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Macht Geld glücklich? Clemens Berger: Im Jahr des Panda

Im seinem neuen Roman Im Jahr des Panda nimmt sich Autor Clemens Berger einer ganz klassischen Frage an: Macht Geld glücklich? Er nimmt uns mit auf eine Abenteuerreise, die seine Figuren durch die halbe Welt führt – ständig auf der Suche nach sich selbst. Unter dem oberflächlichen Label der Kapitalismuskritik geht es dem Buch eigentlich um eine Reflektion der Widersprüchlichkeit menschlicher Begehrlichkeiten.


“Im Jahr des Panda” – Über Wertigkeit und Aussteigerträume

Geld ist schon eine seltsame Sache. Die kleinen Scheine und Münzen repräsentieren einen Wert. In ihnen steckt das Versprechen, zu einer anderen Zeit oder an einem anderen Ort einen Gegenwert zu erhalten, über den man selbst frei verfügen kann. Geld ist damit für viele mehr als nur ein Zahlungsmittel – es verspricht Möglichkeiten frei zu sein und zu leben. Wir arbeiten, um frei zu sein – ist das nicht paradox?

Zu diesem Schluss kommen auch Pia und Julian, die Abend für Abend Geldautomaten mit riesigen Mengen von Banknoten befüllen und dafür selbst ziemlich mies bezahlt werden. Aus dem was-wäre-wenn-Feeling, das in dieser monotonen Situation in der Luft liegt, entwickelt sich erst eine Beziehung zwischen den beiden und schließlich die fixe Idee nach dem ganz großen Ausstieg. Was könnte das junge Paar für ein Leben führen, wenn sie sie statt einen der Geldautomaten einfach mal ihren Kofferraum mit den frisch gedruckten Scheinen vollstopfen würden?

Für Autor Clemens Berger gibt es nur einen Weg, diese Frage zu beantworten: Er lässt seine Protagonisten den Kopfsprung ins Ungewisse wagen und schickt sie nach dem Raub einer halben Millionen Euro auf eine Abenteuerreise quer durch die ganze Welt. Neben der Geschichte von Julian und Pia gibt es noch zwei andere Handlungsstränge: Den  des exzentrischen aber steinreichen Künstler Kasimir Ab, der eines Tages einfach beschließt, die Sicherheit seines Luxusateliers hinter sich zu lassen, und der Tierpflegerin Rita, deren unauffälliges Leben durch die Geburt eines kleinen Pandajungen gründlich auf den Kopf gestellt wird.

Bergers großes Thema in allen diesen miteinander verwobenen Erzählsträngen ist der Wunsch nach einem Neuanfang – oder mehr noch: die Sehnsucht nach dem Ausbruch aus einem bekannten und normierten System.

Das soziale Tabu des Toilettenpapiers

Dieses Thema wird von Berger innerhalb des beinahe 700 Seiten langen Romans mit einer Vielzahl von erzählerischen Mitteln entwickelt. Im Jahr des Panda ist eine Mischung aus Reise-, Liebes-, Kriminal- und Gesellschaftsroman, der es kunstvoll versteht feine prosaische Alltagsbeobachtungen mit experimentell anmutenden Erzählformen zu verbinden.

So beschreibt die junge Geldautomatendiebin in Spe, Pia, zum Beispiel das seltsame Gefühl des sozialen Stigma, wenn man im Supermarkt eine XXL-Packung Toilettenpapier kauft: “Ganz schön was vor”, denken sich die Leute in Pias Vorstellung, die sie anschließend offensiv mit ihren erworbenen Papierrollen konfrontiert und so die Grenzen des Anständigen missachtet.

Durch solche Kurzepisoden lässt uns Berger sehr behutsam mit seinen Figuren in Kontakt kommen. Pia etwa ist eine mutige junge Frau, die sich nicht von gesellschaftlichen Konventionen einengen lassen will und auch bereit ist, sich gegen Widerstände zu behaupten. Ganz anders verhält es sich bei der Tierpflegerin Rita, die ein zurückgezogenes und ängstliches Leben führt. Erst nachdem Pandamutter Fu Mao ein Junges wirft, das nur Rita betreuen darf, beginnt sie die Welt mit anderen Augen zu sehen. Diese neue Perspektive kann Rita nur vermitteln, indem sie anfängt, ein Tagebuch aus der Sicht des Neugeborenen zu schreiben.

Die Metapher des Panda

Dass ein Teil des Romans gerade aus der Perspektive eines Panda geschrieben ist, ist sicher kein Zufall. Pandas eignen sich hervorragend für die Paradoxie der Begehrlichkeit, die Berger aufzeigen möchte. Die vom Aussterben bedrohten schwarz-weißen Bären sind eine Kuriosität der Natur. Sie stopfen tagtäglich riesige Mengen von Bambus in sich hinein, um ihren Nährstoffbedarf zu decken – doch eigentlich stecken die drolligen Riesen in einem Körper, der viel besser für den Fleischkonsum geeignet wäre. Pandas haben sich das Image der tollpatschigen Faulenzer angeeignet, deren Alltag so mit basaler Bedürfnisbefriedigung gefüllt ist, dass sie sogar zu faul sind, sich zu paaren.

Seltsamerweise ist der Panda für den Menschen aber auch zu einem Symbol des Artenschutzes geworden – oder wie Berger formuliert: ein Symbol dafür, wie man eine Art mit viel Geld erhalten kann, die nachher nur noch fähig ist, in den Grenzen ihrer Gefangenschaft zu überleben. Diese Gegenüberstellung von scheinbarer Freiheit innerhalb unüberschreitbarer Grenzen ist eine Grundstruktur, die auch uns Menschen bestens bekannt ist.

Freiheit, Lust und die bittere Erkenntnis der Begrenztheit

Die Tatsache, dass Pandas Sexmuffel sind, ist sicher auch dadurch bedingt, dass sie sprichwörtlich alle Hände voll damit zu tun haben, ihr Überleben zu sichern. Lust am Sex hat in dieser Interpretation etwas mit dem Gefühl von Freiheit zu tun. Pia etwa wird kurz nach dem Diebstahl des Geldes auf dem Weg nach Slowenien so von ihrer Lust überwältigt, dass sie noch im Auto über Julian herfällt. Ihre Ekstase spiegelt die ungebändigte Freude darüber, aus einen eingeengten Leben ausgebrochen zu sein – und wird prompt durch zwei Streifenpolizisten gebrochen, die unmittelbar nach dem beidseitigen Höhepunkt ans Autofenster klopfen.

Pia steht nun also vor diesen Ordnungshütern, während ihr noch die Körperflüssigkeiten des gerade erst beendeten Quickies an den Schenkeln herunterlaufen und soll sich für den Geruch eines Joints rechtfertigen, den Julian kurz vorher im Auto geraucht hatte. Pia und Julian müssen kurz nachdem sie ihre neu gewonnene Freiheit zelebriert haben schon wieder um alles bangen, denn sie haben schließlich den ganzen Kofferrraum voller gestohlener Banknoten.

Ironischerweise ist ein Teil dieses Geldes, das sie in diesem Moment schwer belastet, auch der Ausweg aus ihrer misslichen Lage. Die Polizisten lassen sich bestechen, Pia und Julian können ihr Abenteuer fortsetzen. Berger will hiermit zwei Dinge sage: Erstens ist im kapitalistischen Gefüge alles auf Geld ausgerichtet und zweitens schränkt Geld uns genau aus diesem Grunde auch in unserer Freiheit ein. Denn selbst wenn man es für einen scheinbaren Ausbruch aus diesem System benutzt, kann man sich ihm trotzdem nicht vollständig entziehen.

Gestohlenes Geld ist mehr wert

Clemens Berger hat mit  Im Jahr des Panda einen klugen und gefälligen Roman geschrieben, der dem Leser seine Interpretationsmöglichkeiten nicht vorschreibt. Ohne die Entwicklung der einzelnen Abenteuerreisen vorwegzunehmen, kann man sich trotzdem an die Eingangsfrage “Macht Geld glücklich?” wagen. Pia und Julian reflektieren gegen Ende ihrer Reise nicht nur die Rolle des Geldes, sondern auch ihre eigenen Begehrlichkeiten:

“Scheiß Geld.”

“Nicht das Geld, Julian. Das ist nicht das Problem. Die Frage ist, was man damit anstellt.”

“Ich wollte doch nur -”

“Eben. Und wofür? Für deinen Kleinbürgertraum?

Pia steht in Bergers Roman exemplarisch für einen Freigeist, der Geld nur als Mittel nutzt, um aus seinen eigenen Schranken auszubrechen. Während Julian sich während der kompletten Handlung nie von seinem normierten Weltbild lösen konnte, ist Pia ein Symbol für das Ideal, welches Berger propagiert: Sei mutig. Habe keine Angst davor Umwege zu gehen. Mach was draus.

Eigentlich ja ganz nett. Steht so aber auch in jedem Poesiealbum, das man für 5,99 € am Kiosk erwerben kann. Vielleicht sogar mit Panda auf dem Cover.


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Clemens Berger: Im Jahr des Panda

Roman, gebunden, 24 €

ISBN: 9783630875316

erschienen 19. September 2016

Luchterhand Literaturverlage

 


Beitragsbild: Martin Kulik

 

Die Evolution des Superhelden – ONE PUNCH MAN

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Superhelden sind ein elementarer Bestandteil der gegenwärtigen Popkultur. Obwohl sie übermenschliche Kräfte haben, bieten sie uns durch ihre Schwächen und Fehler Identifikationspunkte und erlangen moralische Fallhöhen.  Durch diese basalen Story-Telling-Elemente lässt sich der Erfolg des Superheldengenres erklären, welches die Nische der Comics längst verlassen hat. Doch was passiert, wenn man diese Grundzutaten des Erfolgsrezeptes “Superheld” abändert?


Warum mögen wir Superhelden?

Gehen wir zunächst auf die Frage “Warum mögen wir Superhelden?” ein. Um diese Frage zu beantworten lohnt sich ein (sehr verkürzter) Rückblick auf einige Archetypen des Superheldengenres. Ich möchte hier stellvertretend auf zwei der bekanntesten Superhelden eingehen: Superman und Batman.

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Ausgabe Action Comics #1 von 1938

Superman war wohl der erste richtige Superheld der Comicgeschichte. 1938 erschien Superman zuerst auf dem Cover eines DC-Comics. Der im normalen Leben als Clark Kent auftretende “Man of Steel” wartet mit übermenschlichen Kräften auf – er ist unverwundbar, hat immense Kraft, gesteigerte Sinne und kann fliegen. Kurzum: Superman ist die übersteigerte Version der Unbesiegbarkeit. Genau diese Überhöhung ist aus narrativer Perspektive schwierig. Wie soll sich der Leser mit einem – für ihn sehr fremden – Superhelden identifizieren?

Hier haben sich die Macher zwei kluge Gedanken gemacht: Erstens verpassen sie Superman das Alter Ego Clark Kent – eine Manifestation des Durchschnitts, die seine menschliche Seite plakativ zeigt. Durch Clark Kent wird nicht nur Vertrautheit beim Rezipienten erweckt, gleichzeitig wird auch der Wunsch bedient, aus dieser Durschnittswelt auszubrechen und vom normalen Bürger zum Superhelden zu werden. Zweitens hat Superman mit dem Kryptonit einen Schwachpunkt, der Scheitern möglich macht. Dadurch wird der Spannungsbogen hochgehalten – Superman ist nicht unantastbar.

