Alle Artikel von postmondän

Buchtipps für die Quarantäne

Norbert Elias Über die Einsamkeit der Sterbenden

Lesen hilft so oder so. Ob zur Ablenkung in der Quarantäne oder zur Einordnung von Isolation, Wahnsinn, Leben und Tod. Welche Buch- oder eBook-Händler ihr im Moment auch unterstützen möchtet, hier sind ein paar Titel für eure Bestellliste.


Dirk Sorge empfiehlt …

 

Wenn ich mich nicht irre von Geert Keil

In den letzten Wochen ist vielen von uns wieder bewusst geworden, wie wichtig es ist, sicheres und verlässliches Wissen über die Welt zu erlangen.

Wir müssen uns auf Aussagen verlassen, die wir nicht alle bis ins letzte Detail nachprüfen können. Wir haben aber auch erlebt, dass selbst Wissenschaftler٭innen und Expert٭innen sich irren können. Wir alle sind fehlbar. Geert Keil analysiert die Fehlbarkeit als eine grundlegende menschliche Eigenschaft und untersucht, wie sie mit den Begriffen Wissen und Wahrheit zusammenhängt. Das schmale Büchlein gliedert sich in 11 Kapitel und wendet sich ausdrücklich nicht an Fachleute, sondern an interessierte Laien. Philosophisches Vorwissen wird nicht vorausgesetzt (kann aber nicht schaden, um den anspruchsvollen Gedankengang leichter nachzuvollziehen).

Die Lektüre von „Wenn ich mich nicht irre“ tut gut, denn Geert Keil rehabilitiert den Wissensbegriff, den wir jetzt dringender denn je brauchen. Einer radikalen grundlosen Skepsis erteilt er genauso eine Absage wie der Selbstüberschätzung des eigenen epistemischen Standpunkts.

Keil räumt in dem Buch mit einem populären Fehlschluss auf: Aus der Tatsache, dass wir uns irren können und nie sicher sein können, ob unsere Aussagen wahr oder falsch sind, folgt nicht, dass unsere Aussagen nie wahr sind und dass es gar keine Wahrheit gibt. Es folgt nur, dass wir die Möglichkeit des Irrtums nie ausschließen können und Fehler eingestehen müssen, sobald bessere Belege oder überzeugendere Argumente vorgelegt werden. Fehler zuzugeben, ist also kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen für Rationalität und Offenheit. Gute Wissenschaftler٭innen und Politiker٭innen räumen ein, wenn sie sich geirrt haben. Das unterscheidet sie von Scharlatanen, Esoteriker٭innen und Fanatiker٭innen.

Wenn ich mich nicht irre. Ein Versuch über die menschliche Fehlbarkeit erschien bei Reclam und hat 96 Seiten.

Bild: © Dirk Sorge

Franziska Friemann empfiehlt …

Grief Is the Thing with Feathers von Max Porter

Max Porter Grief is the thing with feathers

Was passiert, wenn ein Mensch plötzlich stirbt? Wie geht man mit der Leere um, die bleibt, wenn auch der letzte Kondolenzbesuch endet? Wie hält man den Schmerz und die Trauer aus?

In seinem Debütroman Grief is the Thing with Feathers widmet sich Max Porter auf überraschende, ergreifende, lustige und ehrliche Weise diesen Fragen. Ein Vater lebt mit seinen zwei Söhnen in London. Die Ehefrau und Mutter ist plötzlich verstorben. In einem Moment der Verzweiflung und der tiefen Trauer erscheint Crow, die Krähe – eben dieses Ding mit Federn – vor der Haustür der Familie und kündigt an, sie erst wieder zu verlassen, wenn sie nicht mehr gebraucht werde. Sie platzt in das Familienleben, ungehobelt, rotzfrech und gleichzeitig charmant. Allgegenwärtig und wenig zurückhaltend reißt die Krähe das Zepter innerhalb der Familie an sich.

CROW: “I was friend, excuse, deus ex machina, joke, symptom, figment, spectre, crutch, toy, phantom, gag, analyst and babysitter.”

Der Text wirkt seltsam lebendig, unbändig und schlicht wild. Er wechselt von Seite zu Seite die Perspektive – vom Vater zur Krähe, zu den Söhnen und wieder zurück. Auch sprachlich ist alles im Fluss. Prosatext wird durch lyrische Elemente gebrochen. Porter schafft, sozusagen federleicht, das Verschmelzen von Märchen, Wahn und der bitteren Realität der Trauer. Eine Geschichte, die noch lange nach Beenden der letzten Seite nachwirkt.

Grief Is the Thing with Feathers erschien 2015 bei Faber und hat 128 Seiten, die deutsche Übersetzung bei Hanser Berlin.

Bild: © Franziska Friemann

Lennart Colmer empfiehlt …

Rote Kreuze von Sasha Filipenko

Dass nur eine funktionierende Nachbarschaft bereichernd sein kann, hat die jetzige landesweite Quarantänesituation mit Sasha Filipenkos neuem Roman gemeinsam.

Wir schreiben das Jahr 2001 und sehen dem vom Schicksal gebeutelten Alexander bei der Wohnungsübergabe in einem Mehrparteienhaus in Minsk zu. Noch am selben Tag macht er die (anfangs widerwillige) Bekanntschaft mit seiner 90jährigen, an Alzheimer erkrankten Nachbarin. In lebhaften Rückblenden erzählt Tatjana ihre bewegende, vom sowjetischen System verstümmelte Lebensgeschichte, sodass sie schließlich auch zu einem Teil von Alexanders wird. Filipenkos Roman zeichnet ein stoisches wie einfühlsames Bild einer vom Sowjetsystem traumatisierten Gesellschaft, die noch Jahrzehnte später zwischen Erinnern und Vergessen schwankt. Bedrückend, herzlich, packend.

Rote Kreuze von Sasha Filipenko erschien 2020 bei Diogenes und hat 288 Seiten.

Tag der geschlossenen Tür von Rocko Schamoni

Der Titel des Romans scheint aktueller denn je.

Für Schamonis Antihelden Michael Sonntag hingegen stehen vielleicht sämtliche Türen offen, aber er hat wenig Elan, hindurchzugehen. Eingeschlossen in Lethargie und dem Gefühl der Sinnlosigkeit streift der Mittdreißiger ziellos durch Hamburg und legt paradoxerweise dadurch ein großes, kreatives Potenzial zutage, das Schamoni in unverwechselbarer Döspaddeligkeit schildert: Von dem Sammeln von Krankheiten in öffentlichen Räumen über jenes von Absagen bis zum vorgetäuschten Wärterjob in der Kunsthalle wird kaum etwas ausgelassen. So krude wie der Roman auch ist, so unterhaltsam und aus dem Leben gegriffen liest er sich.

Tag der geschlossenen Tür erschien 2012 bei Piper und hat 272 Seiten.

Rumo & Die Wunder im Dunkeln von Walter Moers

Ein Heldenroman wie man ihn nur selten findet, eine Liebesgeschichte wie keine zweite, eine einzigartige Reise ins Ungewisse.

Dieses Fantasy-Meisterwerk aus dem Hause Moers kann ich alle paar Jahre mit derselben Begeisterung lesen wie beim ersten Mal. Dass Harmlosigkeit ein Luftschloss ist, muss Rumo bereits in jüngstem Alter erfahren, als er seinem behutsamen Zuhause plötzlich entrissen wird. Statt den Kopf in den Sand zu stecken, lernt Rumo das Entdecken und das Kämpfen, was sich ihm in den verschiedensten Lebenslagen noch als nützlich erweisen wird. Eine mitreißendes, düsteres Märchen vom Erwachsenwerden und seinen Herausforderungen.

Rumo & Die Wunder im Dunkeln erschien 2003 bei Piper und hat 704 Seiten.


Filiz Gisa Çakir empfiehlt …

Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen von Norbert Elias

Norbert Elias Über die Einsamkeit der Sterbenden

Der Tod ist ein Problem der Lebenden. Tote Menschen haben keine Probleme.

Und er ist ein großes Problem. Unseren Umgang mit dem Thema Tod und Sterben beleuchtet der deutsch-britische Soziologe Norbert Elias in seinem essayistischen Werk „Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen“. Erschienen im Jahre 1982, ist es aktuell wie eh und je. Denn welches Thema liegt während einer Pandemie näher als unsere Vergänglichkeit? Aber Spaß bei Seite, auch wenn es schwer zu glauben klingt, ist dieses Buch keineswegs so deprimierend zu lesen, wie der Titel vermuten lässt!

Ganz im Gegenteil … Obwohl, erbauend ist es auch nicht unbedingt. Es ist nun mal die Realität, dass auch in „Nicht-Corona-Zeiten“ Menschen einsam und allein in einem Krankenhausbett oder in einem kahlen Zimmer im Altersheim sterben. Warum ist das so? Warum schieben wir diesen einzigartigen, wichtigen Moment so weit aus unserem Blickfeld? Aus Angst, Egoismus, oder ist doch der Kapitalismus schuld? Mit diesen Fragen setzt sich der Autor in seiner soziologischen Abhandlung auseinander. Ursachen, aber auch Folgen dieser Verdrängung der Sterblichkeit, die in den westlichen Industrieländern vorherrscht und im Auslagern der sterbenden Menschen oder auch im Zulauf (alternativer) religiöser Strömungen endet, werden analysiert und untersucht. Aber keine Sorge, dies geschieht in einer verständlichen und kurzweiligen Art und Weise.

Bei der Reflexion unserer Auffassung vom Tod und was für uns „gelungenes Sterben“ bedeutet, können wir viel über uns selbst und die Zivilisationsprozesse deren Teil wir sind, lernen. Gerade in Zeiten, die zum Innehalten zwingen, haben wir die Chance uns aufs Wesentliche zu besinnen und uns essentiellen Fragen jenseits der täglichen Zerstreuung zu stellen. Und genau dafür gibt dieser Text von Elias großartigen Input. Es ist kleines Büchlein voller schlauer Sätze und Aha-Effekte, welches in wirklich keinem vernünftigen Bücherregal fehlen sollte!

Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen erschien 1982 bei Suhrkamp und hat 264 Seiten.

© Filiz Gisa Çakir

Lukas Lehning empfiehlt …

Manhattan Beach von Jennifer Egan

In Manhattan Beach lernen wir eine junge Amerikanerin kennen, die sich in den 40er Jahren in New York für den Zweiten Weltkrieg engagiert.

Dies tut sie, indem sie sich in der Marinewerft als Unterwasserschweißerin meldet – ein Knochenjob. Dabei kämpft sie nicht nur mit den Grenzen ihres Körpers, sondern auch mit denen der Gesellschaft. Weder ihr Chef noch ihre Kollegen und Kolleginnen trauen ihr diese Tätigkeit zu. Doch nach zahlreichen Rückschlägen, Enttäuschungen und Zufällen zu ihren Gunsten erreicht sie ihr Ziel: Die Heldin ist, nur umgeben von unendlichen Wassermassen und repariert den Rumpf eines Kriegsschiffs. Hierbei gelangt sie jedoch nicht nur auf den Grund des Hudson Rivers, sie erfährt auch, warum ihr Vater vor vielen Jahren spurlos verschwunden ist.

Jennifer Egan schreibt weniger ein Buch über eine junge Patriotin, als dass sie das Portrait einer Gesellschaft zeichnet, in der junge Frauen gesagt bekommen, was sich für sie schickt und was nicht, in der ihnen eine feste Rolle zugeschrieben wird und in der Ausbrechen nicht vorgesehen ist. All diese – erschreckend aktuellen Beobachtungen – verpackt Egan in einen Roman, der halb Gesellschaftskritik und halb Kriminalroman ist. Und genau darin liegt die Stärke dieses fast fünfhundert Seiten umfassenden Buches. So unbefangen, wie die Hauptdarstellerin zwischen New Yorker Nachtleben der 30er und 40er Jahre und der Arbeit in der Werft hin und her tanzt, gelingt es Egan, ein schwieriges Thema mitreißend zu erzählen.

Manhattan Beach erschien bei S. Fischer und hat 488 Seiten.

Bild: © Lukas Lehning

Wir sind ein kleines, unabhängiges und kostenfreies Kunst-Magazin. Hast du Lust, uns zu unterstützen und dabei gut auszusehen? Dann schau mal in unserem Support-Shop vorbei.

Vom Erzählen von Geschichten – Jørn Precht im Interview

Prof. Jørn Precht ist Dozent für Drehbuch und Dramaturgie, Drehbuchautor, Romanautor, Schauspieler und Regisseur. Derzeit stürmt er unter dem Pseudonym Charlotte Jacobi die Bestseller-Charts mit dem Roman Sehnsucht nach der Villa am Elbstrand.

Ein Gastinterview von Thomas Goersch


Hallo Jørn, aktuell findet man dich mit dem Roman Sehnsucht nach der Villa am Elbstrand unter dem Pseudonym Charlotte Jacobi auf den Bestsellerlisten. Erzähl uns was zu den Romanen von Charlotte Jacobi. Wer steckt hinter Charlotte Jacobi, und warum das Pseudonym?

2016 habe ich mit der Journalistin Eva-Maria Bast zwei Sachbücher zum Thema Stadtgeschichte geschrieben: Stuttgarter Geheimnisse und Flensburger Geheimnisse. Im Rahmen der gemeinsamen Recherche-Arbeit entstand die Idee, zusammen auch mal einen historischen Roman zu wagen.

Unserer gemeinsamen Agentin Anna Mechler gelang es dann, dafür den Piper-Verlag mit ins Boot zu holen. Die damalige Lektorin dort hat uns aufgeklärt, dass historische Romane primär von Frauen gelesen werden, und dass zwei Autorennamen – zumindest auf dem Cover – eher abstoßend auf die Leserschaft wirken. Wir haben ihr vertraut, und die Verkaufszahlen haben ihr recht gegeben. Es handelt sich allerdings um ein sogenanntes „offenes Pseudonym“, das heißt im Buchinneren wird aufgeklärt, wer sich wirklich hinter „Charlotte Jacobi“ verbirgt. Das ist praktisch, da es uns öffentliche Lesungen ermöglicht.

Was ist bereits erschienen? Was für eine Geschichte erzählen die Bücher?

Gemeinsam haben wir bereits drei Romane bei Piper veröffentlich, die auch alle als Hörbuch adaptiert wurden. Dabei handelt es sich um eine Trilogie – Die Elbstrandsaga. Darin erzählen wir von einer Hamburger Reedereidynastie und deren Angestellten. Plump gesagt ist es eine Art deutsches Downton Abbey – aber mit Schiffen. Band 1 spielt zur Zeit des Ersten Weltkriegs, Band 2 im Zweiten, und im gerade erschienenen dritten Buch – Sturm über der Villa am Elbstrand geht es in die 1960er. Neben der großen Hamburger Sturmflut erleben wir die ersten Gehversuche der Beatles und die „Spiegel-Affäre“ hautnah mit. Trotz der romantischen Buch-Cover geht es oft sehr hart zur Sache, und alles ist exakt recherchiert. Unsere Leserschaft lobt es, dass sie mit der Trilogie nicht nur unterhalten wird, sondern nachher viel, viel mehr über die jeweilige Epoche weiß. Da Co-Autorin Eva und ich beide vergessene Quellen und Geheimnisse lieben, bemühen wir uns jeweils um Fakten, die man so noch kaum gehört hat.

Nach dem großen Erfolg geht es doch bestimmt mit dieser Buchreihe auch weiter. Erzähle uns etwas über die Zukunftspläne mit Charlotte Jacobi.

Die Elbstrand-Saga ist zunächst mal abgeschlossen. Von Charlotte Jacobi wird es aber Neues geben – gerade ging die erste Fassung unseres vierten Romans bei Piper an die Lektorin. Er soll im Dezember 2020 erscheinen. Wir dürfen darüber nicht allzu viel verraten, da die Konkurrenz in diesem Segment des Buchmarkts recht groß ist. Kaum war beispielsweise Anfang 2018 unser erster Band Die Villa am Elbstrand angekündigt, zogen zwei andere Verlage mit den ähnlich lautenden Titeln Die Villa an der Elbe und Die Villa an der Elbchaussee nach. Deshalb an dieser Stelle nur so viel: Es geht im neuen Buch um zwei junge Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die gegen alle Widerstände eine eigene Firma gründen. Dafür haben wir erneut sehr viel recherchiert.

Dein Herz schlägt auch für den Film. Du hast nach deinem Abschluss in Germanistik und Anglistik ja noch ein Aufbaustudium Drehbuch und Creative Producing“ belegt. Und seit April 2012 bist du Professor an der Hochschule der Medien Stuttgart.

Ja, die Arbeit mit jungen Regisseuren an der Filmakademie Baden-Württemberg hat mich extrem viel lernen lassen. Schon im Jahr 2000 habe ich auf Empfehlung einer Künstleragentin dann begonnen, mein erworbenes Wissen auch im Unterricht weiterzugeben. Damals zunächst am Billy-Wilder-Institut in Bonn, später an der eigenen Drehbuchschule im Filmhaus Stuttgart. Professor für Transmediales Storytelling an der Hochschule der Medien wurde ich dann im April 2012.

An der Hochschule hast du das Institut für angewandte Narrationsforschung (IANA) gegründet. Laut Website eine „interdisziplinäre Lehr-, Forschungs- und Kommunikationsplattform für anwendungsorientierte Erzähltheorie und -praxis“. Was darf man sich darunter vorstellen?

Geschichten, narrative Modelle, tauchen ja längst nicht mehr nur in Büchern, Filmen, Serien und Videogames auf. Auch Beratung und Therapie, Unternehmen und Organisationsentwicklung, Messeauftritte, politische Kampagnen, Organisationskommunikation und Bewerbungstraining agieren mit den Prinzipien des „Storytelling“. Unser Institut will Diskurs und Kommunikation zwischen Forschung und Praxis in den diversen Anwendungsfeldern fördern. Dazu veranstalten wir jährlich im Dezember das Storytelling-Camp im Rahmen des Festivals Filmschau Baden-Württemberg. Dort referieren vom Hollywood-Regisseur, einer Romanautorin über den Porsche-Marketing-Chef oder eine Fernseh-Redakteurin bis hin zum bekannten Musiktexter Storyteller aus den verschiedensten Bereichen. Mit dem Tagungsband „Narrative des Populismus“ haben wir 2018 unser erstes Buch herausgegeben. Zum Populismus in „sozialen“ Netzwerken forsche ich, weil ich ihn für extrem demokratiegefährdend halte.

Du schreibst Drehbücher für die ZDF-Serie Soko Stuttgart“ und für die Animations-Serie über Petzi, den wir durch die Petzi-Kinderbüchlein kennen.

Als 2009 klar wurde, dass Stuttgart seine eigene Krimi-Serie bekommt, war ich Feuer und Flamme. Was die Bavaria mit den Filmakademie-Absolventen Oliver Vogel und Torsten Lenkheit damit für die Jobsituation am hiesigen Medienstandort getan hat, wirkt nun schon über zehn Jahre.

Der kleine Seefahrerbär-Petzi war tatsächlich meine erste Erfahrung als Storyteller, ich liebte diese aus Dänemark stammenden Bildergeschichten schon mit vier. Als ich mit fünf meinen Vater bei einem Ausflug an den Uracher Wasserfall fragte: „Warum gibt es eigentlich keine Geschichte, in der Petzi seine Freunde Pelle und Pingo kennenlernt?“, antwortete er: „Schreib du sie doch.“ Ich glaube, er hat nicht geahnt, was er damit lostritt, mir aber dann irgendwann eine in der Zeitungsredaktion ausgemusterte Schreibmaschine mitgebracht.

Als ich über vier Jahrzehnte später durch den Praktikumsbericht einer Studentin erfuhr, dass ausgerechnet in Ludwigsburg eine 3D-Version meines Kindheitshelden Petzi entstehen soll, war ich wie elektrisiert. Dann bei Studio SOI als Autor der Serie einsteigen zu dürfen, war neben meiner Arbeit mit dem Hollywood-Regisseur Roger Spottiswoode meine bisher schönste berufliche Erfahrung. Zwischen Lego-Modellen und vielen Animatoren, die die Storys gleich vor Ort am Computer umgesetzt haben, Petzi-Geschichten zu suchen, war so ein bisschen Storyteller-Himmel. Aber auch sehr kniffelig – während es beim Krimi ja primär um routinierte Konstruktion von Blindspuren und Tatmotiven geht, muss man bei einer Preschool-Serie Konflikte finden, die auch im Kindergarten nachvollziehbar sind. Die viele Arbeit wurde dann aber mit Einschaltquoten bis zu 70 Prozent belohnt.

Du scheinst eine gute Kombination aus praktischer Anwendung als Autor und aus theoretischer Vermittlung als Dozent zu haben: Was magst du besonders an diesen Aufgaben? Harmonisiert das gut? Würdest du eine Aufgabe bevorzugen?

Schwere Frage. Wenn ich im Schreibfluss bin und die erdachten Charaktere ihr Eigenleben entwickeln, wenn ich bei der Recherche auf eine verlorene Geschichte stoße, wenn mir der erste Cover-Entwurf zugesandt wird, mir Leser sagen, sie hätten geweint und gelacht wegen meiner Geschichte, dann denke ich: „Traumberuf“. Dasselbe denke ich aber auch, wenn ich an einer technisch großartig ausgestatteten Hochschule wie der HdM Studierenden aus aller Welt durch meine Erfahrungen beim Kreativsein helfen darf – und dabei selbst manchmal am meisten lerne.

Insgesamt denke ich, dass es gut ist, einen Ausgleich zu haben, der einen Schreibtischtäter wieder unter reale Menschen in Aufbruchstimmung zwingt.

Unter eigenem Namen hast du den Titel Das Geheimnis des Dr. Alzheimer veröffentlicht, der 2018 mit dem bronzenen HOMER-Preis für den besten historischen Roman aus dem Jahr 2017 ausgezeichnet wurde. Das Buch hat eine interessante Entstehungsgeschichte. Erzähle uns was hierüber.

Vor etwa sieben Jahren kontaktierten mich der Regisseur Hardy Martins und der Autor Bernd Schwamm, da sie mit ihrem Einfall, die Biografie von Alois Alzheimer, dem Entdecker der gleichnamigen Krankheit, für einen Film zu adaptieren, nicht weiterkamen. Eine funktionierende Filmfigur braucht eine große Katastrophe und Charakterveränderung. Nun war der historische Prof. Dr. Alzheimer ein gleichbleibend ruhig forschender Mann, zu der zu seiner ersten Patientin mit der von ihm entdeckten Krankheit keinen persönlichen Bezug hatte. Da fiel mir ein Beispiel meiner Dozentin an der Filmakademie, der Roman-Autorin Sibylle Knauss ein.

