Alle Artikel von postmondän

Die unstillbare Sehnsucht nach der Ferne

„Allerorten“, der Titel von Sylvain Prudhommes Roman, der im französischen Original „Par les routes“ lautet, ist ein veralteter, aber dafür umso schönerer Ausdruck für das Adverb „überall“. Und tatsächlich bewegt sich einer der Protagonisten dieses leichten und lebensbejahenden Romans überall in Frankreich. Es handelt sich um den Anhalter, der trampend durch das ganz Land reist.

Von Florian Birnmeyer


Doch von vorn: Der Schriftsteller und Ich-Erzähler des Textes Sacha hat das großstädtische Lebens in der französischen Hauptstadt satt und zieht daher von Paris in die kleine Stadt V. in der Provence um. Von V. erfahren die Leserinnen und Leser nicht viel mehr als den ersten Buchstaben. In dem Ort wohnt zufällig auch der Anhalter, mit dem Sacha 17 Jahre zuvor während des Studiums in Paris bereits befreundet war, ehe die beiden sich zerstritten und daraufhin getrennte Wege gingen.

Als die beiden ehemaligen Freunde sich in dem kleinen Ort nach fast zwei Jahrzehnten wieder begegnen, verstehen sie sich besser denn je. Was genau sie damals auseinander getrieben hat, kommt in dem Text nie zur Sprache, sodass man sich während des gesamten Romans immer wieder die spannende Frage stellt: Warum verstanden sich die zwei Freunde nicht mehr? Man erfährt bloß, dass der Anhalter die Geduld Sachas vor 20 Jahren schon einmal überstrapaziert hat. Außerdem hat es wohl damals eine Rivalität zwischen ihnen gegeben.

Der Anhalter hat seit der letzten Begegnung eine Familie gegründet, die aus seiner Frau Marie und einem Sohn im Schulalter, Agustín, besteht, während Sacha alleinstehend und kinderlos geblieben ist. Der Anhalter und Marie kommen über die Runden, indem er selbständig handwerkliche Aufträge fast jeder Art – Maurerarbeiten, Fliesenlegen, Bäder, Küchen – ausführt und Gelegenheitsjobs annimmt, und indem sie belletristische Bücher wie einen Romantext von Lodoli aus dem Italienischen übersetzt.

Überraschend ist nicht nur der Kontrast aus handwerklicher und intellektueller Tätigkeit. Auch sonst sind die Lebensentwürfe von Marie und dem Anhalter von Gegensätzen geprägt, was der Liebe bislang keinen Abbruch tut. Während Marie sich um ihre Arbeit und den gemeinsamen Sohn kümmert, zieht es den 40-jährigen immer wieder in die Ferne. Dann bereist er für längere Zeiträume per Anhalter ganz Frankreich.

„Ich brauche das, sagte er schließlich. So einfach ist das, glaube ich. Ich brauche es. Es gibt Leute, die müssen Sport machen. Es gibt Leute, die trinken, die feiern gehen. Und ich brauche es loszuziehen. Das ist für mein inneres Gleichgewicht notwendig. Wenn ich zu lange nicht losziehe, ersticke ich.“

Dabei fährt er anfangs nur über die Autobahnen des Landes, von einer Raststätte zur anderen trampend. Ob er an einem bestimmten Reiseziel ankommt, sei es Paris, Lille oder Brest, ist ihm dabei relativ egal. Es geht ihm vor allem um die Fahrt an sich, den Spaß am Reiseerlebnis.

Bei einem ist sich Sacha sicher: Der Anhalter flieht nicht vor seiner Familie und der Verantwortung. Denn „(e)r war keiner von den Männern, die ersticken, die es drängt, endlich den Ausbruch zu wagen (…).“ Vielmehr hat er das ständig Bedürfnis, anderen zu begegnen, Bekanntschaften und Freundschaften mit neuen Fahrerinnen und Fahrern zu machen. Für den Anhalter ist es nämlich ausnahmslos eine Freude, neue Menschen kennenzulernen.

„Ich bin in meinem Leben wenigen Menschen begegnet, für die andere nie lästig, ermüdend, langweilig sind. Sondern immer eine Chance. Ein Fest. Die Möglichkeit eines Mehrs an Leben. Der Anhalter gehörte dazu.“

Bei einem Abendessen erzählt der Schriftsteller Sacha von seinem neuen Buchprojekt, welches ebenfalls vom Reisen handelt und den Titel „Die Melancholie der großen Schiffe“ trägt: Es ist die Geschichte einer alten Dame, „die auf Reisen geht, von Stadt zu Stadt, von Begegnung zu Begegnung.“ Da die Dame sich bereits im Ruhestand befindet und keinerlei Verpflichtungen mehr hat, kann sie überallhin reisen, wo sie möchte. Sie reist in dem Buch zu verschiedenen Orten zugleich, „in ein und derselben absoluten Gegenwart“.

Auch der Anhalter hält seine Reiseerlebnisse fest, allerdings fotographisch: Von jeder Fahrerin und jedem Fahrer, der ihn ein Stück weit mitnimmt, egal ob weit oder kurz, macht er mit einer Polaroidkamera eine Aufnahme. Seine Sammlung umfasst Hunderte von Bildern, die er in einer Schublade in seiner heimischen Werkstatt sammelt. Als Sacha etwas später im Roman die Fotos durchzählt, sind es bereits weit über tausend Fotos. An viele der Fahrerinnen und Fahrer kann der Anhalter sich noch erinnern.

Später ändert der Anhalter seine Reisemethode: Er verlässt nun die Autobahnen die Autobahnen, um stattdessen von einem entlegenen Dorf zum nächsten zu reisen. Die Dörfer, in die er sich begibt, sucht er anhand ihrer Namen aus. Es handelt sich überraschend oft um Dörfer mit sprechenden Ortsnamen, zum Beispiel „Beausoleil“ (schöne Sonne), „Le Rendez-vous des chasseurs“ (Jägertreff), „La Réunion“ (Treffen), „Ogres“ (Menschenfresser), „Doux“ (Sanft). An der belgischen Grenze bereist er Dörfer, deren Name mit einem Z beginnt, etwa Zuytpeene, die „letzte Stadt im Alphabet“, oder Zydcooote, Zutkerque, Zoteux, Zouafques.

Um die Verbindung zu Sacha, Marie und Agustín nicht ganz abbrechen zu lassen, sendet er den dreien Ansichtskarten aus jeder neuen Stadt, in die er kommt. An festen Tagen und zu festen Zeiten – montagmorgens und donnerstagabends – ruft der Anhalter außerdem zuhause an, während er unterwegs ist.

Doch wie die Ansichtskarten mit der Zeit immer seltener eintrudeln, so machen sich auch die Besuche des Anhalters zuhause in V. immer rarer. Dauerten seine Touren anfangs in der Regel nur drei, vier Tage dauerten, bleibt er nach Sachas Ankunft in V. ein, zwei Wochen weg. Marie hat es irgendwann über, dass ihr Mann ständig auf Achse ist, wie der Anhalter seinem Freund an der Autobahnraststätte Lançon gesteht.

„Ich habe sie gefragt, ob ich ihr fehle, sie hat Nein geantwortet. Sie hat mir ins Gesicht geschaut und die Wahrheit gesagt: dass ich ihr immer weniger fehle. Sie sei traurig (…). Nicht weil ich losziehe. Nicht weil ich nicht da bin. Sondern traurig, weil sie sich daran gewöhnte. Traurig zu spüren, dass meine Abwesenheiten ihr fast nichts mehr ausmachen.“

Der Anhalter merkt, dass er durch seine vielen Reisen dabei ist, seine Beziehung zu Marie zu zerstören, die ihm offen gesteht, dass sie Sacha mag. Marie ist zunehmend traurig, wenn die Postkarten vom Anhalter ankommen, während zu Beginn ihre Freude, Traurigkeit und Unmut ausgewogen waren.

Und tatsächlich: Während der Abwesenheit des Anhalters kommen sich Sacha und Marie näher. Sie verbringen zunächst immer mehr Zeit miteinander. Sacha kümmert sich manchmal um Agustín, indem er ihn von der Schule abholt oder danach auf ihn aufpasst, um Marie zu entlasten.

Die Liebesbeziehung zwischen Marie und Sacha, die zu Beginn keine ist, keine sein darf, beginnt mit vorsichtigen Annäherungen, ausgetauschten Küssen, einem ersten Anschmiegen, Umarmungen. Dann geht Marie demonstrativ wieder auf Distanz, weil sie ihren Mann nicht betrügen möchte. Diese emotionale und intellektuelle Bewegung zwischen intuitiver Annäherung, lustvollem körperlichen Kennenlernen und Abstoßung aus rationalen Gründen ist vom Autor sehr fein beobachtet und hervorragend geschildert.

Eine ménage à trois beginnt, bei der einer der Beteiligten nur aus der Ferne zusehen kann, da er fast nie anwesend ist. Und dennoch wird man bei der Lektüre das Gefühl nicht los, dass der Anhalter von Beginn an, womöglich schon bei den ersten Aufeinandertreffen der drei, ein sehr gutes Gespür dafür hat, dass zwischen seiner Frau und dem Neuankömmling Sacha etwas Ernsteres entstehen könnte. Statt gegen diese langsam vonstatten gehende Entwicklung vorzugehen oder Zeichen von Eifersucht an den Tag zu legen, lässt er den Dinge einfach ihren Lauf. Hier wird die wahrhafte Tramperseele offenbar.

Vielleicht ist die zunehmende Nähe zwischen Marie und Sacha einer der Gründe dafür, dass der Anhalter die drei Zuhausegebliebenen nun für immer längere Zeiträume allein in V. lässt. Die beiden fahren auf einen Vorschlag Sachas hin mit Agustín und einem Freund Agustíns ans Meer.

Als kurz nach dem idyllischen Ausflug ans Meer der Anhalter aus der Normandie anruft, wird Sacha kurzzeitig von dem paranoiden Gedanken beherrscht, dass der Anhalter in Wahrheit gar nicht verreise, sondern heimlich ihr Leben in V. beobachte. Eine Nacht lang kurvt er auf der Suche nach ihm mit dem Auto durch die dunklen Straßen der kleinen Stadt, jedoch ohne fündig zu werden, weshalb er die quälenden Gedanken am Ende verwirft.

Marie sagt nun, dass sie nicht mehr könne – die vielen Reisen des Anhalters werden ihr zu viel. Während Marie, die auf einmal den Impuls hat wegzufahren, für einige Tage verreist, kümmert sich Sacha um Agustín und hütet das Haus. Er fühlt sich dabei wie ein Kuckuck, der sich in ein fremdes, gemachtes Nest setzt – „mit dem Unterschied, dass ich kein Ei in ein fremdes Nest lege, im Gegenteil, ich beschütze die Brut, die schon da ist, ich kümmere mich darum, ich verhalte mich wie eine echte Mutter“.

Als Marie nach zehn Tagen zurückkehrt, wird sie von Agustín mit großer Freude empfangen und berichtet Sacha, was sie erlebt hat. Zunächst hat sie für drei, vier Tage ihren ehemaligen Studienkollegen und Geliebten Jean besucht, der mittlerweile, von seiner Frau getrennt, einen kleinen Verlag führt.

„Was ich nach drei Tagen mit Jean vor allem gesehen habe, war, dass der Anhalter mir weiter fehlte. ist ich mich in jedem Augenblick fragte, wo er war, was er machte.“

Am Morgen des vierten Tages ist sie ins Auto gestiegen, um nach Norden zu fahren, wo sich nach ihren Kenntnissen der Anhalter in diesem Moment aufhielt, der eine Karte aus den Orten gesendet hatte, die mit Z beginnen. Sie erreicht die Dörfer, die mit Z beginnen und irrt den ganzen Tag mit dem Wagen umher. Sie nimmt sich ein Motel und verbringt mehrere Tage im Norden, um ihren Mann zu suchen, im Bewusstsein, dass ihr Vorhaben eigentlich völlig verrückt ist. Nach vier Tagen passiert das Unwahrscheinliche: Sie findet den Anhalter an einer vierspurigen Straße am Ausgang von Dunkerque.

Nachts nehmen sie sich ein Hotel. An der Rezeption ereignet sich der Moment, der für beide den entscheidenden Wendepunkt in ihrer Beziehung markiert. Der Anhalter verlangt vom Rezeptionisten ein Zimmer für beide. Marie korrigiert ihn, indem sie um ein zweites Zimmer für sich selbst bittet. Am nächsten Morgen fährt Marie wieder nach Hause, wobei sie sich plötzlich immer sicherer und selbstbewusster fühlt.

