Alle Artikel von Martin Kulik

Lange Nacht der Museen in Berlin – 25.08.18

Am 25. August ist es wieder soweit: In der Langen Nacht der Museen öffnen über 80 Berliner Museen und Ausstellung ihre Pforten für nächtliche Besucher. Zu diesem Anlass gibt es über 800 Sonderführungen und Events. Wir durften in einem Social-Media-Preview schon einmal drei davon besuchen und erleben.


Fabelhafte Fossilien im Naturkundemuseum Berlin

Das Museum für Naturkunde Berlin ist berühmt für seine riesigen Dinosaurierskellette. Heute wissen wir so einiges über den Fleischfresser Tyrannosaurus Rex und den Langhals Brontosaurus, doch das war nicht immer so. Knochen- und Fossilienfunde wurden sehr lange mit Mythen und Sagen in Verbindung gebracht. So entstanden Vorstellungen von Wesen wie Zyklopen, Drachen und sogar Einhörnern!

Zur langen Nacht der Museen gibt es im Naturkundemuseum eine Sonderführung durch die Hauptsammlung fossiler Wirbeltiere, in der man nicht nur die Originalknochen der ausgestellten Dinos bestaunen kann, sondern auch allerlei unterhaltsame Sagen und Mythen erkundet.

Der schönste Hörsaal Berlins im Tieranatomischen Theater

Kennt ihr das Tieranatomische Theater? Nein? Dann wird es aber Zeit! Das 1790 erbaute Gebäude ist nämlich nicht nur eines der wertvollsten klassizistischen Bauwerke in Berlin (architektonisch bedeutsamer als das Brandenburger Tor!), sondern verfügt auch über den wohl schönsten Hörsaal Berlins. Der beeindruckende Kuppelbau diente früher als veterinärmedizinischer Lehrsaal, in dem den Studenten Anatomie an Tierkadavern studierten.

Heute betreibt die Humboldt-Universität das Tieranatomische Theater als Forschungs- und Ausstellungszentrum. Aktuell ist die Ausstellung „Verschwindende Vermächtnisse: Die Welt als Wald“ zu sehen.

Matcha-Teezeremonie in der Mori-Ogai-Gedenkstätte Berlin

Mori Ogai ist ein Schriftsteller, der in Japan zur Pflichtlektüre  in der Schule gehört. Bei uns ist er wohl nur Kennern bekannt. Eigentlich schade! Schließlich hat er lange Zeit in Berlin verbracht und war der erste Übersetzer des „Faust“ ins Japanische. Die Mori-Ogai-Gedenkstätte Berlin informiert über Leben und Werk des temporären Wahlberliners und wirft zudem einen Blick auf Japans rasanten Sprung in die Moderne, der sich im 19. Jahrhundert vollzog.

Ein ganz besonderes Highlight ist die Möglichkeit einer traditionellen Matcha-Teezeremonie beizuwohnen, die von einem ausgebildeten Teemeister vorgeführt wird.


Lange Nacht der Museen in Berlin

25.08.2018

Tickets und Informationen

Titelbild und Fotos: Martin Kulik

Neueröffnung der Kunsthalle Mannheim – Kunstmuseum der Zukunft?

Am Freitag den 01.06.2018 feiert die Kunsthalle Mannheim ihr Grand Opening. Nach der Fertigstellung des imposanten Neubaus wird die Kunsthalle mit neuem Konzept als „Stadt in der Stadt“ präsentiert und will Impulse für das Kunstmuseum der Zukunft setzen. Neben einer Neuinszensierung der bisherigen Ausstellungen werden Werke des Fotokünstlers Jeff Wall in einer Sonderausstellung präsentiert. Wir waren zu einem Preview-Event eingeladen und durften dort schon einige Eindrücke für euch bildlich festhalten.


Nach fast drei Jahren Bauzeit präsentiert sich der architektonisch eindrucksvolle Neubau der Kunsthalle Mannheim, entworfen von Gerkan, Marg und Partner, am schönen Friedrichsplatz in Mannheim – sonst eher von Jugenstilgebäuden gesäumt.

Zusammen mit dem neuen Prachtgebäude stellt sich die Kunsthalle Mannheim auch konzeptionell neu auf: Die Kunsthalle soll als Kunstmuseum der Zukunft ein offener Raum in der Stadt sein, den Kuratoren, Künstler und Publikum gemeinsam gestalten. Ganz nach dem Mannheimer Stadtkonzept, welches vor allem durch die Stadtquadrate bestimmt ist, sammeln sich im Inneren des Baus sieben „Ausstellungshäuser“ um ein lichtdurchflutetes Atrium. So zerfließen die Grenzen zwischen Stadt und Museum, zwischen Bürger und Museumsbesucher.

In den offenen Ausstellungen sind einerseits Neuinterpretationen von Schlüsselwerken der Sammlung – so etwa von Edouard Manet und Auguste Rodin – gezeigt. Aber auch internationale Künstler der Gegenwart wie etwa William Kentridge, Alicja Kwade und Anselm Kiefer präsentieren ihre Installationen und Bilder in den 13 Ausstellungsflächen.


Als Sonderausstellung sind außerdem unter dem Titel „JEFF WALL. APPEARANCE“ Werke eines Pioniers der Fotokunst zu bewundern. Jeff Wall erkundet in seinen großformatigen Fotos den Platz der Fotografie innerhalb der Künste und spielt mit Bild-in-Bild-Beziehungen. Dabei sind viele seiner Bilder in riesigen Dia-Leuchtkästchen installiert.


Der Neubau der Kunsthalle Mannheim ist aber nicht nur Ausstellungsfläche, sondern beinhaltet alle wesentlichen Museumsfunktionen – neben den offen zugänglichen Kuben sind das z.B. auch die Depot- und Technikräume, die Restaurationsflächen sowie das Museumsrestaurant LUXX.

Als Kunstmuseum der Zukunft setzt die Kunsthalle Mannheim auch dezidiert auf eine moderne Digitalstrategie. Neben einer eigens gestalteten App kann man die Sammlung der Kunsthalle auf interaktiven Touchmonitoren erkunden.

Alle Informationen zum Grand Opening der Kunsthalle Mannheim und den gezeigten Ausstellungen findet ihr unter kuma.art. Schaut vorbei – es lohnt sich!


Bildnachweise:

Titelbild: Der Neubau der Kunsthalle Mannheim Foto: Kunsthalle Mannheim/ Constantin Meyer

Alle sonstigen Bilder: Kunsthalle Mannheim und die respektiven Künstler/ Fotos Martin Kulik

Identität gesucht: Sasha Marianna Salzmann: Ausser sich

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Sasha Marianna Salzmann erzählt in ihrem Prosadebüt die Geschichte von Zwillingen, die auf der Suche nach ihren Identitäten Konventionen und Grenzen überwinden – ein sprachgewaltiges und experimentierfreudiges Buch über den Kampf mit der der Frage „Wer bin ich?“.


Sasha Marianna Salzmann war bislang vor allem als Hausdramatikerin des Berliner Gorki Theaters bekannt. Doch nun hat die 1985 in Wolgograd geborene Autorin den Schritt zum Roman gewagt und ist dabei vielen ihrer dramaturgischen Mittel treu geblieben. Ausser sich ist der Titel ihres Prosadebüts, das es auf Anhieb auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat – ein Titel, der bereits das große Thema des Romans andeutet: die Überschreitung weltlicher, gesellschaftlicher und persönlicher Grenzen auf der Suche nach dem „Ich“.

Das Thema der Grenzüberschreitung begegnet uns bereits auf den ersten Seiten des Romans. Die junge Alissa, genannt Ali, begibt sich auf die Suche nach ihrem Zwillingsbruder Anton. Einzige Spur ist eine Postkarte, die ohne Text und Absender aus Istanbul verschickt wurde. Als Ali schließlich die Grenze in die Türkei überschreitet verspürt sie den bekannten Geschmack von Hähnchenfleisch auf der Zunge, den sie noch von ihrer ersten Reise in die alte Heimat, Moskau, kennt, als sie noch ein kleines Mädchen war. Mit diesem einfachen szenischen Trick inszeniert Salzmann sprachlich die Dramaturgie eines  Romans, der von komplexen Verflechtungen einer Familie bestimmt wird, deren Mitglieder auf der Suche sind: auf der Suche nach ihrer Heimat, nach Geborgenheit und vor allem nach sich selbst. Um diese verworrene Sinnsuche darzustellen, sprengt Sasha Marianna Salzmann sprachliche und erzählerische Konventionen. Die Prosa des Romans ist verschachtelt, lebendig und wild – verworrene Sinneseindrücke durchbrechen immer wieder Wahrnehmungen der Hauptfigur, die Zeitwahrnehmung wird verzerrt, Halluzinationen vermischen sich mit Realität, Erinnerungen mit Wahnvorstellungen.

