Alle Artikel von Lukas Lehning

Monos – Das Ende der Guerillaromantik à la Che Guevara

Kriegsfilme sind nichts für Kinder, Kriege leider schon.


Und zwar nicht ausschließlich als (zivile) Opfer, sondern auch als Opfer, die selbst zu Tätern werden. Zu Kindersoldaten. Nur wenige Themen sind so hart wie dieses, nur wenige Themen verführen so sehr zu einer rührseligen Erzählung, einfach, weil die Last der Bilder, die zu zeigen wären, anders kaum zu ertragen wäre. Ob als Dokumentarfilm oder als Spielfilm, der Stoff weckt den Wunsch, doch lieber wegzuschauen. Doch gibt es überhaupt eine Möglichkeit, diese Schrecken auf die Leinwand zu bringen, ohne das Publikum zu erschlagen?

Alejandro Landes macht eigentlich Dokumentarfilme, und das merkt man seinem jüngsten Spielfilm „Monos – Zwischen Himmel und Hölle“ auch an. Aber sind es weniger die Bilder, die seinen dokumentarischen Ansatz zutage treten lassen als vielmehr die schonungslose Art der Erzählung.

© trigon-film.org

Extrem nah und mit all den Schrecken der Gruppendynamik im Gepäck begleiten wir einen jugendlichen Guerillatrupp, der irgendwo in den lateinamerikanischen Bergen Militärübungen absolviert und eine Geisel – wir wissen nicht, woher sie stammt – bewacht. Dieses „wir wissen nicht woher, wofür und wohin“ wird mehr und mehr zum roten Faden des Filmes und lässt die Sinnlosigkeit und absurde Brutalität dieser Truppe an – scheinbar wie Marionetten gesteuerten – Jugendlichen, greifbar werden.

Was anfangs noch wie eine seltsame, aber doch mehr oder weniger harmonierende, Einheit wirkt, deren Mitglieder mit Maschinengewehren in der Einöde herumballern und Militärübungen veranstalten, wird mehr und mehr zu einer Gruppe, in der Misstrauen, Angst und Hass an die Stelle militärischer Verbundenheit treten. Die verschiedenen Facetten, die diese Gruppendynamik hat, werden durch die, ausnahmslos großartige, schauspielerische Leistung ihrer acht Mitglieder: Patagrande (Moises Arias), Rambo (Sofia Buenaventura), Leidi (Karen Quintero), Sueca (Laura Castrillón), Pitufo (Deiby Rueda), Lobo (Julián Giraldo), Perro (Paul Cubides) und Bum Bum (Sneider Castro) sichtbar.

Angefeuert wird dieses bizarre Spektakel durch den Ausbilder (Wilson Salazar) der Truppe. Er taucht hin und wieder wie aus dem Nichts auf und trimmt die Jugendlichen. Und während sich in den jungen Soldatinnen und Soldaten auch immer wieder die Jugendlichen zeigen, die sie eigentlich sein könnten, bleibt dieser Ausbilder ganz Soldat, ganz Drill Instructor.

© trigon-film.org

Er scheint seine Rolle nicht nur – wie alle anderen im Film auch – großartig zu spielen und wirkt von mehr als nur den Dreharbeiten und der Maske gezeichnet. Der Eindruck täuscht nicht, er hat eine persönliche Geschichte, die enger mit den Schrecken auf der Leinwand kaum verbunden sein könnte und die zu erzählen den Rahmen des mit Ereignissen tendenziell überfüllten Filmes sprengen würde. Nur so viel, indem Regisseur Alejandro Landes Wilson Salazar als Schauspieler engagierte, hat er einmal mehr seine Wurzeln als Dokumentarfilmer offengelegt.

Mit seinem Film „Monos – zwischen Himmel und Hölle“ gelingt es Landes nicht nur, den Horror einer tötenden Gruppe von Kindersoldaten authentisch, aber dennoch konsumierbar auf die Leinwand zu bringen, es gelingt ihm auch endgültig mit dem durch eine gewisse Che-Guevara-Romantik verklärten Mythos der Guerilla-KämpferInnen aufzuräumen. Nach diesem Kinoerlebnis ist man nicht nur tief bewegt, man ist auch wütend ob der Menschen, die glauben, es gäbe Kriegshelden, bedingungslose Kameradschaft oder edle Guerilla-Krieger, die zu Schlüsselanhängern und Rucksackaufnähern taugen.

Ein schwer verdaulicher, aber großartiger Film, der als kompromisslose Aufforderung zur Gewaltfreiheit gesehen werden kann.

„Monos – zwischen Himmel und Hölle“ feierte beim Sundance Film Festival 2019 Premiere und ist seit dem 4. Juni 2020 in deutschsprachiger Fassung (OmU) im Kino.

Titelbild: © trigon-film.org

 

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Besiegt die Hoffnung die Verzweiflung?

Freundschaft, Hoffnung, Vertrauen und Verrat. Große Gefühle, universelle Themen. In seiner Neuinterpretation des Film- und Buchklassikers „Papillon“ bringt Regisseur Michael Noer sie auf die Leinwand.


