Alle Artikel von Katharina van Dülmen

„Hört erst mal auf zu jammern!“ – die Schizophrenie einer Generation

Seit einiger Zeit verwirren mediale Stimmen die Menschen einer Generation. Vom Selfie-Journalismus, dem Wir und dem Ich. Eine subjektive Beobachtung.


Um zu einer Generation zu gehören, muss du nichts tun, außer geboren worden zu sein. Denn ein*e jede*r wird aufgrund seines*ihres Geburtsjahrs einer Gruppe innerhalb der Gesellschaft zugeordnet. So ist eine*r jede*r, der*die ungefähr zwischen 1980 und 1999 – so der*die Soziolog*in will – unfreiwillig ein Teil der Generation Y, auch Millennials genannt. Und was verbindet die Menschen, die zufällig in diesem Zeitraum das Licht der Welt erblickten? Ihnen werden ähnliche Wertvorstellungen, Verhaltensweisen und Charakteristika zugeschrieben. Schließlich sind sie in den gleichen wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Verhältnissen groß geworden – da müssen sie ja Ähnlichkeiten aufweisen.

So und nicht anders bist du

Du bist zwischen 1980 und 1999 in Deutschland geboren? Dann verfügst du wahrscheinlich über einen Hochschulabschluss, kommuniziert über das Internet und hältst nicht allzu viel von Status. Dir ist es wichtig, einer Arbeit nachzugehen, die dich mit Sinn erfüllt. Sowieso bist du ständig auf der Suche nach dem Sinn – warum solltest du sonst zur Generation Why gehören? Du fühlst dich ertappt? Wir alle! Kulturwissenschaftler*innen gehen davon aus, dass die Charakteristika einer Generation keinem Naturgesetz folgen. Vielmehr sind sie „gemacht“. Der Begriff einer Generation entsteht in den Medien, wird dort definiert und weiterentwickelt. Und was passiert dann? Dann schließt sich die Echokammer. Denn Zeitungen und Magazine, die sich mit dem Generationsbegriff beschäftigen, tun dies verständlicherweise, weil er bei den Leser*innen auf Interesse stößt. Die Leser*innen, die sich wiederum für diese Medien und gleichzeitig für den Generationsbegriff interessieren, gehören dieser Altersgruppe an oder stehen mit ihr in engem Austausch.

Willkommen in der Echokammer!

Nun etablieren sich Medien, die Menschen dieser Altersgruppe als Leser*innen gewinnen möchten. Sie definieren ihre Zielgruppe und Inhalte aufgrund des medial hervorgebrachten Begriffs und von einigen Vertretender*innen der Generation abgenickten Definition. Wer sind also die Rezipient*innen dieser Medien? Eben die, die sich mit dem Generationsbegriff identifizieren (wollen) – ja die, die ihn abgenickt haben. Und was ist mit denjenigen, die im gleichen Zeitraum geboren, aber nicht Konsument*innen dieser Medien sind? Die, die sich durch die aufgeführten Inhalte nicht angesprochen fühlen? Ihre Eigenschaften, Wünsche und Bedürfnisse werde ausgeklammert. Denn wer sind die Macher*in und die Leser*innen der beschriebenen Medien? Menschen, die einen Hochschulabschluss haben, einer Arbeit nachgehen, die sie mit Sinn erfüllt und im Internet kommunizieren. Du fühlst dich ertappt? Wir alle!

Wir bin ich

Aber wer ist dieses Wir? Von wem ist die Rede bei Überschriften wie „Warum es gefährlich ist, wenn wir uns eine neue Beziehung schönreden“? Auf der Suche nach dem Wir im Artikel stolpert man über sehr viele Ichs. Eine Freundin ruft das Ich an, um von ihrem neuen Freund zu schwärmen. Es wird eine Szene aufgemacht, die auf eigenen Erfahrungen des Ichs basiert und keine vorangehende Recherche erforderte. Der sogenannte Selfie-Journalismus. War das Ich im klassischen Journalismus einst verteufelt, löst es nun die dritte Person Singular des szenischen Artikeleinstiegs, wie er in Reportagen üblich war, ab. Ein Artikel mit szenischem Einstieg fordert eine induktive Verfahrensweise: Es wird vom Kleinen (Beispielsituation) ins Große (Fakten rund um das Thema) geschlossen. So wird im Laufe des angeführten Artikels aus dem kleinen Ich ohne Faktengrundlage ein großes Wir:

„Wenn wir irgendwie selbst nicht so ganz von einer Sache überzeugt sind, müssen wir darüber reden.“

Das Wir ist nicht exklusiv, es meint nicht nur die Redaktion. Das Wir ist ein inklusives. Wir – die Leser*innen – sind gemeint. Die Generation, die sich Dinge schönredet, wenn sie nicht überzeugt davon ist. Die subjektive Wahrnehmung einer*s Einzelnen wird im Text selbst zu einem Fakt stilisiert, der allen Leser*innen – und womöglich einer ganzen Generation – eine Charaktereigenschaft zuschreibt.

Ich bin Du

Dir als Mitglied der Generation Y werden Verhaltensweisen und Eigenschaften zugeschrieben – ob sie auf dich zutreffen, ist nicht wichtig. Denn es geht darum, eine Generation in ihrer Gänze zu erfassen, den Mitgliedern eine Identität zu geben und eine Gemeinschaft zu kreieren. Es geht also darum, das Wir zu definieren. Und wer ist das Du in Texten wie „20 Typen, die du auf jeder Party triffst“? Das Du dient als persönliche Ansprache, die dir unmissverständlich vermittelt, dass du Teil des Wirs bist:

„Wir kennen sie alle: die verschiedensten Typen von Menschen, die man beim Feiern eben so trifft“.

Eigentlich müsste die Überschrift aber „20 Typen, die ich auf jeder Party treffe“ heißen. Denn wieder werden die auf subjektiven Wahrnehmungen basierende „Fakten“ nicht in Frage gestellt. Ich, der*die Autor*in des Textes, vermittle dir meine eigenen Erfahrungen, keine repräsentative Umfragen oder gesicherte Studien. Und weil es mir als Autor*in so geht und ich Teil der Generation Y bin, ist es bei dir als Leser*in, die*der du zu meiner Generation, zu unserem Wir gehörst, genauso.

Weil ich nicht Du und nicht Wir bin

Den Leser*innen wird vorgegeben, wie sie sind (Gen-Y: Die Arroganz der Privilegierten), was sie machen (11 Fehler, die du in Restaurants immer wieder machst) und wie sie sein sollen (Diese 6 Sätze müsst ihr streichen, um wirklich Karriere zu machen). Und wie reagierst du, wie reagieren wir, wie reagieren sie auf diese Zuschreibungen? Die Antwort lässt sich in einem Neologismus fassen: mit „Rechtfertigungsjournalismus“. So häufen sich zurzeit Artikel wie „Alle haben einen Plan für ihr Leben – nur ich kann mich nicht entscheiden“. Warum aber „Rechtfertigungsjournalismus“? Weil sich in diesen Texten Autor*innen dafür rechtfertigen, dass sie sind, wie sie sind. So heißt es im angeführten Artikel:

„Manchmal frage ich mich, warum ich so anders bin. Während andere Menschen Angst vor Veränderungen haben, bereitet es mir Bauchschmerzen, wenn ich nicht auf mein Gefühl höre.“

Wer oder was hat dieser Autorin das Gefühl gegeben, anders zu sein? Was macht sie so sicher, dass alle anderen Menschen Angst vor Veränderungen haben? Wer oder was hat sie dazu gebracht, ihr privates Leben, ihre Emotionen und Verhaltensweisen in die Öffentlichkeit tragen und sich dafür rechtfertigen zu müssen? Das wird nicht vollends reflektiert, doch die Motivation des Artikels kommt mit dem Vorschlaghammer. Sie möchte sich selbst (vom Kleinen) und dem Wir (ins Großes) bewusst machen, dass es okay ist, so zu sein, wie man ist:

„Wir sind nicht nur A oder B, wir können so vieles sein. Deshalb sagen ich: Einfach mal machen!“

Sie möchte sich und ihre Leser*innen frei von Zuschreibungen machen, die sie zuvor selbst vornimmt. Die Zuschreibung, dass alle Menschen einen Plan für ihr Leben und Angst vor Veränderungen haben. Jetzt ist die Verwirrung komplett: Eigentlich müsste ich so sein, bin es jedoch nicht, aber das ist irgendwie auch in Ordnung.

Aber wer sind wir denn jetzt?

Was sagt das nun über die schreibenden bzw. lesenden Menschen der Generation Y aus? Eigentlich nicht viel. Nur dass sie bereit sind, ihre eigenen Erfahrungen, Ängste, Zweifel und Wünsche in die Öffentlichkeit zu tragen und mit fremdem Stimmen zu diskutieren – wie zuvor noch nie geschehen. Könnte es dann nicht sein, dass genau diese Erfahrungen, Ängste, Zweifel und Wünsche auch vielen Menschen vorheriger Generationen eigen waren? Hat sich vielleicht einfach nur die Bühne, auf der diese Themen diskutiert werden, verschoben – vom WG-Küchentisch ins Netz? Und sich damit die Stimmen, die sich in das eigene Leben mischen, vertausendfacht? Das würde ja bedeuten, dass der bestehende Generation-Y-Begriff nicht nur ein gemachter, sondern ein von einigen Protagonisten der Generation gewollter und bewusst inszenierter ist.

Denn hinter all diesen Texten steht nicht die Frage „Wer bin ich und wie möchte ich sein?“, sondern „Wie möchte ich mich und meine Generation in der Öffentlichkeit sehen?“. So sind am Schluss die Eigenschaften und Charakteristika der Generation Y kaum noch welche, die ältere Medienmacher*innen ihr zuschreiben. Vielmehr suhlen sich die schreibenden und lesenden Menschen der Generation Y in den Zuschreibungen. Entwickeln sie weiter, um sich als Gemeinschaft („Wir“) zu sehen und sich mit den Leser*innen („Du“) verbunden zu fühlen. Um sich jedoch im gleichen Atemzug doch als Individuum („Ich“) dazustellten, dass doch irgendwie anders, irgendwie besonders ist – „Ich bin wir, ich bin du, ich bin ich“. Du fühlst dich ertappt? Wir alle! Vielleicht ist das tatsächlich die Eigenschaft, die die Generation Y von den vorherigen abgrenzt.

Roadtrip durch sauren Regen – Otrembas „Über uns der Schaum“

Hendrik Otremba, bekannt als Sänger der Band Messer, ist unter die Schriftsteller gegangen und debütiert mit einem Detektivroman, der keiner sein will.