Und trotz dieser sprachgewaltigen Prosa bietet Ausser sich auch inhaltlich jede Menge Substanz. Über fast 100 Jahre erstreckt sich die Geschichte der Familie Tschepanow, die aus der Sicht von vier Generationen multiperspektivisch erzählt wird. Es ist eine Geschichte von Migration und Ausgrenzung. Ali und Anton fliehen als Kinder von russischen Juden von Moskau nach Deutschland und erfahren sowohl in der alten als auch in der neuen Heimat, wie schmerzhaft die Dynamiken der  Exklusion sein können. Halt finden die beiden Zwillinge in ihrer Zuneigung zueinander, doch nachdem Ali ihr Mathestudium abbricht, verschwindet Anton und Ali macht sich nach Istanbul auf, um ihn zu finden. Doch die Suche nach ihrem Bruder wird vor allem auch eine Suche nach dem eigenen „Ich“ – und ein Hinterfragen, wer denn eigentlich die Identität bestimmt. Ali hinterfragt nicht nur ihre Herkunft, sondern auch ihre Geschlechtsidentität und sieht gar nicht ein, warum sie zulassen sollte,  dass ihr irgendwelche Label aufgedrückt werden. So lernt sie in Istanbul eine Transperson kennen und beginnt eine selbstverordnete Hormontherapie, geht ihren eigenen Weg.

Genau wie Ali’s fluide Genderidentität ist der gesamte Debütroman von Sasha Marianna Salzmann kaum zu labeln. Die Erzählperspektive springt nicht nur wild zwischen Personen, Orten und Zeiten, sondern transformiert sich mit  seinen Figuren – inklusive Angleichung des Personalpronomens. Salzmann hat mit diesem Roman ein Debüt hingelegt, das Grenzen und Konventionen sprengt und Lust macht auf eine neue Gegenwartsliteratur, die sich nicht davor scheut die bekannten Pfade zu verlassen und einen Schritt ins Unbekannte zu gehen.


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Sasha Marianna Salzmann: Ausser sich
Roman

366 S., geb.

ISBN: 978-3-518-42762-0

22 €

erschienen am 11.09.2017 im Suhrkamp Verlag

Kompromisslos schmutzig – Sven Heuchert: „Dunkels Gesetz“

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Sven Heucherts Debütroman Dunkels Gesetz erzählt, getarnt als Kriminalroman, eine Geschichte der Gewissenlosigkeit abgehängter Menschen. Kompromisslos schmutzig, eine Welt in schwarz und grau – literarischer Noir vom Feinsten.


Ein traumatisierter Ex-Söldner, ein ambitionierter Neudrogendealer, eine gestrandete Prostituierte und ihre resignierte Tochter. Sven Heuchert macht mit seinem Romandebüt Dunkels Gesetz da weiter, wo er mit dem schroffen Erzählband Asche aufgehört hat: Er portraitiert Außenseiter, über deren Herzen sich der gleiche graue Schleier gelegt hat, der auch ihre trostlose Umgebung verhüllt. Auch wenn auf dem Buchcover „Kriminalroman“ zu lesen ist, wirft Heucherts Buch doch eigentlich einen Kaleidoskopblick auf zerstörte Charaktere. So ist die Rahmenhandlung auch schnell zusammengefasst: Richard Dunkel, ein von Albträumen geplagter Ex-Söldner, nimmt einen Job als Sicherheitsmann irgendwo im rheinländischen Nirgendwo an, bei dem er in die Machenschaften einer aufstrebenden lokalen Verbrecherbande verstrickt wird. Achim, der schmierige Kopf jener Bande, will sich mit frischem Drogengeld aus seinem eingestaubten Alltag als Betreiber einer abgewrackten Tankstelle befreien, um sich zusammen mit seiner neuen Flamme („tropft wie’n Kieslaster“) und ihrer jugendlichen Tochter („die spitz ich mir noch an“) „endlich mal so richtig die Sonne auf den Arsch scheinen“ zu lassen. Dunkel lässt schließlich einen wichtigen Teil seiner Operation platzen und löst damit eine Kettenreaktion von Gewalt aus.

Doch Heucherts Buch auf diese Geschichte zu reduzieren würde dem Buch nicht gerecht werden. Dunkels Gesetz ist genauso wenig ein Kriminalroman wie Cormac McCarthy’s The Road ein Reisejournal ist. Der Roman wird getragen von der schroffen und schmutzigen Realität, in der sich seine Figuren bewegen. Nicht nur Richard Dunkel hat verstanden, dass in seiner Welt nur „ein paar wenige gewinnen. So sind die Regeln, so ist das Gesetz.“ Um nicht endgültig zu den Verlierern zu gehören, haben die Figuren des Romans Stück für Stück ihre Skrupel begraben und sich einer Wirklichkeit angepasst, in der es keine Helden und schon gar kein Happy-End gibt. Damit reanimiert Heuchert die in Deutschland fast unbekannte Form des Noir-Romans, der eine Stimmung vermittelt, die gut und gerne mit der Trostlosigkeit einer post-apokalyptischen Erzählung mithalten kann. Wenn Richard Dunkel in seinem alten Wagen durch die rheinländische Provinz fährt, vorbei an verfallenen Tankstellen, stillgelegten Steinbrüchen und verschimmelnden Wohnwagen, dann fühlt sich das ein wenig so an wie der Beginn eines Zombiefilms, in dem Menschlickeit durch den Kampf ums pure Überleben verdrängt wird. In einer solchen Welt gibt fast niemanden, der nicht irreperabel beschädigt scheint. Die Träume der Abgehängten klingen selbst in ihren eigenen Ohren wie purer Hohn. Die sukzessive Resignation an eine Lebenswirklichkeit ohne Hoffnung lässt Menschen wie Billardkugeln aneinanderprallen – und manchmal wird da eben auch mal eine eingelocht. Gehört zum Spiel.

All dies erzählt Sven Heuchert in einer klaren Sprache, die in ihrer schroffen Reduktion genau den richtigen Ton trifft. Dunkels Gesetz ist schmutzig, brutal, und lässt nach dem Lesen einen faden Geschmack im Mund zurück. Ein Debüt, das in seiner Kompromisslosigkeit beeindruckt.


heuchert_dunkels_gesetz_coverSven Heuchert

Dunkels Gesetz

192 Seiten

ISBN: 9783550081781

14,99 €

Erschienen bei den Ullstein Buchverlagen

Tattoos in der Kunst

Tattoos in der Kunst

Tattoos sind heute längst im Mainstream angekommen. Fast ein Drittel der 25 bis 34-jährigen hat sich schon mindestens ein Bild auf die Haut stechen lassen. Trotz der erhöhten Präsenz von Tattoos in der Populärkultur gibt es bisher nur wenige kunsthistorische Analysen dieser Ausdrucksart. Tattoo-Forscher Ole Wittmann legt nun in seinem Buch Tattoos in der Kunst den Fokus darauf, Tätowierungen als eigenständige Kunstwerke zu untersuchen.


Tattoos als Gegenstand der Wissenschaft

Wieso lassen sich Menschen tätowieren? Rituelle Symbolik, Körperkult, individueller Ausdruck oder gar Antikultur? Genau diese Art der Fragen bestimmten bisher die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Tattoos. Es ging vor allem um anthropologische, soziologische, psychologische und medizinische Perspektiven auf das Phänomen „Tattoo“ in seinen entsprechenden Geltungsbereichen. Doch die Tätowierung als Kunstwerk wurde aus einer kunsthistorischen Perspektive bisher eher stiefmütterlich behandelt. Genau diesen Missstand will Ole Wittmann mit seiner ursprünglich als Dissertation an der Universität Hamburg eingereichten Arbeit beheben: Die Tätowierung soll als eigenständiges Kunstwerk untersucht werden, das besondere künstlerische Kontexte einschließt.

Wittmann untersucht in Tattoos in der Kunst zunächst die werkspezifischen Eigenschaften der Tätowierung auf dem Bildträger Haut, bevor er Komposition, Platzierung und Ikonograpfie von Tattoos in ihrer Geschichte seit dem 19. Jahrhundert näher beleuchtet. Ikonologie, Motiv und Trägermaterial stehen dabei in einer besonderen Beziehung, die Wittmann am Beispiel von Damien Hirsts Werk butterfly, divided, das sich des berühmten Schmetterlingssymbols annimmt, exemplifiziert.

Die Haut als Bildträger

Eine Besonderheit der Tätowierung als Kunstwerk sind die materialspezifischen Eigenheiten des Bildträgers – bei einem Tattoo werden Farbpigmente von dem Künstler direkt in die Haut eingebracht. Der Vorgang des Tätowierens ist dabei vergleichbar mit einer künstlerischen Performance:

„Gewissermaßen wird ein Aktions-Kunstwerk durch eine Tätowierung materialisiert, das Einbringen von Farbe in die Haut macht das Tattoo zum Bild und den Körper zum Bildträger. Zwar unterliegt die Lebensdauer einer solchen Arbeit ebenfalls der Endlichkeit, doch bewirkt der Tätowiervorgang eine dauerhafte Präsenz des originären Werkes.“

Eine Tätowierung ist dauerhaft, doch im Gegensatz zu konventiellen Materialen aus der bildenden Kunst, wie etwa Marmor oder Leinwand, verändert sie sich viel stärker. Tattoos sind einem Alterungsprozess unterworfen, der Einfluss auf Komposition und Handwerk hat. So bleichen etwa die heute sehr populären „Aquarelltattoos“ sehr viel schneller aus als traditionelle Tattoos, da ihnen die schwarzen Outlines fehlen. Ole Wittmann sieht den Tätowierer dabei einerseits in der Pflicht die Qualität des Tattoos auch hinsichtlich des Alterungsprozesses zu bedenken. Andererseits erkennt er unkonventionelle und experimentelle Tattoos als notwendigen künstlerischen Ausdruck, um den Willen zur Veränderung und Weiterentwicklung innerhalb dieser Kunstrichtung zu erhalten.

