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Aber nur dieses eine Interview mit Tobias Premper

Wir fühlen Tobias Premper, dessen aktuelles Buch Aber nur dieses eine Mal, eine Sammlung autobiographischer Notizen, vorhin bei Steidl erschienen ist, auf den Leckzahn.


Wie und wo bist du aufgewachsen?

Ich hatte vergessen, wie inspirierend deine Fragen sind. Ich musste bislang nur ein paar kleine Morde unter Freunden begehen, die aber alle überlebt wurden, auch von mir. Ich frage mich auch manchmal, ob ich mehr Leuten die Augen ausstechen wollte als mich skalpieren wollten. Oder umgekehrt mit dem Faktor 3,25. Und je länger ich diesen Arztkittel trug, desto stärker wollte ich ihn merzen, pollocken, twomblen. So ging’s los.

Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Ich hab hier einen geflochtenen Korb, blau lackiert, an manchen Stellen blättert die Farbe schon ab, hat aber sentimentalen Wert. Da sind 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7 Hafer-Soja-Drinks und ein altes, Weißhaarige-Männer-junge-blondierte-Frauen-SHAMPOO drin. Weiß manchmal selber nicht, wer von beiden ich bin und welches der Tetra Paks ich als Erstes aufmachen soll.

Welcher Filmemacher, Musiker, Künstler hat dich und dein Schreiben am meisten beeinflusst?

Ein russischer Autor schrieb mal: „Wenn alle im Frack kommen, komme ich auf einer Bulette geritten“, und ich denke, das passt nicht so recht zu deiner Frage. Aber es steht ja bislang auch noch nicht im Grundgesetz, dass alle, die mit dem Hintern wackeln und das dann ins Internet stellen, das Recht auf Verbannung nach Kolyma haben. Leider, leider, leider. Aber das kommt, das kommt. Oder wolltest du über schlechte Bücher sprechen? Einfach wegschmeißen und aufs nächste hoffen. Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, selbst bei den schlechtesten Autoren, die die schlechtesten Bücher schreiben. Das kann uns auch mal passieren, dass uns zehn Bücher nacheinander abrutschen. Und dann wollen wir ja auch nicht von unserer Possy fallengelassen werden. Zurück zu deiner Frage: Am schlimmsten ist diese Konfrontation mit diesem „wir“. Ich bin nicht Papst, ich bin nicht Weltmeister, ich schaffe das nicht.

Stones oder Beatles?

Ach, das ist einfach: Verlieb dich in mich. Der Rest kommt dann von selbst.

Was sind deiner Meinung nach einige Meister der Kurzform?

Alle, die mein neues Buch kaufen.

Bist du religiös?

Den Schatten von Zeit nehme ich stets als Loch unter den Armen in meinen ehemals weißen T-Shirts wahr.

Was ist deiner Meinung nach der Sinn des Lebens bzw. gibt es überhaupt einen?

Den willst du gar nicht haben. Da haben die die Beine angesägt und drum herum n riesigen Graben ausgehoben mit so Viechern drin, die dich ganz langsam auffressen. Und was mir zum Thema „Lehrstuhl“ auch einfällt: Starkes Übergewicht und Schweißgeruch, bildlich gesprochen.

Was kannst du uns über Melancholie, Sentimentalität und/oder Depression verraten?

Unwetter können auch mal etwas Gutes haben, so wie ein wirklich gut geschriebener Krimi, der die Charts stürmt. Ich mache da gar nicht Halt vor. Ich lese alles Mögliche, also auch Mainstream-Sachen. Aber selber glaube ich, es gibt da einen bestimmten kleinen Kreis an Menschen, die sich für das interessieren, was ich schreibe, die das auch wirklich gerne lesen. Und das können natürlich immer noch ein paar mehr Menschen sein, überraschend mehr von mir aus. Oder als verdeckte Steuer eingeführt: Ein Buch von Premper ist Pflicht in jedem Haushalt.

Titelbild: © Lillian Birnbaum

Interspiel mit Laia Alvarez Mestre

Laia Alvarez, Schauspielerin. Geboren in Barcelona. Lebt in Berlin. Passionierte Tangotänzerin. Finalistin von IN ZUKUNFT II als Theaterautorin. Entschloss sich nach längerer Arbeit als Journalistin zu einer Schauspielausbildung, „da sie es ihrem Vater schuldig war“. Zurzeit in der spanischen Fernsehserie Com si fos ahir (TV3) zu sehen. Steht demnächst für den ZDF-Spielfilm Der gute Bulle – Wenn Tote reden (Regie: Lars Becker) vor der Kamera.

Was gibt dir Schauspielerei im Vergleich zu anderen Künsten? 

Ich kann durch sie ein anderer Mensch sein: Ich darf jemanden umbringen, ohne ins Gefängnis zu kommen, ich darf arm sein, ohne zu verhungern, oder unverschämt, ohne dass ich gehasst werde. Wir Schauspieler sind ja sehr neugierig. Wir wollen verstehen, erfahren. Wir lieben Emotionen. Wir suchen Konflikte, pasión … Wir müssen uns selber spüren, um zu wissen, dass wir am Leben sind.

Anders gefragt: Warum bist du Schauspielerin geworden?

Weil ich es leider einmal probiert habe. Schauspiel ist eine harte Droge. Wenn du es einmal probierst, kommst du nie wieder raus … Ich wollte schon immer eine Schauspielausbildung machen, aber mit achtzehn habe ich mich nicht getraut und erst mal einen Umweg eingeschlagen. Während meines Journalistikstudiums habe ich ein Erasmus-Semester an der UDK gemacht. In der Zeit habe ich meinen Freund auf der Bühne spielen sehen. Ich war neidisch. Mein Papa hat vierzig Jahre einen Job gemacht, den er gehasst hat. Er sagte dann zu mir, ich solle das tun, was mich glücklich macht. Ich bin es ihm also schuldig.

Und wo hast du dein Handwerk gelernt?

Genauso wie viele erfolgreiche Schauspieler in Deutschland wollte ich mich eigentlich bei einer staatlichen Schauspielschule bewerben. Aber ich bin Frau, Ausländerin und viel zu alt: keine Chance. Also bin ich bei einer Privatschule gelandet. Es war mir klar, dass es viele Vorurteile gegen Privatschulen gibt – Scheiß drauf. Ich wollte einfach eine gute Schule finden, wo ich an meinen Schwächen und Stärken arbeiten konnte, und habe mich bei einer der wenigen Schulen auf der Welt eingeschrieben, wo man eine Ausbildung nach Michael Tschechow machen kann. Ich möchte, dass die Leute meine Arbeit schätzen, egal, von welcher Schule oder aus welchem Land ich komme.

Wer ist Michael Tschechow und was macht seine Methode so besonders?

Er war Antons Tschechows Neffe und einer der brillantesten Schüler von Stanislawski. Stanislawski sagte einmal: „Wenn ihr meine Methode verstehen wollt, solltet ihr Tschechow studieren.“ Tschechow spielte einmal Hamlet. Stanislawski war so begeistert von seiner Interpretation, dass er ihm sein Beileid aussprach. Er dachte, Tschechows Vater wäre tatsächlich gestorben. Er war aber sehr überrascht, als Tschechow erklärte, dass sein Vater noch am Leben sei … Bei Tschechow ist die Imagination eine der wichtigsten Kräfte im Schauspiel, und diese ist, im Gegensatz zu Stanislawski, unbegrenzt. Aber hey, ich bin eigentlich gar kein Fan von Methoden. Ich habe mit anderen Methoden gearbeitet und bin davon überzeugt, dass man sich aus allem seine eigene Technik zusammenbauen sollte.

Könnte man also von Schauspielern behaupten, dass sie allesamt aus der Tschechowstanislawakei stammen?

Hahahahaha, total. Obwohl in Moment Meisner, Chubbuck u. a. sehr in sind, sind sie am Ende doch alle gleich. Ihre Ansätze variieren halt ein bisschen. Deshalb ist es beim Schauspiel egal, ob man eine Ausbildung in Spanien, Deutschland oder auf La Pampa macht, denn Schauspiel ist eine internationale Sprache. Als ich noch kein Wort Deutsch verstand, habe ich mir trotzdem viele Stücke angeschaut. Ich konnte über die Körpersprache und die Stimmungen erkennen, ob das Stück gut war oder nicht. Wenn es gut war, habe ich es verstanden. Wenn es schlecht war, habe ich mich zu Tode gelangweilt. 

Robert De Niro zum Beispiel ist hauptsächlich eine Rolle, nämlich die des Mafioso, perfekt auf den Leib geschnitten, während einer wie Sean Penn durch Vielseitigkeit überzeugt. Wer (oder was) ist für dich ein guter Schauspieler bzw. ein Vorbild?

Nicht einfach zu sagen. Ein guter Schauspieler ist, wer seine Rolle wahrhaftig spielt und sich verwandeln kann. Es gibt viele, die besonders vielseitig sind, aber nicht wahrhaftig genug spielen, oder andere, die nur einen bestimmten Typ glaubhaft spielen, obwohl sie sonst nichts anderes können. Eine andere Frage ist, ob der Markt es ihnen erlaubt, andere Facetten zu zeigen … Beides zu können ist nicht einfach. Kalki Koechlin hat bei Margarita, with a Straw eine behinderte Frau gespielt. Wenn man sich nur überlegt, was für eine körperliche Arbeit und Recherche dahinter stecken, um so eine Rolle derart überzeugend zu spielen, darf man mit hundertprozentiger Sicherheit behaupten, dass sie eine gute Schauspielerin ist. Schauspiel ist wie Langstreckenlauf: Es geht nicht darum, besser als die anderen zu sein, sondern nie aufzugeben, immer dranzubleiben. Wenn man glaubt, dass man als Schauspieler fertig ist, ist man kein guter Schauspieler. 

Laut Ben Stillers Tropic Thunder hat es ja Sean Penn in dem Drama i am sam mit der Behinderung etwas übertrieben, während Dustin Hoffmann in dem Klassiker Rain Man den Autistenking Peek recht adäquat getroffen zu haben scheint – was denkst du?

Wäre das ein Live-Interview, würde ich wahrscheinlich so was antworten wie: „Also, ich finde, dass Sean Penn bei i am sam … bla bla bla … scheiße ist.“ Ganz ehrlich? Ich hab mir den Film noch gar nicht angeschaut. Soll ich …? Next question, please.

Was machen wir denn jetzt mit Kevin Spacey?

Was soll ich sagen … geiler Schauspieler. Schuldig oder nicht schuldig, sein Name ist für immer verschmutzt. Ob er Glück oder Pech gehabt hat, werde ich nie so richtig erfahren, denn als Spanierin habe ich in die Justiz leider nicht so viel Vertrauen.

Tut mir echt leid zu hören!

In seiner MasterClass weist Spacey einen Schauspielschüler an, seiner Figur eine Verkrüppelung zu schenken. Welche Empfehlung würdest du einem angehenden Schauspielschüler mitgeben?

Zuschauer wollen immer Figuren sehen, die Probleme haben, weil es sonst langweilig ist. Ohne Konflikte gibt es keine Spannung, ohne Spannung ist Theater tot. Mein Tschechow-Trainer sagte immer: „Im Leben sollte man Konflikte meiden, auf der Bühne sollte man sie suchen.“ Das gilt genauso für den Film, klaro.

Worauf würdest du eigentlich eher verzichten – Theater oder Kino?

Für unbegrenzte Zeit: weder auf das eine noch das andere. Es gab in meinem Leben eine extrem anstrengende Zeit, als ich komplett ohne Theater und Film auskommen musste, und ich bin gaga geworden. Wenn ich eine Zeit lang nicht gespielt habe, fange ich an, Quatsch zu machen. Es geht gesundheitlich nicht. 

Besitzt du einen sog. Schauspieler-Daumen, der sich durch eine charakteristische Konkavkrümmung auszeichnet?

Ne … Aber ich kann das Geräusch einer Taube imitieren und in der Luft sitzen. Ist das was? Ansonsten kann ich Tango tanzen.

Kannst du mir ein Beispiel für schlechte Schauspielerei geben? 

Schlechte Schauspielerei siehst du jeden Tag bei den Daily Soaps. Aber weißt du, wie wenig Zeit diese Schauspieler haben, um sich vorzubereiten? Häufig kriegen sie den Text zwei Tage vorher und dürfen nur zwei bis drei Takes spielen, weil die Produktionskosten sonst zu hoch werden. Es gibt keine schlechten Schauspieler, nur wenig Zeit oder unzureichendes Engagement.

Welcher Schauspieler ist deiner Meinung nach überbewertet?

Meine Mama sagt immer, dass ich die beste bin.

Wer ist eigentlich prätentiöser – Schauspieler oder Lyriker?

Der Schaulyrikspieler.

Warum wirken deutsche Filme und Serien so komisch, etwa im Vergleich zu amerikanischen? Deutsche Schauspielerei ist teilweise auch irgendwie seltsam unüberzeugend.

Die Kohle. Eine Low-Budget-Produktion in Amerika liegt zwischen 10 und 15 Millionen Euro. Stell dir mal vor, wie viel eine „normale“ Produktion kostet und wie hoch das Gehalt der Schauspieler ist (Schauspieler verdienen im Schnitt immer noch viel mehr als Schauspielerinnen!). Spielst du in einer amerikanischen Serie, kannst du dir einen Personal Coach leisten, brauchst nichts anderes zu tun, als dich auf deine Rolle vorzubereiten, und musst eventuell nie wieder arbeiten gehen. Die meisten Schauspieler in Europa können nicht davon leben und müssen nebenher anderen Jobs nachgehen. In Spanien zum Beispiel liegt die Arbeitslosigkeit von Schauspielern bei 95 Prozent. Eine Tragödie. 

Ist Shakespeare nicht überbewertet?

Nein. Ich würde mir jetzt nicht unbedingt ein klassisches Shakespeare-Stück anschauen, es sei denn, es interessiert mich etwas Spezielles. Ich habe mich während der Ausbildung schon für die ganzen Klassiker interessiert, und Shakespeare gehört natürlich dazu. Seine Sprache ist schön, aber nicht einfach zu entziffern bzw. zu spielen. Die Gesellschaft, für die er schrieb, hätte ihn allerdings sofort verstanden.  

Ist denn Shakespeare vielleicht unterbewertet? Oder jemand/etwas anderes?

Shakespeare ist „unterverwandelt“. Ich würde gerne mal Romeo und Romeo sehen, 

oder eine schwarze Hamlet-Familie, oder eine selbständige Ophelia, oder oder oder. 

In ihrer Sketch-Comedy Mr. Show machen sich Bob (Odenkirk) & David (Cross) u. a. über Schauspieler lustig, die als dressurbedürftige Dummerles dargestellt werden. Was sagst du dazu?

Schauspieler kommen häufig dumm oder verrückt rüber, das gebe ich zu. Der Klassiker ist, wenn man auf der Straße seinen Text lernt oder in der U-Bahn sich noch ganz schnell aufwärmt und dabei komische Geräusche macht.

Hast du eigentlich viel mit Berliner Hosenbeinumkremplern & Chapeausern zu tun?

Hatte ich früher mal. Man glaubt es nicht, aber 70 Prozent der Arbeit als Film- und Fernsehschauspieler findet am Computer statt. Als ich die obligatorische langweilige Office-Arbeit als Schauspielerin anfing, saß ich ganz oft in diesen Latte-macchiato-Cafés. Irgendwann habe ich gemerkt, dass mein Lohn für so was nicht reicht … Man muss viele Stunden pro Tag am Computer sitzen, nur damit die Leute irgendwann dein Gesicht mit deinem Namen verbinden. Daher kann man es sich nicht leisten, täglich Kaffee und Kuchen zu verzehren, nur um an ein Internet-Passwort zu kommen. Ich arbeite meistens von zu Hause aus oder bei Freundinnen. So unterstützen wir uns gegenseitig, trinken selbstgekochten Kaffee und müssen nicht alle zwei Stunden nach dem aktuellen Passwort fragen. 

Titelbild: Laia Alvarez Mestre (c) Katharina Ira Allenberg

Die Totenmaske des Epidermes

Nach der Lektüre von Raoul Schrotts überaus ambitioniertem Epos Erste Erde, worin Kunst und Wissenschaft, Literatur und Natur ihre gemeinsamen Werte entdecken, drängen sich einem tausende von Fragen auf, darunter auch die folgenden:


Können Götter umgeboren werden?

(1 Spiralarm + 3 Stollenmundlöcher) x lächelnde Haut = ?

Was haben ultramarine Monaden unter der Motorhaube?

Wer gilt als der Begründer der Fernbohrkunst?

Wird prophylaktisches Sterben von den Krankenkassen übernommen?

In welchen Kulturen gilt es als unhöflich, das Synapsenköpfchen mit einem Leichentuch zu bedecken?

Durch welchen traditionellen Trick bringen Bergbewohner die Tatarenmatrix zum Pulsieren?

Was ist (außer „stunden“ natürlich) die Lieblingsvokabel der Dichter?

Was unternahm Kaiser Mark gegen Trugbildabrieb?

Unter welchen Umständen geht Fleischdetonation mit einer Humpelnden Druckwelle einher?

Was macht einen Bluterguss selig?

Welche Kristallkreatur kommt typischerweise als Fehldruck in der Magmakruste zum Vorschein?

Worauf weist ein erhöhter Serotoninspiegel im Lustwandelwurm hin?

Warum haben Astronauten Saurieraugen?

„Luzifers Gleichung“ beschreibt die Beziehung zwischen unterschwelliger Sphärenmusik und überirdischer Signifikanz – wahr oder falsch?

Wie vielen Lichtjahren lässt sich in einem mit Parabolspiegeln ausgekleideten Kneiff-Gyrov-Labyrinth auflauern?

Warum ist Schlamm aus dem Höllenpfuhl gesünder als Schaum aus dem Dorfkino?