Von nun ist Sacha immer öfter bei Marie und Agustín zu Besuch und übernachtet sogar. Die drei Zuhausegebliebenen gehen gemeinsam wandern, arbeiten im Gemüsegarten, Marie spielt Klavier und beendet ihre Übersetzung. Sie verbringen einige Tage des Nichtstuns. Das Fortsein des Anhalters wird immer mehr zu einer Tatsache. Zwischen den vier hat sich ein Gleichgewicht eingespielt, das keiner mehr infrage stellt. Das Zusammenleben mit Sacha ist zu einer Selbstverständlichkeit geworden.

Nachdem Agustín ein Bild von unterirdischen Gängen und dem Krieg gemalt hat, das Sacha an Les Éparges erinnert, fährt der Anhalter dorthin. Daraufhin ersinnen die vier ein Spiel: Sacha, Agustín und Marie diktieren dem Anhalter per Telefon, an welchen Ort er als nächstes reisen soll. Dieser nimmt die Herausforderung an. Währenddessen werden die Postsendungen weniger und bleiben schließlich ganz aus.

Eines Tages im Mai steht der Anhalter vor der Tür, um Sacha abzuholen. Er möchte ihn für zwei, drei Tage auf eine Reise in den Weiler Orion mitnehmen, der auf halbem Weg zwischen Pau und Bayonne liegt. Nur sie beide sollen noch einmal per Anhalter verreisen, wie früher. Gegen Ende des Buches erlebt man das Trampen und das damit einhergehende Lebensgefühl also aus nächster Nähe. Eine schöne Reiseepisode, die „eine vertraute Anspannung“, nämlich das Reisefieber, die „Freude, wieder auf Achse zu sein“ vermittelt.

Nach einem Tag Fahrt kommt Sacha in Orion an. Der Anhalter ist bereits vor Ort, wo er am Fuß eines Wasserturms sitzt, der in dem kleinen Ort kaum zu übersehen ist. Während der Anhalter mit neun Fahrten in das Städtchen gekommen ist, hat Sacha nur fünf gebraucht.

„Das sagte viel über uns aus. Der Vorausschauende, Abwägende, Vorsichtige, auf Effizienz Bedachte. Und der Abenteurer, bereit, jede sich bietende Gelegenheit zu ergreifen (…).“

Sie ruhen sich aus, bauen ihre Zelte neben dem Wasserturm auf und baden im Bach in der Nähe. Daraufhin lernen sie eine Frau aus dem Ort kennen, Souad, die sie abends zu sich nach Hause einlädt, wo sie ihnen ein Abendessen und eine Dusche anbietet. Der literarisch und mythologisch gebildete Sacha erzählt Souad und ihrer Tochter Lila die Geschichte, wie der riesenhafte Jäger Orion zu einem Sternbild wurde. Denn nach Orion kamen die beiden Freunde, wie sie berichten, nur deshalb, weil das Dorf den Namen eines Sternbilds trägt.

Schließlich müssen die Freunde wieder nach draußen, um in ihren Zelten die Nacht zu verbringen. Am nächsten Morgen dann die große Überraschung: Der Anhalter ist weg, abgereist, verschwunden mitsamt seinem Zelt. Sacha sucht im Dorf nach ihm, doch vergebens.

„Ich dachte an all die Momente, die wir in den letzten Monaten zusammen verbracht hatten. An die unerwartete Freude, die es mir bereitet hatte, ihn wiederzusehen. Ich dachte an die Worte zurück, die ich vor langer Zeit zu ihm gesagt hatte: Ich will, dass du aus meinem Leben verschwindest. (…) Ich wünschte mir auf einmal, er wäre wieder da.“

Nachdem Sacha nach V. zurückgekehrt ist, zieht er endgültig bei Marie und Agustín ein. Er widmet sich wieder seiner künstlerischen Arbeit. Marie gibt ihre Übersetzung ab. Im Juni machen Marie und Sacha Urlaub in Rom und Marseille, während Maries Mutter sich um Agustín sorgt. In Marseille legen sie während der Rückreise einen spontanen mehrtägigen Halt ein, obwohl sie dort eigentlich nur hätten umsteigen müssen. Marie, Agustín und Sacha ziehen daraufhin öfter los, etwa zu der Dune du Pilat. Der Anhalter bleibt ab dem Sommer verschwunden.

Dann erreicht sie im August überraschend eine Mail vom Anhalter, mit der er Hunderte seiner Fahrerinnen und Fahrer zu einem gemeinsamen Fest einlädt. Die Empfänger sollen einfach am nächsten Wochenende in das Dorf Camarade in Ariège kommen und etwas zu essen und zu trinken mitbringen.

Tatsächlich folgen Hunderte von Menschen dem Aufruf, „Menschen jeden Alters, jeden Milieus, jeden Stils. Männer. Frauen. Kinder. Sichtlich Reiche. Sichtlich Bescheidene.“ Nur der Anhalter kommt nicht. Er hat Freude daran, seine Fahrerinnen und Fahrer aus der Ferne zusammenzubringen, ohne selbst an dem ungewöhnlichen Fest teilzunehmen. Er möchte nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, nimmt Sacha an.

Die Feier wird ein Erfolg: Die Leute freuen sich, verblüfft über sich selbst, dass sie der spontanen Einladung gefolgt sind. Sie unterhalten sich miteinander, grillen, baden, spielen, singen. Der Roman schließt also auf eine sehr festliche und fröhliche Weise. Nur der Anhalter bleibt verschwunden. Das Konstante an ihm ist, dass er sich immer wieder entzieht, indem er sich in die Ferne begibt, die auch bei den Lesern im Lauf der Lektüre die Sehnsucht nach einer Reise weckt.

„Allerorten“ ist Werk über die Lust am Reisen, das Abfahren und Ankommen, das Sich-Entfernen und das Zurückkehren. Mal sprüht die Erzählung vor Energie, mal gibt sie sich den leiseren Tönen hin. Eigentlich wäre das Buch die perfekte Urlaubslektüre. Denn der Roman entführt die Leserinnen und Leser in die mehr oder weniger entlegenen Orte Frankreichs, in die Provence, die Normandie, die Bretagne, in Dörfer mit Namen, die man noch nie gehört hat, und an Orte, die man wahrscheinlich nie im Leben sehen wird.

Das Buch bezaubert durch eine gewisse Leichtigkeit, es hat etwas Entspanntes, Lockeres, das das Urlaubsgefühl in den heimischen Lesesessel bringt. In Zeiten, wo das Verreisen aufgrund des Coronavirus nicht möglich ist, kann ein solcher Text wenigstens eine kompensatorische Leistung übernehmen.

Darüber hinaus ist der Text hochgradig intertextuell: Er steckt voller Anspielungen auf andere musikalische wie auch literarische Werke. Der belesene Sacha nennt uns immer wieder Autorinnen und Autoren, auf die er sich bezieht und die für ihn Bedeutung haben, etwa Gustave Flaubert, Lobo Antunes, Claude Simon, Giani Stuparich, oder gegen Ende den Musiker Leonhard Cohen. Auch Marie ist literarisch gebildet: Sie liest Jim Harrison, Susan Sontag, Luca Sau, Antonio Moresco und Marco Lodoli.

Das Buch „Allerorten“ ist somit auch eine Ode an das Leben als Künstlerin oder Künstler, Schriftstellerin oder Schriftsteller und Übersetzerin oder Übersetzer. In dem Roman wird viel mehr als in anderen Büchern gelesen und über das Schreiben und Lesen nachgedacht.

Über Monate arbeitet Sacha in V. an seinem Projekt „Die Melancholie der großen Schiffe“, bei welchem er Leinwände mit safrangelber Farbe bemalt. Immer wieder sitzt er vor seinem begonnenen Word-Dokument. Ganz nebenbei wohnt man so in dem Roman der mit Scheitern und Schwierigkeiten verbundenen Arbeit des Künstlers bei.

Auch eine sehr bildhafte und anschauliche Würdigung der Übersetzkunst mittels einer militärischen Allegorie, vorgebracht von der Übersetzerin Marie selbst, enthält der Text:

„Sie verglich die Wörter mit alten Soldaten, die seit Jahrhunderten im Dienst der Sprache stehen. Sie sagte, sie gelangten nicht neu zu uns, sie hätten schon in vielen Schlachten gedient. Ein Wort statt eines anderen zu wählen bedeute, einen Veteranen mit seiner gesamten Geschichte, seinem gesamten Gedächtnis in sein Buch aufzunehmen, da dürfe man sich nicht vertun, sonst laufe die ganze Truppe der bisher gewählten Wörter Gefahr, ihre Einheit zu verlieren.“

Als Sacha etwa in der Mitte des Textes in der von Marie angefertigten Lodoli-Übersetzung liest, findet er Gefallen an dem titelgebenden Ausdruck „allerorten“:

„Maries Übersetzung war voller Trouvaillen, die mich begeisterten, zum Beispiel die Stelle, wo der Gärtner zum ersten Mal allein im Garten ist und beschließt, die Pflanzen zu gießen, „weil die Sonne sich neigte und Constantino wusste, dies war allerorten die Stunde, um die man die Gärten goss“. Ich liebte diesen Ausdruck, allerorten.“

Es fällt immer wieder auf, dass Prudhomme eine eigentümliche Interpunktion benutzt, was den Lesefluss bisweilen etwas unterbricht. Er setzt nach Fragesätzen kein Fragezeichen, sondern einen Punkt. Bei manchen Aufzählungen werden die Elemente der Aufzählung nicht durch Kommata abgetrennt, sondern stehen lose nebeneinander. Hat man sich einmal an diese Zeichensetzung gewöhnt, die auch aus seinen vorherigen Romanen „Legenden“ und „Ein Lied für Dulce“ schon bekannt sein könnte, liest sich der Text sehr flüssig.

Insgesamt erhält man mit „Allerorten“ einen Kunst-, Beziehungs- und Reiseroman, der voller Lebensfreude und -bejahung steckt. Die sich ergebende ménage à trois zwischen Sacha, Marie und dem meist abwesenden Anhalter und die Reisen des Anhalters treiben die Handlung des Romans voran, die voller Überraschungen steckt – Ausflüge, eine plötzliche Rückkehr, die abschließende Feier. So wird es in diesem Text nie langweilig, obwohl im Grunde nicht viel passiert und sich die Dinge eher langsam entwickeln. Das liest sich schön, spannend und erfrischend.

„Par les routes“ wurde 2019 in Frankreich mit dem Prix Fémina ausgezeichnet.

Allerorten von Sylvain Prudhomme erschien in der Übersetzung Claudia Kalscheuers am 14. September 2020 im Unionsverlag und hat 256 Seiten. Alle Zitate stammen aus dem Buch.

Titelbild: © Unionsverlag

Florian Birnmeyer, 1990 in Nördlingen geboren, ist im Ries aufgewachsen. Während der Schulzeit am Albrecht-Ernst-Gymnasium Oettingen war er für verschiedene Online- und Print-Jugendmedien, die Lokalzeitung und in der Jungen Presse Bayern tätig. Nach dem Abitur studierte er an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und an der Sorbonne in Paris französische und lateinische Philologie. Seit 2020 arbeitet er als Kursleiter am Bildungszentrum Nürnberg sowie als Nachhilfelehrer für Französisch und Latein. Seiner Neigung zur Literatur, insbesondere zu deutschen und französischen Romanen, geht er als Rezensent nach, etwa auf seinem Blog www.der-leser.net, auf TITEL Kulturmagazin sowie postmondän.

Über hundert Independent-Filme gratis im Stream

Vom 16. bis 18. Oktober schon etwas vor? Wenn ja: am besten absagen, denn das Free Independent Film Weekend hält genau, was der Name verspricht.


Bei postmondän werden ja selten Ankündigungen geteilt, aber wir sind froh, diese hier verbreiten zu dürfen: Vom 16. bis 18. Oktober sind beim Free Independent Film Weekend 110 Independent-Filme per Stream zu sehen, die sonst nur schwer zu finden sind. Filme aller Genres, aus 34 Produktionsländern, kostenfrei, ohne Registrierung.

Das komplett umkommerzielle Festival, das bereits zum zweiten Mal stattfindet, wurde ins Leben gerufen, um Independent-Filme einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Viele der teilnehmenden Filme sind außerhalb des Zeitraums nur auf kleinen lokalen Festivals oder Filmbörsen zu finden und werden in dem Zeitraum einmalig weltweit zugänglich gemacht.

