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„Innenansichten eines Außerirdischen“ – Teil 0

erst die hose, dann die schuhe. ein erster schuh, dann die hose: und dann die schuhe. was einst nonno hätte helfen können, soll heute mein hirte sein, ich weiss ja gar nicht mehr von vorn und hinten und wo das eigentlich ist. morgen bin ich in jena. (nonno hat mit peter und kwixi bei zack ahoi, gespielt. geile band … der konnte schreien wie son viech, im sitzen …)


guten tag. mein name ist tobert knopp und ich spiele bassgitarre in der gruppe turbostaat. seit 21 jahren. ich war 19, als das alles anfing. in husum. unsere neue platte „uthlande“ wird ab jetzt bespielt, hier da und dann dort und ich bin aufgeregt wie sau. das ist mir tatsächlich neu …

bevor ich um 23:05. zuerst einen bus, dann eine bahn, dann eine andere nehme und dann in einen richtig großen bus steige, muss ich etwas sortiertes vorstellen: den versuch, jeden tag ein kleines bisschen einblick in den ablauf dieser schönheit zu geben, den ich rollbettfahren nenne. dazu braucht es eine band inkl anhang, einen schlafbus, etwas gerät, frische bettwäsche (olfaktorisch unbedenklich), etwas tigerbalm, silikonohrstöpsel. ingwer. statt star trek diesmal ein buch von david byrne: „how music works“.

deswegen auch dies hier. wie das genau funktioniert, mit soner band, versteh ich seit jeher nämlich eher wenig und ich betrachte den ablauf stets mit staunen. es wird laut und kracht und blinkt und knackt und da kommen ja leute hin irgendwie und freuen und gehen und dann fährt das ding weiter und ich riech nach kampfer und hör ja gar nichts mehr – da muss man mit den füßen nach vorne schlafen, ich vorneuntenlinks und es wackelt dann … 

in einigen städten die lichter, woanders ein imbiss, hinterm-eck-versteck, ganz lang muss man anstehen. oder der weinmann immer mit seinen geschichten oder gluffke mal wiedersehen und vielleicht kommt ja olli, wenn er noch lebt. aber das kann carsten auch erzählen bestimmt. ein piratenhauptmann – noch ein piratenhauptmann.

in jena dann die sterne, oben im holz. die hat er gesprüht und ich hab seine namen verloren und ich will ihn da wieder treffen und diesmal mein ich es ernst, aber dazu morgen mehr … 

tobert knopp


„Innenansichten eines Außerirdischen“ – ein Gast-Blog aus Turbostaats Tourbus. Morgen geht das weiter.

Neu: weiter zu Teil 1.

Ein erster Einblick:

Quelle: Instagram
Beitragsbild: © Andreas Hornoff

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Vom Erzählen von Geschichten – Jørn Precht im Interview

Prof. Jørn Precht ist Dozent für Drehbuch und Dramaturgie, Drehbuchautor, Romanautor, Schauspieler und Regisseur. Derzeit stürmt er unter dem Pseudonym Charlotte Jacobi die Bestseller-Charts mit dem Roman Sehnsucht nach der Villa am Elbstrand.

Ein Gastinterview von Thomas Goersch


Hallo Jørn, aktuell findet man dich mit dem Roman Sehnsucht nach der Villa am Elbstrand unter dem Pseudonym Charlotte Jacobi auf den Bestsellerlisten. Erzähl uns was zu den Romanen von Charlotte Jacobi. Wer steckt hinter Charlotte Jacobi, und warum das Pseudonym?

2016 habe ich mit der Journalistin Eva-Maria Bast zwei Sachbücher zum Thema Stadtgeschichte geschrieben: Stuttgarter Geheimnisse und Flensburger Geheimnisse. Im Rahmen der gemeinsamen Recherche-Arbeit entstand die Idee, zusammen auch mal einen historischen Roman zu wagen.

Unserer gemeinsamen Agentin Anna Mechler gelang es dann, dafür den Piper-Verlag mit ins Boot zu holen. Die damalige Lektorin dort hat uns aufgeklärt, dass historische Romane primär von Frauen gelesen werden, und dass zwei Autorennamen – zumindest auf dem Cover – eher abstoßend auf die Leserschaft wirken. Wir haben ihr vertraut, und die Verkaufszahlen haben ihr recht gegeben. Es handelt sich allerdings um ein sogenanntes „offenes Pseudonym“, das heißt im Buchinneren wird aufgeklärt, wer sich wirklich hinter „Charlotte Jacobi“ verbirgt. Das ist praktisch, da es uns öffentliche Lesungen ermöglicht.

Was ist bereits erschienen? Was für eine Geschichte erzählen die Bücher?

Gemeinsam haben wir bereits drei Romane bei Piper veröffentlich, die auch alle als Hörbuch adaptiert wurden. Dabei handelt es sich um eine Trilogie – Die Elbstrandsaga. Darin erzählen wir von einer Hamburger Reedereidynastie und deren Angestellten. Plump gesagt ist es eine Art deutsches Downton Abbey – aber mit Schiffen. Band 1 spielt zur Zeit des Ersten Weltkriegs, Band 2 im Zweiten, und im gerade erschienenen dritten Buch – Sturm über der Villa am Elbstrand geht es in die 1960er. Neben der großen Hamburger Sturmflut erleben wir die ersten Gehversuche der Beatles und die „Spiegel-Affäre“ hautnah mit. Trotz der romantischen Buch-Cover geht es oft sehr hart zur Sache, und alles ist exakt recherchiert. Unsere Leserschaft lobt es, dass sie mit der Trilogie nicht nur unterhalten wird, sondern nachher viel, viel mehr über die jeweilige Epoche weiß. Da Co-Autorin Eva und ich beide vergessene Quellen und Geheimnisse lieben, bemühen wir uns jeweils um Fakten, die man so noch kaum gehört hat.

Nach dem großen Erfolg geht es doch bestimmt mit dieser Buchreihe auch weiter. Erzähle uns etwas über die Zukunftspläne mit Charlotte Jacobi.

Die Elbstrand-Saga ist zunächst mal abgeschlossen. Von Charlotte Jacobi wird es aber Neues geben – gerade ging die erste Fassung unseres vierten Romans bei Piper an die Lektorin. Er soll im Dezember 2020 erscheinen. Wir dürfen darüber nicht allzu viel verraten, da die Konkurrenz in diesem Segment des Buchmarkts recht groß ist. Kaum war beispielsweise Anfang 2018 unser erster Band Die Villa am Elbstrand angekündigt, zogen zwei andere Verlage mit den ähnlich lautenden Titeln Die Villa an der Elbe und Die Villa an der Elbchaussee nach. Deshalb an dieser Stelle nur so viel: Es geht im neuen Buch um zwei junge Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die gegen alle Widerstände eine eigene Firma gründen. Dafür haben wir erneut sehr viel recherchiert.

Dein Herz schlägt auch für den Film. Du hast nach deinem Abschluss in Germanistik und Anglistik ja noch ein Aufbaustudium Drehbuch und Creative Producing“ belegt. Und seit April 2012 bist du Professor an der Hochschule der Medien Stuttgart.

Ja, die Arbeit mit jungen Regisseuren an der Filmakademie Baden-Württemberg hat mich extrem viel lernen lassen. Schon im Jahr 2000 habe ich auf Empfehlung einer Künstleragentin dann begonnen, mein erworbenes Wissen auch im Unterricht weiterzugeben. Damals zunächst am Billy-Wilder-Institut in Bonn, später an der eigenen Drehbuchschule im Filmhaus Stuttgart. Professor für Transmediales Storytelling an der Hochschule der Medien wurde ich dann im April 2012.

An der Hochschule hast du das Institut für angewandte Narrationsforschung (IANA) gegründet. Laut Website eine „interdisziplinäre Lehr-, Forschungs- und Kommunikationsplattform für anwendungsorientierte Erzähltheorie und -praxis“. Was darf man sich darunter vorstellen?

Geschichten, narrative Modelle, tauchen ja längst nicht mehr nur in Büchern, Filmen, Serien und Videogames auf. Auch Beratung und Therapie, Unternehmen und Organisationsentwicklung, Messeauftritte, politische Kampagnen, Organisationskommunikation und Bewerbungstraining agieren mit den Prinzipien des „Storytelling“. Unser Institut will Diskurs und Kommunikation zwischen Forschung und Praxis in den diversen Anwendungsfeldern fördern. Dazu veranstalten wir jährlich im Dezember das Storytelling-Camp im Rahmen des Festivals Filmschau Baden-Württemberg. Dort referieren vom Hollywood-Regisseur, einer Romanautorin über den Porsche-Marketing-Chef oder eine Fernseh-Redakteurin bis hin zum bekannten Musiktexter Storyteller aus den verschiedensten Bereichen. Mit dem Tagungsband „Narrative des Populismus“ haben wir 2018 unser erstes Buch herausgegeben. Zum Populismus in „sozialen“ Netzwerken forsche ich, weil ich ihn für extrem demokratiegefährdend halte.

Du schreibst Drehbücher für die ZDF-Serie Soko Stuttgart“ und für die Animations-Serie über Petzi, den wir durch die Petzi-Kinderbüchlein kennen.

Als 2009 klar wurde, dass Stuttgart seine eigene Krimi-Serie bekommt, war ich Feuer und Flamme. Was die Bavaria mit den Filmakademie-Absolventen Oliver Vogel und Torsten Lenkheit damit für die Jobsituation am hiesigen Medienstandort getan hat, wirkt nun schon über zehn Jahre.

Der kleine Seefahrerbär-Petzi war tatsächlich meine erste Erfahrung als Storyteller, ich liebte diese aus Dänemark stammenden Bildergeschichten schon mit vier. Als ich mit fünf meinen Vater bei einem Ausflug an den Uracher Wasserfall fragte: „Warum gibt es eigentlich keine Geschichte, in der Petzi seine Freunde Pelle und Pingo kennenlernt?“, antwortete er: „Schreib du sie doch.“ Ich glaube, er hat nicht geahnt, was er damit lostritt, mir aber dann irgendwann eine in der Zeitungsredaktion ausgemusterte Schreibmaschine mitgebracht.

Als ich über vier Jahrzehnte später durch den Praktikumsbericht einer Studentin erfuhr, dass ausgerechnet in Ludwigsburg eine 3D-Version meines Kindheitshelden Petzi entstehen soll, war ich wie elektrisiert. Dann bei Studio SOI als Autor der Serie einsteigen zu dürfen, war neben meiner Arbeit mit dem Hollywood-Regisseur Roger Spottiswoode meine bisher schönste berufliche Erfahrung. Zwischen Lego-Modellen und vielen Animatoren, die die Storys gleich vor Ort am Computer umgesetzt haben, Petzi-Geschichten zu suchen, war so ein bisschen Storyteller-Himmel. Aber auch sehr kniffelig – während es beim Krimi ja primär um routinierte Konstruktion von Blindspuren und Tatmotiven geht, muss man bei einer Preschool-Serie Konflikte finden, die auch im Kindergarten nachvollziehbar sind. Die viele Arbeit wurde dann aber mit Einschaltquoten bis zu 70 Prozent belohnt.

Du scheinst eine gute Kombination aus praktischer Anwendung als Autor und aus theoretischer Vermittlung als Dozent zu haben: Was magst du besonders an diesen Aufgaben? Harmonisiert das gut? Würdest du eine Aufgabe bevorzugen?

Schwere Frage. Wenn ich im Schreibfluss bin und die erdachten Charaktere ihr Eigenleben entwickeln, wenn ich bei der Recherche auf eine verlorene Geschichte stoße, wenn mir der erste Cover-Entwurf zugesandt wird, mir Leser sagen, sie hätten geweint und gelacht wegen meiner Geschichte, dann denke ich: „Traumberuf“. Dasselbe denke ich aber auch, wenn ich an einer technisch großartig ausgestatteten Hochschule wie der HdM Studierenden aus aller Welt durch meine Erfahrungen beim Kreativsein helfen darf – und dabei selbst manchmal am meisten lerne.

Insgesamt denke ich, dass es gut ist, einen Ausgleich zu haben, der einen Schreibtischtäter wieder unter reale Menschen in Aufbruchstimmung zwingt.

Unter eigenem Namen hast du den Titel Das Geheimnis des Dr. Alzheimer veröffentlicht, der 2018 mit dem bronzenen HOMER-Preis für den besten historischen Roman aus dem Jahr 2017 ausgezeichnet wurde. Das Buch hat eine interessante Entstehungsgeschichte. Erzähle uns was hierüber.

Vor etwa sieben Jahren kontaktierten mich der Regisseur Hardy Martins und der Autor Bernd Schwamm, da sie mit ihrem Einfall, die Biografie von Alois Alzheimer, dem Entdecker der gleichnamigen Krankheit, für einen Film zu adaptieren, nicht weiterkamen. Eine funktionierende Filmfigur braucht eine große Katastrophe und Charakterveränderung. Nun war der historische Prof. Dr. Alzheimer ein gleichbleibend ruhig forschender Mann, zu der zu seiner ersten Patientin mit der von ihm entdeckten Krankheit keinen persönlichen Bezug hatte. Da fiel mir ein Beispiel meiner Dozentin an der Filmakademie, der Roman-Autorin Sibylle Knauss ein.

In einem Spiegel-Interview vor etwa 20 Jahren hat sie gesagt, dass Eva Braun sie zwar als Romanfigur interessiert habe, diese aber keine Charakterentwicklung durchgemacht habe und sich daher nicht zur Adaption eigne. Frau Knauss wurde dann von Eva Brauns Cousine kontaktiert, die ihr die Lösung bot: Diese hatte erkannt, wie schlimm Hitler und sein Regime waren. Erzählt über diese Figur mit Erkenntnis, also die Cousine, konnte Eva im Roman Hitler so gleichbleibend hingegeben sein wie in der Realität. Ich entschied mich zu einem ähnlichen Vorgehen. Dramaturgische Veränderungen, Spannung und die emotionale Bindung an die erste Alzheimer-Patientin erzählte ihn anhand Dr. Alzheimers Assistenten, von dem heute nur noch der Name bekannt ist. So konnte der Psychiater Alzheimer so bleiben, wie er wirklich war.

Da so ein historischer Film sehr teuer ist und die Finanzierung immer länger auf sich warten ließ, beschloss ich 2017, dass die Menschen nun zumindest als Buch diese Geschichte kennenlernen sollten. Der HOMER-Preis war dann eine echte Adelung für das Buch. Allein schon die Nominierung – zu den 75 besten historischen Romanen des Jahres 2017 zu gehören –, war eine Ehre für mich. Dass ich dann auch noch in die Top 3 kam und damit bekannte und hoch talentierte Kolleginnen und Kollegen hinter mir gelassen habe, war dann natürlich noch schöner für mich.

Besteht eine Möglichkeit, dass dieser Roman eines Tages, wie ursprünglich geplant, zu einem Film werden kann? Wie siehst du die Chancen hierfür?

Ich hoffe natürlich sehr, dass – auch durch den Erfolg des Romans – jemand es für sinnvoll und lukrativ hält, die Verfilmung zu finanzieren. Das Drehbuch liegt auch auf Englisch vor und es gab bereits eine Anfrage aus Großbritannien. Fest steht immerhin, dass noch dieses Jahr die Hörbuch-Adaption kommen wird.

Vielen Dank für das Interview. Das letzte Wort sollst Du haben. Was wäre dein Herzenswunsch auf kreativer Ebene?

Momentan nähere ich mich – nach erstem Kontakt im Rahmen des Jugend-Musicals „Bühne der Träume“ im Jahr 2017 – weiter dem Schreiben für Live-Situationen an. Neben einer Theateradaption des Buchs eines deutschen Comedians habe ich zwei Stoffe für größere Musicals in der Pipeline. Musik mit ihrer Verbindung zu unserem emotionalen Gedächtnis fasziniert mich, und ich hoffe, ich finde die Zeit, etwas davon an die Frau oder den Mann zu bringen. Aber am meisten wünsche ich mir natürlich, dass bald ein englischsprachiges Script von mir verfilmt wird, da ich es ja liebe, wenn meine Geschichten viele Menschen erreichen.


Thomas Goersch verkörperte weit über 200 Rollen in Kino-, Musikvideo- und Independent-Produktionen. Wegen seiner Vielschichtigkeit und seines Interesses an verschiedenen Genres engagierte man ihn wiederholt für ausländische Filmproduktionen, welche nicht selten einen stark künstlerischen oder experimentellen Ton aufweisen. Daneben ist er dem deutschsprachigen Fernsehzuschauer seit vielen Jahren als Moderator beim Verkaufssender 1-2-3.tv bekannt.

Beitragsbild: © Fotohaus Kerstin Sänger

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Uthlande, verdammt! Turbostaat im Interview

Das neue Turbostaat-Album Uthlande wirft Fragen auf: nach einem zermürbenden Sample, haufenweise Selbstreferenzen, miteinander verbundenen Songs und immer wieder diesen Songnamen.

Eine Woche vor Release der Platte fanden Jan Windmeier, Sänger der Band, Tobert Knopp, der Bassist, und Marten Ebsen, Gitarrist, zum Glück Zeit, das Nötigste zu klären. Gemeinsam mit Roland Santos, auch Gitarrist, und Schlagzeuger Peter Carstens haben sie die Band vor 21 Jahren in Husum, Schleswig-Holstein, gegründet. Das Album ist bereits ihr siebtes.


Hat sich irgendwann eine Routine eingestellt oder seid ihr nervös, so kurz vorm Release?

Jan: Beides so ein bisschen. Es gibt eine Routine, denn man weiß, wie es ist, eine Platte rauszubringen. Aber wie vor jeder Platte ist man auch nervös, besonders wenn man an die Live-Konzerte denkt, auf denen man das neue Zeug präsentiert.

Tobert: Mir geht das vollkommen am Arsch vorbei. Ich hab einen ganz anderen Umgang damit. Seit Abalonia ist es so, dass die Platte einfach so herauskommt. Also klar, wir müssen natürlich viel regeln. Wenn wir losfahren, wird mir erst wirklich bewusst, dass wir ja neue Lieder haben, und dann bin ich von uns selbst überrascht. Da ich nicht so der Vorfreude-Typ bin, hab ich immer das Gefühl, als sei ich vorher gar nicht dabei gewesen. Es ist dann eine direkte Belohnung, Songs live zu spielen. Das ist eh am wichtigsten.