Wie kann sich ein haarmenschlicher Fingerabdruck in Gischt einmieten?

Wie lautet der Terminus technicus für die frivolen Mehlreste einer Jahrmillionen alten Fabrik?

Eine Gestalt verlöre ihre Brustwarze, wenn der Pilznippel ________________.

Kommt ein Bleigürtel als Infusorienkluft in Betracht?

Wie funktioniert Eiweißumkehr bei Kameltreibern (Firmware)?

Honigwabe unter der Achsel?

Bei welchen Druckverhältnissen wird Blindenschrift von dreiäugigen Manierismen rezipiert?

Für wen kommt eine Kryptohumus-Nuklearbier-Diät am ehesten in Frage?

Wie kann Dahinkroch sein Präteritum überwinden?

Eine Brustwarze verlöre ihre Gestalt, wenn die Nippelsyntax-basierte Lippenchoreographie ________________.

Wie geht man mit schnarchenden Eukarioten und ihren schmatzenden Torsos um?

Was passiert, wenn man einen Hexameterdocht in lispelnde Luciferase taucht?

Wie reagieren Stummelfüßer auf filzige Photonen?

Macht Lähmung unsterblich, oder ist es eher andersherum?

Worüber verfügt ein Panzerfisch nicht: pralle Schleimhäute, elastische Keratinstirn oder laminiertes Schwanzphantom?

Golfhammer vs. Otolithen – wer wen?

Bei welchen Lebewesen lässt sich ein pigmentierter Schatten beobachten?

Was ängstigt Raum?

Wie tauschen sich die Tentakel einer sumpfigen Hyänenalge untereinander aus?

Aus welchem leider in Vergessenheit geratenen Frühwerk Xenomorphs stammt dieses Fragment:

„Strompulver zerknüllt Plankton im Knochen-Akkord
Omen bersten wie Lunarpixel prozesshafter Analogien
Opalisierte Mikroben mit Hydrokarbonstachel
Verschmelzen in Autopoiesis mit Scheißkorallen
Magnetischer Stoffwechsel ist das Umkehrbild der Irrläufer
Und die ölige Kulmination anekdotischer Kolbengeister
Das Loch im Lithium heißt Phoenix-Nautilus
Sein Feuerball ist Konjunktion und Kugelphosphor
Mikroskopwurzellkernnormierung
Als Nimbus im Nullpunkt
der Einfühlung ins Röhrchen dient er
Fragmentierte Haziendafetzen kreisen um uns
Wie der Hummelsatellit ums Apathit
Und ein Tränensäure-Selfie
[…]“?
Titelbild: © Hanser Berlin

Brief an Johannes Apokalyptus

Das folgende Schreiben setzt sich mit der 2016 von Kurt Steinmann neu übersetzten und mit 7 Illustrationen des schwedisch-griechischen Künstlers Daniel Egnéus ausgestatteten Offenbarung Johannes’ auseinander: Was können wir aus dieser fast 2000 Jahre alten Vision lernen, und ist das überhaupt gute Literatur?


Lieber Johannes,

mit großem Interesse habe ich deinen Text gelesen, der mich immer wieder beeindruckt hat. Wenngleich ich vorwegnehmen muss, dass ich Schrebers Denkwürdigkeiten noch einen Tacken stärker finde.

Das mit „Alpha und Omega“ ist natürlich ein Klassiker. Das Konzept eines verschlüsselten (und ggf. zu hackenden) Todes gefällt mir auch sehr gut, vielleicht kannst du da aber noch was Zero-Day-Mäßiges rauskitzeln. Und das Buch mit sieben Siegeln ist der Krypto-Kult schlechthin, allerdings finde ich die Asymmetrie zwischen den sieben Siegeln und den vier Reitern der Apokalypse bemerkenswert unästhetisch.

„Drangsal“ kommt für meinen Geschmack ein bisschen zu häufig vor, evtl. solltest du mehr mit Synonymen arbeiten und Satans Thron anzünden oder wenigstens mit irgendwas einsprühen.

Gewaltig tosende Wasserfälle dürften phonetisch viel zu undifferenziert sein, um komplexere Nachrichten zu übermitteln. Wer sind denn die sieben Donner und was gibt ihr Grollen informationsmäßig so alles her?

„Kranz“ ist eine intrinsisch alberne Vokabel, die sich auf Tanz, Wanz, Stanz, Franz etc. reimt und daher nicht inflationär verwendet werden sollte. Dementsprechend klingt der „Kranz des Lebens“ nach einem Euphemismus für etwas zutiefst Debiles, vielleicht lieber umformulieren. Du hast es aber auch mit Posaunen. Posaunen und Kränze, das kann man unmöglich ernst nehmen, zumal beiden ein Poloch eigen ist.

Fleisch und Huren scheinen es dir ebenfalls angetan zu haben. Das Hurenfleisch sollte nach Möglichkeit abebben, ebenso der Hurenwein. Tipp: „Huren und Scheußlichkeiten“ bzw. „Verkehr mit Frauen“ und „besudelt“ im selben Satz könnte als misogyn ausgelegt werden.

Das „Schwert des Mundes“ ist ein ziemlich groteskes Bild (vgl. Premutos oder Mortal Kombat), „Tiefen des Satans“ hingegen klingt ein bisschen nach Hardcore-Schwulenclub, könnte missverständlich sein. „Denn ihr Wirken und Tun wird ihnen angerechnet“ liest sich gar wie ein Schreiben vom Jobcenter.

Allein das Versprechen einer Morgenstern-Schenkung ist schon ziemlich gewaltig – vielleicht sollte man den ganz harten Tobak für später aufbewahren.

Ich habe mir sagen lassen, dass die Geheimzutat einer von dir erwähnten Augensalbe Stein ist – ich würde eher Dexpanthenol-Tropfen empfehlen (allerdings sollte aufgrund der natürlichen Abwärtskompatibilität von Hygiene niemals im Auge angewendet werden, was zuvor in der Nase gewesen ist). Ein einbeiniger Krüppel wird ja auch nicht zum Sprinter, wenn man seinen Stumpf in Hyaluronsäure tunkt.

Du hast so einiges für Zahlenfetisch übrig, und zwar von der uneinheitlichen Sorte. Auf der einen Seite arbeitest du mit Primzahlen wie 3 oder 7, auf der anderen Seite mit äußerst teilbaren Zahlen wie 4, 12, 12² und 24. Warum genau fünf Monate lang quälen? Sind 200.000.000 Reiterheere nicht etwas übertrieben? „In dunkle Sackgewände gehüllt Gottes Offenbarung verkündigen, zwölfhundertsechzig Tage lang“ – „Tausendsechshundert Stadien“ – „Der zehnte Teil der Stadt stürzte ein, siebentausend Menschen fanden … den Tod“ – holla die Waldfee! Es stellt sich unweigerlich die Frage, wie genau du auf diese in hanebüchene Spezifität getauchten Zahlenangaben kommst.

„Wesen, übersät mit Augen vorne und hinten“ – aber wie erkennt man dann noch, wo vorne und hinten ist? Und wäre es nicht krasser, wenn jedes Auge Flügel statt Wimpern hätte?

Ist es wirklich Sünde, lauwarm zu sein? Sollte der blinde Nacktpenner in seiner unendlichen Erbärmlichkeit ernsthaft zur Rechenschaft gezogen werden?

Gekrönte Heuschrecken mit Menschengesichtern, Frauenhaaren und Powerschwänzen? – nice. Eine aus zwölf Sternen bestehende Krone – selten einem sublimeren Bild begegnet.

Schwarze Sonne, roter Mond, Sterne fallen vom Himmel, der sich spaltet und schrumpft und zusammenrollt wie ein Pergament … mächtig oneiroide Bilder, die allerdings etwas rar gesät sind, weil du im Zweifel Politik stets der Safidalität vorzuziehen scheinst. Immerhin ist „Seelenschlachtung“ voll Warhammer 40K.

Es ist aber schon ziemlich bizarro, Jesus als ein ungeschlachtes Lamm „mit sieben Hörnern und sieben Augen“ zu bezeichnen. Abgesehen davon hat „Zorn des Lammes“ was von Monty Python.

„Ein Drittel der Erde verbrannte“ – woher nimmst du diese Daten? Das ist ja fast so anal wie bei Thanos, der es exakt auf 50 Prozent des Universums abgesehen hat. Und wie kann ein einzelner Stern auf ein Drittel aller Flüsse fallen oder ein Drittel der Sonne weggesprengt werden? Dein Gott hört offenbar auf den Namen Randôm, und der Schweiß, den er in bzw. aus uns treibt, heißt „Das Wermutstropßen“. Ölbäume, Leuchter, Feuer aus dem Mund – was für ein herrlich saukontingenter Schwachsinn.

„Und in der Hand hielt er ein aufgeschlagenes Büchlein“ – die Verwendung des Diminutivs ist fast so bemerkenswert wie im Falle „Mehlhäufchen“. Das Büchlein aufzuessen ist auch sehr cool, denn wenn das Wort Fleisch ist, dann kann man sich davon nähren, daran laben, oder auch den (erstaunlich unmetaphorischen) Magen verderben.

Die Vernichter vernichten – recht so, Angriff ist die beste Verteidigung. Aber wirklich jegliche Art von Geißel? Wie wäre es dann mit Oliver dem Zahntorpedo, Kranichdoom oder Elons tentakelbewehrtem U-Boot als Universaltool, das selbst im Zusammenhang mit Beziehungsproblemen eine gute Figur macht?

„Ein Drache … mit sieben Köpfen und zehn Hörnern“ – das ist wieder etwas unstimmig. Noch unstimmiger wird es aber, als anschließend von einem Tier die Rede ist, das im Gegenteil zum Drachen nicht sieben, sondern zehn Diademe (auf immer noch zehn Hörnern) trägt. Dem folgt ein geradezu triviales Tier mit lediglich zwei Hörnern. „Dem zweiten Tier wurde die Macht verliehen, dem Bild des ersten Tieres Leben einzuhauchen“ – sorry, aber die diversen Tiere lassen sich nur unter höchster Anstrengung auseinanderhalten. Ähnlich verhält es sich mit den verschiedenen Engeln – was genau ist ein „starker Engel“? –, deren diverse Funktionen und Qualifikationen schnell verwirrend werden. Du musst auch ein bisschen an den Leser denken und ihn ein Stück weit abholen.

Zweiundvierzig Monate Schandmaul – selbst Iron Maiden waren mit The Number Of The Beast nicht so lange on the road.

„Da warf jener … seine Sichel auf die Erde, und abgeerntet wurde die Erde“ – offenbar eine Smartsichel, die mit reduktionistischer Mechanik einen Gegenentwurf zu realen Lebensvorgängen liefert. Du alter ESC-Buttonmasher.

Wie gerecht ist eigentlich ein Gott, der „jedes belebte Wesen im Meer“ sterben lässt, nur weil ein paar Leute etwas antichristlich drauf sind? Wenn Gott sieben Schalen „bis an den Rand“ mit seiner Zornesbrühe füllt, dann spricht das für eine therapiebedürftige Psychopathologie weit jenseits von Notwehr. Ich bin ja auch nicht für Satanismus, aber solange jemand nichts Böses tut, gilt die Glaubensfreiheit, alles andere wäre Gesinnungsstrafrecht, welches mit dem Rechtsstaatlichkeitsprinzip nur eingeschränkt vereinbar ist.

Und wenn wir schon dabei sind: Kommen als gotteslästerliche Namen so was wie Tremur, Negroð oder Safiduq in Frage?

Ich finde die Vorstellung witzig, dass „von glühender Hitze versengte“ Männchen mit brennenden Hintern cartoonhaft durch die Landschaft hechten und dabei unablässig böse Flüche ausstoßen – offenbar machen Geschwür-, Zungenzerbissenheitswunder und dergleichen nicht bußfertig, vielleicht hätte man die elenden Lästermäuler mit etwas mehr Diplomatie für sich gewinnen können?

„Drei unreine Geister fahren wie Frösche [aus dem Mund,] es handelt sich um teuflische Geister, die Zeichen wirken“ – was für ein erzmagisches und ziemlich rutziges Konzept, jemanden mittels Zeichen zu verführen.

„Babylon, die Große“ erinnert mich etwas an „Ludwig van“ aus Clockwork Orange.

„Die Stadt ist viereckig angelegt, und ihre Länge beträgt so viel wie ihre Breite“ – das kann man aber einfacher ausdrücken.

Und, ach ja, könntest du bei Gelegenheit noch irgendwo Feinstes Linnen muss Absalom fressen, bis in Scharlach gekleidete Huren den thronenden Schwanz vergolden. Des Kutschers satter Furz brennt wie Weihrauch aus Menschenwurst. Der Großhure von Babylon die Eier rausreißen und die Augen mit dem Schleifstein abwetzen. Hin- und hergeschlachtet durch die Watte des Wahns ertönen Unerträgliche Richterbefehle und zerren an der F*ckunft. Aus Diademen bestehende Diademe geleiten Fraktalismann auf seinem weißen Schimmel ins Misenabymsengott. Zornesflocken aus Schabenfleisch lassen sich die Polizei schmecken. „Fresst Vogellust und versklavt gewegte Pseudoren!“, schreit das zuckende Glied aus Heilands Maul und verschießt die gesamte Gammastrahlung des Universums in unter fünf Sekunden. „Tausend Jahre sollst du bluten, Drachenweird, erst danach kannst du aufsteigen und mit deiner Hackhand Satans Überstunden abfeiern.“ Finsterrauch aus dem Gog/Magog-Höllenschacht ersetzt den ISDN-Router inkl. Pseudoschwefler von Alfa Romeo bis Opel Omega, und alle Götzen erben xten Tod!“ einbauen?

Alles Liebe

Dein Lektorat

PS: Und was hats mit diesem Alienrohr von Messstab auf sich?


Die Apokalypse erschien in Neuübersetzung von Kurt Steinmann mit Illustrationen von Daniel Egnéus 2016 beim Manesse Verlag und hat 176 Seiten.

Das Ӎҋƈʮăęŀ-Ŝŧāʌɐŕɪč-ĶïʼnĐĕɹƃɄƆƕ-₰ρɇϛίΔḶ (fördert diakritisches Denken)

michael stavaric kinderbuchspecial

Während schlechte Kinderbücher nicht einmal als Mottenfalle taugen, zeichnet sich gute Kinderliteratur dadurch aus, dass sie ganz verschiedene Altersgruppen (auch unter „Jung und Alz“ oder „alles von 0 bis 666“ bekannt) anzusprechen bereit und fähig ist. Die Jüngsten betrachten die bumpen Bilder, die Älteren erweitern ihre Ach- und Sprachkenntnisse, und wir Verwachsene erfreuen uns an bildnerischer Kunstfertigkeit und ironischem Wurstwitz. Die 9 im Folgenden präsentierten Kinderbücher von Romancier, Lyriker, Linguist, Übersetzer, Österreicher und Tscheche Michael Stavarič entstanden in Kooperation mit einer seiner begabt-begnadeten Kunstpartnerinnen und arbeiten oft mehrschichtig, was ihm auch jede Menge einschlägiger Preise und Nominierungen eingebracht hat, nicht zuletzt den Österreichischen Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur in dreifacher Ausführung.


 

Michael Stavarič & Renate Habinger: Gaggalagu (kookbooks, 2006)

Gaggalagu

Vielleicht weiß man, was „Gaggalagu“ auf Isländisch heißt, doch weiß man auch, warum dieses kunstvolle Kuckbuch mit vier halbtransparenten und ziemlich reißbaren Folienblättern ausgestattet ist? Damit die Kinder schon früh lernen, sorgfältig mit dem Gut Buch umzugehen. Doch steht diese bemerkenswerte Metaebene nicht im Vordergrund, das tut schon die lustige und lehrreiche Phonetik. Baskische Hunde machen „zaun“, indonesische Tiger „ngaung“ und chinesische Mauern „ausdemweltallsichtbarklischee“. Der Unterschied zwischen Schwedisch und Schwäbisch ist so gut wie nicht vorhanden, Lüttich ist sowohl eine Stadt in Belgien als auch ein Sittich in Oma Ottilie. Dänische Enten neigen zum Rappen, was sich Wassili (das Pferd) gerne mal über Tidal (Jay-Z hat die Exklusivrechte) reinzieht. Der Frosch aus Lubosz ist genauso Quäker, wie in Stockholm Syndromedar Sören wohnt – oder hätte ich doch lieber „wie sich in Stockholm Syndromedar Sören sonnt“ schreiben sollen, um beim Alliterativen Nobelpreis mitmachen zu dürfen? Jedenfalls können auch Tiere einen Kulturschock erleiden, wenn etwa ein japanischer Egel auf eine pafnutische Anschwebfliege trifft.

 

Michael Stavarič & Renate Habinger: BieBu – Mein Bienen- und Blümchenbuch (Residenz, 2008)

BieBu – Mein Bienen- und Blümchenbuch

Leider werden die bis zu 70 PS starken Bienen nicht nur in diesem Sachlachbuch krank und sind daher gezwungen, sich von anderen Tieren (darunter ein von Kurdo erlegter Bugatti Veyron) aushelfen zu lassen, was naturgemäß nicht allzu gut funktionieren kann. Das spezifische Know-how der unter anderem für ihren informationstechnischen Tanzstil critically acclaimed Schwirrvölker kann halt nicht einfach mal so auf Fledermaus Sayo, Beutelteufel Preeti oder etwa Berg-Schneck-Hybrid Popokakapeter übertragen werden. Natürlich ist permanentes Scheitern stets in der Nähe von Komik angesiedelt, daher haben wir es hier mit einigen Albernheiten sowie Kapitelüberschriften wie „Netzwerkarbeit“ oder „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ zu tun. Die Geschichte über die Suche nach einem halbwegs adäquaten Bienenersatz ist aber nicht nur pädagogisch aufbereitet, sondern auch grafisch imposant. Allein die zahlreichen Schriftkapriolen belegen, dass sich aus InDesign so viel mehr rauskitzeln lässt als beispielsweise aus einem Baum.

