Alle Artikel von Dirk Sorge

Logik für die Krise

Vieles können wir uns kaum anschaulich vorstellen: exponentielles Wachstum, unsichtbare Viren und Handlungen, deren Konsequenzen wir erst in zwei bis drei Wochen bemerken. Die gegenwärtige Krise zwingt uns zum abstrakten Denken. Wenn die Welt da draußen so unberechenbar ist, brauchen wir ein paar feste Anker für unser Denken. Zeit für ein bisschen Logik!


Konträr oder kontradiktorisch?

Die Sätze „Heute ist mein Geburtstag“ und „Heute ist nicht mein Geburtstag“ widersprechen sich ganz offenkundig. Sie können nicht beide zugleich wahr sein. Wenn der erste Satz wahr ist, ist der zweite Satz falsch; und umgekehrt. Sie sind kontradiktorisch.

Der Satz „Die Erde ist ein Würfel“ widerspricht ebenfalls offenkundig dem Satz „Die Erde ist eine Pyramide“. Sie können nicht beide zugleich wahr sein. Sie können aber sehr wohl beide zugleich falsch sein (und sind es vielleicht sogar). Die Sätze sind nicht kontradiktorisch, sondern konträr. Dieser kleine logische Unterschied hat weitreichende Folgen, vor allem, wenn man ihn nicht beachtet.

Die meisten Widersprüche, die uns im Alltag und in den Medien begegnen, sind konträr. Das macht unser Leben so kompliziert. Wenn Günther auf seinem YouTube Kanal etwas sagt, das dem Robert-Koch-Institut widerspricht und die Aussage des Robert-Koch-Instituts sich als falsch erweist, hat Günther nicht automatisch die Wahrheit gesagt. Es ist logisch möglich, dass beide sich irren und etwas Falsches sagen.

Quantoren und Negation

Ich glaube nicht alles, was in den öffentlich-rechtlichen Medien gesagt wird. Aber die Reihenfolge der Worte ist hier sehr wichtig: „nicht alles“ ist nicht identisch mit „alles nicht“. Zu sagen „Ich glaube alles nicht, was in den öffentlich-rechtlichen Medien gesagt wird“, ist nicht nur Kritik an einzelnen Nachrichten oder Meldungen, sondern eine fundamentale Kritik, die ganz anders begründet werden müsste und ganz andere logische Konsequenzen hätte. Wenn ich nur einzelne Meldungen kritisiere, kann ich Gründe anführen, z. B. „Die Lage wurde sehr einseitig dargestellt“ oder „Da haben sie etwas vergessen oder nicht gründlich genug recherchiert“ oder „Sie berufen sich auf Quellen, die nicht vertrauenswürdig sind“. Auf dieser Ebene kann man diskutieren, nach Fehlerquellen suchen und mit einer Richtigstellung zu einem guten Ende kommen.

Wenn jemand aber systematisch alles nicht glaubt, angefangen beim Bericht aus dem Bundestag bis zum Wetterbericht und den Lottozahlen, dann wäre gar nicht klar, wie eine Diskussion ablaufen könnte. Auch eine Richtigstellung für eine Falschmeldung macht dann keinen Sinn mehr. Warum sollten die Kritiker٭innen dieser Richtigstellung glauben?

Ad-Hominem-Argumente

Häufig wird diese Ebene der Diskussion, wie sie oben beschrieben wurde, nicht erreicht, weil es nicht um die Sachlage geht, sondern um die Person oder die Gruppe, die etwas sagt. Anstatt eine Aussage mit Argumenten zu widerlegen, wird gerne die Person diskreditiert. Oder man ist einfach voreingenommen. Ich beobachte das bei mir selbst, wenn ich Politiker٭innen höre, von denen ich weiß, dass sie für Werte stehen, die ich nicht teile. Es ist nicht leicht, zuzugeben, dass ein٭e politische Gegner٭in auch mal richtigliegen kann. Wenn z. B. der Satz des Pythagoras wahr ist, bleibt er (zum Glück) wahr, selbst wenn ihn Donald Trump ausspricht.

Aber auch die umgekehrte Richtung darf man nicht vergessen: Eine Person, die man wertschätzt, der man vertraut und deren Meinung man teilt, kann sich dennoch irren und etwas Falsches sagen. Nur weil ich Fan eines Popstars oder eines Kochs bin, darf ich nicht aufhören, die Richtigkeit seiner Aussagen zu hinterfragen.

Falsifizierbarkeit

Die Lage ist unübersichtlich. Selbst Wissenschaftler٭innen sind sich nicht einig und müssen ihre Meinungen immer wieder revidieren. Das ist aber keine Schwäche der Wissenschaft, sondern gerade ihre Stärke. Wissenschaftliche Aussagen sind nicht in Stein gemeißelt, sondern können neu beurteilt und widerlegt werden, wenn es detailliertere Daten oder überzeugendere Theorien gibt. Wissenschaftliche Wahrheiten haben eine Halbwertszeit, die manchmal 500 Jahre beträgt und manchmal nur 5 Tage. Das führt zu dem Fehlschluss, dass jede٭r alles behaupten könne, solange es nicht widerlegt ist. Wichtig ist aber, dass egal wie innovativ oder verrückt eine neue Theorie ist, zumindest angegeben werden können muss, wie sie widerlegt werden könnte. Eine Theorie (oder eine einzelne Aussage), die immun gegen jede Überprüfung ist, ist gerade kein Garant für Wahrheit, sondern ein Anzeichen dafür, dass es sich um eine Ideologie oder ein Dogma handeln könnte.

Rotationssätze

Grundsätzlich sollte man im wissenschaftlichen Kontext also bereit sein, jeden Satz zu hinterfragen und keiner Theorie den Status einer absoluten Wahrheit attestieren. Der Fehlschluss wäre aber, zu glauben, dass daher alle Sätze im gleichen Maße auf wackligen Füßen stünden. Wenn bei einem physikalischen Experiment ein vollkommen unerwartetes Ergebnis rauskommt, das allem widerspricht, was wir bisher für wahr hielten, muss erstmal überprüft werden, ob das Messgerät richtig funktioniert, bevor man z. B. das Gravitationsgesetz infrage stellt. Vielleicht würde durch eine Änderung des Gravitationsgesetzes die seltsame Messung erklärbar. Aber der Preis wäre sehr hoch, weil gleichzeitig zahllose andere Gesetze und Annahmen mit geändert werden müssten, die auf dem Gravitationsgesetz aufbauen.

Je fundamentaler eine Annahme über die Welt ist, desto schwieriger und aufwendiger ist es, sie zu widerlegen, weil es einen Rattenschanz an Konsequenzen mit sich bringt. Wahrscheinlich hat es deswegen auch eine Weile gedauert, bis sich das heliozentrische Weltbild durchgesetzt hat. Man war eher bereit, den Beobachtungen mit Teleskopen zu mistrauen, als den Platz im Zentrum des Weltalls freiwillig zu räumen.

Als Faustregel kann gelten: Je mehr eine Aussage oder eine neue Theorie allen bisher geglaubten Annahmen widerspricht, desto zwingender müssen die Argumente und desto erdrückender die Beweislast für sie sein. Die Behauptung, dass im Inneren der Erde bluttrinkende Echsenmenschen leben, die ab und zu an die Erdoberfläche kommen, kann z. B. nicht dadurch belegt werden, dass jemand im Internet eine selbstgemalte Grafik zeigt.

Ockhams Rasiermesser

Die Lage ist auch deswegen so unübersichtlich, weil Beobachtungen und Messungen nicht von sich aus verraten, wie sie interpretiert werden sollen. Weiße Spuren am Himmel können entweder als Kondensstreifen von Flugzeugen interpretiert werden oder als Gift, das absichtlich und systematisch aus Flugzeugen versprüht wird. Den weißen Spuren ist egal, wie man sie erklärt. Jede Erklärung ist dabei aber eingebettet in ein Netz unzähliger anderer Aussagen und stillschweigend vorausgesetzter Annahmen, die sich gegenseitig stützen und nicht zu inneren Widersprüchen führen dürfen.

Es gibt ein pragmatisches Prinzip, das ein Hinweis für die Plausibilität einer Erklärung ist, nämlich das Sparsamkeitsprinzip. Je weniger neue Zusatzannahmen und Hilfssätze ich einführen muss, damit die Erklärung Sinn ergibt, desto mehr spricht dafür, mit ihr zu arbeiten.

Aus der Erklärung, dass es sich bei den weißen Spuren um Gift handelt, folgt z. B., dass es sehr viele Personen geben muss, die gezielt Giftbehälter an Flugzeugen befestigen und vor dem Start befüllen, dass es unzählige Personen bei den Fluggesellschaften und in Flughäfen gibt, die das wissentlich tolerieren und weder Familie noch Freunden davon erzählen und selbst dann, wenn sie in der Krise ihren Job verlieren, weiter das Geheimnis für sich behalten. Daraus folgt wiederum, dass es einen sehr guten Grund geben muss, warum konkurrierende Fluggesellschaften weltweit und aus teils verfeindeten Staaten zusammenarbeiten sollten und sich nicht gegenseitig anzeigen selbst nach Regierungswechseln oder während Kriegszeiten. Wenn man erst einmal soweit vorgedrungen ist und das plausibel findet, führt praktisch kein Weg mehr an der ganz großen Weltverschwörung vorbei, bei dem fast alle unter einer Decke stecken, außer der Günther, der als Einziger alles durchschaut hat.

Titelbild: © Joel und Jasmin Førestbird, Unsplash

Relotius, Labaule und die Krise des Journalismus

Spiegel Dirk Sorge

Darf eine Zeitung eine gefälschte Fotostory veröffentlichen? Wie lässt sich mit einer Zeitung Geld verdienen, wenn langjährige Werbekunden abspringen? Und wann ist der richtige Zeitpunkt, seiner Ehefrau zu gestehen, dass man fremdgegangen ist?


… beruht auf einer wahren Begebenheit

Diesen und anderen Fragen muss sich Wolfram Labaule (gespielt von Uwe Ochsenknecht) in sechs Episoden der Miniserie „Labaule & Erben“ stellen und wir können ihm dabei zusehen, wie er sich mehr oder weniger geschickt aus der Affäre zieht. Wolfram ist der Sohn des Verlegers Christian Labaule und hat in seinem Leben nichts zu tun, außer im Swimming Pool auf einer Luftmatratze zu liegen, Belletristik zu konsumieren und reich zu sein. Als sein Vater und sein Bruder gleichzeitig tödlich verunglücken, wird er unerwartet zum Interims-Verlagsleiter und muss die Redaktion der Zeitung „Morgenschau“ koordinieren. Ohne Kompetenzen und Motivation übernimmt Wolfram die Stelle – gegen den Willen seiner Mutter, die den Verlag verkaufen möchte, solange er noch Geld einbringt. Beim Versuch, den Verlag zu retten, muss sich Wolfram gegen Intrigen der Mutter wehren, seinen eigenen untalentierten Sohn in Schach halten und Interessenskonflikte seiner Mitarbeiter*innen lösen. Alles das gelingt ihm nicht.