Die neuen Songs habt ihr bisher noch nicht live gespielt?

Jan: Ne.

Aufregend.

Jan: Siehste.

Wie würdet ihr euer neues Album beschreiben?

Tobert: Elegant wie ein Puma.

Marten: Ein bisschen hat man versucht, Turbostaat auszupressen und in einen kleinen Flakon zu füllen. Beim Album davor haben wir dagegen eher probiert, Türen aufzustoßen und ein paar Sachen anders zu denken. Diesmal wollten wir alles nehmen, um es auf den Punkt zu bringen – würde ich jetzt mal so sagen.

Tobert: Ich finde, in der Selbstreferenz liegt eine große Aufgabe. Mich hat es früher immer wahnsinnig gemacht, wenn wir ein paar Lieder hatten, aber nicht wussten, wo wir mit der Platte stehen. Wenn dann jemand sowas sagte wie „Wir machen das einfach so wie früher, war das für mich ein inhaltliches Problem. Denn es ist eigentlich schwer, wie früher zu klingen, ohne sich zu wiederholen. Aber obwohl es, wie Marten sagte, diese zusammengequetschte Essenz gibt, ist es diesmal total leicht. Deswegen gefällt mir das Album so gut. Für mich persönlich ist es das erste Mal ein Album, bei dem ich von vorne bis hinten vergesse, was passiert. Ich bin immer wieder überrascht. Bei den letzten Alben war es nicht so. Es gab viele Lieder wie Eisenmann, bei denen wir entscheiden mussten, ob wir sie überhaupt live spielen. Bei diesem kann ich mich jetzt gar nicht entscheiden, welches ich als erstes spielen will.

Das Licht am Ende des Tunnels ist eine brennende Fabrik.

Tobert Knopp

Der Titel Uthlande ist ein alter Name für die damalige nordfriesische Inselwelt. Ist das Album auch eine Auseinandersetzung mit eurer Heimat?

Marten: Nein, nicht mit der Heimat, sondern mit unserem Werden oder Sein. Es beschäftigt sich von der Pose her damit, wie wir gewesen sind, als wir Turbostaat gegründet haben. Zum Namen „Uthlande“ kam es, weil wir einen Plattentitel brauchten. Wir waren auf der Suche nach einem Begriff, der alles vereint.

Tobert: Ich fand schön, als jemand zu mir sagte, das ist ja alles nicht mehr da. Und ich ihm geantwortet hab: Ja, das, was mal war, ist ab und zu nicht mehr da oder zu etwas anderem geworden.

Marten: Aber diese poetische inhaltliche Aufladung kommt erst als zweites.

Tobert: Ich wollte auch nur sagen: Was immer du auch darin siehst oder wo du uns siehst, ob wir Skelette mit Äxten im Watt sind oder sonst was, es ist okay. Ich hab schon viele Sachen darüber gehört und fand viele davon schön – und schön, wenn Leute damit etwas anfangen können.

Aber ihr selbst würdet es nicht überinterpretieren?

Marten: Natürlich schwingt immer irgendetwas mit. Irgendwelche Assoziationen, die man in einen Pott wirft. Aber in erster Linie muss man sich einfach irgendwann entscheiden: In diesem Falle ist es wirklich ganz banal, wir brauchten einen Plattentitel.

Tobert: Als du ihn vorgestellt und erklärt hast, konnten wir mit diesem plattdeutschen Wort alle direkt etwas anfangen. Die Köpfe fangen ja danach erst an. Was auch immer man sich dazu denkt, ist okay. Die Gedanken sind frei.

Auch dieses Album wurde, wie all eure Platten seit 2007, von Moses Schneider produziert. Wie würdet ihr ohne ihn klingen?

Marten: Das ist eine sehr schreckliche Frage.

Tobert: Das ist total interessant. Wir werden es nie herausfinden.

Jan: Zum Glück.

Tobert: Da hast du hundertprozentig recht. Ich muss echt sagen, dass wir in den Prozess, eine Platte zu machen, einfach so reingewachsen sind. Durch ihn und mit ihm haben wir eine Form gefunden, zu arbeiten und zu einem Ergebnis zu kommen. Du musst das so sehen: Wir fünf Eierköppe spielen ungefähr seit zehn Jahren mit dem gleichen Equipment, legen vielleicht mal ein Tretergerät drauf oder überlegen ab und zu, wo man Mikros hinstellt. Aber die Band, die da im Studio steht und spielt, macht eigentlich immer genau dasselbe, was sie live auch macht. Das haben wir anscheinend gelernt, gemeinsam gut hinzukriegen. Dass wir damit aber zu einem Ergebnis kommen, verdanken wir Moses. Wie wir ohne ihn klingen würden – keine Ahnung.

Jan: Wir hätten einige Lieder ohne Moses einfach gar nicht gemacht, weil im Vorfeld Sachen zerredet werden, zum Beispiel, dass das eine Lied so gar nicht geht und wir das so nicht machen können. Bis Moses es sich anhört und fragt: Wo ist euer scheiß Problem? – weil er das, was er hört, total geil findet und etwas darin sieht, was wir vorher nicht gesehen haben. Moses ist bei uns eine Instanz geworden, die so viel Vertrauen genießt, dass wir uns auf Dinge einlassen, auf die wir uns vielleicht nicht einlassen würden, wenn es einer aus der Band gesagt hätte.

Es ging mir total super, das Wetter war schön, ich hatte eine tolle Zeit. Und dann hörte ich mir das morgens nach dem Aufstehen an und dachte: Alter, ist das ätzend.

Jan Windmeier

Das Album erscheint auch auf Kassette. Gibt es inzwischen wieder ein breites Interesse an dem Tonträger oder ist das Liebhaberei?

Marten: Wir haben jetzt schon so viele Kassetten verkauft, wie wir nie gedacht hätten. Es ist das erste Mal, dass wir eine Kassette machen. Also nach den Demotapes am Anfang. Aber das war ja mehr der Zeit und Notdürftigkeit geschuldet.

Tobert: Ich finde es witzig, dass die jetzt gekauft wird, und wir uns fragen: „Wer kauft denn eine Kassette?“ Weil ich mich persönlich dafür interessiere, weiß ich, dass es grad so ein Ding ist. Aber gleichzeitig ja auch das, was wir früher gemacht haben: Anfangs haben wir die Demokassetten von Bands, die im Speicher Husum auftreten wollten, mit unseren eigenen Demos überspielt. Das ist so lange her.

Jan: Generell gesehen, ist immer noch das ein Ding, was Nerds gut finden. Das sehen wir deutlich in unserem Shop. Und das spricht ja auch für die Leute, die in unserem Shop kaufen. Aber im Großen und Ganzen ist eine Kassette immer noch etwas, was nicht so richtig stattfindet.

Marten: Es ist kein finanzielles Standbein einer Albumproduktion. Dann doch schon eher Liebhaberei.

Quelle: Instagram

Ihr wohnt in verschiedenen Städten: Flensburg, Berlin, Hamburg. Wo ist Uthlande entstanden?

Jan: In Loit.

Tobert: Wir proben dort bei einem Bekannten, Knut, alter Punk, in dessen Dorfkneipe in Scheggerott wir auch unsere Release-Party machen. Er hat uns das damals angeboten. Wir waren vorher in Schleswig, Auf der Freiheit, hatten da einen ganz tollen Proberaum in einer alten Kaserne. Das haben die alles weggeknallt für teure Butzen. Und auf der Suche haben wir Knut getroffen. Seitdem sind wir bei Knut und haben da auch unser neues Album gemacht. Ist immer traurig, einen Ort zurückzulassen und Schleswig aufzugeben. Auf der Freiheit war es im Nachhinein wirklich toll, aber es ist auch gut, sich zu bewegen und überall kleine Fähnchen hinzusetzen: Hier hab ich auch schonmal ein Album gemacht.

Schreibt ihr Songs also komplett gemeinsam im Proberaum?

Tobert: Diesmal haben wir viel mit Demos gearbeitet. Marten hat Demos angeschleppt, ich hab Demos angeschleppt, und wir sind mit den Sachen in den Proberaum gegangen, haben sie genauso gespielt oder ein bisschen verändert.

Jan: Zu anderen Platten hat man mehr gejammt, jetzt ist es viel Demoarbeit gewesen.

Ein paar Fragen in die Platte rein: Worum geht es in der ersten Single „Rattenlinie Nord“?

Tobert: Das weißt du doch schon.

Stimmt.

Marten: Um die Rattenlinie Nord …

Jan: Ich würde das jetzt nicht so platt sagen.

Marten: … und um Pflichterfüllung.

Jan: Um die Ausrede der Pflichterfüllung. Und um den geschichtlichen Ansatz. Um Leuten zu sagen, dass es eine Rattenlinie Nord gab.

Tobert: Marten hat recherchiert, den Film gefunden, aus dem das Sample Stammt, uns das gezeigt, dieses Lied geschrieben. Und für alle, die wissen wollen, was das ist, die können sich ans Internet setzen und lesen und schauen, und sich hoffentlich eine Meinung dazu bilden, die gut ist.

Das sollte man dann auch tun, oder?

Tobert: Wenn man das so sagen kann, würd ich drum bitten, ja.

Also: Zeit für eine Wikipedia-Pause.

Jan: Mir haben zum Beispiel ganz viele Flensburger geschrieben und sich für den Song bedankt.

Flensburg spielt für die Rattenlinie Nord ja auch eine zentrale Rolle.

Jan: Und wir, die ja nun alle lange in Flensburg gewohnt haben, haben ganz lange nicht gewusst, dass es diese Rattenlinie Nord gab. Genau wie es die Leute, die sich bedankt haben.

Im Song taucht ein Sample von Karl Dönitz auf, dem letzten Reichspräsidenten des Dritten Reichs. Die Aufnahme ist ganz schön zermürbend.

Marten: Ja, das ist tief schockierend.

Ein drastisches Stilmittel. Aber für das Thema notwendig?

Marten: Ich weiß es nicht. Früher war es so üblich, dass man Punk oder Emo-Punk spielt, und dann kommt in einem Original-Ton-Sample irgendein Arschloch und sagt irgendwas Gemeines. Gerne hat man da Nazis genommen. Für uns ist das ein ganz gebräuliches Stilmittel, was sich sehr natürlich anfühlt. Aber als ich das reinmontiert habe, war ich mir auch nicht ganz sicher, ob man das bringen kann.

Jan: Zu dieser Zeit, als Marten mir das geschickt hat, war ich in einem guten Zustand. Es ging mir total super, das Wetter war schön, ich hatte eine tolle Zeit. Und dann hörte ich mir das morgens nach dem Aufstehen an und dachte: Alter, ist das ätzend. Je häufiger ich es mir aber danach anhörte, desto wichtiger fand ich es. Mittlerweile ist es der Kern des Liedes geworden, sodass ich hoffe, dass wir das auch live umsetzen können. Denn die Leute ja sollen sich auch nicht wohlfühlen.

Sample ab 1′ 50“:

Quelle: YouTube

Anderer Song: Worum geht’s bei Hemmingstedt?

Marten: Um die Raffinerie in Hemmingstedt. Wenn wir auf einem Konzert waren oder selbst gespielt haben und zurück nach Husum gefahren sind, sind wir immer, meistens um 4 Uhr morgens, an dieser Raffinerie vorbeigefahren, die da dort mitten in der Nacht gebrannt hat. Meistens war man besoffen, irgendwas lief im Tapedeck, man hat viel geraucht und halb gepennt.

Hat euch die Raffinerie gestört oder wolltet ihr ihr ein Denkmal setzen?

Marten: Beides nicht. Es geht mehr um den Zustand des eigenen Lebens, wenn man war grad in Hamburg auf einem Konzert war und Montag wieder rausmuss. Und um die chemischen Prozesse, die sich in der Raffinerie abspielen. Ich fand interessant, diese im eigenen Alltag zu reflektieren. Das brodelnde Gefühl, kurz vor der Explosion zu stehen. Damit konnte ich sofort etwas anfangen.

Jan: Wenn man daran vorbeifährt und es ist dunkel und überall sind diese Lichter und es brennt – das war für mich immer sehr unwirklich, ganz egal, wie oft wir dran vorbeigefahren sind. Man hat halt immer hingeguckt. Wie bei einem Unfall, bei dem man sich zwingen muss, wegzugucken: Es hat keine schönen Gefühle in mir ausgelöst. Für mich waren es eher Kälte und Stahl.

Tobert: Das Licht am Ende des Tunnels ist eine brennende Fabrik.

Zwei Songs des Albums, Luzi und Stormi, haben denselben Refrain. Konntet ihr euch nicht entscheiden, welcher Song ihn bekommt?

Marten: Nein, das ist beides der gleiche Song. Wir hatten damals das Lied geschrieben und überlegt, dass man ihn entweder schnell oder langsam spielen kann. Und wir haben gesagt, wir können ja beides machen, und in den Text einen Perspektivwechsel einzubauen: eine Perspektive von außen und eine von innen. Das fanden wir irgendwie lustig. Bei Stormi singen übrigens all unsere Kinder mit.

Tobert: Auf diese Frage habe ich gewartet und gedacht: Deswegen bin ich hier, das will ich heute gefragt werden. Es muss nicht jedem auffallen, der nicht Musik macht, aber die Töne sind sogar gleich. Ich finde es so spannend, zu sehen, wie viele Leuten beim Anhören drüber stolpern. Vielleicht nimmt ja jemand beide Texte und guckt sie sich an. Mich interessiert, ob Leute was damit anfangen können: Ob sie denken, denen ist einfach kein besserer Refrain eingefallen oder sie sich tatsächlich damit auseinandersetzen, was aus welcher Perspektive erzählt wird. Dass uns kein besserer Refrain einfällt, kommt oft vor, aber in dem Fall war es nicht so. Es kann also sein, dass wir ihn aus der Not irgendwann noch mal aufgreifen. Revisited als Trilogie.

Es sind nur Schwäne für sie und tote Freunde für dich.

Turbostaat – Ein schönes Blau

Zwei eurer Alben heißen Schwan und Flamingo, ein Song Haubentaucher-Welpen, eurer Videos zu Wolter begleitet einen Vogelkundler im Wattenmeer, im Moment habt ihr Pinguin-T-Shirts im Shop, auf dem neuen Album tauchen erneut Schwäne  auf. Würdet ihr sagen, dass ihr ornithologisch interessiert seid?

Jan: Ja, ein bisschen.

Tobert: Ich auf jeden Fall. Das hat nichts mit der Band zu tun, aber ich will das jetzt trotzdem erzählen: Auf meinem Balkon kommen viele Eichhörnchen und Meisen vorbei. Und seit kurzem auch ein Eichelhäher-Geschwader. Die sind sehr schlau und machen verrückte Sachen. Tatsächlich ist es das, worüber ich mich an so ’nem Tag am meisten freue. Hat nichts mit Turbostaat zu tun. Ich wollte aber die Jungs mal grüßen, das Eichelhäher-Geschwader aus Bergedorf. Ich hab euch richtig lieb. Aber spielen Vögel für uns eine Rolle? Nein. Die sind halt da, schwirren herum, machen Sachen.

Also nur ein interessantes Motiv?

Jan: Genau, ein Motiv und damals dann ja auch Titel für zwei Platten.

Tobert: Ab und zu sind unsere Titel aber halt einfach nur Sachen, die wir lustig finden oder die wir alle gut fanden. Bei Schwan zum Beispiel ist irgendwann dieses Bild mit der Rose aufgetaucht, und irgendwer meinte, dass es doch witzig wäre, die Rose aufs Album zu nehmen und es dann Schwan zu nennen.

Marten: Bei Flamingo damals dachte ich: Was soll dieses scheiß Kitschbild? Wenn man das macht, muss man das Album ganz trocken Flamingo nennen. Sonst geht das nicht. Bei der nächsten Platte hatten wir erst ein anderes Bild, zu dem wir uns den Namen Schwan überlegt hatten. Dann haben Tobert und Roland einfach dieses Bild mit der Rose genommen. Das hatte Roland irgendwie beim Pizzaaustragen gefunden.

Tobert: Roland und ich fanden das Bild unfassbar witzig. Auch die Vorstellung, dass uns nachher alle fragen, was denn jetzt der nächste Vogel wird. Wir waren damals mit unserem Punklabel Schiffen unterwegs, haben in AJZs gespielt. Irgendwann später sind wir dann bei Warner gelandet, und plötzlich sitzt man in Interviews und denkt sich: Oh nein, die fragen wirklich alle danach. Das haben wir uns selbst gebacken. Wie heißt denn jetzt das nächste Album? Drossel? Nein, Eichelhäher!

Alle Punkbands kennen Glufke.

Marten Ebsen

Und wie entscheidet ihr, wie eure Songs heißen?

Jan: Am Anfang heißen sie Lied 1, Lied 2, Lied 3, Lied 4. Irgendwann müssen wir ins Studio und merken, dass das echt doof ist, Lied 1, Lied 2, Lied 3, Lied 4 mit ins Studio zu nehmen, und dass wir unbedingt mal Titel finden müssen. Und der eine oder andere hatte sich im Laufe der Plattenprozesse Sachen aufgeschrieben, die er gut fand. Die werden dann bei den Proben besprochen und es wird mehr oder weniger abgestimmt.

Heißt das, für euch selbst haben die Songtitel keinen hohen Stellenwert?

Marten: Es hat einen hohen Stellenwert. Wenn du ein Lied hast, und nennst es zum Beispiel „Ich fühle nichts”, ärgerst du dich ja nachher, weil du dir die Mühe gemacht hast, ein schönes Lied zu schreiben und es da dann aufhört.

Tobert: Das ist ein Kampf geworden. Wir tragen, wenn wir Songs proben, bandintern immer die grundsätzliche Ansicht mit uns herum, dass wir ihnen irgendwann witzige Titel geben und los geht’s. Das ist aber schon lange nicht mehr so. Wir müssen schon immer etwas graben und zum Glück gibt’s Notizen oder Diskussionen und Momente, in denen man feststellt, dass man den Titel gefunden hat.

Marten: Es ist immer ein bisschen wie jetzt mit Uthlande. Man schaut sich um, hat einen Titel und denkt darüber nach, wozu er passen könnte. Und im nächsten Schritt fallen einem ein paar Dinge dazu ein.