Die Geschichte ist eigentlich nicht sonderlich komplex: Henri „Papillon“ Charriere (Charlie Hunnam) wird zu Unrecht zu lebenslanger Haft verurteilt, und weil er schon vor seiner Verurteilung keine weiße Weste hatte, glaubt ihm niemand. Er verschwindet in den Gefangenenlagern, die Frankreich in den 30er-Jahren in Französisch-Guayana betreibt. Hier lernt er den Fälscher Luis Dega (Rami Malek) kennen und zwischen ihnen entwickelt sich eine Zweckbeziehung, die nach und nach zur Freundschaft wird. Dega verfügt über Geld, Papillon über Körperkraft. Nur diese Kombination ermöglicht ein Überleben in der Strafkolonie. Alleine – das begreifen beide noch bevor sie einander mögen – ist eine Flucht aussichtslos. Doch auch wenn es Papillon gelingt, sie beide gegen die Angriffe anderer Häftlinge zu verteidigen und die Bestechungen Degas minimale Verbesserungen des Haftalltags bewirkten, mündet jeder Fluchtversuch in drakonischen Strafen durch die Wärter. Schließlich kommt es zur ersten Katastrophe, das Team der beiden Männer wird  getrennt und ihre Freundschaft auf eine harte Probe gestellt wird.

Charlie Hunnam und Rami Malek in „Papillon“, © Constantin Film.

In zeitgemäßer Hochglanzoptik erzählt Noer eine Geschichte, die schon einmal die Kinozuschauer begeistert hat. Bereits 1973 verfilmte Franklin J. Schaffner die autobiographische Erzählung des französischen Schriftstellers Henri Charrières.

So gnadenlos wie die Wärter der Strafkolonie mit den Gefangenen umgehen, so  geht Noer hierbei mit den Zuschauerinnen und Zuschauern um. Gewalt, Tot, Hunger und Elend hunderter verurteilter Männer ergießen sich ins Kino und lassen den Blick nicht entkommen. Doch Noer ergötzt sich nicht am Schrecken, er verleiht ihm Ausdruck. Ausdruck in ungewöhnlich langen Kameraeinstellungen, frontal gefilmten Gesichtern und kurzen, aber ausdrucksstarken Dialogen. Bemerkenswert hierbei ist der Spagat, der ihm zu gelingen scheint. Auf der einen Seite zeichnet er ein Bild der Hölle auf Erden und auf der anderen Seite eines der beispiellosen Freundschaft zweier Männer. Dies gelingt ihm ohne pathetische Dialoge und kitschige Bilder. So überbrückt er die Kluft zwischen den beiden tragischen Helden in dieser Ausnahmesituation und den Kinozuschauerinnen und Zuschauern. Dies geht soweit, dass man sich dabei ertappt, sich aus der samtigen Komfortzone der Kinosessel hervorzuwagen, und mit Papillon und Dega auf eine strapaziöse Reise geht, die schließlich ein gutes Ende nimmt.

Quelle: YouTube

„Papillon“ von Michael Noer startet am 26. Juli 2018 im Kino.

Titelbild © Constantin Film

Ein Film über die Absurdität des Todes

Nach The Lobster legt Regisseur Yorgos Lanthimos nach. Sowohl in Sachen surrealen Dialogen, konsequent zu Ende gedachter Geschichte und schonungslos offenen Bildern. The Killing of a Sacred Deer erzählt die Geschichte eines Jungen, der den plötzlichen Tod seines Vaters nicht akzeptieren kann.


Martin (Barry Keoghan) ist in der Pubertät und er ist Halbwaise. Sein Vater verstarb während einer Herzoperation. Doch warum? Für Martin ist es absurd. Andere Familien, wie die des Herzchirurgen, der seinen Vater damals operierte, genießen ihr Leben, während seine Mutter (Alicia Silverstone) mit ihm in den Trümmern der Vergangenheit lebt. Das kann, ja das will, Martin nicht akzeptieren. Dass ihn der operierende Arzt Steven Murphy (Colin Farrell) nach dem Tod von Martins Vater unter seine Fittiche genommen hat und sich von Zeit zu Zeit mit ihm trifft, versucht, ihm mit väterlichen Ratschlägen und teuren Geschenken den Rücken zu stärken, macht die Sache für Martin nicht leichter – oder doch?

Im Laufe des Filmes lernen nicht nur die Zuschauer*innen Herzchirurg Steven Murphy und Augenärztin Anna Murphy (Nicole Kidman) sowie ihre Kinder Kim (Raffey Cassidy) und Bob (Sunny Sulic) kennen, auch Martin erhält mehr und mehr Einblicke und Zugang zu dieser scheinbar heilen Welt. Alles scheint in Ordnung in dieser Familie. Die Kinder brav, die Ehe gut und das Haus komfortabel. Doch dann wird erst der kleine Bob, später auch seine ältere Schwester Kim krank – Lähmungen in beiden Beinen. Die Ärzte rätseln, die Eltern sorgen sich, schreien, streiten und alle machen einander Vorwürfe. Langsam schöpft Anna Verdacht. Besteht ein Zusammenhang zwischen dem Auftauchen Martins und den unerklärlichen Lähmungen ihrer Kinder? Die Rachegelüste eines jungen Halbwaisen, der versucht, die Absurdität des Todes weiterzugeben, durchdringen die heile Welt der Murphys.

Nach „The Lobster“ erzählt Yorgos Lanthimos mit The Killing of a Sacred Deer eine Rachegeschichte, die zugleich fesselt und verstört. Die Schauspielkünste aller Protagonist*innen sind hervorragend und die heile Welt, die im harten Kontrast zur seelischen Ruine des jungen Martins steht, wird durch ihre überspitze Darstellung in all ihrer Scheinheiligkeit erfahrbar.

Der Kinostart von The Killing of a Sacred Deer ist am 28.12.2017:

Quelle: YouTube
Beitragsbild: © A24

THE HAUS – Wilde Kunst. Bleib(t) wild.

The Haus Titel

Wie bringt man Kunst von der Straße, den Wänden der U-Bahnen und jeglichen anderen öffentlichen Flächen in ein Museum, ohne dass sie ihre Wirkung verliert. Gar nicht. Das tut man nicht, das ist zum Scheitern verurteilt. Und überhaupt, wer hat gesagt, dass das, was in den Augen vieler Passant*innen eher Vandalismus ist, nun Kunst heißen soll?


