Alle Artikel von Gregor van Dülmen

Über, neben und zwischen Komplizen

Ralph Hammerthaler liefert uns mit Unter Komplizen ein vielseitiges, ja kubistisches, Porträt einer gut vernetzten, globalen Künstlerszene – über die er verdächtig gut Bescheid weiß.


Vielen Künstler٭innen wird vor allem in zwei Lebensphasen Aufmerksamkeit geschenkt: zur jungen, progressiven Schaffenszeit, als sie gerade anfangen, einen Unterschied zu machen, und dann wieder, wenn sie tot sind. So dreht sich auch die meiste Literatur über Künstler٭innen entweder um wilde Frühphasen (bspw. Sven Regeners Wiener Straße), in denen nicht wenige denken, ihnen gehört die Welt, oder aber um die großen, bereits verewigten Ikonen – denen wirklich die Welt gehört (wie das Graphic Novel Pablo). Aber was ist eigentlich mit denen dazwischen, also den nicht mehr ganz so jungen nicht mehr ganz so Wilden der Kunstwelt? Taugen die nicht auch für literarische Porträts?

Unter nicht mehr ganz so jungen nicht mehr ganz so Wilden

Genau dieser Frage widmet sich Ralph Hammerthalers jüngst erschienener, fast 500-seitiger Roman Unter Komplizen. Und wird mit seiner Antwort eindeutig der Komplexität dieser Frage gerecht. Denn um zu sehen, ob sie wirklich dafür taugen, muss eine differenzierte Betrachtung her. Und so widmet er sich einer umfassenden Beobachtung einer kleinen, aber global verstreuten Szene befreundeter Künstler٭innen verschiedener Disziplinen sowie einiger Personen aus ihrem Umfeld. Schauen wir mal hinein: Was treiben Künstler٭innen heutzutage denn so, wenn ihnen gerade niemand die große Bühne anbietet? Der eine wohnt vielleicht noch immer im provinziellen Kunstquartier und hangelt von Stipendium zu Stipendium. Der andere finanziert seine Avantgarde-Kompositionen und sein Großstadtleben mit Soundtracks für Spielautomaten. Wieder eine sucht in Russland mit Sex-Performances globale Aufmerksamkeit für die eigene Unterdrückung. Ein Vierter versucht noch immer, Schiller im mexikanischen Theater zu etablieren.

Die Liste, die der Roman anstellt, ist lang und erstaunlich vielseitig. Außer in dem Punkt, dass alle, die auf ihr stehen, sich so etwas wie einen Alltag eingerichtet haben, der hier sehr gut eingefangen wird. In dessen Zentrum steht uneingeschränkt die Kunst, über die sie sich ein Staunen bewahrt haben. Und für deren Platz in ihrem Leben sie doch auch widerstandslos ihren Preis zahlen. Aber der Roman dreht sich nicht bloß um Alltage, sondern erfasst auch die Banalität und Absurdität der Lebenswelten, und lässt uns teilhaben an Kämpfen um Anerkennung und das schiere Überleben, berichtet von Herausforderungen des Schicksals und nicht zuletzt von Ausbrüchen.

Im Komplizen-Milieu

Einiges spricht am Ende dafür, dass die abgebildeten Personen und Schicksale vielleicht gar nicht so weit von der Lebenswelt Ralph Hammerthalers entfernt sein könnten. Zum Beispiel diese verdächtig unaufgeregte Erzählweise, die er der sprunghaften, schauplatzreichen Handlung abgebrüht entgegenstellt. Fast wirkt sie wie ein Understatement auf das Erzählte, oder so, als wäre die Handlung tatsächlich unbeeindruckend. Dabei ist sie im Gegenteil immer wieder für überraschende und dramatische Wendungen gut, die durch die undramatische Erzählweise nur umso besser einschlagen. Viel Potenzial zieht der Roman aus unvermittelten Sprüngen zwischen unzähligen Erzählperspektiven. Vielleicht mögen die betrachteten Biographien nicht ganz so fiktiv sein, wie man erst denken und manchmal hoffen möchte. Aber die unsteten Betrachtungsweisen sind ein wertvolles Stilmittel, besonders dann, wenn sie gerade unscheinbare, aber ertragreiche Außenperspektiven auf unsere Hauptcharaktere richtet.

Unter Komplizen schafft über all seine Kapitel hinweg Raum für ein umfassendes Szeneportrait, das teils weniger Literatur und mehr einer Milieustudie gleicht – aber nur deswegen, weil es so glaubhaft erzählt ist und Hammerthaler unter den unscheinbarsten Perspektiven genau die richtigen findet, um ein klares, glaubhaftes Gesamtbild zu präsentieren. Das ist so vielseitig, dass sogar getrost das offene Ende verraten werden kann. Der Roman findet Worte für den vielleicht kunstvollsten Ausblick, den die Menschheit sich je geschaffen hat, den Panoramablick auf –. Obwohl nein, Enden verrät man nicht.

Unter Komplizen von Ralph Hammerthaler erschien im Verbrecher Verlag und hat 493 Seiten. Es fühlt sich aber kürzer an.

Beitragsbild: © Gregor van Dülmen

Fenster. Gute Überraschungen

Schon passend, dass Fenster sich zum Ende des Supersommers geschlossen wie nie zurückmelden. Ein Zufall? Vermutlich.


Aber ein guter Zufall. Denn was Fenster inzwischen schon seit ein paar Alben auszeichnet, ist diese ureigene Verbindung aus Stilsicherheit und Genre-Offenheit. Wie wenig anderen Indie-Bands gelingt es, enorm vielseitige Songideen zuzulassen und diese gleichzeitig schon ihrem Sound unterzuordnen. In jedem Part ist jedes Bandmitglied so vollkommen fixiert auf Ausdruck und Rhythmus, dass ihre Musik niemals ins Treiben gerät, was sie inzwischen perfektionieren konnten. Im Zentrum aller Subgenres, in die sie verfallen, steht die Stilisierung selbst. In diesem Sinne sind sie eine sehr kunstvolle Band, die sich mit The Room nun ein weiteres Denkmal gesetzt hat, aber mit dem Album auch ein gewisses Lebensgefühl trifft.

Auf der Platte perfektionieren Fenster letztlich vieles, was sie sich über ihre zwei früheren Studioalben und dem gemeinsam realisierten Sciene-Fiction-Kunstfilm und -Soundtrack Emocean erspielt haben. Auf Bones hatte 2011 noch Folk durchgeklungen, was ja schon der Ausgangspunkt vieler wichtiger Bands war. Genauso wichtig war jedoch für all diese Bands auch, sich später vom Folk zu emanzipieren. Nicht zuletzt, weil eine Band, die sich komplett auf ein Genre festgelegt hat, schon tot ist. Aber die Emanzipation haben Fenster im Grunde noch während des ersten Albums selbst vollzogen und war 2013 auf Album zwei, Pink Caves, schon komplett abgeschlossen. Hier widmete man sich schon vollkommen dem perfekten Sound, graste eher im Experimentellen und suchte und fand den gemeinsamen künstlerischen Ausdruck als Gruppe. Den transportierten sie mit dem Film Emocean 2015 aus der Musik heraus in eine visuelle Kunstwelt, um ihn weiter zu vergrößern. Der Soundtrack dazu pendelt sich für sich betrachtet zwischen Psychedelic und Launchmusik ein. Um es als eigenständiges Album werten zu können, fehlen ihm aber Antrieb und Richtung. Aber das geht ja den meisten entkoppelten Soundtracks so.

© Simon Menges

Umso besser, dass The Room, dem es an Antrieb nun wirklich nicht fehlt, sich weniger an Emocean und stärker an Pink Caves anlehnt und vom Film-Experiment nur freigestzte Sounds in ihr Songwriting einbringen. Sie fließen einfach mit hinein und zu einem Album zusammen, das gleichzeitig bunt, fließend und glatt wie keines der bisherigen klingt. Fast könnte man bei alledem vergessen, dass Fenster musikalisch eigentlich noch immer gar nicht allzu sehr festgelegt sind. Zwischen Dreampop, Shoegaze, Nintendo-Pop, Disco und Psychedelic scheint gerade ihre Entschlossenheit, ihr schlichter Groove das verbindende Element in fassettentreicher Umgebung. Zusammenfassend könnte man es wohl Surprise Pop nennen.

Aber Fenster sind auch eine Band, die in gewisser Weise einen Berliner Zeitgeist verkörpert und musikalisch konserviert. Immerhin fanden die internationalen Bandmitglieder hier zueinander. Und ihr Album spiegelt in seinem Aufbau ein Lebensgefühl wider, das schon viele Künstler*innen in die Stadt trieb und aktuell wieder eine brodelnde Szene formt: die kunstvolle Wahrnehmung einer vielseitigen Umwelt, ein Fokus auf das, was erfüllt, was Spaß macht und was dadurch teilbar wird. Und lebt als eine Adaption dieser Vielfalt. Ein solcher Berliner Zeitgeist lässt sich nicht auf eine Band, einen Sound oder ein Album herunterbrechen. Aber wollte man in ein paar Jahrzehnten einen Film über die 2010er Jahre in Berlin machen, täte man gut daran, Fenster in den Soundtrack aufzunehmen. Vielleicht drehen sie diesen Film ja sogar selbst.

Quelle: YouTube

The Room von Fenster enthält Two Doors sowie neun weitere Songs und erschien beim Label Altin Village & Mine.

