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Der Fremdkörper im Deutschrap

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins JAW

Nachdem der Rapper jahrelang immer wieder Hinweise in Form von einzelnen Tracks oder Ausschnitten streute, aber sonst wenig von sich hören lies, stellte sich langsam die Frage, ob es überhaupt ein Come-Back geben würde. Die treuen Fans blieben allerdings geduldig und wurden mit einer weiteren Reise durch Jottas Seelenleben belohnt: Die unerträgliche Dreistigkeit des Seins.

Ein Gastbeitrag von Annabell Lamberth


Während TOA von JAWs Kampf gegen seine eigenen Dämonen in Form von Selbstzerstörung, Mordfantasien, dem Widerspruch zwischen Täter und Opfer, Schuld und Sühne handelte, so betrachtet sein neues Album nach sieben Jahren Pause das Geschehen um ihn herum auf eine gereifte, auf eine bodenständige Art. Den besonderen Blick auf die Abgründe des menschlichen Seins hat er aber nicht verloren. Im Gegenteil, in den Tracks Fremdkörper und Lost in Space gibt er nach wie vor auf eine Weise wie kein anderer es vermag wieder, wie es sich anfühlt, gesellschaftlich außen vor zu sein und sich nicht in einen Kreis, wie den der deutschen Rapszene integrieren zu können. Wie ein Außerirdischer der die menschlichen Konventionen zwar imitieren kann, aber keinen Mehrwert darin sieht ein Teil von ihnen zu werden. „Menschenwesen fragen oft ‚Wie geht’s?‘/ – doch eine Antwort würde Erdenjahre dauern, darum sag‘ ich: Okay.“

Der Rapper Maeckes, dem es ähnlich geht, ist auch auf dem Album mit einem Gasttrack vertreten und liefert einen gelungenen Beitrag zu JAWs Beschreibungen sozialer Ordnung. JAW ist bekannt für seine intimen Einblicke in den menschlichen Wahnsinn und auch deren medikamentiöser Behandlung, welche er schon in seinen vorherigen Alben auf sarkastische Weise kritisierte. Sein Track Entzugsoptimismus lässt seine Versuche der Heilung ohne pharmazeutische Mittel Revue passieren und den Wunsch nach einem normalen Leben deutlich werden „Ich bin so nah an den Dingen wie schon lange nicht mehr“. Doch neben seinem Optimismus kommt auch die Erkenntnis: „Mir wird letztendlich klar, ich kann nicht ohne sie sein,/ kipp die 150mg wie gewohnt in mich rein./ Es bleibt wohl immer noch ein langer Weg, bis ich am Ende meine Seelenverwandlung steh“.

Experimenteller Sound

Darüber hinaus bietet das Album, wie von Jotta gewohnt, bissige, eloquente Stücke wie Nichts, aber auch ganz untypisch eine Ballade, in der er die Höhen und Tiefen der eigenen Beziehungen auf emotionale und gar nicht mal kitschige Weise beschreibt. Der emotionale Höhepunkt findet sich in Bye Mama. Hier verabschiedet er seine verstorbene Mutter auf ergreifende Art. Besonders passend ist hierbei der reduzierte Piano Beat, welcher den Worten noch mehr Raum gibt.

Quelle: Youtube / JAW Official

Auch musikalisch schlägt JAW mit dem neuen Album einen neuen Weg ein. Gemeinsam mit seinem jahrelangen Begleiter Peter Maffya wagt er eine experimentelle, ungewöhnliche Produktion. Bisher war man von JAW eher düstere Synthie- und Samplebeats gewohnt, welche durch ihre unsystematisch, sympathisch schrille Art den Wahnsinn wiedergeben. Die unerträgliche Dreistigkeit des Seins dagegen liefert einen sich stringent durch das Album ziehenden Duktus aus experimentellen Arrangements, welche aus echten, teils verzerrten Instrumenten bestehen. Ebenfalls ungewohnt sind JAWs Gesangseinlagen, unterstützt durch Autotune. Diese fanden eher weniger Anklang bei den Fans, deren Ansprüche nach der langen Wartezeit natürlich enorm hoch waren.

Sich mit den Vorgängern, voller unvergesslicher Höhepunkte zu messen, ist außerdem auch eine nahezu unmögliche Aufgabe. Vielleicht ist JAW auch mit seiner aufwendigen Produktion über das Ziel hinaus geschossen. Denn oft sind es doch die einfacheren, textlastigen Tracks, die mitten ins Mark treffen. Trotzdem sticht Jotta nach wie vor in der Rapszene durch seine wortgewaltigen, emotionalen Tracks hervor. Insgesamt hat JAW mit seinem neuem Album weitgehend positiv überrascht, man merkt aber, dass auch er sich in den sieben Jahren weiterentwickelt hat und die Dinge in einem nicht weniger düsteren, aber doch anderen Blinkwinkel betrachtet. Damit geht sicher nicht jeder d’accord, aber das macht gesellschaftskritische Musik ja auch aus.


Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins JAW

Titel: Die unerträgliche Dreistigkeit des Seins
Interpret: JAW
Label: JAW (Groove Attack)
Datum der Veröffentlichung: 25. Mai 2018
Erschienen als: Audio CD, Vinyl, Mp3 download

 

 


Annabell Lamberth, geboren 1995, stammt aus Frankfurt am Main und ist Studentin der Soziologie und Psychologie an der TU Darmstadt. Sie schreibt zu Musik und Film. In ihrer Freizeit macht sie gerne Musik, geht auf Konzerte und Ausstellungen oder genießt einen guten drink. Sie bleibt aber auch gerne mal zuhause um ihre Film- und Seriensucht auszuleben.

Was nehmen wir mit von 2018? Eine postmondäne Leseliste

Jahresrückblick 2018

Vor dem Aufbruch in 2019 haben acht postmondänler nochmal darüber nachgedacht, was sie 2018 beschäftigt hat, und wagen einen Rückblick ins Lesejahr. Im Zentrum stehen fünf Themen, die das Jahr umranden: Ausdrucksformen, Lebenskonzepte, Symbiosen, Zeitreisen und Rassismus.

von Dirk Sorge, Simon Rösel, Florence Wilken, Katharina van Dülmen, Lennart Colmer, Dominik Gerwens, Gregor van Dülmen und Moritz Bouws

Übers Schreiben schreiben

Dirk über Nichtrechthabenwollen von Martin Seel

Martin Seels Gedankenspiele mit dem sperrigen Titel „Nichtrechthabenwollen“ sind Spiele ohne festes Regelwerk. Es ist ein Buch ohne Handlung, das – vereinfacht gesagt – versucht, auf der Grenze zwischen Philosophie und Literatur zu balancieren. Es ist eine ungewöhnliche Mischung aus philosophischen Aphorismen, poetischen Einfällen und autobiographischen Einschüben. Es ist ein Buch, das das Schreiben selbst thematisiert und mit verschiedenen Formen experimentiert. Es lotet die Grenzen des logischen Argumentierens und des linearen Denkens aus und reflektiert dabei über die Möglichkeiten von Sprache.

Was zunächst sehr allgemein und abgehoben klingt, gelingt Seel insgesamt recht anschaulich. Wenn man sich darauf einlässt, ist es streckenweise sehr unterhaltsam, zu beobachten wie sich Seel immer wieder selbst im Denken unterbricht und von vorne beginnen muss. Seel baut in seine Überlegungen viele Querverweise zum Kanon der europäischen Philosophie und Literatur, zur Jazzmusik und zum Kino ein. An einigen Stellen wirkt das leider wie ein bloßes name dropping, ohne inhaltlichen Mehrwert.

Die stärksten Momente sind meiner Meinung nach die, in denen er über Alltagsbeobachtungen, wie das Bahnfahren oder das Auflösen einer Wohnung schreibt, oder über andere biographische Erlebnisse. An diesen Stellen gelingt es Seel am besten, mit Assoziationen zu arbeiten, ohne in einen belehrenden Duktus zurückzufallen. Hier hätte sich Seel gerne mehr vertiefen können, um sich etwas mehr von den großen Vorbildern und Gewährsmännern (Wittgenstein, Kant, Proust, etc.) lösen zu können. Jedenfalls führt Seel eindrücklich vor, wie schwierig es ist, eine Form zu finden, in der Gedanken ausgedrückt werden können, die nicht anfechtbar sein sollen.

Nichtrechthabenwollen erschien 2018 bei Fischer.

Selfieliteraturen

Simon über Kämpfen von Karl Ove Knausgard

Mein Jahr endete so, wie es begonnen hatte – mit Karl Ove Knausgard. Anfang des Jahres las ich gerade an Band 3 des autobiografischen Min-Kamp-Zyklus. Jetzt, zwischen den Jahren, beginne ich mit dem letzten Buch der Reihe. Auf Deutsch heißt er Kämpfen. Seit ich die Bücher 4 und gelesen habe sind sicher zehn Monaten vergangen. In der Zeit habe ich oft über Knausgard gelästert. Ich sagte auf Partys oder im Café, er sei eitel, ein Mann, der Männerprobleme aus einer Männersicht erörtere. Sein Gestus der Selbstoffenbarung ging mir auf die Nerven. Jedesmal sagte ich aber dazu, dass ich die Bücher gut fand.

Trotzdem hat meine Familie Weihnachten wenig von mir gesehen. Dafür hab ich schon 200 Seiten des sechsten Bandes gelesen. Knausgards eigener Zwiespalt zwischen Selbstzweifel und Narzissmus überträgt sich auf das Leseerlebnis, das abstoßend und anziehend zugleich ist. Er schafft es wie wenige andere, die Selbstreflexion seiner Leser٭innen in Gang zu setzen. Auf einmal sehe ich mich selber als literarische Figur und denke über mich in präzisen Sätzen. Außerdem erkenne ich manche seiner Geschichten in ähnlicher Form in meinem eigenen Leben. Welche das sind, ist mir hier zu peinlich zuzugeben, aber vielleicht wäre das Stoff für einen Roman?

Kämpfen erschien 2018 bei Luchterhand.

 

Quelle. Instagram

Kurz und intensiv

Florence über Das Leben ist kurz von Marin Mosebach

Ein Jahresrückblick ist dazu da, sich Vergangenes noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Noch einmal las ich Mosebachs Erzählband mit zwölf kurzen „Bagatellen“. Fein säuberlich in vier Kapitel geteilt mit je drei Erzählungen, mal fiktiv mal autobiographisch, begegnet man unterschiedlichen Charakteren. Mosebach legt sehr subtil und mit gekonnter Ironie auch die unsympathischen Charakterzüge seiner Protagonistinnen frei. Ein gekränkter, kränkelnder Tenor, dessen Eitelkeit sich als Vorbote des drohenden Karriereendes aufbläht. Oder die Malerin, die aus Faszination und Schaffensgier die Zerbrechlichkeit eines Taubeneis ignoriert. Es gibt da aber auch die liebevollen Worte eines Fahrradfreundes, der sich an den freien Schwung erinnert, mit welchem er dem erdrückenden Schulalltag entfuhr. Die Kürze der Texte spiegelt sich im Titel. Trotzdem erscheinen die Welten, in die Mosebach uns einen Blick werfen lässt, extrem reichhaltig. Man meint, den Fahrtwind zu spüren, fühlt die Beklommenheit in der Opernprobe, sieht die Eleganz des spaghettiservierenden Fräuleins unter der mit Weintrauben bewachsenen Pergola vor sich. Ein kurzweiliges und intensives Leseerlebnis.

Das Leben ist kurz erschien 2016 bei Rowohlt.

Der Fall Ida

Katharina über Ida von Katharina Adler

Stimmverlust, Husten, Ohnmachtsanfälle und ein Abschiedsbrief – ein klarer Fall für Doktor Sigmund Freud. Da war sich der Texilfabrikant Philipp Bauer sicher und schickte seine Tochter 1900 zu dem von ihm sehr geschätzten Arzt. Ida Bauer wurde eine der berühmtesten Patientinnen des Begründers der Psychoanalyse – nicht zuletzt, weil die „widerspenstige“ Patentin die Therapie eigenmächtig abbrach. Den „Fall Dora“ veröffentlichte Freud einige Jahre später, 1905, in seiner Schrift Bruchstücke einer Hysterie-Analyse.

Aber wer war diese Ida Bauer bzw. später Ida Adler wirklich? Das fragte sich auch ihre Urenkelin Katharina Adler. Sie wollte ein Buch über eine Frau schreiben, „die man nicht als lebenslängliche Hysterikerin abtun oder pauschal als Heldin instrumentalisieren kann“. Ist ihr das gelungen? Ida basiert auf dokumentarischem Material; alle Leerstellen füllte die Autorin jedoch mit Fiktion. Aber war es nicht auch Freud, der behauptete, dass seine „Krankengeschichten […] wie Novellen zu lesen sind“ [Studien über Hysterie, 1895]. Und wurden nicht auch in seinen Schriften literarische Muster aufgedeckt?

Nichtsdestotrotz: Ida ist keine Biografie, sondern ein Roman, in dem Freud nur indirekt zu Wort kommt. Und in dem eine Frau porträtiert wird, die kaum greifbar ist. Auch sind weder Arzt noch Patientin Sympathieträger٭in: Freud ist etwas zu fixiert auf seine (Traum-)Deutungen; Ida, zu sehr auf sich selbst fokussiert, fehlt es an Empathie für ihr Mitmenschen. Gespickt mit vielen Anekdoten, die sich nicht immer in den Gesamtkontext einordnen lassen, wird nicht ganz deutlich, wo der Roman hinmöchte – und geht selten in die Tiefe. Ob Freud das gefallen hätte? Gelungen ist der Autorin aber trotzdem ein sehr gut recherchierter und lesenswerter Familienroman.

Ida erschien 2018 bei Rowohlt.

 

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Zweimal zurück in die Neunziger

Lennart über Sommerfrauen, Winterfrauen von Chris Kraus

Die Neunziger sind zurück. Das sagen zumindest all die Plakate, die auf Motto-Events in jeder Nähe hinweisen. Sommerfrauen, Winterfrauen spielt zu der heute nostalgisch-reanimierten Zeit, in der Blümchen und Buffalos angesagt waren – jedoch weitab von jenen Eurodance-Trends. Es ist 1996 und ein junger deutscher Filmstudent taucht für wenige Wochen in New York ab, um… nun, er weiß es selbst nicht genau, zu suchen. Getreu nach dem Motto „Wer sucht, der findet nicht“ stößt er dabei auf merkwürdige Menschen (sich selbst eingeschlossen) und seine unbequeme Familiengeschichte. Chris Kraus erzählt auf eine distanzlose wie sensible Weise, von den Leben und Leiden seiner Protagonisten, ohne sie dabei zu verraten.

Sommerfrauen, Winterfrauen erschien 2018 bei Diogenes.

 

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Lennart über Nordkraft von Jakob Ejersbo

In vielerlei ist dieser Roman näher an den 90er Jahren dran als oben genannter von Chris Kraus. Jugendliche, bereits gescheiterte Existenzen verzweigen sich im Dänemark jener Jahre zu einem schicksalhaften Beziehungsgeflecht und werden zu einem Perpetuum Mobile ihrer eigenen Geschichten, die Jakob Ejersbo auf eindrückliche, schnörkellose Weise erzählt. Der Leser kommt Menschen und Situationen nahe, welchen er lieber fern bleiben möchte. Auf der anderen Seite saugen Ejersbos Protagonisten ihn wieder an – wer Klischees aus dem Drogensumpf erwartet, wird mit teils rührender, teils abstoßender Menschlichkeit entwaffnet. Harte Schale, weicher Kern – mit einem harten Kernchen.

Nordkraft erschien 2004 bei DuMont.