Die Plattform des Festivals ist ihre Facebook-Seite. Hier sind zur Übersicht in durchnummerierten Postings alle Filme von 110 bis zurück zur 1 mit Informationen zu finden. Im Festival-Zeitraum wird jeder Post um einen Link ergänzt, über den der Film direkt anzusehen ist. Das Festival ist interaktiv und wir haben uns durch Mitorganisator Thomas Goersch dort auch ein bisschen hineinziehen lassen: Wer Kontakt mit den teilnehmenden Regisseur*innen aufbauen möchte, kann das einfach hier in den Kommentaren schreiben.

Wer einfach nur Filme anschauen möchte, findet diese hier.

Filmemacherin und Enfant Terrible Malga Kubiak im Interview

Malga Kubiak ist ein Gesamtkunstwerk. Filmregisseurin, 70 Jahre alt, Schauspielerin. Aus Polen stammend, schwedische und polnische Staatsbürgerschaft, Weltenbürgerin. Enfant terrible, Aktivistin, Kämpferin für LGBT und Sexualität. In keiner Art und Weise irgendwie einzuordnen. Für viele Menschen nicht zu verstehen und von Künstler*innen und der Bohéme vergöttert. Ihre Filme werden nicht im großen Sinne vertrieben, sondern einem handverlesenem Publikum auf Festivals gezeigt und manchmal macht der polnische Staat gegen die Filme Front.

Ein Gastinterview von Thomas Goersch


Malga, du bist in erster Linie Filmregisseurin?

Ich war noch nie im traditionellen Film Sinne an einem Set. Natürlich habe ich Filme gesehen, verschiedene Filme, natürlich liebe ich Regisseure, wenn sie mich intellektuell entwickeln. Die traditionellen Filme langweilen mich, ich schaue diese einfach nicht an. Für meine eigenen Filme habe ich kein Budget, daher muss ich für alles etwas Besonderes machen, ich muss den Film auch produzieren. Meine Arbeit entwickelt sich immer noch: Meine Kameras werden immer besser, ich hatte früher Skripte, meine Skripte waren für die literarischen Dialoge und selten auch für Aktionen. Ich plante natürlich Maßnahmen wie: Sex, Essen, Tod, Selbstmord, Gewalt, Tanz. Aber es waren auch keine klassischen Drehbücher. Ich kaufe so viele Kostüme für die Filme, ich sammle Kostüme und Requisiten, deshalb ist mein Haus voll.

Und manchmal reise ich mit all den Kostümen durch die Welt wie zum Beispiel nach Marokko für den Film „PPPasolini“. Wir haben dort einen fantastischen Film gedreht, es ist sehr traurig, dass ich gute Filme drehe, aber nicht so talentiert bin beim Vertrieb der Filme. Wir hatten eine große Premiere, aber Vimeo erlaubte den Film nur mit gesperrtem Passwort aufgrund von Szenen, die Vimeo nicht zulässt. Einmal hatte ich „fast“ eine Option für NETFLIX,  die sich für „PPPasolini“ interessierten. Die wollten aber eine normiertes Drehbuch haben, das ich nicht liefern konnte, und da ging mir einfach die Luft aus.

Deine Filme sind provokant: Sexuell und politisch auch angreifend. Wie kommst Du damit in Polen zu recht?

Ich bin ein totaler Außenseiter, ich weiß nichts über das polnische Filmgeschäft, ich schaue sehr selten polnische Kinematografie, ich mag diese nicht so sehr. Aus verschiedenen Gründen. Meine Filme sind schwedische Filme (ich habe die doppelte Staatsangehörigkeit). Meine Produktion ohne Budget liegt in Schweden. Ich hoffe, schwedische Filme würden mich besser schützen, wenn Polen als Staat versuchen würde, mich zu verfolgen. Natürlich habe ich traurige Erfahrungen. Als ich einmal „Federico Garcia Lorca Noir Despair“ auf einem großen Filmfestival in Polen gezeigt habe, haben sie mich wegen ‚schwuler Pornografie‘ angeklagt.

Meine Familiengeschichte gibt mir hier etwas Schutz: Mein Vater Tadeusz Kubiak (1924-1979) war ein bekannter polnischer Dichter, er hatte großen Einfluss auf mich. Meine Mutter war die Theaterbühnen- und Kostümdesignerin Danuta Kubiak (1926-2012), auch nicht ohne Einfluss. Ich habe meine Kindheit und frühe Jugend während der Produktionen an Oper und Theater verbracht und diese von Grund auf bis zur Premiere gesehen. Ich habe meine Schule gehabt.

Der Damiecki-Schauspieler-Clan ist auch meine Familie, der seit den 1930er Jahren bis heute bekannt ist. Dobieslaw Damiecki (1899-1951) war mein Großvater väterlicherseits. In Polen bedeutet familiäre Herkunft sehr viel. Ich hoffe, meine doppelte Staatsangehörigkeit hilft mir auch.

Wiktor Morka, der Chef des LGBT-Filmfests Polen, musste mich nach 2015 von den Vorführungen außerhalb der Hauptstadt entfernen – nachdem ich „PPPasolini“ in anderen Städten gescreent hatte. Ich kann nicht einmal erklären, warum genau er Probleme mit meinen Filmen bekam, die die Sexualität meiner Protagonisten erforschen. Ja, die Sexszenen in meinen Filmen sind ziemlich wild, ich mag sie so. Ich habe eine schlechte Meinung vom Pornografen (ich bin nicht derjenige), aber keine rechtlichen Probleme. Aber natürlich halten sie mich vom Fernsehen oder von einem großen Publikum fern.

Auch im westlichen Ausland werde ich nicht immer akzeptiert. Ich kann dir nicht sagen, warum die Berlinale mich nicht akzeptiert hat. Sie haben mich nie akzeptiert, nur einmal führte mich Berlinale im Forum des Festivals vor, meine „Ego Trip Collection“, die über Negative Land und andere Videotheken in Berlin verliehen und verkauft wurde. Ich weiß nicht, wie mich die Berlinale gefunden hat, da ich mich nicht beworben habe, fragten sie mich. Ich wollte persönlich mitmachen, kam aber nie an. Ich war so glücklich und aufgeregt, bekam Reisegeld vom schwedischen SFI-Filminstitut, als ich die Institution anrief, es ging alles sehr schnell, ich ging mit meinem Mann aus und wir waren völlig betrunken … Es war einer dieser billigen Flüge, ich hatte dann noch vor, mit dem Zug zu fahren, und ich habe es da total versaut.

Du hast auch in Deutschland gearbeitet, an den Underground-Filmen Carl Andersens. Wie war diese Zeit?

Es war ungefähr 1992. Ich kann mich nicht erinnern. Die Zusammenarbeit mit Carl Andersen war fantastisch! Er fand mich durch meine „The Ego Trip Collection“ im Negativeland (Videogeschäft in Berlin), wo er arbeitete, und er bat mich, in seinem Film mitzuwirken. Ich stimmte direkt zu und reiste nach Berlin, um ihn zu treffen, danach spielte ich in fünf seiner Filme mit. Unsere Zusammenarbeit war überragend, ich bekam einen Schlüssel zu seiner Wohnung und das kleinste Zimmer gehörte mir. Ich konnte ankommen, wann immer ich wollte. Als meine Mutter alt wurde und an den Rollstuhl gefesselt war, musste ich aufhören, nach Berlin zu reisen und meine Filmarbeiten auf Warschau und Stockholm beschränken.

Meine Mutter war sechs Jahre in diesen Zustand, bis sie starb. Ein halbes Jahr später starb Carl. Ich habe auch in Carls Theaterstück mitgespielt und es war großartig, wir haben 17 Vorstellungen im BrotFabrik-Theater gegeben. Ich habe Carl nach Warschau eingeladen, aber er hatte Agoraphobie und verließ Berlin nie, er verließ den Prenzlauer Berg auch nicht gern, nur als wir zum Haus seines Freundes zum Filmen an den See fuhren. Bevor ich Carl kennengelernt habe, habe ich über ein Jahr in der französischen Theatergruppe Respublica gespielt. Wir waren in Brüssel ansässig. In den 80er Jahren hatte ich auch eine Performance-Gruppe meines eigenen DS Art Ensembles in Göteborg, Schweden.

Du arbeitest so viel. Woher bekommst du den Antrieb?

Meine Libido ist meine gegnerische Kraft – sie ist die führende Kraft in meinem Leben. Alles, was in meinen Filmen passiert, wird durch sie beeinflusst. Zum Zeitpunkt meiner Geburt gab ich meine Karriere zum ersten Mal auf (die Hebamme schob mich aus dem Mutterleib und nannte mich eine Tänzerin, vielleicht eine Ballerina) und später bei der Geburt meiner Kinder. Ich gebar meine Tochter, als ich 18 Jahre alt war, ganz öffentlich im Universitätsklinikum, beobachtet von einer Gruppe von Mädchen. Damals wurde ich eine starke Frau.

Du bist dieses Jahr 70 Jahre alt geworden.

Oh, mein Alter. Ich habe immer noch nicht bemerkt, dass ich alt geworden bin. Ich habe nie in die Zukunft geschaut oder Pläne gemacht. Ich habe immer in der Gegenwart gelebt, mit diesem riesigen Gepäck der Vergangenheit, das Hunderte von Jahren zurückreicht. Heute habe ich in meinem Privatleben keinen Sex und die maximale Menge an Sex in meinem Arbeitsleben, das Maximum, das durch die Filmbeschränkungen und die Bereitschaft der Schauspieler und Schauspielerinnen – meiner Mitarbeiter – bestimmt wird. Natürlich hätte ich gerne mehr.

Ich fühle mich oft wie ein männliches Pronomen, besonders beim Schreiben. Zu der Zeit, als Sex meine Nummer eins war, fühlte ich mich wie ein Mann und ich fühlte mich wie eine Frau. Meine Mutter war eine Art Zwitter. Mein Vater war Dichter. „FGLND“ („Federico Garcia Lorca Noir Despair“) wurde Ende Oktober auf dem Pornofestival Berlin 2019 gezeigt. Der Film hatte seine Premiere auf der New Horizons IFF 2013 im Bereich Third Eye. Es gab viel Aufsehen, aber keine Belohnung und keine Bewertung, außer der von der Directors Guild of Poland, nach der ich „eine ekelhafte schwule Homosexualität“ manifestierte, genau wie Alain Guiraudie, der den FIPRESCI Award für „Stranger am See“ während des gleichen New Horizons Festivals.

Es war eine großartige Auszeichnung für mich, meinen Film und mein Team. Nach dem FIPRESCI-Preis verschwand die Überprüfung durch die Directors Guild of Poland. Für mich war es jedoch ein Akt der Rebellion, ob Sie es glauben oder nicht. Der sprachliche Pluralismus ist mir wichtig; nicht alles kann auf Polnisch ausgedrückt werden. So ist mein Geisteszustand. Ich bin wahrscheinlich durch das Gepäck meiner Erziehung belastet. Mein Geist und mein Gehirn bestimmen meine Sexualität mit der Rückkopplungsschleife in Form von Lust, Anziehung, Verlangen und Emotionen. Mein Gehirn war schon immer meine Priorität; mein Intellekt, meine Libido.

Der Drang zu schaffen ist absolut, es gibt fast keine Angst. Gut, ich habe Angst, zum Zahnarzt zu gehen, vielleicht wegen der körperlichen Nähe. Ein Fremder, der in mein Inneres schaut, bohrt, gräbt, zieht und bohrt sich in meinem Kopf, so nah am Gehirn. Wenn ich gegenüber Zahnärzten die gleiche Einstellung hätte wie gegenüber dem sexuellen Akt, wären meine Zähne auf mir, aber es ist, was es ist, und es ist schlecht. Im Moment ist mein Sexualleben auch ganz unten. Ich liebe meine Schauspieler und Schauspielerinnen, die mich spielen. Der Drang zu schaffen ist absolut und er ist gewachsen.

Mein neuester Film von ist „EPOKALIPSA“ (2019). Er wurde nur auf dem LGBT-Filmfestival gezeigt, im April 2019 in Warschau. Ich hatte gehofft, es beim Pomada Queer Festival 2019 wieder zu zeigen, aber dieses Jahr wird es keine Pomada geben. So traurig.