Beitragsbild: © Fenster

US Emo, Level drei. Foxings Rundumschlag

2018. Die USA sind tief zerrissen in verfeindete Lager. Zumindest, was ihren Indie-Rock angeht. Gut, dass eine Band es schafft, die Subgenres zu einen. Auf Nearer My God trumpfen Foxing groß auf.


Vorweg eine These: Das neue Album einer Band ist immer dann automatisch ihr bestes, wenn in ihm alle früheren Alben aufgehen. Denn wo die alten mitgedacht sind, brauchen diese gar nicht mehr weiter angehört zu werden. Wenn dem so ist, ist Foxing nach zwei erfolgreichen Alben nun tatsächlich ein Genie-Streich gelungen. Sollte jemand wirklich seinen Musikgeschmack auf solche diskursiven Thesen reduzieren wollen, so bräuchte er sich nun weder jemals wieder die ersten beiden Foxing-Alben anzuhören noch irgendein anderes Album jüngerer US-Indierock-Geschichte. Denn auf Nearer My God ist schon alles mitgedacht, wodurch sich das Album sehr geschickt selbst in die Plattensammlung einräumt und dort sogar zum Bindeglied wird.

Nachdem Foxing auf Albatross noch teilweise hardcorige Songs ins Zentrum rückten, schien sich der Band-Fokus auf Dealer eher in Richtung ruhigerer, impulsiver Balladen zu bewegen, was ihnen immerhin Platz drei der US-Charts einbrachte, aber auch ein böses Omen fürs nachfolgende Album war. Denn wenn sie nun schon in diese Richtung gestartet sind – wohin soll der nächste Schritt führen? Auch Song eins von Album drei beruhigt nicht unmittelbar, beginnt tendenziell sogar eher unheilvoll, zumindest vor dem Hintergrund der Bandgeschichte, denn das Intro klingt definitiv nach weißem, wenn nicht sogar europäischem R’n’B, wie ihn zum Beispiel inzwischen die Arctic Monkeys oder die skandinavische Szene betreiben: gekonnt arrangiert, aber unterm Strich etwas dünn und künstlich. Zum Glück wechseln sie noch während des Songs das Genre, was sie auf dem Album zur Gewohnheit machen.

Immer wieder finden sich ungewohnte Elemente, mal gesampelter Gesang, dann Streicher, dann wieder der rifflastige Bombast-Rock, mit dem sie angetreten sind. Davon abgesehen gehen in Nearer My God auch verschiedenste Einflüsse der jüngeren US-amerikanischen Indie-Rock-Subkultur-Flügel auf: vom Indietronic, den Bands wie Owl City geprägt haben (zum Beispiel in der Vorabsingle Slapstick), bis zum guten alten Crossover á la Hot Action Cops oder Alien Ant Farm (zum Beispiel in der jüngsten Single Gameshark). Auch der Dance Rock kommt nicht zu kurz. Selten waren Songs eines dieser Genres so gut ausproduziert wie bei wie bei Foxing. Ein Glück, dass auch der vielseitig einsetzbare Frontmann Conor Murphy alle Flügelwechsel problemlos mitmacht, was das Album ebenfalls weiter glättet.

Quelle: YouTube

Am häufigsten lässt sich dann aber doch wieder diese neue Emo-Welle heraushören, zu denen neben Foxing vor allem andere Südstaaten-Bands wie Blis. oder Microwave, aber auch Künstler wie The Hotelier oder The Antlers gehören. Gegenüber ihren schwarzgefärbten, kajalbelegten Vorbildern der 2000er-Jahre pflegen sie optisch zwar ein authentischeres Auftreten, akustisch lassen sie aber keine Punkte in Sachen Verzweiflung oder großen Gesten liegen. Obwohl die Betitelung als Emo vielen Bands seit jeher verhasst ist, zeichnet sich hier eben doch ab, dass Drama und Pathos feste Größen im US-Independent-Bereich sind. Foxing jedenfalls gelingt nicht nur die Selbstverortung im eigenen Schaffen, das seit ihrer Gründung auf das neue Album zugelaufen zu sein scheint, sondern auch die Bündelung des Genres, das keines sein will.

Bloß ein Manko hat das Ganze am Ende doch: Die in der Theorie sympathische Aktion, den Titelsong Nearer My God in fünf Sprachen als Singles herauszubringen, führt, vorsichtig ausgedrückt, zu irritierenden Ergebnissen, und fand zum Glück außerhalb des Albums statt. Klingt die japanische Variante aus der Ferne noch recht muttersprachlich, hat die deutsche, so zumindest ein subjektiver Eindruck, etwas Befremdliches. Aber auch hierzulande scheitern ja nach wie vor viele Projekte daran, deutschsprachigen Indie gut klingen zu lassen. Und auch Foxing können am Ende nicht alles können. Wie beruhigend.

Quelle: YouTube

Nearer My God von Foxing erschien am 10. August 2018 bei Triple Crown Records.

Titelbild: © Hayden Molinarolo

Driftmachine – Shunter. Ein Lehrstück in Post-Music

Mit ihrem neuem Album präsentieren Driftmachine einen avantgardistischen Grenzgänger, der Sphären freisetzt zwischen Ambient- und Industrial-Sounds. Mit dramatischen Folgen.


Shunter ist das vierte Album des Berliner Duos Driftmachine – allesamt innerhalb der letzten vier Jahre beim mexikanischen Label Umor Rex veröffentlicht – und macht gegenüber der letzten Platte Radiations einen großen Sprung in Richtung Eigenständigkeit. Wobei Eigensinn und Eigenart es hier auch treffen würden. Nicht nur verabschieden Driftmachine sich weitgehend von Beats und typischen Synthesizer-Sounds. Teilweise verlassen ihre Sounds gar komplett die Klangsphären, die man klassischerweise als Musik bezeichnen würde, hin in eine, nomen est omen, maschinenhaften Geräuschkulisse – was auch durch den Einsatz von Field Recordings gestärkt wird.

Teilweise löst diese sich melodisch auf und schließt Kreise zu frühem Electro. Teilweise sind die Songs nur durch Wissen darüber, dass sie von Musikern aufgenommen wurden, überhaupt als Musik erkennbar. Eine Parallele zu Andy Warhols Brillo Boxes – die Arthur C. Danto als Schlüsselmoment einer Wende der Kunst bezeichnet hatte. Vielleicht ist die Zeit ja reif, eine solche Wende nun endlich auch in der Musik zu vollziehen. Der erste Bote eines solchen Prozesses wäre Shunter nicht. Psychedelische Elemente gibt es seit langem und Driftmachines Album ist auch nicht das erste, das in diese, wenn man es so nennen kann, Post-Music-Kerbe schlägt, Moonsynch von Mimicof wäre ein anderes Beispiel, aber Shunter führt den Ansatz ungewohnt konsequent aus. Zwar entstehen immer wieder Takte und regelmäßige Rhythmen. Aber die haben Maschinen ja nunmal auch.

Ein Eindruck:

Ein anderer Ausgangspunkt sind, wie schon bei Rayon, Film-Soundtracks, die ja auch gerne zwischen Musik und Geräusch springen und sich schon viel mehr Freiheiten erarbeitet haben, als Musik außerhalb von Filmen sie hat. Tatsächlich klingt Shunter wie der Soundtrack eines düsteren, dramatischen Films. Der Film dazu entsteht jedoch erst im Kopf. Und der namensgebende Rangierbahnhof wird kunstvoll eingehüllt in ein abstraktes, nicht-sprachliches Narrativ.

In bester Ambient-Manier bietet Driftmachine seinen Hörer*innen ein Entkommen in einen neuen Sinnkontext ihrer Umwelt an, der stilisiert ist. Nur, dass die Welt, in die hier entkommen wird, eher dystopisch und unbehaglich ist. Womit Driftmachine vielleicht andererseits auch genau einen Zeitgeist treffen. Es ist ja nicht das einzige düstere Konzeptalbum, das in diesen Tagen veröffentlicht wird, Get Well Soon etwa haben in dieser Woche ein Album über Albträume draußen:„The Horror“. Bei letzteren, die musikalisch natürlich aus völlig anderer Richtung kommen, werden Zusammenhänge und Bilder teilweise konkret: „I don’t think I can relax here anyway with nazi bitches speaking at my hood“. Bei Driftmachine verbleiben sie abstrakt, als verschwommene Halluzinationen. Doch „Shunter“ untermalt einen unbehaglichen Eindruck: Der Horror ist real, aber wir können ihn kunstvoll gestalten, um ihn auszuhalten.

Shunter von Driftmachine erscheint am 15. Juni 2018 bei Umor Rex.

Titelbild: © Misha Shkurat

Unbequeme Schattenseiten. Nakamuras „Die Maske“

Jüngst erschien der japanische Bestseller Die Maske in deutschsprachiger Ausgabe. Im Prinzip stellt dessen Autor Fuminori Nakamura in dem Roman bloß simple Charakterfragen: Wie geht man damit um, wenn das eigene Leben dazu vorbestimmt ist, den größtmöglichen Schaden anzurichten? Und: Kann ein Identitätswechsel helfen, seine innere Bestimmung zu überwinden?