„Das ist die Arbeit, das ist der Preis. So geht’s bei Detektiven“

Eigentlich ist alles da – alles, was eine Detektivgeschichte braucht: eine Vorgeschichte mit vielen Toten, ein Detektivbüro, ein Auftrag, ein reicher, narzisstischer Auftraggeber mit unstillbaren Gier nach Anerkennung und Macht, der weiß, dass er die Frau seiner Begierde nicht kaufen kann, und es doch will. Einer, der kein Mitleid hat – außer das für sich selbst. Der perfekte Antagonist. Und ein Detektiv wie aus dem Buche. Einer, der zu viel raucht, zu viel trinkt, kaum Freunde, keine Familie hat und sich nicht nur wegen seiner Drogensucht und Depression, sondern schon von Berufswegen als Außenseiter am Rande der Gesellschaft bewegt und bewegen muss. Um die Femme fatale zu retten, wird er selbst zum Täter. Ja, das klingt nach einer Detektivgeschichte im Noir-Stil. Aber „Über uns der Schaum“ ist mehr als das.

„Etwas in diesem Haus saugt meinen Körper ein“

In seinem Debütroman zeichnet Hendrik Otremba ein düsteres, brutales Szenario, in dem der Detektiv seinen Auftrag nicht beenden kann, ohne sich selbst zu verraten. Die Tatsachen, dass die Prostituierte Maude, die Joseph Weynberg für seinen Auftraggeber Lang ausspionieren soll, seiner verstorbenen Liebe Hedy nicht nur äußerlich gleicht, lässt ihn selbst zum Mörder werden. Und auch die Auswirkungen der welteigenen Droge Portobin machen dem Protagonisten zu schaffen. Selbst in völliger Nüchternheit findet er kaum einen Zugang zu sich selbst, seinem Innenleben, zu seinen Ängsten und Bedürfnissen fernab seiner Sucht. In aller Härte werden die Leser*innen in eine Erzählung geworfen, in der nicht nur Tote zu Wort kommen, sondern bald schon der selbstentfremdete Ich-Erzähler nicht mehr zwischen Außen- und Innensicht, zwischen Fremd- und Eigenwahrnehmung unterscheiden kann. Denn immer häufiger zwingen seine Träume und Trips Weynberg in die dunklen Abgründe seiner selbst. Hier verschmelzen Fragmente seiner Vergangenheit mit denen seiner Gegenwart und seiner erdachten Zukunft. Immer undeutlicher werden die Grenzen zwischen Realität und Traum.

„Wer kann die Welt heut’ nicht mehr sehen“

Doch was ist die Realität in „Über uns der Schaum“? Auf 280 Seiten erschafft Otremba eine bedrückende futuristische Welt, die den Leserinnen fremd ist und gleichzeitig erschreckend bekannt vorkommt. Er lässt eine Dystopie entstehen, in der Vergessenheit die Erinnerungskultur abgelöst hat, in der sauberes Wasser eine Sehnsucht bleibt und den Protagonisten in Träumen heimsucht. In der der Regen lebensgefährlich sauer ist. Und sich Weynberg und Maude statt mit nicht existierenden Smartphones mit einem Strahlenmessgerät auf die Flucht machen müssen. Ihr Ziel: Die Stadt Neu-Qingdao, die vielleicht ein besseres Leben verspricht. Doch als die Flüchtenden, getrieben von der Angst vor Lang und seinen Leuten, ihre namenlose Stadt irgendwo irgendwann verlassen, entfaltet sich die Unberechenbarkeit und Hoffnungslosigkeit der Welt in ihrer Gänze: Überall dort, wo einst Menschen gelebt haben, ist kein menschliches Leben mehr möglich. Verlassene Vororte, verseuchtes Wasser und eine verstrahlte Umwelt machen den Protagonistinnen ihren Roadtrip der anderen Art fast unmöglich. Als ihnen Langs Leute auf die Spur kommen, mischen sich Blut, Schweiß, Dreck und Nebel in die postapokalyptische Atmosphäre.

„Wenn man arm ist und die Worte sich aufeinander reimen“

Dass Otremba nicht nur Autor, sondern auch bildender Künstler und Musiker ist, ist nicht zu überlesen, zu übersehen und zu überhören. Die bildlichen Beschreibungen der Figuren erinnern nicht selten an seine Porträts, in denen er mit „Stift und Pinsel […] die Rippen hervorgeholt, ihnen mit Tusche und Wasserfarbe eine Textur gegeben“ hat und die Haut der Abgebildeten „ganz dreckig“ hinterlässt. Nicht nur Motive wie Angst, Dreck, Schmerz, Tod und Insekten und die prägnant rhythmische, kraftvolle und poetische Sprache lassen Parallelen zu Songs der Post-Punk-Band Messer entstehen. Auch die vom dichtenden Detektiv verfasste und fast jedem Kapitel vorangestellten Verszeilen finden sich in den Texten des Messer-Albums “Jalousie” wieder, die aus der Feder Otrembas stammen. So liest sich die stets wiederkehrende Beschreibung der scheinbar ausweglosen Situation Weynbergs und Maudes wie der Refrain des klangvollen Werkes. Er holt die Leser*innen aus surrealen Sphären und tiefschwarzen Träumen zurück in die Realität des tragischen Helden – wohin auch immer diese führen mag.

„Über uns der Schaum“ von Hendrik Otremba ist im Verbrecher Verlag erschienen.

Alle Zitate stammen aus dem Roman.

Titelbild: © Buchcover „Über uns der Schaum“ / Verbrecher Verlag

In Vergangenem gefangen – Balzanos „Das Leben wartet nicht“

Der deutsche Titel und Klappentext von „Das Leben wartet nicht“ versprechen eine Feel-Good-Geschichte. Das wird dem Roman des italienischen Autors Marco Balzano aber nicht gerecht.


Ninetto ist in Gedanken. Er ist gedankenverloren. Während die Erinnerungen an Vergangenes lebhaft – mal bunt, mal grau – vor seinem inneren Auge vorbeiziehen, bleiben vom Gegenwärtigen nur dumpfe, schleierhafte Umrisse. Was soll man auch tun, wenn man nicht nur in seinen Gedanken, sondern auch im Gefängnis, in dem jeder Tag gleich aussieht, gefangen ist? „Ninetto, was hast du getan?“ – Diese Frage beschäftigt die Leser٭innen des Roman „Das Leben wartet nicht“ von Marco Balzano von Beginn an. Aber sie müssen sich gedulden. Denn der Ich-Erzähler macht keine Anstalten, den Grund für seinen Gefängnisaufenthalt zu verraten. Stattdessen folgen ihm die Leser٭innen auf der Gedankenreise durch seine Vergangenheit:

Italienische Landflucht

Diese beginnt Ende der 1950er in einem kleinen italienischen Dorf, in dem der kleine Ninetto in Armut, aber mit guten Freunden und dem Unterricht des geliebten Lehrer Vincenzo, aufwächst. Mundraub und Kinderarbeit stehen hier an der Tagesordnung. Schon früh muss auch Ninetto auf die Schulbesuche verzichten und die Familie mit seiner Arbeit unterstützen. Sein Wunsch, Dichter zu werden, wird somit schneller zunichte gemacht, als er reifen kann. Da aber auch die Arbeit im Dorf nicht reicht, macht er sich mit neun Jahren und einem erwachsenen Bekannten auf den Weg nach Mailand. So wie viele Kinder in dieser Zeit aus den ländlichen Gegenden Süditaliens in die Großstädte flüchten, um dort Arbeit zu finden.

Furchtloser Junge mit Gewaltfantasien

Eine Geschichte über einen „furchtlose[n] Junge[n] mit der Sonne des Südens im Herzen“, der „nach Mailand kommt und unerschrocken sein Glück sucht“, verspricht der Buchrücken. Der Text klingt wie die Zusammenfassung einer leichten Sommerlektüre. Davon kann jedoch bei „Das Leben wartet nicht“ keinesfalls die Rede sein. Ja, furchtlos und unerschocken ist der Protagonist. Aber er ist nicht der stets fröhliche und optimistische Held, wie es der Klappentext glauben machen möchte: Ninetto kann sich keine Gedanken um das Glücklichsein machen. Seine tägliche Routine ist ein harter Kampf ums Überleben in den ärmsten Arbeitervierteln in und um Mailand herum. Und mag er anfangs vergnügt sein, treiben ihn doch auch Gewaltfantasien umher: Immer wieder erfühlt er das Klappmesser in seiner Tasche. Oder er malt sich aus, wie er dem Verlobten der schönen Angestellten in der Wäscherei, für die er als Fahrradbote arbeiten, die Gabel in den Handrücken rammt.

Die letzte Ankunft

Dass es nicht nur bei den Gewaltfantasien bleibt, ahnen die Leser٭innen. Die Frage nach dem Grund des Gefängnisaufenthalts soll die Spannung des Romans aufrecht erhalten. Doch die Auflösung lässt zu lange auf sich warten. Den Leser٭innen bleibt nichts anderes übrig, als mit den Gedanken des Protagonisten diesen Teil seiner Vergangenheit zu umschiffen und sich mit Andeutungen zufrieden zu geben. Aber auch wenn der Roman stellenweisen seine Längen hat, überzeugt er doch durch eine empathische und bildliche Sprache.

Mit „Das Leben wartet nicht“ gibt Balzano, 2015 mit dem Literaturpreis „Premio Campiello“ ausgezeichnet, einen melancholischen Einblick in die Geschichte der Kinderemigration in Italien Ende der 1950er, Anfang der 1960er und damit den damaligen Geflüchteten eine Stimme. Und so bleibt die Fragen: Warum hat man sich bei der deutschen Übersetzung für einen Titel entschieden, der bereits ein Ratgeberbuch benennt? Der Originaltitel ist doch so viel passender: „L’ultimo arrivato“.

„Ich schaffe es nicht mehr, meine Geschichte weiterzuerzählen. Ich bin blockiert“, sagt Ninetto und dann erzählt er sie doch – bis zur letzten Ankunft.

Titelbild: © Marco Balzano

„Rosarot, wie ein Marzipanschweinchen, aber intensiver“ – Suters Elefant

Treffen sich ein Obdachloser, ein Elefantenflüsterer, ein Zirkusdirektor, ein Genforscher und ein rosaroter Mini-Elefant – willkommen in Martin Suters neuem Roman „Elefant“.