Die zweite ikonenhafte Figur aus dem Univserum der Superhelden ist Batman. Das interessante an Batman im Gegensatz zu Superman ist, dass er keine direkt übermenschlichen Fähigkeiten besitzt. Batman ist ein normaler Mensch, der mit modernster Technik und hartem Training seine eigene Begrenztheit überwindet. Des Weiteren liegt in der Geschichte von Bruce Wayne aka Batman ein viel höheres Augenmerk auf der Charakterentwicklung. Bruce Wayne ist ein zutiefst verstörter und kaputter Charakter, der ständig vor dem Dilemma steht, sich seiner dunklen Seite zu entziehen und sich auch in seinem Fledermauskostüm seine Menschlichkeit zu erhalten. Batman erhält so eine moralische Fallhöhe, die der Geschichte Tiefe verleiht und den Leser fasziniert.

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Batmans moralisches Dilemma den “Joker” betreffend.

 

 

 

 

 

 

 

Es gibt natürlich in der Geschichte des Superhelden-Narrativs noch viele weitere Erzählstrategien und Ausprägungen, doch für unsere Zwecke reicht festzuhalten: Superhelden müssen Identifikationspotentiale für den Rezipienten bieten. Zwei Möglichkeiten diese Potentiale zu erschaffen, sind dem Held Schwächen und moralische Fallhöhen zu verpassen.

ONE PUNCH MAN – ein Bruch mit der Konvention?

Sprung ins Jahr 2009. Comicverfilmungen sind der Renner im Kino. Batman, Spiderman, Ironman, Wachtmen… die Liste der Blockbuster lässt sich beliebig fortsetzen. Superhelden haben den Sprung aus der Nische geschafft. Das bewährte Erfolgsrezept fruchtet immer noch. Doch in einer anderen Nische traut man sich noch zu experimentieren. In Japan, wo Comics “Mangas” heißen, läuft eine neue Webcomicserie des Künstlers ONE unter dem Titel ONE PUNCH MAN an. Später erschien der Manga auch als digitales Remake und 2015 schließlich auch als animierte Fernsehserie.

Die Serie folgt dem glatzköpfigen Saitama, der in der fiktiven Stadt Z gegen allerlei Monster antritt. Saitama bricht dabei die Konvention des Superhelden Narrativs gleich mehrmals. Der durchschnittliche junge Mann ist nämlich nur aus Spaß ein Held geworden. Nachdem er gegen ein auftauchendes Monster nichts ausrichten konnte, trainierte er einige Jahre und war plötzlich enorm stark – so stark, dass er nun jedes Monster mit nur einem Schlag besiegt, was ihm später auch den Superheldennamen ONE PUNCH MAN einbringt.

Zu Beginn der Handlung verspürt Saitama deshalb vor allem eins: Langeweile. Egal welcher lautstarke und spektakuläre Gegner sich ihm in den Weg stellt, am Ende zerplatzen sie alle nach nur einem Schlag und lösen alles andere als Ehrfurcht bei Saitama aus.

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Saitama is not impressed. Auszug aus der Single Issue des originalen Webcomics (entnommen von mangareader.net)

Saitama sehnt sich nach einer Herausforderung, nach einem Kampf, der ihn mal wieder in Aufregung versetzen kann. Ein Superheld, der sich unterfordert fühlt? Das ist mal was anderes.

Die unerklärte Übermenschlichkeit des Durchschnittsbürgers

Eine Frage, die natürlich sofort im Raum steht: Wie kam Saitama zu den übermenschlichen Fähigkeiten, die es ihm erlauben die mächtigsten Gegner scheinbar mühelos auszuschalten? In der Welt von ONE PUNCH MAN gibt es vielfältige Superhelden, die ihre Kraft z.B. durch genetische Manipulation, Cyborgtechnik, Psykräfte oder ihre außerirdische Herkunft erlangen. Doch keiner dieser Helden kann auch nur ansatzweise mit Saitama mithalten. Als Erklärung seiner Kräfte führt der ONE PUNCH MAN schließlich folgendes Trainingsprogramm an:

Er habe über einen Zeitraum von 3 jahren jeden Tag folgende Übungen ausgeführt:

100 Liegestütz

100 Situps

100 Kniebeugen

10 km Lauf

und drei ausgewogene Mahlzeiten zu sich genommen.

Die Erklärung von Saitamas Kraft. Auszug aus Staffel 1 des OPM Animes aus dem Jahre 2015 ; Quelle: Youtube

Diese Erklärung löst natürlich prompt Empörung aus. Ein Superheld, der 50 Meter große Monster mit einem Schlag auf die Matte schickt, soll über ein durchschnittliches Fitnessprogramm zu seinen Kräften gekommen sein?

Hier zeigt sich das gut umgesetzte parodistische Stilmittel von ONE PUNCH MAN. Außer Saitama sind viele der Helden und Monster völlig überzeichnet. Der glatzköpfige Protagonist und Held der Serie hingegen wirkt in seinem abgegriffenen Cape und den Reinigungshandschuhen reichlich deplaziert. Dieser Kontrast zwischen überzeichneter Effekthascherei und unbeeindruckter Normalität zeigt sich auch im Zeichenstil des Comics und der Animation. Die ist nämlich bezeiten auch bei Saitama sehr hochwertig, bricht aber in den parodistischen Momenten in buchstäbliche Strichmännchenzeichnung.

ONE PUNCH MAN karikiert die konventionellen Vorstellung und Erzählmuster des Superheldengenres, indem es für wichtig gehaltene Erzählstrategien unterminiert. Die Serie hat trotzdem einen international beträchtlichen Erfolg – woran liegt das?

Wie Parodie das Story-Telling des Superheldenthemas verändert

Zu Beginn dieses Artikels wurden zwei wesentliche Möglichkeiten angeführt, Superhelden dem Rezipienten näherzubringen: dem Held Schwächen geben und moralische Fallhöhen schaffen. Wie geht nun also ONE PUNCH MAN mit diesen Grundlagen des Storytelling um?

Saitama aka ONE PUNCH MAN hat zumindest im bisherigen Verlauf keine Schwächen. Er muss sich nicht einmal Mühe geben, wenn er die stärksten Gegner seines Universums besiegt (man vergleiche seine Spezialattacke: “consecutive normal punches”). Doch wie soll man als Zuschauer nun ein Interesse an einem Charakter haben, der so stark ist, dass sein Superheldenalltag ihn selbst langweilt?

Was hier auf narrativer Ebene geschieht, ist nichts anderes als eine Erwartungsspiegelung des Rezipienten. Im Falle von Superman etwa wissen wir relativ schnell, dass er mit Kryptonit verwundbar und besiegbar ist. Was uns hier also interessiert, ist die Frage “Wie setzt sich unser Held gegen seine eigenen Schwächen durch?” Im Falle von ONE PUNCH MAN lautet die Frage aber viel eher “Findet unser Held doch irgendwann seine Schwäche?”. Beide Fragen sind dafür geeignet einen Spannungsbogen aufzubauen.

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In einigen Momenten der Animation wird die wirkliche Kraft Saitamas offenbar. Auszug aus dem OPM Manga

Das zweite erwähnte Identifikationspotential des Aufbauens von moralischen Fallhöhen geht ONE PUNCH MAN auf einer tieferen Ebene an. Obwohl Saitama eigentlich nur aus Spaß ein Superheld geworden ist und sich auch nur widerwillig in die geordneten und öffentlichkeitswirksamen Heldenstrukturen seiner Welt einbindet, ist da doch ein versteckter Drang nach Anerkennung spürbar. Saitama sehnt sich insgeheim danach ein wirklicher Held zu sein, fordert diese Anerkennung aber nie ein. Die versteckte Tiefe der Serie besteht darin, dass sein Umfeld ihm trotz seiner offensichtlichen Fähigkeiten jegliche Anerkennung verwehrt – zu unglaublich ist es, dass dieser lächerliche glatzköpfige Durchschnitssmann diese unglaubliche Kraft besitzt. Saitama reagiert darauf aber nicht mit Bitterkeit, sondern mit Gelassenheit und fast einer gewissen Demut. Wie bereits Spiderman bemerkte “With great power comes great responsibility” – und so ist Saitama am Ende doch ein echter Held, indem er seine Verantwortung stillschweigend erfüllt.

ONE PUNCH MAN hat es geschafft das Superheldenthema parodistisch aufzugreifen, ohne es ins Lächerliche zu ziehen. Das klappt natürlich auch deshalb so gut, weil wir in den letzten 70 Jahren viel Erfahrung mit dem grundlegenden Storytelling des Superheldenthemas gesammelt haben. Eine Spiegelung dieser Erzählstrategien ist frisch und unterhaltsam – das findet auch eine weltweite OPM-Fangemeinde, die momentan gespannt auf die zweite Staffel des Anime wartet, die voraussichtlich 2017 veröffentlicht werden soll.


Beitragsbild: litreactor.com

Murakami: Von Männern, die keine Frauen haben

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Haruki Murakami hat die seltene Gabe uns mit seiner schlicht anmutenden Prosa eine intime Verbindung zu seinen Protagonisten aufbauen zu lassen. Auch in der Geschichtensammlung Von Männern, die keine Frauen haben gelingt ihm dieser Geniestreich.


Von autofahrenden Frauen und scheuen Schauspielern

Der mäßig erfolgreiche Schauspieler Kafuku hat ein Problem: Nachdem er leicht alkoholisiert seinen Führerschein verloren hat, braucht er einen Chauffeur. Und da Männer ihm beim Fahren immer den Eindruck von Nervosität vermitteln, hätte er gerne eine Frau, die zu seinen Theaterterminen fährt.

“Kafuku war schon mit vielen Frauen im Auto mitgefahren. Er unterteilte sie grundsätzlich in zwei Typen: Die einen fuhren ihm zu waghalsig, die anderen zu vorsichtig. Zahlenmäßig überwogen – glücklicherweise – die letzteren.”