Es soll ja Familien geben, die sich der Weltverbesserung verpflichtet haben, für die der eigene Wohlstand nur Mittel zum Zweck ist, Gutes zu tun und die Welt zu verbessern. Wenn es diese wirklich gibt, dann gibt es sicher auch Familien wie den Kuki-Clan, der sich neben dem Anhäufen von Reichtümern noch ein zweites Ziel gesetzt hat: Übel und Verderben über die Welt zu bringen. In einer alten Familientradition zeugen daher die männlichen Kukis in hohem Alter noch ein Kind, das sie sehr bewusst darauf drillen, Schaden an der Menschheit zu verüben. Wer die Mutter ist, erfahren diese liebevoll als „Geschwüre“ gerufenen Kinder oftmals gar nicht. Geschickt webt Nakamura die Familienchronik jener Kukis in die jüngere Weltgeschichte ein, in der die sympathische Unternehmerfamilie aus Japan sicher ihren Platz gefunden hätte. Familienmitglieder tauchen etwa bei den Massakern der großen Kriege auf oder bei Terroranschlägen. Nicht immer zielen die Verbrechen der Familie auf einen persönlichen Vorteil. Ihre konsequente Haltung gegen die Menschenrechte hat ihnen dennoch nicht dabei geschadet, enorme Reichtümer anzuhäufen.

Krieg als moralisch integres Geschäft

Gerade erst machte sich einer der Kuki-Söhne in einem afrikanischen Bürgerkrieg verdient, den er mit geschäftsmännischer Präzision im Grunde selbst erst organisiert hat. Welchen kleinen Staat es hier traf und welcher politischen Richtung er hilft, spielt kaum eine Rolle – weder für ihn noch für den Roman. Viel spannender an Letzterem ist, wie Nakamura die Mechanismen moderner Kriege als Geschäftsmodell nachzeichnet. Das Investionsobjekt: ein Machtvakuum, am besten nach einer Revolution. Die Investition: Unterstützung einer Rebellengruppe mit Waffen und strategischer Beratung. Das Geschäft: Zerstörung der Ordnung, der Infrastruktur, ganzer Städte, des gesamten Staats, bis zum Aufbau einer neuen Regierung. Der Lohn: die Etablierung der hauseigenen Firmen in den Wiederaufbau. Ein Millionengeschäft.

Auch wenn dieser konkrete ferngesteuerte Krieg Fiktion sein mag, bleibt ein unangenehmer Geschmack. Zumal Nakamura auch hier nicht die Verortung des Geschäftsmodells in realen Kriegen scheut. Zwar verzichten die meisten Regierungen heute auf Propagandaministerien, aber dass Kriegsparteien teilweise Werbeagenturen beschäftigen, um Fake News zu verbreiten und international für Kriegseinsätze zu werben, ist ja bekannt. Allein mit den inneren Konflikten der Beteiligten an solchen Kampagnen ließen sich ganze Bücher füllen. Aber anstatt moralisch zerrissene Charaktere zu portraitieren, zeichnet Nakamura in seinem Roman zahlreiche integre Persönlichkeiten, die mit sich selbst im Reinen sind und nach ihrer Berufung handeln: Geschwüre eben. Das ist dann schon wieder literarisch interessant.

Maskiert durch die Unterwelt

Als ein solches Geschwür kommt auch Fumihiro Kuki, Hauptfigur des Romans, zur Welt. Und schon nach wenigen Seiten entsteht Eindruck, dass es sich hier nur um eine Ausreißergeschichte mit Rachefeldzug handeln kann. Denn Fumihiros Vater, der selbst als jüngster Sohn, als Geschwür, in die Welt trat, drillt seinen Sohn schon in jungen Jahren leidenschaftlich zu seiner Bestimmung. Etwa nimmt er ein Mädchen aus dem Waisenhaus im Familienanwesen auf, lässt beide Kinder Seite an Seite aufwachsen, misshandelt sie aber im Wissen des Sohnes. Dass sich daraus nicht über Romanlänge eine komplett fatalistische Geschichte abspielen wird, will man beim Lesen natürlich schon deswegen hoffen, weil der Roman bereits bei einer breiten Öffentlichkeit eingeschlagen und zum Bestseller geworden ist. Dass es Fuminori Nakamura gelingt, seiner Figur Fumihiro trotz dieser Grundvoraussetzungen mit einem komplexen und nicht komplett gutmütigen Charakter auszustatten, ist andererseits eine der großen Leistungen des Romans.

Titelgebend ist übrigens der Umstand, dass Fumihiro aus gegebenen Anlässen, vor allem, um unerkannt wirken und gegen den Familienfluch kämpfen zu können, einen Identitätswechsel einschlägt. Da er dabei einen radikalen Weg wählt, der ihm selbst viel abverlangt, klappt zumindest das auch teilweise ganz gut. Da sich der gesamte Roman jedoch im Yakuza-Zwielicht aus Drogen, Rotlicht und Gewalt mit Akteuren wie Bandenmitgliedern, Undercover-Polizisten und Privatdetektiven bewegt, stellt sich für ihn auch die neue Identität als nicht ganz unproblematisch heraus. Im Prinzip beschränkt er sich im Roman immer mehr auf zwei einfache Grundhandlungen: das Anrichten kalkulierter Schäden auf der einen und die Begrenzung anderer Schäden auf der anderen Seite.

In Japan feierte bereits eine aufwendige Verfilmung des Stoffs Kinopremiere. Aus gutem Grund, denn der Roman beleuchtet sehr geschickt gesellschaftliche Schattenseiten. Nicht zuletzt wird die extrem hohe Selbstmordrate in Japan thematisiert. Und die Geschichte birgt mehr als genug Potenzial, um ein spannender Film zu werden, auch wenn der Roman selbst dieses noch nicht ganz auszuschöpfen weiß. Da das Setting am Ende doch entfremdet und die Geschichte absurd bleibt, manchmal auch logisch etwas herausfordernd ist, fällt es ab und an schwer, sich die Dramatik des Stoffs einzuverleiben. In puncto unvorhersehbaren Wendungen und einer Handlung, die durch ihre Merkwürdigkeit fasziniert, lässt Nakamura allerdings keine Punkte liegen.

Die Maske von Fuminori Nakamura erschien am 28. Februar 2018 im Diogenes Verlag.

Titelbild: © Lucas Allmann auf Pexels

Glaube Liebe Hoffnung. Horváths kleine Denkanregung

Dem Maxim Gorki Theater ist ein beeindruckend unaufgeregter Totentanz gelungen. Oder sollte man sagen bedrückend?

„Ich lebe, ich weiss nicht wie lang,
Ich sterbe, ich weiss nicht wann,
Ich fahre, ich weiss nicht wohin,
Mich wundert, dass ich so fröhlich bin.“

 

Am 13. Januar feierte „Glaube Liebe Hoffnung“ Premiere im Maxim Gorki Theater. Das zugrunde liegende Drama Ödön von Horváths erschien 1932 und im Grunde nimmt dessen Untertitel „Ein Totentanz in fünf Bildern“ bereits einiges der Handlung vorweg, die um Elisabeth, eine junge Frau, kreist. Dabei hat Elisabeth streng genommen bloß ein bürokratisches Problem. Sie ist lebensfroh, und um sich über Wasser halten zu können, möchte sie arbeiten. Um dies zu dürfen, benötigt sie einen Wandergewerbeschein. Der kostet eine Gebühr, die sie aktuell, vor allem bedingt durch den Tod ihres Vaters, nicht aufbringen kann. Es gibt für sie vier Optionen. Sie könnte einen Mann finden, der sie aus Liebe finanziert. Sie könnte einen Arbeitgeber finden, der ihr den Wandergewerbeschein vorfinanziert, bei dem sie diesen abarbeiten kann. Sie könnte ihren Körper nach ihrem Tod zu Forschungszwecken dem Anatomischen Institut vermachen und dafür zu Lebzeiten auszahlen lassen. Sie könnte illegal ohne Wandergewerbeschein arbeiten.

Die Optionen sind unterschiedlich gut und weil sie diese in der falschen Reihenfolge durchgeht, ist sie gezwungen, gleich alle zu verwirklichen – mit mittelmäßigem Erfolg: Da sie zunächst illegal tätig ist, wird sie zu einer Geldstrafe verurteilt. Um diese abzuzahlen, muss sie ehrliche Arbeit aufnehmen, in der sie sich wiederum für einen Wandergewerbeschein verschulden muss. Da ihre Gesamtschulden nun so hoch sind, dass ihr Gehalt nicht zum Überleben ausreicht, sucht sie das Anatomische Institut auf. Hier beginnt das Stück.

Mehmet Ateşçi & Sesede Terziyan in „Glaube Liebe Hoffnung“, Regie: Hakan Savaş Micans, © Ute Langkafel

Anstatt Elisabeths wechselhaftes Leben facettenreich zu erzählen, konzentriert sich die Handlung auf Momente, in denen sie langsam aber sicher aus diesem herausgezogen wird. Sie selbst hält sich zwar tapfer mit Glaube, Liebe und Hoffnung über Wasser, doch einmal in den Schlingen der Bürokratie verfangen, kann einem auch die wohlgesonnene Gesellschaft um einen herum nicht mehr helfen. Immerhin fehlt ihr ja ein Dokument. Und schließlich haben alle dabei etwas zu verlieren – und sei es nur die Karriere. So trifft sie auf Personen, die ihr zwar Mitleid und Wohlwollen entgegenbringen, und ihr wäre ja durchaus zu helfen, doch am Ende verspricht sich eben niemand einen persönlichen Vorteil davon. Was das Drama zu einem Stück über Verantwortung und die Bedingungen von Mitgefühl und Hilfsbereitschaft macht.

