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„Die einzige Heilung von Ängsten ist, sich ihnen zu stellen“ – Lars Eidinger im Interview

Der Jude Gilles (Nahuel Pérez Biscayart) kann seiner Exekution entkommen, indem er vorgibt Perser zu sein. Diese Lüge rettet ihn und bringt ihn doch weiter in Gefahr. Gilles wird beauftragt SS-Offizier Koch (Lars Eidinger) Farsi beizubringen – eine Sprache, die Gilles nicht spricht und nun Wort für Wort erfinden muss. Mit seinem Film „Persischstunden“ fordert Regisseur Vadim Perelman sein Publikum heraus. Dass dies auch schmerzhaft für ihn als Schauspieler war, erzählt uns Lars Eidinger im Gespräch.


Herr Eidinger, für Regisseur Vadim Perelman waren sowohl Sie als auch Nahuel Pérez Biscayart seine erste Wahl für die Besetzung der Protagonisten Koch und Gilles. War Ihnen das auch sofort klar?

Dass ich die erste Wahl bin? (lacht)

Dass Sie Koch spielen möchten?

Das war mir klar, nachdem ich das Drehbuch gelesen habe. Selten habe ich ein Buch gelesen, das mir so eingeleuchtet hat. Ich dachte, wenn man diesem Thema begegnen will, dann ist das die adäquate Form. Ich bin inzwischen sehr vorsichtig, was Drehbücher angeht, die in der Zeit des Nationalsozialismus spielen. Hier besteht oft die Gefahr, dass man Geschichte verharmlost, banalisiert oder vielleicht sogar verfälscht.

Was genau hat Sie an diesem Drehbuch angesprochen?

Es ist ein genialer Kunstgriff, eine Verbindung zweier Menschen über eine Sprache zu erzählen, die einer der beiden nur erfindet. Dass sie sich in dieser Sprache treffen und eine Intimität entsteht. Gleichzeitig macht er uns bewusst, was Sprache – und auch Religion und Nationalität – eigentlich ist. Etwas, das von Menschen gemacht ist. Und umso absurder ist es, jemanden dafür zu verurteilen.

Kann denn Kochs und Gilles‘ Beziehung wirklich auf Augenhöhe stattfinden?

Ja, auf einer emotionalen Ebene. Aber natürlich ist die Beziehung auch ein Missverständnis. Einmal, weil die Sprache gar nicht existiert. Aber auch, weil diese Sprache für beide eine unterschiedliche Bedeutung hat. Koch erzählt zwar, dass er die Sprache lernen will, weil er ein Restaurant in Teheran eröffnen möchte. Ich habe es mir jedoch so konstruiert, dass Koch sich in eine Perserin verliebt hat. Für mich als Klaus Koch war dieses „Fake-Farsi“ somit die Sprache der Liebe und für Gilles die Sprache des Überlebens. Bei dem einen geht es um Liebe, bei dem anderen ums Leben. Insofern missverstehen sie sich und begegnen sich gar nicht.

Nahuel Pérez Biscayart und Lars Eidinger in Persischstunden, © Alamode Film

Das „Fake-Farsi“ ist zwar die Sprache der Liebe und des Überlebens. Aber doch auch der Toten …

Ja, das Besondere an dieser Sprache ist, dass sie sich aus den Namen der Insassen speist. Gilles kann die Vokabeln nicht aufschreiben, da er vorgibt, die Sprache zu kennen. Er orientiert sich also an den Namen auf den Listen. „Ich“ heißt beispielsweise „il“, wie Gilles, und „duheißt „au“ wie Klaus.

Und ausgerechnet durch diese Sprache kann sich Koch öffnen.

Meine Figur wird eingeführt als jemand, der Schwierigkeiten mit der Sprache hat und im Deutschen stottert. Kochs Aggression und Dominanz haben viel damit zu tun hat, dass er seine Ängste und Minderwertigkeitskomplexe kompensiert. Diese kommen auch durch das Stottern zum Ausdruck. Das „Fake-Farsi“ ist eine Sprache, in der er plötzlich frei ist.

Inwiefern wird Koch frei?