In einem Spiegel-Interview vor etwa 20 Jahren hat sie gesagt, dass Eva Braun sie zwar als Romanfigur interessiert habe, diese aber keine Charakterentwicklung durchgemacht habe und sich daher nicht zur Adaption eigne. Frau Knauss wurde dann von Eva Brauns Cousine kontaktiert, die ihr die Lösung bot: Diese hatte erkannt, wie schlimm Hitler und sein Regime waren. Erzählt über diese Figur mit Erkenntnis, also die Cousine, konnte Eva im Roman Hitler so gleichbleibend hingegeben sein wie in der Realität. Ich entschied mich zu einem ähnlichen Vorgehen. Dramaturgische Veränderungen, Spannung und die emotionale Bindung an die erste Alzheimer-Patientin erzählte ihn anhand Dr. Alzheimers Assistenten, von dem heute nur noch der Name bekannt ist. So konnte der Psychiater Alzheimer so bleiben, wie er wirklich war.

Da so ein historischer Film sehr teuer ist und die Finanzierung immer länger auf sich warten ließ, beschloss ich 2017, dass die Menschen nun zumindest als Buch diese Geschichte kennenlernen sollten. Der HOMER-Preis war dann eine echte Adelung für das Buch. Allein schon die Nominierung – zu den 75 besten historischen Romanen des Jahres 2017 zu gehören –, war eine Ehre für mich. Dass ich dann auch noch in die Top 3 kam und damit bekannte und hoch talentierte Kolleginnen und Kollegen hinter mir gelassen habe, war dann natürlich noch schöner für mich.

Besteht eine Möglichkeit, dass dieser Roman eines Tages, wie ursprünglich geplant, zu einem Film werden kann? Wie siehst du die Chancen hierfür?

Ich hoffe natürlich sehr, dass – auch durch den Erfolg des Romans – jemand es für sinnvoll und lukrativ hält, die Verfilmung zu finanzieren. Das Drehbuch liegt auch auf Englisch vor und es gab bereits eine Anfrage aus Großbritannien. Fest steht immerhin, dass noch dieses Jahr die Hörbuch-Adaption kommen wird.

Vielen Dank für das Interview. Das letzte Wort sollst Du haben. Was wäre dein Herzenswunsch auf kreativer Ebene?

Momentan nähere ich mich – nach erstem Kontakt im Rahmen des Jugend-Musicals „Bühne der Träume“ im Jahr 2017 – weiter dem Schreiben für Live-Situationen an. Neben einer Theateradaption des Buchs eines deutschen Comedians habe ich zwei Stoffe für größere Musicals in der Pipeline. Musik mit ihrer Verbindung zu unserem emotionalen Gedächtnis fasziniert mich, und ich hoffe, ich finde die Zeit, etwas davon an die Frau oder den Mann zu bringen. Aber am meisten wünsche ich mir natürlich, dass bald ein englischsprachiges Script von mir verfilmt wird, da ich es ja liebe, wenn meine Geschichten viele Menschen erreichen.


Thomas Goersch verkörperte weit über 200 Rollen in Kino-, Musikvideo- und Independent-Produktionen. Wegen seiner Vielschichtigkeit und seines Interesses an verschiedenen Genres engagierte man ihn wiederholt für ausländische Filmproduktionen, welche nicht selten einen stark künstlerischen oder experimentellen Ton aufweisen. Daneben ist er dem deutschsprachigen Fernsehzuschauer seit vielen Jahren als Moderator beim Verkaufssender 1-2-3.tv bekannt.

Beitragsbild: © Fotohaus Kerstin Sänger

Wir sind ein kleines, unabhängiges und kostenfreies Kunst-Magazin. Hast du Lust, uns zu unterstützen und dabei gut auszusehen? Dann schau mal in unserem Support-Shop vorbei.

Was nehmen wir mit von 2019? Eine postmondäne Leseliste

Bevor wir uns mit 2020 auseinandersetzen, haben sich sieben postmondänler nochmal gefragt: Welche Bücher haben uns dieses Jahr beschäftigt? Wir müssten, könnte man nach 2016, 2017 und 2018 meinen, schon eine gewisse Routine in diesem Ritual haben. Doch in diesem Jahr ist eine auffallend bedrückende Liste zusammengekommen, die sich um Themen dreht wie Gewalt, Tod, Bedrohung, Verschwörungstheorien, Depression, Heimatliebe, Heimatverluste und Online-Kniffel.

von Moritz Bouws, Stefan Weigand, Katharina van Dülmen, Lennart Colmer, Martin Kulik, Gregor van Dülmen und Dominik Gerwens.

Manifest gegen die Heimat

Moritz über Eure Heimat ist unser Albtraum von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah (Hrsg.)

Ich bin privilegiert. Ich bin weiß. Ich bin jung. Ich bin männlich – ich habe es mir im binären Geschlechterkonstrukt mit einem heteronormativen Lebensstil bequem gemacht. Und ich habe keinen sogenannten Migrationshintergrund – zumindest keinen, der nicht vor mehr als dreihundert Jahren auszumachen ist. Trotzdem – oder gerade deswegen – ist mir der Begriff der „Heimat“, wie vielen von euch Leser٭innen, insbesondere im aktuellen Diskurs, zuwider. Denn er verfolgt ein Ideal einer homogenen, christlichen und weißen Gesellschaft, in der Männer das Zepter in der Hand halten und Frauen für die Volksvermehrung verantwortlich sind. Andere Lebensrealitäten tauchen in dieser Utopie schlichtweg nicht auf, wie Aydemir und Yaghoobifarah im Vorwort von „Eure Heimat ist unser Albtraum“ feststellen, das Anfang des Jahres erschien.

Wie fühlt es sich an, zu den anderen zu gehören? In Zeiten, in denen das vormalige Innenministerium ohne nennenswerte Diskussion zum Heimatministerium getauft wird. Wie fühlt es sich an, im ach so liberalen Deutschland als Jüdin, als Muslim, als transidenter Mensch zu leben? In Zeiten, in denen die Alternative für Deutschland zur dritt- oder bald zweitstärksten Kraft geworden ist. Wie fühlt es sich an, als Teil des anderen als Bedrohung wahrgenommen zu werden?

Der Essayband „Eure Heimat ist unser Albtraum“ bietet diese Perspektive. In vierzehn Beiträgen schildern nicht ganz unbekannte Vertreter٭innen vorwiegend aus dem kulturschaffenden Bereich ihre eigenen Erfahrungen und Sichtweisen, durch die sich auch einige Leser٭innen mit ihrem weltoffenen Selbstverständnis auf die Füße getreten fühlen dürfen. In diesen schnelllebigen Zeiten, in denen die Orientierung schwerfällt und kategorisierte Denkmuster gerade recht kommen, ist die kritische Selbstreflektion wichtiger denn je. Somit ist „Eure Heimat ist unser Albtraum“ ein bedeutendes Manifest, das Wachsamkeit, Sensibilität und Weitblick für das kommende Zusammenleben in unseren Gesellschaften verleiht.

Eure Heimat ist unser Albtraum erschien 2019 im Ullstein Verlag.

Endzeit im Kammerspielmodus

Stefan über Milchzähne von Helene Bukowski

Mit manchen Büchern ist es so, dass man erste ein paar Hürden überspringen muss, bis man zu ihnen findet. Doch dann ist man wirklich am richtigen Platz. Mit „Milchzähne“ von Helene Bukowski ging es mir so. Erst der Titel: Vielleicht ein Jugendroman oder eine Geschichte für Kinder? Komisch! Dann erzählen die ersten Seiten von Gemüseanbau, von Kaninchenzucht, von Nachbarn, die Obst tauschen, und von dem Brennnesselsud, mit dem man die Beete düngt. Bin ich jetzt in ein Landlust-Setting geraten?

Doch das Buch ist bitterernst. Die Geschichte spielt in einer Siedlung, in der die Menschen beschlossen haben, für sich zu bleiben. Das Mädchen Skalde lebt mit ihrer Mutter Edith am Rande dieser Gegend, die am Ende der Welt zu liegen scheint. Immer wieder ist von der sengenden Hitze die Rede, es drohen Felder zu verdorren. Endzeitstimmung. Dazu kommt die unheimliche Bedrohung, die von der Gemeinschaft selbst ausgeht. Die Menschen hier wollen keine Fremden bei sich. Um sicherzugehen, haben sie die letzte Brücke über den Fluss vor Jahren gesprengt. Aber dann schafft es doch jemand: Ein junges Mädchen taucht auf, wie aus dem Nichts, und alles gerät aus den Fugen. Skalde beschließt, das Kind aufzunehmen, und stellt dabei nicht nur das Selbstverständnis der Gemeinschaft auf die Probe, sondern eben auch deren Menschlichkeit.

© Stefan Weigand

Man kann gar nicht glauben, dass es das Romandebüt einer jungen Autorin ist. Helene Bukowski, 1993 in Berlin geboren, schreibt schnörkellos und gefühlvoll zugleich und setzt die Figuren und die Handlung in ein klaustrophobisches Kammerspiel. Das Buch hat mich deshalb gepackt, weil es eine wahnsinnig dichte Atmosphäre aufbaut und zugleich eine geschickte Parabel zu den Themen Herkunft, Identität und der Offenheit einer Gemeinschaft ist. Klar, die Gefahr ist da immer, dass ein Buch moralisch oder gar belehrend auftritt. „Milchzähne“ kommt hier gut durch. Das gelingt, weil die Erzählung geschickt Leerstellen lässt – man erfährt nicht, was die Gefahr ist, wo denn genau die Gegend liegt oder welche Gründe die selbst auferlegte Abschottung der Gemeinschaft hat. Eine ergreifende Erzählung, die nicht zuletzt wegen ihrer poetischen Zwischentexte berührt: „Mit dem Kind im Haus sind die Nächte heller geworden. Die Dunkelheit ist jetzt weich wie ein Mantel aus Pelz. Ich lege sie mir um die Schultern.“

Milchzähne erschien 2019 bei Blumenbar im Aufbau Verlag.

Realitäten

Katharina über Befreit von Tara Westover

Tara Westover erzählt, wie sie als Jüngste von sieben Geschwistern einer Mormonen-Familie am Hang des Buck Peaks im US-Bundesstaat Idaho aufwächst. Wie sie auf dem Schrottplatz ihres Vaters arbeitet und von ihrer Mutter alles über Kräuter lernt, statt in die Schule zu gehen. Sie erzählt von familiärer Gewalt und schrecklichen Unfällen, nach denen nie ein Krankenwagen gerufen, sondern immer nur auf Gott gehofft wird. Und davon, wie sie sich auf die apokalyptischen „Tage des Gräuels“ durch den Y2K-Fehler vorbereitet – Essens- und Spritvorräte bunkert, Fluchtrucksäcke packt und sich mithilfe von Waffen kampfbereit macht. Und das alles in ständiger Angst. Vor den Illuminaten. Vor der Regierung. Und vor dem FBI, die all jene erschießen, die sich nicht ihrem System beugen. So ihr Vater.

Doch wie rekonstruiert man die eigene Geschichte, wenn man unter einem Patriarchen aufgewachsen ist, der seine Wirklichkeit als allgemeingültig deklarierte und keine andere zuließ (Viel später glaubt Tara, ihren Vater in einer Vorlesung zum Thema Bipolore Störung wiederzuerkennen.)? Wenn man nicht mehr unterscheiden kann zwischen jenen Geschichten, die man gehört und jenen, die man erlebt hat? Wenn die Geschwister von demselben Erlebnis ganz anders berichten, als man selber es tun würde? Tara Westover legt all ihre Zweifel und das Misstrauen ihrer eigenen Erinnerung gegenüber offen. Und es gruselt einen besonders, wenn sie schreibt:

„Meine früheste Erinnerung ist keine. Vielmehr etwas, was ich mir eingebildet hatte und mich dann daran erinnerte, als wäre es tatsächlich so geschehen. Das Erinnerte entstand  (…) aus einer Geschichte, die mein Vater derart detailliert erzählte, dass jeder von uns (…) eine eigene Kinoversion davon gebastelt hat, einschließlich Gewehrschüssen und Schreien.“ (S. 19)

und

„Wenn ich meine Tagebücher aus jener Zeit lese, kann ich die Entwicklung nachverfolgen – die einer jungen Frau, die ihre Geschichte umschrieb. In der Wirklichkeit, die sie sich zurechtbastelte, war alles in Ordnung gewesen (…).“ (S. 187)

Doch irgendwann entflieht Tara der Vorbestimmung ihres Vaters, der sagte, eine Frau müsse heiraten und dürfe nicht arbeiten. Ganz abgesehen natürlich von der Arbeit auf dem familieneigenen Schrottplatz und im Haus. Sie sucht sich kleine Nebenjobs, kauft sich vom selbstverdienten Geld Bücher und bringt sich selbst Mathematik bei. Letztendlich schafft sie die Aufnahmeprüfung fürs College. Ihre lesenswerte Autobiografie widmet sie dann ihrem Bruder Tyler, der sie immer ermutigte und ihr zeigte, wie sie sich durch Bildung ihre eigene Realität schafft, ihre eigene Geschichte schreibt und sich befreit.

Befreit erschien 2018 im Kiepenheuer & Witsch.

Depression und Kaputtheit

Lennart über Serotonin von Michel Houellebecq

Vor wenigen Jahren habe ich mit Unterwerfung (2015) Houellebecq für mich entdeckt. Darauf habe ich fast jedes seiner Bücher verschlungen. Auch wenn sich ein roter Faden durch die versch(r)obenen Wesenszüge und Weltansichten seiner Hauptprotagonisten zieht, hat mich das zunächst nicht weiter gejuckt. Wohlfühlliteratur interessiert mich nicht – Houellebecqs Schilderungen der Kaputtheit fesselten mich. Serotonin las ich also mit einer gewissen Vorahnung und mit diesem Buch kippte auch mein Houellebecq-Erlebnis. Mir erzählt er nichts Neues mehr, vielmehr überspannt er mit Serotonin den Bogen; übertreiben kann auch jeder Groschenroman von Bastei-Lübbe.

Serotonin erschien 2019 bei DuMont.

Lennart über Frau im Dunkeln von Elena Ferrante

Auch wenn es fern liegt, Ferrante und Houellebecq zu vergleichen, gelingt es Ferrante meiner Meinung nach besser als Houellebecq, Facetten der Depression zu erzählen. Kein anderer Ort als der sommerliche Strand scheint ferner von einem solchen Narrativ zu sein, doch Ferrante macht genau dieses Idyll zu einem zwielichtigen Schauplatz ihrer Protagonistin. Zudem schafft sie eine Perspektive, die mehr mit Empowerment zu tun hat als mit Verbitterung. Das ist erfrischend.

Frau im Dunkeln erschien 2019 im Suhrkamp Verlag.

https://www.instagram.com/p/B2HVLnTnmzt/

Quelle: Instagram

Schwaches Licht, starkes Teemännchen

Lennart über Das Licht von T. C. Boyle

An das neue Buch eines meiner Lieblingsautoren habe ich hohe Erwartungen gehabt. Die Adaption einer historischen Begebenheit durch Boyles absurden Filter zu lesen, hat mir im Jugendalter schon wahnsinnig gut gefallen – mit Wassermusik (1990) fing alles an, mit vielen, vielen weiteren Romanen von Boyle ging es schließlich weiter. Das Licht hingegen zähle ich zu den schwächeren Geschichten. Verspricht der Prolog, der im Grunde ein Vorspiel darstellt, noch viel, wirkt die Entwicklung der zentralen Protagonisten zuweilen zäh, der Spannungsbogen flach.

Das Licht erschien 2019 bei Hanser.

Lenn über Das Teemännchen von Heinz Strunk

Diese sympathische wie schräge Kurzgeschichtensammlung erschien zwar schon im letzten Jahr, aber sie gehört definitiv zu meinen persönlichen Lese-Highlights des Jahres. Nach dem fesselnden, doch sehr verstörenden Trip in Der Goldene Handschuh (2016) und dem seicht-schrulligen Roman Jürgen (2017) packte mich das schmale, schwarze Buch mit seinem Mikrokosmos der Eigenartigkeiten. Strunk vermengt realitätsnahe wie fantastische Elemente des einfachen Seins zu einem grau-bunten Eintopf.

Das Teemännchen erschien 2018 bei Rowohlt.

Don’t fear the Reaper

Martin über So sterben wir von Roland Schulz

Die Beschäftigung mit unserem Tod ist eines der letzten großen Tabus: Aus dem Unvorstellbaren ist das Unsagbare geworden. Seltsam eigentlich, ist doch kaum etwas so sicher wie die eigene Vergänglichkeit. Doch was genau passiert, wenn wir unseren letzten Atemzug nehmen? Wie fühlt sich Sterben an? Und was passiert eigentlich im Anschluss, wohin wird der Leichnam gebracht, womit müssen sich Angehörige auseinandersetzen?

Die Beschäftigung mit dem Ende des Lebens ist eine sehr intime und private Angelegenheit. Roland Schulz hat mit „So sterben wir“ ein Buch geschrieben, das uns nicht nur drängende Fragen rund um das Sterben beantwortet, sondern auch den richtigen Stil gefunden hat, um uns dieses schwere Thema näherzubringen. Schulz spricht die Leser٭in in der zweiten Person an, schildert einfühlsam, ohne dabei jemals zu belehren oder komplexe emotionale Reaktionen vorzuschreiben.

„Tage vor deinem Tod, wenn noch niemand deine Sterbestunde kennt, hört dein Herz auf, Blut bis in die Spitzen deiner Finger zu pumpen. Wird anderswo gebraucht. In deinem Kopf.“

Schulz bringt uns dazu, über etwas nachzudenken, worüber wir zunächst nicht nachdenken wollen. So wird die Lektüre seines Buches zu einer kraftvollen Selbstermächtigung: Angst haben wir nur vor dem Unbekannten. Allein die Auseinandersetzung mit dem Sterben macht es uns etwas leichter, diesem unvermeidlichen Ereignis würdevoll entgegenzutreten.

So sterben wir erschien 2019 im Piper Verlag.

Poesie im Dunkeln

Gregor über Du bist nicht allein von Aref Hamza

In Du bist nicht allein sucht Aref Hamza nach Worten, um seine Fassungslosigkeit über den Bürgerkrieg in seiner Heimat Syrien, das Leeregefühl eines ausgelöschten Alltags, die qualvolle Flucht und die Einsamkeit des Exils zu verarbeiten. Er findet sie in ca. 80 Gedichten, von denen jedes für sich so erdrückend ist, dass eine zusammenhängende Lektüre fast unmöglich ist. In teils rohen, klaren Beschreibungen, teils erdrückenden Metaphern umkreist er immer wieder seine eigene Fassungslosigkeit darüber, dass sich ein banaler Alltag so stark verdunkeln konnte und sich alles Gekannte in Tod und Zerstörung auflösen. Eine Umfrage durchfließt seine Texte: Wie konnte es soweit kommen?

Du bist nicht allein erschien 2018 im Secession Verlag.

Gregor über Auf Erden sind wir kurz grandios von Ocean Vuong

Weit mehr Aufmerksamkeit als Aref Hamzas Band erfuhr 2019 die Veröffentlichung des aus Vietnam stammenden US-Autors Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios. Vuong gelingt das Meisterstück, seine poetische Sprache, für die er bereits mehrere Lyrikpreise erhielt, in Prosa zu überführen. Er präsentiert uns einen offenen Brief an seine Mutter und reißt seine Leser٭innen in die Lebenswelt seines eigenen Außenseitertums als homosexueller Sohn einer ausländischen Analphabetin hinein, in einer Gesellschaft, die immer weniger für Minderheiten übrig hat. Seiner Sprache gewährt er, was das Bruch so fremdartig und gut macht, den radikalen Freiraum, sich schonungslos mitten durch seine Erinnerungen zu wühlen, und fern von räumlichen und zeitlichen Strukturkomponenten Zusammenhänge herzustellen, die für ihn sein Leben ausmachen und eindrucksvoll Verzweiflung, Einsamkeit, Andersartigkeit, Gewalt und Verlorensein verbildlichen. Seine Leser٭innen nehmen kurz Teil am Schicksal einer kleinen Familie, das auch nach Jahrzehnten noch fremdbestimmt von den Spätfolgen eines Bürgerkriegs ist.

Auf Erden sind wir kurz grandios erschien 2019 bei Hanser.

Kleines Denkmal des Egalen

Gregor über Das Leben ist eins der Härtesten von Giulia Becker

Wer sind eigentlich die Leute, die die Bestenlisten beim Online-Kniffel anführen? Oder die, die nachts dem Teleshopping erliegen, bis ihre Wohnungen in unnützen Gegenständen versinken? Deren sozialer Anker Selbsthilfegruppen für aus Eigenverschulden in Not Geratene sind? Oder die, deren größter Lebenstraum ein Besuch im Tropical Island ist? Jedenfalls allesamt Personengruppen, denen viel zu selten Bücher gewidmet werden, da im Grunde alles, was ihnen passiert, den meisten Autor٭innen und ihren Leser٭innen völlig egal sein kann. Giulia Becker macht es trotzdem. Das Beeindruckende: Nicht nur die Charaktere von Das Leben ist eins der Härtesten, auch die Handlung ist fast schon obszön irrelevant. Eine Herausforderung, die die Autorin spielerisch annimmt. Ohne Ende schöpft sie erzählerisches Potenzial aus Detailbeschreibungen der verschrobenen Empfindungen und Lebensstile ihrer Protagonist٭innen. Ihrem Glauben, Wollen und Hoffen werden ungekannt viel Wohlwollen und Aufmerksamkeit geschenkt. Man will aufschreien und wegsehen, liest aber einfach immer weiter. Auch wenn die Handlung so undramatisch verpuffen mag wie von Anfang an vermutet, ist durch Das Leben ist eins der Härtesten viel gewonnen – nicht zuletzt ein besseres Verständnis für Lebensweisen außerhalb der eigenen Filterblase.

Das Leben ist eins der Härtesten erschien 2019 bei Rowohlt.

Ungeheure Erinnerungskultur

Dominik über Monster von Yishai Sarid

Menschen lieben Monster. Sie erzeugen wohliges Schaudern in Geschichten, bevölkern als personifizierte Verdrängungen des Unterbewussten die Romane von Stephen King. Und das Beste ist: Nach dem kathartischen Erlebnis eines Kinobesuchs oder eines Lektüreerlebnisses lässt man sie wieder in die Dunkelheit verschwinden, aus der sie gekommen sind. Das Monster aus Yishai Sarids Roman hingegen ist real, es verschwindet auch nicht – denn wir alle haben es heraufbeschworen.

Auslöser der kurzen Erzählung ist eine Art Verzweiflungstat. Mit einem Faustschlag streckt der Ich-Erzähler, ein erfahrener Tourguide, der regelmäßig Exkursionen in ehemaligen NS-Vernichtungslagern leitet, einen Dokumentarfilmer nieder. Wie konnte es soweit kommen? Rückblickend erklärt sich der Historiker seinem Chef, dem Direktor der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, und erläutert ihm und den Leser٭innen, welche Erfahrungen er mit Menschen gemacht hat, die Gedenkstätten des Holocaust besuchen. Das Bild, welches der Ich-Erzähler von den Menschen im Angesicht des nackten Grauens zeichnet, ihre egozentrischen Rückschlüsse aus dem Erlebnis mit dem radikal Bösen, sie sind der eigentliche Faustschlag und das Erschütternde dieses zutiefst verstörenden Lektüreerlebnisses.

