NAHSCHUSS

Nahschuss, Regie: Franziska Stünkel, Kamera: Nikolai von Graevenitz, Bild: Lars Eidinger (Franz Walter)

Inspiriert von der Geschichte Werner Teskes erzählt Franziska Stünkel in ihrem Film NAHSCHUSS auf berührende und eindringliche Weise über die Todesstrafe in der DDR und die Geschichte eines Mannes, der seinen Halt und sein Vertrauen in und durch ein System nach und nach verliert.


Die Premiere des Films NAHSCHUSS findet am 4. Juli beim Filmfest München statt. Der Film thematisiert die Todesstrafe in der DDR – nicht unbedingt ein Thema, das nach Open-Air-Sommer-Popcorn-Kino schreit. Die Regisseurin Franziska Stünkel, die wir am Premierentag über Zoom sprechen, ist dennoch glücklich, ihren Film jetzt endlich auf der großen Leinwand einem Publikum präsentieren zu können:

„Es ist eine große Freude, dass Kino wieder möglich ist. Dass es diesen Raum wieder als kollektives Seh- und Fühlerlebnis gibt, um Themen zu sich zu lassen und in den Diskurs zu gehen.“

Franz Walter (Lars Eidinger) mit seiner Frau Corina (Luise Heyer), © Alamode Film

Werner Teske und die Todesstrafe in der DDR

Auf das Thema ist die in Göttingen geborene Fotokünstlerin und Filmregisseurin eher zufällig gestoßen. Von der Todesstrafe in der DDR hat sie beiläufig, in einem Nebensatz eines Artikels, erfahren. Bei der Recherche ist sie dann auf ein Foto von Werner Teske gestoßen, dem letzten offiziellen Hinrichtungsopfer der DDR. Stünkel wird schnell klar, dass dies das Thema ihres neuen Filmes sein wird. Das Schicksal dieses Menschen interessiert und bewegt sie:

„Das Foto war die Initialzündung. Denn man macht Filme nicht über ein Thema, sondern über Menschen. Und dann bin ich diesem Menschen gefolgt“

Die Geschichte von Franz Walter

Inspiriert vom Schicksal Werner Teskes erzählt Stünkel in NAHSCHUSS die Geschichte von Franz Walter (Lars Eidinger). Frisch promoviert wird Franz eine Professur an der Universität in Aussicht gestellt, eine Position, die manche nach jahrzehntelanger Forschungsarbeit nicht erreichen. An diese Stelle sind Bedingungen geknüpft. Bevor Franz diese antreten kann, soll er für die HVA (Hauptverwaltung Aufklärung der Staatssicherheit) arbeiten, wie ihm Dirk Hartmann (Devid Striesow) in einer konspirativen Wohnung eröffnet – alles unter strenger Geheimhaltung. Diese Position bringt viele Vorzüge mit sich und Franz genießt sein neues Leben mit Freundin Corina (Luise Heyer). Als die Anforderungen an ihn steigen und die Aufträge nicht mehr mit seinem Gewissen zu vereinbaren sind, ist es zu spät. Franz findet sich in einem System wieder, das ihn und alles kontrolliert und aus dem es kein Entkommen gibt.

Franz Walter (Lars Eidinger), © Alamode Film

Seite an Seite mit Franz

In ruhigen, langen Einstellungen und ganz ohne spezielle Effekte oder leitende Musik, schafft Franziska Stünkel in kürzester Zeit eine enorme Nähe zu Protagonist Franz herzustellen. Als Zuschauer٭in weicht man Franz nicht von der Seite, es gibt keine Szene ohne ihn. Wir sehen, was er sieht und wir erleben, was er erlebt. „Man schaut Franz zu wie ein Gefühl entsteht und eine Entscheidung“, erklärt Stünkel. Und man bleibt weiter bei ihm. Franz‘ persönlicher Entwicklung wird damit viel Zeit und Raum gegeben. Die Entscheidungen werden dadurch nachvollziehbar und es schafft zudem eine Intimität und intensive Beziehung zwischen Publikum und Protagonist.

Die entstandene Empathie für Franz weckt ehrliches Bangen um sein Schicksal. Was den Zuschauer٭innen viel Stärke abverlangt. Man ist erschüttert über die Wendungen, die Franz‘ Leben nimmt, über plötzlich ins Wanken geratenes Vertrauen zu nahestehenden Personen und über Entscheidungen, die sich als Fehler herausstellen. Hätte man nicht gleich gehandelt an Franz‘ Stelle? Franziska Stünkel beschreibt dazu: „Man muss es auch aushalten, einem Menschen lange zuzusehen, seinem Gegenüber. Da spürt man dann erst: die Angst, Ablehnung, Zuneigung oder Unsicherheit.“ All das spüren wir in Franz und in uns.

Das Team: „Lars, Devid und Luise waren große Wunscherfüllungen.“

Für diese rohe und intime Erzählweise braucht man einen fähigen Schauspieler. In Lars Eidinger hat Franziska Stünkel einen solchen gefunden: „Mir lag es sehr am Herzen, für den Franz diesen Menschen und Schauspieler zu finden, der diese Radikalität und Authentizität vermag herzustellen, da war Lars Eidinger der absolute Wunsch von mir.“

Stünkel war es wichtig, mit Schauspieler٭innen zu arbeiten, denen bewusst war, worum es in der Geschichte im Eigentlichen geht. Auch war es ihr wichtig, an Originalschauplätzen zu drehen. Sie betont: „Ich glaube sehr an die Kraft von Orten.“ Hier waren die Schauspieler٭innen und das Team hinter der Kamera eine Einheit, wofür Stünkel sehr dankbar ist. Dort konnten sie, wie Franziska Stünkel sagt, „eine Konzentration erzeugen, in der wir die Räume auch wahrnehmen konnten, sodass Lars, Devid und Luise in ihren Rollen dort einfach waren.“

So endgültig Franz Walters Schicksal im Film ist, so unausgesprochen bleibt vieles. Ganz bewusst, wie Stünkel sagt, denn der „Film möchte auch Fragen stellen dürfen.“ Er wirft viele Fragen auf: historische, politische und persönliche. NAHSCHUSS ist:

„… die Geschichte von Franz. Und dieser Film erzählt die Todesstrafe in der DDR. Mir geht es darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen und einen Diskurs aufzutun.“

Alle Zitate: Franziska Stünkel

Das ist ihr unserer Meinung nach gelungen. Wir möchten an dieser Stelle Franziska Stünkel ganz herzlich für das schöne, aufschlussreiche Gespräch danken und allen Leser٭innen sehr ans Herz legen, NAHSCHUSS im Kino anzusehen. Der deutschlandweite Kinostart ist am 12. August 2021.

Regie & Drehbuch: Franziska Stünkel

Kamera: Nikolai von Gravenitz

Montage: Andrea Mertens

Musik: Sebastian Karim Elias

Szenenbild: Anke Osterloh

Vor der Kamera: Lars Eidinger, Luise Heyer, Devid Striesow, Paula Kalenberg, Moritz Jahn, Peter Lohmeyer u. v. m.

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