 

Michael Stavarič & Dorothee Schwab: Die Kleine Sensenfrau (Luftschacht, 2010)

Die Kleine Sensenfrau

Wie es wohl ist, mit dem Tod eine Familie zu gründen? Wie/ob Freund Hein sich in seinen Vatereigenschaften von Hainfreund Waldemar unterscheidet? Jedenfalls muss Thanatos’ Tochter früher oder später in Senseniors düstere Fuß- und „Gerät zum Mähen, dessen langes, bogenförmig gekrümmtes, am freien Ende allmählich spitz zulaufendes Blatt rechtwinklig am langen Stiel befestigt ist“stapfen treten. Sie wird dabei, nach Abschluss einer lehrreichen und von Schwab vielseitig-filigran inszenierten Walz, sanft und liebevoll vorgehen und etwa ein unheilbar krankes Kind behutsam in den ewigen Schlaf wiegen. Hier wird ein durchaus verstörendes Thema behandelt, an dem allerdings kein Lebensweg vorbeiführt. Und wenn unser aller Leben wirklich eine Volks- bzw. Zivilisationskrankheit ist, wie einige Gemmologen behaupten, dann muss man zumindest einmal, wenn auch nur ganz kurz, so rational sein und den Tod als ein probates und nebenwirkungsfreies Naturheilmittel anerkennen, das sowohl in homöopathischen als auch hippopotamischen Dosen gleichermaßen wirksam ist.

 

Michael Stavarič & Renate Habinger: Hier gibt es Löwen (Residenz, 2011)

Hier gibt es Löwen

In diesem Buch gibt es so viel mehr als Löwen, nämlich Handrücken, Mittelfuß und sogar Schamlippen. Es geht um Körperteile, die erst benannt und danach mit allerlei Unfug (welcher leider viel zu selten als Kompliment Verwendung findet) bemalt werden, und zwar von Antonio, dem zweirädrigen und zigarmigen Malerich. Er produziert Kunstbuntwelten am laufenden Zentimeter: Wespen reiten Schmetterlinge, Kosmonauten lassen sich von Astronauten hinter den Mond entführen, Zehmonitore mit Motoren reimen sich auf Eimer wie sonst nur der Arsch aufs Auge. Mona Lisa entpuppt sich als veritabler Faker, der Rücken wird zur Yakuza-Ausstellung, und unter den Achseln findet sich für je einen Sauggreifbot Platz. Und wenn selbst das Steißbein der Stiefbruder eines Kreuzbandrisses ist, dann darf die Wirbelsäule ruhig nachtaktiver als die Gummibärenparade auf der Wade ausfallen … ein wahnsinnig schönes Buch!

 

Michael Stavarič & Dorothee Schwab: Gloria nach Adam Riese (Luftschacht, 2012)

Gloria nach Adam Riese

Stavarič ist, völlig zu Recht, Fan von Listen und Aufzählungen und erzeugt hier gemeinsam mit seiner bildgewaltigen Mitstreiterin Dorothee Schwab im heimischen Badezimmer ein schaumspielerisches Wortkaskadrom aus lobenswert sinnfreien Reimen, in denen surrealismustergültig zusammenkommt, was normalerweise selten zusammenkommt: Don Quichotte mit Salamibrotpanzer, ein Haufen Affen auf Waldfeenreifen mit einem Schwarm Kaiserschmarrn oder gar (etwas abstrakter) eine Kaste Kontraste mit einer Formation Inspiration. Adam Riese, seines Zeichens Inhaber des Lehrstuhls für das Kleene Einmaleins in Princeton a. d. Rühl, ist jedenfalls froh, dass Rechenkunst den Spieltrieb so wunderbar ankurbelt. Doch auch das gute alte Alphabeet lädt zum Nonsemstreuen im Buchstabierzelt ein, wenn Andenäste Xaver Xerxes dem XXLften zu infiltrierende Irokesen als halbwegs in Ordnung gehendes Lévistraußenburgersurrogat darbringen. Anhand solcher Eskapaden überrascht es kaum, dass mongoloide Winde, einheimischen Schweinen nicht unähnlich, zu „sulsulieren“ pflegen.

 

Michael Stavarič & Christine Ebenthal: Mathilda will zu den Sternen (NordSüd, 2015)

Mathilda will zu den Sternen

Schweinchen Mathilda will das Unmögliche – einen Stern anknabbern. Was sie nicht weiß: Sterne eignen sich am besten als Metaphern. Außerdem ahnt das kleine, antiproportional ambitionierte und astrophysikalisch unverbildete Saugerät mit eigenem Sternbild nicht, dass Sterne weder nach Haselnuss noch Erdbeerkäse, sondern vielmehr nach 100 Millionen Grad Celsius bzw. Kelvin (darauf kommts nun wirklich nicht an) schmecken. Zum Schluss findet Matte~ aber immerhin einen anständigen Sternersatz in Form von Verliebtheit zu Bruno, der, wie der Autor ein natural-born Brnoer, Mathildas inneren Kosmos erstrahlen lässt. Ach ja, schon niedlich, dies endlose Streben von Tier- und Menschelein.

 

Michael Stavarič & Ulrike Möltgen: Milli Hasenfuss (kunstanstifter, 2016)

Milli Hasenfuss

Hier haben wir es, passend zum (wieder einmal kleinzuschreibenden) Verlagsnamen, mit einem echten Kunstbuch zu tun, in dem Ulrike Möltgen McKean’sche Mixed-Media-Meisterschaft walten lässt. Etwas Assemblage da, ein wenig Julian dort, und schon beißt sich Milli als weißes Kaninchen durch rassische Ressentiments, bis sie endlich im Heimathafen Schnee einläuft, wo sie sich gleich zu Hause fühlt. Doch schon kommen Dunkelkarnickel angeschwärzt …

 

 

Michael Stavarič & Linda Wolfsgruber: Als der Elsternkönig sein Weiß verlor (kunstanstifter, 2017)

Als der Elsternkönig sein Weiß verlor

Was für eine dezente Farbgebung, was für ein geschmackvoll bebildertes Buch über einen Vogelking, der aus unerfindlichen Gründen den Reverse-Leland macht und über Nacht drongoschwarz wird. Finster schaut er drein, denn nicht nur seine natürliche Färbung, sondern auch seine Laune ist hin. Ein Fragezeichen erscheint über seinem Kopf und muss von nun an mehr schlecht denn recht als Hütchen herhalten – Chapeau! Danach rastet er kurzerhand aus und greift nach klassischer Psychokratenmanier ordentlich durch, indem er die Totale Schwärzung einfordert: schwarze Einhörner, schwarzer Schnee, schwarzer Rauch, schwarze Quadratur der Kreissäge, schwarze Milch von früh bis spät usw. Lange hält das gepeinigte Volk ihren irren Diktator nicht aus und verbannt ihn schließlich. Nach reichlicher Zeit der Kontemplation und Einkehr, was ein bisschen redundant anmutet, findet er schließlich wieder zu sich, und mit Hilfe seines fortgeschrittenen Alters – denn Alter ist nur was für Fortgeschrittene – auch zum (Grau-)Weiß.

 

Michael Stavarič & Ulrike Möltgen: Der Bär mit dem roten Kopf (aracari, 2017)

Der Bär mit dem roten Kopf

Dass der Bär einen roten Kopf hat, bedeutet nicht, dass er peinlich berührt ist. Oder dass er irgenson schräges Corporate-Design-Maskottchen von irgendsonem semihippen Start-up ist. Weder ist er Blutwarnbär noch zur Großmutter unterwegs noch MarSPDler noch chinesischer Bordellbetreiber mit indianischem Betteppich. Er hat einfach nur einen roten Kopf, so wie andere einen nichtroten Kopf haben. Oder Vermutungen anstellen. Oder unter Zeitdruck stehen. Und doch kriegt er seine Naturfarbe (ein bisschen farbintensiv gehts in diesen Büchern ja schon zur Sache) nicht ignoriert und sucht nach Zugehörigkeit, was mehr als nachvollziehbar ist. Auf seiner Reise durch die harsche, jederzeit zum Fremdeln einladende Welt bekommt er so manches Nixlili spendiert, bis er schließlich eine grünköpfige Bärin heiratet und mit ihr eine Familie gründet, zu der bald drei bärenbraune Originärbärkinder gehören.

 

*

 

Fazit:

 

Gaggalagu, Dobendan,

Hatschi schnief im Ramadan.

Halsschmerz, Husten und Erkältung

sind gut für Völkerverständigung.

 

Blümchen profitieren

nur von Profi-Tieren,

Bienen etwa oder Hummeln,

nicht von Dilettanten dummen.

 

Das Sensenfräulein lernt so viel

von ihrem Herrn Papa.

Die Kunst des Lebennehmens

ohne Sichverhebens (möglichst locker aus der Hüfte).

 

Löwen fönen Römer,

Ösen ölen Höhlen.

Götter löten Öhrchen.

(Vgl. „posttrëmatische Belächelungsstörung“.)

 

Adam zählte zu den Riesen,

wenns um Zahlen ging wie diese:

eins, grei, sorben, achtundzwanzig,

viehundvielzigkommaschwanzig.

 

Mathilda möchte Sterne knuspern,

doch diese sind zu weit.

Drum repariert sie kurzerhand

ihre Zweisamkeit.

 

Milli ist so groß wie Meter,

Weiß ist ihres Glückes Schmied.

Drum isst sie 8 Kilo Feta,

bis sich ihre Lücke schließt.

 

Die Elsterseele inhaliert

exorbitante Schwärzen.

Aus ihr erwachsen böse,

endosäuge Herzen.

 

Ein Bär sieht … Rot (nicht wirklich).

Ein … Rotor ist er auch nicht.

Rotisserien … besucht er selten,

von … Rothko trennen ihn acht Welten?

 

1,603 kg Powergnosis

Es gibt gute Gründe, eine Schwäche für Eklektiker, Enzyklopädisten und polymathisch-polyhistorisch versierte Uomini universali zu haben: Zu wahrer Herrlichkeit erblüht Erudition doch erst, wenn Physiker komponieren, Schriftsteller IT-Systemelektronik treiben oder Biokryptographen Comedy-Bühnen unsicher machen, wenn Trudeau die (auswendig gelernten) Grundzüge des Quantencomputers darlegt und Gell-Mann sich von Finnegans Wake zu Quarks, oder zumindest deren Nomenklatur, verarb… inspirieren lässt. Doch Moment mal: In dem vorliegenden Kulturbrocken von Braunstein, Florence und Pépin, Jean-François werden die Naturwissenschaften nur nebenbei – immerhin – gestreift.


Welches Wissen ist bedeutender: die Funktionsweise von PET-Scans oder von Milorad Pavićs Metaphorik? Wer sich fürs Erstere entscheidet, könnte ein Philister sein. Wer sich fürs Letztere entscheidet, könnte eine „Entropie“ inflationär und/oder (grob) falsch verwendender Geisteswissenschaftler (pejorativ gemeint) sein. Fakt jedenfalls bleibt: Errungenschaften auf dem Gebiet der klassischen bis postmodernen Femtochemie, Mathephysik und Keksmechatronik sind selbstverständlich ebenso Teil der menschlichen Kulturgeschichte wie die Künste und unexakten Wissenschaften, zumal die Physik des 20. Jahrhunderts durch die Erschließung spekulativer Wunder seit langem wieder in die Nähe der Philosophie gerückt war und so die mannigfaltigen Avantgarden in Literatur, Musik, Malerei etc. kongenial zu komplementieren vermochte … Aber natürlich ist das hier Gezicke auf hohem Niveau, wäre doch eine derart grenzenlose Tour d’Horizon, die weder Bill Bryson noch Peter Watson (und schon gar nicht Dietrich „Thermodynamik ist nur was für Freaks“ Schwanitz) gelungen ist, für ein einziges Buch etwas viel verlangt. Andererseits gibt es Brockhausens lobenswert umfassenden, auf rund 600 Seiten aber naturgemäß nicht allzu tief greifenden Versuch in Form von Bildung21.

Kommen wir nun aber zu dem dennoch üppigen Weltwissen, das unter der Haube dieses von zwei grünen Buchdeckeln parforcerittlings gezäumten Bildungsboliden steckt …

