Weilheimer Spurenelemente

Nach gut sechs Jahren veröffentlichen The Notwist ein musikalisches Kleinod: Die EP „Ship“ enthält gerade mal drei Songs. Aber die sind so dicht und konzentriert, wie sonst nur Maggi-Würfel. Zum Glück helfen sie sogar über ein Covermotiv hinweg, mit dem man sich echt schwertun kann …


Störungen haben Vorrang. Also muss das Thema Cover zuerst auf den Tisch. Ich weiß, da begebe ich mich auf das dünne Eis von Geschmack und persönlich-ästhetischem Empfinden, aber ich kann es nicht anders formulieren: Für mich war das Titelmotiv echt eine Hürde, die Musik an mich heranzulassen.

Eine kleine Spielhalle in Ego-Shooter-Lichtstimmung. An einem der Spieltische kippt ein Mann mit seinem Stuhl nach hinten. Glücklich oder verzweifelt? Darüber geben auch die Rauchringe über dem Kopf des Schicksalhaften nicht Aufschluss. Jedenfalls eine Momentaufnahme, deren Groteskheit mir zuflüstern wollte (zumindest bildete ich mir das ein): „Ob du mit dieser Platte jemals glücklich werden wirst? Wir werden sehen!“

Zack, lag das Cover einfach umgedreht auf dem Tisch; der Zerberus für den Zugang zur Musik gebändigt. Und die Nadel tastete sich ins Vinyl.

Von wegen Sendepause

„Ship“ ist der Titel und zugleich auch der erste Track der EP, die The Notwist Ende August veröffentlichen. Drei Songs, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Und doch enthalten sie alle typische The-Notwist-Spurenelemente von Song zu Song, nur in ganz unterschiedlichen Rezepturen.

© Gerald von Foris

Mehr als sechs Jahre sind seit dem letzten Studioalbum vergangen. Das heißt aber nicht, dass die Band in Funkstille oder auf Sendepause war. Die Brüder Markus und Micha Acher, musikalischer Kernreaktor von The Notwist, widmeten sich in den letzten Jahren einfach verschiedenen anderen Projekten. Sie kuratierten das Münchener Festival Alien Disko, schrieben Soundtracks oder verschrieben sich Spirit Fest, ein Dream-Pop-Projekt, das Markus Acher mit britischen Musikern und dem japanischen Avantgarde-Folk-Duo Tenniscoats ins Leben rief.

Vergesst das Provinz-Narrativ

The Notwist – spätestens als „Neon Golden“, eines der erfolgreichsten Alben der Band, erschien, war fast in jeder Besprechung das Narrativ vom „Wunder von Weilheim“ zu lesen: eine kleine Band aus einer kleineren Stadt in Oberbayern, die einen Sound entwarf, den man gar nicht so leicht in eines der üblichen Koordinatensysteme einordnen konnte. Weilheim war die Metapher für Provinz, die auf einmal als Kreativzentrum heiliggesprochen wurde.

Ehrlich gesagt: Ich fand das damals schon versnobt, im besten Fall noch pseudo-kosmopolit, im schlimmsten Fall dämlich. Als ob nur Großstädte gute Musik hervorbringen können (und dürfen), als ob es auf den Postleitzahlenraum ankommt, wo Menschen sich finden und einen Musikstil entwickeln, der unverkennbar und anmutig ist. Es braucht nicht diese unbeholfene Kleines-Dorf-irgendwo-in-der-Provinz-Metapher, um klarzumachen: The Notwist versuchen einfach das, was gute Musik leisten soll – ins Blut, in die Beine und in den Kopf gehen. Genau darin sind sie sich treu geblieben. Was für ein Glück.

„I want to go outside, I want to meet people“

Beim Opener „Ship“ hört man gleich eine neue Stimme: Saya. Die japanische Sängerin ist im Duo Tenniscoats beheimatet und eben auch beim Spirit-Fest-Projekt mit an Bord. Der Song ist so etwas wie der perfekte Opener für eine EP, unzaghaft, pochend und treibend. Und ja, auch ein bisschen vertraut-ungewöhnlich: Dieses eigentümliche knusprige Scheppern, die robust-verzerrte E-Gitarre – und doch lässt der Sound aufhorchen. Leicht technischer, spaciger, pulsierender als sonst.

© Stefan Weigand

„I want to go outside, I want to meet people“, singt Saya. Markus Acher versteht das als Grundprinzip der Band: sich immer immer weiterzuentwickeln, unterschiedliche Stile in die eigene Musik zu integrieren – und eben mit Musiker*innen zusammenzuarbeiten, die man selbst bewundert.

Wie ein Kommentar auf dieses komische Leben gerade

Naja, ich brauche gar nicht um den heißen Brei reden. „Loose Ends“ hat sich ganz tief in meiner Herzkammer eingenistet. Der zweite Song auf der EP ist eine Notwist-Nummer im klassischen Sinn. Aber wie lässt sich der überhaupt beschreiben? Klar, wieder gibt es diese kleinteiligen Klangstrukturen, die verzerrte Gitarre, die ausgetüftelte Percussion … Ich denke, es ist die warmherzige Melancholie, die einen beim Hören umarmen will – und man lässt sich gerne von ihr umarmen.

„We live on loose ends“, haucht Markus Acher im Refrain. Da läuft eine Ballade, und auf einmal wirkt sie wie ein Kommentar auf dieses komische Leben gerade.

„Loose Ends“ bringt Gegensätze zusammen, ohne sie auflösen zu müssen. Der Songs bezieht seine Kraft aus seiner Zerbrechlichkeit. Anmut und vertraute Alltäglichkeit stehen nebeneinander. Für einen muskulösen Ohrwurm ist er zu zart, fürs Vergessen zu eingehend. In geisteswissenschaftlichen Diskussionen gibt es hierfür den Begriff der Ambiguität – Mehrdeutigkeit, eine Vielgestalt an Bedeutungen, die gleichzeitig möglich sind.

Vielleicht hat es The Notwist gar nicht so in den Sinn gehabt, als der Song entstand – er wurde ursprünglich für den Film One of these days geschrieben –, trotzdem hält er ein Plädoyer für einen unbekümmert-entschlossenen Umgang mit dieser verrückten Zeit. Stimmungsmäßig leistet „Avalanche“ dazu einen Beitrag. Der dritte Track der EP ist ein kürzeres, leicht optimistisch angehauchtes Instrumentalstück.

Halt dich fest – an was?

„We live on loose ends“ – ich denke oft an diese eine Songzeile, eingebettet im Notwist-Sound. Das Covermotiv ist mir inzwischen egal, weil die drei Songs wie eine Lossprechung wirken, wie ein Zauberspruch für die Corona-Situation: Auf was soll man sich schon festlegen in dieser Zeit?

Auch wenn das Weltgefüge und der eigene Nahbereich noch so fragil sich, arbeite dich erst gar nicht am Wunsch nach Stabilität ab. Sondern lass dich auf die offenen Enden ein:

© moers festival/arte concerts, YouTube

Ship von The Notwist erschien am 21. August bei Morr Music.

Beitragsbild: © Stefan Weigand

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