Der Reihe nach. Was wird da jetzt zur Kunst erklärt? Doch nicht etwa die Kritzeleien auf öffentlichen Toiletten und die Schmierereien an frisch gestrichenen Hauswänden? Nein, tatsächlich nicht. Doch Wände und Toiletten gibt es in THE HAUS Berlin und die sind definitiv Teil des Kunstraums. Aber nicht nur sie. Das gesamte, ehemalige Commerzbankgebäude an der Nürnberger Straße wurde zum Raum für Künstler*innen aus Berlin und dem Rest der Welt. Auf fünf Etagen und in über hundert Räumen zeigen aufstrebende und zum größten Teil noch unbekannte Kunstschaffende, was in etablierten Museen noch nicht zu sehen ist. Von mit unzähligen Klebestreifen mosaikartig zusammengesetzten Tiersilhouetten an den Wänden des Treppenhauses über minutiös gestaltete Fantasiewälder mit echtem Waldboden, die einzelne Räume zu kleinen Naturparks werden lassen, über schrill mit neonfarben besprühten Wänden, die comichaft Albtraumszenen zeigen, bietet THE HAUS eine Art Rundumschau urbaner, unabhängiger und unprätentiöser Kunst der Gegenwart.

Begeistern manche Räume vor allem durch Handwerk und Stimmung, weisen andere Arbeiten unbarmherzig auf politische Missstände hin. Und auch wenn viele der Künstlerinnen andere Ausdrucksweisen als das Besprühen von Wänden gewählt haben, lassen sich die Wurzeln der Sprayergemeinde erkennen. Mit dieser Kunst wird derdie Betrachter*in im öffentlichen Raum konfrontiert. Sie macht aufmerksam. Auf sich und auf die, die sie sehen. Sie will nicht gesucht werden, sie trifft. Sie will nicht interpretiert, sie will wahrgenommen werden.

Hierzu bietet THE HAUS aus drei Gründen den perfekten Rahmen. Zum ersten ist es ein Gebäude, das nie als Ort für Kunst geplant worden war – war es doch eins ein Bürogebäude. Zum zweiten haben die Veranstalterinnen dieses Projektes – sicherlich auch mit Hinblick auf die Urheberrechte der Künstlerinnen – ein Fotografierverbot verhängt. Und unabhängig davon, wie man zu Verboten dieser Art steht, stellt man fest, dass es einem zugutekommt, zu sehen, was man sieht. Unvermittelt und ohne Handydisplay dazwischen. Der Wunsch die Bilder, Installationen und Stimmungen an diesem Ort noch tiefer in sich aufzunehmen, wird schließlich noch vom dritten Grund, der für diesen Ort spricht, unterstützt.

Superbadboys

Es klingt paradox, aber das Ganze wirkt auch deshalb so stark, weil das Gebäude, an dessen Wänden die Kunst direkt aufgebracht ist, dieses Gebäude, das Teil der Kunstwerke und nicht nur ihre Herberge ist, am Ende des Monats dem Erdboden gleichgemacht werden wird. Und auch wenn die Tatsache schmerzt, dass sich all diese Werke bald in Bauschutt verwandeln werden, trägt dieses Wissen doch dazu bei, dass der Besuch von THE HAUS zu etwas Besonderem wird.

Dennoch bleibt die Frage, ob diese Kunst ins Museum gehört oder ob sie da, ähnlich einem aus der Wildnis entrissenen Tier im Zoo, letztlich verkümmern würde. Zum Betrachtetwerden verdammt – ohne Entstehen und Vergehen. So, und warum soll das jetzt überhaupt Kunst heißen? Weil es von Menschen für Menschen geschaffen wurde. Ohne den Hintergedanken direkter Verwertbarkeit, dafür mit dem Ziel, Menschen zu berühren. Und diese Berührung entsteht nicht zwangsläufig nur in bekannten, staatlich geförderten Museen, sondern auch und vielleicht sogar öfter an Orten, an denen Menschen einander im Alltag begegnen. Diese Begegnungen miteinander und mit der Kunst wird in THE HAUS, auch mithilfe der Künstler*innen möglich, die selbst durch die Ausstellung führen.

Kleine Warnung: Spontane Besuche in THE HAUS werden leider schwer, da der Abriss naht und daher die Besucher*innen-Schlange lang ist. Eintritt ist allerdings weiterhin frei.

Weitere Infos zu THE HAUS

Fotos: © thehaus.de / Pressebilder

Der altbekannte Fremde in neuem Licht

Lebendig, wortgewaltig und erschreckend nah steht uns der Mörder Meursaults im Studio der Schaubühne gegenüber. Wir sehen den Fremden von Albert Camus. Oder sind es die Fremden von Philipp Preuss? Gespielt von von Bernardo Arias Porras, Iris Becher und Felix Römer.


Meursaults hat einen Mord begangen. Unter der brennenden Mittagssonne am Strand von Algier stehend erschoss er einen Mann. Fünf Schüsse hat er abgegeben, dabei war sein Opfer bereits nach dem Ersten tot. Doch warum hat er geschossen? Und warum fünf Mal? Nun ist er angeklagt. Für diesen Mord?