Obwohl es sich bei der Serie ausdrücklich nicht um ein Biopic handelt, sind Analogien zu realen Verleger-Dynastien wie Dumont nicht zu übersehen. Die Konflikte zwischen den Erben und innerhalb der Zeitungsredaktion dürften sich so oder sehr ähnlich an vielen Orten zugetragen haben. Auch andere Topoi und Typen werden aufs Korn genommen: Ein Bio-Lebensmittelkonzern, der Fische aus Fukushima verarbeitet, ein größenwahnsinniger Theaterregisseur (Bernd Stegemann muss hier lobend erwähnt werden) und eine Stiftung für Flüchtlingswaisenkinder, dessen Aufgabe es ist, der Gründerin zum Bundesverdienstkreuz verhelfen.

Zwei Hauptfragen ziehe sich als roter Faden durch die Serie: Was ist Integrität heute noch wert? Und wie kann Journalismus im digitalen Zeitalter funktionieren? Die Ideen zur Handlung und vielen der Figuren der SWR-Serie gehen auf Harald Schmidt zurück.

… kann Spuren von Herzkino enthalten

Nachdem die ersten beiden Episoden etwas schleppend beginnen, wird die Serie ab der dritten Folge unterhaltsamer und man kann sie gut an einem Tag wegbingen. Die Dialoge wirken teilweise leider seltsam steril und werden von manchen der Schauspieler٭innen so hölzern vorgetragen, als würden sie zum ersten Mal die Spracheingabe an ihrem neuen iPhone testen. Da die Serie eine Satire ist, könnte man denken, diese Sprechweise wäre gewollt eingesetzt. Es liegt aber wohl eher an der Art wie die Dialoge verfasst wurden und wie deutsche Schauspieler٭innen lernen, jedes Wort einzeln und deutlich aus zu sprechen wie Nachrichtensprecher٭innen im Fernsehen.

Viele Figuren sind absichtlich überzeichnet und bei manchen geht das bis ins Karikaturhafte. Andere sind wiederum eher nüchtern und etwas farblos dargestellt, so dass sie teilweise gar nicht zusammenpassen und nicht im selben Universum zu leben scheinen. Mutter Marianne (Irm Hermann) und Sohn Tristan (Lukas Rüppel) sind z.B. beide auf ihre Weise vollkommen übertriebene und einseitige Charaktere, aber während Marianne stets glaubhaft bleibt, ist Tristan nicht mal als Parodie auf die Generation-Y ernst zu nehmen. Hier prallen verschiedene Stile aufeinander, die insgesamt kein rundes Bild ergeben und die Interaktion holprig wirken lässt.

Ähnliches gilt auch auf der erzählerischen Ebene: Wenn es eine satirische Serie sein soll, hätte sie gerne noch böser und der Humor noch schwärzer sein können. Wenn es ein Drama sein soll, bei dem man mit den Figuren mitfiebert, hätten diese vielschichtiger sein können, um das Interesse an ihnen zu wecken. Ganz fehl am Platz wirkt z.B. die Liebesgeschichte der Tochter Constanze (Lena Dörrie), die zur Entwicklung der Handlung nicht viel beiträgt und einfach parallel stattfindet. Es gibt Szenen, die an ZDF-Herzkino erinnern. Hier wollten die Autor*innen zu viele verschiedene Genres in den vier Stunden Nettospielzeit der Miniserie bedienen.

Eine wahre Fiktion

Wolfram Labaule muss gleich zu Begin ein Dilemma lösen: Ein Fotoreporter hat Bilder, die er angeblich in Syrien gemacht hat, nachweislich gefälscht. Er hat die Szenen an einem ganz anderen Ort nachgestellt. In einer solchen Situation wäre eine Entschuldigung an die Leser٭innen und ein Widerruf der moralisch richtige Schritt. Allerdings wurde gleichzeitig bekannt, dass die Zeitung ausgerechnet für diese Reportage mit dem wichtigsten deutschen Journalismus-Preis ausgezeichnet werden soll. Was ist der Preis, den eine Redaktion bereit ist, für diese Auszeichnung zu zahlen? Kann sie ihre Integrität dafür aufgeben?

Ohne es ahnen zu können, sind das Thema Fake-News und Enthüllung derselben in den letzten Wochen wieder sehr aktuell geworden, sodass die SWR-Serie zu einem passenden Zeitpunkt erscheint. Die Zeitschrift „Der Spiegel“ musste am 19. Dezember 2018 bekannt geben, dass ihr Redakteur Claas Relotius seit Jahren systematisch eigene Geschichten manipuliert oder sogar komplett erfunden hat. Er hat über Personen geschrieben, die es nicht gibt oder die er nie getroffen hat, über Orte, an denen er nie war, und er hat echten Personen, die er interviewt hat, Worte in den Mund gelegt, die sie so nicht gesagt haben.

Das ganze Ausmaß der fantastischen Erzählungen von Claas Relotius ist noch nicht bekannt. Er hat nicht nur für den „Spiegel“ geschrieben, sondern auch für „Die Welt“ und die „Süddeutsche Zeitung“. Die Glaubwürdigkeit der gesamten Branche steht auf dem Spiel – ausgerechnet in einer Zeit, in der Menschen mit Mistgabeln und brennenden Fackeln durch die Straße ziehen und „Lügenpresse!“ brüllen.

Der Preis des Qualitätsjournalismus

Der Spiegel hat eine eigene Abteilung namens „Dokumentation“, die jeden Artikel gegenliest und darin behaupteten Fakten überprüft. Es ist aber leicht nachvollziehbar, dass manche Behauptungen eines Reporters nicht überprüft werden können, wenn sich dieser auf seine subjektiven Erlebnisse und Erfahrungen beruft. Relotius hat seine Geschichten gerne dramaturgisch inszeniert und mit stimmungsvollen Details ausgeschmückt. Dort ein einsames Mädchen, das auf der Straße ein Lied singt, da ein CD-Player, der im Gefängnis „Born in the USA“ in Endlosschleife abspielt. Er trifft Leute, die sich nicht fotografieren lassen wollen, und folgt Personen zu geheimen Verstecken. Wie soll die Dokumentationsabteilung in Hamburg so etwas überprüfen? Hier muss sie dem Reporter vor Ort ein Grundvertrauen entgegenbringen – oder man entscheidet sich dazu, auf subjektive Eindrücke und Quellen zu verzichten, wenn diese nicht objektiv überprüft werden können. Aber gibt es für so eine trockene und nüchterne Art der Berichterstattung überhaupt einen Markt? Und lassen sich damit Preise gewinnen? Relotius hat viermal den Deutschen Reporterpreis und zahlreiche andere Auszeichnungen gewonnen. Er war ein Star-Journalist mit Anfang 30.

Überall, wo es Preise gibt, gibt es anscheinend auch Korruption, Doping und Lügen. Vielleicht wäre es besser, gar keine Preise an Journalist٭innen zu verleihen, um die Versuchung zum Betrug gar nicht erst entstehen zu lassen. Vielleicht sollten Journalist٭innen keine Stars sein, sondern einfach nur gute Handwerker٭innen. Gute Handwerker٭innen arbeiten sauber, so leise wie möglich und sind bescheiden, wenn sie fair bezahlt werden.

Jedenfalls kann man im Fall Relotius nicht mit dem Argument kommen, dass die Grenze zwischen Fakt und Fiktion fließend sei, da es die absolute Wahrheit nicht gebe und Realität nur eine Konstruktion sei, usw. Relotius hat ganz genau gewusst, wann er die Grenze zwischen bloßer Berichterstattung und spektakulärer Traumreise überschreitet. Er war nicht geistig verwirrt oder unzurechnungsfähig. Er weiß, wen er wo wann getroffen hat und wer was gesagt hat. Weil er befürchtete, dass eine gute Story mit seinem Rohmaterial nicht zu schreiben ist, hat er Dinge erfunden. Er hat ganz einfach gelogen.

Beitragsbild: Dirk Sorge

Leinsee!

Kunstdruckorange, Plastikschildkrötengrün, Gottweiß. Mit diesen und anderen Farbprädikate sind die Kapitel in Anne Reineckes Debütroman „Leinsee“ überschrieben. In dem Buch geht es ums Aufräumen, Abschließen und Fortfahren.


2 + 1 = 2

Die Farbausdrücke beziehen sich auf einen Gegenstandes, ein Detail aus aus der Beobachtung oder der Erinnerung von Karl Stiegenhauer, der Hauptfigur des Romans. Karl ist ein junger erfolgreicher Künstler und Sohn des berühmten Künstlerpaares Ada und August Stiegenhauer. Diese sind durch Plastiken aus Gießharz berühmt geworden, in die sie Asche oder zerkleinerte Überreste von Gegenständen einschließen. Er selbst wendet eine Vakuumtechnik an, mit der er Gegenstände in Plastikfolie einschweißt. Karl ging als Schüler auf ein Internat, ist nach dem Abitur nach Berlin gegangen und hat den Kontakt zu seinen Eltern abgebrochen.

Die Eltern wohnten weiterhin in Leinsee (ein fiktiver Ort in der Nähe von Mannheim) in einer Villa inklusive Atelier, großem Garten und Bootshaus. Karl durfte sich öffentlich nie als Sohn der Stiegenhauers zu erkennen geben und musste das Pseudonym Karl Sund annehmen. Die Eltern haben nie öffentlich über ihren Sohn gesprochen. Die beiden waren sich immer genug und jede weitere Person war eine zu viel. Zu Beginn des Romans ist Karl 26 Jahre alt und wird schlagartig dazu gezwungen, sich mit seinen Eltern, seiner Vergangenheit und dem Haus in Leinsee auseinanderzusetzen. Die Mutter Ada ist im Krankenhaus, um einen Gehirntumor operativ entfernen zu lassen.

Der Vater August hat sich in der Villa erhängt, da er davon ausgeht, dass Ada die OP nicht überlebt. Karl muss die Beerdigung des Vaters organisieren, Fragen nach dem künstlerischen Nachlass der Eltern klären und sich um seine Mutter kümmern. Diese hat wider Erwarten die schwere OP überlebt, allerdings mit bleibenden geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen. Sie hält Karl für ihren Ehemann August. An Karl hat sie keine Erinnerungen mehr. Das alles ereignet sich wenige Tage vor der Eröffnung von Karls großer Einzelausstellung in einer Galerie in Berlin.

Das Mädchen, das nach Basilikum riecht

Der Roman beginnt also ganz klassisch mit einer Krise, die der Protagonist überwinden muss.
Karl möchte keine Anteilnahme seiner Freundin Mara, kein Mitleid seiner Verwandten und keine Fragen von neugierigen Reportern. Er braucht seine Ruhe und igelt sich im Elternhaus in Leinsee ein. Der einzige Kontakt, der ihm nicht zuwider ist, ist das achtjährige Mädchen Tanja, das eines Tages plötzlich im Kirschbaum im Garten sitzt. Nach und nach nähern ich Karl und Tanja an und es entsteht eine Art Freundschaft, indem sie sich gegenseitig durch kleine Gesten und spielerische Überraschungen Freuden bereiten.