„Ohne Glaube Liebe Hoffnung gibt es logischerweise kein Leben. Das resultiert alles voneinander.“

 

Der Originaltext ist bereits so prägnant, dass die Inszenierung noch nicht einmal in guter Gorki-Manier auf progressive Überspitzungen zurückgreifen muss. Dass das Fehlen des Wandergewerbescheins in diesem persönlichen Drama völlig austauschbar gegen heute begehrtere Dokumente wie eine Arbeitserlaubnis oder Aufenhaltsgenehmigung ist, wird auch so deutlich. Das entzeitlichte Bühnenbild hilft dennoch. Die entfremdeten, zum Publikum gewandten Dialoge erhöhen ebenfalls die Offenheit des Stoffs, musikalische Unterbrechungen dessen Ertragbarkeit. Manchmal fehlt zum Glück bloß ein bestimmter Papierfetzen. Im Gorki und unter der Regie Hakan Savaş Micans wird weder groß moralisiert noch dramatisch aufgeblasen, sondern bloß dahingestellt – was die Inszenierung auf subtilste Weise ins epische Theater verlagert. Irgendwie wird deutlich, dass die Charaktere auf der Bühne sich zwischenmenschlich nicht mit Ruhm bekleckern, und das ungute Gefühl macht sich breit, man müsste sich eigentlich dazustellen. So verbleibt die Inszenierung im Kopf ihres Publikums als kleine Denkanregung. Horváth wird sie damit mehr als gerecht.

Zitate: Ödön von Horváth – „Glaube Liebe Hoffnung“
Titelbild: © Esra Rotthoff

Seltsam einnehmend intim. Hundreds in der Passionskirche

Stell dir vor, in Kreuzberg strömen die Menschen sonntags zu Hunderten in eine Kirche. Hören andächtig zu. Und werden noch nicht mal enttäuscht. Im Gegenteil.


Berlin, 3.12.2017

Gar nicht so leicht, ein gutes Konzert in einer Kirche zu spielen. Gerade die Passionskirche im Bergmannkiez mit ihrem endlosem Hall macht es ihrem Publikum schwer, sich auf die immer häufiger dort stattfindenden Konzerte zu konzentrieren. Sóleys Show im letzten Jahr litt unter dem Sound. Und auch Joco, die dankbarerweise die Hundreds-Tour als Support begleiteten, wirkten gegenüber ihrem voluminösen Albumsound ungekannt dünn. Wie man einem solchen Saal aber wirklich gerecht werden kann, stellten Hundreds, der ewige Geheimtipp, noch am selben Abend ein für allemal unter Beweis.

Auf wundersame Weise gelingt es Hundreds ja schon seit ein paar Jahren, mit einer Musik zu begeistern, die anmutig und verschroben zugleich ist und die sie immer wieder weiterentwickeln. Aus Liebe zum Perfektionismus eignen sie sich allerhöchstens Kleinstteile aus verschiedenen Stilen an, um daraus nur wieder ihren eigenen Sound neu zu entdecken. Gesampelter Gesang, Ambient- oder Dubstep-Elemente können bei einzelnen Songs zentrale Rollen spielen oder ein ganzes Album lang gar nicht auftreten. Was alles durchdringt, sind musikalische Virtuosität, die sich durch Harmonievielfalt, kalkulierte Dissonanzen und kontrolliert arhythmische Elemente auszeichnet, und ein brillianter Gesang, der imposant und melancholisch seinen Weg hindurch findet. Immer wieder ziehen sich die Songs auf Klavier und Gesang zurück in eine gitarrenlose Leere, die dem Ganzen etwas Intimes und Einzigartiges verleiht.

Quelle: Instagram

Auf der gerade beendeten Elektro Akustik Tour, die sie auch in die Elbphilharmonie führte, riefen Hundreds nicht einfach ihre Veröffentlichungen ab, sondern präsentierten erhebliche Weiterentwicklungen der Arrangements. Und spiegelten teils ihre Songs gar in völlig veränderten Versionen. Aus dem einst vergleichsweise leichten Happy Virus wird eine düster aufgeladene, abstrakte Klavierballade. Andere Songs werden mit Elementen des Krautrocks, analogen Synthies und maschinellen Beats, aufgeblasen. Gerade das Spiel zwischen Bekanntem und Neuem erzeugt hier eine Grundspannung, die das Konzert über anhalten sollte. Abgerundet wurde der Berliner Hundreds-Auftritt von einer Kammerchor-Version mit Joco und Missincat des Songs Flume von Bon Iver, einer ähnlich kompromisslosen Band, die in den letzten Jahren gezeigt hat, wie weit sich ein komplett eigentümlicher Sound entwickeln kann. Und schon hat man vier wichtige Vertreter einer jungen Independent-Avantgarde in einem Satz erwähnt. Nicht nur wirkten die von Hundreds präsentierten Versionen, als seien die Songs bloß dafür komponiert worden. Die Passionskirche verräumlichte diese auf denkbar imposante Weise.

Und plötzlich ergab alles Sinn: Alle Formen, die die Songs bisher angenommen hatten, mussten zwangsläufig auf die neuen Fassungen hinauslaufen. Die ganzen Alben und EPs waren nur eine Vorbereitung des Berliner Konzerts. Die gesamte Musikgeschichte von Klassik bis Kraut dient bloß als begrifflicher Kontext für diesen Abend. Und die Passionskirche kann nur zu dem einen Zweck errichtet worden sein, sich von Hundreds einnehmen zu lassen. Das mit den Erscheinungen mag nun so ein Kirchending sein. Dennoch habe ich lange kein so einnehmendes und lang nachwirkendes Konzert besucht.

Beitragsbild: © Lars Kaempf

Tod der Natur – Jovana Reisingers Still halten

Mit ihrem Debüt Still halten gelingt Jovana Reisinger ein benommenes Drama, das in postmoderner Manier eine morbide Perspektive auf Existenz und Gesellschaft wirft.


„Nur die schwachen Geister lassen sich von der Natur einnehmen.“

Still halten ist erzählt als depressiver Monolog seiner Protagonistin, die damit beschäftigt ist, ihrer Umwelt gefällig zu sein, ohne selbst völlig unterzugehen. Teilweise gelingt es ihr ganz gut, gegenüber den Personen in ihrer Umgebung zu funktionieren oder sie dies zumindest glauben zu lassen. Was ihr hilft, ist, Personen als Rollen wahrzunehmen. Was sie herausfordert, sind Situationen, in denen Rollen von Personen ihr gegenüber sich wandeln oder Personen hinter Rollen sich ändern. Ihr Sparkassenfilialleiter etwa wird einfach ungefragt ausgetauscht. Ihre Mutter wechselt die Funktion in ihrem Leben – und liegt, was Ausgangspunkt der Handlung ist, neuerdings im Sterben.

Da die Mutter sich hierzu in einer Privatklinik eines kleinen Kurorts befindet, die Erzählerin sich jedoch in der Stadt aufhält, in die sie vor ein paar Jahren gezogen ist, beschäftigt sich ein großer Teil des Buchs mit ihrem Aufbruchversuch, der sich weniger einfach gestaltet, als es den Leser*innen lieb ist. Denn die stecken tief in der Gedankenwelt der Protagonistin, die sich ständig darum bemüht, sich in den Personen, denen sie begegnet, zu spiegeln, aus ihrer Perspektive heraus die Welt zu begreifen, verschiedene Perspektiven auf sich selbst zu richten, und gedanklich weite Kreise aufzumachen. Gerade eigene Entscheidungen fallen ihre schwer, weshalb sie ausgiebig darüber grübelt, wie sie ihrer Mutter einen letzten Besuch abstatten kann, der eines letzten Besuchs bei der eigenen Mutter würdig ist. Beziehungsweise der der Mutter eines letzten Besuchs ihrer Tochter als würdig erscheinen würde. Der die Tochter der Mutter gefallen lässt.

„Niemand ist jemals für die Mutter von dieser Wohnung aus über Maria Bitter und Maria Elend nach Maria Schmolln gelaufen, um dann in den Luftkurort zu gehen, ohne dabei nur in einer der Wallfahrtskirchen für sie zu beten.“

Ein spannender Effekt ist, dass sich Gedankenwelt und Erzählstil entspannen, sobald sie etwas mehr Ruhe findet. Die sie dann auch findet, als sie in ihre Heimat zurückkehrt, was den Roman deutlich an Tempo gewinnen lässt und seine Anspannung immer mehr in Spannung auflöst. Was ihr jedoch fehlt, sind Bezugspersonen. Denn auch ihr Mann ist derzeit unterwegs. Dass sie trainiert darin ist, sich fremdbestimmen zu lassen, macht nicht nur die Handlung, sondern auch die Erzählweise deutlich, da sie meisten ihrer Handlungen passiv erlebt. Mit ihr wird geredet, über sie wird entschieden, mit ihr wird geschlafen.

„Dem Richard war mein Körper schon immer wichtiger als mir.“

Immer wieder lässt sie sich leiten und beißt sich in kleine Gedanken fest, bis sie sich in fatale Dimensionen in diese hineingesteigert hat. Anstatt eines aktiven Erzählstils entsteht dadurch ein reaktiver, der sich in starke Abhängigkeit von Einflüssen bringt, die von außen auf die Erzählung treffen.