Koch befürchtet die ganze Zeit, dass man sich über ihn lustig macht. Somit, glaube ich, ist es kein Zufall, dass er jemandem begegnet, der das tatsächlich tut und ihn hintergeht. Diese Person erklärt er zu seinem engsten Verbündeten. Und in letzter Konsequenz weiß Koch sogar, dass er belogen wird. Aber er spielt dieses Spiel mit. Auch Gilles weiß, dass Klaus Koch weiß, dass Gilles ihn betrügt. Beide spielen mit. Das ist wie eine Vereinbarung. Ich fand es interessant, zu behaupten, dass das die eigentliche Intimität ist: das Teilen eines Geheimnisses.

Warum lässt sich Koch hintergehen, obwohl das seine größte Angst zu sein scheint?

Ich glaube, weil die einzige Heilung von Ängsten ist, sich ihnen zu stellen. Ihnen nicht aus dem Weg zu gehen, sondern sich mit ihnen zu konfrontieren.

„Konfrontieren“ ist ein gutes Stichwort. Als Zuschauer*in wird man mit dem Menschen Klaus Koch konfrontiert und kann ihm nicht den für Zuschauer*innen erlösenden Stempel „typischer Nazi, abnormal, böse“ aufdrücken, aber ihn auch nicht als glückliche Ausnahme freisprechen.

Das stimmt.

Wie haben Sie die Figur Koch mit sich und dem Regisseur Vadim Perelman verhandelt?

Wahrscheinlich ist „Konfrontation“ hier wirklich das richtige Stichwort. So versuche ich, allen Figuren zu begegnen. Ich glaube, das ist der Schlüssel. Sowohl für mich als auch für den Zuschauer, eine Erkenntnis zu gewinnen. Man konfrontiert sich mit diesen Figuren und begeht nicht den Fehler, sie von sich wegzuhalten. Denn gerade bei einer Figur wie Koch besteht die Gefahr, zu sagen: „Das hat mit mir nichts zu tun“. Ich glaube, so banal das klingen mag: Es gibt viele Leute, die sich nicht vorstellen können, im Nationalsozialismus auf der Seite der Nationalsozialisten gewesen zu sein. Dabei war es eine Mehrheitsbewegung. Das vergessen die Menschen. Im Nachhinein wird es oft verklärt: „Nazis waren eigentlich nur Hitler, Goebbels, Göring, Himmler. Der Rest waren nur Soldaten, die für sie gekämpft haben.“ Das Gegenteil ist ja der Fall. Und damit muss man sich auseinandersetzen. Es hilft also, zu versuchen, sich in jemandem wie Klaus Koch zu sehen und sich mit ihm zu identifizieren. Dieser Versuch ist natürlich schmerzhaft – auch für mich als Spieler. Es ist immer leichter, sich zu schützen und so etwas von sich wegzuhalten.

Es war sehr bedrückend zu sehen, wie – jetzt hätte ich beinahe menschlich gesagt – aber wie nahbar dieser SS-Offizier gezeigt wird. Menschlich waren und sind ja alle …

Ganz genau, das ist, finde ich, ein interessanter Punkt. Ich habe schon so oft auch im Zusammenhang mit Der Untergang gehört: Man zeige Hitler als Menschen. Das ist doch total abstrus. Natürlich wäre nichts schöner, als die Erkenntnis zu sagen: „Zum Glück, die Nationalsozialisten waren Außerirdische, die sich der Welt bemächtigt haben, und es hat mit uns nichts zu tun.“ Aber die Erkenntnis ist ja, zu sagen: „Das waren Menschen wie du und ich. Das waren wir. Da muss man sich stellen“.

Schon im Geschichtsunterricht bin ich darüber gestolpert, dass gesagt wurde, Hitler habe man am Anfang verharmlost und über ihn gelacht. Die größte Witzfigur unserer Zeit ist Donald Trump, der gefährlichste Mensch. Und ich glaube, es ist an der Zeit, aufzuhören, über diese Menschen zu lachen und anzufangen sie ernst zu nehmen. Und sich ihrer Gefährlichkeit zu stellen.

Wenn man jemanden als Witzfigur abtut, muss man sich nicht ernsthaft mit ihr auseinandersetzen …

Genau, und man erhöht sich und nimmt sich den Impuls zu rebellieren. Der Widerstand oder das Aufbegehren gegen eine Witzfigur verpufft. Ein Feindbild lädt ja viel mehr dazu ein, angegriffen zu werden, als jemand, über den ich lachen kann.