Am Anfang ist Karl in seiner isolierten, fast klaustrophobischen Gedankenwelt gefangen. Schrittweise wendet er sich durch die Interaktion mit Tanja aber den Dingen in seiner Umgebung zu. Anne Reinecke beschreibt mit klarer und schnörkelloser Sprache Karls charakterlichen und künstlerischen Öffnungsprozess. Neben den Farben von Gegenständen, Wetter- und Lichtphänomenen spielen auch Gerüche eine wichtige Rolle, da diese bekanntlich eng mit Erinnerungen und subjektiven Empfindungen verknüpft sind. Hier wird auf kluge Weise ein Konzept der „Achtsamkeit“ veranschaulicht und neu belebt, das durch zu viel Ratgeberliteratur fast unerträglich geworden ist.

„Ein neuer Shootingstar am Kunsthimmel“

Die Stärke des Buchs ist die Beschreibung des Innenlebens des Protagonisten und die Verknüpfung mit einer phänomenologischen Beobachtung von Situationen und Stimmungen. Reinecke verdeutlicht, wie eng künstlerische Produktivität und persönliche Entwicklung mit der Wahrnehmung eines konkreten Ortes zusammenhängen. Das Haus und das Grundstück in Leinsee sind fast eigenständige Figuren des Romans. Nebenbei kritisiert Reinecke den Irrsinn des Kunstbetriebs und die reißerische Sprache von Journalist*innen. Die Handlung verliert dabei im Laufe des Romans zunehmen an Bedeutung.

Wendungen werden zwar konsequent und plausibel aufgebaut, deuten sich dadurch aber schon lange im Voraus an. „Spannend“ im Sinne von „was wird wohl als nächstes passieren?“ ist dieser Roman selten. Das muss er aber auch nicht sein, denn die Spannung liegt hier eher darin, wie etwas erzählt wird und nicht, was passiert. Im letzten Viertel verliert die Geschichte aber leider zu viel von ihrer anfänglichen Kraft. Das Buch ist zum Schluss nur noch ein geradliniger Liebesroman mit Happy End. Einfühlsam erzählt ist die Geschichte aber auf jeden Fall.

Hört, hört!

Der Roman erscheint nicht nur als gedruckte Ausgabe, sondern auch als ungekürztes Hörbuch auf sechs CDs. Gelesen wird es vom Schauspieler Franz Dinda. Dindas Stimme ist fest und meistens angenehm unaufdringlich. Die Betonung und der Rhythmus verstärken die Atmosphäre dezent, lassen aber dabei genug Platz zum eigenen Hören. Manche Figuren und Zitate aus Zeitungen werden von Dinda durch eine verstellte Stimme vom restlichen Text abgehoben. Das ist stellenweise aber zu viel und kippt ins Karikaturhafte. Insgesamt ist die Hörfassung aber dennoch gelungen und die gut siebeneinhalb Stunden sind ein intensives Erlebnis. Es bietet sich an, das Buch auf einer langen Bahnfahrt zu hören – z.B. auf der Fahrt von Berlin nach Leinsee.

„Leinsee“ von Anne Reinecke erschien am 28. Februar 2018 im Diogenes Verlag und kostet sowohl als Hardcover als auch als Hörbuch 24 €.
Titelbild: © Dirk Sorge

The Founder: Dog eat dog. Man eat beef. Beef eat shit.

The Founder Ronald McDonald

John Lee Hancock erzählt in The Founder eine Erfolgsgeschichte nach und lässt Michael Keaton als Ray Kroc den American Dream durchspielen. Er begleitet ihn über fast zwei Stunden hinweg von der ersten Begegnung mit den McDonald-Brüdern, Betreibern eines erfolgreichen Schnellrestaurants in San Bernadino, Kalifornien, bis zur Etablierung eines globalen Fastfood-Imperiums. Zeit genug, zu erforschen, was den Geschäftsmann antrieb, welche weitreichenden Konsequenzen die Effizienzsteigerung einer gewissen Firma namens McDonald’s hatte und wofür sie in Kauf genommen wurden. Eigentlich.


Die Handlung dieses Films von Regisseur John Lee Hancock ist schnell erzählt: Der erfolglose Selfmademan Ray Kroc (Michael Keaton) lernt Mitte der 1950er Jahre zufällig Mac und Dick McDonald (John Carroll Lynch und Nick Offerman) in Kalifornien kennen. Die beiden Brüder betreiben ein umsatzstarkes Schnellrestaurant, in dem durch effizientes Küchendesign und ausgeklügelte Arbeitsteilung („Speedee System“) Hamburger in 30 Sekunden zubereitet werden. Kroc erkennt das finanzielle Potenzial dieses Geschäftsmodells und versucht, die Brüder zur Eröffnung weiterer Filialen in den USA zu überreden. Die Brüder lehnen jedoch ab, da sie bereits schlechte Erfahrungen gemacht haben und befürchten, bei einer Expansion, keine Kontrolle mehr über die Qualität der Produkte zu haben.

Eine Erfolgsgeschichte von Ideenraub, Effizienz und Skrupellosigkeit

Nachdem dieser Grundkonflikt etabliert ist, zeigt der Film in den restlichen eineinhalb Stunden, wie es Kroc schrittweise gelingt, zunächst die Franchise-Rechte von den McDonald-Brüdern zu bekommen, mehr und mehr Veränderungen gegen deren Willen durchzusetzen und schließlich die Rechte an der Marke McDonald’s an sich zu reißen, um so die Brüder aus ihrem eigenen Unternehmen zu drängen. Immer wieder betont Kroc, dass ein erfolgreicher Unternehmer kein Talent oder Genie braucht, sondern Hartnäckigkeit. Das ist aber nur die halbe Wahrheit des American Dream. Kroc nutzt auch juristische Schlupflöcher im Vertrag, ist rücksichtslos, hat einfach Glück die richtigen Leute zu treffen und missachtet die Ideale der ursprünglichen McDonald’s Gründer. Beispielsweise spart er Kosten ein, indem er nicht echte Milch für die Milchshakes verwendet, sondern billiges Pulver. Geschäftsleute führen Krieg mit Papier, Stift und Taschenrechner.

The-Founder-Michael-Keaton-Film-Review

Die Moral von der Geschichte ist also, wenn man Ideen klaut, effizient und skrupellos ist und an den richtigen Stellen spart, kann das Unternehmen schnell wachsen und der Besitzer wird reich.
Aber selbst die enteigneten Brüder sind am Ende nicht wirklich die Verlierer. Immerhin erhalten sie je 1 Million Dollar Abfindung – dafür könnte sich jeder fast 3 Millionen Hamburger leisten. Man kann die Geschichte des Films vollständig erzählen, ohne zu spoilern, denn es passiert im Grunde nichts Überraschendes, nichts Unvorhergesehenes. Durch die insgesamt guten schauspielerischen Leistungen langweilt der Film zwar nicht, aber Regisseur John Lee Hancock erzählt die Erfolgsgeschichte von Ray Kroc ganz linear von A nach B, ohne Wende- oder Höhepunkte.

The Founder: Monopoly im Kino

Das allein wäre noch erträglich, wenn Ray Kroc interessanter gezeichnet worden wäre, aber die Figur bleibt leider sehr eindimensional. Man erfährt zu wenig über seine Motivation. Was treibt ihn an? Warum ist er so besessen davon, ein nationales und dann globales Unternehmen aufzubauen? Nur um seinen reichen Freunden zu beweisen, dass er es kann? Kroc will scheinbar einfach reich werden, um reich zu sein. Das reicht mir aber nicht, um in sein Schicksal emotional investiert zu sein. Das macht ihn erst mal nur unsympathisch, die Geschichte wird aber so erzählt, als sollten die Zuschauer*innen mit ihm mitfiebern.

The-Founder-Film-Rezension

Nach der Dog-eat-dog-Logik sollte es aber gerade gleichgültig sein, ob sich Kroc durchsetzt oder die McDonald-Brüder oder keiner von ihnen. Auch Gewissenskonflikte, die ein Mensch in Krocs Situation haben könnte (oder sollte), werden nicht vertieft genug dargestellt. Kroc handelt so, wie es die Regeln des Monopoly-Spiels verlangen und der Erfolg gibt ihm am Ende Recht. Ob und warum man überhaupt so spielen soll, wird aber nicht gefragt. Das ist schade, denn erst dann wäre der Film relevant und mehr als eine Nacherzählung einer so oder so ähnlich geschehenen „wahren Begebenheit“.

Man könnte nämlich auch eine alternative Erfolgsgeschichte des Fast-Food-Imperiums schreiben:

Old McDonald’s had a farm. Und auf der Farm gibt es Rinder, die in Rekordzeit gemästet werden mit Futter, für das Regenwald abgeholzt wurde. Ich liebe es!

Wer tiefer in die Materie einsteigen will, dem empfehle ich das Mc Donald’s Video Game . Das Spiel stellt die eigentlich spannenden Fragen, die der Film gezielt ausspart, weil er sich auf eine Einzelperson konzentriert: Wo kommt das Hackfleisch für die Hamburger her? Und wie geht es eigentlich den Arbeiter*innen in den McDonald’s Filialen? Was sind die Konsequenzen der Effizienzsteigerung?


Titelbild ©Dirk Sorge

Beitragsbilder © splendid-film

Postfaktisch – Die Politik des Bauchgefühls

Das US-amerikanische Wahlvolk hat gesprochen. Es rief „TRUMP!“ Was es damit ausdrücken will, ist aber unklar, denn es spricht mit einem kaum verständlichen Dialekt, den Sprachforscher „Postfaktisch“ nennen.


Postfaktische Zeiten

Das kleine Wörtchen „post“ hat es ganz schön in sich: Es zeigt nicht nur einen zeitlichen Verlauf an (etwas ist nach etwas anderem), sondern es markiert auch einen qualitativen Unterschied. Die Postmoderne ist reflektierter als die Moderne. Die postcolonial studies sind besser als koloniale Forschungsreisen. Postmondän ist cooler als Die Welt. Doch was ist der Unterschied zwischen dem Postfaktischen und dem Faktischen?

Das Oxford Dictionary hat das englische Pendant „post-truth“ zum Wort des Jahres 2016 gewählt und begründet die Entscheidung mit dem Gebrauch des Worts im Zusammenhang mit dem Brexit und Donald Trumps Kandidatur im US-Wahlkampf. Das Wort bezeichne „circumstances in which objective facts are less influential in shaping public opinion than appeals to emotion and personal belief“. Objektive Tatsachen sind also für die öffentliche Meinungsbildung weniger einflussreich als Gefühle und die persönliche Überzeugung. Bezogen auf das Titelbild dieses Artikels würde der postfaktisch denkende Mensch sagen: „Ich könnte die Größe der Figuren auf dem Bild zwar nachmessen, aber ich verlasse mich lieber auf mein Bauchgefühl. Und das sagt mir, dass die Figuren nach hinten größer werden.“ Postfaktisch denkende sind anfällig für Täuschungen.

Angela Merkel sprach von „postfaktischen Zeiten“, als sie im September die schlechten Wahlergebnisse der CDU bei den Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern kommentierte.

