinne, sogar auf das eigene Unterbewusstsein vertrauen kann.“ Wenn ein Maler so etwas sagt, dann ist das eine Einladung, seine Werke erst einmal ganz unvoreingenommen zu betrachten – und nicht gleich nach Bedeutungsebenen oder Zitaten zu fahnden.

Schallenbergs Bilder versammeln Fundstücke. Alltagsdinge. Also Gegenstände, die man selbst im Haushalt hat, oder sich zumindest in Reichweite befinden. Gläser, Holzplatten, Krüge, Äpfel, Birkenäste. Fast schon entrückt erscheinen die Gegenstände im Deutungshorizont unserer modernen Welt der digitalen Artefakte. Detailreich gemalt und mit einem Farbauftrag, der nicht nur Kolorit erzeugt, sondern auch die Oberfläche der Leinwand mal rau oder gar erhaben modelliert. Gegenständlicher kann Kunst kaum sein.

Unscheinbares, Alltägliches, Mystisches, Übersehenes: Die Werke von Mirko Schallenberg entstehen erst einmal damit, dass er Dinge sammelt und in Beziehung bringt.

Wie eine Art Kurator sammelt der Künstler Dinge und bewahrt sie in einem Magazin in seinem Atelier, das sich weitläufig in einer Berliner Industrieetage erstreckt. Das Gebäude diente früher als Werkstätte zur Aufpolsterung von Möbelstücken. Wo industrielle Fertigung pulsierte, werden nun Kombinationen aus einfachen Dingen zu Bildern. Stück für Stück arrangiert Schallenberg die Objekte, probiert Konstellationen, verwirft und entscheidet.

Wie die Räume entstehen

Die Objekte, die Dinge sind da. Was Schallenberg dann erschafft, sind zunächst einmal Räume. Ein Karton, eine Holzkiste, zwei Spiegel, eine getünchte Wand. Kulissen? Nicht ganz, denn die Räume selbst treten in Aktion zu den Dingen. Da lehnt eine Farbpalette an einer Wand oder fängt den Schatten ein, den ein Nachtfalter wirft. Dann kommt der nächste Schaffensmoment: Schallenberg stapelt eben nicht einfach die Objekte – sondern bringt sie in Beziehung zueinander. Auf Tonkrügen balancieren Holzplatten, die wiederum Standort für Gläser oder weitere Krüge werden, ein Ast liegt an einem Buch an oder eine Schnur senkt einen Apfel in die Bildhälfte.

Mirko Schallenberg, Hüllenlos, 2017, Öl auf Leinwand, 165 x 185 cm

Nicht zuletzt durch das Obst, das mit im Spiel ist, drängt sich dem Betrachter eine Genrezuordnung auf: Stillleben. Also Gemälde, die Eindeutigkeit ausstrahlen und ein Garant für Verlässlichkeit und Stabilität sind. Die Objekte ruhen förmlich – und zeugen doch von Vergänglichkeit. Jede noch so schöne Blüte wird welken, jeder Apfel fault mit der Zeit. So absurd es klingt: Dort, wo etwas still ist, wird seine Vergänglichkeit umso deutlicher.

Ausbruch aus dem Genre

Unverdächtig. Leise. Vielleicht sind es diese Zuschreibungen, weshalb das in den letzten Jahrzehnten das Stillleben fast schon von der Kunst der Gegenwart vergessen wurde. Karlauernd könnte man sagen: Um das Stillleben ist es still geworden. Aber so leicht machen es einen die Stillleben von Mirko Schallenberg wiederum nicht. Sie halten sich schlichtweg nicht an genregerechte Vereinbarungen, erfüllen die voreilige Stillleben-Erwartung einfach nicht. Denn beim genauen Hinsehen geben sie Risse preis, neigen zu Instabilität. Da ist ein Tonkrug, der kurz vor dem Springen ist. Die Erdbeere liegt nicht mehr auf dem Holzbrett, sondern ist schon halb im Fallen. Der Kerzendocht spendet noch etwas Rauch, aber ist schon fast kalt.

Mirko Schallenberg, Kaskade, 2016, Öl auf Leinwand, 170 x 175 cm

Was auf dem ersten Blick so ruhend und fest gefügt wirkt, ist ganz anders zu sehen. Die Werke zeigen gar keine festen Situationen, die dem Zahn der Zeit preisgegeben sind. Sie zeigen nichts als Augenblicke und Situationen, die kaum vergänglicher zu denken sind: Von einem Moment auf dem nächsten könnten sie anders sein. Ein Holzscheit kippt und bringt ein Glas ins Fallen. Das Gefüge? Komplett über den Haufen geworfen. Von einem Moment zum anderen. Es ist ein Spiel mit Stabilität und Unstabilität, mit dem Ungewissen und dem Vertrauten.

Keine falschen Versprechen

Doch mit dieser Verunsicherung ist es nicht genug. Denn Schallenberg verschärft sein Spiel mit der Zeit und dem Moment noch weiter. Äste tragen Knospen, saftiges Grün, trockenes Laub und kahle Zweige zugleich – nur wenige Zentimeter entfernt finden auf der Leinwand sämtliche Jahreszeiten statt. Entstehen, Werden, Vergehen: gleichzeitig. Doch so absurd es klingt: Eine solche synchrone Diachronie verunsichert nicht, sondern sorgt für Demut: Es gibt nunmal einen Lauf der Dinge, der nicht aufzuhalten ist. Alles Leben wird einmal sterben.

Für mich macht den Reiz der Kunst von Mirko Schallenberg aus, dass sie hochrealistisch ist. Nicht nur künstlerisch mit ihrer Gegenständlichkeit und meisterhaften Ausführung; sondern auch konzeptionell: Weil sie das Vanitas-Motiv, also die Erinnerung an die Vergänglichkeit des Seins, auf die Spitze treibt – und damit Stillleben in Reinform sind. Augenblicke mischen sich mit Lebenskreisen. Schallenbergs Stillleben brauchen keine doppelten Böden oder komplizierten Verrenkungen. Sie legen sich auf Klarheit fest: Nicht nur das Leben ist vergänglich. Jeder Augenblick ist es.

Weitere Werke von Mirko Schallenberg sind auf der Website des Künstlers zu sehen: http://www.mirko-schallenberg.de

Bilder: Bernhardt Link

Über Stefan Weigand

Auf die einsame Insel würde Stefan Weigand seine Familie, ein schönes Buch und seinen Plattenspieler mitnehmen. Nach dem Theologie- und Philosophie- Studium in Würzburg und Indien war er zunächst Sachbuchlektor in einem großen deutschen Verlag. Seit mehreren Jahren führt er eine Agentur für Buch- und Webgestaltung und wird als Konzeptionsberater bei Buchprojekten gebucht. An ruhigen Abenden widmet er sich seinem Faible für Kunst, Jazz und Indie-Musik.

Elena Ferrante: Frau im Dunkeln

Die Geschichte findet dort statt, wohin man gerne ein Buch mitnimmt: im Urlaub, am Strand, in Italien. Dass die herbeigesehnte Erholung vom Alltag durch das verloren geglaubte Selbst und die Suche danach ins Wanken gebracht werden kann wie ein kenterndes Schiff, davon erzählt Leda.


Nichts ist mehr wie es fünfundzwanzig Jahre lang für Leda war. Nachdem ihre erwachsenen Töchter zu ihrem Vater, Ledas Exmann, nach Toronto gezogen sind, fühlt sich die Universitätsprofessorin sinnentleert. Während sie allein den Sommerurlaub an der ionischen Küste verbringt, wird sie von ihrer Vergangenheit begleitet, die sich wie ein trüber Strudel um die eigentliche Frage dreht, wer sie selbst jetzt ist. Alles, was sie an die Gegenwart bindet, sind die Bücher, die sie zur Vorbereitung zum kommenden Semester mitgenommen hat. Doch eine fremde, junge Mutter und ihre kleine Tochter lassen Ledas durchwachsene Vergangenheit und einsame Gegenwart aufeinanderprallen.

Für ihre Töchter wollte sie immer Gutes, doch durch den jahrelangen Spagat zwischen Ehe, Familie und Beruf fühlt sich Leda zunehmend überfordert und frustriert, wodurch sie schließlich auch Verwerfliches tut. Sie wird sich selbst(bewusst) eine Rabenmutter nennen und möchte sich zugleich von den älteren – und wie sie sagt: stummen, grimmigen – Muttergenerationen abgrenzen. Durch die Begegnung mit der Fremden und ihrer Familie wird sie erneut an die Anforderungen der Mutterschaft sowie an die (un)möglichen Konsequenzen erinnert, die sie selbst erlebt hat. Ihr seit jeher andauernder Kampf um Anerkennung und Erkanntwerden lassen Leda im Dunkeln die Augen verschließen und zugleich auch sehen. Wo beginnt die Grenze zum (Un-)Erträglichen? Wer will sie sein und wer ist sie wirklich?

Elena Ferrante liefert eine spannungsgeladene Geschichte über mütterliche Identität, die sie auf knapp 190 Seiten bannt. Sie zeichnet eine komplexe Protagonistin, die im Netz aus Selbstschuld und Fremdschuld verfangen ist und fluchtartig, aber selbstbestimmt einen Neuanfang sucht.

Elena Ferrantes Frau im Dunkeln erschien im Suhrkamp Verlag und hat 188 Seiten.