Jan: Es wurde aber zum Beispiel nie darüber diskutiert, dass Rattenlinie Nord „Rattenlinie Nord“ heißen wird.

Marten: Nein, das war einfach immer klar.

Jan: „Nachtschreck“ ist ein Beispiel. Geiles Wort, das aber nicht unbedingt was mit dem Lied zu tun haben musste. Genauso wie auf früheren Alben „Ja, Roducheln“ oder „Nach fest kommt ab“. Die kamen nachträglich, da haben wir irgendwas genommen, viel drüber gelacht.

Marten: Aber Luzi, Stormi und Hemmingstedt zum Beispiel: Bei Hemmingstedt stand der Titel schon vorher fest. Und bei Luzi und Stormi war schon irgendwie klar, in welche Richtung es gehen wird.

Tobert: Für mich ist das dieses Mal auch wesentlich konkreter: „Brockengeist“ taucht im Text auf, „Le Hague“ taucht im Text auf, „Stine“ taucht im Text auf. Deswegen meinte ich grad, die Disziplin, die oft vermutet wird, dass wir unserem Kram irgendwelche verrückten Titel geben, gab es diesmal nicht. Am Ende passen die Titel ganz gut, aber keiner davon ist „Das Island Manöver“, bei dem der Titel von Peter, unserem Schlagzeuger, ausging.

Marten: Oder „Schalenka Hase“.

Tobert: Genau, mit „Schalenka Hase“ hat er sich den Schlagzeug-Beat gemerkt. Und beim Island Manöver musste er etwas spielen, was ihm absolut nicht reinging. Er hat gemeckert, warum er nicht einfach seinen normal Punkbeat spielen kann. Für ihn war es, als würde Turbostaat mit ihrem Kunstscheiß jetzt so ein Sigur-Rós-Lied spielen. Und irgendwann ist der Titel dann einfach mit dem Song verbunden. So rangeln wir uns da durch. Für mich ist es diesmal aber ein bisschen klarer.

Marten: Man möchte ja auch einfach immer vermeiden, einen Schlager zu schreiben, weshalb man das Lied am Ende nicht Polonaise nennt, sondern Ja, Roducheln“.

Anschlussfragen: Wer ist Harm Rochel?

Tobert: Das ist ein Arbeitskollege meines Opas in Husum gewesen, ein Polizist. Er hatte diesen Namen und seit jeher fand ich die viele Konsonanten ganz schön geil.

Wo liegt Fuhferden?

Tobert: Wo immer du willst.

Marten: Irgendwo, wo Dave Grohl wohnt.

Tobert: Genau, in Fooferden.

Und Abalonia?

Jan: Das weiß man nicht so richtig.

Marten: Man weiß nur, wo das Wort herkommt.

Tobert: Das kannst du doch mal erzählen.

Marten: Wir haben uns die Doolittle-Demos der Pixies angehört. Bei Debaser gab es noch keinen Songtext und Frank Black singt die ganze Zeit Ooh, A–ba–lo–ni–a. Ich fand das phonetisch sehr gut.

Wann habt ihr zuletzt bei Glufke gepennt?

Tobert: Bei ihm zu Hause? Das ist richtig lange her.

Marten: Kurz bevor wir den Song gemacht haben.

Tobert: Das letzte Mal mit einem Nightliner. Obwohl der ja vorher weggefahren ist, das gilt nicht. Und außerdem, das kannst du ja mal reinschreiben, falls er das liest, werden wir das auch nie wieder tun.

Jan: Doch, bei Glufke penn ich auf jeden Fall wieder. Der hat nämlich jetzt Whisky-Kirschen.

Tobert: Eben nicht. Er hat uns das letzte Mal nämlich Whisky-Kirschen versprochen, und Apfelstrudel und Vanilleeis, und hat sie dann einfach nicht vorbeigebracht. Er denkt, wir fahren nach Regensburg, weil man da eine geile Show spielen kann und viele Leute kommen – stimmt ja beides nicht. Wir fahren da nur seinetwegen und wegen der Whisky-Kirschen hin. Und er verkackt das.

Jan: Das stimmt wirklich, wir fahren nur hin, um ihn wiederzusehen.

Tobert: Glufke ist also wirklich ein Typ in Regensburg in der alten Mälzerei.

Marten: Alle Punkbands kennen Glufke.

Tobert: Super Kerl.

Was ist Schwinholt?

Marten: Die Straße, in der wir proben.

Was ist der Brockengeist?

Jan: Es ist eigentlich das Brockengespenst, aber „Gespenst“ ist so scheiße zu singen. Das Brockengespenst taucht bei Nebel und Nacht auf.

Marten: Es ist eine optische Täuschung. Wenn du durch den Nebel läufst und der Schatten gebrochen wird, siehst du ihn halt. Du siehst hinter dir einen riesigen Schatten, der dich verfolgt.

Jan: Wenn man „Brockengeist“ nachguckt, ist das auch mal ein Schnaps.

Tobert: Den findest du bei uns ab Plattenrelease im Shop – topmäßig im Angebot. Am besten eisgekühlt genießen mit Gurkensaft.

Vielen Dank für das Gespräch.

 


Uthlande erscheint am 17. Januar auf Kassette, CD und Vinyl bei PIAS und hat zwölf Songs.

Titelbild: © Andreas Hornoff

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Was nehmen wir mit von 2019? Eine postmondäne Leseliste

Bevor wir uns mit 2020 auseinandersetzen, haben sich sieben postmondänler nochmal gefragt: Welche Bücher haben uns dieses Jahr beschäftigt? Wir müssten, könnte man nach 2016, 2017 und 2018 meinen, schon eine gewisse Routine in diesem Ritual haben. Doch in diesem Jahr ist eine auffallend bedrückende Liste zusammengekommen, die sich um Themen dreht wie Gewalt, Tod, Bedrohung, Verschwörungstheorien, Depression, Heimatliebe, Heimatverluste und Online-Kniffel.

von Moritz Bouws, Stefan Weigand, Katharina van Dülmen, Lennart Colmer, Martin Kulik, Gregor van Dülmen und Dominik Gerwens.

Manifest gegen die Heimat

Moritz über Eure Heimat ist unser Albtraum von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah (Hrsg.)

Ich bin privilegiert. Ich bin weiß. Ich bin jung. Ich bin männlich – ich habe es mir im binären Geschlechterkonstrukt mit einem heteronormativen Lebensstil bequem gemacht. Und ich habe keinen sogenannten Migrationshintergrund – zumindest keinen, der nicht vor mehr als dreihundert Jahren auszumachen ist. Trotzdem – oder gerade deswegen – ist mir der Begriff der „Heimat“, wie vielen von euch Leser٭innen, insbesondere im aktuellen Diskurs, zuwider. Denn er verfolgt ein Ideal einer homogenen, christlichen und weißen Gesellschaft, in der Männer das Zepter in der Hand halten und Frauen für die Volksvermehrung verantwortlich sind. Andere Lebensrealitäten tauchen in dieser Utopie schlichtweg nicht auf, wie Aydemir und Yaghoobifarah im Vorwort von „Eure Heimat ist unser Albtraum“ feststellen, das Anfang des Jahres erschien.

Wie fühlt es sich an, zu den anderen zu gehören? In Zeiten, in denen das vormalige Innenministerium ohne nennenswerte Diskussion zum Heimatministerium getauft wird. Wie fühlt es sich an, im ach so liberalen Deutschland als Jüdin, als Muslim, als transidenter Mensch zu leben? In Zeiten, in denen die Alternative für Deutschland zur dritt- oder bald zweitstärksten Kraft geworden ist. Wie fühlt es sich an, als Teil des anderen als Bedrohung wahrgenommen zu werden?

Der Essayband „Eure Heimat ist unser Albtraum“ bietet diese Perspektive. In vierzehn Beiträgen schildern nicht ganz unbekannte Vertreter٭innen vorwiegend aus dem kulturschaffenden Bereich ihre eigenen Erfahrungen und Sichtweisen, durch die sich auch einige Leser٭innen mit ihrem weltoffenen Selbstverständnis auf die Füße getreten fühlen dürfen. In diesen schnelllebigen Zeiten, in denen die Orientierung schwerfällt und kategorisierte Denkmuster gerade recht kommen, ist die kritische Selbstreflektion wichtiger denn je. Somit ist „Eure Heimat ist unser Albtraum“ ein bedeutendes Manifest, das Wachsamkeit, Sensibilität und Weitblick für das kommende Zusammenleben in unseren Gesellschaften verleiht.

Eure Heimat ist unser Albtraum erschien 2019 im Ullstein Verlag.

Endzeit im Kammerspielmodus

Stefan über Milchzähne von Helene Bukowski

Mit manchen Büchern ist es so, dass man erste ein paar Hürden überspringen muss, bis man zu ihnen findet. Doch dann ist man wirklich am richtigen Platz. Mit „Milchzähne“ von Helene Bukowski ging es mir so. Erst der Titel: Vielleicht ein Jugendroman oder eine Geschichte für Kinder? Komisch! Dann erzählen die ersten Seiten von Gemüseanbau, von Kaninchenzucht, von Nachbarn, die Obst tauschen, und von dem Brennnesselsud, mit dem man die Beete düngt. Bin ich jetzt in ein Landlust-Setting geraten?

Doch das Buch ist bitterernst. Die Geschichte spielt in einer Siedlung, in der die Menschen beschlossen haben, für sich zu bleiben. Das Mädchen Skalde lebt mit ihrer Mutter Edith am Rande dieser Gegend, die am Ende der Welt zu liegen scheint. Immer wieder ist von der sengenden Hitze die Rede, es drohen Felder zu verdorren. Endzeitstimmung. Dazu kommt die unheimliche Bedrohung, die von der Gemeinschaft selbst ausgeht. Die Menschen hier wollen keine Fremden bei sich. Um sicherzugehen, haben sie die letzte Brücke über den Fluss vor Jahren gesprengt. Aber dann schafft es doch jemand: Ein junges Mädchen taucht auf, wie aus dem Nichts, und alles gerät aus den Fugen. Skalde beschließt, das Kind aufzunehmen, und stellt dabei nicht nur das Selbstverständnis der Gemeinschaft auf die Probe, sondern eben auch deren Menschlichkeit.

© Stefan Weigand

Man kann gar nicht glauben, dass es das Romandebüt einer jungen Autorin ist. Helene Bukowski, 1993 in Berlin geboren, schreibt schnörkellos und gefühlvoll zugleich und setzt die Figuren und die Handlung in ein klaustrophobisches Kammerspiel. Das Buch hat mich deshalb gepackt, weil es eine wahnsinnig dichte Atmosphäre aufbaut und zugleich eine geschickte Parabel zu den Themen Herkunft, Identität und der Offenheit einer Gemeinschaft ist. Klar, die Gefahr ist da immer, dass ein Buch moralisch oder gar belehrend auftritt. „Milchzähne“ kommt hier gut durch. Das gelingt, weil die Erzählung geschickt Leerstellen lässt – man erfährt nicht, was die Gefahr ist, wo denn genau die Gegend liegt oder welche Gründe die selbst auferlegte Abschottung der Gemeinschaft hat. Eine ergreifende Erzählung, die nicht zuletzt wegen ihrer poetischen Zwischentexte berührt: „Mit dem Kind im Haus sind die Nächte heller geworden. Die Dunkelheit ist jetzt weich wie ein Mantel aus Pelz. Ich lege sie mir um die Schultern.“

Milchzähne erschien 2019 bei Blumenbar im Aufbau Verlag.

Realitäten

Katharina über Befreit von Tara Westover

Tara Westover erzählt, wie sie als Jüngste von sieben Geschwistern einer Mormonen-Familie am Hang des Buck Peaks im US-Bundesstaat Idaho aufwächst. Wie sie auf dem Schrottplatz ihres Vaters arbeitet und von ihrer Mutter alles über Kräuter lernt, statt in die Schule zu gehen. Sie erzählt von familiärer Gewalt und schrecklichen Unfällen, nach denen nie ein Krankenwagen gerufen, sondern immer nur auf Gott gehofft wird. Und davon, wie sie sich auf die apokalyptischen „Tage des Gräuels“ durch den Y2K-Fehler vorbereitet – Essens- und Spritvorräte bunkert, Fluchtrucksäcke packt und sich mithilfe von Waffen kampfbereit macht. Und das alles in ständiger Angst. Vor den Illuminaten. Vor der Regierung. Und vor dem FBI, die all jene erschießen, die sich nicht ihrem System beugen. So ihr Vater.

Doch wie rekonstruiert man die eigene Geschichte, wenn man unter einem Patriarchen aufgewachsen ist, der seine Wirklichkeit als allgemeingültig deklarierte und keine andere zuließ (Viel später glaubt Tara, ihren Vater in einer Vorlesung zum Thema Bipolore Störung wiederzuerkennen.)? Wenn man nicht mehr unterscheiden kann zwischen jenen Geschichten, die man gehört und jenen, die man erlebt hat? Wenn die Geschwister von demselben Erlebnis ganz anders berichten, als man selber es tun würde? Tara Westover legt all ihre Zweifel und das Misstrauen ihrer eigenen Erinnerung gegenüber offen. Und es gruselt einen besonders, wenn sie schreibt:

„Meine früheste Erinnerung ist keine. Vielmehr etwas, was ich mir eingebildet hatte und mich dann daran erinnerte, als wäre es tatsächlich so geschehen. Das Erinnerte entstand  (…) aus einer Geschichte, die mein Vater derart detailliert erzählte, dass jeder von uns (…) eine eigene Kinoversion davon gebastelt hat, einschließlich Gewehrschüssen und Schreien.“ (S. 19)

und

„Wenn ich meine Tagebücher aus jener Zeit lese, kann ich die Entwicklung nachverfolgen – die einer jungen Frau, die ihre Geschichte umschrieb. In der Wirklichkeit, die sie sich zurechtbastelte, war alles in Ordnung gewesen (…).“ (S. 187)

Doch irgendwann entflieht Tara der Vorbestimmung ihres Vaters, der sagte, eine Frau müsse heiraten und dürfe nicht arbeiten. Ganz abgesehen natürlich von der Arbeit auf dem familieneigenen Schrottplatz und im Haus. Sie sucht sich kleine Nebenjobs, kauft sich vom selbstverdienten Geld Bücher und bringt sich selbst Mathematik bei. Letztendlich schafft sie die Aufnahmeprüfung fürs College. Ihre lesenswerte Autobiografie widmet sie dann ihrem Bruder Tyler, der sie immer ermutigte und ihr zeigte, wie sie sich durch Bildung ihre eigene Realität schafft, ihre eigene Geschichte schreibt und sich befreit.

Befreit erschien 2018 im Kiepenheuer & Witsch.

Depression und Kaputtheit

Lennart über Serotonin von Michel Houellebecq

Vor wenigen Jahren habe ich mit Unterwerfung (2015) Houellebecq für mich entdeckt. Darauf habe ich fast jedes seiner Bücher verschlungen. Auch wenn sich ein roter Faden durch die versch(r)obenen Wesenszüge und Weltansichten seiner Hauptprotagonisten zieht, hat mich das zunächst nicht weiter gejuckt. Wohlfühlliteratur interessiert mich nicht – Houellebecqs Schilderungen der Kaputtheit fesselten mich. Serotonin las ich also mit einer gewissen Vorahnung und mit diesem Buch kippte auch mein Houellebecq-Erlebnis. Mir erzählt er nichts Neues mehr, vielmehr überspannt er mit Serotonin den Bogen; übertreiben kann auch jeder Groschenroman von Bastei-Lübbe.

Serotonin erschien 2019 bei DuMont.

Lennart über Frau im Dunkeln von Elena Ferrante

Auch wenn es fern liegt, Ferrante und Houellebecq zu vergleichen, gelingt es Ferrante meiner Meinung nach besser als Houellebecq, Facetten der Depression zu erzählen. Kein anderer Ort als der sommerliche Strand scheint ferner von einem solchen Narrativ zu sein, doch Ferrante macht genau dieses Idyll zu einem zwielichtigen Schauplatz ihrer Protagonistin. Zudem schafft sie eine Perspektive, die mehr mit Empowerment zu tun hat als mit Verbitterung. Das ist erfrischend.

Frau im Dunkeln erschien 2019 im Suhrkamp Verlag.

https://www.instagram.com/p/B2HVLnTnmzt/

Quelle: Instagram

Schwaches Licht, starkes Teemännchen

Lennart über Das Licht von T. C. Boyle

An das neue Buch eines meiner Lieblingsautoren habe ich hohe Erwartungen gehabt. Die Adaption einer historischen Begebenheit durch Boyles absurden Filter zu lesen, hat mir im Jugendalter schon wahnsinnig gut gefallen – mit Wassermusik (1990) fing alles an, mit vielen, vielen weiteren Romanen von Boyle ging es schließlich weiter. Das Licht hingegen zähle ich zu den schwächeren Geschichten. Verspricht der Prolog, der im Grunde ein Vorspiel darstellt, noch viel, wirkt die Entwicklung der zentralen Protagonisten zuweilen zäh, der Spannungsbogen flach.

Das Licht erschien 2019 bei Hanser.

Lenn über Das Teemännchen von Heinz Strunk

Diese sympathische wie schräge Kurzgeschichtensammlung erschien zwar schon im letzten Jahr, aber sie gehört definitiv zu meinen persönlichen Lese-Highlights des Jahres. Nach dem fesselnden, doch sehr verstörenden Trip in Der Goldene Handschuh (2016) und dem seicht-schrulligen Roman Jürgen (2017) packte mich das schmale, schwarze Buch mit seinem Mikrokosmos der Eigenartigkeiten. Strunk vermengt realitätsnahe wie fantastische Elemente des einfachen Seins zu einem grau-bunten Eintopf.

Das Teemännchen erschien 2018 bei Rowohlt.

Don’t fear the Reaper

Martin über So sterben wir von Roland Schulz

Die Beschäftigung mit unserem Tod ist eines der letzten großen Tabus: Aus dem Unvorstellbaren ist das Unsagbare geworden. Seltsam eigentlich, ist doch kaum etwas so sicher wie die eigene Vergänglichkeit. Doch was genau passiert, wenn wir unseren letzten Atemzug nehmen? Wie fühlt sich Sterben an? Und was passiert eigentlich im Anschluss, wohin wird der Leichnam gebracht, womit müssen sich Angehörige auseinandersetzen?