Martin Suter muss niemandem etwas beweisen. Seine Romane funktionieren ohne große mit Metaphern überladene Satzgefüge, wie wir sie etwa von Juli Zeh kennen. Sein Schreibstil ist schlicht. Seine Sätze sind kurz. Dafür wurde der ehemalige Werbetexter am Anfang seiner Karriere belächelt. Aber beweist es nicht Können? Denn bei Martin Suter sitzt jedes Wort. Jeder kleine Satz hat Bedeutung, eine Funktion. Mit dieser schlichten, fast sachlichen Sprache baut der Schweizer Autor Welten, die uns erst bekannt vorkommen und dann doch nicht: Plötzlich finden sich die Leser٭innen in der Business Class wieder, in einer Molekularküche oder jüngst in einem Labor eines skrupellosen Genforschers und der Wohnhöhle eines Obdachlosen. Schon lange belächelt niemand mehr den Bestsellerautor. Denn sein Erfolg gibt ihm recht.

Ein Perfektionist bei der Arbeit

Martin Suter arbeitet weniger wie ein Schriftsteller und mehr wie ein Journalist. Seine Geschichten sind präzise, ja, perfekt recherchiert. So hat der Obdachlose Schoch, den die Leser٭innen auf der ersten Seite des Romans „Elefant“ kennenlernen, wahrscheinlich mehr mit der Realität gemein als mit einer Romanfigur. Und wenn Schoch glaubt, dass dieser rosarote in der Dunkelheit leuchtende Mini-Elefant, der eines Nachts in seiner Schlafhöhle steht, seinem Alkoholkonsum geschuldet ist, wissen es Suter-Kenner٭innen besser: Es gibt für Außergewöhnliches in Suter-Welten immer eine Erklärung, eine bis ins kleinste Detail durchdachte Theorie. So ist es dann auch: Während Schoch seiner morgendlichen Routine auf den Straßen Zürichs nachkommt und die sonderbare nächtliche Begegnung längst vergessen hat, befinden sich die Leser٭innen bereits im Labor des Genforschers Roux. Dieser doktert mit Skalpell und Pinzette in den Eingeweiden einer auf dem Rücken liegenden und mit Gummibändern fixierten Ratte namens Miss Playmate herum. Ziel seiner Arbeit: der Nobelpreis. Am liebsten für einen rosaroten leuchtenden Elefanten – lebend, aber wenn es nicht anders geht auch tot.

Die Faszination des Durchdachten

Zu diesem Zeitpunkt weiß der Forscher noch nicht, dass ihm das Unvorstellbare gelingen wird. Die Leser٭innen sind ihm voraus. Oder doch nicht? Sie wissen ja nur, dass es einen rosaroten Elefanten geben wird. Aber nicht, wie es dazu kommt. Denn Suter wechselt nicht nur ständig zwischen den Handlungssträngen und Perspektiven der Figuren, wie dem Zirkusdirektor Pellegrini, der Tierärztin Valerie, dem Veterinär Reber und dem burmesischen Elefantenflüsterer Kaung, die er nach und nach in die Geschichte flicht. Er springt auch in der Zeit. Die Daten vor einem jeden Kapitel zeigen den Leser٭innen an, an welchem Zeitpunkt des Geschehens sie sich befinden. Und wenn sie sich anfangs fragen, warum eine bestimmte Passage erzählt wird, wird an späterer Stelle ihre Wichtigkeit für den Plot umso deutlicher. Denn, wie wir wissen, jeder Satz hat eine Funktion. Martin Suter erlaubt sich keine Fehler. Seinen Romanen geht ein ausführliches Konzept voraus: „Ich schreibe keinen ersten Satz ohne den letzten“ (Zeit-Interview). Dieses ist auch in „Elefant“ zu erkennen – und irgendwie doch nicht. Egal, wie sehr man sich beim Lesen auf das Analysieren der Sprache und Erzählweise konzentriert, früher oder später verfällt man dem Erzählten.

Spannung eines Sympathen

Nicht nur wegen des hohen Erzähltempos rast man durch den Plot. Je mehr sich die Handlung verdichtet, desto schneller liest man. Es gibt nämlich noch etwas, was Suter ziemlich gut kann: Spannung erzeugen. Dafür hat er einen Trick. Der ist zwar altbekannt, doch Suter treibt ihn auf die Spitze. Ebendann wenn sich die Leser٭innen an einen Handlungsstrang klammern, weil sie z. B. wissen wollen, wie eine Verfolgungsjagd ausgeht, wechselt er die Perspektive oder springt in der Zeit. Die Leser٭innen werden hingehalten. Diese Spannung ist unerträglich. Und führt dazu, dass der Roman innerhalb kurzer Zeit durchgelesen ist.

Es lässt sich noch viel zum Roman sagen, z. B. dass Suter verschiedene Sichten auf das Ungewöhnliche – hier der rosarote Mini-Elefant – zulässt: Glaube, in Form des Elefantenflüsterers Kaung, versus Wissenschaft, in Person des Genforschers Roux. Und dass er es sich nicht nehmen lässt, Gesellschaftskritik mit dem Aufgreifen aktueller Themen zu üben. Denn am Ende des Romans wissen die Leser٭innen nicht nur, was ein „mikrozephaler osteodysplastischer primordialer Zwergwuchs vom Typ II“ ist oder wie ein Elefant künstlich befruchtet wird, sondern auch dass das rosarote Elefäntchen kein Hirngespinst Suters ist. In seiner Danksagung erklärt der Autor, ein Hirnforscher habe ihm erklärt, dass es gentechnisch möglich sei, ein solches Tier zu erzeugen. Der Roman „Elefant“ ist die Arbeit eines Perfektionisten – eines sympathischen Perfektionisten. Denn schon allein für die Danksagungen, die Suter an jeden Roman anhängt, muss man ihn lieben.

Titelbild: © postmondän auf Instagram/Buchcover © Diogenes Verlag

Isolation Berlin – Großes Theater

Wenn Isolation Berlin auf die Bühne treten, sind sie und ihr Publikum gemeinsam einsam. Sie feiern Trostlosigkeit, Kälte und sich selbst. So auch am 17. Dezember 2016 im Columbia Theater Berlin.


Keine Frage, die Medien lieben sie. Weil sie keinem Trend folgen und doch den Zeitgeist treffen. Weil sie so traurig, schwermütig und tiefsinnig sind. Und weil sie das liefern, nach dem sich scheinbar alle gesehnt haben. Isolation Berlin haben in diesem Jahr viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Von einigen werden sie als die deutsche Indie-Rock-Entdeckung 2016 gehandelt. Neben Bands wie Drangsal, Annenmaykantereit, Von wegen Lisbeth und Milliarden waren sie für den Preis für Popkultur in der Kategorie „Hoffnungsvolle Newcomer“ nominiert. Den Preis gab es nicht, aber weiterhin gute Presse. Rezensionen und Bandporträts lesen sich fast wie ihre Songtexte selber. Kritiker٭innen verlieren sich in bedeutungsschwangeren Formulierungen wie „trügerische Euphorie“, „eisige Abgründe“ oder „eine blutrote U-Bahnfahrt von leichtem Walzer bis zur Endstation im Lärm“ (s. Spiegel online und Intro), wenn sie ihren Sound beschreiben. Als hätten die Schreiber٭innen Angst, den vier Musikern und ihrer Botschaft nicht gerecht zu werden. Auch der Vergleich mit Bands wie Ton, Steine, Scherben oder Tocotronic verringert nicht den Druck, etwas ganz Großes in den vier Mittzwanzigern zu sehen.

Dann stehen sie am 17. Dezember 2016 – als Abschluss eines erfolgreichen Jahres – auf der Bühne des ausverkauften Columbia Theaters in Berlin. Kein großes Hallo, kein euphorisches „Guten Abend, Berlin!“ Eher unaufgeregt, ja fast nüchtern abgeklärt singt Tobias Bamborschke, als hätte er nie etwas anderes getan: „Ich bin ein Produkt. Ich will, dass ihr mich schluckt. Dass ihr mich konsumiert. Euch in mich verliert“. Dabei hebt er bühnensicher die Arme in die Höhe und deutet dann ins Publikum. „Ich will, dass ihr mich liebt. Und auch die ganze Welt. Ich lebe für Applaus. Bis der Vorhang fällt.“ Eine unmissverständliche Ansage an das Publikum. Und ein geschickter Zug des ehemaligen Schauspielstudenten: Wie entzieht man sich zu Beginn eines Konzerts jeglicher Kritik? Man geht in strenger Selbstreflexion mit sich selbst ins Gericht und schreit das Urteil heraus.

Quelle: YouTube, © berlinconcert

Ja, er ist das Produkt. Genauer gesagt ist er das Zentrum eines guten Produkts. Während er mit gewaltiger Bühnenpräsenz alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, werden seine drei Mitspieler zu Statisten. Die Band interagiert nicht. Alle wirken konzentriert, versunken in ihrem Sound. Auf der Bühne ist kaum Bewegung. Und Tobias Bamborschke? Er weiß, was er da tut. Und wenn er singt, dass es schwerfalle aufzustehen, wenn man nicht wisse wieso, glaubt man ihm. Schließlich unterstreicht er die Schwere durch seine kraftlose und monotone Artikulation. Aber die Gefühle, die Melancholie, Traurigkeit und Trostlosigkeit, die er in all den Rock-Chansons beschreibt, gingen dem Konzert voraus. Auf der Bühne spielt er seine Rolle. Die Gesten sind einstudiert, etwa wenn er singt: „Siehst du da die dicke Frau?“ und in die Leere zeigt, als stünde sie dort. Er tut es nicht zum ersten Mal. Nur einmal, glaubt man, ein nicht geplantes Lächeln in seinem Gesicht zu erkennen: Nachdem ihm die Menge laut und textsicher „Der Schlachtensee ist lang. Und auch ohne dich ganz schön“ entgegensingt.

Isolation Berlin live im Columbia Theater Tobias Bamborschke live mit Isolation Berlin

Es ist nicht zu überhören: Isolation Berlin hat eine Fangemeinde. Sie kann jedes Wort mitsingen – ihres Debütalbums „Und aus den Wolken tropft die Zeit“ und sämtlicher EPs. Diese Fanschar umfasst nicht etwa nur Student٭innen Mitte zwanzig – auch wenn sie die Mehrheit bilden. Bis 50 Jahre ist alles dabei. Und sie feiern ihre Band, die nur wenig mit ihnen in Aktion tritt. Sehr kurze Ansagen kündigen ihnen an, was sie ohnehin nach den ersten Tönen erraten würden: den Titel des nächsten Liedes. Danach gibt es Jubelschreie und Applaus, wie zu Beginn gefordert. Den letzten Song widmet der Sänger dem wichtigsten Menschen in seinem Leben: sich selbst. Das sorgt für den ersten Lacher des Abends im Publikum. Die letzten Zugaben performt Isolation Berlin mit ihrer geliebten Vorband Der Ringer und dann fällt der Vorhang.

