Alle Artikel von Florence Wilken

Von Be, Breach und Dreamern

Ein Sammelband mit Geschichten über die Zukunft. Die nicht weit entfernte, technisch vielleicht mögliche Zukunft. So beschreiben die Herausgeber selbst ihr im Oktober 2019 bei Suhrkamp erschienenes Buch 2029 – Geschichten von morgen.


Und genau diesen Anspruch verspricht ja auch der Titel. Geschichten, die man sich in zehn Jahren erzählen könnte, mit denen wir uns unmittelbar identifizieren, die etwas über unseren Alltag sagen. Ein Alltag mit viel Technik, mit neuen Technologien und daraus resultierenden veränderten sozialem Gefüge. Dieses Konzept ist verführerisch, denn man erhofft sich, jenseits von Hollywood-Großproduktionen der Science-Fiction mit fliegenden Autos oder perfekten menschengleichen Robotern, die kleinen leisen Veränderungen aufgezeigt zu bekommen.

Die ideellen Herausgeber Christian Granderath, Fernsehproduzent beim NDR, und Manfred Hattendorf, Leiter der Abteilung Film und Planung im SWR, haben sich mit diesem Buch gleich mehrere Träume zumindest in Papierform realisiert. Elf Autor_innen zeigen in elf Kurzgeschichten ihr zukunftsvisionäres Können. Darunter Science-Fiction-Erprobte wie Dietmar Dath, Emma Braslavsky und Leif Randt. Der Sammelband ist vor allem in seiner Komposition gelungen: Man liest Texte mit sehr unterschiedlichen Erzählweisen, Sprachstilen und technischem Hintergrundwissen. Das ist abwechslungsreich und unterstreicht die Einzigartigkeit jeder Geschichte, jedes_r Autors_in.

Was einem jedoch direkt beim Lesen des Eröffnungstextes auffällt: Der zuvor aufgestellte Anspruch „Geschichten von morgen“ zu präsentieren, wird nicht eingelöst. Auch nicht Seiten später, eigentlich bei keiner der Kurzgeschichten. Man liest von Hubots, perfekten menschenähnlichen Robotern, die das menschliche Gefühlschaos nicht verstehen, von einem Haus, das seine Bewohner komplett unter Kontrolle hat und von einem gescheiterten Experiment, das ein sich ausbreitendes schwarzes Loch und Menschen zwischen Sensationslust und Verunsicherung zurücklässt. Alles Motive, die doch eher so 50-100 Jahre in der Zukunft liegen und deren wissenschaftlicher Forschungs- und technischer Realisierungsstand heute noch in den Kinderschuhen stecken.

Die Enttäuschung hält jedoch nur kurz an. Denn wie gesagt ist die Zusammenstellung sehr unterschiedlicher Erzählungen durchaus überzeugend. Alle Autor_innen schaffen es, die Leserin auf wenigen Seiten in ihren Bann zu ziehen. Den Autor_innen gelingt es, die Komplexität und Verwobenheit technologischer Systeme und Werkzeuge mit der sozialen Ebene und dem individuellen Denken und Handeln in den Blick zu nehmen.

Da wäre z. B. Dietmar Daths „Hoffnung ruft Angst“. Wie so oft in Daths fiktiven Geschichten wird man einfach hineingeworfen, ohne viele Erklärungen. Die eigenen Wortkreationen und eigenwilligen Namen der Protagonisten verstärken noch das Gefühl, hier in eine völlig andere Welt einzudringen, in der man nicht alles versteht. Ein Konzern, der unter dem Symbol eines Seepferdchens jederzeit abrufbare Therapeuten verkauft, eine Gesellschaft, in der Interpretation und Bedeutung vorherbestimmt zu sein scheint, eine Bewusstsein verstärkende Droge, eine Informatikerin, die sich aus Überzeugung, das digitale-technische sei nicht genug, radikalisiert und Anschläge verübt, und die zum Schluss nicht durch Technik, sondern durch einen bloßen Faustschlag gestoppt wird.

„Das Haus“ von Dirk Kurbjuweit ist ein anderes bemerkenswertes Beispiel für die Komplexität des Zusammenspiels von Gesellschaft und Individuum, vermittelt durch Technik. Um den politischen und beruflichen Konsequenzen aus Johanns journalistischen Tätigkeiten zu entgehen, fährt das Paar Johann und Lucia in ihr Urlaubshaus auf einer Hallig. Die politischen Verhältnisse in Deutschland haben sich geändert, zum negativen nationalistischen. Johann wurde mit einem Veröffentlichungsverbot bestraft. Das Haus soll den beiden den nötigen Schutz vor weiterer Verfolgung durch staatliche Institutionen und etwas Entspannung bieten. Doch während ihrer Zeit auf der Insel müssen sie erkennen, dass das technisch hochaufgerüstete Haus nicht zu ihrem Schutz agiert. Das überspitzte Szenario lässt die Leserin etwas kritischer über die zeitsparenden und unterhaltenden Möglichkeiten von Smart Home nachdenken.

Fast alle Geschichten in diesem Band sind Dystopien, sie hinterlassen einen bitteren Beigeschmack, der den eigenen Optimismus für die Zukunft dämpft. In seinem Nachwort schreibt der österreichische Zukunftsforscher Reinhold Popp, dass es einen motivationalen roten Faden der Autor_innen zu geben scheint: In den Texten wird „[…] die große Sehnsucht nach einem mitmenschlichen Zusammenleben und nach sozialem Zusammenhalt deutlich erkennbar.“ Nicht zuletzt machen die hier versammelten Geschichten über den wohl spekulativsten Gegenstand der Literatur, die Zukunft, einmal mehr klar, dass neben all der digitalen Technik das physische und subjektive Erleben und Wahrnehmen des Menschen in seinem Facettenreichtum und seiner Komplexität wohl nicht so leicht zu täuschen oder nachzuahmen ist. Denn: „Was kann nur ein Buch?“

Der Sammelband 2029 – Geschichten von morgen wurde von Stefan Brandt, Christian Granderath und Manfred Hattendorf im Suhrkamp Verlag herausgegeben, enthält elf Erzählungen und hat 541 Seiten.

Beitragsbild: © Suhrkamp Verlag

Brittany Howard – Permission to fuck it up

Die Frontfrau der Alabama Shakes hat ein Soloalbum vorgelegt, das überzeugt. Brittany Howard hat elf starke Songs produziert, die sehr unterschiedlich, aber immer authentisch sind und Spaß machen.


Bis heute ist es in der Evolutionsforschung ungeklärt, was zuerst da war: die menschliche Sprache oder der Gesang. Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte, in einer Symbiose aus gesprochenem Wort und gesungenen Tönen. Der menschlichen Stimme wird in den letzten Jahren in ganz unterschiedlichen Disziplinen vermehrt Gehör geschenkt. Von der einzigartigen Individualität einer jeden einzelnen Stimme, dem Potenzial, mit nur einer Stimme auch vielen anderen Menschen eine „Stimme“ zu geben und der Möglichkeit verdrängte Erinnerungen über die eigene Stimme wieder zugänglich zu machen, ist die Rede (Alice Lagaay 2011, p. 57–69.). Die US-amerikanische Künstlerin Brittany Howard legt mit ihrem Solodebüt nun ein eindrückliches Werk vor, aus dem sich diese drei Dimensionen ablesen lassen.

Nach dem zweiten, 2015 erschienenen, sehr erfolgreichen Studioalbum mit ihrer Band Alabama Shakes präsentiert Howard nun mit elf Songs ein Album, das in Gedenken an ihre verstorbene Schwester den Titel „Jaime“ trägt. Fast könnte man von einem Konzeptalbum sprechen, denn was alle Songs vereint, sind sehr intime Einblicke in Howards Leben: unerwiderte Liebe, jemanden zu vermissen oder unabhängig von den Vorstellungen einer Gemeinde an Gott zu glauben. Ihr Leben war, wie sie selbst sagt, auch bestimmt von dem Gefühl anders zu sein:

“In a small town like where I come from, different is bad—I never wanted to be different. My greatest wish was to be like everybody else. I didn’t want to be almost six feet tall, didn’t want this big, bushy hair“.

Brittany Howard

Davon gibt besonders der Song „Goat Head“ ein Zeugnis. Über einen trip-hop-artigen Beat mit dezenten Piano-Tönen singt Howard: „My mama was brave to take me outside/cause mama is white and daddy is black/when I first got made, guess I made these folks mad“. Howard erzählt hier von dem traumatischen Erlebnis, als Unbekannte einen Ziegenkopf auf dem Hintersitz des väterlichen Autos platzierten, um die Familie einzuschüchtern. Diese privaten Erlebnisse stehen stellvertretend für viele farbige Menschen in den U.       S.A. und weltweit, die mit Rassismus alltäglich umgehen müssen.

Howards Stimme zeigt sich als perfektes Vehikel, um diese Lebenswirklichkeit vieler Menschen auf einmal zu transportieren. Ihr Timbre bewegt sich zwischen dem, was wir als typisch weiblich/männlich beschreiben würden. Mal kraftvoll und kratzig, mal sanft und melodisch wie in „Short & Sweet“. Howards Timbre und Wortbetonung lassen einen da unweigerlich an Nina Simone denken. Aber auch gewisse Einflüsse von Prince kommen vor allem in „Stay High“ und „Baby“ durch. Howard klingt ganz und gar nicht „wie ein Frosch mit einer sehr, sehr guten Soulstimme“, so Jens-Christian Rabe in der Süddeutschen.

Und auch dem Vorwurf einer nicht vorhandenen Genialität, was die einzelnen Songs angeht, muss widersprochen werden. Als ausgewiesener Pop-Kritiker sollte Rabe eigentlich die Kriterien kennen, die einen authentischen und dabei massentauglichen Song ausmachen. Auf „Jaime“ lassen sich mit „Stay High“ der ersten Single mit Videoveröffentlichung und „Goat Head“ mindestens zwei hitverdächtige Titel ausmachen, die den gegenwärtigen Pop-Geist einfangen und trotzdem so intelligent gemacht sind, dass sie nicht schon nach dem dritten Anhören langweilen. Immer wieder überrascht Howards Stimme. Über mehrere Oktaven schlängelt sie sich perfekt zwischen die Instrumente, wird gelegentlich von Backing Vocals pointiert und lässt sich vom Beat tragen. Insgesamt ist das Album vom Rhythmus bestimmt. Es fällt schwer, sich nicht mitzubewegen. Vom ersten Song an ist man drin. Das macht dieses Album so stark.