Komposition und Ikonologie der japanischen und europäischen Tätowierung

Der Körper als Bildträger beeinflusst nicht nur die Vergänglichkeit des Kunstwerkes, sondern er nimmt auch immensen Einfluss auf Komposition und Platzierung der Tätowierung.

Ein gutes Tattoo passt sich der natürlichen Physis des Körpers an. Sehr deutlich wird dies an den englischen Bezeichnungen für Tätowierungen. Ein Tattoo, das den ganzen Arm bedeckt wird etwa als „full sleeve“ (voller Ärmel) betitelt, ein komplett tätowierter Körper sogar als „full body suit“. Gerade in der japanischen Tradition werden oft große Teile des Körpers mit „bebilderten Hauthemden“ überzogen, in der einzelne Motive zu einer großen Darstellung verschlungen werden. In Europa hingegen wurden oft Einzelmotive ohne besondere Berücksichtung der Formen des menschlichen Körpers aufgetragen. Wittmann zeigt, dass sich europäische Tattoos in ihrer Tradition dennoch der Physis des Menschen als humoristische oder illusionistische Leinwand bedienen. Hierbei werden bestimmte Körperteile als Teil des Bildes eingesetzt – etwa eine Brustwarze als Nase einer Katze. Diese, von Wittmann als „metomorphische Tattoos“ bezeichneten, Hautbilder instrumentalisieren die Physis des Menschen und machen ihn so noch stärker zu einem wesentlichen Bestandteil des Kunstwerkes.

Das Anpassen von Tattoos an die Physis des Menschen geschieht oft unter besonderer Berücksichtungen von Symmetrie (man denke etwa an „Flügel-Tattoos“). Motive, die symmetrisch ausgerichtet sind, erfreuen sich deshalb verständlicherweise einer großen Popularität. Eines der meisttätowierten Bilder ist etwa der Schmetterling, der bis heute ein klassisches Motiv geblieben ist.

Die Schmetterlingsdarstellung und Damien Hirst

Ole Wittmanns eingehende Untersuchung der ikonologischen Eigenheiten von Tattoos und der besonderen Motivgeschichte des Schmetterlings bereiten die Hauptanalyse seines Buches vor: Damien Hirsts Werk butterfly, divided, bei dem Hirst den Tätowierer Mo Coppoletta einen Schmetterling um die Vulva einer Frau stechen ließ. In diesem Kunstwerk laufen einige bisherige Ergebnisse Wittmanns zur Tätowierung zusammen: in einer metamorphischen Tätowierung wird der Körper als Teil des Motivs instrumentalisiert. Durch die explizite Platzierung auf der Scham der Frau bietet das Werk nicht nur kunsthistorische Referenzen (etwa: Die Geburt der Venus), sondern entfaltet auch eine Öffentlichkeitswirksamkeit in der Kunstwelt, die bisher für die Tätowierung so nicht bestanden hat. Wittmann zeigt allerdings eindrücklich, dass Hirst hiermit keine wirkliche künstlerische Innovation hervorbringt, sondern sich vielmehr nur Elementen bedient, die sowohl in der bildenden Kunst als auch in der Tätowierkultur schon eine lange Tradition hatten.

„Die Überführung dieses lowbrow-Mediums in die high art hatte etwa vierzig Jahre vorher stattgefunden, die Motividee ist wenigstens über ein halbes Jahrhundert alt. Das Vorgehen, low in high zu transferieren und durch die Kontextverschiebung in die Sphären des Kunstsystems eine Novität zu schaffen, kann hier somit nicht greifen.“

Hirst Butterfly Divided Garage Magazine

Titelbild des Garage Magazines mit einer zensierten Fotografie von butterfly, divided

Tattoos in der Kunst ist eine der ersten tiefergehenden kunstwissenschaftlichen Untersuchungen, die das Tattoo als Kunstwerk ernstnimmt. Wittmann berücksichtigt nicht nur die Eigenheiten des Materials und der Praxis, sondern gibt auch umfangreichen Einblick in Kompositions- und Motivgeschichte der Tattootradition in Japan und Europa. Ein Buch, das nicht nur Kunstwissenschaftler oder Tattoobegeisterte überzeugen wird.


Wittmann Tattoos in der Kunst Cover

Ole Wittmann: Tattoos in der Kunst

Materialität – Motive – Rezeption

49,00 €

ISBN 978-3-496-01569-7

Erschienen März 2017 im Reimer Verlag

 

Indiezukunft: Tobias Roth – Verlag „Das Kulturelle Gedächtnis“

Verlag Das Kulturelle Gedächtnis

Wie sieht die Zukunft der unabhängigen Verlagsbranche aus? Zwischen Digitalisierung, dem ewig zitierten Niedergang des Printgeschäfts und chronischer Finanzierungsnot gibt es immer noch zahlreiche junge Independent-Verlage, die unsere literarische Landschaft mit ihren Programmen aufwerten. Wir möchten diesem besonderen Bereich zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen und suchen gemeinsam mit unseren Interviewpartnern nach Wegen in die Zukunft.

Als Auftakt haben wir mit dem Autor, Lyriker und Übersetzer Tobias Roth gesprochen, der neuerdings auch im neugegründeten Verlag Das Kulturelle Gedächtnis zeitlose Texte mitverlegt.


Tobias, wie ist es zur Gründung des Verlags „Das Kulturelle Gedächtnis“ gekommen?

Die Idee entstand durch private Bekanntschaften und klassische Küchentischgespräche nach dem Abendessen. Dort wurde uns sehr schnell klar, dass alle Beteiligten die Leidenschaft für Bücher und besonders für ältere Texte verbindet. Eines unserer meistdiskutierten Themen war, dass viele dieser Texte oft keinen verlegerischen Ort finden, da sie vermeintlich zu entlegen sind, zu schräg, zu heiß, oder eben nicht die Leserschaft des Kanons hinter sich haben, wie das beispielsweise der Fall wäre, wenn man Schilleraphorismen herausbringen würde. Diese Küchentischgespräche erweiterten sich immer mehr und verselbstständigten sich. Bevor wir uns versahen, entwickelten wir erste Skizzen für ein Verlagsprogramm und auf einmal standen wir dann auch schon beim Notar, mit dem Vorhaben einen neuen Verlag als GmbH eintragen zu lassen. Wir sind also vom Grundsatz her ein klassischer Independent-Verlag, der eigenes Kapital einsetzt, aber auch durch stille Unterstützer gefördert wird. Wichtig ist auch, dass wir alle Gewinne, die wir erwirtschaften, im Verlag belassen und uns selbst keine Honorare für unsere Arbeit zahlen. Es geht um Unabhängigkeit und Konituität des Programms. Wenn es also gut läuft, werden nicht wir reich, sondern die durchgängig vielfarbigen Folianten kommen aufs Programm. Gleichzeitig gibt es intern keine typischen Verlagshierarchien, wir machen alle gemeinsam Programm, wir sitzen immer noch am Küchentisch.

Dann stell euer Team doch bitte kurz vor! Wer arbeitet an dem Projekt mit?

Im Endeffekt sind wir zu viert.

Als erstes Peter Graf, bekannt als Verleger bei WALDE+GRAF, der mit seinem geballten verlegerischen Know-How Herzschlag des Ganzen ist und dafür nicht selten seinen eigenen Ruhepuls riskiert.

Dann der Carsten Pfeiffer, ein Vertriebler und wundervoller Bibliomane, der sich vor allem im Fundament der Zahlen auskennt, wo naturgemäß wichtige Mechanik der Maschine Verlag beheimatet ist.

Und der Thomas Böhm, dessen Stimme man aus dem Radio und von allerhand Bühnen kennt. Thomas ist ein absolutes Veranstaltungs- und Moderationstalent, Quatsch: Veranstaltungs- und Moderationsmeister! Er hat lange das Literaturhaus Köln geleitet und beispielsweise den berüchtigten Gastauftritt Islands auf der Frankfurter Buchmesse auf dem Kerbholz.

Ich selbst bin Autor, Philologe, Übersetzer, der von der ganzen verlegerischen Seite noch am wenigsten Ahnung hatte und jetzt natürlich das Glück hat, mitten in der geballten Erfahrung zu sitzen. Ich bekomme einen Crashkurs in Sachen Verlagswesen.