Eine zeitlose Liebe

Lennart über Gun Love von Jennifer Clement

Eine melancholische Geschichte, die in der heutigen Zeit angesiedelt ist und zugleich eine magische Zeitlosigkeit ausstrahlt, erzählt Jennifer Clement in Gun Love. Der American Way of Life stößt hier auf eine unnachgiebige, langsam zersetzende Realität, in der eine junge Mutter mit ihrer Tochter lebt. Letztere führt den Leser durch ihre Welt, die stets zwischen leichtem Traumtanz und bitterer Härte balanciert. Wo schließlich der kleine, selbst gewobene und immer wieder zusammengenähte Frieden der kleinen Familie von Zerstörung heimgesucht wird, erblüht stille aber unaufhaltsame Rache in der Protagonistin Pearl. Ob das, was man spontan Happy End nennen möchte, tatsächlich eines ist, lässt sich vor dem Hintergrund der sich immer dramatischer zuspitzenden Geschichte kaum beantworten.

Gun Love erschien 2018 bei Suhrkamp.

Geschichte einer Symbiose

Dominik über Das letzte Jahrhundert der Pferde von Ulrich Raulff

Vergangenheit entsteht ja eigentlich nur dadurch, dass der Mensch sich auf etwas bezieht, das nicht mehr präsent ist, und so setzt Erinnerung immer das Bewusstsein des Bruchs zwischen zwei Zeiträumen voraus, die Menschen meist Zeitalter nennen. Das Zeitalter, auf das der Westfale Ulrich Raulff in seinem Buch den Blick zurückwirft ist jenes, das dem Menschen den Eintritt in die Moderne und die industrialisierte Welt der Gegenwart ermöglichte und trotzdem der Vergangenheit angehört: es ist das Pferdezeitalter.

Animate History, Human Animal Studies – nicht erst seit den Bestsellern von Yuval Noah Harari wird in der Geschichtswissenschaft nach dem spezifischen Verhältnis von Mensch und Tier und wie es unsere Lebenswelt bestimmt, gefragt. In Das letzte Jahrhundert der Pferde lernt der٭die Leser٭in ebenjene Tiere als Akteure von historischer Tragweite kennen, deren enge Beziehung mit dem Menschen die unsere geteilte Welt so maßgeblich  geprägt haben, dass man letztere eigentlich in Pferdezeitaltern gliedern müsste – vor, während und nach dem, was der Autor den „kentaurischen Pakt“ nennt. Universalhistorisch angelegt, elegant und mit viel Einfühlsamkeit geschrieben, hier und da vielleicht auch mit ein bisschen Wehmut angereichert, verbindet Raulff mit beispielloser erzählerischer Souveränität und frei von Überfrachtung Kulturgeschichte mit persönlichen Anekdoten, Mythos mit Theorie und begründet mit seiner Geschichte des Pferdes nahezu ein eigenes Genre.

Das letzte Jahrhundert der Pferde erschien 2015 bei C. H. Beck.

 

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Über Verantwortung

Gregor über Die Tagesordnung Eric Vuillard

2018 war ja auch ein Jahr verschwimmender Grenzen zwischen Information und Fiktion – von redaktionell frei erfundenen Spiegel-Reportagen bis zu belletristischen Sachbüchern wie Judith Schalanskys Verzeichnis einiger Verluste und eben auch Eric Vuillards Die Tagesordnung. In diesem richtet Vuillard literarisch ein paar Außenseiterperspektiven auf die Machtexpansion des Nationalsozialismus. Mit einem Erzählstil, der an Tolstoi erinnert, gleitet Vuillard durch Szenen, Schauplätze und Köpfe. Er springt hin und her zwischen einigen strategisch-mafiösen Schachzügen deutscher Machthaber. Am imposantesten hallt eine zentrale Szene nach, die das Treffen einiger deutscher Großindustrieller im Februar 1933 nachvollzieht, welche einen Geschäftstermin beim neu ernannten Kanzler wahrnehmen. Dieser, Hitler, suchte in der geladenen Gesellschaft finanzielle Unterstützung für die Reichstagswahl, und stärkt deren Interesse durch das Versprechen, sie in ihren Fabriken durch Zerschlagung von Kommunismus und Gewerkschaften ebenfalls als kleinen Führern freie Hand zu lassen – ein ehrenwerter Pakt, dem alle Beteiligten konsequent Folge leisten sollten.

Auf wenigen Seiten veranschaulicht Vuillard so Verantwortungen und Kontinuitäten von 1933 bis heute in Namen wie Siemens, Opel oder thyssenkrupp. Im Unterschied zu Tolstoi führt Vuillard seine Betrachtung aber nicht als im Grunde allwissender Erzähler aus, sondern stellt seine Leser٭innen selbst als im Grunde allwissend bloß, die gezwungen werden, sich ein paar Zusammenhänge neu bewusst zu machen, zum Beispiel die von unseren Haushaltsgeräten, mittelmäßigen Autos oder Rolltreppen zu Zwangsarbeit und Massenmord. Das Bewusstsein wird sogar zum dringenden Appell, vor allem an heutige Unternehmen, sich zu positionieren. Die Tagesordnung erschien ja nicht zufällig in Tagen, in denen antidemokratische Strömungen in vielen Industriestaaten zunehmen und Unternehmen gleichzeitig mehr Macht denn je besitzen.

Die Tagesordnung erschien 2018 bei Matthes & Seitz.

Quelle: Instagram

Träume aus der Zeitkapsel

Gregor über Nur einmal von Kathleen Collins

Nur einmal von Kathleen Collins ist eine Kurzgeschichtensammlung, die buchstäblich aus einer Zeitkapsel kommt: geschlossen irgendwann in den 1960er-Jahren, wieder geöffnet erst Jahre nach dem Tod der Autorin durch ihre Tochter, und voller knapper Manuskripte aus Jahren der Bürgerrechtsbewegung, als nicht wenige sich ein Leben in bunten, weltoffenen USA ausmalten. Durch einen fast fotografischen Schreibstil, mit dem es Collins schafft, Charaktere ihrer eigenen Lebenswelt realistisch abzubilden, gewährt sie Zugänge zu einer jungen Generation, die so hoffnungsfroh auf eine gleichberechtigte Zukunft im Regenbogenstaat blickt, dass es einen 2018 erschauern lässt, wie wenig von dieser Hoffnung überlebt hat.

Collins‘ Kurzgeschichte Whatever happened to interracial love? zum Beispiel fragt Ende der 60er-Jahre, warum sich die ganzen „interracial couples“, die in New York um 1963 herum eine Selbstverständlichkeit waren, nicht nur schon wieder getrennt, sondern bereits wieder undenkbar geworden sind. Der gerade erst gegründete Kampa Verlag tut sich und uns einen großen Gefallen damit, Collins‘ Geschichten in sein Debüt-Programm aufzunehmen. Endlich bekommt das Werk der bereits 1989 verstorbenen Autorin und Regisseurin auch bei deutschsprachigen Leser٭innen die Aufmerksamkeit, die es zu ihren Lebzeiten verdient hätten.

Nur einmal erschien 2018 bei Kampa.

How to be an African

Moritz zu Americanah von Chimamanda Ngozi Adichie

Dem dritten und aktuellsten Roman von Chimamanda Ngozi Adichie wird sicherlich nicht zu Unrecht bereits jetzt weltliterarischer Charakter zugeschrieben. Als Spiegelbild ihres literarischen und öffentlichen Engagements sowie der eigenen Lebenserfahrung gelingt es Adichie in Americanah auf beeindruckende Weise die weiten Felder Feminismus, Identität, Exil und Rassismus mit Stringenz und Leichtigkeit unter einen Hut zu bringen. Die Geschichte zweier sich liebender Menschen, die sich aus den Augen verlieren und doch wieder zueinander finden ist nicht innovativ. Dass die beiden Protagonist٭innen, die ihre Jugend zunächst im militärdiktatorischen Nigeria der 1990er Jahre in einer gebildeten und verhältnismäßig privilegierten Mittelschicht erleben, aus Perspektivlosigkeit das Herkunftsland mit verschiedenen Zielen verlassen und unerwartete Wendungen hinnehmen müssen, macht Americanah zu einem zeitgenössisch wichtigen Werk.

Der multiperspektivische Zugriff auf Migration und Identitätssuche in der US-amerikanischen und europäischen Gesellschaft bis in die Obama-Ära legt u. a. das antiquierte und klischeebeladene Weltbild auf den afrikanischen Kontinent, die graduellen Abstufungen von Rassismus und Sexismus, aber auch die Arroganz und Absurdität der akademischen Welt offen. Adichie selbst kennt diese Lebenswelten und präsentiert diese den Leser٭innen zwar humorvoll, verliert dabei die Hervorhebung der dargelegten Probleme aber nicht aus den Augen. Auch wenn Americanah nicht dieses Jahr, sondern im Original bereits 2013 veröffentlicht wurde, hat der Roman nicht an Relevanz verloren, sondern wird in der kommenden Zeit vielmehr an solcher zulegen – auch hinsichtlich der Tatsache, dass afrikanische Schriftsteller٭innen hierzulande nach wie vor zu wenig Berücksichtigung finden.

Americanah erschien 2014 bei Fischer.

Titelbild: Herbstprogramm ebenfalls 2018 entstandenen Kampa Verlags, © Gregor van Dülmen

How many Galileos do you want?

Ein weiterer Schub für den Mythos. Mit Zahn und Sound verkörpert Rami Malek in Bohemian Rhapsody den zur Legende gewordenen Queen-Frontmann Freddy Mercury. Mit maximal aufgedrehter Lautstärke und raketenartiger Geschwindigkeit geht es vom Beginn der Schöpfung bis zum allgemein anerkannten Höhepunkt der vielseitigen Band: dem Live-Aid-Auftritt von 1985.

Von Maria Engler


Musik-Biopics sind das kleine Schwarze der Kinolandschaft – passen zu jedem Anlass, sind nie aus der Mode und für jeden gibt es das passende Lieblingsteil. Filme wie Amadeus, Walk the Line, Control, Love & Mercy oder der aktuelle deutsche Hit Gundermann zeigen: kein Kinojahr ohne passendes Musik-Biopic. Erfolg verspricht nicht nur die gewinnbringende Verschmelzung zwischen Musik und Film inklusive dazugehörigen Publika, sondern auch die oftmals nach Verfilmung schreienden Lebenswege der musikalischen Genies.

Bohemian Rhapsody wagt sich selbstbewusst an das mystische Leben und Schaffen des bereits zur Legende stilisierten Queen-Sängers Freddy Mercury. Auf dem Weg zum phänomenalen Höhepunkt der Band passiert der Film wichtige Stationen des Lebens des bisexuellen Frontmanns und gibt Einblick in die technischen und sozialen Prozesse innerhalb und außerhalb der Band, die letztendlich zur Schöpfung der ebenso großartigen wie weltbekannten Songs der britischen Gruppe führte.

Wie der dazugehörige Musiktitel und gleichzeitig wohl größte Hit von Queen, arbeitet Bohemian Rhapsody mit verschiedensten Rhythmen, Modi und Geschwindigkeiten innerhalb der unterschiedlichen Phasen. Nachdem das Live-Aid-Konzert als narrative und ästhetische Klammer mit geradezu zeitlupenartigem Tempo in den Film einführt, überraschen die ersten 20 Minuten mit ungeahnt hoher Erzählgeschwindigkeit. Die in anderen Musik-Biopics oftmals ausgedehnten, erfolglosen Anfänge werden hier erfrischend kurz gehalten. Eben noch im elterlichen Heim, im nächsten Moment schon bei Top of the Pops und ein Zwinkern später entwickelt die Band bereits in ländlicher Abgeschiedenheit ihre größten Hits – der Mut zur Lücke geht zugunsten der Spannung.

Sehr viel mehr Zeit investiert der Film in seine Hauptfigur auf dem Zenit des Erfolges. Schwankend zwischen Genius und Größenwahn rücken der Charakter Freddys und die Beziehungen zur Wahl-Familie Queen in den Fokus und zeichnen ein vielschichtiges Portrait des Sängers. Abgelenkt lediglich durch die leider niemals ihren Charakter als Fremdkörper verlierende, scheinbar jeden Moment heraushüpfende Zahnprothese, kann Rami Maleks intensive, körperliche Performance nur als großartig bezeichnet werden. An ihn reicht sowohl in Sachen Ähnlichkeit als auch in facettenreichem Spiel lediglich Gwilym Lee als Brian May als gute Seele der Band heran.

Abseits persönlicher Eskapaden Freddys und seiner schwierigen Suche nach der eigenen Identität sind es vor allem die Momente innerhalb der Band, die Bohemian Rhapsody sehenswert machen. Seien es die genialen Ideen und sagenumwobenen Entstehungsgeschichten der Songs, die intensiven und oftmals schmerzhaften Auseinandersetzungen innerhalb der Band oder die schrillen Auftritte – der Film ist immer dann am besten, wenn es um die Musik geht.

Einen glorreichen und in Länge und Ausführlichkeit in der Geschichte der Musik-Biopics bisher nicht dagewesenen Höhepunkt bildet schließlich das Ende des Films. In einer nahezu deckungsgleichen Inszenierung des Live-Aid-Auftritts, fokussiert sich Bohemian Rhapsody auf das Wesentliche und stellt die unvergleichliche Energie der Performance und die Musik von Queen in den Mittelpunkt. In einem Moment cineastischer Perfektion überträgt sich die ton- und bildgewaltige Wucht durch die Leinwand hindurch in den Kinosaal und führt zu einem selten dagewesenen Hochgefühl. Wer sich von den sichtbaren (Schall-)Wellen der Begeisterung und der großartigen Musik nicht anstecken lässt, wurde vermutlich ohne ein Quäntchen Herz und Leidenschaft geboren.

Quelle: YouTube
Beitragsbild: © 2018 Twentieth Century Fox


Maria Engler ist eine der wenigen gebürtigen Berlinerinnen in Berlin und studiert Filmwissenschaft im Master. Wenn sie nicht gerade im Kino ist, schreibt sie Texte über Filme und Serien für ihren Blog diefilmguckerin.de oder andere schnieke Medien.

Wurst of metal

Auf der einen Seite gibt es da draußen so richtig gute Alben wie etwa Obscuras Cosmogenesis, Dendemanns Vom Vintage verweht, Mörglbls Grötesk, Prögressors Groovium ad Infinitum oder VAs Furi OST

Von Jens Marder


Misery Signals: Mirrors

MISERY SIGNALS fahren ein recht breakiges Sperrmüllcore-Brett auf, das allerdings nicht mit Vergleichsbands wie den gnadenlosen The Dillinger Escape Plan mithalten kann, da zu viel sinnfreies Gebrüll im Spiel ist. Prägnanz und Wiedererkennbarkeit müssen sich hier hinter Härte und gewiss nicht abzusprechendem handwerklichem Geschick der Kanadier (nicht die Nation) verstecken. Somit ist das Album selbst aufn dritten und vierten Hör eher quälend und auf eine unfeine Art sperrig. Sogar ein fanatischer Marder ist nicht in der Lage, auch nur eine einzige echte Großartigkeit in den Riffs und Klicks dieser Schwachkracher auszumachen. Daher fällt es auch schwer, Songs zum Testhören herauszufiltern. Vielleicht kann man den brachialen Opener „Face Yourself“ und den verschachtelten Titeltrack am ehesten empfehlen, wenn es denn unbedingt sein muss. Da das aber nicht unbedingt sein muss, empfehle ich eher, die Finger in Richtung Unearth, With Passion oder Co(ol). zu lassen, denn Metalcore darf ja auch Spaß machen.