In seinem Buch „Der Fremde“ zeichnet Camus das Bild eines Menschen, der sein eigenes Leben als teilnahmsloser Beobachter beschreibt. Aber nicht nur diese Beobachtung ist frei von Emotionen, auch der Mann, der hier beobachtet wird, ist es. Er besteht darauf, das Recht zu haben, keine Emotionen zu haben, da das, was er empfände, doch ohnehin nichts an der Situation ändere. Aus diesem Grund kann er zur Rechtfertigung seines Mordes auch nicht mehr hervorbringen, als dass er geschossen habe, weil die Sonne so heiß geschienen hätte.

Doch ist es nicht der Mord, für den er verurteilt wird, es ist seine Teilnahmslosigkeit an allem. Diese völlige Losgelöstheit von jeder menschlichen Emotion gipfelt darin, dass er nicht einmal zum Tod seiner eigenen Mutter die erwarteten Gefühlsregungen zeigt. Ist es erlaubt, keine Emotionen zu haben, oder wird ein solcher Mensch in der Gesellschaft immer ein Fremder bleiben? Der einzige Spiegel in einem Raum, in dem sich niemand spiegeln kann?

Philipp Preuss führt dem Publikum diese Fremdheit vor Augen. Mit Blick auf ein minimalistisches Bühnenbild erlebt das Publikum auf mitreisende Weise die Teilnahmslosigkeit und die Absurdität in den Taten von Meursaults. Gespielt wird dieser sowie die wenigen Personen, mit denen er agiert, von Bernardo Arias Porras, Iris Becher und Felix Römer. Indem diese drei sich fortwehend in der Darstellung der Rollen abwechseln, gelingt es ihnen nicht nur, das sehr nah am Originaltext aufgeführte Theaterstück lebendig zu machen, sie schaffen es auf diese Weise auch, dem Publikum sowohl die Perspektive des Beobachters als auch die des Beobachteten zur Verfügung zu stellen. Die hieraus entstehende Dynamik auf der Bühne lässt die Fremdheit Meursaults gegenüber jeder menschlichen Regung nur noch deutlicher hervortreten. Unterstützt wird das Geschehen dadurch, dass die Lichtinstallation an den Rändern der Bühne es erlaubt, das Publikum sowohl ins Dunkel der Gefängniszelle des Angeklagten Meursaults als auch an den Strand unter die erbarmungslos scheinende Sonne an die Seite des Mörders Meursaults zu befördern.

Aber ist das alles wirklich so absurd oder ist uns einfach jede Person fremd, deren Regungen wir nicht verstehen können? Diese Frage ist es, die Camus‘ Fremder stellt. Und aus der Beschäftigung mit dieser Frage, zieht die Aufführung „Der Fremde“ ihre Aktualität. Unberührt bleiben allerdings die Fragen, welchen Wert dieses Buch für die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte Frankreichs hat und warum es immer noch niemanden interessiert, wer eigentlich das Opfer von Meursaults war. Dieser unbequemen Frage geht die Schaubühne aus dem Weg.

Titelbild: © Thomas Aurin

„Du wirst ihr nichts tun!“ – Der Eid

Wie weit würden Sie gehen? Wenn Sie erpresst werden? Wenn ihre Familie bedroht wird? Wenn Sie sehen, wie ihre Tochter in einen Sumpf aus wilden Partys und Drogen rutscht? Wenn dem Rechtsstaat die Beweise fehlen, um die Gefahr abzuwenden, die Sie kommen sehen?


Eigentlich hat Finnur (Baltasar Kormákur) ein angenehmes und reibungsloses Leben. Mit seiner Frau Margarét Bjarnadóttir und ihrer gemeinsamen Tochter Hrefna lebt er in einem schicken Haus am Rande von Reykjavik, und sein Beruf als Chirurg ermöglicht der Familie einen komfortablen Alltag. Nur seine Tochter aus erster Ehe macht ihm Sorgen. Anna (Hera Hilmar) ist bereits volljährig, von zuhause ausgezogen, und obwohl er zu ihr ein liebevolles Verhältnis hat, scheint sie sich von ihm zu entfernen. Als sie dann zur Beerdigung seines Vaters verspätet und verkatert erscheint und sich noch vor der Trauerfeier von ihrem neuen Freund Óttar (Gísli Örn Garðarsson) abholen lässt, bekommt Finnur ein ungutes Gefühl.

Wenige Tage später wird sich dieses Gefühl bestätigen. Nachts erhält er einen panischen Anruf seiner Tochter. Von Drogen völlig verwirrt und halb betäubt sei sie auf einer Party überfallen worden. Doch die Polizei findet keine Anzeichen auf Gewalt an ihr und sie selbst kann oder will sich an nichts erinnern. Als Finnur der Sache nachgeht, offenbart sich ihm, dass Óttar mit Drogen handelt. Als er diesen zur Rede stellt und fordert, Anna in Ruhe zu lassen, bedroht dieser erst ihn, dann Anna und schließlich auch Solveig und Hrefna. Zum Handeln gezwungen, sieht sich Finnur vor eine schwierige Frage gestellt. Wie weit ist er bereit zu gehen, um seine Familie zu schützen? Mit der gleichen Präzision, die ihn in seinem Beruf befähigt Leben zu retten, geht er nun Schritt für Schritt gegen Óttar vor. Doch hierbei bricht er nicht nur mit dem hippokratischen Eid, den er als Arzt geschworen hat.