Außerdem sind wir durch die Verbindungen Peters an die grandiosen Gestalter von 2xGoldstein aus Karlsruhe und studio stg aus Berlin gekommen, die für die Optik unseres Verlags und unserer Bücher verantwortlich sind.

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Der Verlag Das Kulturelle Gedächtnis in der Kulturbrauerei. V.l.n.r.: Thomas Böhm, Tobias Roth, der Schauspieler Frederic Böhle. Photo: Insa Langhorst.

Wie seid ihr zu dem Namen „Das Kulturelle Gedächtnis“ gekommen?

Die Prägung des Begriffs „kulturelles Gedächtnis“ stammt natürlich nicht von uns, sondern wurde vom Ehepaar Assmann genial aus der Taufe gehoben. Es beschreibt schlichtweg das, was menschliche Kultur schon hervorgebracht hat und was noch zur Verfügung steht. Teile dieses Gedächtnisses sind in den Hintergrund geschoben worden, aber sie sind trotzdem noch vorhanden. Genau an diesem Punkt wollen wir ansetzen, denn wir sind der Meinung, dass viele dieser Bestände gerade in unserer Zeit höchst nützlich sind. Wir wollen also eine Art Goldgräberrolle einnehmen, indem wir uns fragen: „Was gibt es gerade für aktuelle Diskurse und Probleme? Welche Analysen und Lösungsvorschläge gab es dazu schon, die aber nicht mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen?“ Anhand dieser Fragen wählen wir Titel aus, die meist vergriffen, nicht (brauchbar) übersetzt, schwer zugänglich oder durch Fraktur distanziert sind. Diese verlegen wir in moderner Aufmachung, kommentieren sie, schreiben Nachworte, bereiten das Material auf. Wir sind also in diesem Sinne nicht nur Goldgräber, sondern auch Staubwegpuster.

„Astu non vi. – Mit List, nicht mit Kraft.“

Motto des Verlags „Das Kulturelle Gedächtnis“

Wir wollen eine Stimme in den Diskurs einbringen, die allein schon durch ihre historische Distanz einen besonderen, angeschrägten Winkel hat, aber trotzdem in die Diskussion eingespeist werden kann. Natürlich können wir diese historischen Ansätze nicht als servierfertige Lösungen aktueller Probleme ansetzen, aber wir können uns an den Standards und dem Niveau der Reflektion dieser Gedanken orientieren und dadurch unsere eigenen Standpunkte hinterfragen.

Wie siehst du diesen Ansatz mit der gegenwärtigen Art des Diskurses vereinbar?

Ich denke, dass wir uns momentan in einer Art Umbruchphase befinden – vielleicht vergleichbar mit der Zeit um 1500, als der Buchdruck die Art der Meinungsbildung radikal verändert hat. Ähnlich sehe ich den Einfluss des Internets, das ganz neue Informationsströme und dementsprechend auch eine neue Medienkompetenz erfordert. Diese Kanäle können und wollen wir uns natürlich auch zunutze machen. Aber klar, veränderte Fließgeschwindigkeit von Information verändert den ganzen Zeitbezug.

Natürlich könnte man die Einspeisung eines 200 Jahre alten Kommentars in den Diskurs als radikalen Gegenentwurf zur „News-Bubble“, in der man sich beispielsweise im Facebook-Feed befindet, interpretieren. Da wird auch ein zeitlicher Horizont hereingebracht, der – wie es scheint – in unserer heutigen Fortschrittskultur nicht vorgesehen ist. Die Gegenwart und die Projektion auf die Zukunft scheinen heute die entscheidenden gedanklichen Richtungen zu sein, weniger die Besinnung auf eine qualitätvolle Vergangenheit. Diese Verkürzung des Horizonts führt dazu, dass wir einige Imperative unserer Zeit, die aus dieser unbeachteten Vergangenheit stammen, gar nicht mehr in ihrer Genese und Absicht verstehen. Gerade solche Distanzen kann man, denke ich, mit dem Vehikel unseres Verlags gut überbrücken. Denn wir wollen ja nicht auf kontra mit einer gegenwärtigen Denk- oder Informationskultur gehen.

Die Idee „alte Gedanken in neuem Gewand“ zu verlegen spiegelt sich auch in eurem Programm wieder. Kannst du uns einen Titel exemplarisch vorstellen?

Sehr gerne! Die Idee der Diskurs- und Denkanregung wird in unserer Reihe GEGENSCHUSS wohl am besten deutlich. In den Büchern dieser Reihe ist schon im Format eine Mehrstimmigkeit angelegt, denn man kann sie von zwei Seiten lesen. Es sind also zwei Texte zu einem Thema, die sich konfrontativ ergänzen und dadurch eine kompetetive Symbiose bilden.

Der erste Band unseres Formats GEGENSCHUSS stellt den Text „Der Diplomat“ von Jules Cambon den „Die Regel des Duells“ von Franz von Bolgár gegenüber.

Cambon beschreibt sehr feinsinnig, wie durch die Kunst der Diplomatie Konfliktlösungen ohne Anwendung von Gewalt gefunden werden können. Wenn man das Buch dann um 180° dreht, gelangt man zu schnellsten Art der Konfliktlösung – nämlich dem Duell mit tödlichen Waffen, dessen Regeln im Text von Franz von Bolgár ausgeführt sind. Diese Vorgehensweise zielt auf eine unmittelbare Lösung des Konflikts ab, die aber trotzdem noch in einer zivilisierten Art von statten gehen soll. Innerhalb des Buches wird durch die ständige Rotation der Konfliktlösungen eine Reflektion unserer eigenen Konfrontationen angeregt.

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Ihr nutzt also die Art der Aufmachung und des Designs eurer Bücher als diskursives Instrument?

Zunächst sind wir sehr darum bemüht, dass bei dem Design unserer Bücher unmittelbar klar wird, dass es uns nicht darum geht, eine weitere „Klassikerbibliothek“ zu machen. Wir setzen da in Zusammenarbeit mit unseren kreativen Designstudios auf innovative gestalterische Mittel. Unsere Titel sind beispielsweise sehr bunt geprägt und wir scheuen uns auch nicht vor Seiten mit schwarz-weiß-Inversionen oder ähnlichem, auf den Umschlägen steht viel Text. Einige unserer Doppelseiten erinnern vielleicht eher an die Aufmachung einer hippen Literaturzeitschrift, als an Klassiker. Andererseits gibt es viele Elemente klassischer Buchkunst: etwa, dass alle Bände einen farbigen Kopfschnitt haben und es keine Schutzumschläge gibt. Auch die Materialität soll unseren Spagat kommunizieren: „Voilà alte Texte, aber diese Texte sind für heute.“

Das drückt auch unseren Anspruch an die Texte aus, die wir verlegen. Nur „alt“ reicht eben nicht, sondern sie müssen eine gewisse Qualität und eine zeitgenössische Relevanz besitzen. Die Art unseres Designs ist auch eine Einladung an unsere Leser. Wir wollen zeigen, dass diese Texte lesbar und nützlich sind, brauchbar. Und, das soll nicht zu kurz kommen: dass man mit ihnen großen Lesegenuss haben kann, Freude und neue Erfahrungen.

Abschließend noch ein großes Thema, das gerade für Independent-Verlage relevant ist: Ein Buch ist heute mindestens zu gleichen Teilen Konsumprodukt und künstlerische Ausdrucksform. Wie siehst du dieses Spannungsverhältnis?

Ich denke, dass man zwischen diesen beiden Polen, die sich scheinbar gegeneinander abstoßen vermitteln und differenzieren muss. Ganz klar ist einerseits: Vollkommen brotlose Kunst kann nicht funktionieren, denn dann hast du kein Brot zum Essen. Andererseits ist ein Buch kein Produkt, sondern eine Verlängerung des Gedächtnisses, wie Luis Borges schon gesagt hat.

„Das Buch ist eine Verlängerung des Gedächtnisses und der Vorstellung.“

Luis Borges

Wir als Verlag haben uns dann dazu entschieden, vor allem schöne  und wertige Bücher zu machen. Denn wir glauben, dass das materielle Produkt Buch auf ganz besondere Weise Bezauberungspotential hat und für seinen Inhalt wirbt.

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Der Verlag Das Kulturelle Gedächtnis im Roten Salon der Volksbühne. V.l.n.r.: Die Schauspielerin Kathie Angerer, Peter Graf und Thomas Böhm. Photo: Insa Langhorst.

Ihr als junger Independent-Verlag habt euch also bewusst dazu entschieden, euch klassisch in den sich diversifizierenden Buchmärkten zu positionieren? Da gibt es heute ja auch viele Stimmen, die etwa den digitalen Weg predigen.