Vom 16. bis 18. Oktober kann man Malga Kubiaks Filme „Federico Garcia Lorca Noir Despair“ über das Leben des Schriftstellers Lorca und „Sweet Secrets – Tribute to Carl Andersen“ beim Online-Festival „Free Independent Film Weekend“ kostenlos anschauen. Bei diesem Festival werden 110 Filme aus 34 Ländern gezeigt und Independent-Filme einem größeren Publikum zugänglich gemacht.


Thomas Goersch verkörperte weit über 200 Rollen in Kino-, Musikvideo- und Independent-Produktionen. Wegen seiner Vielschichtigkeit und seines Interesses an verschiedenen Genres engagierte man ihn wiederholt für ausländische Filmproduktionen, welche nicht selten einen stark künstlerischen oder experimentellen Ton aufweisen. Daneben ist er dem deutschsprachigen Fernsehzuschauer seit vielen Jahren als Moderator beim Verkaufssender 1-2-3.tv bekannt.

The Dune

Eine Art Film-Review.

von Jens Marder


Dünebarkeit? Offenbar nicht, denn Frank Heiberts Wormbuilding-Klassiker ist primär ein Epos, zumindest der Seitenzahl nach zu urteilen (gelesen habe ich die Scanvorlage nicht). Daher scheint es wenig förderlich, ein derart umfangreiches, grandioses, geradezu monströses Larger-than-Narrativ auf einen dreiminütigen Flick reduzieren zu wollen. Natürlich ist es ein origineller Ansatz, doch ob der Werbefilmer Villeneuve damit die harte Fanbase mehr überzeugt als seinerzeit der berüchtigte Versuch (bzw. Irrtum) von Davin Lynch, bleibt abzuwarten (bzw. zu bezweifeln).

Vom starken Storytelling und anspruchsvollen Beziehungsgeflecht der Charaktere ist in Denis Villeneuves neuem Machwerk jedenfalls nicht viel übrig. Nach seinen ebenfalls recht kurz geratenen Thrillern The Prisoner und The Sicario dringt der zweifelsohne begabte Franzose nun ins Herz der Avantgarde vor. Hektische Schnitte und kryptische Dialoge aus dem Off machen das arg fragmentierte Dekonstruktierchen zu einem intensiven, zumal sehr dichten Gewöhnungsbedürfnis. Es gibt Gastauftritte von Dave Bautista und Jason Mamoa, die sich beide offenbar aufs -a versteift haben. Und dass Oscar Isaacs nicht von Science-Fiction lassen kann, wäre noch löblicher, wenn er nicht ständig etwas vergessen würde (vgl. Rasur).

Als Hauptdarsteller hat man einen naiven Hänfling gewinnen können, dessen kanadisch klingender Nachname einen wertvollen Hinweis liefert – doch worauf? Zu Fragezeichen aus Fleisch und Blut verkrüppelte Zuschauer auf der Suche nach zu verlierender Zeit finden lediglich drei Minuten Filmmaterial vor und drängen sogleich auf jede Menge Antworten, ohne vorher die Fragen formuliert zu haben: Warum besteht der crowdpleasende Twisthuberwurm am Schluss darauf, The Big Lebowski genannt zu werden? Wer sind die grazil an Nylonfäden heruntergelassenen Neonazis, die einen maximalinvasiven Eingriff in das Grundnahrungsmittel Augenbutter planen? Und wäre es nicht effizienter, den Film wenigstens etwas zu strecken, damit die recht aufwendigen KGB besser zur Geltung kommen? Fun Fact: Dass Haus Zimmer nach meisterlichen Osten zu Twistopher Nolans Incepticon und Intrastellar gen The Dune abgewandert ist, wird unzweifelhaft als einer der massivsten Ofenschüsse in die Film- und Kinogeschichte eingehen – denn Villeneuve hat nur Zeit für einen einzigen Song, und der ist weder von Zimmer noch von dieser Welt.

In der Kürze liegt die Würze und in der Düne liegt der Hüne: Wie eine ins Fischnetz gegangene Lochbox lenkt Uncanny Ville ganz Arrktis in groteske Vistas. Schräge Ufos werden von Ed Wood höchstpersönlich in der Trashschwebe gehalten, ambitionierte Hyperlibellen umschwirren das Sandzeitkontinuum und animatronische Sonnenstrahlen beschleunigen den Frementierungsprozess. Seit jeher auf künstliche Beatmung angewiesen, gehen die indigenen Blaualgen vor Tremorpauls Ruckelphantasmen in die (unmerklich, aber umso fester gezwickten) Knie. Fazit: Independence Day meets Langoliers mit PS5-Grafik und Drohblickverlängerung via Schwert.

1 von 5 Sternen

There is an English version of the review at 366 Weird Movies available, which Jens Marder published under his real name.

Titelbild: © 2019 Warner Bros. Entertainment Inc.

Poetry, The Beach Boys and the Arts – An Interview with Stephen Kalinich

Stephen Kalinich is a self-taught artist with a prolific career. He initially gained prominence in the 1960s writing song lyrics for The Beach Boys, and has since collaborated with Paul McCartney, P. F. Sloan, Brian May and many other famous composers and performers. Although often described as a “poet” whose works uphold 1960s hippie values, Kalinich has been active in many fields, performing his poetry, recording his own songs, acting in movies and now, in his late 70s, starting to paint. Here, he is interviewed by film director Alexander Tuschinski who has been a friend for several years now.

by Alexander Tuschinski

Stephen, when we last met in Los Angeles this February you gave me a wonderful tour of your apartment-turned-painting studio, and you were busy recording a spoken-word album.  How have you spent the time since?

I keep busy being creative, be it creating new paintings or songs. Besides that, I have done a few Zoom performances and I’m doing charity work for the homeless and people affected by the virus. I have a new album coming out called “The Essential Yo MaMa” with Jon Tiven and many talented collaborators; we just put the deal together. I feel it’s important to keep being creative no matter the circumstances. Right now, I probably enjoy performing poetry and painting plus improvisation the most. I am inspired many times daily.

With this interview, my goal is to not only learn about you and your career, but also to potentially inspire people from all walks of life to just start doing creative things for the love of it. That’s my goal with many of my documentary films, too. What do you think about that?

I’m always trying to inspire people to express themselves, so I agree with you completely. At the same time, I do not want to act as if I were superior to others. Something a lot of artist don’t have is humility. Without humility, you cannot be a great artist, a great poet, and this is something that many performers, directors, producers and so on lack. It’s important for me to have people know that.

What artists influenced you when you first became interested in writing? Did you initially think that writing, or particularly song writing, would ever become a career? Did you receive much support?

I do not have much of a faith in pinpointing “influences”. All of life is an influence for me, but I put it together in my own way. Eventually, you make it your own. Some artists influenced me, but so did life experience, travel, just living, creating and discovering my own voice. That being said, there were many artists whose works I enjoyed when growing up. Among them were Walt Whitman, T.S. Eliot, P.F. Sloan, The Beach Boys, the Beatles and the poet Rainer Maria Rilke.

My parents were divorced. My mom was supportive, while my dad was not involved much in my upbringing – he was a professional golfer, a head pro at many country clubs and remarried. My mom did not stop the flow, she let me do almost anything I wanted. She was a loving soul, very kind and sweet. Even though I was not very disciplined, she was seldom angry at me. I always loved to perform in front of audiences since my grandparents had me entertain their guests in their house. Outside of home, I did not receive much support with my creative works, especially with the poetry. Many people said it would never happen. So, I just wrote and performed, and never thought of a career.

Stephen Kalinich’s texts became famous in songs by The Beach Boys:

Source: YouTube

You were born and went to college at the East Coast, but then decided to go to Los Angeles in 1965. LA in the 1960s must have been a fascinating place as a young artist. What was it like when you arrived, did you already have contacts? What did you do when you arrived? How did your creative career start?

When I first came to LA in my early 20s, I actually wanted to go to med school here. I knew no one except for a few of my father’s friends. It was a fascinating place. I remember how exciting it was to me to see oranges growing on a tree, experiencing the great weather, seeing the celebrities… It was like living in a dream, but right next to the wealth was utter poverty. There were many homeless people on the streets, even back then.

Shortly after starting, I dropped out of college when I got a break with my artistic career. From then on, I knew I wanted to be a poet, a spoken-word performer and later a songwriter. But, mostly, I was interested in performing. Brian Wilson wanted me to do a rock record around that time but I never did, as I realized my “drive” was neither fame nor notoriety, but I did want to be known as a peace bringer. I just wanted my work to be used for world peace. Even when I went to Brian Wilson and started collaborating with The Beach Boys in 1968, I cared about the love and the peace and not so much about being a “star” or even a “rock star”. Of course, I am a human being like everyone else and I am not on “a higher planet” so to say. So, even though it was already my goal, I was not totally selfless, and as my career progressed, I did enjoy having a successful song. But over the course of my life I learned to always put my position of wanting to do good and creating a life that’s better for all beings first.


Your collaboration with The Beach Boys – in particular Dennis Wilson – on the album “Friends” in 1968 has been discussed many times. Your songs “Little Bird” and “Be Still” are beautiful and rightfully held in high regard. Your very poetic lyrics came at a time when The Beach Boys started considerably deviating from their original surf image. The Beach Boys, led at the time by the legendary Brian Wilson, were huge stars, and you were writing poetry as a hobby, having just started out in Los Angeles, how did this collaboration come about?

Dennis heard about me through his brother Brian. The entire story began with a lucky chance meeting: One day, at the Hollywood YMCA, I met Jim Critchfield who worked with the famous Jay Ward of Bullwinkle fame. Jay became a friend and huge fan of my poems after I performed in private in his auditorium. He was also a friend of Brian’s, and told me that Brian had just started a new record company and might be open to a poet songwriter. To make a long story short, they set up a meeting with Brian and within weeks I was signed on as a writer. It was exciting, I received a $500 advance which felt like a lot of money back then, when rent was $100 a month. That was the beginning. It was a lucky huge break for me, which led to many more contacts. Additionally, at the time when I wrote “Be Still” and “Little Bird”, I was in love, which might shine through in these lyrics.

You also collaborated with Dennis Wilson when he did a solo album in the 1970s. How did you get along?

Dennis and I became friends, deep friends. We did almost everything together. We first hung out a lot while working and it quickly became a friendship. When collaborating on a song, we would work a little, then go out to eat. We loved each other. He was very respectful of my poetry and said I can influence the world for good and so did Brian, who also became a good friend.

What was the process like when you collaborated with Brian and Dennis Wilson?

The collaboration with both of them was beautiful. Dennis spontaneously came up with melodies off the words with me. He had a rare gift: He could hear a poem and instantly set it to music in his head and sing it back. Very few people saw that side of him. With others, he would do the music first and then find words to it, but not with me. In all our songs I wrote the words first. It was a beautiful collaboration. With Brian I did it both ways. Usually words first, but for the song “A Friend Like You,“ which he performed with Paul McCartney, he gave me the melody first.

Beside Brian and Dennis Wilson, you collaborated with many composers on songs. Do you have a “usual” procedure when collaborating with a composer who sets your words to music? What are your experiences?

It depends. I usually write the words first, but I have done it both ways. I think, to be quite honest, I do not like collaborating on songs most of the time; it’s a struggle, but once in a while it works. It really depends on the collaborator. I am not of the school that the chef is responsible for all of the meal, it takes many players, be it with films, with cooking and so on, but poetry is more of a lonely journey. It requires a special view of living that is less tied to perfection than to joy. That being said, something I love is when musicians improvise to my poems and spoken words.

You never published a book of your poetry. Instead, starting with the LP “A World of Peace Must Come,” which you recorded with Brian Wilson in 1969, you released your poems as spoken-word performances. The performance of “Be Still” on that LP is, to me, one of your finest works. Only quite recently, you started to publish written poems on social media. Is the performance as important to you as the text itself?

Performance is important, but the poem itself must deliver. When I perform, I try to reach, touch, speak to each person in the audience. I try to include them and make it a communication for all of us, in the sense that I want to reach them but let them come to their own conclusions. When I was younger, I used to be an athlete, and I brought my energy from sports into performing. My performances were not subdued, but very energetic. Someone back then compared them to Mick Jagger. I generally prefer live recording – it’s more spontaneous, and even though there might be flaws and mistakes it has an urgent, real feel to it. Recordings in a studio are great but I prefer the straight inspiration of life. Although “Be Still” was not recorded in front of an audience, it was very much “in the moment” – I just recited the poem as Brian played the organ to it spontaneously in one take. All in all, I’d say it’s all important – the text, the performance, the staging. I love performing, I love writing, I love painting, it all belongs together.