Quelle: Instagram

Sicherlich, die eingefahrenen Muster der Erinnerungskultur, ihr Erstarren im Zeremoniell, all das ist ein auch in Deutschland seit langem bekanntes Problem – man denke nur an Shahak Shapiras Yolocaust-Aktion von 2017. Doch wie drastisch die Entfremdung zwischen den Intentionen offiziellen Gedenkens und der Wirkung auf alle Romanfiguren hat, rückt die Dringlichkeit der Revision des Gedenkens an die Shoa eindringlich vor Augen: Da ist zuerst einmal der Ich-Erzähler, ein relativ junger Historiker, kein akademisches Genie und auch eher ambitionslos, der eher durch Zufall an sein Fachgebiet Holocaust Studies gerät. Mehr und mehr wird er jedoch in den Bann des Monsters gezogen, das der Erzählung ihren Titel gibt und dem er vor allem deshalb nicht entrinnen kann, weil er sich einem janusköpfigen Ungeheuer stellen muss: So gelingt es ihm immer weniger, sich von den Schicksalen der Opfer des Menschheitsverbrechens emotional zu distanzieren – zugleich entfremdet er sich zunehmend von den Menschen, die er durch die Stätten des Verbrechens führt und die bestenfalls mit Indifferenz  reagieren. Und so sind es vor allem die Lebenden, die das Grauen des Monsters erzeugen, von ignoranten Jugendlichen in ihrem vom „Handyflimmern erfüllten Denken“ selbst im Angesicht der Krematorien bis hin zum realitäts- und inhaltsleeren Formeln staatlicher Institutionen – „Hoffnung einflößen statt Verzweiflung“.

Sarids Erinnerungsdystopie ist essayistisch gehalten, provokant, thesenhaft und finster, aber er ist keinesfalls zynisch. Die Zeitzeugen sterben, das gesamtgesellschaftliche Bewusstsein und auch Wissen über den Holocaust schwindet. Der Holocaust als negativer Gründungsmythos der Bundesrepublik und das aus ihm erwachsende Postulat des „Nie Wieder“ verliert seine identitätsstiftende Wirkung zunehmend durch seine Aushöhlung. Eine Antwort hierauf gibt der Roman nicht, denn auch wird deutlich, dass die Erinnerung der Opfer und der Täter niemals dieselbe ist und damit auch das Gedenken niemals ein Gemeinsames sein kann. Der Faustschlag am Ende des Romans zumindest, er trifft nicht nur das Gesicht des deutschen Dokumentarfilmers und verdeutlicht die Aktualität und die Verzweiflung und die Wut, die die offene Wunde der Shoah nach wie vor bewirkt – wer da noch vom „Schuldkult“ und einer „erkinnerungskulturellen Wende um 180 Grad“ redet, macht sich selbst zum Teil des Monsters.

Monster erschien 2019 bei Kein & Aber.

 

Quellen Titelbild: Cover „Milchzähne“ © Blumenbar/Aufbau Verlag, Cover „Serotonin“ © DuMont,Cover „Frau im Dunkeln“ © Suhrkamp Verlag, Cover „Eure Heimat ist unser Albtraum“ © Ullstein Verlag,Cover „Befreit“ © KiWi Verlag, Cover „Das Licht“ © Carl Hanser Verlag, Cover „So sterben wir“ © Piper Verlag, Cover „Monster“ © Kein & Aber, Cover „Das Leben ist eins der Härtesten“ © Rowohlt Verlag, Cover „Auf Erden sind wir kurz grandios“ © Carl Hanser Verlag

Marijana Dokoza – Von Krieg und Frieden

Krieg – ein abstraktes Bild in modernen Wohlstandsstaaten. Dass vor nicht allzu langer Zeit ein grausamer Krieg ein europäisches Land beherrschte, ist vielen nicht bewusst. Zur bevorstehenden Veröffentlichung ihrer belletristischen Werke in verschiedenen Sprachen, erzählt Schriftstellerin und Journalistin Marijana Dokoza von schönen und schrecklichen Einflüssen auf ihre Arbeit.

Ein Gastinterview von Daniel Hadrović
übersetzt von Sandra Marelja Muić


Kürzlich hast du die deutschsprachige Literaturlandschaft mit deinem Roman „Die Stimme“, welcher beim Dittrich Verlag erschienen ist, betreten. Besteht für hiesige Fans die Hoffnung auf weitere Übersetzungen, da du bereits mehrere Werke erfolgreich in Kroatien veröffentlicht hast?

Selbstverständlich wird es auch Übersetzungen von meinen anderen Romanen, wie beispielsweise „Grijesi“, „Sünden“, geben. Dieser Roman gründet auf der wahren Geschichte einer Frau, die ihre Vergangenheit hinter sich lässt und ein neues Leben beginnen möchte, jedoch begreift, dass sie sich vor den Sünden der Vergangenheit nicht verstecken kann. Sie wird immer wieder in die Vergangenheit zurückversetzt. Um mit ihrem Leben weitermachen zu können, wird sie einiges aus der Vergangenheit in Ordnung bringen müssen. Neben „Sünden“ ist auch die Übersetzung von „Naranyas Weinen“ ins Englische geplant, wie auch die Übersetzung von „Das Spüren“ ins Italienische.

„Die Stimme“ ist ein teils in ein medizinisches Setting gesetzter Mystery-Roman, welcher der Hauptprotagonistin Kiara auch genügend Raum für ihre Herzensangelegenheiten einräumt. Obwohl die Geschichte flüssig zu lesen ist, bedienst du dich nicht der minimalistischen Narration, der sich viele Autor/innen moderner Unterhaltungsliteratur verschrieben haben. Kannst du benennen, worauf grundsätzlich dein Hauptaugenmerk beim Schreiben liegt?

„Die Stimme“ unterscheidet sich etwas von meinen anderen Romanen, in denen das Erzählen der Ereignisse und die Beschreibung der Figuren sehr betont sind. „Die Stimme“ versetzt den Leser aus der Realität in einen Zustand, in dem er nicht mehr sicher ist, ob es um Halluzinationen geht oder ob die Hauptfiguren das alles wirklich durchmachen. Ansonsten versuche ich den Lesern mit meiner Erzählweise und dem Figurendialog das Gefühl ein Teil der Handlung zu sein zu geben und die Möglichkeit, sich in die Rolle der Figuren zu versetzen.

Würdest du mir zustimmen, dass dein Roman, neben sanften Einflüssen aus dem kroatischen Kulturraum, auch einige klassisch slawische Motive aufweist? Der Rolle von alten weisen oder intriganten Frauen beispielsweise, welche Assoziationen zu Hexen erwecken könnten, begegnet man immer seltener, je weiter man sich von Osteuropa entfernt.

Ja, selbstverständlich kann man in manchen Situationen im Roman Eigenschaften der Frauen finden, die „ein bisschen Hexen“ sind und die in der kroatischen Kultur Wurzeln haben. Jedoch sehe ich bis zu einer gewissen Grenze nichts Verkehrtes darin. In jeder Kultur gibt es „Hexen“ die als Vorlage für viele interessante Geschichten dienen.

Es geschieht alles andere als vordergründig, aber durch die unterschiedlichen Bausteine des Plots wirkt es, als wolltest du die Infiltration unserer technisierten Lebenswelt durch folkloristische Elemente inszenieren. Spiegelt dieses Verfahren vielleicht einen Teil deiner eigenen Mentalität wider, die womöglich deinem Umzug nach Deutschland geschuldet ist? Ist darin eine Metapher für etwaiges Heimweh erkennbar?

Mein Umzug nach Deutschland hat sicherlich auf meine Einstellung Einfluss gehabt, was sich später auch auf mein Schreiben auswirkte. Womit der Mensch aufgewachsen ist und welche Erfahrungen er gesammelt hat, bleibt immer in ihm erhalten. Später baut man dieses mit neuen Erkenntnissen auf. Als ich nach Deutschland kam, lernte ich viel über verschiedene Kulturen und ihre Denkweisen, was mir die Möglichkeit gab, die eigene Kultur mit der fremden zu vergleichen oder das eigene Aufwachsen mit dem von jemanden aus einer anderen Kultur. Deutschland half mir auch auf meine Heimat anders zu schauen. Ich würde sogar sagen, meine Heimat mehr wahrzunehmen, vielleicht auch sie stärker zu spüren. Da, wo man zuhause ist, denkt man nicht viel darüber nach. Natürlich spiegelt sich das alles auch in meinem Schreiben wieder.

Lass uns bei deinem Geburtsort bleiben. Du bist in der Stadt Zadar geboren und aufgewachsen, welche im Zuge des Kroatienkrieges unter Beschuss stand. In deinem vorangegangenen Roman „Grijesi“ (Sünden), der nur auf Kroatisch erschienen ist, hast du das Thema Krieg aufgegriffen, aber nicht an deine eigene Biografie geknüpft, sondern an reale Erlebnisse einer Bekannten von dir, welche ebenfalls aus Zadar stammt. Das steht im starken Kontrast zu einem Mystery-Roman. Ist es dir ein Anliegen, „Grijesi“ auch deutschen Lesern irgendwann vorstellen zu können, oder richtet es sich an eine kroatische Zielgruppe, die konkrete Bezüge zu damaligen Ereignissen knüpfen kann?

Im Roman „Die Sünden“ gibt es keine Kriegsbeschreibungen, sondern einzelne Situationen, in denen sich die Frau, über die ich schreibe, befunden hat. Sie hat im Heimatkrieg ihren Verlobten verloren und sie verrät uns alles, was sie in der Kriegszeit durchgemacht hat. Es stimmt, „Sünden“ ist der pure Gegensatz zu „Die Stimme“. Sie ist die Lebensgeschichte einer Frau, mit der ich mich ein Jahr lang in Mainz getroffen hatte, da sie heute in Deutschland lebt. Sie erzählte mir über ihr Leben und ich übertrug die Geschichte aufs Papier. Ihre Geschichte ist sehr dramatisch, viele sagten mir, sie hätten geweint, als sie das gelesen haben. Sie ist nach Deutschland gekommen, um ihrer Vergangenheit zu entkommen, sie holte sie aber auch in Deutschland ein. Der Roman ist nicht bloß an eine kroatische Zielgruppe gerichtet, sondern an alle Lesergruppen. Der Ehemann der weiblichen Hauptfigur im Roman ist beispielsweise Deutscher. Dies ist vorrangig die Geschichte über eine durch ihre Vergangenheit traumatisierte Frau. Die Vergangenheit holte sie in Deutschland ein, obwohl sie jetzt in einer ganz anderen Gesellschaft lebt als vor dreißig Jahren.

Für deine kroatischen Fans dürfte irritierend sein, dass „Die Stimme“ ausschließlich in Deutsch erschienen ist – ist das richtig? Was sind die Gründe dafür, denn du hast das Manuskript in Kroatisch verfasst?

Ja, ich wurde oft gefragt, warum ich das Buch nicht zuerst in Kroatien veröffentlicht habe, obwohl ich „Die Stimme“ auf Kroatisch geschrieben habe. Ich habe das Manuskript einer angesehenen Buchkritikerin zum Lesen gegeben, sie war von der Handlung begeistert und riet mir, das Buch zuerst auf Deutsch erscheinen zu lassen, da der deutsche Markt viel größer ist als der kroatische und somit auch seine Möglichkeiten – und so fing alles an. Jetzt werde ich oft in Netzwerken gefragt, wann der Roman auf Kroatisch erscheinen wird, was sicherlich in absehbarer Zeit passiert. Zuerst werde ich mich aber auf das englische Sprachgebiet konzentrieren, da man mit einem Buch in englischer Auflage verschiedene Teile der Welt erreichen kann.

Du schreibst nicht nur Belletristik, sondern arbeitest als Journalistin für die größte seriöse kroatische Zeitungen „Večernji list“. Außerdem bist du Chefredakteurin des Wochenmagazins „Fenix“. Hatten dich die Kriegsjahre bei deiner Berufswahl beeinflusst?

Den größten Einfluss hatte mein Vater auf mich, der für das Volksblatt gearbeitet hatte. Das Volksblatt, welches in Zadar herausgegeben wird, ist die älteste aktive Zeitung in Europa. Ich bin mit Zeitungen und Büchern, die er immer wieder nach Hause brachte, aufgewachsen. Darunter befand sich sogar deutsche Literatur. Hedwig Corths-Mahler ist beispielsweise eine deutsche Autorin, deren Bücher ich alle gelesen habe, als ich noch ein kleines Mädchen war.

Ich war dreizehn, als der Heimatkrieg begann, und lebte im Dorf, welches nur einige Minuten von Škabrnja entfernt war. Škabrnja ist der Ort, in dem man massenweise die Bewohner geschlachtet hatte. Am Tag, als die serbische Armee in Škabrnja eingedrungen ist, befand ich mich im Hof meines Hauses und wusste nicht, wohin ich flüchten sollte. Es entstand eine große Panik und die Menschen flüchteten, schrien, ich werde den Tag nie vergessen. Später befand ich mich als Flüchtling mit einem Mädchen zusammen, die in einem Schulaufsatz beschrieben hatte, wie sie aus Borovo Selo geflohen war und wie sie sich von ihrem Vater, den sie nie wieder gesehen hatte, verabschiedete. Sie lebt heute auch in Deutschland. Wenn es diesen Krieg nicht gegeben hätte, wäre vielleicht auch mein Werdegang ganz anders. Niemand weiß, was ihm das Schicksal bringen wird. Diese Kriegssituationen, in denen ich mich selber gefunden hatte, erleichterten mir die Gefühlsbeschreibungen der Hauptfigur von „Sünden“, so hatte ich selbst mehr Einfühlungsvermögen. Ich wusste jedoch von klein auf, dass ich keinen „normalen Beruf“ will.

Mir las keiner eine Gute-Nacht-Geschichte vor, das tat ich selber. Wenn ich mich zum Schlafen legte, dachte ich mir verschiedene Szenarien und Geschichten aus und schlief so leichter ein. Journalismus und Literatur sind zwei große Lieben von mir, die sich verflechten. Ich bin stolz, heute Chefredakteurin von „Fenix“ zu sein. Wenn wir über aktuelle Ereignisse berichten, die von Krieg handeln, behandeln wir die Informationen wahrhaftig, objektiv und wahrheitsgetreu. Was passiert ist, muss man auch in Erinnerung behalten, damit es nie wieder geschieht. Das bedeutet aber keinesfalls, dass man Kinder bzw. die folgenden Generationen zum Hass gegen andere erziehen soll. Ganz im Gegenteil, man sollte ihnen beibringen, niemanden aufgrund seiner Nationalität, seiner Religion oder seiner politischen Ansicht zu hassen, damit sich nie wieder ein Krieg wiederholt. Mich hat mein Vater gelehrt, dass man immer das Seinige lieben und das Fremde respektieren sollte. Wenn sich alle daran halten würden, gäbe es viel weniger Probleme.

Über deinen beruflichen Werdegang kann man noch mehr erfahren, wenn man recherchiert, aber zu deinem Privatleben findet man sehr wenig. Andere Autorinnen suggerieren mit detaillierten Informationen zu ihrem Privatleben eine Verbindung zu potentiellen Konsumenten. Wie ist deine Haltung dazu?

Ich bin der Meinung, dass Privates privat bleiben soll, deswegen verwendet man auch den Begriff „Privatperson“. Es gibt Menschen, die es lieben, im Privatleben anderer rumzuschnüffeln. In meinen Romanen gibt es auch Teile von mir als Privatperson, aber das können nur diejenigen erkennen, die mich gut kennen. Ich glaube, dass alle Schriftsteller zu einem gewissen Teil in ihre Romane etwas von sich einfließen lassen, aber eigentlich sind introvertierte Menschen für andere viel interessanter als diejenigen, die zu viel von sich preisgeben.

Du bist als Journalistin rund um die Uhr mit allen möglichen Themen aus dem aktuellen Weltgeschehen versorgt. Zeichnet sich schon ab, welche Einflüsse und Ideen in dein nächstes Buchprojekt einfließen könnten?

Als Journalist lernt man Menschen kennen, die eine solche Lebensgeschichte haben, dass man eigentlich gar keine Phantasie zu haben braucht, man braucht ihnen nur zuzuhören. Genau wie ich dem realen Vorbild für „Sünden“ zugehört habe. Ein anderes Mal lernte ich für ein Zeitungsinterview eine Frau kennen, deren Lebensgeschichte eine neue Romanvorlage ausgezeichnet wäre. Sie ist achtmal dem Tod entgangen. Ihr passierten unglaubliche Dinge im Leben und aus diesem Grund sagt sie heute, dass sie glaubt, jederzeit wieder einer Gefahr begegnen zu können. Mit Ihr werde ich mich Ende Dezember treffen und dann werden wir sehen, in welche Richtung diese Zusammenarbeit uns bringen wird.

Auf welchen Online-Plattformen kann man dir folgen und in Erfahrung bringen, wo man dir live begegnen und Lesungen von dir besuchen kann?

Meine Bücher kann man im Buchhandel und auch über Amazon, www.booklooker.de sowie in anderen Online-Büchereien bestellen. Ich bin auch auf Facebook, Instagram und Twitter zu finden.

Der Winter steht vor der Tür. Erzähle zum Abschluss doch bitte, wie und wo du die Feiertage verbringen wirst.

Ich werde drei Wochen mit meiner Familie in Zadar verbringen und dazwischen einen Leseabend in Bosnien und Herzegowina haben. Die Winterfeiertage werde ich sowohl zur Erholung als auch für die Arbeit nutzen.

Vielen Dank, für die Einblicke in deine Arbeiten! Auf ein baldiges Wiedersehen!

Vielen Dank für das angenehme Gespräch.


Daniel Hadrović ist als Autor und Filmemacher aktiv. Seine kleinen Independent-Produktionen tragen surreale und gesellschaftskritische Züge.

Alexander Tuschinksi, Filmregisseur, 31 Jahre, aus Stuttgart

Tuschinski arbeitet derzeit an seinem sechsten abendfüllenden Spielfilm „Fetzenleben“. Doch seine ersten Schritte beim Film ging er bereits mit 17 Jahren. Es entstanden Dokumentationen, Musikvideos, Romane und Musik. So gesagt kann man den Begriff „Filmregisseur“ nur als Oberbegriff verwenden. Er arbeitet international und mit Filmgrößen wie Helmut Berger (Ludwig II.) und Harry Lennix (Matrix Reloaded, Batman v Superman) zusammen. Seine Filme wurden wurde seit Anbeginn seines Schaffens mit vielen Preisen bedacht.

Ein Gast-Interview von Thomas Goersch


Hallo Alexander, du arbeitest derzeit am Spielfilm „Fetzenleben“, der auf deinem gleichnamigen Roman basiert. Der Film ist in großen Teilen frei improvisiert, übernimmt aber auch feste Textpassagen aus deinem Buch. Sozusagen eine Literaturverfilmung, die sich gleichzeitig wieder vom Buch wegbewegt. Diese Verwebung von Vorlage und Improvisation hört sich sehr ausgeklügelt an. Erzähle uns etwas über die Geschichte des Filmes. Wo hast du den Roman verwendet und wie passte dort die Improvisation hinein?

Hallo Thomas, als ich „Fetzenleben“ vor ein paar Jahren schrieb, dachte ich nicht daran, den Roman je zu verfilmen. Es gibt zwar eine äußere Handlung, aber die inneren Monologen und Beobachtungen der Hauptfigur sind meist im Vordergrund. Der Film ist deshalb sehr frei adaptiert und ändert vieles ab. Er behandelt die im Roman nur angedeutete Vorgeschichte des Erzählers mit dessen Ex-Freundin und verwendet teils Motive und Texte aus dem ersten Drittel des Buches. Roman und Film sind für mich daher zwar gleichwertige, aber komplett separate und sehr unterschiedliche Werke.

Anders als der Roman spielt der Film in Paris. Der Dreh dort im Sommer war ein Experiment. Ich wollte mir ganz ohne Drehbuch spontan Szenen ausdenken und sehen, wohin uns das treiben würde. Wir alle wohnten beim Dreh zusammen, es war für die Kreativität sehr fruchtbar. Nachts dachte ich mir neue Sequenzen aus, beim Frühstück besprachen wir sie und filmten sie dann bis spät abends. Wir drehten danach einige Szenen in Deutschland und im Herbst nochmal in Paris. Seit etwa drei Monaten schneide ich fast täglich den Film und komponiere die Filmmusik. Erst beim Schneiden bestimme ich die präzise Gesamtstruktur. Ich möchte die Geschichte nicht chronologisch „abarbeiten“, denn der Film soll ähnlich wie der Roman in assoziativen Gedankenfetzen erzählen. Teils ändere ich Szenenfolgen immer wieder ab, bis ich das Gefühl habe, die Reihenfolge ist perfekt. 

Du besetzt deine Filme immer sehr durchmischt, wenn man das so sagen darf. Da haben wir Film-Weltstars, Theaterleute und dann auch wieder totale Neulinge. In Fetzenleben hast du dich bei Aron Keleta und Theresa Mußmacher entschieden. Einen erfahrenen Theaterschauspieler und eine Schauspielschülerin. Wie entscheidest du dich für Schauspieler und warum gerade diese Wahl in „Fetzenleben“?

Aron sah ich Anfang des Jahres erstmals auf der Bühne und war begeistert von seinem intensiven Spiel und seiner charismatischen Ausstrahlung. Mit Theresa hatte ich bereits gedreht und dachte sofort, dass sie perfekt für die weibliche Hauptrolle wäre. Sie beide haben im Film eine unheimlich gute Chemie.

Allgemein besetze ich Rollen oft nach meinem spontanen Gefühl, wie die Person wohl im Film wirken wird, unabhängig von ihrer Ausbildung. Ich mag es, wenn alle Mitwirkenden kreativ auf einer Wellenlänge sind, am Set mit mir Ideen diskutieren und gerne viel ausprobieren. Viele Darsteller werden zu Freunden bzw. sind schon Freunde, die ich im Film besetze. Ich kenne inzwischen zahlreiche professionelle Schauspieler und auch Laiendarsteller, von denen einige schon seit mehr als zehn Jahren immer wieder bei meinen Filmen mitwirken. Auf Filmfestivals habe ich einige bekannte US-Schauspieler kennengelernt und war mit ihnen oft mehrere Jahre befreundet, bevor wir drehten. Manchmal schreibe ich auch Schauspieler direkt an, wie z. B. Helmut Berger. Ihn bewundere ich seit meiner Jugend und schrieb seinem Management, als ich eine Rolle für ihn hatte. Inzwischen sind auch wir Freunde und er hat in bisher zwei meiner Filme mitgewirkt.

