Alle Artikel von Lennart Colmer

Daniela Krien: Muldental

In Muldental erzählt Daniela Krien elf Geschichten, die sich im Kern mit der Frage „Schicksal oder Schuld?“ befassen und im weitesten Sinne mit der Vereinigung zwischen Ost- und Westdeutschland zusammenhängen. Der Roman lässt erahnen, dass unter die Oberfläche blicken noch nicht bedeutet, auch in die Tiefe zu schauen.


Die auf dem Cover von Muldental abgebildete junge Frau in Schwarz, die vor einem dämmergrauen Hintergrund in die Ferne schaut, scheint zum Verwechseln ähnlich mit dem bekannten Gemälde Lucas Cranachs des Älteren, das Martin Luther zeigt. Auch wenn Welten zwischen ihnen liegen, stehen beide im Zeichen des Umbruchs. In elf Kapiteln lässt Daniela Krien verschiedene Protagonisten sprechen. Würde man ihr Konzept auf eine simple Gleichung herunterbrechen, würde es „Eine Portion Realität, eine Portion Fiktion“ lauten.

Die Autorin wahrt Distanz zu ihren Protagonisten, indem sie als Außenstehende über sie schreibt. Dennoch zeichnet sie auf lakonische, doch unter die Haut gehende Weise ihre jeweiligen Innenwelten nach. Es bedrückt, da jede in irgendeiner Form isoliert erscheint und sich um eine mehr oder minder starke Verzweiflung dreht. Doch sind viele dieser Welten auch irgendwie miteinander verknüpft – in der Vergangenheit, im Jetzt oder in beidem. Muldental ist der Ort, der die Geschichten in sich versammelt wie eine Senke, die sich bei Regen stets mit Wasser füllt.

Zwar macht Krien es einem leicht, in die Realitäten der jeweiligen Protagonisten einzutauchen. Doch sind die Erzählungen alles andere als einfach einzuordnen. Der Subtext von Muldental vermittelt uns deutlich, wie wir einerseits leicht verleitet werden, uns ein Urteil über das Denken und Handeln anderer zu bilden und wie es uns andererseits herausfordert, einfach zuzuhören und zu versuchen zu verstehen. Oft ist es nämlich diese Auseinandersetzung, worauf es zuerst und vor allem ankommt.

Beitragsbild: © Lennart Colmer

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„soif sauvage“ – Durst auf das Leben

Das Nachdenkliche und Wehmütige schließen Leichtigkeit und die pure Freude nicht aus. Wie verträumt und rastlos Berlin klingen kann, haben soif sauvage für sich entdeckt und nun mit uns geteilt.


Verträumt wie ein herbstlicher Nachmittag an einem stillen See und tanzbar wie eine durchwachte Nacht in Berlin – so hören sich soif sauvage auf ihrem gleichnamigen Debut an. Zwei Jahre ist es her, dass Florence Wilken und Pierre Burdy ihr Musikprojekt ins Leben gerufen haben, das sich irgendwo zwischen House und Indie-Pop bewegt. Seither haben sie einen sinnlichen Sound heranreifen lassen, der sich am besten mit einem simplen, aber anerkennenden „It feels good!“ beschreiben lässt.

Quelle: YouTube

Auf Bandcamp bezeichnen sie sich als „berlin based french duo“, deren melancholischer Electro-Pop von souligem Gesang untermalt wird. Im Sommer 2019, ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung ihres Albums, traten sie bereits als Nachwuchs auf dem Pop-Kultur-Festival Berlin auf.

Soif sauvage siedeln sich musikalisch in der Nachbarschaft einer jungen, diskursfähigen Generation von Pop an, die poetisch-sinnlich und selbstbewusst klingt. Die gefühlsbetonten Lyrics gehen Hand in Hand mit spielerischen Arrangements. Trotz verführerischer Verspieltheit wirkt das Album jedoch wie eine harmonischen Einheit, die wenig experimentierfreudig erscheint. Dass soif sauvage aber das Potenzial dazu haben, lassen sie durchschimmern.