Still halten erschien im Verbrecher Verlag:

Quelle: Instagram

Worauf könnte ein Buch nun hinauslaufen, das zu Beginn einen depressiven Hauptcharakter mit der Nachricht konfrontiert, dass die Mutter im Sterben liegt? Genau, auf eine Auseinandersetzung mit Leben und Tod. Das wäre weit weniger innovativ, würde Jovana Reisinger dabei nicht so ein interessantes Gegensatzpaar aufmachen. Zwar lässt das Buch konträre Charaktere aufeinandertreffen, aber diese sind sich in gewissen Punkten seltsam einig, vor allem in ihrer Auseinandersetzung mit der Natur. Denn sowohl seine Protagonistin als auch der Förster ihres Heimatdorfs, der sich in der Handlung zum immer größeren Charakter entwickelt, begreifen die Natur als ständige Existenzbedrohung. Für ihn ist die Gefahr strukturell, aber so lang es Leute wie ihn gibt, zähmbar. Für sie ist die Angst persönlich. Die Natur, konkret der Wald, wird sie alle einholen. Sie ist die letzte in der Reihe, er wartet nur auf sie.

„Die Fläche hinter mir ist überschaubar, ich kann mich beim Zurückgehen durch den Garten nicht verirren. Ich kann den Ausgang nicht verfehlen. Ich kann mich hier nicht mehr verlieren. Ich darf nur nicht in den Wald geraten. Und ich bin das letzte Opfer, das es noch zu holen gilt.“

Das Gegensatzpaar Kultur–Natur bildet die Verbindungslinie zwischen den Gedankenwelten des konservativen Dörflers und der feministischen Städterin. Nur könnten die Sphären, die sie davon berührt sehen – hier die dörfliche Gesellschaft mit ihrer Forst- und Landwirtschaft, da die bloße Existenz – unterschiedlicher nicht sein. Zwar beginnen beide von einem bestimmten Punkt im Roman an wie damit, wie besessen Tiere zu erschießen. Aber die Mikroperspektive auf die nichtsdestotrotz unterschiedlichen gedanklichen Sphären, die die Personen haben, gibt Still halten etwas Besonderes.

Damit und mit ihrem assoziativen Schreibstil schafft Jovana Reisingers ein kleines wie feines, depressives Gesellschaftsportrait österreichischen Lebens, das am Ende viele Kreise schließt und bloß eine wichtige Frage offenlässt: Darf man seiner toten Mutter eigentlich die Finger brechen?

„Was macht es ihr schon aus, wenn ihr eine Hand gebrochen wurde, sie wird nie wieder meinen Kinderkopf damit streicheln können. Jetzt hat sie endlich ihr Kind verloren und kriegt es nicht mit!“

alle Zitate © Jovana Reisinger / Verbrecher Verlag

Japanischer Indie, Filmmusik, Spirit Fest, Notwist und die Kunst. Im Gespräch mit Markus Acher

Markus Acher steckt mal wieder in zahlreichen Projekten, weiß nicht einmal mehr, wann er mit Notwist proben soll. Dabei machen sie doch grad ein neues Album. Aber alle Bandmitglieder sind derzeit viel unterwegs. Er selbst sucht den Austausch mit japanischen, britischen und US-amerikanischen Musiker*innen, welcher aktuell in Bands wie Spirit Fest oder Hochzeitskapelle aufgeht.

Die großen Fragen („Heißt es ‚Notwist’ oder ‚The Notwist’?“) wurden von dieser Seite bereits letztes Jahr im Interview geklärt. Am Rande des European Art Cinema Day, für den er in Berlin war, gab es wieder Gelegenheit für ein Gespräch. Höchste Zeit, weiter in die Tiefe zu gehen, über aktuelle Veröffentlichungen und seine künstlerische Arbeitsweise selbst zu sprechen.


Notwist gilt für viele, auch international, als relevanteste deutsche Indie-Band. Hättet ihr das bei der Gründung für möglich gehalten?

Nein, natürlich nicht. Als wir angefangen haben, waren da einfach Weilheim, Frust und Langweile und ein Rauswollen aus der Kleinstadt. Vor der eigentlichen Notwist-Besetzung gab’s schon eine frühere Besetzung, die stark von Underground und Punk beeinflusst: Velvet Underground und Camper Van Beethoven waren die Vorbilder. Das, wozu der Originalpunk geworden war, Deutschpunk zum Beispiel, hat mir nicht gefallen, aber über Frontline Mailorder habe ich die ganzen amerikanischen Hardcore-Bands kennengelernt. Aus diesen Einflüssen hat sich die Notwist-Trio-Besetzung gegründet.

Wir haben versucht, in diese Richtung zu gehen. Von der ersten Besetzung waren zu dem Zeitpunkt nur noch als Schlagzeuger Mackie Messerschmidt und ich dabei. Wir haben noch meinen Bruder als Bassisten gefragt, der kurz davor bei einer anderen Punkband aufgehört hatte. Das war so 1987. 1990 kam die erste Platte. Ich weiß gar nicht mehr, wie wir an das erste Label kamen. Die haben uns irgendwo gesehen. Die Hardcore-Szene war ja damals noch sehr vernetzt und man kam als Vorband für amerikanischen Bands von einem Jugendzentrum zum anderen.

Setzt es euch, wenn ihr an neuer Musik arbeitet, unter Druck, dass die Songs mittlerweile ein so großes Publikum finden?

Schon ein wenig. Aber wir versuchen sowieso immer, einen Außenblick in unsere Arbeit miteinzubeziehen. Die letzte Instanz sollte sein, was man selbst gern hören würde. Aber mit zunehmendem Alter der Band und der Anzahl der Platten, die wir schon gemacht haben, fängt man natürlich an, zurückzublicken und zu schauen, ob man nicht das Gleiche schonmal gemacht hat, nur cooler und besser. Das ist eigentlich immer das größte Problem. Man will ja immer etwas machen, das man selber in der Form noch nicht gemacht hat, oder im besten Fall etwas, was es an sich sonst noch nicht gibt. Wir sind uns zwar bewusst, dass man nie etwas komplett selbst erfindet, sondern sich selbst irgendwo her zusammensucht, aber probieren immer, etwas zu finden, für das es zur bestimmten Zeit in genau dieser Kombination und dem Arrangement einen Grund gibt, es zu machen.

„Bestimmte Platten klingen für mich auch rein intuitiv eher farbig, andere monochrom. Also fange ich oft damit an, diese Aspekte zu hinterfragen und mit ihnen zu arbeiten.“

Markus Acher über sein Arbeit

Ist dieser Ansatz auch Ausgangspunkt dafür, dass ihr euch alle an so vielen weiteren Projekten beteiligt?

Ja. Es ist eine gute Art, sich Inspiration zu holen oder Verantwortung abzuwälzen. Zum Beispiel sind an dem Projekt Spirit Fest, mit den beiden Mitgliedern Saya und Takashi Ueno von Tenniscoats, Mat Fowler von Jam Money und Cico Beck (Joasihno, Aloa Input, You + Your D. Metal Friend, Notwist), Personen beteiligt, die sehr viel einbringen, genauso viel wie ich. In so einem Umfeld kann man einfach loslassen und weiß, dass etwas Cooles dabei herauskommt. Das Debütalbum erscheint im November bei Morr Music.

Und wie entsteht ein Projekt wie Spirit Fest? Habt ihr im Vorfeld Songs ausgetauscht oder ist alles in den zwei gemeinsamen Aufnahmewochen entstanden?

Bei Spirit Fest haben alle ihre eigenen Stücke mitgebracht, die schon komponiert und getextet waren. Aber dazu, wie wir sie arrangieren und aufnehmen würden, gab es vorher keinerlei Kommunikation. Letztendlich wusste ich auch nicht genau, was sie mitbringen und dass sie überhaupt etwas mitbringen. Aber ich bin schon lange großer Fan, habe die Band 2005 entdeckt, als wir mit Lali Puna zum ersten Mal in Japan waren. Damals habe ich mir einen Sampler namens Songs for Nao gekauft, auf dem sie selbst, aber auch viele Bands aus ihrem Umfeld versammelt sind. Dadurch bin ich auf sie aufmerksam geworden und habe angefangen, nach ihrer Musik zu suchen, ihre CDs zu bekommen, weil es mich extrem angesprochen und berührt hat.

Während der Aufnahmen in München, © Spirit Fest

2009 erschien eine gemeinsame Platte von Tenniscoats und The Pastels aus Schottland, von denen ich auch großer Fan bin. Durch diese und andere Kollaborationen der Band – etwa mit der schwedischen Band Tape, diversen japanischen Künstlern oder dem australischen Soundkünstler Lawrence English– ist die Idee zu diesem Projekt etwas näher gerückt. Ich habe, bevor wir nochmal mit Lali Puna in Japan waren, gesehen, dass sie inzwischen bei Afterhours veröffentlicht haben, einem befreundeten Label in Tokio, das auch Notwist-Alben lizensiert hat. Die haben für uns auf meine Bitte ein Treffen mit Tenniscoats organisiert. Wir haben uns auf Anhieb verstanden und sie haben gleich gefragt, ob wir nicht eine Kollaboration machen wollen. Als wir im letzten Jahr zum ersten Mal das Alien Disko-Festival organisiert haben, waren sie gleich die erste Band, die ich vorgeschlagen habe. Wir haben direkt ausgemacht, dass sie ein paar Tage eher kommen und wir die Gelegenheit nutzen, um Aufnahmen zu probieren.

