Alle Artikel von Katja Jahnke

„In Trumpland“

Für eine Umstimmung der Trump-Wähler hat der Film von Michael Moore nicht gereicht. Doch gibt er uns einen Eindruck davon, was uns im Trumpland erwartet?


Auf Kuschelkurs mit Hillary begibt sich Michael Moore in „Trumpland“, einem Film, der potentielle Trump-Wähler überzeugen sollte, doch noch für Clinton zu stimmen. Was den Titel betrifft, scheint Moore eine Vision gehabt zu haben, die über Nacht nun leider Realität geworden ist: Wir befinden uns in Trumpland. Die USA haben sich eine Trump-Regierung an den Hals gewünscht – ähnlich stimmten in einer „Zeit“- Umfrage nur Frankreich und Russland, wobei ersteres mehr verblüfft.

Aber was steckt hinter dem filmischen Trumpland von Michael Moore und wird es den hochgeschraubten Erwartungen gerecht? Vermag es auch nur einen Trump-Wähler umzustimmen? Offensichtlich nicht.

Das Filmerlebnis im Babylon startet mit einer Orgel-Einlage, die positiv stimmt und an unbeschwerte Zeiten in nostalgisch möblierten Etablissements erinnert. Dann tritt ein Mann vor das Publikum und preist seine „Berlin for Bernie“-Kampagne an, die mittlerweile auf einen anderen Namen hört, nämlich „progressive democrats abroad“. T-Shirts mit Bernie-Aufdruck können erworben werden und alle applaudieren für den Mann, der die kostenlose Vorführung von „Trumpland“ möglich machte. Endlich startet der Film. Die One-Man-Show, die in einem Theater stattfindet, beginnt mit einer Reihe von Clichés über Republikaner und Demokraten. Während erstere als besonders organisiert, zielstrebig und aufgeräumt gelten, scheinen letztere unentschieden und grüblerisch. Auf die ersten vagen Lacher folgt tosendes Gelächter, als Moore die Räumlichkeiten des Theaters einweiht: Links oben wurde ein Séparée für alle Mexikaner und mexikanisch aussehenden Menschen eingerichtet, die dort sitzend darauf warten können, wie im Laufe des Theaterstücks langsam eine Mauer aus Pappe um sie herum gebaut wird. Auf der anderen Seite wurden alle Muslims und muslimisch Aussehenden separiert, über deren Köpfe eine Drohne fliegt – all das zur Beruhigung der anwesenden Republikaner oder wenn man ehrlich ist, zur Belustigung der überwiegend demokratisch orientierten Theatergäste.

„Don’t get gay married if you don’t like“

Moore steigt ein und legt die Karten auf den Tisch: Er selbst hätte für Sanders gestimmt, er sei kein Hillary-Fan, und so fällt es ihm zunächst gar nicht leicht, drei positive Dinge über die Frau zu sagen. Damit ist man dann auch an dem zentralen Thema des Abends angelangt: dem Frau-Sein.

Im Folgenden wird man Zeuge wie Moore versucht die anwesenden Republikaner weiter einzubeziehen, so erteilt er hilfreiche Lektionen über Abtreibung und gleichgeschlechtliche Ehe: „Don’t get gay married if you don’t like, and don’t get an abortion if you don’t want one“. Über die Generation der Millenials ist Moore sichtlich begeistert und befreit sie von der Verantwortung für die Schandtaten seiner eigenen Generation. Doch im besonderen Fokus steht das Frau-Sein. Frauen könnten jetzt auch Single sein, bräuchten Männer nicht mehr, wären noch nie Amok gelaufen und hätten auch die Atombombe nicht erfunden. Wäre also eine Welt die bessere, die von einer Frau regiert würde? Es scheint so. Gut, dass Hillary sich anbietet, die Welt scheint gerettet, denn sie ist bekanntlich eine Frau. Auch wenn die Überredungsversuche Moores eher emotionaler als argumentativer Art sind, lernen wir die Person Hillary Clinton von einer neuen Seite kennen: als verletzliches Lamm, dem in der Vergangenheit oft Unrecht getan wurde und doch so willensstarke Persönlichkeit, die ihre politischen Ziele klar verfolgt. Welche das sind, bleibt größtenteils außen vor. Trump-Wählern mit Rationalität beizukommen wird gar nicht erst versucht.