Man kann sich in ihren Songs selbst wiedererkennen und zugleich zwischen den Klängen und Beats verlieren, die, mal subtil, mal ausdrücklich, aber stets zum Tanz auffordern. Auch wenn das Debut von soif sauvage von Melancholie getragen wird, lädt es zum Wohlfühlen ein und lässt die schwer wiegenden Gefühle zehn Tracks lang schweben.

Titelbild: © soif sauvage, bandcamp.com

„Heavy Bremen“ – Ein Herz für Live-Subkultur

Manche machen in ihrer Freizeit Sport, andere schreiben Artikel über Bücher. Daves Hobby ist Bands auf die Bühne holen.


BRAVO-Poster von Ed Sheeran, Taylor Swift und Capital Bra hängen über dem Fernseher, auf dem stumm Konzertmitschnitte aus der Zollkantine in Bremen laufen. Mit Pop haben die allerdings nichts zu tun. Aus der Musikanlage schallt der apokalyptische Postmetal-Klangteppich von Cranial. Willkommen auf Daves Abschiedsparty.

Dave blättert durch die BRAVO, die er durch Zufall beim Einkauf entdeckt und spontan mitgenommen hat. Das coole Extra, die rote Smartphone-Kette, hat er an sein Handy befestigt und sich umgehängt. Im Kontrast zu den Postern prangt das weiße Logo von Heavy Bremen auf seinem schwarzen T-Shirt: Unter dem markanten Schriftzug befinden sich die Bremer Stadtmusikanten in einem Zustand, der sich am ehesten als tollwütig und halb verwest beschreiben lässt. Bald wird Dave Bremen verlassen. Jedoch nicht ohne eine Spur zu hinterlassen, die aus knapp zehn Konzertveranstaltungen innerhalb eines Jahres besteht.

Ob Death-Metal-Grindcore à la Implore, die Hamburger Sludge Metal Band The Moth oder düsterer Stoner-Folk von Jayle Jayle aus den USA – Daves Auswahl ist bemerkenswert facettenreich und geht nicht nur über Genregrenzen, sondern auch über die von Bremen hinaus. Die Zollkantine, die sich als Veranstaltungsraum für Bremens musikalische Subkultur versteht, hat die Ohren gespitzt. Bisher dominierten vor allem Hip Hop Acts die Zollkantine. In diesem Jahr hat Dave jedoch dort so viele Konzerte veranstaltet, dass er einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Die Metal-Subkultur Bremens hat hier einen festen Hafen gefunden.

Vor wenigen Monaten haben Dave und sein Kollege Tim einen dicken Fisch an Land gezogen. Für Ende Juli engagierten sie die experimentelle Stoner-Rock-Band OM, die unter Liebhabern des Genres mit ihrem Album Advaitic Songs von einem Geheimtipp zu einem Geheimtipp mit Kultstatus geworden sind. Mit dem einzigen Auftritt von OM in Norddeutschland  versprachen sie sich ein ausverkauftes Konzert. Dass sie auf ein paar Karten sitzen geblieben sind, gehört zum Veranstaltungsrisiko. Das hält sie jedoch nicht davon ab, weitere Bands an Land zu ziehen.

Konzerte sind sein Hobby. Vor vier Jahren veranstaltete Dave in seinem damaligen Wohnort Münster sein erstes. Eigentlich wollte er damit seine eigene Band pushen, doch was bis heute bleibt, ist die von ihm ins Leben gerufene Konzertinitiative Tortuga Booking. Während er mit dem Tochterzweig Heavy Bremen die Hansestadt mit Auftritten bereichert, veranstaltet Dave weiterhin in Münster einige Konzerte.