„Be Still“, known as a song by The Beach Boys, expanded as a Spoken-Word-Performance:

Source: YouTube 

One evening when we walked in Los Angeles last year, you just started improvising a highly creative, profound and poetic text about our surroundings as we walked by. Do you generally create very intuitively and quickly, or do you sometimes labor over a work for a long time? What do you think of poetry slams?

When it comes to painting, I like to leave “mistakes” in them as part of the artwork, but with songs and poems, less so. I rewrite, polish, edit, cultivate my poems; I lay a garden and take out the “weeds” until it has grown to its full shape. It depends on the work, though, if I like its raw form I leave it alone. You have to look at each work individually to see what it requires. In my writing, I want to allow people room for discovery. I hope I do not demand, but I try to open up a dialogue and get my view of it across, too. I do enjoy some poetry slams, but it’s only one kind of poetry that’s often very “showy”. I prefer variety: Sometimes, I like a slowly recited poem that takes you to peace, or sometimes one that disturbs you. 

You have experimented with many genres, like performing a rap in a music video in the 1980s. That rap performance, “Everybody’s Got a Car In LA,” subverts all expectations one might have of such a video in a good-natured, silly way, and you told me that you were “just having fun” doing it. It is quite a contrast to some of your “deeper” works. Tell us a bit about it.

We are all a combination of many feelings. I sometimes enjoy creating a deliberately silly song that makes you laugh, and I also like to create serious works that rivet you like the “Galactic Symphonies”. My credo is: Let’s create some peace with joy, but also with dead serious words when it is relevant.  The rap song you mentioned – I had the idea, wrote the lyrics quickly and Chris Pelcer put music to it. That’s just how it was born, spontaneously, without many rewrites, I loved the spontaneous flow. It was fun, as I created an alter ego for the music video: Stevie Nobody, whom I later developed more with Jon Tiven in “Yo MaMa”. Somewhere, I have a raw outline of a script for a movie about Stevie Nobody which I want to direct one day.

You have picked up painting only quite recently and are entirely self taught.  Your paintings show a very distinct style, and you often repurpose objects to use as a canvas; be they empty cereal boxes, pieces of cardboard and wood or any other material. What made you decide to start expressing your creativity this way, in your mid 70s? Do you have any painters whose works influence you?

I think many painters inspire me, but I am not sure whether I have been influenced or not by their art. I love Renoir, Monet, Cezanne, Picasso, Matisse and Franz Kline. I was particularly touched by the works of Vicci Sperry, a dear friend who encouraged and supported me. Today, I am not as fond of landscapes as I used to be. Instead, I prefer little faces, and also abstract forms, shapes or color. I never know what I will paint one day to the next, it’s mostly a very intuitive process. I love to seek the unexpected while painting, I love the surprise, the spontaneous outbursts, the calming down, the rage, the calming, the chaos, and trying to shape it into a work that touches me and hopefully some others as well. Only on rare occasion, once in a while, will I set out with a plan for a painting.

You ended up collaborating with numerous artists, including quite a few musicians you listened to while growing up. Many of them have become friends. How do you feel about it?

Grateful. The way I feel today is that I am grateful for all of the people I met, for all the positive ones, and even for those I had negative experiences with, because I learned lessons from them. I love my friends, many have encouraged me, inspired me, but I went my own way.

You are now in your late 70s and highly productive. In a recent, autobiographic poem published on Facebook, you wrote that you have been painting daily for the past three or four years. Do you have a message for people who might want to try to express themselves creatively, but still hesitate?

Be open to this journey of life, be passionate. Make a film, paint, hike, whatever you want within reason – try it. Be kind to other beings, get you ego out of the way, embrace humanity. Just create. Do it, just try. Do not judge yourself, just keep at it. Do not hesitate, go for it whatever it is you do. In all aspects of life, keep joy and adventure alive. Gerda Herrmann, the self-taught „Songwriter of Botnang” whom you made a wonderful documentary film about, is a great example. She’s 89, wrote her first song at 53 and keeps spreading joy through her music. Last year, she set my poem “If I Can Be a Benefit” to music, which made me very happy. It’s never too late. Just create.

You can find Alexander Tuschinski’s interview with Gerda Herrmann (in German) here.


And for more information about director and filmmaker Alexander Tuschinski check out his interview by actor Thomas Goersch (in German as well).

Titelbild: © Alexander Tuschinski

Lyrik, The Beach Boys und die Kunst – Stephen Kalinich im Interview

Stephen Kalinich ist ein autodidaktischer Künstler mit vielseitiger Karriere. In den 1960-er Jahren erlangte er zunächst als Textdichter für The Beach Boys Berühmtheit. Seitdem hat er mit Paul McCartney, P. F. Sloan, Brian May und vielen anderen berühmten Komponisten und Interpreten zusammengearbeitet. Obwohl er oft als „Dichter“ beschrieben wird, der die Hippie-Werte der 1960er Jahre hochhält, war und ist Kalinich in vielen Bereichen aktiv: Er trägt seine Gedichte vor, nimmt eigene Songs auf, spielt in Filmen mit und hat nun mit Ende 70 begonnen, zu malen. Hier ist er im Interview mit Filmregisseur Alexander Tuschinski, der seit einigen Jahren mit ihm befreundet ist.

von Alexander Tuschinski

There’s an original version of the interview in English available, too.


Stephen, als wir uns im Februar dieses Jahres zum letzten Mal in Los Angeles trafen, hast du mir eine faszinierende Führung durch deine Wohnung gegeben, die inzwischen eigentlich eher ein Atelier für deine Malerei ist. Außerdem warst du zu der Zeit damit beschäftigt, ein Spoken-Word-Album aufzunehmen. Wie hast du die Monate seitdem verbracht?

Ich bleibe aktiv mit kreativen Dingen, sei es bei der Arbeit an neuen Gemälden oder beim Songschreiben. Außerdem habe ich ein paar Zoom-Performances gegeben und engagiere mich für Obdachlose sowie für Menschen, die vom Virus betroffen sind. Demnächst erscheint mein neues Album „The Essential Yo MaMa“ mit Jon Tiven und vielen talentierten Mitwirkenden; wir haben gerade einen Deal vereinbart. Ich halte es für wichtig, unter allen Umständen kreativ zu bleiben. Im Moment macht es mir wohl am meisten Spaß, Gedichte aufzuführen, zu malen und zu improvisieren. Ich fühle mich mehrmals am Tag inspiriert.

Mit diesem Interview möchte ich nicht nur etwas über dich und deine Karriere erfahren, sondern möglicherweise auch Menschen aus allen Lebensbereichen dazu inspirieren, einfach kreativ zu sein, wenn sie den Antrieb dazu verspüren. Das Ziel habe ich auch bei vielen meiner Dokumentarfilme. Was denkst du darüber?

Ich versuche immer, Menschen dazu zu inspirieren, sich kreativ auszuleben, also stimme ich dir vollkommen zu. Gleichzeitig möchte ich dabei nicht so tun, als ob ich anderen überlegen wäre. Etwas, was vielen Künstlern fehlt, ist Bescheidenheit. Ohne Bescheidenheit kann man kein großer Künstler, kein großer Dichter sein, und das ist etwas, was vielen Künstlern, Regisseuren, Produzenten und so weiter nicht haben. Für mich ist es wichtig, dass die Menschen das wissen.

Welche Künstler haben dich beeinflusst, als du begannst, dich fürs Schreiben zu interessieren? Hättest du anfangs gedacht, dass du mit dem Schreiben oder spezieller dem Songschreiben jemals eine Karriere aufbauen könntest? Hast du viel Unterstützung erhalten?

Ich halte nicht viel davon, „Einflüsse“ festzusetzen. Das ganze Leben ist ein Einfluss für mich – ich kombiniere es auf meine eigene Art und irgendwann macht man es sich zu eigen. Einige Künstler haben mich beeinflusst, aber das taten auch Lebenserfahrung, Reisen, einfach zu „leben“, kreieren und meine eigene Stimme entdecken. Mit dem im Hinterkopf gab es viele Künstler, deren Werke mir gefielen, als ich aufwuchs. Unter ihnen waren Walt Whitman, T.S. Eliot, P.F. Sloan, The Beach Boys, The Beatles und der Dichter Rainer Maria Rilke.

Meine Eltern waren geschieden. Meine Mutter unterstützte mich, während mein Vater nicht viel mit meiner Erziehung zu tun hatte – er war Profi-Golfer, Head Pro in vielen Country-Clubs und wiederverheiratet. Meine Mutter hat meinen kreativen „Flow“ nicht aufgehalten, sie ließ mich fast alles tun, was ich wollte. Sie war ein liebevoller Mensch, sehr freundlich und gutherzig. Auch wenn ich nicht sehr diszipliniert war, war sie selten wütend auf mich. Ich mochte es, vor Publikum aufzutreten, seit meine Großeltern mich  Gäste in ihrem Haus unterhalten ließen. Außerhalb des Hauses erhielt ich nicht viel Unterstützung bei meinen kreativen Arbeiten, besonders bei der Lyrik. Viele sagten, es würde nie eine Laufbahn werden. Also schrieb und trat ich einfach auf und dachte nie an eine Karriere.

In Songs der Beach Boys wurden Stephen Kalinichs Texte berühmt:

Quelle: YouTube

Du wurdest an der Ostküste geboren und gingst dort aufs College, hast dich dann aber 1965 entschieden, nach Los Angeles zu ziehen. LA muss in den 60ern als junger Künstler ein faszinierender Ort gewesen sein. Kanntest du dort vorher irgendwen? Wie begann deine künstlerische Laufbahn?

Als ich mit Anfang 20 nach LA kam, wollte ich hier eigentlich Medizin studieren. Außer ein paar Freunden meines Vaters kannte ich niemanden. Es war ein faszinierender Ort. Ich erinnere mich, wie aufregend es für mich war, Orangen auf einem Baum wachsen zu sehen, das tolle Wetter zu erleben, die Stars zu sehen … Es war wie ein Traum, aber direkt neben dem Reichtum gab es die totale Armut. Schon damals lebten viele Obdachlose auf der Straße.

Kurz nachdem ich angefangen hatte, brach ich das College ab, als sich Gelegenheiten für meine künstlerische Laufbahn ergaben. Von da an wusste ich, dass ich Dichter, Spoken-Word-Performer und später auch Textdichter für Songs werden wollte. Aber vor allem interessierte ich mich fürs Vortragen. Brian Wilson regte in jener Zeit an, ich sollte ein Rock-Album aufnehmen, aber ich tat es nicht, da mir klar wurde, dass mein „Antrieb“ weder Ruhm noch das Streben nach Bekanntheit waren. Ich wollte als Friedensbringer bekannt sein und hatte bloß das Ziel, dass meine Arbeit dem Weltfrieden dienen sollte. Selbst als ich 1968 zu Brian Wilson ging und begann, mit den Beach Boys zusammenzuarbeiten, ging es mir um die Liebe und den Frieden und nicht so sehr darum, „Star“ oder gar „Rockstar“ zu sein. Natürlich bin ich auch nur ein Mensch und befinde mich nicht auf einer „höheren Ebene“. Obwohl es damals bereits mein Ziel war, war ich nicht völlig selbstlos, und in meiner Karriere genoss ich es, wenn ein Song erfolgreich war. Aber im Laufe meines Lebens habe ich gelernt, meinen Wunsch, Gutes tun zu wollen und ein Leben zu schaffen, das für alle Wesen besser ist, immer an erste Stelle zu setzen.

Deine Zusammenarbeit mit den Beach Boys – insbesondere mit Dennis Wilson – auf dem Album „Friends“ im Jahr 1968 wurde oft diskutiert. Deine wunderbaren Lieder „Little Bird“ und „Be Still“ werden zu Recht hoch geschätzt. Die sehr poetischen Texte kamen zu einer Zeit, als die Beach Boys anfingen, sich von ihrem ursprünglichen Surf-Image zu lösen. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit? Du warst Hobbydichter, neu in Los Angeles, und The Beach Boys, damals unter der Leitung des legendären Brian Wilson, waren große Stars.