Quelle: YouTube

In 102 Minuten führt uns Kormákur, der nicht nur ein beeindruckender Schauspieler ist, sondern in seinem vierten Film auch die Regie übernimmt, durch eine schonungslos realistische Erzählung. Keiner der Charaktere – selbst Óttar nicht – ist nur gut oder nur böse gezeichnet. Jede٭r spielt seine oder ihre Rolle realistisch, unaufgeregt und lebensnah. Unterstützt wird dieses detailreiche Schauspiel durch eine filmästhetische Mischung aus düsteren nordischen Schneelandschaften und glänzenden Personenaufnahmen, die ein wenig an Hollywood erinnern. Auf die Frage, warum der Film unbedingt auf Island spielen musste, antwortet der geborene Isländer Kormákur: „(…) nur in Island kann sie so wunderbar klaustrophobisch sein.“ Damit sich einem diese spezielle Stimmung wirklich erschließt, sollte man den Film allerdings unbedingt im Original (mit Untertiteln) ansehen. Schon der deutsche Trailer vermittelt einen Eindruck davon, wie viel sonst von der Stimmung des Films verloren geht. Am Ende dieses Thrillers verlässt man das Kino mit einer Frage an sich selbst: Wie dicht ist eigentlich die zivilisatorische Decke, die wir uns umgelegt haben und wie handeln wir, wenn jemand diese Decke mit Gewalt zerschneidet?

Würden Sie für ihre Familie, für ihr Kind töten?

© Alamode Film

Gods of Violence. Kreator melden sich hochpolitisch zurück

Kreator ist nicht nur eine der bekanntesten deutschen Thrash Metal-Bands, sie widmet sich mit ihrem neuen Album „Gods Of Violence“ auch aktuellen weltpolitischen Themen.


Inspiriert sei das Album durch die aktuelle Nachrichtenlage, die den Kopf der Band Mille Petrozza dazu veranlasst habe, über die „Kontinuität menschlicher Bösartigkeit“ nachzudenken, und seine Gedanken hierzu in Songs zu gießen. „Religion hat aktuell wieder eine Bedeutung gewonnen, die ich vor 20 Jahren nicht für möglich gehalten hätte“, sagt Mille. „Da findet eine wahnsinnig gefährliche Polarisierung statt, die dazu führt, dass wir alle einander immer mehr hassen. Darüber wollte ich schreiben.“

Bereits 2013 begann die Essener Band mit der Arbeit an dem elf Stücke umfassenden Album. Nun ist das in Schweden produzierte Werk endlich es fertig und erscheint am 27. Januar im Handel. Hungrige Fans konnten sich allerdings schon mit den Liedern „Gods of Violence“ und „Satan is Real“ auf YouTube einen kleinen Eindruck verschaffen, wohin die musikalische Reise geht.

Quelle: YouTube

Geboten wird eine Mischung aus Midtempo-Songs zum Abfeiern und schnellen Liedern mit denen Kreator ihrer Thrash-Metal-Vergangenheit treu bleiben. Dennoch fällt auf, wie viel Zeit sich die Band diesmal für die Intros zu den Songs genommen hat und damit einen melodischen Faden in das Album einwebt, in dem sich manche klassische Thrash-Metal-Hörerwartung verheddern könnte. Damit scheinen Kreator die Entwicklung fortzuführen, die sich seit dem „Hordes Of Chaos“-Album abzeichnet: Sie würzen den alten Thrash-Metal-Sound mit einer Prise Modernität.

Nichtsdestotrotz bietet das Album eine Menge Hits und prescht mit voller Energie voran. Der satte Sound wird durch die makellose Produktion Jens Bogrens (Amon AMarth, Soilwork, Dark Tranquillity, u.v.m.) hervorragend in Szene gesetzt. Vor allem Lieder wie „Satan is Real“ und „Side by Side“ gehen gut ins Ohr und bleiben dort auch hängen. Ob es der deutschen Thrash-Legende hiermit gelungen ist, sich selbst neu zu erfinden und sich dabei gleichzeitig treu zu bleiben, muss jede und jeder am Ende selbst entscheiden. Fest steht, Kreator haben sich getraut etwas Neues zu unternehmen, ohne die „Thrash-Metal-Trinität“ (Sodom, Destruction, Kreator) zu verlassen und trotz seines erdrückend ernsten Themas liefert „Gods Of Violence“ auch zum Feiern eine solide Soundgrundlage. Damit ist es ein absolutes Muss für jeden Thrash-Metal-Fan.

Live zu erleben ist es ab dem Frühjahr 2017 in folgenden Städten:

03.02.2017 München, Tonhalle
04.02.2017 Hamburg, Mehr! Theater
16.02.2017 A-Wien, Gasometer
17.02.2017 Wiesbaden, Schlachthof
18.02.2017 Berlin, Columbiahalle
19.02.2017 CH-Pratteln, Konzertfabrik Z7
04.03.2017 Essen, Grugahalle

Titelbild: © Robert Eikelpoth

LA LA LAND – Wo Luxusprobleme noch Probleme sein dürfen

In seinem dritten Kinofilm „La La Land“ erzählt Damien Chazelle die Geschichte zweier Menschen, die davon träumen, ihre Kunst zum Beruf zu machen, einander auf diesem Weg begegnen und sich überraschenderweise ineinander verlieben.


Schauspielerin Mia (Emma Stone) und Jazzmusiker Sebastian (Ryan Gosling) könnten kaum unterschiedlicher sein. Sie, die sich vor Selbstzweifeln kaum zum Casting traut, er der völlig davon überzeugt ist, ein begnadeter Pianist zu sein, und es kaum aushält, in Restaurants den Hintergrundmusiker zu geben.

Schnell hat der charismatische junge Mann die unsichere, hübsche Schauspielerin von sich überzeugt. Frisch verliebt arbeiten sie nun Hand in Hand an ihrem Erfolg. Sie erhält durch ihn das Selbstvertrauen, das ihr zu fehlen schien, er die Motivation für Geld Musik zu machen um anschießend den Traum einer eigenen Jazz-Bar verwirklichen zu können.