*

Galilei lässt Unrat auf Newtons Haupt niedergehen, das, elffach verknotet, sogleich in die Mesosphäre entweicht. Murnau und Lang liefern sich erbitterte Klimm- und Kniffelduelle, woraufhin Lottab Reiniger einen Batzen Ton verfilmt und so das heliozentrische Weltbild als illegitimen Gauzentrismus-Nachfolger enttarnt. Frank Le Jefferson wird nach Kalkutta verfrachtet, wo angeblich 1 Qing wächst, Vasco da Gambas, Lebensmittel, kann sich sogar bis nach Austernitz durchboxen, muss aber spätestens beim Wiener Forellenkongress innehalten: Der Schinkenklimt ist ebenfalls mit von der Partie, nachdem Kleists Hölderline „gerissen“ ist. Gelich spürt diversen Phänomenologien nach, zuletzt der des Gefriertumblers, parallel entwickelt Søren eine ganz eigenwillige Butter, die anschließend von Nietzsche und Deleuze (fast) unverändert übernommen wird. Sigmunch Freud steuert auf die Psychopathologie zu, wobei der Bruckner Brahms die entsprechende Motivik anleitet. Dann erscheint Silur (403 bis 367 v. Kru.) und legt einen Würm ins Loch des Neandertalers, der von Früh- bis Spätneolithikum Dolmen schiebt. Es kommt zu Religion, in deren Rahmen Steppenmonaden ihre Hühner gen Zukunft und ihre Anti-Hühner gen Vergangenheit pfeifen. Der Hirsch aus Pekingmenschenfleisch formt einen ersten Keramikisolator sowie die dazugehörige Mesopotamische Null, mit der die Dynastie numerischer Fürsten eingeleitet wird. Fast zur selben Zeit wälzt sich Marcel Proust neurasthenisch auf der Chaiselongue, Apollinaire dreht am Radadad, Breton und Aragon sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen, wozu Jarry und Artaud sich wie paradoxe Cocteau-Zwillinge verhalten. Selbst Rilke neigt zu absurdem Theater, das tatsächlich aber von Neville Chamberlain auszugehen scheint. Beckett wittert die von Mussolinis billigen Tuchen durchgepeitschte Irland-Mafia und flieht als Codex Hammurapi nach Babybelon, als die Phönizier in ihrem eigenen Alphabet ersaufen. Die Kulaken klemmen sich ihre Simultanfäustchen ab und machen Iran unsicher, 300 Spartaner schauen phlegmatisch zu. Die Sphinx beginnt mit dem Gerüstbau für die Pyramiden, weil Osiris und Amon-Re eine viel zu komplizierte Wette abgeschlossen haben, deren Bedingungen bis heute unverstanden sind. Im Totenbuch wird die Zubereitung von Ramses genauestens beschrieben, während Kleopatra sich mit dem Leuchtturm von Alexandria orthogonal befriedigt. In der Bibliothek gleich nebenan lauert Ptolemäus darauf, Moses’ Wurfhammer zu inthronisieren. Die einzelnen Sippen fließen zu einer Großmischpoke zusammen, doch lediglich Talmud der Feine schlägt eine halbwegs akademische Laufbahn als Bundeslade ein und wird im Tempel von Jerusalem zwischengelagert, was dann und wann Nebukadnezar in Gel-Form zur Folge hat. In der Zwischenzeit wird Rigveda implementiert und die Upanishades of Grey verkaufen sich wie geschnitten Mehl, zumal Krishna als Brahmännchen in die Geschichte der MLB einzugehen beginnt. Auch Buddha lässt nicht lange auf sich warten und hilft als 8 ohne Grenzen jungen Fischkulturen beim Digitalisieren der Mahabharata mit: Darin streitet sich Kama Sutra mit einer tantrischen Swastika um den Wahlpflichtfach-Status an der École Polytechnique, unterdessen balsamiert Meister Brahmagupta seine Ayurvedenpitta kryogenetisch ein. Der Ukrainer von China seinerseits kann Konfuzianismus wenig bis viel abgewinnen und lässt folgerichtig Kafkas Metamorphoden von der Terrakotta-Armee zustampfen. Die Xing-Dynastie dauert nicht allzu lange an und macht dem Sechzehntelkönig Platz, der sich kurz zuvor an Rezikiller Shōtoku verhökert. Panzerkreuzer kommen – im Gegensatz zu Dumas – selten allein, daher entscheidet der Sowjet, Unkenrufen zum Trotzki, Lenins Akkreditierung greenzulighten. Als die UdSSR schließlich ihre Tore öffnet, kommt es unvermittelt zu Stalin: Die Gulags weisen niemanden zurück, Schwarze Donnerstage sind ebenso willkommen wie die Atlantik-Charta. Allmählich hält der Symbolismus Einzug, Hugo und andere Irrationale verzüchten sich an den Blumen of Steel, deren Vordenker Rimbautréamont sich mau passant zum experimentellen Flohbart-Naturalismus gedrängt fühlt. Der Beginn des Fin de siècle wird von Dekadandys gesäumt, die mit Mallarméladenbroten durch Verlaine und Wilde flanieren wie durch die Seine, ohne in Moralin zu versauern. Indochina dankt ab, #AffäreDreyfus kostet nicht nur Zola, sondern auch seine Kollegen Manet, Monet und Neo K. „Mango“ Lassizismus einen Balzac Money. William Turner reißt das Ganze aber noch einmal um, auch wenn Cézanne und Urinaro eigentlich kein Zurück zu kennen scheinen. Kurz zuvor wird in Pearl Harbor Ghandi-san via Hirohito Nagasaki nach Mao Zedong geleakt, um Äthiopien den erfolgreichen Launch von „Nok Nok“-Humor zu ermöglichen. Mykene zieht daraufhin Byzanz und verfüttert Kleisthenes an Thailand, die entsprechende Olympiade wird wegen Do Pings Unpässlichkeit auf n. Kru. vertagt, was Alexander dem Großen endlich die Gelegenheit gibt, Hellenismus nach Deutschland einzuschleppen. Inzwischen sind die Alliierten auseinandergestoben, und Captain Dunkirk organisiert einen finalen Fight zwischen Pétain und Göring. In Stalingrad führt Schukow Rommel derart hinters Licht, dass die V1 und V2 sich praktisch gegenseitig neutralisieren. Sobald die Charta der Vereinten Nationen beschlossen ist, werden van Goghs Ohren vollautomatisch nach Toulouse-Lautrec expatriiert. Aristoteles macht es sich als einer von insgesamt höchstens zehn Intellektuellen weltweit deutlich zu leicht und kümmert sich eher schlecht als recht um seine Landeier in Großprytanien. Als die Akropolis wegen Bombenalarm geräumt werden muss, hängen sich im Apollo-Tempel drei Säulensorten in einem lange Zeit für unverfilmbar gehaltenen Winkel auf, der die Propyläen missgünstig stimmt. Xo Naxos gelingt zum ersten Mal, den Donutismus Homers auch ihren zyklopischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern nahezubringen. Hesiod schildert in seiner fabelhaften Oper Äs die Geschichte der thespischen Koryphäen, es ist aber schlussendlich Euripides, der den Weg ins nächste Eigentor ebnet. Thales von Milet hilft mit seinem bis dato magersten Schaltkreis Heraklit, seiner Zenon-App (mit Hilfe eines pythagoreischen Einecks) auf die Sprünge zu helfen, wobei Leonardo, da Vincis chronisch unbeholfener Nygus konsequent totgeschwiegen wird. Immerhin verdankt er dem Atomismus das postsokratische Och in Form von Platons aristotelischem Duftorgan „Plotin“. Die Metaphysik der Kyniker reicht weit über Diogenes und seine (schlussendlich in des Teufels Zirkelschluss gehörende) Skepsisbande hinaus. Epikur genießt mit stoischer Unverfrorenheit das Delphinarium von Orca, während Nike sich mit des Orpheus Hybris versohlt. Gaia die Grundgütige bläst Hades ins Horn, mehrere Götter müssen infolgedessen abdanken. Der hippokratische Meineid genießt vor allem in Euklids Kreisen einiges an Streetcred, wenngleich Archimedes erst viel später Heurekiri begeht. Die Etrusker haben ihre Nekropolen nicht umsonst eingeschmolzen, wie Lucifers ausverkaufte Genugtuungstour unzweideutig belegt. Von „7, 5, 3“-Romulus bis „Bromid springt aus der Moleküleichenhalle“-Remus wird das Imperium Romanum quasi ab urbe vergilbt und entflacht, die Res Publica (vgl. SPQR-Code) soll in Form eines Kleinkrieges gegen Horazius Ovidus endlich Realität werden. Marc Aurels Dioklettverschluss schlägt sich dementsprechend lange genug mit Rambo herum, was im Großen Sackhüpfenlassen von 333 gipfelt. Als endlich Cloaca Maxima ihr Riesenarschloch über die patrizischen Großfamilien von Damaskus schleift, zeugen spätrömische Garnituren endgültig von Seneca. De rerum natura und andere rhetorische Taschenspielertricks werden um Panlyra, Dudensack und Cicero ergänzt, wobei die Redekunst des Letzteren Nero wegen unsachgemäß geminter ฿฿ in den Knast einwandern lässt (wobei „Armut + Psyche = Antidepressiva“ gilt). Auch Tacitus geht auf jeden zweiten Agricola los und bemannt solcherart die Astronomie mit den jeweils unabdingbaren Arithmetica. Pontius Pilatus lässt seine zuverlässigsten Pharisäer dermaßen langsam kommen, dass aus Saulus Sallust und aus Paulus Plinius werden. Hieronymus nimmt den Aposteln ihre Gnosis und verankert mit ihr Konstantinopel fest im Schlamm der Raumzeit. Beim Konzil von Nicäa wird der Papst in den Okzident eingebacken und schlägt sich anschließend als stattliches Schisma nieder, sodass Benedikt von Nursia dringend aufs Kloster muss. Le Cottbuser wettert gegen Gropius, Mies van der Grobe muss sich von Picasso die Zweitnase umtünchen lassen. Aus Wittgenstein wird mit der Zeit dem Jaspers sein Heidegger, Gödel stößt bei einer Kognietenziehung an seine Grenzen und deckt sich am Ende der Parabel mit Husserls Rüssel zu. Bergsons Köpfchen allerdings verführt Durkheim zum Positivismus, überhaupt schreiben sich ganz neue Wissenschaften an der AdK ein. Der Marshallplan läuft rund und lässt die Entropäische Union XaSS ausbaldowern. Lucius „D.“ Clay beteiligt sich am Grundgesetz, scheitert aber an mangelnden Deutschkenntnissen. Ludwig Erhard findet für seine Art von Comedy kaum Absatz, dafür sorgt die Rentenreform für Vollbeschäftigung. Die SED zieht eine zweite Schallmauer hoch, Willy Brandt vertraut Helmut Schmidt nicht einmal Kohl an, dessen Ära von kollateralen Verträgen merklich gezeichnet ist. Homöopathisch motivierte Völkerwanderungen schlagen Attila mehrfach nieder, und Geiserichs Kaiserreich muss sich dem Codex Seraphinianus unterordnen. Auch in der Peterskirche nimmt Lethargie eine Sonderstellung ein, als koptische Mumien wie von selbst nach Hause losschlendern. Bei den Alemannen ist der Odokaeder gern gesehen, die Langobarden hingegen wollen Karl dem Großen ihre Runen schenken, ohne vorher die Rechnung mit finnelnden Hunnen oder wenigstens selbstgoogelnden Wikingern gemacht zu haben. Joule, Ampère und Faraday werden endgültig vereinheitlicht und unterstützen so die Gebrüder Lumière bei der bemannten Raumfahrt. Max Weber konkurriert mit den Utopistenkommunen, die von Verdisraeli und dem Goth-Prinzen Albert von Sachsen-Cobalt betrieben werden. Die entscheidende Frage bleibt auch nach Eingreifen durch Blasetti zunächst unbeantwortet, ganz im Gegensatz zur Gothic Novel, deren Hauptvertreter Byron, Shaw, Dickens, Wells, Kipling, Stoker, Joyce, Lawrence, Konsalik und Doyle heißen. Der Stream of Consciousness wird erst spät auf die darwinistische Transformationslehre angewendet, da diese sich zunächst vom modernen Kreationismus lossagen muss. General de Gaulle kommt auf Hô Chí Minh überhaupt gar nicht klar und findet den Indochinakrieg „total gestört“ (G. Pompidou). Der Irak versucht sich vergeblich an der Unmöglichkeit, von Sarkozy so gut wie nichts mitzukriegen, bis Margaret Thatcher sich endlich die Zeit nimmt, mit ihrer Eisernen Lady die Downing Street durchzupflügen. Plötzlich muss die Labour Party mit Berlusconi haushalten, was sich als fataler Fehler erweist. Papst Franziskus gibt Franco und Juan Carlos jeweils 0 Chancen, Yggdrasil verschlingt Odins Asenedda und Freya lässt sich von Gyllinborsti die Nutte kraulen. Die Merowingers schließen sich mit den Karolingers zu einer Art Kartell zusammen, welches Karl der Einfältige für was zu essen gehalten haben wird. Theodulf Hitler kommt während des Zweiten Kreuzzugs gemeinsam mit Richard Löwenherz auf den ottonischen Cäsaropapismus, muss aber schlussendlich Barbarossas habsburgische Antwort auf die Goldene Bulle fehlgeleitetem Ästhetizismus zurechnen. Wolfram von Eschenbach zieht sich in die Villa Massimo zurück, nur um Meister Eckharts Minnespuren mundtot vorzufinden. Da Graf Innozenz IIII. sich behutsam um den Investiturstreit kümmert, benötigt sein Pontifikat zwölf Zündkerzen, daher die Kreuzzüge mit Gottfried von Bouillon am Kochlöffel und Franz von Assisi am Heiligen Gral. Die Dominikaner nehmen ihn ohne zu zögern auf und lassen ihm frühgotische Gewölbe und dergleichen Tand angedeihen. Diverse Wandteppiche mit Gaukelhuren liefern dabei köstliche Vorlagen für Chansons, Romanteppiche und Mysterienspiele um allegorische Universitäten feat. Thomas von Aquin, Albertus Magnus (PI) und nicht zuletzt Wilhelm von Ockham (dessen Rasur nach wie vor aussteht). Die Scholastik tritt die Erbfolge der Stochastik an, die wiederum einem Schaschlikstick entwachsen zu sein scheint, jener nekromechanischen Ethik also, die in der Summa technologia das Missverhältnis zwischen „Steigen Brentano, Hoffmann und Büchner in eine Bahn, deren Endstation MarsEgel heißt“ und Sprossen beleuchtet (wobei Gott den Allerkürzesten zieht). Chruschtschow wird vorsichtig von Gagarins Epidermis abgelöst, und sobald die beiden endlich separat bzw. zurück auf der Erde sind, wird mit Breschnew der Prager Lenz vorformatiert. Gorbatschow darf endlich den Ostblock freirubbeln, und in der Russischen Föderation verwaltet nun Jelzin, ein waschechter Melissa-McCarthyist, die Cougar-Krise. Ben Gurion geht sogar in Fukushima einkaufen, um den Jom-Kippur-Krieg zügig an die OPEC auszulagern. Martin Luther King hat einen hochgradig eskapistischen Traum, der dank Watergate, Reagan, Saddam Hussein und Monica Lewinsky so richtig zustande kommt: Obama denaturiert Osama. Gerade als die Dekabristen in den Krimkrieg einmarschieren, begegnet Casanova mit Rossini, Bugatti und Puccini zum allerersten Mal der i-Deklination in ihrer ursprünglichsten Form. Puschkins Meisterwerk macht auf Gogolew einen derart großen Eindruck, dass sie schnurstracks der Slawophilie erliegt. Dostojetski versucht sich als Westler, verliert aber im letzten Moment gegen Hogan, der sich auf die Nichtannahme des Literaturnobelpreises spezialisiert hat. Johannes von Gutenberg bewegt sich mit nur einer Letter durch die Welt der Unicode-Enthusiasten, Wilhelm der Eroberer liest Michael Ironsides Hasenfuß auf und gammelt anschließend studiosusmäßig ab. Die Magna Carla wird zwischen den großen CEOs ihrer Zeit herumgereicht, was Jeanne d’Arc nicht unkommentiert lässt. Die Kathedrale von Canterbury wird fachmännisch gefällt, und Caedmon veröffentlicht sein vorerst letztes Buch über die Vorzüge von Eichelhähern. Dante Ali stimmt sich mit Geologen über die Jahresringe seines Invertdendrons ab, Rubens und Delacroix finden unabhängig voneinander eine relativ umständlich Abkürzung von Malen bis nach Zahlen-Mitte (Westf.). Das Sonett führt Petrarca auf direktem Wege ins Purgatorio, welches Kosmen gerade die Geschichte von sich gegenseitig abzählenden Erzählern („Decamerone, Decamertwo …“) einzuflüstern scheint. Oleg geflügelt Jaroslaw, Kasimir nach Kiew zu holen, stattdessen repariert Alex Newski Iwan dem Schnecklichen sein Gehäuse. Von den Bojaren geht ein Dosenpfand aus, als würde Ogorod hochgezogen, sprich: Ayatollah Iljitsch Chomeini kämmt Otto „Dicks“ Grosz so lange durch, bis der Rote Bayouware inkommensurabel steht. Jackson Pollock widmet sich einer Art Brut à la Man Ray, während Naivling Rousseau mit Gustave Eiffel eine Art Nouveau à la Christo einführt. Tzara de Chirico lässt den Oomphressionismus auf die Leute los: Kleedinsky und Marcy Mack sind nur die Spitze eines Verrücktenberges, dessen Stijl später mehrfach kopiert wird und schließlich als Duchamp im Bidet landet. Hering Baselitz stellt das von einem Asylheymgöblin widerwillig initiierte Kunstverständnis für etwas weniger als 0 €/St. ein – die erste Postmoderne beginnt zu lugen. Hugo Ball, zu dessen diversen Nomdeplymen bedeutende Namen wie Benjamin, Tucholsky, Predator, Kästner, Cranston und Mann gehören, tut es seinen Kollegen Boll, Grass und Ingeborg Kollektiv gleich. Durch Arno Schmidt wird der sozialistische Determinismus berühmt, aber auch Durs Grünbein. Armin Müller-Stahl kann Georges Perec für seine Anden-Doku gewinnen, Simone und Jean-Paul knistern als exzellentes Paar durch die Mesosphäre. Sklaverei gehört von jetzt auf gleich der Vergangenheit an, Lincoln lässt zu diesem Zweck mehrere Sezessionskriege testen, um schließlich Roosevelt den Untergang des Hauses Ashram zu kolportieren. Neben Hemingway, Wile E. Coyote und Philip Roth gelingt es auch Rushdie und Tagore, an die Frankfurter Schule zu wechseln. Adorno überhöht (via Arendt und Canetti) die Phänomenologie der Wissenschaftsexistenz zu einem poststrukturalistischen Hermeneuter, derdas Derridas Dekonstruktion in die Auflösung sämtlicher Tonalitäten reinreitet. Neue Musik von Jazzup (Rolling Stones) bis Technoboob (Sugar Babes) lernt nichts aus der Eurokrise, obwohl selbst Russland seit der Arabischen Maienzeit weiß, dass Gaddafi von Ai Weiwei manipuliert worden ist. Immerhin geht Nelson Mandela nach Darfur und beißt die Afrikanische Union, wie der einzige uns bekannte, von Al-Chwarizmi überlieferte Algorithmus zur Wiederbelebung der Gupta-Schwestern belegt. Wang Wei und Wu Zhen reißen sich doch noch einmal zusammen und schlagen Wang Po Su Shi bei den umstrittenen, da Jahrzehnte Wabi-Sabi-Buddhaspuk voraussetzenden Teezeremonien im Shinto-Gorinto-Nirvana. Mit Zen legt Herr Khmer im Pantheon der Gegurgel eine Geisterrakete vor Angkor, Popol the Vuh steht dem grandiosen Meisterwuchs Tezcatlipocas gegenüber, und Quetzalcoatl weiß dem Reich der bösen Nerven von Taseromachetl zu entspringen. Poe, Melville und Theroux gehören zu den einzigen Schriftführern ihrer Generation, die das homoerotisch verwegene Autorenduo Clemens & Twain dem Landadel zuzuordnen bereit sind. Winston Churchill veröffentlicht seine „great American novel“, während Lesben in den Wäldern immer urbaner ausfallen. Magellan und Vespucci kommen auf der Gutenberg-Bibel angeschifft, der Vatikan ist nattermäßig aber offenbar schon „ganz gut aufgestellt“. Giordano Bruno kann zwar fließend Machiavelli, doch erst Max & Morus gelingt der ultimative Quappensprung: anatomischer Bildhub-Florentiner für Perugia, Pisa für Donatellos Straße der Manierismen. Venedig und Venedig II geißeln einander mit mutierten Dialogen, Guy Maddin Luthers Thesenkrach zettelt den Vishnuismus und mit ihm gegenreformatorische Anglizysten an. Die Hagebutten greifen eigenmächtig vor, indem sie Rabelais nach dem Gargantuel trachten, Montaigne versucht sich eher schlecht als Brecht an einigen Essaismen. Mit Don Quijote kommt endlich ein Kenner der Materie an den Hof und beginnt unverzüglich mit der Umwandlung der vorrätigen Erasmen: Erst gleicht Hieronymus Bosch seinem unbeschnittenen Brueghel, dann exkommuniziert der Erzbischof York, dann setzt Bloody Mary Maria Stuart auf ihre Tudor-Liste – erst jetzt kann das Elisabethronische Zeitalter mit der überaus gut geölten Shakespeare-Marlowe-Maschinerie anlaufen. Hector Pascal macht sich einige Gedanken über Descartes’ „Ich denkatatron…“-Kakophrenie und läutet provisorisch den Barock ein. Rubens van Dyck sägt schon mal am eigenen Gespenst, obwohl Monteverdi zur überaus sorgfältigen Einlösung von Vivaldis fast 12.000 Disketten umfassenden Versprechen ansetzt. Seine Matthäuspassion gilt seit eh und je als Abgesang auf den Minderjährigen Krieg, also kommt es letztendlich auf eine Leibnitz’sche Madenfütterung mehr oder weniger nicht an. Maria de Medici kastriert kurzerhand Richelieu und lässt Armand de Bourbon gemütlich abtropfen. In Absolutismus getaucht, ernährt sich die damalige Weltbevölkerung quasi nur noch von Racines Canaille und Versailler Knötchen. Empirismen greifen sich gegenseitig unter den cartesianischen Chapeau, Velázquez wird an Oliver Cromwell geleast, dessen Habeas-Corpus selbst in Hobbes’ Locke nachweisbar ist. Der utilitaristisch behauchte Bacon schreibt Vermeers Rembrandt auf Rubens um, Spinoza dringt mit den Romanows ins Osmanische Reich vor, wo Selim der Gestrenge und Süleyman der Prächtige sich von Dschingis Khan für das Taj Mahal hin- und herrichten lassen. Im Steppenwolf findet die Ming-Dynastie lobende Erwähnung, aber auch die Wu-Schule und das Säckchen Jesuitengranulat. Dem Los Alamos Kabuki Theater, formerly known as „Siebenjähriger Krieg“, gelingt es, Klopstock, Lessing und Herbig zu induzieren. Goethe und Schiller müssen sich ihre Hûme allerdings brüderlich teilen und lassen deshalb Kant häufiger an prionische Transzendentalkritik ran. Der Dialektik Bachs stellen Händel und Mozart je eine (in geschmacklos vergoldetem Prachtschubert ausgelieferte) Zauberflöte entgegen. Opiumkriege werden direkt im Konkubineninnern entfacht und durchgeführt, wo während der Samuraizeit ordentlich Voodoo geflossen sein muss. Klassische Zulu-Anarchie findet in den Aschanti genauso Anwendung wie Franz Ferdinand in Hindenburg. Marquise de Pompadour muss sich endgültig Marie Antoinette stellen, es folgt eine konstitutionelle, von Robespierre feinfühlig auf die Spitze getriebene Demonarchie. Die Französische Revolution ist gut zu Mirabeau und Marat, die mit Bruder Grimm das Große Französische Traumvirat bilden. Diderot schreibt gemeinsam mit dem von Humboldt an der Uncyclopédie, Ultrahochstapler Pasteur entdeckt die Geisteswissenschaften für sich, die Gebrüder Montgolfier bereisen hochrangige Kunstfehler, nebenbei entstehen aber auch Gluck und Despotismus. Ganz unvermittelt kommt Montesquieu aus dem Gesellschaftsvertrag ins Strauchelner Stadttheater angebahnt und lässt sich vom Barbier in Residence die Sexvilla notdürftig beurkunden. Swift stimmt mit Dafoe darin überein, dass der Immaterialismus keinerlei Kausalität zulässt, dafür aber Napoleons Spanischen Erbfolgekrieg (an dem auch Farinelli erbfolgreich teilnimmt). Goya paust hauptsächlich bei Poltawa ab, Potemkin und Lomonossow lassen sich kurzfristig auf der Mayflower nieder und gründen die New Jersey Teabaggers. Noch am selben Tag wird die Declaration of Terraforming von sämtlichen Parteien unterzeichnet und Zar Johannes Pawel XOXO. führt Stresemann kurzfristig in Scheidemann ein. Das angelsächsische Kapital findet sich vor allem in Heckler, Koch, Neff & Volckmar wieder, daher stiefelt Rom über Guernica nach Nürnberg und lässts dort BAMFtlich krachen. Papst Prius VI. wird durch Ignatius von Toyota in einen erbitterten Kampf gegen einen Flying Chaucer verwickelt, der die Hauptrolle in Anaximander Rühlmanns sublim angedeutetem Ai-Kino übernimmt. Kolbène gründet das „Mäzenat der Bartholomäuse“, Shōgünther & Bushidieter gehen in den Wald und kommen nicht wieder …