„Postfaktisch“ scheint sogar eine treffendere Benennung der gemeinten Phänomene zu sein als „post-truth“. Schließlich wird das Konzept der Wahrheit (truth) nicht insgesamt aufgegeben. Nur die Rolle, die Fakten bei der Wahrheitsfindung und bei der Begründung der Meinung spielen, ändert sich. Fakten sind nur noch dann Fakten, wenn sie mit meinen persönlichen Gefühlen übereinstimmen. Wenn nicht, dann sind die Fakten Lügen.

Tatsächlich kann aber niemand, der seine Meinung lautstark äußert, das Konzept der Wahrheit ganz über Bord werfen. Er fühlt sich ja zu seiner Meinung berechtigt und muss sie äußern, weil sie bis jetzt noch nicht von ‚denen da oben‘, vom Establishment oder von den Massenmedien genügend berücksichtigt wurde. Der Ausruf „Lügenpresse!“ setzt gerade voraus, dass es eine Wahrheit gibt, über die die Medien eigentlich berichten sollten.

Post-Kompetenz

Das Spannende ist nun, dass diese postfaktische Haltung nicht nur den wütenden Mob auf der Straße betrifft, sondern ins Innerste des politischen Systems vorgedrungen ist. Das Neue ist dabei nicht, dass Politiker heutzutage lügen – das haben sie vermutlich immer schon getan. Die neue Qualität entsteht, wenn sie nicht einmal mehr versuchen, ihre Meinung durch Fakten zu belegen. Und wenn sie einer Lüge überführt werden, hat das oftmals keine gravierenden Konsequenzen mehr. Die Lüge ist eben keine Lüge, wenn sie sich richtig anfühlt oder dem Belogenen in seiner Überzeugung bestätigt. Und ein digitaler Shitstorm wird so schnell vom nächsten abgelöst, dass die aufgedeckte Lüge in Vergessenheit gerät.

Nun haben wir den Salat: Donald Trump wird bald der mächtigste Politiker der Welt sein. Dass Prominente aus dem Showbusiness politische Ämter bekleiden, ist in den USA nicht neu. Arnold Schwarzenegger und Ronald Reagan sind die wohl bekanntesten Beispiele. Reagan hatte vor der Wahl zum US-Präsidenten 1980 allerdings immerhin schon viele Jahre lang politische Erfahrungen gesammelt (er war Gouverneur von Kalifornien 1966-1974). Trump hingegen ist politisch genau so erfahren wie ein Autoreifen. Man muss sich einmal klar machen, was die Wahl Trumps wirklich bedeutet: Das ist so, als wäre Dieter Bohlen der deutsche Bundeskanzler!

Aber nicht nur nimmt es Trump mit den Fakten nicht so genau. Auch das schwächere Kriterium der Kohärenz ignoriert er, die Forderung also, dass Aussagen einer Person wenigstens widerspruchsfrei zueinander passen. Seine Reden während des Wahlkampfs enthielten nicht nur zahlreiche Selbstwidersprüche, auch seine erklärten Ziele vor und nach der Wahl widersprechen sich bereits. Beispielsweise nannte er im Wahlkampf das Ziel, Obamacare abzuschaffen. Nach der Wahl ruderte er zurück und möchte Teile der Gesundheitsreform nun doch beibehalten. Das grundsätzliche Problem ist also, dass gar nicht klar ist, was die Wahl von Trump für Folgen haben wird – er scheint es ja selbst nicht zu wissen. Seine Ziele ändern sich mit seinen Gefühlen je nach Tagesform. Konrad Adenauer wird gerne mit der flapsigen Bemerkung zitiert: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Nichts hindert mich, weiser zu werden.“ Trumps Motto ist sinngemäß: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Nichts hindert mich, heute andere Gefühle zu haben.“

Donald Trump funktioniert wie eine Fernsehserie, bei der in jeder Episode eine unerwartete, schockierende Wendung in der Story das Publikum bei der Stange hält. Ob die Geschichte dabei logisch schlüssig ist, ist zweitrangig.

Posten, liken, sharen

Das ‚alte‘ Massenmedium Fernsehen macht es einer kontroversen Figur wie Trump leicht, gehört und gesehen zu werden. Trump ist auf skurrile und verstörende Art unterhaltsam und unberechenbar – ein Garant für Einschaltquoten. Der Fernsehsender CNN hat selbst eingeräumt, Trumps Reden zu oft und zu ausführlich ausgestrahlt zu haben, als sich dieser 2015 neben anderen Bewerbern im Vorwahlkampf der republikanischen Partei befand.

Der hauptberufliche Miesepeter Neil Postman hat den Zusammenhang zwischen medialer Aufmerksamkeit und politischer Meinungsbildung schon in den 1980er Jahren anschaulich dargestellt. Ihn sorgte die Tendenz des Fernsehens, alles im Format der Unterhaltung zu präsentieren und den ernsthaften Diskurs zu verdrängen. Durch die sozialen Medien, die Postman nicht mehr miterlebt hat, hat sich diese Tendenz sicherlich noch verstärkt. Man muss gar nicht kulturpessimistisch eingestellt sein, um zu verstehen, dass mit 140 Zeichen keine komplexen politischen Zusammenhänge dargestellt werden können. Emojis drücken standardisierte Gefühle aus, aber zum Argumentieren sind sie eher ungeeignet. Während die FDP einst forderte, dass die Steuererklärung so einfach sein müsse, dass sie auf einen Bierdeckel passt, scheint sich heute der gesamte politische Diskurs an solchen begrenzenden Formatvorgaben zu orientieren. Bierdeckel passen ja auch gut zu Stammtischparolen, bei denen die Faust auf den Tisch donnert.

Auf der Jagd nach Clicks, Likes und Einschaltquoten berichten die Medien lieber über verbale Entgleisungen und andere Fehltritte von Politiker*innen als über politische Inhalte. Günther Oettinger beispielsweise war aus personenbezogenen Gründen in den letzten Wochen gleich mehrfach in den Schlagzeilen. Was seine politischen Ziele und seine Aufgaben als EU-Kommissar eigentlich sind, bleibt dabei aber völlig im Dunkeln und scheint niemanden zu interessieren. Mit der Überschrift „Politiker*in XY will die Einkommenssteuer um 0,5 Prozent erhöhen!“ lässt sich eben keine Aufmerksamkeit generieren. Und für die Wähler*innen ist es natürlich auch bequemer und leichter, sich über eine öffentliche Person eine Meinung zu bilden als über ein Parteiprogramm, eine politische Debatte oder einen konkreten aber langweiligen Gesetzentwurf. So werden schließlich Politiker*innen gewählt, weil sie ’sympathisch rüberkommen‘. Aber selbst ein unsympathischer Kandidat hat im Zweifelsfall bessere Chancen als ein Name, dem man zum ersten Mal in der Wahlkabine begegnet.

Schön wäre es, wenn der Wahlsieg Trumps als Weckruf für Redaktionen und andere Entscheidungsträger*innen in der Medienbranche ernst genommen würde und eine selbstkritische Analyse stattfände.

Postproduktion der Stimme

Donald Trump hat verstanden, wie die Medien funktionieren und hat es geschafft, mediale Aufmerksamkeit in Wählerstimmen umzuwandeln. Neue Medientechnologien zu verstehen und zu nutzen, wird sich für Politiker*innen zukünftig wohl noch mehr lohnen, denn die Wahrheit wird durch diese zunehmend flexibel gestaltbar.

Jeder Hobbyfotograf kann heute mit Photoshop Bilder retouchieren und so bearbeiten, wie es zu Zeiten der Analogfotografie nur für Profis möglich war. Kinobesucher*innen haben sich längst daran gewöhnt, dass in Filmen virtuelle Welten gezeigt werden, die vollständig am Computer entstanden sind. Die Stimmen von animierten Figuren wurden bislang jedoch von Schauspieler*innen im Tonstudio gesprochen. Das könnte sich bald ändern, denn Adobe, die Entwicklungsfirma von Photoshop, hat den Prototypen der Software VoCo präsentiert, mit der beliebige Texte von beliebigen Stimmen gesprochen werden können. Und zwar nicht so, wie es synthetische Stimmen schon seit Jahren können, sondern mit Stimmen von ‚echten‘ Personen. Man kann jeder beliebigen Person, von der genügend lange digitale Tonaufnahmen existieren, jedes Wort in den Mund legen – im Idealfall klingt die Sprachausgabe so echt, dass durch bloßes Hören nicht entschieden werden kann, ob die Person den Text tatsächlich gesprochen hat oder ob es die Software ist, die nur die Stimme der Person nutzt.

Jede sprachliche Äußerung von Trump, die zukünftige Journalist*innen finden, könnte also prinzipiell ein Fake sein. Und Trump könnte jede seiner früheren Äußerungen bestreiten, indem er behauptet, dass seine politischen Gegner sie mit der Software generiert hätten. Der Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge hätte dann nur noch eine theoretische Relevanz. Für eine politische Diskussion hätte er gar keine Auswirkungen mehr. Das wäre dann tatsächlich post-truth.

Vielleicht sollten wir aber erst mal klein anfangen und eine Crowdfunding-Kampagne starten, um Hillary Clinton einen EDV-Kurs an der Volkshochschule zu spendieren. Es ist nie zu spät, den richtigen Umgang mit Email-Programmen zu lernen.

„Böhmermann, du dummes Arschloch!“* Reflexionen über Freiheit und Beschränktheit

Das Neo Magazin Royale vom 31. März 2016 war ein paar Minuten kürzer als die anderen Folgen dieser Unterhaltungssendung. Was ist der Grund für diese Unregelmäßigkeit in dem ansonsten so professionell durchgeplanten Produkt? Die Beschwerde des türkischen Präsidenten, Recep Tayyip Erdoğan, der offenbar mit seinen politischen Aufgaben nicht ausgelastet ist und noch Zeit hat, nachts durchs globale TV-Programm zu zappen.


„Der Boss vom Bosporus“

Recep Tayyip Erdoğan schaut zwar viel fern, aber er lacht nicht gern. Schon gar nicht über sich selbst. Der mächtigste Mann in ganz Eurasien kontrolliert den sogenannten Flüchtlingsstrom, der flussabwärts Richtung Mitteleuropa fließt und er ist seit Neusten auch der stellvertretende Programmchef der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten in Deutschland. Zum ersten Mal machte er von seiner Macht Gebrauch, nachdem am 17. März 2016 das NDR-Satiremagazin extra 3 einen Song mit dem Titel „Erdowie, Erdowo, Erdogan“ ausstrahlte. Erdoğan ließ daraufhin den deutschen Botschafter in das türkische Außenministerium bestellen und verlangte von diesem, dass die Bundesregierung die weitere Verbreitung des Satire-Songs verhindert. Es handelt sich um dieses Video hier:

Quelle: YouTube

Erdoğan bestätigte dadurch den Inhalt des Liedes, in dem behauptet wird, dass „der Boss vom Bosporus“ Presse- und Meinungsfreiheit missachte. In der deutschen Presse entbrannte eine hitzige Debatte darüber, was Satire darf (#witzefrei) und wie weitreichend die Befugnisse von Erdoğan sind. Diese Debatte und Erdoğans undemokratisches Verhalten waren dann der Anlass für Jan Böhmermanns Schmähkritik im besagten Neo Magazin Royale am 31. März. Auch hier wurde Erdoğan aktiv und verlangte von der Bundeskanzlerin höchstpersönlich, dass der entsprechende Teil dieser Sendung aus ‚dem Internet‘ entfernt werde. Erdoğan und Merkel gehören noch zu der Generation, die gelernt hat, unbequeme Dokumente einfach vom Aktenvernichter zerschreddern zu lassen. In der digitalen Welt ist das aber nicht mehr so einfach.