Ja, Isolation Berlin beherrschen ihr Handwerk. Sie wissen, wie sie einen grauen, dumpfen Schleier über ihre Zuhörer٭innen legen und es mitziehen – in besungene Abgründe, in Weltschmerz und Selbstmitleid. Aber das Konzept ist durchdacht, die Abgründe sind geplant. Trotzdem oder gerade deswegen scheinen sich viele in ihnen und ihren Songtexten wiederzufinden – die manchmal naiv mit vorhersagbaren Reimen gerade herauserzählt und manchmal mit Methaphern und Pathos überladen werden. Vielleicht ist es das, was den Kritiker٭innen so imponiert und sie zu ebenso bildlichen Umschreibung ihrer Musik verführt: die naive und gleichzeitig ausgewachsene Melancholie. Trotzdem sollte sich doch eine٭r dazu hinreißen lassen, Isolation Berlin einen Wikipedia-Artikel zu schreiben. Was ist denn das für ein Produkt ohne Wikipedia-Eintrag?

Isolation Berlin im Columbia Theater

Bilder: © Anna Stuhrmann und Katharina van Dülmen

Glitzerwelten: Ist Barbie jetzt (über-)lebensfähig?

Barbie ist der Inbegriff gefährlicher Schönheitsideale, stereotypischer Geschlechterrollen und des Kapitalismus’. Ein Imagewandel soll sie retten. Wird ihr der Ausbruch aus der pinken Glitzerwelt gelingen?

ein Kommentar


„Hallo, ich bin Bibigirl, die perfekte Puppe. Ich gehöre dir, alle werden dich um mich beneiden. Ich will mehr Sachen!“

Michael Endes Buch Momo führt die Absurdität der „vollkommenen Puppe“ in ihrer Traurigkeit vor Augen. Eine Puppe, die nichts kann, außer „schön“ auszusehen. Eine Puppe, mit der sich ein Kind nur länger beschäftigen kann, wenn es Accessoires und Kleider anhäuft. Trotzdem wird das Spiel irgendwann eintönig. Aber zum Glück gibt es ja noch die Freundinnen der perfekten Puppe und den festen Freund. Und die brauchen auch Kleider und viele, viele Accessoires. Und dann? Was ist, wenn das alles langweilig wird? Dann müssen neue Ideen her.

Im Mattel-Hirn rattert es

Das dachte sich auch der Barbie-Hersteller Mattel, nachdem er 2014 schockiert feststellte, dass ihn die Dänen von Lego, die noch 2000 kurz vor dem Ruin standen, vom Thron stießen und sich als Spielwaren-Weltführer feiern ließen. Kann es sein, dass Mädchen nun lieber eine Welt aus bunten Klötzchen für eckige Männchen mit gelben Gesichtern und Plastikfrisuren bauen? Obwohl sie mit prächtigen Kleidern und einem vollkommenen Körper in einer pinkfarbenen Villa herumhängen könnten? Im Mattel-Hirn rattert es: Wie kann Barbie gerettet werden? Was kann sie erleben? Die Tierliebe Barbies ist ausgeschöpft. Ebenso ihre Liebe zum Sport und ihre Beziehung zu Ken. Eine Liaison hatte sie schon. Wie hieß der australische Surferboy noch gleich? Achja, Blaine. Freundinnen hat sie genug. Da blickt ja keiner mehr durch. Was macht eine Frau wie Barbie, wenn sie nicht mit hochhackigen Schuhen vor dem Kleiderschrank steht, im Pool liegt, mit ihrem Cabrio herumfährt oder Sport treibt? Sie arbeitet!

Frauen wie Barbie können arbeiten

So richtig neu ist die Idee nicht. Man kann der Puppe mit den langen Beinen, der extrem schmalen Taille und den großen Brüsten einiges vorwerfen: Job-Hopping zum Beispiel oder das Tragen ungeeigneter Berufsbekleidung. Aber Berufe ausgeübt hat sie viele – genauer genommen mehr als 150, und das ohne äußerliche Erschöpfungserscheinungen. So war sie als Astronautin im All, hat als Feuerwehrfrau Brände gelöscht und schon 1973 als Chirurgin gearbeitet – wohlgemerkt in viel zu kurzem Rock und zu hohen Schuhen. Tatsächlich war Barbie nach Angaben der Erfinderin Ruth Handler, die am 4. November 100 Jahre alt geworden wäre, ursprünglich feministisch gemeint: Als Handler 1959 die erste Puppe mit Brüsten auf den Markt brachte, hatte sie Mädchen zeigen wollen, dass sie nicht Mutter sein müssen, sondern als unabhängige Frau alles werden können, was sie wollen. Heute muss man in einem riesigen Berg aus rosaroten Tüllkleidern, glitzernden Accessoires und neonfarbenen Pumps sehr tief graben, um diese Botschaft zu finden. Deswegen hat sich Mattel das Motto nun groß auf die Fahnen geschrieben und Ende 2015 eine Du-kann-alles-sein- bzw. You-can-be-anything-Kampagne gestartet:

Quelle: YouTube

Auch möchte das Unternehmen Barbie-spielenden Mädchen zeigen, dass Frauen in Berufen erfolgreich sein können, die hauptsächlich von Männern ausgeführt werden. Die neue Karriere-Barbie, herausgebracht im Juni 2016, macht es vor. So heißt es in der Pressemitteilung:

„Die Spieleentwicklerin Barbie [sic!] ist die neueste Kreation aus der Karrierereihe. Ihre Botschaft ist eine Welt voller Möglichkeiten für Mädchen zu zeigen. […] Dies […] soll die Mädchen ermutigen, sich auch mit anderen Berufsfeldern zu beschäftigen. Barbie setzt mit diesem neuen Beruf ein Zeichen für die Wahl von MINT-Fächern und bringt mit der Spielentwicklerinnen-Barbie jungen technikbegeisterten Mädchen die Welt der Spieleentwicklung ein Stück näher.“

Und als Spielentwicklerin muss man nicht nerdig aussehen. Nein, man kann verdammt sexy sein. Damit aber nicht genug. Barbie-Hersteller Mattel setzt noch einen drauf.

Wir sind gar nicht alle blond!

Wenn sich Mädchen mit eckigen Männchen mit gelbem Gesicht und Plastikfrisur beschäftigen, dann spielen sie auch mit Puppen mit Kurven und verschiedenen Haut- und Haarfarben. Das dachte sich wohl das Unternehmen, als es die neue Barbie-Kollektion auf den Markt brachte: Nach ein paar Puppen mit verschiedenen Hauttönen und normalen, flachen Füßen, die 2015 das Licht der Welt erblickten, folgten in diesem Jahr Barbie-Puppen mit breiterer Hüfte, mit kleinem und großem Körper, mit asiatischen Gesichtszügen, mit blauen und roten Haaren, mit Untercut usw. Denn wer es zuvor nicht wusste, nun wird es allen klar: Die Welt wird nicht nur von blonden großen Frauen mit sehr langen Beinen und blauen Augen, schmaler Hüfte und großen Brüsten bevölkert. Nein, im Jahr 2016 möchte Mattel die Diversität der Gesellschaft aufzeigen – Identifikationspotenzial gibt es inklusive:

Quelle: YouTube

Wer auch immer bei Mattel auf die Idee kam, ihm٭ihr wurde wahrscheinlich stolz auf die Schulter geklopft. Denn mit diesem Imagewandel sollten sie doch zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Mädchen bekommen neue Möglichkeiten, mit Barbie zu spielen, und die Feminist٭innen, Genderforscher٭innen sowie Barbie-kritische Eltern werden ruhiggestellt.

Ende gut, alles gut?

Wer möchte nun noch behaupten, Barbie vermittle kleinen Mädchen ein unrealistisches Frauenbild oder ein gefährliches Schönheitsideal? Schließlich müssen sie nicht aussehen wie Barbie, sondern Barbie sieht nun aus wie sie. Vielleicht wäre Barbie ja jetzt, da ihre Taille nicht mehr ganz so schmal ist, im echten Leben sogar überlebensfähig. Ja, vielleicht sind ihre Knöchel jetzt so stabil, dass sie sich nicht mehr krabbelnd fortbewegen müsste.

Wer möchte Mattel vorwerfen, dass Frauen in der Barbie-Welt nur auf Klamotten und Schminke reduziert werden? Schließlich können sie jeden Beruf ergreifen – fernab von Model- oder Popstar-Jobs. Sogar sexy Unternehmerin und attraktive Spieleentwicklerin können sie werden. Auch die Kritik, Barbie und ihre rosa Glitzerwelt fördere stereotypische Geschlechterrollen, greift jetzt nicht mehr. Oder doch? Leider doch!

Die Wahl in der begrenzten Welt

„Barbie hat Mädchen seit jeher Wahlmöglichkeiten gegeben – angefangen bei ihren mehr als 150 Karrieren und inspirierenden Rollen bis hin zu ihren unzähligen Kleidungsstilen und Accessoires“, so Mattel in einer Pressemitteilung. Ja, Mädchen haben die Wahl: Sie können zwischen einem Outfit bestehend aus einem rosa Top mit dem Glitzer-Sternen und blauer Jeans oder dem Prinzessinnen-Kleid wählen. Sie können ihrer Barbie auch eine Brille aufsetzen und ihr ein Smartphone in die Hand geben oder sie gar zur Ärztin kleiden. Ja, Mädchen haben die Wahl – in einer begrenzten Glitzerwelt. Einer Welt, die, wie Mattel es selber nennt, Rollen vorgibt und ungebrochen vorführt, wie diese Rollen auszusehen haben. Und mit „aussehen“ ist hier tatsächlich das äußere Erscheinungsbild gemeint. Denn was macht man mit einer Spielentwicklerinnen-Barbie, die ein Plastik-Tablet und Plastik-Kopfhörer in der Hand hält, eine Brille trägt und nur begrenzt beweglich ist? Was macht man mit einer Barbie, mit der man nichts machen kann, außer sie umzuziehen? Man zieht sie um. Man wechselt ihre Outfits – immer und immer wieder.

Du kannst alles sein – mit dem richtigen Outfit

Das, was Mattel mit der Du-kannst-alles-sein-Kampagne vermittelt, ist vielleicht gefährlicher, als das, was Barbie bisher ausgesagt hat. Barbie war nicht realistisch. Die Frauen und Mädchen, denen man auf der Straße begegnet, sehen zum Glück nicht aus wie Barbie. Deshalb leben die Frauen und Mädchen auf der Straße in der Realität und sie in ihrer pinken Glitzerwelt. Nimmt Barbie nun aber mehr und mehr das Aussehen der Mädchen an, die sich mit ihr identifizieren sollen, und bleibt gleichzeitig ihrer Glitzerwelt – so sieht es zurzeit aus – treu, verschwimmen die Grenzen. Und plötzlich vermittelt die Du-kannst-alles-sein-Kampagne etwas ganz anderes, nämlich: Du kannst alles sein, wenn du sexy, immer top gestylt bist und bitte keine äußeren Erschöpfungserscheinungen aufweist. Mädchen lernen von klein auf, dass es um das äußere Erscheinungsbild geht, um Kleidung, Accessoires und Trends. Ja, ihr könnt alles werden, aber bitte orientiert euch an unseren Rollenbildern und achtet als Frauen immer auf eurer perfektes Aussehen, denn das ist das, was euch zum Ziel bringt – das ist eure Waffe.