TYP1: Ich ist ein Anderer

TYP1 kommt aus Deutschland und spielt ziemlich harten Alternative/Nu Metal. Was streckenweise noch weniger befriedigt als die Produktion, ist der heulsusene Gesang von Sue Bähring, die mit dem anderen Vokalisten nicht mithalten kann. Die nicht selten guten musikalischen Einfälle hätten eine mächtigere stimmliche Umsetzung verdient. „Morbid“ ist ein solide wütender Einstieg mit guten Brat-Gitarren. Danach folgt das textlich leicht angeskurrilte, melancholische „Kinder“, das durchaus zu beeindrucken weiß. „Phobie“ ist wieder die volle Doublebass-Härte, ein guter, energischer Song mit coolem Bang. Dasselbe gilt für „Allein zu zweit“ und „Liebe und Zorn“, die mit dem einen oder anderen Einfall aufwarten. Der Rest der Platte geht in Ordnung, eine nicht untalentierte Band.

THEODOR BASTARD: Sueta

THEODOR ist ein russischstämmiger BASTARD aus Electro/Gothic Rock, Weltmusik und einem Schuss Avant. Auf der Promo-Packung steht: „This album is waiting for a label to be released.” Dieser Satz ist nicht nur grammatikalisch schwierig, denn so gut wie jeder der auf diesem bereits siebten Album („Suetá“ = russ. Hektik, Wirrwarr) vertretenen Songs ist dermaßen gähnial, dass ich an dieser Stelle mehr Lust darauf habe, „gähnial“ zu googeln und zu gucken, wie viele Personen vor mir schon darauf gekommen sind (es sind nicht wenige, wie ich feststellen muss, was meinen Gag wohl recht gähnial macht), als mich weiter mit dieser LP (= langweilige Platte) auseinanderzusetzen. Na gut, der Fairness halber sei gesagt, dass der Titelsong halbwegs leer ist. „Under The Rain“ weiß ebenfalls durch eine Lullodie zu gefallen, auch wenn das Sigur-Rósige Lullement insgesamt etwas zu präsent ist. „Aliah“ hat was von der Abstraktheit Omelette Lullmans, ebenfalls ein Plus. Doch insgesamt dominiert das Stilmittel der Eintönigkeit, sodass dieses Album genau dort anzusiedeln ist, wo Melancholie und Monotonie sich Guten Tag sagen. Spezialtipp: Objectionable Apparatus von Kol Belov.

THE ALIEN BLAKK: Modes Of Alienation

Relativ eigenartiger Instrumetal, der uns hier von Joshua Craig (Komponist, Gitarrist und Produzent), David Ellefson (Ex-Megadeth) und Craig Nielsen (Flotsam & Jetsam) geboten wird. Totaler Crossoverkill, vom hart riffenden „Replihate“ (die Nummer ist fast so gut wie das lame Wortspiel) bis hin zu der ultrasüßen Zuckerballade „Sol Amente“ (die Hauptmelodie ist klischeegeladener als so manch ein russischer oder chinesischer Popsong), von dem Country-Strike „Twin Twang Twung“ bis hin zum flamencodierten „For Max“ ist so einiges an Genres dabei. Bei Modes Of Alienation handelt es sich um ein in Ansätzen interessantes Album, das oft mitreißender und nicht so unterproduziert hätte ausfallen können. Außerdem ließ ich mir sagen, dass der Gitarrensound kaum Vibrato hat, was wohl irgendwie scheiße ist.

SPIRITUS MORTIS: Fallen

Seit fast zwanzig Jahren frönen SPIRITUS MORTIS dem Untergang und sind noch immer nicht untergegangen. Gut Doom will Weile haben. Doch so ganz doomig geht es auf „Fallen“ eigentlich gar nicht zu. Es ist oft ein ziemlich rockig rollendes Album, das die Traditionen des langsamen und umso schwereren Metalls mit denen des Classic Rock verbindet. „Leave Me“, „Something Came And Killed“ oder „All This In The Name Of Love“ (dieser Anspieltipp ist trauriger als eine Trauerweide) sind dabei allesamt gelungene Stimmungskanonen: Sie heben die Stimmung des Rezensenten, indem sie sie auf einen ordentlichen Doom-Level senken. Leider gibt es auf dem Album auch so manche aussageschwache Stelle, und das Eröffnungsriff von „Sleeping Beneath The Lawn“ ist nun wirklich alles andere als neuwertig.

SÓLSTAFIR: Masterpiece Of Bitterness

7 Lieder in 70 Minuten ist schon mal ordentlich episch. Die Reise durch dieses finnische „Meisterwerk [?] der Bitterkeit“ beginnt mit „I Myself The Visionary Head“. Man möchte dem Track keinesfalls einen gewissen Tiefgang mit phantastischem Potential absprechen, doch gehen diese Attribute, falls vorhanden, mit fast auf 20 Minuten gezogener Langeweile einher. Trotz Doublebass und Blastbeat schaltet man schon mal ab, denn viel passiert da nicht. Ähnlich unterpointiert-zeitverschwenderisch wirken Track 2 und 3. „Ghosts Of Light“ bringt aber doch noch etwas Abwechslung und Griffigkeit in die Sache, wenn auch nicht in Überdosis. Dann kommt „Ljósfari“, das durch seine umfassende, energische Trauer mitreißt, was wahrscheinlich vor allem am flotten Schlagzeug liegt, das der nicht unbedingt Paradigmenstruation verursachenden Hauptakkordfolge den nötigen Zusammenhalt verleiht. „Ritual Of Fire“ ist wieder ruhiger konzipiert, und mit „ruhiger“ ist eine Musik gemeint, die vor allem für Leichen (und solche, die es werden wollen) interessant sein dürfte. Nichts für ungut, aber diese Partymucke ist trotz einer gewissen nordischen Schönheit und origineller Drums kein Muss. Das Outro „Náttfari“ schließlich überrascht mit einer gewissen Wüstenrockigkeit, kann aber ansonsten nicht das mittlerweile gefestigte Urteil beeinflussen, dass es sich bei diesem Album leider um keine Kaufempfehlung handelt. Wer auf prachtvoll-begnadete Epik steht, der möge sich etwa „Sapphire“ von Redemption ans Herz wachsen lassen, kein unschmerzvoller Vorgang übrigens.

SARALEE: Darkness Between

Die Finnen SARALEE spielen einen leicht angegothten, melodisch-melancholischen Rock/Metal-Hybriden. Der Opener „Everytime“ ist ein hübsches Pop-Lied, das den Stil und die Stärken der Band gut auf den Punkt bringt. „Black & Hollow“ ist ebenfalls prima geglückt, elegante Klavierbegleitung sorgt für ein sympathisches Stimmungstief, welches dem Bandsound eine eigene Wärme verleiht. Der titelgebende Track kommt mit einem echt hitverdächtigen Refrain und einer ehrlichen Sentimentalität daher, sodass man auch hier mit durchausem Respekt nicken darf. „My Sweet Craving“ überrascht trotz aller Depriphilie mit flippischem Hard’n’Heavy-Riffing, das dann aber doch in langweiligere Gefilde abdriftet, was wohl auch das Manko von Darkness Between insgesamt sein dürfte: Solide Songs stechen aus den ansonsten lauen Kompositionen heraus, weswegen alles in allem ein gut gemachtes, aber immer wieder albernes Album das Resultat ist.

PLATITUDE: Silence Speaks

Wie kann sich eine Band PLATITUDE nennen, wenn sie als Ausgleich zum verhängnisvollen Bandnamen nicht mindestens so originell und aufregend klingt wie etwa Ark auf Burn The Sun? Na ja, ganz so schlecht ist deren Musik ja nicht. Die Schweden haben einen guten Sound, einen guten Sänger und gute Instrumente. Aber ein Gemeinplatz-Hasser muss schon genauer hinhören, um festzustellen, dass das alles nicht so ganz platt und abgegriffen ist, wie es zunächst klingen mag. Nach reiferer Überlegung stellen sich Songs wie „Tell The Truth“, „Nobody’s Hero“, „Silence Speaks“, „You“ (Refrain-Qualität beachten!) und das überaus cool und dramatisch riffende „Don’t Be Afraid“ (Anspieltipp!) als grundsolide heraus. Also ein zweitklassiges Album, das zum Glück nicht frei von einigen erstklassigen Momenten ist.

Face Down: The Will To Power

FACE DOWN sind wieder da und richtig derbe drauf, genau so, wie es sich für eine Thrash/Death-Metal-Band gehört. Da drastische Drums und rigorose Riffs auf The Will To Power keine Ausnahme sind, kann das Album schon mal nicht schlecht sein. „Blood Tiles“ ist ein erbarmungsloser Wegfeger, „Insanity“ und „Warhog“ sind viehisch, brutal, direkt. „Will To Power“ ist gnadenlos und bietet abwechslungsreiches Gitarrenspiel, das am Ende überraschend in einen düsteren Pianopart übergeht. Auf der anderen Seite haben wir jedoch auch so Sachen wie z. B. „Drained“, „Heroin“, „Heretic“ und „The Unsung“, die entweder zu wenig oder zu viel Wiedererkennungswert haben, was in beiden Fällen nicht gut ist. Insgesamt ist die Platte echt nicht übel, schließlich kriegt man bei jedem Song eins in die Fresse. Doch manchmal geht die Thrash-Gleichung (Thrash = derb + fies) nicht ganz auf: FACE DOWN sind oft einfach nicht fies genug, was dieses Album unterm Strich schlechter als gut macht.

Circle of Dead Children: Zero Comfort Margin

CIRCLE OF DEAD CHILDREN machen Grind, Death und Crust. Dass die hier praktizierten Riffs besonders simpel sind, kann man nicht behaupten. Wie bei vielen Extrem-Metal-Gruppen trifft man auch hier auf Breaks en masse. Allerdings blubbert die grindige Brühe im Endeffekt ideenlos daher, Tempowechsel & Schmankerl vermögen nicht über die Tatsache hinwegzutätscheln, dass die vorliegende Platte nicht viel mehr zu erzeugen vermag als irgendeine undifferenzierte Art von morbiden Gruselantien. Während andere vergleichbare Bands in 20 Minuten eine dichteste Kugelpackung aus Harmonie und Dissonanz abliefern, hat das vorliegende Album eher was von einer Fehlzündung. Natürlich kann man zu dieser Mucke viel besser bangmoshen als zu einer Fehlzündung, aber es gibt ja auch genug andere Bands, die nicht nur knüppelkotzen, sondern auch formidable Strukturen erschaffen. Wer als Kind genug Brei hatte, darf auf Zero Comfort Margin verzichten.

SWITCHBACK: Angel Of Mine

Thrash, Death, Mathcore. Auf der Erstlingsrille der Schweizer SWITCHBACK kommt einiges an Extrem-Metal zusammen, und es entsteht eine (head)bange machende, immer wieder recht originelle Fleischhausubstanz namens Angel Of Mine. Die Promoter sprechen hier von „Elf-Track-Weltenbrand“, was nicht ungewagt, aber irgendwo verständlich ist. In der Tat werden hier jede Menge Bolzen verschossen. Während der Opener recht unspektakulär weht, blasen Songs wie „Ironic Sensation“, „In The Deep Of My Soul“ oder „Eco“ die pure Ästhetik des gemeingefährlichen Thrash-Riffs auf eine nett dagewesene Art und Weise. Der Titelsong geht los mit einem flink gezockten Gitarrenintro, das auf mehr hoffen lässt, als dann tatsächlich kommt. Nach dem zweckdienlichen Akustik-Instrumezzo gibts mit „The Flames Of The Beyond World“ und „Esperanza“ noch zwei anständige Attacken, bevor sich das Album auch schon dem Ende zuneigt und den Hörer mit ein paar blauen Metalflecken im [empfindliches Körperteil] nicht unzufrieden zurücklässt.

VOODOMA: Reign Of Revolution

Nicht überragend, jedoch gut tut das zweite Album der deutschen Power-Metaller VOODOMA. Mit Oma hat das hier nix zu tun, denn Reign Of Revolution knallt epischwer-melodiös durch die Boxen und würde so manches Altersheim revitalisieren. Geil geht zwar anders, aber „World In Hands“ zum Beispiel ist ein überzeugendes Stück, „White Lies“ ist sehr heavy und „Rude Awakening“ schlägt in dieselbe Derbkerbe – ungesüßter, Judas-Priesterlicher Heavy F****** Metal! „Traces Of Sin“ ist melancholisches Schmeichelmark,  der Rest ist dann aber doch irgendwie nicht das Sahnetüpfelchen auf dem i.

UREAS: The Naked Truth

UREAS sind eine dänische Power-Metal-Band mit dezentem Progfaktor. Das Musikerehepaar Heidi und Per verarbeiten jede Menge eingängiger, guter bis sehr guter Ideen zu einer leichten bis grundsoliden Kost, die sich hören lassen kann. Dank einer leider guten Textverständlichkeit wird der Hörer zwar zuweilen durch ärmliche Texte und Reime vexiert, aber das soll bei der Bewertung nicht ausschlaggebend sein, obgleich Fröhlichkeitsgekloppe, Sprechgesang und Textzeilen wie „I say a prayer to the father in heaven – what shall I do? Give me a sign“ nicht gerade das Gelbe vom Ei, sondern eher vom Himmel sind. Dafür können dann aber Lieder wie „Intoxicated“, „In My Life“, „Survived“ und allem voran „Colour Us Blind“ (Klassiker?) recht sehr überzeugen: (ab- und an-)hörenswert.

UNDERTOW: Milgram

Nach dem etwas zu langen „In“(tro) geht es mit „Stomping Out Ignorance“ ans Fett: Harte Riffs und melodische Parts prägen nicht nur diesen gelungenen Opener, sondern auch das gesamte vierte Album der deutschen Hard-/Metalcoreler UNDERTOW. Weitere brauchbare Lieder sind „Two Fingers“ (emotional ansprechendes Refrain), „Buried In Snow“ (smoothes Riff) oder „This Is The Worst Day … Since Yesterday“ (eindringliche Ballade mit gewissenhaftem Drumming). Allerdings sei gesagt, dass die vorliegende Platte trotz einiger Lichtblicke in Form von Überdurchschnittlichkeit eher tunnelt.

PHAZE I: Phaze I

PHAZE I liefern hier ein intensives Metalerlebnis moderner Prägung ab, das vom Energielevel her durchaus mit Darkane oder dem Biomechanical-Meisterwerk The Empires Of The Worlds vergleichbar ist. Leider ist das Album nicht optimal produziert, sodass man sich die tollen Melodien teilweise dazudenken muss. Aber wahrscheinlich ist es kein Wunder, dass bei so viel mächtigem Gebeule das eine oder andere Detail untergeht. Hier wird ohne Ab gedroschen, es gibt immer wieder proggige Abwechslung, das Schlagzeug ist streckenweise echt monströs, solch fieses Gedrumme muss man erst mal ignorieren lernen. „New Archetypes“ wartet beispielsweise mit einer brillanten Melodie auf, die zwischen Riffstakkato und Riffstakkato untergebracht ist. Danach geht es direkt mit „Evolution Of A Species“ weiter, ein ebenfalls heftiger, wenn auch nicht ganz so großartiger Song, der auf den hohen Derbheitslevel von „Stench Of Their Flesh“ vorbereitet. Track 3 dreht nämlich gleich mit einem total hemmungslosen Riff auf und macht auch im weiteren Verlauf keine Kompromisse, von Gefangenen zu schweigen. Selbiges gilt für das anepisierte „Screams Of Dying Dogs“. „Going To Exist“ setzt dem Ganzen nicht unbedingt die Krone auf, denn es ist das nicht schlechte Ende eines voll nichtschlechten Albums.

