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Logik für die Krise

Vieles können wir uns kaum anschaulich vorstellen: exponentielles Wachstum, unsichtbare Viren und Handlungen, deren Konsequenzen wir erst in zwei bis drei Wochen bemerken. Die gegenwärtige Krise zwingt uns zum abstrakten Denken. Wenn die Welt da draußen so unberechenbar ist, brauchen wir ein paar feste Anker für unser Denken. Zeit für ein bisschen Logik!


Konträr oder kontradiktorisch?

Die Sätze „Heute ist mein Geburtstag“ und „Heute ist nicht mein Geburtstag“ widersprechen sich ganz offenkundig. Sie können nicht beide zugleich wahr sein. Wenn der erste Satz wahr ist, ist der zweite Satz falsch; und umgekehrt. Sie sind kontradiktorisch.

Der Satz „Die Erde ist ein Würfel“ widerspricht ebenfalls offenkundig dem Satz „Die Erde ist eine Pyramide“. Sie können nicht beide zugleich wahr sein. Sie können aber sehr wohl beide zugleich falsch sein (und sind es vielleicht sogar). Die Sätze sind nicht kontradiktorisch, sondern konträr. Dieser kleine logische Unterschied hat weitreichende Folgen, vor allem, wenn man ihn nicht beachtet.

Die meisten Widersprüche, die uns im Alltag und in den Medien begegnen, sind konträr. Das macht unser Leben so kompliziert. Wenn Günther auf seinem YouTube Kanal etwas sagt, das dem Robert-Koch-Institut widerspricht und die Aussage des Robert-Koch-Instituts sich als falsch erweist, hat Günther nicht automatisch die Wahrheit gesagt. Es ist logisch möglich, dass beide sich irren und etwas Falsches sagen.

Quantoren und Negation

Ich glaube nicht alles, was in den öffentlich-rechtlichen Medien gesagt wird. Aber die Reihenfolge der Worte ist hier sehr wichtig: „nicht alles“ ist nicht identisch mit „alles nicht“. Zu sagen „Ich glaube alles nicht, was in den öffentlich-rechtlichen Medien gesagt wird“, ist nicht nur Kritik an einzelnen Nachrichten oder Meldungen, sondern eine fundamentale Kritik, die ganz anders begründet werden müsste und ganz andere logische Konsequenzen hätte. Wenn ich nur einzelne Meldungen kritisiere, kann ich Gründe anführen, z. B. „Die Lage wurde sehr einseitig dargestellt“ oder „Da haben sie etwas vergessen oder nicht gründlich genug recherchiert“ oder „Sie berufen sich auf Quellen, die nicht vertrauenswürdig sind“. Auf dieser Ebene kann man diskutieren, nach Fehlerquellen suchen und mit einer Richtigstellung zu einem guten Ende kommen.

Wenn jemand aber systematisch alles nicht glaubt, angefangen beim Bericht aus dem Bundestag bis zum Wetterbericht und den Lottozahlen, dann wäre gar nicht klar, wie eine Diskussion ablaufen könnte. Auch eine Richtigstellung für eine Falschmeldung macht dann keinen Sinn mehr. Warum sollten die Kritiker٭innen dieser Richtigstellung glauben?

Ad-Hominem-Argumente

Häufig wird diese Ebene der Diskussion, wie sie oben beschrieben wurde, nicht erreicht, weil es nicht um die Sachlage geht, sondern um die Person oder die Gruppe, die etwas sagt. Anstatt eine Aussage mit Argumenten zu widerlegen, wird gerne die Person diskreditiert. Oder man ist einfach voreingenommen. Ich beobachte das bei mir selbst, wenn ich Politiker٭innen höre, von denen ich weiß, dass sie für Werte stehen, die ich nicht teile. Es ist nicht leicht, zuzugeben, dass ein٭e politische Gegner٭in auch mal richtigliegen kann. Wenn z. B. der Satz des Pythagoras wahr ist, bleibt er (zum Glück) wahr, selbst wenn ihn Donald Trump ausspricht.

Aber auch die umgekehrte Richtung darf man nicht vergessen: Eine Person, die man wertschätzt, der man vertraut und deren Meinung man teilt, kann sich dennoch irren und etwas Falsches sagen. Nur weil ich Fan eines Popstars oder eines Kochs bin, darf ich nicht aufhören, die Richtigkeit seiner Aussagen zu hinterfragen.