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Wie man sieht, hat man es bei 1 Kilo Kultur mit einer atemberaubenden, Respekt und Ehrfurcht einflößenden Ansammlung von stereotypen Klischees, banalen Trivialitäten und platten Binsenweisheiten zu tun. Wer an einem entsprechenden Quizzical interessiert ist, möge bei der Novelle fündig werden.


1 Kilo Kultur: Das wichtigste Wissen von der Steinzeit bis heute von Florence Braunstein und Jean-François Pépin erschien 2017 bei C. H. Beck in deutscher Übersetzung von Nikolaus Palézieux unter Mitarbeit von Alexander Kluy. Das Buch hat 1.296 Seiten und wiegt eintausend Gramm.

I- & Undie-Videospiel-Special

Während sich auf der Novelle-Seite ein paar Deviews mit Independent-Entwicklern eingefunden haben, folgen hier (in folgender Reihenfolge) Einsätzer bis Wenigzeiler zu Videospielen, die über Steam zu beziehen sind – alles von Tripple-I bis UUUntergrund.


The Bridge

(The Quantum Astrophysicists Guild, 2013)

Ein von DJ Escher sowie And Yet It Moves inspiriertes Puzzle, dessen Hauptattraktion das besondere Spieldesign in Kombination mit knuspriger, erzskurriler Schwarz-Weiß-Bleistiftästhetik ist.

Geometry Wars: Retro Evolved

(Bizarre Creations, 2007)

Ein trotz Reduktion auf Drahtgitteroptik grafisch imposanter Shooter mit festlich implodierenden Schwarzen Prachtlöchern und einem rasant „bis zur Unerträglichkeit und noch viel weiter“ ansteigenden Schwierigkeitsgrad.

Pony Island

(Daniel Mullins, 2016)

Witziges bis verstörendes Metagame mit einer Idee Deep-Web-Satanismus sowie einem unvergesslichen Kampf um das Recht, das „Pony-Laser“-Kästchen anzuklicken.

Everyday Shooter

(Queasy Games, 2007)

Ein Gesamtkunstwerk aus Bild, Ton und Spielmechanik, wobei letztere in jedem der 8 Level, die als interaktive Umsetzung der von Jonathan Mak komponierten Gitarren-Tracks fungieren, moduliert bzw. neu erfunden wird.

Goat Simulator

(Coffee Stain Studios, 2014)

Völlig albernes 3D-Goatee, in dem man eine wahlweise mit Raketenrucksack, Atombola oder Eutereich ausgestattete Ziege durch die City steuert und Bitcoins durch Unfug, Chaos bzw. aggressive Ramm-Action sammelt, wobei das Auflesen kleinerer und größerer Objekte (Haltestelle, Mann etc.) mittels klebriger Tierzunge zum guten Ton gehört.

The Misadventures of P.B. Winterbottom

(2010, The Odd Gentlemen)

Manövriere einen veritablen Pince-nez-Gentleman mit Hilfe seiner subordinativen Klonkrieger durch stummfilmreife Knobelszenarien.

Papers, Please

(3909, 2013)

Ein Deprispiel erster Kajüte, in dem man als Kontrollbeamter in einem recht totalitär ostblöckenden Regime seine Arbeit am Schalter möglichst zur Zufriedenheit des Staates auszuführen hat, um genug Geld für die Versorgung seiner moribunden Mischpoke zusammenzusklaven.

Shatter

(Sidhe, 2009)

Eine moderne Variante von Breakout mit fantastischem Elektronik-Soundtrack von Module, ein paar Gameplay-Feinheiten sowie Levelnamen wie „Krypton Garden“, „Freon World“ oder „Boss Music“.

The Path

(Tale of Tales, 2009)

Tale of Tales produzieren seit Jahren AvantGames, darunter diese explorative Rotkappenbombe mit der Möglichkeit, abseits ausgetretener, ohne Umschweife zu Omas B&B führender Pfade die eine oder andere Seltsamkeitsbegegnung zu wagen.

Super Mario Odyssey

(Nintendo, 2017)

Nintendo als Indie-Entwickler oder -Publisher zu bezeichnen, ist in etwa so, als würde man ein zweijähriges Schreikind zum ISS-Kommandanten befördern.

A Story About My Uncle

(Gone North Games, 2014)

Auf der Suche nach seinem exzentrischen Erfinder-Onkel Fred landet das epische Avatarzan-Ich dieses First Person Jumpers mit spidermanischem Lasserlasso in einem charmanten Jules-Verne-Höhlenfantasmus, der von putzigen Blaumännchen und gefährlichen Eyehörnchen bewohnt wird.

Surgeon Simulator

(Bossa Studios, 2013)

Ein OMAO*-Schocker der schwarzhumorigsten Sorte, worin man mit lediglich einer, und zwar kackawkward zu steuernden Hand diffizile Aufgaben wie Herztransplantationen durchführen soll – Gigafail.

*Operating My Ass Off

VVVVVV

(Terry Cavanagh, 2010)

Absurd schwerer, selbst mit dem Unverwundbarkeitsetat von Nordkorea kaum schaffbarer, dafür äußerst charmanter Ultra-Retro-2D-Plattformer mit einem dramatisch-einnehmenden Soundtrack und einer einfallsreichen Wopp-Wobb-Grundidee.

Zeno Clash

(ACE Team, 2009)

Groteske Egoklopper-Jodorowskiabfahrt mit deftigen Faustattacken gegen Vogelmenschen und andere Xeno-Mutantchen.

And Yet it Moves

(Broken Rules, 2009)

Einen Yeti hat man hier zu erlegen, wenn „Yeti“ = „Boden unter den Füßen“ und „erlegen“ = „geschickt rotieren lassen“ heißt.

Thumper

(Drool, 2016)

Relativ verstörendes „Horror Violence Rhythmus Game“, das nicht nur als VR-Version beeindruckt – bizarre Ästhetik mit abstrakt thumpendem Soundtrack und einer bestialischen Geschwindigkeit machen diesen enorm tänzelnden Tentakelassiker aus.

140

(Jeppe Carlsen, 2013)

Äußerst fein designter Rhythmus-Hüpfer, der mit klarer Geometrie und Farbgebung sowie bemerkenswert durchgetakteten Endgegnerfights arbeitet.

The Talos Principle

(Croteam, 2014)

Man wage einen rätselhaften Jam mit dem Elohimmlischen Herrn, wobei großkalibrige Selbstschussanlagen und autark-schwebige Rutzdrohnen mit von der Partie sind.

Emily Is Away

(Kyle Seeley, 2015)

Windows XP voraussetzender Chatsimulator, in dem recht unprätentiös eine zunehmend bittersüße Geschichte vom Erwachsenwerden, dem Übergang Hochschule → Kolleg und erstem Auspacken eines Verknallbonbons erzählt wird.

The Binding of Isaac

(Edmund McMillen, 2011)

Auf der Flucht vor seiner irre gewordenen Reli-Mutter muss der kleine Isaac im Keller Schutz suchen – stattdessen findet er dort allerdings Misthaufen, -fliegen und polymorph perverse Feinde, die er mit seinen situationsbedingt endlosen Tränen bekämpfen muss – schweres, atmosphärisches Roguenbrot.

The Mammoth: A Cave Painting

(inbetweengames, 2015)

Auf einer Höhlenwand spielt sich die zum Heulen animierende Animation eines Präriemammuts ab, das in die jagende Frühmenschenmenge zu wüten gezwungen ist, um seinen Nachwuchs zu retten, am Ende aber als zwecklos tätlich gewordenes Opfer der Misere anheimfallen muss.

Boson X

(Mu and Heyo, 2014)

Voll das Indie-Gelegenheitsspiel, welches zügig den Geschwindigkeitsrauschenberg erklimmt und dementsprechend unspielbar wird, da man mit transhumanem Tempo einen Teilchenbeschleuniger durchpflügt.

Circa Infinity

(Kenny Sun, 2015)

Zu klasse Elektromucke dringt man immer tiefer ins Zentrum einer unendlich dynamischen Schwarz-Weiß-Rot-Zirkularität – und zugleich ins eigene hIm – vor.

The Franz Kafka Videogame

(Denis Galanin, 2017)

Leben und Werk des wohl populärsten Exzentrikers der Weltliteratur verschwimmen zu einem seltsamen und amüsanten Kniffelspaß für die halbe Familie, wobei einige Rätsel es echt faustdick hinter den kafkaesken Spitzeöhrchen haben.

Crayon Physics Deluxe

(Petri Purho, 2009)

Kleine Mechanik-Rätsel in hochauflösender und physikalisch plausibler Wachmalstiftästhetik lösen (oder lösen lassen).

Fez

(Phil Fish, 2012)

High-Concept-2/3D-Klassiker feat. Hütchenfein von kontroverser Indie-Ikone und Drama-Queen Phil Fish.

Life is Strange

(Dontnod Entertainment, 2015)

Der Publisher Square-Enix (Final Fantasy III, Final Fantasy IIIIII u. a.) ist nicht unbedingt independent, dennoch mag diese aufwendig produzierte, brillant inszenierte und spannende Geschichte um eine sonderbegabte Fotografie-Studentin auf dieser Liste nicht fehlen.

OLDTV

(Creability, 2017)

Audiovisuell vollkommen umgesetzter Konzentrationstest, der spätestens ab Level 4 einen vierstelligen IQ voraussetzt.

The Plan

(Krillbite Studio, 2013)

Es stimmt nicht, dass Fliegen keinen Plan haben, wie man hier auf unnachahmlich das-Numen-in-„monumental“-zurückholende, ins Kosmische ragende Weise erfährt.

The Polynomial

(Dmytry Lavrov, 2010)

Farbintensivste Explosionen lassen diesen meditativen Matheshooter ideal für vektoriell beglaubigte Spektralanalysten erscheinen.

Super Hexagon

(Terry Cavanagh, 2012)

Ohne Touch-Steuerung nahezu unspielbares Geschicklichkeitsgame mit prima pumpigen Chiptunes und einem gehörigen Benzolinnuendo.

A Raven Monologue

(Mojiken Studio, 2018)

Ein spaziergängerischer Rabe macht auf dem Hinweg ein paar Bekanntschaften, denen auf dem Rückweg entscheidende Mutamorphosen widerfahren sind.

Spooky’s Jump Scare Mansion

(Lag Studios, 2015)

Eine unendliche Anzahl von Korridoren, Abzweigungen und Türen, hinter denen zuweilen ein alberner Plötzlichkeitsgrusel lauert, legen das Prädikat „ziemlich sinnfrei“ nahe.

Blueberry Garden

(Erik Svedäng, 2009)

Ein Schnabelwesen, das ich Ali Pesto zu taufen versucht bin, durchwandert zu elegischen Pianoklängen eine saupoetische Landschaft, die aus disparaten Elementen wie Käse besteht und kräftig zu berücken weiß.

Gone Home

(Fullbright, 2013)

Ein stilles Explorationsspiel über die Wunder inadäquater, da autobiographischer Einschübe in DVD-Player-Rezensionen.

Morgul the Bloodwart

(Bloodwart Incarcerated, 2011)

Ein seltsames Spiel über einen phantasmagorischen Metallkunden namens Seinfeld, der mitten im Geheimkrieg gegen Asia steckt, ohne die zahlreichen Versprechungen in Bezug auf Transversalcouscous auch nur annähernd realisieren zu können.

Superhot

(SUPERHOT Team, 2016)

Innovativer und superb stylisher High-Concept First Person Strategist mit wenig zwingender Meta-Story, aus der sich allerdings der eine oder andere „Tree Dude“ zu ergeben weiß.

Bastion

(Supergiant Games, 2011)

Farbensprühendes Action-Adventure mit einem lässigen Hintergrund-Erzähler und einer Welt, die vom Helden ziemlich wörtlich erschlossen oder vielmehr „ergangen“ und so zum Entstehen gebracht wird.

 

Everything

(David O’Reilly, 2017)

In den Bonner Rheinauen beginnt das jenes titelgebende Alles umfassende Abenteuer, zunächst recht bescheiden mit einem schäbig vor sich hin krüppelnden Basaläffchen, später mit denkoptimierter Borke.

Mr. Shifty

(Team Shifty, 2017)

Eine echte Alternative zu Hotline Miami mit einem Teleprompter als Helden, der so zuschlägt, dass kein Fäustling mehr nachwächst.

Calendula

(Blooming Buds Studio, 2016)

Faszinierendes Metagame, in dem der typische Startbildschirm durch Spielbarmachung eine Groteskapotheose erfährt.

Hotline Miami

(Dennaton Games, 2012)

Eine echte Alternative zu Mr. Shifty ist dieser instantan kultige, zu Recht „äußerst positiv“ bewertete 80er-Actioner im Stile von Drive, der leidergeile Mucke auf verstörende Ultragewalt und verhängnisvolle Atmosphäre treffen und Blut zum integralen Kunstbestandteil avancieren lässt.

One Finger Death Punch

(Silver Dollar Games, 2013)

Ein mit genialer und entsprechend addiktiver Spielmechanik aufwartender 2-Button-(möglichst nicht)-Smasher, der Jet Li standesamtlich mit dem Keyboard vermählt, um so zu Jet Keyboard-Li zu gelangen.

Tacoma

(Fullbright, 2017)

Auf einer verlassenen Raumstation versuchst du, das Geschehene nachzuvollziehen, indem du teilweise verlorene Daten von AR-Geistern ausliest.

Plug & Play

(Mario von Rickenbach & Michael Frei, 2015)

Nach dem Einstöpseln finden in diesem meisterhaft minimalistischen Experimentalgame unterschiedliche Events statt, die einander mehr oder minder bedingen.

Inside

(Playdead, 2016)

Auf der Flucht vor den unheimlichen Machenschaften einer völlig sinistren Geheimgesellschaft durchqwert ein Junge verlassene Felder und Moore und Hallen und muss sich nicht zuletzt mit Hirnwürmern und ferngesteuerten Hûmen abplagen.

Islands: Non-Places

(Carl Burton, 2016)

Dieses surrealistische, in jedes anständige Museum gehörende Kunststück ist eine Videospielinstallation, in welcher das Betätigen leuchtender Schalter kryptomechanische Wunderlichkeiten aktiviert.

Bedlam

(Red Bedlam, 2015)

Eine der eher rar gesäten Buchverspielungen ist diese Hommage an das Shooter-Genre, präsentiert als Eklektoskop der letzten 20 Jahre FPSpielgeschichte.

Devil Daggers

(Sorath, 2016)

Der Möchtegernhardcoreler-N00b muss in diesem höllisch schweren Spiel nicht länger als 66 Sekunden überleben, um zu begreifen, dass hier die Satansgroteske optimal auf den Punkt gebraten wird.

Amnesia – The Dark Descent

(Frictional Games, 2010)

In diesem Horrorbrutkasten für angehende Draufgehende wird der Verstand von Meister Wahn rekrutiert.

Machinarium

(Amanita Design, 2009)

Ein paar Metallteile landen auf einem endlosen Schrottplatz und bauen sich mittels Adobe Flash zu einem der niedlichsten Cleverbots aller Zeiten zusammen, der sich auf die Suche nach stichhaltigen Argumenten gegen die sofortige Totalvernichtung der Menschheit macht und wahrscheinlich keine findet.