Quelle: YouTube

Man kann sich nicht entziehen, obwohl die Stücke sehr unterschiedlich in ihrer Struktur und der instrumentalen Besetzung sind. Die Songs sind auf unterschiedliche Weise entstanden. Viele Ideen hatte Howard bereits Jahre auf ihrem Computer, sie wurden dann im Studio ausgearbeitet. Andere Ideen wie z. B. „13th Century Metal“ flossen beim Jammen aus den Fingern des Jazz-Keyboarders Robert Glasper und des Drummers Nate Smith. Zusammen mit dem Shakes-Bassisten Jack Cockrell wurde das Album, wie auch das zweite Shakes-Album „Sound & Color“, im Studio von Shawn Everett in Los Angeles produziert. Everett ist fünfmaliger Grammy-Gewinner. Er machte u. a. das Mixing und Sound-Engineering für Warpaint oder War On Drugs. Durch die Alben von Radiohead und Björk beeinflusst, ist es Everetts Anspruch, einen möglichst originellen und puren Sound zu finden. Auch wenn das mal bedeutet, aus dem Mastertrack die Bass- und Drumspuren herauszufiltern, auf Vinyl zu pressen und dann mit diesen Spuren weiter zu mischen. Die Umwege lohnen sich. Auch auf „Jaime“ fühlt man bei jedem Song einen räumlichen Klang, der nicht allein durch digitale Tools hergestellt werden kann.

„I gave myself permission to just fuck it up“, sagt Howard. Diese Freiheit hat sie in eine überzeugende Leistung umgewandelt. Sie hat die richtigen Musiker mit ins Boot geholt und sich von dem bisherigen Soulbluesrock ihrer Band Alabama Shakes in neue Wasser vorgewagt. Nicht allzu weit weg, man begegnet Howards rockigem Gitarrenspiel wieder. Aber was die Arrangements und ihre facettenreiche Stimme angeht, hat sie neue Ufer erkundet. „Jaime“ ist ein spannendes Album, authentisch und detailliert. Egal, was am Anfang war, am Ende ist Musik.

Jamie von Brittany Howard erschien am 20. September bei Columbia/Sony Music.

Titelbild: © Danny Clinch

Ethik und Kunst – ein schmaler Grat?

Ist es die Aufgabe von Kunst, die Menschen besser zu machen? Adrian Pipers aktuelles Werk im Hamburger Bahnhof öffnet die Diskussion um die Frage, wie ethisch Kunst sein darf und sollte. Aber leider bleibt sie uns eine konkrete und konsequente Umsetzung ihres Konzepts schuldig.


Stell dir vor, du befändest dich in einer Situation, in der die Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens noch nicht feststünden. Du müsstest mit fremden anderen gemeinsam neue Regeln aufstellen, die verbindlich für alle gelten sollen. Es müssen Regeln sein, die eingrenzen, was richtig und was falsch ist, die etwas darüber aussagen, wie wir unsere Handlungen sittlich und moralisch bewerten wollen. Wie gehen wir mit Menschen um, die anderer Meinung sind als wir? Welchen Wert haben Tiere und unsere natürliche Umwelt für uns? Wie schützen wir unsere Menschlichkeit? Was ist Menschlichkeit?

Wir geben all diesen Fragen tagtäglich Ausdruck. Wir positionieren uns zu ihnen, wenn wir bestimmte Entscheidungen treffen, uns durch Entscheidungen an explizite und unausgesprochene Regeln des Miteinanders halten. Du befindest dich also gerade in der Lage mit vielen anderen über diese Regeln nachzudenken und sie festzuhalten. Was würde dabei herauskommen?

So grob umrissen funktioniert das Gedankenexperiment des Philosophen John Rawls‘ (1921-2002) zu einer Idee einer gerechten Gemeinschaft. Der „Schleier des Nichtwissens“ betrifft dabei nicht nur die Identität der anderen, sondern auch die eigene. Rawls stellt sich vor, dass wir nur zu gerechten Regeln finden, denen alle zustimmen können und die dadurch besonders verbindlich und wirksam sind, wenn wir nicht wissen, welche Rolle wir selbst und alle andere in der künftigen Gemeinschaft spielen, ob wir alleinerziehender Vater, Bankmanagerin, Rentnerin oder eine Person mit einer Behinderung sind.

Im Hamburger Bahnhof in Berlin gibt es zurzeit eine Installation der Künstlerin Adrian Piper, deren Werk man als eine Version dieses Gedankenexperiments beschreiben könnte. Für vier Euro betritt man den Hauptsaal des alten Bahnhofsgebäudes und findet sich vor drei hintereinander aufgebauten Schaltern. Die großen grauen Halb-Flügel, die jeden Schalter einrahmen, lassen das Ganze ein wenig wie die Pforte zum jüngsten Gericht wirken. Erst einmal imposant. Tritt man näher, um zu lesen, was auf den grauen Flügeln geschrieben steht, bekommen die Schalter tatsächlich eher etwas von Hotelrezeptionen. In goldenen Buchstaben steht über jedem Schalter ein anderer Satz: „I will always be too expensive too buy“, „I will always mean what I say“ und „I will always do what I say I am going to do“. Ohne mehr zu wissen, bewegt man sich langsam auf die Schalter zu, vielleicht hat man unbewusst denjenigen gewählt, dessen Regel einer eher zusagt. Eine freundliche Person hinter dem Schalter erklärt dann Folgendes: Man könne hier einen Vertrag mit sich selbst abschließen. Mit der eigenen Unterschrift verpflichte man sich freiwillig dazu, diejenige Regel uneingeschränkt („Eintritt höherer Gewalt ausgenommen“) zu befolgen. Die persönlichen Daten werden in einem Pool mit all den anderen Teilnehmerinnen gesammelt. Nach dem Ende der Ausstellung werden die Namen allen Teilnehmerinnen zugänglich gemacht, man könne dann Kontakt mit den anderen „wahrscheinlich Vertrauenswürdigen“ aufnehmen.

Adrian Piper. The Probable Trust Registry: The Rules of the Game #1-3
Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin
24.02. – 03.09.2017
© Adrian Piper Research Archive (APRA) Foundation Berlin Foto: David von Becker

The Probably Trust Registry“ soll dazu beitragen, dass sich alle Registrierten verbindlich an ihre jeweilige Regel halten und somit das gegenseitige Vertrauen erhöhen. Da sich die Registrierten zumindest für eine Weile von einigen Monaten nicht kennen werden, knüpft Piper hier in diesem Sinne an Rawls Idee an. Man weiß ja nicht, ob nicht vielleicht die nächste Person an der Kasse ebenfalls ihre Unterschrift gegeben und somit potenziell vertrauenswürdig ist, deshalb, so eine Interpretation des Werks, müsse man eben grundsätzlich erst einmal allen anderen vertrauen. Das könnte Piper vielleicht im Sinn gehabt haben. Die Künstlerin formuliert das in einem Interview mit „Der Welt“ im März 2017 so :

„Man macht sich zu einem Menschen, der nie die Wahl trifft, Eigeninteresse vor Stabilität und Gerechtigkeit in der Umgebung zu stellen. TPTR bietet jedem öffentlich die Möglichkeit, Vertrauen in sich selbst zu entwickeln und sich gleichzeitig als vertrauenswürdig in einer Gemeinschaft von anderen vertrauenswürdigen Menschen darzustellen.“

Quelle: Die Welt

Aber ist es die Aufgabe von Kunst, die Menschen besser zu machen? Und wenn man diese Frage bejaht, inwieweit hängen ethischer und ästhetischer Wert miteinander zusammen? Darf ein Kunstwerk ästhetische Aspekte zu Gunsten einer ethischen oder erzieherischen Wirkung zurückstellen? Handelt es sich dann noch um Kunst?

Was ist die ästhetische Wirkung in Pipers Werk? Bis auf die schnellverflogene Imposanz der grauen Flügel hinter den Schaltern bleiben als sinnlicher Eindruck ein paar golden bemalte Buchstaben auf einer Wand und ein Stück Papier, das man unterschrieben hat, übrig. Nicht jedes Kunstwerk muss ein Schocker sein. Aber Pipers materielle Darstellung erzeugt doch zu wenig. Die Installation ist zu nüchtern, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, den man als bewegenden oder kritischen Moment bezeichnen könnte. Man steckt sich den Vertrag in die Tasche und geht wieder.

The Probably Trust Registry ist ein Fall von ästhetischem Moralismus par excellence. Gegen Kunst mit moralischen Anspruch oder Kunst, die zu einer ethischen Reflexion anregen soll, ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Aber es muss gut gemacht sein. Hier kommt die ästhetische Erfahrungsdimension zu kurz. Pipers Werk ist zu verkopft und dabei widersprüchlich.

Die drei Maximen an den Schaltern sind nicht zufällig gold bemalt, sie stehen sinnbildlich für eine alte, volkstümliche, ethische Position „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“ – die goldene Regel. Dieses Prinzip des Handelns gründet sich darauf, was man selbst gern für sich in Anspruch nehmen möchte. Gerechtigkeit wird also hier auf der Grundlage der Verwirklichung des Eigeninteresses erzeugt. TPTR scheint ähnlich ausgerichtet zu sein. Wir unterschreiben und binden uns an einen ethischen Grundsatz, weil wir nicht von anderen ausgenutzt oder übers Ohr gehauen werden wollen. Wir wollen anderen vertrauen, also müssen wir uns auch so verhalten, dass uns andere vertrauen können.

Adrian Piper. The Probable Trust Registry: The Rules of the Game #1-3
Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin
24.02. – 03.09.2017
© Adrian Piper Research Archive (APRA) Foundation Berlin, Foto: David von Becker

Andererseits erinnern die drei Grundsätze auch stark an kantische Maximen. Der Philosoph Immanuel Kant gilt als der wichtigste Denker der deutschen Aufklärung. Seine Ideen zu Erkenntnistheorie und Moralphilosophie gelten bis heute als wegweisend und werden in der gegenwärtigen Wissenschaft immer noch stark diskutiert. Sein Konzept der Menschenwürde ist heute fest in unserer Verfassung verankert. Unsere Würde ergibt sich konsequent aus unserer Fähigkeit zu Autonomie, also der Möglichkeit, sich selbst eine Handlungsregel verbindlich zu machen. Für Kant sollten sich alle Handlungsmaximen nach einem allgemeinen Prinzip auf ihre ethische Rechtfertigung prüfen lassen. Wollen wir wissen, was wir in Fragen der Moral und Gerechtigkeit tun sollen, müssen wir unsere Überzeugungen und Regeln in eine bestimmte Form bringen. Entspricht eine Regel dieser Form, dann können wir guten Gewissens danach handeln. Die Form des kategorischen Imperativs lautet heruntergebrochen: „[H]andle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ (BA 52, Immanuel Kant Kritik der praktischen Vernunft. Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Suhrkamp 2012). Auch Rawls‘ Gedankenexperiment des „Schleiers des Nichtwissens“ spielt mit diesem Prinzip. Wenn alle anderen einer Regel zustimmen können, wenn sie einem Gesetz ähnlich gelten kann, dann ist sie tauglich.