Kafuku hat Glück, sein Automechaniker kann ihm eine junge Frau namens Misaki vermitteln, die Kafuku nach einer Probefahrt aufgrund ihrer ruhigen und sicheren Fahrweise sofort engagiert. Misaki ist keine Frau der “süßen Sorte”, doch die wortkarge, schroffe und bestimmte Art der Mittzwanzigerin interessiert den scheuen Kafuku. Nach einigen wortlosen Fahrten, die nur durch Misakis gelegentliche Raucheinlagen durchbrochen werden, stellt die Chauffeurin unvermittelt zwei Fragen, die Kafuku zum Nachdenken anregen: “Ist es als Schauspieler beglückend eine andere Person werden zu können?” und  “Warum haben sie eigentlich keine Freunde?” Diese zwei Fragen lösen Kafuku die Zunge. Er erzählt von seiner verstorbenen Frau – einer bildhübschen Schauspielerin mit dem Drang zu gelegentlichem außerehelichem Geschlechtsverkehr.  Er erzählt auch, dass er sich mit der letzten Affäre seiner Frau angefreundet hat, um herauszufinden, warum sie ihn gerade mit diesem Mann betrogen hat. Doch auch nachdem Kafuku erkannt hat, dass dieses Unterfangen aussichtslos ist,  trifft er sich weiter mit dem ihm, obwohl ihn die Bilder der Untreue verfolgen. Auf die Frage “Warum?” antwortet Kafuku:

“Hat man einmal ernsthaft eine bestimmte Rolle angenommen, ist es nicht leicht, sie abzulegen. Auch wenn sie seelisch darunter leiden. Sie können nicht mittendrin abbrechen, solange sie keine sinnvolle Stelle dafür finden. Es ist so ähnlich wie in der Musik, wo man ohne einen bestimmten Schlussakkord nicht zu seinem harmonischen Ende kommen kann…”

Die Kunst der oberflächlichen Unaufgeregtheit

Die Figur Kafukus in der ersten Geschichte des Bandes Von Männern, die keine Frauen haben illustriert einen prosaischen Stil, den Murakami bereits in seinem Bestseller Die pilgerlosen Jahre des farblosen Herrn Tazaki gepflegt hat. Ohne viele Schnörkel und fast aus der Distanz wird uns das Innenleben der Figuren präsentiert – und wir kommen ihnen dabei erstaunlich nah. Gerade weil manche emotionalen Zustände nur mit einer gewissen Distanz betrachtbar werden, affizieren sie uns um so mehr. Murakamis Prosa hat eine schlichte Magie, die es uns ermöglicht, seine Figuren nicht nur zu verstehen, sondern mit ihnen zu fühlen.

Kafuku etwa entscheidet sich nicht dazu, sich an dem Mann, mit dem seine Frau schlief, zu rächen – obwohl er es gekonnt hätte. Die eigentliche Beleidigung hat er nämlich nicht von ihm erfahren, sondern von seiner Frau, die den Grund für ihre Untreue mit ins Grab genommen hat. Die Frage, warum sie gerade diesen bestimmten Mann dazu ausgesucht hat, der nach Kafukus Einschätzung blass und formatlos ist, wird von Misaki mit einer ganz eigene Theorie beantwortet:

“Vielleicht fühlte sich Ihre Frau gar nicht zu ihm hingezogen. Und hat gerade deshalb mit ihm geschlafen. […] Manchmal tun Frauen sowas.”

Diese unverblümte Antwort trifft Kafuku so sehr, dass er nur schweigen kann und froh ist, dass Misaki nach ihrem Gespräch zu ihrer stoischen Art zurückkehrt.

Die verschiedenen Formen der männlichen Frauloskeit

Ingesamt sieben Geschichten präsentiert Murakami in Von Männern, die keine Frauen haben. Der verbindende Faktor ist, wie der Titel schon vermuten lässt, die Abwesenheit des weiblichen Geschlechts.

Doch die Art des Umgangs innerhalb der Geschichten unterscheidet sich erheblich – nicht alle fraulosen Männer sind so beherrscht wie Kafuku aus der Einführungsgeschichte. Spätestens, wenn der menschgewordene Käfer Gregor Samsa – nicht nur thematisch, sondern auch prosaisch eine Hommage an Kafka – mit seiner für ihn als Insekt etwas ungewohnten Erektion eine junge Dame verschreckt, wird klar: Murakami hat eine gute Mischung aus Tiefe und Unterhaltung gefunden. Nicht jede der sieben Geschichten ist so packend wie die des führerscheinlosen Kafuku, doch lesenswert sind sie allemal.


Beitragsbild: btb Verlag

“Hool” von Philipp Winkler – mehr als nur ein Schlägerroman

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Philipp Winklers Debütroman “Hool” erzählt die Geschichte des jungen Hooligans Heiko Kolbe, der sich durch den harten und dreckigen Alltag seines ganz persönlichen Absturzes quält. Der Roman hat es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2016 geschafft und wird von der Kritik bisher vor allem für seinen authentischen Einblick in eine sonst unzugängliche Welt gelobt. Dabei behandeln viele Rezensenten aber ein wichtiges Thema des Buches viel zu stiefmütterlich – “Hool” ist ein Familiendrama aus der Sicht des wütenden jungen Mannes.


 

Die Clemens Meyer-Formel? Über Autorenmarketing und Aufregerthemen

Als Philipp Winkler zum ersten Mal seinen Debütroman “Hool” vorstellte, ließen die unvermeidlichen Vergleiche mit Clemens Meyer nicht lange auf sich warten. Zugegeben – da gibt es schon einige Parallelen.

Clemens Meyer sprengte vor 10 Jahren mit “Als wir träumten” eine deutsche Literaturszene, die sich prosaisch oft irgendwo zwischen Anwaltssohn und Philosophieabsolvent bewegte. Mit Meyer stand plötzlich einer im Mittelpunkt, der aus einem Leipziger Arbeiterviertel kam und seine Figuren auch so zur Sprache kommen ließ. Einer, der über das Leben in den sozialen Brennpunkten schrieb und zwar nicht von oben herab, sondern aus der Innenperspektive. Meyer hatte damit nicht nur einen Ton getroffen, der die deutsche Romanlandschaft ordentlich aufgewirbelt hat, sondern er trat auch als Typ auf, der sich obendrein wunderbar vermarkten ließ – mit echten Tattoos am Autorenarm, echter Leipziger Schnauze und allem Drum und Dran.

Mittlerweile mögen deutsche Buchpreise diese Art von “literarischem Querschläger” sehr gerne. Clemens Meyer war mit “Als wir träumten” für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, den er 2008 für eine Geschichtensammlung dann auch gewann. 2013 schaffte er es mit dem Milieuroman “Im Stein” dann auch auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises.

2016 hat es nun auch Philipp Winkler auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft und sitzt mit seinen eigenen Tattoos bei Lesungen seines “Schlägerromans”, der einen “hervorragenden Einblick in die deutsche Hooliganszene” gibt. Da wird natürlich schnell die ewig lauernde Frage “Hat der Autor das selbst erlebt – oder nur extrem gut recherchiert?” gestellt, die dem Feuilleton, welches sich durch solche Bücher einen Einblick in eine sonst unerreichbare Welt verschafft, immer auf der Zunge liegt, wenn da jemand mit einer literarischen Ausbildung einen Roman schreibt, in dem Ausdrücke wie “affenfotzenverhurte Pissscheiße” vorkommen. Denn auch diese neue Rotzigkeit ist Teil der Erfolgsformel und wird heutzutage in der Schreibausbildung gefördert. Genau wie Meyer, der am Leipziger Literaturinstitut lernte, hat auch Winkler kreatives und literarisches Schreiben studiert, scheut sich aber keinesfalls, derbe Sprache zu benutzen.

Auf der Verleihung des Deutschen Buchpreises, den Winkler am Ende nicht gewonnen hat, wurde schließlich klargestellt: Er war kein Hooligan. Aber mal ganz ehrlich: Die Obsession des deutschen Literaturbetriebs mit dem Autorenmarketing (WER da schreibt ist oft interessanter als WAS) und die Zentrierung auf “Aufregerthemen” (in diesem Falle die Hooliganszene) muss Philipp Winkler doch zumindest innerlich zum Augenrollen animieren. Bei aller Faszination, die deutsche Rezensenten bei Autoren, die mit Tattoos verziert sind, ergreift, sollte man das Werk junger Autoren doch bitte nicht auf Erfolgsformeln reduzieren. Denn ein näherer Blick in “Hool” offenbart, dass Philipp Winkler sehr klassische Themen aufgreift: Erwachsenwerden, Wut und Familie.

“Hool” – Bier, Gewalt und Hannover 96

Hauptfigur von “Hool” ist Heiko Kolbe, ein junger Mann, der seine Tage damit verbringt, mit seinen Kumpels Bier zu trinken und sich mit gewaltbereiten Fußballfans konkurrierender Klubs zu sogenannten “Matches” zusammenzufinden, bei denen es mal so richtig “auf die Fresse” gibt. Dort treffen sich junge und alte Szenemitglieder zu gemeinsamen Gewaltorgien, die ihren Lebensmittelpunkt darstellen.  Die fanatische Verehrung des Heimklubs Hannover 96 schwappte bei Heiko und seinem Umfeld irgendwann vom Fußball zu grundlegenderen Themen – da geht es viel um Tradition. Um Bruderschaft. Um Ehre. Da geht es aber auch um Verwahrlosung, Abstumpfung und eine ständige Abwärtsspirale.

Heiko Kolbe lebt in einer Welt, die den normalen Bürger mit Schrecken erfüllt. Angefangen mit einem Alibijob im zwielichtigen Fitnessstudio seines Onkels, der sich durch Verbindungen zu Rockerklubs und Nazigangs eine Art Untegrundfirma aufgebaut hat, über sein Zimmer im Haus eines schmierigen Ex-Häftlings, der illegale Tierkämpfe in Käfigen veranstaltet, bis hin zur heroinabhängigen Exfreundin – alles ist ganz gehörig kaputt und so gar nicht bürgerlich. Die einzigen Strukturen, die Heiko scheinbar noch in seinem Leben hat, sind die Sauftreffen in der Fußballkneipe “Timpen” und die “Matches” seiner Hooligan-Karriere, die mit einer Ernsthaftigkeit und Professionalität vorangetrieben wird, die schockiert.

Die Abgrenzung der Außenseiter

Wie nicht anders zu erwarten, ist der Ton des Romans, durch den uns Heiko als Ich-Erzähler leitet, rau. Die Freunde von Heiko heißen eben nicht Theodor, sondern Kai, Ulf und Jojo – und dementsprechend wird auch mit derben Flüchen und Tiraden kommuniziert, bei denen dem auf political correctness getrimmten Akademiker die Augenbraue in die Höhe schnellt. Doch genau in dieser harten und groben Welt fühlt Heiko sich sicher, oder wie er es formuliert: “Hier fühl ich mich als Teil einer Geschichte”, die er ganz selbstverständlich in seinen eigenen Worten erzählt. Seiner Außenseiterstellung ist sich Heiko dabei vollkommen klar und er zelebriert sie. Denn auch, wenn er mal aufs Gymnasium gegangen ist, seine Lebenswirklichkeit hat schon lange gar nichts mehr mit normaler Bürgerlichkeit zu tun. Für Heiko ist der “verbale Dünnschiss” den behütete Vorstadtehemänner mit “Jack-Wolfskin-Jacken und atmungsaktiven Ü30-Turnschuhen” von sich geben viel schwerer zu ertragen, als die derben Beleidigungen seines Umfelds.

Wer nun einen vollkommen stumpfen Haudrauf erwartet, wird bei der Lektüre seine Vorstellung schnell revidieren müssen. “Hool” stellt nämlich keineswegs nur ein Abziehbild der berüchtigten Hooliganszene dar, sondern zeichnet ein feines Psychogramm eines jungen Mannes, der in seinem Leben mehr Scheiße gesehen hat, als man aushalten kann.

Die zerbrochene Geschichte zweier Familien

“Jeder Mensch hat zwei Familien. Die, in die er hineingeboren wird, und die, für die er sich entscheidet.”