Immer wieder untermalt Chazelle die romantischen Momente dieser scheinbar symbiotischen Beziehung mit Tanz und Gesangseinlagen, in denen die Hauptdarsteller*innen ihrer gegenseitigen Liebe Ausdruck verleihen. Doch aus jedem Traum gibt es ein Erwachen und allmählich müssen die beiden realisieren, dass sie sich in ihren Träumereien voneinander entfernt haben. Er, da er die nächsten Jahre mit einer erfolgreichen Band touren wird, anstatt seine Bar zu eröffnen und sie, da ihr klar wird, dass sie vielleicht doch nicht das einzigartige schauspielerische Talent ist, das sie zu sein glaubte.

Nach eigener Aussage versucht Chazelle nicht nur eine Geschichte über Träumer (und Träumerinnen) zu erzählen, sondern auch zu zeigen, wie schwierig es ist, die Balance zwischen „Leben“ und „Kunst“ zu halten. Leider hält er hierbei jedoch selbst nicht die Balance zwischen ernsthafter Auseinandersetzung mit universalen Problemen des Erwachsenwerdens und den Luxusproblemen zweier, dem gängigen Schönheitsideal entsprechender, ohne Geld- oder Gesundheitsproblem dahinlebender Erwachsener, die bemerken, dass es Teil des Erwachsenwerdens ist, seine Träume zu überdenken.

Eingebettet in die glitzernde Scheinwelt Hollywoods tanzen und singen sich die beiden von Szene zu Szene. Unterbrochen wird dieses „Musical“ durch wenige Dialoge, von denen ein kleiner Teil annähernd geistreich ist, es aber immerhin möglich macht, ein vages Bild der dargestellten Persönlichkeiten zu zeichnen. Genauer muss das Bild aber auch nicht sein, da keine der beiden, nur scheinbar in ihrer Perfektion gebrochenen, Personen als Identifikationsfigur für das Publikum erreichbar ist.

Über diese offensichtliche Schwäche des Filmes kann auch die aufwändige Musik und die tadellose schauspielerische Leistung von Emma Stone und Ryan Gosling nicht hinwegtäuschen. Auch der schleppende Versuch, die Lebenssituationen beider symbolisch mit Szenen wie einem Verkehrsstau zu untermalen, wird nur mit vollem Einsatz der Filmmusik in dieses Kinoerlebnis gepresst.

Über Geschmack lässt sich bekanntermaßen vortrefflich streiten und unmöglich sinnvoll diskutieren. Dennoch sollte man sich vor dem Besuch dieses Filmes eine einfache Frage stellen:

Möchte ich mir fast zweieinhalb Stunden auf Hochglanz polierte Luxusprobleme anschauen, oder nicht?

 

Quelle: YouTube

Titelbild: © Studiocanal

Hieronymus Bosch. Visions Alive – Meisterwerk oder Todsünde?

Seiner Zeit einst weit voraus wirkt Hieronymos Boschs‘ Garten der Lüste heute, 500 Jahre nach dem Tod seines Malers, etwas aus der Zeit gefallen. Wie man es nicht einfach nur ausstellt, sondern auch seiner einstigen Progressivität mit zeitgemäßen Darstellungsformen gerecht werden kann, zeigt in Berlin die multimediale Ausstellung Hieronymus Bosch. Visions Alive. Doch kann sie ihrem Anspruch gerecht werden, ohne das Kunstwerk zu gefährden?


Hieronymus Bosch. Genie oder genialer Kopf einer ganzen Malerwerkstadt – darüber streitet sich die Kunstgeschichte bis heute. Unstrittig hingegen ist, dass Bosch seiner Nachwelt ein Universum aus grotesken Symbolen, Tieren und Menschen hinterlassen hat, mit dem er das Verhältnis von Mensch, Welt und ihrem „Schöpfer“ illustriert. Der sicher bekannteste Zugang zu diesem Universum führt über den Garten der Lüste, den Bosch um 1500 schuf. Zu einer Zeit, in der die Menschen nicht mehr alle Antworten im Glauben an Gott finden und im Süden Europas weiterhin das Schöne und Erhabene Platz in der Malerei findet, wendet sich der geborene Niederländer dem Dunklen und Mysteriösen zu. Hiermit überwindet er die mittelalterliche Kunst auf eine andere Weise als seine italienischen Zeitgenossen und fügt der Renaissance eine weitere Facette hinzu.

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Hieronymus Boschs Triptychon „Der Garten der Lüste“, gemalt um 1500, ausgestellt im Museo de Prado, Madrid, © pixabay.com

Daran knüpft auch die Ausstellung Hieronymus Bosch. Visions Alive in der Alten Münze in Berlin an. Doch zeigt sie das bekannteste Werk Boschs nicht klassisch, wie es das Museum Prado in Madrid tut, sie zergliedert es in seine Einzelheiten. Umgeben von Projektionsflächen findet sich der Besucher in der Mitte des Gartens der Lüste, während sich Ausschnitte des Werkes – mit Hilfe moderner Computeranimation behutsam zum Leben erweckt – um ihn herum bewegen.

Himmel, Hölle, buntes Treiben – Die Symbolwelt Boschs

Die Fülle an Details auf der einen, die Absurdität der Kombinationen seltsamsten Wesen und Gegenständen auf der andere Seite lassen den Betrachter Boschs Menschenbild erahnen: als eine Ansammlung von verrückten, zum Teil ziellos umherwandernden, zum Teil auf persönlichen Lustgewinn gierende Geschöpfen, die mal in Einklang und mal in Zwietracht leben. In jedem Fall aber ohne eine von außen erkennbare Ordnung. Mit seinem Triptychon aus Erde, Himmel und Hölle führt Bosch den Menschen die möglichen Konsequenzen ihres Lebenswandels vor Augen. Auf der linken Seite der Himmel, auf der rechten die Hölle, in der Mitte das bunte Leben auf der Erde.