Achso, da gerade das Thema stereotypischer Geschlechterrollen aufgemacht wurde: Es geht die ganze Zeit um Mädchen. Was ist eigentlich mit Jungen? Jungen? War in einem Barbie-Werbespot jemals ein Junge zu sehen? Nein, natürlich nicht, denn Jungen spielen nicht mit Barbies. Pink ist schließlich eine Mädchenfarbe – jedenfalls in der Mattel-Welt.

Man sieht, durch die neue Barbie-Kampagne hat sich nicht viel geändert. Nein, es ist vielleicht sogar noch schlimmer geworden. Würde man Michael Endes Momo fragen, was dieser vollkommenen Puppe denn jetzt noch fehle, würde sie antworten: „Ich glaub, man kann sie nicht lieb haben.“

Quelle: YouTube

Titelbild: © Lenn Colmer

Was vom Hipster übrig blieb

Hipster-Bashing ist eine Jagd auf Phantome: Der zeitgenössische Hipster ist ein Mythos. Und der ursprüngliche Hipster wurde verehrt. Eine Begriffsgeschichte.


Spätestens seit Kraftklubs “Ich will nicht nach Berlin” kann jede٭r die Merkmale des Prototypen “Hipster” im Schlaf herunterbeten. Das ist doch dieser Typ mit Bart in engen Jeans, der auf seinem Fixie die Hand schützend über seine Spiegelreflex gelegt Richtung Friedrichshain radelt! Jetzt mögen die einen schreien: “Der Hipster ist schon lange tot!” oder “Den EINEN Hipster gibt es nicht, alle sind individuell!”. Die anderen lassen schnell ihre Retro-Brille verschwinden. Denn die Bezeichnung “Hipster” wird als Beleidigung verstanden. Zu oft wurde das Phänomen medial diskutiert und wissenschaftlich analysiert: Es galt schließlich die Modeerscheinungen, Lebensentwürfe, politischen Meinungen sowie Musik- und Literaturgeschmäcker auf einen Nenner zu bringen, um die Begriffe “Hipster” und “Hipstertum” zu rechtfertigen, zu definieren, ja, greifbar zu machen. So häufen sich Begriffserklärungen wie die vom Soziologen Philipp Ikrath:

“Mit diesem Lebensstil verbindet man urbane junge Erwachsene aus der Mittelschicht, überwiegend hoch gebildet, (populär-)kulturell interessiert und in der Medien- oder Kreativwirtschaft beschäftigt.”

Philipp Ikrath in “Hipster – Der Versuch ein Begriffsbestimmung”

Andere Wissenschaftler٭innen meinen, dass man “[a]m Ende […] meist bei intensionalen phänomenologischen Definitionen [landet], die Accessoires auflisten, an denen man Hipster erkennt” [Mark Greif in “Hipster. Eine transatlantische Diskussion”]. Trotz der Schwierigkeit, eine allgemeingültige Definition zu finden, trotz der Verachtung, der Totsagung und der vehementen Abwehr, selbst einer zu sein, geht vom Hipster eine Anziehungskraft aus. Er – wer auch immer er sein mag – muss medial herhalten: Als Erklärung für eine neue Modeerscheinung, als jemand, der “places to be” erschafft, als Hassobjekt und als ironisch überzeichnete Figur, über die jede٭r lachen kann. Und warum? Weil ein٭e jede٭r ein Bild, eine Vorstellung, eine Bedeutung von ihm hat. Der Hipster ist ein Mythos – ein Mythos des Alltags.

Quelle: YouTube

Mythen im Alltag

Dieser Mythos ist nicht einzureihen in die Mythen des Alltags à la “Pilze darf man kein zweites Mal aufwärmen”. Nach dem französischen Philosophen und Semiotiker Roland Barthes von 1964 ist der Mythos des Alltags eine kollektive und unbewusste Bedeutung, die sich “von einem semiotischen Prozess abgeleitet” [Roland Barthes in “Mythen des Alltags”]. Ein Mythos ist nie natürlich, sondern erzeugt – in unterschiedlicher Form und über verschiedene Medien vermittelt. Dabei entleert der Mythos bzw. die mythologische Aussage eine ursprüngliche Aussage. Wie alltäglich die Mythen nach Barthes sind, wird an einem Beispiel deutlich: Einst wurde “Weihnachten” (1. Bedeutendes) als Bezeichnung für das Ereignis der Geburt Jesu Christi (2. Bedeutetes) verstanden.

Beides war unzertrennlichen miteinander verbunden (3. Zeichen) – ein sprachliches, ein linguistisches System. Dieses ursprüngliche Verständnis ist in den Hintergrund gerückt. Der Mythos hat die Bedeutung von Weihnachten entleert. Die Bezeichnung “Weihnachten” (I Bedeutendes) ist nun unzertrennlich verbunden mit familiärem Zusammenkommen, Geschenken, Glühwein, geschmückten Bäumen, festlichem Essen (II Bedeutetes) usw. – vermittelt durch Medien. Ein neues Verständnis von Weihnachten (III Zeichen) ist entstanden, der Mythos des Alltags nach Roland Barthes. Genauso verhält es sich mit dem kollektiven Verständnis vom Hipster. Dem historisch aufgeladenen Begriff wurde seine ursprünglichen Bedeutung gestohlen und eine andere zurückgegeben.

Jenseits von Schwarz und Weiß

“Das Wort ‘Hipster’ kommt aus den Tiefen der amerikanischen Geschichte und bezeichnete einst eine frühere, tatsächlich relevante Subkultur”, so der Amerikanist Mark Greif [in “Hipster. Eine transatlantische Diskussion”]. So tauchte das Wort im New York der vierziger Jahre das erste Mal in der Musikszene auf:

“Als Schöpfer des Begriffs ‘Hipster’ wird häufig der Sänger und Boogie Pianist Harry “The Hipster” Gibson genannt, der seinem 1944 erschienen Album Boogie Woogie In Blue, das einen Song mit dem Titel ‘The Hipster’s Blues’ enthält, das kleine Glossar ‘For Charactes Who Don’t Dig Jive Talk’ beilegte.”

Jens-Christian Raabe in “Gegenwärtigkeit als Phantasma – Über den Hass auf den Hipster”

Quelle: YouTube

Ob sich “Hipster” vom Adjektiv “hip” ableitet, das in der afroamerikanischen Jazzszene der Zwanziger entstand, vermag keiner zu beantworten. Ganz abwegig ist es aber nicht: Wurde doch mit „hip“ oder seinem Vorgänger “hep” eine jazzverbundene Lebenseinstellung jenseits von einer “squaren” (spießigen) beschrieben. Und die kleine avantgardistische Gruppe vorwiegend schwarzer Musiker٭innen (z. B. Thelonious Monk, Miles Davis, Charlie Parker), angesiedelt um den Freejazz und Bepop, ab den Vierzigen in den USA waren erst hep und dann hip. Denn: “Hipness is not a state of mind, it’s a fact of life”, so der Musiker Cannonball Adderley. Sie waren so hip, dass bald immer mehr dieser Lebensweise nachkommen und die Rassentrennung überwinden wollten. Mark Greif schreibt:

“In den Fünfzigern bezeichnete man mit dem Begriff Hipster dann einen weißen Angehörigen einer Subkultur oder der Boheme, der von dem Wunsch der angelsächsischen Avantgard getrieben war, sich von dem Weißen an und in sich zu lösen und das coole Wissen und die exotische Energie, die Lust und die Gewalt der Afroamerikaner zu erlangen”

Mark Greif in “Hipster. Eine transatlantische Diskussion”

Die vorwiegend weißen, politisch ambitionierten, jungen US-Amerikaner٭innen (z. B. Literat٭innen wir Jack Kerouac, Allen Ginsberg) bezeichneten sich selbst als „Hipster“ oder auch “Beatniks”. Im Jahr 1956 veröffentlichte dann der Schriftsteller Norman Mailer seinen sehr umstrittenen Essay “The White Negro: Superficial Reflections on the Hipster” und machte den Szene-Begriff “Hipster” einem breiten Publikum zugänglich.

Als alle Hipster sein wollten, aber Hippies wurden

Die Bewunderung und Verehrung der Hipster blieb nicht aus. Und schon bald wollten viele junge Amerikaner٭innen ein Teil der in sich geschlossenen Subkultur sein. Aber sie wurden keine Hipster, sondern “Hippies”:

“[D]as Wort ‘Hippie’ war ursprünglich ja mal als Beleidigung gedacht. ‘Kleine Hipster’ nannten die Hipster und Beatniks der fünfziger und frühen sechziger Jahre jene Kids, die nur tanzen und kiffen wollten, dabei jedoch keine Ahnung hatte von Jazz, Politik oder Literatur.”

Mark Greif in “Hipster. Eine transatlantische Diskussion”

Auch “Hippie” war also genau wie “Hipster” heute negativ konnotiert. Erst in den Sechzigern wurde der Begriff “Hippie” dann von den Massenmedien verbreitet und mit einem Lifestyle in Verbindung gebracht. Dankbar sich einen Szenenamen geben zu können, nannten sich bald junge Menschen selbst “Hippies”. Der Hippie ist ein Mythos des Alltags. Denn wer denkt bei dem Wort „Hippie“ nicht direkt an Woodstock, Flowerpower, Drogen und tanzende Menschen mit runden Sonnenbrillen und bunten Bändern im zotteligen, langen Haar? Seiner ursprünglichen Aussage beraubt, wurde “Hippie” eine neue kollektive Bedeutung zurückgegeben. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die kleine, ursprüngliche Hipster-Szene schon aufgelöst.

Der hippe, unpolitische Konsument ohne Musikgeschmack

Aber der Hipster kehrte 1999 in die USA zurück – jedenfalls das Wort “Hipster”. Zu finden waren sogenannte Hipster in “Lower East Side” oder “Williamsburg”. Sie verehrten die weißen Angehörigen der Unterschicht sowie Provinzmenschen und ahmten sie nach, indem sie z. B. Trucker-Klamotten trugen.