Awkward Dimensions Redux

(Steve Harmon, 2016)

Man bewege sich durch Harmons Autobiographie, tanze Tango mit Türen und finde hoffentlich jenen unsichtbaren Aufzug, der uns endlich aus der Unterwelt an die (vom Dieselskandal gesäuberte) Oberluft befördert.

Dr. Langeskov, The Tiger, and The Terribly Cursed Emerald: A Whirlwind Heist

(Crows Crows Crows, 2015)

Dieses Spiel hat leider ohne dich angefangen, aber zum Glück hast du ein Praktikum als Stück im Stück ergattern können und hilfst kräftig mit, indem du mehrfach den Telefonhörer nicht richtig abnimmst, die Laser reaktivierst und den Tiger-Hebel an Dr. Langeskov verfütterst – ein abstruses kleines Stanley-Parabellum.

Brothers: A Tale of Two Sons

(Starbreeze Studios AB, 2013)

Zwei eigentümliche Rühlknaben zeigen großen Logopädiebedarf und ein noch größeres Herz, indem sie es hilfemäßig knacken lassen und für ihren siechen Opa die erforderliche Tetrapack-Salbe aufsuchen.

Spore

(Maxis, 2008)

Man lasse einen Einzeller bis zum Stimmbruch mutieren und schicke das Resultat auf eine Dienstreise in das Organische Verbrechen namens Existenz.

Bad Dream: Coma

(Desert Fox, 2017)

Point & click dich durch morbide Dingschaften, tritt düstere Raben kaputt, kastriere Däumlinge und sieh zu, was aus dir wird.

Botanicula

(Amanita Design, 2012)

In gewohnt absonderlicher Amanita-Lieblichkeit werden Kreativität und Esprit krachen gelassen, wobei Pflanzliches, Allzupflanzliches zum Umtopfen des grün angelaufenen Daumens einlädt.

Deadlight

(Tequila Works, 2012)

Sehr atmosphärischer 2D-Zombie-Insider mit mehreren Dimensionen, wobei eine davon Grusel ist.

Garry’s Mod

(Garry Newman, 2004)

Mit diesem Spielkastensystem für Experimentellerminen kann man seinen Sauger an Stöpsel kleben und das Ganze magnetisch versiegeln – was 1 Half-Life.

Crypt of the Necrodancer

(Brace Yourself Games, 2015)

Der geniale Soundtrack ist mindestens die halbe Miete in diesem Rhythmus-Adventure, bei dem man sich den Respekt seiner Gegner taktvoll erhüpft.

Hand Simulator

(HFM Games, 2017)

Der Fidget Spinner liegt völlig entfremdet in der Ecke, ersatzweise greift die Hand nach der Horror-Oma, die Finger lassen sich dabei separat ansteuern – genau das Richtige für Handicaptain Debilly.

Fotonica

(Santa Ragione, 2011)

Bei diesem bis zum Abwinken durchstilisierten, fast monochromatischen Dauerrenner kann man die Hände deinstallieren, falls sie zu sehr vom Speed ablenken.

D4: Dark Dreams Don’t Die

(Access Games, 2015)

Sehr lustige Quiche-Time-Events machen diesen grafisch wie inhaltlich idiosyncrazy Shader-Hirni zu einem Erzeugnis.

Teslagrad

(Rain Games, 2013)

Mit einem magnetophonischen Bumsschuh ausgerüstet, macht sich der Held auf die Jagd nach Farbmarkierungen, um sich durch geschickte Manipolation zum Günstling seiner komplexen und wunderschön gestalteten Umgebung hochzupolen.

Crazy Machines

(peppergames, 2009)

Rube-Goldberg-Variationen für Physikheinz und seine kantenmechanischen TÜVtelgeister.

Overgrowth

(Wolfire Games, 2017)

Hier prügelt man sich als Assihasi durch Rummeldörfer, um seinen Leuten im Kampf gegen diverse Raubhasenhorden unter die SEK-bedürftigen Pfoten zu greifen.

Race the Sun

(Flippfly, 2013)

Bei enormen Geschwindigkeiten jenseits der Rauchmauer schwebt man in einem ätherischen Gleiter der fernen Sonne entgegen bzw. in Lebensgefahr, vor leiser Hoffnung auf mäßig programmierte Kollisionsabfrage schimmernd.

Chime

(Zoë Mode, 2010)

Arthouse-Tetris mit Musik von Philip Glass und bisher nicht für möglich gehaltenen Förmchen.

Limbo

(Playdead, 2010)

Der große (Indie-)Klassiker, ein über jeden Zweifel erhabenes Meisterwerk aus Style, Substanz und Design, vielleicht überboten vom noch perfideren Nachfolger Inside.

The Dream Machine

(Cockroach Inc., 2014)

Man untersucht Kisten, lässt sich vom Kühlschrank die kalte Schulter zeigen, enttäuscht seine Frau, sprich: führt als Knetmasse mit Klasse ein nicht zuletzt stilistisch famoses Gamesein.

Insanely Twisted Shadow Planet

(Shadow Planet Productions, 2011)

Als kleines Ufo lasert und schwebt man sich durch eine voivodesk extravagante Welt voller Finessen und Tentakelschwärzen.

GoNNer

(Art in Heart, 2016)

Grafisch und spieltechnisch recht eigener Gönner, der einen mitteltristen Wal mit sich herumschleppt.

Syberia

(Microids, 2002)

Soll wohl ein richtig marionettes Adventure sein, für genauere Angaben fehlt mir irgendein 3D-Beschleuniger oder so.

Fahrenheit

(Quantic Dream, 2005)

Dieser keinesfalls von Flatulenz handelnde Vorgänger des cinematisch-überbewerteten Heavy Rain ist eines der wenigen Spiele, in dem der Depressivitätsgrad angezeigt wird.

Five Nights at Freddy’s: Sister Location

(Scott Cawthon, 2016)

Man animiert Puppen zu mehr Leistung, indem man sie tasert und psychisch unter Druck setzt – witzigruseliger fünfter Teil einer auch Romane umfassenden Spielereihe.

Glittermitten Grove

(Mostly Tigerproof, 2016)

Primär ein Feensimluator, in dem es darum geht, ein Waldstück zu verzücken; sekundär die Verpackung für den Subversionsknüller Frog Fractions 2, den ambitionierten Nachfolger des Subversionsknallers Frog Fractions.

Event[0]

(Ocelot Society, 2016)

So ganz nullisch kann das Ereignis nicht gewesen sein, denn immerhin ist die Raumstation wie von allen Geistern verlassen (vgl. Tacoma), wenn man die Bord-KI mit ihrem unbestimmten NachHALl nicht mitzählt.

There’s Poop in my Soup

(K Bros Games, 2016)

Das Prinzip ist stinkbar einfach: Man lasse elende Häufchen auf Passantenköpfe, in Kinderwagen und nicht zuletzt feine Süppchen von draußen Speisenden fallen und ergattere so begehrte Punktierungen.

Shower with your Dad Simulator 2015: Do You Still Shower With Your Dad

(marbenx, 2015)

Das reichlich schräge Spielprinzip besteht darin, drei unterschiedlich pigmentierte Knaben den entsprechenden Zeugern zuzuordnen, während diese duschen.

Bucket Detective

(The Whale Husband, 2017)

Du wollen frau, aber schwer; schreiben bestseller und berühmt, dann frau; aber schreiben tut im kopf weh – wie machen bestseller ohne autsch?

Dominique Pamplemousse

(Squinkifer Productions, 2014)

Ein Krimical über einen singenden PI, prima gespielt von einer Art Plastikkarpfen mit Transgender-Ambitionen.

Hatoful Boyfriend

(Mediatonic & Hato Moa, 2014)

Die meisten Spiele tauben nicht viel, zumindest nicht im direkten Vogleich mit HB, worin ein Mensch die Vogelschule besucht – eine echt schräge Japanflöte von einem Vogel von einem Game.

Bloody Boobs

(Eduard Bulashov, 2017)

In diesem total trashigen Miststück (“Realistic physics of women’s breasts and butt“) steuert man üppig betittte, fast nackte Frauen durch unnötige Katakomben.

Hylics

(Mason Lindroth, 2015)

Suigenetisch evolviertes Dadaventure um einen möglicherweise zur Klebergilde gehörenden Mondmann auf der Suche nach dem verlorenen Grabdong (Papa als Leerzeichen).

I am Bread

(Bossa Studios, 2015)

Man ist ein Stück Toastbrot und kämpft gegen die superbescheuerte Steuerung, für die am ehesten 8-Axis-Butter in Frage kommt.

Oxenfree

(Night School Studio, 2016)

Vier Mumblecore-Hipster begeben sich auf eine Reise zu den Independent Game Awards.

Tormentor X Punisher

(E-Studio, 2017)

Dieser im „Metal as fuck“-Genre angesiedelte Twin-Tower-Shooter spielt auf dem Planeten Fuck You, wo eine mit ordentlich Munition und Aggros geladene A(K-47)mazone diversen Dämonen ihre widerlichen Wichsvisagen wegbolzt.

Doki Doki Literature Club

(Team Salvato, 2017)

Eine sehr entspannende Visual Novel, in der ein literarisch wenig begeisterter Protagonist einem mädchenlastigen Schreibclub beitritt, um in die Geheimnisse der Teen-Angst einzutauchen.

Rusty Lake Hotel

(Rusty Lake, 2015)

Ein etwas an Max Ernst erinnernder P&C-Freakling, der unterschiedlich knifflige Kniffel erkniffeln muss, um am Schluss an das begehrte Honkfleisch zu kommen.

N++

(Metanet Software, 2016)

Lürrer Rühlninja vs. infradünne Problemzonen in unerschwinglichen Levelbauten.

The Static Speaks my Name

(The Whale Husband, 2015)

Man plant den nächsten Urlaub unter Palmen Palmen Palmen … das Konzept „Palmen“ raubt dir den allerletzten Verstand, dein Frühstück besteht aus schimmligem Kühlschrankinnenwandtauwasser usw.

Fran Bow

(Killmonday Games, 2015)

Als junges Mädchen, dessen Eltern plötzlich zerfetzt daliegen, hat man eine wenig subtile Bekanntschaft mit Satan gemacht, der regelmäßig Alimente in Form von Horrorcameos entrichtet.

Nex Machina

(Housemarque, 2017)

Sauschick schillernde Schusswechsel zwischen Robotern, Drohnen und Geiseln, die einen mit Laserhämmern und anderen Kraft-Hochs versorgen.

Stories Untold

(Devolver Digital, 2017)

VHSieht wirklich superschick nach Stephen-King-80ern aus, ich habe allerdings keine Ahnung, worum es hier genau geht.

Painkiller

(People Can Fly, 2004)

Zu feinstem Prügelmetal werden Dämonen, Totaltote, ISkelettoren und Hexen zu Haxen, indem jeglichem Höllengesocks mit der herausschleuderbaren Kreissäge die Rüben auf- und abgesäbelt werden.

Jets’n’Guns

(Rake in Grass, 2014)

In diesem 2D-Shooter kann jeder einzelne Pixel durch geschicktes Beballern zur Explosion gebracht werden, gegnerische Soldaten werden einfach mit der M61 Vulcan umgemäht oder mit dem Schiffsbug gerammt.

Silence of the Sleep

(Jesse Makkonen, 2014)

Man wacht in der Unterwelt auf und muss irgendwie klarkommen, wobei einem nicht viel mehr als Taschenlampe und Existenzangst zur Verfügung stehen.

Mu Cartographer

(Titouan Millet, 2016)

Hier darf man auf einem Synthesizer für Alienerziehende an fremdartigen Topographien herumfrickeln.

Slender: The Arrival

(Blue Isle Studios, 2013)

Was ist schrecklicher, als nachts im Wald mit einer Taschenlampe unterwegs zu sein? – Nachts im Wald mit Slenderman unterwegs zu sein, während jener Erwartungsterror, der mit dem langsamen Schweifenlassen des Lichtkegels durch absolute Schwärze einhergeht, den ohnehin gut gefütterten Wahn weiter nährt.

Last Day of June

(Ovosonico, 2917)

Frei nach Dr. William Weirds „Da, wo wir hingehen, brauchen wir keine Augen“-Devise erzählt diese unendlich süße, mit Musik von Progmeister Steven Wilson untermalte Liebesgeschichte zwischen einem 0-äugigen Mädchen und seinem 2-äugigen Brillenschlangenmännchen von vollkommen umwerfender Stilistik, die die Guckkullern schlicht weggesprengt haben muss.

A Dump in the Dark

(Oubliette, 2018)

Wenn ein Spiel einen saftig animierten Hintern zum Helden erkürt, vor „violent diarrhea“ (Leertaste) nicht zurückschreckt, als Grafikeinstellung „The Shit“ aufweist und dennoch mit einem auf Hitler bei einer seiner demongorgisch ausgeklügelten Supermarionettensuaden gerichteten Fadenkreuz beginnt, wobei nach obligatorischer Betätigung des Abzugs seltsam maskierte, slipknotige Nasalvasallen sichtbar werden, dann ist jegliche Fäkalbernheit sogleich im Keim erstickt.

MirrorMoon EP

(Santa Ragione, 2013)

Eine Art Echoshooter, bei dem man mit Eigenwillis Wuchtwumme den Mondklon telekinetet.

Thirty Flights of Loving

(Blendo Games, 2012)

Ein Quader als Kopf reicht offenbar völlig aus, um nach einem missglückten Heist das Geheimnis des Fliegens zu lüften.

Valley

(Blue Isle Studios, 2016)

A Story About My Uncles hüpfigerer Bruder, worin ein nach einem albernen Akronym benannter Spezialanzug nicht nur eindrucksvolle Sprunggelenke in sagenhafter Grafikpracht offeriert, sondern auch durch und durch tote Forellen neustartet.

MIND: Path to Thalamus

(Pantumaca Barcelona, 2015)

Man lustwandelt durch himmlische, surrealistische Mindscapes, die von Pfaden der Unwahrscheinlichkeit axonal durchzogen werden.

This War of Mine

(11 Bit Studios, 2014)

Ein Kriegs- und Survivalsimulator, in dem die von Entwurzelung, Plünderung, Rastlosigkeit und rissigem Dach überm rissigeren Kopf ausgehende Gemütlichkeit zu einem grausamen Ganzen geschnürt wird.

The Stanley Parable

(Galactic Cafe, 2013)

Das Medium Videospiel als Subversionsvehikel, das Büro als transzendentale Spielwiese und der Auktorialerzähler als Vollversager, der gegen eine gelbe Lebenslinie ablost.

Four Last Things

(Joe Richardson, 2017)

Sehr alberne Renaissance-Comedy mit Gilliam’scher Cut-out-Ästhetik und Python’schen Metajokes.

Kentucky Route Zero

(Cardboard Computer, 2013)

In diesem ureigenen, mit Kentucky Fried Movie extremnichts zu tun habenden Mikrokosmos hat es ein LKW-Fahrer es nicht leicht, die verflixte Nullroute zu finden.

Virginia

(Variable State, 2016)

Ein von dem Entwicklertrio als strange intendiertes sowie auf 30 Frames pro Sekunde ausgelegtes Abenteuer um eine FBI-Agentin, die in weiß der Lynch was verwickelt wird.

The Novelist

(Orthogonal Games, 2013)

Man schlüpft in die Rolle eines Geistes, dem der Schriftsteller Dan Kaplan und seine Familie (wahlweise mit oder ohne ihr Mitwissen) Geistfreundschaft erweisen, und erfährt dabei mehr über seinen Geisteszustand.

Papo & Yo

(Minority Media Inc., 2013)

In dieser von magischem Realismus durchdrungenen Coming-of-H-Geschichte geht es keineswegs um Heroin, sondern einen jungen Eskapisten, der seiner tristen Favela mit Kreide mechatronische Spezial-Features entlockt.

There Is A Genie In My Szechuan Sauce

(Bmc Studio, 2017)

Fast 600 MB Pissendreck kommen auf den Spieler bzw. seine Festplatte zu, wenn er bei zwei frankokanadischen, sich leider dem Freirubbeln eines beknackten Saucengeistes verschrieben habenden Megaspacken hospitieren möchte – komplett danebener Tras(h)hit!

Orwell

(Osmotic Studios, 2016)

Man arbeitet als Rattenvolo eng mit Big Brother zusammen und versucht, eine Terrorattacke aufzuklären.

Superflight

(Grizzly Games, 2017)

Idealerweise in VR zu spielender 3rd-Person-Gleitsimulator, worin man sich durch fremdartige Landschaften freisegelt.

Bendy and the Ink Machine

(TheMeatly Games, 2017)

In diesem Disneyspaß-trifft-Puppengrusel stecken die Zeichentrickfiguren so tief in der Tinte, dass selbst ein Inkling nimmer hilft.

The Swapper

(Tom Jubert, 2013)

Man ist allein in der Weltraumfremde unterwegs, die Einsamkeit wird gelegentlich von bis zu vier Holoklonen aufgebrochen, die man auch als Transportmittel nutzen kann – sehr atmosphärisch und ein-bisschen-bei-Winterbottom-abgegucktisch.

Mountain

(David O’Reilly, 2014)

Bevor er sich ALLEM zuwandte, war O’Reilly ein Berg mit Eigenschaften.

Plants vs. Zombies

(PopCap Games, 2009)

So ähnlich wie ein Schachspiel, nur ohne König und Dame, dafür mit Tag- und Nachunterschied, jeder Menge spuckender Bauernflora und, ach ja, Zombies (mitsamt dazugehörigem Zombieeditor).

Cogs

(Lazy 8 Studios, 2009)

Fordernder Zahnrädchen-Dreher, der die Vorgänge im Innern des Spielergehirns in Echtzeit abzubilden versteht.