Titelbild: © Lennart Colmer

Burst of Metal

Auf der einen Seite gibt es da draußen so richtig schlechte Alben wie etwa Backstreet Boys’ Never Gone, Puddle Of Mudds Life On Display, DJ Peinlichs Blush oder Barb Wire OST …

Von Jens Marder


Es gab einmal eine Zeit, als „Guns N’ Roses“ durchaus ein Song von den Sex Pistols gewesen sein könnte. Oder war es Janis Joplin? Als der Autor dieser Zeilen vor rund zwanzig Jahren zum Metal kam, hatte er nicht ganz so viel Ahnung von dieser dunklen Materie, sodass an erster Stelle seiner Einkaufsliste damals (neben einigen essenziellen und bereits herausrecherchierten Alben) die Rock-Hard-Veröffentlichung Best of Rock & Metal – Die 500 stärksten Scheiben aller Zeiten (hrsg. von Michael Rensen) gestanden hätte, hätte es sie damals schon gegeben. Der Kauf des toll aufgemachten Folianten, der halbwegs vergriffen zu sein scheint, kann nicht nur Neueinsteigern, sondern auch fachwissensmäßig gereifteren Fans des Schweren Schalls empfohlen werden: 500 nicht gerade kurze, mit herzblutgetränkter Leidenschaft für das Genre verfasste Rezensionen von Fachleuten, auf deren Meinung (fast) immer Verlass ist, dazu über 20 Zusatzartikel wie zum Beispiel „Die Roots des Heavy Metal“, „Deep Purple“, „Metallica“, „Progressive Rock & Metal“ machen das Buch zu einer spannenden und Speichel-/Geldfluss anregenden Lektüre. Dabei finden natürlich nicht nur absolute Pflicht-Acts wie Black Sabbath, Iron Maiden oder Slayer einen Ehrenplatz, sondern auch kleinere, feinere Bands wie Atheist, Cynic, Realm, Thought Industry, Toxik, Vauxdvihl oder die unvergesslichen Watchtower, was Kennern ein zufriedenes Kopfnicken inkl. Grinse bescheren dürfte.

Dass bei der Auswahl der Referenzwerke der einzelnen Künstler überraschend oft auf (die etwas schwächelnden) Veröffentlichungen jüngeren Datums zurückgegriffen wurde, erscheint etwa im Falle von Threshold oder System Of A Down etwas merkwürdig. Andererseits ist man als unignoranter Hörer überfroh, dass die ach so gekünstelten, overhypten und musikalisch/künstlerisch angeblich unfähigen US-Armenier oder auch Slipknot (hier mit ihrem erfrischenden Vol. 3 vertreten) es tatsächlich auch in die Top 500 geschafft haben. Schließlich darf man nicht vergessen, dass der gnadenlos originelle Geniestreich Toxicity seinerzeit als „fünfundvierzigminütiger Blender“ (!) (O-Ton Wolf-Rüdiger Mühlmann, vgl. Rock Hard-Ausgabe Nr. 172) mit 5 von 10 Punkten (!!) bewertet und Slipknot aufgrund ihrer aufrichtigen Liebe zum Grotesken als amerikanischer Konsum-Schwachsinn abgetan wurden.

Und nun sind wir auch schon bei der passenden Laune angelangt, um vom Loben wegzukommen, hin zur dunkleren Seite der journalistischen Macht: Es lässt sich keine Entschuldigung dafür finden, dass die RHaudegen es tatsächlich geschafft haben, solche Innovations- und Kompositionsgiganten wie Meshuggah, Opeth, Pain Of Salvation, Shadow Gallery (und sicher noch ein paar mehr) auf Kosten diverser „Langweiler“-Bands/-Alben (lieber keine Namen), die allesamt mit mindestens einem Album zu viel vertreten sind, außen vorzulassen. Nein, da kann man auch nicht mit der „Natürlich wird diese Liste niemanden endgültig zufrieden stellen können, denn sie kann und will nicht objektiv sein“-Masche kommen. Dass Bands wie Martyr, Spiral Architect oder gar die Metal-Avantgardisten Behold … The Arctopus keine Erwähnung finden, ist nicht überraschend und verzeihlich. Aber Meisterwerker wie Daniel Gildenlöw und Michael Åckerfeldt zu ignorieren, ist eigentlich Wahnwitz. Wie dem auch sei: Im Großen und Ganzen ist dieses Buch eine sehr gute Investition und Rock Hard nach wie vor die beste deutschsprachige Institution in Sachen „Rock hart!“. Und Opeth zu seinen Favoriten zählen kann man natürlich auch ohne Sekundärliteratur.

THE PROVENANCE: Red Flags

Die Schweden The Provenance sind eine Prog/Gothic/Modern-Metal-Band mit Niveau, daher enthält ihr Album Red Flags fast ausschließlich sehr gute, äußerst gefühlvoll komponierte Songs, die subtile Melancholie und Düsternis propagieren. Das Album eröffnet mit dem erstklassigen „At The Barricades“, dessen origineller Refrain durch Emma Hellströms Stimme zusätzlich an Wert gewinnt. Immer wieder gibt es auch schöne Gesangsduette mit Gitarrist Martinsson. „Thanks To You“ setzt gleich zu Beginn mit einem einprägsamen, etwas opethoiden Riff ein, der sich zu einer überaus feinen Nummer entwickelt. Dann noch die zwei hervorragenden Balladen „Second And Last But Not Always“ & „Deadened“ und das mit superber Melodie aufwartende „One Warning“ obendrauf. Wer bis dahin noch immer nicht von der Überdurchschnittlichkeit dieses Albums überzeugt ist, dem sei der ausgezeichnete, wirklich mitreißende Abschlusssong „Settle Soon“ anempfohlen – dolles Ding!

PHIDEAUX: 313

Die amerikanischen Prog-Rocker bzw. Art-Popper Phideaux haben hier ein verdammt gutes Album vorgelegt, das den Hörer zurück in die Ära von Genesis, Marillion und 80er-Seligkeit mitnimmt. Der erste Song „Railyard“ ist wohl als Geniestreich zu bezeichnen, auch wenn er einem irgendwie (?) bekannt vorkommt. Was vielleicht nur ein weiterer Beweis für dessen Klassikerstatus ist. Wie erwartet können die übrigen Songs auf 313 mit dem Monsteropener nicht ganz mithalten. Aber das ist nicht schlimm ist, denn die anderen Kompositionen sind überaus trotzdem atmosphärisch, spacig, melodisch, meist einfallsreich, immer wieder schimmern SF-Motive durch. „Have You Hugged Your Robot?“ beispielsweise ist zwar einfach gebaut, groovt aber schwer. „Sick Of Me“ ist eine Art eigene Version von Bronski Beats „Smalltown Boy“, zumindest was die Hauptmelodie angeht. „Pyramid“ glänzt mit nostalgischen Mellotron-Tönen. Alles in allem sehr harmonisch, sehr sympathisch, manchmal vielleicht einen Tick zu harmonisch-sympathisch. Manche Stellen hätte man evtl. spannender gestalten sollen, etwa durch Weglassen. In „Body In Space“ erfährt das überragende Hauptthema aus dem ersten Lied eine durch weibliche Engelsstimmen veredelte Reprise. Abschließen tut das Album mit dem wunderschön entrückten „Benediction“, das erneut die erstklassige Songwriting-Kunst unter Beweis stellt: superbes Album einer Band, die man vernommen haben sollte. Und das Cover-Artwork ist so was von farbenfroh und filigran.

PUPPET SHOW: The Tale Of Woe

Wer lässt hier die Neo-Prog-Puppen tanzen? Es ist die kalifornische Band Puppet Show aus Silicon Valley. Lang lebe der Longtrack, haben die Jungs sich überlegt und vier von den Viechern gebastelt. Zusammen mit zwei kürzeren Liedern wird hier cooler, sowohl nach vorne als auch auf Vorbilder wie Marillion, Kansas, Spock’s Beard u. a. blickender Progressive Rock mit einer dezenten Idee Hartwurst geboten. Die Musik ist sehr warmherzig und meistens originell, sodass sie einigen Längen und etwas zu fröhlichen Momenten locker trotzt. Der Opener „Seasons“ beispielsweise ist grandios: pumpende Basslinien, mitreißender Gesang, coole Breaks und Soli.

„The Seven Gentle Spirits“ nimmt sich relativ viel Zeit, um anzulaufen, aber spätestens in der zweiten Hälfte geht es mit fett epischer Progroove-Breitseite gehörig ab. Insgesamt schwächelt diese lange Nummer ein wenig, vor allem im direkten Vergleich zum nachfolgenden „Harold Cain“, das umschweiflos zum Punkt kommt und aufgrund seiner kompositorischen Prägnanz und gewitzter Lyrics Klassiker-Ambitionen aufweist. Auf den Sechzehnminüter „The Past Has Just Begun“ wäre Neil Morse bestimmt stolz, hier kommt nämlich all das zusammen, was Neo-Prog-Meisterklasse auszeichnet: ausladende Instrumental-Passagen, Mystery, Spannungsbögen samt Peripetie und natürlich ergreifende Melodien. Zum Schluss wird dieses Werk nochmals so richtig fesselnd und erreicht mit einigen Härten seinen dramatischen Höhepunkt. Es folgt das progmetallische und überraschend verquere „God’s Angry Man“, ein sehr gutes Instrumental mit prägnantem Hauptriff. Schließlich noch „On Second Thought“, eine delikate Ballade, die unter anderem mit einem echten Hinhörer von Keyboard-Solo punktet. Wer suchet, wird findig.

ABANDONED: Thrash Notes

Dieses Album dürfte ziemlich cool sein, denkt man sich schon nach ein paar Sekunden. Es wird offenbar eine Riffpolitik propagiert, die für unverfälschten Thrash-Metal-Spaß sorgt. An sich hat die Vokabel „Thrash“ mit Gewalt zu tun, aber wenn sich diese ausschließlich in einer unverblümt spielfreudigen Bedienung der Musikinstrumente manifestiert, dann ist Gewalt so ziemlich das Coolste. Zwar sind Abandoned nicht zu jedem Zeitpunkt einzigartig, aber wie auch, wenn man der klassischen Prügel-Schule frönt. Solange die Band-Homepage „www.gebolze.de“ lautet, das Emotionale stimmt und man an Bay Area & Klonsorten denken muss, während man dieser Hesssen-Dresche lauscht, ist alles in ordner Bestung. Die Reaktionen der Fachpresse auf ihre Demo waren schon sehr positiv, und dementsprechend positiv muss die Kritik zu ihrem ersten Album ausfallen, in dessen Titel „Thrash“ nicht ganz zufällig vorkommt: Songs wie das riffige „Pay The Dues“, der fixe Banger „Nightmares“, der einfallsreiche Opener „The Oncoming Storm“ oder das mit einem dramatischen Power-Metal-Refrain aufwartende „Return To One“ bestätigen die eingangs geäußerte Vermutung.