Den Himmel präsentiert Bosch in feinster Harmonie, Geselligkeit und Einklang. Schonungslos und furchteinflößend hingegen zeigt er die Qualen der Hölle. Spätestens hier wird Bosch seinem Spitznamen „Ehrenprofessor der Alpträume“ gerecht. In der Hölle gibt es nicht nur Habgier, Neid, Trunksucht und vieles mehr. Neben der Darstellung dieser Sünden übt Bosch hier auch Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen seiner Zeit und kritisiert – mit Hilfe eindeutiger Verweise auf die Unersättlichkeit der Reichen – Verschwendung und Habgier des Bürgertums, zu dem er selbst gehört. Damit fügt er dem Bild neben seiner Vorstellung über die Menschheit als Ganzer und der Verbildlichung eben ihrer Vorstellungen über Himmel und Hölle die Ebene hinzu auf der er die Scheinheiligkeit gesellschaftlicher Zustände darstellt.

Bis heute ist das Universum der Symbolik bei Bosch nicht völlig erforscht. Interpretationen, die sein Werk als Warnung vor sündhaftem Leben sehen, stehen Betrachtungen gegenüber, die die Bilder eher als Darstellung persönlicher Traumbilder eines schwer zu ergründenden Künstlers sehen. Ein Beispiel hierfür ist die auf fast allen Bildern, die Bosch zugeschrieben werden, vorkommende Eule. Bis heute wird darüber gestritten, ob sie als klassisches Symbol der Weisheit oder als Nachttier und Symbol der Undurchschaubarkeit zu interpretieren ist.

Visions Alive – Wiederbelebung der Vielseitigkeit

Durch die behutsame Belebung des Werks „Gartens der Lüste“ trägt die Ausstellung „Hieronymus Bosch – Visions Alive“ eben dieser Tatsache Rechnung. Ohne den Blick in eine bestimmte Richtung zu dirigieren, lädt sie dazu ein, durch das Angebot der Videoprojektion zu treten und das Bild neu zu sehen. Der Reichtum an Details genauso wie die Möglichkeit diese individuell und ohne Vorwissen wahrnehmen zu können. Bei dieser auf allen vier Wänden des Raumes laufenden Projektion dieses vielschichtigen Werks wird sich jeder im „Garten der Lüste“ anders zurechtfinden – eine einzige herrschaftliche Blickrichtung gibt es hier nicht.

Indem der Zuschauer nicht vor, sondern im Werk steht, hat jeder eine andere Perspektive und kann sich auf die ihn umschwirrende Fabelwesen, Tiere und Menschen einlassen. Auch wenn man sich an dieser Stelle die Frage stellen kann, ob man hier eigentlich noch das Werk des 500 Jahre alten Meisters Hieronymus Bosch oder eher die Arbeit von “ARTPLAY MEDIA“ , erlebt. Sicherlich bedeuten die Symbole für den zeitgenössischen Betrachter etwas völlig anderes als für den der Renaissance. Dennoch bedeuten sie etwas für ihn, und diese Bedeutung wird ihm zeitgemäß zugänglich gemacht. Das innovative Ausstellungskonzept reduziert den Kulturwert Boschs nicht auf seinen Ausstellungswert allein. Ob die Aura des großen Meisters darunter nun leidet, verloren geht oder sich gar neu mit Bedeutung füllt, muss jeder Besucher für sich selbst herausfinden.

Auch Die sieben Todsünden finden einen Platz bei Hieronymus Bosch. Visions Alive - © boschalive.com

Auch Die sieben Todsünden finden einen Platz bei Hieronymus Bosch. Visions Alive – ©ARTPLAY Media/BOSCH.Visions Alive

Umso bedauerlicher, dass sich die behutsame Liebe zum Detail im zweiten Raum nicht wieder fortsetzt. Hier werden Daten und Fakten zu Boschs Leben eher lieblos an den Wänden eines schwach beleuchteten Raumes präsentiert. Auf einer Seite des Raumes lassen sich auf einem Touchscreen mit Grammatikfehlern gespickte Erläuterungen zum zuvor gesehen Triptychon auswählen. Auf der andere Seite hängt in einer Ecke des Raumes – als wäre es beinah vergessen worden – noch das Werk „Die sieben Todsünden“. Wäre man nicht immer noch zugleich ergriffen und fasziniert von der wundersamen Welt im ersten Raum der Ausstellung, würde einen dieser zweite und letzte Raum der Ausstellung enttäuschen.

Diese Ausstellung lädt weit weniger zur Zerstreuung ein, als man es zunächst von einer Videoinstallation erwarten könnte. Reproduktion und Zergliederung greifen hier reibungslos ineinander. Auch schiebt sich nicht – wie befürchtet – die Leinwand zwischen Zuschauer und Künstler. Indem sie zwar einzelne Elemente des Werkes belebt, diesen aber keine Dramaturgie aufzwingt, geht sie den Drahtseilakt zwischen Darstellung und Veränderung ohne Boschs Werk zu Verfälschen. Damit ermöglicht die Ausstellung einen, an zeitgenössische Formen der Rezeption angepassten, Zugang zu Boschs bekanntestem Werk und ist weit mehr als eine Spielerei in Sachen Videotechnik.


Zu sehen ist die Ausstellung „Hieronymus Bosch – Visions Alive“ noch bis zum 31.01.2017, „Alte Münze Berlin“, Molkenmarkt 2, 10179 Berlin U Klosterstraße, U/S Alexanderplatz.