Wie stießen Mat Fowler und Cico Beck zum Projekt?

Die habe ich eingeladen. Ich habe mich gefragt, was noch dazu passt. Mit Cico mache ich viel in München. Er ist ja inzwischen auch bei Notwist und ist ein sehr guter Musiker, der sich extrem gut in eine bestimmte Art von Musik einfühlen kann. Mit Mat habe ich mich auch gut angefreundet. Ich hatte mir die erste Platte von Jam Money direkt bei ihnen bestellt, weil noch kein Vertrieb sie hatte. Darauf hat er sofort geantwortet und schrieb, dass er auch Musik von uns kennt. Wir haben dann viel per E-Mail geschrieben. Irgendwann habe ich ihn gefragt, ob sie ein Album bei unserem Label Alien Transistor veröffentlichen möchten – was sie dann auch gemacht haben. Er ist ein guter Typ und hat einen total eigenen, kunstvollen Ansatz, Musik zu machen, sieht in jedem Gegenstand einen Klang, den er einbauen kann, und geht sehr spielerisch an die Musik heran. Er stellt immer wieder alles auf den Kopf und experimentiert sehr viel, zum Beispiel mit Spielzeuginstrumenten oder jetzt auf der Platte mit Steinen oder einem Radio. Er war für den generellen Klang der Platte sehr wichtig.

Das Video zu Hitori Matsuri liefert Eindrücke aus dem Studio

Quelle: YouTube

Die Musik, die Tenniscoats auf ihren eigenen Alben macht, lebt durch starke Präsenz, deine Projekte zeichnen sich ja eher durch Subtilität aus. Gerade mit Rayon hast du zuletzt ein sehr subtiles, bedrückendes Album veröffentlicht. Auf dem Album fügt es sich für mich zu einem intimen, aber auch optimistischen Sound zusammen. Hattet ihr im Vorfeld eine Intention, dass ein solches Album dabei herauskommt?

Mein Ansatz war wirklich bloß, dass ich ihre Musik nicht höher schätzen könnte. Wäre Neil Young zu Besuch gekommen, wäre ich wahrscheinlich weniger aufgeregt gewesen. Deswegen wollte ich eine Atmosphäre schaffen, die passt und das Besondere an der Band bestmöglich unterstützt. Und das besteht eben darin, dass sie unglaublich intensive Musik machen, auch wenn sie erstmal vielleicht einfach und nett klingt. Aber sie hat eine unglaubliche Tiefe und Traurigkeit, die einen aber gleichzeitig festhält. Man suhlt sich nicht darin, sondern sie ist vielleicht wirklich, wie du es beschreibst, optimistisch.

Wir sind dann auch nicht in eine normales, anonymes Studio gegangen, sondern zu einem Freund von uns, zu Nico, der mit Cico bei Joasihno spielt. Er hat ein Studio in seiner Wohnung, mit zwei Räumen. Im einen steht nur ein Mischpult, im anderen sein Bett und Mikrofone. Dort haben wir eng aneinander aufgenommen. Das hört man eben auch, es war sehr respektvoll. Alle haben wahnsinnig aufeinander gehört, was für alle eine außergewöhnliche Erfahrung war. Auch wenn es bei jedem Stück zusätzliche Overdubs gibt, ist ein Großteil der Platte und das Grundgerüst aller Songs aber eigentlich immer live gespielt und gesungen.

Ihr geht ja im Dezember gemeinsam auf Tour. Durch die räumlichen Distanzen stelle ich mir die Vorbereitung etwas schwierig vor. Schließt ihr euch vorher nochmal an einem bestimmten Ort ein, um die Konzerte vorzubereiten?

Zweimal haben wir ja schon zusammen live gespielt –in Köln und in München– und ich glaube, jeder weiß noch, was er da gespielt hat, und wir werden alle auch immer wieder Songs komponieren, die wir schnell, vielleicht schon während der Tour, erarbeiten. Einen Tag bevor die Tour in Genf startet, treffen wir uns dort schon und spielen alle Songs in einem Proberaum durch, den wir dafür angemietet haben, um es einmal wieder gespielt zu haben. Aber bei allen, die da mitspielen, gibt es nicht so etwas wie Fehler bzw. wenn jemand einen Fehler macht, ist das nichts Schlimmes oder wird nicht als Fehler betrachtet. Alles ist sehr offen und aus allem, was passiert, kann etwas gemacht werden. Tenniscoats selbst gestalten ihre Konzerte auch immer sehr offen und sie improvisieren gerne, was einen, wenn man es live sieht, in seinen Bann zieht.

Tourdaten:

Quelle: Facebook

Damit treffen in dem Projekt aber auch sehr unterschiedliche künstlerische Herangehensweisen aufeinander, oder?

Definitiv. Ich lerne bei jedem Projekt sehr viel, was mir auch sehr wichtig ist. Notwist zum Beispiel hat auch Freiräume, aber im Studio ist meistens alles sehr kontrolliert, und mit Tenniscoats ist es eben anders. Sie wissen ganz genau, was sie tun, aber sie haben eben eine grundsätzliche Offenheit, hören gerne zu, reagieren darauf, wenn etwas anders passiert, und nehmen es gerne auf. Bei Konzerten beziehen sie gern ihr Publikum mit ein, lassen es mitsingen. Das klingt zwar ziemlich hippiemäßig, ist es aber gar nicht, sondern anrührend und toll. Man kommt da schnell etwas ins Schwärmen.

Tenniscoats im Konzert:

Quelle: YouTube

Heute (15. Oktober) bist du aber wegen ganz anderer Kollaborationen in Berlin. Das IL KINO in Neukölln gestaltet zum European Art Cinema Day einen Thementag zu deinen bzw. euren Film-Soundtracks. Gezeigt werden neben der Notwist-Doku On / Off The Record, die Filme Was bleibt, Absolute Giganten, Solo Swim, N-Capace und Sturm, allesamt mit Soundtracks von Notwist bzw. von dir allein. Das sind sehr unterschiedliche Filme. Wie entscheidest du oder wie entscheidet ihr als Band, an welcher Filmproduktion ihr euch beteiligen möchtet?

Die Projekte, die wir auswählen, sind die thematisch für uns interessantesten, die uns auch als Idee oder Geschichte ansprechen, und bei denen wir uns etwas dazu vorstellen können. Wichtig ist uns auch, bei dem Regisseur oder der Regisseurin zu merken, dass wir miteinander gut klarkommen und verstehen, was sie erschaffen wollen. Uns ist wichtig, vorher zu erkennen, dass es eben keine schrecklichen, kitschigen Vorabendfilme werden. Mit Jörg Adolph, der unsere Musik auch abseits von Solo Swim schon in mehreren Dokus eingesetzt hat, oder Hans-Christian Schmid, dessen Filme Was bleibt und Sturm wir vertont haben, ist es inzwischen ein vertrautes und einvernehmliches Zusammenarbeiten, bei dem man ungefähr weiß, was der andere macht und kann.

Ist das dann die Arbeitsweise: Man stimmt seine Ideen ab und erarbeitet sie für sich allein?

Das ist ganz verschieden. Beim Dokumentarfilm zum Beispiel gibt es ja nicht so etwas wie ein Drehbuch, sondern man kennt das Thema, bekommt vielleicht schon erste Bilder zu sehen und eine Grundidee, was wichtig ist. Aber sehr viel mehr gibt es nicht. Man bekommt immer wieder neue Bilder zu sehen. Jörg aber verarbeitet die Musik sehr intensiv und lässt sich stark von ihr inspirieren. Dadurch entwickelt sich der Film mit der Musik, die man ihm gibt. Also geben wir ihm immer wieder Musik, er hört es sich an, und bei manchen Sachen sieht er, was im Film wie verarbeiten kann. Dadurch entsteht ein Dialog.

Das heißt bei Dokumentarfilmen ist die Musik viel stärker an der Entwicklung des Narrativs beteiligt als bei Spielfilmen?

Mehr noch: Musik und Bilder kommunizieren auf eine Art, die sogar eher ein Weggehen vom Narrativen ist, die Musik teilweise in den Vordergrund rücken lässt und die Bilder darauf zuschneidet. Bei Hans-Christian Schmids Filmen dagegen gibt es natürlich ein ganz klares Drehbuch, und es vor allem darum, mit der Musik auszudrücken oder zu verstärken, was in der Handlung vorkommt, aber man vielleicht in den Bildern allein noch nicht sieht. Man kann dadurch ein wenig in die Leute hineinsehen, interpretieren und etwas komponieren, was dienlich für die Geschichte, den Film und seine Figuren ist.

Eine aktuelle Kollaboration zwischen Hans-Christian Schmid und Notwist: die ARD-Serie Das Verschwinden

Quelle: YouTube

Was ist für dich als Künstler an diesen Kollaborationen der wichtigere Aspekt: dass sich beides am Ende zu einem sehenswerten Film zusammenfügt oder dass dich Bilder zu neuer Musik inspirieren, die dann auch wieder ohne die Bilder funktionieren? Ihr veröffentlicht ja teilweise auch Soundtracks.