Mit seinem beruflich bedingten Wegzug aus Bremen wird er sich eine weitere Stadt als Standort für Konzertveranstaltungen erschließen. Heavy Bremen lässt Dave aber nicht im Stich: Für Sommer 2020 ist in Blumenthal ein kleines Metal Festival geplant.

Titelbild: Lennart Colmer
Bildquellen: Facebook (Heavy Bremen) / YouTube (EmotionVFX)

Elena Ferrante: Frau im Dunkeln

Die Geschichte findet dort statt, wohin man gerne ein Buch mitnimmt: im Urlaub, am Strand, in Italien. Dass die herbeigesehnte Erholung vom Alltag durch das verloren geglaubte Selbst und die Suche danach ins Wanken gebracht werden kann wie ein kenterndes Schiff, davon erzählt Leda.


Nichts ist mehr wie es fünfundzwanzig Jahre lang für Leda war. Nachdem ihre erwachsenen Töchter zu ihrem Vater, Ledas Exmann, nach Toronto gezogen sind, fühlt sich die Universitätsprofessorin sinnentleert. Während sie allein den Sommerurlaub an der ionischen Küste verbringt, wird sie von ihrer Vergangenheit begleitet, die sich wie ein trüber Strudel um die eigentliche Frage dreht, wer sie selbst jetzt ist. Alles, was sie an die Gegenwart bindet, sind die Bücher, die sie zur Vorbereitung zum kommenden Semester mitgenommen hat. Doch eine fremde, junge Mutter und ihre kleine Tochter lassen Ledas durchwachsene Vergangenheit und einsame Gegenwart aufeinanderprallen.

Für ihre Töchter wollte sie immer Gutes, doch durch den jahrelangen Spagat zwischen Ehe, Familie und Beruf fühlt sich Leda zunehmend überfordert und frustriert, wodurch sie schließlich auch Verwerfliches tut. Sie wird sich selbst(bewusst) eine Rabenmutter nennen und möchte sich zugleich von den älteren – und wie sie sagt: stummen, grimmigen – Muttergenerationen abgrenzen. Durch die Begegnung mit der Fremden und ihrer Familie wird sie erneut an die Anforderungen der Mutterschaft sowie an die (un)möglichen Konsequenzen erinnert, die sie selbst erlebt hat. Ihr seit jeher andauernder Kampf um Anerkennung und Erkanntwerden lassen Leda im Dunkeln die Augen verschließen und zugleich auch sehen. Wo beginnt die Grenze zum (Un-)Erträglichen? Wer will sie sein und wer ist sie wirklich?

Elena Ferrante liefert eine spannungsgeladene Geschichte über mütterliche Identität, die sie auf knapp 190 Seiten bannt. Sie zeichnet eine komplexe Protagonistin, die im Netz aus Selbstschuld und Fremdschuld verfangen ist und fluchtartig, aber selbstbestimmt einen Neuanfang sucht.

Elena Ferrantes Frau im Dunkeln erschien im Suhrkamp Verlag und hat 188 Seiten.

Titelbild: © Lennart Colmer

Chris Kraus: Sommerfrauen Winterfrauen

Sommerfrauen Winterfrauen könnte ein sphärisches Jugendstil-Gemälde sein, das allegorisch von den vier Jahreszeiten schwärmt. Chris Kraus lässt jedoch eine ganz andere Geschichte erzählen, die eigentlich gar nichts mit dekorativer Malerei gemein hat. Wer dieses Buch aufschlägt, öffnet auch ein Tagebuch, das von den Irren und Wirren eines jungen Filmstudenten im New York der 1990er Jahre erzählt.