Natürlich kann man sagen, dass wir durch unsere Ausrichtung auf Klassiker im Printformat heute eine bibliophile Nische des Buchmarktes bedienen. Aber man muss gleichzeitig bedenken, dass das eine verdammt große Nische ist. Kaum ein anderes Produkt hält sich so widerstandsfähig im Markt, wie das gedruckte Buch. Seit Jahrhunderten ist das System des gedruckten Buches eine funktionierende Maschine, die funktioniert und in ihrer Schönheit wertgeschätzt wird. Das gilt sogar für das einzelne Teil: Du schlägst ein Buch von 1517 auf und das Ding als Objekt und Maschine funktioniert einwandfrei, ohne Abstriche. Aus diesem Grunde bin ich sehr zuversichtlich, dass gerade junge Independent-Verlage in der Zukunft noch Zutrauen in dieses Format setzen werden. Ist doch auch verdammt schön, so ein Buch!

Wie steht ihr denn perspektivisch zu einer digitalen Umsetzung eurer Titel?

Wir schließen das nicht kategorisch aus. Allerdings haben wir festgestellt, dass viele unserer Darstellungs- und Gestaltungsformen digital nur schwer umsetzbar wären. Wir wollen uns für die Zukunft aber offenhalten, dass wir zu einzelnen Titeln auch neue Darreichungsformen, etwa als E-Book, wählen. Allerdings sind wir der Überzeugung, dass man immer am einzelnen Titel ansetzen muss, um die Vor- und Nachteile zu beurteilen und dann dementsprechend umzusetzen.

Wir haben uns zunächst dagegen entschieden, neben unseren Printtiteln als Nebenprodukt pauschal auch E-Books auszuspucken. Denn wenn man das so nebeneinander laufen lässt, wächst die Gattung des E-Books als Darreichungsform nicht mit und emanzipiert sich nicht in einer sinnvollen und schönen Weise vom Printbuch. Wir wollen das Buch als Textträger, das eine sinnliche Erfahrung bietet, respektieren.


Tobias RothTobias Roth (*1985) lebt in Berlin und München als Autor, Philologe und Übersetzer aus dem Italienischen, Französischen und Lateinischen. 2013 erschien im Verlagshaus Berlin sein Debut „Aus Waben“, das mit dem Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis (2013) und dem Bayerischen Kunstförderpreis (2015) ausgezeichnet wurde. 2016 förderte das Bezirksamt Mitte von Berlin einen Text Roths auf den Straßen von Moabit (1600m Schlämmkreide, Koproduktion mit Sophia Pompéry) und produzierte der Homunculus Verlag Erlangen einen anderen als Tischdecke (100% Baumwolle, Koproduktion mit Julius Walther). 2017 erschienen bisher seine Neuübersetzung von Voltaires „Der Fanatismus oder Mohammed“ (Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, Berlin), sowie die von Roth herausgegebene Anthologie „Lob der mechanischen Ente“ (SuKuLTuR Verlag, Berlin).


Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Wir empfehlen das Stöbern im Herbstprogramm des Verlags „Das Kulturelle Gedächtnis“

Axolotl Overkill – Hegemann ist nicht Godard

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Helene Hegemann bringt die Geschichte ihres Debütromans Axolotl Roadkill fünf Jahre nach dessen Erscheinen auf die Leinwand, weil sie sich von der Kritik missverstanden fühlt. Doch wie genau möchte sie denn eigentlich verstanden werden? Ein Blick in die Filmgeschichte klärt uns auf.


Von jugendlichen Literatursternchen und nachträglich eingefügten Quellenverzeichnissen

Im Jahre 2010 konnte man am Fall Hegemann sehr schön erkennen, wie sehr sich die deutsche Literaturszene nach Andersartigkeit sehnt. Hegemann, damals 17 Jahre alt, hatte mit Axolotl Roadkill einen Debütroman veröffentlicht, der vom damals leicht altersmüffelnden Schwamm des deutschen Feuilletons geradezu aufgesogen wurde. Endlich mal unangepasste Anti-Walser-Literatur, die den Zeitgeist trifft! So richtig mit Berlin, Drogen, Techno, minderjährigem Sex und Schimpfwörtern. Und noch viel toller: Die Autorin ist die Tocher von Carl Hegemann, ehemals Dramaturg an der Volksbühne – also authentisch coole Berliner Kulturroyalität, voll Boheme. In Zeiten des Autorenmarketing quasi sowas wie ein feuchter Traum für jeden Publikumsverlag, weil: Öffentlichkeitswirksamkeit fast garantiert.

Das Buch selbst wurde nach anfänglich verhaltenen Reaktionen erst einige Monate später wieder zur Schlagzeile, als plötzlich überall zu lesen war: PLAGIATSALARM! Hegemann soll Teile ihres Textes bei einem bekannten Blogger abgeschrieben haben. Was folgte, war eine langwierige Debatte über Plagiat versus Intertextualität wo am Ende wohl irgendwie rausgekommen ist: „Im Internetzeitalter macht man das halt so, mit Copy-Paste.“ (vgl. Rainer Moritz). Der Ullstein Verlag fügte dem Buch jedenfalls nachträglich einfach ein Quellenverzeichnis hinzu.

Über die ganze Debatte um Gegenwartskunst und ihre Entstehungsweise hatte man den Text an sich als zweitrangig abgestempelt, am Ende war’s eben ein teilweise abgekupferter Coming-of-Age-Roman. Doch genau dieses Urteil wurmt natürlich jede Künstler*in, die sich als solche sieht und auch gesehen werden möchte.

Axolotl Overkill – Über Chaos und Nonkonformismus

Was machst du als Autor, wenn dich eine Geschichte nicht los lässt, sie aber als Buch schon in eine bestimmte Schublade gesteckt wurde? Du wechselst das Medium.

Aber halt: Eigentlich besinnt sich Hegemann auf ihre Anfänge, denn sie hatte bereits 2008 ein selbstgeschriebenes Drehbuch über die Bundeskulturstiftung realisiert und dabei selbst Regie geführt. Auch bei Axolotl Roadkill  übernimmt Hegemann diese goldene Personalunion und beginnt ab 2015 an dem Projekt zu arbeiten. 2017 premierte der Film schließlich beim renommierten Sundance Festival und infolgedessen erscheinen auch einige Äußerungen Hegemanns, warum sie ihr Buch denn jetzt eigentlich nochmals verfilmt hat. Ihre Antwort lautet, dass sie mit Axolotl Overkill das Portrait einer selbstbestimmten Nonkonformistin zeichnen wollte und sie diese ganze „faule Rezeption als Coming-of-Age-Roman“ schrecklich gestört hätte.

Warum wurde Hegemanns Geschichte denn nun überhaupt so aufgefasst? Nunja, das könnte daran liegen, dass die jugendliche Protagonistin, Mifti, sich ziemlich genau so verhält, wie sich viele 16-jährige Mädchen gerne verhalten würden, wenn sie denn könnten: Sie schert sich einen Dreck um jegliche von außen geforderten Standards und Vorstellungen davon, wie  jugendliche Mädchen sich zu verhalten haben. Mifti schwänzt die Schule, raucht wie ein Schlot, liefert sich Schimpftiradengefechte mit ihrer Schwester, die viel mehr Mitbewohnerin als Autoritätsfigur ist und nachts geht’s in die Berliner Technoclubs mit einer Menge Drogen, Sex und beliebig anderer Eskalation. Auf ihrer Suche nach Anschluss(?) mäandert sie durch Chaos und stößt dabei ab und zu mal auf Figuren, die als adäquat gleichwertig abgefuckt erachtet oder die ihre biografisch bedingten Komplexe bedienen. Die Filmsprache von Axolotl Overkill folgt diesem Muster. Episoden tragischer Vereinsamung wechseln sich mit übersteigerten Exzessen und generellen Absurditäten ab, alles im gemächlichen Trott der Boheme.

Novelle Vague auf deutsch

Dass sich Hegemann Hegemann mt genau dieser Boheme-Tradition auch als Künstlerin identifiziert, erkennt man spätestens an ihrer eigenen Charakterisierung der Protagonistin:

„MIFTI ist 16 und ein Mädchen, das sich bewusst gegen gesellschaftliche Standards wehrt. Sie ist nicht devot, sondern der unmoralische, tragikomische Trottel, den in Filmen eigentlich immer nur Männer spielen dürfen.“

Aha! Das war also dieses unterschwellige Gefühl der Bekanntheit im Kinosaal. Hegemann denkt an Nouvelle Vague. An Godard. An Filme wie Pierrot Le Fou, in dem sich der Protagonist auf eine wilde Abenteuerreise begibt und dabei gesellschaftliche Limitierungen hinter sich lässt.