Hatten Sie trotz allem Bedenken, Ihre Figur zu nahbar darzustellen?

Ich war schon überrascht, dass Vadim Perelman der Figur Koch so viel Zuneigung entgegengebracht hat, bis hin zu einer gewissen Sympathie. Es hat, glaube ich, geholfen, dass Vadim Perelman selbst Jude und kein Deutscher, sondern Ukrainer ist, der in Kanada lebt und mit einer Distanz darauf schaut. Vielleicht erlaubt ihm das eher, sich eine Sympathie oder Identifikation einzugestehen. Aber ich denke, dass man solche Figuren gar nicht nahbar genug darstellen kann, eher erhört es den Konflikt. Denn wenn es gelingt, diese Figuren nachvollziehbar zu erzählen, dann ist es für den Zuschauer noch schwerer sie von sich wegzuhalten. Und das ist ja der Anspruch eines solchen Films. Dass der Zuschauer sich erkennt und in einen Konflikt gerät, auch mit sich selbst.

 

Quelle: YouTube

Die Weltpremiere von „Persischstunden“ fand am 22. Februar 2020 als Teil der 70. Berlinale in der Sektion Berlinale Special Gala statt. Am 24. September 2020 ist nun der Kinostart in Deutschland. Der Film von Regisseur Vadim Perelman und Drehbuchautor Ilya Zofin wurde 2019 in Deutschland und Russland produziert und ist 127 Minuten lang.

Vor der Kamera mit dabei: Nahuel Pérez Biscayart, Lars Eidinger, Jonas Nay, Leonie Benesch, Alexander Beyer, Luisa-Céline Gaffron, David Schütter, Guiseppe Schillaci, Antonin Chalon, Mehdi Rahim-Silvioli, u.v.m.

Mehr über Lars Eidinger bei postmondän findet ihr hier.

Titelbild: © Alamode Film

„Schwesterlein“ – nicht ohne ihr Brüderlein

Nina Hoss und Lars Eidinger arbeiten sich im Schweizer Wettbewerbsbeitrag „Schwesterlein“ von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond der 70. Berlinale an existenziellen Themen wie Kreativität als Lebenskraft, dem besonderen Band zwischen Geschwistern und der Angst, Abschied zu nehmen, ab und glänzen im einfühlsamen Spiel miteinander.


Lisa (Nina Hoss) ist Dramaturgin, kann jedoch seit der Leukämiediagnose ihres Zwillingsbruders Sven (Lars Eidinger) nicht mehr schreiben. Sie lebt mit ihrem Mann Martin (Jens Albinus) und ihren zwei Kindern in der Schweiz. Dort leitet Martin ein Eliteinternat. Lisa lenkt sich mit den Pflichten, die sich daraus für sie ergeben, mehr oder weniger erfolgreich von ihrer Kreativitäts- und Schreibblockade ab. Ihr Bruder Sven ist der Star der Schaubühne, Publikumsliebling und nicht zuletzt in seiner Paraderolle als dänischer Prinz Hamlet ein Garant für ein volles Haus. Der Wille, als Hamlet auf die Bühne zurückzukehren, treibt Sven an, gegen seine Krankheit zu kämpfen. David (Thomas Ostermeier) – seines Zeichens Regisseur der Schaubühne – probt derweil das Stück mit der Zweitbesetzung. Lisa glaubt wie ihr Bruder an seine Rückkehr auf die Theaterbühne und versucht ihn gesund zu pflegen. Nach einem erneuten Zusammenbruch und der Verschlechterung von Svens gesundheitlicher Verfassung, müssen beide jedoch die Realität akzeptieren. Lisa findet dadurch zurück zum Schreiben und Sven die Kraft mit dem Kämpfen aufzuhören.