In den 1970er Jahren gehörte Adrian Piper zu der ersten Generation von Konzeptkünstlerinnen in den USA. Mit verbundenen Augen, Ohrstöpseln, Handschuhen und Nasenklammer lief sie in einer Performance durch New York und konfrontierte sich selbst und die ihr begegnenden Menschen mit der Schwierigkeit, nicht über die üblichen Sinne kommunizieren können. Oder sie bemalte ihre Kleidung mit frischer Farbe, hängte sich ein „Wet Paint“ Schild um den Hals und ging in einem Buchladen einkaufen. Sich selbst als Versuchsgegenstand zu benutzen und zu erfahren, sollte sich auch auf die Betrachterinnen übertragen.

1981 promovierte Adrian Piper bei Rawls, und ihre letzten großen Bände beschäftigen sich mit Kants Konzept von Rationalität und Selbstkonstitution. Man könnte Piper somit durchaus als Kantianerin bezeichnen. Enttäuschend inkonsequent scheint dann aber ihr aktuelles Werk. Es werden hier zwei ethische Ideen miteinander vermischt, die sich grundsätzlich ausschließen. Was Kant mit seiner Konzeption von Moral verfolgte, war, die moralische Entscheidung von allen egoistischen Interessen zu lösen und so normative Verbindlichkeit für alle Menschen zu gewährleisten. Pipers Maximen sind jedoch so schwammig und unkonkret, dass sie genau das nicht leisten können. „I will always do what I say I am going to do“ kann durchaus auch zur Verwirklichung egoistischer Interessen eingesetzt werden. Ich könnte sagen, dass ich immer etwas im Supermarkt stehle, wenn gerade keine hinsieht und solange ich es eben ankündige, handle ich der Regel gemäß. Doch Piper möchte ja gerade das vermeiden, sie skizziert das Grundproblem sozialer Verhältnisse folgendermaßen: „Wenn alle zustimmen, bestimmten Regeln zu folgen, aber einer entscheidet, die Regeln zu brechen, um seinen Eigeninteressen zu folgen (der „Schwarzfahrer“), dann darf jeder andere auch so wählen.“ Zugegeben, Pipers Maximen sind so einfach, dass sie für alle auf den ersten Blick zugänglich und zustimmungsfähig erscheinen. Schließlich hat nicht jede Kants Kritik der praktischen Vernunft im Bücherregal, geschweige denn gelesen. Aber spätestens bei der praktischen Anwendung treten Komplikationen auf.

Der Clou in Kants und in Rawls‘ Theorie ist, dass alle Beteiligten und jede, die sich die Frage stellt, „Was soll ich tun?“ (Wie sollte ich mich verhalten, dass ein gerechtes Miteinander möglich ist?) durch einen bestimmten Prozess des Überlegens und Entscheidens hindurchmüssen. Was gerecht oder moralisch ist, kann nur etwas sein, das auf eine bestimmte Art und Weise generiert wurde und dadurch die Form einer allgemeinen Aussage annimmt. Pipers Werk unterschlägt diesen Aspekt. Wir werden nicht dazu aufgefordert, selbst darüber nachzudenken, welche Regeln wir als sinnvoll und gültig ansehen. Wohlwollend könnte man behaupten, die Auswahlsituation zwischen den drei Regeln fordert zumindest ein paar Sekunden Bedenkzeit. Vielleicht ist es nicht Pipers Anspruch, eine Theorie der Moral aufzustellen, aber ihre Motivation (und ihr philosophischer Hintergrund), das Problem, dass manche sich eben nicht an die Regeln halten, ist doch entweder Ausdruck von der unzureichenden bindenden Kraft der moralischen Regeln (einem mangelhaften Zustimmungspotenzial) oder von der Willensschwäche einzelner Menschen. Um beiden Fällen zu begegnen, geht es im kantischen Sinne darum, Regeln zu finden, die ausreichend normative Kraft besitzen. Und das erfordert Reflexion und gesellschaftlichen Diskurs.

Warum hat Piper nicht eine Wand frei gelassen, an der jede selbst eine Maxime vorschlagen könnte? Oder man müsste sich im Vertrag auch dazu verpflichten, zu einem Treffen zu erscheinen, bei dem alle Beteiligten zusammenkommen und über die moralischen Regeln diskutieren. Das wäre eine überzeugendere Umsetzung der ethischen Vorbilder gewesen und es hätte vom Rezipienten mehr abverlangt, als nur seine Unterschrift zu geben, die heutzutage alles andere als verbindliche Kraft oder normativen Druck aufbaut. Schließlich schenken wir jeden Tag den unmoralischsten Akteuren dieser Welt all unsere personenbezogenen Daten.


Adrian Piper. The Probable Trust Registry: The Rules of the Game #1-3

24.02.2017 bis 03.09.2017
Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin

Interview mit Adrian Piper

Titelbild: © Adrian Piper Research Archive (APRA) Foundation Berlin,

Foto: Thomas Bruns

Props and Credibility to Nobody – De La Soul: „And the Anonymous Nobody“

De La Soul können’s noch.


Gute Musik zu machen ist nicht einfach. Will man das dann auch noch mit anderen zusammen tun und am besten mit kommerziellen Erfolg, dann bedeutet das viel harte Arbeit. Heute kommt noch etwas dazu, das nennt sich digitale Präsenz. Mit letzterem haben Kelvin Mercer David J. Jolicœur und Vincent Mason so ihre Probleme. Aber das erst mal beiseite gelegt. Denn für die anderen Punkte haben sie in ihrer Formation als De La Soul auf jeden Fall einige props und credibility verdient.

Seit 1988 arbeiten, reisen und rappen die drei Freunde aus Long Island gemeinsam und haben die 90er mit ihrer Musik zu dem Hip-Hop-Jahrzehnt überhaupt gemacht. Also ich kenn‘ keine, die keine kennt, die nicht wenigstens einen De-La-Soul-Hit kennt. Wie schon in einem ihrer ersten Musikvideos 1989 zu Me, myself and I ist die Positionierung der Gruppe innerhalb der damals groß werdenden Gangster Rap-/Hip-Hop-Szene klar: Ihr tragt dicke Ketten, De La Soul mehr so Blümchenhemden und ein großes Herz.

Quelle: YouTube

De La Soul hatten mit ihren humorvollen und kritischen Texten eher ein Interesse daran Musik mit anderen und für andere zu machen. Als sich selbst zu produzieren. Und mit dieser Einstellung sind sie bis heute ganz gut gefahren. Freundschaft und Kreativität sind nicht versiegt, nach zwölf Jahren gibt es wieder ein neues Album. Wegen ihrer ungewöhnlich hohen Dichte an Samples aus Jazz, Soul und sogar Country in ihren ersten Alben stellt sich das Label Warner quer und will die alten Sachen nicht für den digitalen Markt freigeben. Angst vor rechtlichen Ansprüchen, die irgendwer da nochmal geltend machen könnte. Naja, alle Pioniere müssen sich mit ähnlichen Problemen rumschlagen. De La Soul als Sample-Könige haben ebenso wenig wie alle anderen in dem wachsenden business damals über eine detaillierte rechtliche Absicherung nachgedacht.

Deshalb machen sie es jetzt ganz anders. Oder eben genauso wie es sich gehört, wenn Künstler ihr eigenes Werk auch anderen Menschen zugutekommen lassen möchten und davon ihren Lebensunterhalt bezahlen wollen. And the Anonymous Nobody ist durch Crowdfunding entstanden. Viele Menschen in den U.S.A. haben sich an der Finanzierung des neuen Albums beteiligt. Weil De La Soul unabhängig sein wollten, weil ihnen das Recht an ihrem Werk mehr wert ist, als die Kohle die ihnen das Label verspricht. Nobody, so die drei, sind nicht direkt sie selbst, sondern alle, die mit ihrer Unterstützung dafür gesorgt haben, dass etwas Kreatives ohne den Druck eines Majors Gestalt annehmen kann.

de-la-soul-nobody-cover

De La Soul nehmen sich zurück, sind bescheiden. Das bringt das Cover zum Ausdruck. Es geht nicht darum, wer da auf der Bühne steht, sondern das derjenige etwas beherrscht, nämlich die Menschen zu bewegen, Musik.

Aus knapp 200 Stunden Jamsession Material mit anderen Soul-, Pop- und Rockkünstlern haben De La Soul in Eigenregie ein Mammutwerk geschaffen. 18 Tracks, jeder anders als der davor und danach. So fügen sich die eigentümlichen musikalischen Profile von Damon Albarn, Jill Scott und Usher dennoch perfekt mit den Beats und Versen von De La. Es gibt Songs über Liebe, den Tod und alles was dazwischen liegt. Das Album ist eine kleine Reise durch vergangene und aktuelle Hip-Hop Stile. Die Reiseleiter von De La Soul stets an deiner Seite.

Titelbild: © di Matti/Commons Wikimedia

Das neue Boys-Noize-Album – Mayday

Sein neues Album Mayday führt Boys Noize zurück zu seinen musikalischen Wurzeln. Und nimmt seine Hörerinnen gleich mit zu ihren.


Wenn ich heute meinen fast vergessenen iPod Mini (Farbe Gold) aus irgendeiner Kiste krame, findet sich da nicht so viel elektronische Musik. Ja, er funktioniert noch (2005), allerdings wie so viele Apple-Geräte nur, wenn man permanent das Ladekabel anschließt. Ich scrolle also durch die musikalischen Schätze und Sünden meines 15-jährigen Ichs und höre vor allem Rock, Pop und Soul. Ein bisschen TLC hier, ein wenig Arctic Monkeys dort. Aber ein paar wenige elektronische Tracks gibt es doch und ein Song war damals relativ lange – einen ganzen Sommer – in jeder meiner Playlists: „Young Love“ von Kid Alex. Damals wusste ich noch nicht, dass Kid Alex eigentlich zwei sind und der eine, Alexander Ridha, eigentlich Boys Noize.