„Der zeitgenössische Hipster scheint also aus einer verworfenen Ahnenreihe von Jugendbewegungen hervorgegangen zu sein, die alle versucht hatten, ihre Unabhängigkeit von der Massenkultur zu wahren, eine Alternative zu dieser zu bilden, bevor sie dann doch integriert, gedemütigt und zerstört wurden.“

Mark Greif in “Hipster. Eine transatlantische Diskussion”

Mit den untergegangenen Jugendbewegungen sind hier u. a. der Punk und Postpunk gemeint. Was hörten dieser als unpolitisch bezeichneten Hipster für Musik? Was lasen sie für Bücher? Was sahen sie für Filme? Hier mag sich kein٭e Wissenschaftler٭in wirklich festlegen zu wollen. Sicher ist, dass dieser Hipster alles liebte, was fernab vom Mainstream lag. Und wie stand es mit der Bezeichnung “Hipster”? Auch in den USA um 1999 wie später in Deutschland haben sich junge Menschen nie als “Hipster” bezeichnet – somit gab es nie eine Szene mit dem Namen „Hipster“. Der Name wurde einer Menschengruppe, die sie nicht als Gruppe verstanden, angehängt:

“‘Hipster’ ist ein anderer Name für eine Figur, die man auch schlicht als ,hippen Konsumenten’ oder […] als ,rebellischen Verbraucher’ bezeichnen könnte. Der Hipster selbst erschafft keine echte Kunst. […] „Der Hipster ist eine Person, die Konsumentenentscheidungen – das richtige T-Shirt, die richtige Jeans, das richtige Essen – als Kunstform versteht.”

Mark Greif in “Hipster. Eine transatlantische Diskussion”

Auf der unendlichen Suche nach dem Hipster

Warum die Bezeichnung “Hipster” im 21. Jahrhundert in den USA und später auch in Deutschland wieder aufgegriffen wurde, ist ungeklärt. Einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der damaligen kleinen Hipster-Szene und den Menschen, die mit Spiegelreflexkameras und Nerdbrillen durch Friedrichshain laufen und als Hipster beschimpft werden, gibt es nicht. Der Mythos des Alltags nach Roland Barthes ist perfekt: Der einst innerhalb einer Szene entstandene Begriff wurde seiner ursprünglichen Bedeutung beraubt. Kaum jemand denkt heute bei dem Wort “Hipster” an die Subkultur der Vierziger und Fünfziger in den USA. “Hipster” ist zu einem inflationär und unreflektiert verwendeten, von den Medien verbreiteten Sammelbegriff geworden.

Fast scheint es, als habe man nach Einführung des Wortes festgestellt, dass der Begriff dahinter nicht scharf definiert ist. Denn keiner behauptet stolz, ein Hipster zu sein. Und von einer richtigen Szene kann beim Hipstertum auch nicht die Rede sein. Schließlich wollen die vermeintlichen Mitglieder überhaupt keine Mitglieder sein. Damit begann die Suche nach dem gemeinsamen Nenner. Medien und Wissenschaft häuften Definitionen an. Und der Markt reagiert vermehrt: Kleidung, Retro-Möbel, Kameras, handgemachte Seife, Zahnpasta usw. Aber auch hier stellt sich die Frage: Was war zuerst da – das Huhn oder das Ei? Alles, was wir heute mit dem Wort “Hipster” verbinden, ist somit nicht natürlich entstanden. Es ist erzeugt, künstlich definiert. Der Hipster selbst ist ein Phantom. Ein Mythos des Alltags eben.

Nachtrag zur Titelfrage

Wie für alle Fragen, die die Menschheit beschäftigt, hat auch Google eine Antwort auf die Frage, was vom Hipster übrig blieb. Nämlich eine kleine Notiz des Google-Übersetzers:

Hipster Bedeutung Definition Google

Quellen:

“Hipster – Der Versuch einer Begriffsbestimmung. Eine subjektive Annäherung” von Philipp Ikrath, auf: Österreichisches Institut für Familienforschung der Universität Wien 2013.

Vorwort zu “Hipster. Eine transatlantische Diskussion”, Mark Greif/n+1-Research (Hrsg.), Suhrkamp Verlag, Berlin 2012.

“Mythen des Alltags” von Roland Barthes, edition suhrkamp SV, Frankfurt am Main 1964.

Vorwort zur amerikanischen Ausgabe, von Mark Greif in “Hipster. Eine transatlantische Diskussion”, Mark Greif/n+1-Research (Hrsg.), Suhrkamp Verlag, Berlin 2012.

“Gegenwärtigkeit als Phantasma – Über den Hass auf den Hipster” von Jens-Christian Raabe, in “Hipster. Eine transatlantische Diskussion”, Mark Greif/n+1-Research (Hrsg.), Suhrkamp Verlag, Berlin 2012.

Titelbild: © Wikimedia Commons (bit.ly/29H49EO)

NSU-Verfilmung: Beate Zschäpe zwischen Diebstahl und Serienmord

Die ARD hat den ersten Teil der lang angekündigte Trilogie über den NSU ausgestrahlt. Die Täter – Heute ist nicht alle Tage will die Perspektive der Täter beleuchten, kratzt dabei aber nur vorsichtig an der Oberfläche.


Beate (Anna-Maria Mühe) klaut. Mal eine Dose Deo und mal zwei Flaschen Apfelkorn, nachdem sie mit ihrer Freundin Sandra (Nina Gummich) an dem Waschmittel aus dem Westen im Supermarkt gerochen hat. Das Deo wird auf dem ganzen Körper verteilt und der Schnaps getrunken – auf den Partys mit den Punks der Stadt. Beate hört Popmusik auf dem Walkman, den sie von irgendwelchen amerikanischen Scientology-Menschen auf der Straße geschenkt bekommen hat, und sie lacht, als ihre Freundin sich mit dem Lehrer anlegt, dem nachgesagt wird, bei der Stasi gewesen zu sein.

Beate Zschäpe – Filmstar?

Beate ist die Beate Zschäpe, deren Rolle im NSU noch nicht geklärt ist und die sich vor Gericht für zehn rassistisch motivierte Morde und zwei Bombenanschläge verantworten muss. Die jüngste Entwicklung des Prozesses weist ein 53-seitige Erklärungsschreiben von Zschäpe auf, in dem sie die Mitgliedschaft in dem NSU bestreitet. Auch habe sie nichts mit den Morden sowie den Sprengstoffanschlägen zu tun. Jedoch gestand sie den Brandanschlag auf eine Fluchtwohnung in Zwickau. Das Urteil ist noch nicht gesprochen, die Fakten sind noch nicht geklärt. Trotzdem arbeitet die ARD das Thema in drei Filmen auf. Im Kommentar Beate Zschäpe – Filmstar? stellt sich die Frage, ob es für eine Verfilmung zu früh ist. Nach dem ersten ausgestrahlten Film der Trilogie Die Täter – Heute ist nicht alle Tage von Regisseur Christian Schwochow (Bornholmer Straße und Der Turm), der die Sicht der Täter٭innen Böhnhardt, Mundlos, Zschäpe beleuchtet und die jugendliche Beate in den Fokus stellt, lässt sich die Frage leichter beantworten.

Punkpartys, Nazimärsche und die große Liebe

Nachdem Beate Uwe M. (Albrecht Schuch) kennengelernt und sich in diesen verliebt hat, sind für sie Punkpartys kein Thema mehr. Stattdessen schließt sie sich der Naziszene an. Der Sprung von „Wir ärgern Faschos“ bis hin zu „Wir malen Deutschland von 1937“ geht so schnell, dass der Zuschauer keine Chance hat, die Entwicklung und Motivation Beates zu erfassen. Plötzlich wandern die Nazis mit Fahnen und Parolen durch die Straße, an der zufällig Beate steht. Ihr wird ein Flyer in die Hand gedrückt, sie sieht Uwe M. zwischen den Marschierenden und schließt sich an. Das ist das Bild, das von Beate Zschäpe in dem Film gezeichnet wird: eine junge Frau, die sich der Männer wegen irgendeiner Bewegung anschließt – egal, welcher. Aber bei den Nazis scheint es ihr zu gefallen und schon bald steht sie vor einer Meute Skinheads auf einer Bühne und schreit „Heil Hitler“ in ein Mikrofon.

Das Immergleiche im Nazitrott

Immer wieder werden Zeitsprünge durch die Einblendung einer Jahreszahl signalisiert. Aber diese haben keinerlei Auswirkungen auf die Handlung. Ja, fast könnte man behaupten, die Handlung treibe kaum voran und die Figuren weisen keine Entwicklung auf: Beate mit dem immergleichen verachtenden Gesichtsausdruck, Uwe M. mit den immergleichen rassistischen Parolen und Reden und Uwe B. (Sebastian Urzendowsky) mit dem immergleichen Drang alle zu verprügeln, die ihm aus irgendwelchen Gründen nicht passen. Beate fängt eine Affäre mit Uwe B. an. Gemeinsam belästigen sie Passanten auf der Straße, treten und schlagen willkürlich auf Menschen ein. Und immer wieder Sequenzen, wie die drei mit ihren anderen Nazifreund٭innen „Pogromly“, ein Monopoly für Neonazis, spielen. Warum? Weil bewiesen ist, dass Beate ein solches Spiel besessen hat – es wurde neben Macheten und einem Gewehr in ihrer Wohnung gefunden.

Das Mosaik der Beate Zschäpe

Ja, die Verfilmung ist zu früh. Das zeigen die „Pogromly“-Spielsequenzen. Sie beweisen, dass sich die Filmemacher٭innen an jede Einzelheit klammern, die geklärt ist. Dass der Film größtenteils auf Berichten von Augenzeugen beruht, ist für die Zuschauer٭innen ebenfalls ersichtlich: einzelne Szenen, die in keinem Zusammenhang miteinander stehen. Die Zeitsprünge kommen so plötzlich, dass es wirkt, als wüsste man nicht, wie es an der Stelle weitergehen soll. Als hätte man Angst, etwas Falsches zu erzählen. Ein Besuch bei der Beates Oma auf Kaffee und Kuchen, das Treffen mit der alten Freundin Sandra, die nun verheiratet ist und Kinder hat, zeigen, dass Beate ein bürgerliches Leben führen könnte, wirken aber willkürlich eingestreut. Der Film ist eine Collage, ein Mosaik aus kleinen Einzelteilen, keine zusammenhängende Geschichte über Beate Zschäpes Leben vor den Morden, Bombenanschlägen und Banküberfällen. Denn damit endet der Film – mit dem ersten Mord, bei dem nicht zu erkennen ist, ob Zschäpe dabei ist. Mehr kann (noch) nicht erzählt werden.