Pandemia: Riven

Spätestens nach dem zweiten Hören ist man sicher, dass es sich bei den Tschechen Pandemia um eine überdurchschnittliche Band handelt, die eine entsprechende Platte eingespielt hat. Alle Stücke sind gut, jeder Song hat irgendetwas zu bieten, was ihn auszeichnet. Die Liedanfänge sind fast ausnahmslos prägnant, was schon mal ein gutes Omen (nicht der Film) ist. Der Titeltrack und Opener knallt beispielsweise ganz schön ordentlich aus den Boxen (nicht die Sportart), „Stream Of Destinies“ ist stellenweise noch bombiger, da könnten sich sogar Morbid Angel das eine oder andere Stück Hack vom Grotesküchlein abknipsen. „Us And Them“ enthält ebenfalls ein Riff-Attentat, auf das der Death-Metal-Fan nicht verzichten sollte. Das ein wenig von Death (nicht der Zustand) inspirierte resp. plagiierte Instrumental „Dispirited“ hingegen erreicht leider nicht das Genie des Riff-Fürsten Schuldiner, der für ProgDeath ungefähr dasselbe ist wie Schindler für die Juden. Insgesamt betrachtet ist Riven zwar nicht ganz so kopfmenschenfreundlich wie seine Vorbilder, aber dennoch ziemlich dicht komponiert und technisch exekutiert, sodass die Spielzeit von etwas über 30 Minuten kein Nachteil ist. Fazit: Uneingeschränkte Antest-Empfehlung für diesen groovyTotmachbrocken!

Hyades: Abuse Your Illusions

Was bloß ist das Geheimnis der uneingeschränkten Sympathie, die sich innerhalb kürzester Zeit einstellt, obwohl dem Hörer die starke Anlehnung an alte Originale und dadurch bedingte Nichtinnovativität von Hyades bewusst ist? Nun, trotz aller Rückwärtsgerichtetheit kommen die Riffs äußerst flott gezockt und frisch gerockt daher, halt so, als ob ein guter alter Wind wehen würde, der keinesfalls nach Gammel riecht. Abuse Your Illusions ist keine Revolution, aber Mann ist das Album Banger-SpaßThrash, sprich: truer als ein Tru(e)thahn! Die Jungs, deren Motto „Four albums and still no ballads!“ lautet, orientieren sich ganz bewusst am Knüppel-Kult der 80er, und die Art, wie sie es tun, ist genau richtig: unprätentiös, ehrlich und mit jeder Menge cooler Gitarren im Panzer. Eines dieser Alben, die im besten Sinne des Wortes total eingängig sind und gleich beim ersten Hören eine negative Rezension absurd erscheinen lassen.

Freak Neil Inc.: Characters

Freak Neil Inc. ist das Progjekt von Rob van der Loo (Sun Caged), der einige prominente Gastmusiker wie Steve DiGiorgio, James Murphy oder Sean Malone (Death, Cynic) zum Mitspielen eingeladen hat. Herausgekommen ist ein zwar nicht 100%-ig freakiges, aber relativ vielseitiges Progressive-Metal-Album, das sich echt hören lassen kann. Nach dem kurzen Intro, in dem wohl das Stimmengewirr der verschiedenen Characters zu hören ist, geht es mit „Talking Chair“ richtig metallig zur Sache: Der Eröffnungsriff zählt nicht unbedingt zu den wahnwitzigsten, hat aber den richtigen Drive, um dem Song Prägnanz zu verpassen.

„I’m The Hero“ hat noch mehr zu bieten: Funk & Drive, verursacht durch den auch später mehr im Vorder- als Hintergrund agierenden Chapman Stick, eine schöne Melodie, anspruchsvolle Soli und ein paar verrückte Stimmverzerrungen. Das gelungene „I Understand“ überrascht durch elektronische Drum-Sequenzen, gefolgt von cynicsch verfremdetem Gesang und träumerischen Entspannungssoli. „Downtown“ weist zum ersten Mal charakteristische Progmetal-Stilistik auf, die immer wieder von virtuosen Fusion-Parts durchbohrt wird. Und der „Bulldozer Blues“ hält, was der Titel verspricht: Meshuggah-Riffing auf dünnem Blues-Gerüst erzeugt eine schwere Groove-Maschinerie, die insgesamt allerdings etwas unspektakulärer als die vorangegangenen Tracks bumst. Das abschließende „Absence“ beginnt mit einem für Misophoniker herausfordernden Flüstern, das aber glücklicherweise schnell Musik Platz macht. Diese ist epischer als die restlichen Tracks und vereint deren verschiedene Stilmerkmale wie Elektrobeats, Metal, Fusion und Balladeskes zu einem soliden, wenn auch streckenweise farblos wirkenden Ganzen, das mit seinen 13 Minuten nicht den quantitativ vorgegebenen Höhepunkt bildet. Unterm Strich eine Platte, die eine Empfehlung wert ist, da echte Schwachstellen fehlen.

MANNGARD: Circling Buzzards

Allein „Safe With Me“ bietet genug progressive Derbheit, um Circling Buzzards, seines Zeichens krasses Prog-Geknüppel auf William-Faulkner-Basis, zu einer echten Extremperle zu erklären. Jede Menge Riffs und Breaks, unvorhergesehene Wendungen und brutal-brillante Instrumente, die ordentlich Irrsinn akkumulieren. Das müssen knallharte Death-Metal-Bussarde sein, die da ihre kniffligen Psycho-Kreise ziehen. Zugegeben, so eindeutig grandios wie das eingangs erwähnte Stück sind die restlichen Songs vielleicht nicht, aber allemal toll genug, um die Hervorhebung irgendeines weiteren Titels fast unmöglich zu machen. Ein in helle Begeisterung versetzendes Album also, das nicht nur musikalisch, sondern auch durch sein düsteres Textkonzept überraschende Gefilde erschließt und somit jedem (ernstzunehmenden) Kritiker Respektbekundungen entlocken möge.

KAYSER: Frame The World … Hang It On The Wall

Dieses Album ist knüppelharte Unterhaltung aus Schweden und kommt dem Zuhörer auf Anhieb überaus solide vor. Bei genauerer Untersuchung festigt sich der positive Ersteindruck: Frame The World … Hang It On The Wall ist ein melodiereicher und klischeearmer Klopper der Modern-Metal-Schule. „The Cake“ eröffnet die Platte mit einem Leckerbissen (toller Refrain), es folgen das dreckige „Lost In The Mud“ und das gut entwickelte „Evolution“, das belebende „Not Dead … Yet“ (deftiger Refrain-Riff mit einem Fusion-Intermezzo) sowie das geistesgegenwärtige „Absence“. Eine klare Produktion und prima Gitarristik machen diese voller großer Momente steckende Empfehlung für Freunde des Empfehlenswerten empfehlenswert.

DECAPITATED: Organic Hallucinosis

Decapitated haben ja mit ihren ersten Alben mächtig Wind (of Creation) aufwirbeln können, weil die Bandmitglieder trotz ihres verdammt jungen Alters (damals 14 oder so) an ihren jeweiligen Instrumenten schon viel asozialer drauf waren als so mancher Hip-Hop-Stirnband-Fubu-Assi auf der hintersten Sitzbank im Bus nach Tannenbusch. Apropos Bank: Das vierte Output der Polen ist durch dieselbige gut. Grotesk-Gitarren braten das Trommelfell, während die Drums das Öffnen so mancher Kiste Chuck Norris überflüssig machen. Der Prog-Level der Platte ist wie gehabt etwa mit Morbid Angel oder Hate Eternal zu vergleichen, also recht technisch. Songs wie der opulent-brachiale erste Track oder das Doublebassin „Day 69“ (inklusive des bandtypischen Schlagzeug-Solos in der Songmitte) sprechen an. In „Post(?)organic“ wissen zwei virtuose Gitarren-Soli in eine für das Death-Metal-Genre unerlässliche Schlimmwelt zu entführen. „Visual Delusion“ ist ein blastbeastig dreschender Song, der, zwar etwas fremdbestimmt, die besten Momente der zwei oben genannten Vergleichsbands einfängt. Die restlichen drei Lieder erscheinen einen Tick unprägnanter, was uns aber nicht daran hindern soll, dieses Album allen Toddlern an den Herzschrittmacher zu legen.

Slipknot: 9.0: Live

Spätestens seit diesem Live-Album ist die Zahl „9“ bzw. deren IT-Bruder „9.0“ mit Groteske zu assoziieren. Denn hier kommen 9.0 ziemlich kranke Typen mit schlimmen Masken und beschallen einen mit krassen Projektilen des modernen (und immer öfter auch progressiven) Nu Metals wie „The Blister Exists“, „(Sic)“, „Pulse Of The Maggots“, „The Nameless“, „Duality“ u. a. In 24 Tracks wird die Geschichte einer immer wieder vollkommen zu Unrecht als unauthentisches, kurzlebiges Produkt der Werbeindustrie angeprangerten, ziemlich extremen Band nacherzählt, die mit ihrem Debüt Slipknot einen echten Meilenstein veröffentlichte. Nach dem schwächelnden Zweitling Iowa wollten sich die Musiker weiterentwickeln, und dementsprechend fiel auch die dritte Studioproduktion aus: Mit feiner als je zuvor gespitzten Drumsticks, virtuosen Gitarrenläufen, asozialen Riffs, originellen Samples und verstärktem Griff auch zu ruhigeren Tönen aufwartend, stellte Vol. 3: The Subliminal Verses 2004 eine würdige Erneuerung des eher rauen Slipknot-Sounds von anno 1999/2001 dar.

Der Nachteil des vorliegenden Live-Dokuments ist aber, dass die irgendwie verwaschen klingende Produktion richtig fiese Riffer neueren Datums nicht perfekt zur Geltung kommen lässt; die Liedversionen auf den regulären Studiowerken sind eigentlich immer vorzuziehen. Überhaupt haben Live-Alben ja ein bisschen an Bedeutung verloren, seit es sowohl sound- als auch bildtechnisch überaus hochwertige Live-Mitschnitte auf DVD bzw. BD (nicht das Klosett-Addon) gibt. Deswegen ist etwa der Slipknot-Mitschnitt Disasterpieces zu empfehlen: Dort bekommt man den kaputten Clown, das Stachel-Schwein, Cyranose de Bergerac, das Drum-Karussell (gutes Solo) und die restlichen Monstermänner auch mal richtig zu Gesichtsgrusel.