Schonungsloser Sex in New Yorks zwielichtigsten Ecken und am besten das jenseits biederer, heterosexueller Normen. Was für den Professor Lila von Dornbusch der einzige Weg ist, noch einen halbwegs interessantes Filmprojekt zu machen, stellt für seinen Studenten Jonas Rosen allenfalls einen letzten Ausweg dar. Ihn beschäftigen ganz andere Dinge, als er seine vierwöchige Reise nach New York antritt: Die Beziehung mit seiner Freundin Mah und die unüberschaubare US-Metropole, in der er irgendwie eine Unterkunft und Filmequipment für seine Mitstudenten und seinen idealistischen Professor organisieren soll. Zu allem Überfluss an Eindrücken ist da noch Tante Paula, die er besuchen muss: ehemaliges Kindermädchen seines Vaters, Auschwitz-Überlebende.

Chris Kraus erzählt ungezwungen von den Zwängen der Kunst und dem Leben, mit denen sich seine Protagonisten herumschlagen müssen. Jonas‘ persönliche Aufarbeitung der NS-Vergangenheit seines Großvaters wirft zwar einen schweren Schatten, zieht die Erzählung aber nicht – wie vielleicht zu erwarten wäre – in die Sackgasse des Schreckens. Dafür kreuzen sich zu viele rührende wie absurde Situationen während Jonas‘ Aufenthalt in New York, der kathartische Züge annimmt.

Nahezu lakonisch dokumentiert er das ambivalente Verhältnis zu seinem unsympathischen wie mitleiderregenden Herbergsvater, in dessen Wohnung sich Fäkalien und Kunst unweigerlich die Hand reichen. Nicht zuletzt ist da noch eine junge Frau, die sein Interesse weckt und seine Beziehung zu Mah nicht unberührt lässt. Wer schließlich am Ende des Buches angelangt ist, wird feststellen müssen, dass er nicht alles erfahren hat, was er sich erhofft hat.

Würde man den Roman in eine Malerei übersetzen, wäre er wahrscheinlich eine abstrakte Farbschlacht. Ein Chaos wie jenes in Jonas‘ Kopf, welcher zudem wegen eines zurückliegenden Unfalls verletzlich wie ein rohes Ei ist (Zufall?). Chris Kraus geht vor allem dahin, wo es wehtut und findet zugleich einen unaufgeregten Umgang mit der Schonungslosigkeit.

Zeitgeist + Mittelfinger

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Undercut und Tumblrblog wurden von Mönchsfrisur und Instagram abgelöst, doch darunter stecken immer noch dieselben Lifestyle-Hacks. Finden Zugezogen Maskulin, die weder Dada noch Spaß verstehen.


Nachdem „Alles brennt“ (2015) sind „Alle gegen Alle“ – nicht zu verwechseln mit „Alles oder Nix Records“, denn mit deutschem Gangster Rap haben ZM so wenig zu tun wie Schwester Ewa mit einem Blatt vor dem Mund. Das haben Grim104 und Testo übrigens auch nicht.

Ob im Titeltrack Alle gegen Alle, im Releasetrack Was für eine Zeit oder im Detox-Diss Stirb! – ZM kritisieren gnadenlos die belanglosen und fragwürdigen Interessen ihrer Generation.

Quelle: YouTube

Hipster Bashing ist ihr Steckenpferd. Als Vertreter ihrer Art scheuen sich Zugezogen Maskulin aber nicht, einen (selbst-)ironischen Track unter die Austeilungen zu mischen: Im lyrischen Vor Adams Zeiten dreht es sich rund um den Planet Mann, auf und um den es vor Klischees nur so wimmelt.

Von skurrilen Kinderzimmerimpressionen und frustrierenden Provinzwüsten erzählen – mal bedrückend, mal humorvoll – Teenage Werewolf und Nachtbus, während Uwe & Heiko mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf ihre guten Zeiten zurückblicken, die aber inzwischen gar nicht mehr so toll aussehen.

Quelle: YouTube

Das aufreibende Album – was heute übrigens rauskommt – schließt mit seinem wohl stärksten (und ruhigsten) Track Steine & Draht, der mit wortgewaltigem Feingefühl die letzten hundert Jahre Deutschlands Revue passieren lässt. Wer zeitgeistigen deutschen Hip Hop mit hartem Biss mag, darf sich „Alle gegen alle“ auf keinen Fall entgehen lassen!