Der Kampf des Individuums gegen eine zugewiesene Rolle im weichgewaschenen Wir-Gefühl des Gesellschaftskomplex. Die filmische Auflehnung gegen erzählerische Konvention. Die bildhafte Absurdität. Gibt’s alles in Axolotl Overkill, und mehr noch: Die homogen patriacharische Vereinnahmung klassischer Tropen wird durchbrochen. Warum wird der Film von der Kritik oft trotzdem noch als Coming-of-Age Film „missverstanden“? Hegemanns Film fehlen entscheidende Erfolgszutaten, die etwa bei Godard präsent waren: Man vermisst diese französische Leichtigkeit, diese unaufdringliche Eleganz des Irrationalen, diese subversive Poesie. Sitzt man bei Axolotl Overkill im Kino, so wird einem der Nonkonformismus in jeder Szene nur so ins Gesicht gedrückt. Genauso, wie das eben Teenager in ihren rebellischen Phasen machen würden. Aber naja, wie Helene Hegemann schon ganz richtig erkannt hat:

„Es gibt noch etwas anderes, als im System zu funktionieren.
Für Teenager. Und für Filmemacher.“


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Axolotl Overkill

Kinostart Deutschland 29.06.2017

Regie und Drehbuch: Helene Hegemann

Kamera: Manuel Dacosse

Schauspieler u.a.: Jasna Fritzi Bauer, Araceli Jover, Laura Tonke, Mavie Hörbinger

 


Beitragsbild: © 2017 Constantin Film Verleih GmbH / Lina Grün

Filmposter: © 2017 Constantin Film Verleih GmbH

Die Angst vor Kontrollverlust – Interview mit Patrick Ness

Sieben Minuten nach Mitternacht

In dem Fantasydrama „Sieben Minuten nach Mitternacht“ wird ein Junge namens Connor regelmäßig von einem Monster besucht, das ihm Geschichten erzählt, die ihm helfen mit der schwierigen Situation umzugehen, in der er sich befindet: Seine Mutter liegt im Sterben. Der Kinofilm basiert auf dem gleichnamigen Buch. Wir hatten die Chance, mit dem Autor dieses Buches, der gleichzeitig auch das Drehbuch für den Film geschrieben hat, zu sprechen. Patrick Ness erzählt uns, was er unter gutem Storytelling versteht, was es mit dem Monster auf sich hat und wie der Übergang von Buch zu Film ablief.

Interview und Übersetzung von Martin Kulik


Patrick, die ursprüngliche Idee für die Geschichte von „Sieben Minuten nach Mitternacht“ stammt eigentlich von Siobhan Dowd, die leider 2007 den Kampf gegen Krebs verlor. Wie seid ihr in Kontakt gekommen und warum hast du dich entschlossen, ihre Vision zu verwirklichen?

Siobhan Dowd und ich hatten den gleichen Herausgeber. „Sieben Minuten nach Mitternacht“ sollte ihr fünftes Buch werden. Siobhan hat fest damit gerechnet, das Buch selbst umzusetzen, auch wenn sie schon wusste, dass ihr Krebs tödlich seid würde. Leider verlief die Krankheit aufgrund einer Infektion sehr viel schneller, als sie antizipiert hatte und sie starb. Aus diesem Grund kam unser damaliger Herausgeber auf mich zu und sagte: „Ich will nicht, dass diese Idee verschwindet. Würdest du dich bereit erklären, sie als Buch umzusetzen?“

Meine erste Reaktion war allerdings eher verhalten. Ich hatte die Sorge, dass man automatisch eine Gedenkschrift statt einer Geschichte schreiben würde – und niemand will eine Gedenkschrift lesen, aus guten Gründen. Das ist auch nicht die Art von Buch, die Siobhan geschrieben hätte. Sie war eine sehr kluge Autorin. Also entschied ich mich zunächst abzulehnen.

Aber dann begann ich das Material durchzuarbeiten und mich überkamen viele Ideen. Genau dieser Moment ist der wirkliche Startpunkt für eine Geschichte. Die erste Idee, die ich hatte, war die Szene in der Connor aus dem zweiten Traum kommt und das Wohnzimmer seiner Großmutter verwüstet. Da dachte ich mir: „Das ist es. Das ist die Wut. Das ist das Taboo des Buches. Das ist die Geschiche.“

Das Buch, das schließlich aus diesen Ideen entstand, ist sehr erfolgreich und sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen beliebt. Besonders das Monster scheint sehr gut rezipiert zu werden – warum ist das so?

Ich denke, das hat damit zu tun, wie wir Geschichten erzählen. Meine Theorie war immer, dass das Leben unerklärbar und unmöglich zu verstehen ist. Wie erklären wir Dinge wie Liebe, Zeit oder Tod? Monster können dabei eine große Rolle spielen. Sie sind in jedem Fall ein Weg, Angst und das Unbekannte zu erklären. Wir Menschen sind die einzigen Tiere, die wissen, dass wir bestimmte Sachen nicht wissen. Das ist eine interessante philosophische Frage – wie gehen wir damit um? Ich würde sagen, dass Monster zu erschaffen ein Lösungsweg ist. Indem wir ein Monster erschaffen, fühlen wir uns sicherer in der Welt, denn es ist ein Weg, unserer Angst ein Gesicht zu geben. Wenn wir das erst mal geschafft haben, dann können wir auch mit unserer Angst umgehen und sie kontrollieren.

Sieben Minuten Nach Mitternacht

Das Monster und Connor

 

Aber das Monster ist in „Sieben Minuten nach Mitternacht“ nicht nur eine Manifestation von Angst, oder? Es scheint Connor, dem Hauptcharakter, auch sehr freundlich gesinnt zu sein.

Ich hatte gehofft, dass Menschen, die das Buch lesen oder den Film anschauen, sich irgendwann die Frage stellen, ob er wirklich ein Monster ist. Er wirkt sehr einschüchternd und monströs in den ersten Szenen, aber dann zeigt sich, dass er auch eine grundlegende Güte in sich trägt. Ich wollte, dass er verschiedene Dinge darstellt: Ich wollte, dass er ein Monster ist – aber ich wollte ihm auch Ähnlichkeit zu einem vor-römischen Mythos namens „Der grüne Mann“ geben. Der grüne Mann ist eine kraftvolle Personifikation der Landschaft – eine Metapher auf die Macht der Natur. Ich wollte auch offen lassen, ob das Monster eine Art Vaterfigur für Connor ist.

Ich möchte, dass all diese Definitionen in euren Köpfen arbeiten. Diese grundlegende Frage soll nie eindeutig klärbar sein. Genau das macht meiner Meinung nach eine gute Geschichte aus. Ich hoffe also, dass ein Kind, oder wirklich jeder, der den Film schaut, irgendwann sagt: „Oh! Jetzt weiß ich, wer oder was das Monster ist“ und sich aber anschließend überhaupt nicht mehr sicher mit seiner Definition ist und zu ganz anderen Schlüssen kommt. Das war mein Ziel: Den Zuschauer langsam immer unsicherer werden zu lassen.

Du hast einmal gesagt, dass wir die Erfahrung aller Altersstufen, die wir durchlaufen, immer in unserer Persönlichkeit mit uns tragen. Ist das der Grund, warum deine Geschichten sich an Kinder und Erwachsene gleichermaßen richten?

Vielleicht! Es gibt eine große Debatte darum, was der Unterschied zwischen Büchern für Kinder und Büchern für Erwachsene ist. Einer der Punkte, der immer wieder gebracht wird und mit dem ich größtenteils übereinstimme, betrifft die Art, wie man das Buch erlebt. Zum Beispiel: Wie erlebt man als Erwachsener ein Buch, in dem ein Kind der Hauptcharakter ist? Aus der Perspektive eines Erwachsenen oder eines Kindes?

Wenn ich Bücher für Kinder schreibe, dann tue ich das auch, weil ich als Kind nie die Bücher finden konnte, die ich lesen wollte. Es gab einfach keine Bücher, die mich ernstgenommen haben, die sich wirklich mit den Dingen auseinandersetzten, die ich fühlte. Stattdessen bekam ich viele Bücher, die mir eine Lehrstunde darüber gaben, wie mein Leben auszusehen hat und wie ich aus dieser kindlichen Phase herauswachsen würde, weil ich ja „nur ein Teenager“ war. Wenn ich also heute Bücher für Kinder oder Teenager schreibe, dann schreibe ich sie wirklich für mein jugendliches Ich. Das ist mein Ansatz. Dabei ist es wichtig, Gefühle nicht universalisieren zu wollen. Stattdessen versuche ich, ein bestimmtes Gefühl ganz spezifisch für den Charakter des Buches wahr werden zu lassen. Und hoffentlich sehen dann auch die Leser eine gewisse Wahrheit in diesem Gefühl und erkennen, dass dieses Gefühl auch für sie etwas bedeutet.

Ist die „Angst vor dem Unbekannten“ oder die „Angst vor Kontrollverlust“ etwas, mit dem sich Menschen aller Altersstufen identifizieren können?

Ja, genau! Ich glaube, das ist eines der Schlüsselthemen für junge Leute oder Teenager. Es gibt da zum einen dieses schreckliche Gefühl der Ungerechtigkeit. Man hat als junger Mensch so viele der Pflichten aus der Erwachsenenwelt, aber keine Privilegien und bekommt ganz sicher keine Anerkennung. Da ist also dieses beständige Gefühl: „Ich werde nicht fair behandelt“. Man lebt in einer Welt, die auf einen einprasselt, ohne dass man selbst Herr der Situation ist. Das ist unfassbar frustrierend.