Das Gesundheitssystem oder die Frage – was ist Terror?

Eine Ausnahme stellt der interessante Schwenk zum Thema Gesundheitssystem dar, wobei auch hier die Emotionalität im Vordergrund steht – es wird daran erinnert wie viele, nämlich 1 Mio., Amerikaner innerhalb von 20 Jahren ihr Leben verloren haben, ganz einfach weil sie nicht versichert waren und sich den Arztbesuch oder teure Medikamente und OPs nicht leisten konnten. „Was ist Terror?“, fragt Moore im Anschluss einmalig provokativ und erhält Standing Ovations, als er daran erinnert, dass fast jeder jemanden kennt, den er an das Gesundheitssystem Amerikas verloren hat. Bemerkenswert ist wirklich, dass Clinton, angespornt, das Gesundheitssystem zu verbessern, einst nach Estland reiste, um herauszufinden, woran es liegt, dass dort so viel weniger Frauen bei Geburten sterben – weltweit hat Estland die niedrigste Quote. Wir sehen also eine junge Clinton, die ambitioniert in die Welt hinausgeht, um etwas zu ändern. Leider bleibt es bei diesem kurzen Intermezzo, dann geht es wieder um ihre Rolle als Frau, in der sie es so viel schwerer hat als ihre männlichen Kollegen. Interessante Anekdoten über die Begegnungen Moores und Clintons können leider auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Film es wohl kaum vermochte, einen waschechten Trump-Wähler umzustimmen.

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Bildquelle: trumplandmovie.com

Clinton als politischer Papst Franziskus?

Politisch wird es erst dann als Moore das Publikum fragt, was es an Hillary auszusetzen gibt und jenes antwortet „she’s too cosy with Wall Street/Bengasi/Iraq War“ usw. Doch auch hier geht Moore nur auf den Vorwurf ein, sie sei nicht vertrauenswürdig, wobei er bemerkt, dass dieser Vorwurf fehl am Platz ist, insofern nicht die Wahl zur neuen besten Freundin, sondern die Präsidentschaft auf dem Spiel stünde. Moores anfänglich noch zaghaftes Gesäusel über Clinton mündet in einem Lobgesang zu ihrer Person, in dem er sogar von Liebe spricht. Den Bemühungen zum Trotz, uns alle einzulullen, horchen wir noch einmal auf als sie plötzlich als politische Version von Papst Franziskus angepriesen wird, der als Vertreter moderner Werte schlechthin vorgestellt wird. Die Wahlkampfmaschine Moore fordert eine Revolution, die Hillary den Rücken stärkt, damit diese in Beyoncés Boots den USA den Weg aus dem Schlamassel weist. Eigentlich ein schöner Gedanke. Schade nur, dass Clintons Frau-Sein allein nur wenig mit ihrer (außen-)politischen Agenda zu tun hat. Moores Pathos verhallt und sein Fazit lautet: Wähl‘ Clinton, auch wenn du sie hasst – hass‘ sie ruhig weiter, aber wähl sie trotzdem! Ein ehrlicher Moment, ein Moment, mit dem sich auch viele Deutschen identifizieren können, die eigentlich Sanders wollten, im Rennen um den Sieg nun aber das kleinere Übel auswählten.

Was bleibt, ist der Witz, mit dem Trump begegnet wird. Und so sehr man geneigt ist, in das Gelächter einzustimmen, so sehr muss man sich im Nachgang der Wahl fragen, ob es nicht gerade dieser Umgang mit einer Person wie Trump ist, der ihm letztlich zum Sieg verholfen hat. Fest steht, dass wir in nächster Zeit wohl eher weniger zu lachen haben.

 

Bildquelle Titelbild: trumplandmovie.com

Schiller lesen oder ich schieße! Verrücktes Blut

„Verrücktes Blut“, ein Theaterstück, das Schiller, freche Prolls und eine Lehrerin mit kriminellen Energien zusammenbringt, um vorzuführen wie Bildung funktionieren kann.