Quelle: Vimeo

Ich muss zugeben, dass ich den Track heute noch ziemlich cool finde. Vielleicht liegt es an der Melancholie meiner Jugend. „I take you to a special place where the girls are topless, topless, topless…“ Also mein 15-jähriges Ich hätte sich sicher niemals topless irgendwo gesonnt und heute mit meinem von feministischer Denke geprägten Ich könnte frau natürlich diesen Songinhalt ziemlich auseinandernehmen, aber was soll’s. Ich kann mich nicht daran stoßen, denn irgendwie schwebt der Text auf eine Wolke der Unschuld. Alexander Ridha musste, so steht es zumindest bei Wikipedia, den Text selbst einsingen, weil die Sängerin nicht zum Aufnahmetermin erschienen sei. Welch ein Glück, denn diese unbeholfene Stimme macht das Ganze ganz unprätentiös.

Eigentlich soll ich hier über Ridhas also Boys Noizes neues Album schreiben. Mach ich jetzt auch. Heute gehört elektronische Musik nicht mehr zur Ausnahme meiner CD-Sammlung. Von Boys Noize stand aber bis vor ein paar Tage noch nichts im Regal. Ich setze mich etwas zerknautscht und immer noch müde an den Schreibtisch. Kopfhörer auf und starte das Album. „Mayday“, da muss ich zuerst an das Mayday-Festival für elektronische Musik denken, das Anfang 2000 unter anderem von WestBam organisiert wurde. Aber der Künstler wollte wohl eher auf den internationalen Notruf im Sprechfunk hindeuten. Ich stelle mir vor, wie Ridha am Fenster steht und durch ein Megafon ruft: Mayday, Mayday! Hört euch mein neues Album an und ihr werdet gerettet! Und tatsächlich, der erste Track weckt mich auf. Aus der trägen schwülen Sommermüdigkeit Berlins oder der Langeweile, die sich im Laufe eines Masters ab und zu mal einstellt. Ich bin auf einmal wach und wackele in meinem Sessel hin und her. „Overthrow“ ist eine ziemliche Sahneschnitte und gut platziert, als erster Track holt es die Hörerin direkt ab. Keine Kompromisse.

Ich mache mir Sternchen hinter die Tracks, die mir besonders gut gefallen und bis zur Hälfte werden es irgendwie immer mehr. Die Mischung aus Techno und House macht jeden Track tanzbar und sorgt für eine gewisse Klarheit. Nichts Verschnörkeltes, nicht zu viel. Die Beats sind hart und eindeutig. Das macht Spaß. Was man aber auch heraushört, sind Ridhas frühere Verbindungen zur Indie- und Punkszene. Es gibt da immer etwas Rotziges. Ein Element, das jeden Track kratzig und provokativ macht. Einige Titel erinnern mich an die experimentellen Rave Bewegungen der 90er und 00er Jahre. In der zweiten Hälfte der 13 Tracks sind auch ein paar dabei, die mir teilweise zu einseitig sind. Aber das kann mensch durchaus verschmerzen. In „Midnight“ meine ich wieder Ridhas Stimme zu hören, hat er sich doch noch mal getraut, selbst zu singen?

Boys Noize aka. Alexander Ridha hat eine interessante Mischung aus Techno, House und Rockelementen produziert, die nicht super innovativ ist, aber eben durch die Verweise in die 90er und 00er Jahre einem Genre in der elektronischen Clubmusik huldig, das sich damals Uneindeutigkeit und Grenzgängertum auf die Fahne geschrieben hatte. Auf jeden Fall finde ich in 20 Jahren auf meinem Mp3-Player von heute den besten Track: „Euphoria“.
„Mayday, mayday macht, was euch gefällt“, höre ich Ridha durch sein Megafon rufen.

Quelle: YouTube

Quelle Titelbild: boysnoizerecords.com

Feminismus mit oder ohne Technik

Auf der Berlin Feminist Film Week wurde das Science-Fiction Genre endlich `mal ein wenig umgekrempelt. Frauen schrieben Drehbuch, führten Regie und machten den Großteil des Castings aus. Mit Advantageous ist eine dystopische Schau in die Zukunft entstanden, die uns widerspiegelt, was an dem heutigen Verhältnis von Arbeit/Frauen und Wissenschaft/Technik schief läuft.


Im Rahmen der Berlin Feminist Film Week lief Advantageous. Die Regisseurin Jennifer Phang schrieb zusammen mit der Hauptdarstellerin Jaqueline Kim das Drehbuch. Zunächst als Kurzfilm für Netflix produziert, wurde dieser 2012 beim Sundance Film Festival gezeigt und später als Feature zu einem vollen Spielfilm ausgearbeitet. Angekündigt wurde „feminist sci-fi at its best“. Ich erwartete also einen feministischen Science-Ficiton Film. Vor allem erwartete ich eine Geschichte, in der Frauen sich behaupten und vielleicht auch gerade durch Technik mehr Macht bekommen oder sie sich nehmen. Ich hatte hier an anderer Stelle bereits auf das speziell gesellschaftskritische Potenzial von Science-Fiction aufmerksam gemacht. In Science-Fiction-Filmen speist sich die Not, mit der neue technische Innovationen erforscht und realisiert werden, fast immer aus ganz grundsätzlichen Fragen, die die menschliche Existenz betreffen. In vielen populären Filmen sieht das so aus: Der Lebensraum auf diesem Planeten wird zerstört, also brauchen wir Raumschiffe und Technik, die Überlebensbedingungen im All oder auf einem anderen Planeten für uns schaffen.

Berlin Feminist Film Week 2016

© Florence Wilken

Das beinahe zwanghafte Verhältnis von Wissenschaft und Praxis wird gerade in Science-Fiction zwar nicht immer Thema der Handlung, ist aber dennoch der Grund und Boden, auf dem sich Handlungsstränge abspielen und Konflikte entzünden oder überhaupt erst ermöglicht werden. Und das ist die gar nicht so fiktionale, sondern reale Dimension des Genres. Wissenschaft und Technik wirken ganz direkt auf Machtverhältnisse zwischen Menschen, denn die in der Wissenschaft destillierten „Fakten“ werden normativ aufgeladen in Technik eingewoben und werden jedes Mal im Gebrauch der Nutzerinnen reproduziert (Cynthia Cockburn, Susan Ormrod: „Wie Geschlecht und Technologie in der sozialen Praxis gemacht werden“, in: Irene Dölling und Beate Krais: Ein alltägliches Spiel. Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis).

Technik gegen Biologie

Dreh und Angelpunkt für den Konflikt, dem die Protagonistin in Advantageous ausgesetzt ist, ist der Verfall des menschlichen Körpers, das Altern. Gwen Koh, eine alleinerziehende Mutter, ist Sprecherin für den Konzern „Center for Advanced Health and Living“. Wie der Name vermuten lässt, verbirgt sich dahinter das Bestreben, dem Fortschritt nicht im Wege zu stehen. Dort werden technische „Lösungen“ vermarktet, die das menschliche Leben und die Gesundheit erträglicher machen sollen. Welche Lösung wäre nicht umfassender und logischer, als den Verfall des Körpers gänzlich zu stoppen? Gwen ist in den 40ern, immer noch bildschön, aber man sieht ihr den unerbitterlichen biologischen Prozess eben doch an. Sie kann nicht mehr als Sprecherin des Centers auftreten, man sucht eine neue, jüngere, attraktivere Frau. Gwen ist nicht die einzige, die arbeitslos wird. Im Verlauf des Films sieht man immer wieder Bilder von Frauen in prekären Lebensumständen, ohne Wohnraum oder Prostitution. Die dezent animierten und gezeichneten Gebäude und Transportmittel dieser zukünftigen Welt verstärken dabei das Gefühl, dass für „Natürliches“ und biologische Körper eigentlich kein Platz mehr ist. Zugespitzt wird diese Kritik an der zunehmenden Technisierung unserer Lebensräume, indem ab und an einzelne Bauten einzustürzen beginnen und grauer Staub in den Himmel steigt. Auch die von uns erschaffene Konstruktionen sind vergänglich.

Advantageous Jules Gwen Feminist Film Week

© Good Neighborhood Media

Um ihrer talentierten Tochter eine angemessene Ausbildung zu ermöglichen, sucht Gwen verzweifelt eine neue Arbeit. Ohne Erfolg. Sie weiß um ihre Expertise, jahrelange Erfahrung mit den Produkten. Das will sie noch einmal als Argument ins Feld führen. Als sie sich schließlich an ihren alten Arbeitgeber und auch privat vertrauten Mitarbeiter wendet, ergibt sich eine neue Chance. In Sequenzen, in denen der Mitarbeiter mit seiner Vorgesetzten verschwörerisch Gwen im Wartezimmer beobachtet, wird der Zuschauerin klar, dass von Anfang an auf Gwen gesetzt wurde. Unklar bleibt allerdings, wieso gerade sie eine geeignete Kandidatin für das waghalsige Experiment ist, das Gwens Arbeitgeber an ihr ausprobieren wollen. Obwohl ihr der Mitarbeiter unter vier Augen mitteilt, welche Risiken damit einhergehen, entscheidet Gwen sich dazu, ihren Körper aufzugeben und ihre Identität in einen neuen, jüngeren Frauenkörper transferieren zu lassen. Für sie ist es die letzte und beste Chance.

Wenn Jugend und Schönheit über Arbeit entscheiden

Eine Gesellschaft, in der Frauen es besonders schwer haben, Arbeit zu finden und die aufgrund ihrer verwelkenden Jugend und Schönheit einfach aussortiert werden, dazu muss man nicht ins Jahr 2041 reisen. Wenn sich Gwen dazu entschließt dem Druck nachzugeben und sich der Schönheitsindustrie und dem Diktat „Frau sein heißt attraktiv sein“ unterordnet, schwindet erst einmal die Hoffnung bei mir als Zuschauerin, die Protagonistin könnte sich doch noch selbst behaupten. Aber halt! Vielleicht wird Gwen ja von ihrem Mut belohnt und kann als ganz neues Wesen, eine neue Art von Mensch, Grenzen überwinden und doch noch den Zwang von sich schütteln. Es wird ihr suggeriert, und Gwen glaubt daran, dass Körper und Geist sich trennen lassen, ja sogar unabhängig voneinander existieren können. Dass Identität etwas ist, dass noch mit sich identisch ist – falls es überhaupt so etwas wie einen Kern oder eine Einheit des Selbst gibt –, wenn jeglicher materielle Bezug weggenommen wird. Gwen und ihre Tochter Jules suchen gemeinsam einen neuen Körper aus, in den Gwens geistigen Muster übertragen werden sollen. Irgendwie ahnen beide, dass sie danach anders sein wird. Die Drastik der Handlung spitzt sich gerade in dem Umstand zu, dass Gwen sich nicht verändert hat, sondern dass, auch durch die noch nicht ganz ausgereifte technische Umsetzung, der gespendete Körper und der eingespeiste Geist zusammen eine ganz neue Person bilden. Frau und Mädchen müssen sich erst einmal kennen lernen, damit daraus Mutter und Tochter werden kann.