PARKWAY DRIVE: Killing With A Smile

PARKWAY DRIVE sind im Prinzip eine weitere tendenziell unfaszinierende Metalcore/Death-Metal-Combo mit einem nichtssagenden Bandnamen, einer einwandfreien, heftigen Instrumentalarbeit und erstklassigen Produktion. Meistens gilt es, mehrder uninspirierte Riffs zu belauschen, die nicht berauschen. Hin und wieder gibt es feine Ausnahmen in Form von einfallsreichen Technikspielereien, die eine Dose Überdurchschnittlichkeit aufmachen. Hervorstechend sind da beispielsweise „Romance Is Dead“ (der Break in der Liedmitte groovt wien Wildschwein), „Guns For Show, Knives For A Pro“ (schweres Riffing) oder „It’s Hard To Speak Without A Tongue“ (cooles Intermezzo). Grundsätzlich aber ist dieses Album eher lau und wirft erneut die Frage auf, wieso die Australier (die Band, nicht das Volk) unbedingt so erfolgreich sein müssen.

MORTAL LOVE: Forever Will Be Gone

Man muss zugeben, dass es sehr schwer ist, an ein Album mehr oder weniger objektiv heranzutreten, das auf zehn Kilometer nach (un)geschminktem Gothkitsch mieft. Der Bandname MORTAL LOVE wäre gerade noch so zu vertragen, wenn da nicht der hyperkitschige Titel Forever Will Be Gone wäre: Zum Schlüssellutschen muss man sich nun gar nicht mehr bücken … Bis auf wenige Ausnahmen wird hier geradezu hirnwidriger Kitschquatsch geboten, dessen angestrebte Schönheit von der Vokalistin respektive „Sägerin“ (s. Presse-Info) Cat überaus kitschwillig erzeugt wird. Aus der Masse der hier dargebotenen Gähniestreiche (es sind nicht wenige, wie ich feststellen muss, was meinen Gag selbst wohl recht gähnial macht) fallen lediglich folgende zwei Tracks ein wenig heraus: „While Everything Dies“ bietet (neben ein paar deutschen Textzeilen) Gruselharmonien im Refrain, was dem Song mehr Tiefgang verleiht. Auch der Titelsong überrascht mit ungothischem Black-Metal-Riffing, das jedoch umso typischer für Black Metal ist und somit im Endeffekt nichts wirklich Neues bietet. Dennoch ein nicht uncooler Abschluss eines ansonsten waghalslosen und spannungsentladenen Albums.

MISERY INC.Random End

MISERY INC. aus Finnland spielen auf ihrem zweiten, gut produzierten Album Random End modernen, relativ skandinavischen Power/Thrash Metal, eine Kombination, die am ehesten an Into Eternity erinnert, wenn man das Virtuose wegdenkt. Sowohl Gesang (clean/death) als auch Instrumentalsektion überzeugen. Lediglich das Kompositorische wirkt oftmals müde, was natürlich der Hauptkritikpunkt sein muss. So manches Riff hört sich ganz gut an („Hymn For Life“, „Apologies Denied“) und so mancher Liedanfang vermag das Bang-Gen zu aktivieren („Yesterdays Grave“, „Source Of Fatal Addiction“, vor allem aber die beiden letzten Thrasher „No Excuse For Weakness“ und „Out Of Here Alive“), aber dann verliert sich der Song in Durchschnittlichkeit, weil die melodiösen Parts irgendwie kein Feuer der Erkenntnis entzünden und dem Hörer keine wirkliche Erleuchtung bringen. Und so muss man zu dem Schluss kommen, dass man von diesem Album kein Ohrenbluten bekommt, weder im positiven noch im negativen Sinne.

MIRZADEH: The Creatures Of Loviatar

Nach dem sowohl düsteren als auch vorhersehbaren Intro mit dem ekligen Titel „Whispers From Filthy Wombs“ gehts mit einem munteren Riff an Mutters Einmachglas Black-Metal-Meat. Noch ist man von MIRZADEHs The Creatures Of Loviatar nicht gerade hin und weg, obgleich die sinistren Monster allmählich aus allen Löchern zu köcheln beginnen. „Viper Of The Frozen Ground“ haut auch nicht aus den Socken, macht aber durchaus auf ein gewisses Talent der Band aufmerksam. Prägnanter ist „Louhi’s Legacy“: Abgehacktes Riffing lässt den Track spannend beginnen, jedoch dominieren schon bald selbstgeknüpfte Keyboardteppiche aus dem Schwarzen Kindergarten, was dem Ganzen doch wieder den anfänglichen Wind aus den Segelohren nimmt. Überhaupt verwässert hier die Tastenbegleitung das Album unglaublich, vielleicht kann man sich da ein Scheibchen von der Dimmu-Borgir-Wurst abschneiden, deren feinste Wässer tiefer sind. Einer der wenigen echten Höhepunkte, oder vielleicht der einzige Höhepunkt, dieses Albums ist auf „Tuonelan Lasten Tanssi“ vorzufinden, als nämlich bei 1:22 das feine Hauptriff einsetzt, dessen Originalität und Energie erdmännchenähnlich aufhorchen lässt … Ausklingen lassen die Finnen ihr Werk mit einem Outro, „Kalmisto“ heißt das dämliche Teil. MIRZADEH verbreiten wenig Licht und noch mehr Schatten, was selbst bei einer Black-Metal-Band nicht als Kompliment gemeint sein muss.

MESRINE: Jack Is Dead (1999 – 2004)

Die vorliegende Platte vereint „das Beste“ aus 12 EPs (inklusive einiger bis dato unveröffentlicht gebliebener Tracks) der kanadischen Grind-o-Matten MESRINE. Vump Jahre Grind bis zum Absterben, alles auf einer Platte. Benannt nach dem französischen Ganoven Jacques Mesrine, treiben MESRINE fast 80 Minuten lang Extrem-Unwesen. Saumäßiges Gebrülle, Gekloppe und Gedärme fliegen aus den Boxen, und das alles gar nicht mal so doof. Es fällt auf, dass die Jungs sich bemüht haben, hin und wieder so etwas wie eine Melodie einzupflegen, damit man die Songs besser auseinanderhalten kann. Dass man sie dennoch nicht auseinanderhalten kann, beweist eindrucksvoll, wie schwer es sein muss, ein Album zu komponieren, das Derb Metal frönt und dabei nicht nur Arsch tritt, sondern auch Köpfchen.

KRISTENDOM: Awakening The Chaos

KRISTENDOM aus Frankreich veröffentlichen mit Awakening The ihr drittes abendfüllendes Album, das ordentliches Death-Metal-Entertainment mit gut Groove und Trommelfellmassaker ermöglicht. Nach den zwar kräftigen, aber kompositorisch eher unspektakulären „Existence“ und „Failure“ kommt mit „Le Souffle Animal“ ein erster überzeugender, atmosphärisch packend umgesetzter Song aus dBoxen. „Short Life“ kracht ebenfalls cool und bearbeitet den Hörer abwechslungsreich. „Welcome“ hat ein catchy Riff als Grundgerüst, was dem Liedchen einen dicken Pluspunkt auf der nach schlimm offenen Monsterskala garantiert. Es folgt noch ein Slayer’scher Break als (obligatorisches) Sahnetüpfelchen als Reisevorbereitung nach Headbangladesch. Ebenfalls sehr einprägsam ist „Impure“, ein recht technisches Ungetüm. Der Rest liebäugelt dann wieder mehr mit Belanglosigkeit. Insgesamt gesehen also ein mit Schmackes produziertes und eingespieltes Album, dem jedoch noch zu viel Durchschnittlauch zwischen den rar gesäten Zähnchen steckt.

KALIBER: Neues Land

Ehrlicher Alternative-Gitarrenrock aus deutschen Landen mit deutschen Texten. „Ehrlicher“ klingt, um ehrlich gesagt, nach Euphemismus: KALIBER können singen und spielen, keine Frage. Heutzutage wird so viel produziert: jeder Dritte schreibt ein Buch, jeder Zweite dreht einen Film, jeder Einzelne spielt in einer Band. Nur ist Vielfalt nicht immer das Gegenteil von Einfalt. Außer vielleicht „Meine Stadt“ scheinen die restlichen Songs recht durchschnittlich kalibriert zu sein. Passend dazu auch die relativ mediokre Titelanspielung im letzten Satz. Bevor ich zu negativ werde und mit diversen unkoscheren Konnotationen des Wortes „Land“ unter die Gürtellinie bzw. ins Loch greife, kommen wir zum Punkt.

GOLGOTHA: New Life

GOLGOTHA aus Spanien sind absoluter Death/Goth-Doom. Langsame, schwere Nüstern einer verboten tiefen Stimme pressen den Hörer in die fötale Aussichtslosigkeit (??? – Anm. d. Red.). Ein bisschen wie Bolt Thrower, nur nicht so militaristisch. Auf jeden Fall übelstes Mittel-Tempo. „Never, Never Again“ ist beispielsweise ein gewaltiger, erhabener Song, dessen Refrain als Kind in ein Bad aus Melancholie und Hoffnungslosigkeit gefallen sein muss – berückend! „I Am Lost“ hat auch Klassiker-Ambitionen. Ein simples, aber dennoch eindrucksvolles Heavy-Riff eröffnet das Lied, in dessen Verlauf die Atmosphäre ausgebuchtet wird. „Lake Of Memories“ ist, wie der Titel schon vermuten lässt, episch, was allerdings nicht unbedingt ein Qualitätsgarant ist. Genau genommen sind es vor allem die zwei anfangs erwähnten Titel, die echten Wert haben, während die übrigen Tracks zwar eine (eindeutige) Stimmung zu transportieren vermögen („Forever Gone“), songwriterisch aber eher uninteressantish sind, zumal vieles ziemlich ähnlich und altbacken klingt. Also der ultimative Bringer ist es nicht, aber für Fans dieser Stilrichtung eine Schwermutprobe wert.

EXTREMA: Set The World On Fire

Ziemlich solide, was die Italiener (die Band, nicht die Nation) da auf ihrem sechsten Album in den Kasten gebumst haben. Es gibt sowohl alternative als auch thrashige Metalcore-Elemente in ihrem Sound, was Set The World On Fire, so unscheinbar der Titel auch klingen mag, zu einem abwechslungsreichen Plättchen macht. „New World Disorder“ ist ein Prügelknabe vom alten Schlage, „Second Coming“ ist etwas zurückhaltender, aber ebenfalls riffrough. Weitere interessante Stellen gibt es auf „Restless Soul“ (Soli), „Six Six Six Is Like Sex Sex Sex“ (is was dran) oder auch „The Will To Live“ (eigensinniger Anfang) zu hören. Enden tut das Album mit einem sog. nichtnotwendigen „Ace Of Spades“-Cover und einem daran anschließenden, sog. nochwenigernotwendigen,abernatürlichauchniemandemwirklichschadenden Bonustrack. Eine stellenweise packende, immer wieder aber auch unspektakuläre Leistung von einem Album, das man sich ruhig mal aufhören kann.

ELECTRIC OUTLET: On!

ELECTRIC OUTLET ist ein Fusion-Projekt, das auf dem vorliegenden Album On! (zu) gut hörbare, immer wieder Easy Listening zugetane Musik entfaltet. „Comprendes“ wird seltsamerweise mit dem charakteristischen Soundeffekt aus dem US-Serienhit 24 eröffnet und entwickelt sich zu einem groovenden, wenn auch schnell durchschauten Longtrack. Während der Jack-Bauer-Verweis für den Opener nicht ganz sinnvoll erscheint, lässt das ziemlich starke „Propellerhead“ durchaus an den Soundtrack einer fiktiven Agentenserie aus den Achtzigern denken, inklusive gelegentlicher Versatzstücke des James-Bond-Themas. „Odd Garage“ ist trotz des eher vielversprechenden Titels ein Liegepinkler geworden, also ein Stück, das ganz nett und ein bisschen funky vor sich hin vegetiert und mit an Sicherheit grenzender Sicherheit ganz wenig Neues bietet. Dasselbe Manko lässt sich auch bei den Nachfolgern „We Need A Plan“ (dieser Satz wird immer wieder von einer Stimme rezitiert und ist, so leid es tut, auch ein wenig selbstreflexiv zu verstehen), „Tekky“ und „Gold III“ nicht verleugnen, obwohl hie und da einige nahezu progmetallische, ziemlich lässige Riffs angespielt kommen. Der Schlusstrack „Miles Away“ schließlich ist, wie fast der ganze Rest der Platte, noch weit von den Gordian Knots oder gar Mahavishnu Orchestras dieser Welt entfernt. Als Alternative zum handwarmen Zeug bietet sich die Knüppel-Action mit Kiefer Sackabland an.

EAGLES OF DEATH METAL: Death By Sexy

Ich finde es regelrecht schlimm, dass die EAGLES OF DEATH METAL keinen Death Metal spielen, sondern so was Alternativ-Rock-’n’-Rolliges, sich aber dennoch mit dem Metall des Todes im Namen schmücken. Klar, der Opener „I Want You So Hard“ ist sicher ein kleiner Hit, und das dazugehörige Video (mit Jack Black in einer kleinen Nebenrolle) echt witzig. In „Cherry Cola“ wird mit gut gebauten Akkordfolgen das Getränk besungen, und „Poor Doggie“ hat einen straighten Rock-Beat und ist recht bluesig und cool ausgefallen. Aber sonst ist das Album ein großer Schmerz im Arsch! Man darf vor dem QotSA-Frontmann Josh Homme (hier am Schlagzeug) so viel Respekt haben, wie man will, aber eins steht fest: Während seine ziemlich großartige Stammband für Fans von guter Musik komponiert, komponieren die EAGLES für Fans von Glam-Rock-Parodien oder so. Was.

DISARMONIA MUNDI: Mind Tricks

Eigentlich unverständlich, wie man derart langweilige und belanglose Alben aufnehmen und den absolut übersättigten Markt noch weiter mit kunstlosem Mist ausstopfen kann. Keine Top-Produktion und kein einwandfreies Handwerk der beteiligten Musiker (darunter auch Biom „Speed“ Strid am Grunz) können mich davon abhalten zu meinen, dass es sich bei DISARMONIA MUNDIs drittem Album Mind Tricks um ein/en unnötigen In-Flames-/Soilwork-Klo/n handelt, zu dem man kataton bangend die Spülung betätigen möchte. Größtenteils uninteressante Kompositionen durchziehen diese selten überragende Platte und machen Lust auf weniger. Der Titelsong klingt zwar ganz anständig (nicht eigenständig!), vielleicht auch „Parting Ways“ und „Liquid Wings“, ansonsten jedoch: GÄHNichtkauf

CRUACHAN: The Morrigan’s Call

Das Eröffnungsriff von CRUACHANs The Morrigan’s Call ist wahrscheinlich so alt wie Metal (nicht die Musikrichtung, das Material). Das muss eigentlich nicht sein, selbst wenn die irische Pagan-/Folk-Metal-Band ihre Musik mit deutlichen Einflüssen aus alten Zeiten versetzt. Hier gibt es Violinen, Mandolinen und kleine Bläser, zwischendurch auch Death- bzw. Black-Metal-nahe Kreischattacken, aber die Vielfalt an Instrumenten hilft nicht immer über die häufige Schlichtheit der Kompositionen hinweg. „The Brown Bull Of Cooley“ besticht durch eine schöne, geheimnisvolle Melodie, „Coffing Ships“ kombiniert kompromisslosen Black Metal mit lustiger Kirmesmusik aus dem Jahre 1234, „Ungoliant“ scheint eine Reprise des wunderschönen, schon erwähnten „The Brown Bull Of Cooley“ zu sein, wobei interessanterweise keine besonderen Unterschiede zum letztgenannten Track feststellbar sind. Der Rest der Platte ist unterm _______________.