Dennis erfuhr über seinen Bruder Brian von mir. Die Geschichte begann mit einem glücklichen Zufallstreffen: Eines Tages traf ich in Hollywood beim YMCA Jim Critchfield, der mit dem berühmten Jay Ward von Bullwinkle arbeitete. Jay und ich freundeten uns an und er wurde ein großer Fan meiner Gedichte, nachdem ich privat in seinem Auditorium aufgetreten war. Er war mit Brian befreundet und erzählte mir, dass dieser gerade eine neue Plattenfirma gegründet hatte und für einen Dichter/Songwriter offen sein könnte. Um es kurz zu machen: Sie arrangierten ein Treffen mit Brian, und innerhalb weniger Wochen wurde ich als Autor unter Vertrag genommen. Es war aufregend, ich erhielt einen Vorschuss von 500 Dollar. Damals betrug die Miete 100 Dollar pro Monat, deshalb fühlte sich das wie viel Geld an. Das war der Anfang. Es war ein großer Glücksfall für mich, der zu vielen weiteren Kontakten führte. Außerdem war ich zu der Zeit, als ich „Be Still“ und „Little Bird“ schrieb, verliebt, was in den Texten durchscheinen könnte.

Du hast auch mit Dennis Wilson zusammengearbeitet, als er in den 1970er Jahren ein Soloalbum aufnahm. Wie habt ihr euch verstanden?

Dennis und ich wurden enge Freunde. Wir machten fast alles zusammen. Zuerst verbrachten wir bei der Arbeit viel Zeit und daraus wurde schnell eine Freundschaft. Wenn wir gemeinsam an einem Song arbeiteten, schrieben wir ein wenig Musik und gingen in Pausen gemeinsam Essen. Wir waren eng verbunden. Er hatte großen Respekt vor meiner Lyrik und sagte, ich könne die Welt zum Guten beeinflussen – was Brian, der ebenfalls ein guter Freund wurde, ebenso sagte. 

Wie lief die Zusammenarbeit mit Brian und Dennis Wilson ab?

Die Zusammenarbeit mit beiden war wunderschön. Dennis erfand spontan Melodien, während ich meine Worte vortrug. Er hatte eine seltene Gabe: Er konnte ein Gedicht hören, es sofort in seinem Kopf vertonen und singend wiederholen. Nur sehr wenige Menschen kannten diese Seite von ihm. Bei anderen Songtextern gab er zuerst die Musik vor und fand dann die Worte dazu, aber nicht bei mir. Bei all unseren gemeinsamen Liedern schrieb ich zuerst die Texte. Es war eine schöne Zusammenarbeit. Mit Brian habe lief es auf beide Arten ab. Normalerweise schrieb ich zuerst die Texte, aber für den Song „A Friend Like You“, den er mit Paul McCartney sang, gab er mir zunächst die Melodie vor. 

Neben Brian und Dennis Wilson hast du mit vielen anderen Komponisten an Songs zusammengearbeitet. Hast du ein „übliches“ Verfahren, wenn jemand deine Texte vertonen soll? Welche Erfahrungen hast du gemacht?

Das kommt darauf an. Normalerweise schreibe ich die Worte zuerst, aber ich habe schon auf beide Arten gearbeitet. Ich glaube, um ganz ehrlich zu sein, dass ich die Zusammenarbeit an Liedern die meiste Zeit nicht mag; es ist ein Kampf, aber hin und wieder funktioniert es. Es kommt wirklich auf die Person an. Ich habe nicht die Einstellung, dass der Koch allein fürs ganze Essen verantwortlich ist, es braucht viele Mitwirkende, sei es beim Film, beim Kochen und so weiter. Aber Lyrik ist eher eine einsame Reise. Sie erfordert eine besondere Sicht des Lebens, die weniger an Perfektion als an Freude gebunden ist. Abgesehen davon liebe ich es, wenn Musiker zu meinen Gedichten und gesprochenen Worten improvisieren.

Du hast deine Gedichte nie in Buchform veröffentlicht sondern stattdessen als Spoken-Word-Performances. Das begann mit der LP „A World of Peace Must Come“, die du 1969 mit Brian Wilson aufgenommen hast. „Be Still“ auf dieser LP ist für mich eines deiner besten Werke. Erst vor kurzem hast du damit begonnen, Gedichte auch in Schriftform in sozialen Netzwerken zu veröffentlichen. Ist dir der Vortrag genauso wichtig wie der Text selbst?

Der Vortrag ist wichtig, aber das Gedicht muss auch für sich selbst wirken. Wenn ich auftrete, versuche ich, jede Person im Publikum zu erreichen, zu berühren, anzusprechen. Ich versuche, sie einzubeziehen und eine Kommunikation für uns alle zu erschaffen – in dem Sinne, dass ich die Menschen im Publikum erreichen möchte, sie aber zu ihren eigenen Schlussfolgerungen kommen lasse. Als ich jünger war, war ich Sportler, und ich habe meine Energie aus dem Sport in den Vortrag eingebracht. Meine Darbietungen waren nicht gedämpft, sondern sehr energisch. Jemand verglich sie damals mit Mick Jagger. Im Allgemeinen ziehe ich Liveaufnahmen vor – sie sind spontaner, und auch wenn es Mängel und Fehler geben mag, fühlen sie sich drängend, „echt“ an. Studioaufnahmen sind schön, aber ich bevorzuge die direkte Inspiration aus dem Leben. Obwohl „Be Still“ nicht vor einem Publikum aufgenommen wurde, war es sehr „im Moment“ – ich habe das Gedicht einfach rezitiert, während Brian in einem Take spontan die Orgel dazu spielte. Allgemein denke ich, alles ist wichtig, der Text, die Aufführung, die Inszenierung. Ich liebe den Vortrag, das Schreiben, die Malerei, es gehört alles zusammen.

„Be Still“, bekannt als Song der Beach Boys, hier erweitert als Spoken-Word-Performance:

Quelle: YouTube

Als wir letztes Jahr einmal abends in Los Angeles spazieren gingen, begannst du einfach, einen kreativen, tiefgründigen und poetischen Text über unsere Umgebung zu improvisieren. Bist du normalerweise so intuitiv und schnell oder „feilst“ du manchmal lange an einem Werk? Was hältst du von Poetry Slams?

Wenn es um Malerei geht, lasse ich gerne „Fehler“ als Teil des Kunstwerks in den Gemälden, aber bei Songs und Gedichten eher weniger. Ich schreibe meine Gedichte um, poliere, bearbeite, kultiviere sie; ich lege einen Garten an und entferne das „Unkraut“, bis er zu seiner vollendeten Form gewachsen ist. Es hängt jedoch vom Werk ab – wenn mir seine rohe Fassung gefällt, lasse ich es in Ruhe. Man muss sich jedes Werk einzeln ansehen, um zu sehen, was es braucht. In meinem Schreiben möchte ich den Menschen Raum für Entdeckungen lassen. Ich hoffe, dass ich nicht fordere, aber ich versuche, einen Dialog zu eröffnen und auch meine Sicht der Dinge zu vermitteln. Ich mag zwar einige Poetry Slams, aber es ist lediglich ein einzelner Stil von Lyrik, der zudem oft auf einen „Showeffekt“ abzielt. Ich bevorzuge die Abwechslung: Manchmal mag ich ein langsam vorgetragenes Gedicht, das einen zur Ruhe bringt, oder manchmal eines, das aufschreckt.

Du hast mit vielen Genres experimentiert. Bspw. bist du in den 80ern mit einem Rap in einem Musikvideo aufgetreten. Diese Rap-Performance „Everybody’s Got a Car In LA“ untergräbt auf freundlich-alberne Art alle Erwartungen, die man an ein solches Video stellen könnte. Du hast mir einmal gesagt, dass du dabei „einfach nur Spaß“ hattest. Es ist ein ziemlicher Kontrast zu einigen deiner „tieferen“ Arbeiten. Erzählen uns ein wenig darüber.

Wir alle sind eine Kombination aus vielen Gefühlen. Manchmal genieße ich es, ein absichtlich albernes Lied zu kreieren, das einen zum Lachen bringt, und ich schaffe auch gerne ernste Werke, die einen fesseln wie die „Galaktischen Sinfonien“. Mein Credo lautet: Lasst uns mit Freude Frieden schaffen, aber, wenn es relevant ist, auch mit todernsten Worten. Zum Rap-Song, von dem du sprichst – ich hatte die Idee, schrieb schnell den Text und Chris Pelcer vertonte ihn. So ist er entstanden, spontan, ohne viele Korrekturen, ich mochte den spontanen kreativen Fluss. Es hat Spaß gemacht, denn ich schuf ein alter ego für das Musikvideo: Stevie Nobody, den ich später mit Jon Tiven in „Yo MaMa“ weiterentwickelte. Irgendwo habe ich einen groben Entwurf eines Drehbuchs für einen Film über Stevie Nobody, bei dem ich eines Tages Regie führen möchte.

Du hast erst vor ein paar Jahren mit der Malerei begonnen und bist Autodidakt. Deine Gemälde haben einen sehr eigenen Stil, und deine „Leinwand“ sind oft Objekte wie leere Getreideschachteln, Karton- und Holzstücke oder andere Materialien. Was hatte dich mit Mitte 70 dazu bewogen, dich auf diese Weise kreativ auszuleben? Gibt es Maler, deren Werke dich beeinflussen?

Ich denke, dass viele Maler mich inspirieren, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich von ihren Werken beeinflusst wurde oder nicht. Ich liebe Renoir, Monet, Cezanne, Picasso, Matisse und Franz Kline. Besonders haben mich die Werke von Vicci Sperry berührt. Sie war eine gute Freundin, die mich ermutigt und unterstützt hat. Heute mag ich Landschaften nicht mehr so gerne wie früher. Stattdessen bevorzuge ich kleine Gesichter, aber auch abstrakte Formen, Gestalten oder Farben. Ich weiß nie, was ich von einem Tag auf den anderen malen werde, es ist meist ein sehr intuitiver Prozess. Ich liebe es, beim Malen das Unerwartete zu suchen, ich liebe die Überraschung, die spontanen Ausbrüche, das Beruhigende, die Wut, die Ruhe, das Chaos, und versuche, daraus ein Werk zu formen, das mich und hoffentlich auch einige andere berührt. Nur in seltenen Fällen, hin und wieder, beginne ich ein Gemälde mit einem konkreten Plan.

Du hast mit zahlreichen Künstlern zusammengearbeitet, darunter auch mit einigen Musikern, deren Werke du schon als Jugendlicher mochtest. Viele von ihnen sind Freunde geworden. Wie fühlst du dich beim Gedanken daran?

Dankbar. So, wie ich es heute sehe, bin ich dankbar für alle Menschen, die ich getroffen habe. Dankbar für all die positiven und sogar für jene, mit denen ich negative Erfahrungen gemacht habe, weil ich daraus gelernt habe. Ich liebe meine Freunde, viele haben mich ermutigt, mich inspiriert, aber ich bin schlussendlich meinen eigenen Weg gegangen.

Du bist inzwischen Ende 70 und nach wie vor sehr produktiv. In einem kürzlich auf Facebook veröffentlichten, autobiographischen Gedicht schreibst du, dass du seit drei oder vier Jahren täglich malst. Hast du eine Botschaft für Menschen, die versuchen möchten, sich kreativ auszudrücken, aber immer noch zögern?

Seid offen für diese Lebensreise, seid leidenschaftlich. Dreht einen Film, malt, wandert, was immer ihr im Rahmen des Möglichen wollt – versucht es. Seid freundlich zu anderen Lebewesen, räumt euer Ego aus dem Weg, lasst euch auf die Menschlichkeit ein. Erschafft einfach. Tut es einfach, versucht es. Verurteilt euch nicht selbst, bleibt einfach dabei. Zögert nicht, probiert es einfach, was immer ihr auch tut. Haltet in allen Lebensbereichen die Freude und den Sinn für Abenteuer am Leben. Gerda Herrmann, die autodidaktische „Liedermacherin von Botnang“, über die du einen wunderbaren Dokumentarfilm gedreht hast, ist ein schönes Beispiel. Sie ist 89 Jahre alt, schrieb ihr erstes Lied mit 53 Jahren und verbreitet immer wieder Freude durch ihre Musik. Letztes Jahr vertonte sie mein Gedicht „If I Can Be a Benefit“, was mich sehr glücklich gemacht hat. Es ist nie zu spät. Erschafft einfach.

Alexander Tuschinskis Interview mit Gerda Herrmann findet ihr hier.


Mehr über Regisseur und Filmemacher Alexander Tuschinski im Interview von Schauspieler Thomas Goersch.

 

Titelbild: © Alexander Tuschinski

Fünf Jahre postmondän (mit Überraschung)

Wir feiern Plattform-Geburtstag – mit Relaunch, Tomte-Zitat und Überraschung.