Am Mittwoch dem 3.2. hatte ich die Möglichkeit die wohl letzte Aufführung von Verrücktes Blut von Nurkan Erpulat und Jens Hillje zu sehen – nicht irgendwo, sondern im Gorki Theater. Was ich sehen würde, wusste ich so ungefähr: Es sollte um Schiller gehen und um eine Lehrerin, die am Ende ihrer Nerven kurzerhand zu der von einem ihrer Schüler mitgebrachten Pistole greift und unter ständiger Androhung von Schüssen ihren Zöglingen richtiges Deutsch beibringt – Schiller muss korrekt zitiert werden und auch die vielfach verwendeten Schimpfwörter werden akkurat ins Hochdeutsche übersetzt.

Das Stück startet also, vielleicht wenig überraschend, mit plattem Rumgerotze und den obligatorischen Griffen in den Schritt. So wird man schnell mit den Schauspielern vertraut, die die nächsten Minuten nutzen, um unter Beweis zu stellen, um was für fürchterliche Schüler es sich bei ihnen handelt. Sie drangsalieren sich gegenseitig, rufen sexistische Schimpfwörter durch den Klassenraum und beleidigen ihre geschändete Lehrerin Frau Kehlich. Diese legt eine solipsistisch anmutende Performance hin, indem sie dem Lärm zum Trotz in ihrer stets wegbrechenden Stimme konsequent Schiller vorliest. Eine Szene, die sich zumindest jeder angehende Lehrer bereits einmal ausgemalt haben dürfte. Die humorbefreiten Theaterprofis in der ersten Reihe scheinen unbeeindruckt, mithin leicht verstört von Lautstärke und der Menge von Speichel, die auf der Bühne abgesondert wird.

Doch auch sie wurden abgeholt: Denn es folgt ein kontrastreicher Bruch, als das prollige Gesindel plötzlich mit Engelszungen „Kam ein Vöglein geflogen“ performt. So schön, dass ich sofort in alten Erinnerungen schwelge, Erinnerungen an ein fernes Heimatland, Dörfer, Kühe und Weiden – Erinnerungen, von denen man nicht recht sagen kann, ob sie aus der Kindheit oder doch von Rosamunde Pilcher stammten. Wo sich die wilde Horde prolliger Schüler gerade noch an die Gurgel ging, stehen sie nun kerzengerade und singen manierlich, geradezu fromm, so als hätten sie nie etwas anderes getan. Nach diesem und weiteren Chor-Einlagen, wird man stets unsanft in die harte Realität des Schulalltags zurückgeworfen, in dem eine ambitionierte Lehrerin nicht gegen die schändlichen Schüler ankommt, deren größtes Vergnügen es ist, sich zu beschimpfen und in der Gegend herumzurempeln, immer am Rande der Eskalation. Als es zu dieser kommt, tritt eine Pistole ins Spiel, die sich Frau Kehlich kurzer Hand schnappt und völlig in Rage, versucht ihre Schüler in Zaum zu halten. Dabei passiert es, dass sie einen der Schüler versehentlich und unter wildem Gefuchtel unsanft anschießt. Da wir den selbsternannten Obermacho aber mittlerweile ohnehin am wenigsten mögen, sympathisieren wir mit Frau Kehlich, nicht mit dem sich am Boden krepelnden Schüler, der sich auch jetzt das „du alte Schlampe“ nicht verkneifen kann.

Der Pistole sei Dank tut er dies einige Sequenzen später schon mit einer sehr viel besseren Aussprache.  Mariam, die kopftuchtragende Musterschülerin, muss dann erklären, was eine Schlampe überhaupt ist. Die Schüler werden gezwungen Kabale und Liebe und die Räuber nachzuspielen: Hämpfling Hassan muss den Macho mimen und Mariam soll rebellieren. Latifa muss ihren Erzfeind umarmen und dem ein oder anderen wird die Hose runtergezogen. Frau Kehlich freut sich über die eintretenden Fortschritte ihrer Rasselbande. Doppelzüngig zitiert sie „der Mensch ist nur dort ganz Mensch wo er spielt“ und erklärt voll Inbrunst, dass man Gewalt nicht mit Gewalt bekämpfen kann. Während sie alle drei bis vier Minuten in die Luft schießt. Schüler und Zuschauer scheinen verstört, nichtsdestoweniger: Wir hören zu. Immer wieder zwingen einem die endlosen Mühen der Schüler ein Lachen ab, wenn sie versuchen die zungenbrecherische deutsche Aussprache zu imitieren. Und dann wieder ein Lied für die Damen und Herren in der ersten Reihe.