Das eigentliche Konzept von “Hool” ist es, die Geschichten der zwei Familien des Heiko Kolbe zu erzählen. Achronologisch wechseln sich aktuelle Geschehnisse mit Rückblenden ab, in denen die zwei unterschiedlichen Verfallsabläufe dieser Familien geschildert werden.

Schnell wird klar, dass Heiko ganz gute Gründe hatte, warum es zwischen der Familie in die er hineingeboren wurde und der, die er sich ausgesucht hat, keine großen Überschnitte gibt. Seine Geburtsfamilie besteht aus seinen Vater Hans, der als schwerer Alkoholiker ständig aus der “Reha” (sprich: Entzugskur) entwischt um sich in irgendeiner Spelunke volllaufen zu lassen, seiner studierten Schwester Manuela, die sich in die Sicherheit des bürgerlichen Lebens geflüchtet hat und der sehr wortkargen Mie, einer Thailänderin, die Hans nach einem Bangkok-Trip mit nach Hause gebracht hat. Heikos Mutter stand irgendwann einfach mit gepackten Koffern vor der Tür und hat sich sang- und klanglos mit einem “Hab dich lieb, Heikochen” verabschiedet. Dieses Trauma prägt die Familie – und keiner ihrer Mitglieder hat es je richtig überwunden.

Doch auch in dieser dysfunktionalen Familie gab es mal bessere Zeiten. Wenn Heiko sich an diese Zeiten erinnert, geht es bei ihm vor allem um Fußball und Hannover 96. Der erste Stadionbesuch mit den großen Männern, die respekteinflößend durch die Reihen schritten zum Beispiel – die einzige Gelegenheit, in der Vater und Sohn gleichsam noch respektvoll mit sich und einander umgehen können. Der Fußball und die Loyalität zum Heimklub war für Heiko so etwas wie ein Rettungsanker auf rauer See.

Im Laufe seiner Jugend flüchtet sich Heiko immer mehr in seine zweite Familie: Seine Kumpels, mit denen er – verbunden durch den Fußball – eine Art Blutsbrüderschaft eingeht, sind für ihn das Wichtigste. Zusammen erkämpfen Sie sich ihren Platz in der strengen Hierarchie der Hooliganszene. Zusammen feiern Sie die Verpflichtung des jungen Ballkünstlers und Cliquenmitglieds Joel bei Hannover 96. Und zusammen trauern Sie um ihre gefallenen Kameraden.

Die Hilflosigkeit des wütenden jungen Mannes

Trotz aller Abstumpfung entzieht sich Heiko seiner Verantwortung in den beiden Familien nicht. Er ist da, wenn Vaddern mal wieder besoffen Terz macht. Er füttert die ehemals großväterlichen Tauben. Nachdem sein bester Freund im Krankenhaus landet, weicht er nicht von seiner Seite und einen Großteil seiner Nächte verbringt er in stiller Wache vor der Wohnung seiner drogenabhängigen Exfreundin.

So richtig hilflos wirkt Heiko erst, als sich nach und nach seine Kumpels aus der Szene zurückziehen wollen – als also auch seine selbstgewählte Familie zu zerbrechen droht. Da formuliert er eine Wutrede, die eine Anklage gegen das Erwachsenwerden ist. Gegen diesen seltsamen Nicht-Ort zwischen Jugend und bürgerlichem Alltag, in dem die Suche nach dem Sinnhorizont alles überschattet, aber auch gegen all die “Spießer”, die ihren Sinnhorizont scheinbar so mühelos im “richtigen Leben” behaupten.

“Du hast deine Familie, dein Haus, deinen scheißweißen Gartenzaun. Ihr alle habt etwas, auf das ihr euch am Ende des Tages freuen könnt […] Ich habe null. […] Ich beschwer mich nicht darüber. Und weißt du warum? Weil ich für das hier lebe. Weil ich dafür eintrete und dazu stehe.”

Am Ende ist Heikos Anklage vor allem auch eine Anklage gegen sich selbst. Gegen seine emotionale Beschränktheit, die sich in Sprachlosigkeit äußert. Gegen seine Unfähigkeit für die wenigen und verdrehten Kodexregeln, die er für sich selber aufgestellt, einzustehen und gegen die beschissene Zukunftsperspektive, die ihm so gut wie jede potentielle Vaterfigur in seinem Umfeld immer wieder bewusst macht.

Philipp Winkler hat mit “Hool” einen Roman geschrieben, der mitnimmt. Die Gewaltausbrüche und die Abstumpfung des Hauptcharakters spiegeln dabei die eigentlich viel brutalere Realität der Verlierer dieses Lebens wider. Dabei ist das Thema Fußball insofern gut gewählt, weil es für unglaublich viele junge Männer ein Wertelieferant ist. Loyalität, Bruderschaft und Standhaftigkeit – das sind die eigentlichen Werte, die in “Hool” natürlich schon lange bis zur Unkenntlichkeit in stumpfer Wut untergangen sind. Glorifiziert wird das im Roman keinesfalls, sondern einfach nur beschrieben – und gerade das macht “Hool” manchmal schwer zu ertragen.

Die eigentliche Leistung des Buches ist also nicht, dass es uns einen Einblick in die gewaltbereite Hooliganszene gibt, sondern, dass uns der Autor, auf seine eigene Art, zu einem uralten literarischen Projekt beigetragen hat: Der menschlichen Sprachlosigkeit und Wut durch Worte eine Ausdrucksform zu verleihen. Die kleinen Feinheiten des Charakters Heiko Kolbe, der sich hinter all dem Chaos am Ende doch noch ein großes Herz bewahrt hat, machen “Hool” zu einer emotionalen Achterbahnfahrt. Kurzum: Sie machen den Roman zu guter Literatur.


Beitragsbild Foto: Kat Kaufmann/Aufbau Verlag

Beitragsbild Cover: Aufbau Verlag

Bücherschätze in der Bibliothek des Deutschen Historischen Museums

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Bücher erzählen Geschichten. Bücher sind wichtige Zeugen der Geschichte. Und zuletzt: Bücher haben ihre eigene Geschichte, die oft sehr persönliche Schicksale illuminieren. Diese Kombination macht Bücher zu echten Schätzen. Schätze die man entdecken kann – zum Beispiel in der Bibliothek des Deutschen Historischen Museums in Berlin.


Die Bibliothek des Deutschen Historischen Museums

Wer den historischen Lesesaal des Deutschen Historischen Museums betritt, fühlt sich, sofern er in irgendeiner Weise bücheraffin ist, sofort zuhause. Der große, helle Raum bietet neben den kunstvollen Deckenverzierungen und einigen geräumigen Arbeitsplätzen vor allem eines: Bücher, so weit das Auge reicht. Doch die Ausstellungen im Lesesaal sind nur ein Bruchteil des Bestandes der Bibliothek des Deutschen Historischen Museums, der heute über 250.000 Bänden umfasst.

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Historischeer Lesesaal des Deutschen Historischen Museums

Die Bibliothek ist einerseits Dienstbibliothek für die Mitarbeiter*innen des DHM, die zahlreiche Sammlungen für ihre Forschung und Ausstellungen nutzen, andererseits ist sie aber auch eine Spezialbibliothek zur deutschen Geschichte, deren Präsenzbestände öffentlich zugänglich sind. Entstanden ist die Bibliothek aus zwei Vorgängerinstitutionen: Die Königliche (später Staatliche) Zeughausbibliothek und das Museum für Deutsche Geschichte der DDR. Seit dem Jahre 2000 nutzt die Bibliothek nun das ehemalige Gebäude der Preußischen Centralgenossenschaftskasse in Berlin.

Wir hatten die Möglichkeit von Dr. Matthias Miller, Leiter der Bibliothek und der Sammlung für Handschriften sowie Alte und wertvolle Drucke, durch die Archive der Bibliothek geführt zu werden.

Das Archiv im Tresor

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Historische Tresortür

Die Preußische Centralgenossenkasse nutzte den Keller des Gebäudes mit der Adresse “Unter den Linden 2” einst für die Verwahrung von Kreditgegenwerten in Gold. Heute befinden sich dort immer noch wertvolle Schätze – die Sammlung des Deutschen Historischen Museums. Hinter dicken Tresortüren ist der Hauptteil des Bücherbestandes des DHMs in verschiedenen Abschnitten verwahrt. So gibt es zum Beispiel den mit “rar” (für lat. rarum – selten) gekennzeichneten Bereich, der seltene Bücher und Handschriften beinhaltet. Aber auch aus den Archiven des Museums für Deutsche Geschichte gibt es noch riesige Bestände. Einer der prominentesten Teile ist der mit “g” gekennzeichnete Bereich der “gesperrten” Literatur, der vor allem aus nationalsozialistischen Werken besteht. Dabei sind Ausgaben von Hitlers “Mein Kampf” übrigens eine der häufigsten Schenkungsanfragen, berichtet Dr. Matthias Miller. Doch das DHM ist nur noch auf der Suche nach besonderen Ausführungen, wie etwa der Erstausgabe, die recht einfach durch den Einschlagband zu erkennen ist.

Teile der Sammlung werden Bücher, “die deutsche Geschichte entweder transportieren, illustrieren oder interpretieren” oder eben solche Texte, die selbst eine einzigartige Geschichte überliefern. Einige Beispiele für die verschiedenen Prachtschätze der Bibliothek präsentiert uns Dr. Miller im historischen Lesesaal.

Bücher erzählen einzigartige Geschichten

Manchmal sind die Geschichten der Überlieferung von Textzeugen schon kurios. So ist beispielsweise das “Fragment P” (ca. 830) aus dem Heliand-Lied einer der wenigen noch existierenden Texte, die in altsächsisch verfasst wurden. Entdeckt wurde die Handschrift auf einem Pergamentblatt in einer Bibliothek in Prag – aber nicht etwa in einer Vitrine, sondern als bloße Einschlagsseite für ein anderes Werk. Nachdem der Prager Bibliotheksmitarbeiter festgestellt hatte, dass der Einband seines zu restaurierenden Buches wesentlich älter als das Original war, wurde die Handschrift als Staatsschenkung an das Deutsche Historische Museum übergeben.

Das Deutsche Historische Museum hat aber nicht nur eine einzigartige Sammlung von Handschriften – auch seltene Drucke führt uns Dr. Matthias Miller stolz vor. Dabei sind seltene Ausgaben oft solche, die sich durch ihren besonderen Inhalt, oder ihre besondere Form abheben. Die Erstausgabe von Max und Moritz (1865)  ist etwa ganz einfach durch den Druckfehler auf der ersten Seite zu erkennen. Dort heißt es nämlich:”Ach, was muss man oft von bösen Kinder hören oder lesen!”

Einige der präsentierten Kostbarkeiten scheinen zunächst auch gar nicht in eine Bibliothek zu gehören. Als Dr. Miller eine kleine Tüte mit Tomatensaat aus einem Briefumschlag holt, muss er selber schmunzeln. Tatsächlich verbirgt sich in dem kleinen Behälter aber nicht nur Saatgut, sondern auch ein kleines Heft mit dem Titel “Der letzte Appell”, in dem Autor Gustav Regler unmittelbar vor dem Kriegsausbruch 1939 vor dem Wahnsinn eines zweiten Weltkrieges warnt.