Endlich einmal etwas, das länger als vier Jahre hält.

Tomte

Wir freuen uns, im August 2015 mit postmondän angefangen zu haben. Das ermöglicht uns nämlich jetzt, unseren fünften Geburtstag zu feiern. Was wir auch tun – und es ist wirklich ein Traum, dass wir das hier machen können und sogar gelesen werden. Wir sind sehr glücklich, aber auch immer noch ein bisschen überrascht, dass wir hier im Magazin schon ein paar hundert Texte über Alben, Bücher, Filme, Theaterstücke, Kunstwerke von über dreißig Autor*innen veröffentlichen konnten. Dass 2020 nun nicht mehr das Jahr der großen Partys wird, steht auch schon seit Monaten fest. Trotzdem möchten wir den Geburtstag nicht komplett vorbeiziehen lassen und ihn stattdessen mit einem Relaunch unserer Seite feiern, die heute nach ein paar Wochen Rumgerumpel wieder aus ihrem Kokon krabbelt, wie eine Raupe das tut, wenn sie zu einem edlen Nachfalter oder einer stolzen Motte mutiert ist. Alles neu designt, bisschen schlanker, bisschen schneller, mit viel Platz für viele neue Texte – und eben mit Flügeln. Ist aber noch nicht alles.

Geburtstagsüberraschung

In den Relaunch hat sich eine Überraschung für euch eingeschlichen, nämlich unser eigener kleiner Online-Shop. Ihr findet darin ein Geburtstagsmotiv mit zwei neuen Freund*innen von uns, die uns sehr ans Herz gewachsen sind und euch, wenn ihr mögt, ein wenig durch den Alltag begleitet: durch die Kaffeepause, zum Schulsport, in die Festivalsaison (2021!) und überallhin, wo man nicht so gern oben ohne rumlaufen möchte, um nur ein paar der bedruckten Produkte anzuteasern. Man kann da draufklicken, rumgucken und wirklich echt Sachen kaufen. Kommen dann per Post. Probiert das ruhig mal aus.

Warum machen wir das?

Erstens, wie gesagt, zum Geburtstag. Zweitens ist euch vielleicht aufgefallen, dass postmondän komplett ohne Werbung auskommt – keine Banner, keine Amazon-Affiliate-Links, keine gesponserten Artikel, keine Markenkooperationen und auch keine Paywall. Freie unabhängige Gedanken quasi. Das war schon immer so und soll auch so bleiben. Die bewusste Entscheidung gegen jede Möglichkeit, mit dem Magazin Geld zu machen, haben wir immer wieder aufs Neue gefällt und sind mit den Konsequenzen auch einverstanden. Es gibt da aber trotzdem dieses kleine, immer hungrigere Sparschwein für laufende Kosten (für den Server, Designs und die Domain zum Beispiel). Falls euch also im Shop was gefällt, und ihr es kaufen mögt, helft ihr uns sehr dabei, mit dem Ganzen hier sinnvoll weitermachen zu können. Und habt sogar was davon. Winwinwinwin-Situation.

Das Allerwichtigste

Vielen Dank fürs Lesen! Wir waren von Anfang an überrumpelt, wieviele Leute sich immer wieder hier her verirren, und freuen uns über jeden Besuch, jeden Kommentar, jeden Follow, egal wo, und jeden Gruschler bei Twitter.

Schön und gut, aber wo gehts jetzt zum Shop?

 

Von Botnang nach Hollywood – Gerda Herrmann im Interview

Gerda Herrmann ist eine deutsche Dichterin und Komponistin aus Stuttgart-Botnang. Sie wurde 1931 geboren und komponiert seit 1984 Lieder zu fremden und eigenen Texten. Viele davon wurden auf bisher zwölf Benefizkonzerten aufgeführt. Kurz vor ihrem 88. Geburtstag hatte letztes Jahr der Dokumentarfilm „Die Liedermacherin von Botnang Weltpremiere und erfreut sich seitdem begeisterter Reaktionen auf Festivals in den USA und Deutschland. Hier ist Gerda Herrmann im Gespräch mit dem Regisseur des Films.

ein Gast-Interview von Regisseur Alexander Tuschinski


Frau Herrmann, unser Film „Die Liedermacherin von Botnang lief im Februar in Los Angeles auf dem Hollywood Reel Independent Film Festival und hat jetzt einen Preis in Texas verliehen bekommen. Was für Lieder haben Sie in dieser Zeit geschrieben?

Nach dem Gedicht „Frühlingsbotschaft“ von Heinrich Heine habe ich zwei sehr ernste Texte von Renate Weber „WARUM?“ und „Wie leben wir?“ vertont, in denen es um vorwurfsvolle Fragen der Jugend an uns Ältere und um Umweltschutz geht. Dann bekam ich einen fantasievollen Text „Die Mondscheintänzerin“ per E-Mail von Susanne Fügener, der mich gleich zu vielen Sechzehntel-Noten verführte, opus 404.

Sie haben auch zahlreiche eigene Gedichte verfasst und vertont. Wie wählen Sie Themen und Form für eigene lyrische Texte? Gibt es Phasen, in denen Sie lieber Melodien schreiben, und andere, in denen Sie lieber Texte verfassen?

Nein, eigentlich nicht. Ich suche nicht nach Gedichten, doch oft schon hat mich ein Gedicht auf der Rückseite eines Pötschke-Kalenderblatts „verführt“, von Annette von Droste-Hülshoff, Joachim Ringelnatz, Arthur Schnitzler, Walther von der Vogelweide und vielen anderen. Eigene Texte entstehen, wenn mich persönliche Erfahrungen oder die Nachrichten aus aller Welt gedanklich umtreiben, bis sie in gereimten Worten klaren Ausdruck finden. Das ist meine Form der „Verarbeitung“, dann geht‘s mir besser.

Sie sagten einmal, Ihr Motto sei „den Mut nicht verlieren und auch nicht den Humor“. Wie zieht sich dieses Motto durch Ihr Leben und Werk?

Es ist wohl eine gewisse Resilienz, die mir geholfen hat, auch schwierige Phasen im Leben durchzustehen – und es gab recht viele davon! Und ich leide mit, wenn es in der Familie oder im Freundeskreis Trennungen, schwere Krankheiten oder Tod gibt. Sehr bereichernd war das Kennenlernen der besonderen, oft humorvollen Gedichte von Herrn Fritz Klumpp, von denen ich manche vertont habe. Unvergesslich ist mir das Lachen unseres Pfarrers, als die „Schneckenliebe“ – sie gehörte zu den ersten Vertonungen 1984 – beim „Nachmittag für die ältere Generation“ gesungen wurde. Solche Erlebnisse bringen mich auch viele Jahre später noch zum Schmunzeln. Wenn ich unterwegs bin, versuche ich oft, andere Menschen zum Lächeln zu bringen. Schon als Kind ist es mir manchmal passiert, dass ich bei einer komischen Situation einen Lachkrampf bekam, den ich „verstecken“ musste.

Sie haben in Ihrem Leben verschiedene Zeiten und gesellschaftliche Entwicklungen erlebt. Aufgewachsen im dritten Reich, Bombenangriffe auf Stuttgart, dann Wirtschaftswunder, Wiedervereinigung, die zunehmende Digitalisierung … Was für Entwicklungen über diesen langen Zeitraum faszinieren Sie besonders? Schlagen sich diese Gedanken darüber auch in Ihrem Werk nieder?

Faszinierend finde ich eigentlich nichts, ich habe keine Schwäche für „Trends“, für den Mainstream. Ich sehe stets Positives – wie auch jetzt in der Corona-Krise das beeindruckende Verhalten vieler Menschen im Einsatz für andere. Ich nehme jedoch auch das Negative wahr, den Abstand zwischen arm und reich, weltweit so viel große Not und Elend, auch durch Kriege mit Waffen aus deutscher Rüstungsindustrie. Mein erstes Gedicht habe ich 1972 verfasst, als ich für einen Gottesdienst in der Friedenskirche in Stuttgart zugunsten von Amnesty International für die dortige Band um einen Text gebeten wurde. „Gefangen und vergessen“ wurde von Wolfgang Kütterer berührend vertont. Der Widerstand gegen das Bahnprojekt „Stuttgart 21“ beschäftigt mich ebenfalls sehr, habe ich doch auf Gleis 16 des Hauptbahnhofs im April 1944 meinen Papa das letzte Mal gesehen. So entstand das Gedicht „Rote Karte“ für Oberbürgermeister Schuster, welches ich ihm zusandte und auch vertonte. Beim Benefizkonzert haben viele Zuhörer begeistert applaudiert, es gab aber danach auch Kritik …

Ihr Vater war kein Freund des Nazi-Regimes, wurde als Soldat eingezogen und fiel 1944 an der Front. Wie ein roter Faden taucht eine deutliche Anti-Kriegs-Botschaft immer wieder in Ihren Werken auf. Wie haben Ihre eigenen Erfahrungen im zweiten Weltkrieg Ihre Lebenseinstellung geprägt?

Ich denke, diese Erlebnisse haben mir den Blick aufs Wesentliche geschärft. Ich bin sehr dankbar für alles Lebendige in der Natur und dass ich mich in meinem Alter noch auf eigenen Beinen fortbewegen kann. Altersbedingte Schwächen wie nachlassendes Namensgedächtnis u. ä. nehme ich mit Humor.

1923 schrieb Ihr Vater in sein Tagebuch ein Liebesgedicht, welches Sie 2013 vertonten. Wie kam es dazu, und hat er noch weitere Gedichte hinterlassen? Spielte Lyrik und Musik eine wichtige Rolle, als Sie aufwuchsen?

Es hat mir immer sehr gefallen, wenn meine Mutter Zither spielte. Mit dem kleinen Erbe meiner verstorbenen Großmutter kauften meine Eltern ein Klavier für 900 RM, das heute bei unserer Tochter in Freiburg steht. Knapp drei Jahre hatten meine Schwester Doris und ich sehr bescheidenen Klavierunterricht: Nichts Klassisches, nur Salon-Musik … Nachdem unsere Schule wegen der Luftangriffe ab 1943 dann nach Metzingen verlagert wurde, versuchte ich, selber weiterzukommen, obwohl es kaum Noten gab.

Dass Papa als zwanzigjähriger ein Gedicht verfasst hat, hat er uns nicht verraten. Er hatte wenig Zeit für die Familie: Er war nebenberuflich als Vorstand und Geschäftsführer einer Baugenossenschaft tätig – von den Bankdirektoren der Deutschen Bank, bei der er gelernt hatte, angeregt – und Sonntagsspaziergänge gingen auf Baustellen … Sein Liebesgedicht habe ich zufällig in seinem kleinen Tagebuch entdeckt, 90 Jahre nachdem er es in der schwierigen Zeit der Wirtschaftskrise und Inflation 1923 verfasst hatte. Es hat mich tief berührt und umgehend zum Vertonen verführt.

Wie viel Zeit vergeht bei Ihnen üblicherweise von der erster Idee bis zum fertigen Lied? Wie entscheiden Sie sich für Melodie, Begleitung, Tonart? Planen und entwerfen Sie ausgiebig, oder entstehen Ihre Werke eher aus spontaner Intuition? Hat sich Ihr Stil über die Jahre gewandelt, und experimentieren Sie gerne mit verschiedenen Genres?

Ich setze mich mit dem Text an den Flügel, mit der linken Hand suche ich die passende Melodie, mit der rechten Hand werden die Noten auf Notenpapier skizziert. In den ersten Jahren habe ich vielseitiger vertont, auch mal für zwei oder drei Stimmen. Melodie und Klavierbegleitung sind in den letzten Jahren einfacher geworden, was wohl an den „fingertechnischen“ Möglichkeiten im Alter liegen mag oder an der Maxime: „Mensch, werde wesentlich!“ Seit ich das capella-Programm am PC nutze, gebe ich die Melodie ein – ich muss Takt, Tonart, Viertel-/Achtel-Noten, Tonhöhe einzeln eingeben, nichts automatisch, dann wird’s ausgedruckt und immer wieder am Flügel gespielt, verändert, bis dann die Melodie steht und die Begleitung gesucht und gefunden werden muss. Das kann durchaus ein längerer Prozess sein, bis ich auch diese eingegeben habe und das Lied fertig ist.