ALLHELLUJA: Pain Is The Game

Gleich zu Beginn sei bemerkt, dass die Musik dieses Heavy-Rock-’(n’-Death’-)n’-Rollers nicht mit der Sonderbarkeit des Covers mithalten kann, das ästhetisch irgendwo zwischen David Lynch und Silent Hill anzusiedeln und entsprechend augenfänglich ist. Der Opener „Are You Ready?“ ist sicher ein Song von Format, energiegeladen und prägnant. „Demons Town“ ist ebenfalls ein griffiger Riffer mit einem coolen Refrain. „Big Money, Sweet Money“ hat etwas von Alice in Chains, durchaus ein Aussagekräftiger. Der Rest ist eher Groove-Brei, der mit neophoben Simpelriffs anödet. Also na ja, eine gewisse Qualität kann man dem Vierer um Hatesphere-Sänger Jacob Bredahl nicht absprechen, aber ob ich dieses Album je wieder hören werde, ist so fraglich wie die Ampel in der Kirche.

AGORAPHOBIA: Sick

Auf ihrem selbstproduzierten Sickbum gibt es gut gemachten Thrash/Death mit diversen modernen Einflüssen zu hören. „Gut gemachten“ klingt nicht nach purer Begeisterung: Tatsächlich gibt es zwar hier und da ordentliche Riffs, die aber nicht zwingend dafür sorgen, dass die Songs für längere Zeit einen Platz im Stammhirn finden. Dafür sind die tragenden Ideen in den besten Tracks des Albums wie „With A Smile“, „The Call“ (hat was von Train Of Thought) oder „Harassed Consciosness“ zu bräsig, gut gemeint zwar, aber doch nicht bissig genug. „My Weapon“ mag zwar echt Power haben und rifft fast auf demselben Frechheitslevel wie Destruction in Bestform (etwa „Bestial Invasion“), dennoch werde ich nie kapieren, wieso Leute ein Album Sick nennen, wenn es lediglich vor sich hinsickert.

Xcarnation: Grounded

Laut Promo-Beipackzettel treibt es Cenk Eroglu, Begründer, Sänger, Gitarrist, Keyboarder, Komponist und Produzent seiner Band XCARNATION, progressiv und meisterlich. Diese Aussagen müssen etwas relativiert werden: Hier wird hin und wieder überdurchschnittlicher Industrial/Electronic Rock geboten, der nicht progressiver ist als Nine Inch Nails. Der Packungsbeilage lassen sich ebenfalls angedeutete King-Crimson-Bezüge entnehmen, die angesichts von nicht weniger als vier kompositorischen Platzpatronen auf diesem 10-Schuss-Album sowie der gerade erwähnten Straightness des Materials wirklich mehr als unangebracht sind. Hervorragen tun andererseits das mehr emotionale denn innovative, mit sich dramatisch zuspitzendem Riffing ausgestatte „Everlasting“, die sehr schöne, aber auch überaus Bryan-Adamselige Ballade „Without You“, das mit exotisch-orientalischen Zwischenspielen angereicherte „Reason To Believe“ und schließlich „Lucky Day“, dem der wahrscheinlich unvorbelastetste Refrain des gesamten Albums zugrunde liegt. Der größte Schwachpunkt von Grounded ist und bleibt aber die Tatsache, dass einige der besten Momente immer noch einen unangenehmen Beigeschmack von Epigonentum aufweisen. Insgesamt gesehen also keine Platte für die Ewigkeit, obgleich der eine oder andere Funke jener Zeitlosigkeit, aus der die Komponistenträume gemacht sind, überzuspringen vermag.

Vermis: Liturgy of the Annihilated

VERMIS praktizieren eine ziemlich groteske Variante des Death Metal, wie man womöglich schon am Albumtitel erkennen kann. Leider kann man die Band qualitativ nicht ganz mit den Klassikern etwa eines Morbid Angel vergleichen, obzwar hier ein äußerst solider und häufig eigener Dampfwalzensound regiert. Wie zum Beispiel im ersten Song „God Abhors The Living“, der an das Überwerk Heretic erinnert, weil mit überaus monströsem Riffing ausgestattet. Ab dem Nachfolgetrack „Necrosapiens“ ist allerdings ein leichter Riff-Verfall zu verzeichnen: Die Liedanfänge mögen zwar noch durch eine gewisse Prägnanz und Ausdrucksstärke überzeugen, auch gefällt so mancher Liedtitel, der sich – wie es sich für richtigen Death Metal gehört – mit obskuren Vorstellungen aus dem Reich des Unaussprechlichen befasst. Doch lässt die Gesamtschlüssigkeit der Kompositionen etwas nach. Was allerdings nicht heißt, dass solche Songs wie „Void Of Fallen Grace“, „Worldend Catharsis“ oder „King Of Tombs“ nicht trotzdem schön schlimm sein, im Midtempo kräftig doomen und gute Soli bieten können. Im großen Vergleichsmaßstab betrachtet ist das Album keine uneingeschränkte Kaufempfehlung wert, für Death-Metal-Freaks allerdings ist ein Hörtest Pflicht (und damit ist nicht nur das Probehören dieses Albums gemeint)!

Uhrilehto: Ihmisvihan Eliitti

Nicht zufällig hört sich der Albumtitel verdammt finnisch an: Die Black-Metaller UHRILEHTO halten ihre Finnenfist hoch in den nordischen Himmel und geben uns eine amtliche Ladung Dunkel mit auf den Weg. Während Noirgrim, Essiah und Cyclotron Gitarre, Bass und Schlagzeug bedienen, sorgt Nidhogg mit genretypisch abnormen Vocals für Maximaldisruptus am Mikro. Das Album bietet eine gute Balance aus Tradition und Fortschritt, Black-Metal-Harmonien treffen auf überraschende Intermezzi und Breaks, was der Langeweile schon mal ganz gut vorbeugt. „Marraskuun Kahdeksas“ heißt der atmosphärisch und melodisch gelungene Opener, der das hohe Energie-Level des Albums vorgibt. „Kolmen Minuutin Armopala“ ist ebenso flott und hat einen kleinen funky Zwischenpart, der den Song für kurze Zeit aus dem Black-Metal-Genre völlig entfernt. „Huoranpenikat Ja Huijarikuninkaat“ ist musikalisch fast genauso komplex wie der dazugehörige Songtitel, nämlich die reinste flageolettdurchtränkte Prog-Hölle, wie sie zu gefallen weiß. Weitere Vorteile der Platte sind ein tolles Organ-Solo bei „Vitutuksen Viitoittarna Vuosikymmen“, eine nicht klischeefreie, aber doch catchy Black-Metal-Melodie in „Korpimetsän Perkele“ und das dämonische Cover-Artwork, auf dem ein Skandinavieh deftiges Unwesen mit seinem Beil zu treiben vorhat. Nachteilhaft wirkt sich allerdings der ungewaschene Gesamtsound aus, der dem ansonsten anständigen Oeuvre etwas an Wirkung nimmt.

Silencer: Death of Awe

Da es sich beim SILENCER um ein (leider recht seelenloses) Spin-Off von Darkane handelt, die auf ihren als geradezu klassisch zu bezeichnenden Psychotrips Insanity und Expanding Senses gezeigt haben, wie Wahnsinn auch ohne „Meshuggah“ im Bandnamen funktioniert, könnte die Zukunft von SILENCER sehr gut aussehen – sobald man es geschafft hat, die offensichtlich vorhandenen spielerischen Fertigkeiten nicht nur in den Dienst von Technik, sondern auch Eigenständigkeit und Songwriting zu stellen. Das Konzept der harten Knüppelei wird hier nämlich nur wenig weiterentwickelt, es hat eher den Anschein, als hätte man der Abwechslung und Originalität einen … Dämpfer vorgeschraubt, sodass (bis auf kleinere Ausnahmen wie etwa beim Titeltrack und „The Harvest“) leider weder riff-, lick- noch sonstmäßig Bemerkenswertes geboten wird. Sehr schade, denn „Silencer“ ist an sich ein cooler Name für eine coole Band, die dafür bekannt sein könnte, filigranes Soundkrass zu praktizieren.

Python: Good & Evil

PYTHON kann natürlich nichts anderes als Thrash Metal sein, der Bandname sagt etwa so viel wie 1000 Schläge ins Gemächt. Allerdings scheint die Phonetik von „Python“ aggressiver, stromlinienförmiger und feyner zu sein als die Musik der Amerikaner: Diese ist nicht gänzlich ohne, aber auch nicht wirklich mit. Bereits der Opener „Good & Evil“ ist eine Kombination aus Power und Klischee, wobei die Power glücklicherweise überwiegt. Der Gesang ist aber leider ziemlich egal, was eigentlich nur dann gut kommt bzw. erlaubt sein sollte, wenn die instrumentale Seite voll heftig kleinhaut. Diese ist aber wie gesagt läulich. „Complex Mind“ ist herrlich unkomplex, „Fallen Angel“ fällt nicht weiter auf, anstatt zu gefallen, „Crucifixion“ verschwindet genauso schnell, wie es aufgekreuzt ist, und „Cursed“ ist verflucht ambitioniert, aber im Endeffekt leider seelenlos. Einzig „The Un-Holy“ kann überzeugen, vor allem wegen eines Riffs in der Lied-Mitte, das ein Thrash-Herz nicht nur höher schlagen lässt, sondern ganz einfach erschlägt. Also: ein gut hörbares Album von einer Band, welche die Enthüllung ihres Potentials auf jeden Fall noch vor sich hat.

Nicodemus: Vanity Is A Virtue

Vanity Is A Virtue der US-Band NICODEMUS ist in der Schnittmenge zwischen (klassischem) Progressive und Black/Death Metal einzureihen. Der damit einhergehende Wechsel zwischen cleanem, etwas an Tool erinnerndem Gesang, der vom Zauber des Begriffes „Charisma“ nicht gänzlich ungestreift bleibt, und relativ fiesem Gegrunze respektive Gekreische kann Assoziationen zu Into Eternity oder Opeth wecken, muss aber nicht, zumal die Qualität des Materials es auch nicht ganz tut. Bis auf den Song „Next To Nocturne“, der durch seine präzis auf den Punkt gebrachte Gruselatmosphäre superbes Black-Metal-Feeling (vgl. Keyboardintro & Chorus!) erzeugt und damit zum Höhepunkt des Albums zählt, ist der Rest der Platte als mehr oder weniger zu bezeichnen. So fängt beispielsweise „Benighted“ spannend und vielversprechend an, um gleich darauf abzuflachen. Gutes Prog-Riffing und originelle Melodiestrukturen wie etwa in „A Metaphysical Theory Of Dynamics“ oder „Reason & Relapse“ müssen nicht selten uninspiriert vor sich hin ödenen Parts Platz machen. Insgesamt liegt hier ein die Kritikdreschmaschine mit der Note „3+“ verlassendes Album vor, wobei man von der Band, wie es so schnöd heißt, noch einiges erwarten darf.

Mythological Cold Tower: The Vanished Pantheon

Dass der sehr nordische, dem Bereich des Gothic/Doom Metal zuzuordnende Sound von MYTHOLOGICAL COLD TOWER aus Brasilien stammt, wird für den einen oder anderen eine Überraschung sein. Es ist das dritte Album einer Band, deren Musik so brasilianisch daherkommt wie Norwegen: Fünf epische Songs sind hier zu hören, die meist im mittleren Tempo okkulte Seelenschwärze verbreiten. Ob es ihnen letztendlich gelingt, hängt davon ab, inwiefern sich der Hörer (als eingefleischter Genre-Fan etwa) von der hier vorherrschenden Atmosphäre im Allgemeinen einnehmen lässt, ohne auf diverse Details zu achten. Für Freunde des etwas analytischeren Heranhörens könnte sich The Vanished Pantheon schnell als schal entpuppen, da selbst die eine oder andere gelungene Stelle auf diesem Album (vgl. „When The Solstice Reaches The Apogee“ oder den Titelsong) nicht wirklich mitreißen kann. Auch lässt produktionstechnisch immer noch der Underground grüßen.

Listeria: Full Of Fire

Wie es scheint, haben die Italiener LISTERIA den Rockgedanken erythrozytisch verinnerlicht. Der Rockgedanke an sich ist natürlich noch kein Garant für geile Riffarchitektur, aber zum Glück werden hier sehr schwere und spielfreudige Metall-Geschütze aufgefahren, die insbesondere im rhythmischen Bereich für Abwechslung sorgen. In erster Linie wird bei Full Of Fire aber so einiges an Energie und guter Laune freigesetzt, was ja abseits jedweder musiktheoretischen Betrachtung ein belangreicher Faktor ist. Die einzelnen Songs sind alle so konzipiert, dass sie schnell zum Punkt kommen, falls es einen solchen gibt. Falls nicht, ist es nicht weiter schlimm, denn mitgebangt werden darf trotzdem, weil es halt grundsolider, sympathischer Rock ist. Am mitbangenswertesten sind aber wohl solche Songs wie der Power-Track „Like Alì“, die deftig ballernde „Emily“, der Flageolette „Little Star“ und der Action-Kracher „Action“, dessen melodiöser Part zum Originellsten auf diesem Album gehört. Als Fazit bleibt: Wer von sich behaupten kann, dass Rock sein DJ ist, der möge doch LISTERIAs aktuellem, nicht mehr und nicht weniger als grundsolidem Longplayer Full of Fire ne Tschantsch geben.

Irate Architect: Born Blood Portrait

Die EP Born Blood Portrait der umherwütenden Grind-Baumeister IRATE ARCHITECT aus good oll Germany bietet dem geneigten Hörer in etwas mehr als 10 Minuten ein produziertes Extrem-Metalbrett inklusive Klaus-Schulze-artigem Intr-, Outr- und Intermezzo, wobei vor allem letzteres an Referenzwerke wie etwa Irrlicht erinnert. Die sieben Tracks gehen fließend ineinander über und ergeben ein zusammenhängendes Ganzes, in dem Brachiales mit Fremdartigem eine atmosphärisch sinnvolle Symbiose eingeht. Die vier Songs „Pathfinder“, „Born Blood Portrait“, „Chicks On Speed“ und „Taschenspieler“ sind technisch einwandfrei, wobei insbesondere das erstgenannte Stück am originellsten und abwechslungsreichsten ist. Insgesamt gesehen ein zufriedenstellender, wenn auch sehr kurz geratener Trip in die Welt des Highspeed-Cores.

Hellsaw: Spiritual Twilight

Das österreichische Black-Metal-Duo HELLSAW hat zu ihrem Zweitling Spiritual Twilight das mittlerweile ausverkaufte Debüt einfach braufgepackt, was die vorliegende Platte auf für Extrem-Metal untypische 63 Minuten anwachsen lässt. Eventuell ist dies aber auch schon der einzige Vorteil (?) des Albums. Zwar mag die Musik hier nicht ganz so mies ausgefallen sein wie das äußerst miese und aus der rauen Menge nahezu unbekannter Underground-Gruppierungen in keinster Weise herausstechende schwarz-weiße Plattencover, dennoch sei gesagt, dass hier absolut rohes Old-School-Schwarzfleisch gefressen wird, was nicht jedermanns Sache ist. Ungeachtet aller Kommerzvorwürfe an Bestseller wie Dimmu Borgir steht fest: Mehr Persönlichkeit als HELLSAW haben die Genre-Riesen auf jeden Fall; zu einem an sich coolen Bandnamen wie HELLSAW gehört doch auch einiges an cooler Substanz dazu. Diesbezüglich allerdings ist da vorerst wohl x zu machen.


Jens Marder veröffentlichte bereits 2009 einen Artikel im Online-Magazin Amazon, den 28 Personen als hilfreich markiert haben.