„Fetzenleben“ wurde in großen Teilen in Paris gedreht. Und auch sonst bist du sehr international ausgerichtet. Du drehst Dokumentationen über weltweite Themen und stellst deine Filme auch auf der ganzen Welt auf Festivals vor und auch der Vertrieb deiner Filme im Ausland ist dir wichtig. Wenn ich mir deine Filme anschaue, haben sie auch keine deutsche Handschrift. Du wurdest einmal in der Machart mit „den frühen Filmen von Woody Allen“ verglichen. Gehst du in deiner Art und Weise Filme zu machen diesen Weg bewusst international an?

Ich denke, in jedem Land finden sich Künstler mit den verschiedensten stilistischen „Handschriften“. Aber ich höre diese Meinung zu meinen Filmen öfter. Ich denke, es hängt vielleicht mit meiner Bildsprache und meinem Erzählstil zusammen, die offenbar etwas „ungewohnt“ sind im Vergleich zu vielen Filmen, die z. B. aktuell in Deutschland entstehen. Darauf kalkuliere ich aber nicht, ich gestalte Filme intuitiv danach, was ich für die jeweilige Szene/das jeweilige Projekt als ästhetisch empfinde. Schon als Teenager sah ich beispielsweise gerne Independentfilme der 60er- und 70er-Jahre, vielleicht hat das mein Stilempfinden beeinflusst. Und meine Dokumentarfilme behandeln Themen und Personen, die ich meist einfach der Nachwelt filmisch „bewahren“ möchte.

Es fühlte sich seit meiner Jugend für mich intuitiv „richtig“ an, meine Filme weltweit laufen zu lassen. Es macht mir Spaß, wenn Menschen aus verschiedenen Ländern sie diskutieren. Allgemein mag ich es, Kunstwerke detailliert zu analysieren. Als Teenager war ich fasziniert von Analysen und Artikeln über Filme in oft englischsprachigen Medien. Ich glaube, es war schon immer ein mehr oder weniger unterbewusster Wunsch, dass meine Filme international gesehen und so potentiell irgendwann in den weltweiten Diskurs eingehen können.

Um von international mal direkt auf Deutschland zu kommen. Für dich regnet es schon seit Beginn deines Filmschaffens und bis heute Preise – und du läufst auf vielen Festivals. Diese Anerkennung findet dabei meistens im Ausland statt. Ich frage mal offen und frech: Haben deutsche Filmschaffende bei Festivals eher ein Problem mit deiner internationalen Schaffensart und erwarten vielleicht einen typisch deutschen Ansatz? Wie siehst du den deutschen Film? Hast du hier Berührungspunkte? Wie denkst du über die deutsche Filmwelt?

Meine Filme laufen zwar bisher öfter im Ausland, aber auch in Deutschland sind sie immer wieder auf Filmfestivals zu sehen und sie haben auch hier Preise gewonnen. Meine bisherigen Filme habe ich meist sehr „independent“, unabhängig von der allgemeinen deutschen Filmlandschaft, gedreht. Ich habe mich dabei auch nicht bewusst an aktuellen filmischen Trends hierzulande orientiert. Ich bin kein Freund von Verallgemeinerungen, daher unter Vorbehalt eine nicht-repräsentative Beobachtung: In Deutschland höre ich von Filmschaffenden auf Festivals tendenziell etwas öfter als z .B. in den USA starke Meinungen, wie ein Film „technisch richtig“ zu gestalten sei, gerade auch bei Stilfragen wie Bildsprache oder Drehbuch. Wenn ein Film davon abweicht, wird es schneller als „Fehler“ denn als bewusstes Stilmittel bewertet. In den USA wird der verspielte, oft unkonventionelle Stil meiner experimentelleren Filme auf Festivals fast durchweg von Zuschauern und Fachleuten gelobt, in Deutschland hatte ich nach Vorstellungen manchmal kontroverse Diskussionen mit einigen Leuten darüber. Ob man daraus einen Trend herauslesen kann oder ob das Einzelbeispiele sind, will ich nicht beurteilen, denn es gibt auch aus Deutschland viele sehr positive Stimmen zu meinen Werken und ich mag es, sie überall zu präsentieren.

Du bist einer dieser Filmregisseure, mit denen man nicht nur über das derzeitige Filmprojekt sprechen kann um dies zu promoten, sondern man muss bei dir auch über deine verschiedenen Stilmittel, außergewöhnlichen Projekte, wiederkehrenden Themen und „Konstantin“ sprechen. Hierzu gleich einige Teilfragen: 

Die Stummfilmzeit und Musik der 1920-ziger – in deinen Filmen hören wir immer wieder Musik der Schellack-Plattenzeit und auch bildlich Hommagen an die Stummfilmzeit. Und natürlich dein Kurzfilm „Woyzeck“. Erzähle uns etwas über deine Liebe zu dieser Filmzeit.

Ich liebe die Stummfilmästhetik. Regisseure probierten gerade ab den späten 1910ern teils extrem innovative Montagen und Kameratricks aus. Meine Faszination begann mit drei oder vier Jahren. Wir hatten zu Hause viele VHS-Kassetten mit Charlie-Chaplin-Filmen und anderen Stumm- und frühen Tonfilmen. Als Kind schaute ich sie gerne immer wieder, oft mit meinem Vater zusammen. Gerade in den USA bin ich mit vielen Film- und Musikhistorikern befreundet und diskutiere dort sehr oft Werke jener Epoche. Und wenn ich mit Freunden in Paris bin, führe ich sie immer zur Sammlung der Cinémathèque française zu den ersten Jahrzehnten der Filmgeschichte. 

„Mission: Caligula“ – einer deiner bekanntesten Dokumentarfilme. Aber viel mehr als eine Dokumentation, sondern mit sehr viel Vorgeschichte und, wie man auch sagen kann, Filmgeschichte. Erzähle uns die Hintergründe über das Entstehen.

Seit Jahren beschäftigt mich, wie der Film „Caligula“ gewesen wäre, wenn Tinto Brass ihn nach seinen Absichten fertiggestellt hätte. Ich wollte, dass mehr Menschen darüber erfahren, deshalb der Dokumentarfilm. Ich mag den Schnittstil von Tinto Brass’ experimentellen Filmen der 60er und 70er. Er drehte „Caligula“ 1976 eigentlich als provokante politische Satire. Gegen seinen Willen wurde der Film neu geschnitten, politische und satirische Szenen entfernt oder verändert und pornographische Szenen nachgedreht. Er ließ seinen Namen als Regisseur streichen und keine Fassung ähnelt seiner beabsichtigten. Vor über zehn Jahren begann für mich damit eine heute noch nicht abgeschlossene Odyssee. Im Lauf der Jahre freundete ich mich mit Tinto an, lernte Historiker und Beteiligte auf der ganzen Welt kennen und half dabei, das Archiv mit dem gesamten Rohmaterial und Tintos halbfertigem Rohschnitt von „Caligula“ wiederzuentdecken. „Mission: Caligula“ gibt es kostenlos im Internet. Ich bekomme seit der Veröffentlichung extrem viele positive und ermutigende Zuschriften von Fans, Filmhistorikern und anderen Interessierten. Schlussendlich hoffe ich, irgendwann eine Fassung von „Caligula“ zu veröffentlichen, die Tinto Brass’ Absichten entspricht.

Deine Spielfilme erzählen eigentlich immer recht normale Geschichten über Liebe, Partnersuche und Beziehungen, natürlich in ihren skurrilen Art. Das Ganze wird durch Elemente angereichert, die absurd in der Geschichte anmuten. Da fallen Menschen durch ein Zeitloch und stehen zwischen Panzern im 2. Weltkrieg auf. Oder mitten im Film kommt eine Szene einer amerikanischen Sitcom. Manchmal fragt man sich später: Und was hatte das jetzt mit dem Film zu tun? Wie kommst du auf so etwas?

Ich erzähle in Filmen gern entgegen von Erwartungshaltungen. Unerwartete stilistische Elemente, von denen du sprichst, setze ich intuitiv ein, wenn es sich für mich richtig anfühlt. Sie sind immer mit der Handlung verbunden und es muss zum Stil des Films passen, manches erzähle ich auch eher geradlinig. Die Sitcom, die du erwähnst, fasst z.B. in Timeless albern den Konflikt der Hauptfiguren zusammen und bricht dabei bewusst eine dramatische Szene auf. Die Weltkriegsszene illustriert im gleichen Film dagegen unerwartet, dass Probleme, welche gerade noch als Komödie gezeigt wurden, in der Realität furchtbare Auswirkungen haben können. Solche Elemente reißen Zuschauer manchmal aus der Handlungsillusion und regen, vielleicht vergleichbar mit Brechts epischem Theater, zum Reflektieren an. Viele Zuschauer mögen diesen Stil sehr, und andere lehnen ihn ab. Das gefällt mir, denn es wäre schlimm für mich, wenn die meisten Zuschauer einen Film bloß okay fänden und bald vergessen. Es ist aber kein fester Stil, bei jedem Film entscheide ich intuitiv aufs Neue, wie ich ihn nach meinem Empfinden interessant, unterhaltsam und wirkungsvoll gestalte.

Konstantin – eine Figur, die in deinen Filmen immer wieder auftaucht. Er ist ein undurchschaubarer Charakter und irgendwie ist er wie der kleine Teufel, der auf dem Rücken des Hauptdarstellers sitzt und Tipps gibt. Und irgendwie treibt er den Charakter auch mal in die falsche Richtung. Du spielt diesen Konstantin. Was verkörpert für dich diese Figur?  Was hat Konstantin mit dir gemeinsam? Wirst du auch weitere andere Charaktere in deinen Filmen spielen?

Konstantin bringt einen teils düsteren, teils absurden Humor in meine Filme. Er sagt schlimmste, ungefiltert-böse Dinge in einer unschuldigen, begeisterten Leichtigkeit und funktioniert als humoristischer Kontrast zur jeweiligen Hauptfigur. Er verkörpert in jedem Film etwas anderes. Meist kann man in ihm eine Seite der Hauptfigur sehen, welche diese nicht nach außen kehrt. Was die Figur Konstantin mit mir gemeinsam hat? Ich hoffe, neben Aussehen und Sprechweise nicht allzu viel. (lacht) Trotz manchmal durchdachter Gesellschaftskritik und manch sympathischer Unterstützung für den Protagonisten ist Konstantin nämlich vor allem eine rücksichtslose Figur, die andere nicht ernst nimmt und ein hedonistisches Leben ohne Rücksicht auf Mitmenschen propagiert. Ich bin offen, auch andere Figuren zu spielen, wenn es sich richtig anfühlt. Die letzten Jahre hatte ich aber immer wieder das Gefühl, dass meine Filme ein Element Konstantin brauchten. Ihn zu schreiben und zu spielen macht mir großen Spaß.

Am Ende muss immer eine Frage nach den Plänen stehen. Aber ich will lieber fragen: Bist du jemand, der plant? Hast du eine Ahnung, wo du in fünf Jahren bist? Gibt es Ziele?

Ich habe zwar einige grundsätzliche Ideen für die Zukunft, aber ich glaube, es kommen im Leben immer wieder unerwartet Dinge und Möglichkeiten, gegenüber denen man offen bleiben sollte und die alles verändern können. Deshalb halte ich mich mit genauen Prognosen zurück. Ich persönlich mag es, mir ambitionierte, aber machbare mittelfristige Ziele zu setzen und sie mit aller Energie zu verfolgen, also beispielsweise das jeweils nächste Projekt, sei es ein Film, sei es ein Buch, sei es in einem anderen Gebiet. Wenn man ein solches Ziel dann abschließt und präsentiert, eröffnen sich daraus oft neue, unerwartete Möglichkeiten. Ich vertraue sehr darauf, dass gute Dinge passieren, die man oft nicht vorhersehen kann, wenn man nur Gelegenheiten dafür schafft und aufmerksam bleibt. Was ich dir zu deiner Frage sagen kann – mein Ziel ist es, dass ich in fünf Jahren das tun werde, was mich zu dem Zeitpunkt glücklich machen wird. Was das sein wird, wird man dann sehen. Ich habe jedenfalls viele Interessen und Ideen für Projekte in den verschiedensten Bereichen und freue mich auf die Zukunft.

Mehr über Alexander Tuschinski auf seiner Website oder in der IMDb.


Thomas Goersch verkörperte weit über 200 Rollen in Kino-, Musikvideo- und Independent-Produktionen. Wegen seiner Vielschichtigkeit und seines Interesses an verschiedenen Genres engagierte man ihn wiederholt für ausländische Filmproduktionen, welche nicht selten einen stark künstlerischen oder experimentellen Ton aufweisen. Daneben ist er dem deutschsprachigen Fernsehzuschauer seit vielen Jahren als Moderator beim Verkaufssender 1-2-3.tv bekannt.

Goersch Extrem – Ein Interview

Thomas Goersch verkörperte weit über 200 Rollen in Kino-, Musikvideo- und Independent-Produktionen. Wegen seiner Vielschichtigkeit und seines Interesses an verschiedenen Genres engagierte man ihn wiederholt für ausländische Filmproduktionen, welche nicht selten einen stark künstlerischen oder experimentellen Ton aufweisen. Daneben ist er dem deutschsprachigen Fernsehzuschauer seit vielen Jahren als Moderator beim Verkaufssender 1-2-3.tv bekannt.

Ein Gast-Interview von Daniel Hadrović


Hallo Thomas! Ich konnte seit unserer ersten Kontaktaufnahme beobachten, wie du eine gewisse „I don´t give a fuck!“-Attitude an den Tag legst, wodurch es auf viele langjährige Fragen der Community keine Antworten und kaum Statements zu vielfältigen Gerüchten über dich gab. Ich habe einige Themen zusammengetragen, von denen ich glaube, dass sie Fans und insgeheim auch Hater gleichermaßen interessieren könnten. Da hast du aber gar kein Bock drauf, oder?

Schön, das muss ich mir auf der Zunge zergehen lassen: „I dont give a fuck!“-Attitude. Eine Attitude kenne ich nur aus dem Modelbusiness. Models führen auf dem Laufsteg mit einer vom Designer aufgestülpten Attitude etwas vor. Was nichts mit Ihrer Person zu tun hat. Mit einer Attitüde habe ich persönlich nichts zu tun.

Nun, mich fragen Menschen nicht, wenn sie Fragen haben, und daher komme ich zu keiner Gelegenheit, etwas aufzuklären. Eigentlich bekomme ich immer eher den Vorwurf, zu viel von mir preiszugeben, aber das ist dann meine Gefühlswelt von der eigentlich auch keiner was wissen will. Die langjährigen Fragen der Community (darunter sehe ich eher ein queeres Umfeld) sind mir nicht bewusst. Ich antworte immer auf jede Frage, aber dann fragt anscheinend niemand. Aber „I dont give a fuck“ stimmt bei mir schon. Ich orientiere mich nicht daran, was Menschen von mir erwarten. Bei Rollenangeboten frage ich nicht danach, was die Menschen von mir erwarten. Ich gehe nicht mal davon aus, dass Menschen von mir überhaupt was erwarten. Was Hater interessiert, geht mir am Arsch vorbei. Anscheinend haben sie kein eigenes Leben, da sie sich mit mir beschäftigen.

Als ich dich gefragt habe, ob du nicht Lust auf ein Interview hättest, äußertest du im Laufe unserer Konversation sinngemäß, du wüsstest eigentlich selbst nicht genau, wer „dieser Thomas Goersch“ ist. Beginnen wir unsere Recherche also am besten in deiner Kindheit. Du bist im Jahre 1966 geboren, ein Jahrzehnt, in dem man begann, an der konservativen Fassade der Gesellschaft zu rütteln und sie langsam einzureißen. Deine späte Pubertät hast du somit in den fantasievollen und bunten 80er Jahren verbracht, deren Glanz zeitweise immer wieder in modernen Medien aufflackert und deren Ästhetik sich ständig einen Weg in die Gegenwart bahnt. Welche medialen Einflüsse zählst du zu deinen prägendsten und warum? Welche Sendungen beschäftigen dich vielleicht heute noch?

Die 80er waren ein Highlight an Musik und an Filmen, die sich mit dieser Generation und deren Problemen beschäftigten. John Hughes mit seinen Filmen wie Breakfast Club, Pretty in Pink und Ferris macht blau.

Bei der Musik habe ich heute den Eindruck, dass jeder Song für die Ewigkeit war. Für uns war dies in der Zeit normal. Die Filme der Endsiebziger und Achtziger Jahre waren viel mutiger als heutige. Über Fifty Shades of Grey lache ich mich heute tot und finde sie langweilig. Schaut heute mal 9 ½ Wochen mit Kim Basinger und Mickey Rourke und dann wisst Ihr, was vor dem Bildschirm schwitzen heißt.

Zeichneten sich deine Kreativität und Extraversion früh ab? Hattest du den Drang nach Expression als du klein warst?

Nein, überhaupt nicht. Ich war ein absoluter Spätentwickler und wuchs in keinem guten familiären Umfeld auf. Scheidungskind und mein Vater war ein echt schlechter Charakter. Meine Mutter psychisch gefährdet und nach dem Weggang des Vaters, als ich 13 Jahre alt war, wurde ich trotz zweier älterer Brüder zu so einer Art Familienvorstand. Meine Brüder sind bei erster Gelegenheit aus der Familie raus.

Ich habe mich persönlich in allen Belangen hinten angestellt. Mich gab es als Person irgendwie nicht. Ich ging aber ab dem sechs Lebensjahr jeden Samstag Mittag um 15.00 Uhr ganz allein ins Kino. Hier habe ich viel Filmwissen auch schon in jungen Jahren erhalten.

Du hast bis zu einem bestimmten Zeitpunkt ein eher unauffälliges, bürgerliches Leben geführt, bis du in Kontakt mit der professionellen Filmindustrie kamst. Erzähle uns doch bitte, wie dieser Kontakt zustande kam und welches Gefühl dich hinterher ereilte.

Ich habe eine Bankausbildung und Bankrecht studiert und abgeschlossen. Ich habe lange Zeit nur als Banker gearbeitet und hatte ein Mauerblümchen-Leben. Von der Liebe und dem Sex wollte ich auch nicht wirklich was wissen. Im Alter von 18 bis 34 brach ich jedes Jahr sechs Wochen aus und habe mich auf Extrem-Trips begeben. Ich durchquerte Tibet mit dem Fahrrad, Alaska mit dem Jeep und das auslaufende Amazonas-Gebiet in Ecuador zu Fuß. Ich habe alle 50 Staaten der USA besucht, inklusive Hawaii. Als ich Amerika als Reiseland abgehakt hatte, wollte ich so eine Art „Arbeiten in den USA“ probieren. Da ich immer intensiv träumte und sozusagen nach dem Erwachen ganze Filme recht filmisch im Kopf hatte, entschied ich mich in Los Angeles einen sechswöchigen Drehbuchkurs zu belegen. Das war dann der erste Schritt zum Film in 2000. Da war ich dann auch schon 34 Jahre alt.

Während dein Lebenslauf für uns in Teilen vollkommen im Dunkeln liegt, gehst du mit anderen persönlichen Dingen ganz offen um und scherst dich recht wenig darum, ob sich andere daran stoßen könnten. Dazu gehört auch, dass du dich in Beziehungs- und Liebesfragen zu Männern hingezogen fühlst. Es ist nicht unüblich, dass in „homosexuellen Kreisen“, wenn ich es so formulieren darf, eine Affinität zu Travestie, dem Rollenwechsel also, herrscht. Siehst du in deiner Biografie Schnittstellen oder Wechselwirkungen zwischen dem professionellen Schauspiel und deiner sexuellen Ausrichtung?

Schön formuliert, dass ich mich in „Beziehungs- und Liebesfragen zu Männern hingezogen fühle“. Man könnte auch sagen, dass ich schwul bin. Einen Zwang zur Verkleidung habe ich nicht. Ich habe mal eine Hypo-Elfe gespielt, aber das nicht weil ich einen Verkleidungszwang habe, sondern weil ich den Humor habe, so was zumachen. Ich bin mit einem Travestie-Künstler Fräulein Wommy Wonder gut befreundet und das ist ein wirklich männlicher Mann im Privatleben.

Welche Teile meines Lebens liegen denn im Dunkeln? Vielleicht eine Zeitspanne von ca. einem halben Jahr, vor etwa zwanzig Jahren, als ich mir gerade eingestanden hatte, dass ich schwul bin und ich als Late-Coming-Outer so viel Nachholbedarf hatte, dass ich erst mal mit 30 Männern schlafen musste? So sehr im Dunkeln kann der gar nicht liegen, da waren ja genug dran beteiligt. Seit Halloween 2002 kenne ich meinen jetzigen Mann und wandele auf ultra-normalen Pfaden.

Was gibt dir im Erwachsenenalter das Schauspiel und was erhoffst du dir für die berufliche Zukunft?

Ich bin ein Besessener. Ich liebe und verehre Kreativität. Ich kann nicht ohne sie sein. Was hat das Leben zu bieten außer Kunst? Ich habe erkannt, dass man nichts planen kann in diesem Beruf. Man verkrampft dann und es kommt dabei nichts heraus. Ich schaue nur, dass ich immer wieder ganz unterschiedliche Rollen spiele. Wenn der Horror dominiert, dann mache ich wieder Comedy oder Experimental oder klassisch künstlerische Sachen.

Ich habe dich als passionierten Schauspieler kennengelernt, der bei all seinen Projekten Seriosität an den Tag legt. Deine Leidenschaft für Film und Fernsehen spürt man zu jedem Zeitpunkt. Ob du nun eine Haupt- oder Nebenrolle besetzt, ob Budget und Set groß oder klein sind, oder du aufgrund bestimmter Limitierungen auf eigene Kosten anreisen musst, du erscheinst energiegeladen und motiviert. Warum ist dir deiner Meinung nach der ganz große Durchbruch bisher nicht vergönnt gewesen?

Ich bin kein Mainstream-Mensch. Sagt man das so? Keine Ahnung. Nun, viele sagen, ich sei komplett untalentiert und andere beten den Boden an, auf dem ich spiele. Die Meinungen gehen da himmelweit auseinander.

Ein ausschlaggebender Punkt ist wohl auch das Ausbildungs- und Agenturensystem. Ich habe mit 34 Jahren angefangen. Bei uns in Deutschland gibt es im Schauspiel keine Quereinsteiger. Wer mit 28 Jahren sein Hochschulstudium nicht angefangen hat, bekommt keine Chance mehr zu studieren und die guten Agenturen nehmen Dich nicht mehr. Klar wäre jeder gerne etwas bekannt, aber prominent will man nicht wirklich sein. Gehe doch mal als Til Schweiger über die öffentliche Einkaufsstraße. Ich glaube, dass dies nicht lustig ist. Etwas bekannter gerne. Prominent nein. So gewagte Rollen, die ich gerne spiele kann man auf großen Plakaten auch nicht präsentieren. (Lacht)

Seit sechs Jahren moderierst du erfolgreich im Fernsehen „Goerschs Genießer Buffet“. Bisher hat es deiner Karriere im Mainstream nicht geschadet, dass du auch gerne mal kontroverse Rollen in grenzüberschreitenden Filmen annimmst. Trotzdem verdichten sich seit längerem die Gerüchte, dass deine Arbeit bei 1-2-3.tv bald Geschichte sein könnte. Wieso gibt es trotz größerer Nachfrage nur vage, spärlich gesäte Informationen zu möglichen Hintergründen und deinem weiteren Werdegang als Moderator?