Der digitale Zwist

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Computerprogramme, die sich verselbstständigen und die Menschheit bedrohen – vor vielleicht zwanzig Jahren wäre eine solche Story noch in das Genre Science Ficiton gefallen. In dem kürzlich erschienenen „Das Erwachen“ von Andreas Brandhorst wird ein von Menschenhand heraufbeschworenes Software-Alien Realität.


Was in Daniel Suarez‘ Thriller „Daemon“ (2009) noch ein bisschen düstere Zukunftsmusik zu sein scheint, wirkt in „Das Erwachen“ so nah wie nie zuvor. Andreas Brandhorst verweist in seinem neuen Werk ausdrücklich auf mögliche Risiken und Nebenwirkungen einer sich fortwährend vernetzenden digitalen Welt. Schwarzmalerei oder dunkles Vorgefühl?

Es braucht nicht viel, um ein virales Programm zu entwickeln und in Umlauf zu bringen, sodass sich das hierarchische Verhältnis Mensch – Maschine umkehrt. Eine solche Bedrohung wird im Thriller bereits im Jahre 2031 real. Wie groß wäre das Dilemma, wenn sich künstliche Intelligenzen zu einer Maschinenintelligenz vereinen und den Menschen mit Leichtigkeit übertrumpfen?

Im Gegensatz zu der digitalen Bedrohung Daemon („Disk and Execution Monitor“)aus dem gleichnamigen Buch von Daniel Suarez kreiert Brandhorst aus seiner Maschinenintelligenz keine manipulative Killermaschine, allerdings auch keine dem Menschen unbedingt freundlich gesinnte Intelligenz: Die durch ein Versehen freigesetzte digitale Infektion entpuppt sich als Initialzündung, welche die NSA für den Erstschlag eines globalen Cyberkriegs geschaffen hat – und damit beginnt eine nicht mehr aufzuhaltende, unberechenbare Infizierung aller digital verknüpften Geräte weltweit.

Andreas Brandhorst gelingt es vor allem zu Anfang des Thrillers Spannung aufzubauen und zu halten. Die meisten Charaktere kommen jedoch im Laufe der gut 700 Seiten nicht über eine oberflächliche Darstellung hinaus, da Brandhorst diese im Gegensatz zum behandelten Thema an einer kurzen Leine hält; dementsprechend fallen einige Darstellungen wie Dialoge recht hölzern aus.

Der deutsche Thriller thematisiert einerseits die Angst vor dem menschlichen Kontrollverlust durch das „bedrohliche Fremde“, was uns vor allem aus Science Fiction Stories bekannt sein dürfte. Andererseits stellt er einen aktuellen Bezug her, indem mögliche Konsequenzen der Weiterentwicklung unseres jetzigen technischen Stands und damit verbundene globale Auswirkungen facettenreich diskutiert werden.

Wie die Welt in vierzehn Jahren tatsächlich aussehen mag? Andreas Brandhorst hat zumindest einen visionären Versuch gewagt!

Titelbild: © Piper

Documenta, Dinosaurier, UFO

Es scheint schwierig, trotz der Standorterweiterung ein gutes Haar an der documenta 14 unter der Regie von Adam Szymczyk zu lassen. Der plakative moralisch-politische Zeigefinger eckt an. Macht das Kunst nicht eigentlich aus? Ein Projekt documenta-kritischer Künstler rief als Antwort einen Gegenentwurf ins Leben.


Vor über hundert Jahren verprügelten sich noch Ausstellungsbesucher ob der unverschämten Geste der impressionistischen Malerei gegenseitig mit Regenschirmen. 2017 schaut alle (Kunst-)Welt auf die documenta 14 und freut sich über das Spektakel; die Prügelei hat sich intellektualisiert auf Kritiken in Kunst- und Kulturmagazinen verlagert.