Ein doppelter Befreiungsschlag

Michael Bully Herbig wildert in fremden Genre-Gefilden. Abseits der Komödiensparte hält er in seinem ersten Thriller Ballon erfrischenderweise noch nicht einmal sein Gesicht in die Kamera, sondern überlässt das Feld gänzlich seinem großartigen, weil wahren, Filmstoff und erschafft einen spannenden und zeitgemäßen Film über eine spektakuläre Flucht.

Von Maria Engler


Ballon, dessen Erzählung ebenso klug auf das Wesentliche reduziert ist wie sein Titel, spielt im Jahr 1979 und erzählt die Geschichte der beiden Familien Strelzyk und Wetzel, die mit einem selbstgebauten Heißluftballon in den Westen fliehen wollen. Nachdem der erste Fluchtversuch der Familie Strelzyk, die ausgerechnet direkt gegenüber eines Stasi-Mitarbeiters wohnt, gescheitert ist, muss schnell eine neue Fluchtmöglichkeit her. Es beginnt ein Wettlauf mit den Ermittlern der Stasi, die den Fundstücken der Absturzstelle allmählich zu den Schuldigen folgt.

Der Film ist ein Befreiungsschlag sowohl für die Figuren dieser faszinierenden Geschichte als auch für den Filmemacher Michael Bully Herbig, der sich mit Ballon erstmalig, dafür aber umso eindrucksvoller, vom Ewiglustigen abwendet. Mit seinem vollständigen Rückzug hinter die Kamera zeigt er als Regisseur, Produzent und Co-Drehbuchautor neben Kit Hopkins und Thilo Röscheisen, dass er nicht nur ein Komödiant, sondern ein richtig guter Filmemacher ist.

Spannung bis zum bekannten Ende

Nachdem Disney die Geschichte der Ballonflucht, die wohl wie kaum eine andere nach einer Verfilmung schreit, 1982 unter dem Titel Mit dem Wind nach Westen mit John Hurt in der Hauptrolle in ihrer vollen Detailfülle ausgewalzt hat, wird sie in Ballon auf das absolut Wesentliche beschränkt. Der Film steigt kurz vor dem ersten Fluchtversuch ein und begleitet anschließend hochgradig spannend die Hindernisse und Erfolge auf dem Weg zum zweiten Anlauf. In knapp 120 Minuten Laufzeit wird hier ein absolut gelungener Schwerpunkt auf den Kern der Geschichte gelegt.

Details über Hintergründe, moralische Bedenken und den eigentlichen Antrieb der Familien werden in Zwischentönen erzählt und vieles den Ergänzungen der Zuschauer*innen überlassen, was ihnen einen erfrischend aktiven Part verleiht. Die enorme Zuspitzung der Geschichte steigert die Handlung trotz bekanntem oder zumindest erwartbarem Ende bis ins aufgeregte Augenzuhalten und nervöse Herumzucken im Kinosessel.

Dunkirk mit Blümchenmuster

Die zusammengezurrte Erzählweise und die Ästhetik von Ballon erinnern im besten Sinne an amerikanisches Kino. Der tickende Soundtrack legt sich in seiner Hans-Zimmer-mäßigen Art zwar zuweilen etwas schwer über detailverliebten Bilder, ist aber neben der verschlungenen Geschichte bis zum Schluss ein Motor für die emotionale Bindung an die Ereignisse. Der Kameramann Torsten Breuer leistet mit zahlreichen spannenden bis ungewöhnlichen Einstellungen und Bewegungen der Kamera erstklassige Arbeit und fängt die authentischen DDR-Sets inklusive grausamen, aber niemals von oben herab belächelten Blümchentapeten perfekt ein.

Aus der insgesamt sehr guten Riege der Schauspieler*innen sticht nicht nur David Kross mit unansehnlichem Schnauzer, sondern vor allem Thomas Kretschmann als Stasi-Detektiv der fiesen Sorte gesondert hervor. Im Stile eines viel weniger affektierten Hans Landa entfaltet sich seine Grausamkeit weniger als persönliche Eigenart, sondern eher als Bösartigkeit eines in sich faulenden Systems.

Ballon kommt Michael Bully Herbig kommt am 27.9.2018 im Verleih von Studiocanal in die Kinos und hat eine Spielzeit von 120 Minuten. Ein Trailer ist online verfügbar:

Quelle: YouTube
Beitragsbild: © Studiocanal GmbH


Maria Engler ist eine der wenigen gebürtigen Berlinerinnen in Berlin und studiert Filmwissenschaft im Master. Wenn sie nicht gerade im Kino ist, schreibt sie Texte über Filme und Serien für ihren Blog diefilmguckerin.de oder andere schnieke Medien.

Ein Kinderbuch, sie zu knechten

Nach Zeitreise begeistert Peter Goes erneut mit Finn und die Kobolde, einem wahnwitzigen und wunderschönen Wimmelbuch-Meisterwerk.

von Sarah Kassem


Peter Goes studierte Animation an der Royal Academy of Fine Arts in seiner Heimatstadt Gent. Er arbeitete eine Zeit lang als Lichttechniker in einem Theater, dann wechselte er zum Grafikdesign und verdingt sich nun als freischaffender Illustrator. 2015 begeisterte Peter Goes die gesamte Weltleserschaft mit Tijdlijn (Zeitreise), einem atemberaubenden Bilderbuch über die Anfänge des Kosmos bis hin zu modernen wissenschaftlichen Erfindungen. Die Sunday Times nannte es eines der besten Bücher des Jahres, die Financial Times und das Wall Street Journal überschlugen sich vor Lob und Huldigung, kurz: alle, die in der Branche Rang und Namen hatten, konnten nicht aufhören, das Buch zu empfehlen. Mit Zeitreise sackte Peter Goes Ruhm, Ehre und unzählige Preise ein, und man dachte, dies sei nicht mehr zu toppen. Doch dann kam Feest voor Finn (Finn und die Kobolde).

Sicherlich ist Zeitreise intellektuell gehaltvoller und pädagogisch relevanter, aber Finn und die Kobolde übertrifft Zeitreise dennoch haushoch. Ist es gewagt zu behaupten, dass Finn und die Kobolde eines der schönsten Kinderbücher aller Zeiten ist? Jedenfalls gibt es wenige Kinder-/Wimmelbücher, die so gelungen sind.

Die Handlung von Finn und die Kobolde ist schnell zusammengefasst. Finn und sein Hund Sepp wachen inmitten von Riesenchaos auf. Die Kobolde sind ausgebrochen und bringen die Welt durcheinander. Um sie wieder einzufangen, folgen Finn und Sepp ihnen durch über- und unterirdische Labyrinthe: Luft-, Tiefsee- und Waldirrgärten, seltsame Turmgewirre und tosende Meere. Am Ende ist alles halb so wild, denn der große Kaiser der Kobolde hat lediglich alle seine Zunftgenossen zu Finns Geburtstag eingeladen. Das Einzige, was man – als langweiliger Erwachsener mit Ratio und Logik – dem Buch vorwerfen könnte, ist die Sinnfreiheit bzw. das Fehlen von Handlung. Wer sind die Kobolde? Woher kommen sie? Was soll das ganze Durcheinander? Warum ist die Geburtstagsfeier der große Clou und warum soll das die große Auflösung sein?

Man kommt aber gar nicht dazu, das alles zu hinterfragen. Die Handlung bleibt völlig nebensächlich angesichts der schier unendlichen Optik des Buches. Man kann nur wiederholen: Solch ein Wimmelbuch hat die Kinderwelt noch nicht gesehen. Anders als in anderen Wimmelbüchern wird der kindliche Bildbetrachter nicht für dumm und süß verkauft: Alles ist voll mit Dämonen, Würmern, Geistern, Reptilien, schrecklichsten Wesen und Nachgestalten, es blitzt und donnert und Schiffe gehen unter, unheimliche Tiefseebewohner und Kellermonster lauern an jeder Ecke. Trotzdem ist jede Gruselgestalt niedlich-interessant, jede Seite ist atemberaubend schön und fesselnd, und auch nach dem zwanzigsten Betrachten findet man immer noch neue, faszinierende und hochspannende Details.

Unser Dreijähriger ist völlig hin und weg. Jeden Abend schleppt er das Buch herbei, will auf jeder Seite Finn und Sepp im Gewimmel suchen, und erfindet selber Namen für die abwegigen Figuren (Ampelfrosch, Apfelmann). Und ganz im Gegensatz zu sämtlichen anderen Kinderbüchern, die wir mit ihm bisher geschaut haben, wird es uns nach dem zigsten Mal auch nicht langweilig.

Finn und die Kobolde – „Ein Wimmelbuch zum Suchen und Finden“ von Peter Goes erschien im Februar 2018 in Übersetzung von Verena Kiefer bei Beltz & Gelberg.

 

Beitragsbild: © Beltz & Gelberg

Sarah Kassem hockt im Keller in der Trommel des Betonmischers der Zentrale für Experimentelles (Novelle) und werkelt an Sachen.

Wider der klassischen Ausstellungspraxis. Anni Albers im K20

In Düsseldorf läuft seit ein paar Tagen eine Ausstellung zum Werk Anni Albers‘. Die Ausstellung gibt einen umfassenden Eindruck in das Gesamtwerk der Bauhaus-Ikone. Sie offenbart aber auch einige Probleme, mit denen die Künstlerin ihr gesamtes Schaffen lang zu kämpfen hatte.

von Fabian Korner

Anni Albers (1899-1994) kann sicherlich als die ambitionierteste Bauhauslehrerin bezeichnet werden. In der Malerklasse nicht zugelassen, in die Textilklasse verbannt, wollte sie sich zunächst nicht so recht auf das Material (Stoff) einlassen, später sollte es ihr Schaffen bestimmen. Die Ausstellung im K20 zeigt mehr als 200 Werke, Originale sowie Archivaufnahmen, die Leihgaben von verschiedensten Museen und Archivorten sind. In Anni Albers verbinden sich zwei Elemente, die eine klare Kanonkritik darstellen: Zunächst ist sie eine Frau – und mit Frauen in der Kunst tut man(n) sich gerne einmal schwer.

Des Weiteren hat sie mit Textilien, mit Stoffen gearbeitet; einem Material, das bis heute keinen festen Platz in den Kunstakademien hat. Zu sehr ist Stoff – sei es in Form von Klamotten, Bettwäsche oder Teppichen – ­Teil unseres Alltags. Was Teil unseres Alltags ist, wird seltener als Kunstgegenstand wahrgenommen, da Gebrauch künstlerische Qualitäten schmälert. Genau diesem klassischen Verständnis wird sich, so scheint es nach der Ausstellungsbetrachtung, hier widersetzt. Dies geschieht nicht nur durch das Material, sondern auch durch den Umgang mit Formen und Farben. In ihrem frühen Werken ist Geometrie sehr präsent, spätere Überlegungen führen zu mehr Dynamik. Weder die Geometrie, noch die Dynamik in Form und der Art und Weise des Spinnens, können als Selbstzweck verstanden werden. Albers bricht die geometrischen Formen auf konstruktivistische Weise und versucht ein Moment von Bedeutung zu erschaffen.

Der gefühlte Widerstand

Spätestens an dieser Stelle angekommen, fragt man sich, ob das Ausstellungskonzept das Werk überhaupt adäquat wiedergibt oder ob hier Zugriffsarten verstellt werden. Wer schon in Ausstellungen konstruktivistischer Künstler oder Werke (Malewitsch, Kandinsky, Klee) war, der mag sich an das Gefühl erinnern, dass „irgendwas nicht so ganz passt“. Woher kommt dieser Eindruck?

Ausstellung „Anni Albers“ im K20, hier fotografiert von Achim Kukulies, © Kunstsammlung NRW.

Die Ausstellung im Düsseldorfer K20 ist einem klassischen Ausstellungskonzept nachempfunden. Es werden uns die Werke Anni Albers auf geniale Weise pompös vorgestellt – bzw. im ganz buchstäblichen Sinne: vor die Nase gestellt. Kleine Veränderungen, wie das Ablösen vom rein Bildnerischen, dahin, dass ein Gegenstand liegt, um sein räumliches Element zu illustrieren, sind nur kosmetische Gesten und verstellen den eigentlichen Widerspruch. An dieser Stelle sei, bei all der Kritik, gesagt, dass die Ausstellung wirklich gut komponiert ist. Es wurde uns eine Künstlerin präsentiert, die gerne hinter all den Männern versinkt und dazu ein Material, welches selten so begutachtet wird. Im Versuch, dies wie eine Ausstellung eines Otto Dicks, Rennbrand oder Kandinsky aussehen zu lassen, wird versucht, Hegemonie aufzubauen. Es ist eine Form, in der Hegemonie des Kunstbetriebes Frau und Textilien ebenfalls Raum zu geben. Der Versuch muss aber kläglich scheitern. Nicht weil – wie schon betont – das Anliegen oder die Ausstellungskomposition schlecht wäre, sondern weil das Werk nach einem anderen Zugriff verlangt.

Konstruktivismus als Ausgangspunkt

Der Grundgedanke einer konstruktivistischen Kunst ist nicht im Altbewerten neue Foki zu erschaffen, sondern das bisher gedachte grundsätzlich hinter sich zu lassen. Es ist kein Einbruch in Bisheriges, sondern ein Aufbruch mit Neuem. Der Begriff des „neuen“ führt bei Malewitsch zur „gegenstandlosen Kunst“, die nicht zu verwechseln ist mit „abstrakter Kunst“ und letztlich zum schwarzem Quadrat, welches nur wirkt, wenn man versteht welchen Bedeutungshorizont es versucht zu eröffnen. El Lissitzkys Plakat „Roter Keil“ – ein Propagandaplakat der Roten Armee – zeigt auf offensichtlicher Weise wie die, von Malevich geforderte Gegenstandslosigkeit, eben keine Abstraktion, sondern eine vollkommene Neubelebung von Symbolen bedeutet: Ihre alte Bedeutung gilt nicht, ihnen wird neue verliehen.

Auch El Lissitzkys „Roter Keil“ findet Platz in Ausstellungen, hier in Berlin:

© postmondän bei Instagram

Allein dass der Konstruktivismus einen neuen Zugriff benötigt als er durch klassische Ausstellungen gegeben werden kann, ist schon ein erstes Indiz für die Problematik der Aufbereitung ihres Werkes im K20.

Wenn schon ihr eigenes Denken anders funktioniert?

Albers selber war als Lehrerin im Black Mountain College (North Carolina) überaus beliebt und bekannt. Ihre pädagogischen Methoden legen dabei zu gleich ein Zeugnis davon ab, wie sehr ihre Kunst auch außerhalb klassischer Verständnisse zu verstehen ist – ihr eigenes Herangehen möchte ich hier also als Argument anführen. So war es nicht unüblich, dass sie ihre Studierende an einen Strand setzte und diese sollten, lediglich aus den Materialien, welche sie umgaben, nun Gegenstände errichten. Diese Gegenstände waren nicht nur funktional (sie schützten vor Sonne), sondern können durchaus als sehr ästhetisch verstanden werden; ihre Form und Aussehen war häufig sehr unüblich. Weiterhin hat sie Schmuck geschaffen, aus Gegenständen, die sie „einfach zur Hand“ hatte: Haarnadeln, Siebe, Kronkorken. Hier deutet sich das ursprüngliche Element eines konstruktivistischen Denkens an: Baue die Welt neu, mit den Dingen, die du hast.

Anni Albers Anfang der 1930er Jahre, fotografiert von Josef Albers, © The Josef and Anni Albers Foundation / Kunstsammlung NRW.

Bauhaus neu denken

An dieser Stelle verschmelzen Bauhaus und Konstruktivismus zu einer Einheit und enthüllen einen Geist, der nur als modern beschrieben werden kann: Ablösung von bekannten Traditionen und Erschaffen neuer Bedeutungs- und Funktionselementen, durch die Fähigkeiten jedes einzelnen und erlernbar für jeden einzelnen.