Nun, was ich für eine Filmarbeit mache, ist ja schon immer bekannt und kuschelweich war die ja auch nie. Ich denke, 1-2-3.tv mag auch lieber Charaktere als nette Sprechpuppen, daher bin ich da schon richtig. Fernsehen ist immer ein „hire and fire job“. Im Shopping-TV hängt alles vom Umsatz ab; da gibt es keine sicheren Zeiten.

Es gibt ja verschiedene Standpunkte zu Verkaufsformaten auf der Mattscheibe. Ich pflege stets mit einem Augenzwinkern zu sagen, dass in der heutigen Zeit vor allem die Shoppingsender noch echte Feiertagsthemensendungen bringen. Wir steuern zum Zeitpunkt unseres Interviews langsam auf kühlere Herbsttage zu. Würden dir beispielsweise die Weihnachtsmotto-Sendungen fehlen, wenn „Goerschs Genießer Buffet“ irgendwann wirklich die Pforten schließen müsste?

Mir würden die Einkünfte und das leckere Essen und liebe Kollegen fehlen. Ja, es würde wirklich was fehlen. Es ist immer lustig vor der Kamera, eine eigene Welt. Mit Robin Bade bin ich sehr gut befreundet und es würde wirklich was fehlen.

Aktuell ziehst du wieder die Aufmerksamkeit mit einem Underground-Film der härteren Gangart auf dich, welcher keine moralischen Bedenken aufzuweisen scheint – aber anders als sogenannte Mixtapes (Oft Zusammenschnitte aufgezeichneter, realer Gewalt, Mord und Folter), die sich wachsender Beliebtheit erfreuen, reine Fiktion und Schauspieler beinhaltet. „Sturmgewehr“, so der Titel, fällt in die Sparte des „Fake-Snuff“ (mit dünnem Handlungsstrang) und visualisiert explizit Erniedrigung und Folter einer schwangeren Heilerziehungspflegerin und einer körperlich und geistig behinderten Minderjährigen. Welche Motivation treibt dich an, dich auch an solchen extremen Produktionen zu beteiligen?

Man darf bei Schauspielern nicht vergessen, dass sie Charaktere nur spielen und deren Taten nicht vertreten müssen. Bisher habe ich aus moralischen Gründen nur eine einzige Rolle abgelehnt und da sollte ich auf einen Koran pinkeln. Das hätte dem Inhalt des Films nichts gebracht und eine Glaubensgemeinschaft zu beleidigen ist generell falsch. Aber abseits dessen wollte ich wieder mal was Extremes spielen. „Sturmgewehr“ kam mir gerade recht.

Der Drang möglichst unterschiedliche Rollen, facettenreiche Charaktere und Genres abzudecken ist nachvollziehbar, aber es geraten in jüngster Zeit immer häufiger jugendliche Gewalttäter in die Berichterstattungen, denen Gutachter nach grausamen Morden oder Folter einen verkümmerten Charakter und vollkommen fehlende Empathie und/oder sadistische Züge attestieren. Wie würdest du damit umgehen, wenn der Fall einträte, dass eine reale Schreckenstat nachweislich in konkretem Zusammenhang mit einem deiner Filme mit Extreminhalt stände?

Wer sowas macht, ist gestört. Eine solche Störung kann man durch einen Film nicht bekommen. Bei Pornofilmen glaube ich, dass sich mehr Menschen entladen, als dass sie anfangen, zu vergewaltigen.

Gibt es Momente, in denen dich Zweifel an deinem Eifer zu schauspielern ereilen?

Jeden Tag. Denn es dankt dir ja keiner. Als Independent-Schauspieler verdienst du kein Geld in dem Sinne. Du hast Hater, die dich bei jeder Möglichkeit beleidigen. Du darfst dich selbst noch für Filminhalte entschuldigen. Kein Glamour, sondern härteste Arbeit.

Heutzutage kann man sich im Netz vielfältiger effizienter Diffamierungsmethoden bedienen. Erstaunlicherweise stößt man bei etlichen Besprechungen von Filmen, in denen du vertreten bist, in der Kommentarleiste auf konkret an dich gerichtete verbale Angriffe. Wie schaffst du es nur, so viel negative Energie auf dich zu ziehen?

Oh ja, Hater versammle ich um mich herum. Sie treten immer anonym auf und verwenden ihre ganze Energie auf mich. Die Beiträge schreiben sie nur, um mich zu beleidigen. Ich bin mir sicher, dass sie nicht mal die Filme kennen, über die sie da schreiben. Ich bin jetzt ja kein erfolgreicher Schauspieler, aber ich denke, es sind noch erfolglosere Schauspieler, die da schreiben. Ich habe den Job aufgrund des Alters nicht offiziell erlernen können und die haben wahrscheinlich gelernt und bringen noch weniger auf die Reihe. Sie sollten ihre Energie lieber darauf verwenden Schauspieler zu sein und nicht, mir das Leben schwer zu machen. Ich habe mich am Anfang drüber geärgert. Dann habe ich es als Anerkennung gesehen, inzwischen habe ich sogar Freude dran.

Gleichzeitig wird dir auf Facebook von deinen Fans viel Liebe entgegengebracht. Wie kommt es, dass dieses treue Grüppchen weitaus seltener auf anderen Plattformen aktiv wird?

Das liegt wohl an der menschlichen Natur. Menschen, die einen mögen, die sagen es mir vielleicht mal, aber manchmal nicht mal das. Sie erfreuen sich an dem was ich tue und wollen mich in meinem Leben nicht stören. Menschen lästern viel schneller über jemanden, als dass sie mal sagen: „Hey, der ist cool, den mag ich.“

Musstest du schon einmal einem Kollegen, der sich von seinem Werk mehr erhoffte, Trost spenden?

Von 2002 bis 2012 habe ich mit dem Underground-Regisseur Carl Andersen zusammengearbeitet, in Filmen und auf der Theaterbühne, aber in erster Linie war er ein Freund, der um sein Einkommen kämpfte, aber von vielen Menschen verehrt wurde. Die große Anerkennung, die er verdient hätte, wurde ihm versagt. Er wurde depressiv und trank zu viel. Er war ein so guter Mensch, zerbrach aber an dieser Nichtanerkennung und nahm sich deswegen im August 2012 das Leben. Er hat für mich eine große Lücke hinterlassen.

Man spürt deine Verbundenheit zu Carl Andersen nicht zum ersten Mal. Dass er Suizid begangen haben soll, wurde allerdings in anderen Medien bislang nicht verkündet, soweit mir bekannt ist. Somit birgt deine Äußerung Sprengkraft. Er hat immer noch einen kleinen, treuen Fankreis, der sein Ansehen wahren möchte. Zwar wird heute das Thema „Selbsttötung“ nicht mehr tabuisiert und totgeschwiegen, aber gemeinhin mit „Überforderung“ und „Psychischen Erkrankungen“ in Zusammenhang gebracht. Verletzt du mit Informationen zu seinem nicht ein Stück weit sein Postmortales Persönlichkeitsrecht?

Die Tabuisierung von Selbstmord ist für mich komplett falsch. Man denke an die ganzen Prominenten, die aufgrund irgendwelcher Drogen-Alkohol-Kombinationen gestorben sein sollen und bei denen sich nach einiger Zeit oft herausstellte, dass sie unter starken Depressionen gelitten haben. Selbstmord ist im Sinne der Kirche eine Todsünde und hierher kommt wohl auch die Verteufelung von Selbstmord.

In der Nacht, in der Carl starb, wurde ich von Malga Kubiak angerufen, die gerade in Berlin bei ihm war – und da gab es einen Abschiedsbrief. Punkt. Wer Briefe hinterlässt, der möchte Menschen eine Botschaft geben, und für mich verletzt es seine Persönlichkeit, diese Botschaft zu ignorieren und nicht anzuerkennen. Ich sehe schon, wie mich Leute deswegen anfeinden werden. Carl war von Grund auf ehrlich. Ich will hier niemanden anfeinden, schlecht machen oder irgendwas Böses. Wenn ich gefragt werde, dann antworte ich ehrlich. So, wie es Carl auch gemacht hätte.

Möge er in Frieden ruhen. Wir bewegen uns nun in heiterere Gefilde: Für große Freude und herzhaftes Lachen unter den Zuschauern hast du an der Seite von Claude-Oliver Rudolph in einem politisch inkorrekten Film der anderen Art gesorgt. Die Action-Komödie „Tal der Skorpione“ stillte den Hunger von Freunden leichtfüßiger Narration und längst vergessenem Videothekenfilm-Flair. Wie hast du die Drehtage empfunden?

Das Projekt war wirklich eine herausragende Sache. Der Mut des Regisseurs, einen Film im Stile von „The Expendables“ oder wie die Action-Filme der 80er Jahre zu drehen, ist sehr anzuerkennen. Patrick Roy Beckert hat hier sehr gute Arbeit geleistet.

Die Chemie zwischen dir und Claude-Oliver Rudolph scheint zu stimmen. Für euer Zusammenspiel erhieltet ihr von Zuschauern viel positive Resonanz. Könntest du dir vorstellen, bald wieder mit ihm zu drehen?

Ja, das klappte vor der Kamera sehr gut. Wir haben uns vor der Kamera nichts geschenkt. Die Rivalität der Charakter kam wirklich toll rüber. Die Zuschauer haben es geliebt. War die Kamera aber aus, hat Claude-Oliver Rudolph nicht mit mir gesprochen, nicht mal gegrüßt. Ich habe sowas noch nie erlebt. Er hat mit allen Blödsinn gemacht und mich komplett ignoriert. Nun, Pech. Ich bin wohl ein Arschloch.

Das ist schade, denn auf der Mattscheibe habt ihr miteinander harmoniert. Du trittst aber auch noch als Regisseur mit eigenen Filmen auf den Plan. Herr Berger sucht einen Sohn, der aus deiner Feder stammt, ist eine spezielle Komödie, die den Anspruch erhebt, den französischen Stil innezuhaben. Dieser Film befindet sich gerade in der Postproduktion. Kannst du schon einen Veröffentlichungstermin nennen?

Der Film ist immer noch in der Postproduktion. Ich war drei Monate in 2019 krank und konnte weder meine „Goerschs Genießer Buffet“-Show machen noch an Herrn Berger arbeiten. Aber ein erster Trailer für den 1. Teil wird in Kürze veröffentlicht.

Verspürst du Lust auf weitere Komödien, die nicht im „Berger“-Universum verankert sind?

Ja, aber niemand dreht im Independent-Bereich Komödien. Da bin ich mit Herrn Berger ganz einsam. Ich hatte sogar mal eine Idee gepostet und wurde deswegen fast angegriffen.

Wir warten gespannt ab, was du uns in Zukunft noch alles an Filmkost bescherst. Ich denke, mit unserem Interview konnten wir ein Paar Mysterien um deine Person lösen und vielleicht sogar Missverständnisse aus dem Weg räumen. Vielen Dank für das Gespräch. Während wir nun zum Schluss kommen, wissen doch alle, dass es für dich gilt: The Show must go on!


Das Interview von Daniel Hadrović erschien ursprünglich auf „Destination Extreme Cinema“.

Daniel Hadrović ist als Autor und Filmemacher aktiv. Seine kleinen Independent-Produktionen tragen surreale und gesellschaftskritische Züge.

Burst of Metal

Auf der einen Seite gibt es da draußen so richtig schlechte Alben wie etwa Backstreet Boys’ Never Gone, Puddle Of Mudds Life On Display, DJ Peinlichs Blush oder Barb Wire OST …

Von Jens Marder


Es gab einmal eine Zeit, als „Guns N’ Roses“ durchaus ein Song von den Sex Pistols gewesen sein könnte. Oder war es Janis Joplin? Als der Autor dieser Zeilen vor rund zwanzig Jahren zum Metal kam, hatte er nicht ganz so viel Ahnung von dieser dunklen Materie, sodass an erster Stelle seiner Einkaufsliste damals (neben einigen essenziellen und bereits herausrecherchierten Alben) die Rock-Hard-Veröffentlichung Best of Rock & Metal – Die 500 stärksten Scheiben aller Zeiten (hrsg. von Michael Rensen) gestanden hätte, hätte es sie damals schon gegeben. Der Kauf des toll aufgemachten Folianten, der halbwegs vergriffen zu sein scheint, kann nicht nur Neueinsteigern, sondern auch fachwissensmäßig gereifteren Fans des Schweren Schalls empfohlen werden: 500 nicht gerade kurze, mit herzblutgetränkter Leidenschaft für das Genre verfasste Rezensionen von Fachleuten, auf deren Meinung (fast) immer Verlass ist, dazu über 20 Zusatzartikel wie zum Beispiel „Die Roots des Heavy Metal“, „Deep Purple“, „Metallica“, „Progressive Rock & Metal“ machen das Buch zu einer spannenden und Speichel-/Geldfluss anregenden Lektüre. Dabei finden natürlich nicht nur absolute Pflicht-Acts wie Black Sabbath, Iron Maiden oder Slayer einen Ehrenplatz, sondern auch kleinere, feinere Bands wie Atheist, Cynic, Realm, Thought Industry, Toxik, Vauxdvihl oder die unvergesslichen Watchtower, was Kennern ein zufriedenes Kopfnicken inkl. Grinse bescheren dürfte.

Dass bei der Auswahl der Referenzwerke der einzelnen Künstler überraschend oft auf (die etwas schwächelnden) Veröffentlichungen jüngeren Datums zurückgegriffen wurde, erscheint etwa im Falle von Threshold oder System Of A Down etwas merkwürdig. Andererseits ist man als unignoranter Hörer überfroh, dass die ach so gekünstelten, overhypten und musikalisch/künstlerisch angeblich unfähigen US-Armenier oder auch Slipknot (hier mit ihrem erfrischenden Vol. 3 vertreten) es tatsächlich auch in die Top 500 geschafft haben. Schließlich darf man nicht vergessen, dass der gnadenlos originelle Geniestreich Toxicity seinerzeit als „fünfundvierzigminütiger Blender“ (!) (O-Ton Wolf-Rüdiger Mühlmann, vgl. Rock Hard-Ausgabe Nr. 172) mit 5 von 10 Punkten (!!) bewertet und Slipknot aufgrund ihrer aufrichtigen Liebe zum Grotesken als amerikanischer Konsum-Schwachsinn abgetan wurden.

Und nun sind wir auch schon bei der passenden Laune angelangt, um vom Loben wegzukommen, hin zur dunkleren Seite der journalistischen Macht: Es lässt sich keine Entschuldigung dafür finden, dass die RHaudegen es tatsächlich geschafft haben, solche Innovations- und Kompositionsgiganten wie Meshuggah, Opeth, Pain Of Salvation, Shadow Gallery (und sicher noch ein paar mehr) auf Kosten diverser „Langweiler“-Bands/-Alben (lieber keine Namen), die allesamt mit mindestens einem Album zu viel vertreten sind, außen vorzulassen. Nein, da kann man auch nicht mit der „Natürlich wird diese Liste niemanden endgültig zufrieden stellen können, denn sie kann und will nicht objektiv sein“-Masche kommen. Dass Bands wie Martyr, Spiral Architect oder gar die Metal-Avantgardisten Behold … The Arctopus keine Erwähnung finden, ist nicht überraschend und verzeihlich. Aber Meisterwerker wie Daniel Gildenlöw und Michael Åckerfeldt zu ignorieren, ist eigentlich Wahnwitz. Wie dem auch sei: Im Großen und Ganzen ist dieses Buch eine sehr gute Investition und Rock Hard nach wie vor die beste deutschsprachige Institution in Sachen „Rock hart!“. Und Opeth zu seinen Favoriten zählen kann man natürlich auch ohne Sekundärliteratur.

THE PROVENANCE: Red Flags

Die Schweden The Provenance sind eine Prog/Gothic/Modern-Metal-Band mit Niveau, daher enthält ihr Album Red Flags fast ausschließlich sehr gute, äußerst gefühlvoll komponierte Songs, die subtile Melancholie und Düsternis propagieren. Das Album eröffnet mit dem erstklassigen „At The Barricades“, dessen origineller Refrain durch Emma Hellströms Stimme zusätzlich an Wert gewinnt. Immer wieder gibt es auch schöne Gesangsduette mit Gitarrist Martinsson. „Thanks To You“ setzt gleich zu Beginn mit einem einprägsamen, etwas opethoiden Riff ein, der sich zu einer überaus feinen Nummer entwickelt. Dann noch die zwei hervorragenden Balladen „Second And Last But Not Always“ & „Deadened“ und das mit superber Melodie aufwartende „One Warning“ obendrauf. Wer bis dahin noch immer nicht von der Überdurchschnittlichkeit dieses Albums überzeugt ist, dem sei der ausgezeichnete, wirklich mitreißende Abschlusssong „Settle Soon“ anempfohlen – dolles Ding!

PHIDEAUX: 313

Die amerikanischen Prog-Rocker bzw. Art-Popper Phideaux haben hier ein verdammt gutes Album vorgelegt, das den Hörer zurück in die Ära von Genesis, Marillion und 80er-Seligkeit mitnimmt. Der erste Song „Railyard“ ist wohl als Geniestreich zu bezeichnen, auch wenn er einem irgendwie (?) bekannt vorkommt. Was vielleicht nur ein weiterer Beweis für dessen Klassikerstatus ist. Wie erwartet können die übrigen Songs auf 313 mit dem Monsteropener nicht ganz mithalten. Aber das ist nicht schlimm ist, denn die anderen Kompositionen sind überaus trotzdem atmosphärisch, spacig, melodisch, meist einfallsreich, immer wieder schimmern SF-Motive durch. „Have You Hugged Your Robot?“ beispielsweise ist zwar einfach gebaut, groovt aber schwer. „Sick Of Me“ ist eine Art eigene Version von Bronski Beats „Smalltown Boy“, zumindest was die Hauptmelodie angeht. „Pyramid“ glänzt mit nostalgischen Mellotron-Tönen. Alles in allem sehr harmonisch, sehr sympathisch, manchmal vielleicht einen Tick zu harmonisch-sympathisch. Manche Stellen hätte man evtl. spannender gestalten sollen, etwa durch Weglassen. In „Body In Space“ erfährt das überragende Hauptthema aus dem ersten Lied eine durch weibliche Engelsstimmen veredelte Reprise. Abschließen tut das Album mit dem wunderschön entrückten „Benediction“, das erneut die erstklassige Songwriting-Kunst unter Beweis stellt: superbes Album einer Band, die man vernommen haben sollte. Und das Cover-Artwork ist so was von farbenfroh und filigran.

PUPPET SHOW: The Tale Of Woe

Wer lässt hier die Neo-Prog-Puppen tanzen? Es ist die kalifornische Band Puppet Show aus Silicon Valley. Lang lebe der Longtrack, haben die Jungs sich überlegt und vier von den Viechern gebastelt. Zusammen mit zwei kürzeren Liedern wird hier cooler, sowohl nach vorne als auch auf Vorbilder wie Marillion, Kansas, Spock’s Beard u. a. blickender Progressive Rock mit einer dezenten Idee Hartwurst geboten. Die Musik ist sehr warmherzig und meistens originell, sodass sie einigen Längen und etwas zu fröhlichen Momenten locker trotzt. Der Opener „Seasons“ beispielsweise ist grandios: pumpende Basslinien, mitreißender Gesang, coole Breaks und Soli.

„The Seven Gentle Spirits“ nimmt sich relativ viel Zeit, um anzulaufen, aber spätestens in der zweiten Hälfte geht es mit fett epischer Progroove-Breitseite gehörig ab. Insgesamt schwächelt diese lange Nummer ein wenig, vor allem im direkten Vergleich zum nachfolgenden „Harold Cain“, das umschweiflos zum Punkt kommt und aufgrund seiner kompositorischen Prägnanz und gewitzter Lyrics Klassiker-Ambitionen aufweist. Auf den Sechzehnminüter „The Past Has Just Begun“ wäre Neil Morse bestimmt stolz, hier kommt nämlich all das zusammen, was Neo-Prog-Meisterklasse auszeichnet: ausladende Instrumental-Passagen, Mystery, Spannungsbögen samt Peripetie und natürlich ergreifende Melodien. Zum Schluss wird dieses Werk nochmals so richtig fesselnd und erreicht mit einigen Härten seinen dramatischen Höhepunkt. Es folgt das progmetallische und überraschend verquere „God’s Angry Man“, ein sehr gutes Instrumental mit prägnantem Hauptriff. Schließlich noch „On Second Thought“, eine delikate Ballade, die unter anderem mit einem echten Hinhörer von Keyboard-Solo punktet. Wer suchet, wird findig.

ABANDONED: Thrash Notes

Dieses Album dürfte ziemlich cool sein, denkt man sich schon nach ein paar Sekunden. Es wird offenbar eine Riffpolitik propagiert, die für unverfälschten Thrash-Metal-Spaß sorgt. An sich hat die Vokabel „Thrash“ mit Gewalt zu tun, aber wenn sich diese ausschließlich in einer unverblümt spielfreudigen Bedienung der Musikinstrumente manifestiert, dann ist Gewalt so ziemlich das Coolste. Zwar sind Abandoned nicht zu jedem Zeitpunkt einzigartig, aber wie auch, wenn man der klassischen Prügel-Schule frönt. Solange die Band-Homepage „www.gebolze.de“ lautet, das Emotionale stimmt und man an Bay Area & Klonsorten denken muss, während man dieser Hesssen-Dresche lauscht, ist alles in ordner Bestung. Die Reaktionen der Fachpresse auf ihre Demo waren schon sehr positiv, und dementsprechend positiv muss die Kritik zu ihrem ersten Album ausfallen, in dessen Titel „Thrash“ nicht ganz zufällig vorkommt: Songs wie das riffige „Pay The Dues“, der fixe Banger „Nightmares“, der einfallsreiche Opener „The Oncoming Storm“ oder das mit einem dramatischen Power-Metal-Refrain aufwartende „Return To One“ bestätigen die eingangs geäußerte Vermutung.