Falsifizierbarkeit

Die Lage ist unübersichtlich. Selbst Wissenschaftler٭innen sind sich nicht einig und müssen ihre Meinungen immer wieder revidieren. Das ist aber keine Schwäche der Wissenschaft, sondern gerade ihre Stärke. Wissenschaftliche Aussagen sind nicht in Stein gemeißelt, sondern können neu beurteilt und widerlegt werden, wenn es detailliertere Daten oder überzeugendere Theorien gibt. Wissenschaftliche Wahrheiten haben eine Halbwertszeit, die manchmal 500 Jahre beträgt und manchmal nur 5 Tage. Das führt zu dem Fehlschluss, dass jede٭r alles behaupten könne, solange es nicht widerlegt ist. Wichtig ist aber, dass egal wie innovativ oder verrückt eine neue Theorie ist, zumindest angegeben werden können muss, wie sie widerlegt werden könnte. Eine Theorie (oder eine einzelne Aussage), die immun gegen jede Überprüfung ist, ist gerade kein Garant für Wahrheit, sondern ein Anzeichen dafür, dass es sich um eine Ideologie oder ein Dogma handeln könnte.

Rotationssätze

Grundsätzlich sollte man im wissenschaftlichen Kontext also bereit sein, jeden Satz zu hinterfragen und keiner Theorie den Status einer absoluten Wahrheit attestieren. Der Fehlschluss wäre aber, zu glauben, dass daher alle Sätze im gleichen Maße auf wackligen Füßen stünden. Wenn bei einem physikalischen Experiment ein vollkommen unerwartetes Ergebnis rauskommt, das allem widerspricht, was wir bisher für wahr hielten, muss erstmal überprüft werden, ob das Messgerät richtig funktioniert, bevor man z. B. das Gravitationsgesetz infrage stellt. Vielleicht würde durch eine Änderung des Gravitationsgesetzes die seltsame Messung erklärbar. Aber der Preis wäre sehr hoch, weil gleichzeitig zahllose andere Gesetze und Annahmen mit geändert werden müssten, die auf dem Gravitationsgesetz aufbauen.

Je fundamentaler eine Annahme über die Welt ist, desto schwieriger und aufwendiger ist es, sie zu widerlegen, weil es einen Rattenschanz an Konsequenzen mit sich bringt. Wahrscheinlich hat es deswegen auch eine Weile gedauert, bis sich das heliozentrische Weltbild durchgesetzt hat. Man war eher bereit, den Beobachtungen mit Teleskopen zu mistrauen, als den Platz im Zentrum des Weltalls freiwillig zu räumen.

Als Faustregel kann gelten: Je mehr eine Aussage oder eine neue Theorie allen bisher geglaubten Annahmen widerspricht, desto zwingender müssen die Argumente und desto erdrückender die Beweislast für sie sein. Die Behauptung, dass im Inneren der Erde bluttrinkende Echsenmenschen leben, die ab und zu an die Erdoberfläche kommen, kann z. B. nicht dadurch belegt werden, dass jemand im Internet eine selbstgemalte Grafik zeigt.

Ockhams Rasiermesser

Die Lage ist auch deswegen so unübersichtlich, weil Beobachtungen und Messungen nicht von sich aus verraten, wie sie interpretiert werden sollen. Weiße Spuren am Himmel können entweder als Kondensstreifen von Flugzeugen interpretiert werden oder als Gift, das absichtlich und systematisch aus Flugzeugen versprüht wird. Den weißen Spuren ist egal, wie man sie erklärt. Jede Erklärung ist dabei aber eingebettet in ein Netz unzähliger anderer Aussagen und stillschweigend vorausgesetzter Annahmen, die sich gegenseitig stützen und nicht zu inneren Widersprüchen führen dürfen.

Es gibt ein pragmatisches Prinzip, das ein Hinweis für die Plausibilität einer Erklärung ist, nämlich das Sparsamkeitsprinzip. Je weniger neue Zusatzannahmen und Hilfssätze ich einführen muss, damit die Erklärung Sinn ergibt, desto mehr spricht dafür, mit ihr zu arbeiten.

Aus der Erklärung, dass es sich bei den weißen Spuren um Gift handelt, folgt z. B., dass es sehr viele Personen geben muss, die gezielt Giftbehälter an Flugzeugen befestigen und vor dem Start befüllen, dass es unzählige Personen bei den Fluggesellschaften und in Flughäfen gibt, die das wissentlich tolerieren und weder Familie noch Freunden davon erzählen und selbst dann, wenn sie in der Krise ihren Job verlieren, weiter das Geheimnis für sich behalten. Daraus folgt wiederum, dass es einen sehr guten Grund geben muss, warum konkurrierende Fluggesellschaften weltweit und aus teils verfeindeten Staaten zusammenarbeiten sollten und sich nicht gegenseitig anzeigen selbst nach Regierungswechseln oder während Kriegszeiten. Wenn man erst einmal soweit vorgedrungen ist und das plausibel findet, führt praktisch kein Weg mehr an der ganz großen Weltverschwörung vorbei, bei dem fast alle unter einer Decke stecken, außer der Günther, der als Einziger alles durchschaut hat.

Titelbild: © Joel und Jasmin Førestbird, Unsplash

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