Und genau dieses Gefühl lässt sich auch auf Erwachsene übertragen – man muss sich nur die politische Situation des Vereinigten Königreiches zur Zeit anschauen, es ist ein Desaster. Wir werden eine völlig sinnlose Wahl durchführen, die das Land für die nächsten fünf Jahre komplett ruinieren wird – und die Opposition ist vollkommen nutzlos. Und ich selbst habe überhaupt keine Kontrolle darüber. Natürlich gehe ich wählen, aber ich kann diese Situation nicht direkt beeinflussen. Also, definitiv: Dieses Gefühl, dass für einen gehandelt wird, statt selbstbestimmt zu handeln, das ist etwas, mit dem sich jeder identifizieren kann.

Sieben Minuten Nach Mitternacht

Sketch des Monsters

In „Sieben Minuten nach Mitternacht“ gibt es kleine Geschichten innerhalb der großen Geschichte. Ist es für den Hauptcharakter wichtig, dass er sich auf diesem Metalevel mit seinen Gefühlen auseinandersetzen kann?

Diese Geschichten sind wichtig, aber nur bis zu einem bestimmten Punkt. Die Analogien führen zu einer bestimmten Lehre und dann nimmt das Monster sie komplett auseinander. Und das ist, glaube ich, die wirkliche übergreifende Lehre: Es gibt mehr als eine Perspektive auf eine Geschichte.

Genau in diese Richtung möchten wir Connor, den Hauptcharakter, auch stoßen. Er hat diese schrecklichen Schuldgefühle bezüglich seiner sterbenden Mutter. Er möchte, dass es endlich vorbei ist – eine sehr nachvollziehbare und genuin menschliche Reaktion. Aber er steckt in diesem Dilemma: Er möchte unbedingt, dass seine Mutter bei ihm bleibt, aber er möchte auch, dass diese schreckliche Situation endet. Wie zum Teufel löst man dieses Dilemma auf? Ich denke darauf eine Antwort zu finden, ist der Schritt zum Erwachsensein.

Die Geschichten innerhalb der Geschichte führen Connor zu genau dieser Einsicht. Sie lassen ihn verstehen, dass eine Geschichte nützlich ist, aber auch Limitationen hat und sich verändert, je nachdem wer sie erzählt. Wenn wir uns also selbst eine andere Geschichte erzählen können. Wenn wir unsere Perspektive ändern können, dann können wir auch mit solch schrecklichen Situationen umgehen. Es ist nur eine kleine Veränderung, aber diese kleine Veränderung ist der Schlüssel um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Ich möchte also keine Lehren in meinen Geschichten verbreiten – jeder Leser kommt zu ganz unterschiedlichen Einsichten. Aber meine Hoffnung ist, dass wenn wir unsere Sicht auf die Dinge ein klein wenig verändern, wir auch mit den grundlegenden Kontradiktionen des Lebens klarkommen.

Du bist nicht nur der Autor des Buches „Sieben Minuten nach Mitternacht“, sondern hast auch das Drehbuch für den bald erscheinenden Film geschrieben. Welche Herausforderungen hinsichtlich des Storytelling hat der Übergang von Buch zu Film mit sich gebracht?

Ich musste einige Änderungen an der Geschichte vornehmen. Ein Buch kann man weglegen. Man kann sich in jedem Moment dafür entscheiden mit dem Lesen vorerst aufzuhören und wenn man das Buch fertig gelesen hat, kann man es schließen und sich so viel Zeit zur Reflektion nehmen, wie man eben braucht. In einem Film hat man diese Möglichkeit nicht. Es ist eine singuläre Erfahrung – und genau das war die Herausforderung: Die Erfahrung des Zuschauers zu steuern.  Wenn man die Geschichte zu hart erzählt, dann wird der Zuschauer einen inneren Widerstand entwickeln – ich würde mich selbst auch dagegen sträuben, wenn der Film zu sehr auf die Tränendrüse drückt.

Ich musste mir also genau überlegen, wie der Film damit umgehen sollte und als Resultat habe ich einige Anpassungen vorgenommen – zum Beispiel hat der Film ein anderes Ende als das Buch. Der Film musste anders enden, weil der Zuschauer eine kleine Atempause braucht. Es gibt eine Menge Dunkelheit, aber auch viel Licht in diesem Film. Um diese Magie rüberzubringen, mussten wir die Geschichte ein kleines bisschen anders erzählen. Das Ende des Films, so wie es jetzt ist, wäre nicht das richtige Ende für das Buch gewesen. Aber es ist das richtige Ende für den Film.

Vielen Dank für das Interview, Patrick!

Es war mir ein Vergnügen!

Patrick Ness and Martin Kulik

Patrick Ness und Martin Kulik

 


 

Bilder aus dem Film und Filmposter © Studiocanal

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„Sieben Minuten nach Mitternacht“

Regisseur:  J. A. Bayona

Drehbuch: Patrick Ness

Auszug der Schauspieler: Sigourney Weaver, Felicity Jones, Toby Kebell, Lewis MacDougall, Liam Neeson

In den deutschen Kinos ab dem 04. Mai 2017

 

 

„The fear of losing control“ – Interview with Patrick Ness

Sieben Minuten nach Mitternacht

In the fantasy drama film „A Monster calls“ a young boy named Connor is frequently visited by a monster that tells him stories connected to his difficult situation in reality: His mother is slowly dying of cancer. The cinematic release is based on the novel with the same name. We had the chance to talk to the author and screenwriter Patrick Ness about his ideas of good storytelling, what the monster is all about and the transition from book to film.

An Interview by Martin Kulik


Patrick, the idea for the story of „A Monster Calls“ was originally developed by Siobhan Dowd, who passed away in 2007 after a long fight with cancer. How did you get in contact and why did you decide to take on the task of bringing her vision to reality?

Siobhan Dowd and I shared an editor. „A monster calls“ was supposed to be her fifth book. She fully expected she would be able to write it, even though she knew her cancer was terminal. But she caught an infection and was dying way faster than she thought, so our editor at the time came to me and said: „I don’t want this idea to disappear. Would you consider turning it into a book?“ And my first response was: Probably not. Because I worry that anyone trying to do that, would write a memorial instead of a story. And nobody wants to read a memorial – even for good reasons. And that’s not what she would have written either, cause she is such a smart writer. So I was gonna decline.

But then I started looking at the material and started getting ideas. And that’s really the gold in a story. The first idea I got, was the scene where he comes out of the second dream and is destroying the living room. And I thought: „That’s it. That’s the anger. That’s the taboo of the book. That’s the story.“

The book that finally emerged from this idea was wildly sucessful and really popular by children as well as adults. Especially the monster seems to be recepted very well – why do you think that is?

Well I think it goes back to why we tell stories. My theory has always been, that life is inexplicable and impossible to understand. How we explain things like love? How do we explain things like time? How do we explain things like death? Monsters serve a huge function in that. They certainly are a way to explain fear and to explain the unknown. We are the only animals that know that we don’t know things. And that’s an interesting philosophical question – how do you deal with that? I’d say creating a monster is one way to do it. In a way creating a monster is making us feel safer in the world, cause it is a way to personify this fear. And then we can control it, we can step away from it.

Sieben Minuten Nach Mitternacht

The monster and Connor

But the monster is not only serving as a personification of fear, right? It also seems to be kindhearted.

Well I was hoping that people who read the book or watch the film start to question, if he really is a monster. Because he seems really monstrous at first, but then ultimately a kindness comes from him. I wanted him to be different things: I wanted him to be a monster. I also wanted him to be similar to an ancient pre-roman myth called the green man, which has been in english history for thousands of years. The green man is the landscape personified, a powerful analogy on nature. But I also wanted to leave open if the boy calls on a father figure.

I wanted that question to slide and slide in your heads. So that it’s never quite ultimately defined. Which is what a good story does – at least I think so. So hopefully if a kid – or anyone really – watches it and says „Oh, now I know who or what the monster is“, they slowly begin to question this definition and come to different conclusions. And that is what I want: to slowly make you unsure.

You have stated before, that we have all ages present at all times in our lifes, and that being 8, being 16 being 29 and so on stays with our personalities at all times. Is that why you tell stories for children as well as adults?

Maybe! There is lots to debate about what the difference between books for kids and books for adults is. And one of the things that people talk about, and that I sort of agree with, is how you experience it. For example: How do experience a book, where the lead character is a child? Do you experience it looking back or do you experience it as the child?

So when I write books for children I partly do it, because when I was a kid, I didn’t get to read the books I wanted to read. There were no books that took me seriously, that really dealt with the things I was feeling. Instead I got a lot of books telling me lessons about how my life should be and how I would grow out of it, because I was „just a teenager“. So when I’m writing books for children or teenagers now, I’m really writing them for teenage-me. And that’s my approach. Rather than trying to universalize a feeling, I try and make it true specifically for the main character of the book. And hopefully the readers see the truth in that. Hopefully they recognize, that what is true for him is also true for them.

Is the „fear of the unknown“ or the „loss of control“ something that we can relate to on all ages levels?