Pandemia: Riven

Spätestens nach dem zweiten Hören ist man sicher, dass es sich bei den Tschechen Pandemia um eine überdurchschnittliche Band handelt, die eine entsprechende Platte eingespielt hat. Alle Stücke sind gut, jeder Song hat irgendetwas zu bieten, was ihn auszeichnet. Die Liedanfänge sind fast ausnahmslos prägnant, was schon mal ein gutes Omen (nicht der Film) ist. Der Titeltrack und Opener knallt beispielsweise ganz schön ordentlich aus den Boxen (nicht die Sportart), „Stream Of Destinies“ ist stellenweise noch bombiger, da könnten sich sogar Morbid Angel das eine oder andere Stück Hack vom Grotesküchlein abknipsen. „Us And Them“ enthält ebenfalls ein Riff-Attentat, auf das der Death-Metal-Fan nicht verzichten sollte. Das ein wenig von Death (nicht der Zustand) inspirierte resp. plagiierte Instrumental „Dispirited“ hingegen erreicht leider nicht das Genie des Riff-Fürsten Schuldiner, der für ProgDeath ungefähr dasselbe ist wie Schindler für die Juden. Insgesamt betrachtet ist Riven zwar nicht ganz so kopfmenschenfreundlich wie seine Vorbilder, aber dennoch ziemlich dicht komponiert und technisch exekutiert, sodass die Spielzeit von etwas über 30 Minuten kein Nachteil ist. Fazit: Uneingeschränkte Antest-Empfehlung für diesen groovyTotmachbrocken!

Hyades: Abuse Your Illusions

Was bloß ist das Geheimnis der uneingeschränkten Sympathie, die sich innerhalb kürzester Zeit einstellt, obwohl dem Hörer die starke Anlehnung an alte Originale und dadurch bedingte Nichtinnovativität von Hyades bewusst ist? Nun, trotz aller Rückwärtsgerichtetheit kommen die Riffs äußerst flott gezockt und frisch gerockt daher, halt so, als ob ein guter alter Wind wehen würde, der keinesfalls nach Gammel riecht. Abuse Your Illusions ist keine Revolution, aber Mann ist das Album Banger-SpaßThrash, sprich: truer als ein Tru(e)thahn! Die Jungs, deren Motto „Four albums and still no ballads!“ lautet, orientieren sich ganz bewusst am Knüppel-Kult der 80er, und die Art, wie sie es tun, ist genau richtig: unprätentiös, ehrlich und mit jeder Menge cooler Gitarren im Panzer. Eines dieser Alben, die im besten Sinne des Wortes total eingängig sind und gleich beim ersten Hören eine negative Rezension absurd erscheinen lassen.

Freak Neil Inc.: Characters

Freak Neil Inc. ist das Progjekt von Rob van der Loo (Sun Caged), der einige prominente Gastmusiker wie Steve DiGiorgio, James Murphy oder Sean Malone (Death, Cynic) zum Mitspielen eingeladen hat. Herausgekommen ist ein zwar nicht 100%-ig freakiges, aber relativ vielseitiges Progressive-Metal-Album, das sich echt hören lassen kann. Nach dem kurzen Intro, in dem wohl das Stimmengewirr der verschiedenen Characters zu hören ist, geht es mit „Talking Chair“ richtig metallig zur Sache: Der Eröffnungsriff zählt nicht unbedingt zu den wahnwitzigsten, hat aber den richtigen Drive, um dem Song Prägnanz zu verpassen.

„I’m The Hero“ hat noch mehr zu bieten: Funk & Drive, verursacht durch den auch später mehr im Vorder- als Hintergrund agierenden Chapman Stick, eine schöne Melodie, anspruchsvolle Soli und ein paar verrückte Stimmverzerrungen. Das gelungene „I Understand“ überrascht durch elektronische Drum-Sequenzen, gefolgt von cynicsch verfremdetem Gesang und träumerischen Entspannungssoli. „Downtown“ weist zum ersten Mal charakteristische Progmetal-Stilistik auf, die immer wieder von virtuosen Fusion-Parts durchbohrt wird. Und der „Bulldozer Blues“ hält, was der Titel verspricht: Meshuggah-Riffing auf dünnem Blues-Gerüst erzeugt eine schwere Groove-Maschinerie, die insgesamt allerdings etwas unspektakulärer als die vorangegangenen Tracks bumst. Das abschließende „Absence“ beginnt mit einem für Misophoniker herausfordernden Flüstern, das aber glücklicherweise schnell Musik Platz macht. Diese ist epischer als die restlichen Tracks und vereint deren verschiedene Stilmerkmale wie Elektrobeats, Metal, Fusion und Balladeskes zu einem soliden, wenn auch streckenweise farblos wirkenden Ganzen, das mit seinen 13 Minuten nicht den quantitativ vorgegebenen Höhepunkt bildet. Unterm Strich eine Platte, die eine Empfehlung wert ist, da echte Schwachstellen fehlen.

MANNGARD: Circling Buzzards

Allein „Safe With Me“ bietet genug progressive Derbheit, um Circling Buzzards, seines Zeichens krasses Prog-Geknüppel auf William-Faulkner-Basis, zu einer echten Extremperle zu erklären. Jede Menge Riffs und Breaks, unvorhergesehene Wendungen und brutal-brillante Instrumente, die ordentlich Irrsinn akkumulieren. Das müssen knallharte Death-Metal-Bussarde sein, die da ihre kniffligen Psycho-Kreise ziehen. Zugegeben, so eindeutig grandios wie das eingangs erwähnte Stück sind die restlichen Songs vielleicht nicht, aber allemal toll genug, um die Hervorhebung irgendeines weiteren Titels fast unmöglich zu machen. Ein in helle Begeisterung versetzendes Album also, das nicht nur musikalisch, sondern auch durch sein düsteres Textkonzept überraschende Gefilde erschließt und somit jedem (ernstzunehmenden) Kritiker Respektbekundungen entlocken möge.

KAYSER: Frame The World … Hang It On The Wall

Dieses Album ist knüppelharte Unterhaltung aus Schweden und kommt dem Zuhörer auf Anhieb überaus solide vor. Bei genauerer Untersuchung festigt sich der positive Ersteindruck: Frame The World … Hang It On The Wall ist ein melodiereicher und klischeearmer Klopper der Modern-Metal-Schule. „The Cake“ eröffnet die Platte mit einem Leckerbissen (toller Refrain), es folgen das dreckige „Lost In The Mud“ und das gut entwickelte „Evolution“, das belebende „Not Dead … Yet“ (deftiger Refrain-Riff mit einem Fusion-Intermezzo) sowie das geistesgegenwärtige „Absence“. Eine klare Produktion und prima Gitarristik machen diese voller großer Momente steckende Empfehlung für Freunde des Empfehlenswerten empfehlenswert.

DECAPITATED: Organic Hallucinosis

Decapitated haben ja mit ihren ersten Alben mächtig Wind (of Creation) aufwirbeln können, weil die Bandmitglieder trotz ihres verdammt jungen Alters (damals 14 oder so) an ihren jeweiligen Instrumenten schon viel asozialer drauf waren als so mancher Hip-Hop-Stirnband-Fubu-Assi auf der hintersten Sitzbank im Bus nach Tannenbusch. Apropos Bank: Das vierte Output der Polen ist durch dieselbige gut. Grotesk-Gitarren braten das Trommelfell, während die Drums das Öffnen so mancher Kiste Chuck Norris überflüssig machen. Der Prog-Level der Platte ist wie gehabt etwa mit Morbid Angel oder Hate Eternal zu vergleichen, also recht technisch. Songs wie der opulent-brachiale erste Track oder das Doublebassin „Day 69“ (inklusive des bandtypischen Schlagzeug-Solos in der Songmitte) sprechen an. In „Post(?)organic“ wissen zwei virtuose Gitarren-Soli in eine für das Death-Metal-Genre unerlässliche Schlimmwelt zu entführen. „Visual Delusion“ ist ein blastbeastig dreschender Song, der, zwar etwas fremdbestimmt, die besten Momente der zwei oben genannten Vergleichsbands einfängt. Die restlichen drei Lieder erscheinen einen Tick unprägnanter, was uns aber nicht daran hindern soll, dieses Album allen Toddlern an den Herzschrittmacher zu legen.

Slipknot: 9.0: Live

Spätestens seit diesem Live-Album ist die Zahl „9“ bzw. deren IT-Bruder „9.0“ mit Groteske zu assoziieren. Denn hier kommen 9.0 ziemlich kranke Typen mit schlimmen Masken und beschallen einen mit krassen Projektilen des modernen (und immer öfter auch progressiven) Nu Metals wie „The Blister Exists“, „(Sic)“, „Pulse Of The Maggots“, „The Nameless“, „Duality“ u. a. In 24 Tracks wird die Geschichte einer immer wieder vollkommen zu Unrecht als unauthentisches, kurzlebiges Produkt der Werbeindustrie angeprangerten, ziemlich extremen Band nacherzählt, die mit ihrem Debüt Slipknot einen echten Meilenstein veröffentlichte. Nach dem schwächelnden Zweitling Iowa wollten sich die Musiker weiterentwickeln, und dementsprechend fiel auch die dritte Studioproduktion aus: Mit feiner als je zuvor gespitzten Drumsticks, virtuosen Gitarrenläufen, asozialen Riffs, originellen Samples und verstärktem Griff auch zu ruhigeren Tönen aufwartend, stellte Vol. 3: The Subliminal Verses 2004 eine würdige Erneuerung des eher rauen Slipknot-Sounds von anno 1999/2001 dar.

Der Nachteil des vorliegenden Live-Dokuments ist aber, dass die irgendwie verwaschen klingende Produktion richtig fiese Riffer neueren Datums nicht perfekt zur Geltung kommen lässt; die Liedversionen auf den regulären Studiowerken sind eigentlich immer vorzuziehen. Überhaupt haben Live-Alben ja ein bisschen an Bedeutung verloren, seit es sowohl sound- als auch bildtechnisch überaus hochwertige Live-Mitschnitte auf DVD bzw. BD (nicht das Klosett-Addon) gibt. Deswegen ist etwa der Slipknot-Mitschnitt Disasterpieces zu empfehlen: Dort bekommt man den kaputten Clown, das Stachel-Schwein, Cyranose de Bergerac, das Drum-Karussell (gutes Solo) und die restlichen Monstermänner auch mal richtig zu Gesichtsgrusel.

Akercocke: Words That Go Unspoken, Deeds That Go Undone

Die Briten Akercocke umschiffen geschickt 08/15-Riffs, wie sie von Black-Metal-Riesen Dimmu Borgir, Nagelfart etc. wirkungsvoll, bombastisch, pathetisch – aber gerade darin ist der Keim von Geschmacklosigkeit zu suchen – inszeniert werden, indem sie das Vehikel Black Metal mit genrefremden Aspekten anreichern. Neben ungebremstem Doublebass-Geblaste und monströsen Growls gibt es auch besinnliche Momente zu bestaunen. Eröffnet wird das Album von „Verdelet“, worin ein aggressiver Riff die Grundlage für einen sehnsuchtsvollen Gesangspart bildet. „Seduced“ ist Black/Death Metal pur, wobei das kompromisslose Riffing hier und da etwas unfrische Züge annimmt; nichtsdestotrotz ein gutes Stück, das vor allem gegen Ende noch einmal seine gesamte Energie im ultimativen Banger bündelt. „Shelter From The Sand“ bezieht seine Schönheit aus den von akustischer Gitarre begleiteten Clear-Voice-Passagen, die immer wieder von verschiedenen Zwischenspielen heftigeren Kalibers durchboxt werden.

„Eyes Of Dawn“ kommt schnell zur Sache, ein einfacher und prägnanter Riff macht den Anfang, wonach der Song einige leicht avantgardistische Wendungen nimmt und so bis zum Ende interessant bleibt. Das Instrumental „Dying In The Sun“ klingt in etwa genauso, wie der Titel es verlangt: exotische Wüstenklänge, gepaart mit dem einen oder anderen Geräusch extraterrestrischer Fauna als Prolog zum darauffolgenden Zweiteiler „Words That Go Unspoken“: In diesem finden sich sanfte, hammerharte und ambientrückte Elemente, die zusammengenommen etwas Unheimlich-Auswegloses heraufbeschwören. Den Abschluss und vielleicht auch emotionalen Höhepunkt dieses Albums bildet das von schwerem Nostalgyll umhauchte „Lex Talionis“, worin des Hörers Seele eine Rührung erfährt. Nimmt man all diese Eindrücke zusammen, entsteht ein Gesamteindruck, der besagt, dass es sich hier um ein richtig gutes Album handelt.

3: Wake Pig

Die vier 3er klingen ein bisschen wie The Mars Volta, Coheed & Cambria und Umphrey’s McGee, also die Alternative-Metal-Kategorie mit perkussivem Guitar Slapping als USP. Aber Schubladendenken ist nicht Sinn der Übung, kommen wir daher zu den einzelnen Songs dieses wunderbaren Albums. „Alien Angel“ führt uns in die atmosphärische und hochtalentierte Melodiewelt der Band ohne Buchstaben ein. „Dregs“ beginnt mit einer Flamenco-Gitarre, die immer wieder vom E-Riffing unterstützt wird – ein melodisch-drummiger Song. Der Titelgeber „Wake Pig“ ist wohl als ein Hit zu verstehen, da großartiger Refrain und coolst aufspielendes Schlagzeug. Ein weiterer Hit oder vielmehr Klassiker ist „Dogs Of War“, eine mit geradezu Beatles’schen Harmonien auf Filigranit beißende Ballade: Sahne Nummer 1! „Queen“ lässt Magie walten, ebenso das authentisch melancholische „Circus Without Clowns“, was für das ganz große Zweiohrkino. „Where’s Max“ ist ein kurzer, verrückter Song, der wie eine Hommage an System Of A Down wirkt. Seinen (nicht zwingend krönenden) Abschluss findet das überaus empfehlenswerte Plättchen mit „Amaze Disgrace“, das zwar epischer als die restlichen Perlen ausgefallen ist, aber möglicherweise nicht ganz so tiefgreifend wirkt.

Bathtub Shitter: Dance Hall Grind

Mir sind ja Bands auf Anhieb sympathisch, die das Wort „Scheiße“ oder Ähnliches im Bandnamen führen auf die Gefahr hin, dass irgendein Rezensierling es völlig schamlos gegen sie verwenden wird. Aller Koprophilie zum Trotz sei dennoch ein genauerer Blick auf dieses typischerweise durchgeknallte Japandämonium geworfen. Der Stil von Bathtub Shitter ist Latrinen-Grind ohne Klospülung, wo viel gekrischen und noch mehr geschissen wird. Bis auf das recht hübsche, aus einem Myamoto-Klassiker zu stammen scheinende Akustik-Scheißtrumental „Shit Drop“ und die dudelig-gewitzte Einscheißung „Introduction“ sind Schlagzeug und E-Gitarren erwartungsgemäß im Kriegseinsatz und man fragt sich, wie viel die Jungs eigentlich fressen müssen, um so viel Scheiß zu produzieren. Wie dem auch scheiß, musikalisch gesehen handelt es sich hier nicht durchgehend um bek(n)ackten Durchfall. Titel wie zum Beispiel „Skate Of Bulgaria“, „Umber“, „Re-Shit“ oder „Rest In Piss“ können sich echt hören lassen, obgleich das häufig eingesetzte Hochfrequenz-Gekreisch von Vokalköter Masato gewöhnungsbedürftig ist. Bilanz: Trash wird ja gerne als Synonym für Kult verwendet, was nicht immer falsch sein muss: ein Jascheißénochmal! für diesen keinesfalls kompletten Bullshit.

Beneath the Massacre: Mechanics Of Dysfunction

Das Warten auf das dritte Album von Necrophagist, das nie kommen wird, weil Suiçmez offenbar bei BMW arbeitet, ist für manche von uns eine recht proglematische Angelegenheit. Zwar haben Bands wie Spawn Of Possession oder Obscura die Lebensbedingungen einer Person, welche sich höchstwahrscheinlich auch im Opa-Stadium Filigrangeknüppel ins Quantenmechatroniker-Death gewohnte Hörgerät hämmern wird, heftigst versüßt, doch so langsam lässt die nicht zu unterschätzende Wirkung jenes extremen Meilensteinchens nach. Also schnell zu Beneath The Massacre aus (dem offenbar abnormen) Kanada gegriffen, einem weiteren Vertreter jener eindrucksvollen Musikrichtung, die man als break- und blastbeatverseuchten, hypertight gespielten Frickeltod bezeichnen darf, wobei der Touch des Robotisch-Übermenschlichen bei den jeweiligen Virtuoso-Gitarristen als ein enorm wirkungsvoller Derbheitsverstärker genutzt wird, von den unmenschlich tiefen Growls und dem rabiaten Schlagzeugspiel mal ganz abgesehen.

Exakt eine halbe Stunde lang werden dem hoffentlich unkaputtbaren Hörer die Mechanics Of Dysfunction in zehn Lektionen nähergebracht. Einen repräsentativen Song auszuwählen ist etwas schwierig und vielleicht nicht nötig, da man dieses Album als eine homogene Portion Hirnklopp internalisieren sollte. Dennoch kann man folgende vollkommen enorme MG-Salven am ehesten empfehlen: „The Surface“, „Modern Age Slavery“ und „Sleepless“. Teilweise hat man das Gefühl, dass hier sogar das absolut gestörte Necrophagist-Niveau überschritten wird, was ja eigentlich nicht möglich sein dürfte. Wie dem auch sei: Für Breaks-Freaks und Freunde des hypertechnoiden Todesbleis ist neben Art Bleeds, Colonizing The Sun, Epitaph, Warp Zone etc. dieses Album ein Total-Muss!

Coroner: Mental Vortex

Nach dem kurzen Intro wird auf unbeschreiblich begnadete Weise die Wortkonstellation „Mental Vortex“ musikalisch eingefangen. Trotz geordnet daherkommender Progriffs wird durchaus so etwas wie ein knorker Wirbelsturm erzeugt. Es geht gleich voll zur Sache, eine Feinheit folgt der anderen. An Talent nicht zu überbieten ist schließlich das qualitativ in umgekehrter Proportion zu seinem Bekanntheitsgrad stehende Solo (was natürlich für das komplette Album gesagt werden kann), das bei 4:11 in „Son Of Lilith“ einsetzt und verglichen werden kann mit einem „Kohärenz gewordenen Kosmos“ (Albensammlers Prognase, Bd. 4, S. 000). Wenn es um Musik geht, so gibt es fast nichts, was ich so gern und so ausführlich und so oft und […] und so unterschiedlich in der Formulierung ansprechen möchte wie dieses Solo, welches einen eigenen Namen verdient: Intergalaxax Ofu? 4:11er? Ich bin nicht ganz sicher, aber extraterrestrisch ist es auf jeden Fall.

Disillusion: Gloria

Bei dem Zweitwerk der Deutschen Disillusion wird sich ganz bestimmt die Frage nach der Toleranz der Fans und Befürworter ihres Debüts Back To Times Of Splendor stellen, welches die meisten noch als eine echte Perle des progressiv-epischen Death Metals à la Opeth im Ohr haben dürften. Der Hörer ist desillusioniert und fühlt sich eingeladen, ggf. kalauernde Anspielungen an den retrospektiv womöglich prophetischen Titel des Erstlings zu machen. Doch wie lange hält diese Enttäuschung an, die sich vor allem aus dem massiven Stilwechsel der Band speist, welche neuerdings eher Industrial/Gothic/Psychedelic/Electronica (Pop-)Rock als Death Metal zuzuordnen ist?

Immerhin sind fast alle der hier gebotenen Songs, so wird man schnell zugeben müssen, eigensinnig, originell und nicht unproggy ausgefallen. Also die Vorurteile schnell und mit ordentlich Scham hinweggefegt und sich ehrlich ans Liedgut rangeschmissen: Die Platte beginnt mit dem dramatischen „The Black Sea“, worin rammsteiniger Sprechgesang, poppige Stimmverzerrungen und ein paar coole Riffs ihr Werk verrichten. Die immer wieder spezielle Gitarrenarbeit, die sich im ersten Track schon andeutet, kommt im Nachfolger „Dread It“ noch mehr zum Tragen. Hier trifft eine gewisse Lockerheit auf einen epischen Refrain, der kurzzeitig auch an die „alten“ DISILLUSION anknüpft. „Don’t Go Any Further“ ist eine klare Singleauskopplung, ein clawfingringer Modern-Metal-Hit mit einem sehr einprägsamen Hauptriff. „Avalanche“ könnte glatt Black Metal sein, obgleich die gedämpften Vocals an Till Lindemann und das elektronisch angehauchte Melodiegeflecht im Hintergrund an James Bond erinnern – schon wieder bemerkenswert.

Der Titeltrack ist nicht unbedingt der beste der Platte, punktet aber mit düsteren Hintergrundsamplings, einem erneut verfremdeten Sprechgesang und seltsamen Bläsern in der Mitte dennoch ganz schön. Nach dem triphoppelnden Intermezzo „Aerophobic“ geht es mit originellem Metal weiter, diesmal ist es eine orientalische Melodie, die, unterstützt von der doppelten Fußmaschine, mitzureißen weiß. Hitverdächtig ist auch der Refrain in „Save The Past“ – unkompliziert und wirkungsvoll. Das nicht unbedingt unentbehrliche Instrumental „Lava“ ist zähflüssig und heavy umgesetzt und leitet zu dem eher langweiligen „Too Many Broken Cease Fires“ über, das durch Schwäche überrascht. Den Abschluss bildet „Untiefen“, ein düsterer und zugleich nichtssagender Song, der das Album (leider) nicht auf einem kreativen Höhepunkt ausklingen lässt. Dennoch: Wer gutes Songwriting mag und bereit ist, den Künstlern ihre legitime Weiterentwicklung zuzugestehen, der möge sich dieses interessante Album zulegen.

Ephel Duath: Pain Necessary To Know

Ephel Duath sind schön schräg von A (wie abstrus) bis Z (wie Zorn-ig, John). Mehr Avantgarde, Free Jazz und scheinbare Rifflosigkeit haben die italienischen „Ultraprog-Extremisten“ (vgl. PR-Beilage) noch nie in ein Album gepackt. So viel steht nach dem ersten Durchlauf schon einmal fest: The Dillinger Escape Plan etwa, die trotz ihrer unanzweifelbaren Abgefahrenheit häufig gleich von Beginn an gut mitverfolgbar sind (man nehme nur mal die in ihrer Krassheit doch irgendwie straighte Mathcore-Perle „43% Burnt“ von Calculating Infinity), steckt Pain Necessary To Know locker in die Tasche, zumindest was die Zugänglichkeit und Verschrobenheit angeht. In Bezug auf das Kompositorische allerdings können konkrete Angaben erst gemacht werden, nachdem man sich das unmäßige Produkt mindestens vier bis fünf Mal eingebaut hat. Alles beginnt mit einem unscheinbaren, etwas autistischen Riff. Schon bald nimmt ein ungebremstes und verrücktes Spiel mit der zunächst leicht überschaubaren Figur seinen Lauf, Tempo und Dichte nehmen zu, Unberechenbares wird hinzuaddiert und wieder subtrahiert, kleine Jazz-Kaskaden kommen und gehen, dazwischen ein bisschen Elekronikgeloope. Dann wieder Besinnung auf Klarheit, eine schöne Melodie wird herausgearbeitet und durchgehalten. Äußerst gewiefte AvantRiffs und andere Unerhörtheiten durchziehen die Platte und sorgen regelmäßig für Erfrischung. Hat man einmal das Album (mehr oder weniger) durchschauen und schätzen gelernt, erkennt man, dass es sich bei diesem artrockenden & progmetallischen Bewusstseinsstrom um ein echtes Kunstwerk handelt. Wenn man einmal von dem ein wenig schlaffen Mittelteil („I Killed Rebecca“) und einem gewissen Epigonentum gegen Ende der Platte („Imploding“) absieht, kann man eigentlich nur loben. Und das geht unter Zuhilfenahme unzähliger Attribute wie zum Beispiel: verspielt, komplex, seelenvoll, dramatisch, tiefsinnig, irre, tragisch, traumhaft, abartig, sentimental, rigoros … Wenn die offenbar gegebene Befähigung, solche Gemüts- und Geisteszustände nahezu simultan zu evozieren, kein Lob verdient, dann verdient dieses Album natürlich auch keine 1-.