Eine Auswahl der Bücherschätze des DHM

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Bücher erzählen lebendige Geschichte

Sammlungen von Bibliotheken und Museen werden erst dann richtig interessant, wenn man sie in ihren individuellen Kontexten erlebt. Deshalb sei neben dem Besuch der frei zugänglichen Präsenzbibliothek des DHM vor allem auch auf die zahlreichen Ausstellungen verwiesen, in denen genau diese kleinen Geschichten rund um die seltenen Bestände erzählt werden.


Homepage des Deutschen Historischen Museums mit Blog.

Öffnungszeiten der Bibliothek des DHM: Mo-Fr 9.00 bis 16.30 Uhr

Aktuelle Ausstellungen des DHM


Fotos von Gregor van Dülmen mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Historischen Museums.

Wir bedanken uns beim Deutschen Historischen Museum und Dr. Matthias Miller für den interessanten Rundgang durch die Bibliothek.

 

Wolf Haas: “Brennerova”, Hilfsausdruck Frauendilemma

Der Brenner hat sich mal wieder einen Schlamassel eingehandelt, sag ich dir. Im einen Moment sitzt du als Kriminalpolizist i. R. Brenner noch nichtsahnend am PC, um dir auf einer Internetseite heiratswillige russiche Frauen anzuschauen (rein aus platonischer Neugier natürlich) und kurz darauf musst du darum fürchten, dass dir die Mafia die Hände abhackt. Ist eben doch ein “Frauentränenumfaller”, der Brenner.

Brenner, quasi Legende

Aber erstmal von vorn: Wer ist denn dieser Brenner überhaupt?, könnte man jetzt fragen – aber der Brenner ist ja wohl schon irgendwie Legende. Seit über zehn Jahren lässt Wolf Haas den pensionierten Wiener Kriminalpolizist in die verzwacktesten Fälle hineinstolpern. Dabei weiß er oft selbst gar nicht so richtig, was da eigentlich gerade mit ihm passiert, macht aber nix, weil ja genialer Erzähler in den Brenner-Büchern, der mit einer ganz eigenen Kunstsprache auch solche Zweifel zum Leben erweckt. Teilweise wird es da ganz schön philosophisch im Krimiroman, so auch im mittlerweile achten Brennerabenteuer Brennerova:

“Hundertprozentig sicher kannst du dir bei so etwas nie sein, bei überhaupt nichts im Leben kannst du das sein. Nur die Leute, die sich immer überall hundertprozentig sicher sind, irren sich hundertprozentig, das ist die einzige Ausnahme.”

Der Zweifel ist eine gewisse Grundkonstante beim Brenner – als ehemaliger Kripomann natürlich irgendwo auch berufsbedingt. Zu Beginn von Brennerova hat er durchaus berechtigte Zweifel an seiner  Beziehung zu Frührentnerin Herta, denn obwohl die beiden sich eigentlich toll verstehen – die große Liebe ists dann doch irgendwie nicht mehr, “weil nach mehreren Wochen immer noch kein böses Wort, kein Schreiduell, kein Würgemal”. Wenn man dann aus heiterem Himmel auch noch gesagt kriegt, dass man als Brenner aber auch ruhig mal wieder in der eigenen kleinen Junggesellenwohnung übernachten könnte, statt in der schönen Wohnung seiner Lebensabschnittsgefährtin, dann kann man natürlich schon mal schwach werden.

Die Russinnen

In Brenners Fall hat die Versuchung einen russischen Namen: Nadesha aus Nischni Nowgorod, die er auf einer Heiratsbörse im Internet kennenlernt. Neugierig ist der Brenner ja dann doch auf die Nadesha, welche Art von Russin das wohl am Ende ist? Denn da gibts ja verschiedene Ansichten:

“Früher hat man gesagt, die Russinnen. Die sind groß und muskulös wie Hammerwerfer, die arbeiten beim Straßenbau, und unter den Achseln haben sie so viele Haare, dass sich noch ein Toupet für ihren Mann ausgehen würde und ein zweites für den ersten Parteisekretär. Da hat man gesagt, Russinnen sind Mannweiber, und wenn sie ihren Diskus werfen, musst du in Deckung gehen, weil Kraft wie ein Traktor aus Minsk oder aus Krasnodar. Dann hat es auf einmal geheißen, die Russinnen, das sind die dünnsten Fotomodelle, die teuersten Nutten, da musst du als Mann schon ein Hochhaus haben, damit sich so eine überhaupt von dir scheiden lässt, am besten mit einem Privatzoo, weil Beine wie eine Giraffe, Taille wie eine Wespe, Augen wie die Biene Maja.”

Als Nadesha ihm dann schließlich einige Bilder schickt, ist für den Brenner schnell klar, dass die wohl eher Typ Privatzoorussin ist, was vermutlich dazu beiträgt, dass er sich ganz spontan in einen Flieger nach Russland setzt, um seine künftige Brennerova persönlich kennenzulernen. Das ist natürlich der erste Schritt ins Chaos, wenn du von jetzt auf gleich nach Russland reist. Schnell wird klar: Die liebreizende Nadesha will den Brenner erstmal gar nicht heiraten, sondern seine Hilfe bei der Suche nach ihrer Schwester Serafima, die ihrer Meinung nach von russischen Menschenhändlern nach Wien verschleppt wurde.

Der “Frauentränenumfaller”

Und weil der Brenner eben doch eine Schwäche für hilfsbedürftige Frauen hat – nach Haas also ein “Frauentränenumfaller” ist – findet er sich einige Wochen später in einer sehr prekären Situation wieder: Die Nadesha ist ihm nach Wien nachgereist und seine Lebensgefährtin Herta hat beschlossen, dass der Brenner der Nadesha bei allen ihren Problemen helfen muss. Sprich: Scheinehe für nadeshaiges Bleiberecht und gefährliche brennerische Ermittlungen im Untergrundmilieu. Und Ruck-Zuck ist der Brenner mittendrin im Tagesgeschäft der Russenmafia – als “Blaulicht kennst du eben dein Rotlicht”. Ganz konkret heißt das: Bedeutungsschwangere Tattoos und abgehackte Hände. Ziemlicher Standard für den Brenner.

Apropos abgehackt – das ist auch wieder die wunderbare Sprache des auktorialen Erzählers in Wolf Haas’ Brennerova.  Hier und da wird schon mal ein Verb weggelassen, oder ein schwieriges Adjektiv durch ein schlichtes “dings” ersetzt. Verständlich ist das trotzdem noch, weil so nah an der gesprochenen Sprache. Und Spaß macht es auch, denn jedes mal, wenn man eine der haasischen Catch-Phrases (z.B.: aber interessant, jetzt pass auf, quasi, Hilfsausdruck etc. ) entdeckt, stellt sich ein wohlig-warmes Gefühl der Vertrautheit ein. Brennerova macht genau das, was Haas-Leser an den Romanen so schätzen: Es nimmt dich mit auf eine verrückte Reise voller Fallen, Wendungen und Kuriositäten, wo auf jeder dritten Seite der Plottwist wartet und mit einer wunderbar ironisch-humorvollen Sprache präsentiert wird.

Brennerova: Hilfsausdruck Leseempfehlung

Dabei kann man die Liebe von Haas zu seiner Hauptfigur auf jeder Seite spüren. Der Erzähler geht genau wie der Autor sehr wohlwollend mit dem Brenner um. So wird es zwar in Brennerova wieder sehr chaotisch und spannend, doch der Brenner ist eben doch ein Mensch wie eine Maus:

“Und das ist eben das Verhexte am Menschen. Da ist er nicht gescheiter als die Maus, die glaubt, dass sie gescheiter als die Falle ist. Wenn die Maus schon ihre Kolleginnen in der Falle enden gesehen hat, dann denkt sie nur mit ihrem Maushirn, den Käse möchte ich trotzdem, ich muss es nur geschickter anstellen. Ich muss mehr so seitlich hin, und dann schnapp ich mir den Käse, ohne dass die Falle mich erwischt.”

Ob der Brenner am Ende in der Falle endet, wird an dieser Stelle noch nicht verraten. Da musst du schon selbst lesen. Lohnend ist es! Wer auf östereichischen Sprachwitz und kurzweilige Krimischreibe steht, der kommt um Wolf Haas nicht herum, Hilfsausdruck Leseempfehlung.


Wolf Haas: Brennerova, Roman, Taschenbuchausgabe vom Heyne Verlag, 2016.

Beitragsbild: Heyne Verlag

Wir bedanken uns beim Heyne Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Wilhelm Genazino: “Außer uns spricht niemand über uns”

Genanzino Außer uns spricht niemand über uns

Im neuen Roman von Wilhelm Genazino flaniert der Ich-Erzähler durch die verstaubte Realität seines Daseins. Eine Geschichte der Belanglosigkeit zwischen Dinkelbrot, Fluchtreflex und Konjunktiv-Kommunikation.


Außer uns spricht niemand über uns – ein Titel, der den misanthropischen Grundton von Genazinos neuem Roman schon erwarten lässt. Der Erzähler, ein gescheiterter Schauspieler mittleren Alters, der sich mit unregelmäßigen Minijobs als Radiosprecher über Wasser hält, schlendert durch sein Leben. Obwohl er dabei reichlich ziellos erscheint, ist er auf der ständigen Suche nach Bedeutsamkeit und findet doch nur Belanglosigkeit.

Bezeichnend für die Lähmung des Erzählers ist seine Beziehung zu der Telefonistin Carola. Da pendelt sich eine zwischenmenschliche Beziehung irgendwo zwischen dem Verlangen nach Nähe und einem immer mehr abflauenden Begehren ein. Doch ausgesprochen wird wenig – und wenn überhaupt, dann meistens nur in der Konjunktiv-Kommunikation mit sich selbst.. Das “Ich stellte mir vor, wie es wäre, wenn…” nimmt einen Großteil des Buches ein. Irgendwo zwischen Dinkelbrot-für-Carola-Kaufen und Mittagsschlaf-vor-dem-Wunschkonzert-Planen kommen dem Erzähler auf einmal Gedanken, ob er seine Freundin nicht heiraten sollte, oder wie es wäre, wenn sie ein Kind kriegen würden. Doch diese Gedanken bleiben im privaten Monolog eines Charakters, der die ewige Wiederkehr des Gleichen als Grundkonstante seines Lebens akzeptiert hat und sich auch insgeheim garnichts anderes wünscht, als ziellos umherzuflanieren:

“Ich musste vertuschen, dass ich etwas anderes als ein umherschweifender Mensch nie hatte werden wollen. Mein oberstes Ziel war, der Penetranz des Wirklichen zu entkommen.”

Das erkennt irgendwann auch Carola, die sich mit dem Status-Quo ihres Partners nicht mehr so recht abfinden will. Carola wartet nicht, dass etwas passiert. Sie macht. Und manchmal macht sie dann eben auch harsche Vorwürfe:

“Sie warf mir vor, dass meine häuslichen Sitten mehr und mehr verwahrlosten. Ich war beinahe fassungslos. Konnte sie ein Zeichen oder einen Grund für meine angebliche Verwahrlosung nennen? Sie sagte: Der Grund ist meiner Meinung nach dein mehr und mehr vergammelndes Leben.”