Als wir mit Soundtracks angefangen haben, haben wir noch stärker auf die Musik an sich gehört. Aber je länger man weitermacht, desto mehr sieht man, dass die Musik für sich allein zu leer und langweilig klingt. Aber im Zusammenhang mit den Bildern, gerade wenn es um etwas Erzählerisches geht, kann ein einzelner Ton schon eine unglaubliche Wirkung haben und wahnsinnig viel auslösen. Deswegen würden wir auch nie alles, was wir für einen Film machen, veröffentlichen. Unser Soundtrack-Album Sturm ist so ein Mittelding. Im Nachhinein hätte ich aus heutiger Sicht auch nicht mehr die Platte in dieser Form und dem Umfang veröffentlicht. Aber Messier Objects war das Gegenteil und wir haben wirklich versucht, aus allem, was es von uns an Theater- und Hörspielmusik gibt, etwas zusammenzustellen, was wirklich musikalisch für sich steht und einen ganz neuen Zusammenhang ergibt. Man muss dafür nicht mehr wissen, dass eine bestimmte Stelle nun bei Solo Swim die weite des Meeres illustriert. Bei Messier Objects fügt sich ein wildes Durcheinander auf eine Art zusammen, die es wieder einen Sinn ergibt.

Die meistens Songs des Albums sind auch bewusst nicht beschriftet, um sie zu entkoppeln?

Genau. Es sollte keine Vorgabe geben, wie man es sich anzuhören hat. Es steht einfach für sich und man kann sich seine eigene Idee dazu machen.

Was auch teilweise in Messier Objects aufgeht, ist eure Zusammenarbeit mit Jette Steckel für das Deutsche Theater bei Sartres Das Spiel ist aus. Wenn jedes Projekt und jeder Film, wie du sagst, eine andere Arbeitsweise erfordert, wie funktioniert dann die Vertonung für ein Theaterstück?

Das Stück ist ein Zwischending, weil auch mit Filmsequenzen im Theaterstück gearbeitet wird. Der Anfang des Stücks wird komplett als Kurzfilm präsentiert, der im Endeffekt eine Art Stummfilm ist, bei dem die Handlung klar erzählt wird, aber dazu läuft ein fast 13 Minuten langes Stück von uns. Die Vorgabe war, dass die Musik hierzu einen starken Zug benötigt, aber trotzdem diese Spieldauer benötigt und zu den Bildern funktionieren muss. Wir haben also eine Weile gesucht, bis wir etwas hatten, das dem Film gerecht wird. Denn bei einem einfachen Loop hört man nach acht Wiederholungen weg – was ja auch das Schöne an Minimal ist: Man gelangt durch die Musik woanders hin und die Musik selbst ist eigentlich gar nicht mehr da. Aber bei dem Stück sollte die Musik auch einfach in gewisser Weise permanent stressig sein. Im Theaterstück selbst gab es dann auch Stücke von uns, die gesungen werden oder im Hintergrund laufen.

Mit Jette Steckel zu arbeiten, ist super. Sie ist sehr genau, hat eine genaue Vorstellung und ist gleichzeitig total offen. Sie hinterfragt in ihrer Arbeit auch immer wieder die Situation und Theater an sich, wie bei Das Spiel ist aus, wo ja das Publikum auf der Bühne sitzt und die Schauspieler im Zuschauerraum sind. Das macht großen Spaß und ist sehr ergiebig. Und bei Jette Steckel kann man, was sonst selten der Fall ist, eben auch sagen: „Es wäre vielleicht gut, wenn die Musik hier laut ist“. Und dann ist sie eben auch laut.

Notwist – Das Spiel ist aus 

Quelle: Soundcloud

Das ist beim Film wahrscheinlich anders.

Beim Film funktioniert das nicht. Da sind wir auch gar nicht mehr beteiligt, sondern es gibt eigens Sound-Designer. Bestimmte Frequenzen würden einen Dialog übertonen. Und sobald die Musik auffällt und man nichts mehr versteht, funktioniert es nicht mehr als Soundtrack.

Wie du letztes Jahr im Interview angedeutet hast, ist es für dich auch unabhängig von Film und Theater Teil des künstlerischen Prozesses, unterschiedliche Kunstformen zu transferieren. Wie genau beeinflussen dich visuelle Medien?

Das ist eher etwas Intuitives. Ich kann nicht benennen, was genau es macht. Bei Musik denke ich oft sehr visuell. Oft ist es ja so, dass man in der Stimmung eines guten Films noch eine ganze Weile verbleibt, und alles ist, wie in diesem Film. Oft sehe ich ein Bild, bei dem ich feststelle, dass es auf eine andere, eine visuelle Art sehr gut das ausdrückt, was ich bei einer Platte oder einem Lied suche oder ausdrücken möchte. Bestimmte Platten klingen für mich auch rein intuitiv eher farbig, andere monochrom. Also fange ich oft damit an, diese Aspekte zu hinterfragen und mit ihnen zu arbeiten. Ich befasse mich nie mit Kunsttheorien oder -konzepten, sondern es ist ein unterbewusstes Antriggern oder Ablenken, um auf andere Ideen zu kommen und es sich anders anhören zu können.

Wie würde deine Musik ohne diese Einflüsse klingen – also wenn du nur geschlossen im Studio arbeiten würdest?

Es wäre garantiert anders. Beziehungsweise würde es bei mir gar nicht funktionieren. Ich bin mir sehr bewusst, dass ich alles, was ich mache, im Endeffekt nur zusammenklaue. In Kleinteilen kommt auch jede Melodie von irgendwo her. Auf eine Art sollte man versuchen, das zu finden, was an einem Kunstwerk so berührt, dass es einem im Gedächtnis bleibt, und etwas ausdrückt, was man anders nicht ausdrücken kann. Etwas, das eine Kraft hat, Erfahrungen auszudrücken, die mit Worten sehr schwer bis gar nicht auszudrücken sind. Wenn man diesen Kern mit dem trifft, was man selbst macht, und nicht nur eine Form, zum Beispiel eine Musikrichtung, adaptiert, sondern überlegt, was einen an einem bestimmten Stück eigentlich berührt, kann das nur unbewusst funktionieren. Für mich ist es essenziell, viel zu hören. Aber ich bin eh ein Sammlertyp und in erster Linie Fan von ganz vielem, höre und schaue mir viel an, lese Bücher, sehe viele Filme. Ich bin kein Techniker. Denn sich technisch mit etwas auseinandersetzten ist ja auch so ein Ansatz, der zu etwas Großartigem führen kann. Nur eben nicht meiner.

Ein weiteres Nebenprojekt von Notwist: Hochzeitskapelle

Quelle: SoundCloud

Gibt es denn aktuell Werke, zum Beispiel Filme, die dich besonders inspirieren?

Filme momentan weniger, weil ich es zurzeit so selten ins Kino schaffe. Ich konnte mir bisher noch nicht einmal Blade Runner 2049 anschauen, den ich unbedingt sehen möchte. Ich bin großer Fan des Originalfilms. Es sind zurzeit eher Bücher und Platten – und Fotografen. Vitas Luckus aus Riga zum Beispiel, ein Fotograf, der sich tragisch umgebracht hat, von dem ich mir, als wir in Italien auf Tour waren, zwei Bücher mit seiner Werkschau gekauft habe. Das hat mich zuletzt sehr beeindruckt und ich sehe es mir immer wieder an. Platten gibt es viele. Gerade habe ich Oro Swimming Hour gehört, ein neues Duo aus England, das ein großartiges Album gemacht hat: Gitarre, Gesang, eine bestimmte LoFi-Ästhetik, Orgeln, unglaubliche Stücke.

Und das neue Album von Ryuichi Sakamoto habe ich mir öfter angehört, dem vielleicht berühmtesten japanischen Musiker. Er war früher bei Yellow Magic Orchestra, die, was sie wahrscheinlich nicht so gerne hören, als japanische Kraftwerk gelten. Sie haben in den 80ern viel mit Synthesizern gearbeitet, waren international, auch hier, sehr erfolgreich und haben eine Art sehr tanzbares Proto-Electro entwickelt. Und Sakamoto wurde vor allem durch den Soundtrack zu Merry Christmas, Mr. Lawrence mit David Bowie sehr berühmt. Er macht zwar viel pianolastige, aber eben auch stark experimentelle und avantgardistische Musik.

Besteht die Chance auf eine Zusammenarbeit?

Nein! Auf keinen Fall. Er ist viel zu groß! Wie Brian Eno. Ich muss ja sagen, schon die Zusammenarbeit mit Tenniscoats kam mir sehr egoistisch vor, weil ich einfach ein großer Fan bin. Beim Studioaufenthalt gab es schon Momente, in denen ich mir dachte, „Markus, was machst du denn da? Die haben so tolle Platten mit anderen gemacht. Was kannst du schon einbringen, was sie nicht eh auch schon gemacht haben oder machen können?“

Musiktipp von Markus Acher: Oro Swimming Hour

Quelle: YouTube

Woran arbeitest du aktuell?

An neuen Notwist-Sachen. Wir möchten nächstes Jahr wieder ein Album veröffentlichen. Beim Alien Disko Festival spielen wir im Dezember in München. Wir müssen dort fast spielen, weil viele bisher nicht so bekannte Projekte dort auftreten. Also hoffen wir, dass einige Notwist-Leute kommen, denen wir die anderen Projekte vorstellen. Wir spielen aber nicht ein normales Programm, wie letztes Jahr, sondern greifen viele unserer Filmkompositionen auf.