Getting Over It with Bennett Foddy

(Bennett Foddy, 2017)

Diese ÖPNV-Parodie ist eine geniale Metapher für den Hindernisparcours Leben und die zahlreichen Limonen, dies es uns mit auf den Weg gibt – Frédéric Frust lässt grüßen.

Off-Peak

(Cosmo D, 2015)

Hypnoide Erkundungstour durch eine Bahnstation am Ende der Zeit.

Soma

(Frictional Games, 2015)

Soll ein herausrangendes Horrorspiel sein, das ich mir allerdings noch nicht installiert habe, weil ich meine arme HDD vorerst nicht mit weiteren 25 GB zu fragementieren wage.

Depression Quest

(The Quinnspiracy, 2014)

Einer der wenigen, wenn nicht gar einzigen Depressionsemulatoren, die halbwegs realistisch in der Form eines Text-Adventures mit einigen Entscheidungsmöglichkeiten den beschwerlichen Weg eines jungen Mannes schildern, der trotz sehr niedriger Energiewerte eine Beziehung mit einem Party-Girl zu meistern versucht.

Bonus:

Samorost

(Amanita Design, 2003)

Sämtliche Screenshots: © Steam

Annihilation – die Auslöschung der W-Fragen

Die bei Netflix nicht zufällig mit „mind-bending“ verschlagwortete, recht eigenständige Verfilmung des ersten Teils jener nebulösen, sprich: mit dem Nebula Award ausgezeichneten, Southern-Reach-Trilogie von Jeff VanderMeer ist ein vagemutiges Speculative-Fiction-Abenteuer von Alex „Machina“ Garland (Sunshine).

Click here for an English version of this review published on novelle.wtf.

Beim Anschauen seines empfehlenswerten neuen Kinofilms für daheim muss man nicht nur an ästhetisch-ätherisch nahestehende Meisterwerke wie Stalker oder Under the Skin denken, sondern auch an die Honest-Trailers-Kakaoten, da der Streifen so manche Vorlage für satirische Dreistigkeiten bietet: die in rund 16,8 Millionen Farben schillernden Seifenblasen etwa, welche zu raffen sich die fünf ghostbustenden Ladys, darunter Jennifer Joker Leigh, Natalie Mossad und Vergina Rodriguez, vorgenommen haben; oder die neuste Nvidia-Demo als Vorspiel zum Spiegeltango mit Fremdart & Gefunkel. Glücklicherweise wird hier Unbegreiflichkeit großgeschrieben, was eine ordentliche Lanze für Weird Fiction bricht und das dramaturgische Optimum rauskitzelt.

Darüber hinaus wurde die hier propagierte Beyondischkeit – eine der größten Verstörungen seit langem ist die Intestinalszene, wobei es auch reichlich ungemütlich anmutet, von Mr. Unheimlich erst sequenziert und dann an die Wand getänzelt zu werden – sauschön in Szene gesetzt. Jenes Andere, banaler: Außerirdische ist nicht zum Verstandenwerden hier, sondern um Usurpationsspielchen (oder whatever the fuck da los ist) zu treiben und dabei mit menschelnden Chimärchen und anderen herrlich üppigen Abartigkeiten in Tateinheit mit transzendentalem Lensflare (vgl. Turok) möglichst nonchalant gegen die Mutagenfer Konvention zu verstoßen.

Der häufigste Satz im Film lautet „Ich weiß es nicht“ und lädt herzlich dazu ein, die Gleichung „Wissen = Macht“ zu überdenken.

„Annihilation“ bzw. „Auslöschung“ feierte seine deutsche Erstausstrahlung am 12. März 2018 bei Netflix.
Titelbild: © Netflix

Wie man in den Wald hineinstirbt …

Mit seiner EP Adresse: Friedhof hat Kölns makaberster Grindcoreler …tot aus dem Wald alias Falk Hummel wieder einmal typische Omamucke eingeschopenhauert, die man auf Bandcamp streamen oder zu einem selbstgewählten (möglichst 0,00 Pekunien übersteigenden) Preis käuflich erwerben kann. Im Folgenden ein Gespräch über die Geburt der Platte aus dem Geiste der Tragödie.


Wenn man tot aus dem Wald kommt, dann heißt es ja nicht unbedingt, dass man beim Betreten des Waldes lebig war, oder?

Dies ist sicherlich dem Umstand geschuldet, dass ich mich bereits früh in der Kindheit wie sechzig fühlte und insofern ohnehin senil und halbtot wie der Silberförster durch die Geschehnisse in der nebeligen Welt da draußen taperte. Um auch eine ernsthaftere Antwort zu finden, so könnte man natürlich auch in Betracht ziehen, dass zu meiner Jugend und Schulzeit nur eine kleine Gruppe von Gleichgesinnten existierte, die Subkultur war in der Kleinstadt nur gering ausgeprägt; man musste sich dementsprechend hauptsächlich über Abgrenzung definieren und beobachtete meistens das Treiben der anderen – Spaß, Party, Fußball und was diese merkwürdigen jungen Menschen sonst noch so treiben – nur wie durch eine Milchglasscheibe, ohne daran teilhaben zu können, etwas unfreiwillig entfremdet von den anderen, Nebendarsteller im eigenen Leben.

Was sind einige Kunstwerke, die am meisten Ehrfurcht Sie inspiriert? Auf besser Deutsch gefragt: Wer hat dich die Kunst abscheulicher Dinge gelehrt?

Zum einen möchte ich hier gerne ein Werk anführen, welches ich im schulischen Musikunterricht kennenlernte. Meine zarte, unverdorbene Seele wurde damals mit Arnold Schönberg und Zwölftonmusik konfrontiert. Außerdem klingt das natürlich unglaublich gebildet, Schönberg anzuführen und Adorno zum Frühstück zu trinken. Das macht Laune und bringt Freunde im Feuilleton, die man garantiert nicht haben möchte. Zum anderen muss ich wohl anführen, dass ein begnadet perfektionierter Dilletantismus mit ausgeprägter Unmusikalität und völliger Talentfreiheit nicht ganz schuldfrei sein könnte.

Der Teufel tanzt auf „allen“ vieren, während mindestens 662 seiner grausen Glieder ungenutzt bleiben – effizient geht anders.

Man muss den Tentakeln auch mal Ruhe gönnen, Cthulhu erwacht ja auch nur alle tausend Jahre. Effizient ist das alles ja ohnehin nicht. Hat man Freunde gewonnen und heiße Girls aufgerissen mit der Band? Nein. Hat man auf coolen Studentenpartys gespielt? Nein. Ist man Teil einer Jugendbewegung? Nein. Kann man am Lagerfeuer romantisch unterhalten? Nein. Liegen einem die Massen zu Pferdefüßen? Nein. Man macht es aber trotzdem oder gerade deswegen. …tot aus dem Wald ist ein sehr egoistisches Projekt. Die Musik wird nur gemacht für sich selbst, ganz ohne Anspruch auf Zuspruch. Das wäre dann bei der Musik wohl auch ein völlig selbstverblendeter und unrealistischer Plan. Zu Schul- und Anfang der Studentenzeiten gab es ja auch noch Mitstreiter, ein infernales Trio, während in den letzten Jahrzehnten nur noch meine Wenigkeit übrig blieb und alles alleine machen muss. …tot aus dem Wald ist nämlich tatsächlich eine Ein-Mann-Band (einzige Unterstützung gibt es durch den Satansmops, der mich grunzend dazu anhält, den Verstärker leiser zu drehen und seinen Schlaf gefälligst nicht zu stören!).

Quelle: YouTube
Wenn aus den Augen Absinth fließt, dann will ich gar nicht wissen, welch köstliche Überraschungen andere, möglicherweise noch zu erschielende Öffnungen bereithalten. (Das mit dem Nichtwissenwollen war mehr rhetorisch gemeint.)

So geht es mir natürlich auch (und doch eigentlich den meisten Menschen, oder?), und deswegen beginne ich den Tag regelmäßig mit einer Telefonkonferenz, um mich im Freundeskreis über die Konsistenz des aktuellen Stuhles auszutauschen; heute saftig bis gut durch.

Wie sehr wird das durchschnittliche (= hässliche) Dummerle (= Mensch) vom Willen zum Nichts geleitet?

Der Wille zum Nichts klingt irreführend, da nihilistisch, wobei genau genommen das Streben zum Glück frei von Begierden ein Faktor ist, der bspw. in Achtsamkeit und Gegenwärtigkeit aktuell sehr populär ist und letztlich zurückgreift auf buddhistische Ansätze. Da das aber klingt, als würde man gleich Bäume umarmen in orangenen Pluderhosen und Atemübungen der Marke „Gammelzähne Lächeln Mutter Erde“ machen, lassen wir das lieber. Selbst Nietzsche, der alte Menschenfreund, glänzt dann mit lächerlichen Buchtiteln wie „Von der fröhlichen Wissenschaft“. Ob der Mensch generell dumm ist, lässt sich nicht beantworten. Der – durchaus ja auch in der Philosophie ausgetragene – Streit dieser Paradigmen ist wohl letztlich eine Glaubensfrage, da sich dies mit den Mitteln der Wissenschaft nicht untersuchen lässt (Menschen böse im Verhältnis zu Menschen gut ergibt gleich). In meiner Intoleranz bin ich jedoch tolerant. Wobei, tatsächlich (ha, jetzt kommt wieder das Denken des Sechzigjährigen durch) erlebe ich, dass die Gesellschaft unangenehmer, gewalttätiger und unsicherer wird (war sie früher natürlich auch). Geht man nachts friedlich durch eine Großstadt, muss man leider schon damit rechnen, angeprollt zu werden. Geht man durch eine Menge fröhlicher Hippies, gehen die einem allerdings auch auf den Sack.

Gibt es eine schlimmere Farbe als Schwarz, die General Larvae noch höllischer/wurmiger machen würde?

Ein schleimig-krankes Grau-Grün könnte man hier in Betracht ziehen. Wobei ich es auch wunderbar fand, dass mein satanischer Hundegefährte, Mopsis Mopsularis, der Graf, seines faltigen Zeichens Mops, gestern – da Magenerkrankung und auf Schonkost – neonorangene Fäzen absonderte. Ich merke beschämt, dass ich mich tatsächlich mit derlei Themen beschäftige.

Der Optimist in mir fragt sich zuweilen: Sind wir im Eigentlichen nicht alle aufgequollen und halb verrottet?

Der allgemeine Körpergeruch in überfüllten Straßenbahnabteilen lässt keinen anderen Schluss zu.

Allerspätestens mit der Rezeption von E. Elias Merhiges „Begotten“ stellt die triebhaft-bigotte Natur des Humus verrecktus keine Überraschung dar.

Überraschend ist vielmehr, wie man „Begotten“ (sicherlich eine tolle Atmosphäre und Bildsprache) wirklich 78 Minuten am Stück aushalten kann. Vermutlich nur mit Drogen, aber die sind böse. Ob der Mensch wirklich böse ist, müsste man natürlich ernsthaft differenzierter betrachten. Das Paradigma …tot aus dem Wald geht natürlich nur vom schlimmsten aus. Menschen sind hier generell verkommene Subjekte. Mutters Kopf liegt im Gefrierfach neben dem Eis, das ich so mochte. „Junge, schnapp sie dir! So wie ich Mutter nahm!“ „Oder wie du mich im Kinderzimmer.“ Ja, dieser Sommer war heiß und die Nächte schwül. Damals wünschte ich nur selten, ich sei tot.

Was sind (abgesehen von Leichen) die drei widerlichsten Dinger, die im Sommer zu sprießen beginnen?

Freude, Frohsinn und Frohlocken. Nicht zu vergessen gutaussehende und trainierte Menschen, die sich zur Schau stellen und offensiv dafür sorgen, dass man sich für seinen eigenen aufgequollenen Leib schämen muss. Abstoßend sind zudem Freibäder, Grillen am Rhein, Inliner, Menschen, die die Sonne genießen, laute „Culcha Candela“-Musik im Freien und überhaupt diese gute Laune im Sommer. Der Sommer ist generell zu verachten, eine einzige Plage, und sollte sofort verboten werden.

Hat man inzwischen eigentlich irgendwelche Beweise dafür gefunden, dass wir nicht in der Hölle leben?

Selbstverständlich. Das Lachen eines Kindes, vergnügt und unschuldig, das liebende Seniorenpaar, das sich zärtlich an den Händen hält, der fröhliche Delphin, der tapfer Menschen rettet … Moment, mir kommt gerade etwas Kotze hoch. Wie war noch mal die Frage? Wie mein Stuhlgang war? Danke, regelmäßig.

Wenn die Nacht ungefähr so viele Füße hat wie Augen, dann kann sie sich ja problemlos zum Teufel scheren.

Grundgütiger, dann droht ein ewiger Sonnenschein. Das wäre furchtbar.

Wie bzw. wo gibt’s einem der Herr, wenn man sich nicht zu den „Seinen“ zählen darf.

Ich befürchte, meistens bei den Messdienern oder im Kommunionsunterricht in Form italienischer Fleischpeitschen. Interessanterweise korreliert Religiosität mit allgemeiner Lebenszufriedenheit, wobei natürlich das raumzeitliche Aufeinandertreffen zweier Ereignisse nichts über den Kausalnexus aussagt. Religiosität korreliert auch mit der Lebenszeitprävalenz für psychotische Erkrankungen.

Bonusfrage: Was genau wird eigentlich mit der Einheit tadW gemessen?

Der kleinste messbare Widerstand.

David Lynch, Twin Peaks und die Safidalität

Spoiler Alert

Die dritte Staffel von Twin Peaks, der Mutter des TV-Epos, einer der bedeutendsten und zugleich seltsamsten Fernsehproduktionen aller Zeiten, ist (rot) angelaufen. Die entsprechenden Kult-Vorhänge wehen wieder, teilweise in Überblendung mit dem Zickzack-Muster der „Red is the new Black“-Lodge-Böden, was primär einen irren Schuss Nostalgie und sekundär eine gewisse unfreiwillige Komik zur Folge hat: ist die Reprise dieser Farben und Formen in Kombination mit einem Seltsamkeitszoom ins Innere eines Grammophons und dem klassisch gewordenen Lynchdröhnen aus der Hermetikkeule nicht die reinste Selbstparodie?


Trotz aller motivischen Wiedererkennbarkeit und des grün umrandeten Schriftzugs, der Zusammentrommelung fast vergessener Gesichter (Mädchen Amick ist inzwischen eine reife Frau) wird hier alles andere als Anbiederung betrieben, spätestens mit der Glaskammer-Szene (mehr weiter unten) ist jeder Zweifel an „Der alte Junge hats immer noch drauf wie kein anderer“ passé. David Lynch, den man seit seinem letzten, inhaltlich wie technisch beträchtlichen Experimentalfilm Inland Empire ziemlich vermisst hat (wenn man den witzigen Gastauftritt als Drill-Captain für angehende Late-Night-Hosts in Louie, eine überraschende Kollaboration mit Werner Herzog, diverse Kurzfilme sowie Studioalben nicht mitzählt), geht konsequent seinen Weg. Dieser scheint nicht ganz so kuschelig zu sein wie die sehr frühen Neunziger, sondern weist Ecken und Kanten und – wait for it – Schrägen und disparate Mannigfaltigkeiten und durchaus unterbeseelte Kälten auf, die insbesondere sein stark heterogeniales Werk ab 2001 auszeichnen.

In bisher jedem seiner Filme bot Lynch mindestens eine Verstörung an, die auf der Hirnrinde kleben blieb wie Information auf der Kuhhaut dieses unseren Hologramms, das sich Existenz schimpft. In Eraserhead war es am ehesten das „Baby“, in The Elephant Man war es die Mitproduzentenschaft von Mel Brooks, in Dune war es die Bild- und Tongewalt, in Wild at Heart waren es Willem Dafoes Zähnchen, in Blue Velvet war es Dennis der Gas-Hopper, in Fire Walk With Me war es der gesamte WTFilm, vor allem aber die CCTV-Perversion feat. David Bowie, in Lost Highway war es der brauenlose Myster X, der an zwei Orten gleichzeitig sein konnte, in The Straight Story war es die Abstrusitätsabstinenz, in Mulholland Drive war es die Abstrusitätsredundanz + Alptraumpenner gleich um die Ecke, in Inland Empire war es die mit nicht viel mehr als Microsoft Paint erzeugte Visage, die als „Trashface“ zu bezeichnen sich aus diversen Gründen anbietet, in der PlayStation-2-Werbung war es die unscharf eingestellte, das damalige Firmenmotto „Welcome to the Third Place“ eklatant auslebende Mumie (vgl. YOLO) – und in der aktuellen Lieferung von Twin Peaks schließlich ist es … tja, die Auswahl ist reichhaltig, aber wir entscheiden uns nicht für das drastische Driwwer-Bäumchen mit dem gelbstichigen Plastilin-Trollface und auch nicht für den Gigamord durch Wangenknochenmassage, sondern für jenen gräulich-weißlichen Ruckelschemen, der sich in einem zuvor dunkel gewordenen Glasbehälter abzeichnet und anschließend als akuter Horrorwirbel ein junges Liebespärchen leichenhausreif raspelt. Erst kurz vorher erklärte nämlich der Mann seiner neugierigen Gefährtin nicht ohne einen Schuss jugendliche Arroganz, dass es seine Aufgabe sei, den berüchtigten Wunderkasten, Teil einer metaphysikalischen Enigmahrschaltung, zu beobachten, da darin angeblich etwas erscheinen könnte. Der umwerfend monströse Verweis auf die Tatsache, dass sein Vorgänger eine nicht weiter spezifizierte – wo „Lynch“ draufsteht, ist nicht zuletzt auch unaussprechliches Andeutungsgrauen drin – Emergenz erfahren durfte bzw. musste, bereitet den Zuschauer nur unzureichend auf das kurze, aber präzise Inferno vor, das zu unterschätzen sich nicht schickt. Bei genauerer Analyse der Unbegreiflichkeitsstruktur des dämonischen Aggressors fallen wieder die anspruchslos anmutenden Spezialeffekte auf, der Gruselzyklon ist in seiner diffusen Bewegung durchaus prim und hat gar etwas von den mühseligen Fernseh-CGI von 1997 – aber das macht die Sache nur noch schlimmer.