Doch gänzlich kann sich Carola nicht von der Faszination dieses Lotterlebens lösen. Denn das vergammelnde Dasein des Erzählers hat durchaus Struktur. Auf den Vorwurf, er würde halbgelesene Bücher irgendwann einfach mit dem Fuß unter ein Regal stoßen, erwidert er ganz lässig, dass er aber gleichzeitig auch jede verstaubte Bücherecke, die man in seiner Wohnung erkennt, einem Autor und Buchtitel zuweisen könne. Das beschwichtigt Carola und regt zum gemeinsamen Kichern und Kuscheln ein.

Doch irgendwann wird es ihr dann doch zu bunt. Nach einem Schwangerschaftsabbruch, der zwar im inneren Monolog des Erzählers mit allerlei Theorien der Untreue versehen wird, aber in der direkten Kommunikation nie so richtig zum Thema avanciert, stellt Carola klar: Sie will wieder schwanger werden und zwar diesmal “so richtig”. Der Erzähler reagiert darauf in seiner ganz eigenen ewigen Widerkehr des Gleichen: Überhaupt nicht. Die Verweigerung der Konfrontation ist die persönliche Fluchtstrategie eines Menschen, der schon seit langer Zeit genug hat. Von so gut wie Allem.

“Ich fühlte, dass mein Innenleben auf Flucht angelegt war. Einen besonderen Grund zur Flucht brauchte ich schon lange nicht mehr.”

Der Höhepunkt dieser Realitätsflucht besteht darin, dass der Erzähler die folgenden drastischen Entwicklungen seines Beziehungslebens ohne allzu große Emotionsregung hinnimmt. Geradezu beiläufig erscheinen Trennung, Schmerz und Tod, wenn doch das einzige Glück des Erzählers – nach eigener Aussage – in der Beobachtung von Nichtigkeiten während seines Streifzugs durch das kleinstädtische Frankfurt besteht.

Und genau das ist die Essenz von Außer uns spricht niemand über uns. Der Reiz dieses Romans besteht nicht in einer konsistenten und überzeugenden Plotkonfiguration, sondern in den feinen Darstellungen eines überaus menschlichen Typus: Der Sinnsuchende in einer Welt, in der die Blaumeisen schon längst grau geworden sind.  Mit seiner feinen Prosa schafft es Wilhelm Genazino auf tragik-komische Weise menschliche Ängste, etwa vorm Altern, vorm Alleinsein oder einem gesellschaftlichen Verfall zu illustrieren. Gleichzeitig vermittelt er aber auch das diffuse Gefühl von Glück, das sich in den Beobachtungen des Alltags verbirgt.


Beitragsbild: Carl Hanser Verlag

Wilhelm Genazino:”Außer uns spricht niemand über uns”

Carl Hanser, München 2016 | ISBN: 978-3-446-25273-8

Wir danken dem Carl Hanser Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars

Sprache, Mut und Zauberei: Saša Stanišić – Fallensteller

Sasa Fallensteller

Saša Stanišić hat unter dem Titel “Fallensteller” einen fulminanten Erzählband veröffentlicht, der seine sprachliche Virtuosität ein mal mehr eindrucksvoll illustriert.


“Auf so einen bist du nie vorbereitet, mit seinem Gepäck voll Allerlei: Sprache, Mut und Zauberei”, das ist der letzte Satz der Erzählung Fallensteller, die dem kürzlich erschienen Erzählband von Saša Stanišić seinen Namen stiftet. Dieses Zitat kann durchaus als Sinnspruch für das Erleben dieses eindrucksvollen Werkes gelten – Stanišić erschafft in seinen Geschichten eine literarische Spiegelwelt voller Seltsamkeiten, Anlässen zum Wundern und Staunen. Sein unberechenbarer Stil ist dabei ein Abbild seiner eigenen Biographie – voller Unwegsamkeiten, Brüchen und einer melancholisch angehauchten Heiterkeit.

Saša Stanišić kam im Alter von 14 Jahren nach Deutschland. Geboren wurde er in Višegrad, einer kleinen Stadt in Bosnien, aus dem er mit seiner Familie 1992, nach der Besetzung durch die Serben, floh. Schnell wurde klar, dass der junge Saša ein außergewöhnliches literarisches Talent besitzt – heute ist er ein vielfach ausgezeichneter Autor und vor allem für seine zwei Romane Wie der Soldat das Grammofon repariert (2006) und Vor dem Fest (2014) bekannt. In Fallensteller präsentiert der Schriftsteller nun zwölf Erzählungen, die teilweise als Fortsetzungsgeschichten gelesen werden können. Stanišić setzt seine Verweise aber nicht nur innerhalb des Erzählbandes, sondern knüpft auch an seine vergangenen Werke an.

Schauplatz der umfangreichsten Erzählung des Bandes – Fallensteller – ist das schon aus Vor dem Fest bekannte Dorf Fürstenfelde, welches mit direktem erzählerischen Bezug eingeführt wird:

“Fürstenfelde. Einwohnerzahl: gerade. Es ist Zeit vergangen, seit du bei uns warst. Jetzt gibt´s wieder was zu erzählen. Jetzt ist der Fallensteller da.”

In Vor dem Fest hatte Saša Stanišić reale Personen des kleinen Dorfes in der Uckermark mystifiziert und den Figuren seines Romans damit eine besondere Tiefe gegeben. Der Ort irgendwo im brandenburgischen Nichts wird in Fallensteller um eine mysteriöse Person erweitert, die nur in Reimen spricht:

“Über das öde Land, querfeldein, marschiert durch die Dunkelheit einer, verwegen muss er sein, strauchdiebisch oder verwirrt, sonst ginge er nicht unbeirrt, hätte überm Kopf ein Dach, nicht Sterne, miede nicht die Dörfer, ach, jede Laterne, schliche nicht geduckt jenseits unsrer weltlichen Wacht.”

Dieser geheimnisvolle Vagabund behauptet von sich die mannigfaltigen der Dorfbewohner lösen zu können, indem er listig ausgetüftelte Fallen bereitstellt. Der reimende Selbstdarsteller liefert eine Show ab, deren Faszination sich die Dorfbewohner sich zunächst nicht entziehen können, obwohl einige doch felsenfest davon überzeugt sind, einem trickreichen Betrüger aufzusitzen.

“Auch nach einem Mal drüber träumen glaubte er an einen Trick, und dass der Kerl ein Betrüger sei. Allein, wie der angezogen war: Mantel und Hut, ganz klar eine Verkleidung. Ehrliche Menschen verkleiden sich nicht […]”

Schnell fühlt man sich als Leser diesem Eindruck verbunden. Stanišić inszeniert sich selbst als seine Figur: Ein mysteriöser Sprachkünstler, dessen Handwerk im Erstellen von listigen Fallen besteht.

Die verkleidende Sprache, die der Fallensteller Stanišić für seine einzelnen Erzählungen wählt, stellt ihn als virtuosen Illusionist dar. Mit seiner literarischen Kunst verschachtelt Stanišić mühelos Ebenen und lockt den Leser in die Untiefen seiner prosaischen Fallgruben. Das Wundern, das Zweifeln, die Magie der Sprache führen den Leser in eine faszinierende Welt, in welcher der Leser dem Ränkespiel des Autors manchmal ausgeliefert scheint und nicht mehr klar zwischen “Realität” und Fiktion unterscheiden kann. Stanišić projiziert sich selbst in seine Geschichten und provoziert auch ganz gewollt diese direkten Assoziationen beim Leser.

Gerade in der abschließenden Geschichte In diesem Gewässer versinkt alles drängt sich eine biographische Anlehnung an den Autor auf. Der Ich-Erzähler erinnert sich dort an seine Kindheit, die stark vom Verhältnis zu seinem Großvater und den Brüchen innerhalb seiner Familie geprägt sind und der Flucht aus einem vom Kriege gebeutelten Land bestimmt worden war. Der Großvater schenkt dem Jungen ein blaues Hemd, das zum Sinnbild seiner magisch anmutenden Stärke und Beständigkeit in einem Kontext avanciert, in dem sonst alles versinkt  – das Hemd trägt den Jungen über ein Fluss aus den Tränen seiner Mutter hin zu einer neuen Heimat.

“[…] in diesem Gewässer versank sonst alles, Steine sowieso, aber auch Bälle, Bäume, Kühlschränke, einmal ein Ochse mitsamt dem Karren, der blöde Fluss, Kanarienvögel flogen hinein und versanken, ein Fahrrad, das dem Jungen versprochen worden war, im Sommer die Wolken, Schnee im Winter und zur Schneeschmelze einmal eine Brücke und im Frühling einmal ein Vater. Das hat der Junge aber nicht selbst gesehen, er hätte aber Anspruch darauf gehabt, denn es war sein eigener.”

Es ist diese faszinierende Bandbreite sprachlicher Verspieltheit, die jede einzelne Geschichte in Fallensteller zu etwas Besonderem macht. Heiterkeit und Melancholie liegen nah beieinander. Illusion und Fiktion überlappen. Manchmal überliest man bedeutungsschwangere Metaphern obgleich ihrer Unaufdringlichkeit fast, in anderen Fällen lässt Stanišić sie gezielt ins Leere laufen. Es ist wahrhaftig ein Buch voller Sprache, Mut und Zauberei.


Titelbild: Luchterhand Verlag

Wir bedanken uns beim Luchterhand Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Kinemalismus – ein “Nicht-Filmmagazin inkl. Unfug”

Kinemalismus Filmmagazin

Kinemalismus, das hört sich doch nach einer neuen Stilrichtung an – so im Bereich Kino. Ist es auch irgendwie, allerdings in Form eines neuen, unabhängigen Filmmagazins aus Hamburg! Im April ist die zweite Ausgabe des Printmagazins erschienen, das sich selbst als „Nicht-Filmmagazin für öko-philosophisch angewandte Arthaus-Hobby-Cineasten inkl. Unfug“ betitelt. Genaueres erklärt uns Joachim Sperl, seines Zeichens Herausgeber und Art-Direktor des Kinemalismus Filmmagazins, im Interview.


 

postmondän: Joachim! Auf einem eurer Flyer ist zu lesen, dass ihr aus technischen Gründen leider keine Yoga-Kurse anbieten könnt. Ich bin schwer enttäuscht. Stattdessen gebt ihr ein „Nicht-Filmmagazin für öko-philosophisch angewandte Arthaus-Hobby-Cineasten inkl. Unfug“ heraus. Wie kams denn dazu? War Alkohol im Spiel?

 

Joachim: Oha ja, der Spruch mit dem Yoga. Für den hab ich schon sehr viel auf den Deckel bekommen. Leute kommen öfters und fragen dann: „Was habt denn gegen Yoga?.“ Ich frag dann meistens nach was sie genau meinen, was „wir“ denn „dagegen“ hätten. Dann lesen sie mir den Satz noch mal vor und ich erwidere immer: „Nun ja, als Filmmagazin ist es doch eigentlich völlig normal das man eher weniger Yoga-Kurse anbietet. Das liegt in der Natur eines Filmmagazins.
Würde ich mal behaupten.“ Aber das ist schon okay. Das zeigt auch sehr schön in welchen Zeiten wir leben. Das hat dann auch was von Realsatire und find ich gut. Lustigerweise gibt es hier in Hamburg aber ein Projekt das wirklich Filme während des Yogas zeigt. Davon hab ich vor ein paar Monaten gelesen. Vielleicht waren wir ja die Ideengeber. Von daher alles im Lot mit den Yoga-People und den Kinemalismus Boys and Girls.