Werdet ihr dort auch schon neue Songs spielen?

Das weiß ich noch nicht. Leider sind alle vielbeschäftigt. Überhaupt Termine zum Proben zu finden, wird schon abenteuerlich. Die Zusammenstellung des Festivals war schon sehr viel Arbeit.

Aber ich nehme momentan auch Songs mit Odd Nosdam auf. Wir haben bereits fünf Lieder. Er kommt aus dem Umfeld des Anticon-Labels, bei denen Themselves sind, mit denen wir die Band 13&God gemacht haben. Deren Rapper Doze One hatte die Band cLOUDDEAD – eigentlich die Königsband des ganzen Kosmos. Odd Nosdam war in dem Trio der Produzent und hat eine ganz eigene Art zu produzieren. Super Typ. Er ist bei Notwist-Konzerten in Amerika mitgefahren und hat vor unseren Show aufgelegt oder gespielt. Wir sind in den Städten herumgezogen, sind zusammen in Plattenläden gegangen und haben uns Alben empfohlen und zugesteckt. Daraus haben sich Freundschaft und musikalischer Austausch entwickelt. Wir sind auf einem Nenner, nur dass er den Hiphop-Background hat, sowie Noise und Ambient, bei mir eher Indie und Jazz. Aber wir treffen uns in den Schnittmengen in der Mitte und schicken uns Songs hin und her. Irgendwann soll eine Platte dabei herauskommen. Ich weiß nicht wann und hoffe bald.

Es gibt noch ein weiteres Projekt, auch mit einem japanischen Musiker: Hochzeitskapelle. In der Band spielen wir rein akustisch, mit Tuba, Posaune, Banjo, Bratsche und Schlagzeug. Wir spielen in der Formation sehr gerne, weil es so unkompliziert ist und man sich einfach ohne Vorbereitung hinsetzen und rein akustisch losspielen kann: auf dem Markt, an der Isar, auf Geburtstagsfesten, in der Wirtschaft. Unter anderem spielen wir auch die Komposition eines japanischen Musikers, Kama Aina, der ganz tolle Musik macht. Wir mögen das Stück, genau wie viele andere Leute, sehr gern und haben ihm unser Album geschickt. In Japan habe ich ihn dieses Jahr getroffen, als ich Tenniscoats besucht habe. Nächsten Monat kommt er nach Deutschland und wir werden gemeinsam eine Platte mit Stücken aufnehmen, die er extra für Hochzeitskapelle komponiert hat und treten mit ihm auf einem Festival auf.

Dankeschön für das Interview.


Spirit Fests Debütalbum erscheint am 1o. November bei Morr Music und klingt in etwa so farbenfroh wie sein Cover aussieht:

Cover und Titelbild: © Spirit Fest

Kettcar. Am Ende der Geduld

Das neue Kettcar-Album heißt Ich vs. Wir und ist ein scharf einschlagendes, Musik gewordenes böses Erwachen. Musikalisch besinnt sich die Band auf alte Zeiten, textlich ist sie besonnen wie nie.


Dabei kommen sie nicht ohne Proto-Kettcar-Phrasen wie „Irgendwann ist immer nur ein anderes Wort für nie“ oder die Mitsingparole „Das Beste ist immer der Feind des Guten“ aus. Bloß drumherum hat sich einiges verändert. Die über vier Alben ausgebreiteten Themen wie das Älterwerden ohne den Selbstverrat, Linksbleiben in Phasen des Reichtums, die Adressierung von Ängsten oder die Verarbeitung von Verlusten rücken in den Hintergrund. Im Vordergrund steht das Konkrete: die Selbstbestimmung im Hier und Jetzt.

Denn die scheint für die Band ein ernsthaftes Problem darzustellen. Zum Vergleich: Im Sommer ’89, als die Bandmitglieder um die 20 waren und politisches Engagement noch klare Formen wie Fluchthilfe am Eisernen Vorhang fand, konnte man im Freundeskreis noch mit Leidenschaft und bis weit über die Schmerzgrenze über die Sehnsüchte und Gefahren einer deutschen Wiedervereinigung diskutieren. Heute ist man in dieser Diskussion trotz fast 30 Jahren Erfahrung kaum reicher an Erkenntnissen. Und die politische Debatte selbst ist diffus geworden. Außerdem ist sie deutlich zu weit nach rechts gerückt, wird irrational und populistisch geführt. Als kritisch denkender, sozialer Mensch durchlebt man da schon mal Zyankali-Tage, an denen doch recht deutlich wird, dass Menschen keinen Sinn ergeben. Was tun? Hier gibt es mehrere Möglichkeiten.

Quelle: YouTube

Option 1: Eskapismus.

Zum Flughafen fahren, in die Ankunftshalle setzen, Leute bei Begrüßungsszenen beobachten. Wie sie etwas Aufrichtiges tun. Sie als echte Menschen mit echten Gefühlen betrachten. Sich klarmachen, dass sie nicht alle und nicht immer eine Meute sind. Das funktioniert so lange gut, bis die letzte Nachtmaschine abgefertigt wurde. Und selbst Fußballgucken hat seine Grenzen. Als langjährige St.-Pauli-Fans stehen Kettcar ja exemplarisch für linke Fußballkultur, die den Sport liebt, sich an nationalistischen Fußballkulturen aber soweit hochschaukeln kann, dass die Mannschaftsausstellung zum metaphorischen Politikum wird und einen im Länderspiel aller sportlichen Grundlage entbehrend plötzlich gegen Deutschland sein lässt. Aus Panik.

Option 2: Gedanken sortieren.

Wie kann es eigentlich zu egoistischen Massenbewegungen kommen? Steht da nicht Ich vs. Wir? Wie formen viele Ichs ein Wir der Einzelinteressen und formieren daraus dann auch noch eine Wagenburg? Das wäre ja auch praktisch zu wissen, um eine Gegenbewegung zu bilden. Aber einem widersprüchlichen Gedankengang kann man nunmal nicht mit Rationalität Herr werden, sondern verheddert sich bloß und kommt in derselben Starre aus, die ja Ausgangspunkt des Ganzen war. Es hilft nur eins.

Option 3: Handeln.

„Mama sagte, achte auf deine Gedanken, denn sie werden deine Worte. Und mit ein paar Worten fing das Ganze an.“

Kettcar – Benzin und Kartoffelchips

Aber wie denn nun? Nur weil man Unsinn nicht sortieren kann, bleibt man ja ein rationalen Denkens fähiges Wesen. Da wird man ja wohl nicht die Geduld verlieren und sich zu Gewalt hinreißen lassen. Denn mit einem Jahr im Gefängnis ist ja auch keinem geholfen.

„Mama sagte, achte auf deine Worte, denn sie werden deine Taten. Wir waren nicht betrunken, nicht in der Unterzahl.“

Kettcar – Benzin und Kartoffelchips

Wobei man ja auch nicht gleich zuschlagen muss. Den Revolver entsichern wäre ja auch erstmal eine Maßnahme. Und mit dieser Maßnahme endet das Album dann auch. Weiter kann Kunst, zumal Indie-Pop-Rock, nicht gehen. Was das Album aber besonders macht, sind die vielen Stellen, an denen genau dieser eine Schritt zu weit höchst elegant umtanzt wird. Man spürt sehr deutlich die Wut der Band darüber, hier überhaupt nochmal in den Ring treten zu müssen. Hatte man nicht damals, zum Beispiel mit …But Alive, schon alles gesagt? Aber wenn schon, denn schon. Also produziert man es aus, denkt es zu Ende, nimmt alle sinnvollen und notwendigen Perspektiven ein, lässt dieses eine Mal wirklich nichts aus. Das Scheitern, das Zweifeln, die Wut, die Ursachen, die Konsequenzen oder den steten Versuch, einfach nur klarzukommen, den Mutspruch:

„Keine einfache Lösung haben, ist keine Schwäche. Die komplexe Welt anerkennen, keine Schwäche. Und einfach mal die Fresse halten, ist keine Schwäche, nicht zu allem eine Meinung haben, auch keine Schwäche.“

Kettcar – Den Revolver entsichern

Option 4: Ich vs. Wir veröffentlichen.

Der bemerkenswerteste Song der Platte bleibt trotz reicher Auswahl die Vorab-Single Sommer ’89, auch wenn die meisten im Kettcar-Publikum ihn vermutlich inzwischen schon totgehört haben. Doch seine konsequent prosaischen Strophen, die vom Schlagzeug durch die Handlung getrieben werden, sind nicht das einzig innovative Arrangement des Albums. Es fällt musikalisch vielseitig aus, lebt durch Ideenreichtum, nicht zuletzt spannende Gitarrenparts. Im Sound scheint es zwar ein bisschen, als entwickelten Kettcar sich im Kreis und wären viel näher an ihrem Frühwerk ausgekommen als am teilweise experimentelleren Vorgänger Zwischen den Runden. Aber sie entwickeln vieles weiter und machen einfach viel mehr daraus als früher.

Auf Ich vs. Wir kommt am Ende niemand zu kurz. Bloß wer sich davon angegriffen fühlt, hat Grund zur Sorge. Es gibt Schlimmeres.

Quelle: YouTube

Kettcars Album Ich vs. Wir erscheint heute bei Grand Hotel van Cleef.

Titelbild: © Andreas Hornoff