Die Beschäftigung mit dem Ende des Lebens ist eine sehr intime und private Angelegenheit. Roland Schulz hat mit „So sterben wir“ ein Buch geschrieben, das uns nicht nur drängende Fragen rund um das Sterben beantwortet, sondern auch den richtigen Stil gefunden hat, um uns dieses schwere Thema näherzubringen. Schulz spricht die Leser٭in in der zweiten Person an, schildert einfühlsam, ohne dabei jemals zu belehren oder komplexe emotionale Reaktionen vorzuschreiben.

„Tage vor deinem Tod, wenn noch niemand deine Sterbestunde kennt, hört dein Herz auf, Blut bis in die Spitzen deiner Finger zu pumpen. Wird anderswo gebraucht. In deinem Kopf.“

Schulz bringt uns dazu, über etwas nachzudenken, worüber wir zunächst nicht nachdenken wollen. So wird die Lektüre seines Buches zu einer kraftvollen Selbstermächtigung: Angst haben wir nur vor dem Unbekannten. Allein die Auseinandersetzung mit dem Sterben macht es uns etwas leichter, diesem unvermeidlichen Ereignis würdevoll entgegenzutreten.

So sterben wir erschien 2019 im Piper Verlag.

Poesie im Dunkeln

Gregor über Du bist nicht allein von Aref Hamza

In Du bist nicht allein sucht Aref Hamza nach Worten, um seine Fassungslosigkeit über den Bürgerkrieg in seiner Heimat Syrien, das Leeregefühl eines ausgelöschten Alltags, die qualvolle Flucht und die Einsamkeit des Exils zu verarbeiten. Er findet sie in ca. 80 Gedichten, von denen jedes für sich so erdrückend ist, dass eine zusammenhängende Lektüre fast unmöglich ist. In teils rohen, klaren Beschreibungen, teils erdrückenden Metaphern umkreist er immer wieder seine eigene Fassungslosigkeit darüber, dass sich ein banaler Alltag so stark verdunkeln konnte und sich alles Gekannte in Tod und Zerstörung auflösen. Eine Umfrage durchfließt seine Texte: Wie konnte es soweit kommen?

Du bist nicht allein erschien 2018 im Secession Verlag.

Gregor über Auf Erden sind wir kurz grandios von Ocean Vuong

Weit mehr Aufmerksamkeit als Aref Hamzas Band erfuhr 2019 die Veröffentlichung des aus Vietnam stammenden US-Autors Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios. Vuong gelingt das Meisterstück, seine poetische Sprache, für die er bereits mehrere Lyrikpreise erhielt, in Prosa zu überführen. Er präsentiert uns einen offenen Brief an seine Mutter und reißt seine Leser٭innen in die Lebenswelt seines eigenen Außenseitertums als homosexueller Sohn einer ausländischen Analphabetin hinein, in einer Gesellschaft, die immer weniger für Minderheiten übrig hat. Seiner Sprache gewährt er, was das Bruch so fremdartig und gut macht, den radikalen Freiraum, sich schonungslos mitten durch seine Erinnerungen zu wühlen, und fern von räumlichen und zeitlichen Strukturkomponenten Zusammenhänge herzustellen, die für ihn sein Leben ausmachen und eindrucksvoll Verzweiflung, Einsamkeit, Andersartigkeit, Gewalt und Verlorensein verbildlichen. Seine Leser٭innen nehmen kurz Teil am Schicksal einer kleinen Familie, das auch nach Jahrzehnten noch fremdbestimmt von den Spätfolgen eines Bürgerkriegs ist.

Auf Erden sind wir kurz grandios erschien 2019 bei Hanser.

Kleines Denkmal des Egalen

Gregor über Das Leben ist eins der Härtesten von Giulia Becker

Wer sind eigentlich die Leute, die die Bestenlisten beim Online-Kniffel anführen? Oder die, die nachts dem Teleshopping erliegen, bis ihre Wohnungen in unnützen Gegenständen versinken? Deren sozialer Anker Selbsthilfegruppen für aus Eigenverschulden in Not Geratene sind? Oder die, deren größter Lebenstraum ein Besuch im Tropical Island ist? Jedenfalls allesamt Personengruppen, denen viel zu selten Bücher gewidmet werden, da im Grunde alles, was ihnen passiert, den meisten Autor٭innen und ihren Leser٭innen völlig egal sein kann. Giulia Becker macht es trotzdem. Das Beeindruckende: Nicht nur die Charaktere von Das Leben ist eins der Härtesten, auch die Handlung ist fast schon obszön irrelevant. Eine Herausforderung, die die Autorin spielerisch annimmt. Ohne Ende schöpft sie erzählerisches Potenzial aus Detailbeschreibungen der verschrobenen Empfindungen und Lebensstile ihrer Protagonist٭innen. Ihrem Glauben, Wollen und Hoffen werden ungekannt viel Wohlwollen und Aufmerksamkeit geschenkt. Man will aufschreien und wegsehen, liest aber einfach immer weiter. Auch wenn die Handlung so undramatisch verpuffen mag wie von Anfang an vermutet, ist durch Das Leben ist eins der Härtesten viel gewonnen – nicht zuletzt ein besseres Verständnis für Lebensweisen außerhalb der eigenen Filterblase.

Das Leben ist eins der Härtesten erschien 2019 bei Rowohlt.

Ungeheure Erinnerungskultur

Dominik über Monster von Yishai Sarid

Menschen lieben Monster. Sie erzeugen wohliges Schaudern in Geschichten, bevölkern als personifizierte Verdrängungen des Unterbewussten die Romane von Stephen King. Und das Beste ist: Nach dem kathartischen Erlebnis eines Kinobesuchs oder eines Lektüreerlebnisses lässt man sie wieder in die Dunkelheit verschwinden, aus der sie gekommen sind. Das Monster aus Yishai Sarids Roman hingegen ist real, es verschwindet auch nicht – denn wir alle haben es heraufbeschworen.

Auslöser der kurzen Erzählung ist eine Art Verzweiflungstat. Mit einem Faustschlag streckt der Ich-Erzähler, ein erfahrener Tourguide, der regelmäßig Exkursionen in ehemaligen NS-Vernichtungslagern leitet, einen Dokumentarfilmer nieder. Wie konnte es soweit kommen? Rückblickend erklärt sich der Historiker seinem Chef, dem Direktor der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, und erläutert ihm und den Leser٭innen, welche Erfahrungen er mit Menschen gemacht hat, die Gedenkstätten des Holocaust besuchen. Das Bild, welches der Ich-Erzähler von den Menschen im Angesicht des nackten Grauens zeichnet, ihre egozentrischen Rückschlüsse aus dem Erlebnis mit dem radikal Bösen, sie sind der eigentliche Faustschlag und das Erschütternde dieses zutiefst verstörenden Lektüreerlebnisses.

Quelle: Instagram

Sicherlich, die eingefahrenen Muster der Erinnerungskultur, ihr Erstarren im Zeremoniell, all das ist ein auch in Deutschland seit langem bekanntes Problem – man denke nur an Shahak Shapiras Yolocaust-Aktion von 2017. Doch wie drastisch die Entfremdung zwischen den Intentionen offiziellen Gedenkens und der Wirkung auf alle Romanfiguren hat, rückt die Dringlichkeit der Revision des Gedenkens an die Shoa eindringlich vor Augen: Da ist zuerst einmal der Ich-Erzähler, ein relativ junger Historiker, kein akademisches Genie und auch eher ambitionslos, der eher durch Zufall an sein Fachgebiet Holocaust Studies gerät. Mehr und mehr wird er jedoch in den Bann des Monsters gezogen, das der Erzählung ihren Titel gibt und dem er vor allem deshalb nicht entrinnen kann, weil er sich einem janusköpfigen Ungeheuer stellen muss: So gelingt es ihm immer weniger, sich von den Schicksalen der Opfer des Menschheitsverbrechens emotional zu distanzieren – zugleich entfremdet er sich zunehmend von den Menschen, die er durch die Stätten des Verbrechens führt und die bestenfalls mit Indifferenz  reagieren. Und so sind es vor allem die Lebenden, die das Grauen des Monsters erzeugen, von ignoranten Jugendlichen in ihrem vom „Handyflimmern erfüllten Denken“ selbst im Angesicht der Krematorien bis hin zum realitäts- und inhaltsleeren Formeln staatlicher Institutionen – „Hoffnung einflößen statt Verzweiflung“.

Sarids Erinnerungsdystopie ist essayistisch gehalten, provokant, thesenhaft und finster, aber er ist keinesfalls zynisch. Die Zeitzeugen sterben, das gesamtgesellschaftliche Bewusstsein und auch Wissen über den Holocaust schwindet. Der Holocaust als negativer Gründungsmythos der Bundesrepublik und das aus ihm erwachsende Postulat des „Nie Wieder“ verliert seine identitätsstiftende Wirkung zunehmend durch seine Aushöhlung. Eine Antwort hierauf gibt der Roman nicht, denn auch wird deutlich, dass die Erinnerung der Opfer und der Täter niemals dieselbe ist und damit auch das Gedenken niemals ein Gemeinsames sein kann. Der Faustschlag am Ende des Romans zumindest, er trifft nicht nur das Gesicht des deutschen Dokumentarfilmers und verdeutlicht die Aktualität und die Verzweiflung und die Wut, die die offene Wunde der Shoah nach wie vor bewirkt – wer da noch vom „Schuldkult“ und einer „erkinnerungskulturellen Wende um 180 Grad“ redet, macht sich selbst zum Teil des Monsters.

Monster erschien 2019 bei Kein & Aber.

 

Quellen Titelbild: Cover „Milchzähne“ © Blumenbar/Aufbau Verlag, Cover „Serotonin“ © DuMont,Cover „Frau im Dunkeln“ © Suhrkamp Verlag, Cover „Eure Heimat ist unser Albtraum“ © Ullstein Verlag,Cover „Befreit“ © KiWi Verlag, Cover „Das Licht“ © Carl Hanser Verlag, Cover „So sterben wir“ © Piper Verlag, Cover „Monster“ © Kein & Aber, Cover „Das Leben ist eins der Härtesten“ © Rowohlt Verlag, Cover „Auf Erden sind wir kurz grandios“ © Carl Hanser Verlag

Marijana Dokoza – Von Krieg und Frieden

Krieg – ein abstraktes Bild in modernen Wohlstandsstaaten. Dass vor nicht allzu langer Zeit ein grausamer Krieg ein europäisches Land beherrschte, ist vielen nicht bewusst. Zur bevorstehenden Veröffentlichung ihrer belletristischen Werke in verschiedenen Sprachen, erzählt Schriftstellerin und Journalistin Marijana Dokoza von schönen und schrecklichen Einflüssen auf ihre Arbeit.

Ein Gastinterview von Daniel Hadrović
übersetzt von Sandra Marelja Muić


Kürzlich hast du die deutschsprachige Literaturlandschaft mit deinem Roman „Die Stimme“, welcher beim Dittrich Verlag erschienen ist, betreten. Besteht für hiesige Fans die Hoffnung auf weitere Übersetzungen, da du bereits mehrere Werke erfolgreich in Kroatien veröffentlicht hast?

Selbstverständlich wird es auch Übersetzungen von meinen anderen Romanen, wie beispielsweise „Grijesi“, „Sünden“, geben. Dieser Roman gründet auf der wahren Geschichte einer Frau, die ihre Vergangenheit hinter sich lässt und ein neues Leben beginnen möchte, jedoch begreift, dass sie sich vor den Sünden der Vergangenheit nicht verstecken kann. Sie wird immer wieder in die Vergangenheit zurückversetzt. Um mit ihrem Leben weitermachen zu können, wird sie einiges aus der Vergangenheit in Ordnung bringen müssen. Neben „Sünden“ ist auch die Übersetzung von „Naranyas Weinen“ ins Englische geplant, wie auch die Übersetzung von „Das Spüren“ ins Italienische.

„Die Stimme“ ist ein teils in ein medizinisches Setting gesetzter Mystery-Roman, welcher der Hauptprotagonistin Kiara auch genügend Raum für ihre Herzensangelegenheiten einräumt. Obwohl die Geschichte flüssig zu lesen ist, bedienst du dich nicht der minimalistischen Narration, der sich viele Autor/innen moderner Unterhaltungsliteratur verschrieben haben. Kannst du benennen, worauf grundsätzlich dein Hauptaugenmerk beim Schreiben liegt?

„Die Stimme“ unterscheidet sich etwas von meinen anderen Romanen, in denen das Erzählen der Ereignisse und die Beschreibung der Figuren sehr betont sind. „Die Stimme“ versetzt den Leser aus der Realität in einen Zustand, in dem er nicht mehr sicher ist, ob es um Halluzinationen geht oder ob die Hauptfiguren das alles wirklich durchmachen. Ansonsten versuche ich den Lesern mit meiner Erzählweise und dem Figurendialog das Gefühl ein Teil der Handlung zu sein zu geben und die Möglichkeit, sich in die Rolle der Figuren zu versetzen.

Würdest du mir zustimmen, dass dein Roman, neben sanften Einflüssen aus dem kroatischen Kulturraum, auch einige klassisch slawische Motive aufweist? Der Rolle von alten weisen oder intriganten Frauen beispielsweise, welche Assoziationen zu Hexen erwecken könnten, begegnet man immer seltener, je weiter man sich von Osteuropa entfernt.

Ja, selbstverständlich kann man in manchen Situationen im Roman Eigenschaften der Frauen finden, die „ein bisschen Hexen“ sind und die in der kroatischen Kultur Wurzeln haben. Jedoch sehe ich bis zu einer gewissen Grenze nichts Verkehrtes darin. In jeder Kultur gibt es „Hexen“ die als Vorlage für viele interessante Geschichten dienen.

Es geschieht alles andere als vordergründig, aber durch die unterschiedlichen Bausteine des Plots wirkt es, als wolltest du die Infiltration unserer technisierten Lebenswelt durch folkloristische Elemente inszenieren. Spiegelt dieses Verfahren vielleicht einen Teil deiner eigenen Mentalität wider, die womöglich deinem Umzug nach Deutschland geschuldet ist? Ist darin eine Metapher für etwaiges Heimweh erkennbar?

Mein Umzug nach Deutschland hat sicherlich auf meine Einstellung Einfluss gehabt, was sich später auch auf mein Schreiben auswirkte. Womit der Mensch aufgewachsen ist und welche Erfahrungen er gesammelt hat, bleibt immer in ihm erhalten. Später baut man dieses mit neuen Erkenntnissen auf. Als ich nach Deutschland kam, lernte ich viel über verschiedene Kulturen und ihre Denkweisen, was mir die Möglichkeit gab, die eigene Kultur mit der fremden zu vergleichen oder das eigene Aufwachsen mit dem von jemanden aus einer anderen Kultur. Deutschland half mir auch auf meine Heimat anders zu schauen. Ich würde sogar sagen, meine Heimat mehr wahrzunehmen, vielleicht auch sie stärker zu spüren. Da, wo man zuhause ist, denkt man nicht viel darüber nach. Natürlich spiegelt sich das alles auch in meinem Schreiben wieder.

Lass uns bei deinem Geburtsort bleiben. Du bist in der Stadt Zadar geboren und aufgewachsen, welche im Zuge des Kroatienkrieges unter Beschuss stand. In deinem vorangegangenen Roman „Grijesi“ (Sünden), der nur auf Kroatisch erschienen ist, hast du das Thema Krieg aufgegriffen, aber nicht an deine eigene Biografie geknüpft, sondern an reale Erlebnisse einer Bekannten von dir, welche ebenfalls aus Zadar stammt. Das steht im starken Kontrast zu einem Mystery-Roman. Ist es dir ein Anliegen, „Grijesi“ auch deutschen Lesern irgendwann vorstellen zu können, oder richtet es sich an eine kroatische Zielgruppe, die konkrete Bezüge zu damaligen Ereignissen knüpfen kann?

Im Roman „Die Sünden“ gibt es keine Kriegsbeschreibungen, sondern einzelne Situationen, in denen sich die Frau, über die ich schreibe, befunden hat. Sie hat im Heimatkrieg ihren Verlobten verloren und sie verrät uns alles, was sie in der Kriegszeit durchgemacht hat. Es stimmt, „Sünden“ ist der pure Gegensatz zu „Die Stimme“. Sie ist die Lebensgeschichte einer Frau, mit der ich mich ein Jahr lang in Mainz getroffen hatte, da sie heute in Deutschland lebt. Sie erzählte mir über ihr Leben und ich übertrug die Geschichte aufs Papier. Ihre Geschichte ist sehr dramatisch, viele sagten mir, sie hätten geweint, als sie das gelesen haben. Sie ist nach Deutschland gekommen, um ihrer Vergangenheit zu entkommen, sie holte sie aber auch in Deutschland ein. Der Roman ist nicht bloß an eine kroatische Zielgruppe gerichtet, sondern an alle Lesergruppen. Der Ehemann der weiblichen Hauptfigur im Roman ist beispielsweise Deutscher. Dies ist vorrangig die Geschichte über eine durch ihre Vergangenheit traumatisierte Frau. Die Vergangenheit holte sie in Deutschland ein, obwohl sie jetzt in einer ganz anderen Gesellschaft lebt als vor dreißig Jahren.

Für deine kroatischen Fans dürfte irritierend sein, dass „Die Stimme“ ausschließlich in Deutsch erschienen ist – ist das richtig? Was sind die Gründe dafür, denn du hast das Manuskript in Kroatisch verfasst?

Ja, ich wurde oft gefragt, warum ich das Buch nicht zuerst in Kroatien veröffentlicht habe, obwohl ich „Die Stimme“ auf Kroatisch geschrieben habe. Ich habe das Manuskript einer angesehenen Buchkritikerin zum Lesen gegeben, sie war von der Handlung begeistert und riet mir, das Buch zuerst auf Deutsch erscheinen zu lassen, da der deutsche Markt viel größer ist als der kroatische und somit auch seine Möglichkeiten – und so fing alles an. Jetzt werde ich oft in Netzwerken gefragt, wann der Roman auf Kroatisch erscheinen wird, was sicherlich in absehbarer Zeit passiert. Zuerst werde ich mich aber auf das englische Sprachgebiet konzentrieren, da man mit einem Buch in englischer Auflage verschiedene Teile der Welt erreichen kann.