David (Thomas Ostermeier) und Lisa (Nina Hoss), © Vega Film 

Schwester und Bruder gegen den Rest

„Schwesterlein“ beleuchtet eine ganz besondere Geschwisterbeziehung. Zwillinge, die ohne einander nicht können – die beiden gegen den Rest. Ihre Mutter (Marthe Keller): eine ich-bezogene, verhuschte und wenig bodenständige Frau, die einst selbst Schauspielerin war und nun dem politischen Theater Brechts nachtrauert. Lisa und Sven waren also schon immer auf sich gestellt und mussten sich gegenseitig Halt geben, um nicht unterzugehen. Auch dem Regisseur der Schaubühne treten die beiden entgegen. Dieser zweifelt an der Genesung Svens und lehnt seine Rückkehr auf die Bühne ab. Später streicht er sogar die geplante Wiederaufnahme Hamlets und setzt das Stück ab. Niemand scheint die beiden so zu verstehen, wie sie einander verstehen. So versteht auch niemand, dass Sven nicht gesund werden muss, um auf die Bühne zurückzukehren, sondern eben auf die Bühne zurückkehren muss, um gesund zu werden. Die zwei Minuten jüngere Schwester Lisa kümmert sich aufopferungsvoll um ihren „großen“ Bruder. Tut alles für ihn, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen für ihr eigenes Leben.  Schlussendlich kann sie nur tun, was sie seit der Diagnose ihres Bruders nicht mehr tun konnte: Sie schreibt. Für ihn.

Sven (Lars Eidinger) als Prinz Hamlet, © Vega Film

Déjà-vu in einer parallelen Realität

Zu Beginn des Films wirken das Ensemble sowie der Schauplatz, die Schaubühne am Lehniner Platz, befremdlich real. Zu bekannt ist alles. Lars Eidinger spielt Sven, der Hamlet unter der Regie von David, also Thomas Ostermeier, an der Schaubühne spielt. Oder ist Sven doch einfach Lars Eidinger, der im realen Leben Hamlet an der Schaubühne spielt? Man könnte sich hier lange aufhalten und schwadronieren, wie viel Lars Eidinger in Sven, wie viel Thomas Ostermeier in David oder Nina Hoss in Lisa steckt, doch zielt dieses Spiel zwischen den Ebenen auf mehr ab, als Verwirrung beim Publikum zu stiften und Online-Publikationen Futter für Schlagzeilen à la „Selbstdarsteller Eidinger spielt sich selbst“ zu bieten. Es zeigt, wie sehr sich Fiktion und Realität in der Kunst verschränken. Wie sehr Kunst – und in Svens Fall das Schauspiel – kräftezehrend ist, aber gleichzeitig absolute Lebenskraft und -mut bedeutet. Dass die Realität ohne die Fiktion, also der Schauspieler und die Dramaturgin nicht ohne die Kunst sein können und zugrunde gehen. Wäre Sven als Hamlet genesen? Auf der Bühne kann ein٭e Künstler٭in unsterblich werden, doch was ist, wenn ein٭e Künstler٭in auf der Bühne stirbt?

Berührende Vertrautheit der Protagonist٭innen

Bleibt noch die überragende Schauspielleistung der Protagonist٭innen zu betonen. Unheimlich ehrlich und ernsthaft, stark und gleichzeitig verletzlich. In einem Moment erlebt man, wie Sven eine angsteinflößend reale Panikattacke beim Gleitschirmfliegen erleidet, dass sich selbst bei höhenerprobten Menschen kalter Angstschweiß auf der Stirn bildet, und im anderen Moment durchlebt man den kompletten Nervenzusammenbruch Lisas vor einem Krankenhaus-Kaffeeautomaten. Besonders beeindruckend ist, dass die beiden nicht nebeneinander, sondern eben miteinander spielen. Kleine, subtile Gesten und kurze Blicke, die sich die beiden zuwerfen, vermitteln eine Vertrautheit, eine Art Seelenverwandtschaft, die man selten so ernsthaft und frei von Kitsch gesehen hat. Eine der wohl rührendsten Szenen des Films zeigt genau das: Lisa umsorgt ihren Bruder, während dieser sich völlig erschöpft und betrunken übergibt. Sven wiederum sorgt sich um seine kleine Schwester Lisa. Sagt, weinend, kindlich hilflos, doch absolut ehrlich: „Du bist doch mein Schwesterlein, oder? (…) Ich muss auf dich aufpassen.“

Die Premiere fand 24.02.2020 im Rahmen der 70. Berlinale als Teil des offiziellen Wettbewerbs statt. Seinen Kinostart hat „Schwesterlein“ am 29.10. Bis dahin gibt’s schonmal den Trailer:

Quelle: YouTube
Titelbild: © Vega Film