Akercocke: Words That Go Unspoken, Deeds That Go Undone

Die Briten Akercocke umschiffen geschickt 08/15-Riffs, wie sie von Black-Metal-Riesen Dimmu Borgir, Nagelfart etc. wirkungsvoll, bombastisch, pathetisch – aber gerade darin ist der Keim von Geschmacklosigkeit zu suchen – inszeniert werden, indem sie das Vehikel Black Metal mit genrefremden Aspekten anreichern. Neben ungebremstem Doublebass-Geblaste und monströsen Growls gibt es auch besinnliche Momente zu bestaunen. Eröffnet wird das Album von „Verdelet“, worin ein aggressiver Riff die Grundlage für einen sehnsuchtsvollen Gesangspart bildet. „Seduced“ ist Black/Death Metal pur, wobei das kompromisslose Riffing hier und da etwas unfrische Züge annimmt; nichtsdestotrotz ein gutes Stück, das vor allem gegen Ende noch einmal seine gesamte Energie im ultimativen Banger bündelt. „Shelter From The Sand“ bezieht seine Schönheit aus den von akustischer Gitarre begleiteten Clear-Voice-Passagen, die immer wieder von verschiedenen Zwischenspielen heftigeren Kalibers durchboxt werden.

„Eyes Of Dawn“ kommt schnell zur Sache, ein einfacher und prägnanter Riff macht den Anfang, wonach der Song einige leicht avantgardistische Wendungen nimmt und so bis zum Ende interessant bleibt. Das Instrumental „Dying In The Sun“ klingt in etwa genauso, wie der Titel es verlangt: exotische Wüstenklänge, gepaart mit dem einen oder anderen Geräusch extraterrestrischer Fauna als Prolog zum darauffolgenden Zweiteiler „Words That Go Unspoken“: In diesem finden sich sanfte, hammerharte und ambientrückte Elemente, die zusammengenommen etwas Unheimlich-Auswegloses heraufbeschwören. Den Abschluss und vielleicht auch emotionalen Höhepunkt dieses Albums bildet das von schwerem Nostalgyll umhauchte „Lex Talionis“, worin des Hörers Seele eine Rührung erfährt. Nimmt man all diese Eindrücke zusammen, entsteht ein Gesamteindruck, der besagt, dass es sich hier um ein richtig gutes Album handelt.

3: Wake Pig

Die vier 3er klingen ein bisschen wie The Mars Volta, Coheed & Cambria und Umphrey’s McGee, also die Alternative-Metal-Kategorie mit perkussivem Guitar Slapping als USP. Aber Schubladendenken ist nicht Sinn der Übung, kommen wir daher zu den einzelnen Songs dieses wunderbaren Albums. „Alien Angel“ führt uns in die atmosphärische und hochtalentierte Melodiewelt der Band ohne Buchstaben ein. „Dregs“ beginnt mit einer Flamenco-Gitarre, die immer wieder vom E-Riffing unterstützt wird – ein melodisch-drummiger Song. Der Titelgeber „Wake Pig“ ist wohl als ein Hit zu verstehen, da großartiger Refrain und coolst aufspielendes Schlagzeug. Ein weiterer Hit oder vielmehr Klassiker ist „Dogs Of War“, eine mit geradezu Beatles’schen Harmonien auf Filigranit beißende Ballade: Sahne Nummer 1! „Queen“ lässt Magie walten, ebenso das authentisch melancholische „Circus Without Clowns“, was für das ganz große Zweiohrkino. „Where’s Max“ ist ein kurzer, verrückter Song, der wie eine Hommage an System Of A Down wirkt. Seinen (nicht zwingend krönenden) Abschluss findet das überaus empfehlenswerte Plättchen mit „Amaze Disgrace“, das zwar epischer als die restlichen Perlen ausgefallen ist, aber möglicherweise nicht ganz so tiefgreifend wirkt.

Bathtub Shitter: Dance Hall Grind

Mir sind ja Bands auf Anhieb sympathisch, die das Wort „Scheiße“ oder Ähnliches im Bandnamen führen auf die Gefahr hin, dass irgendein Rezensierling es völlig schamlos gegen sie verwenden wird. Aller Koprophilie zum Trotz sei dennoch ein genauerer Blick auf dieses typischerweise durchgeknallte Japandämonium geworfen. Der Stil von Bathtub Shitter ist Latrinen-Grind ohne Klospülung, wo viel gekrischen und noch mehr geschissen wird. Bis auf das recht hübsche, aus einem Myamoto-Klassiker zu stammen scheinende Akustik-Scheißtrumental „Shit Drop“ und die dudelig-gewitzte Einscheißung „Introduction“ sind Schlagzeug und E-Gitarren erwartungsgemäß im Kriegseinsatz und man fragt sich, wie viel die Jungs eigentlich fressen müssen, um so viel Scheiß zu produzieren. Wie dem auch scheiß, musikalisch gesehen handelt es sich hier nicht durchgehend um bek(n)ackten Durchfall. Titel wie zum Beispiel „Skate Of Bulgaria“, „Umber“, „Re-Shit“ oder „Rest In Piss“ können sich echt hören lassen, obgleich das häufig eingesetzte Hochfrequenz-Gekreisch von Vokalköter Masato gewöhnungsbedürftig ist. Bilanz: Trash wird ja gerne als Synonym für Kult verwendet, was nicht immer falsch sein muss: ein Jascheißénochmal! für diesen keinesfalls kompletten Bullshit.

Beneath the Massacre: Mechanics Of Dysfunction

Das Warten auf das dritte Album von Necrophagist, das nie kommen wird, weil Suiçmez offenbar bei BMW arbeitet, ist für manche von uns eine recht proglematische Angelegenheit. Zwar haben Bands wie Spawn Of Possession oder Obscura die Lebensbedingungen einer Person, welche sich höchstwahrscheinlich auch im Opa-Stadium Filigrangeknüppel ins Quantenmechatroniker-Death gewohnte Hörgerät hämmern wird, heftigst versüßt, doch so langsam lässt die nicht zu unterschätzende Wirkung jenes extremen Meilensteinchens nach. Also schnell zu Beneath The Massacre aus (dem offenbar abnormen) Kanada gegriffen, einem weiteren Vertreter jener eindrucksvollen Musikrichtung, die man als break- und blastbeatverseuchten, hypertight gespielten Frickeltod bezeichnen darf, wobei der Touch des Robotisch-Übermenschlichen bei den jeweiligen Virtuoso-Gitarristen als ein enorm wirkungsvoller Derbheitsverstärker genutzt wird, von den unmenschlich tiefen Growls und dem rabiaten Schlagzeugspiel mal ganz abgesehen.

Exakt eine halbe Stunde lang werden dem hoffentlich unkaputtbaren Hörer die Mechanics Of Dysfunction in zehn Lektionen nähergebracht. Einen repräsentativen Song auszuwählen ist etwas schwierig und vielleicht nicht nötig, da man dieses Album als eine homogene Portion Hirnklopp internalisieren sollte. Dennoch kann man folgende vollkommen enorme MG-Salven am ehesten empfehlen: „The Surface“, „Modern Age Slavery“ und „Sleepless“. Teilweise hat man das Gefühl, dass hier sogar das absolut gestörte Necrophagist-Niveau überschritten wird, was ja eigentlich nicht möglich sein dürfte. Wie dem auch sei: Für Breaks-Freaks und Freunde des hypertechnoiden Todesbleis ist neben Art Bleeds, Colonizing The Sun, Epitaph, Warp Zone etc. dieses Album ein Total-Muss!

Coroner: Mental Vortex

Nach dem kurzen Intro wird auf unbeschreiblich begnadete Weise die Wortkonstellation „Mental Vortex“ musikalisch eingefangen. Trotz geordnet daherkommender Progriffs wird durchaus so etwas wie ein knorker Wirbelsturm erzeugt. Es geht gleich voll zur Sache, eine Feinheit folgt der anderen. An Talent nicht zu überbieten ist schließlich das qualitativ in umgekehrter Proportion zu seinem Bekanntheitsgrad stehende Solo (was natürlich für das komplette Album gesagt werden kann), das bei 4:11 in „Son Of Lilith“ einsetzt und verglichen werden kann mit einem „Kohärenz gewordenen Kosmos“ (Albensammlers Prognase, Bd. 4, S. 000). Wenn es um Musik geht, so gibt es fast nichts, was ich so gern und so ausführlich und so oft und […] und so unterschiedlich in der Formulierung ansprechen möchte wie dieses Solo, welches einen eigenen Namen verdient: Intergalaxax Ofu? 4:11er? Ich bin nicht ganz sicher, aber extraterrestrisch ist es auf jeden Fall.

Disillusion: Gloria

Bei dem Zweitwerk der Deutschen Disillusion wird sich ganz bestimmt die Frage nach der Toleranz der Fans und Befürworter ihres Debüts Back To Times Of Splendor stellen, welches die meisten noch als eine echte Perle des progressiv-epischen Death Metals à la Opeth im Ohr haben dürften. Der Hörer ist desillusioniert und fühlt sich eingeladen, ggf. kalauernde Anspielungen an den retrospektiv womöglich prophetischen Titel des Erstlings zu machen. Doch wie lange hält diese Enttäuschung an, die sich vor allem aus dem massiven Stilwechsel der Band speist, welche neuerdings eher Industrial/Gothic/Psychedelic/Electronica (Pop-)Rock als Death Metal zuzuordnen ist?

Immerhin sind fast alle der hier gebotenen Songs, so wird man schnell zugeben müssen, eigensinnig, originell und nicht unproggy ausgefallen. Also die Vorurteile schnell und mit ordentlich Scham hinweggefegt und sich ehrlich ans Liedgut rangeschmissen: Die Platte beginnt mit dem dramatischen „The Black Sea“, worin rammsteiniger Sprechgesang, poppige Stimmverzerrungen und ein paar coole Riffs ihr Werk verrichten. Die immer wieder spezielle Gitarrenarbeit, die sich im ersten Track schon andeutet, kommt im Nachfolger „Dread It“ noch mehr zum Tragen. Hier trifft eine gewisse Lockerheit auf einen epischen Refrain, der kurzzeitig auch an die „alten“ DISILLUSION anknüpft. „Don’t Go Any Further“ ist eine klare Singleauskopplung, ein clawfingringer Modern-Metal-Hit mit einem sehr einprägsamen Hauptriff. „Avalanche“ könnte glatt Black Metal sein, obgleich die gedämpften Vocals an Till Lindemann und das elektronisch angehauchte Melodiegeflecht im Hintergrund an James Bond erinnern – schon wieder bemerkenswert.