Aber zurück zu Deiner Frage: also Alkohol war nicht während des ganzen Konzeptionsphase im Spiel. So im großen und ganzen hat mich das ganze Filmrezensionsgelese irgendwie genervt. Die ganze Szene und das drumherum, von der Filmkritik bis zu den ganzen Preisen und Festivals etc., dass ist mir alles zu hochtrabend. Für mich wird da ein extremer Pathos aufgebaut. Und ich bin gegen Pathos, da das immer etwas von kleinhalten der Leute hat. Es fehlt die Leichtigkeit. Film, Kino und deren Filmkritik stellt sich oft gerne als Heilige Kuh da. So ist auch der Magazinename eine Wortschöpfung aus “Kinema”; als Kino (kinesis/Bewegung) und zum anderen Teill aus Mini”malismus” (also Ideologie bzw. geistige Strömung …). Aber nicht unbedingt mit der Kunstströmung “Minimalismus” aus den 60ern zu vergleichen, wir sehen uns eher als eine Art Dadaismus.
Überhaupt ich fand das sowieso, auch über das Netz, viel zu viel und viel zu gleich über Filme berichtet wird und dann gor in mir die Frage ob das denn immer so sein muss

Auch durchs Internet konnten mich z.B., was den visuellen Part von Filmmagazinen, die abgebildeten und üblichen Promo Film Stills die man schon vorher im Netz gesehen hatte nicht mehr begeistern. So kam mir schlussendlich die Idee vielleicht eher eine Art satirisches Filmmagazin mit Illustrationen zu produzieren. Und natürlich, wie man am Magazinnamen erkennen kann eine neue „Filmmagazinbewegung“ zu starten, nach dem Symbolismus, Expressionismus, Futurismus, Dadaismus, Surrealismus etc. muss es ja auch mal eine Post-Post-Moderne Filmströmung geben in Heftform, die eine für diesen Sektor zeitgemäßen Rundumschlag veranschaulicht. Ein Magazin das über Filme schreibt, wie sie waren, aber vielleicht besser wie sie nie waren. Das ist die Kernidee eigentlich.

Es ist durchaus gewollte das man eine Art Collage von wirklichen Filmplots und dazu erfundenem kreiert. Es geht nicht in erster Linie darum Filme so wiederzugeben wie sie wirklich sind. Aber natürlich auch. Die Realität und so wie es wirklich ist kann man ja ganz schnell im Netz „nachsehen“ oder lesen, rund um die Uhr. Aber im Magazin finden sich natürlich auch „Filmmagzinstandarts“ ganz klar. Auch einen Service-Teil, wo wir z.B. independet Videotheken oder Filmemacher, Festivals vorstellen, aber auch eine Fotolovestory, Cartoons, Comics, Kontaktanzeigen, Homestorys vom Todesstern oder aus der Gruft von Christopher Lee. Nun ja, das hat mich schon eine ganze Weile beschäftigt. Mitte 2014, als dann mal etwas Kohle zum verprassen da war, hatte ich auch mal im Netz recherchiert ob es solch eine Art Magazin vielleicht schon auf dem Markt gibt. Außer ein paar lustigen Blogs hatte ich aber nix gefunden. Was ich schade fand. Schon in meiner Jugend war ich Liebhaber des „Titanic“ Magazins. Als Teenie hab ich mir beim Dorf-Tante-Emma-Lädchen immer die neuste Ausgabe besorgt. Das hat mich natürlich sehr geprägt. Auch Monty Python oder die Simpsons.

Als ich mich als Designer selbständig gemacht habe nach dem Studium, hab ich mir immer geschworen, wenn mal Geld da ist, mach ich unfung Projekte. Und als dann der Schotter da war, hab ichs dann mal gewagt und ein paar Autoren und Illustratoren angefragt ob sie nicht Lust hätten. Es ist bei solch einem Magazin relativ schwer die passenden Leute zu finden. Das war am Anfang schwer, was mir auch klar war, also hab ich erst mal Leute angefragt die „irgendwas mit Fim“ zu tun hatten. Dann bin ich aber dazu übergegangen Leute zu suchen, die zwar auch aus dem „Film“Sektor kommen, jedoch einen gänzlich anderen Ansatz haben. Der Prozess ist noch nicht ganz abgeschlossen bis dato, aber so 2/3 der Autorenschaft die die letzten zwei Ausgaben gefüllt haben sind ein klasse Kern , der sich nun gefunden hat und es macht unglaublich viel Freude mit solch zauberhaften Menschen zusammen arbeiten zu dürften.

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postmondän: Euer Filmmagazin erscheint entgegen jeglicher Trends doch tatsächlich als Printausgabe (dramatisches nach-Luft-schnappen), so richtig mit Papier und allem Drum und Dran. Warum habt ihr euch für dieses Format entschieden?

 

Joachim: Aus Liebe zum Medium selbst, Papier. Ich finde, auch wenn es natürlich in digitaler Form sehr gute Magazine und generell Projekte gibt, immer noch etwas besonderes und einfach irgendwie lebhafteres wenn man etwas noch im Regal stehen hat, anstatt irgendwo auf einem Rechner, einer Festplatte oder sonst wo in der digitalen Welt. Klar, die meisten werden die Ausgabe, nachdem sie sie rezipiert haben wohl gen Papiertonne bringen, aber der eine oder
andere stellt es sich vielleicht doch ins Regal, oder benutzt es als Ersatz-Sofa-Fuß, Türstopper. Quasi der Luxus-Bierdeckel-Ersatz für den fehlenden Sofafuß.

 

postmondän: Eure erste Ausgabe widmete sich dem Horrorgenre, die zweite und aktuelle läuft unter dem Oberthema „Sci-Fi aus den 70er und 80er Jahren“. Auf welche Inhalte kann sich der postmondäne Neuleser freuen?

 

Joachim: Ausgabe drei wird sich in den 80ern und sich mit den drei bzw. vier Filmgenren: Teenie-, Tanz- und Kriegs- sowie Antikriegsfilmen befassen. Wir haben gerade jetzt Mitte Mai schon mal angefangen. Das Werk soll ja schon im Dezember erscheinen und ich hoffe wir sind pünktlich vor Weihnachten mit dem Ding raus. Das wir noch das ganz große Geld mit dem Weichnachtkonsum-Ding mitnehmen können.

 

postmondän: Wenn es allein nach dir gehen würde: Welches Thema hätte Ausgabe Vier?

 

Joachim: Ausgabe Nummer Vier wird wohl eine Ausgabe über Filmbösewichte. Vielleicht auch eine Doppelausgabe über Bösewichte und Superhelden. Das kann ich zur Zeit noch nicht sagen.

 

postmondän: Eine Besonderheit eures Magazins sind sicherlich die zahlreichen Illustrationen. Schick Schick! Machen einige aus eurem Team das hauptberuflich?

 

Joachim: Ja, sogar sehr viele. Nicht nur was die Illustratoren oder Cartoonisten angeht, auch mancher Autor verdient damit hauptberuflich sein Lebensunterhalt. Ob als Drehbuchautor oder Journalismus Sektor. Bei den Sprechern sind ebenfalls einige Leute dabei die von ihrer Tätigkeit bzw. in naheliegenden Gebieten ihren Lebensunterhalt bestreiten.

 

postmondän: Blitzlichtrunde – Bitte vervollständige den Satz

 

Joachim:

Adam Sandler Filme… fallen mir grad keine ein. Bin kein Fan von dem Herrn. Aber die Deftones haben mal ein schönes Lied zu einem seiner Filme beigesteuert. Nicht extra für den Film geschrieben, aber halt für den Film Soundtrack. Sandler hat glaube ich auch mal mit Chino und Co. den Song unplugged performt. Fand ich sehr süß, muss ich schon sagen.

 

Das Internet… ist ganz interessant, besonders die letzten drei Seiten.

 

Die Hashtagkultur… kommt im allgemeinen glaube ich ganz gut ‚grad. Mein Lieblings-Hashtag ist seit Jahrzehnten: ##002#. Also für mein H-A-N-D-Y (!). Die Tastenkombination schaltet die Mailbox meines H-A-N-D-Y-s aus, oder an … kann mir das nie merken.

 

Jetzt mal ganz ehrlich: Star Wars Episode 6…. oder war es 3?

 

Andrej Tarkowski… Solaris. Es gibt bei meinem Lieblingsgriechen in Altona ein Gericht das heißt so, glaube ich. So
oder so. Würde ich sagen „ Solaris Da Da!“.

 

Ohne Satire… ist vor Satire.

 

Menschen, die im Kino den Film kommentieren… find ich interessant. Selbst hab dieses Phänomen eher selten erlebt. Das sind eventuell Leute die auch unglaublich überrascht sind wenn sie in einen Horrorfilm gehen und es dann wirklich gruselig ist.

 

postmondän: Famous last words?

 

Joachim: Trinkt mehr Wasser, mindestens drei Liter am Tag.

 


Vielen Dank an Joachim für die Beantwortung unserer Fragen und die Bereitstellung des Bildmaterials!

Eure Wege zum Kinemalismus Filmmagazin:

“Shut up and take my money!” | Ich will Hefte kaufen!
Kinemalistische Hörproben
Kinemalismus auf Facebook
Joachims Homepage

Juli Zeh: “Unterleuten” – Dorfroman im Kommunika­tions­zeitalter

Juli Zeh hat mit “Unterleuten” einen Gesellschaftsroman geschrieben. Einen Roman, der den Mikrokosmos des Dorflebens in all seinen Eigenarten und Besonderheiten seziert. Dass gerade die Sozialdynamiken des Dorfes die Folie für diesen Gesellschaftsroman bilden, ist kein Zufall, denn das dichte Netz aus Perspektiven, Gerüchten und Geschichten exemplifiziert eine Art der Kommunikation, die mehr denn je unsere Realität konstituiert.


Über Juli Zeh, die Dorfflucht und den Gesellschaftsroman

Autorin Juli Zeh (Spieltrieb, Corpus Delicti) hat vor einigen Jahren den Schritt gewagt, über den viele ausgebrannte Stadtmenschen abends mit einer Flasche Rotwein nachdenken – sie ist vor 10 Jahren mit ihrem Mann von Leipzig in ein kleines Dorf irgendwo im brandenburgischen Havelland gezogen. In Zehs neuem Wohnort läuft alles ein wenig anders als in der städtischen Umgebung. Der Weg zum nächsten Arzt ist ein Kurzurlaub und die neuen Nachbarn kaufen ihre Kartoffeln nicht im Biomarkt, sondern bauen sie an.

In den nächsten Jahren berichtet Zeh immer mal wieder, wie anders das Leben auf dem Land funktioniert. Ein ganz anderer Lebensraum sei das, mit vollkommen unterschiedlichen Kommunikationsformen und -normen. Das “Dorf” als verallgemeinerte Antithese zum urbanisierten Großstadttypus (heutzutage oft “Berlin”) ist literarisch interessant, weil es dem (urbanisierten) Leser eine Parallellwelt eröffnet, die seit Jahrzehnten, unbeeindruckt von sonstigen gesellschaften Umwürfen, nach ihren eigenen Regeln funktioniert und damit eine seltsame Form von Freiheit suggeriert. Eine Welt, die wohl dem Großteil der Leserzielgruppe fremd erscheint, die in ihren grundlegenden Strukturen allerdings erhebliches Identifikationspotential bietet.