Möchte man Anni Albers also ausstellen, sodass ein Zugriff erlangt werden kann, der ihrem Ausdruck gerecht wird, darf nicht in den Formen standardisierter Ausstellungsformate gedacht werden. Eine Kunst wie die von Anni Albers, hat doppeltes Ausbruchspotential: Sie schafft eine neue Sphäre der Hegemonie, in dem sie sich, schon durch ihre Ausdrucksweise, klassischer Ausstellungspraxis entzieht, ebenso durchbricht sie tradiertes Kunstdenken. Ganz im Sinne des Bauhauses, so führt Anni Albers uns vor, ist unsere Welt, jetzt genau, die uns umgibt, Objekt unseres eigenen, künstlerischen Ausdrucks und wir können sie gestalten, neu erfinden und stets umbilden.

Die Ausstellung „Anni Albers“ läuft vom 09.06. bis 09.09.18 im Düsseldorfer K20.


Fabian Korner studiert seit 2014 Philosophie und Germanistik an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Im Rahmen seines Studiums beschäftigt er sich mit den politischen Momenten von Kunst und Kultur. Dabei geht es ihm stets darum, Ausstellungen, Theater, Literatur oder alternative Formate nach ihrer Aktualität zu befragen. In diesem Zusammenhang erfolgt eine Auseinandersetzung mit Kultur, die stets die Frage stellt: „Und was soll ich jetzt damit machen?“

Beitragsbild: © Achim Kukulies / Kunstsammlung NRW

Hans Joachim Schädlich – Felix und Felka

Rom, Alassio, Ostende, Brüssel – Stationen der Flucht Felix Nussbaums und Felka Plateks vor den nationalsozialistischen Schergen. In „Felix und Felka“ gewährt uns der Autor Hans Joachim Schädlich intime Einblicke in die Situation des Künstlerpaares.

Von Alexander Boberg


Wer sich das Werk Felix Nussbaums anschaut, der kann sich der Wandlung seiner Bilder von fröhlich wirkenden Gemälden hin zu verzweifelten und düsteren im Zuge der Jahre der Verfolgung nicht entziehen. Zunächst werden am Anfang der nazistischen Herrschaft in Deutschland noch die Einsamkeit und der Ausschluss aus der Gesellschaft thematisiert, so ändert sich dies und der schwarze Schatten der Verfolgung und der antisemitischen Barbarei legt sich langsam auf seine Gemälden, Gouachen und Zeichnungen. Mauern als Sinnbild der Einschränkung, Verfremdungen, die seinen Ausstoß aus der Gesellschaft zeigen und immer wieder die Hoffnung des Überlebens, dargestellt in Szenen des Alltags, durchziehen sein Werk.

Ein unbeugsamer Wille zur Freiheit und zum Durchhalten trotz der Widrigkeiten. Je weiter die Jahre voranschreiten, desto düsterer und verzweifelter äußert sich sein Leben in seinen Bildern. (Auf dieser Website lässt sich ein großer Teil der auch in der Novelle erwähnten Bilder, Goauchen und Zeichnungen ansehen.) Sein Gesamtwerk lässt sich nur schwer in die glatt polierte Oberfläche der Erinnerungskultur an den Nationalsozialismus in Deutschland einordnen, in der sich auch der Roman „Felix und Felka“ von Hans Joachim Schädlich wiederfindet.

Das Zeitalter der Zeitzeugen geht allmählich dem Ende entgegen, ihre schriftlichen, mündlichen und bildlichen Zeugnisse sind gelesen und werden langsam durch popkulturelle Produkte an den Rand gedrängt. Die Erinnerung wird der ersten und zweiten Nachkriegsgeneration überlassen. In dieser Situation erscheint nun „Felix und Felka“, das mir buchstäblich in die Hände fiel. Hans Joachim Schädlich beschreibt darin die Odyssee des Künstlerpaares Felka Platek und Felix Nussbaum durch Europa zwischen den Jahren 1933 und 1944. Dabei beschreibt er das Leben im Exil in schlichten Sätzen. Durch diese Momentbilder sollen die materiellen und existenziellen Ängste bewusst gemacht werden, wie es auf dem Buchrücken heißt. Darüber hinaus wird im Klappentext der Autor als Meister der Reduktion gerühmt und hervorgehoben, dass er das Künstlerpaar in ihrem privaten Umfeld zeige, woraus die Geschichte ihre Kraft ziehe.

Verstellter Blick und gelungene Form

Die Novelle nimmt den Leser in kurzen Episoden in das Privatleben eines durch Flucht und Verzweiflung geprägten Paares mit. Angedeutet wird dieser Bezug auf das Privatleben schon durch den Titel, der bloß die Vornamen nennt. Problematisch ist diese suggerierte Nähe und Vertrautheit, die einerseits die Situation der beiden Protagonisten darstellen will und den Versuch einer Normalität in der Flucht beschreiben möchte. Die angestrebte „Normalität“ einer Beziehung unter den Umständen der Flucht wird in der Darstellung der Beziehung zwischen Felka Platek und der Mutter Felix Nussbaums deutlich.

Andererseits ist der Fokus zu sehr auf die private Konversation des Paares beschränkt. Die Formgestaltung der Novelle, mittels Reduktion Ausschnitte des Lebens zu zeigen, verliert hierbei ihre Kraft, Lücken in die eigene Vorstellung zu reißen und über die Situation der Verfolgung nachzudenken. Die bedrückende Stimmung, die sich so unheilvoll in Nussbaums gemalten Bildern ankündigt, wurde leider nicht in Schriftform übersetzt. Auch die Zitierung verschiedener Briefe Nussbaums, die dessen Gedanken darlegen, helfen nicht über den Eindruck hinweg, dass sich der Autor zu eng an sein Objekt anschmiegt.

Die Form des Romans kann dagegen als gelungen bezeichnet werden, trotz der oben genannten Einschränkung. Momentaufnahmen verkürzen sich zu immer schneller werdenden Schlaglichtern. Der allmählich kürzer werdende Zeitraum neuer Akte antisemitischer Politik bis hin zur Kulmination in der Shoah folgt auch die literarische und zeitliche Form des Romans, wodurch sich die Geschwindigkeit des Lesen demgemäß einstellt und immer hastiger die Sätze, Absätze und Seiten verschlingt. Gegen Ende des Buches, welches in einem stakkatohaften Traum Nussbaums gipfelt, verschaffen einzig die Briefe von Irene Awret eine Atempause. Der Traum lässt den Minimalismus der Beschreibung voll zur Geltung kommen.

Beide Momente der Novelle bilden eine Einheit, die Schwierigkeit des emotionalen Hineindenkens in das Paar und der Versuch der Überwindung dieser Unmöglichkeit durch die Formgestaltung. Obgleich die Briefe dem Autor ermöglichen, eine gewisse Authentizität zu wahren, vermindert sich dieser Eindruck in der Rückschau des Buches. Die erfundene Konversation des Paares nimmt dem Werk ihren unbequemen Charakter und lässt es als Fiktion erscheinen. Die Reduktion ist besonders in diesem Punkt nicht weit genug getrieben worden. Die Geschichte der Exilierten wirkt durch die fiktiven Elemente nicht im Bewusstsein des Lesers nach.

Felix und Felka von Hans Joachim Schädlich erschien vor ein paar Wochen im Rowohlt Verlag und hat 208 Seiten.


Alexander Boberg verschlug es durch sein Studium vom kleinen Osnabrück ins beschauliche Leipzig. Neben seiner Leidenschaft für Literatur und Philosophie arbeitet er im Verlagswesen. Zu seinen Hobbys gehört das Testen verschiedener Sportarten, wie Wandern oder BJJ.

 

Beitragsbild: Felix Nussbaum – Selbstportrait mit Felka Platek / Wikimedia Commons

 

Was nehmen wir mit von 2017? Eine postmondäne Leseliste

Ein Jahr geht vorüber. Eines der seltsamen Männer (und Frauen). Eines, in dem zahlreiche belanglose, aber auch wichtige Romane und Sachbücher erschienen. Alte wurden wieder aktuell. Wir haben uns zusammengesetzt und nachgedacht, welche Bücher uns in diesem Jahr besonders beschäftigt haben. Der Weg nach 2018 führt über warmen Schaumwein, Portraits ostdeutscher Provinz, Identitätssuchende, Gaukler, Zauberer und revolutionäre Dichter zu Kryptowährungen und Hundeexperimenten.

von Lennart Colmer, Katharina van Dülmen, Nicholas Babakitis, Martin Kulik, Lukas Lehning, Dirk Sorge, Gregor van Dülmen, Florence Wilken und Dominik Gerwens

Liebesglück im digitalen Zeitalter

Lennart über Heinz Strunks Jürgen

Dieses Jahr war ein Jahr der seltsamen Männer. Die seltsamsten unter ihnen bekleiden hohe Ämter in der Politik oder in der Unterhaltungsindustrie. Aber es gibt auch diese anderen seltsamen Männer, die kleinen Männer des Alltags, diese Typen der letzten Generation urwüchsiger Namen wie Bernd oder Heinz. Letzterer zum Beispiel beglückte Liebhaber der kauzigen Literatur in diesem Jahr passenderweise mit Jürgen.

Die Unbedarftheit dieses Romans matcht sich mit den Herausforderungen des Lebens, die im Alltag manchmal zu kurz kommen. Der gleichnamige Antiheld des Romans besticht den Leser mit einer Mischung aus Geschmacklosigkeit und Sympathie: Wer hat es schon einfach im reifen, mittleren Alter, dazu mit einer pflegebedürftigen Mutter in der Wohnung und einem Job als Parkwächter, während die Liebe des Lebens dort draußen warten könnte?

Jürgen greift die Verquickung von Lovestory und Roadmovie auf, um sie auf ein Level zu bringen, das man von Heinz Strunk durchaus erwarten kann. Trocken und sensibel zugleich nimmt er den Leser mit auf Jürgens Reise nach dem Liebesglück, das im digitalen Zeitalter überall zu finden sein könnte. Zum Beispiel in Polen. Hart an Geschlechterklischees vorbeischrappend, merkt man, dass es sich hier um „arme Willis“ handelt, die eine Schulter zum Anlehnen suchen (die nicht von Mutti stammt). Prickelnd wie ein nicht mehr ganz eisgekühlter Schaumwein und herzerwärmend wie Omas selbstgestrickte Socken!

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Zauberer ist nicht gleich Zauberer

Katharina über Sten Nadolny – Das Glück des Zauberers

„Literarisch belanglos“, „eine große Enttäuschung“, „ermüdend“ – bei den Rezensionen zu Das Glück des Zauberers muss Bestseller-Autor Sten Nadolny einiges einstecken. Zu unrecht? Ja! Denn wenn der Deutschlandfunk den Briefroman mit Harry Potter vergleicht, dann wurde eindeutig die falsche Lesart gewählt und aufgrund falscher Erwartungen kritisiert. Pahroc behauptet zwar ein Zauberer zu sein – ein Meisterzauberer sogar – mit Harry Potter hat er aber wenig gemein. Im Alter von über 100 Jahren schreibt er seiner Enkelin zwölf Briefe über sein ereignisreiches Leben von 1905 bis 2017. In kindgerechter Sprache schildert er das Weltgeschehen und erklärt, wie es von jenen erlebt wird, die durch Wände gehen, einen langen Arm machen oder fliegen können. Die Zauberer besitzen Fähigkeiten, die sich in den Kriegsjahren als Überlebenshilfe erweisen. In die Geschichte eingreifen und so den Schrecken abwenden, können sie aber nicht. Es bleibt also alles, wie es war. Und das wird dem ehemaligen Geschichtslehrer Sten Nadolny vorgeworfen: Er würde nur Altbekanntes erzählen. Natürlich erfindet er das 20. Jahrhundert nicht neu, macht es jedoch aus ungewöhnlicher Perspektive erfahrbar. Denn folgt man den versteckten Hinweisen dorthin, wo Pahroc „nur“ ein warmherziger Außenseiter ist, der nicht mithilfe von Übersinnlichem, sondern durch menschliches Handeln und Flucht in die Phantasie die Kriege verkraftet, bleibt eine Frage: Bis wann können und müssen Einzelne ins Geschehen eingreifen, um Schreckliches rechtzeitig abzuwenden?

Blockchain und Bitcoin unkryptisch erklärt

Nicholas über David Golumbia – The Politics of Bitcoin. Software as Right-Wing Extremism

Bitcoin, eines der „Buzzwords“ des Jahres 2017, ist eine Kryptowährung, die im letzten Jahr vielfach diskutiert wurde, aber trotzdem für einen Großteil der Menschen eine rätselhafte Entwicklung der digitalen Wirtschaft bleibt. Während ich diese kurze Rezension schreibe, stürzt der Bitcoin-Kurs und seine loyalen Anhänger und Investoren werden nicht müde in einer verzweifelten Panik ihre Thesen und Obsessionen mit einer Währung zu verteidigen, die bereits aufgrund ihrer Konstruktion deflationäre Tendenzen zeigt, entgegen des Glaubens ihrer Anhänger Fiatgeld entspricht und sich gerade mehr wie eine Handelsware als reines tauschbares Geld verhält.

In seiner kurzen Auseinandersetzung analysiert David Golumbia Bitcoin, ohne sich utopischen Illusionen und kontroversen Wirtschaftstheorien hinzugeben, und stellt klar verständlich dar, wie Bitcoin und „Blockchain“-Technologie funktionieren. Neben dieser Darstellung von Bitcoin behandelt Golumbia die Beziehung der Kryptowährung zur rechtsradikalen Politik und den damit ideologisch zusammenhängenden Ideen zur Marktwirtschaft, Zentralbank, Inflation, zu verschiedenen Verschwörungstheorien und dem Mythos des Goldstandards der Österreichischen Schule.

Auf 80 Seiten liefert Golumbia ein Grundverständnis der Technologie, Politik und Wirtschaftstheorie des Bitcoins, und verschafft einen Einblick in die Probleme, die mit seinem Hype einhergehen und den Bitcoin aktuell betreffen. Um eine kritische Perspektive auf Bitcoins oder Kryptowährungen allgemein zu erfahren, ohne sich dem übereifrigen Fetischismus der Tech-Industrie hinzugeben, gilt Golumbias The Politics of Bitcoin als meine Empfehlung des Jahres 2017.

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Aussergewöhnliches Debüt

Martin zu Ausser sich von Sasha Marianna Salzmann

„Wer bin ich?“, das ist eine Frage, die in der Literatur öfter mal gestellt wird. Das große Thema der Identitätssuche wurde mit Sasha Marianna Salzmanns Debütroman nicht neu erfunden. Ausser sich erzählt von der Sehnsucht nach Grenzüberschreitung, dem Bruch mit Konventionen und der Suche nach den eigenen Wurzeln. Doch am Ende fasziniert das Buch vor allem sprachlich. Die Prosa des Romans ist verschachtelt, lebendig und wild – verworrene Sinneseindrücke durchbrechen immer wieder Wahrnehmungen der Hauptfigur, die Zeitwahrnehmung wird verzerrt, Halluzinationen vermischen sich mit Realität, Erinnerungen mit Wahnvorstellungen. Eine fordernde Lektüre, die sich lohnt.

Gesellschaft unterm Brennglas

Lukas über Unterleuten von Juli Zeh

In Ihrem über sechshundert Seiten starken Gesellschaftsroman Unterleuten erschafft Juli Zeh eine beeindruckend detailreiche kleine Welt. In einem fiktiven Dorf in der Nähe von Berlin lässt sie verschiedenste Charaktere miteinander agieren. Alteingesessene Dorfbewohner treffen auf zugezogene Großstädter. In der Vergangenheit verhaftete Ostdeutsche auf junge Weltverbesserer aus dem Westen und über allem schwebt die übermäßige Vergangenheit, eine alte nur teilweise beigelegte Dorffede.