Daniel Chluba (aufmerksame postmondän Leser kennen seinen Namen bereits aus diesem Artikel) rief eine alternative documenta ins Leben. Resultierend aus dem Onlinepetitionsprojekt WIR WOLLEN NICHT ZUR DOCUMENTA 14 fand die documenta ulaanbaatar kassel UFO UFO UFO am 10. Juni auf dem REWE Parkplatz in Kassel statt. Die Ausstellungsdauer wurde nicht etwa auf hundert Tage begrenzt sondern durch hundert Besucher.

Zu sehen waren kleine Arbeiten von 12 Künstlern – und zwar in einem UFO. Eine Ausstellung auf minimalem Raum. Deutlicher kann der Dimensionsunterschied zwischen den Documenten nicht ausfallen. Die documenta ulaanbaatar kassel UFO UFO UFO setzt dem Hype um die altehrwürdig angesehene Kunstausstellung einen klaren Gegenstandpunkt. Ein Protest gegen den Ausstellungsgiganten, der Kunst und Künstler verschluckt? Klingt erstmal paradox. WIR WOLLEN NICHT ZUR DOCUMENTA 14 haben ihre ureigene Ansicht:

„Sie ist ein Prachtexemplar mit einer gewissen Pflanzenfressermoral. In ihrem Magen befinden sich fast alle Probleme unserer Zeit. Ihre Gestalt repräsentiert für uns das umfassende Dinosauriertum. (…) Wir setzen nur eine Wegmarke. Und es wird übrigens die erste Bewegung weltweit sein, die keine Symbole mehr braucht. Sie wird überhaupt nicht den Charakter von Größe haben. Die Kunstwerke hingegen werden dort gezeigt werden, wo einzig die Künstler es für richtig halten. Die Kunst wird darüber lächeln wie die Mona Lisa. Die ja übrigens auch nicht groß ist.“

Quelle: Critique Collective, ADAM SZYMCZYK WIR WOLLEN NICHT ZUR DOCUMENTA 14

Für eine eigentlich ausgestorbene Spezies hält sich der Saurier in Gestalt der documenta ziemlich gut. Was sie dieses Mal aber (außer stark ausgeprägtem Belehrungsehrgeiz) besonders macht, ist schwer zu sagen.

Die documenta 14 ist zwar besser besucht, aber möglicherweise hat die documenta ulaanbaatar kassel UFO UFO UFO ein breiteres Publikum erreicht. Wo treffen sich Kunst und Alltag schon, wenn nicht auf einem Parkplatz vor einem Supermarkt?

Titelbild: Daniel Chluba

Levin Goes Lightly: GA PS

Levin Goes Lightly GA PS

Levin Goes Lightly vereint prägnante elektronische Klänge aus der Vergangenheit und beamt sie mit dem neuen Album in das Jahr 2017. Riecht das nicht nach nostalgischem Abklatsch? Werfen wir doch mal einen Blick zwischen die Zeilen.


„Du, Ich und die Anderen. Überall klaffen Lücken auf. Lücken in der Gesellschaft. Die Lücke zwischen meinen Vorderzähnen. Lücken zwischen digital und analog. Lücken zwischen Dir und mir und den anderen.“, sagt Levin Goes Lightly zu seinem morgen erscheinenden Album GA PS (Staatsakt). Was zuerst nach einer beiläufigen Beobachtung klingt, entpuppt sich nach einer gewissen Einwirkzeit zu einer ungeklärten Leerstelle im Zeitalter der digitalen Vernetzung.

Während Kraftwerk ihrer Zeit die Lobpreisung der Technik verkörperten, liefert Levin Goes Lightly einen psychedelisch dream-poppigen, doch ernüchterten Gegenentwurf: Bluescreen statt blauer Himmel – das Schicksal der „digital natives“, die von einer diffusen Depression eingeholt werden?