Kein Verständnis für das Handeln

In einem Spielfilm zu zeigen, was für einen Sog eine Menschengruppe hat, die im Gleichschritt läuft, sich zusammen unbesiegbar fühlt und im Chor Parolen schreit, ist wichtig – gar keine Frage. Gerade jetzt. Die Massenszenen sind gut gemacht, die schauspielerische Leistung durch die Bank weg hervorragend. Wenn Anna Maria Mühe die vierte Wand durchbricht und die Zuschauer٭innen als Beate Zschäpe direkt ansieht, mit ins Geschehen zieht, schüttelt es einen. Auch die Befürchtung der Film könnte Empathie, ja vielleicht Sympathie für Beate Zschäpe fordern, war unberechtigt. Es wird kein Verständnis für ihr Handeln verlangt. Trotzdem bleibt die Frage: Musste das Thema mit einer Verfilmung der Jugend Beate Zschäpes aufgearbeitet werden?

Vielleicht. Die Geschichte der Beate Zschäpe ist „massentauglich“. Jede٭r hat von dem Prozess gehört und sucht womöglich in einem solchen Film nach Antworten auf die Frage, warum solche schrecklichen Morde und Anschläge begangen werden. Aber die Antworten können Spielfilme liefern, die sich dem Thema rein fiktional nähern (s. David Wnendts Kriegerin). Da sie keine Rücksicht auf laufende Prozesse nehmen müssen, können sie einen tieferen Einblick in die Naziszene geben.

Abbilden von Fakten und Fiktion

Dem Film Die Täter – Heute ist nicht alle Tage ist nicht abzusprechen, dass er an vielen Stellen gut gelungen ist (s. Massenszenen). Aber er ist vorsichtig, stellenweise unentschlossen, und bleibt an der Oberfläche. Kann man den Filmemachern das vorhalten? Wohl nicht. Schließlich fehlen Informationen, es soll keine Identifikation mit den Protagonisten stattfinden und man will sich ja vor dem richterlichen Urteil kein filmisches erlauben. Der Film ist und bleibt eine einfache Abbildung. Von was? Von Fakten, die bewiesen sind und ein paar fiktionalen Elementen, wie der Nachtext aufzeigt:

„Dieser Spielfilm beruht auf einem Drehbuch, das auch rein fiktionale Elemente enthält und historische Abläufe eigenständig bewertet. Er erhebt insofern keinen Anspruch, die Geschehnisse authentisch wiederzugeben. […] Zum Zeitpunkt der Filmherstellung sind Beate Zschäpe weitere Tatbestände in diesem Zusammenhang nicht nachgewiesen und werden von ihr bestritten, so dass die Darstellung von Tatbeständen Beate Zschäpes im Zusammenhang mit der Vorbereitung von Sprengstoffanschlägen reine Fiktion des Autors ist […].“

Der Text klingt fast wie ein Eingeständnis. Und nach dem Film bleibt bei dem٭der einen oder anderen Zuschauer٭in dann doch die Frage: Ist es wichtig für mich, zu wissen, dass Beate Zschäpe vor unzähligen, grausamen Taten, Deo und Schnaps im Supermarkt geklaut hat?

Titelbild: © SWR/Stephan Rabold

Das Gemetzel im, am und um den Tatort herum

Mord und Totschlag vor dem verhassten Montagmorgen, wüste Beschimpfungen und standardisierte Streitgespräche in den sozialen Netzwerke am Sonntagabend. Das ist der Tatort. Der Versuch eines Porträts.


Wenn die Medien heute über den Tatort berichten, sind die Begriffe „Social TV“ und „Live-Event“ nicht weit entfernt. Ein Phänomen, das heute nicht mehr häufig zu sehen ist, hat doch das asynchrone Seriengucken Einzug in die Wohnzimmer gehalten. Trotzdem gehören Rudelgucken in Kneipen und hitzige Diskussionen bei laufendem Fernseher auf Facebook und Twitter zum sonntäglichen Krimi-Alltag.

Totschlagargumente, Streitereien und sonntägliches Gemecker

Das lässt sich die ARD einiges kosten: Plakate für die Tatort-Kneipen und Twitter-Chats mit Tatort-Regisseur٭innen. Damit für jede٭n Zuschauer٭in etwas dabei ist und die Fangemeinde wächst, gibt es regelmäßige neue Tatort-Teams. Oder es werden Schauspieler٭innen unter Vertrag genommen, die ihre Fangemeinde gleich mitbringen, wie etwa Til Schweiger. Aber da, wo für alle etwas dabei ist, gibt es auch viel, das nicht jeder٭jedem gefällt: Während die einen in den sozialen Netzwerken eine Lobeshymne auf das Dortmunder Ermittler٭innenteam singen, schreien die anderen, die Ermittler٭innen seien doch alle Psychos. Und was macht Til Schweiger? Til Schweiger spaltet nuschelnd die gesamte Tatort-Gemeinde in Til-Hasser٭innen und Til-Verehrer٭innen. Was wäre also der Tatort ohne das Gemetzel in ihm und um ihn herum?

Gemetzel zerfetzen

Ob die Diskussionen in den sozialen Medien selbst von den Tatort-Macher٭innen beabsichtigt, ja gar inszeniert, ist, sei dahingestellt. Für die Zeitungen und Magazine ist jeder Tweet der 165 000 Tatort-Follower٭innen und jeder Facebook-Kommentar der 868 438 Tatort-Gefaller٭innen zu einer neuen Folge ein gefundenes Fressen. Wer schreibt analytische Rezensionen in der wenigen verfügbaren Zeit, wenn es in den sozialen Netzwerken kostenlose Kritikfetzen regnet? Und der Einbettungslink für die Artikelseiten wird gleich mitgeliefert. So stellt es sich als praktisch heraus, die schnell heruntergeschriebenen Meinungsbilder im Internet einfach umzuschreiben, mit einer Überschrift wie „Zittern statt Twittern“ zu versehen und schon ist sie fertig, die Twitter-Kritik oder auch „Die Twittritik“. Sie kommt daher, wie eine „normale“ Rezension, liefert aber den Tenor der twitternden Zuschauer٭innen und anschließenden Kritikenleser٭innen gleich mit, ohne dass eine tiefere Analyse und Interpretation des Gesehenen nötig wäre.

Eine Hand wäscht die andere

Das kann positiv wie auch negativ gewertet werden: Jede٭r Twitter٭in kann die Online-Rezension einer Wochen- und Tageszeitung aktiv mitgestalten. Und nicht zuletzt scheint das auch die Motivation auszumachen, fröhlich mitzudiskutieren. So schreibt ein Twitterer am 24. November 2014: „Ich bin in der #twittritik von @zeitonline zum Stuttgarter #Tatort gelandet. Oha.“ Einige eher tatortferne Seiten machen sich diese Streitkultur zu Nutze, indem sie kommentarlos ein Zitat aus der Folge posten, um die Kommentator٭innen auf ihre Seite zu locken. Eine sogenannte Win-win-Situation für alle Beteiligten. Das macht die Betrachtung der Online-Kommunikation während einer Tatort-Folge nicht weniger spannend. Denn anhand der Diskussionen zu einer laufenden Tatort-Folge lässt sich einiges zu der Streitkultur im Netz ableiten.

Täterprofile und altbekannte Muster

Die Schnelllebigkeit und vermeintliche Anonymität des Internets macht es möglich, sich nicht länger mit einer Materie zu befassen, sondern dem ersten Impuls zu folgen und schnell die eigene Meinung herunterzuschreiben. Und was ist das Besondere an der Tatort-Diskussion? Ohne spezielles Hintergrundwissen kann hier jede٭r die schnell konsumierbaren Inhalte und das gerade Gesehene für sich interpretieren und die Meinung zeitgleich äußern. Da in 90 Minuten viel passieren kann, gibt es immer wieder neuen Gesprächsbedarf. Bei genauerer Betrachtung dieser Auseinandersetzungen zu einer Tatort-Folge (aber auch zu anderen Inhalten) im Netz lassen sich immer gleichen Verhaltensmuster erkennen.

Seher٭innen, Brandstifter٭innen und Aussteiger٭innen

Um die Verhaltensmuster aufzuzeigen, kommt man nicht umhin einen typischen Dialog bestehend aus Originalzitaten (absichtlich ohne Namensangabe) des Kommentarbereichs auf der Tatort-Facebookseite wiederzugeben, wie es eben auch die großen Magazine und Zeitungen in ihren Rezensionen tun:

  1. Eine typische Auseinandersetzung mit einem Facebook-Kommentar des٭der Seher٭in:

    „Ich bin gespannt was jetzt wieder kommt – der Schauspieler zu gut aussehend, die Schauspielerin mit zu grellem Lippenstift… ٭seufz٭.“

  2. Und schon wird die Munition für eine endlose Diskussion von der٭dem Brandstifter٭in geliefert:

    „Schnoddrige, prollende, rotznäsige Ermittlerinnen, die vor Jugendarroganz triefen. West-Ost-Klischees vom Feinsten. Endloses Rumgeschreie in VorabendRTLqualität. Schlimmer geht’s nimmer. Das ist eine Zumutung, mit zwangseingetriebenen Gebühren finanziert.“

  3. Es folgen „Gegenargumente“ der Friedliebenden:

    „Ich finds erfrischend. Aber bei den ganzen Nörglern hier ist es doch eh wurscht, was gedreht wird. Euch passt doch immer irgendwas nicht: ,zu brutal, zu ernst, zu lustig, der Ton geht gar nicht, blablabla …’ Dann schaltet doch einfach um und hört auf zu motzen, es nervt!“

  4. Dann melden sich die Aussteiger٭innen zu Wort, die, obwohl so schon umgeschaltet haben, dem digitalen Tatort-Gemetzel weiter beiwohnen:

    „Nach vier Minuten umgeschaltet. Sorry, geht gar nicht. Denke nicht, das die Story nach dem gejaulten Anfang noch zu retten ist“

    oder

    „Ich will den Leipziger Tatort zurück, die zwei arroganten obercoolen Puten kannste in die Tonne treten, das reißt auch der sonst geniale Martin Brambach nicht mehr raus. Auf Fußball umgeschaltet.“

  5. Dann gibt es noch diejenigen, die sich jeden Sonntag einen Tatort à la Boerne und Thiel wünschen:

    „Der erste war der reinste Schrott, das sollten die mal lassen. Kriegt man ja Zustände. Am Sonntag das war auch Schrott, hab nach der halben Stunde umgeschaltet. Werde wohl bald nur noch die bekannten Tatorte anschauen, da wo man weiß, dass es auch spannend ist, z. B. Köln oder Münster.“

  6. Und die, die dem Spruch „Schlafende Hunde soll man nicht wecken“ alle Ehre machen:

    „Bla bla bla. Viel schlimmer. Ich hab die letzte halbe Stunde verpasst. Eingeschlafen. Wer war der MÖRDER?“

Wer sich durch den Kommentarbereich scrollt, kann feststellen, dass diese Aufzählung endlos weitergehen könnte. Für manch eine٭n wahrscheinlich unterhaltsamer als der Tatort selber.