Quelle: YouTube

“Does progress mean that you can have a conversation with a fellow human being and be human? Or does it mean that you’re just going to be this ultra-human that just exists forever? Or is that natural to who we are?“, fragt die Schauspielerin Jaqueline Kim in einem Interview (Interview auf craveonline.com) . Und das sind auch die Fragen, die bei mir auftauchen, während ich den Film schaue. Der Film versucht aus einer weiblichen Perspektive eine Gesellschaft darzustellen, die es gerade Frauen fast unmöglich macht, ihre eigene Rolle als Frau zu erkennen, geschweige denn autonom zu gestalten. Deprimierend ist, dass hier keine Frauenpower proklamiert wird. Meine Erwartungen wurden also nicht erfüllt. Aber gerade der dystopische Charakter und die totale Aufgabe der Mutter bis hin zur körperlichen Entäußerung erzeugen eine erschütternde Drastik. Und dann ist er wieder da, dieser Moment, der Filme und besonders Science-Fiction so sperrig und wertvoll macht. Der praktische Zwang, der mit der Möglichkeit etwas völlig Neues machen zu können, einhergeht, führt uns vor Augen, was auf dem Spiel steht. Welche Vorstellungen wir von uns haben und welche Teile wir davon vielleicht bewahren sollten und welche wir völlig neu denken müssen. Advantageous ist ein ruhiger, nachdenklicher Science-Fiction Film mit einem überzeugenden Casting und er ist feministisch, gerade weil die Betrachterin gefordert wird, darüber nachzudenken, wie Frau-Sein heute und in Zukunft aussehen soll oder kann.

Titelbild: © Good Neighborhood Media

Zeit und Raum unbekannt, Richtung Zukunft – Afrofuturismus

Dass wir alle einer ungewissen Zukunft entgegengehen, wissen wir. Das Ganze einmal aus der Perspektive des afrikanischen Science-Fiction-Kinos zu betrachten, offenbart nicht nur stimmungsvolle Bilder und nachdenkliche Klänge, sondern erweitert unseren kulturellen und kritischen Horizont.


Ein Kurzfilmabend mit afrikanischen Science-Fiction-Filmen. Klingt exotisch und aufregend. Veranstaltet wird der Abend von der internationalen NGO „AfricAvenir“, die sich als politisches und kulturelles Bindeglied zwischen Afrika und Europa für einen interdisziplinären Austausch einsetzt. Der Kinosaal ist sehr voll, man findet kaum noch einen Sitzplatz im Kino in den Hackeschen Höfen. Das Interesse ist groß am Afrofuturismus. Und irgendwie klingt es ja auch verheißungsvoll, als würde uns an diesem Abend etwas Großartiges und Bleibendes begegnen. Auf jeden Fall etwas, das wir so von Afrika noch nicht gesehen haben. Dann läuft der erste Kurzfilm an und in Sekunden tauche ich ein in eine nicht allzu ferne Zukunft.

Eine sanfte Brandung spült Fußabdrücke im grobkörnigen Sand fort. Von wem stammen sie? Kam derjenige aus dem Wasser? Eine Überblendung zeigt uns den mutmaßlichen Besitzer dieses Abdruckes. Ein Wesen lehnt gekrümmt an hohen kargen Steinfelsen. Wir beobachten, wie sich das Wesen, das wir jetzt in seiner menschlichen Gestalt ausmachen können, langsam regt. Arme und Beine bewegen sich und mit sichtlicher Anstrengung wird versucht, den Körper vom Boden aufzurichten. Das Menschenwesen hält sich am Fels fest, zieht sich langsam in die Vertikale. So als ob es sich zuerst an die herrschende Erdanziehung gewöhnen müsste. Als würde es von einem anderen Planeten, aus einer anderen Welt stammen. Sein Atem geht schwer. Währenddessen sehen wir, dass das Wesen einen Anzug trägt. Ein Raumanzug? Ein Reiseanzug? Das braune Leder bedeckt seinen ganzen Körper. Sogar der Kopf ist in einer Art lederne Maske eingebunden. Zwei runde Öffnungen für die Augen und ein Mundfilter aus Metall. Es hat etwas Animalisches. Fremdes, Befremdendes.

Der Blick von der Bucht aufs Meer ist getrübt vom noch nicht angebrochenen Tag. Man meint, am Ende des gebogenen Horizontes ein Land ausmachen zu können. Der Reisende schaut lange aufs Meer und versucht sich in seine neue Umgebung einzufühlen. So wie der Protagonist des Films müssen auch wir uns hineinfühlen. Wo sind wir hier? Ist das noch unsere Erde? Zu welcher Zeit spielt die Handlung? Protagonist und Zuschauer müssen diese Fragen bis zum Schluss des Films aushalten. Wir sitzen im selben Boot. Auf einer Reise durch ein fremdes Land auf der Suche nach einem Anhaltspunkt, einem neuen zu Hause.

Der erste Kurzfilm an diesem Abend fesselt mich sehr. Eigentlich kann ich mich nach diesem kaum noch auf die anderen konzentrieren. Ich bleibe gefangen in der beklemmenden Stimmung des Films. Der junge algerische Regisseur und Produzent Amin Sidi-Boumédiène schafft es mit einfachen Mitteln ein sehr ursprüngliches Gefühl hervorzurufen. Es geht in „L`ile – Al Djazira“ um Einsamkeit und Fremdsein. In dem 2012 entstandenen, 35-minütigen Film folgen wir einem Mann, dessen Herkunft, Ziel und Motivation bis zum Schluss unklar bleiben. Sogar für ihn selbst? Wir kommen mit ihm an. An einen Strand, den wir nicht kennen, zu einer Zeit, die uns fern ist, und wir folgen mit ihm den seltsamen schwarz-weiß Fotografien, die er in einer Kiste im Strand ausgräbt und die uns den Weg durch die Stadt zeigen. Wir sehen verlassene, heruntergekommene Häuser und immer wieder die aufgehende Sonne. Wir laufen mit ihm über schmutzige Straßen und leere Plätze. Was ist hier passiert? Leben hier Menschen? Während der ganzen Zeit trägt der Protagonist seinen Anzug und die Maske.

Mit dieser Art des Werkschaffens reihen sich heute viele afrikanische Künstler in das Genre des sogenannten Afrofuturismus ein. Futuristisch ist hierbei nicht nur die Auswahl der Bilder und Metaphern, die am heutigen Stand technischer Errungenschaften andocken und diesen überzeichnen und eben in Szenerien der Zukunft ansiedeln. Sondern auch das alles verbindende Leitmotiv, eine Frage, die wir uns alle stellen müssen: In was für einer Welt/Zukunft wollen wir leben? Und gerade die afrikanische Diaspora scheint hierfür ein besonders intensives, drängendes Gespür zu haben. Mit den Bildern von Außerirdischen oder maschinenähnlichen Menschen wird eine ebenso wichtige Frage aufgeworfen: Was heißt es, fremd zu sein und was bedeutet es, Mensch zu sein? Wer Mensch sein darf, scheint in vielen Gesellschaften heutzutage gar nicht so klar zu sein. Diskriminierung und Ausgrenzung stellen den Kern eines humanen Miteinanders auch in Deutschland essentiell in Frage.

Wie die anderen Geschichten an diesem Abend ist auch „L`ile – Al Djazira“ in Afrika angesiedelt. Genauer gesagt im Norden des Kontinents, an der Küste Algeriens. Der Traum von einer vielversprechenden, anderen Zukunft, wie wir Europäer sie jeden Tag leben, ist hier in viele Seelen eingeschrieben. Denn man blickt von Algier aus fast direkt auf ein verheißungsvoll leuchtendes Europa. So scheint das Land sich selbst auch fremd zu sein: „These buildings, these streets, these roads and other landscapes shaped by the French presence constantly remind us that our identity is set. Algiers is the evidence that we have been of foreigners in our country. This feeling persists in our thoughts, our actions, our vision for the future.”, so der Regisseur in einem Interview. Doch vielleicht gibt es eine ganz andere Zukunft für die Menschen auf dem afrikanischen Kontinent. Eine, die sich eben nicht nur am aufgeblasenen Ideal des konsumierenden und darum „freien“ Bürgers orientiert. Eine, die aus sich selbst heraus erwächst.

Auf jeden Fall bieten die Filme dieser Künstler eine Kritik ihrer eigenen und damit auch unserer gesellschaftlichen Vergangenheit und Zukunft, die ganz in den Mainstream dieser Tage passt. Dem über alles stehenden Technikglauben und Innovationsdrang. Fortschritt ist gut, solange eben niemand auf der Strecke bleibt. Und wo kann man sonst die zuerst angsteinflößenden, wenn begangen aber Hoffnung spendenden, neuen Wege aufzeigen, wenn nicht im Medium des Films. Afrofuturistische Filme sind Träume, Visionen aber zugleich auch Gesellschaftskritik, Selbstreflexion.

Quelle: Youtube

Fiktion als Kritik oder warum wir mehr Science Fiction schauen sollten

Poster Silent Running

1972 wagten sich ein paar kreative Köpfe daran, einen Science-Ficition-Film zu produzieren. „Silent Running“ ist ein gelungenes Beispiel für kritische Kunst. Noch viel wichtiger, der Film trifft mit seiner Thematik genau ins Schwarze der gegenwärtigen Nachhaltigkeitsdebatten.