Konzentrieren wir uns nun ganz und gar auf die Errungenschaften der Glaskastenschwebung, um mit ihrer Intensität besser fertigzuwerden. Es handelt sich hier um eine vage, blasse, tendenziell antihumane Kreatur: etwas. Zu erkennen ist ein nackter, möglicherweise geschlechtsloser Körper/Geist, das Gesicht ist bestenfalls angedeutet, die Konturen sind unscharf, zittrig, transient, offenbar eine biologische wie physikalische Widernatürlichkeit. Ein gespenstisches Unwesen also, das unbekannten Gesetzen (falls überhaupt) zu gehorchen scheint, die zu begreifen uns nicht zusteht. Selbst wenn wir die stark erhöhte Bewegungs-, Stoffwechsel- oder ganz allgemein Daseinsgeschwindigkeit hinnähmen, so wäre noch immer nicht bekannt, was der Grund für die Zitterpartie – eine weitere Reverenz vor dem „creepy torso“-Stilbildner aus Jacob’s Ladder – ist. Levitation, ebenfalls ein renommiertes Merkmal von Widersinn, zumal die Leugnung der Schwerkraft selbst masselosen Pharaonen nicht vergönnt ist, kann als Ausdruck des Wunderbaren, aber auch Widerlichen zu deuten sein. Die mit den klassisch Twin-Peak’schen Invert-Sounds einhergehende Verdunkelung des kubischen Behälters lässt vermuten, dass die Schwärze des Raums der Fleischfond für das Bleed-over des megamalignen Hobelgeiers in unsere Realität zu sein scheint. Oder ist das Dunkel gar gasförmig, also eine Art Schwarzer Rauch, wie wir ihn bei Lost kennen und aufarbeiten gelernt haben? Die Finsternis bzw. Schwärze als furchtbarer Boden für Alptraumhaftes ist selbstverständlich ein Archetopos – unser Universum mit den unzähligen Konkreta und Abstrakta darin funktioniert nach ebendiesem Prinzip. Das Glaskasten-Event ist wohl nichts anderes als eine weitere Manifestation der Höllendimension, wie es Bad Boy Bobby, die Schwarze Hütte und die roten Vorhänge sind. Die Jenseitigkeiten der Unterwelt sind nun mal so viel mehr als ein gehörnter, ggf. mit Monsterpeniß aufwartender Satan.

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Die seelenvolle Seltsamkeit der Neunziger mag hin sein, der Kirschkuchenfetisch fühlt sich nicht allzu wohl in seiner neuen Haut, dafür aber ist das unselige 2017er-Strangeologos auf 11 gedreht. Erfreulich zu sehen, dass Lynch endlich die volle Transformations- und Wunderkammerpower des Roten Raums, Holodeck für Visiardäre, realisiert. Während in den ersten beiden Staffeln die Black Lodge mit ihren Bizarro-Eicheln – erst jetzt wird es unmissverständlich deutlich – doch etwas zurückhaltend war, erblüht in den neuen Folgen ein richtiger So-was-von-Abseitiger. Natürlich sei hier nicht zuletzt der modernen EDV gedankt, die unzählige ?¿-Hämmer relativ unaufwändig ermöglicht.

Von weird zu warmherzig, von silly bis chilly, von Hypersentimentalität nach Ultragewalt in Sekunden – hier regiert die totale Alles-ist-Möglichkeit: Eine massiv stressige Hupszene ebnet Chillout-WTF den Weg. Michael Rühl zelebriert einen abstrusen Brando-Pastiche, während Evil Coup den wohl safidalsten Telefonanruf aller Zeiten (vgl. Nina Myers’ Was-hast-du-getan!?!-Fernmanipulation in 24) tätigt. Inadäquate Emotionen treffen auf Traum-Frau Monica Bellucci, missratener Stagnationsabfuck heiratet Audrey Horne (nicht die Band) mitsamt ihrem offenbar ausdiskutierischen Homunculus von Ehemann. Tammys Laszivität vs. Bossbrei vs. Franz-Kafka-Plakat vs. schwarze Weltenvortices vs. Auch Pfriem-Zwerge haben eine Vorliebe für Auftragskills vs. instabile Tulpa-Shakur-Doppelgänger, die als Schläfer rekrutiert, aktiviert und anschließend gen Jenseits beyond verworfen werden, wobei noch etwas minderwertig animierter schwarzer Rauch und ein güldenes Bällchen als Single-Auskopplung übrig bleiben … Manchmal liegt die Überraschung aber auch darin, wie offensichtlich-straight einige Gegebenheiten sind. So überrascht es kaum, dass der gutartige Andy als Einziger die White Lodge betreten darf, um vom Akromegalieschen über die schutzwürdige, da benigne Augenlosigkeit der zärtlich klickenden Asiatante instruiert zu werden.

Das Schauspiel ist teilweise so hölzern (woody Aliens der Obdachlosigkeit lassen indezent grüßen), die Dialoge so künstlich und die Dramaturgie so knifflig, dass es eine wahre Freu/mde ist. Hauptgericht, Beilage und Nachspeise hören allesamt auf den Namen Seltsamkai. Manchmal ist es primär Schrulle, etwa wenn Mindy allen Ernstes durch das Konzept des Mobiltelefons ziemlich wörtlich aus den Socken gehashtagt wird. Ein andermal ist es die erstaunlich alberne und vor allem langwierige Wir-habens-langsam-kapiert-Comedykiste, in die Agent Ex-Cooper, nunmehr Dougie „Goldkügelchen“ Jones, gasförmig-enthirnt aus der Steckdose strömt, nachdem er via Stromwelt (vgl. Egner: „Die Elektrizität ist, wie zuvor schon die Ventilatoren, mit Seltsamkeits aufgeladen.“) in die sog. Realität gesogen wurde, nicht ohne dabei Schuhwerk und Persönlichkeit einzubüßen. Kognitiv unbelastet stolpiert er durch die Berufs- und Lebenswelt seines arglosen Avatars, gewinnt mithilfe seiner größtenteils aus der Spiegelung der jeweils letzten zwei bis drei Worte des Gegenübers bestehenden Kommunikationskunst neue Freunde und weiß sogar gestörte Diagramme hinzukritzeln, die sich als überraschend sinnhaft herausstellen.

Es dominiert aber natürlich jene Seltsamkeitsart, für die Lynch am meisten verehrt bzw. verhasst wird: inspirierend kühne, unauflösbare Kryptoschlimmären, deren Puzzle-Teile, einmal über das Rezipientenhirn geschoben, kurz ineinandergreifen, nur um im letzten Moment durch das Herausschnellenlassen einer ultravioletten Tierzunge zu kastrieren. Daher gehört zu den Höhepunkten der Serie bzw. der gesamten Fernsehgeschichte definitiv Folge 8, die nicht nur mit einem NIN-Cameo, sondern auch mit übelster Got-a-lighter-Logik punktet: In der ersten Atomexplosion in Los Alamos wird das Böse geboren, das übrigens ein wenig an den Raspelknut vom Anfang erinnert – und Bob der Gaumeister ist mit von der Partie. Sogleich wird von einer höchst suigenerischen Wächter-Instanz die inzwischen durchmythifizierte Laura Palmer als ein Antidot zu den Dres. Evils dieser Welt in der Existenz installiert. Nachdem ein fachmännisch, jedoch fehlerhaft manipulierter Zeitstrahl nach hinten losgeht, endet Twin Peaks: The Return (scheinbar) in unserer Realität, fernab von Magie und Seltsamkeitssupremat, alles wirkt naturalistisch, banalltäglich, Rohei ’n’ Ödion – doch dann geschieht noch ein finaler Mind-Glupscher …

Quelle: YouTube

Jedenfalls ist Lynch für das „Weird/Bizarro“-Genre in etwa dasselbe wie The Raid für Action, Kung Fury für Comedy, Tony Soprano für die Gattung „Homo sauens mit sympathisch-soziopathischen Anwandlungen“, Watchtower für Prog Metal, Dalí für „Hat wirklich noch nie jemand zuvor an weiche Uhren gedacht?“, Beavis für Neurose, Butthead für zahnfleischbasierte Arschgesichter, D. P. Schreber für Mehlhäuphrenie, Banane für Krümmung, „Alma Mater“ für Bildungsbürger, Studenten für Bierchen, Bällchen & Bude, was für Nullen, Nullen für Computer, Einszehn für Iven, russische Oligarchen für Gold, Danielewski für ■, Einstein für Genialität, Mozart für Genialität, Stephan Hawking für Sprachausgabe, „Triologie“ für Rechtschreibung, Tarantino für Fußfetisch, Nazis für Star Wars, Ufos für Verschwörungstheoretiker, Daniel Ableev für Ganz-vorne-im-Klassenbuch (gleich nach den AAA-Batterien), Descartes für Skepsis, Uranus für Höhöhö, Rauchen für Verbote, 608/609 für Gielgen, Elon Musk für MAGs (multipel ambitionierte Genies), Apple für Hipster, Laser für Akronyme, Bonn für Wortspiele, Matrix für Parodieoverkill, Hellboy für Asymmetrie, Symmetrie für Quantenphysik, Quantenphysik für die Wiedervereinigung von Naturwissenschaft und Philosophie, Philo für Sofie, Lichtgeschwindigkeit für Konstanz, Konstanz für Ferdinand von Zeppelin, Zeppelin für den Rock, Rollins für Henry, Heath Ledger für Bleistift-Gags, Christopher Nolan für schwächelnde Dialoge, M. Night Shyamalan für Pointenhuberei, Bruce Willis für Glatzencoolheit, Glatzencoolheit für Vin Diesel, Vin Diesel für Monosyllaba, Lars von Trier für Enfants terribles, Nymphomaniac für die Fingernägelschneidreihenfolge, Joe Pesci für Giftzwerge, Douglas Hofstadter für Interdisziplinarität, Charles Darwin für Evolution, Evolution für Revolution, Helge Schneider für Impromptu-Kniffel, Jonathan Basile für Selectronik, Fails für Compilations, Spın̈al Tap für Metal-Umlauts, Muschel & Blasi für SEK, Flüchtlinge für DaF-Zertifizierung, DaF-Zertifizierung für arbeitslose Geisteswissenschaftler, Matthew Barney für Bienen-Drumsoli, David Blair für Bienen-TV, Carmina Burana für Filmtrailer […]

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Kommen wir nun aber zum „Schimmel im Wohnzimmer“ – Safidalität? Das Groteske ist ein Spektrum: Am einen, harmlosen Ende finden sich einfache Übertreibungen wie die Aussage von Steve Coogans Phileas Fogg in Around the World in 80 Days, worin er die Bezichtigung, eine Bank ausgeraubt zu haben, als „grotesken“ Vorwurf abtut [exaktes Zitat suchen]. Es folgen diverse Skurrilitäten in Form von Zeichentrickfilmen, Monty Python etc. Irgendwo in der Mitte des genannten Spektrums strolchen Zombies, Vampire, Werwölfe und dergleichen, keinesfalls ununheimliche Kreaturen, die jedoch selten jene ausschlaggebende Grenze zur Unfasslichkeit erreichen oder gar überschreiten. Eben hinter jener Grenze aber beginnt die Kühnigsdisziplin der Weird Fiction, die die Lovecrafts, Ligottis, Egners, Cronenbergs und natürlich David Lynchs dieser Welt – knallharte Safidalisten eben – beheimatet. Safidales kann durchaus mit Physis, Mutation und ähnlich „Profanem“ zu tun haben (vgl. etwa Tim Burton, Guillermo del Toro, Michail Bachtin usw.), aber der bedeutendste Konstitutionsfaktor von Safidalität ist der Unbegreiflichkeitsterror, der Unvorhersagbarkeitsschock, der dissonante Kogelton angesichts von Hybridisierungsprozessen, die aufgrund inkompatibler Substrate eigentlich zum Scheitern verurteilt sind – doch was, wenn das Scheitern misslingt? Safidal ist jede noch so subtile, raffinierte, ephemere Abartigkeit, die im Kern einer jeden Abstrusität steckt. Wahre Safidalität ist so extrem, dass sie den Rezipienten teilweise oder ganz vernichtet, weshalb selbst mächtige Vokabeln wie „grotesk“ oder „absurd“ nicht heftig genug sind.

Jede Kunstform kann die nötige Subversivitätsderbheit aufweisen, um einen Beitrag zur Weltsafidalität abzuliefern, so etwa Musik (Dead Can Dance, Technical Brutal Death Metal, Breakcore etc.) oder Literatur (Kenji Siratori, Daniil Charms etc.). Die meiste Safidalität findet sich aber in den visuellen Künsten. Wenn in Event Horizon Sam Neill ohne Augen antanzt, dann ist das grotesk, sobald er aber den Grund dafür nennt, warum Augenlosigkeit gar kein Problem sei, wird es safidal. In Philip Kaufmans Invasion of the Body Snatchers sind die Klon-Pods zweifellos grotesk, doch der gellende Schrei von Jack Bauer senior am Schluss ist eher safidal. Alien-Eier sind grotesk, aber die technologische Fremdartigkeit der Steuerkonsole im Raumschiff der Engineers ist safidal. In der Farscape-Folge „DNA Mad Scientist“ assimiliert Namtar zahlreiche Genotypen, um seine Fähigkeiten zu erweitern, was sicher grotesk ist (vgl. Syler in Heroes oder die Borg in Star Tarek – Türkisch für Anfänger) – ziemlich safidal wird es aber, als er am Ende sein gesamtes Skills-Akkumulat einbüßt und zu seiner durch die vielen Fort- und Weiterbildungsschichten getarnten Ausgangsform, nämlich einer Art debilen Ratte, zurückmutiert. Die diversen Zirkus-Mitarbeiter in Freaks sind grotesk, doch die Strafe, die man der fiesen Ex-Schönheit Cleopatra am Ende angedeihen lässt, ist doch ganz schön safidal. Die Verwandlung von Dr. Jonathan Osterman in Doctor Manhattan ist abnorm, doch seine Monumentalstrukturen auf dem Mars haben es faustdick hinter den safidalen Ohren.

In Enter the Void entführt uns Gaspard Noé in die safidale Welt der subatomaren Seelenquanten, in Requiem for a Dream zeigt sich der Kühlschrank von seiner safidalen Seite. Gore Verbinskis Ring ist reichlich safidal, der 2001er Monolith, der offenbar zu 108 Prozent aus Portalschwärze besteht, ist ebenfalls nicht ohne. Und wie stehts mit der transgressiven Kettensägend-aus-dem-Fenster-Szene in Brian De Palmas Scarface? War El Topo nicht auch ziemlich daneben? Und die Schlussszene von Taxidermia? Wenn aus Dr. Jekyll Hyde wird, dann ist das sicherlich grotesk, doch wäre es nicht safidal, wenn Hyde auch einen Doktortitel hätte? Begotten ist von vorne bis hinten safidal, ebenso das meiste von Chris Cunningham. Dark City ist nicht unsafidal, was vor allem imposant schwebenden Strukturwandlern in SMänteln geschuldet sein dürfte. Wie stehts aber mit Munchs Schrei? Sind die gewaltigen Metamorphosen in Carpenters The Thing safidal? Und John Carpenter selbst? Das Stacheldraht-Finale in Gans’ Silent Hill ist auch kein schlechter Kandidat, oder? Ist Pyramide Head safidaler als Donald Trump? Ist Funky Forest: The First Contact zu albern, um safidal zu sein, oder gilt das genau Umgekehrte? The Cell hatte einige visionäre Safidalitäten auf Lager. Hieronymus Bosch ist gewiss safidal, ebenso Francis Bacon. The Leftovers hat eine nicht unsafidale Prämisse, Picnic at Hanging Rock ebenso. Transfiguration, eine völlig safidale Performance von Olivier de Sagazan. Die erste Staffel von True Detective ist leider nicht safidal genug, dafür aber evtl. das Christmas-Special von Black Mirror mit seinen horrenden SF-Implikationen? Luther (mit Dris in der Hauptrolle) hat überraschenderweise ganz kurze Safidalitätsanflüge. Threshold. Resident Evil 4. Buffy the Vampire Slayer. Jam. Tim & Eric Awesome Show, Safidal Job. Wonder Showzen. Lexx. Killer7. Perfect Hair Forever. Uzumaki. Snuff Box. The Head. Xavier: Renegade Angel. Black Hole. The Eric André Show. 12 oz. Mouse. Diverse YouTube-Kanäle (cyriak, Cool 3D World) … nur um recht wahllos ein paar wenige Beispiele zu nennen.

Fakt bleibt: Jenes ungewisse Etwas, das Safidalität ermöglicht, war schon immer essenzieller Teil von David Lynchs weltbewegender Mythologie, die ihn stets in den allerhöchsten Sphären der Seltsamkeit operieren ließ. Mögen Comedy-Größen wie Martin Short (Jiminy Glick in Lalawood) oder Mike Myers (SNL) Lynch – zu Recht – für seine eindeutig lynchesken Visionen durch den Kakao mobben, am Ende muss man sich doch eingestehen: „You’ve been Lynch’d!“

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Und hier noch einige Filmtitelparodien, die es aufgrund von akuter Overthetopdidelung nicht in den Text geschafft haben:

Larry
Jacob’s Leggins
Symptomaniac
Monty Python Flying Hirnkuss
Evian Horizon
Alienne
Fartscape
Freaks & Greeks
Euter the Void
Bling
Sparface
El Popo
Taxidrivia
Begossen

Quelle: YouTube
Titelbild: © Showtime