Der letzte Zeuge

Der Gesprächsverlauf ist so voraussehbar wie so manche Handlung eines Tatorts. Das Gemetzel im, am und um den Tatort ist standardisiert: Jeden Sonntag um 20.15 Uhr schauen sich die Tatort-Zuschauer٭innen Mord und Totschlag an und geben vor dem Montagmorgen ihren Aggressionen in den sozialen Netzwerken ein Ventil. Die Wortgefechte auf Facebook und Twitter sind zu einem festen Bestandteil der Medienlandschaft geworden. Alle wollen von der großen Fangemeinde des Tatorts profitieren. Aber auch das Rudelgucken in Szene-Kneipen spiegelt eine Fernsehkultur wider, die heute kaum noch zu finden ist. Ist der sonntägliche Tatort also der letzte Straßenfeger, neben der Tagesschau die letzte Konstante in der Fernsehlandschaft?

Beate Zschäpe – Filmstar?

Nein, das auf dem Foto ist nicht Beate Zschäpe, sondern Schauspielerin Anna Maria Mühe. Sie spielt die Terroristin in dem angekündigten ARD-Mehrteiler über den NSU. Ähnliche Filmprojekte folgen. Das darf nicht passieren.

Ein Kommentar von Katharina van Dülmen


„Anna Maria Mühe mimt Beate Zschäpe“, so kündigt das Berliner Fenster den ARD-Mehrteiler über den NSU an, der seit Anfang 2014 geplant, seit 2015 abgedreht ist, aber noch nicht ausgestrahlt wurde. „Schwierig“ ist das erste Wort, das mir in den Kopf kommt. Der NSU-Prozess ist nach über zwei Jahren noch nicht abgeschlossen und Beate Zschäpe nach jahrelangem Schweigen immer noch nicht vollkommen aussagebereit. Wie soll der Plot des Films also aussehen?

Trilogie mit Perspektivwechsel

Laut FAZ handelt es sich bei dem für 2016 geplanten und von Welt-Herausgeber Stefan Aust und Fernsehproduzentin Gabriele Sperl produzierten „TV-Highlight“ um eine Trilogie, die verschiedene Perspektiven einnimmt. Der erste Teil soll sich mit dem Milieu der Täter٭innen, „in den neuen Bundesländern radikalisierenden Jugendlichen, mit den Neonazis“, beschäftigen. Die Perspektive der Ermordeten und ihrer Angehörigen, „die durch die jahrelang fehlgeleiteten Ermittlungen der Polizei selbst zu Verdächtigen […] wurden“, soll im zweiten Teil dargestellt werden. Im dritten Teil spielen die Ermittler٭innen, die lange „im Dunkeln tappten“, die Hauptrollen. Und dann ist noch eine abschließende Dokumentation angekündigt. Bis auf die das Projekt beschreibenden Ankündigungen und ein paar „Das klingt gewagt“-Zitate finde ich keinen Kommentar, keine kritischen Auseinandersetzungen. Nur einzelne Stimmen einiger Leser٭innen unter den Ankündigungen im Netz bestätigen mich in meiner Ansicht: Eine filmische Auseinandersetzung mit der Person Beate Zschäpe und ihrer Rolle im NSU ist zu früh – viel zu früh – und gefährlich.

Spielfilme lenken Gefühle

„Mit diesem auf den ersten Blick kaum zu überschauenden Projekt möchte ich die Menschen emotional so erreichen, dass sie beginnen, die Bedeutung dieses Geschehens wahrzunehmen und zu erkennen, dass unsere Gesellschaft einen dunklen, braunen Fleck hat, den viele, nicht nur die Politik, lieber verdecken möchten. Das muss sich ändern“, so die Produzentin Gabriela Sperl laut FAZ. Ist die Gesellschaft wirklich schon so abgestumpft, dass sie nicht allein durch die Nachrichten von zehn rassistisch motivierten Morden, 15 Banküberfällen und mindestens zwei Bombenanschlägen emotional berührt wird? Braucht sie wirklich noch einen (leicht verdaulichen, verständlichen und mit passender Musik unterlegten) Spielfilm, der ihnen die zu spürenden Emotionen vorkaut und ihr sagt, bei welcher Tat des NSU sie was zu fühlen hat? Denn das ist es, was Spielfilme tun:

„Der Wunsch zu fühlen bildet eine Hauptmotivation dafür, sich Filme anzusehen. Als dramaturgische Gebilde lenken Filme Zuschauergefühle. Sie bauen ein affektives Feld auf, besitzen eine spezifische Affektstruktur. Zu unterscheiden ist u.a. zwischen Fiktionsaffekten, die auf die erzählte Welt bezogen sind, und Artefaktaffekten, die auf die ästhetische Gestaltung bezogen sind.“

Lexikon für Filmbegriffe

Ein Spielfilm ist Fiktion, egal, ob er auf einer wahren Begebenheit beruht oder nicht. Damit ein Film spannend und emotional berührend bleibt, hat er einen bis ins Kleinste kalkulierten Spannungsbogen. Überspitzt gesagt: Alles wird dieser Affekthascherei untergeordnet – auch das zu Erzählende. Gleichzeitig wird den Zuschauer٭innen bei einem Plot, der auf einer wahren Begebenheit basiert, vorgegaukelt, dass das, was dort erzählt wird, der Realität entspricht. Die Zuschauer٭innen sollen glauben, dass es genauso passiert ist. Genauso. Ich gebe Frau Sperl ja recht, in letzter Zeit wurde mehr als deutlich, dass es zurzeit sehr großen Aufklärungsbedarf beim Thema „dunkle, braune Flecken“ in der Gesellschaft gibt. Aber ist eine Trilogie mit Perspektivwechsel der richtige Ansatz?

Figuren werden gezeichnet

Perspektivwechsel sind bei einem solchen Thema gefährlich, denn sie sind motiviert: So spielen sie den Zuschauer*innen einen objektiven Blick auf ein Geschehen vor. Sollen sich die Zuschauer٭innen der NSU-Trilogie etwa in jede der beteiligten Gruppen einfühlen und ihre Motivationen für ihr Verhalten nachvollziehen? Denn Emotionen werden in Spielfilmen auch über Sympathie und Empathie erreicht: Sympathie (Fühlen-für) und Empathie (Fühlen-mit) bilden unterschiedliche Formen der Anteilnahme an Filmfiguren“, so das Lexikon für Filmbegriffe.

In einem Interview mit der BZ erklärt Schauspielerin Anna Maria Mühe den Plot rund um die Figur Beate Zschäpe so: „Unser Film zeigt die Geschichte von Beate, wie sie 14 Jahre alt ist, bis sie 24 Jahre alt ist. Wie sie Uwe Mundlos kennenlernt, sich in ihn verliebt. Und wie sie Uwe Böhnhardt kennenlernt und sich in den verliebt.“ Können wir also eine Liebesgeschichte erwarten, die in vielen grässlichen Taten endet? Beginnt die Geschichte mit einer pubertierenden 14-Jährigen, die langsam der Liebe wegen in die Terrorzelle hineinrutscht? Gibt es in dem Film vielleicht sogar einen Punkt, an dem die Zuschauer٭innen Mitleid mit der Protagonistin haben? Betätigen sich die Filmemacher٭innen als Psycholog٭innen, die der Protagonistin durch den Film ein psychologisches Gutachten ausstellen? Ja, das sind alles Spekulationen. Fest steht jedoch, dass die Figur Beate Zschäpe gezeichnet, charakterisiert werden muss, dass sie von einer beliebten Schauspielerin gespielt wird, dass ihre Lebensgeschichte bis zum noch nicht abgeschlossenen Prozess dargestellt wird, dass das Drehbuch bereits fertiggestellt war, bevor die Fakten vollends geklärt sind, bevor der Gerichtsprozess entschieden ist. Mich würde sehr interessieren, wie die Hinterbliebenen der Ermordeten über das Projekt und ihrer eigenen Darstellung in der Verfilmung denken.

Kommerzielle Ausschlachtung?

Vielleicht tue ich den Filmemacher٭innen unrecht, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass dieser ARD-Mehrteiler unter dem Kalkül produziert wurde, das Thema für ihre Zwecke zu nutzen, solange es noch „heiß“ ist. Denn ihre Presseleute haben ganz Arbeit geleistet: Über das Projekt war schon Anfang 2014 in den Medien zu lesen. Ein Blick nach Amerika zeigt, dass die Inanspruchnahme der Filmrechte aktueller Themen längst Mode geworden ist: Jüngst hat Hollywood-Star Leonardo DiCaprio bekannt gegeben, den VW-Skandal zu verfilmen. Filmstoffe scheinen rar und umkämpft zu sein.

Aber nicht nur die ARD hat sich des NSU-Themas angenommen, auch das ZDF hat (zufällig?) zeitgleich ein Doku-Drama (AT: „Letzte Ausfahrt Jena“) mit Lisa Wagner als Beate Zschäpe abgedreht. Achja, und dann soll die NSU-Geschichte auch noch ins Kino kommen. Basieren wird der von Constantin Film produzierte Film auf dem Buch „Heimatschutz – Der Staat und die Mordserie des NSU“ von Journalist und Produzent des ARD-Mehrteilers Stefan Aust sowie Autor Dirk Laabs. „Die Autoren rekonstruierten darin die Jagd nach den Neonazis und geben Einblick in den Kampf des Bundesamts für Verfassungsschutz gegen den rechten Terror“, schreibt Die Welt.

Gruseln bei Popcorn und Bier

Auch wenn ich, bevor ich die Filme überhaupt gesehen habe, urteile: Das Projekt ist äußerst fragwürdig. Nicht jedes Thema muss in einem Spielfilm aufgearbeitet werden, nicht jedes Thema kann in einem Spielfilm aufgearbeitet werden, nicht jedes Thema darf in einem Spielfilm aufgearbeitet werden und nicht jede٭r sollte in Spielfilmen eine Plattform bekommen. Kommerzieller Erfolg durch emotionale Affekthascherei darf kein Grund für die Darstellung eines so sensiblen und noch nicht abgeschlossenen Themas sein. Was ist aus den informativen, auf Fakten basierenden Dokumentationen geworden, was aus dem vollends fiktiven Filmstoff?

Ein Zitat aus einem Kneipengespräch: „Naja, die ehemaligen Anwälte der Zschäpe, Heer, Sturm und Stahl müssen in der Verfilmung auf jeden Fall unbenannt werden – die Namen klingen nach einer schlechten SAT.1-FILMFILM-Produktion.“

Titelbild: Anna Maria Mühe beim Berliner Film Festival 2014, Foto von e Siebrands/Wikimedia Commons