Einen besonderen Theatermoment hat man auch, als Mariam von Frau Kehlich zur Emanzipation von ihrem Kopftuch gezwungen werden soll: Während die Lehrerin auf der Bühne sich über den Islam auslässt und die Multikulti-Kuschel Haltung verurteilt, ruft uns plötzlich auch aus dem Off ein Stimmchen zu, warum Kopftücher sinnvoll sind: „Es geht um Respekt.“ Das haben die Schüler von Frau Kehlich ja auch schon gepredigt. Wir fragen uns, ob diese kurze Einlage aus dem Publikum zum Stück gehört – wahrscheinlich nicht. Die restliche Zeit frage ich mich auch, wie das Stück bei Leuten ankommt, die es nicht (auch) als Parodie auf die deutsche Kultur verstehen.

Frau Kehlich fällt dann doch noch in letzter Sekunde auf, dass sie niemanden – auch Mariam nicht –  zur Emanzipation zwingen kann – ein echtes Dilemma – und wenige Momente später gibt sie nach einer weiteren Eskalation auf. Mariam hingegen hat jetzt erst richtig Lust zu eskalieren und ersetzt kurzerhand ihr Kopftuch durch die neu entdeckte Pistole, die nach einem wilden Gefuchtel in ihre Hände fällt. Mariam befreit sich also und legt einen wilden Tanz hin, als wären ihre Gliedmaßen elektrifizierter Pudding – natürlich hat sie auch ein besonderes Erlebnis mit ihrem Haupthaar, welches sie, zum ersten Mal frei an sich herunterbaumelnd, erblickt und lustvoll mit beiden Händen soweit es geht von der Kopfhaut aus in die Länge zieht, um es besser sehen zu können. Das nächste deutsche Heimatlied wird eingestimmt.

Letztlich dann die Wende, als Frau Kehlich erkennt: „Kanacken Selbsthass“ bringt auch nichts, die deutsche Lehrerin ist trotz Rock und biederem Dutt nämlich gar nicht so deutsch und bekennt sich zu ihrem Türkischsein. Daraufhin beschließt man Döner essen zu gehen und alles zu vergessen: Frau Kehlich und ihre wilde Bande in feinster Harmonie. Nur Hassan, das Hemdchen, rebelliert noch einmal in Räuber-Manier und möchte unbedingt Franz bleiben. Die Pistole und der schalldichte Raum begünstigen sein Vorhaben und es scheint, als ginge man in die nächste Runde von Machtmissbrauch durch Gewalt – das Stück endet und alle applaudieren als gäb es kein Morgen – vielleicht wegen der schönen Heimatlieder oder wegen des prolligen Gegrabsches oder weil beides so wunderbar harmoniert in einem Stück über Schillers Werk und seine Vorstellung von ästhetischer Erziehung.

Quelle: YouTube

© Titelbild: Thomas Aurin/www.gorki.de

Kunst hat drei Buchstaben: TUN – Khine Min Tun

Was hat Malerei mit Freiheit zu tun und wieso interessiert uns eine kleine Kunstgalerie in Mrauk U, Myanmar? Moderne Kunst ist für szeneaffine Hipster und weltoffene Berliner alles andere als in Öl gemalte Landschaftsbilder – Bilder von Wiesen und Tempeln gehören in Oma Trudes Stube, mit Politik und Gesellschaft haben sie nichts am Hut. Wir wollen Ai Weiwei, wilde Mobs am Alex, irgendwas, das sexuell anstößig ist- wenn es das noch gibt. Dass auch „naive Malerei“ kritisches Potential und gesellschaftliche Relevanz besitzt, liegt vielleicht daran, dass Kunst mehr kann, als der Künstler weiß.