Am Beispiel des Dorfes, in dem jeder mit jedem verknüpft zu sein scheint, entwickelt Juli Zeh eine kluge Analyse verschiedener gesellschaftlicher Konflikte. Tradition gegen Moderne, Unternehmertum gegen Naturschutz, Ost- gegen Westdeutschland und Stadt- gegen Landleben. Derdie Leserin wird zur Beobachterin verschiedener Personen die jeder mit ihrer eigenen Biografie dazu beitragen eine krimihaft spannende Geschichte zu entfalten, die es ermöglicht, sich fast beiläufig mit den unüberwindbaren Gegensätzen, die hier aufeinander prallen, zu beschäftigen.

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Die ewige Übergangsgesellschaft

Dirk über Simple Storys von Ingo Schulze

Seit der Erstveröffentlichung von Ingo Schulzes Roman Simple Storys sind knapp 20 Jahre ins wiedervereinigte Land gegangen. Der Roman wurde 2015 bereits zum zehnten Mal neu aufgelegt und er ist heute noch lesenswert, denn er handelt von einer „Übergangsgesellschaft“, die noch immer nicht ganz übergegangen ist.

Schulze erzählt in 29 kurzen Geschichten von der Unruhe nach der Wende Anfang der 1990er Jahre in der „ostdeutschen Provinz“, in der thüringischen Kleinstadt Altenburg. Ohne Sentimentalität und Ostalgie beschreibt Schulze sehr kühl, welche Risse in Biografien entstehen, wenn ein politisches System abrupt endet und mit einem anderen vereinigt werden soll. Die Protagonistinnen in Schulzes Geschichten sind müde Taxifahrerinnen, frustrierte Journalisteninnen, ehemalige parteitreue Lehrerinnen und hasenfüßige Politiker*innen. Sie werden angetrieben von Erwartungen und Ängsten, wurschteln sich irgendwie durch, müssen sich neu orientieren oder resignieren. Drohende Arbeitslosigkeit, schlechte Infrastruktur und eine unaufgearbeitete Vergangenheit prägen ihren Alltag.

Altenburgs Einwohnerzahl ist seit der Wende von 50.000 auf 32.000 gesunken. Die absolute Zahl der über 65-Jährigen hat im gleichen Zeitraum zugenommen. Wer es kann, sucht sein Glück woanders. Es handelt sich um eine abgehängte Region. Viele Phänomene, die Schulze beschreibt, betreffen jedoch nicht nur die ostdeutsche Provinz. Es gibt westdeutsche Provinzen, in denen es ebenso trostlos aussieht. Und auch sogenannte Metropolen haben immer mehr Mühe, ihren provinziellen Charakter zu verstecken. Dadurch ist das Buch heute noch aktuell.

Kehlmanns Krieg und Frieden

Gregor zu Tyll von Daniel Kehlmann

Während zahlreiche Neuerscheinungen des Jahres sich noch mit dem 500. Jahrestag der Reformation aufhalten, betrachtet Daniel Kehlmanns jüngster Roman schon deren Spätfolgen: den Dreißigjährigen Krieg. Kehlmanns Erzählung richtet ungewöhnliche Perspektiven auf das Leben dieser Zeit, die die Konflikte und Dimensionen des Kriegs ausleuchten und einem recht eleganten roten Faden folgen. Der Autor bedient sich des Kunstgriffs, die folkloristische Figur Till Eulenspiegel, bzw. Tyll Ulenspiegel, wiederzuerwecken – ein Kunstgriff insofern, alsdass der historische Tyll Ulenspiegel, wenn überhaupt, einige Jahrhunderte früher gelebt haben muss. Der Schriftstellertrick des verbindenden Elements ist jedoch glücklich. Kehlmanns Tyll kommt aus einer Müllerfamilie, lernt das Dorfleben mit allen Verspanntheiten kennen, nutzt seine Erfahrungen des ständischen Lebens als fahrender Gaukler, gewinnt einen Überblick über die Lande, dient als Soldat, lebt als Mönch, leistet seiner Berufung als Hofnarr Folge. Seine Späße entblößen und erforschen die mutmaßlichen Horizonte der Personen, denen er begegnet, was das Buch eben auch so reizvoll macht.

Daniel Kehlmann hält sich nicht mit detailgetreuen Rekonstruktionen der Lebensweisen auf, umkreist auch Tyll Ulenspiegels Kunstbiographie nur grob und holt zu einer breiten Gesellschaftskritik aus. Immer wieder nimmt er mit den Perspektiven verschiedenster Protagonisten auch ihre Weltbilder ein: Menschen, die ihr Dorf als den Umfang der relevanten Welt erleben, Adlige, die Konfessionen und Kronen aus Opportunismus wechseln, Philosophen, die als Hexer hingerichtet und Drachenforscher, die als Gelehrte verehrt werden – und ein Krieg, der mitten hindurch tobt. Schlicht: eine nicht allzu ferne Gesellschaft, von der wir nur ein paar Generationen und Ideen entfernt sind.

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Was macht den Menschen zum Hund?

Florence über Michail Bulgakows neuübersetzten Roman Das hündische Herz. Eine fürchterliche Geschichte

Ende jeden Jahres erzählen wir uns die Geschichte einer heiligen Geburt. Eine Jungfrau bringt einen kleinen Menschen zur Welt, der später Begründer einer Religion wird. Auch in Bulgakows Frühwerk Das hündische Herz (dritte Fassung 1929-1940) wird etwas geboren, gibt es einen Schöpfungsakt. Auch hier passiert ein Wunder, dessen Konsequenzen für die Beteiligten nicht abzusehen sind. Allerdings endet alles doch ganz anders. Der Stall ist ein Operationssaal in einer Moskauer Wohnung der 1920er Jahre. Die Zeugen des Spektakels sind nicht Schafe und Hirten, sondern das Hausmädchen und zwei Ärzte. Der Professor Filipp Filippowitsch Preobraschenski ist Spezialist für Eugenik. Am 23.12.1924 transplantiert er zusammen mit seinem Assistenzarzt dem Straßenhund Lumpi menschliche Hoden und eine menschliche Hypophyse. Der Hund verwandelt sich allmählich in einen Menschen, der jedoch im ständigen Konflikt mit seinen Schöpfern steht. „Hundeglückspilz“ kann sich Lumpi schon bald nicht mehr nennen. Als dieser auch noch mit den Bolschewiki sympathisiert, muss der Professor einsehen, dass er sein Experiment nicht mehr unter Kontrolle hat.

Bulgakow gesellt sich mit seiner fantastisch skurrilen Erzählung zu Autoren wie Mary Shelley oder Nikolai Gogol. Kurzweilig, aber nicht schwarz oder weiß, alle Charaktere erzeugen mal Mitleid mal Ablehnung beim Leser. Die Spannung zwischen der ungezügelten Neugier des Wissenschaftlers und dem gesunden Menschenverstand und die dokumentarischen Anspielungen auf Personen zu dieser Zeit machen aus dieser Geschichte nicht nur eine bissige und blutige Gesellschaftskritik, sondern richtet auch einen philosophischen Blick auf die Frage, was den Menschen zum Menschen bzw. den Menschen zum Hund macht – oder war es umgekehrt?

Die Traumwelt des sozialistischen Märchenfürsten

Dominik zu Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen von Volker Weidermann

Deutschland im November 1918: In München bricht die Revolution aus. Ausgerechnet ein Dichter und Theaterkritiker setzt sich an ihre Spitze – und wird später selbst zum Opfer der Wirren der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Woher rührt die aktuelle Begeisterung für geschichtliche Stoffe und vor allem historische Biographien? Es reicht ein Blick auf die Spiegel-Bestsellerliste Belletristik: Auch im zurückliegenden Jahr hatte der historische Roman Hochkonjunktur. Bereits der Vorgängerroman Weidermanns, Ostende, hatte sich mit dem Spannungsfeld von Zeitgeschehen und Literatur beschäftigt und die „Geschichte einer Freundschaft“ zwischen Stefan Zweig und Joseph Roth rekonstruiert.

Auch Weidermanns neues Buch ist hauptsächlich von Dichtern bevölkert, und so prallen die Wahrnehmungswelten von Thomas Mann, Oskar Maria Graf und Rilke mit auf die harte Realität der Revolutionswirren. Träumer offenbart die Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit oft sehr präzise, wenn schlaglichthaft die Gedankenwelten der Protagonisten und ihrer Irrungen – dies gilt insbesondere für Thomas Mann – beleuchtet werden. Hierbei erzählt der Roman dermaßen souverän und elegant, dass der Übergang zwischen collagierten Primärquellen und Fiktionalisierung geradezu fließend erscheint. Die Erzählinstanz unterlässt es bewusst, die Aussagen zu kommentieren oder zu ausführlich in den historisch-ereignisgeschichtlichen Rahmen der Nachkriegszeit einzuordnen.

So sucht das Buch auch keine eindeutige Antwort zu finden, etwa auf die Frage, ob die Münchener Räterepublik von vorneherein zum Scheitern verurteilt gewesen ist – es fühlt sich eher in die Stimmungen und Haltungen ein, als die vielen subjektiven Wahrheiten zu beurteilen. Und vielleicht liegt hierin auch die Faszination, die historische Stoffe ausüben. So fraglich es ist, ob man wirklich aus der Geschichte für die Gegenwart lernen kann, so unzweifelhaft ist doch das Bedürfnis, sich in der Vergangenheit zu spiegeln und die Erfahrungen der Zeitgenossen mit den Problemen der Gegenwart zu parallelisieren.

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A Fitting Celebration of Revolution – Tariq Ali’s “Dilemmas of Lenin”

Tariq Ali offers a nuanced centenial hommage to the first leader of the Soviet Union and the struggles of socialism in „Dilemmas of Lenin“.

by Nicholas Babakitis

Particularly in the English speaking, western world, impressions and opinions of Vladimir Lenin over the past century have typically fallen into two, very problematic camps: the rather uncritical Marxist love to near worship of him, or the Liberal, typically ahistorical and overly critical hatred of the first dictator of the USSR. Tariq Ali’s book, “The Dilemmas of Lenin,” takes this centurial anniversary of one of the 20th century’s most defining moments and contextualizes the events around 1917 while retaining Ali’s clear admiration for the monumental figure and accomplishments of Lenin throughout his lifetime.

In the rather typical Marxist lens of Historical Materialism (although never explicitly addressed), Tariq Ali builds a landscape for the figure of Lenin through the historical challenges and upheavals the man himself experienced as a product of Imperial Russia in the late 19th and early 20th centuries. This work is by no means strictly a biography of the man Vladimir Lenin, although he is clearly its central figure and his personal biography greatly shaped him into the great revolutionary of his time. Rather, “The Dilemmas of Lenin” brings together Russian history and attitudes of past and present, and offers a somewhat critical, yet unapologetically jubilant and Marxist outlook on the dilemmas faced by the first leader of the first socialist republic.

Anyone who has even begun to scratch the surface of Russian history knows that political struggle, revolution and radical displays of violence seem to be commonplace in the years leading up to the events of February and October 1917, and Ali’s story of Lenin begins in this chaotic Russian Empire of conflicting ideas of modernity seeped in barbaric old-world attitudes, rabid anti-Semitism and terroristic outbursts against a monarchy which tend get glossed over in Liberal accounts of pre-Soviet Russian history. In this quasi-post-feudal empire is where a young Vladimir Lenin begins to take shape politically and ideologically.

Tariq Ali quickly glosses over Lenin’s rather non-rebellious childhood in a conservative-liberal household, yet takes exceptional care of depicting young Lenin’s relationship to his older brother, Sasha, who’s execution after an assassination attempt of Tsar Alexander III in 1887 thwarted Lenin into revolutionary movements slowly transforming him into the leader he would later become. While Lenin never officially joined the anarchist group “People’s Will” (Narodnaya Volya) his brother Sasha had been member of, Lenin’s contact with terrorist tactics and their abysmal failures through the 19th century greatly shaped him in his early political radicalism. His journey, discovery and adaptation into Marxist thought could not have happened without these radical, albeit impractical roots.

From Lenin’s introduction into radical revolutionary thought to the events in 1917, Lenin finds himself amongst a myriad of socialist thought, debate and political action internationally. While Tariq Ali extensively touches on Lenin’s role in Marxist internationalism during his lifetime, the history of socialist thought birthed through revolutions in Europe predating Lenin offers the appropriate backdrop when Lenin and his chapter in Marxist and socialist ideas truly take shape. Ali throughout the book maintains the theme of building histories in which Lenin is a part of rather than simply building histories around Lenin. Lenin’s actions, ideas and relationships are historical in their construction and execution, not simply a whimsical product of another “great man” telling of history.

Lenin’s accomplishments and contributions are not simply looked upon in a vacuum of his greatness, rather are contextualized are placed alongside socialist contemporaries the likes of German communist Rosa Luxemburg, the first American socialist presidential candidate Eugene V. Debs, and the various internationalist workers organizations around Europe and the United States during his lifetime. Tariq Ali’s Lenin is shown as a piece of this vast network in the “hobgoblin” (the original English translation of “specter” in the first line of the Communist Manifesto) stalking throughout Europe in the 19th and early 20th centuries soon to create quite a ruckus in Europe’s poorest empire.

In the events of 1917, Ali, as well as plenty before him, paint Lenin as the master strategist of the mass organ of revolution organizing and fine-tuning the pro-soviet propaganda, being cast into exile, the infamous “sealed train” and his return to Russia eventually toppling the provisionary government in Petrograd October 25, 1917 (November 7 in the Gregorian calendar). What Tariq Ali nicely adds in a story about the man Lenin is introduce the reader, if unfamiliar, to the vast array of often unsung female* socialists of the Revolution. While Liberals typically downplay the role of the emancipation of women’s rights after the Russian Revolution in 1917, the expansion of rights to women and projects lead by women in attempting to lift women out of literal sexual slavery in some of Russia’s most patriarchal pockets of the former empire could not have been possible without the work of women from Europe and the local Muslim communities seeking their own emancipation through revolutionary actions.

With the newly formed Russian Soviet Republic (USSR in 1922) being attacked by the Entente and their backed “White” forces and Lenin’s health and the economic situation dwindling directly in the aftermath of the Russian Civil War, Ali’s depiction of the mobilization of War Communism and the aftermath are sobering and very well-aware of the situation which lay before. Power insulated centrally in a time of life or death for the new nation barely upon its own feet becomes the framework for Lenin’s infamous successor Joseph Stalin, a hero of Russian President Vladimir Putin and has seen a resurgence in popularity and admiration amongst Russians in recent years.

The 1930s in the Soviet Union will see brutal repressions of basic rights, mass starvations, deportations and industrialization at all costs. As China Mieville beautifully asks in the epilogue to his book “October,” “Is the Gulag the telos of 1917?” This question has plagued history, Marxism and the attitudes towards socialism in the Western world since and does not seem to be answered anytime soon. However, Tariq Ali gives the reader a nuanced depiction of history, socialism and revolution which will certainly not disappoint those looking for a great read during this centennial anniversary and surely give the reader a sense of positive vicarious leftist nostalgia.


Nick Babakitis

Originally from Phoenix, Arizona, Nicholas Babakitis currently lives in Berlin and attends the John F. Kennedy Institute at the Freie Universität Berlin. He has his BA in History and Political Science from Arizona State University. He is a fan of science fiction, cats, pizza and enjoys impersonating Slavoj Zizek… poorly.

 

 

cover photo: © Wikimedia Commons