Du schreibst nicht nur Belletristik, sondern arbeitest als Journalistin für die größte seriöse kroatische Zeitungen „Večernji list“. Außerdem bist du Chefredakteurin des Wochenmagazins „Fenix“. Hatten dich die Kriegsjahre bei deiner Berufswahl beeinflusst?

Den größten Einfluss hatte mein Vater auf mich, der für das Volksblatt gearbeitet hatte. Das Volksblatt, welches in Zadar herausgegeben wird, ist die älteste aktive Zeitung in Europa. Ich bin mit Zeitungen und Büchern, die er immer wieder nach Hause brachte, aufgewachsen. Darunter befand sich sogar deutsche Literatur. Hedwig Corths-Mahler ist beispielsweise eine deutsche Autorin, deren Bücher ich alle gelesen habe, als ich noch ein kleines Mädchen war.

Ich war dreizehn, als der Heimatkrieg begann, und lebte im Dorf, welches nur einige Minuten von Škabrnja entfernt war. Škabrnja ist der Ort, in dem man massenweise die Bewohner geschlachtet hatte. Am Tag, als die serbische Armee in Škabrnja eingedrungen ist, befand ich mich im Hof meines Hauses und wusste nicht, wohin ich flüchten sollte. Es entstand eine große Panik und die Menschen flüchteten, schrien, ich werde den Tag nie vergessen. Später befand ich mich als Flüchtling mit einem Mädchen zusammen, die in einem Schulaufsatz beschrieben hatte, wie sie aus Borovo Selo geflohen war und wie sie sich von ihrem Vater, den sie nie wieder gesehen hatte, verabschiedete. Sie lebt heute auch in Deutschland. Wenn es diesen Krieg nicht gegeben hätte, wäre vielleicht auch mein Werdegang ganz anders. Niemand weiß, was ihm das Schicksal bringen wird. Diese Kriegssituationen, in denen ich mich selber gefunden hatte, erleichterten mir die Gefühlsbeschreibungen der Hauptfigur von „Sünden“, so hatte ich selbst mehr Einfühlungsvermögen. Ich wusste jedoch von klein auf, dass ich keinen „normalen Beruf“ will.

Mir las keiner eine Gute-Nacht-Geschichte vor, das tat ich selber. Wenn ich mich zum Schlafen legte, dachte ich mir verschiedene Szenarien und Geschichten aus und schlief so leichter ein. Journalismus und Literatur sind zwei große Lieben von mir, die sich verflechten. Ich bin stolz, heute Chefredakteurin von „Fenix“ zu sein. Wenn wir über aktuelle Ereignisse berichten, die von Krieg handeln, behandeln wir die Informationen wahrhaftig, objektiv und wahrheitsgetreu. Was passiert ist, muss man auch in Erinnerung behalten, damit es nie wieder geschieht. Das bedeutet aber keinesfalls, dass man Kinder bzw. die folgenden Generationen zum Hass gegen andere erziehen soll. Ganz im Gegenteil, man sollte ihnen beibringen, niemanden aufgrund seiner Nationalität, seiner Religion oder seiner politischen Ansicht zu hassen, damit sich nie wieder ein Krieg wiederholt. Mich hat mein Vater gelehrt, dass man immer das Seinige lieben und das Fremde respektieren sollte. Wenn sich alle daran halten würden, gäbe es viel weniger Probleme.

Über deinen beruflichen Werdegang kann man noch mehr erfahren, wenn man recherchiert, aber zu deinem Privatleben findet man sehr wenig. Andere Autorinnen suggerieren mit detaillierten Informationen zu ihrem Privatleben eine Verbindung zu potentiellen Konsumenten. Wie ist deine Haltung dazu?

Ich bin der Meinung, dass Privates privat bleiben soll, deswegen verwendet man auch den Begriff „Privatperson“. Es gibt Menschen, die es lieben, im Privatleben anderer rumzuschnüffeln. In meinen Romanen gibt es auch Teile von mir als Privatperson, aber das können nur diejenigen erkennen, die mich gut kennen. Ich glaube, dass alle Schriftsteller zu einem gewissen Teil in ihre Romane etwas von sich einfließen lassen, aber eigentlich sind introvertierte Menschen für andere viel interessanter als diejenigen, die zu viel von sich preisgeben.

Du bist als Journalistin rund um die Uhr mit allen möglichen Themen aus dem aktuellen Weltgeschehen versorgt. Zeichnet sich schon ab, welche Einflüsse und Ideen in dein nächstes Buchprojekt einfließen könnten?

Als Journalist lernt man Menschen kennen, die eine solche Lebensgeschichte haben, dass man eigentlich gar keine Phantasie zu haben braucht, man braucht ihnen nur zuzuhören. Genau wie ich dem realen Vorbild für „Sünden“ zugehört habe. Ein anderes Mal lernte ich für ein Zeitungsinterview eine Frau kennen, deren Lebensgeschichte eine neue Romanvorlage ausgezeichnet wäre. Sie ist achtmal dem Tod entgangen. Ihr passierten unglaubliche Dinge im Leben und aus diesem Grund sagt sie heute, dass sie glaubt, jederzeit wieder einer Gefahr begegnen zu können. Mit Ihr werde ich mich Ende Dezember treffen und dann werden wir sehen, in welche Richtung diese Zusammenarbeit uns bringen wird.

Auf welchen Online-Plattformen kann man dir folgen und in Erfahrung bringen, wo man dir live begegnen und Lesungen von dir besuchen kann?

Meine Bücher kann man im Buchhandel und auch über Amazon, www.booklooker.de sowie in anderen Online-Büchereien bestellen. Ich bin auch auf Facebook, Instagram und Twitter zu finden.

Der Winter steht vor der Tür. Erzähle zum Abschluss doch bitte, wie und wo du die Feiertage verbringen wirst.

Ich werde drei Wochen mit meiner Familie in Zadar verbringen und dazwischen einen Leseabend in Bosnien und Herzegowina haben. Die Winterfeiertage werde ich sowohl zur Erholung als auch für die Arbeit nutzen.

Vielen Dank, für die Einblicke in deine Arbeiten! Auf ein baldiges Wiedersehen!

Vielen Dank für das angenehme Gespräch.


Daniel Hadrović ist als Autor und Filmemacher aktiv. Seine kleinen Independent-Produktionen tragen surreale und gesellschaftskritische Züge.

Alexander Tuschinksi, Filmregisseur, 31 Jahre, aus Stuttgart

Tuschinski arbeitet derzeit an seinem sechsten abendfüllenden Spielfilm „Fetzenleben“. Doch seine ersten Schritte beim Film ging er bereits mit 17 Jahren. Es entstanden Dokumentationen, Musikvideos, Romane und Musik. So gesagt kann man den Begriff „Filmregisseur“ nur als Oberbegriff verwenden. Er arbeitet international und mit Filmgrößen wie Helmut Berger (Ludwig II.) und Harry Lennix (Matrix Reloaded, Batman v Superman) zusammen. Seine Filme wurden wurde seit Anbeginn seines Schaffens mit vielen Preisen bedacht.

Ein Gast-Interview von Thomas Goersch


Hallo Alexander, du arbeitest derzeit am Spielfilm „Fetzenleben“, der auf deinem gleichnamigen Roman basiert. Der Film ist in großen Teilen frei improvisiert, übernimmt aber auch feste Textpassagen aus deinem Buch. Sozusagen eine Literaturverfilmung, die sich gleichzeitig wieder vom Buch wegbewegt. Diese Verwebung von Vorlage und Improvisation hört sich sehr ausgeklügelt an. Erzähle uns etwas über die Geschichte des Filmes. Wo hast du den Roman verwendet und wie passte dort die Improvisation hinein?

Hallo Thomas, als ich „Fetzenleben“ vor ein paar Jahren schrieb, dachte ich nicht daran, den Roman je zu verfilmen. Es gibt zwar eine äußere Handlung, aber die inneren Monologen und Beobachtungen der Hauptfigur sind meist im Vordergrund. Der Film ist deshalb sehr frei adaptiert und ändert vieles ab. Er behandelt die im Roman nur angedeutete Vorgeschichte des Erzählers mit dessen Ex-Freundin und verwendet teils Motive und Texte aus dem ersten Drittel des Buches. Roman und Film sind für mich daher zwar gleichwertige, aber komplett separate und sehr unterschiedliche Werke.

Anders als der Roman spielt der Film in Paris. Der Dreh dort im Sommer war ein Experiment. Ich wollte mir ganz ohne Drehbuch spontan Szenen ausdenken und sehen, wohin uns das treiben würde. Wir alle wohnten beim Dreh zusammen, es war für die Kreativität sehr fruchtbar. Nachts dachte ich mir neue Sequenzen aus, beim Frühstück besprachen wir sie und filmten sie dann bis spät abends. Wir drehten danach einige Szenen in Deutschland und im Herbst nochmal in Paris. Seit etwa drei Monaten schneide ich fast täglich den Film und komponiere die Filmmusik. Erst beim Schneiden bestimme ich die präzise Gesamtstruktur. Ich möchte die Geschichte nicht chronologisch „abarbeiten“, denn der Film soll ähnlich wie der Roman in assoziativen Gedankenfetzen erzählen. Teils ändere ich Szenenfolgen immer wieder ab, bis ich das Gefühl habe, die Reihenfolge ist perfekt. 

Du besetzt deine Filme immer sehr durchmischt, wenn man das so sagen darf. Da haben wir Film-Weltstars, Theaterleute und dann auch wieder totale Neulinge. In Fetzenleben hast du dich bei Aron Keleta und Theresa Mußmacher entschieden. Einen erfahrenen Theaterschauspieler und eine Schauspielschülerin. Wie entscheidest du dich für Schauspieler und warum gerade diese Wahl in „Fetzenleben“?

Aron sah ich Anfang des Jahres erstmals auf der Bühne und war begeistert von seinem intensiven Spiel und seiner charismatischen Ausstrahlung. Mit Theresa hatte ich bereits gedreht und dachte sofort, dass sie perfekt für die weibliche Hauptrolle wäre. Sie beide haben im Film eine unheimlich gute Chemie.

Allgemein besetze ich Rollen oft nach meinem spontanen Gefühl, wie die Person wohl im Film wirken wird, unabhängig von ihrer Ausbildung. Ich mag es, wenn alle Mitwirkenden kreativ auf einer Wellenlänge sind, am Set mit mir Ideen diskutieren und gerne viel ausprobieren. Viele Darsteller werden zu Freunden bzw. sind schon Freunde, die ich im Film besetze. Ich kenne inzwischen zahlreiche professionelle Schauspieler und auch Laiendarsteller, von denen einige schon seit mehr als zehn Jahren immer wieder bei meinen Filmen mitwirken. Auf Filmfestivals habe ich einige bekannte US-Schauspieler kennengelernt und war mit ihnen oft mehrere Jahre befreundet, bevor wir drehten. Manchmal schreibe ich auch Schauspieler direkt an, wie z. B. Helmut Berger. Ihn bewundere ich seit meiner Jugend und schrieb seinem Management, als ich eine Rolle für ihn hatte. Inzwischen sind auch wir Freunde und er hat in bisher zwei meiner Filme mitgewirkt.

„Fetzenleben“ wurde in großen Teilen in Paris gedreht. Und auch sonst bist du sehr international ausgerichtet. Du drehst Dokumentationen über weltweite Themen und stellst deine Filme auch auf der ganzen Welt auf Festivals vor und auch der Vertrieb deiner Filme im Ausland ist dir wichtig. Wenn ich mir deine Filme anschaue, haben sie auch keine deutsche Handschrift. Du wurdest einmal in der Machart mit „den frühen Filmen von Woody Allen“ verglichen. Gehst du in deiner Art und Weise Filme zu machen diesen Weg bewusst international an?

Ich denke, in jedem Land finden sich Künstler mit den verschiedensten stilistischen „Handschriften“. Aber ich höre diese Meinung zu meinen Filmen öfter. Ich denke, es hängt vielleicht mit meiner Bildsprache und meinem Erzählstil zusammen, die offenbar etwas „ungewohnt“ sind im Vergleich zu vielen Filmen, die z. B. aktuell in Deutschland entstehen. Darauf kalkuliere ich aber nicht, ich gestalte Filme intuitiv danach, was ich für die jeweilige Szene/das jeweilige Projekt als ästhetisch empfinde. Schon als Teenager sah ich beispielsweise gerne Independentfilme der 60er- und 70er-Jahre, vielleicht hat das mein Stilempfinden beeinflusst. Und meine Dokumentarfilme behandeln Themen und Personen, die ich meist einfach der Nachwelt filmisch „bewahren“ möchte.

Es fühlte sich seit meiner Jugend für mich intuitiv „richtig“ an, meine Filme weltweit laufen zu lassen. Es macht mir Spaß, wenn Menschen aus verschiedenen Ländern sie diskutieren. Allgemein mag ich es, Kunstwerke detailliert zu analysieren. Als Teenager war ich fasziniert von Analysen und Artikeln über Filme in oft englischsprachigen Medien. Ich glaube, es war schon immer ein mehr oder weniger unterbewusster Wunsch, dass meine Filme international gesehen und so potentiell irgendwann in den weltweiten Diskurs eingehen können.

Um von international mal direkt auf Deutschland zu kommen. Für dich regnet es schon seit Beginn deines Filmschaffens und bis heute Preise – und du läufst auf vielen Festivals. Diese Anerkennung findet dabei meistens im Ausland statt. Ich frage mal offen und frech: Haben deutsche Filmschaffende bei Festivals eher ein Problem mit deiner internationalen Schaffensart und erwarten vielleicht einen typisch deutschen Ansatz? Wie siehst du den deutschen Film? Hast du hier Berührungspunkte? Wie denkst du über die deutsche Filmwelt?

Meine Filme laufen zwar bisher öfter im Ausland, aber auch in Deutschland sind sie immer wieder auf Filmfestivals zu sehen und sie haben auch hier Preise gewonnen. Meine bisherigen Filme habe ich meist sehr „independent“, unabhängig von der allgemeinen deutschen Filmlandschaft, gedreht. Ich habe mich dabei auch nicht bewusst an aktuellen filmischen Trends hierzulande orientiert. Ich bin kein Freund von Verallgemeinerungen, daher unter Vorbehalt eine nicht-repräsentative Beobachtung: In Deutschland höre ich von Filmschaffenden auf Festivals tendenziell etwas öfter als z .B. in den USA starke Meinungen, wie ein Film „technisch richtig“ zu gestalten sei, gerade auch bei Stilfragen wie Bildsprache oder Drehbuch. Wenn ein Film davon abweicht, wird es schneller als „Fehler“ denn als bewusstes Stilmittel bewertet. In den USA wird der verspielte, oft unkonventionelle Stil meiner experimentelleren Filme auf Festivals fast durchweg von Zuschauern und Fachleuten gelobt, in Deutschland hatte ich nach Vorstellungen manchmal kontroverse Diskussionen mit einigen Leuten darüber. Ob man daraus einen Trend herauslesen kann oder ob das Einzelbeispiele sind, will ich nicht beurteilen, denn es gibt auch aus Deutschland viele sehr positive Stimmen zu meinen Werken und ich mag es, sie überall zu präsentieren.

Du bist einer dieser Filmregisseure, mit denen man nicht nur über das derzeitige Filmprojekt sprechen kann um dies zu promoten, sondern man muss bei dir auch über deine verschiedenen Stilmittel, außergewöhnlichen Projekte, wiederkehrenden Themen und „Konstantin“ sprechen. Hierzu gleich einige Teilfragen: 

Die Stummfilmzeit und Musik der 1920-ziger – in deinen Filmen hören wir immer wieder Musik der Schellack-Plattenzeit und auch bildlich Hommagen an die Stummfilmzeit. Und natürlich dein Kurzfilm „Woyzeck“. Erzähle uns etwas über deine Liebe zu dieser Filmzeit.

Ich liebe die Stummfilmästhetik. Regisseure probierten gerade ab den späten 1910ern teils extrem innovative Montagen und Kameratricks aus. Meine Faszination begann mit drei oder vier Jahren. Wir hatten zu Hause viele VHS-Kassetten mit Charlie-Chaplin-Filmen und anderen Stumm- und frühen Tonfilmen. Als Kind schaute ich sie gerne immer wieder, oft mit meinem Vater zusammen. Gerade in den USA bin ich mit vielen Film- und Musikhistorikern befreundet und diskutiere dort sehr oft Werke jener Epoche. Und wenn ich mit Freunden in Paris bin, führe ich sie immer zur Sammlung der Cinémathèque française zu den ersten Jahrzehnten der Filmgeschichte. 

„Mission: Caligula“ – einer deiner bekanntesten Dokumentarfilme. Aber viel mehr als eine Dokumentation, sondern mit sehr viel Vorgeschichte und, wie man auch sagen kann, Filmgeschichte. Erzähle uns die Hintergründe über das Entstehen.

Seit Jahren beschäftigt mich, wie der Film „Caligula“ gewesen wäre, wenn Tinto Brass ihn nach seinen Absichten fertiggestellt hätte. Ich wollte, dass mehr Menschen darüber erfahren, deshalb der Dokumentarfilm. Ich mag den Schnittstil von Tinto Brass’ experimentellen Filmen der 60er und 70er. Er drehte „Caligula“ 1976 eigentlich als provokante politische Satire. Gegen seinen Willen wurde der Film neu geschnitten, politische und satirische Szenen entfernt oder verändert und pornographische Szenen nachgedreht. Er ließ seinen Namen als Regisseur streichen und keine Fassung ähnelt seiner beabsichtigten. Vor über zehn Jahren begann für mich damit eine heute noch nicht abgeschlossene Odyssee. Im Lauf der Jahre freundete ich mich mit Tinto an, lernte Historiker und Beteiligte auf der ganzen Welt kennen und half dabei, das Archiv mit dem gesamten Rohmaterial und Tintos halbfertigem Rohschnitt von „Caligula“ wiederzuentdecken. „Mission: Caligula“ gibt es kostenlos im Internet. Ich bekomme seit der Veröffentlichung extrem viele positive und ermutigende Zuschriften von Fans, Filmhistorikern und anderen Interessierten. Schlussendlich hoffe ich, irgendwann eine Fassung von „Caligula“ zu veröffentlichen, die Tinto Brass’ Absichten entspricht.