Mein Stil ist nicht modern, wohl am ehesten der Romantik zuzuordnen. Nach dem Konzert im März 2018 hat Herr Karl Wilhelm Berger, langjähriger Dirigent des Botnanger Liederkranzes zu mir gesagt: „Sie sollten öfter einen Tango machen!“ Das war der Impuls, mein „Motto“ als Tango zu vertonen, was mir gar nicht leicht fiel.

Mir fiel auf, dass Sie in Ihren Liedern und Gedichten teils tagespolitische und weitere aktuellen Themen aufgreifen. Sehen Sie sich als politisch engagierten Mensch?

Oh ja, sehr. Als Mutter von zwei Kindern fand ich unerträglich, dass in anderen Ländern Väter oder Mütter von den Kindern weg inhaftiert, gefoltert wurden, obwohl sie nur schlimme Verhältnisse verbessern wollten, also „Gewissensgefangene“ waren. Deshalb engagierten wir uns für Amnesty International ab 1968, haben Flugblätter verteilt, Veranstaltungen organisiert und vor allem sehr viele Briefe an Mächtige in aller Welt, sogar an den Schah von Persien, geschrieben. 1972 war die Geburt meines dritten Kindes für mich Grund, aufzuhören, was mir schwer fiel, weil Amnesty immer noch wichtig war und ist.

Das Schicksal von Tatjana, die wegen Leukämie nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Robert-Bosch-Krankenhaus verstorben ist (wir hatten für ihre Behandlung gespendet), hat mich so bewegt, dass ein wichtiges Gedicht entstand und die Vertonung für drei Stimmen, eines meiner besten Lieder. Auch „Menschen auf der Flucht“ ist ein politisches Lied.

Künstler in den USA haben „Die Liedermacherin von Botnang gesehen und äußern sich sehr positiv über Sie und Ihr Werk. Darunter ist Stephen Kalinich, der Texte für die Beach Boys, Paul McCartney und andere schrieb. Wie sehen Sie diese internationale Anerkennung?

Dieses Echo tut mir unendlich gut. Wann immer ich an die Worte von Stephen Kalinich „I love her“ denke, geht ein strahlendes Lächeln über mein Gesicht, das eine ganze Weile anhält. Berührend sind für mich auch die Worte von Miles Kreuger und die Rezension von Richard Propes. Mit Lob bin ich in meinem Leben nicht „überschüttet“ worden … Aber wer bekommt mit 88 noch „Liebeserklärungen“ aus Kalifornien? Eine sehr schöne Erfahrung ist auch, wie sich meine Familie und Freunde mit mir darüber freuen.

Ich finde es sehr inspirierend, dass Sie einfach aus Ihrem Schaffensdrang heraus, ohne kommerzielle Absicht, künstlerisch aktiv sind. Zudem unterstützen Sie als Gründungsmitglied des Förderkreis Kreatives Schreiben und Musik e.V. junge Autoren, indem Sie in Anthologien deren Texte veröffentlichen. Welche Botschaft geben Sie Menschen mit, die auch gerne als Autodidakt kreative Werke schaffen möchten?

Einfach dem inneren Impuls nachgeben, sich von Fall zu Fall Rat holen und  technische Möglichkeiten – wie bei mir das capella-Computerprogramm – nutzen. Und sich nicht entmutigen lassen, wenn es etwas länger dauert, bis das Umfeld ja sagt und gut findet, was entstanden ist. Vielleicht kommt dann irgendwann – so wie bei mir – ein engagierter Mensch mit einer tollen Idee und setzt diese professionell mit einem Dokumentarfilm preisgekrönt um!


„Die Liedermacherin von Botnangvon Alexander Tuschinski:

Quelle: YouTube

Mehr über Regisseur und Filmemacher Alexander Tuschinski im Interview von Schauspieler Thomas Goersch.

Neue Buchtipps für die Quarantäne

Lesen hilft so oder so. Ob zur Ablenkung in der Quarantäne oder zur Einordnung von Isolation, Wahnsinn, Leben und Tod. Moment, das Intro kommt dir bekannt vor? Gut aufgepasst: Vor sechs Wochen sind hier schonmal Buchtipps für die Quarantäne erschienen. Hier kommen neue.


Stefan Weigand empfiehlt …

Die Straße von Cormac McCarthy

Es gibt Bücher, die sind wie Kometen: Man begegnet ihnen, liest sie, stellt sie ins Regal – und Jahre später kommen sie wieder ins Leben zurück. „Die Straße“ ist für mich so ein Buch.

Bestimmt ist es mehr als vier Jahre her, als ich die Erzählung zum ersten Mal gelesen habe. Nun, in Corona-Zeiten, fiel das Buch mir wieder in die Hände. Ein kurzes Blättern, und die vielen Bilder und klaren Szenen waren gleich wieder präsent. Cormac McCarthy zeigt hier seine großartige Erzählkunst in Perfektion. Kein Wunder, dass er hierfür 2007 den Pulitzer-Preis bekam.

Die Story selbst ist schlicht. Das Szenario ist die USA in einer Endzeitsituation. Es gibt kaum noch Menschen, eine moderne Infrastruktur ist so gut wie nicht mehr vorhanden. In dieser Welt macht sich ein Vater mit seinem Sohn auf dem Weg. „Wenn er im Dunkel und in der Kälte der Nacht im Wald erwachte, streckte er den Arm aus, um das Kind zu berühren, das neben ihm schlief.“ Wenn ein Roman so beginnt, dann ist klar: Der Leser bleibt nicht auf Distanz, sondern soll mitkommen auf diesen Weg, der an die Küste führen soll. Man begibt sich nicht unbedingt gerne, aber eben unweigerlich in die Obhut der beiden.

Warum die Reise eigentlich an die Küste gehen soll? Was erwarten die beiden dort? Die Fragen bleiben unbeantwortet. Wie eine Sehnsucht, die gar nicht näher bestimmt ist, entwickelt sich dadurch der Sog, der den Roman so bestimmt.

Die Straße wirkt wie ein Vakuum: Sie zieht einen hinein in die Geschichte. Es gibt Begegnungen mit anderen Menschen; kalte Nächte und die Suche nach Essen dominieren den Alltag. Doch das Eigentümliche und auch wundervoll Rätselhafte an der Erzählung ist, dass das Vakuum tatsächlich leer bleibt. Vielleicht ist es so, dass in einer Welt, in der alles infrage gestellt ist, allein schon die Erkenntnis trägt: Jede Leere ist mehr als das Nichts.

Die Straße erschien in der Übersetzung Nikolaus Stingls mit 256 Seiten bei Rowohlt.

Bild: © Stefan Weigand

Katharina van Dülmen empfiehlt …

Die Zeit, die Zeit von Martin Suter

Die Tage in der Quarantäne sind alle gleich. Oder ist es immer derselbe Tag, den wir erleben? Denn wer sagt denn, dass Zeit vergeht? Martin Suters „Die Zeit, die Zeit“ basiert auf der Theorie, „dass es keine Zeit gibt. Es gibt nur die Veränderungen. Wenn diese ausbleiben, steht das, was wir Zeit nennen, still.“

Eigentlich will Peter Taler nur den Tod seiner Frau Laura rächen: Ihren Mörder finden, umbringen und dann Selbstmord begehen. Anders sein alter Nachbar und Zeitnihilist Knupp, der ebenfalls um seine Frau trauert: Der will nämlich einen Moment wiederherstellen, an dem Martha noch lebt, und  ihren Tod verhindern. Taler soll ihm helfen, sträubt sich aber zunächst. Doch Knupp hat etwas, das er braucht, um Lauras Mörder zu finden. Und was ist, wenn sein seltsamer Nachbar recht hat? Wenn es stimmt, dass die Zeit nicht existiert? Dass ein bestimmter Moment wiederhergestellt werden kann, indem alle Veränderungen aufgehoben werden? Dann bestünde ja die Chance, Laura wiederzusehen.

Das Faszinierende an Suter ist doch, dass er das scheinbar Unmöglichste, ja, Unglaubwürdigste, mit einer Leichtigkeit und einer Portion Sachlichkeit glaubhaft macht. Sei es ein rosaroter leuchtender Elefant oder eben das Zurückdrehen der Zeit – alles ist möglich, ergibt Sinn, ja, ist logisch, verständlich und spannend zugleich. „Die Zeit, die Zeit“ ist einer der besten Romane Suters. Und die Zeit in der Quarantäne sollte genutzt werden, um ihn zu lesen.

Dabei könnte es sein, dass die Leser٭innen der Ausgabe von 2012 einen anderen Schluss lesen als die einer Ausgabe nach 2015. Denn laut Tages-Anzeiger hat Suter das Ende noch einmal umgeschrieben. Das würde ja heißen, beide Fassung existieren trotz Veränderung zur gleichen Zeit. Explodierender-Kopf-Emoji.

Die Zeit, die Zeit erschien bei Diogenes und hat 304 Seiten.

Bild: Katharina van Dülmen

Martin Kulik empfiehlt …

Utopien für Realisten von Rutger Bregman

Nicht verzagen, Bregman fragen.

Der junge niederländische Historiker Rutger Bregman hat in den letzten Jahren Aufsehen erregt. Nicht nur durch seine Wutrede gegen die Reichen auf dem Weltwirtschaftsgipfel 2019 in Davos, sondern auch durch seine kämpferischen und visionären Bücher. Und es gibt wohl kaum einen besseren Zeitpunkt als jetzt, sich Gedanken darüber zu machen, wie unsere Zukunft aussehen sollte. Die COVID19-Pandemie sorgt dafür, dass einige der Utopien, die Bregman in seinem Buch „Utopien für Realisten“ vorstellt, gar nicht mehr so weit von unserem Alltag entfernt scheinen: so stellt er uns beispielsweise die 15-Stunden-Woche als Antwort auf die Digitalisierung der Arbeit und das bedingungslose Grundeinkommen als realistische Option vor.

Bregmans Rede in Davos:

Quelle: YouTube

Doch Bregman ist nicht nur utopischer Realist, sondern auch Optimist. In seinem aktuellen Buch „Im Grunde gut“ stellt er eine These vor, die sich in der aktuellen Lage noch bewähren muss – der Mensch, so Bregman, sei im tiefsten Kern seines Wesens gut. Damit meint er vor allem, dass der Mensch eben nicht nur auf den eigenen Vorteil bedacht, sondern ein soziales, sanftmütiges und solidarisches Geschöpf ist. In Zeiten, in denen im Supermarkt kein Klopapier mehr zu finden ist, sicher eine steile Behauptung, die dem Pessimismus der plötzlichen Krise aber erfrischend widerspricht. „Das wahre Problem unserer Zeit ist nicht, dass es uns nicht gut ginge oder dass es uns in Zukunft schlechter gehen könnte. Das wahre Problem ist, dass wir uns nichts Besseres vorstellen können.“, sagt Bregman. Versuchen kann man es ja mal …

Utopien für Realisten erschien in der Übersetzung Stephan Gebauers bei Rowohlt und hat 304 Seiten.


Gregor van Dülmen empfiehlt …

Miroloi von Karen Köhler

Karen Köhlers Debütroman Miroloi warnt vor sozialen Gefahren dauerhafter Isolation, und ist damit im Moment noch aktueller als bei seinem Erscheinen letzten Sommer.

Das Buch erzählt aus dem glücklosen Leben einer namenlose Protagonistin, die als Findelkind in einem fast völlig von der Außenwelt abgeschnittenen Dorf auf einer abgeschlagenen Insel aufwächst und systematisch gemobbt und misshandelt wird. Eigentlich ließe sich die Geschichte locker in ein historisches Setting übertragen, zumal sie Informations- und Machtmechanismen nachzeichnet, die geschichtlich schon zu manchem gedanklichen und gesellschaftlichen Rückschritt geführt haben. An manchen Stellen würde man sich das sogar wünschen. Doch Köhler wählt einen fiktiven Handlungsraum, um die Kausalketten, passend zum Thema, zu isolieren. Das hat den entscheidenden Vorteil, dass sie mit Konservatismus, religiösem Fanatismus und dem Patriarchat abrechnen kann, ohne konkrete Personen zu diffamieren. Auch wenn Miroloi teilweise karg und rau erzählt ist, ist Köhler damit ein lesenswertes, wichtiges Buch gelungen. Nicht zuletzt zeigt es uns, wie gut wir es haben, dass das Internet noch vor COVID-19 erfunden wurde. Besonderes Highlight: Miroloi wird mit einem Hannah-Arendt-Zitat eingeleitet und diesem voll und ganz gerecht.

Miroloi erschien bei Hanser und 463 Seiten.

Bild: © Katharina van Dülmen