Gory Blister: Art Bleeds

Damals bei Zazie Dans Le Métro hätte ich auch nicht geglaubt, dass der Film bloß 80 Minuten geht. Und hier glaubt man das mit den 26 Minuten auch nicht so auf Anhieb. Denn es steckt eine Menge an krassem Sound in dieser auf derbe, fiese, wenn nicht gar geschmacklose Art und Weise vertrackten Death/Watchtower/Atheist-Konglamelange. Die Riffs sind fast durchgehend gelungen, einige sind einsame Spitze, breakmäßig sicher ein Rekordhalter. Es geht von Anfang bis Ende zur Sache. Gleich der Beginn des ersten Liedes zaubert ein respektvolles, die gestört/bedenklich hohe Break- und Informationsdichte absolut nicht vertragen wollendes Lächeln auf die Lippen des Zuhörers. Und dann geht es weiter und lässt im Grunde genommen nicht nach. Hervorstechen tun aber vor allem Track Nr. 1, Nr. 3 und Nr. 5. Meine Güte, bei diesem Album handelt es sich um eine Art CT-gestützten Gehirntritt. „Wir, Gehirnchirurgen auf 450-Euro-Basis, kommen vorbei und machen euer HRN platt!“, scheint uns Gory (falls dies der Name des Bandlieders ist) sagen zu wollen. Herr Blister (falls das nicht bloß ein Pseudonym ist), Ihre Frickelkünste sind ganz klar bewundernswert, liefern Sie uns regelmäßig EPische Wunderwerke mit eklatanter Soundsoße ab.

Martyr: Feeding The Abscess

Wer sie noch nicht kennt, dem seien sie sofortst ins technische Death-Metal-Herz eingeklebt! Die Wunderprogger Martyr aus (dem offenbar enormen) Kanada haben mit Hopeless Hopes und Warp Zone bereits zwei erstaunlich elegante Komplexbrocken ausgetüftelt, die vor genialen Melodien, Breaks und Soli bersten, und dann kam auf den (am Geduldsfaden hängenden) Connaisseur ihr drittes Album Feeding The Abscess zu. Man kann sich vortrefflich über Besser oder Schlechter streiten, eins hat diese Platte mit ihren (nach wie vor als Geheimtipps zu behandelnden) Vorgängern gemeinsam – es ist ein aus dem Staunen nicht mehr herauskommen lassender Umhau! Mag sein, dass das Debüt der Québestien einen Tick abwechslungsreicher und vielfältiger ausgefallen ist, dafür gibt es auf dem neuen Album mehr exquisite Jazzläufe zu hören, und manchmal fiedeln sich gar genrefremde Violinen prima ins hochenergetische Gesamtkonzept ein. Die gitarristischen Aspekte des vorliegenden Werkes sind jedenfalls nach wie vor über jeden denkbaren Zweifel erhaben. Hier herrscht raffinierte Virtuosität, sowohl die rund 500 Riffs als auch Soloeinlagen sind pfeilschnell, originell und faszinierend, nicht zuletzt wegen der stets spannend aufgebauten Übergänge zwischen den einzelnen Passagen. Trotz des durchweg hervorragenden Materials gibt es einige besondere Höhepunkte zu vermelden: „Perpetual Healing (Infinite Pain)“ ist ein sehr technisches und höchst genießbares Metal-Gedicht mit einigen Trademarks der Band wie dem verquer-düsteren Dissonant-Riffing, das ein Gefühl von subtil groteskem Drama vermittelt. Nach einer Zäsur in der Liedmitte leitet eine fulminante Fusion-Einlage zum zweiten Liedteil über. „Lost In Sanity“ ist unerbittlich dargebotenes, präzis abgefeuertes Riffgehacke mit Tief-, Eigen- und (last but not least) Wahnsinn im Blut. „Feast Of Vermin“ eröffnet eindrucksvoll mit einem atmosphärischen Instrumentalpart, der dann einer Reihe von prächtigen, immer wieder durch markante Rhythmik bestechenden Riffs Platz macht. Bei „Interlude – Desolate Ruins“ handelt es sich um ein beeindruckendes Instrumental-Trauma, dessen kryptisch-schwüle Jazzrock-Attitüde den Soundtrack eines David-Lynch-Films ganz bestimmt kongenial veredelt hätte. „Nameless, Faceless, Neverborn“ schließlich ist eine ungeheuerlich daherpeitschende Prog-Metal-Attacke, die sich entwickelt und entwickelt und (wie jeder andere Song von Martyr) nie langweilig wird. Ein fein ausgearbeiteter Lick führt zum nächsten, die kompositorische Dichte kennt auch hier wieder kaum eine Grenze – die Schlussbetrachtung muss daher lauten: Martyr sprechen nach wie vor ein echtes Machtwort im technischen Death Metal. Ihnen können nur ganz wenige das Wasser reichen, denn hier gibt es eine musikalische Seele zu bewundern, die in ein beachtliches Techno-Kostüm eingebettet ist. Es gilt nämlich die perfekte Synthese von technischem Overkill à la Necrophagist und der melancholischen Vielschichtigkeit von Chuck Schuldiner / Death. Eine derart fulminante Kombination braucht die Welt unbedingt.

Opeth: Ghost Reveries

Sollte ich irgendwann einmal den Wunsch äußern, in Scheiben geschnitten zu werden, wie es die einstige, inzwischen seriös-schnöde „Reviews“ heißende Rezensionsabteilung in der Rock Hard nahelegte, dann müssten es schon recht viele sein, und vor allem auch recht progressive. Alle mögliche geile Scheiße müsste darunter zu finden sein, von Atheist bis Zero Tower, und dazwischen – neben vielen anderen klasse Bands – natürlich auch die begnadeten Opeth. Still Life, Blackwater Park und Deliverance müssten darunter auf jeden Fall vertreten sein.

Und wie stehts mit Ghost Reveries? Nun, nach dem recht meinungsspaltenden (aber leider nicht schädelspaltenden, da durchgehend sanft gehaltenen) Damnation ist dieser Output wieder richtiger Prog Metal mit (inzwischen nicht mehr) gewohnten Opeth-Trademarks wie ultramelancholischem Gesang und derbem Gegrunz geworden, wobei der Krachanteil etwas zurückgegangen ist. Obwohl harmonietechnisch auf Bewährtes zurückgegriffen wird, wirken die Songs frisch, was vor allem an der einen oder anderen progressiven Spielerei, einfallsreichen bis genialen Melodie oder den gar völlig entspannten Ambient-Parts liegt, die einen Einfluss des Elektronica-Enthusiasten Steven Wilson auf Mikael Åkerfeldt, der das Album diesmal selbst produziert hat, erkennen lassen. Insgesamt wird also genügend Neuartiges geliefert, um behaupten zu dürfen, dass die Band sich weiterentwickelt. So ist zum Beispiel der Opener „Ghost Of Perdition“ sehr vielfältig und kann seiner im besten Sinne des Wortes heterogenen Gestaltung wegen durchaus als repräsentativ für das gesamte Album gesehen werden. „The Baying Of The Hounds“ bietet ebenfalls viel Abwechslung in Form von edlem Prog-Riffing und einem entrückten Mittelteil, zusätzlich sorgt eine Hammondorgel für gelungene Erweiterung des Gesamtsounds. „Beneath The Mire“ beginnt mit einem recht exotischen Riff und mündet über einige Zwischenspiele hinweg in einen ersten emotionalen Höhepunkt des Albums, wo eine gewohnt exzellente Akustikgitarre den sehr gefühlvollen Gesang begleitet. „Reverie/Harlequin Forest“ ist ein gehaltvoller, cleverer Überzehnminüter geworden, während „Isolation Years“, eine sehr fragile Ballade, vor allem mit ihrem wunderschönen, etwas an James LaBrie / Dream Theater erinnernden Chorus glänzt. Aufgrund einiger Stilerweiterungen mag Ghost Reveries vielleicht einen Tick filigraner als die Vorgänger ausgefallen sein, was diese natürlich nicht im Geringsten herabwürdigen soll: Cineasten aufgepasst – großes Kino!

Sieges Even: Steps 

Ein Problem ist der Sänger, der so klingt, als würde er gewürgt. Eigenwillig möchte man das nennen, gedrückt, so viel seltsamer als etwa die göttlichen Vokalisten von Fastes Warming oder Sukkotic Ploetz (die Tatsache der Veralberung der Bandnamen ist nichts anderes als verkappte Respektsbekundung). Dagegen sind hier viele Melodien und Elemente vertreten, die besondere Achtung verdienen und sehr begnadet rüberkommen. Nach dem einen oder anderen Vertrack kommt ganz unverhofft so ein Hammerteil von Tonfolge, dass es dir die Eingeweide in eine 5*-Amazon-Rezension umkocht. Nur komme ich mit einem der letzten Lieder nicht ganz klar, wo nämlich Versatzstücke aus Watchtowers „Control & Resistance“ auftauchen inkl. Textzeilen wie „Controlled by confusion, confused by control“, obwohl nirgends angegeben ist, dass dies Plagiart sein soll. Für Progfans jedenfalls ist der Besitz (und am besten auch das Eigentum) dieser Scheibe eine Ehrensache!

Aktor: Paranoia

Mindestens neun von zehn Songs dieses ersten abendfüllenden Albums des finnisch-amerikanischen Trios schaffen es auf Anhieb, sich gleichermaßen im Herz wie Hirn festzusetzen, weil sie einerseits eins a eingängig, andererseits subtil skurril sind und damit emotional wie intellektuell überaus ansprechen. Während der lässig-harmlose Opener „Devil And Doctor“ nicht so recht die kompositorische Originalität und Dichte, aber schon durchaus die himmlische Tightness von Aktor einfängt, offenbart sich beim nachfolgenden „Gone Again“ gleich zu Beginn ein eigenwilliger, voivodesker Ansatz, der Paranoia zu einer reichlich unprätentiös, aber dafür umso effektiver proggenden Melodic-Rock/Metal-Platte macht. Auch alle nachfolgenden Stücke glänzen mit mindestens einem eigentümlichen Kerngedanken, auf den etwas grobe „Widerhaken in Lippe“-Metapher nicht so recht passen mag, sondern eher das Bild eines delikaten, den Hörer erfrischenden und erfreuenden Sommerabendlüftchens. „Stop Fooling Around“ ist von Thresholder Jenseitigkeit, „I Was The Son Of God” klingt mit seinen melancholisch-schrulligen Keyboards ein bisschen wie der Soundtrack zu einem Indie-Retrogame, und „Where Is Home“ hat gar einen outlandishen Grusel-Refrain in petto. All diese präzis angebrachten Schrägen und Kanten runden das Werk derart ab, dass die Vokabel „genial“ ganz ohne schlechtes Gewissen gezückt werden darf. So viel Inspiration, Finesse und Musikalität in nur 34 Minuten Spieldauer – da klatscht es Beifall (und zwar ausschließlich).

Redemption: The Fullness Of Time: „Sapphire“

Gewiss ist „‚Sapphire’ ist die genialste Komposition aller Zeiten!“ eine gewagte Behauptung, wenn man bedenkt, dass es da solch umwerfende Musikgiganten wie Bach, Jean-Michel Jarre, Queen oder Dream Theater gibt, um nur mal drei von rund googol äußerst begabten Tonkünstlern zu nennen. Aber „Sapphire“ verdient wenigstens die Top-Platzierung in den Kategorien „Beste Prog-Metal-Ballade“, „Emotionalster Love-Song“, „Vielschichtigster Spannungsbogen“ und „Atemberaubendste Melodik“. Der Song erzählt die vielleicht zu 2,7 Prozent kitschige und weit über 180 Prozent mitreißende, von Larger-than-Life-Tragik getragene Geschichte einer verlorenen Liebe. Der leidenschaftliche Gesang von Ray Alder (nomen est omen), den man ja von diversen Fates-Warning-Masterkloppern kennt, ist Gott.

Weitere Götter, die zum Ultragelingen dieses ultramelancholischen Opus magnum beigetragen haben, sind das sagenhafte Talent van Dyks, echte menschliche Gänsehaut durch die perfekte Mischung aus Herz und Hirn, authentische Lyrics, grandiose Arrangements und nicht zuletzt eine eindrucksvolle Dramaturgie hervorzulocken, die mit erstaunlicher Leichtigkeit und Präzision für Abwechslung, Power, Fragilität, Genialität, Härte, Epik, geradezu jenseitige Nostalgie, und natürlich jede Menge Genialität sorgt. Die Riffs, die Soli, das Storytelling – man möchte fast sagen, dass Redemption mit diesem kolossalen Edelstein von Liedgut die Erschaffung eines eigenen emotionalen Kosmos geglückt ist. „Sapphire“ ist also für den (melodischen) Prog Metal das, was Bill Gates für Geld, Stephen Hawking für ALS, Wikipedia für Nachschlagewerke oder Google für Künstler ist, die sichergehen wollen, dass ein von ihnen soeben ersonnener Spontan-Neologismus wie etwa „Grüchnauß“ tatsächlich einzigartig ist und nicht etwa in irgendeinem Blog oder Nickname bereits seit dem Mauerfall Verwendung findet. Doch zurück zur simplen Formel, welche ich im Laufe der letzten Jahre erarbeitet habe: „Sapphire“ = Gott.


Jens Marder veröffentlichte bereits 2009 einen Artikel im Online-Magazin Amazon, den 28 Personen als hilfreich markiert haben. Bei postmondän fiel er bereits als Autor der korrespondierenden Liste Wurst of Metal über schlechte und unbedeutende Veröffentlichungen des Genres positiv auf. Jetzt weiterlesen!

Papa Roach – Who Do You Trust?

Die Frage, ob wir einer der größten Rockbands der 2000er noch immer vertrauen.

Ein Gastbeitrag von Mercy Ferrars


Papa Roach – eine Band, deren Song Last Resort weder auf guten 2000er Pop-Punk-Playlists noch auf standardisierten Rockpartys fehlen darf. Und wenn er es tut, geht eine gute Hälfte aller Besucher geknickt nach Hause. Ja, die Party war gut – aber es wäre schon schöner gewesen, wenn sie Last Resort gespielt hätten. Ein Phänomen, welches man plakativ als das 2000er-Phänomen bezeichnen kann: Eine Sammlung großer Rockbands der 2000er Jahre, welche heutzutage stets mit demselben Song auf derselben Party vertreten sind.

Mit ihrem Album Infest aus dem Jahre 2000 haben Papa Roach ihren Sound definiert – und auch Last Resort ist dort zu finden. Ein Sound, welcher sich durch für seine Zeit durchaus typische Merkmale des Nu Metal/Nu Rock auszeichnet, und diesen gemeinsam mit Bands wie Emil Bulls, Rage Against The Machine, Limp Bizkit und, natürlich, Linkin Park definierte. Der Sound einer Ära um die späten 90er und frühen 2000er Jahre, der sich stark am Heavy Metal orientiert und sich gleichzeitig anderen Genres gegenüber öffnet – viele Bands übernahmen Elemente des Hip-Hops; sowohl Sprechgesang als auch eine generelle Rhythmisierung und Dynamisierung der Songstruktur; mit überwiegend cleanem Gesang, doch auch akzentuiert eingesetzten Screams. Thematisch orientierten sich die Songs an den Problemen der Jugend und Tabuthemen wie Depression, Suizid und mentaler Krankheit. Auch auf Infest finden sich diese Merkmale.

Über die Jahre und unter Einfluss verschiedenster, sich neu entwickelnder Musikstile veränderten sich die meisten der in den frühen 2000ern bekannten Bands hin zu weicheren Sounds, an Popelemente angelehnte Songelemente und einschlägigeren Klängen. Am 18. Januar 2019 veröffentlichten Papa Roach ihr zehntes Studioalbum, Who Do You Trust?  unter Eleven Seven Music. In Anbetracht der modernen Bandentwicklung fieberten Fans dem Album mit gemischten Gefühlen entgegen. Auf der einen Seite steigt die Aufregung auf ein neues Album der Lieblingsband exponentiell, je näher dessen Veröffentlichungsdatum rückt – andererseits hat man auch oft das Gefühl, man kann nicht darauf vertrauen, dass einem dieselbe Musik, dasselbe Gefühl, dieselbe Atmosphäre vermittelt werden wird. Bei Bands wie Linkin Park oder Bring Me The Horizon änderten sich Musikstile derartig drastisch, dass die musikalische Konstante, die Fans an Bands band, oftmals schwand – obgleich diese Bands auf andere Art und Weise eine Bindung zu ihren Fans aufrecht erhalten konnten.

Können wir Who Do You Trust? nun also vertrauen? Während sich das 2017 erschienene Album Crooked Teeth noch zweifellos nach Papa Roach anhörte, wagt sich Who Do You Trust? durchaus weiter fort vom traditionellen Sound der Amerikaner. Tatsächlich zeigt sich auf dem Album ein Phänomen, welches bereits von neueren Alben anderer Bands bekannt ist: eine Tendenz hin zu einem weicheren, radiotauglichen Stil; Songs, die allgemein recht unterschiedlichen Genres zugeordnet werden könnten und einigen härteren Stücken, die alteingesessene Papa Roach Fans voll und ganz abholen. Who Do You Trust? traut sich und zeigt Mut zu weicheren Stücken wie dem fast schon akustischen Come Around. Auch Problems behandelt ein inhaltlich schweres, emotionales Thema auf eine melodisch fast leichtfüßige Art und Weise. Besonders verblüffend: ein emolastiges Stück wie Feel Like Home, nicht nur wegen des Inhalts, sondern vor allem durch seine musikalische Gestaltung und klaren Elementen der Emo-Welle der frühen 2000er. Mühelos zeitgleich zeigen Papa Roach Extreme der anderen Sorte: harter Punk in Form von I Suffer Well oder solider Rock im Titeltrack Who Do You Trust.

Fast schon leise und unbemerkt schleichen sich elektronische Einflüsse ein, beispielsweise in Maniac, welches an M83 erinnert und dennoch so deutlich nach Papa Roach klingt – mein persönlicher Favorit auf dem Album, gemeinsam mit dem Titelsong –, sich unvergleichlich persönlich, offen, verletzlich präsentiert; ein nicht zuletzt einzigartiger Song, der vorantreibt und einen gleichzeitig im Gefühl eines Augenblicks verharren lässt. Ein Stück, das uns ganz nah zu Frontsänger Jacoby Shaddix bringt und uns dennoch weit weg transportiert.

Quelle: YouTube

Das neue Papa Roach Album ist ein Album der Extreme. Es setzt sich aus verschiedenen musikalischen Einflüssen zusammen, wie ein Spielplatz, auf dem die Band sich der Welt öffnen kann. Die Frage, ob man dem neuen Album also vertrauen kann, ist durchaus subjektiv zu beantworten. Wer ein Album voll durchgehender „Papa Roach Sounds“ erwartet, mag hier nicht ganz bedient werden. Nichtsdestotrotz erschüttert das neue Album das Vertrauen in die Band kaum bis gar nicht. Im Gegenteil, eher ermöglicht die Band einem viel größeren und vielfältigeren Publikum, Zuflucht und Zugang in und zu ihrer Musik zu finden – und, natürlich, Vertrauen.

Who Do You Trust von Papa Roach erschien im Januar 2019 bei Eleven Seven Music. Mercys Favoritentracks sind: Maniac, Who Do You Trust, Come Around und Feel Like Home.

 


 

Mercy Ferrars, geboren 1992 in Süddeutschland, schreibt schon von klein an Geschichten und Texten sowie im journalistischen Bereich. 2018 veröffentlichte sie ihren ersten Roman, gefolgt von verschiedenen weiteren Publikationen. Sie ist Studentin der Anglistik und Philosophie und arbeitet in einer Redaktion im Bildungsbereich. In ihrer Freizeit widmet sie sich gerne allerlei Projekten rund ums Schreiben und Fotografieren, fremden Städten, und dem Träumen, welches sie manchmal an ferne Orte, und manchmal ganz tief in sie hinein zieht.

Coverbild: © Eleven Seven Music

Der Fremdkörper im Deutschrap

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins JAW

Nachdem der Rapper jahrelang immer wieder Hinweise in Form von einzelnen Tracks oder Ausschnitten streute, aber sonst wenig von sich hören lies, stellte sich langsam die Frage, ob es überhaupt ein Come-Back geben würde. Die treuen Fans blieben allerdings geduldig und wurden mit einer weiteren Reise durch Jottas Seelenleben belohnt: Die unerträgliche Dreistigkeit des Seins.

Ein Gastbeitrag von Annabell Lamberth


Während TOA von JAWs Kampf gegen seine eigenen Dämonen in Form von Selbstzerstörung, Mordfantasien, dem Widerspruch zwischen Täter und Opfer, Schuld und Sühne handelte, so betrachtet sein neues Album nach sieben Jahren Pause das Geschehen um ihn herum auf eine gereifte, auf eine bodenständige Art. Den besonderen Blick auf die Abgründe des menschlichen Seins hat er aber nicht verloren. Im Gegenteil, in den Tracks Fremdkörper und Lost in Space gibt er nach wie vor auf eine Weise wie kein anderer es vermag wieder, wie es sich anfühlt, gesellschaftlich außen vor zu sein und sich nicht in einen Kreis, wie den der deutschen Rapszene integrieren zu können. Wie ein Außerirdischer der die menschlichen Konventionen zwar imitieren kann, aber keinen Mehrwert darin sieht ein Teil von ihnen zu werden. „Menschenwesen fragen oft ‚Wie geht’s?‘/ – doch eine Antwort würde Erdenjahre dauern, darum sag‘ ich: Okay.“

Der Rapper Maeckes, dem es ähnlich geht, ist auch auf dem Album mit einem Gasttrack vertreten und liefert einen gelungenen Beitrag zu JAWs Beschreibungen sozialer Ordnung. JAW ist bekannt für seine intimen Einblicke in den menschlichen Wahnsinn und auch deren medikamentiöser Behandlung, welche er schon in seinen vorherigen Alben auf sarkastische Weise kritisierte. Sein Track Entzugsoptimismus lässt seine Versuche der Heilung ohne pharmazeutische Mittel Revue passieren und den Wunsch nach einem normalen Leben deutlich werden „Ich bin so nah an den Dingen wie schon lange nicht mehr“. Doch neben seinem Optimismus kommt auch die Erkenntnis: „Mir wird letztendlich klar, ich kann nicht ohne sie sein,/ kipp die 150mg wie gewohnt in mich rein./ Es bleibt wohl immer noch ein langer Weg, bis ich am Ende meine Seelenverwandlung steh“.