Der Titeltrack ist nicht unbedingt der beste der Platte, punktet aber mit düsteren Hintergrundsamplings, einem erneut verfremdeten Sprechgesang und seltsamen Bläsern in der Mitte dennoch ganz schön. Nach dem triphoppelnden Intermezzo „Aerophobic“ geht es mit originellem Metal weiter, diesmal ist es eine orientalische Melodie, die, unterstützt von der doppelten Fußmaschine, mitzureißen weiß. Hitverdächtig ist auch der Refrain in „Save The Past“ – unkompliziert und wirkungsvoll. Das nicht unbedingt unentbehrliche Instrumental „Lava“ ist zähflüssig und heavy umgesetzt und leitet zu dem eher langweiligen „Too Many Broken Cease Fires“ über, das durch Schwäche überrascht. Den Abschluss bildet „Untiefen“, ein düsterer und zugleich nichtssagender Song, der das Album (leider) nicht auf einem kreativen Höhepunkt ausklingen lässt. Dennoch: Wer gutes Songwriting mag und bereit ist, den Künstlern ihre legitime Weiterentwicklung zuzugestehen, der möge sich dieses interessante Album zulegen.

Ephel Duath: Pain Necessary To Know

Ephel Duath sind schön schräg von A (wie abstrus) bis Z (wie Zorn-ig, John). Mehr Avantgarde, Free Jazz und scheinbare Rifflosigkeit haben die italienischen „Ultraprog-Extremisten“ (vgl. PR-Beilage) noch nie in ein Album gepackt. So viel steht nach dem ersten Durchlauf schon einmal fest: The Dillinger Escape Plan etwa, die trotz ihrer unanzweifelbaren Abgefahrenheit häufig gleich von Beginn an gut mitverfolgbar sind (man nehme nur mal die in ihrer Krassheit doch irgendwie straighte Mathcore-Perle „43% Burnt“ von Calculating Infinity), steckt Pain Necessary To Know locker in die Tasche, zumindest was die Zugänglichkeit und Verschrobenheit angeht. In Bezug auf das Kompositorische allerdings können konkrete Angaben erst gemacht werden, nachdem man sich das unmäßige Produkt mindestens vier bis fünf Mal eingebaut hat. Alles beginnt mit einem unscheinbaren, etwas autistischen Riff. Schon bald nimmt ein ungebremstes und verrücktes Spiel mit der zunächst leicht überschaubaren Figur seinen Lauf, Tempo und Dichte nehmen zu, Unberechenbares wird hinzuaddiert und wieder subtrahiert, kleine Jazz-Kaskaden kommen und gehen, dazwischen ein bisschen Elekronikgeloope. Dann wieder Besinnung auf Klarheit, eine schöne Melodie wird herausgearbeitet und durchgehalten. Äußerst gewiefte AvantRiffs und andere Unerhörtheiten durchziehen die Platte und sorgen regelmäßig für Erfrischung. Hat man einmal das Album (mehr oder weniger) durchschauen und schätzen gelernt, erkennt man, dass es sich bei diesem artrockenden & progmetallischen Bewusstseinsstrom um ein echtes Kunstwerk handelt. Wenn man einmal von dem ein wenig schlaffen Mittelteil („I Killed Rebecca“) und einem gewissen Epigonentum gegen Ende der Platte („Imploding“) absieht, kann man eigentlich nur loben. Und das geht unter Zuhilfenahme unzähliger Attribute wie zum Beispiel: verspielt, komplex, seelenvoll, dramatisch, tiefsinnig, irre, tragisch, traumhaft, abartig, sentimental, rigoros … Wenn die offenbar gegebene Befähigung, solche Gemüts- und Geisteszustände nahezu simultan zu evozieren, kein Lob verdient, dann verdient dieses Album natürlich auch keine 1-.

Gory Blister: Art Bleeds

Damals bei Zazie Dans Le Métro hätte ich auch nicht geglaubt, dass der Film bloß 80 Minuten geht. Und hier glaubt man das mit den 26 Minuten auch nicht so auf Anhieb. Denn es steckt eine Menge an krassem Sound in dieser auf derbe, fiese, wenn nicht gar geschmacklose Art und Weise vertrackten Death/Watchtower/Atheist-Konglamelange. Die Riffs sind fast durchgehend gelungen, einige sind einsame Spitze, breakmäßig sicher ein Rekordhalter. Es geht von Anfang bis Ende zur Sache. Gleich der Beginn des ersten Liedes zaubert ein respektvolles, die gestört/bedenklich hohe Break- und Informationsdichte absolut nicht vertragen wollendes Lächeln auf die Lippen des Zuhörers. Und dann geht es weiter und lässt im Grunde genommen nicht nach. Hervorstechen tun aber vor allem Track Nr. 1, Nr. 3 und Nr. 5. Meine Güte, bei diesem Album handelt es sich um eine Art CT-gestützten Gehirntritt. „Wir, Gehirnchirurgen auf 450-Euro-Basis, kommen vorbei und machen euer HRN platt!“, scheint uns Gory (falls dies der Name des Bandlieders ist) sagen zu wollen. Herr Blister (falls das nicht bloß ein Pseudonym ist), Ihre Frickelkünste sind ganz klar bewundernswert, liefern Sie uns regelmäßig EPische Wunderwerke mit eklatanter Soundsoße ab.

Martyr: Feeding The Abscess

Wer sie noch nicht kennt, dem seien sie sofortst ins technische Death-Metal-Herz eingeklebt! Die Wunderprogger Martyr aus (dem offenbar enormen) Kanada haben mit Hopeless Hopes und Warp Zone bereits zwei erstaunlich elegante Komplexbrocken ausgetüftelt, die vor genialen Melodien, Breaks und Soli bersten, und dann kam auf den (am Geduldsfaden hängenden) Connaisseur ihr drittes Album Feeding The Abscess zu. Man kann sich vortrefflich über Besser oder Schlechter streiten, eins hat diese Platte mit ihren (nach wie vor als Geheimtipps zu behandelnden) Vorgängern gemeinsam – es ist ein aus dem Staunen nicht mehr herauskommen lassender Umhau! Mag sein, dass das Debüt der Québestien einen Tick abwechslungsreicher und vielfältiger ausgefallen ist, dafür gibt es auf dem neuen Album mehr exquisite Jazzläufe zu hören, und manchmal fiedeln sich gar genrefremde Violinen prima ins hochenergetische Gesamtkonzept ein. Die gitarristischen Aspekte des vorliegenden Werkes sind jedenfalls nach wie vor über jeden denkbaren Zweifel erhaben. Hier herrscht raffinierte Virtuosität, sowohl die rund 500 Riffs als auch Soloeinlagen sind pfeilschnell, originell und faszinierend, nicht zuletzt wegen der stets spannend aufgebauten Übergänge zwischen den einzelnen Passagen. Trotz des durchweg hervorragenden Materials gibt es einige besondere Höhepunkte zu vermelden: „Perpetual Healing (Infinite Pain)“ ist ein sehr technisches und höchst genießbares Metal-Gedicht mit einigen Trademarks der Band wie dem verquer-düsteren Dissonant-Riffing, das ein Gefühl von subtil groteskem Drama vermittelt. Nach einer Zäsur in der Liedmitte leitet eine fulminante Fusion-Einlage zum zweiten Liedteil über. „Lost In Sanity“ ist unerbittlich dargebotenes, präzis abgefeuertes Riffgehacke mit Tief-, Eigen- und (last but not least) Wahnsinn im Blut. „Feast Of Vermin“ eröffnet eindrucksvoll mit einem atmosphärischen Instrumentalpart, der dann einer Reihe von prächtigen, immer wieder durch markante Rhythmik bestechenden Riffs Platz macht. Bei „Interlude – Desolate Ruins“ handelt es sich um ein beeindruckendes Instrumental-Trauma, dessen kryptisch-schwüle Jazzrock-Attitüde den Soundtrack eines David-Lynch-Films ganz bestimmt kongenial veredelt hätte. „Nameless, Faceless, Neverborn“ schließlich ist eine ungeheuerlich daherpeitschende Prog-Metal-Attacke, die sich entwickelt und entwickelt und (wie jeder andere Song von Martyr) nie langweilig wird. Ein fein ausgearbeiteter Lick führt zum nächsten, die kompositorische Dichte kennt auch hier wieder kaum eine Grenze – die Schlussbetrachtung muss daher lauten: Martyr sprechen nach wie vor ein echtes Machtwort im technischen Death Metal. Ihnen können nur ganz wenige das Wasser reichen, denn hier gibt es eine musikalische Seele zu bewundern, die in ein beachtliches Techno-Kostüm eingebettet ist. Es gilt nämlich die perfekte Synthese von technischem Overkill à la Necrophagist und der melancholischen Vielschichtigkeit von Chuck Schuldiner / Death. Eine derart fulminante Kombination braucht die Welt unbedingt.

Opeth: Ghost Reveries

Sollte ich irgendwann einmal den Wunsch äußern, in Scheiben geschnitten zu werden, wie es die einstige, inzwischen seriös-schnöde „Reviews“ heißende Rezensionsabteilung in der Rock Hard nahelegte, dann müssten es schon recht viele sein, und vor allem auch recht progressive. Alle mögliche geile Scheiße müsste darunter zu finden sein, von Atheist bis Zero Tower, und dazwischen – neben vielen anderen klasse Bands – natürlich auch die begnadeten Opeth. Still Life, Blackwater Park und Deliverance müssten darunter auf jeden Fall vertreten sein.