Die Grundstimmung des Albums lässt sich ohne weiteres in das melancholische Spektrum einordnen; so bereits der Vorgänger Neo Romantic (2015), der sich zugleich als schillernde, tanzbare Hommage melange an Wave-Bands erweist. Hier können die musikalischen Einflüsse noch konkreter lokalisiert werden (Joy Division, Fad Gadget, The XX) als auf dem weniger barocken GA PS, in dem sich die Lo-Fi Sounds behäbiger und linearer verquicken.

In O’Neill reihen sich Glamrock Riffs zu den elektronischen Elementen wie Perlen auf einer Schnur und gehen Hand in Hand mit den Lyrics, die Kraftwerk für die Vogue hätten schreiben können.


Quelle: YouTube

Wenn man LGL hört, hört man neben Fad Gadget und Kraftwerk auch ein bisschen Tycho, David Bowie und The Sisters Of Mercy. Subtile Bezüge, die eher entdeckt werden als sich aufdrängen wollen – und genau das macht GA PS zu einem Geheimtipp.

Einerseits: Wenn jemand oder etwas fehlt, entsteht nicht nur eine Lücke, sondern auch Schmerz. Diese aufgefächerte Thematik zieht sich als inhaltlicher roter Faden durch das Album. Andererseits: „Riss, Bruch und Lücke machen das Erotische aus“, schreibt Byung-Chul Han in seiner Monografie Die Errettung des Schönen. Das wäre vielleicht eine gute Lektüre zum Album!

Titelbild: Staatsakt, Pressebild

Belzebong: Schall und Rauch im Magazinkeller

Belzebong_Magazinkeller

Am vergangenen Freitag veranstaltete die Kultur Guerilla Bremen im Magazinkeller ein Konzert mit Belzebong aus Polen und Sonic Wolves aus Italien. Sie brachten satte Riffs und stonigen Doom. Der Underground lebt noch.


03.03.2017, kurz vor Doom – Niemand dürfte sich aus purem Zufall im Magazinkeller des Bremer Schlachthofs verirrt haben. Und wenn doch, so hat er oder sie mit Sicherheit einen memorablen Abend verlebt. Selbstverständlich nicht im Sinne einer Rob Zombie Show, denn dafür mangelte es eindeutig an Platz. Zum anderen ging es schlichtweg um die Musik – wie bei jedem guten Rock Konzert.

Nachdem die ersten Bierchen gemütlich getrunken waren, begann die dreiköpfige Vorband Sonic Wolves zu spielen. Unter dem fachkundigen Publikum als „die Band mit dem Drummer von Ufomammut“ bekannt, heizten sie den Laden nach fuzzy Heavy Rock Art ein. Im Auge des Sturms hypnotisierte der Song He Said… mit einem Herz aus Blues:

Der Magazinkeller füllte sich zusehends, nachdem schließlich Belzebong die Bühne betreten hatten und programmatisch mit Bong Thrower den Doom des Abends einläuteten. In behäbigem Rhythmus schwangen der Bassist und die beiden Gitarristen die Matten und walzten sich sanglos von Song zu Song.

Jeder davon gab eine wuchtige Stoner Doom Expression ab, die nicht unter zehn Minuten lag. Bands wie Sleep und Electric Wizard haben es vorgemacht; die 2008 in Polen gegründete Band dreht (mit selbstgenanntem Bezug auf Black Sabbath und Gras) den Strick aus rauchigen, leidenschaftlichen Riffs weiter.

Der Joint, der von irgendwo aus dem verzückten Publikum kam, wäre nicht zwingend notwendig gewesen, um sich den massiven Klangteppichen hinzugeben. Das Fazit des Abends fällt jedoch ungetrübt davon aus: Musikalische Leidenschaft und Frickelei sind allem Anschein nach noch tief im Underground verwurzelt. Kleines Konzert, maximale Befriedigung!

Titelbild: © Lennart Colmer