Experimenteller Sound

Darüber hinaus bietet das Album, wie von Jotta gewohnt, bissige, eloquente Stücke wie Nichts, aber auch ganz untypisch eine Ballade, in der er die Höhen und Tiefen der eigenen Beziehungen auf emotionale und gar nicht mal kitschige Weise beschreibt. Der emotionale Höhepunkt findet sich in Bye Mama. Hier verabschiedet er seine verstorbene Mutter auf ergreifende Art. Besonders passend ist hierbei der reduzierte Piano Beat, welcher den Worten noch mehr Raum gibt.

Quelle: Youtube / JAW Official

Auch musikalisch schlägt JAW mit dem neuen Album einen neuen Weg ein. Gemeinsam mit seinem jahrelangen Begleiter Peter Maffya wagt er eine experimentelle, ungewöhnliche Produktion. Bisher war man von JAW eher düstere Synthie- und Samplebeats gewohnt, welche durch ihre unsystematisch, sympathisch schrille Art den Wahnsinn wiedergeben. Die unerträgliche Dreistigkeit des Seins dagegen liefert einen sich stringent durch das Album ziehenden Duktus aus experimentellen Arrangements, welche aus echten, teils verzerrten Instrumenten bestehen. Ebenfalls ungewohnt sind JAWs Gesangseinlagen, unterstützt durch Autotune. Diese fanden eher weniger Anklang bei den Fans, deren Ansprüche nach der langen Wartezeit natürlich enorm hoch waren.

Sich mit den Vorgängern, voller unvergesslicher Höhepunkte zu messen, ist außerdem auch eine nahezu unmögliche Aufgabe. Vielleicht ist JAW auch mit seiner aufwendigen Produktion über das Ziel hinaus geschossen. Denn oft sind es doch die einfacheren, textlastigen Tracks, die mitten ins Mark treffen. Trotzdem sticht Jotta nach wie vor in der Rapszene durch seine wortgewaltigen, emotionalen Tracks hervor. Insgesamt hat JAW mit seinem neuem Album weitgehend positiv überrascht, man merkt aber, dass auch er sich in den sieben Jahren weiterentwickelt hat und die Dinge in einem nicht weniger düsteren, aber doch anderen Blinkwinkel betrachtet. Damit geht sicher nicht jeder d’accord, aber das macht gesellschaftskritische Musik ja auch aus.


Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins JAW

Titel: Die unerträgliche Dreistigkeit des Seins
Interpret: JAW
Label: JAW (Groove Attack)
Datum der Veröffentlichung: 25. Mai 2018
Erschienen als: Audio CD, Vinyl, Mp3 download

 

 


Annabell Lamberth, geboren 1995, stammt aus Frankfurt am Main und ist Studentin der Soziologie und Psychologie an der TU Darmstadt. Sie schreibt zu Musik und Film. In ihrer Freizeit macht sie gerne Musik, geht auf Konzerte und Ausstellungen oder genießt einen guten drink. Sie bleibt aber auch gerne mal zuhause um ihre Film- und Seriensucht auszuleben.

Was nehmen wir mit von 2018? Eine postmondäne Leseliste

Jahresrückblick 2018

Vor dem Aufbruch in 2019 haben acht postmondänler nochmal darüber nachgedacht, was sie 2018 beschäftigt hat, und wagen einen Rückblick ins Lesejahr. Im Zentrum stehen fünf Themen, die das Jahr umranden: Ausdrucksformen, Lebenskonzepte, Symbiosen, Zeitreisen und Rassismus.

von Dirk Sorge, Simon Rösel, Florence Wilken, Katharina van Dülmen, Lennart Colmer, Dominik Gerwens, Gregor van Dülmen und Moritz Bouws

Übers Schreiben schreiben

Dirk über Nichtrechthabenwollen von Martin Seel

Martin Seels Gedankenspiele mit dem sperrigen Titel „Nichtrechthabenwollen“ sind Spiele ohne festes Regelwerk. Es ist ein Buch ohne Handlung, das – vereinfacht gesagt – versucht, auf der Grenze zwischen Philosophie und Literatur zu balancieren. Es ist eine ungewöhnliche Mischung aus philosophischen Aphorismen, poetischen Einfällen und autobiographischen Einschüben. Es ist ein Buch, das das Schreiben selbst thematisiert und mit verschiedenen Formen experimentiert. Es lotet die Grenzen des logischen Argumentierens und des linearen Denkens aus und reflektiert dabei über die Möglichkeiten von Sprache.

Was zunächst sehr allgemein und abgehoben klingt, gelingt Seel insgesamt recht anschaulich. Wenn man sich darauf einlässt, ist es streckenweise sehr unterhaltsam, zu beobachten wie sich Seel immer wieder selbst im Denken unterbricht und von vorne beginnen muss. Seel baut in seine Überlegungen viele Querverweise zum Kanon der europäischen Philosophie und Literatur, zur Jazzmusik und zum Kino ein. An einigen Stellen wirkt das leider wie ein bloßes name dropping, ohne inhaltlichen Mehrwert.

Die stärksten Momente sind meiner Meinung nach die, in denen er über Alltagsbeobachtungen, wie das Bahnfahren oder das Auflösen einer Wohnung schreibt, oder über andere biographische Erlebnisse. An diesen Stellen gelingt es Seel am besten, mit Assoziationen zu arbeiten, ohne in einen belehrenden Duktus zurückzufallen. Hier hätte sich Seel gerne mehr vertiefen können, um sich etwas mehr von den großen Vorbildern und Gewährsmännern (Wittgenstein, Kant, Proust, etc.) lösen zu können. Jedenfalls führt Seel eindrücklich vor, wie schwierig es ist, eine Form zu finden, in der Gedanken ausgedrückt werden können, die nicht anfechtbar sein sollen.

Nichtrechthabenwollen erschien 2018 bei Fischer.

Selfieliteraturen

Simon über Kämpfen von Karl Ove Knausgard

Mein Jahr endete so, wie es begonnen hatte – mit Karl Ove Knausgard. Anfang des Jahres las ich gerade an Band 3 des autobiografischen Min-Kamp-Zyklus. Jetzt, zwischen den Jahren, beginne ich mit dem letzten Buch der Reihe. Auf Deutsch heißt er Kämpfen. Seit ich die Bücher 4 und gelesen habe sind sicher zehn Monaten vergangen. In der Zeit habe ich oft über Knausgard gelästert. Ich sagte auf Partys oder im Café, er sei eitel, ein Mann, der Männerprobleme aus einer Männersicht erörtere. Sein Gestus der Selbstoffenbarung ging mir auf die Nerven. Jedesmal sagte ich aber dazu, dass ich die Bücher gut fand.

Trotzdem hat meine Familie Weihnachten wenig von mir gesehen. Dafür hab ich schon 200 Seiten des sechsten Bandes gelesen. Knausgards eigener Zwiespalt zwischen Selbstzweifel und Narzissmus überträgt sich auf das Leseerlebnis, das abstoßend und anziehend zugleich ist. Er schafft es wie wenige andere, die Selbstreflexion seiner Leser٭innen in Gang zu setzen. Auf einmal sehe ich mich selber als literarische Figur und denke über mich in präzisen Sätzen. Außerdem erkenne ich manche seiner Geschichten in ähnlicher Form in meinem eigenen Leben. Welche das sind, ist mir hier zu peinlich zuzugeben, aber vielleicht wäre das Stoff für einen Roman?

Kämpfen erschien 2018 bei Luchterhand.

 

Quelle. Instagram

Kurz und intensiv

Florence über Das Leben ist kurz von Marin Mosebach

Ein Jahresrückblick ist dazu da, sich Vergangenes noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Noch einmal las ich Mosebachs Erzählband mit zwölf kurzen „Bagatellen“. Fein säuberlich in vier Kapitel geteilt mit je drei Erzählungen, mal fiktiv mal autobiographisch, begegnet man unterschiedlichen Charakteren. Mosebach legt sehr subtil und mit gekonnter Ironie auch die unsympathischen Charakterzüge seiner Protagonistinnen frei. Ein gekränkter, kränkelnder Tenor, dessen Eitelkeit sich als Vorbote des drohenden Karriereendes aufbläht. Oder die Malerin, die aus Faszination und Schaffensgier die Zerbrechlichkeit eines Taubeneis ignoriert. Es gibt da aber auch die liebevollen Worte eines Fahrradfreundes, der sich an den freien Schwung erinnert, mit welchem er dem erdrückenden Schulalltag entfuhr. Die Kürze der Texte spiegelt sich im Titel. Trotzdem erscheinen die Welten, in die Mosebach uns einen Blick werfen lässt, extrem reichhaltig. Man meint, den Fahrtwind zu spüren, fühlt die Beklommenheit in der Opernprobe, sieht die Eleganz des spaghettiservierenden Fräuleins unter der mit Weintrauben bewachsenen Pergola vor sich. Ein kurzweiliges und intensives Leseerlebnis.

Das Leben ist kurz erschien 2016 bei Rowohlt.

Der Fall Ida

Katharina über Ida von Katharina Adler

Stimmverlust, Husten, Ohnmachtsanfälle und ein Abschiedsbrief – ein klarer Fall für Doktor Sigmund Freud. Da war sich der Texilfabrikant Philipp Bauer sicher und schickte seine Tochter 1900 zu dem von ihm sehr geschätzten Arzt. Ida Bauer wurde eine der berühmtesten Patientinnen des Begründers der Psychoanalyse – nicht zuletzt, weil die „widerspenstige“ Patentin die Therapie eigenmächtig abbrach. Den „Fall Dora“ veröffentlichte Freud einige Jahre später, 1905, in seiner Schrift Bruchstücke einer Hysterie-Analyse.

Aber wer war diese Ida Bauer bzw. später Ida Adler wirklich? Das fragte sich auch ihre Urenkelin Katharina Adler. Sie wollte ein Buch über eine Frau schreiben, „die man nicht als lebenslängliche Hysterikerin abtun oder pauschal als Heldin instrumentalisieren kann“. Ist ihr das gelungen? Ida basiert auf dokumentarischem Material; alle Leerstellen füllte die Autorin jedoch mit Fiktion. Aber war es nicht auch Freud, der behauptete, dass seine „Krankengeschichten […] wie Novellen zu lesen sind“ [Studien über Hysterie, 1895]. Und wurden nicht auch in seinen Schriften literarische Muster aufgedeckt?

Nichtsdestotrotz: Ida ist keine Biografie, sondern ein Roman, in dem Freud nur indirekt zu Wort kommt. Und in dem eine Frau porträtiert wird, die kaum greifbar ist. Auch sind weder Arzt noch Patientin Sympathieträger٭in: Freud ist etwas zu fixiert auf seine (Traum-)Deutungen; Ida, zu sehr auf sich selbst fokussiert, fehlt es an Empathie für ihr Mitmenschen. Gespickt mit vielen Anekdoten, die sich nicht immer in den Gesamtkontext einordnen lassen, wird nicht ganz deutlich, wo der Roman hinmöchte – und geht selten in die Tiefe. Ob Freud das gefallen hätte? Gelungen ist der Autorin aber trotzdem ein sehr gut recherchierter und lesenswerter Familienroman.

Ida erschien 2018 bei Rowohlt.

 

Quelle: Instagram

Zweimal zurück in die Neunziger

Lennart über Sommerfrauen, Winterfrauen von Chris Kraus

Die Neunziger sind zurück. Das sagen zumindest all die Plakate, die auf Motto-Events in jeder Nähe hinweisen. Sommerfrauen, Winterfrauen spielt zu der heute nostalgisch-reanimierten Zeit, in der Blümchen und Buffalos angesagt waren – jedoch weitab von jenen Eurodance-Trends. Es ist 1996 und ein junger deutscher Filmstudent taucht für wenige Wochen in New York ab, um… nun, er weiß es selbst nicht genau, zu suchen. Getreu nach dem Motto „Wer sucht, der findet nicht“ stößt er dabei auf merkwürdige Menschen (sich selbst eingeschlossen) und seine unbequeme Familiengeschichte. Chris Kraus erzählt auf eine distanzlose wie sensible Weise, von den Leben und Leiden seiner Protagonisten, ohne sie dabei zu verraten.

Sommerfrauen, Winterfrauen erschien 2018 bei Diogenes.

 

Quelle: Instagram

Lennart über Nordkraft von Jakob Ejersbo

In vielerlei ist dieser Roman näher an den 90er Jahren dran als oben genannter von Chris Kraus. Jugendliche, bereits gescheiterte Existenzen verzweigen sich im Dänemark jener Jahre zu einem schicksalhaften Beziehungsgeflecht und werden zu einem Perpetuum Mobile ihrer eigenen Geschichten, die Jakob Ejersbo auf eindrückliche, schnörkellose Weise erzählt. Der Leser kommt Menschen und Situationen nahe, welchen er lieber fern bleiben möchte. Auf der anderen Seite saugen Ejersbos Protagonisten ihn wieder an – wer Klischees aus dem Drogensumpf erwartet, wird mit teils rührender, teils abstoßender Menschlichkeit entwaffnet. Harte Schale, weicher Kern – mit einem harten Kernchen.

Nordkraft erschien 2004 bei DuMont.

Eine zeitlose Liebe

Lennart über Gun Love von Jennifer Clement

Eine melancholische Geschichte, die in der heutigen Zeit angesiedelt ist und zugleich eine magische Zeitlosigkeit ausstrahlt, erzählt Jennifer Clement in Gun Love. Der American Way of Life stößt hier auf eine unnachgiebige, langsam zersetzende Realität, in der eine junge Mutter mit ihrer Tochter lebt. Letztere führt den Leser durch ihre Welt, die stets zwischen leichtem Traumtanz und bitterer Härte balanciert. Wo schließlich der kleine, selbst gewobene und immer wieder zusammengenähte Frieden der kleinen Familie von Zerstörung heimgesucht wird, erblüht stille aber unaufhaltsame Rache in der Protagonistin Pearl. Ob das, was man spontan Happy End nennen möchte, tatsächlich eines ist, lässt sich vor dem Hintergrund der sich immer dramatischer zuspitzenden Geschichte kaum beantworten.

Gun Love erschien 2018 bei Suhrkamp.

Geschichte einer Symbiose

Dominik über Das letzte Jahrhundert der Pferde von Ulrich Raulff

Vergangenheit entsteht ja eigentlich nur dadurch, dass der Mensch sich auf etwas bezieht, das nicht mehr präsent ist, und so setzt Erinnerung immer das Bewusstsein des Bruchs zwischen zwei Zeiträumen voraus, die Menschen meist Zeitalter nennen. Das Zeitalter, auf das der Westfale Ulrich Raulff in seinem Buch den Blick zurückwirft ist jenes, das dem Menschen den Eintritt in die Moderne und die industrialisierte Welt der Gegenwart ermöglichte und trotzdem der Vergangenheit angehört: es ist das Pferdezeitalter.

Animate History, Human Animal Studies – nicht erst seit den Bestsellern von Yuval Noah Harari wird in der Geschichtswissenschaft nach dem spezifischen Verhältnis von Mensch und Tier und wie es unsere Lebenswelt bestimmt, gefragt. In Das letzte Jahrhundert der Pferde lernt der٭die Leser٭in ebenjene Tiere als Akteure von historischer Tragweite kennen, deren enge Beziehung mit dem Menschen die unsere geteilte Welt so maßgeblich  geprägt haben, dass man letztere eigentlich in Pferdezeitaltern gliedern müsste – vor, während und nach dem, was der Autor den „kentaurischen Pakt“ nennt. Universalhistorisch angelegt, elegant und mit viel Einfühlsamkeit geschrieben, hier und da vielleicht auch mit ein bisschen Wehmut angereichert, verbindet Raulff mit beispielloser erzählerischer Souveränität und frei von Überfrachtung Kulturgeschichte mit persönlichen Anekdoten, Mythos mit Theorie und begründet mit seiner Geschichte des Pferdes nahezu ein eigenes Genre.

Das letzte Jahrhundert der Pferde erschien 2015 bei C. H. Beck.

 

Quelle: Instagram

Über Verantwortung

Gregor über Die Tagesordnung Eric Vuillard

2018 war ja auch ein Jahr verschwimmender Grenzen zwischen Information und Fiktion – von redaktionell frei erfundenen Spiegel-Reportagen bis zu belletristischen Sachbüchern wie Judith Schalanskys Verzeichnis einiger Verluste und eben auch Eric Vuillards Die Tagesordnung. In diesem richtet Vuillard literarisch ein paar Außenseiterperspektiven auf die Machtexpansion des Nationalsozialismus. Mit einem Erzählstil, der an Tolstoi erinnert, gleitet Vuillard durch Szenen, Schauplätze und Köpfe. Er springt hin und her zwischen einigen strategisch-mafiösen Schachzügen deutscher Machthaber. Am imposantesten hallt eine zentrale Szene nach, die das Treffen einiger deutscher Großindustrieller im Februar 1933 nachvollzieht, welche einen Geschäftstermin beim neu ernannten Kanzler wahrnehmen. Dieser, Hitler, suchte in der geladenen Gesellschaft finanzielle Unterstützung für die Reichstagswahl, und stärkt deren Interesse durch das Versprechen, sie in ihren Fabriken durch Zerschlagung von Kommunismus und Gewerkschaften ebenfalls als kleinen Führern freie Hand zu lassen – ein ehrenwerter Pakt, dem alle Beteiligten konsequent Folge leisten sollten.

Auf wenigen Seiten veranschaulicht Vuillard so Verantwortungen und Kontinuitäten von 1933 bis heute in Namen wie Siemens, Opel oder thyssenkrupp. Im Unterschied zu Tolstoi führt Vuillard seine Betrachtung aber nicht als im Grunde allwissender Erzähler aus, sondern stellt seine Leser٭innen selbst als im Grunde allwissend bloß, die gezwungen werden, sich ein paar Zusammenhänge neu bewusst zu machen, zum Beispiel die von unseren Haushaltsgeräten, mittelmäßigen Autos oder Rolltreppen zu Zwangsarbeit und Massenmord. Das Bewusstsein wird sogar zum dringenden Appell, vor allem an heutige Unternehmen, sich zu positionieren. Die Tagesordnung erschien ja nicht zufällig in Tagen, in denen antidemokratische Strömungen in vielen Industriestaaten zunehmen und Unternehmen gleichzeitig mehr Macht denn je besitzen.

Die Tagesordnung erschien 2018 bei Matthes & Seitz.

Quelle: Instagram

Träume aus der Zeitkapsel

Gregor über Nur einmal von Kathleen Collins

Nur einmal von Kathleen Collins ist eine Kurzgeschichtensammlung, die buchstäblich aus einer Zeitkapsel kommt: geschlossen irgendwann in den 1960er-Jahren, wieder geöffnet erst Jahre nach dem Tod der Autorin durch ihre Tochter, und voller knapper Manuskripte aus Jahren der Bürgerrechtsbewegung, als nicht wenige sich ein Leben in bunten, weltoffenen USA ausmalten. Durch einen fast fotografischen Schreibstil, mit dem es Collins schafft, Charaktere ihrer eigenen Lebenswelt realistisch abzubilden, gewährt sie Zugänge zu einer jungen Generation, die so hoffnungsfroh auf eine gleichberechtigte Zukunft im Regenbogenstaat blickt, dass es einen 2018 erschauern lässt, wie wenig von dieser Hoffnung überlebt hat.

Collins‘ Kurzgeschichte Whatever happened to interracial love? zum Beispiel fragt Ende der 60er-Jahre, warum sich die ganzen „interracial couples“, die in New York um 1963 herum eine Selbstverständlichkeit waren, nicht nur schon wieder getrennt, sondern bereits wieder undenkbar geworden sind. Der gerade erst gegründete Kampa Verlag tut sich und uns einen großen Gefallen damit, Collins‘ Geschichten in sein Debüt-Programm aufzunehmen. Endlich bekommt das Werk der bereits 1989 verstorbenen Autorin und Regisseurin auch bei deutschsprachigen Leser٭innen die Aufmerksamkeit, die es zu ihren Lebzeiten verdient hätten.

Nur einmal erschien 2018 bei Kampa.

How to be an African

Moritz zu Americanah von Chimamanda Ngozi Adichie

Dem dritten und aktuellsten Roman von Chimamanda Ngozi Adichie wird sicherlich nicht zu Unrecht bereits jetzt weltliterarischer Charakter zugeschrieben. Als Spiegelbild ihres literarischen und öffentlichen Engagements sowie der eigenen Lebenserfahrung gelingt es Adichie in Americanah auf beeindruckende Weise die weiten Felder Feminismus, Identität, Exil und Rassismus mit Stringenz und Leichtigkeit unter einen Hut zu bringen. Die Geschichte zweier sich liebender Menschen, die sich aus den Augen verlieren und doch wieder zueinander finden ist nicht innovativ. Dass die beiden Protagonist٭innen, die ihre Jugend zunächst im militärdiktatorischen Nigeria der 1990er Jahre in einer gebildeten und verhältnismäßig privilegierten Mittelschicht erleben, aus Perspektivlosigkeit das Herkunftsland mit verschiedenen Zielen verlassen und unerwartete Wendungen hinnehmen müssen, macht Americanah zu einem zeitgenössisch wichtigen Werk.

Der multiperspektivische Zugriff auf Migration und Identitätssuche in der US-amerikanischen und europäischen Gesellschaft bis in die Obama-Ära legt u. a. das antiquierte und klischeebeladene Weltbild auf den afrikanischen Kontinent, die graduellen Abstufungen von Rassismus und Sexismus, aber auch die Arroganz und Absurdität der akademischen Welt offen. Adichie selbst kennt diese Lebenswelten und präsentiert diese den Leser٭innen zwar humorvoll, verliert dabei die Hervorhebung der dargelegten Probleme aber nicht aus den Augen. Auch wenn Americanah nicht dieses Jahr, sondern im Original bereits 2013 veröffentlicht wurde, hat der Roman nicht an Relevanz verloren, sondern wird in der kommenden Zeit vielmehr an solcher zulegen – auch hinsichtlich der Tatsache, dass afrikanische Schriftsteller٭innen hierzulande nach wie vor zu wenig Berücksichtigung finden.

Americanah erschien 2014 bei Fischer.

Titelbild: Herbstprogramm ebenfalls 2018 entstandenen Kampa Verlags, © Gregor van Dülmen