Titelbild: © ARTPLAY Media/BOSCH.Visions Alive

Macht Mitleid erpressbar? – Ungeduld des Herzens

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Kann man einen Menschen aus Mitleid lieben? Was ist Mitleid? Diese Fragen bringt Simon McBurney in seiner Inszenierung von Stefan Zweigs Roman „Ungeduld des Herzens“ auf die Bühne. Das Stück


Alles beginnt mit einem Fauxpas. Als der junge Soldat Hofmiller (Christoph Gawenda / Laurenz Laufenberg) – durch einen wirren Zufall – zum Essen am Hofe der vornehmen Kekesfalva eingeladen ist, fordert er Tochter Edith (Alina Stiegler) zum Tanz. Doch Hofmiller scheint der Einzige zu sein, der nicht weiß, dass die junge Frau eine Gehbehinderung hat. Als ihm dies klar wird, verlässt er die Gesellschaft fluchtartig. Von Selbstvorwürfen geplagt kehrt her am nächsten Tag an den Hof Kekesfalvas zurück, um sich bei Edith zu entschuldigen.
Diese nimmt seine Entschuldigung nicht nur an, sondern zeigt sich auch äußerst erfreut über seine Gesellschaft und fordert ihn auf, sie erneut zu besuchen. Auch der Schlossherr (Robert Beyer) scheint die Gegenwart Hofmillers und die mit ihr einhergehende Verbesserung von Ediths Laune sichtlich zu genießen. Von nun an ist Hofmiller regelmäßiger Gast auf Schloss Kekesfalva und wird zum Vertrauten der Familie. Es ist die Verzweiflung und die Sorge im Blick Kekesfalvas, wenn dieser über seine Tochter spricht, die in Hofmiller ein noch nie dagewesenes Gefühl erweckt: Mitleid.

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Schaubühne am Lehniner Platz. ‘UNGEDULD DES HERZENS’, von Stefan Zweig. Regie: Simon McBurney, Buehne: Anna Fleischle, Kostueme: Holly Waddington, Musik: Pete Malkin, Benjamin Grant, Video: Will Duke. Mit: Robert Beyer, Marie Burchard, Johannes Flaschberger, Christoph Gawenda, Moritz Gottwald, Laurenz Laufenberg, Eva Meckbach.

Ungeduld des Herzens handelt nicht nur von einer Freundschaft, die auf einem Fauxpas basiert und in einer verhängnisvollen Verliebtheit endet. Es handelt davon, dass ein junger Mann bemerkt, wie er Menschen, die sich in emotionaler Not befinden, durch Mitgefühl und Anteilnahme an ihrem Schicksal helfen kann und hierbei in einen Strudel aus Hilfegesuchen und geschönten Antworten gerät. Im Laufe der Zeit wird er Herr über ein ganzes Lügengebäude, das er im Kampf zwischen Ehrgefühl und Mitleid errichtet hat.
Wie ausweglos seine Lage ist, wird spätestens klar, als Edith ihm ihre Liebe gesteht und ihm ihr Vater und ihr Arzt (Johannes Flaschberger) klarmachen, dass eine Ablehnung Edith gesundheitlich an den Abgrund bringen würde. Doch kann er diese kranke, junge Frau wirklich lieben, oder empfindet er nur Mitgefühl? Von nun an leidet er selbst, er leidet unter seinem Mitleid, er leidet unter der Verantwortung, die er sich selbst auferlegt hat, indem er versucht hat, das Leid Anderer zu lindern.

Kann man mit einem anderen Menschen leiden, oder leidet man unter dessen Leid? Dies ist die zentrale Frage, die „Ungeduld des Herzens“ stellt. Dem Zuschauer stellt sich aber mindestens noch eine zweite Frage: Wie kann man einen so dichten Text auf die Bühne bringen? Wie kann man ihn inszenieren, ohne ihn zu simplifizieren und wie kann man alle seine Ebenen in das Gefüge auf der Bühne einweben. Simon McBurney lässt seine Bühnenfassung von jeweils einem – im Laufe des Stücks die Rollen wechselnden – Schauspieler vorgetragen, während die Anderen das Vorgetragene – zumeist stumm, aber von Soundeffekten begleitet – spielen. Der Vorteil dieser Methode besteht darin, dass dem Publikum zwei Betrachtungsweisen zur Verfügung stehen. Die eine ermöglicht es, dem Text in seiner sprachlichen Präzision zu folgen und zu beobachten, wie sich Hofmiller immer weiter in sein Netz von Lügen verstrickt. Die andere ermöglicht es dem Publikum sich völlig mit dem Leid der Protagonisten zu befassen und es so nicht nur zu beobachten, sondern daran Anteil zu nehmen.
Neben der Wahl der Perspektive, die man auf dieses Theaterstück einnehmen möchte, bleibt am Ende doch noch eine weitere Frage offen: Hat der Text Schauspieler und ausdrucksstarke Bilder auf der Bühne unterstützt oder hat er sie erdrückt. Hätten die SchauspierInnen die Szenen wohlmöglich freier und noch energetischer Ausspielen können, oder hätte das zu einem Zusammenschmelzen der fein ineinander gewobenen Ebenen des Textes geführt? Doch auch wenn der Eindruck entsteht, dass das Kräfteverhältnis zwischen Text und Schauspiel bisweilen Richtung Text zu kippen scheint, werden die Charaktere auf der Bühne begreifbar und es wird deutlich, wie schutzlos der körperlich überlegene Hofmiler gegenüber Ediths emotionaler Stärke ist.


Ungeduld des Herzens an der Schaubühne in Berlin

Bilder: © Gianmarco Bresadola