Und wie stehts mit Ghost Reveries? Nun, nach dem recht meinungsspaltenden (aber leider nicht schädelspaltenden, da durchgehend sanft gehaltenen) Damnation ist dieser Output wieder richtiger Prog Metal mit (inzwischen nicht mehr) gewohnten Opeth-Trademarks wie ultramelancholischem Gesang und derbem Gegrunz geworden, wobei der Krachanteil etwas zurückgegangen ist. Obwohl harmonietechnisch auf Bewährtes zurückgegriffen wird, wirken die Songs frisch, was vor allem an der einen oder anderen progressiven Spielerei, einfallsreichen bis genialen Melodie oder den gar völlig entspannten Ambient-Parts liegt, die einen Einfluss des Elektronica-Enthusiasten Steven Wilson auf Mikael Åkerfeldt, der das Album diesmal selbst produziert hat, erkennen lassen. Insgesamt wird also genügend Neuartiges geliefert, um behaupten zu dürfen, dass die Band sich weiterentwickelt. So ist zum Beispiel der Opener „Ghost Of Perdition“ sehr vielfältig und kann seiner im besten Sinne des Wortes heterogenen Gestaltung wegen durchaus als repräsentativ für das gesamte Album gesehen werden. „The Baying Of The Hounds“ bietet ebenfalls viel Abwechslung in Form von edlem Prog-Riffing und einem entrückten Mittelteil, zusätzlich sorgt eine Hammondorgel für gelungene Erweiterung des Gesamtsounds. „Beneath The Mire“ beginnt mit einem recht exotischen Riff und mündet über einige Zwischenspiele hinweg in einen ersten emotionalen Höhepunkt des Albums, wo eine gewohnt exzellente Akustikgitarre den sehr gefühlvollen Gesang begleitet. „Reverie/Harlequin Forest“ ist ein gehaltvoller, cleverer Überzehnminüter geworden, während „Isolation Years“, eine sehr fragile Ballade, vor allem mit ihrem wunderschönen, etwas an James LaBrie / Dream Theater erinnernden Chorus glänzt. Aufgrund einiger Stilerweiterungen mag Ghost Reveries vielleicht einen Tick filigraner als die Vorgänger ausgefallen sein, was diese natürlich nicht im Geringsten herabwürdigen soll: Cineasten aufgepasst – großes Kino!

Sieges Even: Steps 

Ein Problem ist der Sänger, der so klingt, als würde er gewürgt. Eigenwillig möchte man das nennen, gedrückt, so viel seltsamer als etwa die göttlichen Vokalisten von Fastes Warming oder Sukkotic Ploetz (die Tatsache der Veralberung der Bandnamen ist nichts anderes als verkappte Respektsbekundung). Dagegen sind hier viele Melodien und Elemente vertreten, die besondere Achtung verdienen und sehr begnadet rüberkommen. Nach dem einen oder anderen Vertrack kommt ganz unverhofft so ein Hammerteil von Tonfolge, dass es dir die Eingeweide in eine 5*-Amazon-Rezension umkocht. Nur komme ich mit einem der letzten Lieder nicht ganz klar, wo nämlich Versatzstücke aus Watchtowers „Control & Resistance“ auftauchen inkl. Textzeilen wie „Controlled by confusion, confused by control“, obwohl nirgends angegeben ist, dass dies Plagiart sein soll. Für Progfans jedenfalls ist der Besitz (und am besten auch das Eigentum) dieser Scheibe eine Ehrensache!

Aktor: Paranoia

Mindestens neun von zehn Songs dieses ersten abendfüllenden Albums des finnisch-amerikanischen Trios schaffen es auf Anhieb, sich gleichermaßen im Herz wie Hirn festzusetzen, weil sie einerseits eins a eingängig, andererseits subtil skurril sind und damit emotional wie intellektuell überaus ansprechen. Während der lässig-harmlose Opener „Devil And Doctor“ nicht so recht die kompositorische Originalität und Dichte, aber schon durchaus die himmlische Tightness von Aktor einfängt, offenbart sich beim nachfolgenden „Gone Again“ gleich zu Beginn ein eigenwilliger, voivodesker Ansatz, der Paranoia zu einer reichlich unprätentiös, aber dafür umso effektiver proggenden Melodic-Rock/Metal-Platte macht. Auch alle nachfolgenden Stücke glänzen mit mindestens einem eigentümlichen Kerngedanken, auf den etwas grobe „Widerhaken in Lippe“-Metapher nicht so recht passen mag, sondern eher das Bild eines delikaten, den Hörer erfrischenden und erfreuenden Sommerabendlüftchens. „Stop Fooling Around“ ist von Thresholder Jenseitigkeit, „I Was The Son Of God” klingt mit seinen melancholisch-schrulligen Keyboards ein bisschen wie der Soundtrack zu einem Indie-Retrogame, und „Where Is Home“ hat gar einen outlandishen Grusel-Refrain in petto. All diese präzis angebrachten Schrägen und Kanten runden das Werk derart ab, dass die Vokabel „genial“ ganz ohne schlechtes Gewissen gezückt werden darf. So viel Inspiration, Finesse und Musikalität in nur 34 Minuten Spieldauer – da klatscht es Beifall (und zwar ausschließlich).

Redemption: The Fullness Of Time: „Sapphire“

Gewiss ist „‚Sapphire’ ist die genialste Komposition aller Zeiten!“ eine gewagte Behauptung, wenn man bedenkt, dass es da solch umwerfende Musikgiganten wie Bach, Jean-Michel Jarre, Queen oder Dream Theater gibt, um nur mal drei von rund googol äußerst begabten Tonkünstlern zu nennen. Aber „Sapphire“ verdient wenigstens die Top-Platzierung in den Kategorien „Beste Prog-Metal-Ballade“, „Emotionalster Love-Song“, „Vielschichtigster Spannungsbogen“ und „Atemberaubendste Melodik“. Der Song erzählt die vielleicht zu 2,7 Prozent kitschige und weit über 180 Prozent mitreißende, von Larger-than-Life-Tragik getragene Geschichte einer verlorenen Liebe. Der leidenschaftliche Gesang von Ray Alder (nomen est omen), den man ja von diversen Fates-Warning-Masterkloppern kennt, ist Gott.

Weitere Götter, die zum Ultragelingen dieses ultramelancholischen Opus magnum beigetragen haben, sind das sagenhafte Talent van Dyks, echte menschliche Gänsehaut durch die perfekte Mischung aus Herz und Hirn, authentische Lyrics, grandiose Arrangements und nicht zuletzt eine eindrucksvolle Dramaturgie hervorzulocken, die mit erstaunlicher Leichtigkeit und Präzision für Abwechslung, Power, Fragilität, Genialität, Härte, Epik, geradezu jenseitige Nostalgie, und natürlich jede Menge Genialität sorgt. Die Riffs, die Soli, das Storytelling – man möchte fast sagen, dass Redemption mit diesem kolossalen Edelstein von Liedgut die Erschaffung eines eigenen emotionalen Kosmos geglückt ist. „Sapphire“ ist also für den (melodischen) Prog Metal das, was Bill Gates für Geld, Stephen Hawking für ALS, Wikipedia für Nachschlagewerke oder Google für Künstler ist, die sichergehen wollen, dass ein von ihnen soeben ersonnener Spontan-Neologismus wie etwa „Grüchnauß“ tatsächlich einzigartig ist und nicht etwa in irgendeinem Blog oder Nickname bereits seit dem Mauerfall Verwendung findet. Doch zurück zur simplen Formel, welche ich im Laufe der letzten Jahre erarbeitet habe: „Sapphire“ = Gott.


Jens Marder veröffentlichte bereits 2009 einen Artikel im Online-Magazin Amazon, den 28 Personen als hilfreich markiert haben. Bei postmondän fiel er bereits als Autor der korrespondierenden Liste Wurst of Metal über schlechte und unbedeutende Veröffentlichungen des Genres positiv auf. Jetzt weiterlesen!

Grazer Gastritis

Clemens J. Setz kehrt im Erzählband „Der Trost runder Dinge“ mit schrägen Metaphern und Figuren zu seinen literarischen Wurzeln zurück.


Die Erkenntnis, dass wir letzten Endes wenig voneinander wissen und ungesehen vor uns hinvegetieren, ist ja nicht neu. Allein, die Coping-Strategien der Protagonist٭innen aus Clemens Setz’ jüngstem Buch kann man – euphemistisch gesprochen – zumindest als unorthodox ansehen. Der alleinerziehende Familienvater Zweigl zum Beispiel versucht ausgerechnet über seine psychische Erkrankung ein Verhältnis zu seinen Kindern aufzubauen. Er leidet seit seiner Jugend unter Panikattacken und entfremdet sich zusehends von seinen beiden Söhnen, denen er die Angstschübe nicht begreiflich machen kann. Als sein ältester Sohn ähnliche Symptome wie er selbst entwickelt, diese sich aber zum Ende der Geschichte hin allerdings als nicht psychosomatisch, sondern als Folge einer Gastritis herausstellen, ist Zweigl nahezu enttäuscht, dass die aufblühende Beziehung wieder in sich zusammenfällt und er allein und auf sich zurückgeworfen bleibt.

Fast alle Figuren aus der Welt der runden Dinge leiden an der Einsamkeit und der Unmöglichkeit, sich dem Mitmenschen verständlich zu machen. Ihnen widerfahren zum Teil schreckliche Dinge in einer Welt, die genauso schräg und verzerrt zu sein scheint, wie die Metaphern und Vergleiche, mit denen der Erzähler sie beschreibt. Das erzeugt erst einmal Mitgefühl, beispielsweise mit dem Ich-Erzähler aus „OTTER OTTER OTTER“, der recht zurückgezogen vor sich hinlebt und sich hingebungsvoll um seine alte und sich dem Lebensende nähernde Katze kümmert.

Man freut sich über sein Date mit der blinden Kundin Anja aus dem Café, in dem er arbeitet, und über die behutsam gezeichnete und fragile Beziehung, die sich anbahnt. Doch wie in den meisten anderen Erzählungen bricht auch in dieser Geschichte mehr und mehr das Unbehagen in den Alltag ein und das Monströse hält Einzug: Als der Erzähler Anja zum ersten Mal in ihrer Wohnung besucht, findet er alle Räume mit obszönen Schmierereien verunstaltet vor. Ähnlich wie der Erzähler in Stefan Zweigs berühmter „unsichtbarer Sammlung“, dem sein blinder Kunde voller Stolz nur leere Blätter statt seiner längst durch die Kinder verhökerten wertvollen Kunstsammlung vorlegt, scheut auch hier der Ich-Erzähler vor der Wahrheit zu zurück und verstrickt sich darüber hinaus auch noch immer weiter in seine eigene zwanghafte Gedankenwelt.