Am 30. November diesen Jahres beginnt die 21. UN-Klimakonferenz. Es werden ca. 40.000 Gäste erwartet. Unter ihnen Vertreterinnen der 194 Mitgliedstaaten, unabhängige Beobachterinnen und auch Teilnehmerinnen aus der Zivilbevölkerung. Hauptsächlich aber werden Experten und Politiker über Zahlen und Fakten diskutieren, Zugeständnisse von dem anderen erwarten und selbst Kompromisse eingehen müssen. Die Ziele sind hochgesteckt:

„The aim is to reach, for the first time, a universal, legally binding agreement that will enable us to combat climate change effectively and boost the transition towards resilient, low-carbon societies and economies.“

Quelle: COP 21 Main Issues

Eine allgemeingültige, verbindliche Vereinbarung aller Mitgliedsstaaten bezüglich ihrer jeweiligen CO2-Emissionen. Die so festgelegten Werte sollen die Staaten dann durch entsprechende politische Maßnahmen erreichen. Dass zunächst einmal die Akteure der Wirtschaft und öffentlicher Institutionen mit diesen neuen Regelungen konfrontiert werden und diese in ihr künftiges Handeln integrieren müssen, ist wahrscheinlich der erste Schritt politisch-praktischer Umsetzung. Wie aber kann das, was auf dieser Konferenz beschlossen wird, auch zum einzelnen Individuum vordringen?

Dass es jedes Jahr einen Klimagipfel gibt, wissen wir, aber wer weiß schon, was jedes Jahr dabei herauskommt? Welche Zahlen und Fakten werden für die Entscheidungen zu Grunde gelegt und wie viel der Entscheidungsfindung besteht eigentlich nur aus der Instandhaltung und Festigung bestehender Machtverhältnisse im weltpolitischen Spiel der Großen? Aber ich möchte wieder zurück zum/zur kleinen Mann/Frau. Denn was dort verhandelt wird, betrifft uns alle. Jeden einzelnen Menschen auf der Erde, jedes Tier. Regulierungen solcher Art müssen nicht nur auf makro- und meso-ökonomischer Ebene, sondern auch auf der Ebene des individuellen Handelns des einzelnen Subjekts etabliert werden. Zuvor allerdings müssen diese Regulierungen auch als notwendig wahrgenommen werden. Damit ein neuer Aspekt in meinem alltäglichen Handeln Berücksichtigung findet, muss ich für diesen Aspekt sensibel sein, ihm einen Wert zusprechen und er muss gerechtfertigt sein.

Die Verbindung zwischen einem Anstieg des Klimas verursacht durch vermehrten CO2-Ausstoß und einem irreversiblen Rückgang der Biodiversität lässt sich schon lange nicht mehr ernsthaft bestreiten. Es gibt unzählige Studien, wissenschaftliche Papers und Vorträge zu dem Thema. Aber die werden eben hauptsächlich von denen gelesen, die selbst solche Texte schreiben und diese Forschung betreiben. Was ist mit dir und mir? Und vor allem mit denen nach uns? Damit unsere ganzen Bemühungen nicht einfach nur als kurzes Aufflackern praktizierter Verantwortung im Kosmos erlöschen, müssen diese auf wissenschaftlichem Weg erschlossenen Erkenntnisse über die Folgen unseres invasiven Treibens auf der Erde auch eine Entsprechung in unserer praktischen Vernunft, das heißt in unserem ethischen Denken finden. Ich spreche hier von dem Begriff der Nachhaltigkeit. Seit Jahrzehnten ein scheinbar magisches Wort, mit dem sich alle gern schmücken, es aber nur wenigen gelingt, sich seiner wahren Bedeutung durch tatsächliches Handeln zu nähern.

Kunst als Kritik

In den 1970er Jahren gab es bereits Menschen, die sich mit dieser Thematik auseinander gesetzt haben. Keine Wissenschaftler, sondern Filmemacher. Keine rohen Texte voll gespickt mit Zahlen und Argumenten, sondern Bilder, Musik und Personen, die handeln. Das Filmdebüt „Silent Running“ (1972) des damals 28-jährigen amerikanischen Spezialisten für Spezialeffekte Douglas Trumbull ist ein gelungenes Beispiel für kritische Kunst (das Beitragsbild zeigt ein originales Filmplakat). Trumbull, der zuvor für die Spezialeffekte in Kubricks 2001 zuständig war, steckte sein ganzes technisches Können und die Wagnis das erste Mal Regie zu führen in diesen Science-Fiction-Film (The making of, 26:00-26:40). Der Titel ist eine Anspielung auf ein 1962 veröffentlichtes Buch der US-amerikanischen Biologin Rachel Carson. In „Silent Spring“ belegt Carson akribisch die verehrenden Folgen des Einsatzes von Pestiziden in der Landwirtschaft und gibt somit den Startschuss für die erste große Umweltbewegung in den Staaten.

Quelle: Youtube

Das 21. Jahrhundert (damals in den 70ern noch weit, weit entfernt). Die Erde bewohnt von einer einzigen Art, dem homo technicus. Alle anderen Arten, sei es Flora oder Fauna, existieren nicht mehr. Das heißt fast. Denn die kleine vierköpfige Crew des American-Airlines-Frachters Valley Forge beherbergt einen großen Schatz: Mehrere Plateaus mit großen transparenten Kuppeln bieten Schutz für unzählige Pflanzen und Tiere. Eine Idylle unter einer gigantischen Käseglocke könnte man sagen. Gehegt und gepflegt von dem etwas hippieesk anmutenden Botaniker Lowell, der jedes Mal seinen blauen Astronauten Overall gegen eine weiße Kutte tauscht, wenn er in den Plateaus nach dem Rechten sieht.

Es wird schnell klar, dass seine drei Kollegen irgendwie doch lieber den optimierten „Astronautenfraß“ essen als Lowells liebevoll erzeugte Kürbisse oder Melonen. Es stehen sich zwei grundsätzlich verschiedene Haltungen gegenüber: hier die sensible, mit der Natur verbundene Person, die jedem Lebewesen den gleichen Wert beimisst und dort die anderen, rational Denkenden, die einfach nur ihren Job machen wollen. Das kann nicht lange gutgehen. Und man spürt schnell, dass sich zwischen diesen Einstellungen ein Konflikt entfalten wird. Wie sich dieser Konflikt dann entlädt, lässt den zuvor dahinplätschernden, bildgewaltigen Film in Richtung Thriller gleiten. Aber nur für kurze Zeit.

Die Belegschaft des Frachters bekommt die Anweisung, alle Plateaus vom Frachter zu lösen und ins Weltall zu schießen. Lowell gerät in einen moralischen Konflikt, denn er sieht keine Möglichkeit durch Gespräche seine Kollegen davon zu überzeugen, die Plateaus weiterzubetreiben: Nun sieht er sich vor der Entscheidung entweder seine bisherige Arbeit, seinen Traum und vor allem etwas aufzugeben, das alles andere an Wert übertrifft, nämlich die biologische Artenvielfalt, oder er verhindert das Abschießen der Plateaus um jeden Preis. Der Preis ist hoch, denn Lowell tötet schließlich im Ringkampf den einen Kollegen und schießt die anderen zwei mit einem Plateau einfach in die Unendlichkeit.

Die Krise des Zuschauers

Lowell bleibt jedoch, obwohl er schreckliche Taten zur Erreichung seines Ziels einsetzt, der „Gute“. Man identifiziert sich mit ihm am Anfang ganz einfach, weil er vieles von dem verkörpert, was wir als erstrebenswert ansehen: er ist achtsam und respektvoll anderen Individuen gegenüber, er scheint beflissen und verantwortungsvoll seine Arbeit zu verrichten. Man identifiziert sich aber auch dann noch, wenn er zu Mitteln greift, die wir als unmoralisch beschreiben würden. Dass Lowell nicht einfach gestrickt ist und den Tod seiner Kollegen als eine erstrebenswerte Art der Problemlösung ansieht, dass er sich also in einem ernsthaften moralischen Konflikt befindet, zeigt sich in folgender Szene. Er schickt die drei Hilfsroboter zum noch am Kampfort liegenden Kollegen. Sie sollen ein Grab für ihn ausheben und im letzten Plateau „beerdigen“. Während dessen beobachtet Lowell alles über einen Monitor im Raumschiff und gibt den Robotern Anweisungen. Sein Gesicht im close-up, die Worte kommen nur stockend:

„Put him, put him down in it. And then remain there because i would like to say something before you cover him over. […] There weren`t exactly my friends but I did like them. And, uh, I don`t think that I will ever be able to excuse what it is that I did, but I had to do it.“

„Silent Running“, Min. 40:50-42:04

Was hier geschieht, ist von existenzieller Bedeutung. Denn ein Mensch muss seine bisherigen Wertvorstellungen gegeneinander abwägen. Er kann sich nur für a oder b entscheiden. Beides, also die Biodiversität erhalten und seine Kollegen am Leben lassen, geht nicht. Es ist ein utilitaristisches, auf den größtmöglichen Nutzen ausgerichtetes Prinzip, welches Lowell letztendlich zu seiner Handlung antreibt: Drei Menschenleben wiegen nicht so viel, wie die diversen Arten auf den Plateaus. Der Wert der Plateaus wird sogar noch gesteigert, indem der Umstand hinzukommt, dass der Erhalt der Biodiversität in der Zukunft viel mehr Menschen nutzen könnte, falls man diese wieder auf der Erde oder auf einem anderen Planeten siedeln ließe.

Wir können Lowells Entscheidung/Handlung verstehen, aber dass sie nicht auf die Art und Weise gerechtfertigt ist, wie wir es gerne von rationalen und „richtigen“ Entscheidungen/Handlungen fordern, wird uns mit Lowells Gram und Trauer vor Augen geführt. Und genau an dieser Stelle entfaltet der Film seine kritische Potenz. Was die Stärke des Films ist, ist seine Darstellungsform. Wir sehen und hören den Protagonisten, wir erleben ihn und unsere Spiegelneuronen geben ihr Bestes, um in unserem Gehirn ein passives Miterleben zu erzeugen. Wir sind sozusagen mittendrin, fast ist es so, als müssten wir selbst uns verantworten. Der Zuschauer wird, genau wie der Protagonist, in eine Krise geführt, die einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt. Gar nicht so „simple-minded“ wie Vincent Canby in seiner Kritik nach den ersten Vorstellungen in der New York Times schrieb .

Science-Fiction

Was macht diesen Film noch so besonders? Es ist das Genre, in dem er sich bewegt, das wie gemacht dafür scheint, ethische Fragen zu Umweltveränderungen durch menschliches Handeln und die Zukunft uns folgender Generationen abzubilden. Science-Fiction war lange Zeit ein Spartengenre, bevölkert von Nerds und Phantasten. Aber spätestens seit Stanislav Lem und Isaac Asimov ihre kurzen und langen Geschichten in diesen (gar nicht so) fiktiven Zukunftswelten ansiedelten, hat sich Science-Fiction immer mehr Platz in den Bücherregalen der „Normalos“ erkämpft.