Yeah! I think that is one of the key things about writing for young people or teenagers. There is this terrible sense of injustice, for one thing. Because you have so many of the responsibilites of an adult, but almost none of the privileges and certainly none of the credit. So there is a constant feeling of: „I am not being treated fairly“. And you live in a world that acts on you. You are not allowed to be the agent of your own life much at the time. That’s tremendously frustrating.

And that’s absolutely a translateable feeling, because if I think about the government of the United Kingdom at the moment – it’s a disaster. We are having a complety useless election that will ruin the country for the next five years and an opposition that is utterly useless. And it’s like I have no control over this. I vote – sure, but I have no control about this terrible situation. So yes, absolutely, this feeling of being acted upon instead of acting for yourself is something everyone can relate to.

Sieben Minuten Nach Mitternacht

Sketch of the monster

In „A Monster Calls“ there are stories inside the story. Is it important for the main character, that he can deal with his feelings on that narrational metalevel?

Those stories are important, but only to a point. Because the analogy only goes up to a lesson and then the monster is taking it apart. And that, I think, is the overarching lesson. That there is more than one way to look at a story.

And that’s what we are trying to get Connor, the main character, to as well. He has those terrible feelings of guilt about his dying mother. That he want’s it to finish – which is a really normal and genuine human reaction. But there is this dilemma: He desperately does not want her to die, but he also want’s her to die. How in the world do you reconcile that? I think reconciling that, is what makes us adults. And the stories inside the story are only leading him to that conclusion for himself. They get him to understand: A story is a useful thing, but it has limits and it changes depending on who is telling it. So maybe if you can tell yourself a different story. Maybe if you change your perspective, you can live with that kind of situation, rather than letting it harm you. It’s a little shitft, but those little shifts are what is really empowering us to live. So I’m not trying to teach a lesson – you can get all kinds of contradictory lessons, depending on how you look at it. But if we change our own perception a little bit, maybe we can live with the contradiction of life.

You’re not only the author of the book, but also the screenwriter for the upcoming movie. What challenges did you face in transitioning the story?

I had to make some changes in the storytelling. Because a book you can put down. You can decide to stop at any time and at the end of the book you can close it and you can take as much time as you need and want. In a film you can’t do that. It’s a single experience – and that was the most challenging thing about it: Managing the audiences experience. Cause if you come on too heavy an audience resists – I would resist and say: „Come on… Too much.“ So I had to really really think about how to manage that. As a result we made changes to the end for example. The movie needed to end in a different way. It needed to end in quiet, so the audience could take a breath and reflect. There is a lot of darkness and a lot of light in that film. Making little adjustments to the story was necessary to convey that and that little bit of magic. The ending of the film as it is right now would not have been the right ending for the book, but it is the right ending for the film.

Thank you so much for the interview, Patrick.

My pleasure!

Patrick Ness and Martin Kulik

Patrick Ness and Martin Kulik

 


 

Pictures of the film and posters © Studiocanal

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„A Monster Calls“

Directed by J. A. Bayona

Screenplay by: Patrick Ness

Starring: Sigourney Weaver, Felicity Jones, Toby Kebell, Lewis MacDougall, Liam Neeson

 

 

Moonlight – Die hohe Kunst der Subtilität

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Bei der Oscar-Verleihung war die Ansage des falschen Gewinners in der Kategorie „Bester Film“ das große Thema, im Mittelpunkt hätte aber der grandiose Siegerfilm Moonlight stehen müssen, der es durch kluge und subtile Filmsprache schafft, eine Außenseitergeschichte kitschfrei auf die Leinwand zu bringen.


In den Slums von Miami

Liberty City, Miami ist kein angenehmer Ort – das macht uns die Introszene von Moonlight unmissverständlich klar. Juan, ein örtlicher Drogenboss, fährt lässig mit seiner Pimp-Karre vor und beobachtet einen typischen Austausch an einer der Häuserecken in der Nachbarschaft. Ein älterer schwarzer Mann versucht eine jüngere Ausgabe von ihm davon zu überzeugen, ihm doch noch irgendwie für ein paar Dollar Drogen zu verkaufen. Juan, ein kräftig gebauter Gangster mit Durag und Kippe hinterm Ohr zeigt sich amüsiert. Alltag in den Slums von Amerika. Eingeführt werden wir in diese Welt mit einer Kameraführung, die uns in die Mitte des Geschehens nimmt. Eine unaufgeregte Folgekamera wechselt mit kreisenden Kameraschwenks um die Figuren.

Doch dann wechselt das Tempo abrupt. Juan beobachtet, wie eine Gruppe Jungs im Alter von etwa acht Jahren eine Treibjagd auf einen ihrer schmächtigeren Mitschüler anregt. Die Kamera begleitet den Verfolgten, der sich später als Hauptprotagonist des Films herausstellen soll,  in seinem verzweifelten Versuch zu entkommen. Auch hier brilliert Moonlight mit einer immersiven Kameraführung, die mit ungewöhnlichen Perspektiven und Unschärfe spielt und uns erlaubt den Figuren früh schon sehr nah zu kommen. Wir springen mit dem Verfolgten über Hindernisse, quetschen uns durch Zaunlücken und retten uns zusammen mit ihm in ein verlassenes Haus, das nach näherer Inspektion wohl auch einigen Junkies als Unterkunft diente.

Drogenboss Juan nimmt sich des verlorenen Jungen an und will ihn zu seiner Mutter zurückbringen, doch schnell stellt sich heraus, dass die Hauptfigur dieses Filmes weder besonderes Interesse an verbaler Kommunikation hat, noch daran nach Hause gebracht zu werden.

Trailer Moonlight Quelle: Youtube, A24 all rights reserved.

Who is you, Chiron?

Juan erwirbt schließlich doch noch das Vertrauen des Jungen namens Chiron und wird zu einer Art Ziehvater für ihn. Den kann Chiron auch gebrauchen, denn er kommt aus zerrütteten Familienverhältnissen und hat einige Probleme mit seinen Mitschülern und seiner drogenabhängigen Mutter.

Moonlight erzählt die Geschichte eines Jungen, der in äußerst widrigen Verhältnissen seine Identität sucht. Dabei ist nicht nur die Frage „Wer bin ich?“ zu beantworten, sondern auch die Frage „Wer will ich sein?“, wie Juan Chiron in einem Gespräch offenbart.

„At some point you’ve got to decide who wanna be.

Can’t let nobody make that decision for you.“

Chirons Entwicklung wird in Moonlight in drei Teilen dargestellt, in denen wir ihn als Kind, als Jugendlichen und als jungen Mann begleiten. Schon früh wird klar, dass Chirons Leben nicht nur schwer ist, weil er als junger schwarzer Mann in einem der ärmsten Viertel in den USA aufwächst, sondern weil er auch innerhalb dieser abgeschlossenen Welt ein Außenseiter ist. Chirons Leben ist voller Unsicherheit und emotionaler wie physischer Brutalität. Moonlight ist in vielerlei Hinsicht ein Coming-of-Age-Film auf Crack – alle Fragen, die dazugehören (Wer bin ich? Wen liebe ich? Wer will ich sein?) werden gestellt, aber in einem extremen Kontext.

Moonlight – Die hohe Kunst der Subtilität

Man hätte mit dieser Grundkonstellation nun einen schrecklich kitschigen und pathetischen Film machen können – eigentlich sind alle Grundzutaten da: Der arme schwarze Junge erlebt Schicksalsschlag nach Schicksalsschlag und wird von fast allen Seiten misshandelt, bis er schließlich unter dem Druck zerbricht und mit viel Lärm ausflippt. Aber Moonlight ist ein zu kluger Film, um in diese offensichtliche Falle zu tappen. Er bewahrt sich seine Subtilität, indem er eine empathische Bildsprache mit sehr bedachter Narration verbindet. Die stärksten emotionalen Reaktionen werden nicht mehr großem Pathos vermittelt, sondern durch starke schauspielerische Leistungen und die besondere Art des Erzählflusses.

Was Moonlight hoch angerechnet werden sollte, ist, die emotionale Intelligenz des Zuschauers nicht zu unterschätzen. Die Szenen wirken, weil sie die Kunst der Auslassung (Schweigen des Protagonisten, unscharfe Kamera, sehr emotionale Ereignisse der Handlung werden nur indirekt thematisiert etc.) perfektionieren und nicht der Versuchung erliegen, Tiefe mit dem Holzhammer erzwingen zu wollen. Auf diese Weise schafft es der Film, wirklich jeden Zuschauer – egal ob er sich die Situation eines Chiron vorstellen kann oder nicht – auf der Basis seines Mensch-Seins zu erreichen und die Identitätsfrage zu stellen, ohne ihn zu verschrecken.

Und so ist die Antwort, die Chiron auf diese Frage gegen Ende des Filmes findet, sehr bezeichnend für diesen wunderbaren Film:

„Who is you, Chiron?

I’m me man. I ain’t trying to be nothing else.“


Beitragsbild: Standbild aus dem Trailer von Moonlight; A24 all rights reserved.