In nahezu allen Geschichten schafft es Setz grandios, Intimität und Entfremdung, Trauriges und Schönes, Tragisches und Tröstliches miteinander zu verweben. Oft sind es hierbei die synästhetisch und nonverbal wahrgenommenen Dinge, die den Figuren der Geschichten Trost spenden, „überhaupt runde Sachen“, bekennt Zweigl, machen das Leid erträglicher und lindern die Angst. Und so sind es vor allem Dinge, die den Erzählungen ihren Kitt geben und sie miteinander verbinden. Achselhöhlen tauchen oft auf und auffallend oft Katzen. Überhaupt sind es kleine Geschöpfe, denen Setz in seinen zum Teil miniaturhaft kurzen Geschichten geradezu zärtlich Zuneigung angedeihen lässt.

Diese Nähe, die Setz zu den Gestalten erzeugt, steht im krassen Kontrast zu den bizarren Ausgangspunkten der meisten Erzählungen. Annamaria Perchthaler zum Beispiel, Mutter eines Teenagers im Wachkoma, will unbedingt Sex mit einem Callboy im Kinderzimmer haben. „Er bekommt ohnehin nichts mit“, antwortet sie auf die entgeisterte Frage des Callboys, warum sie das denn wolle, und es ist spürbar, welche Antwort sie sich wünscht. „Was? Klar bekommt der was mit!“

Setz zeigt seine Figuren in kuriosen, teilweise erbärmlichen Situationen, doch niemals werden sie zynisch oder würdelos dem Spott preisgegeben. Ihre Innenwelten offenbaren zumeist eine verzerrte Wahrnehmung des Alltäglichen. Dies vermittelt Setz mit der ihm eigenen Sprachwelt, in der seine Figuren Katzen als „kompakt wie Brot“ sehen oder Äpfel essen, die nach Fahrradgeschäft schmecken. Die Unfähigkeit, dieser subjektiv empfundenen Welt auch nach außen hin Ausdruck zu verleihen, lässt die Kommunikation zwangsläufig scheitern und führt die Protagonist٭innen in tiefe moralische Abgründe. Bei allem Wahnwitz macht sich Setz nie über seine Geschöpfe lustig, sondern zeichnet sie so einfühlsam, dass man dann am Ende doch mit ihnen ob ihrer scheiternden Kommunikation nicht nur Mitleid empfindet, sondern auch selbst gewahr wird, wie die Realität des jeweils anderen von der eigenen Wahrnehmung der Welt abweichen kann. So verstörend diese Erkenntnis ist, scheint dies jedoch ein allzu menschliches Problem zu sein. Und das wiederum ist doch wahrlich tröstend.

Der Trost runter Dinge von Clemens J. Setz erschien am 11. Februar im Suhrkamp Verlag und hat 320 Seiten.

Beitragsbild: © Suhrkamp Verlag

Die Pyramiden von Kanada

In seinem Roman Kanada erzählt Juan Gómes Bárcena die Geschichte eines Auschwitz-Überlebenden, der versucht, ins Leben zurückzufinden. Um dessen Schicksal nachzuempfinden, hält er einen konfrontativen, eindrücklichen Stil bereit, der Schwächen bewusst in Kauf nimmt, um am Ende dann doch in der Magengrube seiner Leser٭innen einzuschlagen.


„Eine Armbanduhr kostet einhundertzwanzig Zigaretten, dreißig Zigaretten kostet eine Brotration, vier Brotrationen kostet es, den Kommandos mit der leichtesten Arbeit zugeteilt zu werden, und du verwaltest du Tarife verschwiegen, brutal, gleichgültig.“

Stell dir vor

Du hast Auschwitz überlebt. Du kehrst zurück nach Hause, findest dort aber kein Leben mehr vor, in das du wieder zurückkehren kannst. Immerhin steht dein Haus noch. Du suchst nach Ruhe und findest Isolation. Du kannst nichts dafür, doch du glaubst es dir nicht. Hättest du anders gehandelt, hättest du selbst nicht überlebt. Du kannst nichts dafür, dass du in „Kanada“, den Affektenlagern des Vernichtungslagers, arbeiten musstest.

Du findest es seltsam, vom Text in der zweiten Person angesprochen zu werden? Ist es auch. Und bleibt es auch dann noch, wenn man einen gesamten Roman lang mit dieser Ansprache konfrontiert wird. Irritierenderweise erinnert diese Erzählform, die Juan Gómes Bárcena für Kanada wählt, an Abenteuer-Jugendromane wie Die Insel der 1000 Gefahren, in denen Leser٭innen ständig aufgefordert werden, Entscheidungen zu treffen und auf eine andere Stelle im Buch zu blättern. Doch am Ende bleibt die Ansprache die einzige Gemeinsamkeit zu diesen Büchern, denn das in Kanada durchlebte Schicksal ist unausweichlich. Die Entscheidungen, die das Leben der angesprochenen Hauptfigur bestimmen, sind längst gefällt. Nun durchlebt sie den Konflikt, mit ihnen, die sie in der Hölle getroffen hat, außerhalb von ihr weiterleben zu müssen.

Die größten Verbrechen hinterlassen keine Spur

„– und wenn sie doch eine Spur hinterlassen, dann ist es eine, die die Henker noch größer macht.“

Dabei hatte diese Hauptfigur eigentlich ein unbescholtenes, ruhiges Leben als Astrophysiker an der Universität geführt. Gerade zu Beginn des Romans versucht sie noch, in diese Gedankenwelt zurückzukehren. Doch der Kosmos, den sie nun bewohnt, wird immer kleiner und es fällt ihr zunehmend schwerer, die Regeln des Universums damit zu verbinden. Sie findet gedanklich keinen Zugang mehr. Immer stärker entfalten sich Gedanken an Krieg, Deportation und Auschwitz, an Vorbilder für die Verbrechen der Nazis. Wie wird man Auschwitz gedenken? Wie wird sich der Millionen Opfer erinnert werden? Die Azteken hatten ja auch unzählige Menschen hingerichtet. Und heute bewundert man ihre Pyramiden, die Opferstellen, als Denkmäler der Baukunst und Monumente menschlicher Größe.

„Die Jahrhunderte werden über das Lager hinweggehen. Das Fleisch seiner Geopferten, dein Fleisch, wird verfaulen, und zurückbleiben wird nur die Absicht, der Glaube, der seine Schöpfer bewegte. Alles steht noch, Öfen, Schienen und Zäune – wie ein lebendes Museum, als wäre die Zeit ein Traum, und du würdest im nächsten Moment daraus erwachen. Auch die Pyramiden von Kanada sind noch da. Tonnenweise Schuhe, Brillen, Haarsträhnen – Touristen einer anderen Zeit werden sie betrachten, sie tun es bereits, fasziniert von der Größe der Henker und der Bedeutungslosigkeit ihrer Opfer.“

Im Reich der Pyramiden

Was die Person in dem Roman nun genau erlebt hat, setzt sich erst spät zusammen. Einen zentralen Wendepunkt hat die Erzählung an einer Stelle, in der der überraschende Anblick einer nackten Frau die Erinnerung an die zahllosen nackten Leichen hervorschießen lässt, die die größten der Pyramiden von Auschwitz bildeten, zwischen denen sie einige Jahre gelebt und Zwangsarbeit verrichtet hat. Den Leser٭innen, wie ihr selbst wird nun endgültig die Unfähigkeit weiterzuleben offenbar. Bilder der Leichenberge und Haufen von den Koffern der Deportierten, persönlichen Gegenständen und Wertsachen, die nach der Befreiung des Lagers vorgefunden wurden, sind heute vielen bekannt. Daran, dass Menschen, nicht nur deutsche Aufseher, auch Inhaftierte, jahrelang einen bizarren Alltag zwischen diesen Pyramiden führen mussten, deren eigene Arbeit aus dem Anhäufen dieser Berge bestand, erinnert Juan Gómes Bárcena in diesem Zusammenhang eindrücklich. Dafür, dass sie die Opfer eines monströsen Verbrechens sind und bleiben, aber sich, alleingelassen mit ihren Gedanken, auch selbst in Schuldgefühlen verlieren, findet er einen beklemmenden Erzählstil.

Unbehagen, Trauma, Nachhall

Dass die Vorgeschichte des Romans sich erst nach und nach zusammensetzt, ist eine Schwäche des Erzählstils, die Gómes Bárcena in Kauf nimmt: Hier wird eine Gefühlswelt nachvollzogen, über die die Leser٭innen beim Lesen die meiste Zeit nur sehr wenig wissen und die sie dennoch ständig auffordert, nachzuvollziehen, wie man selbst sich denn nun fühlen müsste. Das Buch zwingt uns als seinen Leser٭innen eine Rolle auf, über die wir aber lange nur wenige Informationen haben, zunächst bloß, dass wir in unsere Wohnung zurückkehren. Dann erhalten wir immer mehr merkwürdige Information über uns selbst, zum Beispiel, dass wir uns gewünscht hätten, sie wäre im Krieg zerstört worden. Dass der Nachbar die Wohnung, nachdem sie ausgeräumt wurde, mit gefundenen Möbeln neueingerichtet hatte, nehmen wir als weiteren Quell von Unbehagen auf.

In welchem Land die Wohnung sich befindet, warum wir deportiert wurden, welche Erfahrung wir im Konzentrationslager gemacht haben, warum uns nicht zuletzt das Gefühl der Scham umtreibt, setzen wir uns durch kleine Randinformationen zusammen. Den eigentlichen Konflikt während des Lesens nachzuvollziehen, wird dadurch fast unmöglich. Erst auf den letzten Seiten setzt sich alles vollständig zusammen, so als hätten wir es selbst eigentlich schon gewusst und verdrängt – und das ist wahrscheinlich der Grund dafür, warum der Roman nach dem Lesen noch so lange nachhallt. Nicht nur erzählt Juan Gómez Bárcena in Kanada eine der abermillionen unerzählten und auch in der Erinnerungskultur wenig Gehör findenden Schicksale des Holocaust. Er zeigt einmal mehr die Dimensionen des Verbrechens auf.


Kanada von Juan Gómez Bárcena erschien 2018 im Secession Verlag für Literatur und hat 192 Seiten.