Genau deshalb ist es nicht verwunderlich, dass sich ein Trend entwickelt hat, der die Gesellschaft nicht mehr in der Stadt, sondern im Dorf spiegelt. Als zugespitzte These formuliert: “Es könnte sein, dass Gesellschaftsromane überhaupt nur noch als Dorfromane möglich sind.” (Jörg Magenau für Deutschlandradio Kultur). Nach Saša Stanišić, der in “Vor dem Fest” 2014 das Dorfleben im uckermärkischen “Fürstenfelde” thematisierte, folgt Juli Zeh nun mit dem fiktiven brandenburgischen “Unterleuten”.

Die Menschen in “Unterleuten

In Unterleuten gibt es nicht viel. 250 Einwohner, einige Brutpaare der seltenen Vogelart “Kampfläufer”, einen mittelgroßen Agrarbetrieb und den “Märkischen Landmann” – der soziale Mittelpunkt des Dorfes. Die Einwohner setzen sich zwar aus einer bunten Mischung von Urunterleutenern und Zugezogenen zusammen, dennoch ist das Dorf bis auf wenigen Kontakt mit den Nachbargemeinden relativ abgeschottet: “Unterleuten las keine Zeitungen, sah kaum fern, benutzte das Internet nicht, interessierte sich nicht für Berlin, rief niemals die Polizei und vermied überhaupt jeden Kontakt mit der Außenwelt – aus einem schlichten Grund: weil es die Freiheit liebte.” Die Bewohner von Unterleuten sind vor allem mit einem beschäftigt: sich selbst.

Juli Zeh erzählt ihren Roman aus der Perspektive seiner Protagonisten. Zwar gibt es eine auktoriale Erzählerin, doch die Einzelkapitel zeigen immer den Blickpunkt einzelner Personen(gruppen), sei es aus der Innen- oder Außenperspektive. Schnell wird klar, dass die Bewohner von Unterleuten zwar die Freiheit lieben, doch dass sich die allgemein diffuse Freiheitsvorstellung vom Dorfleben, welche die Zugezogenen gegen großstädtische Erfahrungen des Parkplatzsuchens und Ubahnfahrens stellen, auf die Ebene der persönlichen Freiheit hinbewegt. Alle Protagonisten haben ihre eigene Geschichte der privaten Entfaltung zu erzählen. Und diese Geschichten müssen gerade im Mikrokosmos Dorf zwangsläufig kollidieren.

Da gibt es beispielsweise Gerhard Fließ, einen ehemaligen Soziologie-Professor, der eine Studentin geheiratet hat und mit Frau nebst Tochter der Stadt – und damit seinem alten Leben – eine “Kündigungserklärung” überreicht hat, nach Unterleuten ausgesiedelt hat. Fließ arbeitet nun für den Vogelschutzbund und eine seiner Lieblingsbeschäftigungen ist seinen Nachbarn ihre Bauprojekte aus Naturschutzgründen zu untersagen. Die anfängliche Dorfidylle der jungen Familie Fließ wird aber schnell gestört, als Bodo Schaller, ein dicklicher und grober Automechaniker, nebenan einzieht und beginnt Autoreifen zu verbrennen.

Oder aber Linda Franzen (deren Nachname wohl eine Hommage an die Gesellschaftsromane von Jonathan Franzen ist), eine junge und ehrgeizige Frau, die seit ihrer Ankunft in Unterleuten vor ein paar Jahren von der Idee besessen ist, ein altes Gutshaus zu einer Pferdeoase für ihren Oldenburger Hengst “Bergamotte” umzuwandeln. Linda steht aus diesem Grunde mit dem Unternehmensberater und Großgrundbesitzer Konrad Meiler in Kontakt, der zwar zögerlich ist, sein Land zu verkaufen, aber von der jungen selbstbewussten Linda fasziniert ist. Linda ist ein getriebener Erfolgsmensch, so zitiert sie beispielsweise regelmäßig aus dem Erfolgsratgeber eines gewissen Manfred Gortz und macht sich dessen Grundsätze in all ihren kleinen Projekten zu eigen.

Unterleuten” ist durchzogen von einem engen Netz von interpersonellen Bezügen. Neben den vorgestellten Personen gibt es noch Dutzende weitere, die mit ihren persönlichen Geschichten und Konflikten die Handlung des Romans bestimmen.

Perspektivität – Was ist Gut und Böse?

Das Dorf funktioniert nach seinen eigenen Regeln. Das wird für die Zugezogenen im Kontakt mit den Dorflern schnell deutlich. Während die Einen ihre Aussteigerträume pflegen, kochen die Anderen ihr ganz eigenes Süppchen. Doch die hässliche Fratze des sozialen Dorflebens wird erst sichtbar, als die abgeschottete Idylle von Unterleuten auf breiter Front bedroht wird: Durch die angekündigte Errichtung eines Windparks in der Peripherie von Unterleuten sind die Bewohner des Dorfes dazu gezwungen, nicht nur übereinander, sondern miteinander zu reden.

In der Entwicklung der verschiedenen Konflikte zeigt sich am Ende, dass auch die Einstellung zu Gewalt auf dem Dorf anders ist. Aus den kleinen Nicklichkeiten werden Katastrophen. Juli Zeh stellt mit “Unterleuten” auch die Frage nach dem Ursprung unserer moralischen Vorstellungen. Wann ist etwas Gut oder Böse – und hängt das davon ab, aus welcher Perspektive man die Welt betrachtet? Grundsatz von Zehs Moralkritik ist, dass “alle immer nur das Beste wollen, und am Ende trotzdem etwas schreckliches passiert.”

Unterleuten” liest sich abschnittsweise wie eine pfiffige Soap-Opera mit Thrillerelementen. Der Fokus auf die interpersonellen Bezugslinien offenbart auch Einsichten über die Art unserer Kommunikation.

Der “Dorffunk” – eine besondere Art der Kommunikation

Die Kommunikation im Dorf lebt von einer seltsamen Asymmetrie aus selbst veranschlagter Informationsfülle und totaler Ahnungslosigkeit. Juli Zeh nennt diese besondere Art der Kommunikation “Dorffunk”:

“‘Dorffunk’ [ist] eine globale Gerüchteküche. Jeder glaubt, alles über alles und jeden zu wissen, während es in Wahrheit nur Milliarden von Geschichten sind, die wir uns pausenlos gegenseitig erzählen. Sie werden zu einem undurchdringlichen Netz aus Legenden, Anekdoten und Fiktionen, welches unsere Realität ausmacht.” Juli Zeh, 3. Mai 2016 via www.unterleuten.de

Wenn man nun also den Dorfroman als genuine Form des Gesellschaftsromans akzeptiert, so müsste der “Dorffunk” uns eine tiefere Einsicht in das Kommunkationsverhalten des modernen Menschen geben. Wir leben im Kommunikationszeitalter, Informationen sind im Internet immer und überall verfügbar – genauso wie die ständige Möglichkeit zum Austausch und zur Selbstdarstellung. Primäre Kommunikation ist nicht mehr der direkte Kontakt zum Anderen, sondern vielmehr die Darstellung  und Reproduktion von Geschichten, die weitergegeben werden. Das Resultat ist oftmals mit Informationsdynamiken des Internets vergleichbar: Jeder versucht eine möglichst gute Geschichte zu erzählen und durch fehlende Nachprüfbarkeit verschwimmt die Grenze zwischen Virtualität und Realität.

Der digitalisierte Mikrokosmos von “Unterleuten”

Bezeichnend für diese These über Kommunikation ist, dass Juli Zeh “Unterleuten” als Kunstwerk versteht, dass die Grenzen des Buchdeckels transzendiert:

“Die Erzählung „Unterleuten” geht weiter, in Büchern, in Zeitungen, im Internet. Wenn Sie ihr folgen, werden Sie überall auf Teile von „Unterleuten“ stoßen. Weil die Gesellschaft nicht mehr so funktioniert wie zu Zeiten von Balzac, Thomas Mann oder John Updike, ist „Unterleuten“ als Gesellschaftsroman des 21. Jahrhunderts ein literarisch-virtuelles Gesamtkunstwerk.” Juli Zeh, 3. Mai 2016 via www.unterleuten.de

Dieser Anspruch ist vom Luchterhand Verlag nun auch wirklich angestoßen worden. Auf www.unterleuten.de ist die Digitalisierung des Mikrokosmos “Unterleuten” zusammengetragen. Neben zahlreichen Einzelvorstellungen des Dorfes und seiner Bewohner gibt es auf der Seite auch Querverweise auf die im Buch vorkommenden Entitäten. Das fiktive Dorf “Unterleuten” erwacht im WorldWideWeb zum Leben. So haben beispielsweise einige wichtige Vereinigungen und Orte eigene Weppräsenzen (vgl. vogelschutzbund-unterleuten.de oder maerkischer-landmann-unterleuten.de). Es gibt eigene Facebook-Accounts für die Figuren aus dem Buch, auf denen die Figuren “private” Bilder von sich posten, oder mit Panoramaaufnahmen von ihrem schönen Unterleuten schwärmen.

Sogar die Journalistin, die am Ende des Buches als Zusammenträgerin aller Informationen über Unterleuten offenbart wird, beschwert sich online über fehlende Wertschätzung ihres Beitrags von Seiten der Autorin.

Juli Zeh hat es zusammen mit ihrem Verlag geschafft eine Metaebene außerhalb des literarischen Werkes zu erschaffen, welche die ausgesprochenen Grundsatzfragen aktualisiert: Was bedeutet persönliche Identität? Wo ist die Grenze zwischen Realität und Fiktion, wenn unsere Kommunikation zu einem schlecht funktionierenden Dorffunk pervertiert ist?

Die Grenze zwischen Realität und Fiktion

Die Antwort auf diese Fragen, die zumindest von der Autorin und dem Verlag fossiert werden suggeriert ein faktisches Verschwimmen der Grenze zwischen Realität und Fiktion. Auf die Spitze getrieben ist dieses Verschwimmen in der Person von Manfred Gortz. Gortz wird in “Unterleuten” immer wieder als Autor des Ratgebers “Dein Erfolg” zitiert. Er hat eine eigene Homepage, betreibt einen Youtube-Channel, er ist auf Facebook und Twitter aktiv und verkauft sein Buch auf Amazon.

Trotzdem haben etwa die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung die Existenz von Manfred Gortz in Frage gestellt. Doch Gotz wehrt sich mit einem Video-Statement:

Die Antwort auf die Grundsatzfragen aus Juli Zehs exzellentem Roman “Unterleuten” wird prägnant von Gortz formuliert: “Entscheiden Sie selbst! Der Mensch ist eine Geschichte, die er sich selbst erzählt.” (Manfred Gortz im Youtube-Statement)


Beitragsbild: Foto M.K.

Wir danken dem Luchterhand Verlag für die Bereitstellung des Leseexemplars von “Unterleuten“.