Wissenschaft und Technik bedingen sich gegenseitig. Dinge werden erforscht, um sie nutzbar zu machen, sie in ein technisches Vokabular zu überführen. Und genau dieses scheinbar zwanghafte sich gegenseitig Hervorbringen ist die Grundannahme in Science-Fiction. In „Silent Running“ gerät der Protagonist durch die Umwelt zerstörenden Folgen angewandter Wissenschaft in die Ausgangssituation der Story: Lowell hat den Auftrag mit riesigen Raumschifffrachtern in der Nähe des Saturn zu fliegen und während dessen sämtliche Tier-und Pflanzenarten für die Nachwelt zu erhalten, weil die Menschen Bedingungen geschaffen haben, die ein natürliches Leben unmöglich machen. Das, was zum Problem geführt hat, wird auf der anderen Seite wieder zur Problemlösung genutzt. Denn die Technik (Das Raumschiff und die Plateaus) ermöglicht es auch, dass die Biodiversität unter für sie hinreichenden Bedingungen weiter existieren kann.

„[Social] science fiction is that branch of literature which is concerned with the impact of scientific advance on human beings.“

Isaac Asimov, Science Fiction Writers of America Bulletin, 1951

Dennoch spielt die Science im Film „Silent Running“ und auch in den meisten anderen Science-Fiction Geschichten nicht die entscheidende Rolle – denn entscheiden können letztendlich nur Menschen. Wissenschaft und Technik bilden den Handlungsrahmen für Individuen, die sich darin mit vorher nie gedachten Problemen und Konflikten zurecht finden müssen. Man könnte sagen, dass Science-Fiction in einem besonderen Maße auch Geschichtsschreibung ist. Geschichtsschreibung für die Zukunft. Denn es wird versucht, im Gegensatz zu Fantasy, die Grenzen der Physik auszudehnen, aber nicht völlig auszuhebeln. Es werden mögliche Welten erdacht, die vielleicht gar nicht so unwahrscheinlich, die Konsequenzen unseres gegenwärtigen Treibens auf der Erde aufzeichnen. Insofern kann man Science-Fiction – sei es im Buch oder Film – auch in dieser Hinsicht ein aufklärerisches Potenzial zusprechen.

Was hat das jetzt alles mit der UN-Klimakonferenz zu tun? Hier die Antwort: Die Themen, die auf solchen kostspieligen Konferenzen besprochen und nach denen dann bestimmte Regulierungen festgesetzt werden, betreffen am Ende uns alle. Für viele Menschen scheint es aber einen grundsätzlichen Graben zu geben zwischen dem, was die da oben beschließen und dem, was wir hier dann bitte schön tun sollen. Die Ziele der UN-Kommissionen sind zu begrüßen, aber der größte und schwierigste Schritt ist der, hin zu einer umweltverträglichen, verantwortungsvollen Haltung jedes Bürgers. Warum sollen wir denn jetzt auf unseren Wohlstand verzichten oder weniger Autofahren? Ich möchte nicht an meinem Wohlergehen sparen nur damit zukünftige Generationen ein genauso gutes oder vielleicht größeres Wohlergehen haben. Das sind verständliche Einwände, die aber auch problematisch sind. Darüber nachzudenken ist der erste Schritt hin zu einer ethischen Haltung. Und Kunst, die solche Filme wie „Silent Running“ hervorbringt, kann einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, mit dem Nachdenken zu beginnen.

Sprache und Begehren – Jonathan Franzen über Sexualität

In Franzens neuem Roman Purity geht es um Sexualität. Es geht nicht um Sex als reiner Akt der Bedürfnisbefriedigung. Es geht um Sexualität als treibende Kraft für jegliche Handlungen fast all seiner Figuren.


„Purity“ bedeutet im Englischen so viel wie Reinheit. Wenn wir etwas als „rein“ bezeichnen, schwingt da auch immer eine Art Achtung mit. Reines Wasser, sie hat eine reine Seele, oder das ist der reinste Saustall. Rein kann alles sein. Es ist das Vorherrschen einer Eigenschaft, eines Zustands, der scheinbar nicht durch etwas anderes verunreinigt ist. Doch natürlich ist der Gebrauch dieses Wortes meist idealistisch, nichts ist je wirklich vollkommen rein. Der deutsche Titel Unschuld bringt meines Erachtens noch mehr das zum Ausdruck, worum es in dieser Geschichte geht: die Unmöglichkeit von Unschuld.

Ein weiteres Thema des Buches ist die Frage nach der eigenen Identität. Detailliert lässt Franzen bei seinen Protagonisten immer wieder die Fragen auftauchen: Wer bin ich eigentlich? Wie frei, meine eigene Geschichte zu schreiben, bin ich wirklich? Oder setzt jeder Mensch nur die Story seiner Eltern fort? Sexualität scheint für Franzen das Hauptmotiv zu sein, an welchen sich diese Fragen immer wieder entzünden und Relevanz erzeugen. Denn wer kann schon behaupten, sich seiner sexuellen Neigungen und seines Begehrens voll und ganz im Klaren zu sein. Sind wir an dieser Stelle nicht alle einer Unsicherheit ausgesetzt, die nur wir nur allein bestreiten können?

Wen oder wie wir begehren, ist nicht etwas was, wir uns aussuchen, sondern was sich im Laufe unseres Lebens herauskristallisiert. Sexuelle Identität bildet und verändert sich mit den Menschen, mit denen wir sexuelle Praktiken ausleben. Aber vor allem dadurch, wie wir über Sex und unser Geschlecht (physisch wie auch psychisch) sprechen und denken.

„Du hattest ja anscheinend nichts gegen mich, als dein Schwanz in meinem Mund war“, sagte sie.
„Ich hab ihn nicht da reingesteckt“, sagte er. „Und lange war er auch nicht drin.“
„Nein, weil ich nach unten musste, um ein Kondom zu holen, damit du ihn in mich reinstecken kannst.“
„Wow. Dann bin ich jetzt also schuld?“

Die Hauptfigur des Romans Pip, ihr voller Name ist Purity, nimmt sämtliche sexuellen Handlungen anderer in Bezug auf sich als Anlass dafür, ihr Gefühl, nicht begehrenswert zu sein, zu bestätigen. In dem Gespräch versucht Pip ihren Liebhaber zu provozieren und ihrem Unmut Luft zu machen, da der geplante Sex wohl doch nicht stattfinden wird. Wer hier Schuld hat, ist jedoch nicht die eigentliche Frage. Vielmehr wird deutlich, dass es bei sexuellen Handlungen überhaupt um Schuld geht. Pip will ein Kondom holen, wird aber länger in der Küche aufgehalten und so muss der Freund auf sie warten. Pips Handlung wirkt wie ein vergeblicher, aber ritualisierter Akt dem „Schmutzigen“ den Schleier der Reinheit anzulegen. Und somit das Warten zu entschuldigen. Franzen lässt Pip sogar selbst darüber nachdenken, wenn sie sich während dieses peinlichen Streits darüber bewusst wird, dass sie in diesem Spiel niemals diejenige sein wird, die Macht hat. Männern fällt es leicht, ihr „verdinglichendes Begehren“ Ausdruck zu verleihen. Sie werden anders sozialisiert, sprechen mit Freunden und Kollegen in einer ganz bestimmten Sprache über Sexualität. Während Frauen diese Sprachspiele nicht erlernen. Für sie gibt es scheinbar nur die gefühlvollen, poetischen Worte und somit ein Verbleiben auf der schwachen, angreifbaren Ebene.

Was eigentlich nur privat stattfinden darf, wird immer auch öffentlich diskutiert. Eine Schwierigkeit besteht darin, die Momente auszumachen, in welchen das, was wir als individuelle und private sexuelle Identität bezeichnen, unter dem Druck der gesellschaftlichen Normen, geformt wird. Aber nicht nur die junge Pip, sondern auch die charismatische Annegret (Opfer stiefväterlichen Missbrauchs) und die zweite Hauptfigur im Roman Andreas Wolf (führt eine penible Liste über mehr als 50 junge Mädchen, die er im Rahmen eines sozialen Projekts verführen konnte) müssen sich mit ihrer gestörten Sexualität und der Schuldfrage auseinandersetzen. Franzen übernimmt die klischeehaften Rollen der gängigen Mann/Frau-Dualismen. Dem männlichen Charakter wird mehr Aktivität und weniger Ausgesetztsein zugesprochen. Wenn Andreas Wolf mit ein wenig Pathos sagt: „Stimmt, ich bin ein Mann und verfüge über gewisse Macht.“ Da zeigt er sich wenig emanzipiert und es wirkt sogar höhnisch, wenn er hinzufügt, dass er ja nicht darum gebeten habe, als Mann geboren zu werden. Er ist das Raubtier und sie, Pip und Annegret, sind und bleiben Opfer – die „kleineren Tiere“, mit denen man Mitleid haben kann.

Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901-1981) verstand den Menschen als das begehrende Subjekt, dessen Begehren eine innere, treibende Kraft ist und diesen dazu veranlasst, Beziehungen mit anderen Menschen einzugehen. Dazu zählen in erster Linie sexuelle Beziehungen. Interessant an Lacans Überlegungen ist, dass sie nicht nur psychologische, sondern auch soziologische Aspekte einbeziehen – die Ebene der Sprache. So wird das begehrende Subjekt bei Lacan zu einem, das zwar von inneren Urtrieben angetrieben, aber auch von äußeren Kräften durch die Gesellschaft gelenkt wird:

Es gibt bereits eine aufgebaute Fabrik, und sie funktioniert. Diese Fabrik ist die Sprache […]. Deshalb auch ist das Es, das Sie in den Tiefen zu suchen pflegen, nicht etwas derart Natürliches, es ist noch weniger natürlich als die Imagines.