Die ungekürzte Version der Sendung hat sich glücklicherweise wieder angefunden, denn im Internet geht ja nichts verloren:

Quelle: Vimeo

„Was jetzt kommt, darf man nicht machen.“

… sagte Böhmermann in der Sendung und macht es dennoch: Er trägt ein Gedicht mit dem Titel „Schmähkritik“ vor. Darin sagt Böhmermann, dass Präsident Erdoğan Mädchen schlage, Sex mit Ziegen habe, einen kleinen Schwanz habe und vieles mehr. Böhmermann nutzt dieses Gedicht als Beispiel, um zu zeigen, was nicht durch Artikel 5 des Grundgesetzes gedeckt sei. Sein Sidekick weist ihn auch darauf hin, dass das Gedicht aus der Mediathek entfernt werden könne und, dass es juristische Konsequenzen haben könne. „Was jetzt kommt, darf man nicht machen.“ ist also kein einfacher Aussagesatz, sondern zusammen mit dem Gedicht und der Löschung des Videos ein performativer Akt.

Die Löschung des Videos war jedoch nicht genug – die türkische Regierung hat wegen Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhaupts am 10. April „ein förmliches Verlangen nach Strafverfolgung“ gegen Böhmermann eingereicht. Nun muss die Bundesregierung entscheiden, ob sie diesem Verlangen nachkommt. Hätte Böhmermann nur einen Tag gewartet, dann hätte er das Gedicht als Aprilscherz deklarieren können!

Inflation der Meinungen

Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Aber nicht alles, was jemand von sich gibt, ist überhaupt eine Meinung. Wenn ich sage „Ich glaube, dass es bald regnen wird.“ habe ich meine Meinung zum Wetter geäußert. Wenn der Nachrichtensprecher im Radio den Wetterbericht vorliest, hat er damit aber nicht seine Meinung geäußert. Der Geltungsanspruch der Sätze und die Rollen der Sprecher sind in beiden Fällen ganz verschieden. Die Wetterprognose kann an der Wirklichkeit scheitern und sich somit nachträglich als falsch herausstellen. Meine Meinung kann aber nicht im strengen Sinne falsch werden, denn als ich sie geäußert habe, habe ich ja wirklich geglaubt, dass es bald regnen werde.

Was ist nun der Unterschied zwischen Satz 1: „Ich bin der Meinung, dass Sex mit Ziegen verboten werden sollte.“ und Satz 2: „Ich bin der Meinung, dass Erdoğan Sex mit Ziegen hat.“? Satz 2 scheint ein ungewöhnlicher Sprachgebrauch von „Meinung“ zu sein. Das ist etwas, über das man gar keine Meinung haben kann. Es ist eine Behauptung, die sich je nach Beweislage als wahr oder falsch herausstellen kann. Satz 1 kann hingegen nicht wahr oder falsch sein, denn es ist ja nun einmal meine Meinung. Eine Meinung kann unbegründet, altmodisch oder unpassend sein, aber nicht wahr oder falsch. Die Meinungsfreiheit sollte für Sätze von Typ 1 gelten und nicht für Sätze von Typ 2 (das war jetzt eine Meinungsäußerung).

Jan Böhmermanns Äußerung „Erdoğan hat Sex mit Ziegen.“ ist gar kein Fall, in dem die Meinungsfreiheit greifen kann. Es ist aber auch nicht die Behauptung eines Nachrichtensprechers und sicherlich auch nicht die Äußerung eines Wissenschaftlers. Es ist der Satz, den ein Künstler in einem fiktionalen, distanzierten Kontext äußert. Die ganze Inszenierung macht das schon deutlich. Böhmermann trägt die Sätze in Reimform vor und wird von Musik begleitet – und zwar in einer Unterhaltungssendung. Er äußert weder seine persönliche, subjektive Meinung noch ist es eine Behauptung, mit der ein objektiver Geltungsanspruch verbunden ist. Böhmermann agiert hier wie ein Schauspieler, der in einer Rolle seinen Text spricht.

Die distanzierenden Anführungszeichen müssen bei der Rede eines Schauspielers implizit mitgehört werden. Es handelt sich um uneigentliche Rede. Das, was der Schauspieler sagt und das, was er denkt, müssen in gar keiner Beziehung zueinander stehen. Nicht die Meinung der Schauspieler steht im Drehbuch, sondern – wenn überhaupt – die Meinung einer fiktiven Figur. In diesem Fall ist es nur schwieriger zu erkennen, weil der Schauspieler Böhmermann den Fernsehmoderator Böhmermann spielt. Also geht es in der Causa Böhmermann gar nicht um Meinungs-, sondern um Kunstfreiheit. Wird es dadurch einfacher?

„Eine Zensur findet nicht statt.“

… heißt es in Artikel 5 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Dieser Artikel wird in der Debatte um Zensur und Verbote immer wieder angeführt. Er ist ein mächtiger, aber auch ein verschieden interpretierbarer Artikel. Das Problem liegt in seiner Struktur, die aus drei Absätzen besteht: Im ersten Absatz werden Meinungs- und Pressefreiheit garantiert, im dritten Absatz die Freiheit von Kunst und Wissenschaft. Kann also jeder – auch Böhmermann – sagen, was er will? Ganz so einfach ist es nicht, denn diese Rechte gelten nicht schrankenlos. Im zweiten Absatz werden die Rechte eingeschränkt: „Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.“ Aber auf welche Rechte bezieht sich „Diese“? Sind nur die Rechte des vorherigen Absatzes gemeint? Oder sind neben diesen Rechten auch jene gemeint, die erst im folgenden Absatz genannt werden? Sind nur die Meinungs- und Pressefreiheit eingeschränkt oder auch die Freiheit von Kunst und Wissenschaft? Mir als juristischen Laien erschließt sich das nicht aus der Lektüre des Artikels. Das ist ärgerlich, denn ich bin nicht nur ein Staatsbürger mit einer Meinung und als Autor bei postmondän tätig, sondern auch Künstler und Wissenschaftler. Ich bin also gleich vierfach von Artikel 5 betroffen und würde mir daher mehr Klarheit darüber wünschen, in welcher Rolle ich was sagen und tun darf und was nicht.

Der eigentliche Skandal, der sich im Neo Magazin Royale abspielte, wurde durch die Diskussion um Meinungs- und Kunstfreiheit natürlich ganz überschattet: Der eingeladene Studiogast, Ronja Rönne, hat in der Sendung eine Zigarette geraucht! Das ist sicherlich nicht durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Eigentlich hätte sie dazu vor die Tür gehen müssen. #rauchfrei

*Der Titel dieses Artikels ist keine Beleidigung, denn er steht zwischen Anführungszeichen.

Unser Star für Stockholm. Press ESC for Escape

Kurze Geschichte des ESC

Den Eurovision Song Contest (ESC) gibt es seit 60 Jahren. 10 mal hat ABBA gewonnen und 50 mal Ralph Siegel, der dafür in verschiedene Rollen schlüpfte. Stefan Raab und Guildo Horn haben bei ihren jeweiligen Auftritten verloren. Die Erfindung des Telefons in den 1990er Jahren hat die Fernsehlandschaft revolutioniert und ein neues interaktives Fernsehformat etabliert: den ESC-Vorentscheid. Bei dieser Fernsehsendung können die Zuschauer live per ‚Telefon-Voting‘ abstimmen, welchen Musiker oder welche Band sie am wenigsten peinlich finden und ihr Land vertreten soll.

Im Jahr 2015 hat der Gewinner des ESC-Vorentscheids, Andreas Kümmert, den Sieg verweigert und ist daher nicht zum ESC nach Österreich gefahren. Dieses Jahr wollten sich die Verantwortlichen diese Schmach ersparen und so hat man gar keinen Vorentscheid durchgeführt und Xavier Naidoo am 19.11.2015 per Dekret zum Deutschen ESC-Kandidaten ernannt. Das löste allerdings einen ‚Shitstorm‘ aus, der die digitale Kanalisation verstopfte und zwei Tage später wurde Naidoo denominiert.

Xavier, der liebe Junge

Zum ersten Mal trat Naidoo in Erscheinung, als deutschsprachige Musik, vor allem Deutschrap jenseits der Fantastischen Vier, extrem populär wurde. Als jugendlicher Hörer ließ man sich damals – Mitte bis Ende der 1990er Jahre – leicht vom coolen Auftreten, flotten Sprüchen und Wortwitz mancher Musiker beeindrucken. Die Protagonisten waren Fettes Brot, Deichkind, Blumentopf, Absolute Beginner und und und. Die Musik dieser Jungs war kommerziell erfolgreich und dennoch waren die Texte provokant genug, um sich als Heranwachsender nicht dafür schämen zu müssen. Xavier Naidoo war anders. Er war extrem uncool. ich verbinde ihn mit christlicher Didaktik im Soul- oder R&B-Gewand. Die Songs waren so lahm und tranig, dass sie selbst für den Konfirmandenunterricht nichts taugten. Xavier war ein lieber Junge, der auf dem Schulhof noch mit Chupa Caps spielte, während der Rest der Klasse schon in der Raucherecke stand.

Naidoo hat mich nie interessiert und ich hatte ihn in meiner Ignoranz mittlerweile völlig vergessen. Offenbar ist Xavier Naidoo aber nie irrelevant geworden. Als ich Videos von ihm auf YouTube suchte, musste ich mit Erstaunen feststellen, dass einige davon über 25 Millionen Mal angeklickt wurden. Das schaffen sonst nur die allerbesten Katzenvideos!

Für Thomas Schreiber, ARD-Unterhaltungskoordinator und Leiter des Programmbereichs Fiktion und Unterhaltung im NDR, ist Naidoo ein Ausnahmekünstler, der seit zwanzig Jahren seinen Platz im deutschen Musikleben hat. So sollte Naidoo Deutschland dann beim ESC 2016 in Stockholm vertreten. Interessant ist, dass Schreiber die Entscheidung für Naidoo auch damit begründete, dass ein Auftritt beim ESC einen hohen symbolischen Wert habe, da „mit Xavier Naidoo ein dunkelhäutiger Sänger für dieses tolerante Land auf der Bühne gestanden hätte, der von seinem Äußeren her nicht dem Klischee des blonden Deutschen entspricht, der aber von vielen Millionen Deutschen geliebt wird.“ (ndr.de).