Deine Spielfilme erzählen eigentlich immer recht normale Geschichten über Liebe, Partnersuche und Beziehungen, natürlich in ihren skurrilen Art. Das Ganze wird durch Elemente angereichert, die absurd in der Geschichte anmuten. Da fallen Menschen durch ein Zeitloch und stehen zwischen Panzern im 2. Weltkrieg auf. Oder mitten im Film kommt eine Szene einer amerikanischen Sitcom. Manchmal fragt man sich später: Und was hatte das jetzt mit dem Film zu tun? Wie kommst du auf so etwas?

Ich erzähle in Filmen gern entgegen von Erwartungshaltungen. Unerwartete stilistische Elemente, von denen du sprichst, setze ich intuitiv ein, wenn es sich für mich richtig anfühlt. Sie sind immer mit der Handlung verbunden und es muss zum Stil des Films passen, manches erzähle ich auch eher geradlinig. Die Sitcom, die du erwähnst, fasst z.B. in Timeless albern den Konflikt der Hauptfiguren zusammen und bricht dabei bewusst eine dramatische Szene auf. Die Weltkriegsszene illustriert im gleichen Film dagegen unerwartet, dass Probleme, welche gerade noch als Komödie gezeigt wurden, in der Realität furchtbare Auswirkungen haben können. Solche Elemente reißen Zuschauer manchmal aus der Handlungsillusion und regen, vielleicht vergleichbar mit Brechts epischem Theater, zum Reflektieren an. Viele Zuschauer mögen diesen Stil sehr, und andere lehnen ihn ab. Das gefällt mir, denn es wäre schlimm für mich, wenn die meisten Zuschauer einen Film bloß okay fänden und bald vergessen. Es ist aber kein fester Stil, bei jedem Film entscheide ich intuitiv aufs Neue, wie ich ihn nach meinem Empfinden interessant, unterhaltsam und wirkungsvoll gestalte.

Konstantin – eine Figur, die in deinen Filmen immer wieder auftaucht. Er ist ein undurchschaubarer Charakter und irgendwie ist er wie der kleine Teufel, der auf dem Rücken des Hauptdarstellers sitzt und Tipps gibt. Und irgendwie treibt er den Charakter auch mal in die falsche Richtung. Du spielt diesen Konstantin. Was verkörpert für dich diese Figur?  Was hat Konstantin mit dir gemeinsam? Wirst du auch weitere andere Charaktere in deinen Filmen spielen?

Konstantin bringt einen teils düsteren, teils absurden Humor in meine Filme. Er sagt schlimmste, ungefiltert-böse Dinge in einer unschuldigen, begeisterten Leichtigkeit und funktioniert als humoristischer Kontrast zur jeweiligen Hauptfigur. Er verkörpert in jedem Film etwas anderes. Meist kann man in ihm eine Seite der Hauptfigur sehen, welche diese nicht nach außen kehrt. Was die Figur Konstantin mit mir gemeinsam hat? Ich hoffe, neben Aussehen und Sprechweise nicht allzu viel. (lacht) Trotz manchmal durchdachter Gesellschaftskritik und manch sympathischer Unterstützung für den Protagonisten ist Konstantin nämlich vor allem eine rücksichtslose Figur, die andere nicht ernst nimmt und ein hedonistisches Leben ohne Rücksicht auf Mitmenschen propagiert. Ich bin offen, auch andere Figuren zu spielen, wenn es sich richtig anfühlt. Die letzten Jahre hatte ich aber immer wieder das Gefühl, dass meine Filme ein Element Konstantin brauchten. Ihn zu schreiben und zu spielen macht mir großen Spaß.

Am Ende muss immer eine Frage nach den Plänen stehen. Aber ich will lieber fragen: Bist du jemand, der plant? Hast du eine Ahnung, wo du in fünf Jahren bist? Gibt es Ziele?

Ich habe zwar einige grundsätzliche Ideen für die Zukunft, aber ich glaube, es kommen im Leben immer wieder unerwartet Dinge und Möglichkeiten, gegenüber denen man offen bleiben sollte und die alles verändern können. Deshalb halte ich mich mit genauen Prognosen zurück. Ich persönlich mag es, mir ambitionierte, aber machbare mittelfristige Ziele zu setzen und sie mit aller Energie zu verfolgen, also beispielsweise das jeweils nächste Projekt, sei es ein Film, sei es ein Buch, sei es in einem anderen Gebiet. Wenn man ein solches Ziel dann abschließt und präsentiert, eröffnen sich daraus oft neue, unerwartete Möglichkeiten. Ich vertraue sehr darauf, dass gute Dinge passieren, die man oft nicht vorhersehen kann, wenn man nur Gelegenheiten dafür schafft und aufmerksam bleibt. Was ich dir zu deiner Frage sagen kann – mein Ziel ist es, dass ich in fünf Jahren das tun werde, was mich zu dem Zeitpunkt glücklich machen wird. Was das sein wird, wird man dann sehen. Ich habe jedenfalls viele Interessen und Ideen für Projekte in den verschiedensten Bereichen und freue mich auf die Zukunft.

Mehr über Alexander Tuschinski auf seiner Website oder in der IMDb.


Thomas Goersch verkörperte weit über 200 Rollen in Kino-, Musikvideo- und Independent-Produktionen. Wegen seiner Vielschichtigkeit und seines Interesses an verschiedenen Genres engagierte man ihn wiederholt für ausländische Filmproduktionen, welche nicht selten einen stark künstlerischen oder experimentellen Ton aufweisen. Daneben ist er dem deutschsprachigen Fernsehzuschauer seit vielen Jahren als Moderator beim Verkaufssender 1-2-3.tv bekannt.

Ein weltpolitischer Großroman

Es ist ein bizarres und doch erschreckend realistisches Gedankenexperiment, das der japanische Schriftsteller Ryū Murakami, mit seinen zweiteiligen Roman In Liebe, Dein Vaterland vorgelegt hat: Darin besetzt eine nordkoreanische Sondereinheit, getarnt als Rebellen und Kritiker des totalitären Regimes, die japanische Hafenstadt Fukuoka und setzten sich als Ziel, das von Wirtschaftskrisen geplagte Japan zu erobern. Dieses Jahr ist der zweite Band Der Untergang erschienen.


Im ersten Band Die Invasion ist das Expeditionskorps Koryo in Japan gelandet. Nordkorea nutzt dabei die japanische Wirtschaftskrise, die dafür sorgt, dass der Staat im Grunde nicht mehr intakt ist und es ganze Heere an Obdachlosen gibt. Nach und nach übernahm die Yakuza, die japanische Mafia, die politische Macht. Nachdem Koryo eingegriffen hat, hat das Korps versucht, mit politischen Säuberungen die Yakuza zu bekämpfen, sich selbst als Rebellen zu inszenieren und seine Basis in Fukuoka auszubauen, bis das nordkoreanische Heer ganz Japan erobern soll. Band zwei spielt sich – nach kleineren Rückfällen für das Expeditionskorps – zwischen Fukuoka, Tokio, Pjöngjang und der Insel Sakito ab. Murakami nutzt dabei eine riesige Menge an Protagonisten, die in diesem Band größtenteils aus politischen Opportunisten, überforderten Bürokraten, ein schwaches Militär, eine passive Polizei und feigen Journalisten, die sich in den Dienst des Expeditionskorps stellen, besteht. All diese Gruppen diskutieren, ob es sich bei der Invasion um einen kriegerischen Akt handelt oder ob die nordkoreanischen Geiselnehmer Verbündete sind, und überlassen somit den Invasoren die politische Kontrolle, die sich nun medial als Befreier inszenieren, ein autoritäres Regime einführen und unliebsame Zivilisten töten. Aber natürlich gibt es in dem Roman noch die aus der Gesellschaft Ausgeschlossenen: nämlich die Obdachlosen und einer Bande brutaler jugendlicher Satanisten, die Ishihara-Gruppe. Allein Letztere beschließen, die Invasoren zu bekämpfen.

Diese Protagonistenkonstellation ist typisch für den düsteren Murakami. Die Würdenträger und Personen mit öffentlicher Anerkennung und Autorität sind vollkommen hilflos gegenüber dem nordkoreanischen Coup, die geopolitischen und intriganten Aktionen der Koryos werden von ihnen nicht durchschaut, oder wenn doch, dann nur für eigene Klüngel genutzt. So sind die eigentlichen Unsympathen entweder unfähige japanische Akteure oder Verräter, wie selbstgerechte Öko-Mütter im öffentlichen Dienst oder die ideologisch-indoktrinierten Nordkoreaner, die versuchen, im eigentlich neofeudal-kapitalistischen Japan zurechtzukommen. Die potenziellen Retter dagegen sind psychopathische Außenseiter, die mit Gift, Sprengstoff und zelebrierten Gewaltexzessen die Nordkoreaner überraschen wollen.

Eine Erzählkunst, die ihresgleichen suchen muss

Keiner der Protagonisten wird dabei aber als (byronscher) Held gefeiert. Sehr realistisch mangelt es bei Murakami an solch nervigen Archetypen. Kalt und berichtend, hin und wieder versetzt mit beißenden Ironien oder Zynismen schildert der Autor diese unerhörte Dystopie. So wird kein Charakter zur Identifikationsfigur. Der Leser wird vielmehr von der ungeheuerlichen Handlung und dem spezifischen Stil gefesselt. Das ist großartig und eröffnet eine kritischere Auseinandersetzung mit der Handlung, anstatt der emotionalen Präferenz eines bestimmten Protagonisten. Denn selbst die Außenseiter werden nicht als rebellische Underdogs gefeiert, denn sie sind zu brutal, zu psychotisch, zu blutrünstig und zu sektiererisch, um irgendeine Sympathie zu wecken. Zusammen mit Murakamis kühler, meist berichtender Erzählweise geht der Leser also natürlicherweise auf Distanz.

Somit fehlt bei Murakami, abgesehen von politischen Reden der Koryos oder Ishiharas, auch jeder Pathos oder Idealismus. Murakamis eigener Erzählstil ist nämlich herrlich trocken und abgeklärt – und steht in seiner geringen Emotionalisierung und bar jeder Moralisierung in einem auffälligen Gegensatz zur Handlung, die sich irgendwo zwischen einer staatstheoretischen Spekulation für eine Alternativwelt, geopolitischen Abhandlung, Thriller und Actiongeschichte – die entweder an Kriegscomputerspiele oder einen nicht-jugendfreien Manga erinnert – lokalisieren lässt. Daraus wird schließlich ein literarisch meisterhafter Politroman. Spannung, Gewalt und kühle Verstandeskraft geben sich hier die Klinke in die Hand. All dies zeigt nicht nur, dass Murakami offensichtlich ein sehr realistisches bis pessimistisches Menschen- und Politikbild hat, das er grandios (komplex, aber gleichzeitig noch übersichtlich) zu schildern in der Lage ist, sondern auch, dass seine umfangreiche Phantasie von einer hohen politischen Urteilskraft sowie Folgerichtigkeit und Detailreichtum zeugt.

Murakami gelingt somit etwas, was in der Weltliteratur erstaunlich selten ist. Er entwickelt einen weltpolitischen Großroman, der detailliert ein alternatives Szenario denkt, indem er Imperialismus, Feindstellungen und die kapitalistisch-psychotische Perversion unserer Zeit auf die Spitze treibt, ohne in seinen bizarren Schilderungen absurd zu werden. Trockener und gleichzeitig fesselnder, abgeklärter sowie brillanter hätte diese Geschichte nicht erzählt werden können. Eine Erzählkunst, die ihresgleichen sucht.

In Liebe, Dein Vaterland, Bd. 2: Der Untergang von Ryū Murakami erschien im Wiener Septime Verlag und hat 504 Seiten.

Lass es nicht endgültig sein

Wann sind Gebäude eigentlich fertig, wann ist ihr Bau also abgeschlossen. Und wann sind sie endgültig „fertig“, also Ruinen? Der Bildband „Ruin and Redemption“ geht dieser Frage nach und zeigt: Wenn Gebäude aus Ruinen wieder auferstehen, bekommen sie manchmal die beste zweite Chance, die es für sie geben kann.


Klar, es gibt glattgeleckte Architekturbildbände, bei denen am besten weiße Baumwollhandschuhe beiliegen, um die Unantastbarkeit des Gezeigten noch zu unterstreichen. Dazu kommt das Arsenal an Magazinen, die die Schöner-Wohnen-Optiken auf die Spitze treiben. Und dann gibt es Bildbände wie „Ruin and Redemption in Architecture“ (Phaidon Press, 2019), die zwar sämtliche Register gelungener Buchgestaltung ziehen, aber doch Sehgewohnheiten charmant brechen. Denn hier geht es nicht um Überinszenierung oder visuelle Heiligsprechung – sondern erst einmal um Vergänglichkeit und Ruinöses.

Dan Barasch hat den Band kuratiert. Er war Führungskraft bei Google, Unicef oder auch der Stadtverwaltung New Yorks. Sein Projekt, aus einem stillgelegten Güterwagon-Terminal in New York einen unterirdischen Park zu gestalten, hat den Blick auf Transformationen und die Umnutzung von Gebäuden weltweit gelegt. Das Buch zieht einmal quer um den Globus und versammelt Beispiele von Architektur, die praktisch fertig war mit dem Leben: abgehalftert, ausgemustert, verlassen. Ruinen eben. Doch stimmt es eben keinen salbungsvollen Abgesang an das Alte in Form einer Überhöhung an, sondern feiert tatsächlich erst einmal die Vergänglichkeit. Der erste der vier Abschnitte heißt demnach schlicht „Lost“. Gebäude, die einfach verloren sind – und nur noch in Erinnerungen und Fotografien weiterexistieren.

Das Larkin-Verwaltungsgebäude in Buffalo, New York/USA. Nachdem die Firma sich gezwungen sah, den Komplex zu verkaufen, wurde das Gebäude verkauft und musste 1950 einem Parkhaus weichen. (Foto: Collection of The Buffalo History Museum)

Wie Grabsteine

„Completed 1962. Demolished 2013“ – die Zeitangaben wirken sehr nüchtern. Vollendet – zerstört. Wie Inschriften auf Grabsteinen kommen einen die nüchternen Angaben vor. Ein seltsames Gefühl befällt einen – vielleicht tatsächlich so etwas wie Trauer –, wenn die ersten Bilder des Bandes Gebäude zeigen, die es nicht mehr gibt. Abgerissen oder komplett verfallen.

Manchmal dokumentieren die Fotos sogar  Abrissarbeiten oder den Sekundenmoment einer Sprengung. Zu entdecken sind riesige Wohnkomplexe wie etwa Pruitt-Igoe in St. Louis (USA) – 2870 Apartments umfasste der Stadtteil, der schon nach 16 Jahren wieder zurückgebaut wurde.

Der Streifzug geht weiter: Das Olympiastadion von Athen, filigran von Santiago Calatrava entworfen – es steht leer und gerade einmal ein paar Büsche wuchern in dem verwilderten Gebäude. Dazu kommen die Skisprungschanzen von Sarajewo oder ein Panorama-Restaurant in Lissabon – die Bilder zeigen: Wenn Orte in Vergessenheit geraten, dann verschwinden sie nicht. Sondern bleiben und führen ihr Leben irgendwie in Einsamkeit weiter.

Als 1963 die Turbinen des Glenwood Elektrizitätswerk alterschwach wurden, gab man das Gelände auf und ließ die Gebäude verfallen. In den Jahrzehnten danach entwickelte sich der Ort zu einem Treffpunkt, der von Gewalt, Graffiti und Gang-Aktivitäten geprägt war. (Foto: Courtesy of Lela Goren Group)

Dort, wo das Leben fehlt, denkt man es sich dazu

Eine Industrieanlage, die ohne Qualm aus Schornsteinen auskommt und zwischen deren Schlöten Bäume wachsen. Ein Sportstadion, das längst keine Zuschauer mehr kennt, Werbetafeln oder Fanbanner erst recht nicht. Es fehlen Fenster, Mauerteile, Fahrzeuge, Menschen … und genau das macht den Reiz der Bilder aus, vielleicht auch an sich den Reiz von Ruinen: Sie zeigen Leerstellen. Man denkt sich das Leben dazu, füllt Leerstellen selbst aus und hört ins sich einen Soundtrack mit dem Sirren von Sirenen, dem Tuten von Schiffshörnern oder dem geschäftigen Klingeln und Klicken einer Büroetage.

So paradox es klingt: Ruinen erinnern an das Leben. Symbolhaft tauchen sie auf Gemälden der Romantik auf und feiern einen Weltschmerz und die Sehnsucht an vermeintlich bessere, frühere Zeiten. Sie geben aber auch ein klares Statement: Memento mori – bedenke, dass du sterblich bist. Also wende dich dem Leben zu.

Die Siloanlage im holländischen Deventer wurde im Jahr 1990 stillgelegt. 25 Jahre später ist dort wieder neues Leben eingezogen. (Fotos: Wenink \ Holtkamp Architecten)

Mehr als zweite Chancen

Der eigentliche Kern des Bandes ist Architektur, die ihre Erlösung – Redemption – feiern kann: Auferstanden aus Ruinen. Sieht man die Vorher-Nachher-Bilder der Zementfabrik im spanischen Sant Just Desvern, dann traut man seinen Augen kaum: Die Silos der Industrieanlage zeigten sich von 1921 bis 1968 eher austauschbar – heute könnten sie als Kulisse für den James-Bond-Schurken dienen: Surreal wirken begrünte Dächer, Bücherregale und Fenstermaßwerke geben dem Gebäude fast schon einen Klostercharakter.

Weltkriegs-Bunker bekommen einen Glaskubus als Hülle und damit ein neues kulturelles Leben. Brachliegende Hafenanlagen werden zu Bürogebäuden und Kreativzentren wachgeküsst. Das begeistert – und zeigt, dass wir Architektur und Nutzungsformen nicht zu eindimensional denken sollten.