Kunst hat drei Buchstaben: TUN – Khine Min Tun,

Sohn des Künstlers Shwe Maung Thar aus Mrauk U an der Westküste Myanmars. Ein Land, das unlängst Schlagzeilen machte, weil am 8.11.2015 die ersten freien Wahlen seit 25 Jahren stattfanden – mit dem Ergebnis, dass die National League for Democracy eine absolute Mehrheit erreichte. Wenngleich ein politischer Umbruch des Landes dadurch nicht getan, scheint die militärische USDP in ihre Schranken verwiesen und die Weichen für eine demokratische Zukunft gestellt. Wo Aung San Suu Kyi als politische Leitfigur der National League for Democracy (NLD) seit Jahrzehnten für politische Freiheit kämpft, findet man in dem für Touristen schwer zugänglichen Mrauk U eine kleine Oase, in der Freiheit ebenfalls eine große Rolle spielt – die Freiheit künstlerischen Tuns. In der kleinen L‘ Amitié Art Gallery im Westen Myanmars befanden sich bis vor kurzem zahlreiche Ölgemälde, die dem Betrachter die unberührten Landschaften eines Landes zeigen, das die wenigsten von uns aus der Nähe kennen. Insbesondere Mrauk U, zeichnet sich durch die aus dem Nebel ragenden Tempelruinen aus, deren Spitzen die sattgrüne, bergige Landschaft überblicken. Welche gesellschaftliche Bedeutung einer kleinen Galerie zukommt, deren Ausstellungsstücke nichts anderes zeigen als malerische Abbilder der Umgebung, wird vielleicht erst auf den zweiten Blick klar. Denn so trivial es einer postmondänen Berlinerin scheinen mag, einen Pinsel in die Hand zu nehmen und eine Form von Kunst zu schaffen, die hierzulande von der Szene schon mal als antiquiert und langweilig belächelt wird, so bedeutsam ist jedes Gemälde, das in den diktatorischen Verhältnissen von Myanmar an den Wänden der L‘ Amitié Art Gallery zu sehen war.

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Mrauk U, Myanmar

In einem Land vor unserer Zeit

Zurückgeworfen in eine Zeit, in der Meinungsfreiheit nicht alltäglich ist, hineinversetzt in ein Land, das durch mystisch anmutende Landschaften lockt, konfrontieren uns die Bilder von Shwe Maung Thar und Khine Min Tun mit einem Aspekt von Kunst, der auch in einer in höchstem Grad modernisierten Gesellschaft oft zu kurz kommt: innere Freiheit. Freiheit auch, die eigene Haltung zu bewahren, in Zeiten, in denen Medien durchzogen sind von Angstbotschaften, Terrorwarnungen, Hiobsbotschaften, die unsere Gesundheit betreffen und Anleitungen, wie der moderne Mensch sich fitzuhalten hat. In Myanmar, wo die militärische USDP ihre Bevölkerung in nahezu allen für uns selbstverständlich gewordenen Bereichen einschränkt, ist künstlerische Praxis die vielleicht einzige Antwort auf den im Innern sich regenden Widerstand gegen Zwänge, Armut und die Fesseln des Alltags, in dem alternativen Lebensformen kein Raum gegeben wird. Die Rechnung ist einfach: Wo die Freiheit der Person nicht gelebt werden kann, realisiert sie sich in künstlerischem Tun.