Allerdings ist Xavier nun seit einigen Jahren gar nicht mehr so lieb. Er spielt nicht mehr mit Chupa Caps, sondern beleidigt Homosexuelle und hat auf einer Versammlung der sogenannten Reichsbürger öffentlich gesprochen. Denen wird Rechtsextremismus, Antisemitismus und ein Hang zu Verschwörungstheorien nachgesagt. So jemand darf Deutschland nicht beim ESC vertreten. Das sah dann auch Schreiber ein und zog die Nominierung zurück.

Escape!

Aufgrund des Protests wurde dann der ESC-Vorentscheid kurzerhand wieder eingeführt. Am 25.02.2016 übertrug die ARD dieses Fernsehspektakel live aus der ARD-Arena in Köln vor 2.000 Zuschauern (davon 1.000 Komparsen und 500 ARD-Klatsch-Roboter). Bei diesem Event traten zehn Musiker (sogenannte „Künstler“) bzw. Bands auf und konnten zeigen, wie bunt und vielfältig Deutschlands Musikbusiness ist. Vom Pop-Schlager bis zum Schlager-Pop war wirklich alles dabei!

Peter Urban (die unsichtbare ARD-Stimme aus dem Off) sagte, ein erfolgreiches Lied müsse kribbeln und Gänsehaut auslösen und das gewisse Etwas haben. Die Programmverantwortlichen konnten also ganz bequem die Menge der Gänsehäute vor den Fernsehbildschirmen zusammenzählen und dann ausrechnen, welches Lied die besten Chancen beim diesjährigen ESC in Stockholm haben wird.

Für alle, die das Medienereignis verpasst haben und nicht zwei Stunden ihrer Lebenszeit dafür opfern wollen, kommt hier die Zusammenfassung der Veranstaltung.

Gänsehaut-Feeling garantiert!

Moderiert wurde die Sause von Barbara Schöneberger, die sie mit einem Medley eröffnete, in dem sie sich auch über das Hick-Hack um Naidoo lustig machte. Danach folgte die harte Arbeit für sie und die Zuschauer. Hier die chronologische Reihenfolge der Auftritte.

01

Die gute Nachricht zuerst: Helene Fischer hatte keinen Bock, am ESC teilzunehmen, weil sie Flugangst hat und nicht nach Stockholm fliegen möchte. Die schlechte Nachricht: Die ARD hat einen Ersatz gefunden, nämlich Ella Endlich mit „Adrenalin“.

Das Publikum in der ARD-Arena hat zum Glück nicht gemerkt, dass sie nicht die echte Helene Fischer war.

02

Joco mit „Full Moon“:

Zwei singende Schwestern, die mehrmals „Hey!“ sagten. Hinter ihnen war ein großer Vollmond auf der Bühne (sehr clever, denn „full moon“ bedeutet nämlich „Vollmond“). Dadurch konnte man sich den Vollmond richtig gut vorstellen.

03

Gregorian mit „Masters Of Chant“:

Sechs Sänger in Mönchskutten. Die hatten echtes brennendes Feuer auf der Bühne, das vom Publikum auch entsprechend mit Applaus bedacht wurde. Unter einer der Kutten steckte Xavier Naidoo, der hoffte inkognito zum ESC zu kommen.

04

Woods of Birnam mit „Lift Me Up (From The Underground)“:

Da war ich gerade auf Toilette.

05

Als Ersatz für Ella Endlich wurde vorsichtshalber noch Luxuslärm mit „Solange Liebe in mir wohnt“ eingeladen. Sie wurden nicht benötigt, aber durften trotzdem auftreten. Der Gesang war übrigens live, aber das Klatschen war Playback.

06

Keøma mit „Protected“:

Das Indie-Pop-Duo hat im Berliner Naturkundemuseum das Skelett eines Tyrannosaurus Rex besichtigt. Das ist eines der drei am besten erhaltenen Skelette eines Tyrannosaurus Rex weltweit.

07

Avantasia mit „Mystery Of A Blood Red Rose“:

Die sympathischen Power-Metaller haben ihren Song extra so langsam gespielt, dass die ARD-Zuschauer im Takt mitklatschen können, ohne außer Puste zu geraten. Schöneberger hat mehrmals vergeblich versucht, den Titel des Lieds richtig auszusprechen.

08

Das erklärte Ziel von Alex Diehl war „[… ] dass alles so echt wie möglich ist, damit man‘s so gut wie möglich spüren kann, das Gefühl, das in einem Lied steckt“. „Nur ein Lied“ sang er, in dem er (sogar auf Englisch und Französisch) dafür argumentierte, dass Krieg und Terrorismus nicht so gut sind. Der Songtext wurde zwar an die Bühnenwand projiziert, aber Diehl musste ihn dennoch alleine singen.

09

Für die Hentai-Freunde unter den Zuschauern wurde die 17-jährige Jaime-Lee Kriewitz eingeladen. Ihr Lied „Ghost“ klingt wie Rihannas „Umbrella“. (Smudo von den Fantastischen Vier hat übrigens ihren Hut gebastelt.)

10

Laura Pinski mit „Under The Sun We Are One“:

Pinski hat extra den Coca Cola Song „Holidays are coming“ neu vertont und argumentierte genau wie Alex Diehl dafür, dass Menschlichkeit gut ist und Krieg und Terrorismus nicht so gut sind. Sie wurde disqualifiziert, weil sie sich während ihres Auftritts zu wenig bewegt hat.

Finale

Barbara Schöneberger war begeistert von den „10 Songs, die unterschiedlicher nicht sein könnten“. Allerdings wirkten die Songs alle ordnungsgemäß glatt gebügelt, genormt und standardisiert – sowohl formal als auch inhaltlich. Darüber konnten auch die farbigen Lichter, Bühnenbilder und Kostüme nicht hinwegtäuschen.

Der ESC ist ein großer Komposthaufen: Egal, welche Musikstile und Genres die Musiker und Bands ursprünglich vertreten – am Ende wird alles zum ununterscheidbaren Pop-Schlager-Gemisch mit ganz viel Gefühlsdunst und authentischen Emotionen, die vor sich hin gären und den Humus für das kommende Jahr bilden. Die ‚Feelings‘ sind so echt, dass sie nach Belieben abrufbar sind. Die Finalisten mussten zweimal an dem Abend den selben Song mit denselben Emotionen ‚performen‘ und die Siegerin sogar dreimal – von den unzähligen Proben davor ganz zu schweigen.

Im Finale standen dann 07, 08 und 09. Gewonnen hat 09.

Allen, die jetzt enttäuscht sind, sei verraten, dass auch im kommenden Jahr wieder ein ESC stattfinden wird. Thomas Schreiber hatte im Vorfeld der Sendung schon Andeutungen gemacht:

„Ich danke allen sehr herzlich, die Songs für den ESC vorgeschlagen haben. Und bei manchen Künstlern, mit denen wir für den ESC 2016 aus unterschiedlichen Gründen nicht zusammengekommen sind, hoffe ich auf den ESC 2017.“ (daserste.de)

Es gibt also noch Hoffnung, dass wenigstens im kommenden Jahr Xavier Naidoo mit dabei sein wird!

Stereotypen in Film und Fernsehen: Ist Olli Dittrich das Volk?

Die Frage: Sie benutzen eine Rhetorik der Konfrontation: Auf der einen Seite „die Fremden“, die nicht zum Abendland, zu Europa gehören, auf der anderen Seite die europäischen Werte, die vor den Fremden geschützt werden müssen. Obwohl die Medien seit den ersten Gehversuchen der „patriotischen Europäer“ über diese Bewegung berichten, ist mir bis heute nicht klar, was genau an Europa so schützenswert sein soll. Welche europäischen Werte sind das im Einzelnen, die da geschützt werden sollen?


Zwei Versuche, die Frage nach dem Abendland zu beantworten: Christentum und Aufklärung

Da die Volksverhetzer von PEGIDA die Islamisierung ausdrücklich als Bedrohung darstellen, liegt es nahe, bei europäischen Werten an das Christentum zu denken. Aber was ist denn eigentlich dieses Christentum? Um das Jahr 4 oder 6 v. Chr. wurde knapp 3000 km südöstlich von Dresden, ein Typ geboren, der das Christentum erfunden hat. Was der alles gemacht hat, kann man in einem Buch nachlesen. Das Buch gibt es auf Amazon schon für knapp 20 €. Das Buch wurde Gott sei Dank auch auf Deutsch übersetzt, es wurde im Original nämlich in einer ganz fremden Sprache geschrieben. Jedenfalls ist das Christentum nach dem Tod seines Gründers in Europa immer populärer geworden. Man kann ohne große Interpretation einige wichtige christliche Werte benennen: Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Hilfsbereitschaft. Insbesondere gegenüber Armen, Kranken, und sozial schlechter Gestellten sollen Christen diese Werte leben. Sind das die Werte, die die PEGIDA-Anhänger verteidigen wollen? Aber kann das funktioniert, indem sie den Armen, Kranken, und sozial schlechter Gestellten die Hilfe verweigern?

Aber Moment! Nicht alle „patriotischen Europäer“ müssen praktizierende Christen sein. Europa rühmt sich ja auch oft damit, Kirche und Staat klar voneinander getrennt zu haben. Die Säkularisierung könnte als europäischer Wert gelten. Noch stärker als an das Christentum könnte man beim Ausdruck „Abendland“ an die Aufklärung und die Französische Revolution im 18. Jahrhundert denken. Anstatt einem Gott oder einem König willenlos zu folgen, wurden Bürger- und Freiheitsrechte damals plötzlich groß geschrieben. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!“, das klingt doch prima. Vielleicht will PEGIDA diese Werte schützen? Kann man aber die Freiheit schützen, indem man Zäune baut, die die Bewegungsfreiheit einschränken? Kann man Gleichheit fordern und gleichzeitig einen Unterschied machen zwischen „unseren“ und „deren“ Rechten? Kann man Brüderlichkeit wollen und sie dabei von äußerlichen, zufälligen Faktoren wie Hautfarbe, Religion und Staatsangehörigkeit abhängig machen? Wie man es dreht und wendet: Die Forderungen von PEGIDA scheinen ein performativer Widerspruch zu sein.

Dittsche: Der wirklich wahre Deutsche?

Die Versuche, verstehen zu wollen, welche Werte für PEGIDA typisch europäisch, typisch abendländisch sind, ist gescheitert. Und ohnehin liegt der Verdacht nahe, dass PEGIDA sich nicht so sehr um das Abendland als Ganzes sorgt, sondern vor allem versucht, Deutschland abzuschotten. Immerhin gibt es nicht ohne Grund eine enge Verbindung zur Europa-kritischen Partei AfD. Versuchen wir es deshalb mal eine Nummer kleiner: Was ist denn typisch deutsch? „Wir“ waren Papst. „Wir“ sind Fußballweltmeister. Und die ganze Welt, die nicht „wir“ ist, war schon mal hier bei uns „zu Gast bei Freunden“. Aber wer genau sind denn die Deutschen, die sich „wir“ nennen? Wer ist „das Volk“? Olli Dittrich hat vielleicht eine Antwort darauf, immerhin behauptet die Fernsehsendung „Dittsche“, in der er die Hauptrolle spielt, „das wirklich wahre Leben“ zu zeigen. Da „Dittsche“ in Deutschland (in Hamburg) spielt, zeigt die Fernsehserie das wirklich wahre Leben in Deutschland. Die Serie hat es seit dem Jahr 2004 auf stolze 22 Staffeln gebracht und hat den Deutschen Fernsehpreis, den Grimme-Preis und die Goldene Kamera gewonnen.