Allerdings ist es auch so: Umnutzungen sorgen nicht immer automatisch für Jubel und Begeisterung. So ist etwa die ehemalige Dominikanerkirche im Herzen Maastrichts heute eine Buchhandlung mit maximalem Instagram-Potenzial: 1294 als Klosterkirche erbaut, birgt der gotische Raum nun ein riesiges schwarzes Bücherregal, das die Verkaufsfläche von ursprünglich 745 Quadratmeter auf 1200 Quadratmeter erweitert. Es gibt die üblichen Verkaufsinseln, zwei seitliche Emporen, auf denen Schallplatten und Fachliteratur verkauft werden und ein kleines Café im Altarraum der Kirche. Eine Kirche als umtriebige Verkaufsstätte? Das bringt zwangsläufig Blasphemie-Vorwürfe und zeigt: Umwidmungen sorgen auch für Emotionen und Kritik.

Die Dominikarkirche in Maastricht – Ort mit wechselvoller Geschichte: 1294 errichtet, 1577 teilweise zerstört, Militärlager in den Napoleonischen Kriegen, später Archiv, Warenhaus und Druckerei. Heute ist der Ort eine Buchhandlung und zieht Buchbegeisterte und Instagram-Junkies an. (Foto: Roos Aldershoff / Merkx+Girod / Merk X architects and designers)

Die Suche nach dem Vergessenem

Wenn ich mit Büchern zu tun habe, frage ich mich immer: Was lösen sie in mir aus? Was machen sie mit mir? In diesem Fall ist es so, dass das Buch eine Art Radarschirm anschaltet: Wo stehen auch Ruinen in meiner Umgebung? Welche Baulücken gibt es noch, die eigentlich gar keine sind, sondern einfach nur vergessene Orte. Wo liegen Gebäude an den Orten, mit denen ich zu tun habe, einen Dornröschenschlaf?

„Ruin and Redemption in Architecture“ ist nicht nur ein Buch über transformierte Gebäude und Orte – es transformiert auch den Leser. Die Bilder und Projekte machen Lust, Dinge neu zu denken. Wer sich mit Ruinen beschäftigt, dem öffnen sich die Augen für die Lücken um einen selbst.

Dan Barasch ist ein sehenswertes Band gelungen. Eben weil er nicht in die konservativ-pathetische Falle tappt und jede Veränderung gleich als Gefahr sieht, sondern Veränderung als Chance begreift. Das gilt auch für die Zukunft: Neue Gebäude sind die Ruinen von morgen. Und sie können immer wieder auferstehen. Etwas Besseres kann man ihnen nicht wünschen.

 

 

Goersch Extrem – Ein Interview

Thomas Goersch verkörperte weit über 200 Rollen in Kino-, Musikvideo- und Independent-Produktionen. Wegen seiner Vielschichtigkeit und seines Interesses an verschiedenen Genres engagierte man ihn wiederholt für ausländische Filmproduktionen, welche nicht selten einen stark künstlerischen oder experimentellen Ton aufweisen. Daneben ist er dem deutschsprachigen Fernsehzuschauer seit vielen Jahren als Moderator beim Verkaufssender 1-2-3.tv bekannt.

Ein Gast-Interview von Daniel Hadrović


Hallo Thomas! Ich konnte seit unserer ersten Kontaktaufnahme beobachten, wie du eine gewisse „I don´t give a fuck!“-Attitude an den Tag legst, wodurch es auf viele langjährige Fragen der Community keine Antworten und kaum Statements zu vielfältigen Gerüchten über dich gab. Ich habe einige Themen zusammengetragen, von denen ich glaube, dass sie Fans und insgeheim auch Hater gleichermaßen interessieren könnten. Da hast du aber gar kein Bock drauf, oder?

Schön, das muss ich mir auf der Zunge zergehen lassen: „I dont give a fuck!“-Attitude. Eine Attitude kenne ich nur aus dem Modelbusiness. Models führen auf dem Laufsteg mit einer vom Designer aufgestülpten Attitude etwas vor. Was nichts mit Ihrer Person zu tun hat. Mit einer Attitüde habe ich persönlich nichts zu tun.

Nun, mich fragen Menschen nicht, wenn sie Fragen haben, und daher komme ich zu keiner Gelegenheit, etwas aufzuklären. Eigentlich bekomme ich immer eher den Vorwurf, zu viel von mir preiszugeben, aber das ist dann meine Gefühlswelt von der eigentlich auch keiner was wissen will. Die langjährigen Fragen der Community (darunter sehe ich eher ein queeres Umfeld) sind mir nicht bewusst. Ich antworte immer auf jede Frage, aber dann fragt anscheinend niemand. Aber „I dont give a fuck“ stimmt bei mir schon. Ich orientiere mich nicht daran, was Menschen von mir erwarten. Bei Rollenangeboten frage ich nicht danach, was die Menschen von mir erwarten. Ich gehe nicht mal davon aus, dass Menschen von mir überhaupt was erwarten. Was Hater interessiert, geht mir am Arsch vorbei. Anscheinend haben sie kein eigenes Leben, da sie sich mit mir beschäftigen.

Als ich dich gefragt habe, ob du nicht Lust auf ein Interview hättest, äußertest du im Laufe unserer Konversation sinngemäß, du wüsstest eigentlich selbst nicht genau, wer „dieser Thomas Goersch“ ist. Beginnen wir unsere Recherche also am besten in deiner Kindheit. Du bist im Jahre 1966 geboren, ein Jahrzehnt, in dem man begann, an der konservativen Fassade der Gesellschaft zu rütteln und sie langsam einzureißen. Deine späte Pubertät hast du somit in den fantasievollen und bunten 80er Jahren verbracht, deren Glanz zeitweise immer wieder in modernen Medien aufflackert und deren Ästhetik sich ständig einen Weg in die Gegenwart bahnt. Welche medialen Einflüsse zählst du zu deinen prägendsten und warum? Welche Sendungen beschäftigen dich vielleicht heute noch?

Die 80er waren ein Highlight an Musik und an Filmen, die sich mit dieser Generation und deren Problemen beschäftigten. John Hughes mit seinen Filmen wie Breakfast Club, Pretty in Pink und Ferris macht blau.

Bei der Musik habe ich heute den Eindruck, dass jeder Song für die Ewigkeit war. Für uns war dies in der Zeit normal. Die Filme der Endsiebziger und Achtziger Jahre waren viel mutiger als heutige. Über Fifty Shades of Grey lache ich mich heute tot und finde sie langweilig. Schaut heute mal 9 ½ Wochen mit Kim Basinger und Mickey Rourke und dann wisst Ihr, was vor dem Bildschirm schwitzen heißt.

Zeichneten sich deine Kreativität und Extraversion früh ab? Hattest du den Drang nach Expression als du klein warst?

Nein, überhaupt nicht. Ich war ein absoluter Spätentwickler und wuchs in keinem guten familiären Umfeld auf. Scheidungskind und mein Vater war ein echt schlechter Charakter. Meine Mutter psychisch gefährdet und nach dem Weggang des Vaters, als ich 13 Jahre alt war, wurde ich trotz zweier älterer Brüder zu so einer Art Familienvorstand. Meine Brüder sind bei erster Gelegenheit aus der Familie raus.

Ich habe mich persönlich in allen Belangen hinten angestellt. Mich gab es als Person irgendwie nicht. Ich ging aber ab dem sechs Lebensjahr jeden Samstag Mittag um 15.00 Uhr ganz allein ins Kino. Hier habe ich viel Filmwissen auch schon in jungen Jahren erhalten.

Du hast bis zu einem bestimmten Zeitpunkt ein eher unauffälliges, bürgerliches Leben geführt, bis du in Kontakt mit der professionellen Filmindustrie kamst. Erzähle uns doch bitte, wie dieser Kontakt zustande kam und welches Gefühl dich hinterher ereilte.

Ich habe eine Bankausbildung und Bankrecht studiert und abgeschlossen. Ich habe lange Zeit nur als Banker gearbeitet und hatte ein Mauerblümchen-Leben. Von der Liebe und dem Sex wollte ich auch nicht wirklich was wissen. Im Alter von 18 bis 34 brach ich jedes Jahr sechs Wochen aus und habe mich auf Extrem-Trips begeben. Ich durchquerte Tibet mit dem Fahrrad, Alaska mit dem Jeep und das auslaufende Amazonas-Gebiet in Ecuador zu Fuß. Ich habe alle 50 Staaten der USA besucht, inklusive Hawaii. Als ich Amerika als Reiseland abgehakt hatte, wollte ich so eine Art „Arbeiten in den USA“ probieren. Da ich immer intensiv träumte und sozusagen nach dem Erwachen ganze Filme recht filmisch im Kopf hatte, entschied ich mich in Los Angeles einen sechswöchigen Drehbuchkurs zu belegen. Das war dann der erste Schritt zum Film in 2000. Da war ich dann auch schon 34 Jahre alt.

Während dein Lebenslauf für uns in Teilen vollkommen im Dunkeln liegt, gehst du mit anderen persönlichen Dingen ganz offen um und scherst dich recht wenig darum, ob sich andere daran stoßen könnten. Dazu gehört auch, dass du dich in Beziehungs- und Liebesfragen zu Männern hingezogen fühlst. Es ist nicht unüblich, dass in „homosexuellen Kreisen“, wenn ich es so formulieren darf, eine Affinität zu Travestie, dem Rollenwechsel also, herrscht. Siehst du in deiner Biografie Schnittstellen oder Wechselwirkungen zwischen dem professionellen Schauspiel und deiner sexuellen Ausrichtung?

Schön formuliert, dass ich mich in „Beziehungs- und Liebesfragen zu Männern hingezogen fühle“. Man könnte auch sagen, dass ich schwul bin. Einen Zwang zur Verkleidung habe ich nicht. Ich habe mal eine Hypo-Elfe gespielt, aber das nicht weil ich einen Verkleidungszwang habe, sondern weil ich den Humor habe, so was zumachen. Ich bin mit einem Travestie-Künstler Fräulein Wommy Wonder gut befreundet und das ist ein wirklich männlicher Mann im Privatleben.

Welche Teile meines Lebens liegen denn im Dunkeln? Vielleicht eine Zeitspanne von ca. einem halben Jahr, vor etwa zwanzig Jahren, als ich mir gerade eingestanden hatte, dass ich schwul bin und ich als Late-Coming-Outer so viel Nachholbedarf hatte, dass ich erst mal mit 30 Männern schlafen musste? So sehr im Dunkeln kann der gar nicht liegen, da waren ja genug dran beteiligt. Seit Halloween 2002 kenne ich meinen jetzigen Mann und wandele auf ultra-normalen Pfaden.

Was gibt dir im Erwachsenenalter das Schauspiel und was erhoffst du dir für die berufliche Zukunft?

Ich bin ein Besessener. Ich liebe und verehre Kreativität. Ich kann nicht ohne sie sein. Was hat das Leben zu bieten außer Kunst? Ich habe erkannt, dass man nichts planen kann in diesem Beruf. Man verkrampft dann und es kommt dabei nichts heraus. Ich schaue nur, dass ich immer wieder ganz unterschiedliche Rollen spiele. Wenn der Horror dominiert, dann mache ich wieder Comedy oder Experimental oder klassisch künstlerische Sachen.

Ich habe dich als passionierten Schauspieler kennengelernt, der bei all seinen Projekten Seriosität an den Tag legt. Deine Leidenschaft für Film und Fernsehen spürt man zu jedem Zeitpunkt. Ob du nun eine Haupt- oder Nebenrolle besetzt, ob Budget und Set groß oder klein sind, oder du aufgrund bestimmter Limitierungen auf eigene Kosten anreisen musst, du erscheinst energiegeladen und motiviert. Warum ist dir deiner Meinung nach der ganz große Durchbruch bisher nicht vergönnt gewesen?

Ich bin kein Mainstream-Mensch. Sagt man das so? Keine Ahnung. Nun, viele sagen, ich sei komplett untalentiert und andere beten den Boden an, auf dem ich spiele. Die Meinungen gehen da himmelweit auseinander.

Ein ausschlaggebender Punkt ist wohl auch das Ausbildungs- und Agenturensystem. Ich habe mit 34 Jahren angefangen. Bei uns in Deutschland gibt es im Schauspiel keine Quereinsteiger. Wer mit 28 Jahren sein Hochschulstudium nicht angefangen hat, bekommt keine Chance mehr zu studieren und die guten Agenturen nehmen Dich nicht mehr. Klar wäre jeder gerne etwas bekannt, aber prominent will man nicht wirklich sein. Gehe doch mal als Til Schweiger über die öffentliche Einkaufsstraße. Ich glaube, dass dies nicht lustig ist. Etwas bekannter gerne. Prominent nein. So gewagte Rollen, die ich gerne spiele kann man auf großen Plakaten auch nicht präsentieren. (Lacht)

Seit sechs Jahren moderierst du erfolgreich im Fernsehen „Goerschs Genießer Buffet“. Bisher hat es deiner Karriere im Mainstream nicht geschadet, dass du auch gerne mal kontroverse Rollen in grenzüberschreitenden Filmen annimmst. Trotzdem verdichten sich seit längerem die Gerüchte, dass deine Arbeit bei 1-2-3.tv bald Geschichte sein könnte. Wieso gibt es trotz größerer Nachfrage nur vage, spärlich gesäte Informationen zu möglichen Hintergründen und deinem weiteren Werdegang als Moderator?

Nun, was ich für eine Filmarbeit mache, ist ja schon immer bekannt und kuschelweich war die ja auch nie. Ich denke, 1-2-3.tv mag auch lieber Charaktere als nette Sprechpuppen, daher bin ich da schon richtig. Fernsehen ist immer ein „hire and fire job“. Im Shopping-TV hängt alles vom Umsatz ab; da gibt es keine sicheren Zeiten.

Es gibt ja verschiedene Standpunkte zu Verkaufsformaten auf der Mattscheibe. Ich pflege stets mit einem Augenzwinkern zu sagen, dass in der heutigen Zeit vor allem die Shoppingsender noch echte Feiertagsthemensendungen bringen. Wir steuern zum Zeitpunkt unseres Interviews langsam auf kühlere Herbsttage zu. Würden dir beispielsweise die Weihnachtsmotto-Sendungen fehlen, wenn „Goerschs Genießer Buffet“ irgendwann wirklich die Pforten schließen müsste?

Mir würden die Einkünfte und das leckere Essen und liebe Kollegen fehlen. Ja, es würde wirklich was fehlen. Es ist immer lustig vor der Kamera, eine eigene Welt. Mit Robin Bade bin ich sehr gut befreundet und es würde wirklich was fehlen.

Aktuell ziehst du wieder die Aufmerksamkeit mit einem Underground-Film der härteren Gangart auf dich, welcher keine moralischen Bedenken aufzuweisen scheint – aber anders als sogenannte Mixtapes (Oft Zusammenschnitte aufgezeichneter, realer Gewalt, Mord und Folter), die sich wachsender Beliebtheit erfreuen, reine Fiktion und Schauspieler beinhaltet. „Sturmgewehr“, so der Titel, fällt in die Sparte des „Fake-Snuff“ (mit dünnem Handlungsstrang) und visualisiert explizit Erniedrigung und Folter einer schwangeren Heilerziehungspflegerin und einer körperlich und geistig behinderten Minderjährigen. Welche Motivation treibt dich an, dich auch an solchen extremen Produktionen zu beteiligen?

Man darf bei Schauspielern nicht vergessen, dass sie Charaktere nur spielen und deren Taten nicht vertreten müssen. Bisher habe ich aus moralischen Gründen nur eine einzige Rolle abgelehnt und da sollte ich auf einen Koran pinkeln. Das hätte dem Inhalt des Films nichts gebracht und eine Glaubensgemeinschaft zu beleidigen ist generell falsch. Aber abseits dessen wollte ich wieder mal was Extremes spielen. „Sturmgewehr“ kam mir gerade recht.

Der Drang möglichst unterschiedliche Rollen, facettenreiche Charaktere und Genres abzudecken ist nachvollziehbar, aber es geraten in jüngster Zeit immer häufiger jugendliche Gewalttäter in die Berichterstattungen, denen Gutachter nach grausamen Morden oder Folter einen verkümmerten Charakter und vollkommen fehlende Empathie und/oder sadistische Züge attestieren. Wie würdest du damit umgehen, wenn der Fall einträte, dass eine reale Schreckenstat nachweislich in konkretem Zusammenhang mit einem deiner Filme mit Extreminhalt stände?

Wer sowas macht, ist gestört. Eine solche Störung kann man durch einen Film nicht bekommen. Bei Pornofilmen glaube ich, dass sich mehr Menschen entladen, als dass sie anfangen, zu vergewaltigen.

Gibt es Momente, in denen dich Zweifel an deinem Eifer zu schauspielern ereilen?

Jeden Tag. Denn es dankt dir ja keiner. Als Independent-Schauspieler verdienst du kein Geld in dem Sinne. Du hast Hater, die dich bei jeder Möglichkeit beleidigen. Du darfst dich selbst noch für Filminhalte entschuldigen. Kein Glamour, sondern härteste Arbeit.

Heutzutage kann man sich im Netz vielfältiger effizienter Diffamierungsmethoden bedienen. Erstaunlicherweise stößt man bei etlichen Besprechungen von Filmen, in denen du vertreten bist, in der Kommentarleiste auf konkret an dich gerichtete verbale Angriffe. Wie schaffst du es nur, so viel negative Energie auf dich zu ziehen?

Oh ja, Hater versammle ich um mich herum. Sie treten immer anonym auf und verwenden ihre ganze Energie auf mich. Die Beiträge schreiben sie nur, um mich zu beleidigen. Ich bin mir sicher, dass sie nicht mal die Filme kennen, über die sie da schreiben. Ich bin jetzt ja kein erfolgreicher Schauspieler, aber ich denke, es sind noch erfolglosere Schauspieler, die da schreiben. Ich habe den Job aufgrund des Alters nicht offiziell erlernen können und die haben wahrscheinlich gelernt und bringen noch weniger auf die Reihe. Sie sollten ihre Energie lieber darauf verwenden Schauspieler zu sein und nicht, mir das Leben schwer zu machen. Ich habe mich am Anfang drüber geärgert. Dann habe ich es als Anerkennung gesehen, inzwischen habe ich sogar Freude dran.

Gleichzeitig wird dir auf Facebook von deinen Fans viel Liebe entgegengebracht. Wie kommt es, dass dieses treue Grüppchen weitaus seltener auf anderen Plattformen aktiv wird?