(Lacan „Die Objektbeziehungen: Das Seminar. Buch 4.“ 2003)

Nach Lacan ist der Prozess, bei welchem das Kind in die Sprachgemeinschaft eintritt und mündig wird, der Entscheidende. Im Geist des Kindes trenne sich nun Bewusstsein von Unbewusstsein. Die Bedeutung anderer Dinge und Personen, welche sich für das Kleinkind bisher nur über die rein körperliche Ebene wirklich wurde, wird nun auf einer abstrakteren Ebene strukturiert und reflektiert. Es entsteht ein Bezugssystem. Man schafft die Welt, indem man sie aktiv benennt und ihr somit Bedeutungen zuschreibt. Aber auch, indem man in Strukturen hineinwächst und bestimmte Bedeutungen übernimmt. Die Unterscheidung von Mann und Frau geschieht laut Lacan aufgrund der Unterschiedlichkeit – der unterschiedlichen Beschreibung – der Körper, der Genitalien. Die eigene Beschreibung der Genitalien in Abgrenzung zum anderen Geschlecht bilde somit die Basis der sexuellen Identität. Es werden aber nicht nur Körper und Dinge identifiziert, sondern auch Normen und Wertvorstellungen kommuniziert, die mit den Körpern in Verbindung stehen und sich im Unbewussten festschreiben. Das Kind macht sich selbst mittels der Sprache zum Objekt, indem es anfängt von sich aus in Bezug auf andere Subjekte zu denken. Für Lacan findet damit die Entfremdung statt, welche dem jungen Menschen bis ins Alter in Form seines Begehrens vor Augen tritt.

Diese Entfremdung scheint sich auch in den Beziehungen Pips zu ihren Männern zu offenbaren. Sie versucht die mangelnde Eindeutigkeit ihrer sexuellen Identität mit der Suche nach der Identität ihres unbekannten Vaters auszugleichen. Denn die Mutter ist kein Anhaltspunkt für eine eventuelle Identifikation. Pip und sie verbindet eine emotionale Abhängigkeit, eine Machtverhältnis das einseitig von der Mutter zur Tochter verläuft:

Das Problem, wie Pip es sah, […] bestand darin, dass sie ihre Mutter liebte. Mit ihr litt, sie bedauerte, den Klang ihrer Stimme mochte, sich auf eine gewisse verstörende nichtsexuelle Weise von ihrem Körper angezogen fühlte […]. Das war der massive Granitblock im Zentrum ihres Lebens, der Ursprung allen zornigen Sarkasmus.

(Franzen „Unschuld“ 2015)

Und so sieht sich Pip damit konfrontiert, dass sich ihre eigene Geschichte nur in vorgegebenen Bahnen fortbewegt. In den Bahnen, die ihre Mutter bereits beschritten und vorgezeichnet hat. Pip ist im Rahmen ihrer Möglichkeiten frei zu entscheiden. Was ihre sexuelle Identität angeht, scheint sie darauf angewiesen zu sein, Menschen zu treffen, die anders über Sexualität sprechen und ihr somit Mut machen können.

Die Fragen vom Anfang bleiben offen. Wer bin ich, ist eine Frage, die eigentlich keine ist. Denn wir sind frei und unfrei zugleich. Pip ist eine Romanfigur und somit von vornherein dazu verdammt, ein vom Autor bestimmtes Ich zu leben. Aber Franzen schafft es, ein zutiefst menschliches bzw. gesellschaftliches Problem wieder zu spiegeln und in der Form der Fiktion in unsere Realität hineinzutragen. Denn es erfordert Mut, sich in den vorherrschenden gesellschaftlichen Sprachspielen über Sexualität zu lösen – falls es überhaupt möglich ist. Sexuelle Identität ist ein wichtiger Teil jeder individuellen menschlichen Identität. Sie ist privat und öffentlich zugleich. Um sich der Frage nach dem eigenen Ich anzunähern, muss man/frau immer auch mit beantworten, was und wie er/sie begehrt.

Vom Nichts Schreiben und Alles Sagen

Die Gegenüberstellung von entspannender Alltagsliteratur und intellektueller Stimulans wurde hier an anderer Stelle bereits thematisiert. Und ich möchte diese Unterscheidung wieder aufgreifen. Denn ich lese gern „schwierige Bücher“. Neben meinem persönlichen Outing an dieser Stelle, möchte ich gleich noch etwas anderes enttarnen. Ich glaube, dass nicht gerade besonders wortreiche und verschnörkelte Texte der „bedeutungs-schaffenden Tätigkeit“ gerecht werden, die ja den besonderen Gehalt literarischer Werke ausmacht, sondern ganz andere.


Ob Beckett, Bernhard oder Kafka, ich liebe das oft wortkarge Dickicht dieser Autoren. Es ist erstaunlich, wie schmucklos und aufs Nötigste beschränkt eine Geschichte oder Erzählung dieser Autoren daherkommen kann, ohne dass ich mich auch nur im Entferntesten langweile. Was diese Texte auszeichnet, was sie „schwierig“ macht, ist die Art wie sie geschrieben sind. Man liest nicht nur das geschriebene Wort, sondern auch alle diejenigen, die zwischen den Zeilen stehen. Je kompakter und reduzierter ein Text ist, umso mehr passt dazwischen. Und das ist es, was für mich den Reiz des Lesens ausmacht. Ich will mich verlieren. Und zwar nicht in den parallel laufenden Szenen und endlosen Sätzen eines Musils, sondern in den Bildern und Vorstellungen meines eigenen Geistes, die genau dann zum Vorschein kommen, wenn einige wenige Worte sie hervorlocken und ihnen ihren Freiraum lassen.

Wer spricht?

Ich erinnere mich noch genau, wie ich einmal in der Schule ein freiwilliges Referat zu Kafkas „Die Brücke“ hielt. Diese Geschichte hatte mich dermaßen gepackt, dass ich der Meinung war, ich müsste dieses Kleinod der Weltliteratur auch allen meinen Mitschülern nahe bringen. Meine Deutschlehrerin war glücklich, wenigstens eine Schülerin zu haben, die gern las. Meine Mitschülerinnen gaben sich unbeeindruckt. Leider. Denn sie verstanden nicht, welche Großartigkeit ihnen entging. Ein Versicherungsangestellter, der sein tägliches Brot mit dem Bewerten von Schadensfolgen und detaillierten Beschreibungen von Hobelmaschinen verdiente und zu Hause die tiefsten Skizzen der menschlichen Seele mit seinem Füller einfing.

„Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke, über einem Abgrund lag ich. Diesseits waren die Fußspitzen, jenseits die Hände eingebohrt, in bröckelndem Lehm habe ich mich festgebissen. Die Schöße meines Rockes wehten zu meinen Seiten. In der Tiefe lärmte der eisige Forellenbach.“ (Kafka 1916/1917, Die Brücke)

Die Brücke lebt nicht lang. Jemand kommt und springt „mit beiden Füßen mir mitten auf den Leib“. Also nicht mir, sondern der Brücke, vielleicht Kafka…? Ein unbarmherziges Ende, denn ich/er/es dürfen nicht einmal erfahren, wer da überhaupt springt und die Existenz zerstört. Gerade als sich die Brücke im Fallen umdrehen will, ist sie nicht mehr, „und schon war ich zerrissen und aufgespießt“. Was diese Geschichte ebenso gnadenlos wie zärtlich macht, ist die unklare Position des Erzählers. Man weiß nicht genau, wer eigentlich spricht. Ist es der Autor, dem man beim Denken oder Träumen zuhört? Oder sind es die Gedanken und Bilder selbst, die sich der Sprache der Schreibenden ermächtigen und sich ihren Weg in die Wirklichkeit bahnen. Ausgeliefert sind nicht nur Schreiber und Protagonisten, sondern auch der Leser.

Nicht Herr im eigenen Haus

„Sie kleideten mich und gaben mir Geld. Ich wußte wozu das Geld dienen sollte, es sollte dazu dienen mir auf die Beine zu helfen. Sobald ich es ausgegeben hätte, müßte ich mir neues beschaffen, wenn ich weitermachen wollte.[…]Die Kleider – Schuhe, Socken, Hose, Hemd, Rock und Hut – waren nicht neu, der Tote mußte aber ungefähr meine Figur gehabt haben.“

(Beckett 1947-1952, Das Ende)

In diesen ersten Beckett`schen Sätzen der Kurzgeschichte „Das Ende“ befindet sich bereits das ganze Schicksal des Protagonisten (Die Deutung bleibt an dieser Stelle jedem Leser selbst überlassen.). Becketts Erzählungen und Texte um Nichts verleihen gerade dem Unsagbaren Ausdruck. Die einfache Sprache und ereignislosen Szenen geben dem Erzähler die Möglichkeit, seine monolog-artigen Lebensbeschreibungen in einer Direktheit zu schildern, die den Leser mitten ins Geschehen werfen. Man ist unmittelbar betroffen. Von den Widersprüchen, den Zweifeln und der scheinbaren weltlichen Nicht-Relevanz des erzählenden Individuums. Es geschieht fast nichts, bis auf das bloße Dasein und reflektieren dieses Daseins der Erzählfigur.

Ausgeliefert-Sein und mit-sich-geschehen-lassen sind die treibenden Motive in Becketts und Kafkas Geschichten. Man hat die Kontrolle verloren, man ist nicht Herr im eigenen Haus. Und genau das ist die bezaubernde Kraft von guten/„schwierigen“ Texten. Der Text macht etwas mit einem, er lässt einen manchmal einfach so da stehen. Was diese Texte gemein haben, ist, dass sie nicht für ein Publikum geschrieben wurden. Ich stelle mir das gern vor und unterstelle diese Haltung einfach den Autoren: Sie schrieben, weil sie etwas sagen wollten, weil „etwas raus musste“, ganz gleich, wer oder ob diese Zeilen jemals jemand liest. Das macht die Texte so wunderbar intim und unmittelbar.

Warum Schreiben, warum Lesen?

Ich denke der Anspruch, mit dem diese Texte gelesen werden müssen, liegt darin, nicht wie ein Wanderer daherzukommen und nach etwas bestimmten zu suchen, ja es sogar mit der Eisenspitze des Stockes zu beklopfen und die Rockschöße hoch zu heben, um zu sehen, was da runter steckt und es auf seine Nützlichkeit hin zu prüfen. Man muss sich einlassen und Angreifbar machen. Man muss die Gedanken eines anderen denken, um bei sich selbst anzukommen. Das ist „schwierig“ und anstrengend, aber auch verdammt schön.

Damit Thomas Bernhard hier noch gebührend erwähnt wird, lasse ich ihn selbst sprechen:

„ich schreibe eine Zeile, seit wie vielen Wochen habe ich keine Zeile mehr geschrieben?, es ist unwichtig, ob ein Mensch schreibt, was er schreibt, ich sage mir immer wieder vor, wie unwichtig es ist, erbärmlich, unanständig, aber diese Zeile ließe sich fortsetzen, entwickeln, zu einem Gedicht machen, zu einem Fetzen, einem …

(Bernhard 1959, In der Höhe, Rettungsversuche Unsinn)