Olli Dittrich spielt hier einen einerseits liebenswürdigen, andererseits furchtbar nervigen Zeitgenossen. Er steht in Bademantel und Schlappen angetrunken in einer Imbissbude und plappert improvisierend munter drauf los. Seine Gesprächspartner sind Ingo, der Besitzer des Imbiss‘ sowie ein abgewrackter Typ namens Schildkröte, der im Baumarkt arbeitet. Dittsche hat zu allem eine Meinung, eine Menge Halbwissen und legt sich seine eigenen Verschwörungstheorien zu recht. Er hat vieles im Kopf, was er irgendwo aufgeschnappt hat und vieles davon hat er falsch verstanden oder verwechselt es. Bei manchem weiß man gar nicht so recht, woher er das haben könnte. In dieser Art der „Informationsverarbeitung“ gleicht er den PEGIDA-Mitläufern. Allerdings hat Dittsche zu den Themen, die er anspricht, mehr Distanz und dadurch weniger Angst. Bei PEGIDA ist die Angst die wichtigste Zutat. Halbwissen + Angst = Hass. Dittsche ist eine Figur, die jeder in ähnlicher Form schon mal in irgendeiner Eckkneipe gesehen hat. Für eine zünftige Stammtischrunde ist er weder laut noch gesellig genug. Solche Type sitzen lieber im kleineren Kreis mit einem Bierchen oder einem Doppelkorn und quasseln dummes Zeug. Sie sind harmlos. Er würde wahrscheinlich weder zu PEGIDA noch zu Anti-PEGIDA auf die Straße gehen, denn dafür misstraut er Massenbewegungen zu sehr und hat sich zu sehr in seiner eigenen privaten, gemütlichen Welt eingerichtet. Konfrontationen geht er lieber aus dem Weg und Veränderung betrachtet er mit Skepsis. Dittsche meckert zwar über dieses und jenes, aber er möchte eigentlich gar nichts am Status Quo ändern, denn er meckert ja gerne. Dittsche ist überhaupt unpolitisch, denn er gehört zu den „Politikverdrossenen“, die denken, dass „die da oben ohnehin machen, was sie wollen“. Glücklicherweise ist er verdrossen genug, um auch den naiven Lösungsvorschlägen von PEGIDA und AfD nicht zu glauben.

Leute wie Dittsche kann man in Deutschland zweifellos treffen. Das macht den Erfolg der Fernsehserie aus. Dittsche ist skurril, aber glaubhaft. Wer zufällig einschaltet und Olli Dittrich nicht kennt, könnte meinen, er sähe ein Video, das mit versteckten Kameras in irgendeiner norddeutschen Imbissbude aufgenommen wurde. Durch zufällig eingesetzte Schnitte zwischen den Bildern der fest installierten Kameras verstärkt sich der Eindruck des Reality TV oder Scripted Reality. Zeigt das TV also die wirklich wahre deutsche Reality?

Nein, denn liebenswürdige, angetrunkene Dummschwätzer kann es auch in jedem anderen Land geben. Typisch deutsch im Sinn eines Alleinstellungsmerkmals ist Dittsche sicher nicht.

Olli Dittrich: Der König von Deutschland?

Ich versuche immer noch, herauszufinden, was die Teilnehmer der PEGIDA-Demonstrationen schützen wollen. Was ist typisch deutsch an Deutschland, das durch „Überfremdung“ verloren zu gehen droht? Um das zu verstehen, müssen wir so viel wie möglich über den Durchschnittsdeutschen herausfinden. Geben wir Olli Dittrich eine zweite Chance. In dem Kinofilm „König von Deutschland“ aus dem Jahr 2013 spielt er den Durchschnittsdeutschen überhaupt, den 46-jährigen Thomas Müller. Thomas arbeitet in einem mittelständischen Unternehmen, das Navigationsgeräte herstellt, ist mit Sabine verheiratet, aber interessiert sich mehr für seine Arbeitskollegin. Der Sohn Alexander verachtet die Spießigkeit seiner Eltern und alles, wofür sie stehen. Thomas Lieblingsfilm ist „Herr der Ringe“, Lieblingsfarbe Blau und er mag Fußball. Er ist absolut normal, nichts an ihm ist besonders. Er ist die fleischgewordene statistische deutsche Durchschnittsperson. Er ist das Volk. Und gerade das macht ihn so besonders wertvoll für ein Marktforschungsunternehmen, das Teil einer Verschwörung aus Wirtschaft, Politik und Medien ist. Durch eine fingierte Volkszählung wird der Leiter des Marktforschungsunternehmens, Stefan Schmidt auf Thomas aufmerksam, sorgt dafür, dass Thomas seinen Job verliert und stellt ihn bei sich ein. Schmidt lässt Thomas im Unklaren über die Arbeit des Unternehmens und untersucht heimlich Thomas‘ Kaufverhalten, seinen Geschmack und Vorlieben und will immer wieder Thomas‘ Meinung zu politischen Themen wissen. Thomas wird von Schmidts Firma rund um die Uhr überwacht. Alle Ergebnisse dieser heimlichen Befragung und Überwachung schlagen sich direkt in die Gestaltung neuer Produkte und in der Werbung nieder. Auch Politiker passen den Kurs der Partei an Thomas‘ Durchschnittsmeinung an.

Thomas Müller verkörpert also den Durchschnittsdeutschen. Verkörpert er damit auch die Werte, die PEGIDA schützen will? Sind Langeweile, Angepasstheit und Trägheit Werte, und wenn ja, warum sollte man diese Werte schützen? Vielleicht will PEGIDA Thomas Müller schützen. Er selbst würde aber bei den Demonstrationen nicht mitmarschieren, da er zu der Uhrzeit gerade von der Arbeit kommt und nach dem Abendessen vor dem Fernseher sitzt. Genau wie Dittsche ist auch Thomas zu unpolitisch und zu gemütlich für jede Art von Protest.

Die Idee des Films ist gut und es werden viele relevante Themen angesprochen, wie Überwachung, Big Data, der gläserne Kunde, die Verquickung von Wirtschaft und Politik durch Meinungsforschung usw. Leider ist die Umsetzung halbherzig. Die Themen hätten das Potential für einen Psychothriller, werden aber in das Gewand einer Komödie verpackt und damit zu weich, ohne Kanten, ohne Brisanz präsentiert. Ist der Film damit vielleicht typisch deutsch?

Irgendwann entdeckt Thomas, die heimliche Überwachung, verhält sich absichtlich „unnormal“, indem er sich z.B. plötzlich vegan ernährt, und wird dadurch wertlos für die Marktforschung. Schließlich wird er von seiner Frau an die Firma verkauft und gezwungen, wieder zu kooperieren. Der einzige Ausweg ergibt sich durch die Teilnahme an der Quiz-Show „König von Deutschland“. In der Show müssen die Kandidaten die typischen Antworten von Deutschen erraten. Thomas beantwortet absichtlich die letzte Frage falsch, um unter die Bühne des Fernsehstudios zu gelangen und durch die Tiefgarage zu flüchten.

Der Durchschnittsdeutsche verlässt am Ende des Films das Abendland und flüchtet nach Osten, dort wo die Sonne aufgeht, ins Morgenland. Der König muss ins Exil. Die Schlussszene zeigt ihn mit seiner ehemaligen Arbeitskollegin in einer Jurte in der Mongolei. Leider zeigt der Film nicht, wie die Flucht verlaufen ist, ob es in der Mongolei Transitzonen gibt, ob mongolische Asylanträge ausgefüllt werden mussten und ob es Mongolen gibt, die gegen die Christianisierung des Morgenlandes protestieren.

Fazit

Ich weiß nach all diesen Überlegungen leider noch immer nicht, was abendländisch, was europäisch, nicht einmal was typisch deutsch ist. Ich gebe es daher auf, einen Sinn hinter diesen Worten zu suchen, die in der Rhetorik von PEGIDA instrumentalisiert werden, um unbestimmte, vage Ängste zu schüren. Dort wo Angst regiert, kommt man mit vernünftigen Überlegungen nicht weiter.

Wer sich nun zum Schluss noch etwas Erbauliches wünscht, dem empfehle ich folgendes Video, in dem Olli Dittrich und Wigald Boning als „Die Doofen“ auftreten. Dort heißt es „Jesus, Jesus du warst echt O.K. / Jesus, Jesus everytime fair play!“

Sextapes, Genderdebatte und Zensur

Rezension eines Sextapes?


Als Prominenter hat man es heutzutage wirklich nicht leicht: Da will man einfach nur Sex mit der Frau seines besten Freundes haben – und schwupps! – sechs Jahre später taucht ein Video davon im Internet auf und sorgt für einen Skandal, der Karriere und Privatleben ruiniert. So erging es Hulk Hogan, dem wohl bekanntesten Wrestler der Welt. Hogan (Terry Bollea) ist auf dem Video beim Sex mit Heather Clem, der Frau von „Bubba the Love Sponge“ zu sehen. Teile dieses Videos wurden im Mai 2012 auf der Online-Plattform Gawker veröffentlicht und Hogan klagte dagegen. Die sexuellen Handlungen waren aber nicht der Auslöser des großen Skandals, der dann erst 2015 entstand. Hogan wollte mit der Klage dafür sorgen, die Veröffentlichung des Sextapes zu verbieten und dadurch sein Image zu schützen. Ironischerweise ist es genau diese Klage, die dazu führte, dass weiteres Material an die Öffentlichkeit gelangte, das seinen Ruf noch weiter schädigte.

Skandalös war nämlich das, was der Hulkster verbal von sich gab, was aber nicht im veröffentlichten Videoausschnitt auf Gawker enthalten war. Hogan beschimpfte Afroamerikaner auf rassistische Weise und benutzte mehrfach das N-Wort. Die Transkription dieser Äußerungen lag dem Gericht vor, bei dem er Klage gegen Gawker eingereicht hatte, und gelangte von dort an den National Enquirer und RadarOnline, zwei Klatsch-und-Tratsch-Webseiten.

Die Äußerungen von Hogan sorgten für eine mediale Welle der Empörung und führten dazu, dass Hogans Arbeitgeber World Wrestling Entertainment (WWE) sich mit sofortiger Wirkung von ihm trennte. Doch nicht nur der aktuelle Vertrag zwischen WWE und Hogan wurde aufgelöst – viel interessanter ist der Versuch der WWE, sämtliche historischen Verbindungen zu ihrem einstigen Aushängeschild zu kappen.