Das liegt wohl an der menschlichen Natur. Menschen, die einen mögen, die sagen es mir vielleicht mal, aber manchmal nicht mal das. Sie erfreuen sich an dem was ich tue und wollen mich in meinem Leben nicht stören. Menschen lästern viel schneller über jemanden, als dass sie mal sagen: „Hey, der ist cool, den mag ich.“

Musstest du schon einmal einem Kollegen, der sich von seinem Werk mehr erhoffte, Trost spenden?

Von 2002 bis 2012 habe ich mit dem Underground-Regisseur Carl Andersen zusammengearbeitet, in Filmen und auf der Theaterbühne, aber in erster Linie war er ein Freund, der um sein Einkommen kämpfte, aber von vielen Menschen verehrt wurde. Die große Anerkennung, die er verdient hätte, wurde ihm versagt. Er wurde depressiv und trank zu viel. Er war ein so guter Mensch, zerbrach aber an dieser Nichtanerkennung und nahm sich deswegen im August 2012 das Leben. Er hat für mich eine große Lücke hinterlassen.

Man spürt deine Verbundenheit zu Carl Andersen nicht zum ersten Mal. Dass er Suizid begangen haben soll, wurde allerdings in anderen Medien bislang nicht verkündet, soweit mir bekannt ist. Somit birgt deine Äußerung Sprengkraft. Er hat immer noch einen kleinen, treuen Fankreis, der sein Ansehen wahren möchte. Zwar wird heute das Thema „Selbsttötung“ nicht mehr tabuisiert und totgeschwiegen, aber gemeinhin mit „Überforderung“ und „Psychischen Erkrankungen“ in Zusammenhang gebracht. Verletzt du mit Informationen zu seinem nicht ein Stück weit sein Postmortales Persönlichkeitsrecht?

Die Tabuisierung von Selbstmord ist für mich komplett falsch. Man denke an die ganzen Prominenten, die aufgrund irgendwelcher Drogen-Alkohol-Kombinationen gestorben sein sollen und bei denen sich nach einiger Zeit oft herausstellte, dass sie unter starken Depressionen gelitten haben. Selbstmord ist im Sinne der Kirche eine Todsünde und hierher kommt wohl auch die Verteufelung von Selbstmord.

In der Nacht, in der Carl starb, wurde ich von Malga Kubiak angerufen, die gerade in Berlin bei ihm war – und da gab es einen Abschiedsbrief. Punkt. Wer Briefe hinterlässt, der möchte Menschen eine Botschaft geben, und für mich verletzt es seine Persönlichkeit, diese Botschaft zu ignorieren und nicht anzuerkennen. Ich sehe schon, wie mich Leute deswegen anfeinden werden. Carl war von Grund auf ehrlich. Ich will hier niemanden anfeinden, schlecht machen oder irgendwas Böses. Wenn ich gefragt werde, dann antworte ich ehrlich. So, wie es Carl auch gemacht hätte.

Möge er in Frieden ruhen. Wir bewegen uns nun in heiterere Gefilde: Für große Freude und herzhaftes Lachen unter den Zuschauern hast du an der Seite von Claude-Oliver Rudolph in einem politisch inkorrekten Film der anderen Art gesorgt. Die Action-Komödie „Tal der Skorpione“ stillte den Hunger von Freunden leichtfüßiger Narration und längst vergessenem Videothekenfilm-Flair. Wie hast du die Drehtage empfunden?

Das Projekt war wirklich eine herausragende Sache. Der Mut des Regisseurs, einen Film im Stile von „The Expendables“ oder wie die Action-Filme der 80er Jahre zu drehen, ist sehr anzuerkennen. Patrick Roy Beckert hat hier sehr gute Arbeit geleistet.

Die Chemie zwischen dir und Claude-Oliver Rudolph scheint zu stimmen. Für euer Zusammenspiel erhieltet ihr von Zuschauern viel positive Resonanz. Könntest du dir vorstellen, bald wieder mit ihm zu drehen?

Ja, das klappte vor der Kamera sehr gut. Wir haben uns vor der Kamera nichts geschenkt. Die Rivalität der Charakter kam wirklich toll rüber. Die Zuschauer haben es geliebt. War die Kamera aber aus, hat Claude-Oliver Rudolph nicht mit mir gesprochen, nicht mal gegrüßt. Ich habe sowas noch nie erlebt. Er hat mit allen Blödsinn gemacht und mich komplett ignoriert. Nun, Pech. Ich bin wohl ein Arschloch.

Das ist schade, denn auf der Mattscheibe habt ihr miteinander harmoniert. Du trittst aber auch noch als Regisseur mit eigenen Filmen auf den Plan. Herr Berger sucht einen Sohn, der aus deiner Feder stammt, ist eine spezielle Komödie, die den Anspruch erhebt, den französischen Stil innezuhaben. Dieser Film befindet sich gerade in der Postproduktion. Kannst du schon einen Veröffentlichungstermin nennen?

Der Film ist immer noch in der Postproduktion. Ich war drei Monate in 2019 krank und konnte weder meine „Goerschs Genießer Buffet“-Show machen noch an Herrn Berger arbeiten. Aber ein erster Trailer für den 1. Teil wird in Kürze veröffentlicht.

Verspürst du Lust auf weitere Komödien, die nicht im „Berger“-Universum verankert sind?

Ja, aber niemand dreht im Independent-Bereich Komödien. Da bin ich mit Herrn Berger ganz einsam. Ich hatte sogar mal eine Idee gepostet und wurde deswegen fast angegriffen.

Wir warten gespannt ab, was du uns in Zukunft noch alles an Filmkost bescherst. Ich denke, mit unserem Interview konnten wir ein Paar Mysterien um deine Person lösen und vielleicht sogar Missverständnisse aus dem Weg räumen. Vielen Dank für das Gespräch. Während wir nun zum Schluss kommen, wissen doch alle, dass es für dich gilt: The Show must go on!


Das Interview von Daniel Hadrović erschien ursprünglich auf „Destination Extreme Cinema“.

Daniel Hadrović ist als Autor und Filmemacher aktiv. Seine kleinen Independent-Produktionen tragen surreale und gesellschaftskritische Züge.

Interspiel mit Laia Alvarez Mestre

Laia Alvarez, Schauspielerin. Geboren in Barcelona. Lebt in Berlin. Passionierte Tangotänzerin. Finalistin von IN ZUKUNFT II als Theaterautorin. Entschloss sich nach längerer Arbeit als Journalistin zu einer Schauspielausbildung, „da sie es ihrem Vater schuldig war“. Zurzeit in der spanischen Fernsehserie Com si fos ahir (TV3) zu sehen. Steht demnächst für den ZDF-Spielfilm Der gute Bulle – Wenn Tote reden (Regie: Lars Becker) vor der Kamera.

Was gibt dir Schauspielerei im Vergleich zu anderen Künsten? 

Ich kann durch sie ein anderer Mensch sein: Ich darf jemanden umbringen, ohne ins Gefängnis zu kommen, ich darf arm sein, ohne zu verhungern, oder unverschämt, ohne dass ich gehasst werde. Wir Schauspieler sind ja sehr neugierig. Wir wollen verstehen, erfahren. Wir lieben Emotionen. Wir suchen Konflikte, pasión … Wir müssen uns selber spüren, um zu wissen, dass wir am Leben sind.

Anders gefragt: Warum bist du Schauspielerin geworden?

Weil ich es leider einmal probiert habe. Schauspiel ist eine harte Droge. Wenn du es einmal probierst, kommst du nie wieder raus … Ich wollte schon immer eine Schauspielausbildung machen, aber mit achtzehn habe ich mich nicht getraut und erst mal einen Umweg eingeschlagen. Während meines Journalistikstudiums habe ich ein Erasmus-Semester an der UDK gemacht. In der Zeit habe ich meinen Freund auf der Bühne spielen sehen. Ich war neidisch. Mein Papa hat vierzig Jahre einen Job gemacht, den er gehasst hat. Er sagte dann zu mir, ich solle das tun, was mich glücklich macht. Ich bin es ihm also schuldig.

Und wo hast du dein Handwerk gelernt?

Genauso wie viele erfolgreiche Schauspieler in Deutschland wollte ich mich eigentlich bei einer staatlichen Schauspielschule bewerben. Aber ich bin Frau, Ausländerin und viel zu alt: keine Chance. Also bin ich bei einer Privatschule gelandet. Es war mir klar, dass es viele Vorurteile gegen Privatschulen gibt – Scheiß drauf. Ich wollte einfach eine gute Schule finden, wo ich an meinen Schwächen und Stärken arbeiten konnte, und habe mich bei einer der wenigen Schulen auf der Welt eingeschrieben, wo man eine Ausbildung nach Michael Tschechow machen kann. Ich möchte, dass die Leute meine Arbeit schätzen, egal, von welcher Schule oder aus welchem Land ich komme.

Wer ist Michael Tschechow und was macht seine Methode so besonders?

Er war Antons Tschechows Neffe und einer der brillantesten Schüler von Stanislawski. Stanislawski sagte einmal: „Wenn ihr meine Methode verstehen wollt, solltet ihr Tschechow studieren.“ Tschechow spielte einmal Hamlet. Stanislawski war so begeistert von seiner Interpretation, dass er ihm sein Beileid aussprach. Er dachte, Tschechows Vater wäre tatsächlich gestorben. Er war aber sehr überrascht, als Tschechow erklärte, dass sein Vater noch am Leben sei … Bei Tschechow ist die Imagination eine der wichtigsten Kräfte im Schauspiel, und diese ist, im Gegensatz zu Stanislawski, unbegrenzt. Aber hey, ich bin eigentlich gar kein Fan von Methoden. Ich habe mit anderen Methoden gearbeitet und bin davon überzeugt, dass man sich aus allem seine eigene Technik zusammenbauen sollte.

Könnte man also von Schauspielern behaupten, dass sie allesamt aus der Tschechowstanislawakei stammen?

Hahahahaha, total. Obwohl in Moment Meisner, Chubbuck u. a. sehr in sind, sind sie am Ende doch alle gleich. Ihre Ansätze variieren halt ein bisschen. Deshalb ist es beim Schauspiel egal, ob man eine Ausbildung in Spanien, Deutschland oder auf La Pampa macht, denn Schauspiel ist eine internationale Sprache. Als ich noch kein Wort Deutsch verstand, habe ich mir trotzdem viele Stücke angeschaut. Ich konnte über die Körpersprache und die Stimmungen erkennen, ob das Stück gut war oder nicht. Wenn es gut war, habe ich es verstanden. Wenn es schlecht war, habe ich mich zu Tode gelangweilt. 

Robert De Niro zum Beispiel ist hauptsächlich eine Rolle, nämlich die des Mafioso, perfekt auf den Leib geschnitten, während einer wie Sean Penn durch Vielseitigkeit überzeugt. Wer (oder was) ist für dich ein guter Schauspieler bzw. ein Vorbild?

Nicht einfach zu sagen. Ein guter Schauspieler ist, wer seine Rolle wahrhaftig spielt und sich verwandeln kann. Es gibt viele, die besonders vielseitig sind, aber nicht wahrhaftig genug spielen, oder andere, die nur einen bestimmten Typ glaubhaft spielen, obwohl sie sonst nichts anderes können. Eine andere Frage ist, ob der Markt es ihnen erlaubt, andere Facetten zu zeigen … Beides zu können ist nicht einfach. Kalki Koechlin hat bei Margarita, with a Straw eine behinderte Frau gespielt. Wenn man sich nur überlegt, was für eine körperliche Arbeit und Recherche dahinter stecken, um so eine Rolle derart überzeugend zu spielen, darf man mit hundertprozentiger Sicherheit behaupten, dass sie eine gute Schauspielerin ist. Schauspiel ist wie Langstreckenlauf: Es geht nicht darum, besser als die anderen zu sein, sondern nie aufzugeben, immer dranzubleiben. Wenn man glaubt, dass man als Schauspieler fertig ist, ist man kein guter Schauspieler. 

Laut Ben Stillers Tropic Thunder hat es ja Sean Penn in dem Drama i am sam mit der Behinderung etwas übertrieben, während Dustin Hoffmann in dem Klassiker Rain Man den Autistenking Peek recht adäquat getroffen zu haben scheint – was denkst du?

Wäre das ein Live-Interview, würde ich wahrscheinlich so was antworten wie: „Also, ich finde, dass Sean Penn bei i am sam … bla bla bla … scheiße ist.“ Ganz ehrlich? Ich hab mir den Film noch gar nicht angeschaut. Soll ich …? Next question, please.

Was machen wir denn jetzt mit Kevin Spacey?

Was soll ich sagen … geiler Schauspieler. Schuldig oder nicht schuldig, sein Name ist für immer verschmutzt. Ob er Glück oder Pech gehabt hat, werde ich nie so richtig erfahren, denn als Spanierin habe ich in die Justiz leider nicht so viel Vertrauen.

Tut mir echt leid zu hören!

In seiner MasterClass weist Spacey einen Schauspielschüler an, seiner Figur eine Verkrüppelung zu schenken. Welche Empfehlung würdest du einem angehenden Schauspielschüler mitgeben?

Zuschauer wollen immer Figuren sehen, die Probleme haben, weil es sonst langweilig ist. Ohne Konflikte gibt es keine Spannung, ohne Spannung ist Theater tot. Mein Tschechow-Trainer sagte immer: „Im Leben sollte man Konflikte meiden, auf der Bühne sollte man sie suchen.“ Das gilt genauso für den Film, klaro.

Worauf würdest du eigentlich eher verzichten – Theater oder Kino?

Für unbegrenzte Zeit: weder auf das eine noch das andere. Es gab in meinem Leben eine extrem anstrengende Zeit, als ich komplett ohne Theater und Film auskommen musste, und ich bin gaga geworden. Wenn ich eine Zeit lang nicht gespielt habe, fange ich an, Quatsch zu machen. Es geht gesundheitlich nicht. 

Besitzt du einen sog. Schauspieler-Daumen, der sich durch eine charakteristische Konkavkrümmung auszeichnet?

Ne … Aber ich kann das Geräusch einer Taube imitieren und in der Luft sitzen. Ist das was? Ansonsten kann ich Tango tanzen.

Kannst du mir ein Beispiel für schlechte Schauspielerei geben? 

Schlechte Schauspielerei siehst du jeden Tag bei den Daily Soaps. Aber weißt du, wie wenig Zeit diese Schauspieler haben, um sich vorzubereiten? Häufig kriegen sie den Text zwei Tage vorher und dürfen nur zwei bis drei Takes spielen, weil die Produktionskosten sonst zu hoch werden. Es gibt keine schlechten Schauspieler, nur wenig Zeit oder unzureichendes Engagement.

Welcher Schauspieler ist deiner Meinung nach überbewertet?

Meine Mama sagt immer, dass ich die beste bin.

Wer ist eigentlich prätentiöser – Schauspieler oder Lyriker?

Der Schaulyrikspieler.

Warum wirken deutsche Filme und Serien so komisch, etwa im Vergleich zu amerikanischen? Deutsche Schauspielerei ist teilweise auch irgendwie seltsam unüberzeugend.

Die Kohle. Eine Low-Budget-Produktion in Amerika liegt zwischen 10 und 15 Millionen Euro. Stell dir mal vor, wie viel eine „normale“ Produktion kostet und wie hoch das Gehalt der Schauspieler ist (Schauspieler verdienen im Schnitt immer noch viel mehr als Schauspielerinnen!). Spielst du in einer amerikanischen Serie, kannst du dir einen Personal Coach leisten, brauchst nichts anderes zu tun, als dich auf deine Rolle vorzubereiten, und musst eventuell nie wieder arbeiten gehen. Die meisten Schauspieler in Europa können nicht davon leben und müssen nebenher anderen Jobs nachgehen. In Spanien zum Beispiel liegt die Arbeitslosigkeit von Schauspielern bei 95 Prozent. Eine Tragödie. 

Ist Shakespeare nicht überbewertet?

Nein. Ich würde mir jetzt nicht unbedingt ein klassisches Shakespeare-Stück anschauen, es sei denn, es interessiert mich etwas Spezielles. Ich habe mich während der Ausbildung schon für die ganzen Klassiker interessiert, und Shakespeare gehört natürlich dazu. Seine Sprache ist schön, aber nicht einfach zu entziffern bzw. zu spielen. Die Gesellschaft, für die er schrieb, hätte ihn allerdings sofort verstanden.  

Ist denn Shakespeare vielleicht unterbewertet? Oder jemand/etwas anderes?

Shakespeare ist „unterverwandelt“. Ich würde gerne mal Romeo und Romeo sehen, 

oder eine schwarze Hamlet-Familie, oder eine selbständige Ophelia, oder oder oder. 

In ihrer Sketch-Comedy Mr. Show machen sich Bob (Odenkirk) & David (Cross) u. a. über Schauspieler lustig, die als dressurbedürftige Dummerles dargestellt werden. Was sagst du dazu?

Schauspieler kommen häufig dumm oder verrückt rüber, das gebe ich zu. Der Klassiker ist, wenn man auf der Straße seinen Text lernt oder in der U-Bahn sich noch ganz schnell aufwärmt und dabei komische Geräusche macht.

Hast du eigentlich viel mit Berliner Hosenbeinumkremplern & Chapeausern zu tun?

Hatte ich früher mal. Man glaubt es nicht, aber 70 Prozent der Arbeit als Film- und Fernsehschauspieler findet am Computer statt. Als ich die obligatorische langweilige Office-Arbeit als Schauspielerin anfing, saß ich ganz oft in diesen Latte-macchiato-Cafés. Irgendwann habe ich gemerkt, dass mein Lohn für so was nicht reicht … Man muss viele Stunden pro Tag am Computer sitzen, nur damit die Leute irgendwann dein Gesicht mit deinem Namen verbinden. Daher kann man es sich nicht leisten, täglich Kaffee und Kuchen zu verzehren, nur um an ein Internet-Passwort zu kommen. Ich arbeite meistens von zu Hause aus oder bei Freundinnen. So unterstützen wir uns gegenseitig, trinken selbstgekochten Kaffee und müssen nicht alle zwei Stunden nach dem aktuellen Passwort fragen. 

Titelbild: Laia Alvarez Mestre (c) Katharina Ira Allenberg