Widersprüchliche Spielsprachen

Dass menschliche Sprachen engere Grenzen haben als wir meist glauben, macht uns so mancher Lyriker klar. Der Dichter und Essayist José F. A. Oliver hat dies jedoch in seinen Gedichten enorm kultiviert und bricht so manche sprachliche Wand ein. Er erschafft teils aus Spaltungen und Neukombinationen von Wörtern, Sätzen und Satzzeichen radikal Neues. So lässt auch sein neuer Band wundgewähr in einem unkonventionellen, anderen und manchmal auch schwer zugänglichen Stil Sprache und ihre Widersprüche erbeben.


In dem Band vereint der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Poetikdozent auf über 200 Seiten Gedichte der vergangenen zehn Jahre. Seine wilden Spiele mit der Sprache in den unterschiedlich langen Gedichten und Zyklen haben dabei keine feste Thematik, nicht das eine alles durchdringende inhaltliche Motiv. Das Ziel scheint vielmehr eine oft konfuse Kartographie einer chaotischen Sprache mit allerlei Widersprüchen und Doppeldeutigen zu sein. Es geht um nichts Geringeres als das Wort in der Welt. So generiert Oliver in seiner lyrischen Spurensuche Spielsprachen, die manchmal intuitiv entstehen, aber gleichzeitig auf die konventionelle Sprache gebrochen und paradox wirken.

Das macht natürlich den Zugang zu den einzelnen Texten nicht immer leicht – verständlich ist das Gesamtkonzept eher auf einer emotionalen und intuitiven Ebene, basierend auf dem jeweiligen Sprachgefühl. Ergo geht es in wundgewähr weitgehend um Methode und Stil, statt um die oft sehr unterschiedlichen Inhalte des gesamten Bandes, der insgesamt einen nomadischen Alltag beschreibt – jedoch stets auf unterschiedliche Weise und meist eher assoziativ, denn logisch oder chronologisch. Zwar kehren einzelne Motive, wie ein Mund voller Scherben, häufig wieder, aber die Zusammenhänge über einzelne Texte hinaus bleiben recht vage.

Olivers durchgängige Methode ist die Sprachzertrümmerung. Viele Begriffe werden durch Doppelpunkte getrennt, jedoch nicht willkürlich. Etwa entstehen dadurch Doppeldeutigkeiten oder einfach alternative Interpretationsmöglichkeiten der Verse. Etwa setzt der Dichter häufig Termini wie „w:erden“ (den man also als „werden“ oder „erden“ lesen kann), „m:acht“ (was der Leser als „macht“/ „Macht“ oder „acht“/ „achten“ verstehen kann) oder natürlich „k:ein“. Oft geschieht diese Separierung auch bei Komposita und Fremdwörtern, deren Wortteile, werden sie nun quasi als zwei oder mehr Begriffe interpretiert, sogar eine ganz neue, andere, meist sehr befremdliche Bedeutung erhalten.

Sprachzertrümmerung und Neuschöpfung

Doch Oliver zerlegt nicht nur stringent, ja, fast schon besessen, einzelne Wörter so, sondern auch ganze Sätze und Gedichte. Indem etwa Zahlen nicht ausgeschrieben werden und häufig mit dem &-Zeichen verbunden werden, werden sprachlich und optisch eigentümliche Effekte und Stolperstellen erzeugt. Beispielsweise heißt es im Gedicht zellen 2 & 4 / auferstehung, wo?: „die kreuzwegstationen : 1 kreuzturm & ECCE“. Doch der optische Effekt der Trennung von Versen wird noch anders vollzogen. So baut der Autor deutliche Brüche ein, etwa indem er klaffende Lücken zwischen Wörter setzt oder gar einen Vers mit einem Schrägstrich teilt.

Doch die Sprachzertrümmerung alleine macht noch keine Spielsprache aus. Denn es werden auch neue Verbindungen geknüpft, Neologismen entstehen. Oft brechen Verse oder ganze Strophen mitten im Wort ab und gehen per Bindestrich im nächsten Vers weiter. Die Vielzahl der Bedeutungsebenen nimmt so teils unüberschaubare, obgleich häufig grandiose Ausmaße an. Wo Sprache zersplittert wird, da wird Neues zusammengesetzt. Auch verbindet Oliver hin und wieder Betonungen, etwa in den tonalen Unterschieden zwischen dem Deutschen und dem Spanischen (die die Zweisprachigkeit des Autors zeigen). Was diese neuen Sprachformen zwar innovativ, vielseitig und spannend macht, wird aber in der Verständlichkeit erschwert: durch das Aufbrechen grammatikalischer Strukturen. So manches Gedicht hat nicht nur keinen logischen, sondern eher assoziativ umrissenen Inhalt, sondern verzichtet auch auf konventionell korrekte Satzbildung. Einzelne Satzfetzen werden dem Leser elegant hingeworfen und irgendwie, aber nicht immer verständlich neukombiniert.

Mal humorvoll und ironisch, mal tiefsinnig und melancholisch, mal auch zornig und bitter schafft Oliver so für uns neue Sprachen und Bedeutungen, die oft ganz normale lyrische Momentaufnahmen zum Topos wählen. Manch einem mag das durchgängige stilistische Instrumentarium Olivers suspekt oder übertrieben erscheinen, und nicht jeder wird mit diesen Gedichten etwas anfangen können. Wer sich dennoch auf dieses radikale Projekt einlässt und breit ist, sich viel Zeit für die einzelnen Gedichte zu nehmen, wird nicht nur von ihnen gepackt und nachdenklich, sondern auch sensibilisiert werden, wie Sprache funktioniert oder funktionieren könnte.

José F. A. Olivers Buch wundgewähr erschien 2018 bei Matthes & Seitz und hat 224 Seiten.

Titelbild: © Matthes & Seitz

Im leeren Raum

Josins Albumdebüt In the Blank Space war ein schlecht bewahrtes Geheimnis, klingt fast schon nerdig stilisiert und ist ein krasser Downer. Wie großartig.


Auf diesen Moment hatte Josin sich gut vorbereitet. Dass sie Klavier, Produktion, Synthesizer und Singen ganz gut beherrscht, kam ja inzwischen schon einige Jahre lang bei ihren Konzerten, auf EP- und Single-Veröffentlichungen durch. Nun erschien das überfällige Debütalbum der Perfektionistin, bei dem glücklicherweise eine goldene Regel greift: Wenn Perfektionist٭innen sich Zeit nehmen, lohnt sich das Warten. In the Blank Space heißt die Platte, die diesen Freitag beim Stockholmer Indie-Label Dumont Dumont sowie beim Londoner MVKA veröffentlicht wurde. Allein schon der Umstand, dass sie Josins Vielseitigkeit als Sängerin und Multiinstrumentalistin aufgreift und in einen künstlerisch geschlossenen Kontext setzt, macht es zu einem Album der Stunde.

Klassik und Ambient, Intuition und Diskurs

Josins sphärisch-stilisierte Musik klingt völlig eigen und intuitiv, was ja bekanntlich das Gegenteil von diskursiv ist. Dabei greift sie einen experimentellen Ansatz auf, nämlich Ambient Sounds und klassisches Klavierspiel zu verbinden, der in den letzten Jahren schon von mehreren zeitgenössischen Pianist٭innen, zum Beispiel Federico Albanese und Midori Hirano, aufgegriffen wurde. Diese Melange aus klarem Klavier und tragenden Electro Sounds entwickelt sich in Josins Musik weiter, zum einen offensichtlich, weil er von eindringlichem opernhaften Gesang getragen wird. Zum anderen, weil sich von Song zu Song der Fokus zwischen den drei Elementen verschiebt und keinen so klaren Ausgangspunkt hat wie die Kunst der anderen Musiker٭innen. In den Fokusverschiebungen, die auch Genregrenzen schlicht ignoriert, deutet sich die Komplexität ihrer anspruchsvollen Kompositionen an, die in Wahrheit noch viel weitergetrieben wird.

Quelle: YouTube

Josins depressiver Mikrokosmos

In der insgesamt 40-minütigen Laufzeit von In the Blank Space wird der gesamte Mikrokosmos deutlich, den Josins Musik einnimmt. Mal introvertiert zusammengezogen, mal dramatisch entfaltet, erkundet das Album musikalisch viele Wege, um Unruhe zu erzeugen. Teils treiben, wie bei Healing, subtile Beats die Songs voran, teils bringt Josin mit dem Klavier allein eine innere Unruhe in ihre Musik, wie bei Once Apart (der übrigens ein bisschen an Rufus Wainwrights The Art Teacher erinnert). Bedrückende Texte tun ihr übriges. Auch wenn Josin bei Instagram und Facebook zeigt, dass sie Humor hat und noch nicht ganz an der Welt verzweifelt sein kann, ist ihr Album ein krasser Downer. Und die albumtitelgebende Leere fällt angespannt aus, weil sie stilisiert, weil sie künstlich ist, wie eine eingeredete Freiheit oder eine unter hohem Aufwand hergestellte Ruhe.

Ein insgesamt nicht mehr als melancholisch, sondern schon depressiv anmutender Gesamteindruck, zeigt facettenreich auf, was eigentlich alles geht, wenn man ein bisschen mehr kann als die anderen. Das Album begibt sich in die beste Gesellschaft mit anderen depressiven Künstler٭innen, die nicht viel auf Genres, dafür durch enormen Aufwand auf eine maximale Entfaltung intimer Kompositionen geben. Zum Beispiel Sóley und Hundreds, die Josin ja sogar schon bei Konzerten supportet hat. Andere Beispiele wären vielleicht Sufjan Stevens oder Thom Yorke, die sie allerdings bisher nicht supportet hat.

Einziger Wermutstropfen des Albums: Wer sich schon vor dem Release mit Josins Veröffentlichungen beschäftigt hat, erlebt wenig Neues. Zwar bietet der Albumkontext einen kunstvollen Rahmen, der viele Kreise schließt, doch bisher unveröffentlicht waren eigentlich nur zwei der Songs. Dass Josin die anderen sieben Kompositionen bereits social-media-freundlich entweder in EP-Form, als Singles oder Remixes zur Verfügung gestellt hatte, ist ja eigentlich dankbar, macht In the Blank Space aber im Nachhinein zu einem schlecht bewahrten Geheimnis. Anhören sollte man es sich dennoch.

Josins In The Blank Space erschien am 25. Januar 2019 bei Dumont Dumont und MVKA.

Titelbild: © Dumont Dumont