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Shwe Maung Thar

Kunst und Freiheit

Der 1955 in Mrauk U geborene Künstler Shwe Maung Thar hat sich zeitlebens dafür eingesetzt dieses Tun auch in Mrauk U am Leben zu halten. In seiner kleinen Galerie konnten seine Bilder seit 2008 betrachtet und diskutiert werden. Und trotz seiner Ausstellungen in Canberra, Melbourne, Wien und Yangon, ist es jene Galerie an der Westküste Myanmars, die diesen Artikel motivieren. Denn die L’Amitié Art Gallery bot mehr, als dass sie unseren visuellen Sinnen schmeichelte. Sie war Begegnungsstätte, in der man sich austauschen, ästhetische Maßstäbe, herausarbeiten und Kritik üben konnte. Praktiken, die für funktionierende Demokratien unabdingbar sind und die zugleich Funktionen darstellen, die untrennbar mit Kunst verbunden sind. Mag ein Kunstwerk noch so naiv daherkommen, die Aufforderung an den Betrachter zu reflektieren ist immanent: sich von dem distanzieren, was als unhinterfragt Gegebenes vorgefunden wird, sich in ein neues Verhältnis zu Kunstwerk und Welt zu setzen. Diese Form kritischer Praxis ist eine Errungenschaft, eine Säule unserer Gesellschaft, die aus dieser nicht wegzudenken ist. Eine Form kritischer Auseinandersetzung, die auch in Myanmar zu reifen beginnt. Schon deshalb ist das Lebenswerk von Shwe Maung Thar mehr als „nur“ schöne Kunst – in einem der abgeschiedensten Landstreifen Myanmars wurde der Grundstein gelegt für ein freies Leben von Menschen, die sagen dürfen, was sie zu sagen haben. Dazu gehört auch, sich die Freiheit zu nehmen an Werten und Traditionen festzuhalten. Die unberührten Landschaften Mrauk U’s nicht der touristischen Ausbeute preiszugeben und dennoch eine politische Veränderung zu fordern, die auf eine gerechtere Verteilung von Gütern und Bildungschancen abzielt, auf die Etablierung eines funktionierenden Gesundheitssystems und den für den Vielvölkerstaat wichtigen Punkt der Religionsfreiheit. Forderungen, die durch kritische Praxis aus dem Privaten ins Öffentliche gezogen und so politisch werden. In dem ganz basalen Sinn, dass ein jeder die Möglichkeit hat, sich eine Meinung zu bilden, sich an Diskussionen und Volksversammlungen zu beteiligen und sich durch Proteste gegen herrschende Parteien zur Wehr zu setzen.

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Überschwemmt

Schaung Mar Thars Einsatz für den Erhalt künstlerischer Praxis in Mrauk U war und ist deshalb von gesellschaftlicher Relevanz, die den Rahmen Schöner Kunst sprengt. Umso trauriger ist es, dass der Künstler im Januar 2015 plötzlich an einem Herzinfarkt verstarb und die L`Amitié Art Gallery seinem Sohn Khine Min Tun überlassen musste. Auch für Khine ist Kunst eine nicht wegzudenkende Lebensaufgabe und -grundlage, weshalb er sich der Aufgabe stellt, das Lebenswerk seines Vaters fortzuführen. Eine Aufgabe, die zunächst die einmalige Chance beinhaltete die Bilder seines Vaters in der Schöneberger Kunstgalerie „Kuhn und Partner“ im Juni 2015 zu präsentieren. Eine Aufgabe, die Khine voll Freude und Dankbarkeit nutzte und die zahlreichen Besucher mit den Werken seines Vaters begeisterte. Eine Aufgabe, die im Spätsommer zu einer enormen Herausforderung wurde, als zahlreiche Fluten die Westküste Myanmars großräumig zerstörten. Darunter auch die in mühsamer Arbeit aufgebaute und leidenschaftlich am Leben gehaltene L‘ Amitié Art Gallery, von der dieser Artikel handelt. Eine Galerie, die von unerschöpflichem Wert für die Bevölkerung von Mrauk U und die junge Familie von Khine Min Tun ist, die allen Schwierigkeiten zum Trotz an ihren Wiederaufbau glauben. Seit Monaten kämpfen sie tatkräftig  für die Wiederbelebung der Kunst, ließen sich auch von einer zweiten Flut nicht entmutigen, die abermals enorme Schäden anrichtete. Ein Einsatz, der Unterstützung braucht, weil auch das Wohnhaus von Khines Familie im Zuge der Fluten verschütt gegangen ist. Der eigenen Lebensgrundlage entrissen, steht der Sohn von Shwe Maung Thar nun alleine der Problematik gegenüber, das Lebenswerk seines Vaters fortzuführen. Ein Vorhaben, das von allen Freunden und Bekannten, Myanmarreisenden, Künstlern, Verfechtern von Freiheit und Kritik, und postmondän-Fans auf Unterstützung hofft. Dieser Artikel endet deshalb mit dem Appell: Einen Euro in die Reisekasse und so bald wie möglich Myanmar erkunden, einen Euro an Khine Min Tun – für die Kunst und die Freiheit.

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Khine Min Tun