Rewriting History

Hulk Hogan war jahrzehntelang das perfekte Maskottchen für das Unternehmen, das positive, strahlende Gesicht der Company in seinem gelb-roten Kostüm, muskelbepackt und braungebrannt. In Millionen Kinderzimmern hing er als Poster an der Wand und predigte im Fernsehen, dass man Vitamine zu sich nehmen und immer das richtige tun müsse. Das war in den 80er und 90er Jahren, als alles, was aus den USA kam, per se cool war. Dadurch konnte die WWE zu einem globalen Imperium heranwachsen. Heute genügt es im Wrestling-Business jedoch nicht mehr, im Ring und am Mikrofon gute Leistungen zu zeigen – auch das Privatleben muss makellos sein, denn jeder Fehltritt wird in den sozialen Medien in Sekundenschnelle weltweit verbreitet. Die WWE ist heute ein globales Medienunternehmen, das an der Börse gehandelt wird. Ein sauberes, positives Image ist daher überlebenswichtig. Eine Verbindung zu einem Rassisten ist geschäftsschädigend, da sie Investoren, Sponsoren und Werbepartner abschreckt. Es reicht daher nicht aus, die Zusammenarbeit mit Hulk Hogan in Gegenwart und Zukunft zu beenden, auch die Vergangenheit muss entsprechend angepasst, gesäubert werden.

Als unmittelbare Folge des Rassismus-Skandals löschte die WWE Hogans Profil und „sämtliche Erwähnungen von Hogan auf wwe.com“„. Nur noch indirekt kann man Videoausschnitte finden, in denen er zu sehen ist. Auch aus der Hall of Fame wurde er entfernt. Der größte Star in der Geschichte des Wrestlings hat quasi nie existiert. Die Geschichte wurde somit umgeschrieben. Wenn die Vergangenheit nachträglich geändert wird, verschwinden – so die Hoffnung – auch die Probleme der Gegenwart.

Solch ein Vorgehen ist zwar sehr bizarr und erinnert an das „Ministerium für Wahrheit“ aus Orwells 1984. Aber bei einer Wrestlingorganisation ist das durchaus verzeihlich. Es handelt sich um eine private Firma, die Unterhaltung anbietet. Wie sie sich in der Öffentlichkeit präsentiert, ist ihre Entscheidung. Wie jeder weiß, ist Wrestling eine Show, in der die Sieger der Matches im Vorfeld bestimmt werden. Die Storywriter können die Zukunft nach ihren Wünschen entwerfen. Da scheint es nur konsequent, dass sie auch die Vergangenheit manipulieren. Sie sind nicht verpflichtet, die Vergangenheit aufrichtig und unverzerrt darzustellen. Doch wie sieht es mit den öffentlich-rechtlichen Medien aus?

Frank Plasberg is running wild!

Darf eine Fernsehsendung aus einer Onlinemediathek gelöscht werden, nachdem sie ausgestrahlt wurde? Mit dieser Frage sahen sich die Verantwortlichen der ARD-Talkshow Hart aber fair konfrontiert. Die Sendung vom 2. März 2015 sorgte in der deutschen Medienwelt für einen Skandal. Zwar wurde der Moderator Frank Plasberg nicht aus der Hall of Fame entfernt, aber gelitten hat sein Image allemal. In der Sendung mit dem Titel „Nieder mit den Ampelmännchen – Deutschland im Gleichheitswahn?“sollte darüber diskutiert werden, wie der Stand der Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen in Deutschland ist, was dabei aktuell schief läuft und was geändert werden soll. Die geladenen Gäste waren die Autorin Anne Wizorek, Anton Hofreiter von den Grünen, die Publizistin Birgit Kelle, Wolfgang Kubicki von der FDP sowie Sophia Thomalla, die dabei war, weil sie auch eine Meinung zu dem Thema hat.

Die Zuschauerreaktionen während und nach der Sendung waren heftig. Es wurde nicht nur über die Inhalte und Argumente gestritten, sondern vor allem über die Form. Kritisiert wurde, dass die Themen nicht seriös genug behandelt und die falschen Gäste eingeladen wurden. Nicht nur einige der Talk-Gäste, sondern auch der Moderator und die Redaktion hätten das Thema ins Lächerliche gezogen und sich sexistisch geäußert. Ähnlich wie bei Hogans Sextape war diese erste Reaktion auf die Veröffentlichung rückblickend betrachtet aber das kleinere Übel. Der volle Skandal entfaltete sich erst, als das Video der Sendung im August aus der ARD-Mediathek entfernt wurde. Dies wurde als Zensur bzw. Selbstzensur wahrgenommen und der Aufschrei und das Entsetzen waren groß. Es wurde um die Presse- und Meinungsfreiheit gefürchtet. Schließlich war der Druck so groß, dass die Sendung wieder in die Mediathek gestellt wurde. Auf Youtube gab es ohnehin Kopien des Videos. Das Ganze war eine skurrile und ungeschickte Form des Krisenmanagements, aber damit hätte man es nun bewenden lassen können. Doch offenbar hatte man bei ARD bzw. WDR sich die Kritik sehr zu Herzen genommen.

Reenactment einer Talkshow

Der erste Fehler war, die Sendung aus der Mediathek zu entfernen und dadurch scheinbar zu zensieren. Anstatt die Sendung nun wieder freizugeben und eine Diskussion um den Inhalt zuzulassen, geschah nun der zweite Fehler: Sie wurde am 7. September 2015 wiederholt. Sie wurde aber nicht in der ursprünglichen Form erneut ausgestrahlt, sondern quasi neu aufgeführt. Ein Reenactment. Das gleich Thema sollte erneut, diesmal aber ernsthafter, diskutiert werden. Alles aus Anfang, Klappe die zweite!

Die schlechte Originalsendung sollte von einer verbesserten Version überschrieben werden, um den Zuschauern zu zeigen, dass man professionell sein kann und den Auftrag einer lebendigen öffentlichen Meinungsbildung ernst nimmt. Der Titel der Neuauflage klingt allerdings so, als wäre die Redaktion etwas eingeschnappt: „Der Gender-Streit: Was darf zu Mann und Frau gesagt werden?“.

Die Auswahl der Gäste stand, wie gesagt, in der Kritik. Die Konsequenz: Dieselben Gäste wurden erneut eingeladen! Erweitert wurde die Runde nur um Sybille Mattfeldt-Kloth, stellvertretende Vorsitzende des Landesfrauenrats Niedersachsen, der eine Programmbeschwerde eingereicht hatte, da er in der Originalfassung der Sendung die Gleichberechtigung nicht gegeben sah. Plasberg beschönigte die Neuauflage der Sendung als ein Fernsehexperiment. Ein solches Vorgehen ist beispiellos in der Geschichte der ARD. Aber was ist ein Eintrag in dieses Geschichtsbuch wert, wenn es nachträglich verändert werden kann? In Zukunft wird man sich fragen müssen: „Welche Version der Sendung sehe ich denn gerade? Die Originalfassung, den Director’s Cut oder die Version, in der Frank Plasbergs Texte von WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn geschrieben wurden?“

Kaum besser als die Originalversion

Die Neuauflage der Sendung war leider erneut eine Enttäuschung. Einzelne Versuche der Gäste, über das eigentlich Thema zu debattieren, wurden von Plasberg lange unterdrückt und stattdessen wurde auf der Metaebene die Struktur der ersten Sendung und das Vorgehen des WDR analysiert. Zu diesem Zweck war auch Jörg Schönenborn eingeladen. Eine gute halbe Stunde wurde über das Löschen der Sendung und die Kompetenz der eingeladenen Gäste gestritten. Die Sendung beschäftigte sich also mit dem Grund ihrer Existenz. Das Thema Gleichberechtigung der Geschlechter wurde hingegen inhaltlich kaum vorangebracht. Das ist symptomatisch für eine Debattenkultur, in der es nicht um Argumente für Positionen geht, sondern um die Form, die Fassade, die kosmetische Hülle, die den Zuschauern präsentiert wird. Mit dem Reenactment der Sendung sollte guter Wille gezeigt werden, sich einem wichtigen gesellschaftlichen Thema zu widmen. Es sollte zeigen, dass man sich wirklich bemüht. Vieles von dem, was die Talkgäste von sich gaben, waren allerdings bloße Meinungen und – wie so oft – Beispiele von Einzelfällen aus dem Bekanntenkreis, die als Beleg für dieses oder jenes herhalten mussten.

Die öffentlich-rechtlichen Medienanstalten sollten weder skandalöse Meinungen zensieren noch eine misslungene Sendung neu produzieren. Sie sollen sich der Diskussion stellen, die eine ausgestrahlte Sendung auslöst. Wenn eine Äußerung politisch nicht korrekt ist, unbequem oder falsch, muss sie gerade deswegen weiterhin für die Öffentlichkeit abrufbar sein. Nur in der Diskussion kann sich dann zeigen, dass und warum eine Meinung richtig oder falsch ist. Das unterscheidet eine Talkshow im öffentlich-rechtlichen Fernsehen von Unterhaltungssendungen und Imagekampagnen.

Zensur im digitalen Zeitalter

Zensur gibt es schon solange, wie es Medien gibt. Durch die Digitalisierung ist sie aber heute viel bequemer durchführbar als im Analogzeitalter. Digitale Archive können mit einem Mausklick gelöscht werden, während Archive in Papierform mühsam geschwärzt, geschreddert oder verbrannt werden müssen. Digitale Suchanfragen können blockiert werden oder die Schlagworte zu einem Video entfernt werden. Dadurch wird es dann für die Internetbenutzer_innen unsichtbar. Der große Vorteil: Sobald sich die Empörung gelegt hat, kann das digitale Material einfach wieder freigeschaltet werden. Verbrannte Bücher lassen sich nicht ohne weiteres wiederherstellen.

Aber der Vorteil der digitalen Zensur ist gleichzeitig ihr größter Nachteil: Sobald ein Video einmal online veröffentlicht wurde, können weltweit auf beliebig vielen Computern Kopien davon existieren und im Umlauf sein. Das Recht auf Vergessen besteht theoretisch; praktisch durchsetzen lässt es sich kaum.

Genauso schnell wie ein Video im Internet geteilt werden kann, sind Leute mit Meinungen und Kommentaren zur Stelle. Aus dem Recht auf freie Meinungsäußerung folgt jedoch nicht die Pflicht, zu allem und immer seine Meinung zu äußern. Ein Shitstorm im Internet ist aus vielen Gründen problematisch, aber zu glauben, ein Shitstorm schade einer Fernsehsendung, ist naiv. Das Gegenteil wird bewirkt: Durch das gesteigerte mediale Interesse profitiert die Sendung davon, da mehr potentielle Zuschauer überhaupt auf sie aufmerksam werden. Wenn man die Redaktion einer Sendung tatsächlich abstrafen will, sollte man das einzige Mittel benutzen, das in der Logik der Medien etwas bewirken kann: Stille.

Im Wrestling kämpft üblicherweise ein Guter, ein Held, ein Publikumslieblinge gegen einen Bösen. Wenn der Gute vom Publikum bejubelt und der Böse ausgebuht wird, haben beide ihren Job gut gemacht. Totale Stille im Publikum ist die effektivste Methode, den Verantwortlichen zu zeigen, dass man mit der Show unzufrieden ist.